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medium gas

Das Magazin f端r die Kunden und Partner der VNG-Gruppe | 17. Jahrgang | 3. Ausgabe | Oktober 2008

Schwerpunkt: Gashandel Botschaft: Einkauf und Verkauf blicken optimistisch in die Zukunft | Strategie: Kundenbindung durch Verbindung | Expertenbeitrag: Rolle der EEX im Gashandel | Interview: Gas verkaufen im Ausland


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Inhalt 10 Markt

AK TUELL

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Erste Erdgastankstelle der VNG-T in Birkenwerder eröff net Drei Düker in der Weißen Elster Drei weitere Produktionslizenzen in Norwegen Fit für den Markt mit ERDGAS.training 50 Jahre VNG – Große Geburtstagsfeier in Leipzig MARK T

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Die Neubrandenburger Stadtwerke GmbH: Ein Multitalent mit Persönlichkeit Strom erzeugende Heizung auf dem Vormarsch Der Heizungscheck – eine Energiedienstleistung nach Maß ONTRAS: Jeden Herbst eine neue Kooperationsvereinbarung VNG auf der ONS 2008 in Stavanger VNG Norge: Unsere Charlotte Aktuelle Termine: November 2008 – Januar 2009 Forum Erdgas: Der Wettbewerb funktioniert

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SCHWERPUNK T: GASHANDEL

Einkaufstour auf dem Erdgasweltmarkt Gastbeitrag: Die Rolle der EEX im deutschen Erdgasmarkt Aufbruch zu neuen Ufern Illustration Gastbeitrag: Regionaler Erdgashandel unter neuen Herausforderungen? Gas verkaufen im Ausland UMSCHAU

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Erste CO2 -Einspeisung in Ketzin – VNG übernimmt Betriebsführerschaft Neftegaz 2008: Wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit von VNG und Gazprom im Mittelpunkt Ein Friedenspanzer in der Kulturhauptstadt Stavanger „… the days of secure, cheap energy for Europe are over.“ FE ATURE

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Erdgasverträge und Trassenbau Verbundnetz der Wärme: „Engagement macht Schule“ ins Leben gerufen Verbundnetz für Demokratie und Toleranz: Geschichtswerkstatt Ludwigslust – Jugendfeuerwehr als Filmemacher Junge polnische Malerei – Kunst aus Schlesien

Impressum medium gas Das Magazin für die Kunden und Partner der VNG-Gruppe | VNG – Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft | Braunstraße 7, 04347 Leipzig | Postfach 24 12 63, 04332 Leipzig | Tel. 0341 443 - 0 | Fax 0341 443 - 2057 | www.vng.de | Redaktion Unternehmenskommunikation | Verantwortliche Redakteurin Mandy Nickel | Tel. 0341 443 - 2045 | mandy.nickel@vng.de | Redaktionsbeirat Helge Andrä, Dr. Reinhard Böhm, Mike Diekmann, Laureen Dix, Bernhard Kaltefl eiter, Siegbert Ketelhut, Kerstin Kietzke, Heinz Möller, Birgit Reiss, Olaf Schneider, Susann Surma, Karsten Wendler | Redaktionsschluss für diese Ausgabe 29.08.2008 | für die nächste Ausgabe 7.11.2008 | Auflage 4 200 | Gestaltung, Herstellung Erik Sittauer | Militzer & Kollegen GmbH | Reproduktion und Druck Scan Color Leipzig GmbH | Fotos wenn nicht anders angegeben VNG | Titelseite Toralf Michaelsen, Head Market Supervision der European Energy Exchange AG (links) und Marco Penzhorn, Leiter Gashandel bei der VNG – Verbundnetz Gas AG. Foto: Christoph Busse

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Editorial

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Liebe Leserinnen, liebe Leser, mit zunehmender Marktöff nung orientieren sich viele Stadtwerke und Industriekunden im Wettbewerb und bilden dabei ihr Bezugsportfolio für Strom und Gas eigenständig. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Modelle – von einer Strategie mit vorrangig börsenorientierten Preisen über die Vollversorgung und Ölpreisbindung bis hin zur Mischvariante mit strukturiertem Gaseinkauf aus Grundmenge und flexibler Teillieferung. Die VNG und ihre Vertriebseinheiten entwickeln für diese neuen Marktanforderungen differenzierte Handelsprodukte. Es geht darum, die Angebote von und um das Produkt Erdgas so weit zu individualisieren, dass sie in Preis, Aufwand und Risiko den Bedürfnissen der Kunden entsprechen.

Bernhard Kaltefleiter

VNG hat längst bewiesen, dass sie die Kompetenz als Lösungsanbieter besitzt und ihren Kunden innovative und individuelle Handelsprodukte für die Anforderungen im neuen Markt anbieten kann. Das Unternehmen verkauft seit nunmehr 18 Jahren Erdgas nach Polen, ist seit fünf Jahren erfolgreich in Italien aktiv und hat nach nur einem Jahr auch Fuß in den alten Bundesländern gefasst. Trotz eines sehr starken inländischen Wettbewerbs auf Großhandelsebene konnte VNG den Absatz im vergangenen Jahr erneut steigern. Den inländischen und ausländischen Absatzerfolg der vergangenen Jahre hat VNG erreicht durch: langfristig gesichertes Erdgasbezugsportfolio + kurzfristige Handelsprodukte + umfangreiches, europäisches Transport- und Speicherkapazitätsportfolio. Daraus ergeben sich in der Summe nicht nur ein Optimum an Versorgungssicherheit, sondern auch eine Vielzahl an Möglichkeiten, um maßgeschneiderte Produkte zu entwickeln. Mit der aktuellen „medium gas“ möchten wir Ihnen zeigen, wie sich VNG auf den Beschaff ungs- und Absatzmärkten entwickelt hat. Das Verkaufsteam von VNG ist personell und strukturell hervorragend auf die Anforderungen der Kunden im Gaswettbewerb eingestellt. Jetzt gilt es, die bewährten Kunden in Ostdeutschland auch weiterhin von der Qualität und dem Know-how des Unternehmens zu überzeugen und neue Kunden für die flexiblen Marktlösungen zu gewinnen. Durch die gute Position von VNG auf den Beschaff ungsmärkten, durch langjähriges technisches Know-how und die immer wieder bewiesene Innovationsfähigkeit kann VNG sich den Herausforderungen des liberalisierten Gasmarkts erfolgreich stellen.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht Ihnen Bernhard Kaltefleiter

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Erste Erdgastankstelle der VNG-T in Birkenwerder eröffnet Am 20. August 2008 wurde auf der TOTAL-Station in Birkenwerder die erste Erdgastankstelle im Rahmen des Ausbauprogramms der VNG-Erdgastankstellen GmbH (VNG-T) eröff net.

Die Erdgastankstelle befindet sich unmittelbar an der Autobahn A 10 (nördlicher Berliner Ring). „Damit entsprechen wir einer zentralen Forderung der Automobilindustrie und großer Flottenbetreiber, die dem Ausbau dieser Trassen eine zentrale Bedeutung bei der weiteren Entwicklung dieses Geschäftsfeldes beimessen“, erklärt Steffen Hesse, einer der Geschäftsführer der VNG-T. Die Realisierung des Projektes erfolgte in enger Kooperation mit der TOTAL Deutschland GmbH, die auch Projektpartner bei weiteren geplanten Vorhaben in Dresden (B 6) und in Leuna (A 38/ B 91) ist. Um das Netz der Stationen mit Erdgasangebot noch enger zu knüpfen, investiert die VNG-T bis Ende 2009 insgesamt knapp 4,2 Mio. Euro in den Bau von 16 neuen Erdgastankstellen. Neben den bereits genannten Standorten befinden sich 13 weitere Vorhaben von der Ostseeküste bis zum Thüringer Wald in Planung.

Kurt Vetter, Bürgermeister der Gemeinde Birkenwerder, Michael Ney, stellv. Landrat des Landkreises Oberhavel, Udo Wink, TOTAL Deutschland GmbH und die beiden Geschäftsführer der VNG-T, Steffen Hesse und Hagen Kuschel bei der offiziellen Inbetriebnahme der Erdgastankstelle in Birkenwerder.

Deutschlandweit kann man den preiswerten und umweltfreundlichen Kraftstoff Erdgas an 800 Erdgastankstellen tanken. Das Netz wird in den nächsten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.

Drei Düker in der Weißen Elster Drei Düker – Erdgasleitungen, die im Wasser verlaufen – wurden im August von der ONTRAS in der Weißen Elster im Südraum von Leipzig verlegt. Die jeweils circa 20 Tonnen schweren Röhren sind Teilstücke, die zu den Ferngasleitungen 26, 28 und 108 gehören und unter anderem die Gewerbegebiete in Böhlen und Leuna mit Gas versorgen.

Ein Kran „versenkt“ die Erdgasleitung in der Weißen Elster. Dort liegt sie jetzt in zweieinhalb Meter Tiefe, allein beschwert durch einen Betonmantel.

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Drei weitere Produktionslizenzen in Norwegen VNG Norge AS, das norwegische Tochterunternehmen der VNG – Verbundnetz Gas AG, hat drei

VNG Norge wird mit der Transaktion Anteile an insgesamt acht Lizenzen auf dem norwegischen

weitere Lizenzen für die Exploration von Erdgas auf dem norwegischen Kontinentalschelf erworben. Das Explorationsunternehmen schloss einen Vertrag mit Det Norske Oljeselskap ASA (Det Norske) und erhält rückwirkend zum 1.1.2008 jeweils 30 Prozent der Anteile an den Lizenzen PL 380 und PL 383 sowie 20 Prozent der Anteile an der Lizenz PL 447. Die Vereinbarung bedarf noch der Zustimmung der norwegischen Behörden. Die drei Lizenzen befinden sich im HaltenbankenGebiet in der Norwegischen See. In der knapp 1400 Kilometer von der deutschen Nordseeküste entfernten Region hält VNG Norge bereits Anteile an zwei Lizenzen. Daneben besitzt das Unternehmen Anteile an drei weiteren Lizenzen in der norwegischen Nordsee. Bei Det Norske handelt es sich um das E&P-Unternehmen mit dem zweitgrößten Lizenzportfolio auf dem norwegischen Kontinentalschelf. Det Norske hält gegenwärtig Anteile an drei produzierenden Öl- bzw. Öl-/Gasfeldern und ist an insgesamt 51 Produktionslizenzen (davon 26 als Betriebsführer) beteiligt. Das Unternehmen entstand im Jahr 2007 aus dem Zusammenschluss der norwegischen Pertra und NOIL Energy ASA.

Kontinentalschelf halten. Mit dem Erwerb der neuen Lizenzanteile setzt die VNG-Gruppe ihren 2006 begonnenen Weg in Richtung einer Produktion von eigenem Erdgas in Norwegen konsequent fort. Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 bis zu 1,5 Mrd. m³ Erdgas pro Jahr aus eigener Produktion zu erschließen.

Mittlerweile hat VNG in Norwegen acht Explorationslizenzen.

Foto: Christoph Busse

Fit für den Markt mit ERDGAS.training In den vergangenen Monaten wurden zahlreiche Gesetze und Verordnungen novelliert, die Energieversorgungsunternehmen vor eine Vielzahl von rechtlichen, organisatorischen und technischen Fragen stellen. Seit September bietet VNG ihren Kunden und Partnern nun zentrale Trainings an, die zu Hintergründen und Entwicklungen, Problemen, Lösungsmöglichkeiten und Perspektiven bei der Umsetzung der neuen Gasmarktstandards informieren und damit auf die veränderten Bedingungen vorbereiten. Thema der ersten Veranstaltungen, die in Linstow und Leipzig stattfanden,

war der „Wärmemarkt im Umbruch“ und welche Änderungen die Anforderungen des ErneuerbareEnergien-Wärmegesetzes (EEWärmeG), des novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes (KWKG) und der Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV) mit sich bringen.

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• Nächste Termine: 18.11.2008 Wärmemarkt im Umbruch 09.12.2008 Erdgasverkauf Anmeldung unter www.verbundnetzplus.de

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1600 Gäste kamen am 10. September nach Leipzig, um gemeinsam mit den Mitarbeitern der VNG den 50. Geburtstag des Unternehmens zu feiern.

Foto: Christoph Busse

50 Jahre VNG

Große Geburtstagsfeier in Leipzig Am 10. September 2008 feierte VNG zusammen mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Partnern sowie zahlreichen hochrangigen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur ihr 50-jähriges Bestehen. Unter den 1600 Gästen waren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Wolfgang Tiefensee sowie die Botschafter Russlands und Norwegens in Deutschland, Wladimir Kotenev und Sven Erik Svedmann. Die Festveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig stand unter dem Motto „VNG sagt Danke“.

Gas geben Zunächst dankte der Aufsichtsratsvorsitzende der VNG, Dr. Karsten Heuchert, allen aktiven und ehemaligen Mitarbeitern des mittlerweile drittgrößten Erdgasimporteurs in Deutschland für ihre gute Arbeit. Für ihn sei es eine Freude, dass Wintershall die VNG seit nunmehr 18 Jahren begleiten und deren spannende wie wechselvolle Entwicklung miterleben konnte. „VNG gibt im wahrsten Sinne des Wortes Gas“, lobte er das Unternehmen und

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zeigte sich gleichzeitig optimistisch, dass „wir unsere VNG über das Bisherige gemeinsam weiter ausbauen werden“. 50 Jahre als Garant Prof. e.h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst blickt 50 Jahre nach Gründung und 18 Jahre nach der für VNG so wichtigen Privatisierung ebenfalls voller Enthusiasmus in die Zukunft. In einer Welt, die sich ständig weiter dreht, müsse sich auch sein Unternehmen

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immer weiter verändern. „Wir schaffen das, da bin ich mir sicher“, versicherte der Vorstandsvorsitzende. Garant für diesen Optimismus sind die Erlebnisse und Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre. Sie haben das Unternehmen geprägt wie kein anderes. Holst nennt beispielhaft die friedlichen Demonstrationen im Oktober 1989, die über das Schicksal aller Ostdeutschen entschieden. Er denkt aber auch an Ereignisse wie die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, die Privatisierung oder die Unterzeichnung der ersten norwegischen Lie-

als man die Aufnahme der Lieferbeziehungen zwischen Russland und Deutschland vor 35 Jahren feierte, würdigte er auch dieses Mal wieder die guten Beziehungen beider Unternehmen. „Ich möchte Ihnen, auch im Namen des gesamten Gazprom-

ferverträge 1993. Sie alle waren wichtige Meilensteine auf dem Weg zum heutigen Erfolg. Seinen besonderen Dank für die letzten 50 Jahre drückte Holst seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Auch den Aktionären der ersten Stunde – gemeint sind damit die Ruhrgas (heute E.ON Ruhrgas) und die BEB – sowie den aktuellen Aktionären und Lieferanten dankte der Vorstandsvorsitzende für die jahrelangen, zuverlässigen Partnerschaften. In diesem Zusammenhang hob Holst auch die gute partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Kunden der VNG hervor.

weitere ehrgeizige Ziele. „Gemeinsam wollen wir in eine sichere Zukunft schauen, in der Gazprom als zuverlässiger Lieferant und VNG als zuverlässiger Abnehmer auftreten“, verspricht Miller den Gästen im Gewandhaus. Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse der letzten Wochen versicherte der Gazprom-Chef noch einmal, dass sein Unternehmen als zuverlässiger Lieferant bekannt ist und diesem Ruf auch jederzeit nachkommen wird. Zum Schluss dankte Miller der VNG für die herzliche Aufnahme in Leipzig.

Langjährige Zusammenarbeit eint VNG und Gazprom Der Vorstandsvorsitzende der OAO „Gazprom“, Alexej Miller, kam bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate nach Leipzig. Wie am 11. Juni,

Vorstandes, für die Zuverlässigkeit, die Professionalität und die Freundschaft danken“, erklärte ein sichtlich bewegter Miller. VNG könne stolz sein auf das, was sie geschaffen hat, so der Gazprom-Chef. Er wünsche seinen deutschen Kollegen in Leipzig vor allem neue Erfolge und Errungenschaften sowie

Ist sichtlich stolz auf sein Unternehmen: Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der VNG. Foto: Christoph Busse

Weg des Mutes weitergehen Unter herzlichem Beifall wurde die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, von den 1600 Gäs ten im Gewandhaus begrüßt. Sie ließ es sich nicht nehmen, für die Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der VNG, persönlich nach Leipzig zu kommen

Dr. Karsten Heuchert sprach sich für den Ausbau der Zusammenarbeit zwischen VNG und Wintershall aus. | Wladimir Kotenev, Botschafter der russischen Föderation in Deutschland, Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der VNG und Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender der OAO „Gazprom“ freuten sich in Leipzig über die Zusammenarbeit ihrer beiden Länder. Fotos: Thomas Rötting

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Große Geburtstagsfeier in Leipzig

und dem Unternehmen für die Erfolge der letzten Jahre zu gratulieren. „Ich sage sicherlich nicht zu viel – ich verfolge das jetzt seit Jahren –, Herr Holst, wenn ich sage, dass Sie und andere hier Unglaubliches geleistet haben. Sie haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert und damit vieles geschafft“, lobte Merkel das Engagement und die Vorreiterrolle der VNG in den neuen Bundesländern. In ihrer Rede stellte die Kanzlerin die herausragende Bedeutung der Stadtwerke und Kommunen noch einmal in aller Deutlichkeit heraus. „Ich möchte ausdrücklich sagen, dass dieses Unternehmen auch durch die Beteiligung der Stadtwerke und Kommunen geprägt worden ist, die dem Unternehmen sicherlich sehr gut getan haben“, so Merkel. Zudem hob sie die Bedeutung der engen Beziehung zwischen

Herzliche Begrüßung im Gewandhaus in Leipzig: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der VNG.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte VNG als ein „beispielhaftes Unternehmen in den neuen Bundesländern“. Fotos: Christoph Busse

VNG und Gazprom hervor. Dabei unterstrich sie, dass man diese Bindung niemals einseitig sehen darf: „Langfristige Lieferverträge bedeuten nach meiner festen Überzeugung immer auch gegenseitige Abhängig keiten in beiden Richtungen bzw. Interessen auf beiden Seiten. Die gegenseitigen Interessen sind das, was uns einen sollte.“ Merkel sieht es im gegenseitigen Interesse von Deutschland und Russland sowie der Europäischen Union und Russland, dass die Beziehungen ausgebaut und gefestigt werden. „Nur auf dieser Grundlage von gemeinsamen Interessen und auch von gemeinsamen Vorstellungen und von gemeinsamen Werten können wir Verlässlichkeit und Vertrauen schaffen“, so Merkel weiter. Neben der engen Zusammenarbeit mit Gazprom würdigte die Bundeskanzlerin auch die von VNG seit vielen Jahren angestrebte Diversifizierung der Energiebezüge und Lieferwege, vor allem mit Norwegen. Für das technisch anspruchsvolle Projekt zur eigenen Exploration und Förderung von Erdgas in Norwegen drückt sie dem Unternehmen die Daumen. Zum Abschluss ihrer Rede wünschte die Kanzlerin dem Vorstand und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der VNG, dass sie den erfolgreichen Weg weitergehen kann, „diesen Weg in Verbindung mit Leipzig, diesen Weg in Verbindung mit vielen Freunden, diesen Weg auch des Mutes, sich ganz neue Unternehmenskonzepte vorzunehmen und sie umzusetzen.“

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Wladimir Kotenev, Botschafter der russischen Förderation in Deutschland sprach unter anderem die sozialen und kulturellen Projekte an, die Gazprom und VNG diesseits und jenseits des Urals gemeinsam verwirklichen. | Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, Vorstandsvorsitzender der VNG und Sven Erik Svedmann, norwegischer Botschafter in Deutschland. | Friedrich Späth, ehem. Vorsitzender des Vorstands der E.ON Ruhrgas AG, Prof. Dr. Gerhardt Wolff, stv. Vorstandsvorsitzender der VNG und Vorstand Kaufmännisches/Personal, Uwe Barthel, Geschäftsführer der Stadtwerke Chemnitz und Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, ehem. Ministerpräsident im Freistaat Sachsen.

Gemeinsam wachsen In den letzten 50 Jahren hat sich VNG vom Volkseigenen Betrieb zum international etablierten Gasimporteur entwickelt. Als Vorzeigeunternehmen im Osten, sogar als Leuchtturm und Aushängeschild wird es von der Politik bezeichnet. Zu Recht hat sich VNG diesen guten Ruf erarbeitet. Im letzten Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro einen Gewinn von 130 Millionen Euro. Durch die Lieferverträge mit zahlreichen Lieferanten aus Russland, Norwegen und Deutschland kann VNG auf ein breites Bezugsportfolio zurückgreifen. Bis 2020 sollen zudem zehn Prozent der Erdgasmengen aus eigenen Quellen stammen. Im zunehmenden Wettbewerb auf den europäischen Energiemärkten setzt VNG auf neue, innovative Projekte und eine auf Wachstum ausgerichtete Unternehmenspolitik. Wachsen kann das Unternehmen allerdings nur gemeinsam – mit den Mitarbeitern, Aktionären, Kunden, Lieferanten und allen anderen Partnern. Das hat auch Angela Merkel bekräftigt. „Die Entwicklung der VNG hängt auch damit zusammen, dass sie quer durch die Bundesländer wirklich viele gute Freunde und Interessenten hat, so die Bundeskanzlerin. Solche Unterstützer braucht man ihrer Meinung nach auch, „wenn man sich einmal in schwierigen Situationen befindet“. Mandy Nickel, Redaktion

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Dr. Gerhard Holtmeier, Vorstand Gasverkauf/Technik bei VNG, begrüßt den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der OAO „Gazprom“, Alexander Medwedjew.

Neuerscheinung:

„Geschichte der ostdeutschen Gaswirtschaft“ „Vom Licht zur Wärme“ heißt ein neues Buch, dass erstmalig die Geschichte der ostdeutschen Gaswirtschaft von 1855 bis 2008 umfassend betrachtet. Geschrieben hat es der Berliner Wirtschaftshistoriker Dr. Rainer Karlsch. Er beleuchtet die Anfänge von der Gaslaterne über den Bau des Ferngasleitungsnetzes bis hin zum Poker um die Erdgasverträge mit der Sowjetunion. Faktenreich und spannend erzählt er auch die neuere Geschichte, etwa die Änderung der wettbewerbsrechtlichen Rahmenbedingungen der Energiebranche. Mit seinem Buch leistet Karlsch damit einen bedeutsamer Beitrag zur Industrie- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Das Buch ist im September im Nicolai Verlag in Berlin erschienen. Es kann im Fachhandel bezogen werden. In der nächsten Ausgabe von medium gas lesen Sie ein Interview mit dem Autor.

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Die Neubrandenburger Stadtwerke GmbH:

Ein Multitalent mit Persönlichkeit Tatsache: Neubrandenburg ist mit den vier Toren als markante Wahrzeichen eine Stadt, die zu jeder Jahreszeit eine bezaubernde Seenlandschaft mit Kunst, Kultur, Sport und reichlich Vergnügen verbindet. Unbestrittene Tatsache ist aber auch, dass es eine ganz besondere Freude bereitet, mitten im Hochsommer auf der noch jungen Autobahn A 20 in Richtung dieser drittgrößten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns unterwegs zu sein. Sie liegt am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte und inmitten einer Hügellandschaft, die von den Gletschern der Eiszeit geformt wurde. Die über 750 Jahre alte Stadt lädt mit bemerkenswerten Zeitzeugnissen regelrecht zu einer spannenden Entdeckungsreise ein.

Diese Zeugnisse der Geschichte präsentieren sich noch heute wie zu Zeiten des Dichters Fritz Reuter in der Architektur der Backsteingotik. Dazu gehört die in Europa einmalige, fast vollständig erhaltene mittelalterliche Wehranlage mit den Wiekhäusern, dem Fangelturm und den Toren. Rund 70 000 Einwohner leben heute in der Stadt, die in einer Region mit etwa 6 000 km² für mehr als 400 000 Menschen zentrale Funktionen im Bereich Wirtschaft, Kultur, Bildung und Gesundheit wahrnimmt.

Verkehrsgünstig gelegen im Kreuzungspunkt mehrerer Bundesstraßen mit schnellem Zugang zur A 20 und dem am Stadtrand gelegenen Flughafen, hat sich die Stadt heute zu einem Industrie- und Dienstleistungszentrum im östlichen Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. Geprägt vor allem durch Unternehmen der Fahrzeugzulieferindustrie, des Nahrungsgütermaschinenbaus, der Lebensmittel verarbeitenden Industrie, der Gesundheitswirtschaft, der Bauund Baustoffindustrie, aber auch durch technologieorientierte Unternehmen der Industrie- und Kommunikationstechnik-Branche und der Geoinformatik. Dafür ist gegenwärtig und auch künftig jede Menge Energie gefragt.

