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TINA UEBEL, AUTORIN UND MACHTMACHERIN

5. Adornoduo – Dinkie Donkie (3.08) Gesamtspielzeit: 57.37

Wunderbare Geschichten von Gestörten. Danke Jürgen. Du bist echt okay. SVEN AMTSBERG, AUTOR UND VERANSTALTER (MACHTCLUB HAMBURG)

Noltensmeier auf der Bühne ist wie Rock’n’write! JÖRN DREWES, PROGRAMMCHEF ILSES ERIKA, LEIPZIG

1. Elefanten 2. Kleiner japanischer Killer 3. Rauch 4. Tweedhosenastronaut BONUSTRACK

5. Soundtrack von Adornoduo Gesamtspielzeit: 57.37

ISBN 3-938424-05-2

9 783938 424056

€ 11,80 (D)

Foto: Eske Schlüters

BONUSTRACK

JÜRGEN NOLTENSMEIER

1. Elefanten (10.45) 2. Kleiner japanischer Killer (13.37) live im Ilses Erika 3. Rauch(12.31) live im Bärenzwinger 4. Tweedhosenastronaut (17.32) live im Bärenzwinger

Jürgen Noltensmeiers Geschichten beginnen meist harmlos irgendwo im Alltag und stürzen sich von dort Hals über Kopf in den grotesken Irrsinn, von dem wir immer befürchtet und gehofft haben, dass er den Dingen innewohnt. Noltensmeier auf der Bühne ist Hochenergie-Rock’n’Roll; gelesen vereinen seine Storys rasante Komik mit belustigter Melancholie und zuweilen auch unerwarteter Traurigkeit.

TWEEDHOSENASTRONAUT

TRACKLIST

SINGLES

TWEEDHOSEN ASTRONAUT

JÜRGEN NOLTENSMEIER STORYS JÜRGEN NOLTENSMEIER lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte Illustration in Hamburg und Malerei an der Glasgow School of Art. Er war Mitinitiator verschiedener Literaturshows (»Liv Ullmann Show«, »Noltens my yeah«, »Die Profis«, »Lipsi Lounge«, »Lancaster Let Show«, »Dinkie Donkie Leseschau«) unter anderem im Hamburger Molotow, dem Leipziger Ilses Erika und auf Tour. Seit 2004 ist er Gastgeber des Wuster Wesse Literaturclubs im UT Connewitz Leipzig. Sein Debüt »Geburtenstarke Jahrgänge« ist 2002 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.


mit Indianerfedern, der andere mit Cowboyhut, mich kommen sehen, da laufen sie sofort davon und dann sehe ich das Mädchen. Sie haben es an den Hand- und Fußgelenken auf die Gleise gefesselt. Dann kann ich auch den Zug sehen. Oma schwirrt plötzlich über mir. »Rheingold, Rheingold«, bricht es aus ihr heraus. »Ja, Oma«, keuche ich, »jetzt habe ich es auch begriffen!« Die Jungs verschwinden hinter einem Schuppen. Der Zug ist beängstigend nah, ich kann schon das Gesicht des Lockführers sehen, aber ich schaffe es trotzdem rechtzeitig, das Mädchen wieder loszuschneiden und es von den Gleisen zu ziehen, bevor Rheingold ihr die Gliedmaßen abtrennt. »Rheingold«, brüllt meine Oma und schwebt triumphierend über dem Zug. Wäre da nicht ihr Kittel, sie wäre kaum noch als Oma zu erkennen. Das Mädchen winkt ihr zu. Oma winkt nicht – womit auch? –, sie fliegt davon. »War das ein Engel?«, fragt die Kleine, ihre Haare sind wild durcheinander gewirbelt. »Nein, das war meine Oma!«, antworte ich.

Tweedhosenastronaut Es war auf einer dieser Reisen passiert, die Andy gelegentlich unternahm, und von der hier wusste er vermutlich nichts mehr. Er war halt sehr vergesslich. Wenn er beispielsweise abends in eine Oper ging, konnte er sich am nächsten Tag nicht mehr an den Titel erinnern, er hatte dann lediglich noch so einen Klang im Kopf und wenn man ihn fragte, antwortete er etwa so: »Gestern Abend, oh ja, da war ich in The real Ghetto, ähm –, ja.« Er schaute dann immer verstohlen, er wusste, dass er falsch lag mit dem Titel, der in diesem speziellen Fall beispielsweise Rigoletto gewesen ist. Alles, was auf seiner Reise damals passierte, hatte er in seinem Andy über Andy-Buch genau so falsch wiedergegeben, wie Einzelheiten über seine Herkunft zum Beispiel. Vergesslichkeit oder Vorsatz? Lüge? Ich weiß jedenfalls alles noch ganz genau, damals, Andy in Westfalen, verfahren auf dem Weg von Rom nach Mikowa, das in der Slowakei liegt. Aber wirklich total verfahren, wenn man sich das mal auf der Landkarte anschaut. Sie sind in einem Auto unterwegs gewesen. Ja, sie… Andy selbst konnte gar nicht fahren, er ließ sich chauffieren. Ralphi hieß er, der Chauffeur, mit »i« am Ende und statt i-Punkt ein Herzchen, aber das ist sowieso egal, Ralphi ist ja gestorben, kaum dass ich ihn kennen gelernt hatte. Ich wusste damals nicht, wer Andy war, aber nun gut, hier kommt die Wahrheit: Es war Ferienzeit und ich war zu Gast bei meinem Großvater. Großvater Engelking, also der mütterlicherseits. Ich hieß ja Fritz. Mit Nachnamen! Meine Eltern waren irgendwo anders hingefahren und weil Ferienzeit war, in Westfalen wie in Amerika, ist Andy mit

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seinem Chauffeur Ralphi unterwegs gewesen. Klar, Ferienzeit fährt ja fast jeder irgendwo hin und ich halt zu meinem Opa Engelking. Weil der es drauf hatte, fuhr ich dort hin – der konnte mir beim Mofa-Frisieren helfen. Aber eines Nachmittages war mir ein bisschen langweilig, weil wir nicht weiterkamen mit dem Frisieren und schon seit zwei Tagen auf den neuen Zylinderkopf warten mussten, den wir in der Schmiede bestellt hatten, und der einfach nicht geliefert werden wollte. Ich saß im Zimmer über der Werkstatt – Malerwerkstatt. Mein Großvater war nämlich Maler, seit dem Krieg. Von der Front hatte er meiner Oma immer schöne Landschaften in Aquarell geschickt. Sonnenuntergänge über Schützengräben, Kornfelder mit Panzersperren. Haubitzen bei Windmühle. Am besten gefielen mir die lachenden Offiziere im offenen Panzerspähwagen auf der Brücke von Arles. Opa Engelking ist Kradfahrer gewesen und als er mal mit Leutnant im Beiwagen durch Italien gefahren ist, haben ihn Amerikaner gefangen genommen. Er musste auf ein Schiff und ab ging es für einige Zeit nach New York. State, was soviel wie Land war. Seine Zeit als Gefangener wäre, wie er mal sagte, nicht die schlechteste in seinem Leben gewesen. Reichlich zu futtern und die Offizieramerikaner brachten ihm täglich Schwarzweiß-Fotos von angezogenen Frauen, die er dann in Farbe und in Öl, aber ohne die Kleidung, abmalen sollte. Nackt fand er aber nicht so gut, wegen seiner Kinderstube, so nannte er das, und da hat er den Frauen immer noch ein Höschen gemalt und einen Balken über den Busen und so aus Versehen den Bikini erfunden, der dann erst ein paar Jahre später offiziell erfunden worden ist. Und alles nur für Schokolade, Cola und Zigaretten, hatte er mal gesagt. Als mein Opa Engelking aus Amerika wieder weggeschickt wurde, also zurück nach Deutschland, organisierte er einen Eimer und eine Leiter und ein Fahrrad und eröffnete eine Anstreicher-

firma. Für Anstreichen gab es nämlich Geld. In der Kunst war er seitdem Hobbyist. Inzwischen ist er natürlich von Beruf Rentner.

