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Martin Graf, Anneliese Kitzmüller (Hg.)

DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Unzensuriert - Verein zur Förderung der Medienvielfalt


Martin Graf, Anneliese Kitzmüller

DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

UNZENSURIERT ­ VEREIN ZUR FÖRDERUNG DER MEDIENVIELFALT


DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

ISBN 978­3­9502849­1­1 © 2010 unzensuriert­Verein zur Förderung der Medienvielfalt Druck: online Druck GmbH, Brown­Boveri­Straße 8, 2351 Wr. Neudorf Herausgeber: Dr. Martin Graf, Anneliese Kitzmüller

Alle Rechte vorbehalten


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Inhalt

Vorwort Martin Graf

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Vorwort Anneliese Kitzmüller 6 Vorwort Rudolf Reimann Einleitung

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Die Volksdeutschen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg 18 Neuanfang von 30.000 Sudetendeutschen 1945 in Oberösterreich und ihr Anteil am Wiederaufbau Oberösterreichs 58 Evakuierung der Karpatendeutschen: Ursachen und Folgen Österreich: 100 Jahre Verband der Banater Schwaben

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Volksdeutsche Flüchtlingsseelsorge in Österreich

107

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Bemühungen der Siebenbürger Sachsen um geschlossene Aufnahme in Österreich 117 Die Deutsch­Untersteirer und Mießtaler in der neuen Heimat Österreich 129 Deutsche Umsiedler aus der Bukowina 147 Lagerwesen unter österr. Verwaltung in der britischen Besatzungszone 163 Lager im Bundesland Salzburg 180 Der Weg eines sudetendeutschen Unternehmers

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Volksdeutsche Persönlichkeiten in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg in Politik, Bildung, Kunst, Wirtschaft, Sport, Medien 225 Literaturverzeichnis

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Bilderverzeichnis

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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Vorwort VON MARTIN GRAF DRITTER PRÄSIDENT DES NATIONALRATES DER REPUBLIK ÖSTERREICH

Als Kind einer Vertriebenenfamilie aus Oberschlesien wie auch als Dritter Präsi­ dent des Nationalrates war es mir ein Anliegen, endlich die wirtschaftlichen Lei­ stungen der Vertriebenengeneration einer breiteren Öffentlichkeit publik zu machen. Über die Vertreibung mit all ihren schrecklichen Exzessen wurde schon vieles geschrieben, die begangenen Verbrechen sind Ihnen allen nur zu gut be­ kannt – vielen von Ihnen leider auch aus persönlicher Erfahrung. Das nun vorliegende Buch geht einen neuen Weg der historischen Aufarbeitung. Erstmals werden nicht nur die kulturellen Leistungen der Vertriebenen gewür­ digt, sondern ebenso die wirtschaftlichen. Es soll ein kleines Nachschlagewerk für die erbrachten Leistungen der heimatlos gewordenen Menschen deutscher Muttersprache nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sein. Die Masse der "Heimatlosen" fand in der Republik Österreich oder in der Bun­ desrepublik Deutschland ein neues Zuhause. Die neue, schwer geprüfte Heimat wurde gemeinsam mit der bereits angestammten Bevölkerung unter oft jahr­ zehntelangen Entbehrungen wieder aufgebaut. Umso beschämender ist es, dass die wirtschaftlichen Leistungen der Vertriebe­ nen bis heute wenig Anerkennung und Würdigung, weder in der Republik Österreich noch in der Bundesrepublik Deutschland erfahren haben. Ohne diesen Einsatz wäre das sogenannte Wirtschaftswunder wohl nicht mög­ lich gewesen. Stellvertretend für alle seien die Firmen Silhouette und Delikates­ senmanufaktur Frey genannt. In einer schweren Zeit haben die Firmengründer nicht resigniert, sondern die Ärmel hochgekrempelt und Vorbildliches geleistet. Menschen wie sie legten den Grundstein für den Wohlstand, von dem wir alle bis heute profitieren. Der Bauer aus dem Banat beteiligte sich ebenso am Wiederaufbau der schwer ge­ prüften neuen Heimat wie der Industrielle aus der Bukowina. Beide kamen mit ihren Familien ohne jeglichen Besitz, meist mit nicht mehr als sie am Leibe tru­ gen in Österreich an. Viel hatten sie nicht zu erwarten, das Land war als Folge des Zweiten Weltkriegs am Boden zerstört und konnte oftmals nichts geben.


5 Und dies waren noch die "Glücklichen", so manche Familie wurde in den Nach­ kriegswirren ausgelöscht, und nicht wenige von Ihnen haben selbst Angehörige und Freunde verloren. Das Buch soll eine klaffende historische Lücke nun zumindest teilweise schlie­ ßen sowie staatliche und private Forschungseinrichtungen Österreichs und Deutschlands zu einer Aufarbeitung dieses bisher kaum beachteten Teils der Ge­ schichte anregen. Der Vertriebenengeneration danke ich für die erbrachten Leistungen für unsere gemeinsame Heimat.

Ihr Mag. Dr. Martin Graf


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Vorwort VON ANNELIESE KITZMÜLLER VERTRIEBENENSPRECHERIN DER FREIHEITLICHEN PARTEI

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23) Als Kind einer Vertriebenenfamilie kenne ich das Schicksal von „Heimatvertrie­ benen“ leider nur allzu gut. Mein Vater stammte aus Czernowitz und verlor durch die Vertreibung seinen Besitz und ­ schlimmer noch – seine Heimat. Die Heimat, in der er als Kind aufgewachsen ist, in der er seine Freunde hatte und wo auch seine Vorfahren begraben sind. Aber auch nach seiner Vertreibung be­ sann er sich immer seiner eigentlichen Wurzeln. Sein ganzes Leben war geprägt vom Einsatz für „seine Volksgruppe“, die Buchenlanddeutschen. Jahrzehntelang war er Obmann der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen. Nun, nach sei­ nem Tod habe ich diese Aufgabe übernommen. Es war mir ein Auftrag des Ge­ wissens. Wie allen anderen Vertriebenen war auch meinem Vater jeglicher Revanchismus fern. Er wollte nichts anderes, als dass die geschundenen Völker Europas sich endlich von den geschlagenen Wunden des Zweiten Weltkrieges erholen konn­ ten. Wir schreiben nun das Jahr 2010, und es sind mehr als 65 Jahre schrecklichen Verbrechen begann. Vertrieben aus der Heimat, mit meist nicht mehr als dem nackten Leben im heutigen Staatsgebiet Österreich angekommen, haben diese Menschen im Vertrauen auf Gott und ihre eigenen Fähigkeiten die neue Heimat wieder aufgebaut. Auch meiner Familie, die aus Czernowitz vertrieben wurde, gelang es, in Österreich erneut Fuß zu fassen und sich eine Existenz in der Indu­ strie aufzubauen. Durch die Integrationsbereitschaft der Vertriebenen konnte ein sozialer Spreng­ stoff entschärft werden, und so manche "Integration" zwischen den "Einheimi­