Die Neubrandenburger Stadtwerke GmbH Deshalb steht die Neubrandenburger Stadtwerke GmbH (kurz: neu.sw), deren Hauptsitz sich in einem modernen Gebäudekomplex in der JohnSchehr-Straße 1 befindet, ganz oben an auf meiner Besuchsliste. Geleitet werden die Stadtwerke vom Vorsitzenden der Geschäftsführung Holger Hanson und Geschäftsführer Dr. Heinz Balzer. Der 2000 errichtete Neubau zeigt sich mit bewusstem und charmantem Bezug in der hier typischen, klassischen rotfarbenen Backsteingotik. Die zugleich gläserne Transparenz suggeriert nicht nur eine offene Sicht und den notwendigen Durchblick, sondern auch die gewollte direkte Nähe zum Kunden. In diesem Sinne korrespondiert der Unternehmenssitz mit der Motivation

Sitz der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH in der John-Schehr-Straße 1.

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Holger Hanson, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Dr. Heinz Balzer, Geschäftsführer.

der 392 Mitarbeiter und gegenwärtig 32 Auszubildenden. Das bestätigt mir der Geschäftsführer Dr. Heinz Balzer gleich zu Beginn eines sehr informativen Gespräches und verweist auf das Selbstverständnis der Stadtwerker: „Wir sind ein Multitalent mit Persönlichkeit. Multitalent, weil wir Kräfte bündeln. Die Sparten Strom, Gas, Wärme, Wasser, Abwasser, Kabelnetz, Schwimmhalle, Nahverkehr und Krematorium schnüren wir auf höchstem technischen Niveau zu einer komplexen Leistung zusammen. Mit Persönlichkeit, weil die Mitarbeiter, die das Leistungspaket des Konzerns schnüren, in erster Linie Menschen sind. Sie haben stets den Anspruch, ein vertrauensvoller Dienstleistungspartner zu sein. Sie handeln verantwortungsvoll mit dem wertvollen Gut, das in unserer Sprache Heimat heißt. Sie wollen mit ihrer täglichen Arbeit, mit jeder technischen Investition dieses Gut für die kommenden Generationen pflegen und vermehren. Und das tun sie bewusst, von Mensch zu Mensch. Unser Slogan ,Vertrau’ auf Deine Energie‘ gilt für den Konzern als Programm.“ Der Erfolg bestätigt die Handlungsmotive der Stadtwerker nachdrücklich. So betrug der Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr über 123,6 Mio. Euro und der Gewinn knapp 7,8 Mio. Euro. Zum Konzern gehören neben den eigentlichen Stadtwerken die Neubrandenburger Verkehrsbe-

triebe GmbH, die Medianet KFA (Kabelfernsehanlagen) GmbH, die neu-itec GmbH, die die notwendige Rechentechnik für alle städtischen Gesellschaften betreibt, die neu-mobil GmbH, die zuständig für die Fahrzeugbetreuung der städtischen Betriebe ist, die Krematoriumsgesellschaft mbH und die Tollenseeufer Abwasserbeseitigungsgesellschaft mbH in Beteiligung.

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Fotos: neu-sw

Erdgas für Neubrandenburg Mein Gesprächspartner weiß natürlich ganz genau, dass ich mich besonders für die Erdgasversorgung interessiere und liefert die notwendigsten Informationen. Mit der Übernahme der Gasversorgung im Stadtgebiet und den Umlandgemeinden wurde das Gasnetz ständig weiter ausgebaut und modernisiert. Neue Technologien und Vereinfachungen in der technischen Anbindung führten selbst in bereits erschlossenen Gebieten zu weiteren Anschlussverdichtungen und Nacherschließungen. Die Netzlänge beträgt 381,4 km mit 31 Gasdruckregelanlagen. In Bereichen, in denen eine preisgünstige und wirtschaftliche Versorgung mit Fernwärme nicht möglich ist, werden die Kunden mit Erdgas beziehungsweise mit Flüssiggas versorgt.

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Image Neubrandenburgs als Sportstadt weiter ausgebaut werden. Wir agieren als tatkräftiger Sponsor des Leistungs- und Breitensports in unserer Heimatstadt, und das werden wir auch in Zukunft tun. Uns ist bewusst, dass der Sport

Ein Multitalent mit Persönlichkeit

Die Gesamtanzahl der direkt mit Erdgas belieferten Kunden beträgt 7 427. Im vergangenen Geschäftsjahr wurden 248 648 MWh abgesetzt, der Umsatz betrug 11, 805 Mio. Euro. Dr. Balzer nennt mir zehn der wichtigsten Kunden, von denen ich mir erlaube, nur die Hälfte davon zu nennen: Den Rohrproduzenten Hobas, die Stadt mit zwei ihrer Wohnungsgesellschaften, die Großbäckerei „De Maeckelboerger“, den Autozulieferanten Webasto und die Semco Schüllerglas. Derzeit werden sieben Erdgasfahrzeuge im Unternehmen eingesetzt, zehn weitere sollen 2009 folgen. Im Öffentlichen Personennahverkehr sind drei Erdgasfahrzeuge in Stadtlinienausführung im Einsatz. Gegenwärtig wird von einem Tochterunternehmen eine Erdgastankstelle betrieben, die von 80 Dauerkunden genutzt wird. Einer gewissen Vollständigkeit halber seien wenigstens noch die folgenden Absatzzahlen für das 2007er Geschäftsjahr erwähnt – Strom: 209 780 MWh, Fernwärme: 298 158 MWh. Zur genannten Vollständigkeit gehört auch die Schwimmhalle, die 1998 in das Unternehmen integriert wurde. Nach einer gründlichen Modernisierung ist sie mit vielfältigen Angeboten zum beliebten Anlaufpunkt der Neubrandenburger geworden. Die Besucherzahl beträgt pro Jahr ca. 80 000.

Besonderes Engagement für Sport-Sponsoring In Sachen Sponsoring engagieren sich die Stadtwerker besonders für den Sport. Dr. Balzer erklärt das so: „Als Neubrandenburger sind wir stolz über jeden sportlichen Erfolg unserer Jugend. Wir fiebern mit den Sportlern, und wenn sie auf dem Siegerpodest stehen, genießen wir den Moment, als wäre es unser Erfolg. Unser Engagement hat sich gelohnt. Das Projekt ,ice4fun‘, die Eislaufbahn der Stadt, haben wir besonders ins Herz geschlossen. Mit unserer Unterstützung soll das

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eine bedeutende Komponente unserer regionalen Identität darstellt.“ Dazu sollte man wissen: Vom Leistungssportler mit Weltspitzenniveau bis hin zum Breiten- oder Behindertensportler treiben etwa 12 200 Menschen, darunter ca. 45 % Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in 47 Sportarten organisiert, unter dem Dachverband des Stadtsportbundes Neubrandenburg e.V. aktiv Sport. Neubrandenburg ist überdies Olympiastützpunkt in den Sportarten Leichtathletik, Kanu und Triathlon. Die Stadtwerke unterstützen seit Jahren den Sportclub Neubrandenburg, der zu den erfolgreichsten deutschen Vereinen im Spitzensport zählt. Weltklasseathleten wie Franka Dietzsch und Andreas Dittmer tragen den Namen der Stadt in die Welt und prägen damit das Image Neubrandenburgs. Insgesamt fördert das Unternehmen 38 soziale Einrichtungen, 34 Sportvereine und 22 kulturelle Einrichtungen der Stadt sowie der Region. Des Weiteren sind die Stadtwerker an 50 sportlichen, 30 kulturellen Veranstaltungen und 10 Events beteiligt, die für die Neubrandenburger von besonderer Bedeutung sind. Dr. Balzer ist ein kompetenter Mann, mit dem es Freude macht, sich zu unterhalten. Er hätte mich ohne Weiteres mit einer Flut von Zahlen „zuschütten“ können. Er tut es nicht, sondern übergibt mir ein übersichtlich und sorgfältig aufbereitetes Material mit Fakten, so dass in unserem Gespräch auch noch etwas Zeit für Persönliches bleibt. Heinz Balzer ist gebürtiger Magdeburger und hat an der Technischen Fakultät der Universität Rostock Maschinenbau und Energiewirtschaft studiert. Er promovierte 1979 in Zittau und ist seit 1965 in der Energiebranche tätig. 1994 begann Dr. Balzer seine Tätigkeit bei den Neubrandenburger Stadtwerken und ist seit dem 1. Januar 2007 Geschäftsführer. In seiner Freizeit interessiert er sich sehr intensiv für Literatur und besonders leidenschaftlich für Geschichte.

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Zuverlässige Zusammenarbeit mit VNG

Spurensuche in der Stadt der vier Tore

Dr. Balzer verweist auf die seit 1996 andauernde, stets sehr gute und vor allem zuverlässige Zusam-

Es ist schon manchmal ein wenig verwunderlich mit den Vorzügen einer modernen Verkehrsführung –

menarbeit mit VNG. Dabei meint er nicht nur die rein arbeitsmäßig solide Kooperation, sondern auch die auf der Ebene der Gesellschafter. Fast nebenbei erwähnt er z. B. den seit kurzem bestehenden Vertrag mit VNG, der es den Neubrandenburgern im Bedarfsfall ermöglicht, eine Erdgasversorgung auch außerhalb des eigenen Netzbereiches zu regeln. Gern arbeitet er mit Tilo Mütze, André Burkhardt und Olaf Schneider zusammen. Wenig später zeigt sich Marcel Maltz vom Marketing auch sehr angetan von der Kompetenz seiner Leipziger Kollegin Astrid Preuss.

als es vor etwa vier Jahren die neue A 20 noch gar nicht gab, die oft genug zum „Bleifuß“ verleitet, fuhr ich auf dem Weg zur Ostsee über 20 Jahre mit häufiger Regelmäßigkeit durch die Stadt der vier Tore und machte mich durch gelegentliche Pausen immer besser mit ihr vertraut. Seither bin ich immer „vorbeigedüst“. Jetzt das Wiedersehen im Sommer 2008. Es ist ein Erkennen und zugleich auch ein Neuentdecken. Der in der Stadt ganz besonders geschätzte Dichter Fritz Reuter verlebte hier von 1856 bis 1863 seine schaffensreichsten Jahre.

Das Friedländer-Tor

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Ein Multitalent mit Persönlichkeit

Reuter rühmte Neubrandenburg als „de Parl von dat mecklenborg-strelizsche Reich“, womit der Dichter den schönsten Teil des damaligen Großherzogtums charakterisierte. Mittelalterliche Romantik verspüre auch ich beim neuerlichen Bummel entlang der fast vollständig

Stadtmauer

erhaltenen etwa 2,5 km langen Stadtmauer mit ihren prächtigen Stadttoren, den eigentümlichen Wiekhäusern und dem Fangelturm. Die Schutzwälle umspannen wie ein grüner Gürtel die Stadt. Zu den beeindruckenden Zeitzeugen norddeutscher Backsteingotik zählt die ursprünglich dreischiffige Hallenkirche St. Marien mit ihrem monumentalen Ostgiebel. Nach fast völliger Zerstörung birgt sie heute einen der architektonisch reizvollsten Konzertsäle Deutschlands. Hier kann man das anspruchsvolle Programm der Neubrandenburger Philharmonie genießen.

Fritz-Reuter-Denkmal

Dr. Paul Krüger, Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg:

Rückgrat der Daseinsfürsorge

Dr. Paul Krüger

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Kommunale Unternehmen sind ein wesentlicher Bestandteil der kommunalen Selbstverwaltung und das Rückgrat unserer Daseinsvorsorge.

Beiträge für die Versorgung der Neubrandenburger Bevölkerung. Gleichzeitig sichern sie eine hochwertige ökonomische und ökologische Infra-

Die Neubrandenburger Stadtwerke sind vor diesem Hintergrund eines der wichtigsten Unternehmen unserer Stadt. Als moderner Dienstleister in den Bereichen Strom, Gas, Fernwärme, Kabelnetze, Wasser, Abwasser, Krematorium und Öffentlicher Personennahverkehr leisten sie unverzichtbare

struktur, die einen entscheidenden Standortfaktor für unsere regionale Wirtschaft bildet. Durch die Neubrandenburger Stadtwerke wird somit der Einfluss der Stadt auf wesentliche Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung gesichert.

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Fangelturm

Hallenkirche St. Marien

Stadt und Umgebung haben wohl eine besonders starke Anziehungskraft vor allem auf Literaten. Neben dem bereits erwähnten Fritz Reuter zog es Hans Fallada nach Carwitz in die nahe gelegene Seenlandschaft um Feldberg. Sehenswert ist in Neubrandenburg auch das Brigitte-Reimann-Haus, wo hier Mitte Juli der 75. Geburtstag der leider schon 1973 verstorbenen Schriftstellerin gefeiert wurde. Das Haus war der letzte Lebensort der außerordentlich begabten und couragierten Autorin. Neubrandenburg ist – wie schon erwähnt – ebenfalls eine Sportstadt. Olympiasieger, Welt- und

Kommunalwirtschaftliche Betätigung ist in diesem Sinne für den weiter anhaltenden Strukturwandel in den neuen Bundesländern von wesentlicher Bedeutung. Darüber hinaus engagieren sich die Neubrandenburger Stadtwerke z. B. durch Unterstützung kultureller und sportlicher Ereignisse auf vielfältige Weise für die Stadt. Über die Neubrandenburger Stadtwerke ist die Stadt Neubrandenburg an VNG – Verbundnetz Gas AG beteiligt. VNG ist als größtes ostdeutsches Unternehmen im Versorgungsbereich von eminenter Bedeutung für die Entwicklung in den neuen Ländern. Vor diesem Hintergrund ist es besonders

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Brigitte-Reimann-Haus

Fotos: Pressestelle der Stadt Neubrandenburg

Europameister der jüngsten 40 Jahre haben diesen Ruf begründet. Und eines wussten Sie mutmaßlich ebenso wenig wie ich noch vor kurzem: In Neubrandenburg werden weltweit die meisten Standheizungen und europaweit die meisten Saunen hergestellt! Eine sehenswerte Stadt der Wärme also. Lassen Sie demnächst die schnelle A 20 mal links liegen und besuchen auch Sie die Stadt der vier Tore. Helmut Rosan, freier Redakteur

wichtig, dass der kommunale Einfluss an diesem strukturpolitisch so entscheidenden Unternehmen erhalten bleibt. Darüber hinaus setzt VNG im Rahmen ihres gesellschaftspolitischen Engagements in den neuen Ländern viele Impulse, die vor allem in den Kommunen Nutzen stiften. Beispielsweise wird über das „Verbundnetz der Wärme“ auf intelligente und menschliche Weise die ehrenamtliche Betätigung in den Städten und Gemeinden unterstützt. Die Symbiose zwischen VNG und Kommunen ist somit ein gutes Beispiel für eine fruchtbare überregionale Kooperation im Sinne des ostdeutschen Strukturwandels.

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Strom erzeugende Heizung auf dem Vormarsch Eine wesentliche Forderung des EEWärmeG ist „die Pflicht zur anteiligen Nutzung Erneuerbarer Energien, vorrangig Solarwärme, Wärmepumpen sowie KWK (Fernwärme oder Brennstoff zellen)“. Die Strom erzeugende Heizung (SeH) kann bis zu 100 % der Wärme und bis zu 80 % des Strombedarfs im eigenen Haus abdecken. Durch die „Eigenproduktion“ des Stroms, lässt sich der Strombezug aus dem öffentlichen Netz reduzieren sowie Energiekosten und CO 2 -Emissionen senken.

Umweltvorteile offensichtlich

zu erzielen. Zusätzlich werden in der Gesamtbilanz durch die „Strom erzeugende Heizung“ –

Eine Brennwertheizung setzt 100 % Primärenergie nahezu vollständig in Wärme um. Strom kauft der Hausbesitzer dagegen aus dem öffentlichen Netz. Bei der zentralen Stromerzeugung in Kraftwerken, ohne weitere Nutzung der dabei entstehenden Wärme und aufgrund des Transportes treten Ver luste von bis zu zwei Drittel der eingesetzten Ausgangsenergie auf.

bei gleichem Energieverbrauch im Haus – bis zu 40 % weniger CO 2 an die Atmosphäre abgegeben. Dies ist keine Zukunftsvision, denn schon heute gibt es Strom erzeugende Heizungen. Neuentwicklungen – insbesondere für den Einfamilienhausbereich – werden das Angebot in Zukunft erweitern.

Deshalb ist es sinnvoll, die Stromerzeugung soweit wie möglich zum „Verbrauchsort“ zu verlagern, um eine bessere Energieausnutzung

Aus Eins mach Zwei

Energieeinsparung durch Kraft-Wärme-Kopplung im Vergleich zur getrennten Erzeugung von Strom und Wärme

Kraft-Wärme-Kopplung

getrennte Erzeugung: Strom im Kraftwerk, Wärme im Kessel

Um die gleiche Menge Strom und Wärme zu erzeugen, ist bei getrennter Erzeugung 66 % mehr Energie erforderlich. Quelle: Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung e.V.

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Die Strom- und Wärmeerzeugung mit Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) auf Erdgasbasis, beispielsweise motorischen Blockheizkraftwerken (BHKW) oder Gasturbinen, gehören seit langem zu den effizientesten Energiesparinstrumenten. Mit bis zu 90 % erreichen diese Anlagen einen sehr hohen Gesamtwirkungsgrad, was zu erheblichen Einsparungen an Energie und klimaschädlichen CO 2 -Emissionen führt. Die KraftWärme-Kopplung hat sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt und umfasst heute in Deutschland mehrere tausend Anlagen, deren elektrische Leistungen von wenigen Kilowatt bis weit über hundert Megawatt reichen. Kleine Anlagen mit einer elektrischen Leistung von bis zu 10 Kilowatt (kWel) bezeichnet(e) man als „Mikro-KWK-Geräte“. Um hier die Begriffsverwirrung (BHKW, Mini-BHKW, Mikro-KWK, kleine KWK-Anlagen usw.) nicht ausufern zu lassen, wird jetzt von den Herstellern und Verbänden die Sprachregelung „Strom erzeugende Heizung“ vorgeschlagen, die alle Anlagen nach

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ihrer Funktion, nämlich Strom zu erzeugen – umfasst.

Die Novellierung des KWK-Gesetzes sieht mit Inkrafttreten zum 01.01.2009 folgende Förderungen vor.

SeH werden bisher überall dort vorteilhaft eingesetzt, wo der Betreiber die erzeugte elektrische und thermische Energie möglichst zeitgleich nutzen kann und die Geräte in der Grundlast betrieben werden können, d. h., Laufzeiten von mehr als 4.000 Vollbenutzungsstunden pro Jahr erreichen.

Die nachgenannten Zuschläge gelten auf den gesamt erzeugten KWK-Strom.

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bis 50 kW

Max. Vollbenutzungsstunden

Förderung von SeH Deutschland hat sich die Erhöhung des Anteils von Strom aus KWK-Anlagen als politisches Ziel gesetzt. Dazu soll sich der Anteil von Strom aus KWK an der jährlichen Gesamtstromerzeugung in Deutschland bis 2020 auf etwa 25 % verdoppeln.

Glättung der Förderstufen • Anlagen > 50 kW für die ersten 50 kW: 5,11 Ct/kWh • Anlagen > 2 MW für erste 2 MW: 2,1 Ct/kWh Quelle: Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung e.V.

Mit der aktuellen Förderung von Mini-KWK-Anlagen werden zusätzliche Anreize für die Marktentwicklung und zur Erschließung der KWK-Potenziale im Bereich kleinerer Objektversorgungen gegeben. Entsprechend dem Marktanreizprogramm für kleine KWK-Anlagen gelten ab dem 01.09.2008 zwei Förderungen:

Basisförderung je installierte kWel

Leistung (min [kW])

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Förderbetrag in Euro je KWel kumuliert über die Leistungsstufen

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Ausblick Für die Gaswirtschaft bedeutet die Novelle des KWKG, dass Erdgas weiterhin attraktiv bleibt und beste Marktchancen bietet. Mit einem Jahresnutzungsgrad von 90 % ist die SeH klar im Vorteil gegenüber der konventionellen Stromerzeugung in den Kraftwerken.

Weitere Informationen zur Stromerzeugenden Heizung finden Sie unter: www.stromerzeugende-heizung.de

Bonusförderung je installierte kWel

Leistung (min [kW])

Leistung (max. [kW])

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Ihr Ansprechpartner

Förderbetrag in Euro je KWel kumuliert über die Leistungsstufen

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Ute Scholz Hauptreferentin Erdgasanwendungen Gewerbe/Industrie Tel. 0341 443 - 2623 ute.scholz@vng.de

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Der Heizungscheck – eine Energiedienstleistung nach Maß Gastbeitrag von RA Michael von Bock und Polach, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima

Steigende Energiepreise, eine hektische Rahmengesetzgebung zur C0 2 -Einsparung und ein Förderchaos haben den Endverbraucher stark verunsichert. Anstatt in Energiespartechnik zu investieren, wartet er ab und tut nichts. Dies hat in der deutschen Heizungsindustrie im Jahr 2007 zu einem eklatanten Produktionsrückgang um 25 % geführt. Deshalb ist das Augenmerk der Branche auf alle Maßnahmen gerichtet, die geeignet sind, die Unsicherheit beim Verbraucher zu beseitigen und damit den Modernisierungsstau von nahezu 3 Mio. Heizungsanlagen in Deutschland aufzulösen.

RA Michael von Bock und Polach.

Die EU-Richtlinie über Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen vom Mai 2006, die jetzt durch ein Effizienzgesetz in Deutschland umgesetzt werden soll, bietet hierzu eine viel versprechende Grundlage. Der Zweck von Richtlinie und Durchführungsgesetz ist es, die Voraussetzung für die Entwicklung eines Marktes für Energiedienstleistungen zur Verbesserung der Energieeffizienz für die Endverbraucher zu schaffen. Verpflichteter sind alle Verkäufer von Energie sowie Verteilnetzbetreiber, die entweder selbst oder aber durch Dienstleister Energiedienstleistungen erbringen oder verfügbar machen müssen. Das aktuelle (Energie-) Dienstleistungsangebot des Handwerks für Sanitär Heizung Klima 1. Beratung (Angebot)

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SHK Handwerk

10. Energieausweis (Energiebedarf)

9. Blower Door (Dichtheit)

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3. Wartung (Energet. Qualität)

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5. Energiekonzept (Planung)

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4. Hydraulik (Optimierung)

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6. Modernisierung (Praxis)

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Ausdrücklich nimmt die EU-Richtlinie dabei Bezug auf Energieanlagenbauer und Energieberater, die unter gleichen Wettbewerbsbedingungen diese Leistungen erbringen sollen. Neben der Vermittlung von Energiedienstleistungen werden Energieverkäufer verpflichtet, umfassendes Datenmaterial zur Erfassung und Abrechnung der Energieverbräuche an eine staatlich benannte Stelle zu liefern. Diese Stelle wird auch mit der Aufgabe betraut, am Markt angebotene Energiedienstleistungen zu prüfen und anzuerkennen. Schließlich soll über die Summe der erbrachten Dienstleistungen in Deutschland eine zusätzliche jährliche Einsparung von 1 % Energie über 9 Jahre erreicht werden. Hierzu muss die Bundesregierung der europäischen Kommission alle drei Jahre einen Zwischenbericht über den aktuellen Stand geben, in dem der Zusammenhang zwischen Energiedienstleistungen und dadurch ausgelöster Energieeinsparungen sowie ihre Dokumentation dargestellt wird. Im Vorgriff auf die zu erwartende gesetzliche Regelung hat die Bundesregierung die Wirtschaftskreise aufgefordert, Energiedienstleistungen zu identifizieren, die im Rahmen der zu erwartenden gesetzlichen Regelung Anerkennung finden können. Hierzu hat der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) eine Reihe von geeigneten Dienstleistungen aus seinem Arbeitsprogramm ausgewählt und weiterentwickelt, die künftig als marktfähige Leistungen durch den Installateur und Heizungsbauer in Kooperation mit Energieverkäufern vermittelt werden sollen.

