UZH Magazin 2/19

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«Wenn Menschen von Robotern ersetzt werden, steigt die Produktivität. Wir werden reicher.» David H émous, Ökonom

schen dereinst ersetzen. In der Arbeitswelt ist dieser Prozess bereits im Gange. Allerdings nicht seit Gestern oder Vorgestern, sondern seit Beginn der industriellen Revolution. Grundsätzlich haben wir vom Einsatz der Maschinen profitiert, weil sie uns viele Arbeiten abnehmen und die Produktivität und damit den Wohlstand erhöht haben. Früher wurden jedoch vor allem manuelle Arbeiten durch Maschinen ersetzt. «Das hat sich geändert, seit Computer selbständig kognitive Arbeiten erledigen können», sagt der Volkwirtschaftler David Hémous, Assistenzprofessor am Department of Economics der UZH.

Gefährdete Mittelschicht-Arbeitsplätze Algorithmen ersetzen Menschen heute auch in anderen Arbeitsbereichen. Als Beispiele nennt der Ökonom die Mitarbeiter im Reisebüro, die früher Hotels suchten oder Flüge buchten. Das kann man heute selber machen, mithilfe einer Suchmaschine und online-Buchungssystemen. Oder Mitarbeiter in Anwaltskanzleien, die Dokumente durchschauten – der Computer kann das besser und schneller. Wie bereits beschrieben, können neuronale Netzwerke so trainiert werden, dass sie Bilder besser lesen als wir Menschen. Mit dieser Fähigkeit machen sie hochqualifizierten Spezialisten wie Radiologen Konkurrenz, weil sie beispielsweise eingesetzt werden können, um auf radiologischen Aufnahmen Tumoren zu erkennen. Welche Folgen hat diese Entwicklung? Intelligente Maschinen ersetzen zunehmend auch qualifiziere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und gefährden damit traditionelle Mitteschicht-Arbeitsplätze. Gleichzeitig entstehen neue, gut bezahlte Jobs, die für die Entwicklung von Maschinen und Künstlichere Intelligenz benötigt werden wie Ingenieure und Programmierer. Und die Nachfrage im Dienstleistungsbereich wächst, wobei es sich dabei oft um schlechter entlohnte Arbeit wie Reinigen, Kellnern oder Hundehüten handelt.

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Die Einkommensschere dürfte sich damit weiter öffnen. «Die Automatisierung verstärkt die Ungleichheit und kann zu tieferen Löhnen führen», sagt David Hémous. Doch für die steigende Arbeitslosigkeit sei die Automatisierung nicht der wichtigste Faktor, betont der Ökonom. Denn einerseits sei es ein Irrtum zu glauben, Arbeit sei endlich — die Ökonomen nennen das «lump of labour falacy». Andererseits fallen andere Faktoren mehr ins Gewicht, wenn Menschen keine Arbeit mehr finden wie die (fehlende) Ausbildung, eine wenig diversifizierte Wirtschaft und ein unflexibler Arbeitsmarkt. Beispiele sind Gegenden in Nordfrankreich, die ihre Industrie verloren haben, oder der «Rostgürtel» in den USA. Die Schweiz hat in der traditionellen Industrie auch viele Arbeitsplätze verloren, konnte diese jedoch in anderen Bereichen kompensieren. Bei uns habe bisher, wie in anderen europäischen Ländern, die Ungleichheit auch noch nicht zugenommen – anders als in den USA, sagt Hémous. Der Volkswirtschaftler rechnet damit, dass die Vorteile der Automatisierung die Nachteile mehr als aufwiegen: «Wenn Menschen von Robotern ersetzt werden, ist das keine schlechte Nachricht für die Gesellschaft als Ganzes, weil dadurch die Produktivität gesteigert wird. Das heisst, wir werden reicher.» Die entscheidende Frage, ist wie dieser Reichtum verteilt wird und was mit den Verlierern dieses Prozesses passiert. Hémous sieht hier verschiedene Optionen: Ein bedingungslose Grundeinkommen, wobei er betont, dass man hier noch mehr über die Effekte wissen müsse; progressivere Steuern, die Besserverdienende stärker zur Kasse bitten, oder umgekehrt Gutschriften für Menschen, die wenig verdienen, wie es sie in Frankreich unter dem Titel «prime pour l›emploi» (Jobprämie) bereits gibt: Wer arbeitet aber (zu) wenig verdient, bekommt von Staat einen Zustupf. Das wichtigste aber sei die Ausbildung, betont Hémous: «Die Menschen müssen die Fähigkeiten er-