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REPORTAGE

Modemacherin In der Weberei Awana Kancha bei Pisac stellen Frauen neue Souvenirs her, mit Techniken, die Hunderte Jahre alt sind

Wolkenkratzer Machu Picchu, die alte Inkastadt, liegt auf über 2000 Metern und wurde im 15. Jahrhundert erbaut

Touristen aus aller Welt strömen jedes Jahr nach Machu Picchu im Hochland von Peru. Für das Dorf Raqchi ebnen sie so den Weg in eine bessere Zukunft

Die Erben der Inkas FÜR SIE 23/2010

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REPORTAGE

Kunsthandwerk, ein Schatz

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artina Mamani ist stolz auf ihr Heimatdorf: „Nirgendwo sonst im Hochland von Peru gibt es so feine Webarbeiten, stabile Töpferware und anständige Männer zum Heiraten wie bei uns in Raqchi“, sagt die 38-Jährige. Señora Martina, wie sie in dem 120-Seelen-Dorf genannt wird, verkauft auf dem staubigen Marktplatz ihre handbemalten Zuckerdöschen aus Ton, ihre Seifenschalen, ihre selbst gewebten Ponchos. „Und wir haben das beste Wetter. Im Winter nicht zu kalt, im Sommer nicht zu heiß.“ Das fühlbar angenehme Klima auf 3460 Meter Höhe wussten schon die Inkas zu schätzen. Sie bauten in Raqchi eine Festung und lagerten in 156 runden Steingebäuden, den Qolqas, ihre Vorräte: kleine Andenkartoffeln, Mais und Trockenfleisch. Bereits von der Landstraße aus sind beachtliche Mauerreste zu sehen – schwere, ordentlich gereihte Steinquader. Sie sind das Fundament eines Tem-

Die Kopfsteingassen von Cusco sind Verkehrsweg und Verkaufsfläche. Rechts: Für Martina Mamani ist Webkunst nicht Folklore, sondern Teil ihrer Identität

der Anden pels, in dem vor 400 Jahren Inka-Gott Wiracocha gehuldigt wurde. Die Ruinen dienten Martina Mamani in ihrer Kindheit als Abenteuerspielplatz. „Das da war mein Versteck“, sagt sie und deutet auf eine Lücke in der Mauer. „Da durfte niemand außer mir sitzen!“ Bis vor acht Jahren stand an dem Festungsort ihr Elternhaus, das heute ein Freilichtmuseum ist. „Als die Archäologen kamen, mussten wir umziehen.“ Auf die Archäologen folgten die Touristen. Von ihnen profitiert Martina Mamanis Dorf.

Lehmhütten für Urlauber Dutzende von Bussen halten jeden Tag auf dem Marktplatz, und Hunderte von Besuchern bestaunen das Kunsthandwerk, das die Frauen aus Raqchi verkaufen. Martina Mamani trägt die traditionelle Kleidung: einen flachen Hut mit breiter Krempe, eine bunt bestickte Weste zum schwarzen Faltenrock und Ledersandalen. Ihr fotogenes Outfit ist

Endstation Aguas Calientes, beliebter Startpunkt für Machu-Picchu-Ausflüge. Rechts: Marleny Callañaupas und eine Freundin bieten Besuchern heimische Köstlichkeiten an

kein Zugeständnis an die Touristen. „Ich habe sechs Jahre in der Stadt gewohnt und als Putzfrau in Schnellrestaurants gearbeitet. Damals trug ich Hosen und T-Shirts “, sagt sie. „Aber dieses Leben war nichts für mich. Ich fühle mich hier in unserer Kleidung und auf dem Land unserer Vorfahren am wohlsten.“ In Raqchi besitzt Martina Mamani einen kleinen Hof, auf dem sie Mais anpflanzt. In der von einer Glühbirne beleuchteten Küche hängt neben dem Holzofen aus Lehm ein Kalender, darauf ein Bild von Machu Picchu, der sagenumwobenen Stadt der Inkas. „Wer durch Raqchi fährt,

kommt vom Titicacasee und will nach Machu Picchu oder umgekehrt“, sagt sie. Dass die Reisenden im Dorf Station machen, war ihre Idee: Als vor ein paar Jahren das Geld für sie und ihre Töchter kaum zum Essen reichte und ihr Mann zum Goldschürfen im Urwald war, schlug sie dem Dorfrat vor, Urlauber in Raqchi aufzunehmen. Einfach so, ohne Hotel, als wären Freunde zu Besuch. Die anderen verstanden zwar nicht, warum reiche Europäer dafür bezahlen würden, in Lehmhäuschen zu übernachten, waren aber einverstanden. Man beschloss, die Einnahmen teils für die Gemeinde π