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Dabei ist zu unterscheiden zwischen solchen Energiedienstleistungen, die geeignet sind, energiesparende Investitionen auszulösen, wie z. B. der Heizungscheck und die Energieberatung, oder aber selbst bereits Energieeinsparungen bewirken, wie z. B. der hydraulische Abgleich. Natürlich spielt die Qualifikation der Anbieter von Energiedienstleistungen eine wichtige Rolle zur Sicherung der Güte ihrer Arbeit. Die Energiedienstleistungsrichtlinie macht hierzu keine verbindlichen Vorgaben, sondern stellt es den Mitgliedsstaaten frei, geeignete Qualifizierungs- oder Zulassungssysteme zu normieren. Die deutsche Regelung wird an bestehende Kompetenzerfordernisse bei der Anerkennung einzelner Energiedienstleistungen anknüpfen. Da das SHKHandwerk in der EU-Richtlinie ausdrücklich als geeigneter Energiedienstleister benannt ist, kann davon ausgegangen werden, dass die bislang nachgewiesenen Qualifizierungen für einzelne Energiedienstleistungen ausreichend sind; es sei denn, es handelt sich um Maßnahmen, die ohnehin zum Tagesgeschäft eines Heizungsfachbetriebes gehören. In jedem Falle wird das Energieeffizienzgesetz dazu führen, dass sich in Deutschland qualifizierte SHKFachbetriebe neben dem klassischen Anlagenbau auch zunehmend dem gesamten Komplex von Energiedienstleistungen widmen und diese zu einem eigenen Geschäftsfeld entwickeln.

Abweichungen von Sollwerten mit Maluspunkten versehen, die in ein Ampeldiagramm eingehen, wie es beim Labelling von Elektrogeräten und bei dem Energieausweis bereits bekannt ist. Um die Eignung und Akzeptanz festzustellen, hat der Zentralverband Sanitär Heizung Klima in einem Feldversuch 500 Anlagen durch zuvor geschulte SHK-Fachbetriebe überprüfen lassen mit wissenschaftlicher Begleitung. Dabei wurde der Check im Rahmen ohnehin fälliger Wartungsarbeiten durchgeführt, was zu Kosteneinsparungen und Synergien geführt hat. Der zusätzliche Aufwand hielt sich dabei in Grenzen zwischen 50 und 100 Euro. Das entscheidende Ergebnis dieses Feldversuches war die hohe Akzeptanz beim Verbraucher und seine Bereitschaft, energiesparende Investitionen zu tätigen. Jeder dritte Check führte zu einem Folgeauftrag beim SHK-Betrieb. Damit konnte ein wichtiges Informationsmittel identifiziert werden, das geeignet ist, die bestehende Unsicherheit beim Verbraucher aufzulösen und die dringend notwendigen Energiesparmaßnahmen zu veranlassen. Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem Feldversuch war die Feststellung, dass durch das Angebot auch gering investiver Maßnahmen wie der hydraulische Abgleich das Vertrauen des Verbrauchers gewonnen und für umfassendere Modernisierungsmaßnahmen in der Zukunft gesichert werden konnte.

vom ZVSHK mit erarbeiteten Prüfverfahren (DIN 15378) entwickelt worden ist, um den Betreibern die energetischen Schwachstellen aufzuzeigen. Der Check erfasst den Zustand des Wärmeerzeugers, der Wärmeverteilung und der Wärmeübergabe. Die Ergebnisse werden in einer Checkliste erfasst und in einem Inspektionsbericht bewertet. Dabei werden

Die positiven Ergebnisse des Feldversuchs haben die SHK-Handwerksorganisation und die Energiewirtschaft veranlasst, ein flächendeckendes Angebot von Heizungschecks in Kooperation zu organisieren. Der erste Schritt dazu ist eine Eintagesschulung der beteiligten SHK-Handwerksunternehmen. Hierzu wurde umfassendes Informationsmaterial entwickelt, das über www. wasserwaermeluft.de bzw. über SHK-Innungsorganisationen angeboten wird. Die Kooperation mit örtlichen und regionalen Gasversorgern zur Vermittlung des Heizungschecks ist eine der erfolgversprechendsten Maßnahmen zur Schaff ung von Vertrauen und Kundenbindung und letztlich zur dringenden Modernisierung von 3 Mio. veralteten Heizungsanlagen.

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Bereits seit Jahren bestanden Überlegungen, im Zentralverband Sanitär Heizung Klima ein geeignetes Verfahren zu entwickeln, um in objektiver, leicht nachvollziehbarer Weise eine energetische Gesamtaufnahme der Heizungsanlage und ihrer Bewertung zu ermöglichen. Das Ergebnis ist der Heizungscheck, der nach einem

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Weitere Informationen zum Heizungscheck unter www.zentralverband-shk.de

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Jeden Herbst eine neue Kooperationsvereinbarung Zum neuen Gaswirtschaftsjahr soll am 1. Oktober 2008 die neue Kooperationsvereinbarung III Inkrafttreten, die zwischen den Gasnetzbetreibern in Deutschland geschlossen wird. Sie ist – wie ihre beiden Vorgänger – eine politische Forderung aus dem Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und regelt die Kooperation in verschiedenen Bereichen des Netzzugangs, beispielsweise bei der Kapazitätsbuchung oder Bilanzkreisabrechnung. Wie lange die Vereinbarung diesmal Bestand haben wird, ist mehr als ungewiss. Bereits die Kov I (2006) und die Kov II (2007) mussten nach nur einem Jahr wieder grundlegend verändert werden. Dr. Ulf Kreienbrock, Leiter Vertrags- und Regulierungsmanagement ONTRAS weiß, welche Auswirkungen die jährlichen Änderungen auf den Geschäftsprozess der Netzbetreiber haben.

Vom Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1993, Douglas C. North, ist folgende Aussage bekannt: „In einer Welt voll Unsicherheit, in der keiner die richtige Antwort weiß, muss man vieles probieren und hoffen, dass eines funktioniert.“ Diese Aussage ist exemplarisch für die Gaswirtschaft. Wie sonst ist es zu erklären, dass nach der Kooperationsvereinbarung I 2006 und der Kooperationsvereinbarung II 2007 zum Beginn des Gaswirtschaftsjahres 2008/2009 bereits die Kooperationsvereinbarung III in Kraft treten soll? Wie die Vorgängervereinbarungen wird auch die Kooperationsvereinbarung III weitreichende Änderungen für die Beteiligten des Netzzugangs mit sich bringen und das Gesicht des Netzzugangs nachhaltig verändern. Während der Übergang vom Punkt-zu-Punkt-Modell zum Entry-/Exit-Modell bzw. das Verbot der sog. Einzelbuchungsvariante durch die Bundesnetzagentur (BNetzA) im Herbst 2006 die Treiber der Kooperationsvereinbarungen I bzw. II waren, so sind es diesmal die Festlegung der BNetzA vom 28.05.2008 zum Bilanzierungssystem (Festlegung) sowie das Inkrafttreten der Änderungsverordnung Biogas am 13.04.2008. Die Festlegung der BNetzA beruht auf drei Grundentscheidungen: Der Übergang zur Tagesbilanzierung, die Einführung eines stündlichen Struk-

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turierungsbeitrages (stündliches Anreizsystem) sowie die Schaff ung eines Umlagesystems. Hierauf aufbauend hat die BNetzA einen „Standardbilanzkreisvertrag Gas“ formuliert und die Netzbetreiber zu dessen Anwendung verpflichtet. Die Änderungsverordnung Biogas erhält eine Reihe von – teilweise rudimentären – Regelungen zum technischen Anschluss von Biogasanlagen, zu Biogasbilanzkreisen sowie zur Verteilung der durch die Biogaseinspeisung entstehenden Kosten. Diese Neuerungen sind nun in die neue Kooperationsvereinbarung III zu integrieren. Auf Netzebene wird die Implementierung der neuen Regeln erhebliche Investitionen erfordern. Zudem ist die Implementierung trotz Festlegung der BNetzA und Verordnungstext mit erheblichen rechtlichen Unsicherheiten und Risiken für alle Beteiligten behaftet. Dies mögen die folgenden ersten Gedanken der ONTRAS hierzu verdeutlichen: Mehr noch als in den Jahren zuvor wird die Umsetzung der neuen Bilanzkreisregeln ab dem 01.10.2008 bei ONTRAS als Bilanzkreisnetzbetreiber zu einem erheblichen finanziellen Mehraufwand für die Entwicklung und Implementierung neuer IT-Systeme sowie den Aufbau von neuem qualifizierten Personal führen. ONTRAS geht derzeit davon aus, dass ein Mehrbedarf an Personal von rund 25% besteht.

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In diesem erhöhten Aufwand ist jedoch noch nicht der Aufwand für die Abwicklung der RLM1- und SLP 2-Kunden in nachgelagerten Netzen berücksichtigt. ONTRAS hat diesbezüglich zukünftig zwei neue Aufgaben: Sie ist verpflichtet, die durch ihre nachgelagerten Ausspeisenetzbetreiber ermittelten und zugeordneten Mengenwerte aggregiert für RLM-Entnahmestellen untertägig zu empfangen und an den Bilanzkreisverantwortlichen weiter zu leiten. Darüber hinaus soll ONTRAS selber synthetische Standardlastprofile für SLP-Entnahmestellen entwickeln, zuweisen und vorläufig anwenden, soweit der nachgelagerte Netzbetreiber, dem diese Pflicht eigentlich obliegt, diese nicht, nicht vollständig oder nur verspätet erfüllen kann. Dies birgt auch erhebliche rechtliche Risiken. Werden die aggregierten Mengenwerte vom Ausspeisenetzbetreiber nicht oder nicht vollständig untertägig oder verspätet geliefert, so stellt sich die Frage, wer hierfür letztlich haftet. Die BNetzA führt in ihrer Festlegung aus, dass der Bilanzkreisnetzbetreiber nicht für die Fehlerhaftigkeit oder Verspätung der Daten haften darf. Dies könnte sich aus zivilrechtlicher Sicht jedoch als frommer Wunsch erweisen. Für ONTRAS ist klar: Hier sind vertragliche Regeln zu finden, die verhindern, dass der Bilanzkreisnetzbetreiber für Daten, die er überhaupt nicht bewerten kann, Verantwortung trägt. Für Mehraufwand sorgt auch, dass ONTRAS als Bilanzkreisnetzbetreiber zukünftig zwei getrennte Bilanzkreissysteme führen muss: Ein H-Gas- und ein Biogasbilanzkreissystem. Die BNetzA hat hierauf im Tenor ihrer Festlegung hingewiesen. Ob sich die durch die Umsetzung der Kooperationsvereinbarung III bedingten zusätzlichen Kosten bei ONTRAS, die letztlich zusätzliche Kosten für die Letztverbraucher bedeuten, gesamtwirtschaftlich kompensieren lassen, wird die Zukunft zeigen. Fest steht aus unserer Sicht jedenfalls: Mehr Regulierung gibt es eben nicht zum Nulltarif!

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Zu den Unsicherheitsfaktoren der Festlegung zählt der Umgang mit Regelenergiemengen, die gemäß Standardbilanzkreisvertrag Gas weder in der Tagesbilanzierung noch im stündlichen Anreizsystem zu berücksichtigen, mithin nicht bilanzkreisrelevant sind. Dies wirft die Frage auf, ob Regelenergiemengen überhaupt am virtuellen Handelspunkt beschaff t werden können oder ob der Re gel ener g iebe zug durch Bilanzkreisnetzbetreiber nicht vielmehr an physischen Punkten erfolgen muss.

Dr. Ulf Kreienbrock

Die Implementierung des neuen Systems wird voraussichtlich erheblich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Umsetzung der Kooperationsvereinbarungen der vergangenen Jahre. Allerdings: Wenn das neue Bilanzausgleichssystem mittelfristig reibungslos funktionieren und sich die Zahl der Marktgebiete auf eine niedrige einstellige Zahl reduzieren sollte (wofür im Moment einiges spricht), sollte, um mit Douglas C. North zu sprechen, keine „Welt voll Unsicherheit“ mehr bestehen. Dann ist aus Netzregulierungssicht alles Wesentliche getan, was erforderlich ist, um die mit der Netzregulierung verbundenen Ziele zu erreichen. Für die Umsetzung der neuen Regeln ist den Netzbetreibern endlich mehr Zeit zu geben.

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registrierte Leistungsmessung Standard-Lastprofil

Aller guten Dinge sind schließlich drei (Kooperationsvereinbarungen)! Auch wenn der Herbst 2009 mit Sicherheit kommt! Dr. Ulf Kreienbrock, Leiter Vertrags- und Regulierungsmanagement ONTRAS – VNG Gastransport GmbH, Leipzig

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VNG auf der ONS 2008 in Stavanger Ende August 2008 trafen sich Geschäftspartner und Freunde der VNG-Gruppe auf der Off shore Northern Seas (ONS), eine der weltweit größten Messe für Offshoretechnologie im norwegischen Stavanger. Kernthemen auf dem VNG-Messestand waren diesmal „15 Jahre Erdgaslieferverträge mit Norwegen“, „50 Jahre VNG“ und „Förderlizenzen auf dem norwegischen Schelf“. Mit dabei war deshalb auch die VNG Norge AS. Entsprechend vielfältig waren die Gesprächsrunden an der bewährten VNG-Kaffeebar. Norwegische Lieferanten der VNG kamen zum Informationsaustausch mit den VNG-Vorständen Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst und KlausDieter Barbknecht. Lizenzpartner der VNG Norge trafen sich mit dem VNG Norge-Team um Geschäftsführer Kåre Tjønneland. Peter Mellbye, Executive vice president International Exploration & Production bei StatoilHydro ASA, ließ sich für ein kurzes Grußwort anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum der VNG filmen. Ausrüster für Off shore Technologie erkundigten sich nach Kooperationsmöglichkeiten mit „dem Operator VNG“ – mussten sich allerdings trotz der Karte mit den acht VNG-Förderlizenzen mit abschlägigen Antworten begnügen. „Eine Zulassung als Betriebsführer wollen wir erst in einigen Jahren anstreben“, betonte Tjønneland. Für 2009 seien jedoch schon die ersten drei Bohrungen vorgesehen, verriet er.

Der Messestand der VNG in Stavanger stand ganz unter dem Zeichen „50 Jahre VNG“ und 15 Jahre Lieferbeziehungen mit Norwegen.

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Mike Diekmann, Direktor Gaseinkauf West, (rechts) nutzte die Gelegenheit, um auf der ONS mit Partnern ins Gespräch zu kommen.

André Tzschoppe vom Gaseinkauf West bei der VNG mit zwei Kollegen von Statoil auf der ONS in Stavanger.

Unter den zahlreichen Gästen waren Journalisten, Studenten, die sich nach Berufschancen bei VNG erkundigten, sowie natürlich auch viele allgemein interessierte Norweger. Anziehungspunkt beim Begleitprogramm war neben dem Schokolatier das Stacking: Mit beiden Händen Becher von drei Dreierstapeln schnellstmöglich zu drei Dreierpyramiden aufbauen und dann wieder zurück in Dreierstapel, anschließend 3-6-3 in Pyramiden und wieder zurück. Dr. Ralf Borschinsky, Informationsmanager VNG

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ONS 2008 in Stavanger

fühlt die Biene dies auch so. Weshalb hätte sie sich sonst unsere Logofarben für ihr Ballkleid ausgesucht? Das kann kein Zufall sein. Unser Maskottchen heißt Charlotte. Wir hoffen,

Unsere Charlotte Norwegische Medien umschreiben die kleineren Unternehmen in unserer Branche oft scherzhaft als „Oljemygg“ – „Ölmücken“. Das wollten wir uns nicht gefallen lassen. Was haben wir mit einem hässlichen, irritierenden, blutsaugenden Insekt gemein? Die ONS schien uns die ideale Gelegenheit, unser neues Image-Element einzuführen. Wir wollen nämlich lieber mit einer Honigbiene verglichen werden. Unverdrossen stellen sowohl wir, wie auch die Biene durch perfekte Zusammenarbeit, Kommunikation und Fachkenntnis eine begehrte, kostbare, kalorienreiche neue Energiequelle her. Außerdem haben Honig und Gas noch einen wichtigen Aspekt gemein. Sonnenenergie wird von den Pflanzen eingefangen und als Zucker im Nektar gespeichert. Von dort bedienen sich die Honigbienen und lagern die chemisch gebundene Sonnenenergie als Honig im Nest. Genauso liegt der Ursprung von Erdgas in Sonnenenergie, die von Plankton eingefangen worden ist. Jeder Vergleich hat seine Grenzen, und in diesem Falle ist es nicht anders. Im Gegensatz zur Bienenwelt besteht die weibliche Besatzung der VNG Norge aus lauter Königinnen, und die Herren in unserem Unternehmen sterben nicht an den Folgen ihrer ersten Liebesnacht. Trotzdem fühlen wir uns mit der Honigbiene viel enger verbunden als mit der Mücke. Scheinbar

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dass sie uns inspirieren und leiten wird. Schon auf der ONS war sie ein Erfolg. Auf dem Stand war sie sichtbar auf den Lampenschirmen und in unserer Broschüre, hundertfach wurde sie als Postkarte durch die Welt geschickt, als Pin schmückte sie manchen Revers, und zwei Zeitungen schrieben

ausführlich über sie. Wundern tut uns das nicht. Dieses herrliche Wesen passt genau zu uns. Mal ehrlich, wer möchte verkünden, er arbeite für eine graue Mücke, wenn in der Branche eine bunte Biene herumschwirrt? Welcher Partner geht schon mit einer dürren Mücke spazieren, wenn er mit einer üppigen Biene

„Mücke? Wir nicht!“

tanzen könnte? Vergessen Sie aber nicht: die Honigbiene hat einen Stachel – aber nur für Notfälle! Marleen Laschet, Direktor Administration und Öffentlichkeitsarbeit VNG Norge

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Aktuelle Termine: November 2008 – Januar 2009 gat 2008

Symposium „Vom Nordlicht zur Wärme“

11. und 12. November 2008, Dortmund

Am 16. Dezember 2008 findet in Leipzig ein international besetztes Symposium zur Bedeutung der Energiepartnerschaft zwischen Norwegen, Deutschland und Polen statt. Unter dem Titel „Vom Nordlicht zur Wärme“ – 15 Jahre Energiepartnerschaft Norwegen – Deutschland – Polen sollen die vielfältigen Herausforderungen zur Erhöhung der Versorgungssicherheit diskutiert und mögliche Lösungsansätze aufgezeigt werden. Die in diesem Kontext aufgeworfenen Fragen über die Endlichkeit der Ressourcen und einer umweltverträglichen Energieversorgung werden ebenfalls thematisiert.

Die gat ist die größte Tagung der Gasbranche und bildet seit 46 Jahren das zentrale Diskussionsforum für die Fach- und Führungskräfte der Gaswirtschaft. Auf der diesjährigen Veranstaltung in Dortmund präsentiert sich die VNG-Gruppe mit ihren Dienstleistungsangeboten rund um den europaweiten Handel, den Transport und die Speicherung von Erdgas. Auch über innovative Energiedienstleistungen kann man sich am Stand der VNG informieren. Besonderes Highlight wird eine Ausstellung sein, die einen Blick auf die 50-jährige Unternehmensgeschichte wirft. Sie finden uns in Halle 3B, Stand 61

Weitere Informationen zur Veranstaltung werden zeitnah bekannt gegeben.

Datum

Ihr Ansprechpartner bei VNG: Anja Giebelmann, Bereich Operatives Marketing/ Beratung, Telefon: 0341 443-2952, anja.giebelmann@vng.de

Veranstaltung

Ort

9. Treffen der Kommunikation-, Medien- und Marketingverantwortlichen

Leipzig

Azubi- und Studientage von Stadtwerke Leipzig, Kommunale Wasserwerke und VNG

Leipzig, Neue Messe

Eröff nung der Fotoausstellung Verbundnetz der Wärme

Leipzig

gat 2008

Dortmund

15.11.2008

Jahrestag – Verbundnetz der Wärme

Leipzig

18.11.2008

Mitteldeutsche Energiekonferenz

Halle

03.12.2008

Eröff nung der Fotoausstellung Verbundnetz der Wärme

Neuruppin

16.12.2008

Symposium: 15 Jahre Energiepartnerschaft Norwegen–Polen–Deutschland

Leipzig

Norwegischer Abend der VNG im Rahmen des Biathlon-Weltcups

Oberhof

Handelsblatt-Jahrestagung

Berlin

Berufung der Verbundnetz-Botschafter 2009 (Evangelisches Augustiner-Kloster zu Erfurt)

Erfurt

enertec

Leipzig

November 2008 06./07.11.2008 7./8.11.2008 10.11.2008 11.–12.11.2008

Dezember 2008

Januar 2009 09.01.2009 22./23.01.2009 23.01.2009 27.–29.01.2009

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Gastbeitrag Forum Erdgas

Der Wettbewerb funktioniert Im Zuge der Liberalisierung leitungsnetzabhängiger

Abgesehen davon, dass sich die Preise ständig än-

Produkte und Dienstleistungen wurden neben dem Telekommunikations- und dem Strommarkt auch alle Bedingungen für einen stärkeren Wettbewerb auf dem Endkundenmarkt für Erdgas geschaffen. Trotzdem geht man etwa in der Bundesnetzagentur davon aus, es gebe immer noch keinen effektiven Wettbewerb. Jetzt wird die angeblich geringe Wechselbereitschaft der Verbraucher da-

dern, läuft auch im Erdgasmarkt der Wettbewerb nicht nur über den Preis. Darüber hinaus zählt für viele Kunden besonders die Versorgungssicherheit. In diesem Zusammenhang sind die regionale Nähe sowie das Vertrauen, welches sie aus der langjährigen Erfahrung mit ihrem Stadtwerk oder ihrem Regionalversorger gewonnen haben, von

für verantwortlich gemacht, dass sich überzogene Preissenkungsfantasien nicht erfüllen. Im Telekommunikationsmarkt verursachte seinerzeit der diskriminierungsfreie Zugang zum Leitungsnetz den Eintritt vieler neuer Anbieter und regelrechte Preisstürze. Mit diesen Erwartungen gingen einige Politiker, Verbraucherschützer und wohl selbst die Bundesnetzagentur auch an die Liberalisierung des Erdgasmarktes heran. Doch von Anfang an hätte ihnen klar sein müssen, dass sich diese Erwartungen bei Weitem nicht erfüllen können. Offenbar wurden hier mehrere Fakten nicht mit einberechnet. Erstens: Der Erdgasmarkt besaß im Gegensatz zum Telekommunikationsmarkt niemals die klassischen Monopolpreise. Stattdessen herrschte vor dem diskriminierungsfreien Zugang zu den Leitungsnetzen bereits ein Substitutionswettbewerb im Endkundengeschäft. Verbraucher und Vermieter konnten stets wählen, ob sie ihre Häuser grundsätzlich mit Erdöl, Erdgas, Strom oder anderen Energieträgern beheizen. Zweitens: Im Gegensatz zu Telefonverbindungen konnte sich das Angebot am Rohstoff Erdgas nicht beliebig ausweiten. Die gleichzeitig geradezu explodierende globale Nachfrage führte zu einer fortschreitenden Verknappung, was wiederum die Marktpreise auf den Beschaff ungsmärkten und damit den größten Kostenbestandteil für die Versorger nach oben treibt. Und das gilt für alle Anbieter, erst recht für neue. Drittens: Obwohl Erdgas mindestens ebenso wie Telefonverbindungen ein homogenes Gut ist, dessen Qualität bei allen Anbieter gleich hoch ist, so kann daraus nicht einfach geschlossen werden, dass es den Verbrauchern gleichgültig ist, woher sie es beziehen, solange es nur das billigste ist.

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nachvollziehbar großer Bedeutung. Hier haben im Übrigen viele Menschen aus den Erfahrungen des Telekommunikationsmarktes gelernt. Dort gibt es mittlerweile nämlich auch unzufriedene Kunden, die zu einem billigen, aber - wie sich für manche später herausstellte – weniger zuverlässigen Anbieter gewechselt sind. All das erklärt schon recht gut, warum die Verbraucher sich zu recht häufig nichts oder nicht viel von einem Wechsel versprechen. Doch die Schlussfolgerung, dass Liberalisierung und Wettbewerb kaum Auswirkungen hätten, nur weil nach Ansicht mancher die Wechselfrequenz der Verbraucher zu niedrig ist, ist nicht richtig. Der stärkere Wettbewerbsdruck veranlasst die Anbieter sehr wohl dazu zu rationalisieren, schärfer zu kalkulieren und neue Tarifprodukte zu entwickeln, damit die alten Kunden gar keinen Grund mehr haben zu wechseln. Bei den ostdeutschen Stadtwerken und Regionalversorgern haben sich über 75 Prozent der Kunden, die tatsächlich einen Produkt- bzw. Anbieterwechsel vollzogen haben, ganz bewusst für eines von mehreren zum Teil neuen Produktangeboten bei ihrem bisherigen Anbieter entschieden. Fazit: Die Wettbewerbsbedingungen stimmen, der Wettbewerb funktioniert. Und wenn die Verbraucher zum größten Teil beim Anbieter ihres Vertrauens bleiben, liegt das nicht an der Untätigkeit der Kunden, sondern an der Wettbewerbsfähigkeit der Anbieter.

