Die Kiste

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-95954-110-7 © Wolfgang Bellmer Lektorat: Jochen Stremmel Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden www.mitzkat.de


Wolfgang Bellmer

Die Kiste

Verlag Jörg Mitzkat Holzminden 2021



1 April 1945, Holzminden

B

ehutsam klemmt sich Oberst Axel Dettmer den mit Eisenklammern gesicherten, dunkelrot lackierten Holzkasten unter den Arm, wirft noch einen Blick zurück in die vom Scheinwerferlicht durchflutete hohe Halle, zögert kurz und drückt dann den Hebel nach unten, an dem die gesamte Stromversorgung der Anlage hängt. Dunkelheit hüllt den Raum ein und mit ihm das große Projekt, das ihn und seine Männer die letzten Kriegsjahre hat ertragen lassen. Aus der Traum. Es ist vorbei. Und er, Dettmer, ist derjenige, der das Projekt begräbt. So sorgfältig begräbt, dass niemand irgendwelchen Unsinn mit dem Ungetüm anstellen kann. Ihn schaudert ein wenig, als er an die Verantwortung denkt, die er sich auflädt. Aber wer sollte es sonst tun? Diese verrückt gewordenen, immer noch den Endsieg herbeibrüllenden Parteibonzen, von denen einer draußen neben seinem protzigen braunen Partei-Mercedes liegt? Oder General Haldimann, der noch vom Eichenlaub mit Schwertern träumt, obwohl die Tommys zehn Kilometer stromaufwärts bereits mit schwerem Gerät und der kompletten kanadischen Artillerie die Weser überquert haben? Verrückte. Dettmer tritt zurück, und das rote Notlicht der Luftschutzbeleuchtung des Treppenhauses fällt in die Halle und bringt die sanft geschwungenen Metallteile zu einem schwachen Glänzen, als wolle es ihnen Lebewohl sagen. Dettmer wirft die schwere Metalltür zu und zieht das Schlüsselbund mit den drei flachen genoppten Sicherheitsschlüsseln heraus, von denen er eigentlich nur einen haben darf. Eigentlich. Dienstvorschrift. Papperlapapp. Schnee von gestern. Handeln, handeln zu müssen, handeln zu können,

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das allein ist das Gebot der Stunde. Und Mensch zu sein, endlich wieder Mensch zu sein. Trotz der chaotischen Situation. Oder gerade deswegen. Eine Diktatur des Schreckens ging zu Ende, und die Freiheit kam mit Schrecken, mit Feuer, Bomben und Granaten. Widersprüchlicher Irrsinn, wer sollte sich da noch zurechtfinden? Der Oberst stellt den Kasten auf eine Treppenstufe und öffnet einen Schrank, der in die Wand des Flurs einlassen ist. Er greift hinein, zieht einen Packen mit zivilen Kleidungsstücken heraus und legt sie – graue Hose, blaues Drillichhemd, schwarzer Pullover – über das Geländer der Treppe. Für einen Moment steht er unentschlossen da, dann öffnet er das Koppel, an dem seine Dienstpistole hängt, und legt die Waffe vor sich auf den Betonboden. Er steigt aus der Hose und lässt sie so zusammengeknautscht liegen, wie er aus ihr hinausgestiegen ist. Sein Mund verzieht sich zu einem dünnen Lächeln. Das ist übrig geblieben von den messerscharfen Bügelfalten des Uniformlebens, von dem sie alle geglaubt haben, dass es zu ihm keine Alternative gebe. Und nun? Eine undeutliche Acht auf dem Boden, ein Stück Stoff, zu gefährlich, um sich darin sehen zu lassen. Zu gefährlich jedenfalls für das, was er zu Ende bringen muss. Aber er ist noch nicht am Ende. Noch wartet dieses letzte Kommando auf ihn. Nur gut, dass er seine Leute rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Mit astreinen Marschpapieren in Richtung Sangershausen im Kyffhäuser, dem Heimatstandort dieses Geisterbataillons, das es eigentlich gar nicht gibt, so unglaublich geheim, wie es ist. Den letzten Befehl würde er sich selbst geben. Und keiner würde ihn daran hindern. Er blickt durch eines der schmalen gotischen Fenster nach draußen. Der Himmel über Bevern ist schwarz vor Rauch, rote Explosionsblitze flackern über dem Schloss, in dem gestern noch das Oberkommando der Division gesessen hat ... Weltuntergang.

