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FELIX SCHEINBERGER

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Felix Scheinberger

Illustration 100 Wege einen Vogel zu malen

Verlag Hermann Schmidt Mainz

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... einen Vogel? Vorwort

h

atten Sie schon mal den Wunsch,

lerische Aspekte entfalten oder einfach nur

jemand anderes zu sein? Wollten Sie

schön sein. Illustration ist so unterschiedlich wie

schon mal in die Rolle der hübscheren

die Menschen, die sie erschaffen.

Mitschülerin, des angesagten Pop-

Dieses Buch handelt nicht nur von Illustration, es

stars oder einer x-beliebigen anderen Person

enthält Illustrationen. Sehr viele. Arbeiten von ganz

schlüpfen? Jemand Historisches sein? Ein Tier?

unterschiedlichen Illustratorinnen und Illustra-

Ein Vogel?

toren. In den verschiedensten Techniken und Stilen. Bilder, die trotz ihrer Vielfalt vergleichbar bleiben,

Die Frage berührt das Thema Identität und ist

einfach weil sie alle das Gleiche zeigen: einen Vogel.

damit nichts weniger als eine der großen Mensch-

Über 170 großartige Kolleginnen und Kollegen

heitsfragen: Wir haben ein Leben, und wie es

haben Bilder zur Verfügung gestellt, um das Uni-

aussieht, haben wir auch nur eines. Wir können,

versum Illustration »zu erleuchten«.

wie man so schön sagt, »nicht aus unserer Haut«. Aber: Unsere Phantasie kann! Und vielleicht liegt hier auch eine Erklärung für

Dafür mein ganz großer Dank – davon lebt dieses Buch.

unseren schöpferischen, kreativen Geist: Die Phantasie als Lösung des Dilemmas, bei Milliarden

Die Wahl fiel auf »Vogel«, weil wir alle uns mit

Möglichkeiten doch nur ein Leben leben zu können.

Vögeln auskennen. Zu »Vogel« fallen uns unzählige Bilder ein: Es können bunte und kreative Papageien

Dieses Buch handelt von angewandter Phantasie, von Illustration.

sein, lahme Enten oder mächtige Adler, es kann ein pfeilschneller Falke oder ein düsterer, das Unglück herbeikrächzender Rabe sein. Eine weise Eule oder ein dummes Huhn. Ein frecher Spatz ebenso wie

»Illustrare« kommt aus dem Lateinischen und

der Phönix aus der Asche.

bedeutet »Erleuchten«.

Sie sehen: Der Vogel ist ein unfassbar vielfältiges

Beim Illustrieren reflektiert man nicht nur Wirklich-

Symbol – und das macht es so geeignet, das Thema

keit, man schafft etwas Neues, schenkt der Welt

Illustration durch unser Buch zu begleiten.

eine neue, eigene Sicht. Illustration ist in der Lage, zu erklären oder zu

Illustration hat sich in den letzten Jahren zu einer

veranschaulichen, sie kann ergänzen, vermitteln

der wichtigsten Sparten innerhalb des Designs

und vertiefen. Sie kann inhaltliche oder künst-

entwickelt. Illustration ist hip.

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Trotzdem gehört sie zu den Künsten, die eher

Es thematisiert die Rahmenbedingungen des

bescheiden daherkommen, und das liegt einerseits

Berufs Illustrator, vom leidigen Thema Geld bis zu

an dem Medium selbst – Comics, Bücher und Bilder

der Frage nach dem richtigen Arbeitsplatz. Wie

sind von Natur aus eher leise Medien –, es liegt aber

kommt man zu Jobs? Wie führt man erfolgreich

auch am Wesen derjenigen, die sie herstellen, an

Verhandlungen? Welcher Preis ist angemessen, wie

den Illustratorinnen und Illustratoren.

bewältigt man den Alltag als Illustrator? Es klärt Begriffe wie Nutzungsrechte, Verwertungs­

Wir Zeichner sind ein seltsames Volk. Die meisten

gesellschaften oder Künstlersozialkasse – und es

von uns werkeln in ihren höchst eigenen visuellen

stellt Ihnen die unterschiedlichsten Illustrations-

Welten vor sich hin und kreieren dabei Zauber-

techniken vor.

haftes. Wir lieben Illustration und wir lieben sie schon lange. Tatsächlich wussten nicht wenige

Bei einem Lesebuch Illustration im Sinne von

Illustratoren schon immer, dass sie Bilder oder

»Illustration machen, Illustration leben« ist mir

Comics, dass sie Illustration machen wollen.

natürlich bewusst: Für ein solch komplexes Thema

Während ihre Mitschüler noch schwiegen, wenn

kann es nicht die eine Antwort geben, es werden

nach einem Berufswunsch gefragt wurde, waren

auch nicht alle Fragen Platz zwischen diesen

sich die meisten von uns schon in früher Jugend

Buchdeckeln finden. Ich denke aber, dass etwas

darüber klar, mit Bildern erzählen zu wollen.

nicht final gestalten zu können kein Grund ist,

Trotzdem tappen nicht wenige, gerade junge

nicht wenigstens den ersten Schritt zu wagen.