Das Forum Erdgas Forum Erdgas ist eine Initiative ostdeutscher ErdgasUnternehmen, die sich dem Dialog und der Information über den Energieträger Erdgas verpflichtet fühlen. Der Kreis organisiert einen offenen Meinungsaustausch, auf dessen Basis das Forum Erdgas an der öffentlichen Diskussion über aktuelle Fragen der Energiepolitik teilnimmt.

Weitere Informationen Andrej Krocker Forum Erdgas Tel. 0341 443 - 2626 Fax 0341 443 - 3237 andrej.krocker@forum-erdgas.de www.forum-erdgas.de

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Schwerpunkt: Gashandel Der Handel mit Erdgas, dessen Transport und Speicherung sowie unterstützende Energiedienstleistungen sind seit 50 Jahren das Kerngeschäft der VNG. Unser wichtigster Absatzmarkt liegt dabei in Ostdeutschland, hier ist VNG von Beginn an verwurzelt. Trotzdem nutzen wir auch aktiv die Chancen im liberalisierten Gasmarkt, um unser Geschäft deutschland- und europaweit auszudehnen. Das gilt sowohl für den flexiblen Bezug von Erdgas, etwa durch den Handel an der EEX, als auch für die Vertriebsoptimierung. Dass wir auf gutem Kurs liegen, davon können Sie sich im Schwerpunktteil überzeugen.

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Toralf Michaelsen, Head Market Supervision der European Energy Exchange AG (sitzend), Marco Penzhorn, Leiter Gashandel bei der VNG â&#x20AC;&#x201C; Verbundnetz Gas AG, Kati HĂźnecke und Thomas Herbst, beide ebenfalls vom Gashandel der VNG (v.l.), im Trading Floor der EEX im Leipziger Cityhochhaus. Foto: Christoph Busse

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Einkaufstour auf dem Erdgasweltmarkt VNG ist ein europäischer Erdgasimporteur, der sein Erdgas derzeit aus Russland, Norwegen und Deutschland bezieht. Diese Diversifizierung bildet das Rückgrat einer zukunftsorientierten Gasbeschaff ung. Wir sprachen mit Toni Philipp, Direktor Gaseinkauf Osteuropa/Inland, Mike Diekmann, Direktor Gaseinkauf West, Thomas Witt, Direktor Gaseinkauf LNG/Sonderprojekte und Marco Penzhorn, Leiter Gashandel, über die aktuellen Herausforderungen beim Gaseinkauf an den „physischen“ und virtuellen Handelsplätzen. In Europa gibt es mehrere Unternehmen, die über Lieferverträge mit Laufzeiten bis 2030/35 mit Russland verfügen. Drei davon kommen aus Deutschland, eines davon ist VNG. Das Unternehmen VNG pflegt in Deutschland traditionell gute und langfristige Lieferbeziehungen mit Russland. Eine Tradition, die auch zukünftig verpflichtet? Philipp: Deutschland bezieht circa 37 Prozent seiner Lieferungen aus Russland. Sie basieren auf Langfristverträgen, die teilweise noch aus den 1970er Jahren stammen. VNG bezieht – historisch bedingt – einen größeren Anteil russischen Erdgases. Im vergangenen Jahr waren es rund 48 Prozent. Das Land ist seit Jahrzehnten wichtigstes Lieferland und Partner der VNG. Wir sehen die langfristigen und guten Lieferbeziehungen als Verpflichtung. Unser Hauptinteresse liegt darin, den Kunden der VNG eine sichere Erdgasversorgung zu gewährleisten und die Partnerschaft mit Russland weiter auszubauen. Die derzeit nachgewiesenen russischen Erdgasvorräte der Gazprom haben einen Umfang von 29,85 Billionen Kubikmetern. Und wir können uns seit 35 Jahren auf die kontinuierlichen und zuverlässigen Lieferungen unserer russischen Partner verlassen. Beide Seiten sind sich ihrer Rolle im Energiemarkt bewusst und wollen die strategische Partnerschaft mit weiteren gemeinsamen Projekten im wirtschaftlichen, technischen und sozialen Bereich bekräftigen.

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den ausgrenzen, sondern muss das Geschäft im Auge behalten. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Energiewirtschaft, sondern auch für andere Wirtschaftszweige. Die Möglichkeiten von politisch bedingten Lieferunterbrechungen schließen Sie damit aus? Philipp: Die Erfahrungen in den letzten 35 Jahren zeigen uns, dass der russische Lieferant Gazprom ein solider und verlässlicher Partner ist. Ohne Abstriche haben wir die Lieferungen beispielsweise in der unmittelbaren Vor- und Nachwendezeit bekommen – und das, obwohl damals sowohl in Deutschland als auch in Russland politische Veränderungen in Größenordnungen durchgeführt wurden. Selbst während des Putschversuchs in Russland 1991, der eine durchaus kritische Situation für das Land darstellte, wurden die Lieferungen vertragsgetreu durchgeführt. Für uns ist klar, dass die Lieferbeziehungen auch unabhängig von den Diskussionen um die russische Politik bestehen bleiben. Herr Diekmann, wie sieht es mit den norwegischen Produzenten aus? Deren Ruf ist ja ausgezeichnet. Ist das Geschäft mit ihnen deshalb einfacher?

Zurzeit hat man den Eindruck, dass das Verhältnis zu Russland angesichts der jüngsten politischen

Diekmann: Wie jeder Produzent sind auch die norwegischen Partner bestrebt, ihr Produkt zum

Entwicklungen auch emotional schlechter wird. Hat das Auswirkungen auf die Geschäftsbeziehungen zu Ihren russischen Geschäftspartnern?

höchstmöglichen Preis zu verkaufen. VNG hat natürlich ein Interesse daran, das Gas so günstig wie möglich einzukaufen. Der daraus resultierende natürliche Interessenkonflikt wird dadurch entschärft, dass sich VNG und seine norwegischen Partner langfristig auf Preisbildungs- und Preisrevisionsmechanismen geeinigt haben. Die Preis-

Philipp: Die derzeitigen politischen Entwicklungen in Russland beeinflussen in keiner Weise die Geschäfte, die wir mit Gazprom machen.

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Trotz aller Kritik und Probleme kann man den russischen Markt nicht aus politischen Grün-

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bildung orientiert sich am Energieträgerwettbewerb 1 und berücksichtigt Einflüsse des Gas-zu-Gas-Wet tbewerbs. Dies soll sicher stellen, dass das eingekaufte Gas langfristig wettbewerbsfähig verToni Philipp: marktbar ist und VNG „Die derzeitigen politischen ihrer Take-or-Pay-VerEntwicklungen in Russland pflichtung nachkommt. beeinflussen in keiner WeiGerade in der derzeise die Geschäfte, die wir mit Gazprom machen.“ tigen Phase der hohen Ölpreise sind Preisverhandlungen mit den norwegischen Partnern kein Spaziergang, da beide Seiten ihre Interessen mit Nachdruck verfolgen. Bisher beteiligt sich VNG über ihre norwegische Tochter VNG Norge im Explorations- und Produktionsgeschäft in Norwegen. Wie realistisch wären solche Projekte in Russland? Philipp: Die Entwicklungen in Russland zeigen, dass bisher nur wenige Unternehmen die Möglichkeit bekommen haben, sich an Produktionsfeldern zu beteiligen. Im Gasbereich sind es beispielsweise nur Wintershall und E.ON Ruhrgas. Für VNG sind Projekte in Russland bei gleichzeitigen Explorations- und Produktionsaktivitäten in der Nordsee finanziell nicht zu stemmen. Andererseits sollte man niemals nie sagen. Länder wie China und Indien greifen zunehmend in den Weltenergiemarkt ein, erhöhen damit zukünftig Nachfrage und Preis. Wird es für Sie nicht immer schwieriger, langfristige Verträge mit den Produzenten zu schließen? Witt: Wir merken zunehmend den Eingriff von Ländern wie Indien und China auf die Weltener-

entsprechend den Marktbedingungen einen stark variablen Preis haben. Philipp: Im Pipelinegeschäft spüren wir die neuen Marktteilnehmer noch nicht so deutlich. Bisher sind die Verhandlungen mit Russland über die Versorgung chinesischer Industriekunden und Regionen mit Pipelinegas noch nicht abgeschlossen. Außerdem wäre der Leitungsbau von 5000 bis 6000 Kilometern nicht von heute auf morgen durchzuführen. Das ist momentan noch ein klarer Vorteil für Europa, denn hierher führt bereits ein diversifiziertes Leitungsnetz. In den nächsten Jahren wird der Bedarf aus Asien aber zunehmend die Preise und die Beschaff ung von Erdgas tangieren.

Philipp: Unser Vorteil liegt in unserer hohen Flexibilität und in der Schnelligkeit von Entscheidungen im Hinblick auf Vertrags- oder Preisverhandlungen. Weil wir nicht so hierarchisch aufgebaut sind und engen Kontakt zum Vorstand haben, können wir diese Entscheidungen einfach schneller treffen. Dieser Wettbewerb mit den Großen der Branche muss aber täglich neu geführt werden. Die bisherige Struktur im Erdgasmarkt war einfach: Produzenten verkaufen an Importeure, Importeure verkaufen an Regionalgesellschaften und Stadtwerke und die wiederum verkaufen an den Endkunden. Mittlerweile hat sich das Blatt gedreht. Wie sehr beeinflusst die neue vertikale Integration über alle Wertschöpfungsstufen den Geschäftsbereich Gaseinkauf? Diekmann: Der Zutritt neuer Wettbewerber in den Einkaufs- und Verkaufsmarkt verursacht natürlich einerseits einen verstärkten Druck auf die Beschaffungsmöglichkeiten und Preise. Gleichzeitig wird es immer schwerer, diese Mengen in einem Wettbewerbsmarkt entsprechend den Vorstellungen unserer Kunden abzusetzen.

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in der aktuellen Diskussion immer als Ölpreisbindung bezeichnet (Anmerkung der Redaktion)

VNG steht nicht nur im kontinentalen Wettbewerb um Erdgas, sondern muss sich auch mit Großkonzernen wie E.ON Ruhrgas, Gaz de France oder ENI messen. Wo liegt der Vorteil der „relativ kleinen“ VNG im Wettbewerb mit ihren umsatz- und mitarbeiterstärkeren Konkurrenten?

giereserven. Momentan beschränkt sich die Konkurrenz bei Erdgas vorrangig auf den LNG-Bereich. Die Möglichkeiten langfristig, gegenwärtig freie Mengen an verflüssigtem Erdgas zu kaufen, sind zurzeit weitgehend ausgeschöpft. Wenn überhaupt, dann gibt es nur Spotlieferungen, die

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Mike Diekmann: „Die Diversifizierung ist und bleibt eine wichtige Voraussetzung für die sichere und preiswerte Versorgung mit Erdgas.“

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Produzenten verschoben. Trotz aller Verände-

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rungen wird VNG nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

Philipp: Andererseits werden die Produzenten, die in Europa an einer Hand abzuzählen sind, in ihrer Größenordnung und wirtschaftlichen Macht immer größer. Das bisher ausgewogene Gleichgewicht zwischen großen Importeuren und vergleichbar großen Produzenten verändert sich immer stärker zu Gunsten der Produzenten. Das sind politisch gewollte Entwicklungen, die die Einkaufsverhandlungen und zukünftig auch die Bezugsmöglichkeiten weiter erschweren werden. VNG ist in diesem Beschaff ungsprozess jedoch bestens aufgestellt.

Philipp: Die immer kürzer werdenden Laufzeiten von Lieferverträgen zwischen VNG und ihren Kunden, die vom Bundeskartellamt gefordert werden, stehen in keinem Verhältnis zu den langfristig gebundenen Erdgasmengen, die für eine sichere Versorgung notwendig sind. In der Perspektive werden diese Entwicklungen dazu führen, dass die Produzenten selber immer stärker direkt in die Verbrauchsmärkte gehen und tiefer in die Wertschöpfungskette einsteigen. Eine Lösung dieser Problematik ist derzeit vor dem Hintergrund der geforderten Veränderungen aus Brüssel und Berlin nicht sichtbar. Bleibt VNG in diesem neuen Marktgefüge der wichtige Erdgasimporteur, der er bisher war? Diekmann: VNG befindet sich traditionell in der Rolle des Großhändlers, der die Nachfrage bündelt und dem Produkt Erdgas die benötigte Mengenstruktur gibt. Somit ist der importierende Großhändler das natürliche Gegengewicht zum Produzenten. Leider hat die Politik in jüngster Vergangenheit die relative Verhandlungsposition der traditionellen Importeure geschwächt und das Kräftegleichgewicht zu Gunsten der

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Philipp: Wir gehen davon aus, dass die bisher laufenden Verträge mit Russland im Zeitraum beginnend ab 2020 verlängert werden und somit eine sichere Versorgung in Deutschlands bis 2050 gewährleistet werden kann. Die Laufzeiten solcher Importverträge betragen in der Regel immer circa 20 Jahre. An diesem Prozedere wird sich unserer Meinung nach auch zukünftig nichts ändern. Werden Preise für Erdgas im Import auch nach 2020 noch ölpreisgebunden sein?

Wie ist das gemeint?

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Die Kontrakte, die VNG mit ihren russischen Lieferanten geschlossen hat, laufen zunächst bis 2030. Inwieweit planen Sie jetzt schon für die Zeit danach?

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Diekmann: Öl ist und bleibt die Leitwährung auf den Energiemärkten, zumindest was den Upstream-Bereich betriff t. Warum? Philipp: Weil die Vergleichbarkeit zum Öl weiterhin gegeben ist und der Rohstoff deshalb zwischen einheimischen Importeuren und ausländischen Produzenten als Vergleichsenergieträger herangezogen wird. In Teilen unserer Verträge sind aber jetzt schon andere Konkurrenzenergieträger enthalten, insbesondere die Kohle. Unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit sind langfristige Verträge mit einer ölpreisgebundenen Preisformel allerdings nicht wegzudenken. Gilt die Ölpreisbindung auch für LNG-Verträge? Witt: Die überwiegend langfristigen LNG-Verträge orientieren sich an den Preisbildungsmechanismen der Zielabsatzmärkte. Das heißt, es existieren sowohl ölpreisgebundene als auch gaspreisindizierte LNG-Langfristlieferungen. Die Tendenz zu gaspreisindizierten LNG-Lieferungen wird sich in diesem Bereich weiter verstärken.

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Spotlieferungen werden bereits heutzutage überwiegend auf Basis von Gasnotierungen in den jeweiligen Märkten gehandelt. Mit Norwegen bestehen Lieferverträge bis Thomas Witt: 2022. Brauchen wir da„Die Tendenz zu gaspreisinnach überhaupt noch dizierten LNG-Lieferungen neue Verträge? Immerwird sich in diesem Bereich hin soll die Eigenproweiter verstärken.“ duktion von Erdgas in Norwegen ab spätestens 2014/2015 erfolgreich laufen. Diekmann: Mein Renteneintrittsalter erreiche ich erst im Jahr 2042, also bis dahin sollten wir noch verlängern. Spaß beiseite. Norwegen wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Beschaff ungsportfolio der VNG spielen, sowohl durch Eigenförderung als auch durch Verträge mit den Produzenten von Erdgas. Die Langfristverträge sind wie eine Ehe, man sollte die Liebe immer wieder erneuern, Streit wird es immer mal geben. Eine Scheidung ist der letzte Ausweg und durchaus teuer und bitter für beide Seiten. Also die goldene Hochzeit mit den norwegischen Produzenten wäre dann in 2043. Im Mittelpunkt der VNG-Einkaufsstrategie steht der Begriff Diversifizierung. Warum legt VNG einen so großen Wert darauf?

Herr Witt, bisher hat VNG zur Diversifizierung ihres Einkaufsportfolios lediglich neue Lieferanten aufgenommen, die ausschließlich über Pipelines liefern. Welche strategischen Ziele verfolgt sie jetzt mit dem Einkauf von LNG-Mengen? Witt: Wir sehen im Bezug von LNG drei strategische Ziele für die VNG: 1. als weitere Möglichkeit zur Diversifizierung des Einkaufsportfolios, 2. als langfristige Sicherung von neuen auch weiter entfernten Gasbezugsquellen und 3. als Möglichkeit zum Eintritt in neue Gasabsatzmärkte. Warum tun sich die großen Gasgesellschaften aus Europa nach wie vor so schwer dabei, einen Fuß in die Tür der LNG- Verkaufsmärkte zu setzen? Witt: Weil es im LNG-Markt eben eine sehr große Nachfrage gibt. LNG ist, ähnlich wie Öl, ein Produkt, dass global gehandelt wird. Entsprechend höher ist deshalb der Wettbewerb um die aktuell limitierten freien LNG-Ressourcen. Das liegt vor allem daran, dass etliche der geplanten neuen Verflüssigungsanlagen einen Realisierungsverzug von mehr als 2 Jahren haben. Auch der Einfluss der Hochpreismärkte wie Japan, USA, Indien und China, die geografisch bedingt hauptsächlich LNG beziehen, ist deutlicher spürbar. VNG hat bereits LNG-Spotmengen gekauft. Wann werden die ersten langfristigen Mengen abgewickelt?

Diekmann: Auf den internationalen Beschaff ungsmärkten sind zwei Trends zu erkennen. Zum einen sind ein immer größerer Teil der Erdgasreserven in der Hand staatlicher Unternehmen, zum anderen gab es in den letzten Jahren eine Vielzahl von Zusammenschlüssen bei den so genannten

Witt: Bei VNG gehen wir zurzeit davon aus, dass sich für den Bezugszeitraum nach 2014 eher Möglichkeiten für den langfristigen Bezug von LNG ergeben werden. Kurzfristig bestehen bereits seit geraumer Zeit Möglichkeiten, LNG hinzuzukaufen. Unser Ziel muss es aber sein, diese Mengen langfristig zu binden.

unabhängigen Öl- und Gasgesellschaften (ExxonMobil, BP Amoco, ConocoPhillips etc.). Daher ist VNG bestrebt, die Zahl der Partner wenigstens konstant zu halten und möglichst zu erweitern. Die Diversifizierung ist und bleibt eine wichtige Voraussetzung für die sichere und preiswerte Versorgung mit Erdgas.

Anfang August 2008 hat E.ON Ruhrgas als Hauptanteilseigner an der DFTG – Deutsche Flüssigerdgas Terminal Gesellschaft mbH bekannt gegeben, ihre geplanten Aktivitäten zum Bau des LNG-Regasfizierungsterminals in Wilhelmshaven vorerst zu bremsen. Was wird nun daraus?

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Einkaufstour auf dem Erdgasweltmarkt

Witt: Als erstes muss man sagen, dass die Anfang August diesen Jahres getroffene Entscheidung keine Entscheidung gegen den möglichen LNG Standort der DFTG in Wilhelmshaven ist. Allerdings hat das im Juli des vergangenen Jahres begonnene Ausschreibungsverfahren (Open Season) für Terminalkapazitäten in Wilhelmshaven gezeigt, dass die Zeit für ein deutsches Terminal in der geplanten Größenordnung von mehr als 10,0 Mrd. m³/a noch nicht gekommen ist. Unabhängig davon wird das laufende Genehmigungsverfahren fortgeführt. DFTG rechnet noch im III. Quartal mit einem positiven Genehmigungsentscheid. Der Standort Wilhelmshaven bleibt somit eine wichtige Zukunftsoption für VNG. Marco Penzhorn:

Wo liegt die Ursache für das fehlende Interesse?

„Im Gegensatz zu den in langfristigen Importverträgen üblichen Preisanbindungen an Ölpreisnotierungen bilden sich die Gaspreise an den sich entwickelnden Handelsplätzen und Gasbörsen durch Angebot und Nachfrage für die jeweiligen Handelsprodukte.“

Witt: Zu wenige Shipper 1 sind zurzeit daran interessiert, Terminalkapazitäten für 15, 20 oder mehr Jahre fest zu buchen. Hauptgrund dafür ist, dass zurzeit das Angebot von LNG-Lieferungen der Nachfrage hinterher-„hinkt“ und damit ein hohes Risiko von leerstehenden Kapazitäten für die Shipper besteht. Ruhen mit der Entscheidung von E.ON Ruhrgas auch die LNG-Pläne der VNG? Witt: Die Entscheidung, mit dem Bau des Terminals vorerst nicht zu beginnen, bedeutet für VNG, dass sie die Thematik LNG trotzdem weiter verfolgt. Neben dem Standort Wilhelmshaven gibt es für die VNG noch eine weitere Reihe von bereits existenten bzw. geplanten LNG-Regasifizierungsstandorten, deren Optionen bereits evaluiert wurden und die weiterhin für ein Engagement der VNG zur Disposition stehen.

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Stichwort Handelsmärkte. Herr Penzhorn, wo sehen Sie den großen Vorteil dieser Beschaff ungsmöglichkeiten?

Ein Shipper ist ein Kunde, der die Kapazität erwirbt und nutzt.

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Penzhorn: Der Gashandel mit Standardprodukten hat sich an den europäischen Handelsplätzen in Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und zunehmend auch in Deutschland und Frankreich positiv entwickelt. Ein wesentlicher Vorteil von Handelsmärkten und Börsen ist die Bündelung von Liquidität und die steigende Preistransparenz. Deshalb sind neben Erdgasproduzenten, Erdgasgroßhändlern wie VNG und Regionalversorgern auch zunehmend Finanzinstitute und Industriekunden an den Handelsmärkten aktiv. Starke Preisausschläge nach oben und unten machen das Geschäft an den Handelsplätzen und Gasbörsen im Gegensatz zu langfristigen Verträgen allerdings riskanter. Warum ist das Geschäftsfeld für Importeure wie VNG dennoch so wichtig? Penzhorn: Im Gegensatz zu den in langfristigen Importverträgen üblichen Preisanbindungen an Ölpreisnotierungen bilden sich die Gaspreise an den sich entwickelnden Handelsplätzen und Gasbörsen durch Angebot und Nachfrage für die jeweiligen Handelsprodukte. In der Folge können sich – insbesondere bei sehr kurzfristigen Handelsprodukten wie z. B. Tageslieferungen im Spotmarkt – sehr volatile Marktpreise ergeben. Diese Marktpreisbewegungen bieten Importgesellschaften mit einem substanziellen Beschaffungs- und Absatzportfolio sowie Flexibilitäten aus langfristigen Bezugsverträgen und Speichernutzung zusätzliche Möglichkeiten zur Portfoliooptimierung. Trotz stetig wachsender Handelsvolumina an den virtuellen Handelspunkten und den Börsen decken die aktuellen Handelsmengen derzeit jedoch nur einen geringen Teil des tatsächlichen Gasbedarfs in Deutschland ab. Bisher nutzt VNG den standardisierten Gashandel, um ihr Bezugs- und Absatzportfolio weiter zu optimieren. Welche Rolle spielt neben der Portfoliooptimierung der Arbitragehandel? Penzhorn: Das aus Gaslieferverträgen, Transportund Speicherkapazitätsbuchungen bestehende Portfolio der VNG wird aktiv bewirtschaftet und

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optimiert und dafür werden zunehmend die Möglichkeiten des standardisierten Gashandels eingesetzt. Bereits heute werden nicht ausgelastete Portfoliobestandteile auch genutzt, um an Arbi-

Penzhorn: Ich sehe die Entwicklung ähnlich. Die Gasbeschaff ung in zwanzig Jahren wird geprägt sein durch eine überschaubare Anzahl von global agierenden Öl- und Gasproduzenten, sich vor dem

tragemöglichkeiten aus Preisdifferenzen zwischen verschiedenen Handelsmärkten (örtliche Arbitrage) und verschiedenen Lieferperioden (zeitliche Arbitrage) zu partizipieren. Mit zunehmender Marktentwicklung und -transparenz ist davon auszugehen, dass sich die Preisentwicklungen an den einzelnen Handelsmärkten mittelfristig

Hintergrund des weltweit steigenden Energiebedarfs verknappende fossile Energieressourcen und in der Folge durch ein im Vergleich zu heute erhöhtes, zunehmend zwischen den Kontinenten angeglichenes Preisniveau und einem aktivem Handel mit standardisierten Handelsprodukten an wenigen preisführenden Handelsmärkten. Ein

weiter angleichen werden. In der Folge werden die Arbitragemöglichkeiten zwischen verschiedenen Marktgebieten reduziert bzw. sich nur ergeben, wenn sich auch die Fundamentaldaten (z. B. eingeschränkte physischen Transportmöglichkeiten aufgrund von Wartungsarbeiten) entsprechend verändert haben. Auch in Zukunft wird VNG Erträge aus Arbitragegeschäften zur Portfoliooptimierung realisieren, jedoch nicht auf spekulativer Basis, sondern jeweils auf Basis der Marktmöglichkeiten in Verbindung mit den Flexibilitäten des physischen Portfolios der VNG.

möglichst diversifiziertes Beschaff ungsportfolio bestehend aus langfristigen Gasbezugsverträgen, eigenen Fördermengen, Transportkapazitäten und in Ergänzung einem aktiven Commodity-Handel mit Erdgas, Ölprodukten und Transportrechten werden notwendig sein, um in der komplexen Welt der Gasbeschaff ung der Zukunft bestehen zu können.