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Zwei Stunden höchstens, und die Tommys sind da, und dieses Haus wird sie anlocken wie der Speck die Maden. Beeil dich, verflucht nochmal, beeil dich! Die Hose, der Gürtel. Das Hemd, diese verfluchten kleinen Zivilistenknöpfe! Der Pullover. Das war’s. Er schaut in den Spiegel über dem kleinen Waschbecken. Ein rundliches, leicht zerknittertes Gesicht, das noch immer etwas von dem Raubeinigen an sich hat, das Paula so an ihm liebt. Er findet eine Schiebermütze im oberen Regal, setzt sie auf und zieht sie sich ins Gesicht. Niemand, den er kennt, würde ihn in diesem Aufzug wiedererkennen. Von dem drahtigen, korrekt gekleideten Stabsoffizier ist nicht viel übrig geblieben. Ein Rest, der wenig Vertrauen erweckt. Abgetragen und zerknautscht. Und doch gerade recht, wenn die Welt in Scherben fällt und man da draußen nicht auffallen darf. Er stopft die Uniform in den Spind, schließt ihn zu und grinst. Ordnung muss sein. Er nimmt die Kiste wieder unter den Arm, blickt zwischen den Treppen hindurch in die Tiefe. Acht Stockwerke. Niemand zu sehen. Er lauscht. Niemand zu hören. Die eisernen Stufen dröhnen unter seinen Schritten, als er die Treppe hinunterläuft, so schnell er kann. Fünf Jahre lang ist er Tag für Tag zwei- oder dreimal hinauf- und hinabgestiegen, er kennt jeden Tritt, jeden Kratzer an den mit hellgrüner Ölfarbe gestrichenen Wänden. Nun ist es das letzte Mal, Abschied nehmen, definitiv, und er fragt sich, ob er so etwas wie Bedauern spüren soll. Spürt er nicht, hört stattdessen das Stakkato seiner Schritte auf den dröhnenden Metallstufen. Er öffnet die Tür, die durch den kleinen Anbau nach draußen führt, macht sie hinter sich zu und zieht den Schrank davor, der sie verdeckt. Vergewissert sich noch einmal, dass auch wirklich nichts mehr zu sehen ist von dem Eingang zu dem geheimen Bereich, in dem dieses Ding steht, das Verderben über ganze Städte bringen kann. Nein, nichts mehr zu sehen.

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Nun noch dieses Gerät verstecken, diesen Zauberkasten, der nicht in falsche Hände fallen darf. Mordlüsterne Kerle wird es auch nach den Nazis geben, und trauen kann er niemandem. Paula vielleicht, aber die sitzt noch in ihrem Versteck, bis morgen, übermorgen, bis die Amis da sind. Er tritt auf den großen Hof. Der Tote liegt noch da auf dem Beton, umgeben von einer in der grellen Sonne glänzenden Blutlache gleich neben seinem braunen Mercedes 170, dessen Verdeck zurückgeklappt ist wie für eine Parade. Weiß der Himmel, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Niemand zu sehen. Er muss die Leiche verschwinden lassen. Nicht auszudenken, wenn ein Trupp der Übereifrigen ihn hier neben dem Toten findet. Es war Notwehr, natürlich ist es Notwehr gewesen. Das Dumme ist nur, dass es bei Parteibonzen so etwas wie Notwehr nicht gibt. Eine Sache für das Standgericht: Man würde ihn an die Mauer stellen und erschießen, wenn sie sich überhaupt die Mühe machten. Er zerrt den Toten zum Mercedes und hievt ihn auf den Beifahrersitz. Die blutdurchtränkte Schirmmütze fällt zu Boden. Dettmer hebt sie auf und setzt sie dem Dicken zurück auf die Glatze. Er nimmt ihm die Pistole aus der schlaffen Hand und legt sie auf den Rücksitz. Dettmers Mund verzieht sich zu einem schiefen Lächeln. Er will nicht wissen, was in seinem Kopf vor sich geht. Er sieht sich um. Kaum eine Möglichkeit, die Leiche und den Wagen hier neben dem Silo zu beseitigen. Dann fällt sein Blick auf die Rampe mit der Verladestation. Das ist es. Er setzt sich ans Steuer. Er hat seinen Besitzer getötet, aber der Wagen springt sofort an. Autos kennen keine Loyalität. Die Einfahrt zur Verladestation ist nur zwanzig Meter entfernt. Sie ist hoch und breit, damit beladene Lastwagen hineinpassen. Der Boden senkt sich leicht. Dettmer fährt