Kollegen bei der Frage »Wie werde ich Illustrator und wie schaffe ich es, damit über die Runden zu

In diesem Sinne hoffe ich, dass dieses Buch mit-

kommen?« ein wenig im Dunkeln.

helfen wird, Ihren Alltag als Illustrator einfacher zu gestalten. Es ist ohnehin so: Wir sind alle unter-

Als »Lesebuch Illustration« bemüht sich dieses Buch, Licht ins Dunkel zu bringen, nützlich zu sein und möglichst viele Ihrer Fragen zu beantworten.

HENDRIK JONAS

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schiedlich. Und so, wie uns allen unterschiedliche Sachen schwer fallen, fallen uns auch unterschiedliche Sachen leicht. Fangen wir also mit dem Leichten an. Ihr

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Inhalt

Einführung

Illustrator werden?

Illustrations­ techniken

... einen Vogel? 4

Die Angst

Bleistift 88

Alle Vögel sind schon da: Statt einer Geschichte der Illustration 8

vorm weißen Blatt 22 Talent 24 Illustration studieren 26 Illustrieren heißt entscheiden 32 Wie wir sehen,

Buntstifte 92 Rötel, Kohle, Kreide 96 Pastell 100 Tinte und Tusche 103 Kugelschreiber, Fineliner und Konsorten 113

was wir sehen 36

Marker und Filzstift 118

Konkretes und Abstraktes 38

Aquarell 122

Jeder ist ein Künstler 40

Gouache und Tempera 126

Ideen 45

Ölfarbe 130

Magie des Machens 50

Acryl 134

Auf der Suche

Schabekarton 138

nach dem eigenen Stil 52 Über Geschmack kann man nicht streiten? 56 Schlecht ist das neue Gut 60 Ohne Fleiß kein Preis 62 Googeln 64 Bilderlügen 68 Abwechslung 70 Die Seele der Skizze 72 Ist Illustration Kunst? 76 Leitfarben 80 Bildausschnitte und Perspektiven 82 Papiervorbereitungen 84

Radierung 142 Lithografie 148 Linolschnitt 152 Holzschnitt 155 Nitrofrottage 161 Monotypie 162 Siebdruck 164 Collage 168 Assemblage 172 Airbrush 176 Computer und generative Gestaltung 179 Photoshop 182 Illustrator 187

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Über-Leben als Illustrator Materialfetischismus 192

Altersvorsorge 270

Vertriebsplattform 305

Arbeitsplatz und Atelier 194

Nebenerwerbsschauplätze 275

Eigene Projekte 309

Präsentationen 198

Akquise richtig platzieren 278

Brotjobs und

Geschäftssinn 201

Mappenberatung 283

Wettbewerbe,

Portfolios 287

Pitchings und Probeillus 203 Konkurrenz 205

Die eigene Website 290 Agenten

Teamwork 209

und Repräsentanzen 295

Kommunikationsprobleme 212

Illustrationsarchive 301

Verhandlungsstrategien 214

Das Netz als

Nutzungsrechte 218

Ersatzidentitäten 312 Hoppla, jetzt komm ich! 314 Ärgern Sie sich manchmal darüber, keine Banklehre gemacht zu haben? 319 Grand Merci! 321 Die beteiligten Illustratoren 322 Copyright-Credits 325 Über den Autor 327

Urheberschaft

Impressum 328

und Urheberrecht 221 Verträge 224 Papierkram 228 Du bist nicht allein 231 VG Bild-Kunst 236 KSK Die Künstlersozialkasse 240 Berufsgenossenschaft 245 Zeit ist Geld 248 Der eigene Preis 252 Wovon lebt der Illustrator? 256 Was kostet eine Illustration? 260 Produktivität und Zeitmanagement 263 Außer Atem 266

ALEXANDRA JUNGE

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Die Angst vorm weißen Blatt Well anyway I’m not lost, I know I’m still somewhere in Alaska.

k

DONALD DUCK, FROZEN GOLD 1944

ennen Sie das? Sie sitzen am Schreibtisch, vor sich ein Block mit Papier, ein Spitzer und ein paar Buntstifte … – gleich wird eine fabelhafte Illustration

Die berühmte Angst vor dem weißen Blatt Papier ist eigentlich nichts weiter als die Angst, Fehler zu machen.

entstehen! Schnell noch mal alle Stifte gespitzt und dann losgelegt. Alles liegt bereit. Die Stifte sind

Es ist die Befürchtung, eigenen oder fremden

spitz, kurz besinnen und dann ... – wobei:

Ansprüchen nicht gerecht werden zu können; die

Wäre das Ganze mit einer Tasse Tee nicht netter?

Angst, dass es vielleicht »nichts wird«.

Also Tee gekocht ... jetzt aber ... – doch halt ...

Grund genug, das Phänomen »Fehler« eingehender

vielleicht noch vorher den Abwasch machen

zu untersuchen: Am Bildschirm gehen wir mit

... und die Freundin anrufen. Die Mails checken.

Fehlern ja meistens so um: Apfel Z.

Facebook. Mittagsschlaf. Etc., etc., etc. ... Das kommt Ihnen bekannt vor?