Wir bitten Sie noch um eine letzte Einschätzung: wie wird Ihrer Meinung nach die Gasbeschaff ung in zwanzig Jahren aussehen?

Witt: Im LNG-Markt entwickeln sich die bisher regional getrennten Märkte Europa, Nordamerika und Südostasien zunehmend zu einem Weltmarkt – ähnlich dem Rohölmarkt. Der Anteil des LNG’s am weltweiten Erdgasverbrauch könnte somit von heute ca. 9 % im Jahr 2020 auf dann bis zu 20 % steigen. Zu den wichtigsten Exportländern für LNG könnten sich die Länder des Nahen Ostens, Venezuela, Australien sowie ggf. auch Russland und Norwegen entwickeln. Durch die stetig steigende Wettbewerbsfähigkeit von LNG werden zukünftig immer mehr Mengen an verflüssigtem Gas in europäischen Regasifizierungsterminals angelandet werden. Der Bezug von LNG wird in Europa und auch in Deutschland die „klassischen“ Gaslieferungen über langfristige Lieferverträge ergänzen. Dieser Trend wird sich mittelfristig positiv auf die Versorgungssicherheit auswirken. Die Gasbeschaffung via Pipeline wird sich neben den bestehenden Lieferländern weiter auf die Regionen in Nordafrika ausdehnen.

Philipp: Die Gasbeschaff ung wird sich nicht vereinfachen, weil die Weltbevölkerung und deren Energiehunger wachsen. Erdgas ist ein anwenderfreundlicher Energieträger, der von vielen neuen Anwendern nachgefragt wird. Im Handel mit Erdgas werden sich in den nächsten Jahren die Handelsmöglichkeiten von kurzfristigen Mengen an den jetzt schon sehr liquiden Hubs weiter verbessern. Trotzdem glaube ich, dass die Bedeutung der Langfristverträge nicht wesentlich abnehmen wird. Meiner Meinung nach wird sich ein Verhältnis von Langfrist- und Kurzfristkontrakten von 80 zu 20, maximal von 70 zu 30 herausbilden. Einen größeren Anteil von Kurzfrist- bzw. Spotlieferungen am Gesamtportfolio auch unter dem Aspekt der sicheren Versorgung sehe ich nicht.

Und die Gasbeschaffung im LNG-Bereich: wohin wird sie sich in zwanzig Jahren entwickelt haben?

Wie sehen Sie das aus Sicht des standardisierten Gashandels?

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Gastbeitrag

Die Rolle der EEX im deutschen Erdgasmarkt Dr. Hans-Bernd Menzel, Vorstandsvorsitzender der European Energy Exchange AG Neue Beschaff ungsmöglichkeiten für Erdgas, etwa an den Großhandelsplätzen, an virtuellen Handelspunkten oder an der Gasbörse der EEX geben den Energieversorgern neue Möglichkeiten, um ihre Preise optimal und flexibel zu gestalten. Dr. Hans-Bernd Menzel, Vorstandsvorsitzender der EEX AG, ist sich sicher, dass sich dadurch die Preistransparenz und die Konsolidierung im Handel erhöhen. Im medium gas zieht er gleichzeitig eine positive Bilanz aus einem Jahr Gashandel an der EEX. Die European Energy Exchange AG (EEX) hat sich seit ihrer Gründung 1 in 2002 erfolgreich von der „deutschen Strombörse“ hin zu der europäischen Energiebörse entwickelt. Der in der EEX Spotmarkt-Auktion ermittelte Index Phelix (Physical Electricity Index) ist der Referenzpreis im europäischen Strom-Großhandel und das Underlying für den Kernmarkt der EEX, den Terminmarkt für Strom. Die EEX betreibt nicht nur einen Spot- und Terminmarkt für Strom, sondern einen Marktplatz für ein breites Spektrum an Energie und energienahen Produkten: Erdgas, CO2 -Emissionsberechtigungen und Kohle.

Dr. Hans-Bernd Menzel

Die EEX startete im Juli 2007 den börslichen Handel mit H-Gas 2 sowohl im Spotmarkt als auch im Terminmarkt. Mit den Marktgebieten E.ON GT und BEB deckt die EEX etwa 60 Prozent des gesamten deutschen H-Gas-Marktvolumens ab und gibt Handelsteilnehmern die Möglichkeit, in weiten Teilen des deutschen Gasnetzes aktiv zu sein. Vor der Einführung des Erdgashandels an der EEX wurde in Deutschland meist über langfristigen Lieferverträgen gehandelt, kurzfristige Geschäfte konnten nur bilateral am OTC-Markt

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abgeschlossen werden. Einen allgemein anerkannten einheitlichen Marktpreis für Erdgas (wie in Großbritannien) gab es bis dahin in Deutschland noch nicht. Die Vorteile des börslichen Handels für den deutschen Gasmarkt liegen auf der Hand: Durch die Veröffentlichung von Preisen und Volumina trägt die EEX erheblich zur Transparenz des Gasmarktes und damit zur Fairness des Marktgeschehens bei. Darüber hinaus wird im börslichen Handel die Anonymität gewahrt, was eine Gleichbehandlung aller Handelsteilnehmer – ob groß oder klein – garantiert. Gemeinsam mit den Übertragungsnetzbetreibern stellt die EEX die physische Lieferung der Ware sicher. Die sichere und professionelle Abwicklung aller Transaktionen, das so genannte Clearing und Settlement, wird durch die European Commodity Clearing AG (ECC), dem Clearinghaus der EEX, gewährleistet. Die Bilanz nach einem Jahr Erdgashandel an der EEX fällt positiv aus: Insgesamt wurde innerhalb des ersten Jahres am Spotmarkt ein Volumen von 800.120 MWh und am Terminmarkt ein Volumen

Fusion der beiden deutschen Strombörsen LPX Leipzig Power Exchange, Leipzig, und EEX European Energy Exchange, Frankfurt/Main Bei H-Gas handelt es sich um hoch kalorisches (high caloric) Gas mit einem Methananteil zwischen 87 und 99,1 Volumenprozent. Das überwiegend aus inländischer Förderung stammende so genannte L-Gas (low caloric) stellt nur einen geringen Anteil des deutschen Gesamtbedarfs dar und wird nicht an der Börse gehandelt.

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von 10.048.331 MWh gehandelt. Im Juli erreichte der Handel einen neuen Rekord: Das Volumen am Spot- und Terminmarkt (Marktgebiete BEB und E.ON GT) hat sich mit 3.954.989 MWh gegenüber dem Vormonat (1.734.760 MWh) mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der Handelsteilnehmer nimmt kontinuierlich zu. Bei der Aufnahme des börslichen Erdgashandels waren 26 Händler an der EEX registriert, heute liegt die Zahl der Handelsteilnehmer bereits bei 53. Weitere Unternehmen befinden sich im Zulassungsprozess. Das Spektrum der Handelsteilnehmer ist breit: Neben Gashandelsunternehmen sind auch Gasimporteure, Produzenten und Verbraucher an der Börse aktiv. Außerdem beteiligen sich auch Stadtwerke und Industriebetriebe am Gashandel der EEX. Ein deutlicher Beleg für das wachsende Interesse am börslichen Erdgashandel ist die große Nachfrage nach Händlerschulungen aus Gasunternehmen. Die EEX hat die Weichen für die weitere Entwicklung dieses noch jungen Marktes gestellt. Neben der Reduzierung der Transaktionsentgelte wurden die täglichen Handelszeiten am Spot- und Terminmarkt verlängert. Seit März ermöglicht die EEX die Registrierung von außerbörslich abgeschlossenen Erdgashandelsgeschäften auf Basis von 1 MW Kontraktgrößen. Damit können über das OTC-Clearing auch kleinere Geschäfte abgewickelt werden. Bereits Ende Februar führte die ECC ein Cross-Margining für die Erdgas-Futures an den Handelspunkten BEB, E.ON Gastransport und TTF ein. Damit wird die Summe der zu hinterlegenden Sicherheiten im Clearinghaus (Margins), für die Teilnehmer, die an mehreren Handelspunkten tätig sind, deutlich reduziert. Ermöglicht wurde diese Einführung durch die hohe Korrelation der Gaspreise an diesen Handelspunkten, die sich seit dem Start des Gashandels an der EEX entwickelt hat.

die EEX die Einführung von Seasons-Kontrakten (Halbjahreskontrakte), um ein im Gashandel übliches Produkt an die Börse zu holen. Langfristig will die EEX den Erdgashandel zum zweiten Standbein neben dem Stromhandel ausbauen. Dies beinhaltet auch die Generierung eines unabhängigen Erdgas-Referenzpreises (so wie der „Phelix“ im Stromhandel). Die Erfahrungen aus dem Strommarkt zeigen, dass es zunächst wichtig ist, Liquidität im nationalen Markt aufzubauen und den Handel zu etablieren. Mit mehr als 200 Handelsteilnehmern aus 20 Ländern ist die EEX heute die teilnehmer- und umsatzstärkste Energiebörse Kontinentaleuropas. Hinsichtlich der Wachstumsintensität und des Expansionstempos liegt sie europaweit an der Spitze. Die Kooperation mit der französischen Energiebörse Powernext befindet sich derzeit in der Umsetzungsphase. Bis Ende September 2008 wird es die gemeinsame Gesellschaft der EEX und der Powernext für den Strom-Spotmarkt geben. Die Zusammenführung des Terminhandels ist für das kommende Jahr geplant. Etwa zwei Drittel der Handelsteilnehmer kommen aus dem Ausland. Die EEX ist eine vollständig regulierte Börse. Der Handel unterliegt intensiver Überwachung durch die Handelsüberwachungsstelle, die direkt an die Börsenaufsicht des Freistaates Sachsen sowie an den Börsenrat berichtet. Über diese gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen hinaus sorgt die EEX mit einer Vielzahl von Maßnahmen immer wieder für mehr Transparenz im Energiehandel und setzt auch hier internationale Standards.

Dr. Hans-Bernd Menzel

Auch zukünftig wird die EEX den Gasmarkt weiter entwickeln, um die Aussagekraft des Preisindexes weiter zu steigern. Dazu gehört die Erweiterung der handelbaren Produkte: Derzeit prüft

Hans-Bernd Menzel ist seit dem 1. November 2002 Vorsitzender des Vorstands der in Leipzig ansässigen European Energy Exchange AG (EEX) und Börsengeschäftsführer der European Energy Exchange. Zuvor war er geschäftsführender Gesellschafter einer renommierten Unternehmensberatungsgesellschaft in Frankfurt am Main.

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Aufbruch zu neuen Ufern Seit Anfang 2007 ist VNG mit einem Büro in Neu-Isenburg aktiv. Die erste Niederlassung außerhalb des ostdeutschen Heimatmarktes wird nicht die Einzige bleiben, sind sich Olaf Schneider, Direktor Gasverkauf Versorgungsunternehmen bei VNG und Dr. Markus Spitz, Leiter Verkaufsdirektion Westdeutschland, sicher. Wir sprachen mit beiden darüber, wie sie gerade die Möglichkeiten des Vertriebs außerhalb des eigenen Versorgungsgebietes ausloten, ohne dabei die Bedürfnisse der bestehenden Kunden zu vernachlässigen.

Ein starkes Team für Deutschland: Gasverkauf Versorgungsunternehmen der VNG.

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Das Geschäft, es läuft gut in Neu-Isenburg! Anders ist es nicht zu erklären, dass das erste Verkaufsbüro der VNG außerhalb ihres ehemaligen Stammmarktes in Ostdeutschland ein Jahr nach Eröff nung bereits deutlich über einem Dutzend Neukunden und einen Gasabsatz in zweistelliger Terrawatt-Stundenzahl zu vermelden hat. Seit Anfang 2007 sind die Vertriebsmitarbeiter – anfangs war es einer, derzeit sind es fünf – in NeuIsenburg auf der Jagd nach neuen Kunden für die Lieferung von Zweit- und Drittmengen. Allein in diesem Jahr haben sie bereits weit über 150 Angebote erstellt und eine Vielzahl neuer Kunden gewonnen. Das Spektrum reicht von kleineren Stadtwerken bis hin zu sehr namhaften kommunalen Unternehmen aus dem Stadtwerks- und Weiterverteilerbereich. Während man sich in Neu-Isenburg gerade die ersten Sporen bei kommunalen Versorgern verdient, beliefert VNG in Ostdeutschland diese Kundengruppe bereits seit vielen Jahren. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit ihnen weiß das Unternehmen auch, welche Sorgen und Anforderungen kommunale Versorger im Wettbewerb haben. „Egal ob Ost oder West – Stadtwerke und Regionalgesellschaften stehen heute unter strenger Beobachtung durch Politik und Kunden. Sie müssen ihre Einkaufspreise fortwährend rechtfertigen und gegenüber ihren Konkurrenten mit besseren und transparenteren Lieferbedingungen ankommen“, erklärt Olaf Schneider die derzeitige Situation im Endkundenmarkt. Vor diesem Hintergrund wächst bei vielen kommunalen Versorgern der Wunsch nach strategischen Portfolios und schlanken Lieferketten, damit sie in ihren Entscheidungen und Vertragsgestaltungen flexibler werden können. Weil sich VNG in Ostdeutschland seit 1990 als zuverlässiger Vorlieferant für Stadtwerke und Industriebetriebe etabliert hat und sich im jahrelangen Miteinander eine hohe kommunale Kom-

Dr. Markus Spitz und Olaf Schneider „über den Dächern von Leipzig“.

petenz aufbauen konnte, fiel der Schritt in Richtung der Neuen Marktgebiete nicht schwer. Mitte 2006 gab der frühere Verkaufsvorstand der VNG, Wolfgang F. Eschment, das Signal zum Aufbruch, ein halbes Jahr später war der Vertrieb in Neu-Isenburg startklar. Dass der Gasverkauf im fremden Markt trotzdem nicht so einfach ist, davon kann

Dr. Markus Spitz ein Lied singen. Anfangs kämpfte der gebürtige Pfälzer mit vielerlei Unkenntnis. Zwar war VNG als Unternehmen mit gutem Ruf im Westen bekannt, allerdings bezweifelten viele die strukturierten Beschaff ungsmöglichkeiten außerhalb Ostdeutschlands. Da galt es für Spitz und sein Team, die neuen Kunden vom Potenzial der VNG zu überzeugen und sie als echte Alternative aufzubauen. „Während unsere Kunden in Ostdeutschland seit vielen Jahren die Leistungsfähigkeit von VNG kennen, mussten wir diesen Bonus in dem neuen Marktgebiet erst einführen und bestätigen sowie auf besondere Kundenbedürfnisse dort abstimmen“, verdeutlicht Spitz die anfänglichen Schwierigkeiten. Trotz der Unkenntnis und der großen Wettbewerbervielfalt verbuchen Spitz und seine Kollegen seit der Büroeröff nung schnelle Erfolge. Den Grund sieht Spitz vor allem im Rückhalt der VNG als anerkannten Erdgasimporteur. „Wir punkten bei neuen Kunden vor allem mit dem Argument Versorgungssicherheit. Viele schauen auf langfristige Lieferverträge und eigene Explorationsvorhaben. Das ist unser großer Bonus gegenüber den hiesigen regionalen Ferngasunternehmen“, so Spitz.

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über strukturierte Lieferungen fester oder variabler Mengen bis hin zur Übernahme des Portfoliomanagements.

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Hinzu kommt die große Produkt- und Preisgestaltungsvielfalt, die VNG aufgrund ihres strategischen Einkaufsportfolios aus Langfristverträgen und kurzfristigen Handelsoptionen anbieten kann. „Während wir im Einkauf an die Konkurrenzenergie Heizöl gebunden sind, kann der Kunde bei den Gaslieferverträgen selber wählen, an welchen Referenzpreis er seine Mengen bindet“, erklärt Schneider. Mit solchen flexiblen Möglichkeiten der Vertragsgestaltung können die Kunden von VNG in Ost und West ihre individuellen Marktstrategien verfolgen und angesichts der hohen Volatilität der Beschaff ungspreise am Weltmarkt im Wettbewerb um Endkunden bestehen. „Das Ziel ist in jeder Hinsicht, Risiko und Aufwand so weit wie möglich zu streuen und dabei trotzdem höchste Zuverlässigkeit und individuelle Risikoabsicherung zu gewährleisten“, so Schneider weiter. Zu diesen Lösungen zählen Produkte von der klassischen Vollversorgung

Haben innerhalb von anderthalb Jahren mehr als ein Dutzend neuer Kunden in Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg von den Vorteilen der VNG überzeugt: das Team in Neu-Isenburg mit Michael Theiß, Anke Wenzel, Werner Lembach und Dr. Markus Spitz (nicht im Bild: Alois Blos).

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Dass VNG in Neu-Isenburg mittlerweile zu einer festen Größe im regionalen Gasgeschäft geworden ist, führen die beiden Vertriebsprofis der VNG aber nicht nur auf Einkaufsportfolio und Produktvielfalt zurück. Auch die Präsenz vor Ort ist ihrer Meinung nach ein wichtiger Erfolgsfaktor im Markt. „Weil die Marktstrategien unserer Kunden in Ost und West immer komplexer werden, steigt der Beratungsbedarf im Gasvertrieb kontinuierlich an“, erklärt Schneider. „Flagge zeigen ist deshalb umso wichtiger. Die Präsenz in Neu-Isenburg erlaubt uns, unseren Service weiter zu verbessern, indem wir so nah wie möglich am Kunden sind“, ergänzt Spitz. Für die beiden Vertriebsmanager der VNG ist der Trend für die nächsten Jahre ganz klar: „In Zukunft soll sich die regionale Ausrichtung und damit die Nähe zum Kunden im gesamten Vertriebsgebiet der VNG weiter verbessern.“ Ostdeutschland wird immer im besonderen Fokus der VNG stehen, hier ist das Unternehmen verwurzelt und wird weiter die langjährigen Vertragsbeziehungen pflegen. Trotzdem entwickelt sich Deutschland immer mehr zum neuen Homeland. Von den regionalen Netzen, die VNG sowohl in Ostdeutschland als auch in neuen Marktgebieten aufbauen will, sollen dann alle bestehenden und potenziellen Kunden zukünftig noch stärker profitieren. „Unser Motto ist Kundenbindung durch Verbundenheit. Wir wollen die Beziehungen zu allen bestehenden und potenziellen Kunden festigen und ausbauen und vor Ort mit ihnen nach individuellen Lösungen suchen. Dafür bauen wir uns gerade deutschlandweit ein engeres Vertriebsnetz auf“, fast Schneider seine Arbeitsschwerpunkt für die nächsten Jahre zusammen. Eine neue Verkaufsstrategie sei das nicht. VNG wolle ihre Möglichkeiten im liberalisierten Markt nutzen und sich als Zweit- und Drittlieferant bewähren, so Schneider. Der Druck auf den Vertrieb der VNG wird damit in Zukunft sicherlich nicht geringer. Die bisherigen Erfolge lassen aber zumindest Positives für die Zukunft hoffen. Mandy Nickel, Redaktion

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Regionaler Erdgashandel unter neuen Herausforderungen? Dr. Jens Horn, MITGAS-Geschäftsführer Auf der Import- und Weiterverteilerebene herrscht seit über vier Jahren ein reger Wettbewerb. Großkunden in der Industrie, aber auch Stadtwerke können sich den günstigsten Lieferanten auswählen. Seit 2006 haben jetzt auch Endkunden die Möglichkeit, einen Anbieter frei zu wählen. Allein in Leipzig agieren laut Verivox fünf Erdgasanbieter auf dem Endverbrauchermarkt. Einer von ihnen ist MITGAS. Seit 2000 hat sich das Unternehmen zum größten regionalen Gasversorger in den neuen Bundesländern entwickelt – mit Kunden sowohl im Privatkunden- als auch im Industriebereich. Dr. Jens Horn, Geschäftsführer von MITGAS und Sprecher des Forum Erdgas berichtet darüber, wie es seinem Unternehmen seither im Wettbewerb ergangen ist und wie es zukünftig am Markt weiter erfolgreich wachsen kann. Dr. Jens Horn

In der deutschen Erdgaswirtschaft wurden in den vergangenen Jahren die Weichen für den Wettbewerb gestellt. Kunden können jetzt ihre Anbieter frei wählen. Das bedeutet mehr Eigenverantwortung – aber auch mehr Möglichkeiten, sowohl für Verbraucher als auch Gasversorger. Während der Wettbewerb um Großkunden bereits seit Jahren sehr stark ausgeprägt ist, wächst der Wettbewerb um Haushaltskunden im rasanten Tempo. Um im sich wandelnden Markt bestehen zu können, stützt sich die MITGAS Mitteldeutsche Gasversorgung GmbH auf verschiedene Pfeiler. Für die verschiedenen Zielgruppen – wie Industriekunden, Privat- und Gewerbekunden sowie Kommunen – Das Grundversorgungsgebiet der MITGAS

existieren unterschiedliche Betreuungsansätze. Die jeweiligen Kunden werden entsprechend ihrer Ansprüche umfassend betreut. MITGAS steht ihnen als kompetenter Partner in allen Fragen rund um Erdgas beratend zur Seite. Wettbewerb um Industriekunden Für Industriekunden hält MITGAS interessante Angebote bereit, die auf die individuellen Anforderungen zugeschnitten sind. So betreuen mehrere Key-Accounter den Vertriebsbereich Ostdeutschland. Sie besuchen und beraten die Kunden direkt vor Ort. Um die Key-Account-Manager zu entlasten, bereiten im Hintergrund Back-Office-Mitarbeiter Angebotsschreiben vor, kalkulieren Mengen und kümmern sich um alle organisatorischen Fragen. Durch diese Arbeitsteilung können Großkunden optimal betreut werden. Die enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Bereich Beschaff ung garantiert, dass Angebote zeitnah mit fairen und marktfähigen Preisen erstellt werden können. Externe Vertriebsgebiete für Privatkunden Vor zwei Jahren hat MITGAS außerhalb ihres angestammten Grundversorgungsgebietes erstmals in Köthen Erdgas für Privatkunden angeboten. Danach erfolgte der erfolgreiche Markteintritt in Leipzig. Mittlerweile können sich Verbraucher in vielen Regionen Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Mecklenburg-Vorpommerns für MITGAS entscheiden. Der Vorteil dabei: Eine Preis-

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garantie bis zum 31. Dezember 2009. So sichern sie sich gegen Preiserhöhungen ab und haben ihre Kosten im Blick. Inzwischen sind bereits über 3.000 Kunden zur MITGAS gewechselt. Paketangebote für jeden Anspruch Auch innerhalb des Grundversorgungsgebietes kümmert sich MITGAS um ihre Kunden. Neben den Allgemeinen Preisen und dem Sonderabkommen Classic-Paket hat MITGAS Pakete für die unterschiedlichsten Bedürfnisse geschnürt. So werden in dem Familien-Paket – wie der Name schon sagt – Familien je nach Anzahl der Kinder mit einem jährlichen Bonus von bis zu 900 Kilowattstunden unterstützt. Verbraucher, die das Bonus-Paket wählen, erhalten ein Scheckheft mit dem ihnen jährlich 40 Euro für Wartung, Reparatur und Neuerwerb ihrer Gasgeräte erstattet werden. Damit erhalten sie Sicherheit in der Vor- und Nachsorge. Zusätzlich stehen Verbrauchern noch das Plus-Paket und das Treue-Paket zur Auswahl. Seit einigen Monaten bietet MITGAS für umweltbewusste Kunden ein Bioerdgasprodukt an, bei dem fünf Prozent Bioerdgas dem herkömmlichen Erdgas beigemischt werden. Das Bioerdgas kommt aus der ersten ostdeutschen Aufbereitungsanlage für Bioerdgas in Könnern. Jährlich werden 42 Millionen Kilowattstunden Bioerdgas ins Gasnetz eingespeist.