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hinein und hält in einer mit dicken weißen Linien markierten Zone. Über ihm kommen Rohre aus der massiven Decke. Dettmer steigt aus, macht die Tür zu, verlässt den markierten Bereich und geht zu einer Schutzwand, aus der ein Hebel hervorragt. Er drückt ihn nach unten. Aus den Rohren ertönt ein Rauschen, dann strömt helles, blassgelbes Korn heraus und legt sich über den Mercedes und den Toten. Getreidestaub wallt auf, und es hat den Anschein, als schaute der dicke Glatzkopf zu ihm herüber, während der Weizen langsam den Wagen verschluckt. Bald sind nur noch die Windschutzscheibe, das aufgeklappte Verdeck und der Kopf des Mannes zu sehen. Dann verschwinden auch sie. Dettmer zieht den Hebel wieder nach oben und wirft einen letzten Blick auf den Getreidehaufen. Schade um den Weizen. Die Lebenden hungern, und er begräbt eine Leiche unter dem duftenden Getreide. Abartig. Und doch notwendig. Die Katastrophe kann er nur verhindern, wenn er die Stadt ungehindert verlässt. Er geht zu seinem grauen DKW-Allrad-Transporter hi­­ nüber. Die dunkelrot lackierte Kiste, für die er sein Leben einsetzt und deren Anblick den Nazibonzen misstrauisch gemacht hat, steht noch neben der offenen Fahrertür. Vorsichtig verstaut er sie auf der Pritsche hinter der Fahrerkabine, verriegelt die Ladeklappe und zieht die Plane darüber. Nichts erinnert mehr an die kostbare Fracht, die sich unter ihr verbirgt. Dettmer ist zufrieden. Ob es ihm gelingt, heil mit seiner Ladung davonzukommen, wird sich in den nächsten Minuten herausstellen. Aus der Ferne hört Dettmer das Wummern von Geschützen, als er in die Allersheimer Straße einbiegt. Die Türen des Gefängnisses stehen offen. An der Laterne vor dem Amtsgericht hängt ein toter Soldat mit ausgestreckten Armen an

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den Querstreben einer Laterne. Mit einem Schild um den geknickten Hals: VATERLANDSVERRÄTER. Sie sind also nicht weit entfernt gewesen, diese Irren, und es hat nicht viel gefehlt, und er hätte dort gehangen. Seine Gedanken wandern wieder zu Paula, und er hofft, dass sie ihr kleines Haus nicht zu früh verlässt. Fahren! Nicht nachdenken! Eine Ecke weiter schnüffelt ein Spaniel an einer Litfaßsäule, die mit hastig verklebten kommunistischen Schmähplakaten bedeckt ist. Der Hund steht einen Augenblick reglos da, als überlegte er, ob sich der Aufwand lohnt, und hebt schließlich das Bein. Als Dettmer an ihm vorbeifährt, um in die Neue Straße einzubiegen, trottet er bereits davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Das Auto ist ein alter DKW F 8, Sperrholzkarosse mit neuartiger Kunststofffolie bespannt, die alles zusammenhält. Der letzte Wagen mit Ladepritsche, den er hat auftreiben können. Ein Restposten, der beim nächsten Schlagloch auseinanderzufallen droht. Aber vollgetankt. Und mit ausgeleierten Blattfedern und abgefahrenen Reifen. Nicht gerade ideal für eine Fahrt in den Wald, diese Karre. Er muss eben vorsichtig fahren, wenn er überhaupt ankommen will. Die zerbombte Bauschule kommt in Sicht, die älteste Bauschule Deutschlands. Das Denkmal des Gründers steht unversehrt neben den rauchenden Trümmern der Schule. Der ernst blickende Mann hält die Hände zur Stadt hin, als wolle er sich entschuldigen, dass er das Unheil nicht aufhalten konnte. Angefangen hatte es damit, dass ein Feldwebel seine beiden Lastwagen, bis obenhin mit Panzerfäusten beladen, unter den Bäumen neben der Schule abstellte. Die Bäume waren noch kahl, und die englischen Tiefflieger hatten ihr Ziel schnell ausgemacht. Unter ihrem Beschuss explodierten die Panzerfäuste, und bald brannte das große Backsteingebäude lichterloh.

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Angelockt von den Rauchschwaden kreisten schon wenige Stunden später Bomber über der Stadt. Sie kamen von Westen wie das Gewitter, das die Stadt einhüllte und den Piloten die Sicht nahm. So landete ein Großteil der Bomben, die ausgereicht hätten, um die kleine Stadt dem Erdboden gleichzumachen, im unbebauten Gelände am Stadtpark, genau dort, wo die Nazis ihren obligatorischen Thingplatz gebaut hatten. Die übrigen Bomben verwüsteten das Gebiet um den Bahnhof. Mehr als 200 Tote. Zahllose Verletzte. Das burg­ ähnliche Gebäude, in dem die NSDAP-Kreisleitung residierte, brannte bis auf die Grundmauern nieder. Als Dettmer jetzt daran vorbeifährt, schleppen Fremdarbeiter schwere Kisten mit Akten auf Lastwagen, die eilig davonfahren. Auch diese Ratten verlassen das sinkende Schiff. Nur du bist noch nicht fertig. Er biegt in die Fürstenberger Straße ein, die nach Süden führt. Dort, wo noch vor Wochen die rot-weißen Fahnen mit den schwarzen Hakenkreuzen im Winde geweht haben, hängen nun schlaff weiße Bettlaken in der fahlen Frühlingssonne. In jedem Fenster eins, man kann nicht vorsichtig genug sein. Einen Kilometer weiter, beim Sägewerk, versperren rauchende Trümmer die Straße. Dettmer sucht sich seinen Weg zwischen ihnen hindurch, fährt um Leiterwagen herum, die vollbepackt sind mit dem, was übriggeblieben ist. Ratlose Menschen irren wie in Zeitlupe zwischen Schutt, zerborstenen Fensterrahmen, Kleiderschränken, Kinderbetten, Stühlen und Waschbottichen umher, Sachen, die innerhalb weniger Minuten ihre Funktion verloren haben. Und immer wieder richten sich die Blicke in den Himmel, weil die verdammten Tiefflieger jederzeit wieder auftauchen können, um ihr Zerstörungswerk zu vollenden. Nichts wie weg hier! Die Straße kreuzt die Bahngeleise und führt am Hang