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Okay, zurück zu mir und zu Andy. Ich saß also oben im Zimmer über der Werkstatt, am Fenster, mich langweilend, die Gardine hatte ich ein bisschen zugezogen und vor mir stand eine Puddingschüssel voll mit Murmeln. Die Durchgangsstraße führte direkt auf Opas Haus zu und knickte genau davor scharf nach links ab. Immer wenn ein Auto kam, nahm ich meine Präzisionszwille und schoss mit einer Glasmurmel. Ich wollte mir durch den Anblick der irritierten Fahrergesichter die Laune verbessern. Vorhin hatte ich einem Auto einen Scheinwerfer zerschossen. Die Sonne stand direkt über dem Haus, die Fahrer konnten mich garantiert nicht sehen. Aber ich sie. Ja, und dann fuhr dieses sonderbare Auto aufs Haus zu, ein Oldtimer, womöglich ein Bentley oder ein Volvo. Die Karosserie war mit sandfarbenem Tweedstoff bezogen. Das Auto fuhr schnell, es kam regelrecht angeflogen, kometenartig. Ich zielte mit meiner Zwille und schoss voll in die Windschutzscheibe – aber von wegen Sicherheitsglas, die zersplitterte. Das Auto wurde danach nicht mehr weiter gelenkt und fuhr in der Kurve geradeaus, direkt in Opa Engelkings Haus rein. Ich beugte mich aus dem Fenster und schaute nach unten. Das Tweedhosenauto steckte zu mindestens zwei Dritteln in der Wand. Au haue ha, jetzt aber besser mal schnell runter, gucken. Ich öffnete vorsichtig die Tür zur Werkstatt, sicherheitshalber erstmal nur einen Spalt breit: Links saß Opa Engelking, an der Staffelei, malend, und rechts Anton Kalinich, an einer anderen Staffelei, auch malend. Kalinich war ein Rentnerkumpel aus der Nachbarschaft und er malte die Schnucken in die Heidelandschaften meines Großvaters. Die zwei hatten sich da irgendwie gesucht und gefunden. Anton Kalinich konnte allerdings auch nichts anderes als Heidschnucken, aber weil er nur die malte, konnte er sie dafür außerordentlich gut. Vermutlich war er der


seinem Chauffeur Ralphi unterwegs gewesen. Klar, Ferienzeit fährt ja fast jeder irgendwo hin und ich halt zu meinem Opa Engelking. Weil der es drauf hatte, fuhr ich dort hin – der konnte mir beim Mofa-Frisieren helfen. Aber eines Nachmittages war mir ein bisschen langweilig, weil wir nicht weiterkamen mit dem Frisieren und schon seit zwei Tagen auf den neuen Zylinderkopf warten mussten, den wir in der Schmiede bestellt hatten, und der einfach nicht geliefert werden wollte. Ich saß im Zimmer über der Werkstatt – Malerwerkstatt. Mein Großvater war nämlich Maler, seit dem Krieg. Von der Front hatte er meiner Oma immer schöne Landschaften in Aquarell geschickt. Sonnenuntergänge über Schützengräben, Kornfelder mit Panzersperren. Haubitzen bei Windmühle. Am besten gefielen mir die lachenden Offiziere im offenen Panzerspähwagen auf der Brücke von Arles. Opa Engelking ist Kradfahrer gewesen und als er mal mit Leutnant im Beiwagen durch Italien gefahren ist, haben ihn Amerikaner gefangen genommen. Er musste auf ein Schiff und ab ging es für einige Zeit nach New York. State, was soviel wie Land war. Seine Zeit als Gefangener wäre, wie er mal sagte, nicht die schlechteste in seinem Leben gewesen. Reichlich zu futtern und die Offizieramerikaner brachten ihm täglich Schwarzweiß-Fotos von angezogenen Frauen, die er dann in Farbe und in Öl, aber ohne die Kleidung, abmalen sollte. Nackt fand er aber nicht so gut, wegen seiner Kinderstube, so nannte er das, und da hat er den Frauen immer noch ein Höschen gemalt und einen Balken über den Busen und so aus Versehen den Bikini erfunden, der dann erst ein paar Jahre später offiziell erfunden worden ist. Und alles nur für Schokolade, Cola und Zigaretten, hatte er mal gesagt. Als mein Opa Engelking aus Amerika wieder weggeschickt wurde, also zurück nach Deutschland, organisierte er einen Eimer und eine Leiter und ein Fahrrad und eröffnete eine Anstreicher-

firma. Für Anstreichen gab es nämlich Geld. In der Kunst war er seitdem Hobbyist. Inzwischen ist er natürlich von Beruf Rentner.

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Okay, zurück zu mir und zu Andy. Ich saß also oben im Zimmer über der Werkstatt, am Fenster, mich langweilend, die Gardine hatte ich ein bisschen zugezogen und vor mir stand eine Puddingschüssel voll mit Murmeln. Die Durchgangsstraße führte direkt auf Opas Haus zu und knickte genau davor scharf nach links ab. Immer wenn ein Auto kam, nahm ich meine Präzisionszwille und schoss mit einer Glasmurmel. Ich wollte mir durch den Anblick der irritierten Fahrergesichter die Laune verbessern. Vorhin hatte ich einem Auto einen Scheinwerfer zerschossen. Die Sonne stand direkt über dem Haus, die Fahrer konnten mich garantiert nicht sehen. Aber ich sie. Ja, und dann fuhr dieses sonderbare Auto aufs Haus zu, ein Oldtimer, womöglich ein Bentley oder ein Volvo. Die Karosserie war mit sandfarbenem Tweedstoff bezogen. Das Auto fuhr schnell, es kam regelrecht angeflogen, kometenartig. Ich zielte mit meiner Zwille und schoss voll in die Windschutzscheibe – aber von wegen Sicherheitsglas, die zersplitterte. Das Auto wurde danach nicht mehr weiter gelenkt und fuhr in der Kurve geradeaus, direkt in Opa Engelkings Haus rein. Ich beugte mich aus dem Fenster und schaute nach unten. Das Tweedhosenauto steckte zu mindestens zwei Dritteln in der Wand. Au haue ha, jetzt aber besser mal schnell runter, gucken. Ich öffnete vorsichtig die Tür zur Werkstatt, sicherheitshalber erstmal nur einen Spalt breit: Links saß Opa Engelking, an der Staffelei, malend, und rechts Anton Kalinich, an einer anderen Staffelei, auch malend. Kalinich war ein Rentnerkumpel aus der Nachbarschaft und er malte die Schnucken in die Heidelandschaften meines Großvaters. Die zwei hatten sich da irgendwie gesucht und gefunden. Anton Kalinich konnte allerdings auch nichts anderes als Heidschnucken, aber weil er nur die malte, konnte er sie dafür außerordentlich gut. Vermutlich war er der