Partner der Kommunen Traditionell kümmert sich MITGAS intensiv um kommunale Belange und steht den Kommunen als kompetenter Ansprechpartner zur Seite. Die öffentliche Hand ist Anteilseigner von MITGAS, so dass neben regionaler Wertschöpfung ein Teil der Gewinne in der Region verbleibt. Diese Bemühungen werden zukünftig intensiviert und ein Stab Kommunalmanagement integriert, welcher direkt der Geschäftsführung unterstellt ist. Damit erhalten die Kommunen einen direkten, zentralen Ansprechpartner, der sie beispielsweise beim Thema Energiewirtschaftsgesetz beraten kann. Er koordiniert, plant und steuert alle Aufgaben. Als langjähriger Partner kennt MITGAS die bestehenden Konzessionen und auch die rechtlichen Rahmenbedingungen beim Abschluss neuer Konzessionsverträge.

welcher Stelle kostbare Heizenergie verschwendet wird. Je nach dem Ergebnis der Gebäudethermografie erhält der Verbraucher individuelle Hinweise, um diese Verluste zu vermeiden. Weiterhin ist der Energieausweis erhältlich und MITGAS berät zu Förderprogrammen und Finanzierungsmöglichkeiten.

Ausblick MITGAS hat ihre Chancen im liberalisierten Wettbewerb bisher genutzt und wird dies auch zukünftig tun. Um erfolgreich im Markt zu agieren, wird der Gasversorger weiterhin Produkte entwickeln, die sich an den Anforderungen der Kunden ausrichten. Qualifiziertes Personal und deren Weiterbildung sind ebenfalls wichtige Bausteine, um sich gegenüber anderen Wettbewerbern durchzusetzen. Darüber hinaus werden Prozesse innerhalb des Unternehmens überprüft, verbessert und die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Bereiche optimiert. Verbraucher werden immer mehr die Angebote der Gasversorger miteinander vergleichen und Entscheidungen neu treffen. Um das Vertrauen der Kunden zu erhalten, müssen Entscheidungen transparent gestaltet und der Öffentlichkeit sachliche Hintergrundinformationen gegeben werden. In der Energiebranche geht man von langfristig steigenden Preisen aus. Das liegt ganz klar an knappen Ressourcen und der großen Nachfrage. Länder wie Deutschland müssen zudem den Großteil ihres Bedarfs importieren und sind somit von den exportierenden Ländern abhängig. Dabei ist es eine immer wichtigere Aufgabe von Energieunternehmen, seine Kunden beim Energiesparen zu unterstützen. Das schont sowohl den Geldbeutel als auch die Umwelt.

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Vielfältige Energiesparmaßnahmen Neben diesen Angeboten unterstützt MITGAS ihre Kunden mit vielfältigen Energiesparmaßnahmen. Unter www.mitgas.de und als Beileger in den Rechnungen finden sich einfache Tipps und Tricks, mit denen sich der Energieverbrauch deutlich senken lässt. Aufgrund des großen Erfolges bietet MITGAS zusammen mit professionellen Partnern auch in diesem Jahr wieder zu sehr günstigen Preisen eine Gebäudethermografie an. Durch Infrarotlicht wird die eigentlich unsichtbare Wärmestrahlung von Gebäuden sichtbar, und es zeigt sich, ob und an

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Kurzprofil Die MITGAS Mitteldeutsche Gasversorgung GmbH ist der größte regionale Gasversorger der neuen Bundesländer. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen versorgt MITGAS rund 187 000 Kunden mit Erdgas, Flüssiggas und Wärme. Darüber hinaus ist das Unternehmen Vorlieferant für Stadtwerke in der Region.

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Aktuell | Markt |

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Gas verkaufen im Ausland Der ausländische Markt lockt. Egal ob Italien, Polen, Frankreich, Dänemark oder Österreich – viele Gasversorger bemühen sich zunehmend um einen europaweiten Vertrieb. Lutz Miedtank, Leiter Gasverkauf Ausland bei VNG, ist davon überzeugt, dass sich der überregionale Vertrieb nur lohnt, wenn man eine länderspezifische Strategie hat und nicht nur auf kurzfristige Erfolge setzt.

Herr Miedtank, im letzten Jahr eine Absatzsteigerung im Ausland um 80 Prozent, insgesamt einen Anteil von 11 Prozent am Absatz von VNG. Das ist unbestritten ein tolles Ergebnis. Wird sich dieser Trend auch zukünftig weiter fortsetzen? Mit der Absatzsteigerung um 80 Prozent im letzten Jahr haben wir die Latte für den Auslandsverkauf sehr hoch gelegt. Natürlich wollen wir 2008 dieses Absatzniveau wieder erreichen und in den Folgejahren weiter steigern. Darauf richten sich alle unsere Anstrengungen.

Beim Gasverkauf herrscht mittlerweile in ganz Europa ein harter Wettbewerb, vor allem auf der Großhandelsebene. Wie kann sich VNG gegenüber ihrer Konkurrenz behaupten? Indem wir jeweils eine länderspezifische Strategie fahren. Das heißt, dass wir nach einer eingehenden Marktanalyse versuchen, auf unterschiedlichen Wegen tiefer in den jeweiligen Markt einzudringen. In unseren größten ausländischen Absatzmärkten in Polen und Italien sind wir beispielsweise zweigleisig unterwegs. Zum einen bedienen wir dort die Großhandelsstufe, zum anderen entwickeln wir unsere Vertriebsaktivitäten auch über unsere

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Beteiligungen, die ihrerseits im Gashandelsprozess beziehungsweise in der Endversorgung tätig sind. Bei anderen Vertriebsansätzen, wie zum Beispiel in Frankreich, laufen unsere Aktivitäten über vertraglich gebundene und vor allem regional versierte Dienstleister. Für uns sind diese fundierten länderspezifischen Strategien das A und O, um uns gegenüber unseren Wettbewerbern zu behaupten.

Welche Rolle spielen die Auslandsbeteiligungen der VNG in dieser Strategie? Eine wichtige Rolle. Unsere Beteiligungen sind im Ausland unser verlängerter Vertriebsarm. Außerdem sind sie auch gleichzeitig potenzielle Kunden der VNG. Was sie für uns so unentbehrlich macht ist, dass sie direkt vor Ort sitzen, quasi das „Ohr am Markt“ haben. Sie wissen auch über die jeweiligen energiepolitischen und energiewirtschaftlichen Entwicklungen Bescheid. In vielen europäischen Märkten herrschen im Vergleich zum deutschen Markt noch unterschiedliche staatliche Eingriffe und Preisregelungen, die es ausländischen Anbietern oft schwer machen, selber aktiv zu werden. Unsere Beteiligungen beraten uns dahingehend ein Stückweit und unterstützen uns beim Marktauftritt.

Wie gestalten Sie Ihre länderspezifischen Vertriebsprodukte im Ausland? Wir leiten unsere Vertriebsprodukte aus einem langfristigen Einkaufsportfolio ab, dass sich vorrangig aus Verträgen mit großen Produzenten in Russland, Norwegen und Deutschland speist. Wir bemühen uns aber auch um Handelsprodukte aus

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dem aktuellen Markt, zum Beispiel aus den Spotmärkten. Wir erwerben mittel- und langfristige Leitungs- und Speicherkapazitäten und tätigen länderspezifische Zukäufe von Gasmengen, etwa nordafrikanisches Gas für unsere italienischen Markterfordernisse. Unser Ziel ist es immer, ein landesspezifisches Portfolio zu erstellen.

Wie schwer ist es wirklich, im Ausland als „Neuling“ Gas zu verkaufen? In allen europäischen Märkten stehen wir mit den großen etablierten Gesellschaften im Wettbewerb. Sie verfügen wie wir über langfristige Einkaufsportfolios mit den Produzenten und können deshalb ähnliche Produkte anbieten. Für uns ist es umso wichtiger, uns mit ihnen nicht nur auf eine Handelsstufe zu stellen, sondern stattdessen tiefer in den jeweiligen Markt einzudringen. Das machen wir beispielsweise, in dem wir Industriekunden nicht an den Grenzübergangspunkten, sondern an den Citygates beliefern. Wie schwer es mitunter ist, gegenüber den großen Versorgern zu bestehen, haben wir in diesem Jahr in Frankreich gemerkt. Dort mussten wir zunächst massiv für unser Unternehmen die Werbetrommel rühren, um uns überhaupt bekannt zu machen. Außerdem ist der französische Markt sehr stark reguliert und weist ein geringes Preisniveau auf. Das macht es derzeit allen Wettbewerbern schwer, Gas abzusetzen. Obwohl VNG im europäischen Markt noch ein relativer Neuling ist, haben wir uns übrigens schon jetzt einen guten Namen dafür gemacht, das eine oder andere kreative Vertriebsprodukt vor Ort zu entwickeln.

Die beiden größten Auslandsmärkte für VNG liegen in Polen und Italien. Warum gerade diese beiden Länder? In Italien haben sich in den letzten Jahren gute, strategische Partnerschaften, insbesondere mit der HERA in Bologna, entwickelt, auf die wir

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lang fristig bauen. Für uns birgt Italien ein gutes Wachstumspotenzial, vor allem im Industrie- und Haushaltssektor. Außerdem ist Italien für uns natürlich ein interessanter Beschaff ungsmarkt, weil dort eine Vielzahl an Pipelineprojekten aus Nordafrika und Mittelasien anlanden und mehrere LNG-Terminals in der realistischen Planung sind. Es ist nicht auszuschließen, dass Gas zukünftig nicht nur in Richtung Süden, sondern auch von Italien nach Norden fließt. Da wollen wir natürlich dabei sein. Polen ist für uns in Europa der Zuwachsmarkt schlechthin. Gerade im Wärmemarkt, wo derzeit noch größtenteils mit Kohle geheizt wird, sehen wir gute Chancen, unseren Gasabsatz in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu verdoppeln. Unser Potenzial schätzen wir auch deshalb so hoch ein, weil VNG der „natürliche, westliche Leitungsnachbar“ der Republik Polen ist und dorthin bereits seit über 15 Jahren Gas liefert. Ähnlich wie mit der HERA in Italien haben wir uns mit dem etablierten polnischen Gasversorger PGNiG eine langfristig gute Partnerschaft aufgebaut und wollen diese natürlich nicht nur erhalten, sondern weiter vertiefen.

VNG ist im Vertrieb bisher in den acht europäischen Ländern Italien, Polen, Österreich, Schweiz, Slowakei, Tschechien, Frankreich und Dänemark aktiv. Inwiefern wollen Sie diese Präsenz in Europa zukünftig noch ausweiten? Wir schauen uns natürlich jeden Markt konkret an, das gilt sowohl für die zentraleuropäischen als auch für die westeuropäischen Märkte. Fakt ist, dass wir gerade den Markteintritt in einigen weiteren Ländern prüfen, allerdings geht das nicht von heute auf morgen. Wir brauchen zuerst fundierte Analysen und konkretisieren erst danach die Erweiterung unserer Absatzmärkte. Aber so viel kann ich sagen: Sie können davon ausgehen, dass wir in den nächsten Jahren noch in weiteren Ländern in Europa unsere Spuren hinterlassen werden. Wir bedanken uns für das Gespräch.

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Erste CO2-Einspeisung in Ketzin – VNG übernimmt Betriebsführerschaft Am 30. Juni 2008 war es endlich so weit. Mit der ersten Einspeicherung von CO2 (Kohlendioxid) auf dem Gelände des ehemaligen Untergrundgasspeichers der VNG im brandenburgischen Ketzin startete das Pilotprojekt CO 2SINK in seine Erprobungsphase. GFZ-Vorstand Prof. Dr. Dr. h. c. Reinhard F. J. Hüttl und Projektleiter Prof. Dr. Frank Schilling vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam öff neten gemeinsam das Ventil für die Einspeicherung. Im Vorfeld erteilten bereits der Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft des Landes Brandenburg Michael Richter und der Präsident des Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe des Landes Brandenburg Dr. Klaus Freytag ihren offiziellen Segen.

In den nächsten zwei Jahren sollen in Ketzin bis zu 60 000 Tonnen CO2 in einer Tiefe von über 600 Metern gespeichert werden. Unter Federführung des Deutschen Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) wird in Zusammenarbeit mit 18 Partnern aus 9 Ländern europaweit erstmals untersucht, wie CO2 in tief gelegenen, mit Salzwasser gefüllten, porösen Gesteinsschichten eingebracht und gespeichert werden kann. Drei Bohrungen – eine Injektions- und zwei Beobachtungsbohrungen – wurden für das europäische Pilotprojekt in den letzten Jahren bis 800 Meter Tiefe abgeteuft. Dort befindet sich auch der poröse Sandstein, der das Gas aufnehmen wird. Nach oben gesichert ist die Speicherschicht durch ein sogenanntes Multibarrieresystem, das aus verschiedenen undurchlässigen Schichten besteht. Sie garantieren die Dichtheit des Speichers.

Projektleiter Prof. Dr. Frank Schilling (links) und GFZ-Vorstand Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard F. J. Hüttl öff nen das Ventil zur CO 2 -Injektion.

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Während der zweijährigen Dauer des Experiments findet eine kontinuierliche Überwachung des Areals von der Oberfläche bis in die Tiefe statt. Die Betriebsführung für diese Zeit hat das GFZ der VNG übertragen – quasi als erfahrener Platzhirsch. Bereits von 1964 bis zur Stilllegung 1999 hat das Unternehmen die Ketziner Aquiferstrukturen für die Erdgasspeicherung genutzt. Heute wird das Kohlendioxid allerdings nicht in einer Tiefe von 300 Metern, sondern in darunter liegende Schichten in 600 bis 800 Metern Tiefe gepresst. „Die Betriebsführung übernehmen wir zusammen mit unseren Partnern in alleiniger Verantwortung“, erklärt Winfried Becker, Leiter Speicherservice bei

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VNG. Mit den ingenieurtechnischen Aufgaben wurden die Firma ESK Freiberg beauftragt, das Untertagemonitoring übernimmt die UGS Mittenwalde. Der Schichtbetrieb obliegt dagegen der VNG. „Vier Kollegen, die von den VNG-Speicherstandorten zeitweise für das Projekt eingesetzt werden, wurden extra dafür geschult und werden ab heute im 7-Tages- bzw. Nachtschichtbetrieb rund um die Uhr die Anlagen überwachen“, so Becker. Mit der am 30. Juni in Betrieb gegangenen Pilotanlage haben die Forscher jetzt die Möglichkeit, das Verhalten von CO2 im Untergrund unter realistischen Bedingungen zu untersuchen. Die Projektverantwortlichen sprechen von täglich bis zu 100 Tonnen CO2, die in den Speicher gepresst werden können. Insgesamt rechnet man mit 60.000 t CO2, die im Projektzeitraum eingelagert werden sollen. Wie es sich im Untergrund ausbreitet und zu welchen chemischen Reaktionen es führt, wird in den nächsten Jahren die Analyse zeigen. Die im Vorfeld durchgeführten Untersuchungen zumindest sind vielversprechend. Sie bestätigen einen dauerhaften Verschluss des CO2 in den tiefen Sandsteinschichten des Standortes Ketzin.

Leitwarte Ketzin: Für die nächsten zwei Jahre überwacht Riccardo Koster mit seinen VNG-Kollegen und mit Mitarbeitern vom GFZ Potsdam die CO 2 -Einspeicherung in Ketzin. VNG-Speicherexperten und GFZ-Verantwortliche sitzen zudem wöchentlich zusammen, um beispielsweise die Fahrweisen für die Injektion zu besprechen.

CO 2 SINK Im Rahmen des europäischen Pilotprojektes CO2 SINK wird im 30 km westlich von Berlin gelegenen Ketzin die Einspeicherung von CO 2 in einen ehemaligen Erdgasspeicher getestet. Die Kosten belaufen sich nach derzeitigem Kenntnisstand auf knapp 20 bis 30 Millionen Euro. Finanzielle Unterstützung erhält das federführende Geoforschungszentrum Potsdam durch die Europäische Kommission, das Bundesministerium für Forschung und Bildung, das Bundesministerium für Wirtschaft sowie durch die Initiativen der Wirtschaftspartner, unter ihnen auch die führenden Energieunternehmen in Deutschland und Norwegen.

Mandy Nickel, Redaktion

Prof. Dr. Dr. h. c. Reinhard F. J. Hüttl (GFZ Potsdam), Winfried Becker und Prof. Dr. Günther Borm (GFZ Potsdam).

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Neftegaz 2008

Wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit von VNG und Gazprom im Mittelpunkt Vom 23. – 27. Juni 2008 fand in Moskau die 12. Internationale Fachausstellung für die Öl- und Gasindustrie Neftegaz statt. Sie gab der VNG und ihren russischen Partnern den Rahmen, um wichtige Lieferabkommen und Kooperationsvereinbarungen zu verlängern. Vor allem die wissenschaftlich-technische Kooperation stand einmal mehr im Mittelpunkt. 1998 wurde erstmals eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen den Firmen VNG, OAO „Gazprom“, UGS Mittenwalde und OOO „Podzemgazprom“ über die Kooperation bei Forschungsarbeiten für die Untergrundspeicherung von Erdgas in Steinsalzen geschlossen. Sie gilt als Basis für eine erfolgreiche und interessante Arbeit der Unternehmen, vor allem auf dem Gebiet der Untergrundgasspeicherung. Auch Themen wie die Anwendung neuester Reparaturmethoden und die Diagnose des technischen Zustandes an Rohrleitungen sowie Themen zur Energieeinsparung und zum Umweltschutz wurden in den letzten zehn Jahren intensiv bearbeitet. Von Beginn an dienten die Kooperationen nicht nur dem Informations- und Erfahrungsaustausch, sondern sie sollten konkrete Projekte mit messbaren Resultaten realisieren. Kooperation mit Raketentechnik So wurde beispielsweise im März 2007 ein Vertrag mit dem russischen Unternehmen VNIIGAZ zur Berechnung und Projektierung von Ejektoren für den UGS Bernburg abgeschlossen. Ejektoren

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Austausch bei technischen Methoden Ein weiterer Vertrag zur technischen Diagnose von Sondenleitungen und Förderrohrtouren auf Untergrundgasspeichern wurde mit der OOO „Gazpromenergodiagnostika“ geschlossen. Ziel war es, mit Unterstützung der russischen Experten,

Gemeinsam arbeiten, voneinander lernen: VNG-Mitarbeiter und ihre russischen Kollegen bei der Diagnose von Sondenleitungen auf Untergrundgasspeichern.

Beispiel eines Ejektors auf dem UGS Peszano-Umjotskoje.

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bzw. Düsenstrahlverdichter sind eine in Russland bewährte Technik, um Verdichterkapazitäten und damit verbundene Energie zu sparen. Derzeit arbeiten die Ingenieure von VNG und VNIIGAZ daran, die Ejektorentechnik auf die Betriebsbedingungen des Speichers in Bernburg anzupassen. Das gestaltet sich allerdings als sehr komplex, da die Berechnungen mit Hilfe der Raketentechnik und der höheren Mathematik erfolgen müssen. Außerdem bestehen noch erhebliche Unterschiede in den russischen Normen und den technischen Richtlinien und Anforderungen des TÜV. Sollte die Projektierung erfolgreich verlaufen, wäre VNG das erste Unternehmen in Deutschland, das ein solches Gerät zur Verbesserung der Verdichterkapazitäten einsetzt.

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Haben ihre bereits seit zehn Jahren erfolgreiche wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit durch den Abschluss einer neuen Grundsatzvereinbarung für die Zukunft auf ein solides Fundament gestellt: Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst (2. v.l.), Alexander Medwedjew (rechts) und Dr. Gerhard Holtmeier, Vorstand Gasverkauf/Technik (links). Mit Vlada Russakova, Vorstandsmitglied der OAO „Gazprom“ (2. v.r.) hat Holst zudem ein Zusatzprogramm zum bestehenden Programm unterzeichnet. Mit der neuerlichen Vereinbarung kann die Zusammenarbeit auch auf neue, zusätzliche Bereiche (z. B. Gastransport, Energieanwendung und Untergrundgasspeicherung) erweitert werden.

einen genauen Überblick über den tatsächlichen Reparaturumfang zu erhalten und die Herangehensweisen und Methoden bei der technischen Diagnose miteinander zu vergleichen. Die bereits im Oktober letzten Jahres von den Mitarbeitern der OOO „Gazpromenergodiagnostika“ vorgenommenen Messungen zeigten dabei einen guten Zustand der ausgewählten VNG-Leitungen. Beide Unternehmen betonten im Rahmen ihrer Kooperation immer wieder, wie wichtig es sei, voneinander zu lernen. Dies zeigte sich ganz besonders bei den Diagnoseuntersuchungen an den Sonden in Kirchheilingen und Bad Lauchstädt. Die Verfahren und Mittel der russischen Kollegen bei den Untersuchungsarbeiten haben VNG auf neue Ideen der Zusammenarbeit gebracht, die für beide Seiten sehr fruchtbringend sein sollte. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden die gewonnenen Messungen an den Förderrohrtouren ausgewertet und die Resultate mit Spannung erwartet. Große Projektvielfalt Die Projekte, die im Rahmen der Kooperationen in den letzten zehn Jahren gemeinsam bearbeitet wurden, sind sehr vielseitig. Sie reichten von Fragen der Automatisierung von Untergrundgasspeichern und anderen technischen Anlagen über die Modellierung von Kavernen in Steinsalzen bis hin zu Überlegungen für die Optimierung des kathodischen Korrosionsschutzes und dessen Überwachung.

neue Grundsatzvereinbarung zur wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit angeregt und erarbeitet. Auf der diesjährigen Neftegaz-Ausstellung in Moskau konnte sie jetzt durch den Vorstandsvorsitzenden der VNG, Prof. e. h. Dr.-Ing. Klaus-Ewald Holst, durch den Vorstand Gasverkauf/Technik der VNG, Dr. Gerhard Holtmeier, und den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der OAO „Gazprom“, Alexander Medwedjew, unterzeichnet werden. Da sich beide Partner auf eine Erweiterung des bestehenden Programms verständigten und damit Fragen der Energieeinsparung und Investitionsvorbereitung konkret untersetzen, wurde der Vertrag auch mit Vlada Russakova, Vorstandsmitglied der OAO „Gazprom“ und Dr. Volker Busack, Direktor/Betrieb/Technologie bei der VNG (jetzt Direktor Gasbeschaff ung E & P) unterzeichnet. Zukünftige Herausforderungen Die Anwesenheit der Vorstände der Gazprom und die große öffentliche Aufmerksamkeit, die diesem Treffen entgegen gebracht wurde, zeigten die Bedeutung und Wertschätzung der technischen Arbeit auf höchster Ebene. Für beide Partner ist die neue Grundsatzvereinbarung ein gewaltiger Schritt, hinter dem sich nicht nur im Vorfeld, sondern auch in Zukunft sehr viel gemeinsame Arbeit verbirgt. An der Durchführung und Realisierung der Arbeiten und

Neue Grundsatzvereinbarung in Moskau unterzeichnet Da sich in den letzten Jahren das Profil der Zusammenarbeit auf zusätzliche Bereiche ausgedehnt hat, wurde von deutscher wie russischer Seite eine

Untersuchungen, der Vorbereitung von Seminaren sowie der Teilnahme an Kongressen sind viele deutsche und russische Kollegen beteiligt, die mit hohem Engagement und großer Hilfsbereitschaft an die Erfüllung ihrer Aufgaben gehen. Dafür herzlichen Dank den Kollegen des Bereiches Betrieb/Technologie! Christina Fenin, Technologie Center der VNG

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Mit dem Unternehmen Orgenergogaz ist ein Ver trag zu Diagnosemaßnahmen an Hochdruckleitungen der VNG und von „OAO Gazprom“ abgeschlossen und am 24. Juni zwischen Boris Antipow, Generaldirektor von DOAO „Orgenergogaz“ (rechts) und Dr. Volker Busack, Direktor Betrieb/Technologie bei der VNG (links), unterschrieben worden. Mit Bogdan Budsuljak (2. v. r.) war auch ein Vorstandsmitglied von „Gazprom“ bei der Unterzeichnung anwesend. Neben ihm: Klaus-Dieter Barbknecht, Vorstand Gasbeschaff ung bei VNG.

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Ein Friedenspanzer in der Kulturhauptstadt Stavanger

Kletterten bei strömendem Regen auf den Friedenspanzer: Michael Fischer-Art (links) und Leif Johan Sevland, Oberbürgermeister von Stavanger. Foto: Erik Holsvik, Rogalands Avis

„Es ist wohl eher selten, dass ein norwegischer Oberbürgermeister einem Deutschen mit einem Panzer herzlich willkommen heißt in seiner Stadt“, sagte Leif Johan Sevland. „Ich mache aber sehr gerne eine Ausnahme für Michael Fischer-Art.“ Es goss in Strömen, als der Oberbürgermeister der europäischen Kulturhauptstadt 2008 die Kunstinstallation von Fischer-Art einweihte. Aber der Jugendchor sang trotzdem – „Have you ever seen the rain?“… – und mit großen Augen schaute das Publikum zu, wie der beliebte Bürgervater sogar auf den Panzer kletterte. Mit welchen Worten Fischer-Art ihn dazu bewegte, darf ein Betriebsgeheimnis bleiben.

