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– Kapitel VII

(Dixiana * Riverwalk * Im Würgegriff der Achtziger) (Pummelchen und Stummelchen * Am runden Tisch * It’s all about the blues * Auf Wiedertschüss, Mr. Jackson!)

– Kapitel VIII (Am runden Tisch II * Secret Secret Service * Glück im Unglück * Der Bontempi-Mann * TeletubbiePunk) – Kapitel IX

(Eine Unterbrechung * Dreißig Euro * Um drei bei Angela * Jeder ist an allem schuld * Das ist Berlin * Modernes Leben)

– Kapitel X

(An awful idea * Keine deutsche Ordnung)

– Kapitel XI

(Im finstren Wald * Am Black River * Showdown in der Küche * Menschenfresser * Zehn Jahre Rückstand)

MIT AUDIO-CD

edition

Volker Strübing „Über sein Werk ‚Leben auf dem Mississippi‘ sagte Mark Twain, dass ihm nichts mehr Verdruss bereitet habe, als die Arbeit an diesem Buch. Es erfüllt mich mit Freude und Stolz, dass ich dasselbe auch von meinem Buch über den Mississippi behaupten kann. Man freut sich ja über jede kleine Gemeinsamkeit mit einem großen Autor.“

AUF CD: Volker Strübing liest einige Kapitel sowie „deleted scenes“ aus „Mister & Missis.Sippi“.

– Deleted Scenes 1 God, we thank you for being God! – Deleted Scenes 2 Ein steter Strom aus tausend Blasen

www.voland-quist.de Gesamtspielzeit: 47 Minuten

edition

EUR 16,90 ( D) ISBN 978-3-938424-48-3

Mister & Missis.Sippi

– Kapitel VI

edition

Volker Strübing

Volker Strübing liest aus „Mister & Missis.Sippi“

Mit Illust ration en von Ma tthias Seifer t

Volker Strübing, geboren 1971 in Sondershausen. Er war Mitglied der Lesebühnen LSD und Chaussee der Enthusiasten. 2005 gewann er den Solowettbewerb der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften sowie 2006 und 2008 zusammen mit Micha Ebeling den Teamwettbewerb. 2009 erschienen die 3sat-Doku „Nicht der Süden“ und das gleichnamige Buch.

Matthias Seifert, geboren 1978 in Zschopau, Studium der Freien Kunst an der BauhausUniversität Weimar. Neben der zeichnerischen Dokumentation widmet er sich dem Zeichnen von Comics und der illustrativen Visualisierung.


Kapitel II Wiking Grill * Ein Unfall * Sorbischer Bioterrorismus * Texanische Sauna * Terminator

Reisen sei fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit, schrieb Mark Twain in »Die Arglosen im Ausland«. Schon ein kurzer Blick auf Deutsche auf Mallorca, Briten auf Sauftour in Berlin oder Australier auf Bali zeigt, dass Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit heutzutage Resistenzen gegen das Reisen herausgebildet haben. Trotzdem machte ich mir einige Sorgen um mich selbst und meine eigenen Vorurteile gegenüber Amerika. Um den Leser gleich zu beruhigen: Es ist ihnen nichts Schlimmeres geschehen, als dass sie samt und sonders bestätigt wurden und nun den Status von Tatsachen für sich beanspruchen dürfen. Es stimmt einfach alles, was man über die USA hört: Amerika ist genauso wie im Fernsehen, der Kaffee ist meistens schlecht, es gibt unglaublich viele unglaublich dicke Menschen, die Amerikaner sind verrückt, und alles andere, was man so hört, stimmt auch. Keine acht Wochen nach unserem Eid war unser Vorauskommando unterwegs: Kamerafrau Sabine, Matthias, der Zeichner, Produktionsleiter Tom, Co-Regisseur Lutz, Produktionsassistentin Jadwiga Wenke und ich. Zu sechst sollten wir, ein kleiner beweglicher Pioniertrupp, von Houston nach New Orleans fahren und von dort auf dem Highway bis Saint Louis vorstoßen, wo wir Verstärkung aus Deutschland bekämen und uns kurz frisch machen würden, bevor wir schließlich auf einem Floß zurück nach New Orleans treiben und unterwegs ein bisschen filmen würden. Eigentlich sollte uns noch eine Biologin begleiten, ja, ich hatte geradezu darauf bestanden, hielt es angesichts dessen, was vor uns lag, für unerlässlich; durch einen komischen Zufall kannte ich