7 schen" und den "Vertriebenen" wurde vor dem Traualtar bezeugt. So wie auch ich einen gebürtigen Innviertler geheiratet habe; dies ist sicherlich die schönste Form der gelungenen Integration. Auch wenn das offizielle Österreich die Leistungen der Heimatvertriebenen nicht ausreichend würdigt, möchte ich ihnen für alle erbrachten Leistungen beim Wideraufbau der neuen Heimat von ganzem Herzen danken. Auch die Freiheit­ liche Partei ist stolz auf die kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Ver­ triebenen für unsere Republik Österreich!

Ihre Anneliese Kitzmüller


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Vorwort VON RUDOLF REIMANN BUNDESVORSITZENDER VERBAND DER VOLKSDEUTSCHEN LANDSMANNSCHAFTEN ÖSTERREICHS (VLÖ)

Als die Zweite Republik Österreich 1945 aus den Trümmern des Zweiten Welt­ kriegs entstand, vollzog sich ein tiefgreifender und nachhaltiger Wandel in der österreichischen Zivilgesellschaft. Hunderttausende Heimatvertriebene, die als Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei, aus Jugoslawien, Rumänien und Un­ garn auf österreichisches Staatsgebiet vertrieben worden waren, mussten sich mit der Tatsache abfinden, dass eine Rückkehr in die Heimat nicht mehr möglich war. Mindestens eine halbe Million stand mit Koffern in der Hand vor dem Nichts. Menschenrechtswidrige Gesetze wie die Beneš­Dekrete oder AVNOJ­Be­ stimmungen hatten sie zu staatenlosen Menschen gemacht, sie enteignet und so pauschal für die Politik des NS­Regimes in Ost­, Ostmittel­ und Südosteuropa verantwortlich gemacht. Für viele von uns war der mühsame Weg nach Österreich Rettung und Hoff­ nung zugleich, waren unsere Vorfahren doch im 18. Jahrhundert von den öster­ reichischen Habsburgern als Bauern, Handwerker und Kaufleute in das Banat, in die Batschka oder ins Buchenland geschickt worden, um im Schweiße des Ange­ sichts den verwilderten Boden im Königreich Ungarn für die Krone in Wien ur­ bar zu machen. Schon Jahrhunderte früher waren deutsche Kolonisten aus deutschen Ländern nach Böhmen und Mähren, nach Siebenbürgen oder ins Kar­ patenland gerufen worden. Allein ein Blick in die neuzeitliche Geschichte Öster­ reichs genügt um zu erkennen, wie groß die Anzahl berühmter Persönlichkeiten aus Politik, Kunst, Technik und Wissenschaft war, die über Jahrhunderte hinweg das geistige Leben in Österreich befruchteten. Namen wie Sigmund Freud, Ernst Mach, Josef Ressel, Karl Renner, Theodor Innitzer, Gregor Mendel, Gustav Mah­ ler, Alfred Kubin, Nikolaus Lenau, Ignaz Semmelweis, Rose Ausländer, Marga­ rete Weinhandl oder Adam Müller­Guttenbrunn führen eine Liste an, die noch über sehr viele Seiten hinweg fortgesetzt werden kann. Die Anklagen und Reden im Hohen Haus in Wien nach dem Ersten Weltkrieg legen ein Zeugnis für jene Verbundenheit ab, die mit den deutschen altösterreichischen Volksgruppen in den Kronländern der Donaumonarchie bestand. Die Nationalversammlung für Deutschösterreich protestierte gegen die Abspaltung der historischen Siedlungs­ gebiete der Südtiroler, der Deutsch­Untersteirer und der Sudetendeutschen. Die


9 Bestimmungen des Friedensdiktats von Saint Germain nahmen darauf unter Missachtung des nationalen Selbstbestimmungsrechts, das zuvor als Grundlage für eine gerechte Nachkriegsordnung propagiert worden war, keine Rücksicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich das Bild radikal verändert. Die vertrie­ benen Altösterreicher – und viele fühlten sich aufgrund von Herkunft und Ab­ stammung in erster Linie mit Österreich verbunden – waren plötzlich „unwillkommene Schmarotzer“, denen Ablehnung, Kälte und nicht selten Hass entgegenströmten. Selbst in der österreichischen Politik sprach man auf einmal von „deutschsprachigen Tschechen“, die es aus Österreich abzuschieben galt. Neue Untersuchungen belegen, dass mindestens 260.000 Heimatvertriebene, mehrheitlich Sudeten­ Karpaten­ und Ungarndeutsche, aus Österreich abgescho­ ben wurden, weil von den Alliierten im Juli 1945 bei der Konferenz in Potsdam der Abschub der deutschen Bevölkerung aus Polen, Ungarn und der Tschecho­ slowakei nach Deutschland beschlossen worden war. Österreich berief sich auf diese Festlegung, um zumindest den Großteil der notdürftig in Lagern unterge­ brachten Heimatvertriebenen los zu werden. Dabei dachte man in Wien vor al­ lem an Frauen mit Kindern, alte und kranke Personen, weil man auf die Arbeitskraft der Heimatvertriebenen angewiesen war. Sie ersetzten die ehemali­ gen NS­Zwangsarbeiter in arbeitsintensiven Bereichen wie der Schwerindustrie, im Baugewerbe und in der Forst­ und Landswirtschaft. In Bereichen, wo die österreichische Industrie Spezialisten und qualifizierte Facharbeiter dringend be­ nötigte, war man großzügig und bot ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft an. Die österreichischen Behörden gingen also bei der Auswahl der Heimatver­ triebenen sehr selektiv vor. Erst als die Lager in Deutschland Ende 1946 an ihre Aufnahmekapazitäten stießen, stoppte der Abschub aus Österreich. Es blieben rund 350.000 im Land. Die österreichische Bundesregierung musste nun Schritte zur Integration einleiten, die aber erst zu Beginn der 1950er Jahre mit der arbeits­ rechtlichen Gleichstellung immer konkretere Formen annahm. Erst 1954 konnte mit dem Optionsgesetz, das endlich ausnahmslos allen Heimatvertriebenen den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft ermöglichte, der Durchbruch er­ zielt werden. Erst die Staatsbürgerschaft sicherte allen die rechtliche Gleichstel­ lung und die gleichberechtigte Teilname im Berufsleben, in der Bildung und im Sozialwesen. Der Weg dorthin war ein steiniger. Viele hatten schon vorher auf­ gegeben und ihr Glück in Lateinamerika, Kanada, Australien, den USA oder in einem anderen europäischen Land gesucht. Andere bemühten sich, schwarz über Salzburg nach Deutschland zu kommen, wo die Heimatvertriebenen ein viel leichteres Los zu tragen hatten. Hunderttausende harrten aber in den Lagern oder bei Verwandten und Bekannten in Österreich aus und wurden zu einem wichtigen Teil der Zweiten Republik Österreich, der sie trotz anfänglicher