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entlang. Die noch braunen Felder liegen im Dunst. Nebel umwabert die Chausseebäume. Die Weser windet sich fahl glänzend durch das Tal, staut sich vor der gesprengten Weserbrücke und fließt dann weiter auf den Kiekenstein zu, dessen breiter Bergrücken sich dem Fluss in den Weg stellt. Irgendwo da hinten sind die Panzer der Amis. Dettmer befindet sich nun oberhalb des Klosters Corvey. Der Hof der alten Benediktinerabtei ist voller Flüchtlinge. Sie hocken regungslos auf Mauern und Rasenflächen, warten stumm und voller Besorgnis auf die Ankunft der Amerikaner, in der Hoffnung, dass die heiligen Mauern und vielleicht sogar Gott sie beschützen mögen. Wer kann schon mit Bestimmtheit wissen, ob eine Befreiung wirklich eine Befreiung ist. Der Wald schiebt sich ins Blickfeld, und die Straße biegt scharf nach links, während sie steil ansteigt. Der DKW gerät ins Stocken, und Dettmer zerrt an der Kulissenschaltung, gibt Zwischengas und schaltet in den ersten Gang hinunter. Der Motor heult auf. Dettmer blickt auf die Karte. Die Abzweigung zur Otterbache muss jeden Moment kommen. Kurz davor sitzen ein Mann und eine Frau in der Abendsonne, beide zwischen vierzig und fünfzig. Sie wirken unverfänglich, aber Dettmer ärgert sich, dass sie ausgerechnet hier rasten, wo sie mitbekommen müssen, dass er abbiegt. Fahrräder und kein Gepäck, sie müssen aus der Gegend sein. Mist. Er zieht die Schiebermütze noch tiefer in die Stirn, bemüht sich, nicht zu ihnen hinüberzuschauen, und reißt das Steuerrad nach links. Die alten Federn des DKW stöhnen, aber schon findet sich Dettmer auf dem Waldweg wieder. Es ist dunkel unter den Bäumen, und er merkt zu spät, dass der der Weg voll schlammiger Pfützen ist. Ein-, zweimal kann er ausweichen, aber dann ist da einziger kleiner See, die Vorderräder pflügen noch hindurch, aber die Hinterräder rutschen in eine Untiefe, und der alte Wagen sitzt fest. Es platscht und schmatzt, während die Räder durchdrehen. Dettmer drückt

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das Gaspedal durch. Vergebens. Er kämpft noch eine Weile, aber dann würgt er den Motor ab. Bläulicher Qualm steigt um das Fahrzeug hoch. Mist! Verfluchte Scheiße! Ausgerechnet jetzt! Dettmer stößt die Tür auf, steigt aus, steht bis zur Wade im Schlamm, flucht und rettet sich an den Wegesrand. Er stapft am Heck des DKW entlang, nimmt einen Ast vom Waldboden und steckt ihn in die Pfütze, um sich ein Bild vom Ausmaß des Unheils zu machen, in das er geraten ist. Er sitzt in der Falle. Alles umsonst. Mit der unhandlichen Kiste zu Fuß weiterzugehen bis hoch nach Rottmünde, nein, das ist nicht zu schaffen. Da sieht er das Pärchen. Die beiden kommen über die Straße und schauen ihn und das Auto neugierig an. Der Blick der Frau liegt länger auf Dettmers Gesicht. Offensichtlich überlegt sie, ob sie ihn schon mal gesehen hat. Schließlich zuckt sie mit den Schultern und wendet sich dem Auto zu. Dettmer ist erleichtert, denn er kennt die Frau und auch den Mann. Elise und August Beckmann, ein Unternehmerehepaar aus Holzminden. Er hat sie auf dem einen oder anderen Tanzabend im Kasino gesehen. Man hat sich das eine oder andere Mal freundlich zugenickt, aber das ist es auch schon gewesen. Galauniform in einer Ballnacht und schlampige Zivilsachen in einem schlammigen Waldstück, das sind zwei völlig verschiedene Welten. Gott sei Dank. Er hält sich die Hand vors Gesicht, als wollte er sich kratzen. Sicher ist sicher. »Vielleicht können wir Ihnen helfen«, sagt der Mann, »aber es müsste schnell gehen, wir müssen weiter, wissen Sie.« Dettmer nickt erleichtert. Auch er muss weiter. Auch er hat es eilig. »Es wird wahrscheinlich reichen, wenn Sie ein bisschen schieben. Wenn ich erst mal raus bin aus dieser ... diesem Schlamassel ...« Er setzt sich ans Steuer. Die Beckmanns stellen sich zu beiden Seiten des Wagens auf, um ihn anzuschieben. Im