Das ist zwar einfach, wird aber in der realen Welt

Dieses Phänomen nennt man »Die Angst vor

zum Problem, denn es funktioniert nur bei Pixeln,

dem weißen Blatt«, und es war schon immer da.

nicht bei Pinseln. Fehler in der wirklichen

Künstler, Grafiker, Schriftsteller und tausend

Welt bleiben in der Regel bestehen.

andere kreative Berufe plagen sich seit Generationen damit herum. Vermutlich gab es vor 17.000 Jahren im französischen Lascaux schon die Angst vor der leeren Höhlenwand. Das Ganze ist ein Rätsel: Warum machen wir es uns manchmal nur so schwer und schreiten nicht einfach frisch und frei zur künstlerischen Tat?

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Zudem entgeht uns mit dem undo auch ein wichti-

Die Angst vor dem weißen Blatt ist also in doppelter

ger Vorteil von Fehlern: Wir können nämlich

Hinsicht unnötig. Zum einen, weil Fehler einfach

aus Fehlern lernen. Wenn wir uns über einen Fehler

normal sind. Jeder macht Fehler, als Anfänger und

ärgern und ihn nicht mit einem Fingerschnippen

ebenso als Profi. Zum anderen aber, weil Fehler uns

rückgängig machen, bleibt er uns im Gedächtnis.

bisweilen weiterbringen.

Nicht ärgern bedeutet vergessen, bedeutet wiederholen.

Mein Rat lautet deshalb: Gestatten Sie sich die

Wenn wir uns nicht über einen Fehler ärgern,

Angst vor dem weißen Blatt, wie ein Schauspieler

werden wir ihn wieder machen.

sich Lampenfieber gestattet. Diese Strukturen existieren, und auch alte Hasen haben immer

Interessant an Fehlern ist aber noch etwas

wieder damit zu kämpfen.

anderes: In ihnen steckt kreatives Potenzial. Wenn wir immer nur produzieren, was wir schon fehlerfrei können, nehmen wir uns die Chance, Neuland zu entdecken. Gerade kreative Prozesse leben aber vom Unvorhergesehenen, vom Unkon­-

Gehen Sie auf die Bühne und legen Sie los. Und wenn Sie Fehler machen, dann machen Sie eben welche.

t­rollierbaren, mit einem Wort: von Fehlern. Manchmal ist es genau der unglück-

Der größere Fehler ist es, gar nicht erst loszulegen.

liche Klecks Kaffee oder der miss-

Sie werden sehen: Ihre Illustrationen werden Sie

ratene Strich, der uns auf neue Ideen

ganz überraschend belohnen, und auf manch einen

und zu besseren Zeichnungen bringt.

gelungenen »Fehler« werden Sie später noch lange stolz sein.

SARAH PALISI

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Wie wir sehen, was wir sehen Information ist nicht Wissen. FRANK ZAPPA

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llustration wird nicht nur durch die Technik

Schlüssel zu den unterschiedlichen Stilen, mit

bestimmt. Wesentlich wichtiger als die Wahl

denen wir illustrieren:

von Werkzeug und Material sind Sie selbst. Entscheidend ist, wer die Illustration macht.

Ihre Art zu illustrieren repräsentiert Ihre Art, die

Illustration erklärt anderen unseren Blick auf die Welt.

Welt zu sehen. Es ist ja so: Natürlich beginnt dies schon bei der »Wahl der

Wie wir sehen, was wir sehen, macht den Unterschied.

Waffen«, also bei der Technik, aber es geht noch sehr viel weiter: Jede Entscheidung, die Ihre Illustration ausmacht – von der Idee über die

Je nachdem, wie wir die Welt betrachten, so

inhaltliche Ausrichtung bis hin zu Komposition

erscheint sie uns und so finden wir uns zurecht.

und Bildgestaltung – ist das Ergebnis Ihrer eigenen

Dass zwei Individuen eine Situation oder einen

Abwägung. Ihr Blickwinkel bestimmt das Bild:

Sachverhalt ganz unterschiedlich betrachten, ist

Wenn Ihre Sicht auf die Welt eher romantisch ist,

eine Binsenweisheit. Und sähen wir die Welt durch

werden Ihre Illustrationen eine eher romantische

die Augen von jemand anderem, wäre es fraglich,

Perspektive zeigen. Vielleicht werden Sie verspiel-

ob sie uns noch bekannt vorkäme. Hier liegt der

tere Farben einsetzen, sich Themen und Motive

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SEBASTIAN KOCH

MAX LEY

ALEXANDRA JUNGE

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suchen, die Geschichten erzählen, oder Ähnliches.

Befindlichkeit. Im Umkehrschluss verrät das, was

Vielleicht liegen Ihnen deshalb auch bestimmte

wir mögen, recht viel über uns. Das ist zunächst

Techniken eher. Ebenso wird sich ein sachlich-ratio-

einmal ganz wertfrei – wir sollten uns nur darüber

naler Blickwinkel in erklärender oder informativer

im Klaren sein, dass es so ist.

Illustration niederschlagen. Möglicherweise werden Sie dann Techniken wählen, die besser zum

Vielleicht reagieren wir deshalb manchmal so

Beschreiben von Texturen geeignet sind, und Ihre

empfindlich darauf, wenn unsere Bilder kritisiert

Darstellungsweise mehr dem Realismus unter-

werden. Und es erklärt vielleicht auch, warum die

ordnen, als wenn es Ihnen um reine Stimmungs-

Frage nach einem »eigenen Stil« für Künstler oft

bilder ginge.

etwas seltsam Existenzielles bekommt. Die Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck ist

Ihr Humor wird vielleicht ebenso sichtbar werden

eine Suche nach uns selbst.

wie Aspekte von Phantasie, Schwermut oder

ist also ein unbewusster Ausdruck Ihrer eigenen

Illustration ist weit entfernt von Formalismus. In Wirklichkeit malt Ihre Seele mit.