beste seines Fachs. Die beiden hatten noch gar nicht bemerkt, dass sich hinter ihnen dieses Auto durch die Wand gebohrt hatte, weil sie beide Walkmänner aufhatten und volle Kanne Marschmusik hörten. Mein Opa pfiff und wippte und Anton Kalinich leckte sich die Lippen. Lippe lecken bedeutete, dass gerade eine Heidschnucke richtig geil wurde. Ich tippte meinem Opa auf den Arm. Er blickte mich für den Bruchteil einer Sekunde an und sagte übermäßig laut: »Stör nicht, wir machen Kunst!« Ich tippte ihn noch mal an. »Opa, guck doch!«, schrie ich. »Stör nicht, verdammt, ich male gerade eine Birke. Geh zur Schmiede und guck ob der Zylinderkopf da ist!« Ich riss ihm den Kopfhörer runter. »Och, Verdammt noch mal, jetzt bin ich abgerutscht, mit Weiß quer durchs Heidekraut...« »Opa, guck doch bitte, hinter euch ist ein Auto in die Wand gefahren!« »Alles versaut, Mensch… Was?« Sein Malschemel fiel um, als er aufsprang und sich umdrehte. Anton Kalinich hatte auch gemerkt, dass irgendwas vor sich ging. »Warum guckt ihr denn so entgeistert«, brüllte er in einer Affenlautstärke. Opa: »Mensch, nimm die Stöpsel aus’m Ohr und sprich leise!« »Was ist los?«, brüllte er noch lauter als vorher. Mein Opa richtete seine Zeigefinger auf seine Ohren. »Ach so, die vergesse ich immer.« Anton Kalinich nahm die Kopfhörer ab. »Was ist denn los?« (diesmal in Zimmerlautstärke). »...einer durch’e Wand gefahren!« »Ach was.« Anton Kalinich drehte sich auch um. Er wackelte ein wenig unsicher dabei und sein Bauch setzte den blauen Latz seiner Arbeitshose unter Hochspannung: »Gibt’s doch gar nicht so

was!« Kalinich hatte kleine Knopfaugen und sein Blick war meistens: Was? Wo? Wie? Ja, und nun stand da dieses Auto, das irgendwie aussah wie eine Art sandfarbene Hose oder Jacke und es war umzingelt von den hellvioletten Heidelandschaften der letzten zwei Monate, von denen jetzt auch einige auf dem Boden lagen und auf dem Dach und dem Kühler von dem Hosenauto. Anton Kalinich und Opa Engelking wollten ins Guiness Buch der Rekorde mit den Bildern. »Mitten durch unsere Bilder!«, entrüstete Kalinich sich. »Ja, also wirklich, ich glaube es hackt!« Das tat Opa immer sehr weh, wenn jemand seine Bilder beschädigte. Und dann gingen wir alle drei zu dem Auto hin, das wirklich aussah wie eine Hose mit Rädern und sogar Taschen aufgenäht hatte und einen Rausgestreckte-Zunge-Aufnäher und einen Reißverschluss, der in diesem Moment aufging, und es kam so ein Typ raus, der im Grunde die gleichen Sachen anhatte wie das Auto. »Was’n das für’n Tweedhosenastronaut?«, knurrte mein Opa. »Guten Tag, ich heiße Andy, Andy Volvo wie mein Auto hier, ein Volvo Tweed, und ich habe ihn auch selbst erfunden!« »Du hast unsere Bilder kaputtgefahren!« »Oh, das ist mir natürlich sehr unangenehm, aber sehen Sie: Auf mich wurde ja geschossen! Das passiert mir offenbar öfter, aber na gut, warten Sie.« Andy zog einen Notizblock und einen Bleistift aus der Tasche, zeichnete einen Schmetterling, riss das Blatt aus dem Block und reichte es Opa. »Oder möchten Sie ihn lieber angeleint? Die fliegen ja sonst so schnell weg. Ich würde Ihnen auch noch zwei zeichnen, dann hätten Sie drei. Sie können Sie auch durchpausen, dann haben Sie ganz viele, so viele sie wollen... « »Nee, das ist keine Kunst, was Anton?« »Das würde ich aber auch bald sagen.« »Nee, das müsste wennschon-dennschon Öl sein.« »... oder Aquarell.«

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beste seines Fachs. Die beiden hatten noch gar nicht bemerkt, dass sich hinter ihnen dieses Auto durch die Wand gebohrt hatte, weil sie beide Walkmänner aufhatten und volle Kanne Marschmusik hörten. Mein Opa pfiff und wippte und Anton Kalinich leckte sich die Lippen. Lippe lecken bedeutete, dass gerade eine Heidschnucke richtig geil wurde. Ich tippte meinem Opa auf den Arm. Er blickte mich für den Bruchteil einer Sekunde an und sagte übermäßig laut: »Stör nicht, wir machen Kunst!« Ich tippte ihn noch mal an. »Opa, guck doch!«, schrie ich. »Stör nicht, verdammt, ich male gerade eine Birke. Geh zur Schmiede und guck ob der Zylinderkopf da ist!« Ich riss ihm den Kopfhörer runter. »Och, Verdammt noch mal, jetzt bin ich abgerutscht, mit Weiß quer durchs Heidekraut...« »Opa, guck doch bitte, hinter euch ist ein Auto in die Wand gefahren!« »Alles versaut, Mensch… Was?« Sein Malschemel fiel um, als er aufsprang und sich umdrehte. Anton Kalinich hatte auch gemerkt, dass irgendwas vor sich ging. »Warum guckt ihr denn so entgeistert«, brüllte er in einer Affenlautstärke. Opa: »Mensch, nimm die Stöpsel aus’m Ohr und sprich leise!« »Was ist los?«, brüllte er noch lauter als vorher. Mein Opa richtete seine Zeigefinger auf seine Ohren. »Ach so, die vergesse ich immer.« Anton Kalinich nahm die Kopfhörer ab. »Was ist denn los?« (diesmal in Zimmerlautstärke). »...einer durch’e Wand gefahren!« »Ach was.« Anton Kalinich drehte sich auch um. Er wackelte ein wenig unsicher dabei und sein Bauch setzte den blauen Latz seiner Arbeitshose unter Hochspannung: »Gibt’s doch gar nicht so

was!« Kalinich hatte kleine Knopfaugen und sein Blick war meistens: Was? Wo? Wie? Ja, und nun stand da dieses Auto, das irgendwie aussah wie eine Art sandfarbene Hose oder Jacke und es war umzingelt von den hellvioletten Heidelandschaften der letzten zwei Monate, von denen jetzt auch einige auf dem Boden lagen und auf dem Dach und dem Kühler von dem Hosenauto. Anton Kalinich und Opa Engelking wollten ins Guiness Buch der Rekorde mit den Bildern. »Mitten durch unsere Bilder!«, entrüstete Kalinich sich. »Ja, also wirklich, ich glaube es hackt!« Das tat Opa immer sehr weh, wenn jemand seine Bilder beschädigte. Und dann gingen wir alle drei zu dem Auto hin, das wirklich aussah wie eine Hose mit Rädern und sogar Taschen aufgenäht hatte und einen Rausgestreckte-Zunge-Aufnäher und einen Reißverschluss, der in diesem Moment aufging, und es kam so ein Typ raus, der im Grunde die gleichen Sachen anhatte wie das Auto. »Was’n das für’n Tweedhosenastronaut?«, knurrte mein Opa. »Guten Tag, ich heiße Andy, Andy Volvo wie mein Auto hier, ein Volvo Tweed, und ich habe ihn auch selbst erfunden!« »Du hast unsere Bilder kaputtgefahren!« »Oh, das ist mir natürlich sehr unangenehm, aber sehen Sie: Auf mich wurde ja geschossen! Das passiert mir offenbar öfter, aber na gut, warten Sie.« Andy zog einen Notizblock und einen Bleistift aus der Tasche, zeichnete einen Schmetterling, riss das Blatt aus dem Block und reichte es Opa. »Oder möchten Sie ihn lieber angeleint? Die fliegen ja sonst so schnell weg. Ich würde Ihnen auch noch zwei zeichnen, dann hätten Sie drei. Sie können Sie auch durchpausen, dann haben Sie ganz viele, so viele sie wollen... « »Nee, das ist keine Kunst, was Anton?« »Das würde ich aber auch bald sagen.« »Nee, das müsste wennschon-dennschon Öl sein.« »... oder Aquarell.«