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Schwierigkeiten bis heute als loyale Staatsbürger in Treue eng verbunden sind. Konnte man die Heimatvertriebenen in den Anfangsjahren am Bau, in den Fabri­ ken oder auf den Feldern vorfinden, wo sie für wenig Lohn an vorderster Stelle beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Österreichs mithalfen, so traf man sie schon wenige Jahre später als Ärzte in Krankenhäusern, als Lehrer in Schulen, als An­ wälte in Kanzleien, als freie Unternehmer in der österreichischen Industrie, als leitende Angestellte in den Staatsbetrieben oder als Freiberufler in Galerien an. Würde man die Leistungen der Sudetendeutschen, der Donauschwaben, der Karpatendeutschen, der Siebenbürger Sachsen, der Deutsch­Untersteirer, der Gottscheer, der Buchenland­ und Beskidendeutschen in Geld umrechnen, würde die Rechnung ­ ausgedrückt in Worten ­ wie folgt aussehen: Die Zweite Republik Österreich bekommt nach wie vor ein Vielfaches von dem zurück, was man an­ fänglich für die Heimatvertriebenen ausgeben musste. Wir Heimatvertriebene haben diese Rechnung aber niemals aufgestellt und sind nach wie vor unserer neuen Heimat Österreich zu großem Dank verpflichtet.


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Einleitung VON PETER WASSERTHEURER

Die Integration von Hunderttausenden von volksdeutschen Heimatvertriebenen in die Gesell­schaft der Zweiten Republik Österreich nach 1945 war ein komple­ xer Prozess, der sich über ein Jahrzehnt bis zur Unterzeichnung des Staatsver­ trags von 1955 erstreckte. In diesem Jahrzehnt konsolidierte sich Österreich als staatspolitisches Gebilde, das sowohl wirtschaftlich wie sozialpolitisch seine Überlebensfähigkeit unter Beweis stellte. Die Entwicklung zum demokratischen Rechtsstaat vollzog sich im Kräfteverhältnis der traditionellen ideologischen La­ ger, die einen sozialpartnerschaftlich dominierten, pluralistischen Parteienparla­ mentarismus föderalistischer Prägung förderten. Die Voraussetzungen dafür waren 1945 ähnlich schlecht wie die 1918 für die Geburtsstunde des republikani­ schen Österreich. Beide Male war die Republik aus Trümmern am Ende eines verlorenen Krieges errichtet worden. Neben Hunger, Obdachlosigkeit, Zerstö­ rung der urbanen Infrastruktur, wirtschaftlicher Depression, Trauer und Schmerz über den Verlust von Angehörigen tickte in Österreich 1945 eine soziale Bombe, deren Sprengkraft das gesellschaftliche Gefüge in eine Schieflage hätte bringen können. Auf österreichischem Boden befand sich zu Kriegsende ein Heer von immerhin 1,3 Millionen NS­Zwangsarbeiter, das sich den Platz mit Volksdeutschen teilen musste, die entweder im Herbst 1944 aus dem Banat, der Batschka, dem syrmisch­slawonischen Raum, aus Nordsiebenbürgen oder aus dem Karpatenland evakuiert worden waren oder die man nach der deutschen Kapitulation aus Südmähren, Südböhmen und der Deutsch­Untersteiermark vertrieb. Volksdeutsche wie NS­Zwangsarbeiter lebten zumeist unter schwierig­ sten sozialen Bedingungen auf engstem Raum in Lagern oder anderen Notunter­ künften. Die Zahl der Volksdeutschen lag 1945 in einer Größenordnung von mindestens 500.000 Personen, vornehmlich Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die ersten Zahlen, die von amtlichen oder karitativen Stellen genannt wurden, bewegten sich bei rund 350.000, wobei diese Angabe keinesfalls der Situation von 1945 entsprach, sondern sich auf einen späteren Zeitpunkt bezog. In den Monaten zwischen Frühjahr und Winter 1946 waren nämlich 260.000 Sudeten­, Karpaten­ und Ungarndeutsche aus Österreich nach Deutschland abgeschoben worden. In den Folgejahren versuchte eine nicht näher bekannte Anzahl von Volksdeutschen schwarz über die Grenze nach Deutschland zu kommen oder


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Tausende wurden von Kommissionen aus anderen europäischen Ländern als Arbeitskräfte angeheuert. Zu Beginn der 1950er Jahre liberalisierten zudem die USA und Kanada ihre Einreisebestimmungen, was nochmals eine Abwanderung von über 20.000 Volksdeutschen zur Folge hatte. Die Volksdeutschen kamen in mehreren Etappen nach Österreich. Zunächst wa­ ren es vor Kriegsausbruch und in den ersten Kriegsjahren volksdeutsche Um­ siedler, die unter der Parole „Heim ins Reich“ zu einem Teil auf österreichisches Gebiet gekommen waren. Im Herbst 1944 kamen die volksdeutschen Umsiedler aus Südosteuropa, zuletzt dann die vertriebenen Volksdeutschen aus der Tsche­ choslowakei und aus dem slowenischen Teil Jugoslawiens. Es stimmt also nicht, dass die Volksdeutschen in einem einzigen Schub nach Österreich kamen. Die Anzahl der auf österreichisches Gebiet umgesiedelten Volksdeutschen betrug ohne die Optanten aus Südtirol maximal 30.000 Personen. Ihnen folgten im Herbst 1944 und Frühjahrsmonaten 1945 die über 300.000 aus Südosteuropa und