LARISSA BERTONASCO

TOM EIGENHUFE

Verspieltheit. Alles, was Sie ausmacht und bewegt, findet auf beinahe magische Weise den Weg in Ihre Bilder. Das, was wir salopp »Geschmack« nennen,

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Kugelschreiber, Fineliner und Konsorten All artists are willing to suffer for their work. But why are so few prepared to learn to draw? BANKSY

d

ie klassischen Federn (egal ob Stahloder Rohrfedern) erzeugen zwar zweifellos wunderschöne Striche, doch haben sie einen entscheidenden

Malus: Man muss sie während des Arbeitens immer wieder in flüssige Tinte tauchen. Um dem abzu­ helfen, wurden schon früh Zeichengeräte erfunden, die ihre eigene Tinte mit sich führten. Bereits Galileo Galilei soll einen Vorläufer des Kugelschreibers erdacht haben, und spätestens seit der anbrechenden Moderne gab es zuhauf Patente, die sich diesem Problem widmeten. Aufziehfüller, Tintenstifte und Kugelschreiber mehr oder weniger tauglicher Qualität wurden ersonnen. Wer heute ein durchschnittliches Schreibwarengeschäft betritt, kann die mittlerweile unübersichtlichen Früchte dieses Erfindergeistes bestaunen: Stifte, Stifte, Stifte. In allen Farben, Formen und Größen. Trotzdem funktionieren die meisten nach denselben alten Prinzipien: Flüssige Tinte wird in einem Reservoir oder in einer Trägermasse aufbewahrt und fließt über einen druckempfindlichen Verschluss (wie beim Kugelschreiber) oder direkt über den Kern einer Fasermasse (wie beim Filzstift und Fineliner) auf das Papier. Zum Zeichnen und Illustrieren sind sie in der Regel alle ganz wunderbar geeignet, allerdings mit einigen Besonderheiten, die ich Ihnen in diesem Kapitel kurz beschreiben will.

FELIX SCHEINBERGER

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ALEXANDER SCHMALZ

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Radierung ... man kann die lackierte Platte zum Beispiel mit einem geregelten, flachen Wurf über das Straßenpflaster schlittern lassen ... HORST JANSSEN, TRAKTAT ÜBER DIE HERSTELLUNG EINER RADIERUNG

d

ie Technik der Radierung stammt aus

in die tief eingegrabenen Linien und rieben feuchte

einer düsteren, verrauchten Welt;

Papiere darüber, um das Positiv in ihre Musterbü-

den Waffenschmieden des Spätmittel-

cher zu kopieren. Und von hier war es nur ein keiner

alters. Rüstungen und Harnische,

Schritt zu den mit Säure geätzten Metallgravuren,

Schwerter und Hellebarden sollten nicht nur töd-

mit denen man Druckgrafiken herstellen konnte.

lich sein, ihre Träger legten auch viel Wert darauf, sie zu verzieren. So wurde Kriegsgerät von den

Als Nebenprodukt des Kriegshandwerks also er-

mittelalterlichen Waffenschmieden gern mit

blickte eine Technik das Licht der Welt, die bis zur

Zeichen und Mustern versehen. Aus Namen, Her-

Industriellen Revolution das bedeutendste Verfah-

kunftszeichen und Wappen entwickelten sich

ren zur Vervielfältigung von Bildern werden sollte.

schnell kompliziertere Muster und Bilder, die von

Im 15. und 16. Jahrhundert waren es Pioniere wie

dem sogenannten Plattner mit Sticheln ins Metall

Dürer (der die Metallverarbeitung von seiner Lehr-

graviert oder geätzt wurden, um das Rüstzeug für

zeit als Goldschmied kannte), oder Merian, die die

seine blutige Bestimmung zu verschönern.

neue Ätztechnik bekannt machten. Ab dem 17. Jahr-

Clevere Schmiede waren es auch, die im 15. Jahr-

hundert ersetzte Kupfer die Eisenradierungen, ab

hundert die Verwendung ihrer Gravuren als Über-

Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Aquatinta-

tragungstechnik entdeckten. Sie schmierten Ruß

Radierung auch das Problem der Grauflächen gelöst.

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HORST JANSSEN

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Und so funktioniert es: Radierung gehört zu den sogenannten Tiefdruckverfahren. Das bedeutet, dass die Druckflächen, die die Farbe abgeben, tiefer liegen als der umgebende Weißraum (beim Hochdruck, beispielsweise beim Linolschnitt, druckt man mit den erhöht liegenden Flächen). In den tieferliegenden, eingeritzten oder geätzten Linien sammelt sich also die Farbe und wird beim Drucken auf das Papier übertragen. Die einfachste Form der Radierung ist die soge-

Und nun kratzt man das Motiv nur

nannte Kaltnadelradierung. Dafür benötigt man

noch in die Schicht, die natürlich um

lediglich eine polierte Kupfer- oder Zinkplatte

ein Vielfaches weicher als die Metall-

(gibt es beim Dachdecker oder im Künstlerbedarf)

platte selber ist. Legt man daraufhin die

sowie einen Stahlstichel, die »Radiernadel«.