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Elefanten Was mache ich bloß mit den Elefanten? Ein großer, zwei kleine. Solange ich sie kenne, sind sie mit einer feinen goldenen Kette aneinander gefesselt. Was mache ich bloß mit ihnen, jetzt, wo alles vorbei ist? Den beiden kleinen fehlen die Ohren. Ich habe überall nachgeschaut, die Ohren sind nicht mehr da; aber es fällt auch gar nicht auf, die Elefanten sind aus Glas: Lichtbrechung und Lichtreflexe nehmen einem die anatomische Orientierung. Es fällt auch nicht weiter auf, dass der Mutter der halbe Rüssel fehlt. Die drei stehen seit acht Jahren auf dem Radio neben dem Gummi-Wum. Der sitzt auf seinem roten Kissen und hat die letzten beiden Dekaden unbeschadet überstanden. Trotzdem, auch seine Zeit ist jetzt gekommen. Ich packe ihn beim Kopf. Jon ist doof steht in krakeliger Kinderschrift unter seinem roten Sitzkissen. Jon, das bin ich. Es ist also mein Wum. Wenn Susan ist doof draufgestanden hätte, wäre es der von meiner Schwester gewesen. Ich nehme den Gummi-Wum und werfe ihn in den Mülleimer. Aber was mache ich mit den Elefanten? Drei Glaselefanten mit roten Füßen und roten Mäulern. Mutter hat ihre Position immer auf dem kleinen Deckchen ausgerichtet. Sie schob sie hin und her, trat einen Schritt zurück, schaute, rückte sie wieder anders, solange, bis sie die optimale Anordnung der vier gefunden hatte. Ja, früher waren es mal vier Elefanten, aber der vierte war nicht mit angekettet gewesen und ist irgendwann verloren gegangen. Das war allerdings, bevor sie schließlich auf dem Küchenradio gelandet sind. Zuerst standen sie im Wohnzimmer in der Schrankwand vor den Büchern. Als mein Vater aber anfing, sich zentnerweise esote86

rische Literatur und fernöstliche Philosophen zuzulegen, mussten sie weichen, weil er eine zweite Reihe aufmachte und die neuen vor die alten Bücher stellte. Die Elefanten standen dann im Fach links neben dem Fernseher, bis ein Videorecorder angeschafft wurde. Danach standen sie nicht weit von der chinesischen Vase, direkt über dem Fernseher. Als dann die Videokassetten kamen und immer mehr wurden, ist meine Mutter mit den Elefanten in die Küche umgezogen. Da lebte ich aber längst nicht mehr zu Hause. Irgendwann war ich zu Besuch, und da standen sie in der Küche neben Wum auf dem Radio, dem schönen alten Radio von Loewe-Opta. Ich hatte es immer als Zusatzverstärker für meinen Kassettenrecorder benutzt, wenn ich allein im Haus war. Ich schalte das Radio ein. Es klingt fremd, jetzt, wo nahezu der ganze Raum leer geräumt ist. Mutter hat immer viel Radio gehört. Sie und ihr Radio, das war irgendwie eine Einheit. Wenn sie im Sommer draußen saß, stand es im Fenster, und für die Waschküche und den Trockenboden besaß sie noch ein kleines tragbares. Sie sang immer laut mit. Sie konnte gut singen, ihre Stimme war klar, und mit dem Chor, in dem sie damals sang, hat sie sogar mal eine Platte aufgenommen. Der Chor hat auch bei ihrer Beerdigung gesungen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als die Elefanten ins Haus kamen. Es war der Tag, an dem meine Mutter zweiundvierzig Jahre alt wurde. Als ich morgens zur Haustür rausrannte, um rechtzeitig in der Schule zu sein, hatten sich im Blumengarten zwei englische Soldaten eingegraben. Wir wohnten im Manövergebiet. Von März bis Oktober hatten wir Tiefflieger. Die beiden Soldaten hatten zwischen den Gladiolen Löcher gegraben, in denen sie hockten. »Morning«, sagte der eine. »Mama!«, schrie ich, und sie kam sofort aus dem Haus gestürzt, so entsetzt muss ich geklungen haben. Sie hatte ihren Morgen87


Elefanten Was mache ich bloß mit den Elefanten? Ein großer, zwei kleine. Solange ich sie kenne, sind sie mit einer feinen goldenen Kette aneinander gefesselt. Was mache ich bloß mit ihnen, jetzt, wo alles vorbei ist? Den beiden kleinen fehlen die Ohren. Ich habe überall nachgeschaut, die Ohren sind nicht mehr da; aber es fällt auch gar nicht auf, die Elefanten sind aus Glas: Lichtbrechung und Lichtreflexe nehmen einem die anatomische Orientierung. Es fällt auch nicht weiter auf, dass der Mutter der halbe Rüssel fehlt. Die drei stehen seit acht Jahren auf dem Radio neben dem Gummi-Wum. Der sitzt auf seinem roten Kissen und hat die letzten beiden Dekaden unbeschadet überstanden. Trotzdem, auch seine Zeit ist jetzt gekommen. Ich packe ihn beim Kopf. Jon ist doof steht in krakeliger Kinderschrift unter seinem roten Sitzkissen. Jon, das bin ich. Es ist also mein Wum. Wenn Susan ist doof draufgestanden hätte, wäre es der von meiner Schwester gewesen. Ich nehme den Gummi-Wum und werfe ihn in den Mülleimer. Aber was mache ich mit den Elefanten? Drei Glaselefanten mit roten Füßen und roten Mäulern. Mutter hat ihre Position immer auf dem kleinen Deckchen ausgerichtet. Sie schob sie hin und her, trat einen Schritt zurück, schaute, rückte sie wieder anders, solange, bis sie die optimale Anordnung der vier gefunden hatte. Ja, früher waren es mal vier Elefanten, aber der vierte war nicht mit angekettet gewesen und ist irgendwann verloren gegangen. Das war allerdings, bevor sie schließlich auf dem Küchenradio gelandet sind. Zuerst standen sie im Wohnzimmer in der Schrankwand vor den Büchern. Als mein Vater aber anfing, sich zentnerweise esote86

rische Literatur und fernöstliche Philosophen zuzulegen, mussten sie weichen, weil er eine zweite Reihe aufmachte und die neuen vor die alten Bücher stellte. Die Elefanten standen dann im Fach links neben dem Fernseher, bis ein Videorecorder angeschafft wurde. Danach standen sie nicht weit von der chinesischen Vase, direkt über dem Fernseher. Als dann die Videokassetten kamen und immer mehr wurden, ist meine Mutter mit den Elefanten in die Küche umgezogen. Da lebte ich aber längst nicht mehr zu Hause. Irgendwann war ich zu Besuch, und da standen sie in der Küche neben Wum auf dem Radio, dem schönen alten Radio von Loewe-Opta. Ich hatte es immer als Zusatzverstärker für meinen Kassettenrecorder benutzt, wenn ich allein im Haus war. Ich schalte das Radio ein. Es klingt fremd, jetzt, wo nahezu der ganze Raum leer geräumt ist. Mutter hat immer viel Radio gehört. Sie und ihr Radio, das war irgendwie eine Einheit. Wenn sie im Sommer draußen saß, stand es im Fenster, und für die Waschküche und den Trockenboden besaß sie noch ein kleines tragbares. Sie sang immer laut mit. Sie konnte gut singen, ihre Stimme war klar, und mit dem Chor, in dem sie damals sang, hat sie sogar mal eine Platte aufgenommen. Der Chor hat auch bei ihrer Beerdigung gesungen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als die Elefanten ins Haus kamen. Es war der Tag, an dem meine Mutter zweiundvierzig Jahre alt wurde. Als ich morgens zur Haustür rausrannte, um rechtzeitig in der Schule zu sein, hatten sich im Blumengarten zwei englische Soldaten eingegraben. Wir wohnten im Manövergebiet. Von März bis Oktober hatten wir Tiefflieger. Die beiden Soldaten hatten zwischen den Gladiolen Löcher gegraben, in denen sie hockten. »Morning«, sagte der eine. »Mama!«, schrie ich, und sie kam sofort aus dem Haus gestürzt, so entsetzt muss ich geklungen haben. Sie hatte ihren Morgen87