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Rückspiegel sieht Dettmer, dass die Frau, die einen forschen Eindruck macht, in die Streben greift, über die die Persenning der Abdeckung gespannt ist. »Eins uuund zwei ... uuund drei ...!«, kommandiert Beckmann. »Hau...ruck! Hau...ruck und zuuu...gleich!« Dettmer gibt Gas, und der Motor heult im Rhythmus der Kommandos auf. Der alte DKW bewegt sich tatsächlich. Rollt ein Stück vor, rollt zurück, vor und zurück, gerät in eine Schaukelbewegung hinein – »Noch einmal: zuuuu...gleich« – und bekommt plötzlich festeren Boden unter die Räder, die jetzt nicht mehr durchdrehen – und es ist geschafft. Der DKW schießt ein Stück vorwärts, und Dettmer bremst und sieht, dass die Frau Mühe hat, sich festzuhalten. Sie taumelt. Eine Strebe rutscht aus der Verankerung, und die Persenning klappt über der Frau zusammen. Dettmer zieht die widerspenstige Stoffbahn zurück, und Elise blickt ihn erleichtert an. Die Männer beglückwünschen sich zu der gelungenen Rettung. Der Kopf der Frau verschwindet noch einmal unter der Plane und bleibt ihm etwas zu lange dort. Er nimmt ihre freie Hand und zieht. »Alles in Ordnung«, sagt er bemüht unaufgeregt. »Sie können wieder auftauchen, damit ich mich bei Ihnen bedanken kann.« Ihr Gesicht kommt zum Vorschein. »Ganz schön dunkel da drin«, sagt sie. Gott sei Dank ist es ganz schön dunkel da drin. Glück im Unglück. Die Kiste hat sie wohl nicht entdeckt. »Mir kommt es so vor, als hätten wir uns schon mal gesehen«, sagt Beckmann und sieht ihn zweifelnd an. »Göttingen«, sagt Dettmer, »ich komme aus Göttingen, kann sein, dass Sie mich dort mal gesehen haben.« Beckmann schüttelt den Kopf. »Nein, das kann nicht sein, mit Göttingen haben wir wenig zu tun.« Nichts wie weg hier! »Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Es wird ja bald dunkel. Ich geh noch mal für kleine Jungs in die Büsche,

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und dann bin ich weg. Meine Frau wird sich schon Sorgen machen.« Die Beckmanns verabschieden sich, anscheinend arglos. Als sie mit ihren Fahrrädern in der Kurve auf der Straße verschwinden, verkeilt Dettmer die herausgerissene Strebe und zieht die Plane glatt. Kaum etwas zu sehen. Er geht ein paar Schritte in den Waldweg hinein und sieht sich um. Keine Pfützen mehr, alles plan und eben bis auf ein paar Treckerspuren. Seiner Weiterfahrt steht nichts mehr im Wege. Gott sei Dank kennt er die Gegend, hat öfters hier gejagt, mit Otto Leidloff, dem grantigen Notar, der sich einen Spaß daraus gemacht hat, ihn, den altgedienten Soldaten, in der Wildnis allein zu lassen, um zu sehen, ob auch er Norden und Süden voneinander unterscheiden kann. Der bärbeißige Bursche hatte keinen Grund zur Schadenfreude gefunden. In der Natur hat er sich schon immer gut zurechtgefunden, und so wird es auch diesmal sein. Er schaut auf die Karte, obwohl er die Strecke im Kopf hat. Einen Kilometer am Ruthengrund entlang, dann die Furt durch den Bach, über die Straße, und dann hat er sein Ziel erreicht. Den verlassenen, überwucherten Steinbruch, in dem es ein Kinderspiel ist, die alte Karre so zu verstecken, dass auch der liebe Gott sie nicht finden kann. Er wird die Schlüsseltabelle von der Maschine abschrauben und mitnehmen. Ohne sie geht nichts. Sicher ist sicher. Dann natürlich wird es noch einmal hart werden. Den ganzen Weg zurück nach Holzminden durch den Wald, immer rauf und runter, quer zu den Bergen und den Tälern. Er wird an Paula denken und an ihr kleines, warmes Häuschen. Und diese unheimlich wichtige Schlüsseltabelle? Mein Gott, wenn er dies alles geschafft hat, wenn er die Welt vor so viel Unheil bewahrt hat, dann wird sich auch bei Paula ein sicheres Plätzchen finden. Dass sie verschwiegen ist, das weiß er nur zu gut nach den Erfahrungen der letzten fünf Jahre. Wind kommt auf. Der Himmel über ihm ist lehmfarben

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und schwer, und jenseits der Weser brennt die Welt. Bei all dem Chaos fühlt er sich seltsamerweise gut. Er wird das Seine dazu beitragen, damit die Welt die nötige Ruhe findet, um wieder in die Gänge zu kommen ...