Norwegische Europahilfe für die Vertriebenen

dem karpatendeutschen Raum evakuierten Volksdeutschen. Die vertriebenen Volksdeutschen aus südmährischem, südböhmischem und deutsch­untersteiri­


13 schem Gebiet lassen sich wegen der Nachkriegswirren in der Phase der wilden Vertreibungen in den Sommermonaten 1945 auf einen Umfang von 300.000 Per­ sonen schätzen. Karl Renner beschrieb die Situation folgendermaßen: „Von Nor­ den her, aus der Tschechoslowakei, sollen laut Bericht der Sicherheitsdirektion nach Niederösterreich allein an die 300.000 deutschsprechende Tschechoslowa­ ken in primitiver Kleidung, ohne Geld, ohne Nahrungsmittel, kurz als Bettler, ins Land [gekommen sein, Anm. d. Verf.]. Aus Jugoslawien wurden die deutsch­ sprechenden ehemaligen Bewohner der Gottschee, durchaus jugoslawische Staatsbürger, über die Grenze geworfen. Dem Vernehmen nach sind auch nach Oberösterreich nicht weniger deutschsprechende Tschechoslowaken eingebro­ chen. Nach Wien haben sich rund 18.000 eingeschlichen.“ 1 Renners abschätzige Wortwahl erzeugt Unbehagen. Noch 1918 hatte er als Staatskanzler der Republik Deutsch­Österreich den Verbleib seiner sudetendeut­ schen Landsleute bei Österreich gefordert. Unter seiner Führung verlangte die Nationalversammlung Deutsch­Österreichs, „dass der Völkerbund das unfassba­ re Unrecht, das an den Sudetendeutschen, an Deutschsüdtirol sowie an wichti­ gen Teilen Kärntens, Steiermarks und Niederösterreichs verübt werden soll, ehebaldigst wieder gutmachen wird.“2 1945 sprach derselbe Renner plötzlich von deutschsprechenden Tschechoslowaken, die man zusammen mit den ande­ ren volksdeutschen Gruppen nicht im Land haben wollte. Woher aber kam die­ ser radikale Meinungsumschwung? Die Motive dafür sind vielschichtig und lassen sich aus der historischen Perspektive erklären. Der Alliierte Kontrollrat hatte der österreichischen Regierung die Verpflichtung, die Versorgung der Volksdeutschen zu übernehmen, auferlegt, was die ohnehin schon angespannte budgetäre Lage im Land noch zusätzlich belastete. Die Siegermächte vertraten die Meinung, dass Österreich durch die Kollaboration mit dem NS­Regime die Problematik der Volksdeutschen mitverursacht und daher einen Teil der Verant­ wortung zu übernehmen hatte. Diese Meinung vertrat übrigens auch der deut­ sche Nachbar. 1950 schrieb der damalige deutsche Vertriebenenminister Hans Lukaschek der österreichischen Regierung folgende Worte ins Stammbuch: „Die Österreicher haben nach unserer Ansicht die moralische Verpflichtung, sich jener deutschsprachigen Personen anzunehmen, die aus den Nachbarstaaten Öster­ reichs kamen und in der Heimat ihrer Väter Zuflucht suchten. Die Bundesregie­ rung steht auf dem Standpunkt, dass es nicht angehe, wenn Österreich hunderttausend Volksdeutsche abschieben will, wodurch die bereits beträchtli­ che Zahl der in Westdeutschland lebenden Flüchtlinge noch vergrößert würde.“3 Wien wies diese Anschuldigung von sich und bezeichnete das volksdeutsche Problem als eine deutsche Angelegenheit. Diese Abwehrhaltung steht im kausa­ len Verhältnis zur Verdrängung der österreichischen Mitverantwortung an den


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Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und war eine Flucht aus den Fesseln der deut­ schen Geschichte, an deren Stelle ein österreichischer Mythos trat, der nach 1945 eine Filterfunktion übernahm. Die Geschichte Österreichs wurde in die Epoche der Donaumonarchie zurückversetzt und in ein nostalgisches Korsett gezwängt. Die Volksdeutschen hatten darin keinen Platz und wurden pauschal zu Natio­ nalsozialisten abgestempelt, die für das neue republikanische Österreich keine Hypothek mehr darstellen sollten. Als Außenminister Karl Gruber nach Prag rei­ ste, erklärte er gegenüber der tschechischen Führung den Standpunkt der öster­ reichischen Politik zur Vertreibung der Sudetendeutschen wie folgt: „Es waren Leute, die Ihnen immer Schwierigkeiten bereitet haben und sie jedem bereiten würden. Es ist natürlich, dass Sie sie loswerden wollen. Ich versichere Ihnen, dass ich und unsere gesamte Regierung dieses Problem in gleicher Weise be­ urteilen.”4 Prag beurteilte im Gegenzug die Wiedererrichtung Österreichs als souveränen Staat mit Sympathie. In Wien wollte man die diplomatischen Bemü­ hungen, die letztlich auf eine Zustimmung der Nachbarstaaten zur österreichi­ schen Souveränität ausgerichtet waren, durch die Volksdeutschen nicht in Gefahr bringen. Hier spielten die außenpolitischen Erfahrungen aus der Zwi­ schenkriegszeit eine wesentliche Rolle. Die österreichische Staatsspitze pochte daher auf eine Umsetzung der Potsdamer Beschlüsse vom August 1945, als unter Artikel XIII die Überführung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslo­ wakei, Ungarn und Polen nach Deutschland vereinbart wurde. Anderseits war durch die kriegsbedingten Ausfälle und die rasche Repatriierung der ehemaligen NS­Zwangsarbeiter ein Mangel am österreichischen Arbeitsmarkt eingetreten, der vor allem in arbeitsintensiven Bereichen wie der Forst­ und Landwirtschaft, dem Baugewerbe und der Schwerindustrie eklatant hoch war. Dieses Vakuum konnten nur die Volksdeutschen ausfüllen. Sie kamen aus der Landwirtschaft und hatten in den sudeten­ und karpatendeutschen Gebieten über eine qualifi­ zierte Industriearbeiterschaft verfügt, deren Ressourcen es jetzt in Österreich zu nutzen galt. Die verantwortlichen Stellen gingen hierbei sehr selektiv vor: Blei­ ben sollte nur jener Teil, der unbedingt als Arbeitskraft benötigt wurde. Es wur­ den vermehrt unbefristete Aufenthaltsbewilligungen ausgestellt. Sie enthielten jedoch den Vermerk, dass sie ihre Gültigkeit verlieren, sollten die Repatriierun­ gen wieder anlaufen. Inzwischen bekamen die Volksdeutschen Personalauswei­ se ausgehändigt, in denen sie als Staatenlose, Ausländer mit unbekannter Staatsbürgerschaft oder einfach nur als Volksdeutsche bezeichnet wurden.5 Die halbherzige Eingliederung der Volksdeutschen in den österreichischen Arbeits­ markt stieß aber auf rechtliche Probleme. Dazu zählte vor allem die Frage der Staatsbürgerschaft, ohne die es keine Arbeitsbewilligung gab. Im österreichi­ schen Staatsbürgerschaftsgesetz von 1945 wurden in der Fassung BGBl. 53/19466