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Der Friedenspanzer ist der Beitrag von VNG Norge zur europäischen Kulturhauptstadt. Der Zeitpunkt ist sorgfältig gewählt. Im September fand in der Stadt eine große Friedenskonferenz statt, und auch ein Literaturfestival, das in diesem Jahr das Thema „Mauern“ hat. Der Friedenspanzer ist der perfekte Auftakt zu beiden Veranstaltungen. Auch der Standort könnte nicht günstiger gewählt sein: auf dem Marktplatz, genau vor den Büroräumen von VNG Norge. Seit dem 2. September steht der Friedenspanzer nun da, und ist mit Abstand das meist fotografierte Objekt der Stadt. Die Presse ist begeistert: „Ein farbenfroher Gedankenanreger“, schrieb Stavanger Aftenblad.

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Michael Fischer-Art hat auch mit viel Erfolg in Lenden skole og ressurssenter, einer Schule für Kinder und Jugendliche mit psychischen und psychosozialen Problemen, ein Kunstprojekt durchgeführt. Gewiss wäre es einfacher für ihn gewesen, einige Tage auf einem Kunstgymnasium zu arbeiten. Wir dachten uns aber, dass diese Schulen soviel Angebote bekommen, während Lenden-Schüler wohl selten gefragt werden. Sollte der September in Stavanger im Zeichen des Friedens stehen, war es angebracht, auch diese Jugendlichen mit einzubeziehen. Und Michael Fischer-Art schreckt wie bekannt vor einer Herausforderung nicht zurück. Am Anfang waren die Schüler etwas zurückhaltend. Als Fischer-Art sich vorstellte und etwas über die Kunst in unseren Büroräumen erzählte, kam von den Schülern nur ein Kommentar: „Weshalb redet der so schnell?“ Bald wurde ihnen aber klar, dass der Mann noch schneller malen als sprechen kann. Und die meisten Schüler wurden tatsächlich von seiner Energie und seiner Kreativität angesteckt. Ingvild Stene, Lehrerin: „Es hat uns sehr gefreut, dass unsere Schule für dieses Projekt gewählt wurde. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir an Michaels Kunst und Inspiration teilhaben durften. Schüler, die normalerweise große Schulmotiva-

Schüler der Lenden-Schule in Stavanger malten zusammen mit dem bekannten Leipziger Künstler Michael Fischer-Art.

tionsprobleme haben, kamen an den Tagen erwartungsvoll und mit großem Lächeln zur Schule. Sie haben sich darüber gefreut, sich auf großen Leinwänden mit starken Farben ausdrücken zu können. Uns Lehrern hat das Malen auch Spaß gemacht, aber noch wichtiger war es für uns, dass wir unsere Schüler auf einer ganz anderen Arena erleben durften, wo Erfolg und Freude das Dasein kennzeichneten.“ „Hat sehr große Freude gemacht“, versichert uns Fischer-Art im Vorbeirennen. Die entstandenen Gemälde werden die neuen Räumlichkeiten der Lenden-Schule schmücken. Der Friedenspanzer blieb bis zum 8. Oktober in Stavanger stehen. Mit der VNG Norge-Fahne oben drauf.

Der Friedenspanzer von Fischer-Art in Stavanger – mit der Fahne der VNG Norge oben drauf!

Marleen Laschet, Direktor Administration und Öffentlichkeitsarbeit VNG Norge

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„… the days of secure, cheap energy for Europe are over.“ 1 Der letzte Meilenstein für die im Herbst anstehenden Beratungen zur Weiterentwicklung des von der EU-Kommission vorgeschlagenen Energiebinnenmarktpaketes war die kurz vor der Sommerpause im Europäischen Parlament erfolgte Abstimmung zur Gas-Binnenmarkt-Richtlinie. Damit wurde die erste Lesung zum dritten Energiebinnenmarktpaket für Strom und Gas abgeschlossen.

Ursprünglicher Ausgangspunkt der zum Teil recht kontrovers geführten legislativen Beratungen von Europäischem Rat und Parlament sind die bereits im Januar 2007 von der EU-Kommission vorgestellten Grundzüge für eine zukünftige Energiestrategie. Während die bisherigen EU-Richtlinien aus 1998 und 2003 sich ausschließlich auf die Entwicklung des Energiebinnenmarktes gerichtet haben, erfolgt nunmehr ein integrierter Ansatz von Klima-, Energie- und Außenpolitik.

reiche eine Fortführung der bisherigen Energiepolitik nicht aus. Vielmehr sei zeitnah ein umfassenderer Aktionsplan erforderlich, um auch zukünftig den Anforderungen des energiepolitischen Zieldreieckes – Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit/Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit – gerecht werden zu können.

Aktionsplan der EU für Klima- und Energiepolitik bis 2020 – Reduzierung der CO 2 -Emissionen um 20 % (Basisjahr: 1990) – Ausbau Erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch auf 20 %

Eine Energiepolitik für Europa

– Kraftstoffen (10 % Anteil Biokraftstoff ) (s. auch Selbstverpflichtung der deutschen Gaswirtschaft)

Grundlage des aktuellen Energiepaketes ist das sog. „Chapeau-Papier“, in dem die EU-Kommission bereits einleitend mit ihrer Einschätzung „… the days of secure, cheap energy for Europe are over.“ 1 die zentralen Herausforderungen für eine zukunftsgerichtete europäische Energiepolitik anspricht. Angesichts festgestellter Risiken wie insbesondere • steigende Importabhängigkeit (2030: 84 %) und dem steigenden Mismatch von weltweit steigender Energienachfrage und erforderlichem Ausbau des Energieangebotes (Investitionsbedarf gemäß IEA: EUR 900 Mrd.), • CO2-emissionsinduzierte Erderwärmung und 1

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Aussage der EU-Kommission laut „Chapeau-Paper“. Weitere Informationen dazu unter: http://ec.europa.eu/ energy/index_de.html

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• negative Auswirkungen steigender und zunehmend volatilerer Preise an den globalen Energiemärkten für die EU-Wettbewerbsfähigkeit

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– Erhöhung der Energieeffizienz um 20 % (Basisjahr: 2005)

Maßnahmenschwerpunkte des Energiebinnenmarktpaketes Für das Maßnahmenpaket ist die Einschätzung der Kommission maßgeblich, dass 10 Jahre nach der ersten Liberalisierung europaweit und so auch in Deutschland zu hohe Marktkonzentrationen und Markteintrittsbarrieren festzustellen wären. Über einen diskriminierungsfreien Netzzugang bei verschärfter Regulierung sowie durch steigende Marktliquidität und erhöhte grenzüberschreitende Transportkapazitäten sollen daher zentrale Voraussetzungen für einen funktionierenden Energiebinnenmarkt geschaffen werden.

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So kommt ein europäisches Gesetz zustande:

Kommission Vorschlag

Parlament

Rat

1. Lesung: Standpunkt

Kommission

übernimmt gegebenenfalls Änderungen

Rat

ändert + formuliert

Kommission

1. Lesung: Standpunkt des Rates

billigt alles

bezieht Stellung

EUGesetz

kein EUGesetz

Parlament 2. Lesung billigt alles

lehnt alles mit absoluter Mehrheit ab

ändert

EUGesetz

bezieht Stellung

Kommission

Rat akzeptiert alle ParlamentsÄnderungen

lehnt die Kommission Änderungen des Parlaments ab, so muss der Rat über diese einstimmig befinden

sagt nein zu EP-Änderungen

EUGesetz Vermittlungsausschuss aus Rat & Parlament

Einigung

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kein EUGesetz

EUGesetz

Quelle: EU-Parlament

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Fortsetzung von Seite 51

• Verschärfung der Speicherregulierung durch die gesellschaftsrechtliche und organisatorische Entflechtung von Handel und Speicher, d. h. die Verrechtlichung der aktuellen Entflechtungsvorschriften GGPSSO.

„… the days of secure, cheap energy for Europe are over.“

So gilt es zunächst, europaweit die Vorgaben des zweiten Energiebinnenmarktpaketes aus 2003 vollständig zu implementieren. Für eine objektivere Bewertung wäre aber auch eine Bewertung der bereits in Deutschland eingeleiteten Wettbewerbsintensivierungen durch die Energierechts-Novelle in 2005 sowie der aktuellen Entscheidungen der Bundesnetzagentur zur Senkung der Netzentgelte hilfreich. Die September 2007 im Rahmen ihres Initiativrechts vorgelegten Richtlinienvorschläge der Kommission zur Weiterentwicklung des Gas- und Strombinnenmarktes haben in den EU-Mitgliedstaaten und bei den Energieversorgungsunternehmen nicht nur ein unterschiedliches Echo hervorgerufen, sondern zudem intensive Diskussionen und zum Teil heftige Gegenreaktionen ausgelöst, die bis zur Verkaufsankündigung der bisher integrierten Netze reichen. Grundsätzlich teilen sich dabei die Lager auf in eher angelsächsisch bzw. kontinentaleuropäisch geprägte Sichtweisen.

Der in der Ursprungsversion vorgeschlagene sehr weitgehende Maßnahmenkatalog umfasste • Effektives Unbundling, d. h. die verschärfte Trennung von Handel und Fernleitungsnetz im Wege einer eigentumsrechtlichen Entflechtung („Ownership Unbundling“) als „präferierte Option“ oder eines unabhängigen Netzbetreibers („Independent System Operator“). Beide Alternativen sollen für Strom und Gas sowie für private und öffentliche Übertragungsnetzbetreiber gleichermaßen, nicht jedoch für Verteilnetzbetreiber, gelten.

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• Optimierung des grenzüberschreitenden Handels und Transports von Gas durch Neugründung eines „European Network for Transmission System Operators for Gas“ (ENTSOG) durch die Fernleitungsnetzbetreiber sowie durch Anordnung von Gas-Release-Programmen. • Neuaufbau einer Europäischen Agentur für die Kooperation der nationalen Regulierungsbehörden (ACER) zur Förderung der regionalen Zusammenarbeit der nationalen Regulierungsbehörden.

Mitentscheidungsverfahren Der Rechtsetzungsprozess zum „Dritten Energiebinnenmarktpaket“ erfolgt auf Basis des sog. Mitentscheidungsverfahrens gemäß Art. 251 EG. Das Verfahren umfasst maximal drei Lesungen. Nach diesem Verfahren kann ein Rechtsakt ohne Zustimmung des Europäischen Parlamentes nicht Inkrafttreten.

Ursächlich für die heftigen Reaktionen sind insbesondere die geplante zunehmende Verlagerung nationaler Kompetenzen auf die europäische Ebene, die verstärkte Umgehung des EU-Parlamentes durch erweiterte Komitologieanwendung sowie die unterschiedliche Betroffenheit der einzelnen EU-Mitgliedstaaten von den geplanten Maßnahmen. Das Komitologieverfahren ist ein besonderes Verfahren, welches es der EU-Kommission ermöglicht, unter eingeschränkter Beteiligung des EU-Parlamentes und -Rates Richtlinien zu erlassen, mit denen bspw. die Befugnisse von Regulierungsbehörden durch Vorgaben konkretisiert und/oder erweitert werden. So ist beispielsweise unschwer nachzuvollziehen, dass wettbewerbsorientierte Energiemärkte mit einer Auswahl an privatwirtschaftlich agierenden Anbietern für den Kunden durch eine eigentumsrechtliche Entflechtung von Handel und Produktion bzw. Transport anders betroffen sind als

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Energiemärkte mit nur einem Anbieter in öffentlich-rechtlichem Eigentum bzw. unter staatlicher Führung.

Zunehmende Akzeptanz des „Dritten Weges“ Daher ist der politische Erfolg Frankreichs und Deutschlands im Rahmen der sog. „like-minded group“ von nunmehr neun EU-Staaten, den sog. „Dritten Weg“ als gleichberechtigte und unbefristete Alternative zu den Entflechtungsvorschlägen der EU-Kommission im Europäischen Rat zu etablieren, sehr bemerkenswert. Dieser Vorschlag sieht zwar auch umfassende Eingriffe in die Energiewirtschaft vor (z. B. durch Vorgaben für Investitionen und für die Besetzung von Management und Aufsichtsräten), erfüllt aber gleichzeitig die Forderungen der EU-Kommission nach Unabhängigkeit der Investitionsentscheidungen, diskriminierungsfreiem Netzzugang und Transparenz. Auch wird mit Unterstützung der Fernleitungsnetzbetreiber, bei denen zukünftig die Netze aktiviert werden müssten, als „market facilitator“ die Neutralität der Netze gewährleistet. Wenngleich bisher nicht für Strom, so hat sich das EU-Parlament bei Gas für die Implementierung eines unabhängigen Übertragungsnetzbetreibers (ITO) ausgesprochen. Ursächlich für diese gegenüber der Einigung des Energieministerrates von Juni verschärften Variante des Dritten Weges (z. B. durch Revisionsklausel und zusätzliche Einsetzung eines unternehmensexternen unabhängigen Treuhänders im Aufsichtsrat) ist die durch das Gemeinschaftsrecht nicht hinreichend abdeckbare Importabhängigkeit Europas.

Ausblick auf das weitere legislative Verfahren Es ist weiterhin das erklärte Ziel, das Klima- und Energiebinnenmarktpaket in dieser Legislaturperiode, d. h. vor den nächsten Europawahlen im Sommer 2009 zu verabschieden. Damit müsste die neue Richtlinie gemeinsam mit der neuen Fernlei-

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tungsverordnung während des Jahres 2010 in den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Bei insgesamt fortgeschrittenem Meinungsbildungsprozess ist in einigen Punkten, hierbei insbesondere zu Art und Umfang der effektiven Entflechtung, noch eine Annäherung von Rat und Parlament erforderlich. Darüber hinaus wird von deutscher Seite weiterhin anstelle einer europäischen Regulierungsbehörde eine verbesserte Kooperation zwischen den nationalen Regulierungsbehörden sowie eine Beschränkung der umfassenden Komitologie auf technische Regelungen bevorzugt. Im Vergleich zu den bisherigen LiberalisierungsRichtlinien ist es der EU-Kommission im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft in 2007 mit dem vorliegenden Energiepaket erstmals gelungen, eine gemeinsame Vorgehensweise von 27 EUStaaten im Energiebereich zu vereinbaren. Damit hat der Sektor Energie einen in der europäischen Politik bisher nicht erreichten Stand erlangt. Angesichts des weiterhin steigenden globalen Nachfragewettbewerbes um Energieressourcen sollte unter dem Gesichtspunkt Gewährleistung von Versorgungssicherheit jegliche weitere Benachteiligung heimischer Energieimportunternehmen gegenüber außereuropäischen Wettbewerbern vermieden werden. Angesichts der zur zukünftigen Versorgungssicherheit langfristig abgeschlossenen Importverträge für Gas böte ein langfristig verlässlicher Ordnungsrahmen, welcher keine Entwertung bereits getätigter Investitionen nach sich zieht, die Chance, wichtige anstehende Investitionsherausforderungen in Energieförderung, -transport und speicherung zu ermöglichen. Die Weiterentwicklung der über das klassische Rollenverständnis von Produzentenund Konsumentenländern hinausgehenden partnerschaftlichen Zusammenarbeit (z. B. auf wissenschaftlich-technischer Ebene) bietet hierbei wichtige Ansatzpunkte für den weiteren Ausbau des CO2 -emissionsarmen Erdgases im europäischen Energiemix. Marcus Wiemann, Leiter VNG-Büro in Brüssel

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Erdgasverträge und Trassenbau Am 1. Juli besteht die VNG – Verbundnetz Gas AG 50 Jahre. An diesem Tag des Jahres 1958 wurde der Vorläufer der VNG, die Technische Leitung Ferngas (TLFG) Leipzig, gegründet. Wir wollen das Jubiläum zum Anlass nehmen, um die Entwicklung der gesamten ostdeutschen Gaswirtschaft nachzuzeichnen. In der dritten Ausgabe von „medium gas“ berichtet der Berliner Historiker Dr. Rainer Karlsch über die ersten Erdgaslieferverträge zwischen der DDR und der BRD sowie über den Trassenbau in den Folgejahren.

Der erste deutsch-sowjetische Erdgasvertrag vom 21. Mai 1968 Wenn in den Medien vom Jahr 1968 die Rede ist, dann geht es zumeist um die Studentenrevolten in Westeuropa und das Scheitern des „Prager Frühlings“. Beide zeithistorischen Ereignisse haben das Bewusstsein einer Generation auf ganz unterschiedliche Weise nachhaltig beeinflusst. Zunächst weniger im Fokus der Öffentlichkeit standen damals Veränderungen, die sich trotz der politischen Eiszeit im Ost-West-Handel anbahnten und das Alltagsleben von Millionen Menschen verändern sollten. Eine zentrale Rolle sollte dabei der Erdgashandel spielen. Nikolai Baibakow, der Leiter der obersten sowjetischen Planungsbehörde, brachte Ende 1968 die Idee ins Spiel, die Liefermöglichkeiten westdeutscher Firmen bei Großrohren in Anspruch zu nehmen: „Wenn man eine Erdgasleitung mit großer Dimension nach Westdeutschland und Frankreich baut und etwa 7 bis 8 Mrd. m3 Gas liefern würde, bestünde auch die Möglichkeit, über die vereinbarten Mengen hinaus Erdgas in die DDR abzuzweigen.“ Die DDR-Vertreter waren von dem Vorschlag überrascht, wollten aber lieber einen separaten Vertrag schließen. Daraufhin nahm die Sowjetunion parallele Gespräche mit Vertretern der Ruhrgas AG und der französischen Gaswirtschaft auf, die 1969 zum Abschluss des mit Abstand größten Ost-WestGeschäfts führten. Die Vereinbarung mit der Ruhrgas AG umfasste die Lieferung von jährlich 3 Mrd. m3 Erdgas über 20 Jahre, beginnend mit dem 1. Oktober 1973. Im Gegenzug erhielt die Sowjetunion 1,2 Mio. t Großrohre und einen Kredit über 1,2 Mrd. DM.

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Noch zeitiger als der Ruhrgas AG, nämlich am 23. Mai 1968, war es der DDR gelungen, mit der Sowjetunion einen Vertrag ebenfalls über jährlich 3 Mrd. m3 Erdgas auszuhandeln. Bündnispolitische Rücksichtnahmen dürften für das sowjetische Timing eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Realisierung des Vertrages vom Mai 1968 gestaltete sich jedoch unerwartet schwierig. Dies hing mit dem Problem der Trassenführung zusammen. Ursprünglich war vorgesehen, die Erdgasleitung über polnisches Gebiet in die DDR zu führen. Doch bei den deutsch-polnischen Verhandlungen kam es zu Differenzen über die Höhe des Kredits, den Termin der Inbetriebnahme der Leitung und vor allem über die Höhe der Transitgebühren. Im Februar 1970 erklärte der Stellv. Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR daraufhin, dass für die DDR grundsätzlich die Möglichkeit bestünde, sich am Bau der Transitleitung UdSSR–ČSSR–Westeuropa zu beteiligen. In Ost-Berlin zögerte man daraufhin nicht lange. Am 2. Juli 1971 wurde ein deutsch-tschechoslowakisches Regierungsabkommen über den Bau der Erdgasleitung „Nordlicht“ unterzeichnet. Deutsche und tschechische Bauleute begannen im September 1972 mit den Arbeiten an der Erdgasleitung „Nordlicht“. Am 27. März 1973 wurden in der Nähe von Deutschneudorf die Teilabschnitte der DDR und der ČSSR verschweißt. Der erste Spatenstich für die Verdichterstation Sayda im Osterzgebirge folgte am 10. Oktober 1973. Erstmals floss am 2. Mai 1973 sowjetisches Erdgas zum Gaskombinat Schwarze Pumpe, kurz darauf auch zum Stahl- und Walzwerk Riesa und zum Untergrundspeicher Bernburg. Zwei Jahre später wurde die Erdgastransitleitung erweitert und bis zum Untergrundspeicher Buchholz geführt.

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Bau einer Molchstation für die Importerdgasleitung (IEGL) in den Kammlagen des Erzgebirges bei Deutschneudorf Anfang der 1970er Jahre. Am Grenzübergangspunkt Sayda/Deutschneudorf im sächsischen Erzgebirge strömte am 1. Mai 1973 schließlich erstmals russisches Erdgas nach Deutschland. | Zentrales Jugendobjekt „Drushba-Trasse“.

An die Lieferung des ersten sowjetischen Erdgases via Erdgasleitung „Nordlicht“ erinnern noch heute mehrere Denkmale. So wurde 1974 in Hettstedt ein großer Obelisk als „Flamme der Freundschaft“ errichtet. In den 1990er Jahren unterstützte die Mitteldeutsche Gasversorgung GmbH (MITGAS) dessen Restauration. Das Orenburg-Abkommen und der Bau der „Drushba-Trasse“ Am 21. April 1974 schlossen Bulgarien, Ungarn, Polen, Rumänien, die ČSSR und die DDR mit der Sowjetunion ein „Generalabkommen über die Zusammenarbeit bei der Erschließung der Erdgaskondensat-Lagerstätte Orenburg und den Bau der Transitgasleitung Orenburg–Westgrenze UdSSR sowie über die damit verbundenen Erdgaslieferungen aus der UdSSR“. Das Abkommen sah den Bau einer Transitleitung von Orenburg bis zur damaligen Westgrenze der UdSSR bei Ushgorod (heute Grenze Ukraine–Slowakei) mit einer Länge von rund 2.790 km vor. Ein Projekt einer solchen Dimension zum Transport von 28 Mrd. m3 Gas pro Jahr hatte es zuvor weltweit noch nicht gegeben. Für 1,76 Mrd. Dollar wurden Rohre, Verdichterstationen und Spezialmaschinen im westlichen Ausland gekauft. Propagandistisch geschickt wurde am 5. Oktober 1974 die Übergabe des DDR-Abschnitts von Krementschug am Dnepr bis nach Bar in der Westukraine an die Freie Deutsche Jugend (FDJ) als Zentrales Jugendobjekt inszeniert. Insgesamt konnten

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für die Arbeiten an der „Drushba-Trasse“ mehr als 10.000 Ostdeutsche gewonnen werden. Die Motive der „Trassniks“ waren so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Abenteuerlust und der Reiz des Neuen spielten sicher eine Rolle, ebenso wie die Chance, an einer technisch höchst anspruchsvollen Aufgabe mitzuwirken und dafür überdurchschnittlich gut bezahlt zu werden. Die Verlegung der ersten Rohre begann im September 1975. Extreme Temperaturen forderten die „Trassniks“ bis zu ihren physischen und psychischen Leistungsgrenzen. Es war Schwerstarbeit in zum Teil unwegsamen Gelände. Insgesamt wurden 105 Kilometer Schweißnähte an 26.000 Rundnähten in Handarbeit gezogen. 31 Straßen wurden geschlitzt, acht unterirdische Unterquerungen von Verkehrslinien sowie 21 Freileitungen auf Stützen erstellt. Darüber hinaus wurden neun Sümpfe, ein Stausee und der Fluss Dnepr gequert. Die Hauptarbeiten an der „Drushba-Trasse“ wurden bis Ende 1978 abgeschlossen. Ein Teil der Beschäftigten musste dann noch Restleistungen und Garantiearbeiten ausführen, bevor es 1979 wieder nach Hause ging. Viele, die an dem gewaltigen Bauvorhaben beteiligt waren, beschreiben diese Zeit als das größte Abenteuer ihres Lebens. Erdgas für Berlin Im September 1976 beschloss das Politbüro die Umstellung der Gasversorgung Ost-Berlins auf Erdgas.

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der übrigen Republik. Im Bezirk Dresden hatten weniger als 1.300 und im Bezirk Leipzig auch nur rund 15.200 Haushalte Erdgasanschluss.

Erdgasverträge und Trassenbau

Die SED-Führung versprach sich von der Erdgasumstellung einen Wettbewerbsvorteil, zumal West-Berlin noch nicht über den Zugang zu Erdgas verfügte. Wieder einmal hatte die Politik Vorrang vor der Ökonomie. Die Fachleute der Gasindustrie hatten darauf verwiesen, dass eine vorrangige Umstellung der Ost-Berliner Gasversorgung mit überhöhten Kosten verbunden sei. Doch die Würfel waren gefallen. So wurden eine Erdgasringleitung um Berlin mit vier Einspeisestellen und ein Untergrundspeicher in Buchholz konzipiert. Außerdem wurde die Rekonstruktion des Berliner Ortsnetzes forciert und aus allen Energiekombinaten Spezialisten nach Berlin beordert. Dadurch entstanden zum Teil erhebliche personelle Engpässe in den delegierenden Betrieben. Für die Ost-Berliner brachte die Erdgasumstellung einen Gewinn an Lebensqualität. Bis Ende 1985 erhielten mehr als 255.000 Tarifabnehmer Erdgasanschluss, bis 1989 sogar 342.000. Zeitweilig flossen bis zu 30 Prozent des von der Sowjetunion gelieferten Erdgases nach Ost-Berlin. Die „Schaufensterpolitik“ geschah zu Lasten

Schwere Zugmaschine der Firma FAUN aus dem bayrischen Lauf an der Pegnitz im Einsatz beim Bau des Erdgastrassenabschnitts Urengoi–Ushgorod in den 1980er Jahren.