Platte in Säure, wird nur der freigelegte

Nun kratzt oder »zeichnet« man mit sanftem Druck

Teil der Platte, also Ihre Zeichnung,

das Motiv direkt in die Platte. Kaltnadelradie-

geätzt. Nach Entfernen der Schutz-

rungen wirken erstaunlich weich, fast wie mit

schicht zeigen sich dann tief eingegra-

Bleistift gemalt, da sich beim Kratzen immer rechts

bene Striche, die sich hervorragend

und links des eigentlichen »Kratzers« ein minimaler

zum Drucken eignen.

Grat aufwirft, in dem sich Farbe sammeln kann, die beim Drucken einen soften »Schatten« wirft.

Zum Ätzen verwendet man in der Regel die leichte Säure Eisen-

Kaltnadelradierungen haben eine schöne, eigenwillige Ästhetik, problematisch an der Technik ist jedoch, dass man mit einiger Kraft »zeichnen« muss.

III-Chlorid. Diese kann man rezeptfrei in der Apotheke in Form von gelben Kügelchen kaufen, die man lediglich mit heißem Wasser ansetzen muss. Eisen-III-Chlorid hat den Vorteil, dass es außer hässlichen Flecken kaum Schaden

Um das Verfahren zu erleichtern, wurde deshalb

anrichtet (trinken sollten Sie es allerdings

schon zu Dürers Zeit die Technik der »Strich-

nicht).

ätzung« erfunden.

Nachteilig ist, dass der Ätzvorgang nicht bei allen

Bei einer Strichätzung ätzt man die Linien mit

Metallen wirkt und das eigentliche Ätzen je nach

Säure. Hierfür versiegelt man zunächst einmal die

Tiefe des Strichs recht lange dauern kann (machen

Oberfläche der Metallplatte mit einer säure-

Sie beim Radieren immer Probeätzungen). Trotz-

be­ständigen Schicht, dem sogenannten Ätzgrund.

dem ist Eisen-III-Chlorid das Mittel der Wahl,

Dies kann zum Beispiel Wachs oder Asphaltlack

einfach weil es im Gegensatz zur Alternative ver-

sein.

hältnismäßig harmlos ist.

JULIA DÜRR

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端ber-leben als illustrator Illustration_152_199.indd 190

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Arbeitsplatz und Atelier There are two things that I will not put up with during working hours. One is liquor and the other is men. » SOME LIKE IT HOT«, BILLY WILDER 1959

w

ie ein ideales Atelier aussieht, kann man in Oscar Wildes »Dorian Gray« nachlesen: Ein heller Raum mit riesiger Fensterfront, der Blick in einen weitschweifigen Garten, durch die der Spätsommer

Rosenduft hereinströmen lässt. Tanzende Sonnenflecken, Klavierklänge, eine Tasse Tee und inspirierende Musen ergänzen die angenehme Atmosphäre. Vielleicht noch ein samtbezogener Diwan, ein Maler im Morgenrock, und das Ensemble steht. Ein einfacher Tipp könnte also lauten, dass Sie sich bei der Auswahl Ihres Arbeitsplatzes schlicht und ergreifend daran orientieren.

Sollte ein solches Atelier aber zufällig nicht zur Hand sein, würde ich Ihnen raten, sich auf die wirklich wichtigen Aspekte zu konzen­ trieren. Denn obwohl Rosenduft möglicherweise keinen schlechten Einfluss auf unseren Workflow haben mag, scheinen mir Licht und Platz doch entscheidender zu sein. In der Tat spielt die Auswahl Ihres Arbeitsplatzes eine bedeutende Rolle, denn immerhin verbringen Sie dort den größten Teil Ihres Tages. Idealerweise sollten Sie vollgemüllte Schreibtische ebenso vermeiden wie kalte Hinterhofkaschemmen voller Dreck, Krach und böser Nachbarn.

Ihr Arbeitsplatz sollte ein Platz sein, an dem Sie sich wohl fühlen. Es muss vielleicht keine Rundum-Wohlfühl-Oase sein, aber ein Mindestmaß an Atmosphäre dürfen Sie ihm ruhig abverlangen. Gerade am Anfang der Karriere muss man sicherlich Abstriche machen, doch kann auch schon ein nettes Café um die Ecke oder ein akzeptabler Burritoladen die Qualität eines Ateliers um Längen heben. Natürlich hängt vieles von Geschmack und den Lebensumständen ab. Trotzdem würde ich mich darauf festlegen wollen, dass man keinesfalls längerfristig daheim am Küchentisch arbeiten sollte. Ein Arbeitsplatz zu Hause mag zwar bisweilen sehr praktisch erscheinen, man muss aber ein gehöriges Maß an Disziplin mitbringen, um dort wirklich stringent zu arbeiten.