15 die Voraussetzungen und Möglichkeiten für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft für Volksdeutsche folgendermaßen geregelt: • Verehelichung mit einem/­r österreichischen Staatsbürger/­in • ständiger ordentlicher Wohnsitz in Österreich im Zeitraum der letzten vier Jahre • ständiger und freiwilliger Aufenthalt auf österreichischem Staatsgebiet seit dem 1. Jänner 1915 • freiwilliger und ununterbrochener Aufenthalt auf österreichischem Staatsge­ biet in den letzten 10 Jahren • Ausübung eines öffentlichen Lehramts an einer österreichischen Hochschule • Keine Nachteile für die Republik Österreich bei der Einbürgerung eines/­r Volksdeutschen Innenminister Oskar Helmer veröffentlichte am 19. Februar 1946 Richtlinien für die Repatriierungen und erließ Ausnahmeregelungen für Volksdeutsche, die hauptsächlich arbeitsmarktpolitisch motiviert waren. Bei der Festlegung der Ausnahmebestimmungen spielten ethnisch­verwandtschaftliche Motive eine nicht unwesentliche Rolle. Ausgenommen von den Repatriierungen waren dem­ nach nur Volksdeutsche, die „aus altösterr.[eichischen] Familien stammen, bis zum November 1918 die österreichische Staatsbürgerschaft besessen und sie beim Untergang der österr.[eichisch]­ung.[arischen] Monarchie verloren haben, wenn sicher gestellt ist, dass sie dem österr.[eichischen] Staate weder im Bezug auf öffentliche Fürsorge noch auf Unterbringung zu Last fallen werden und wenn ihre nächsten Verwandten, d.s. Eltern, Kinder, Enkelkinder und Geschwi­ ster die österr.[eichische] Staatsbürgerschaft besitzen.”7 Nachdem die Lager in Deutschland Ende 1946 an ihre Fassungskapazitäten ge­ stoßen waren, sah sich die österreichische Bundesregierung gezwungen, das volksdeutsche Problem einer rigorosen Lösung zuzuführen. Anfang 1948 war auch die Tschechoslowakei in eine kommunistische Diktatur umgewandelt wor­ den, wodurch der österreichische Grenzverlauf vom Nord­ bis Südosten direkt an den Eisernen Vorhang stieß. Wer bis dahin noch an die Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat gedacht hatte, musste spätestens 1948 seine Hoffnungen begraben. 1947 war durch die Schließung der Lager in Jugoslawien zudem eine zweite Welle von Donauschwaben über Ungarn nach Österreich gekommen. Für den Zeitpunkt 1. Oktober 1948 lag nach Angaben von Paul Frings8 folgende Aufteilung der Volksdeutschen nach Bundesländern vor:


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Oberösterreich Wien Steiermark Niederösterreich Salzburg Kärnten Tirol Burgenland Vorarlberg Gesamt:

130.888 77.428 52.692 24.530 18.349 13.171 5.158 4.482 2.100 328.798

Der österreichischen Politik fehlten aber zunächst die finanziellen Voraussetzun­ gen, die ein umfangreiches Eingliederungsprogramm in der Wohnraumbeschaf­ fung, am Arbeitsmarkt oder im Sozial­, Renten­, Gesundheits­ und Bildungswesen möglich machten. Verhandlungen mit der Weltbank scheiterten ebenso wie der Vorschlag, Mittel aus dem Marshall­Plan dafür zur Verfügung zu stellen. Alleine konnte Österreich aber die Lasten für die Volksdeutschen nicht übernehmen, deren Los in Österreich durch private oder großzügige internatio­ nale Hilfseinrichtungen etwas gemildert werden konnte. Ende der 1940er Jahre kam es zur Gründung von Landsmannschaften und davor schon über das öster­ reichische Innenministerium zur Einrichtung von volksdeutschen Zentralbera­ tungsstellen, über deren Netzwerke die soziale Isolation durchbrochen und wertvolle Hilfsstellungen angeboten werden konnten. Die Situation verbesserte sich aber erst, nachdem dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Na­ tionen (UNHCR) Mittel aus dem Marshall­Plan (European Recovery Program, ERP) für die Volksdeutschen in Österreich zugebilligt wurden. Jetzt standen der österreichischen Bundesregierung Finanzmittel für großzügige Integrationsmaß­ nahmen zur Verfügung. Die vorliegende Abhandlung zu den volksdeutschen Heimatvertriebenen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung ih­ rer Integration und wirtschaftlichen Aufbauleistung ist regionalspezifisch geglie­ dert und stellt die volksdeutschen Gruppierungen im Einzelnen vor. Es finden dabei Detailaspekte wie der Aufbau des kirchlichen Seelsorgerwesens für die Heimatvertriebenen ebenso Erwähnung wie die Darstellung der Lebenssituation in den Auffanglagern in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Entfaltung des wirtschaftlichen Industriepotentials der Volksdeutschen oder eine genaue chro­ nologische Auflistung der Eingliederungsschritte in das österreichische Rechts­


