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Schweiz, du hast es besser! WELT AU S D EN FU G EN

Jetzt, wo die Corona-Welle langsam abebbt, werden die ­ökonomischen Schäden sichtbar. Was klar wird: Jene Staaten, die vor der Pandemie gut aufgestellt waren, wie die Schweiz mit ihren ­Sozialwerken, kommen besser durch die Krise und werden sich auch schneller wieder erholen. Text: Thomas Gull und Roger Nickl

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ie die Welle eines Tsunami hat sich das Coronavirus rund um die Welt ausge­ breitet und Tod und Verwüstung gebracht. Der Schaden ist gross an Menschen­ leben, sozial und ökonomisch. Dabei hat es nicht alle Staaten im gleichen Ausmass getroffen. In Europa besonders hart die südeuropäischen Staaten Italien und Spanien, Lateinamerika und, eher überraschend, die USA. Nach dem Gesund­ heitswesen ist in diesen Staaten auch die ­Wirtschaft in Seenot geraten und die Staats­ verschuldung steigt weiter an. Die tiefe wirtschaftliche Krise, die auf die Krise des Gesundheitswesens folgt, ist allerdings nicht dem Schicksal geschuldet – sie hat struktu­ relle Ursachen und legt die Schwächen der betrof­fenen Staaten schonungslos offen. Neben den maroden, kaputt gesparten Gesundheits­ systemen waren die Wirtschaftsstrukturen und Sozialsysteme etwa in Spanien und Italien schon vor der Krise weniger resilient und leistungsfähig als die der nordeuropäischen Staaten. So liegt etwa der Anteil des besonders hart getroffenen Tourismus am BIP in den südeuropäischen Ländern bei 10 bis 20 Prozent, im nördlichen Europa bei 5 bis 10 Prozent.

Job weg, Krankenkasse auch Noch verheerender ist jedoch, dass in diesen Staaten viele Menschen im informellen Sektor arbeiten, das heisst, sie arbeiten schwarz, ohne oder mit sehr prekären Arbeitsverträgen. Sie haben deshalb ungenügenden Zugang zu Sozial­

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versicherungen und – in den USA – auch unge­ nügende Gesundheitsversorgung. «Diese Leute fallen in der Krise durch die Maschen», sagt Silja Häusermann, Professorin für Vergleichende Politische Ökonomie an der UZH. Im Gegensatz dazu sind die meisten Arbeitnehmenden in den nordeuropäischen Staaten regulär angestellt und entsprechend versichert und geschützt. «Die Schweiz oder Deutschland müssen in der Krise nicht improvisieren, weil sie bereits über die geeigneten Instrumente verfügen, um den Arbeitsmarkt zu stützen und den Arbeitnehmen­ den zu helfen», so Häusermann. Während die Südeuropäer und die USA in der Not erfinderisch werden mussten, um all jenen zu helfen, die nicht versichert waren, konnten die Staaten mit gut ausgebauten Sozial­ leistungen auf bereits Bestehendes zurückgrei­ fen. In der Schweiz ist das vor allem die Kurzarbeitsentschädigung. Sie erlaubt es Unter­ nehmen, Mitarbeitende vorübergehend freizu­ stellen, ohne sie entlassen zu müssen. Die Lohn­ kosten werden dabei zu 80 Prozent von der Arbeitslosenkasse übernommen. Das Instrument der Kurzarbeit ist zuge­ schnitten auf Länder wie die Schweiz oder Deutschland, deren wichtigste Wirtschafts­ zweige gut ausgebildete und spezialisierte Arbeitskräfte benötigen. «Diese sollen in ihrem Beruf bleiben, auch wenn die Produktion in einer Rezession für eine gewisse Zeit einbricht», sagt Häusermann, «es wäre in diesen koordi­ nierten Marktwirtschaften sehr ineffi­zient, wenn Ingenieure vorübergehend als Kellner arbeiten müssten und dann den Wiedereinstieg verpas­ sen.» Die Kurzarbeit dient deshalb insbesondere