mantel an, und als sie die Soldaten sah, begann sie ohne Umschweife zu schimpfen: »Blödmänner, was fällt euch denn ein, und ausgerechnet zwischen meinen Gladiolen!« Die Gladiolen waren hoch, da hatten sie wohl die beste Deckung. Die Gesichter der Soldaten waren mit Erde beschmiert und sie hatten sich zur perfekten Tarnung auch noch Gladiolen an den Helm gesteckt. »Meine Gladiolen!«, schrie Mutter. Ja, den Tonfall kannte ich, und dann bückte sie sich auch schon, sammelte Steine vom Gartenweg auf und begann zu werfen. Die Soldaten hielten sich schützend ihre Arme vors Gesicht. »Hey, stop that!«, fluchten sie, während sie sich in ihren Erdlöchern duckten. Plock und plock und plock machte es jedes Mal, wenn meine Mutter einen der Stahlhelme traf. Sie schimpfte, aber die Soldaten verstanden sicher kein Wort, sie waren schließlich Engländer. Tja, die Gladiolen waren meiner Mutter heilig.

dem Waffenstillstand zwischen ihr und den Engländern gekommen war. Sie hat es mir nie erzählt. Auf jeden Fall kamen an jenem Tag die Elefanten in unser Haus. Sie waren ein Geschenk des Bruders meiner Mutter. Irgendwann abends tauchte der auf, mit einer kleinen Pappschachtel. Die Soldaten waren längst weg. Meine Mutter öffnete den Karton und da waren sie: Glaselefanten mit roten Mäulern und roten Füßen. »Oh, Elefanten«, sagte sie und stellte den Kasten beiseite. Sie holte eine Flasche Limonade und Gläser. »Diese Soldaten haben doch glatt den ganzen Sekt getrunken«, scherzte sie.

Als ich mittags aus der Schule kam, waren die beiden Soldaten immer noch da, aber die Situation hatte sich entspannt. Meine Mutter hatte einen Hocker rausgestellt und saß mit ihnen in ihrem Blumenbeet. Ich glaube, sie war ein bisschen beschwipst, denn sie hatte sich Gladiolenblüten ins Haar gesteckt. Die drei saßen in der Sonne und aßen den selbstgebackenen Marmorkuchen meiner Mutter, die mich mit den Worten: »How do you do? Es gibt heut bloß Kuchen zu Mittag!«, begrüßte und dabei kicherte. Im Fenster stand das Radio und spielte Elvis-Lieder. Elvis war gestorben. »The King is dead, long live the King!«, sagte dann einer der beiden Soldaten und »Happy birthday again, Frida, and thank you for the Marmorkuchen«, und dann hielt er sich ein Stück von dem Kuchen aufs Herz und sang mit ganz viel Schmelz in der Stimme Love me tender mit, das gerade im Radio lief. Meine Mutter summte die Melodie, denn sie konnte ja kein Englisch. Ich habe mich später immer mal wieder gefragt, wie es wohl zu

Was mache ich denn jetzt mit den Elefanten? Eigentlich gehören sie mir ja auch nur zur Hälfte. Die andere gehört Susan. Verdammt, Susan, wo steckst du, und warum warst du nicht einmal zur Beerdigung hier? Ich schaue auf die schwarzen Lackpunktaugen der Elefanten. Ja, ja, ihr habt alles gesehen: Wie sie zusammengebrochen ist, wie sie versucht hat, das Telefon zu erreichen, aber schon zu verwirrt war, um noch eine Nummer zu wählen, wie sie um Hilfe rief, aber keiner sie hörte, wie sie hier lag, tagelang, röchelnd und immer weniger lebendig, und ihr, ihr dummen Elefanten, ihr habt dagestanden, auf dem Häkeldeckchen, auf dem Radio, neben Wum, die Musik ist an gewesen, leise zwar, und ihr habt nichts unternommen. Wum ist dumm, aber ihr, ihr seid doch Elefanten! Wohin soll ich euch werfen, in die Reststofftonne oder lieber ins Altglas? Ja, da schweigt ihr, wie immer. Ihr glaubt wohl, ich werde euch behalten, wie? Wo sollte ich euch denn hinstellen? Oder soll ich euch in ein Tuch wickeln und einfach in einer Schachtel im Schrank aufbewahren, für den Fall, dass ich mal Glaselefanten brauche, zwei kleine ohne Ohren und einen großen ohne Rüssel? Ich werfe die drei Elefanten in die Mülltonne und drehe das Radio leiser. Rolling Stones… – leben die ewig? Ich setze mich auf den Fußboden. Die Stühle hat der Nachbar gebrauchen kön-

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mantel an, und als sie die Soldaten sah, begann sie ohne Umschweife zu schimpfen: »Blödmänner, was fällt euch denn ein, und ausgerechnet zwischen meinen Gladiolen!« Die Gladiolen waren hoch, da hatten sie wohl die beste Deckung. Die Gesichter der Soldaten waren mit Erde beschmiert und sie hatten sich zur perfekten Tarnung auch noch Gladiolen an den Helm gesteckt. »Meine Gladiolen!«, schrie Mutter. Ja, den Tonfall kannte ich, und dann bückte sie sich auch schon, sammelte Steine vom Gartenweg auf und begann zu werfen. Die Soldaten hielten sich schützend ihre Arme vors Gesicht. »Hey, stop that!«, fluchten sie, während sie sich in ihren Erdlöchern duckten. Plock und plock und plock machte es jedes Mal, wenn meine Mutter einen der Stahlhelme traf. Sie schimpfte, aber die Soldaten verstanden sicher kein Wort, sie waren schließlich Engländer. Tja, die Gladiolen waren meiner Mutter heilig.

dem Waffenstillstand zwischen ihr und den Engländern gekommen war. Sie hat es mir nie erzählt. Auf jeden Fall kamen an jenem Tag die Elefanten in unser Haus. Sie waren ein Geschenk des Bruders meiner Mutter. Irgendwann abends tauchte der auf, mit einer kleinen Pappschachtel. Die Soldaten waren längst weg. Meine Mutter öffnete den Karton und da waren sie: Glaselefanten mit roten Mäulern und roten Füßen. »Oh, Elefanten«, sagte sie und stellte den Kasten beiseite. Sie holte eine Flasche Limonade und Gläser. »Diese Soldaten haben doch glatt den ganzen Sekt getrunken«, scherzte sie.