17 und Sozialsystem. Im Anhang findet sich eine wertvolle Auflistung von volks­ deutschen Persönlichkeiten, die in Politik, Wirtschaft, Kunst oder Wissenschaft entscheidend am Aufbauwerk der Zweiten Republik Österreich mitwirkten. Die Geschichte der volksdeutschen Heimatvertriebenen ist ein Teil der österreichi­ schen Zeitgeschichte. Es ist hoch an der Zeit, dass der Anteil der Heimatvertrie­ benen hierzulande endlich als solcher in Lehre und Forschung anerkannt wird. 1

Karl Renner, Drei Monate Aufbauarbeit der provisorischen Staatsregierung der Republik Österreich. Wien 1945, S. 11. 2

Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918­1938. Bd. 2. Selbstbestimmungsrecht der Republik. Klaus Koch ­ Walter Rauscher ­ Arnold Suppan (Hg.), S. 446. (Konstituierende Nationalversammlung für Deut­schösterreich vom 6. September 1919. Sten. Prot., Konst. NV 19919­20.) 3

Bonn appelliert an Wien. in: Neue Wiener Tageszeitung, Ausgabe vom 10. Februar 1950.

4

Zit. nach Oliver Rathkolb, Verdrängung und Instrumentalisierung. Die Vertreibung der Sudetendeutschen und ihre verspätete Rezeption in Österreich. in: Barbara Coudenhove­ Kalergi ­ Oliver Rathkolb (Hg.), Die Beneš­Dekrete. Wien 2002, S. 140. 5

Helmut Matejka, Die Eingliederung der Sudeten­ und Karpatendeutschen in Österreich nach 1945. S. 248­259. 6

vgl. Gesetz vom 10. Juli 1945 über die Überleitung in die österreichische Staatsbürgerschaft (Staatsbürgerschafts­Überleitungsgesetz). Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich, Jg. 1945, 14. Juli 1945, Stück 16, Nr. 40. 7 8

Ebenda

Paul Frings, Das internationale Flüchtlingsproblem, in: Frankfurter Hefte, Frankfurt 1951, S. 28.


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Die Volksdeutschen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg VON FELIX ERMACORA INSTITUT Vorbemerkung Eine „volksdeutsche Frage“ bzw. ein „volksdeutsches Problem“ existierte in Österreich zumindest faktisch – nicht jedoch im damaligen Sprachgebrauch – seit 1944, als bedingt durch den Rückzug der deutschen Truppen aus dem Osten zehntausende Evakuierte und Flüchtlinge im Land, das noch ein Teil des Deut­ schen Reiches war, aufgenommen werden mussten. Nach Kriegsende bildete das weitere Schicksal der Volksdeutschen zunächst nur einen Teilaspekt des gewalti­ gen Flüchtlingsproblems, mit dem sich die Alliierten und die österreichischen Behörden konfrontiert sahen. Mit fortschreitender Repatriierung und Umsied­ lung der Displaced Persons (DP), Reichsdeutschen und fremdsprachigen Flücht­ linge in den ersten Nachkriegsjahren wurde jedoch das allgemeine Flüchtlingsproblem mehr und mehr zu einem spezifisch volksdeutschen. Die Frage, was mit ihnen geschehen solle, wurde seit 1948 immer öfter gestellt. Nachdem mit ihrer Umsiedlung nach Deutschland nicht mehr zu rechnen war, sich die Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Herkunftsländer weitgehend zer­ schlagen hatten und für sie auch kaum Auswanderungsmöglichkeiten bestan­ den, trat ihr Verbleib und ihre Integration in Österreich immer stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Zunehmend wurde auch von ihren Vertretern und Sprechern eine Ansiedlung in Österreich favorisiert. Auch die of­ fensichtliche Haltungsänderung der einheimischen Bevölkerung und der öster­ reichischen Regierung gegenüber den Volksdeutschen schienen eine entsprechende Lösung zu begünstigen. Galten sie bislang weitgehend als uner­ wünscht, so waren seit Mitte des Jahres 1948 Anzeichen für einen Umschwung feststellbar. Dazu zählten etwa die Reaktivierung der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen, auch wenn diese Einrichtung keinen amtlichen Charakter hatte, und die Teilnahme von volksdeutschen Trachtengruppen bei öffentlichen Um­ zügen wie etwa in Salzburg und Wels1. Die Änderung der Stimmungslage wird im „Neuland“ Mitte September 1948 übertrieben optimistisch so beschrieben: Der Ruf, uns Heimatlose aus Österreich wegzuschaffen, ist so gut wie verstummt. Ein anderer Ruf wird heute laut: der Ruf, uns hier zu behalten. Das ist also der Möglichkei-


19 ten erste: wer hier in Österreich bleiben will, wird diese Absicht verwirklichen

können.2

Welche Schwierigkeiten und Probleme einer Verwirklichung dieser Absicht aber entgegenstanden, sollten die nächsten zweieinhalb Jahre zeigen. Während dieses Zeitraums wurde die volksdeutsche Frage, also all die Probleme im Zusammen­ hang mit ihrer Integration und Gleichstellung, zu einem wichtigen innenpoliti­ schen Thema mit außenpolitischer Relevanz. Neben der Richtung, wie diese Frage in Zukunft zu behandeln sei, wurde auch das Verhältnis zwischen den Volksdeutschen auf der einen und der Regierung bzw. den Parteien auf der an­ deren Seite festgelegt. Auch hatte die in diesem Zeitraum erfolgte Weichenstel­ lung wesentliche Auswirkungen auf die Migrationsbewegungen während der fünfziger Jahre.