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2 November 2001, Holzminden

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tefan Kloss saß im Krankenhaus am Bett seines Vaters und hielt vorsichtig dessen Hand, um die Adern, die sich unter der durchscheinenden Haut abzeichneten, nicht zu berühren. Die Hand war schmal und knochig, mit einer kreisrunden Narbe im Handteller, dort, wo ihn die Maschinengewehrkugel eines englischen Spitfirepiloten durchbohrt hatte. Das war vor 57 Jahren in einem Luftkampf über dem Baltikum gewesen, in den Stefans Vater (der auch Stephan hieß, aber mit ph) zufällig geriet, als er von einer ME 109 aus einen von ihm entwickelten, sich selbst öffnenden Fallschirm praxisnah testen sollte. Der Test war insofern erfolgreich, weil der Fallschirm Stefans Vater auch noch auf den Boden zurückbrachte, nachdem eine weitere Geschossgarbe seinen rechten Lungenflügel durchsiebt hatte. Man hatte ihn in einem Lazarett bei Königsberg zusammengeflickt und anschließend rechtzeitig vor den Russen nach Westen gebracht, wo er im Weserbergland in einem idyllisch gelegenen Dorf am Vogler seine Zuflucht fand. In Holenberg. Hier hatte ein Onkel, der für das Kloster Amelungsborn die Schafe hütete, ein Haus. Stefan strich zärtlich mit dem Daumen über die kreisrunde Narbe in der Hand. Das also ist geblieben von einem erfüllten Leben, dachte er, und fühlte, wie ihn Mutlosigkeit überkam. Ein hoch gestelltes Bett im Kreiskrankenhaus mit Seitensicherung, Neonlichtleiste am Kopfende, rollbarem Metallständer mit zerknitterter Plastikflasche. Grünliche Flüssigkeit lief über einen Schlauch in eine Kanüle, die in der Armbeuge des alten Mannes steckte. Stefans Vater schlief, jedenfalls sah es so aus, als ob er schliefe. Der schmale Kopf, die feuchten grauen Haare. Der zusammengekniffene Mund. Die geschlossenen Lider, die ab

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und zu zuckten, als wollten sie zeigen, dass noch Leben in ihm war. Stefan wusste nicht, ob er sich vor dem Schatten des Todes fürchten oder ob er sich freuen sollte, dass die Situation unter Kontrolle war, jedenfalls heute Nacht, wie die Schwester routiniert hinzugefügt hatte. Als das Krankenhaus ihn in München angerufen hatte, war er sofort ins Auto gesprungen und die 600 Kilometer nach Holzminden gebrettert. Was irrsinnig genug war, denn am nächsten Tag hatte er sowieso nach Hause kommen wollen, um die schlechten Besprechungen seines neuen Films zu verdauen. Diese neidischen Pressehanseln. Um eine Auszeit zu nehmen. Er hatte sowieso eine Auszeit nehmen wollen, ein Sabbatical, wie es so schön neudeutsch hieß. Ob die Stadt, in der jeder jeden kannte, ein neutrales Refugium war, das würde sich zeigen. Aber hier war er zu Hause, das gab Sicherheit. Und dann war da noch die seltsame Geschichte, die sich um das Haus dieser Elise Rennefeld rankte, falls man dem alten Brief glauben konnte, den eben diese Elise seinerzeit an Stefans Tante nach Holenberg geschrieben und den sein Vater, der nun vor ihm auf dem Krankenbett lag, vor ein paar Monaten hinten in einem alten Fotoalbum gefunden hatte. Eine Story. Ein Plot. Eine Geschichte, die danach gierte, aufgeklärt und verfilmt zu werden, verbarg sich in diesem Schreiben. Er, Stefan Kloss, spürte so etwas. Und jeder wusste, dass er so etwas spürte, spätestens seit seiner phänomenalen Glanztat, als er ganz Geiselgasteig mit seiner Idee, die Liebesgeschichten deutscher Heimatfilme kurzerhand zu Darth Vader in den Weltraum zu verlegen, aus der Lethargie gerissen hatte. Nein, um sich selbst brauchte Kloss keine Angst zu haben, das wusste er. Ruhe, Geduld und natürliche Zuversicht, die würde er schon finden in dieser gesegneten Landschaft,