Als ich mittags aus der Schule kam, waren die beiden Soldaten immer noch da, aber die Situation hatte sich entspannt. Meine Mutter hatte einen Hocker rausgestellt und saß mit ihnen in ihrem Blumenbeet. Ich glaube, sie war ein bisschen beschwipst, denn sie hatte sich Gladiolenblüten ins Haar gesteckt. Die drei saßen in der Sonne und aßen den selbstgebackenen Marmorkuchen meiner Mutter, die mich mit den Worten: »How do you do? Es gibt heut bloß Kuchen zu Mittag!«, begrüßte und dabei kicherte. Im Fenster stand das Radio und spielte Elvis-Lieder. Elvis war gestorben. »The King is dead, long live the King!«, sagte dann einer der beiden Soldaten und »Happy birthday again, Frida, and thank you for the Marmorkuchen«, und dann hielt er sich ein Stück von dem Kuchen aufs Herz und sang mit ganz viel Schmelz in der Stimme Love me tender mit, das gerade im Radio lief. Meine Mutter summte die Melodie, denn sie konnte ja kein Englisch. Ich habe mich später immer mal wieder gefragt, wie es wohl zu

Was mache ich denn jetzt mit den Elefanten? Eigentlich gehören sie mir ja auch nur zur Hälfte. Die andere gehört Susan. Verdammt, Susan, wo steckst du, und warum warst du nicht einmal zur Beerdigung hier? Ich schaue auf die schwarzen Lackpunktaugen der Elefanten. Ja, ja, ihr habt alles gesehen: Wie sie zusammengebrochen ist, wie sie versucht hat, das Telefon zu erreichen, aber schon zu verwirrt war, um noch eine Nummer zu wählen, wie sie um Hilfe rief, aber keiner sie hörte, wie sie hier lag, tagelang, röchelnd und immer weniger lebendig, und ihr, ihr dummen Elefanten, ihr habt dagestanden, auf dem Häkeldeckchen, auf dem Radio, neben Wum, die Musik ist an gewesen, leise zwar, und ihr habt nichts unternommen. Wum ist dumm, aber ihr, ihr seid doch Elefanten! Wohin soll ich euch werfen, in die Reststofftonne oder lieber ins Altglas? Ja, da schweigt ihr, wie immer. Ihr glaubt wohl, ich werde euch behalten, wie? Wo sollte ich euch denn hinstellen? Oder soll ich euch in ein Tuch wickeln und einfach in einer Schachtel im Schrank aufbewahren, für den Fall, dass ich mal Glaselefanten brauche, zwei kleine ohne Ohren und einen großen ohne Rüssel? Ich werfe die drei Elefanten in die Mülltonne und drehe das Radio leiser. Rolling Stones… – leben die ewig? Ich setze mich auf den Fußboden. Die Stühle hat der Nachbar gebrauchen kön-

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Juri und ich sitzen hinten, Laura und Nadine vorn. Nadine kannte ich bis eben überhaupt noch nicht. Alles an ihr ist groß und sie spricht laut und lacht noch lauter. Laura kenne ich recht gut. Sie hat so ein elegant geschnittenes Gesicht, ganz gleichmäßig. Ich mag ihren Humor und habe mal mit ihr getanzt, ziemlich eng, bin dann aber abgehauen. Juri trägt eine Brille die auffällt. Nadine sucht im Radio nach Musik, »das passt alles nicht zu uns«, sagt sie und drückt immer wieder den automatischen Sendersuchlauf. Wir sind aus der Stadt oder besser: Wir leben schon so lange in Städten, dass man uns die Provinz nicht mehr anmerkt, geschweige denn ansieht. Wir sehen sogar städtischer aus als Städter. Aus Langeweile sind wir rausgefahren, um mal wieder was anderes zu sehen, was Richtiges, Natur, einfache Landbevölkerung, kleine Behausungen, Auftanken wollen wir, Ablenkung. »Ein Ausflug gehört ja wohl dazu, zu Pfingsten!«, hat Juri gesagt als Nadine kurz vor Abfahrt Zweifel anmeldete. Wir fahren. Es geht schnell voran, weil Laura schnell fährt. Alle Fenster sind auf, denn es ist heiß wie lange nicht mehr im Juni. Juri schreit aus dem Fenster raus, als wir ein paar Radfahrerinnen überholen. »Ficken!«, schreit er. Dann wirft er eine leere Flasche raus. »So kommt der Müll in den Straßengraben«, sagt er und dass das Arbeitsplätze schafft. Nadine lacht. Laut. Ich bin mit Bekloppten unterwegs, denke ich, aber dann fällt mir ein, dass ich womöglich selber bekloppt bin. In der Stadt quellen Gehwege, Straßenbahnen, Grünflächen und Cafés über von schwarz Gekleideten, die sich versammelt haben um drei Tage lang so was wie Beerdigung zu feiern. Manche Frauen führen Männer an glitzernden Stachelhalsbändern

wie Hunde herum. Manche Männer tragen meterlange Schleppen mit zwei Mädchen zum Hochhalten hinten dran. Wo man auch hinguckt, Kajalaugen gucken zurück. Morgens hatte ich am Connewitzer Kreuz einen Kaffee im Stehen getrunken und zu berechnen versucht, wie viel Tonnen Silberschmuck sich in der Stadt befinden, aber mir wurde schnell klar: Das ist kein gutes Ablenkungsmanöver. Es war nicht zum Aushalten – all die Mädchen in Schwarz, Rüschen, Spitzen, Netzstrümpfe, Haut – das würde ich nicht aushalten, das würde ich nicht ertragen; die den ganzen Tag angucken, nicht heute, die waren einfach zu schön, zu knackig, zu schwarz angezogen, und für zu Hauseverkriechen war das Wetter viel zu gut. Und sie sind tatsächlich überall, habe ich gedacht und mich umgeschaut unter denen, die da rumlungerten, und auf Anhieb hätte ich mir zwanzig mitnehmen können, ohne, so glaube ich, dass ich es hinterher bereut hätte; zwanzig mitnehmen, ausziehen und drüber, aber das war ja nicht möglich. Wieso war das eigentlich nicht möglich, wie einfach wäre alles, wenn so was möglich wäre. Aber es war ja nicht möglich. Ich muss raus aus der Stadt, habe ich gedacht, und Pfingsten, habe ich gedacht, wird einem doch der Heilige Geist eingetrichtert, der erscheint dann doch. Im Hebräischen ist der Heilige Geist ja weiblich, ob das was damit zu tun hat? Gibt es deshalb Pfingsten Heiratsmärkte? Und dann habe ich gen Himmel geguckt, aber nichts gesehen, außer dass sich ganz weit oben leichter Dunst bildete. Irgendein Sportlertreffen findet zu allem Überfluss auch noch statt. Die Mächtigen bedienen sich des Sports, um die Blödköppe an die Leine zu legen. Und in Diktaturen wird der Sport gefördert und die Kultur auf den Hund gebracht, habe ich gedacht. Massensport und miserable Kunst. Pfingstsportfest, warum? Wer joggt, will nicht ins Museum und auch nicht in die Kirche. Weil es so warm war, dass man im See womöglich schon baden konnte, bin ich, um zu entkommen, als Erstes dorthin geflüchtet,

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Juri und ich sitzen hinten, Laura und Nadine vorn. Nadine kannte ich bis eben überhaupt noch nicht. Alles an ihr ist groß und sie spricht laut und lacht noch lauter. Laura kenne ich recht gut. Sie hat so ein elegant geschnittenes Gesicht, ganz gleichmäßig. Ich mag ihren Humor und habe mal mit ihr getanzt, ziemlich eng, bin dann aber abgehauen. Juri trägt eine Brille die auffällt. Nadine sucht im Radio nach Musik, »das passt alles nicht zu uns«, sagt sie und drückt immer wieder den automatischen Sendersuchlauf. Wir sind aus der Stadt oder besser: Wir leben schon so lange in Städten, dass man uns die Provinz nicht mehr anmerkt, geschweige denn ansieht. Wir sehen sogar städtischer aus als Städter. Aus Langeweile sind wir rausgefahren, um mal wieder was anderes zu sehen, was Richtiges, Natur, einfache Landbevölkerung, kleine Behausungen, Auftanken wollen wir, Ablenkung. »Ein Ausflug gehört ja wohl dazu, zu Pfingsten!«, hat Juri gesagt als Nadine kurz vor Abfahrt Zweifel anmeldete. Wir fahren. Es geht schnell voran, weil Laura schnell fährt. Alle Fenster sind auf, denn es ist heiß wie lange nicht mehr im Juni. Juri schreit aus dem Fenster raus, als wir ein paar Radfahrerinnen überholen. »Ficken!«, schreit er. Dann wirft er eine leere Flasche raus. »So kommt der Müll in den Straßengraben«, sagt er und dass das Arbeitsplätze schafft. Nadine lacht. Laut. Ich bin mit Bekloppten unterwegs, denke ich, aber dann fällt mir ein, dass ich womöglich selber bekloppt bin. In der Stadt quellen Gehwege, Straßenbahnen, Grünflächen und Cafés über von schwarz Gekleideten, die sich versammelt haben um drei Tage lang so was wie Beerdigung zu feiern. Manche Frauen führen Männer an glitzernden Stachelhalsbändern