Von Landwirtschaft allein können die Familien im Hochland nicht leben. Zusätzliche Einnahmen aus dem Verkauf von Handarbeiten, wie den Stoffpuppen aus Chinchero, ermöglichen Kindern, weiterführende Schulen zu besuchen und einen Beruf zu erlernen FÜR SIE 23/2010

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„Wir pflegen Tradition“ „Aber sie sollen die Wahl haben“, sagt Martina Mamani. „Stadt oder Land, Handwerk oder Ausbildung.“

Lamaknochen teilen Fäden Leuchtstoffe Gefärbt wird mit Blättern und getrockneten Insekten

KAREN NAUNDORF

FOTOS: François Goudier/SIC/Studio X (5), Carola Schmitt, Karen Naundorf (5)

zu verwenden. „Als der erste Gast kam, ein Student aus Italien, standen wir zu zehnt um ihn herum und schauten, ob ihm das Essen schmeckte“, erinnert sich Martina Mamani. „Inzwischen haben wir mehr Erfahrung.“ Mit dem zusätzlichen Einkommen will sie ihren Töchtern eine bessere Zukunft bieten. Vanesa, 15, möchte Physiotherapeutin werden, die zwei jüngeren Schwestern sind gerade aufs Gymnasium in Cusco gekommen. Die Mädchen sprechen Quechua, die Sprache der Andenvölker, und Spanisch. Sie wissen, wie man sät, Kühe melkt, Ponchos webt.

Eine der bekanntesten Weberinnen der Region Cusco ist Marleny Callañaupa, 36. „Ich war zehn und hütete Schafe, da kamen Touristen und wollten mir unbedingt einen gewebten Gürtel abkaufen“, sagt sie. „Ich war überrascht, begann aber, mehr herzustellen und auf Besucher zuzugehen. Und sie kauften.“ Mit fünfzehn war sie Unternehmerin. Heute arbeiten 35 Frauen bei „Awanawasi Tokapu“, so heißt Marleny Callañaupas „Webhaus“ auf Quechua. „Wir pflegen Traditionen“, sagt sie. „So hat jede Weberin ihren eigenen Lamaknochen, mit dem sie Fäden teilt. Und wer schwanger ist, darf nicht arbeiten. Schon die Inkas wussten, dass sich dabei die Nabelschnur verheddern kann.“ Marleny Callañaupa ist über Peru hinaus bekannt. In Dokumentarfilmen

zeigte sie, wie sie Wolle mit Blättern und getrockneten Insekten färbt. Bei den Vereinten Nationen in New York berichtete sie vom Klimawandel in den Anden. „Die Winter werden härter, Wasser fehlt, und die Sonne brennt stärker“, sagt sie. Auch Martina Mamani spürt die Folgen des Ozonlochs. „Wir brauchen neuerdings Sonnencreme.“ Sie hat sich eine Schürze umgebunden und rührt in einem gusseisernen Topf über offenem Feuer. Ihre Milchsuppe mit Erbsen, Reis und Quinoa, einem Getreide, das nur im Hochland wächst, duftet würzig. Während sie für ihre Familie kocht, verkauft eine Freundin auf dem Marktplatz für sie mit. Später löst Martina Mamani sie ab. Auch bei der Feldarbeit hilf man einander und beim Bewirten der Touristen. „Ayni“, die gegenseitige Hilfe, war bereits bei den Inkas üblich. „Wir sind ihre Nachfahren“, sagt Martina Mamani stolz. „Die Spanier konnten uns mit Waffen besiex gen, aber unsere Kultur ist stark.“

Knuddeltiere Alpakas liefern Wolle. Rechts: Weberin Martina Mamani baut Mais und anderes Getreide an, ihr zweites Standbein

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