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inmitten der gelben Felder und grünen Wälder und den Dörfern mit ihren schwarz-weißen Fachwerkhäusern, deren rote Dächer zwischen den Bäumen hervorleuchteten. War nur die ewige Frage nach der Kohle, nach dem lästigen Geld geblieben. Geld gab es in München genug. Pfennigfuchser, die mit der Kunst, mit seiner Kunst, nicht wirklich was am Hut hatten, aber auch. Gewiss, das Geld wuchs auch hier nicht auf den Bäumen, so grün sie auch waren. Es gab zwar Industrie, sogar weltweit agierende Industrie, aber die produzierte Parfums und Geschmacksstoffe, seit der Urururgroßvater dieser Elise den ersten künstlichen Geschmacksstoff, das Vanillin, und damit das Vanillepulver erfunden hatte, indem er Nadelholzrinden eindampfte, sie mit Bleioxyd, Bleiessig, Natriumlauge und Eisenchlorid malträtierte, um sie am Ende in verdünnter Salzsäure zu kochen. So war es gekommen, dass ausgerechnet hier in Holzminden, im kalten Deutschland, ein tropisches Gewürz seine zweite Heimat fand. Es folgten, nicht ganz so martialisch hergestellt, naturidentische Aromen wie Waldmeister, Veilchen, Lavendel, und so war aus Holzminden eine Art Metropole der Düfte und Geschmäcker geworden. Geld hatte man also genug, aber es war vom Film so weit entfernt wie Uranus von der Sonne. Trotzdem, wo Geld gemacht wurde, trieb sich auch anderes Geld herum, das neugierig und wagemutig auf neue Gelegenheiten lauerte. Sein Vater, der jetzt vor ihm lag, hatte es immer gesagt, und er musste es wissen, war er doch als technischer Direktor bei Stiebel Eltron, der anderen großen Firma der Stadt, mit jedem gut bekannt, der in der Region etwas zu sagen hatte. Das und die Unterstützung seines erfahrenen Vaters waren bis gestern die Pfunde gewesen, mit denen Stefan gewuchert hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette ... Aber er war nun einmal hier. Und hatte viel Zeit. Mindestens ein Jahr, um die Geschichte seines Filmlebens zu finden.

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Und wenn er diese Geschichte fand, würde die Kohle schon folgen. Geduld. Er musste Geduld haben. Er zweifelte ein wenig, ob die Wohnung, die er sich in dieser abgehobenen Villa genommen hatte, die richtige Operationsbasis, ob sie nicht zu kleinkariert war für die großen Pläne, die ihn aus dem Schatten zurück ins Scheinwerferlicht und zurück hinter die großen Kameras bringen sollten. Er stand auf, legte die Hand seines Vaters auf die Bettdecke zurück und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Wird schon werden, Papa, dachte er und kniff die Augen zusammen, weil er die Tränen spürte. Ich bin jetzt hier, bin bei dir und passe auf dich auf. Wir beide, du und ich, wir werden das Kind schon schaukeln. Und tricks mich nicht aus und mach dich nicht wieder davon. Verlass mich nicht. Stefan stand vor dem Geldautomaten der Norddeutschen Landesbank in der Böntalstraße und tippte die PIN-Nummer für sein Konto ein. 52.436,27 erschien im Display. Das konnte viel sein oder wenig. Eher wenig, wenn man bedachte, dass für eine geraume Zeit nichts mehr dazukommen würde. Bis auf das Hartz-IV-Geld. Arbeitsloser Regisseur. In den Großstädten keine Seltenheit, hier auf dem Land schon ein Grund für den Beamten, einen prüfenden Blick über den Brillenrand auf den Antragsteller zu richten. Groß, schlank und schlaksig, sich wellende aschblonde Haare bis in den Nacken, ein breiter Mund, der gern lächelte, und, wenn er denn lächelte, einen leicht schiefen Zahn offenbarte, der der wohlgestylten Ordnung etwas Knabenhaftes, Hilfsbedürftiges, aber auch etwas Listiges verlieh – bis der Mund sich wieder schloss. Mit dem Blick in dieses Gesicht konnte sich der Beamte kein abschließendes Urteil über Stefan erlauben. Sodass eine Spur Misstrauen im wohlverstandenen Interesse des Steu-