Auf den Weg in eine ungewisse Zukunft

Die Rechtsstellung der Volksdeutschen in Österreich Bei der Diskussion über eine mögliche Eingliederung und Ansiedlung der Volks­ deutschen in Österreich kam der Frage, wer letzten Endes für sie zuständig sei, zentrale Bedeutung zu. In Artikel 5, Punkt V des zweiten Kontrollabkommens vom 28. Juni 1946 hatten sich die Alliierten die Betreuung und den Abtransport der Kriegsgefangenen und Versetzten Personen (DPs) sowie die Ausübung der


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rechtlichen Gewalt über dieselben vorbehalten.3 Weiters war die Entscheidung des Alliierten Kontrollrates für Deutschland vom 20. November 1945, welche die Umsiedlung der Volksdeutschen aus Österreich nach Deutschland vorsah, auch nach der Einstellung der Sammeltransporte im September 1946 noch weiterhin gültig.4 Auf diese zwei Bestimmungen verwiesen die Sowjets, wenn es darum ging, sich in der DP­Frage wieder ins Spiel zu bringen und der Forderung nach Zwangsre­ patriierung der eigenen Staatsbürger und der Flüchtlinge aus den Satellitenstaa­ ten Nachdruck zu verleihen. Vor allem wegen dieser Haltung konnte bei den Staatsvertragsverhandlungen keine Regelung der DP­Frage – für die Sowjets wa­ ren die Volksdeutschen ein Teil davon – gefunden werden. Der entsprechende Paragraph wurde schließlich ersatzlos gestrichen. So vertrat Ende 1948 der sowjetische Vertreter im DP­Direktorium etwa die An­ sicht, dass die österreichische Regierung durch die Einbürgerung von DPs Arti­ kel fünf des Kontrollabkommens verletze. Weitere Einbürgerungsverfahren sollten der Regierung so lange verboten bleiben, bis eine endgültige Lösung des DP­Problems in Österreich erfolgt sei.5 Auch forderten die Sowjets noch im Juli 1949 die Umsiedlung aller Reichs­ und Volksdeutschen entsprechend dem Pots­ damer Abkommen und der Entscheidung des Alliierten Kontrollrates für Deutschland.6 Inzwischen hatte man von volksdeutscher Seite schon gehofft, dass sie das Interesse an dieser Frage verloren hätten. Die Haltung der Sowjets ermöglichte der österreichischen Regierung lange Zeit die volksdeutsche Frage in einem Schwebezustand zu halten und jede Festle­ gung zu vermeiden, was von den Betroffenen zunehmend als unerträglich emp­ funden wurde und Frustration und Hoffnungslosigkeit ansteigen ließen. Von den österreichischen Stellen wurde diese Passivität damit gerechtfertigt, dass man dem Staatsvertrag nicht vorgreifen könne und Artikel fünf des Kontrollab­ kommens jede eigenmächtige Maßnahme im Hinblick auf die Volksdeutschen untersage. Es dauerte schließlich fast fünf Jahre, bis mit der Abschaffung der er­ höhten Studiengebühren für volksdeutsche Studenten ab dem Sommersemester 1950 der erste kleine Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung gemacht wurde. Von Seiten der Volksdeutschen hätte man sich gewünscht, dass die österreichi­ sche Regierung die Initiative ergreifen und sich an die Alliierten wenden würde, um endlich eine Klärung ihrer Rechtsstellung herbeizuführen. In den bislang be­ arbeiteten Quellen fand sich aber kein Hinweis auf eine solche Initiative. Um ei­ ne Klarstellung bemüht, wandte sich noch Ende Oktober 1950 das Präsidium des Zentralkomitees der Volksdeutschen mit folgendem Schreiben an den Alliierten


21 Rat in Wien: Österreich weist darauf hin, dass es bei diesen ungeklärten rechtlichen und tatsächlichen Voraussetzungen hinsichtlich der Volksdeutschen von sich aus keine Maßnahmen zu treffen in der Lage sei, solange als seitens der alliierten Besatzungsmächte keine Klarstellung erfolge. Die Leidtragenden dieser ungeklärten Situation sind seit nunmehr 6 Jahren wir, die 300.000 Volksdeutschen in Österreich. Im Namen derselben bitten wir daher die hohen Vertreter der alliierten Besatzungsmächte hiermit höflichst, die rechtliche Lage einer Überprüfung zu unterziehen und eine Klarstellung wenigstens in der Hinsicht herbeizuführen, dass sie keinerlei Einwendungen gegen die einstweilige rechtliche und faktische Gleichstellung der Volksdeutschen mit den Österreichern in Rechten und Pflichten erhebt und sich in Bezug auf die endgültige Aufnahme der Volksdeutschen in Österreich gegenüber der österreichischen Bundesregierung keine Vorbehalte reserviert, sodass für die österreichische Bundesregierung die formelle Voraussetzung geschaffen wird, für die Volksdeutschen in Österreich eine ähnliche Rechtslage schaffen zu können, wie dieselbe in Westdeutschland verwirklicht wurde.7 Auch die gelegentlich auftauchende Behauptung, die Amerikaner hätten bereits 1947 die volksdeutschen Agenden den Österreichern übergeben, findet keine Be­ stätigung. Aus den Quellen geht allerdings eindeutig hervor, dass in der ameri­ kanischen Besatzungszone Volksdeutsche, die eine Daueraufenthaltsbewilligung erhalten hatten, ihren DP­Status verloren und ab 1947 als Ausländer den öster­ reichischen Behörden unterstellt wurden. Für die Amerikaner galten diese Perso­ nen bereits als „resettled in Austria“.8 Von den rechtlichen Bestimmungen einmal abgesehen, wurde von den Volks­ deutschen die Auffassung vertreten, dass aufgrund der gemeinsamen Geschich­ te, Sprache und Kultur Österreich moralisch verpflichtet sei, sie als gleichberechtigte Bürger aufzunehmen.9 Auch die Erste Republik habe sich für die deutschsprachige Bevölkerung der abgetrennten Gebiete verantwortlich ge­ fühlt und ihnen die Möglichkeit geboten, für Österreich zu optieren. Hinzu kam die Meinung, dass man wegen der Verdienste um den Wiederaufbau sich das Recht auf eine neue Heimat in Österreich erworben hätte.10