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auch eine, und durch einen noch komischeren Zufall war sie meine Freundin, aber Tom, der Mann fürs Budget, hatte behauptet, dass dafür kein Geld da sei und er die Relevanz einer Expertin für Epigenetik und Chlamydien nicht sehen könne. Dabei sind Chlamydien die häufigste sexuell übertragene Krankheit, und wir alle wissen doch, wie es im Filmgeschäft zugeht! Außerdem wäre es entspannend, jemanden dabeizuhaben, mit dem man nicht nur über Fernsehkram reden kann, sondern zum Beispiel auch mal über die reduzierte p21-Expression in Wirtszellseneszenstransduktionswegen und inwieweit sich diese durch eine Methylierungsinhibitorinkubation wieder aufheben lässt.3 Tom war leider unnachgiebig geblieben, und so mussten meine Freundin und ich den Sommer getrennt verbringen, beide arbeitend, sie in einem tristen Büro am Stadtrand von Berlin, ich auf einem Floß auf dem Mississippi; es fällt mir schwer zu sagen, wen von uns das Schicksal härter getroffen hat. Sie konnte immerhin nach der Arbeit nach Hause fahren und Fernsehen gucken, ich musste auf einsamen Mississippi-Inseln übernachten und Fernsehen machen! Die Reise begann standesgemäß mit einer kleinen Panne: Unser Gepäck und wir gingen vorerst getrennter Wege. Während sich Schlüpfer, Kuscheltiere und schätzungsweise achtzehn Tonnen Filmund Expeditionsausrüstung noch im Anflug auf Houston, Texas, befanden, bezogen wir schon unser erstes Hotel. Zu unserer großen Freude wurde der Euro anstandslos als Zahlungsmittel akzeptiert, das Wetter war genauso schlecht wie in Berlin, die Burger-Bude gegenüber hieß »Wiking Grill« und im Fernseher des Hotelrestaurants lief »Verbotene Liebe«. Vieles erinnerte uns an zuhause – es war nur ein bisschen hässlicher. Hier in Frankfurt am Main. Wir hatten das Flugzeug verpasst, jetzt wohnten wir für einen

3 Das war so ungefähr das Thema ihrer Doktorarbeit. Klingt furchtbar kompliziert,

aber wenn ich bei der Verteidigung alles richtig verstanden habe, geht es vor allem darum, mittels Powerpoint unterschiedlich hohe blaue Balken zu erzeugen.


Tag und eine Nacht in einem traurigen Gewerbegebiet am Rande des Flugfeldes. Scheußliche graue Zweckbauten, die stolz wehenden Banner irgendwelcher Getränkegroßhändler und als deprimierender Höhepunkt – falls es so etwas geben kann – zwei Reihenhausblocks mit Eigentumswohnungen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich viele Jahre lang sparte oder mich auf ebenso viele Jahre verschuldete, um mir eine hässliche Eigentumswohnung in einem Gewerbegebiet in der Einflugschneise des Flughafens Frankfurt am Main zu kaufen, aber dann dachte ich lieber ein bisschen über den Tod nach, um die allzu finsteren Gedanken zu verscheuchen. Der Spaziergang, den Matthias und ich unternahmen, fiel recht kurz aus, dennoch reichten mir die wenigen Minuten, um mir an einer tückischen Bordsteinkante den rechten Fuß zu verknacksen. Ich sah mich schon das zweite Mal mit Krücken durch eine Fernsehserie hüpfen: Bei »Nicht der Süden« war mir ein Kamerastativ auf den Fuß gefallen; ich hatte mir Spitzbergen erhumpelt. Schon oft musste ich mir anhören, dass ich mir noch mal das Genick brechen würde, eines schönen Tages, bei einer harmlosen Tätigkeit wie Treppensteigen oder Kaffeekochen oder Mit-dem-kleinen-Finger-nach-Ohrenschmalz-Bohren. Ich selbst mache mir darum wenig Sorgen: Mit all den kleinen Unfällen und Ungeschicklichkeiten, mit umgeknickten Knöcheln, meinen halbjährlichen Fahrradstürzen, mit Stolpern, Getränkeverkleckern und Dingeverbummeln zehre ich mein Lebenspech-Konto auf, dann ist nicht genug Guthaben für echte Katastrophen übrig. Es gäbe es also keinen Grund für mich, Flugangst zu haben. Womit eine elegante Überleitung zu unserem am nächsten Tag doch noch stattfindenden Flug nach Amerika gefunden wäre und wir Deutschland, insbesondere dieses trostlose Fleckchen, verlassen können. Ich hasse es zu fliegen. Meine Flugangst ist dabei gar nicht das Schlimmste. Eigentlich habe ich auch gar keine Angst vor dem Fliegen. Nur vor dem Starten und Landen. Und vor dem Geruckel zwi-