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Zu Hause lauern zu viele große und kleine Ablenkungen. Sie laufen dort Gefahr, tausend häusliche Dinge in Ihre Arbeitszeit zu schieben. Ein Arbeitszimmer ist das Minimum. Zielführender ist jedoch ein externes Atelier. – Der Vorteil liegt auf der Hand: Die räumliche Trennung erleichtert die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, ohne die Sie weder das eine noch das andere richtig betreiben können. Die Frage »Ateliergemeinschaft, oder nicht?« sollte man gerade als Anfänger mit »Ateliergemeinschaft« beantworten. Sie sparen tatsächlich am falschen Ende, wenn Sie zu Hause arbeiten, um eine Ateliermiete zu umgehen, und Ihnen dafür nette Kollegen, Inspiration, Frühstücksgesellschaft und technischer Support entgehen.

Ateliergemeinschaften sind Gold wert. Sie sitzen nicht allein, Sie können sich gegenseitig helfen, motivieren und nach der Meinung der anderen fragen. Viele Profis kennen das Problem:

Natürlich setzt die Gründung einer Ateliergemein-

Wenn man lange an einer Illustration arbeitet, wird

schaft voraus, dass es genügend Kollegen gibt, mit

man nach einer Weile »betriebsblind«, das heißt, es

denen man ein Atelier teilen kann. In Großstädten

fällt uns selbst immer schwerer zu beurteilen, wie

ist es relativ einfach, da es in der Regel schon

es mit einer Illustration weitergehen soll. Auch hier

Ateliergemeinschaften gibt – schauen Sie zum

hilft ein schneller Blick eines Kollegen oder ein

Beispiel mal an die schwarzen Bretter von Künstler­-

gemeinsamer Espresso, um den nötigen Abstand

bedarfsgeschäften.

zu gewinnen. Wenn man jedoch im ländlichen Raum wohnt, ist Zudem generieren Ateliergemeinschaften gele-

die Suche sicher weniger einfach. Aber auch

gentlich auch Jobs. Das liegt zum einen daran, dass

hier finden sich Wege: So ist es durch­aus denkbar,

man sich als Gemeinschaft nach außen ganz anders

sich Arbeitsplätze mit Angehörigen ähnlicher

verkaufen kann (etwa über eine gemeinsame Web-

Berufe zu teilen, also etwa Grafikern, Architekten

site, Gemeinschaftsausstellungen etc.), zum ande-

oder Gestaltern jeglicher Art. Ohnehin ist es

ren aber auch daran, dass man Jobs von Kollegen

am wichtigsten, dass die »Chemie« zwischen Ihnen

übernehmen kann, die vielleicht Hilfe brauchen

und Ihren Mitbewohnern stimmt. Wenn Sie sich

oder schlicht keine freien Kapazitäten haben und

nicht ausstehen können, nützt derselbe Beruf auch

deshalb Aufträge weiterreichen müssen.

nichts.

FRANZISKA WALTHER

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Teamwork

m

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern. SCHWUR AUS »WILHELM TELL«, FRIEDRICH SCHILLER

anche Jobs wollen Sie gar nicht machen. Zumindest nicht allein. Und ob Sie es glauben oder nicht: Das müssen Sie auch gar nicht. Es kann nämlich durchaus Sinn machen, Aufträge zu teilen – man

muss nur wissen, wie. Jobs kommen ja immer unverhofft: rring-rring – »Haben Sie Zeit?« Lautet die Antwort »Nein«, läuft man natürlich Gefahr, den Kunden erst zu verprellen und dann zu verlieren. Teilen kann hier eine Möglichkeit sein, Absagen zu vermeiden, denn Teilen spart Zeit. Darüber hinaus kann der angefragte Auftrag natürlich auch Ihre technischen oder gestalterischen Möglichkeiten überschreiten. Möglicherweise soll die Illustration ja noch animiert oder in einer exotischen Drucktechnik umgesetzt werden. Vielleicht wird ein Umfang angefragt, der nicht in Ihr Zeitfenster passt, oder der Job ist Ihnen einfach zu langweilig. Oder oder oder. Also teilen. Und Sie werden feststellen, dass dies oft eine wunderbare Lösung ist. Unter Pfadfindern heißt es: »Wer teilt, sucht nicht aus.« In der Tat sollten Sie sich erst einmal entscheiden, ob Sie gerecht oder ungerecht zu teilen gedenken. Sie können den angefragten Job natürlich einfach mit Ihrem Kollegen fifty-fifty teilen oder einen oder mehrere minder gut bezahlte Sub-Unternehmer beschäftigen. Beides bringt Vor- wie Nachteile mit sich: Wenn Sie sich entschließen, den Job nicht hälftig zu teilen, sondern ein größeres Stück unternehmerisches Risiko zu übernehmen, ist es natürlich auch recht und billig, etwas mehr vom Profit zu erhalten. Natürlich ist es in Ordnung, wenn Sie sich eine Marge als Bezahlung für Kundenkommunikation, Akquise und Verhandlungen zusprechen. Denn für den Fall, dass der Job scheitert, Deadlines nicht eingehalten oder Bezahlungen verschleppt werden, stehen Sie als Beinahe-Unternehmer gegenüber Ihren MitArbeitern in der Pflicht, und so kann man ein kleines Plus durchaus als Honorar für »Etwaiges« einplanen. Eines müssen Sie dabei jedoch bedenken: Sollten Sie es mit dem Profit übertreiben, müssen Sie damit rechnen, dass Ihre kollegiale Beziehung beschädigt wird.

Kollegen zieht man nicht über den Tisch, das ist Konsens.