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Eine Chance zur Aufbesserung ihrer Devisenbilanz bot sich der DDR durch den Erdgastransit nach West-Berlin. Die Gasversorgung West-Berlins basierte noch auf der traditionellen Stadtgasherstellung. Als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion gewillt war, Erdgas nach Westeuropa zu liefern, bemühte sich die GASAG mit Hilfe der Ruhrgas AG um einen Erdgasvertrag. Es ging um die Lieferung von jährlich 750 Mio. m3 Erdgas von 1985 bis 2008. Das Projekt sollte im Oktober 1983 beginnen und innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden. Die dreiseitigen Gespräche kamen am 29. März 1983 zu einem erfolgreichen Abschluss. Daraufhin konnte ein Vertrag zwischen dem Kombinat Verbundnetze Energie Berlin und der Ruhrgas AG unterzeichnet werden. Dieser sah bis zum 1. Oktober 1985 den Bau einer 235 km langen Ferngasleitung von der Grenze DDR/ČSSR (Sayda) nach West-Berlin durch den VEB Kombinat Verbundnetze Energie vor. Für den Bau der Ferngasleitung vereinbarten die „Kommerzielle Koordinierung“ (Koko) und die Ruhrgas AG eine Summe von 228 Mio. DM. Die Transitgebühr wurde auf 8,52 Mio. DM jährlich festgesetzt. Die Leitung selbst blieb Eigentum der DDR. Die Realisierung des Vorhabens genoss hohe Priorität, da es sofort Devisen in die klammen Kassen der DDR spülte. Der Aufwand für das Projekt belief sich auf ca. 290 Mio. DDR-Mark, d. h., bei dem Geschäft lag die Devisenrentabilität bei fast 1 zu 1. In der übrigen Wirtschaft mussten zu dieser Zeit bereits mehr als 4 DDR-Mark aufgewendet werden, um 1 DM-Mark zu erwirtschaften. Die Erdgasleitung wurde entlang der Autobahn Berlin–Dresden verlegt und erreichte West-Berlin im Juli 1985. Nun kam der schwierigste Teil des Projektes: Die Grenzbefestigung musste auf 20 Meter für mehrere Tage abgebaut werden, damit die Rohre verlegt werden konnten. „Erdgas öff nete die Mauer“, wenn auch nur für einen Moment, hieß es daraufhin. Ganz verkehrt war das Bonmot nicht. Letztendlich beförderten auch die Gasverträge einen Wandel durch Annäherung.

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Das Jamburg-Abkommen Am 8. April 1982 kam es zum Abschluss des Urengoi-Abkommens, am 20. Januar 1986 folgte das Jamburg-Abkommen. Beide Verträge hielten sich an das Grundmuster des Orenburg-Abkommens von 1974 und sahen die Beteiligung von RGW-Ländern am Bau von Erdgasleitungen und anderen Objekten der Gasindustrie in der UdSSR vor. Das Urengoi-Abkommen lief von 1986 bis 1990 und sicherte der DDR einen Bezug von 0,7 Mrd. m3 Erdgas pro Jahr. Die DDR bekam drei Bauabschnitte in der Ukraine, südlich von Moskau und im Ural übertragen. Hauptauftragnehmer auf ostdeutscher Seite war der VEB Ferngasleitungsbau Engelsdorf. Das Urengoi-Projekt kann als Zwischenschritt zu dem noch weit umfangreicheren Jamburg-Abkommen angesehen werden. Auch bei diesem Vertrag handelte es sich um ein multilaterales Projekt. Insgesamt sicherte sich die ostdeutsche Seite durch das Jamburg-Abkommen bis 1998 die Lieferung von 24,9 Milliarden m3 Erdgas. Im Gegenzug verpflichtete sich die DDR, 387.000 t Rohre sowie Technik im westlichen Ausland zu kaufen sowie von 1989 bis 1993 Bau- und Montageleistungen in Höhe von 855 Mio. transferablen Rubeln (rund 4 Mrd. DDR-Mark) zu realisieren. Außerdem beinhaltete der Leistungskatalog den Bau von 1.600 Wohnungen sowie mehreren IndustrieObjekten, die Beteiligung am Kauf defizitärer Materialien im westlichen Ausland in Höhe von 140 Mio. Dollar und die Lieferung von Ausrüstungen für die sowjetische Erdgasindustrie. Die Bau- und Montageleistungen wurden vom Kombinat Gasanlagen Berlin erbracht. Für die Erdgaslieferungen waren Gazexport Moskau und der VEB Verbundnetz Gas Leipzig zuständig. Die zunehmend desolatere wirtschaftliche Situation in den RGW-Staaten am Ende der 1980er Jahre, verbunden mit einer Vielzahl organisatorischer

mung. Die Entsendung von Bauarbeitern und Materialien an die Erdgastrasse wurde gestoppt, die Arbeiten aber ansonsten mit den vorhandenen Kräften fortgesetzt. Eine ökonomische Bewertung der Abkommen über die Investitionsbeteiligungen der DDR an der sowjetischen Gasindustrie von 1974 bis 1990 ist kompliziert, da den Verträgen verschiedene Preissysteme und Umrechnungskurse zugrunde lagen. Von 1975 bis 1988 verlegten die Ostdeutschen in der Sowjetunion 1.340 km Großrohrleitungen und bauten 29 Verdichterstationen mit rund 2.100 MW Antriebsleistung. An neun Standorten der Erdgastrassen wurden Wohnungen und Gesellschaftsbauten errichtet. Außerdem wurden Industrieobjekte, darunter computergesteuerte Hochregallager, mechanische Werkstätten, Kläranlagen und technische Basen gebaut. Insgesamt, so schätzten Finanzexperten, waren für die Realisierung der Erdgasabkommen allein in den 1980er Jahren 16,4 bis 18,6 Mrd. Mark, einschließlich aller Leistungen in frei konvertierbaren Devisen, aufzuwenden. Dem standen Erlöse für die Bau- und Montageleistungen in Höhe von rund 6,2 Mrd. Mark gegenüber. Das heißt, netto kostete die Investitionsbeteiligung am Erdgasleitungsbau in der Sowjetunion dem Staatshaushalt der DDR rund 10,4 bis 12,6 Mrd. Mark. Auf der Habenseite stand die Versorgungssicherheit bei den Erdgasbezügen, wobei bis 1982 Preise gezahlt wurden, die unter den Weltmarktpreisen lagen. Danach musste die DDR auf Grund der RGW-Preisbildungsmechanismen, die den Weltmarktpreis verzögert weitergaben, höhere Preise zahlen. Dennoch waren diese Verträge für die Gaswirtschaft in der DDR alternativlos. Sie eröffneten die Chance, Teilbereiche der Wirtschaft zu modernisieren und boten eine langfristige Versorgungssicherheit von der nach 1990 auch das wiedervereinigte Deutschland profitierte. Noch heute sind die Trassen Teil eines Netzes, das Mittel- und

Umbrüche in der sowjetischen Wirtschaft, beeinträchtigte auch die Arbeiten an der Ferngasleitung. Die neue sowjetische Staatsführung wollte den Ausbau der Energiewirtschaft verlangsamen, zahlreiche Projekte der Gaswirtschaft auf Eis legen und stattdessen den Wohnungs- und Sozialbau fördern. In Berlin herrschte daraufhin Alarmstim-

Westeuropa mit Erdgas versorgt.

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Zum Autor Dr. Rainer Karlsch studierte Wir tschaf tsgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und hat dort auch zum Dr. oec. promoviert. Er hat zahlreiche wirtschaftsgeschichtliche Veröf fentlichungen verfasst bzw. he rausgegeben, darunter „Faktor Öl. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974“ (zusammen mit Raymond Stokes). Für sein Buch „Allein bezahlt? Die Reparationsleistungen der SBZ/DDR 1945–53“ (1993) erhielt Karlsch 1996 den Ersten Preis der StinnesStiftung. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der VNG erschien sein Buch „Vom Licht zur Wärme – Geschichte der ostdeutschen Gaswirtschaft 1855–2008“.

Dr. Rainer Karlsch

In der nächsten Ausgabe lesen Sie einen Beitrag über Transformation und Erdgasumstellung 1990–1995.

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Verbundnetz der Wärme

„Engagement macht Schule“ ins Leben gerufen Der erste Vertrag ist unter Dach und Fach: Am 8. Juli wurde zwischen Verbundnetz-Mitglied Angelika Keymel aus Bernburg vom Verein Kids für alle Fälle e.V. und der Schulleiterin der Sonnenlandschule Wolfen Sieglinde Böttcher die erste Kooperationsvereinbarung im Rahmen des Projektes „Engagement macht Schule“ unterzeichnet. Beide Seiten beurkunden mit der Unterzeichnung der Vereinbarung den Willen einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Ziel, gemeinsame Vorhaben zu entwickeln und umzusetzen. Gleichzeitig machen sich beide Partner für die Denkweise stark, dass in einer Demokratie die Menschen ihren Freiraum eigenständig aus- und mitgestalten und sich durch ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen, Kulturorganisationen oder Initiativen in die Gesellschaft einbringen. Weitere Anmeldungen zur Teilnahme am Projekt „Engagement macht Schule“ aus Erfurt, Schwerin, Reichenbach und Annaberg-Buchholz zeugen von großem Interesse an der Idee. Allein in Neustrelitz gibt es fünf Schulen, die eine Kooperation mit Verbundnetz-

Mitglied Hannelore Hildebrandt vom Verein „Bei uns in Kiefernheide e.V.“ anstreben. „Wir haben erkannt“, so Siegbert Ketelhut, Leiter Öffentlichkeitsarbeit der VNG – Verbundnetz Gas AG, „dass die Mitglieder des Verbundnetzes der Wärme, die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen intensiv ehrenamtlich aktiv sind, mit ihren Projekten und Initiativen die einmalige Gelegenheit haben, Schülerinnen und Schülern Kompetenzen zu vermitteln, die ihnen helfen werden, sich auf eine verantwortungsbewusste Rolle in der Gesellschaft vorzubereiten.“ Ins Leben gerufen wurde die ganze Idee vom Verbundnetz der Wärme, das 2001 mit dem Ziel gegründet wurde, Menschen für ehrenamtliche Tätigkeiten zu sensibilisieren und zu motivieren. Seit dem steht für die ostdeutsche Initiative das Thema Ehrenamt im Vordergrund, welches als unverzichtbare Säule des Gemeinwohls gestärkt werden soll. Um in Zukunft vor allem junge Menschen zu überzeugen, dass es wichtig ist, Verantwortung für sich selbst und für die Gesellschaft zu übernehmen, hat das Verbundnetz der Wärme „Engagement macht Schule“ gegründet – ein Projekt, das Kooperationen und Partnerschaften zwischen Schule und Vereinen bzw. Initiativen im Gemeinwesen fördert. Die Bereitschaft und Fähigkeit, für sich selbst, für andere und für das Gemeinwesen Verantwortung zu übernehmen, sind laut dem Verbundnetz der Wärme entscheidende Voraussetzungen für das eigene Fortkommen wie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Kooperationen zwischen Schule und Vereinen soll außerdem zur Entwicklung neuer Unterrichtsformen beitragen und die damit verbundene innere Öff nung der Schule für projektorientierte und erfahrungsbezogene Lernformen unterstützen.

Verbundnetz-Mitglied Angelika Keymel, Schulleiterin Sieglinde Böttcher und Anja Linke, Projektleiterin Verbundnetz der Wärme, während der Unterzeichnung der Kooperationsverein barung (v.l.n.r.).

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Verbundnetz für Demokratie und Toleranz

Geschichtswerkstatt Ludwigslust – Jugendfeuerwehr als Filmemacher Seit Oktober 2007 führt das Verbundnetz für Demokratie und Toleranz (VDT) eine Geschichtswerkstatt in der Jugendfeuerwehr Ludwigslust durch. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit der Geschichte ihrer Feuerwehr, ihres Heimatortes und der allgemeinen Geschichte Deutschlands. Bei der Recherche kam viel Material zusammen. Die Feuerwehr selbst verfügt über ein kleines Archiv an Zeitungsausschnitten und Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten. Auch im Stadt- und Kreisarchiv sowie in überregionalen Bibliotheken wurden die Jugendlichen fündig. Vor allem die Zeit des Nationalsozialismus ist ein in den Feuerwehren kaum aufgearbeitetes Thema. Hier gaben jedoch Zeitungen aus jener Epoche Aufschluss, so dass sich die Jugendlichen auch mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte auseinandersetzen konnten. Ein weiteres wichtiges Element der Werkstatt sind Zeitzeugeninterviews. Die Jugendlichen befragten ältere Feuerwehrkameraden zur Arbeit in der DDRZeit. Besonders spannend waren die Erlebnisberichte zum Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg. Parallel haben die Jugendlichen gelernt, wie ein Film entsteht. Der Ludwigsluster Medienkünstler Christian Möller und das Filmbüro Wismar begleiteten das Projekt in der technischen Umsetzung. Die Jugendlichen lernten den Umgang mit der Kamera,

Bei einem Sommerfest am 16.07.08 feierten die Jugendlichen der Feuerwehr Ludwigslust gemeinsam mit den Kindern und Eltern des örtlichen Asylbewerberheims. Das ist ganz im Sinne des VDT-Gedankens, sich mit demokratiefeindlichen Erscheinungen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich mit kommunalen Akteuren zur Stärkung der Demokratie zu vernetzen.

Zeigten den Jugendlichen, wie Technik und Schnitt beim Film funktionieren: der Ludwigsluster Medienkünstler Christian Möller und das Filmbüro Wismar.

das Erstellen von Legetrickcomics und erhielten Einblicke in die Vertonung und Schnitttechnik. Am 27. Juni war es soweit – der Film wurde auf der Festveranstaltung der Freiwilligen Feuerwehr Ludwigslust anlässlich ihres 140-jährigen Jubiläums präsentiert. Unter den zahlreichen Gäste waren Vertreter der umliegenden Feuerwehren, der Vorstand des Landesfeuerwehrverbandes Mecklenburg-Vorpommern sowie wichtige Vertreter der Politik, darunter der Ludwigsluster Bürgermeister Hans Jürgen Zimmermann, der Landrat Rolf Christiansen, die Kreistagspräsidentin Maike FriemannJennert und der Bundestagsabgeordnete HansJoachim Hacker. Alle Gäste zeigten sich vom Film beeindruckt. Der Ortswehrführer Klaus Möller fand anerkennende Worte für die Arbeit der Jugendfeuerwehr und dankte den Projektverantwortlichen. Ohne sie wäre die Geschichte der Feuerwehr vermutlich nie dokumentiert worden. Parallel findet übrigens auch eine Werkstatt in Boizenburg statt. Beide Projekte werden bis Jahresende fortgeführt. Darüber hinaus wird voraussichtlich ab September ein weiteres Projekt in Wismar unter der inhaltlichen und organisatorischen Betreuung durch die ZDK – Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH Berlin starten. Ulrike Krause, ZDK

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Ergebnis langer Recherchen: der Film „Feuerwehr im Spiegel der Zeit“.

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Junge polnische Malerei – Kunst aus Schlesien 2008 sind in Deutschland junge polnische Künstler aus der Region Schlesien zu Gast. Die Wanderausstellung, die unter der Schirmherrschaft von Dr. Market Prawda, Botschafter der Republik Polen in der Republik Deutschland steht, war bereits in München und Aachen zu sehen und kommt vom 10. Oktober bis 8. November auch nach Leipzig. Die Kuratorin der Ausstellung, Dorota Kabiesz, erklärt, warum sie die schlesischen Künstler ausgewählt hat und was die jungen polnischen Maler mit den Künstlern der Neuen Leipziger Schule gemein haben.

Polnische Kunst der Nachkriegszeit ist in Deutschland schon lange kein leerer Begriff. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde sie in mehreren Präsentationen in ganz Deutschland gezeigt. Nur ich selbst organisierte und kuratierte seit 20 Jahren über 60 davon. Nach dem Eintritt Polens in die EU, aber besonders im Deutsch-Polnischen Jahr 2005–2006, hat sich dieser Trend noch verfestigt.

Nach dem außerordentlich guten Empfang einer solchen, von mir organisierten Präsentation, die unter dem Titel POLEN KOMMT während des ganzen Deutsch-Polnischen Jahres in 12 deutschen Städten gezeigt wurde, habe ich mich jetzt entschlossen, dem Deutschen Publikum das gesamte Spektrum der neuesten Kunst und der jungen Künstler aus Polen zu zeigen.

Elżbieta Kozera: Die Blume. 2006, Temperafarbe auf Leinwand

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Piotr Kossakowski: Die Stadt VI. 2007, Öl auf Leinwand.

Aus dem geplanten Zyklus von Präsentationen der Neuen Polnischen Malerei, die ich in den nächsten Jahren in Deutschland vornehmen möchte, will ich 2008 als Erstes die Kunst aus Schlesien zeigen. Diese Entscheidung habe ich nicht ohne Grund getroffen! Nicht ohne Bedeutung ist hier eine Art Déjà-vu-Erlebnis, das ich vor etwa drei Jahren in Leipzig hatte. Auf der Suche nach einem Sponsor für die damals geplante POLEN-KOMMTAusstellung fand ich mit der VNG – Verbundnetz Gas AG ein Leipziger Unternehmen, das nicht nur enge Kontakte zu Polen unterhielt, sondern auch Kunst fördert. Mehr noch – selbst ab den 1990er Jahren hiesige Kunst kaufte und mittlerweile im Besitz einer beachtlichen Sammlung Leipziger Kunst ist! Auf dieser Sammlung basierte meine Auswahl der Ausstellung, die auch im Rahmen des Deutsch-Polnischen Jahres gezeigt wurde und unter dem Titel „Neue Deutsche Malerei – Leipziger Kunst“ in fünf polnischen Städten für Furore sorgte.

Diese Erkenntnis hat mich damals sehr erfreut und mich in meiner Begeisterung, die ich schon immer für Malerei aus Schlesien hatte, bestätigt. Die Künstler aus Schlesien, die waren immer ein wenig anders als „der Rest Polens“, und es gibt dafür auch mehrere Gründe. Es ist eine Region, die seit eh und je hoch industriell, nüchtern technisch, farblos ist. Mehr noch – die „schmutzige“ Region mit ihren ehrlichen, fleißigen, schwer arbeitenden Leuten. Eine Region, die sich auf den ersten Blick absolut nicht als ein Platz eignet, wo Kunst entstehen kann.

Mein Déjà-vu-Erlebnis blieb für mich unvergesslich. Als ich zum ersten Mal durch die langen, mit Bildern aus der Sammlung behängten Korridore des VNG-Sitzes lief, konnte ich mich von einer Art Verwirrung nicht befreien: … ich kenne das doch! Ich habe das (oder Ähnliches?) schon mal gesehen! Doch aber nicht in Deutschland, es war in Polen! In Schlesien!

Dominika Kowynia: Langeweile. 2007, Öl auf Leinwand.

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Junge polnische Malerei – Kunst aus Schlesien

Mehr noch – wo die Kunst auch nicht auf Interesse und Anerkennung stoßen kann. Zugegeben, Musik war hier immer sehr geschätzt und Musizieren hat hier eine sehr alte Tradition. Aber die darstellende Kunst schien in dieser Umgebung augenscheinlich nichts verloren zu haben. Desto größer ist schon seit Jahren meine Begeisterung für Künstler aus dieser Region, die, allem zum Trotz, gerade hier hervorragend bunte, freundliche und freudige Bilder entstehen lassen. Das ist aber nur eine, vielleicht sogar wenig bedeutende Eigenschaft, die die Künstler und deren Bilder für

mich so interessant machen. Was für mich absolut einzigartig ist, ist die Fähigkeit der Künstler, die in der Region traditionell tief verwurzelte, ehrliche Arbeitswertschätzung und Genauigkeit auf ein Kunstgebiet zu übertragen. Das spiegelt sich in einem klassischen, nahezu perfekten Handwerk wieder. Dieses ist bestimmt auch der hier seit über 50 Jahren agierenden Kunstakademie zu verdanken, die – trotz ihres Status als Filiale der Krakauer Kunstakademie – immer ein bisschen anders und viel mehr „akademischer“ als die Krakauer und als alle anderen polnischen Kunstakademien war. Trotzdem brachte sie quasi parallel durch all die Jahre eine beachtliche Menge international bekannter Maler heraus! All diese Faktoren, sowohl die triste Umgebung als auch die Art und Weise der Ausbildung auf der Kunstakademie, scheint den von dort stammenden und dort ausgebildeten Künstlern eine einzigartige Grundlage zu verschaffen. Eine ähnliche, wenn nicht sogar gleiche, Grundlage bekamen auch die Studierenden an der Kunsthochschule in Leipzig. Nicht ohne Bedeutung ist auch, dass beide Kunstschulen bis 1990 in dem gleichen „östlichen Block“ agierten. Im Fall von Schlesien ist zudem der über 400 Jahre dauernde deutsche Einfluss nicht wegzudenken. Für die schlesischen Künstler, genauso wie für die Leipziger, ist die Malerei nie gestorben. Beide scheinen überhaupt nicht bemerkt zu haben, dass das Ende der Malerei verkündet wurde! Natürlich experimentierte man auch hier mit Installationen und „kalten Medien“. Man stellte auch zeitweise grundsätzlich Traditionsverhalten, Bildsprachen und Formen der Vorgänger in Frage, aber die Malerei in dem traditionellen, akademischen Sinne hat hier immer ihre Stellung gehalten. In all dieser Hinsicht sind für mich die schlesischen Künstler den Leipziger Malern so ähnlich. Und doch gibt es etwas, das die Bilder der Schlesier von der Leipziger Kunst unterscheidet. Es ist etwas, was ich beinahe in der ganzen polnischen Malerei so einzigartig finde! Es ist diese slowenische Fan-

Andrzej Tobis: Neuer Ort. 2004, Öl auf Leinwand.

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einfach bewundern, die Klarheit und Individualität ihrer schöpferischen Aussagen, ihr Streben nach den neuen Konzepten, nach neuen künstlerischen Mitteln, mit Hilfe derer diese verloren gehenden industriellen Landschaften, aber auch die neue Wirklichkeit der Region angehalten und ins Bild gefasst werden. Mit meiner Begeisterung möchte ich das deutsche Publikum anstecken. Ich möchte auch der neuen Generation schlesischer Maler eine Chance geben, die die Älteren nicht hatten. Eine solche Chance, die bereits den jungen Leipzigern zu internationaler Anerkennung verholfen hat! Eine Chance, sich dem internationalen Publikum zu stellen, eine Chance zu zeigen, was sie zu sagen haben!

Jakub Adamek: Die Kirche. 2008, Öl auf Leinwand.

tasie, dieses Unberechenbare, Romantische, was auch Polen als Nation von anderen Europäischen Nationen unterscheidet. Und genau diese Prise der slowenischen Charaktereigenschaften verbunden mit der typisch schlesischen Sachlichkeit, Genauigkeit, perfekten akademischen Werkstatt macht die Bilder für mich so einzigartig. Man muss sie

Und zu sagen haben sie nicht wenig, und was und wie sie das sagen, ist meiner Meinung nach außerordentlich interessant! Dorota Kabiesz Galeristin und freie Kuratorin, Berlin

Information Die Ausstellung kann vom 10. Oktober bis 8. November 2008 jeden Freitag zwischen 15.00 und 18.00 Uhr im Atrium der VNG – Verbundnetz Gas AG (Braunstraße 7) besichtigt werden. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei.

Aleksander Kozera: Bilany II. 2008, Acryl auf Leinwand.

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Neuerscheinung

Rainer Karlsch

Vom Licht zur Wärme Geschichte der ostdeutschen Gaswirtschaft 1855–2008 • Die erste umfassende Geschichte der ostdeutschen Gaswirtschaft • Ein bedeutsamer Beitrag zur Industrieund Wirtschaftsgeschichte Deutschlands • Faktenreich, spannend erzählt, opulent illustriert • Grundlegend für das Verständnis heutiger Probleme der Energieversorgung Das Buch ist im September 2008 im Nicolai Verlag erschienen. Es kann unter der ISBN-Nr. 978-3-89479-490-3 für 29,95 € im Fachbuchhandel erworben werden.

medium gas | 17. Jahrgang | 3. Ausgabe | Oktober 2008


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