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schendurch. Und vor Kurven. Sehr unangenehm ist es, wenn sich das Flugzeug kurz nach dem Start in eine enge Kurve legt. Ich frage mich, warum das überhaupt nötig ist. Man kann die Flugzeuge doch einfach vor dem Start in die Richtung drehen, in der der Zielflughafen liegt! Wahrscheinlich ist es eine Forderung der Pilotengewerkschaft. Die Linienbusfahrer vorne im Cockpit wollen wenigstens ein bisschen Spaß auf Arbeit haben. Langstreckenflüge in der Economy-Class sind eine Zumutung. Die Beine tun einem weh, schlafen kann man auch nicht und wenn man doch mal einschläft, rumpeln garantiert zwei Minuten später die Stewardessen mit ihren blöden Wagen durch die Kabine und zertrümmern einem das gangseitige Knie, weil sie eine Spatzenportion Joghurt verteilen oder die Thromboseopfer in die Bordpathologie schaffen wollen oder was weiß ich. Bei einem Flug in die USA kommt die Angst hinzu, dass mit dem Ende des Fluges erst das wirkliche Ungemach beginnt: Zuviel hat man über die stundenlangen Einreiseprozeduren gehört und gelesen. Hundertschaften von Journalisten, Bloggern und sonstigen Schreibschaffenden haben sich schon mit großer Empörung auf dieses Thema gestürzt, so dass ich zu allem Überfluss nicht einmal darauf hoffen durfte, eine originelle Geschichte aus dieser Erfahrung machen zu können. »Wie glücklich Adam gewesen sein muss. Wenn er etwas Gutes sagte, so wusste er, dass das vor ihm noch niemand gesagt hatte«, schrieb Mark Twain, der immerhin noch ein bisschen glücklicher war als ich, da er dies zumindest als Erster sagen konnte. Und dann, nach einem grässlichen, aber absturzfreien Flug (und glauben Sie bloß nicht, dass mir jemand für den verstauchten Knöchel gedankt hätte!), war es überhaupt nicht schlimm. Kaum zwei Stunden dauerte es, trotz unserer vierzig Gepäckstücke: Rucksäcke und Rollis, vor allem aber Koffer, Kisten und Köcher voller Technik. Sicher hat es geholfen, dass Tom T-Shirts mit Bin Laden im Faden-