BERND MÖLCK-TASSEL

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KATHARINA GROSSMANN-HENSEL

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Verträge We have no friends, we only have interests. HENRY KISSINGER

d

enken Sie beim Stichwort »Verträge«

Sie tragen Ihre Haut zu Markte, Sie bieten Arbeits-

auch an dreißig Seiten Kleingedruck-

zeit, Können und Talent zum Kauf an … und manch-

tes? An komplizierte, unverständliche

mal prostituieren Sie sich. Sie erlauben Ihrem

Formulierungen, an Knebel, Kniffe

Vertragspartner, Einfluss auf Ihre Ressourcen, Ihre

und Tricksereien? Befürchten Sie auch, dass dem-

Person und auf Ihr Leben zu nehmen. Umgekehrt

nächst drei weitere nicht benötigte Waschma-

sichert ein Vertrag Ihre Ansprüche gegenüber dem

schinen zu dem Dutzend hinzukommen, das sich

Kunden ab. Er bezeugt einklagbar die Früchte Ihrer

bereits in Ihrem Keller angesammelt hat?

Arbeit.

Sie denken falsch. Denn so häufig und regelmäßig

Im alten Rom war die Grenze zwischen frei Gebore-

die beschriebenen Szenarien im Alltag auch

nen und Unfreien definiert durch die Berechtigung,

anzutreffen sind, zunächst einmal ist ein Vertrag

Verträge abzuschließen. Heute kann jeder Verträge

nichts anderes als ein Rechtsakt.

abschließen – aber oft machen Verträge unfrei.

Tatsächlich können Sie einen Vertrag auch per

Nicht nur im wahrsten Wortsinn, wenn Sie Ihren

Handschlag schließen (wie man es alteingesesse-

Verpflichtungen nicht nachkommen können und

nen Hamburger Kaufleuten immer noch nachsagt).

im Schuldturm landen, sondern vor allem im über-

Auch heute noch, aller Atomkraft, Computertech-

tragenen Sinn, wenn Sie, nachdem Sie etwas

nologie und weltumspannenden Bürokratie zum

unterschrieben haben, feststellen, dass man Sie

Trotz. Sie brauchen nur einen Zeugen, geben Ihrem

übervorteilt oder sogar betrogen hat.

Vertragspartner die Hand – und schwupps! – plötzlich ist etwas da, wo vorher nichts war: ein einklag-

Im Urheberrecht steht deswegen etwas von

bares Versprechen zum Beispiel, ein Projekt, in das

»angemessener Vergütung«, die für Ihre Leistung

investiert werden kann, ein Miet- oder Arbeitsver-

zu zahlen sein soll. Was aber ist »angemessene

hältnis, eine Eigentumsveränderung … ein Handel.

Vergütung«? – Nun, »angemessen« ist – abgesehen von unerwartet erfolgreichen Vermarktungen,

Durch einen Vertrag erzeugen Sie Ansprüche und Pflichten, die es ohne den Vertrag nicht geben würde.

für die ein Anspruch auf Nachvergütung besteht – das, was im Vertrag als »angemessen« vereinbart worden ist.

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Sie sehen: Verträge sind wichtig.

Die Rechteeinräumung ist der Rechtsakt, der überhaupt einen Vertrag erforderlich macht.

Und darum sollten Sie dann doch heute möglichst

Stellen Sie sich vor, Sie versorgen Greenpeace mit

keine Verträge mehr per Handschlag abschließen.

Zeichnungen von süßen Pandabären für einen

Zumindest der sprichwörtliche Bierdeckel sollte es

Kalender. Sie finden Greenpeace klasse, also über-

schon sein – mit einer Beschreibung dessen, was

lassen Sie ihnen die Zeichnungen für umme. »Toll«,

Sie zu leisten beabsichtigen, auf der einen Seite,

denken Sie vielleicht, »so erspare ich mir auch den

und einer Verpflichtung, was Ihr Vertragspartner

ganzen Papierkram!« – Wieder falsch gedacht!

dafür zu zahlen bereit ist, auf der anderen Seite. Zum Umfang Ihrer »Leistung« gehört eine Beschrei-

Sie ersparen sich nämlich lediglich eine Rechnung,

bung des sogenannten »Werks«, oft bereits mit

aber einen Vertrag brauchen Sie trotzdem.

einem konkreten Verwendungszusammenhang;

Schließlich muss Greenpeace wissen, was es mit

ein Zeitraum, innerhalb dessen Sie das Werk

den Zeichnungen machen darf und was nicht –

erstellen; sowie verschiedene Spezifikationen und

und Sie übrigens auch! Immerhin ist nicht ausge-

Absicherungen, wer im Falle von Überflutungen

schlossen, dass jemand vom WWF den Panda-

Ihres Arbeitsplatzes, Ihres Ablebens oder zu vielen

Kalender zu sehen bekommt und Ihre Zeichnungen

Korrekturwünschen Ihres Vertragspartners welche

auf T-Shirts drucken lassen will. Dürften die das?

Ansprüche und Pflichten erworben hat.