wie Hunde herum. Manche Männer tragen meterlange Schleppen mit zwei Mädchen zum Hochhalten hinten dran. Wo man auch hinguckt, Kajalaugen gucken zurück. Morgens hatte ich am Connewitzer Kreuz einen Kaffee im Stehen getrunken und zu berechnen versucht, wie viel Tonnen Silberschmuck sich in der Stadt befinden, aber mir wurde schnell klar: Das ist kein gutes Ablenkungsmanöver. Es war nicht zum Aushalten – all die Mädchen in Schwarz, Rüschen, Spitzen, Netzstrümpfe, Haut – das würde ich nicht aushalten, das würde ich nicht ertragen; die den ganzen Tag angucken, nicht heute, die waren einfach zu schön, zu knackig, zu schwarz angezogen, und für zu Hauseverkriechen war das Wetter viel zu gut. Und sie sind tatsächlich überall, habe ich gedacht und mich umgeschaut unter denen, die da rumlungerten, und auf Anhieb hätte ich mir zwanzig mitnehmen können, ohne, so glaube ich, dass ich es hinterher bereut hätte; zwanzig mitnehmen, ausziehen und drüber, aber das war ja nicht möglich. Wieso war das eigentlich nicht möglich, wie einfach wäre alles, wenn so was möglich wäre. Aber es war ja nicht möglich. Ich muss raus aus der Stadt, habe ich gedacht, und Pfingsten, habe ich gedacht, wird einem doch der Heilige Geist eingetrichtert, der erscheint dann doch. Im Hebräischen ist der Heilige Geist ja weiblich, ob das was damit zu tun hat? Gibt es deshalb Pfingsten Heiratsmärkte? Und dann habe ich gen Himmel geguckt, aber nichts gesehen, außer dass sich ganz weit oben leichter Dunst bildete. Irgendein Sportlertreffen findet zu allem Überfluss auch noch statt. Die Mächtigen bedienen sich des Sports, um die Blödköppe an die Leine zu legen. Und in Diktaturen wird der Sport gefördert und die Kultur auf den Hund gebracht, habe ich gedacht. Massensport und miserable Kunst. Pfingstsportfest, warum? Wer joggt, will nicht ins Museum und auch nicht in die Kirche. Weil es so warm war, dass man im See womöglich schon baden konnte, bin ich, um zu entkommen, als Erstes dorthin geflüchtet,

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dort würden sie ja wohl nicht sein, hatte ich mir gesagt, nein, dort nicht, davon war ich überzeugt, dort würden die weißen Schönheiten in Schwarz nicht ihre Haut der Sonne aussetzen. Ich habe ein paar Brustschwimm-Runden gedreht. Alles noch schön sauber, habe ich gedacht, Ufer und Wasser schön sauber, keine Kippen, kein Müll, keine Fäkalbakterien, keine schwimmenden Kackwürste von Leuten, die was Leichtes gegessen hatten, keine fickenden Prolls in jedem Gebüsch, keine Tittenparade an der Pommesbude, keine wippenden Pimmel mit Frisbeewerfern dran. Immer im Hochsommer verkommt der See zu einem Sammelplatz widerwärtiger Leiber, habe ich gedacht, und man sollte den See unter Strom setzen, um alle darin zu töten. Warum überhaupt der See? Die schwammen ja nicht mal drin, lagen lediglich in der Sonne. Wenn mal einer ins Wasser ging, dann nur bis zum Bauchnabel, bis zum Bauchnabel ins Wasser und wieder raus, mal eben gepisst, und wieder raus, und wenn einer nicht gleich zurückkam, sondern noch ein wenig unter Wasser rieb… Man wollte es ja gar nicht so genau wissen. In der Werbung nennen sie das Areal Südsee, dabei fehlt nur der ein oder andere Tierkadaver und man könnte es auch Ganges nennen. In einem anderen Baggersee, gar nicht weit entfernt, da trieb mal eine tote Kuh, kaum zu sehen vom Ufer, dicht unter der Wasseroberfläche trieb sie, und dann schrie eine Frau, sie war direkt in die Kuh reingekrault, und alle Helden schwammen hin, aber als sie die Kuh sahen, haben sie auch geschrien und sind Bestzeiten geschwommen – zurück ans Ufer. Die Schwarzbunte war vermutlich nachts reingefallen und panisch geworden, zu panisch, um eine seichte Stelle zu finden. Hätte sie Ruhe bewahrt, aber nein, eine Kuh, die Ruhe bewahrt, eine Kuh mit kühlem Kopf, so was gibt es ja auch gar nicht. Ich habe also meine Runden gedreht. Mutterseelenallein Runden gedreht. Warm war das Wasser gar nicht. Eigentlich war es kalt. Aber noch sauber! Irgendwann sind drei Frauen gekommen,

in langen schwarzen Kleidern und mit Sonnenschirmen. Das darf jetzt ja wohl nicht wahr sein, habe ich gedacht, die verfolgen dich mit ihrem Alabaster, habe ich gedacht, und wollte nicht glauben, dass sie ihre weißen, womöglich durch Aufenthalte im Keller extra ausgebleichten Körper der Sonne aussetzen würden, drei Schneewittchen, habe ich gedacht und war gespannt. Auch ein Gruftie braucht mal Vitamin D, habe ich gedacht und bin vorsichtig näher geschwommen, hörte ihre Stimmen, sie sprachen leicht Schwäbisch, »... der Sarg, okay, habe ich zu ihm gesagt«, sagte eine von ihnen sehr laut, »aber vor deiner Eckzahnverlängerung ist erstmal eine neue Waschmaschine fällig«, und dann stieg sie mit Kleidern ins Wasser. Die anderen hinterher. Auch mit Kleidern. Wie sie so schreiten, habe ich gedacht, eine trug immer noch den Sonneschirm. Ich lauerte, nur die Augen raus, wie ein Krokodil. Sie gingen rein, bis da, wo sich der Bauchnabel befinden müsste. Bisschen geplanscht, gespritzt, bisschen im Gesicht frisch gemacht. »Aber das mit dem Sarg würde ich mir echt noch mal überlegen, ich werde jeden Morgen mit Rückenschmerzen wach«, sagte eine mit einer sehr hellen Stimme, die in Wirklichkeit vermutlich blondes Haar hatte, »ich find die auch zu teuer«, sagte die, die den Schirm trug, und dann bewegten sich alle wieder zum Ufer zurück, stiegen wieder raus aus dem See. An einen Tarzanfilm habe ich gedacht, Johnny Weissmüller als Tarzan, wie er durch einen Fluss tauchte, und einen Eingeborenen mit Speer, der am Ufer stand, unter Wasser zog und ihn ersäufte. Das hatte mich lange beschäftigt, damals. Danach hatte ich mich vom Schulschwimmen immer befreien lassen und jetzt war es wieder da und ich suchte einen Zusammenhang. Stattdessen fiel mir Lilly ein. Sie hatte mir den See gezeigt, als ich hergezogen bin vor ein paar Jahren. »Geheimtipp!«, hat sie gesagt. Wir sind hingefahren, nachts, und sie hat sich ausgezogen und ist eine Runde geschwommen. »Hast du Kondome dabei?«, hat sie übers Wasser gegrölt. »Nee, wieso?«, habe ich gefragt, und sie:

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dort würden sie ja wohl nicht sein, hatte ich mir gesagt, nein, dort nicht, davon war ich überzeugt, dort würden die weißen Schönheiten in Schwarz nicht ihre Haut der Sonne aussetzen. Ich habe ein paar Brustschwimm-Runden gedreht. Alles noch schön sauber, habe ich gedacht, Ufer und Wasser schön sauber, keine Kippen, kein Müll, keine Fäkalbakterien, keine schwimmenden Kackwürste von Leuten, die was Leichtes gegessen hatten, keine fickenden Prolls in jedem Gebüsch, keine Tittenparade an der Pommesbude, keine wippenden Pimmel mit Frisbeewerfern dran. Immer im Hochsommer verkommt der See zu einem Sammelplatz widerwärtiger Leiber, habe ich gedacht, und man sollte den See unter Strom setzen, um alle darin zu töten. Warum überhaupt der See? Die schwammen ja nicht mal drin, lagen lediglich in der Sonne. Wenn mal einer ins Wasser ging, dann nur bis zum Bauchnabel, bis zum Bauchnabel ins Wasser und wieder raus, mal eben gepisst, und wieder raus, und wenn einer nicht gleich zurückkam, sondern noch ein wenig unter Wasser rieb… Man wollte es ja gar nicht so genau wissen. In der Werbung nennen sie das Areal Südsee, dabei fehlt nur der ein oder andere Tierkadaver und man könnte es auch Ganges nennen. In einem anderen Baggersee, gar nicht weit entfernt, da trieb mal eine tote Kuh, kaum zu sehen vom Ufer, dicht unter der Wasseroberfläche trieb sie, und dann schrie eine Frau, sie war direkt in die Kuh reingekrault, und alle Helden schwammen hin, aber als sie die Kuh sahen, haben sie auch geschrien und sind Bestzeiten geschwommen – zurück ans Ufer. Die Schwarzbunte war vermutlich nachts reingefallen und panisch geworden, zu panisch, um eine seichte Stelle zu finden. Hätte sie Ruhe bewahrt, aber nein, eine Kuh, die Ruhe bewahrt, eine Kuh mit kühlem Kopf, so was gibt es ja auch gar nicht. Ich habe also meine Runden gedreht. Mutterseelenallein Runden gedreht. Warm war das Wasser gar nicht. Eigentlich war es kalt. Aber noch sauber! Irgendwann sind drei Frauen gekommen,

in langen schwarzen Kleidern und mit Sonnenschirmen. Das darf jetzt ja wohl nicht wahr sein, habe ich gedacht, die verfolgen dich mit ihrem Alabaster, habe ich gedacht, und wollte nicht glauben, dass sie ihre weißen, womöglich durch Aufenthalte im Keller extra ausgebleichten Körper der Sonne aussetzen würden, drei Schneewittchen, habe ich gedacht und war gespannt. Auch ein Gruftie braucht mal Vitamin D, habe ich gedacht und bin vorsichtig näher geschwommen, hörte ihre Stimmen, sie sprachen leicht Schwäbisch, »... der Sarg, okay, habe ich zu ihm gesagt«, sagte eine von ihnen sehr laut, »aber vor deiner Eckzahnverlängerung ist erstmal eine neue Waschmaschine fällig«, und dann stieg sie mit Kleidern ins Wasser. Die anderen hinterher. Auch mit Kleidern. Wie sie so schreiten, habe ich gedacht, eine trug immer noch den Sonneschirm. Ich lauerte, nur die Augen raus, wie ein Krokodil. Sie gingen rein, bis da, wo sich der Bauchnabel befinden müsste. Bisschen geplanscht, gespritzt, bisschen im Gesicht frisch gemacht. »Aber das mit dem Sarg würde ich mir echt noch mal überlegen, ich werde jeden Morgen mit Rückenschmerzen wach«, sagte eine mit einer sehr hellen Stimme, die in Wirklichkeit vermutlich blondes Haar hatte, »ich find die auch zu teuer«, sagte die, die den Schirm trug, und dann bewegten sich alle wieder zum Ufer zurück, stiegen wieder raus aus dem See. An einen Tarzanfilm habe ich gedacht, Johnny Weissmüller als Tarzan, wie er durch einen Fluss tauchte, und einen Eingeborenen mit Speer, der am Ufer stand, unter Wasser zog und ihn ersäufte. Das hatte mich lange beschäftigt, damals. Danach hatte ich mich vom Schulschwimmen immer befreien lassen und jetzt war es wieder da und ich suchte einen Zusammenhang. Stattdessen fiel mir Lilly ein. Sie hatte mir den See gezeigt, als ich hergezogen bin vor ein paar Jahren. »Geheimtipp!«, hat sie gesagt. Wir sind hingefahren, nachts, und sie hat sich ausgezogen und ist eine Runde geschwommen. »Hast du Kondome dabei?«, hat sie übers Wasser gegrölt. »Nee, wieso?«, habe ich gefragt, und sie:

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TINA UEBEL, AUTORIN UND MACHTMACHERIN

5. Adornoduo – Dinkie Donkie (3.08) Gesamtspielzeit: 57.37

Wunderbare Geschichten von Gestörten. Danke Jürgen. Du bist echt okay. SVEN AMTSBERG, AUTOR UND VERANSTALTER (MACHTCLUB HAMBURG)

Noltensmeier auf der Bühne ist wie Rock’n’write! JÖRN DREWES, PROGRAMMCHEF ILSES ERIKA, LEIPZIG

1. Elefanten 2. Kleiner japanischer Killer 3. Rauch 4. Tweedhosenastronaut BONUSTRACK

5. Soundtrack von Adornoduo Gesamtspielzeit: 57.37

ISBN 3-938424-05-2

9 783938 424056

€ 11,80 (D)

Foto: Eske Schlüters

BONUSTRACK

JÜRGEN NOLTENSMEIER

1. Elefanten (10.45) 2. Kleiner japanischer Killer (13.37) live im Ilses Erika 3. Rauch(12.31) live im Bärenzwinger 4. Tweedhosenastronaut (17.32) live im Bärenzwinger

Jürgen Noltensmeiers Geschichten beginnen meist harmlos irgendwo im Alltag und stürzen sich von dort Hals über Kopf in den grotesken Irrsinn, von dem wir immer befürchtet und gehofft haben, dass er den Dingen innewohnt. Noltensmeier auf der Bühne ist Hochenergie-Rock’n’Roll; gelesen vereinen seine Storys rasante Komik mit belustigter Melancholie und zuweilen auch unerwarteter Traurigkeit.

TWEEDHOSENASTRONAUT

TRACKLIST

SINGLES

TWEEDHOSEN ASTRONAUT

JÜRGEN NOLTENSMEIER STORYS JÜRGEN NOLTENSMEIER lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte Illustration in Hamburg und Malerei an der Glasgow School of Art. Er war Mitinitiator verschiedener Literaturshows (»Liv Ullmann Show«, »Noltens my yeah«, »Die Profis«, »Lipsi Lounge«, »Lancaster Let Show«, »Dinkie Donkie Leseschau«) unter anderem im Hamburger Molotow, dem Leipziger Ilses Erika und auf Tour. Seit 2004 ist er Gastgeber des Wuster Wesse Literaturclubs im UT Connewitz Leipzig. Sein Debüt »Geburtenstarke Jahrgänge« ist 2002 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.


Jürgen Noltensmeier - Tweedhosenastronaut