kreuz und kleine USA -Fähnchen verteilt, uns alle noch mal zum Rasieren auf die Flugzeugtoilette geschickt und uns – damit unsere ungesunde kaukasische Blässe nicht durch Sonneneinwirkung in Gefahr geriet – in den Wochen vor der Abreise mit allerlei unnützer Vorbereitungsarbeit an unsere Schreibtische gefesselt hatte.4 Ärger gab es denn auch nur mit dem einzigen Teammitglied, das einer seltsamen und potentiell terroraffinen Minderheit angehörte: Jadwiga ist Sorbin. Ein Dackel auf dessen Hundemantel der stolze Spruch »I protect the american agriculture« prangte, erschnüffelte eine Spreewaldgurke in ihrem Handgepäck. Eigentlich war es keine Spreewaldgurke, sondern ein Apfel, aber ich finde es lustiger, ihr eine Spreewaldgurke anzudichten.5 Die Delinquentin wurde abgeführt und vor die Wahl gestellt, die Bedrohung für die amerikanische Landwirtschaft entweder wegzuwerfen oder vor den Augen strenger Heimatschützer zu verspeisen. Dennoch: Zwei Stunden nach der Landung standen wir samt Sorbin und Gepäck in der Eingangshalle des Flughafens George W. Bush senior, in Houston, Texas, mitten im Bushland.6 Mattias, Lutz und ich fingerten hektisch nach unseren Zigaretten, stürzten jiepernd und unbedacht zur Tür hinaus und entgingen nur knapp einem Kreislaufkollaps. Wer schon einmal im Hochsommer in Houston angekommen ist oder vom Tiefkühlhaus einer Großschlachterei direkt auf die oberste Bank einer finnischen Sauna versetzt wurde, wird wissen, was ich meine. Es war heiß. Sehr heiß. Hundertzwei Grad, erfuhren wir später; ich weiß nicht mehr genau, ob Fahrenheit oder Celsius. Lutz kapitulierte nach drei hastigen Zügen und floh in den klimatisierten Flughafen, Matthias hielt tapfer eine Zigarettenlänge durch, einzig ich war Manns genug, mir zwei Kippen hintereinander einzupfeifen. 4 Nein, das ist noch keine Atlantikdurchquerung. Das ist höchstens ein Müggelsee. 5 Was ebenfalls eine lustige Formulierung ist, finde ich. 6 Man stelle sich nur mal vor, der Flughafen Frankfurt-Hahn würde noch zu Kohls Leb-

zeiten in »Helmut« umbenannt!

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Ăœber das Essen im Hotel Taubengrund lasse ich gnädig den Mantel des Schweigens fallen.


Zum Gl端ck waren die Hamburger im Wiking Grill gut. So gab es wenigstens schon einmal amerikanisches Essen.

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– Kapitel VII

(Dixiana * Riverwalk * Im Würgegriff der Achtziger) (Pummelchen und Stummelchen * Am runden Tisch * It’s all about the blues * Auf Wiedertschüss, Mr. Jackson!)

– Kapitel VIII (Am runden Tisch II * Secret Secret Service * Glück im Unglück * Der Bontempi-Mann * TeletubbiePunk) – Kapitel IX

(Eine Unterbrechung * Dreißig Euro * Um drei bei Angela * Jeder ist an allem schuld * Das ist Berlin * Modernes Leben)

– Kapitel X

(An awful idea * Keine deutsche Ordnung)

– Kapitel XI

(Im finstren Wald * Am Black River * Showdown in der Küche * Menschenfresser * Zehn Jahre Rückstand)

MIT AUDIO-CD

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Volker Strübing „Über sein Werk ‚Leben auf dem Mississippi‘ sagte Mark Twain, dass ihm nichts mehr Verdruss bereitet habe, als die Arbeit an diesem Buch. Es erfüllt mich mit Freude und Stolz, dass ich dasselbe auch von meinem Buch über den Mississippi behaupten kann. Man freut sich ja über jede kleine Gemeinsamkeit mit einem großen Autor.“

AUF CD: Volker Strübing liest einige Kapitel sowie „deleted scenes“ aus „Mister & Missis.Sippi“.

– Deleted Scenes 1 God, we thank you for being God! – Deleted Scenes 2 Ein steter Strom aus tausend Blasen

www.voland-quist.de Gesamtspielzeit: 47 Minuten

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EUR 16,90 ( D) ISBN 978-3-938424-48-3

Mister & Missis.Sippi

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Volker Strübing liest aus „Mister & Missis.Sippi“

Mit Illust ration en von Ma tthias Seifer t

Volker Strübing, geboren 1971 in Sondershausen. Er war Mitglied der Lesebühnen LSD und Chaussee der Enthusiasten. 2005 gewann er den Solowettbewerb der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften sowie 2006 und 2008 zusammen mit Micha Ebeling den Teamwettbewerb. 2009 erschienen die 3sat-Doku „Nicht der Süden“ und das gleichnamige Buch.

Matthias Seifert, geboren 1978 in Zschopau, Studium der Freien Kunst an der BauhausUniversität Weimar. Neben der zeichnerischen Dokumentation widmet er sich dem Zeichnen von Comics und der illustrativen Visualisierung.


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