Sind die T-Shirt-Rechte noch frei? Liegen sie noch

Vor allem aber gehört zum Umfang Ihrer Leistung

bei Ihnen? Oder doch schon bei Greenpeace?

eine genaue Beschreibung der Rechte, die Sie Ihrem

Und was wäre nach Ihrem Ableben? Pandas sollen

Vertragspartner einzuräumen gedenken. Denn:

ja relativ unberechenbare Tiere sein, da können Studien am lebenden Objekt schon mal Risiken und

Die Einräumung von Rechten ist der eigentliche Handel, den Sie als Urheber eingehen.

VALERIE KRIEGER

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Nebenwirkungen haben. Wüssten Ihre Erben, welche Rechte Sie Greenpeace eingeräumt haben und welche nicht?

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Hoppla, jetzt komm ich! Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen. GROUCHO MARX

e

ine frühe Lektion in Sachen Selbstbewusstsein erhielt ich während einer

Klassenfahrt in den späten Siebzigern. Ein Reisebus voller Sechstklässler. Eine Rückfahrt von der EderTalsperre, Ausflug ins Grüne mit anschließender Besichtigung der Zonengrenze. Lärmende Kinder, 16:30 Uhr. Wir hinten im Bus, gruppiert um den Kinderhelden unserer Klasse, ein selbstbewusster Wortführer, strahlend, gut gelaunt und lockig – der unbestrittene Mittelpunkt der Versammlung. Ich, wenig selbstbewusst und Angehöriger der »B-Mannschaft« der Klassenhierarchie, war stolz, danebensitzen und mitreden zu dürfen. Man riss Witze, man

plauderte und lachte. Der Held hielt Hof und alle hingen an seinen Lippen. Ein Witz jagte den nächsten. Durch die ungewohnte Nähe zur Macht übermütig geworden, versuchte ich in eine Redepause hinein mein Glück: Ein Witz, der wie ich meinte sicherlich Achtung und Anerkennung verschaffen würde. Gewagt. Verfehlt. – Keiner lachte. Verständnislose Stille im Auditorium. Hatte ich meinen Witz zu leise erzählt? Doch da geschah das Bemerkenswerte: Der Held stahl meinen Witz. Er wiederholte ihn, als hätte er ihn eben erfunden – und zu meiner Verwunderung lachten alle.

»... denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht, und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht«, heißt es in der Dreigroschenoper.

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Selbstbewusstsein, Anerken-

Übrigens ist das Phänomen

Leuten zur Schnecke machen

nung und Bestätigung sind für

nicht neu: Künstler begeben sich

lassen, auf deren Meinung oder

viele Künstler eher schwierige

typischerweise zunächst in

Bekanntschaft unter normalen

Themen. Und das gilt nicht nur,

sogenannte Außenseiterrollen

Umständen niemand Wert legen

wenn wir über Bezahlung, also

(vielleicht, weil sie schlicht die

würde.

die monetär umgemünzte

Konkurrenz der Alpha-Typen

Aber nicht genug: Gerade in

Anerkennung, reden. Es geht

scheuen, die gerne – sagen wir

unserer Branche werden nicht

um das Thema im Allgemeinen.

mal – Piloten werden :-)), um

selten Menschen mit dem

Anerkennung (oder der Kampf

dann von dort ihren Claim abzu-

Hinweis versklavt, dass sie sich

darum) ist nämlich, obwohl wir

stecken. Allerdings gesellt sich

irgendwann – so sie lange

uns dessen oft nicht so bewusst

mittlerweile eine Industrie dazu,

genug durchhalten – selbst einen

sind, eine der wichtigsten

die von ebendiesen Menschen

Platz an der Ruderpinne er-

Triebfedern unseres Jobs. Das,

lebt: Portale wie Tumblr generie-

kämpfen könnten (Heerscharen

was wir Ehrgeiz nennen, ist oft

ren sich ausschließlich aus dem

von Umsonst-Praktikanten im

nur der Wunsch gehört, gesehen

Wunsch der Menschen nach Auf-

Gestaltungsbereich können ein

und wahrgenommen zu werden.

merksamkeit und Anerkennung.

Lied davon singen). Manche

Gleichzeitig ist Anerkennung

The Internet is full of Artists –

Kunden scheinen geradezu über-

dummerweise genau der

lonely Artists. Das ist insofern

zeugt davon, sie täten uns einen

Nasenring, an dem wir uns im

bemerkenswert, als es sich

Gefallen, wenn sie uns für sie

schlimmsten Fall durch das

fast um ein gesellschaftliches

arbeiten lassen. Und die beschrie-

Geschäftsleben ziehen lassen.

Phänomen handelt. Das fängt

benen Defizite werden zu-

Denn das Streben nach Anerken-

schon damit an, dass sich junge

sehends benutzt, um Preise und

nung ist oft von dem unbe-

Menschen in Castingshows von

Vergütungen niedrig zu halten.

wussten Wunsch mitgeprägt, mit Kunst all die kleinen und großen Demütigungen zu kitten, die unsere Biografien beschädigten. Der Umstand, dass wir manchmal sehr bereitwillig offensichtlich unseriöse Honorarangebote akzeptieren, liegt nicht selten hier begründet.

Die Haltung, um jeden Preis Aufmerksamkeit und Anerkennung erringen zu müssen, macht uns erpressbar.

SASKIA KEULTJES

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Profile for Verlag Hermann Schmidt

Illustration – 100 Wege einen Vogel zu malen  

Illustration – 100 Wege einen Vogel zu malen  

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