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erzahlers auch angesichts der edlen Wildlederjacke bleiben würde. Nun, Stefan kannte das schon. Es war nicht leicht, als Bittsteller dastehen und lächeln zu müssen, aber so war die Welt eben. Heute hui, morgen pfui, ein ewiges Auf und Ab. Wenn ein Film gut lief, schämte sich der Staat nicht, ihm die Hälfte seiner Tantiemen abzuknöpfen. Aber erklär das mal einem Mann, der sein ganzes Leben auf einem Stuhl hinter demselben abgeschrammten Tisch sitzt und stolz darauf ist, mit fremdem Geld den Wohltäter zu spielen. Und erzähl ihm, dass dies alles ja nur der Vorbereitung des großen Filmcoups dient, der mehr Geld in Kassen spülen wird, als je über die Platte des abgeschrammten Schreibtischs ging. Der Automat spuckte die zulässigen fünfhundert Euro aus, er faltete sie zusammen und steckte sie sich in die rechte hintere Hosentasche. Links das Handy, rechts die Kohle. Er war bereit. Er hatte sein Auto, seinen kleinen weißen Fiat 500 (mit rotem Faltdach) auf dem Parkplatz abgestellt. Erst als er jetzt wieder einstieg, begriff er, dass jenseits der Mauer Elises Villa lag. Er stieg noch einmal aus. Vor der Mauer, nachlässig aufgeschichtet, ein Haufen alter Backsteine. Stefan kraxelte vorsichtig hinauf, bis er hoch genug war, um seine Arme auf die Mauerkrone legen zu können. Er blickte hinüber, und zum ersten Mal sah er das Haus, das er aus dem Brief und aus dem einen gegoogelten Zeitungsartikel kannte, in seiner ganzen Größe. Ein wuchtiges Gebäude, ein kleiner Palast, fast eine Festung aus dunkelbraunen Sandsteinquadern, für die Ewigkeit gefügt. Eine mit Unkraut zugewachsene Auffahrt führte zu einer breiten, mit morschen Bohlen verrammelten Eingangstür. Die Fensterhöhlen waren verbrettert, förmlich zugekleistert mit Vogelkot und Spinnweben. Stefan wunderte sich, mit welch dumpfer Wurstigkeit der braune Quaderbau unbeeindruckt blieb von all der Scheiße, den Spinnweben, dem Unkraut, den verendeten Mäusen und den Vogelleichen.

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Ihr könnt mich mal, schien das Haus zu sagen. Auch du, Stefan Kloss, du dämlicher Filmemacher, du sowieso; wie willst du, ausgerechnet du, verstehen, was in mir vorgeht? Scher dich sonst wohin. Und wenn du doch deine Nase in meine Angelegenheiten stecken willst, dann werde ich dir schon zeigen. was für ein kleiner Wicht du bist. Sieh dich bloß vor! Und bilde dir nicht ein, dass meine Elise dich schützt, denn das kann sie nicht ... Stefan rieb sich die Augen. Hatte er geträumt? Er blickte sich um, die sich im Wind wiegenden schwarzen Äste der Buchen vor dem bläulichen Himmel, der dicke Mann, der aus seinem Mercedes stieg und die Reste seiner Zigarre an die Mauer spuckte, die junge Mutter, die hinter dem letzten Wagen ihr Baby an den Beinchen hochhielt und ihm den Popo sauber machte. Gott sei Dank, dachte er, das wirkliche Leben, es ist noch da. Und ein Haus ist ein Haus – ist wirklich nur ein Haus. Die Backsteine rutschten unter seinen Füßen, als er wieder hinunterstieg. Als er sich im Auto zurücklehnte, blickte er noch einmal nach drüben, sah aber nicht mehr viel, nur das Dach und die drei schweren Schornsteine. Fast hätte er wetten mögen, dass blasser durchsichtiger Rauch aus dem mittleren von ihnen kam, was natürlich Unsinn war. Und vielleicht eine weitere Warnung, sich an die Fakten zu halten und seine schöpferische Fantasie zu zügeln, die ihn immer mal wieder gern in Schwierigkeiten brachte. Denn dazu, zu dem kreativen Input, würde man schon früh genug kommen. Zunächst aber war Arbeit gefragt. Kärrnerarbeit. Leute gewinnen für das Projekt. Geld. Einen fantasievollen Kaufmann mit spitzem Bleistift und, und, und ... Und irgendwann die Suche nach der richtigen Besetzung, aber das würde, ganz am Ende der Findungsphase, die leichteste Aufgabe sein, der er sich stellen musste. Erst die Pflicht, dann die Kür, und nicht umgekehrt.

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Ein Puzzlespiel, und er würde gleich in der Villa bei seinen Mitbewohnern damit beginnen, die ersten Teile einzusammeln. Er fuhr auf die Straße zurück und bog gleich in die Ernst-August-Straße ein. Noch einmal hundert Meter an Elises verwildertem Garten entlang, dann, links, die von korinthischen Säulen bewachte Einfahrt zu seinem neuen Zuhause. Er fuhr zwischen ihnen hindurch und folgte dem Weg, der durch den parkähnlichen Garten zu der Backsteinvilla führte. Er musste sich zwingen, nicht in den Rückspiegel zu schauen. Er wusste genau, einen Steinwurf weit hinter ihm, auf der anderen Seite der Straße, gleich hinter ihrem unkrautigen Garten thronte Elises Gespensterhaus und wartete darauf, dass er sich noch einmal umblickte. Was er nicht tat.

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