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Veränderte Rahmenbedingungen für eine Integration in Österreich – Die Entwicklung in den Jahren 1948 und 1949 1) Gesteigertes Selbstbewusstsein der Volksdeutschen Es deutet einiges darauf hin, dass sich in den ersten Nachkriegsjahren die Hal­ tung der Volksdeutschen als bislang weitgehend passive Objekte einer gegen sie gerichteten Politik und historischen Entwicklung allmählich zu verändern be­ gann. Mehr und mehr schwand unter ihnen die Bereitschaft, ihren Aufenthalt in Österreich als ein dauerndes Provisorium zu akzeptieren und ihre offensichtli­ che Diskriminierung weiterhin schweigend hinzunehmen. In der Folge kam es zu den ersten Eingaben an politische Entscheidungsträger, in denen um konkrete Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ersucht wurde. So wandte sich im Februar 1948 das Christliche Hilfswerk für heimatlose Flüchtlin­ ge, das die Volksdeutschen in Stadt und Land Salzburg beriet und betreute, um Unterstützung an Landeshauptmann Josef Rehrl. Dem Landeshauptmann wur­ den u. a. folgende Wünsche unterbreitet: Beihilfen für Arbeitsunfähige, Alte und Kranke, Gleichstellung der volksdeutschen Kriegsversehrten, gleiche Ausbil­ dungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in Schule und Beruf, freie Wahl des Arbeitsplatzes und Schaffung einer volksdeutschen Vertretung.11 Diese Punkte deckten sich zum Teil auch mit einer Eingabe, welche die Vertreter der Siebenbürger Sachsen in Oberösterreich, Eduard Keintzel und Carl Molitoris, im Mai 1948 an Landeshauptmann Heinrich Gleißner richteten.12 Da aber hinter die­ sen Aktionen lediglich einzelne Organisationen oder Gruppen standen und sich deren Wünsche auf ein geographisch eng begrenztes Gebiet bezogen, fehlte ih­ nen der gesamtösterreichische Hintergrund und der allgemeine, für alle Volks­ deutsche gültige Charakter. Der Hauptgrund für die zunehmende Bereitschaft der Volksdeutschen, selbst ak­ tiv zu werden, ist wohl in ihrem gesteigerten Selbstbewusstsein zu suchen. Die­ ses Selbstbewusstsein basierte wesentlich auf der Erkenntnis, dass man einen essentiellen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes geleistet hatte und noch im­ mer leistete. Rein quantitativ war dieser Umstand für jeden Außenstehenden spätestens seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der Beschäftigtenzählung vom März 1948 nachvollziehbar.13 Das gesteigerte Selbstbewusstsein drückte sich auch in den volksdeutschen Aus­ stellungen aus, die ab 1948 in einer Reihe von österreichischen Landes­ und Be­ zirkshauptstädten durchgeführt wurden und wiederum positive Rückwirkungen auf das Selbstbewusstsein hatten. Die Ausstellungen wurden


23 nicht nur genutzt, um den Beitrag der Volksdeutschen zum Wiederaufbau zu dokumentieren und ihre bereits hier erzeugten gewerblichen und industriellen Produkte auszustellen, sondern sie dienten den verschiedenen volksdeutschen Gruppen auch zur Selbstdarstellung und Manifestation ihrer kulturellen, geisti­ gen und geschichtlichen Verbundenheit mit Österreich. Die primären Erwartun­ gen und Hoffnungen, die man mit diesen Ausstellungen verband, werden in einem Zeitungsartikel über die Salzburger Ausstellung ausgedrückt. Dort heißt es: Möge der einfach aber planvoll gestaltete Rahmen dieser Ausstellung zum Verständnis und den Wert der heimatlosen Volksdeutschen in Österreich beitragen und mithelfen, die breite Öffentlichkeit in Österreich und in der ganzen Welt zu unterrichten, dass hier ein vom Schicksal schwer geschlagenes, aber arbeitsames, tüchtiges und fähiges Volk um seine Anerkennung und um die Grundlage seiner Zukunft wirbt und ringt.14

2 ) Entstehung, Funktion und Wirkung der volksdeutschen Presse Der erste Versuch zur Gründung eines volksdeutschen Wochenblattes in Öster­ reich erfolgte bereits 1946. Am 27. Juni 1946 genehmigte die Amerikanische Mili­ tärregierung dem Komitee der heimatlosen Volksdeutschen aus den Ländern der ehemaligen österreichisch­ungarischen Monarchie die Herausgabe einer Wo­ chenzeitung in Linz. Von der „Rundschau“, die in einer Auflage von 10 000 Ex­ emplaren erschien und reißenden Absatz fand, wurden allerdings nur dreizehn Nummern gedruckt.15 Bereits im Oktober 1946 musste sie ihr Erscheinen wieder einstellen. Die Redakteurin der Zeitung, Hilde Isolde Reiter, gibt dafür folgen­ den Grund an: „Angst vor den lieben Nachbarn, obwohl wir uns einer sehr zah­ men Schreibweise befleißigten“.16 Die Regeln, welche die demokratische Presse in Österreich zu beachten hatte, waren vom Alliierten Rat am 1. Oktober 1945 festgelegt worden (Beilage 1).17 Ih­ re Einhaltung bedeutete einen weitgehenden Verzicht auf jegliche Kritik den Al­ liierten gegenüber. Sie verboten auch eine Verteidigung (Defence) der Volks­, Reichs­ und Sudetendeutschen.18 Jedes Eintreten für diese Personengruppen konnte leicht als Propagierung von völkischen bzw. pangermanischen Ideen oder eines deutschen Imperialismus ausgelegt werden. Verstöße gegen die Pres­ sebestimmungen zogen Strafen nach sich, die bis zu einem temporären oder völ­ ligen Erscheinungsverbot der Publikation reichen konnten. Letzteres Schicksal hatte offensichtlich die erste volksdeutsche Wochenzeitung in Österreich ereilt. Wie empfindlich – man könnte auch sagen schuldbewusst – die Amerikaner auf Kritik im Zusammenhang mit der Behandlung der Volksdeutschen reagierten,


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zeigt folgender Umstand: Am 6. Juni 1946 erschien im „Echo der Heimat“ unter der Überschrift „Ist das notwendig?“ folgende Notiz: Kürzlich kam in der bayrischen Hauptstadt ein Flüchtlingszug von Linz an, der 780 oberschlesische Kinder in acht Eisenbahnwaggons nach München brachte. Von den Kleinen waren 57 unter drei Jahre alt. Die Kinder waren äußerst schlecht gekleidet und lagen auf Zeitungspapier auf dem Fußboden von Kühlwaggons.19 Dazu vermerkte der die Zeitung prüfende amerikanische Offizier, in diesem konkreten Fall handelte es sich dabei um eine Frau, folgendes: „Again sympa­ thies for the Volksdeutsche. Is this necessary ?“20 Nach dem Publikationsverbot für die „Rundschau“ dauerte es über ein Jahr bis mit der im November 1947 in Wien gegründeten „Wegwarte“ neuerlich ein volksdeutsches Wochenblatt erschien. Dass sich damit eine Stimme zu Wort mel­ dete, die bei der zukünftigen Diskussion der Flüchtlingsfrage gehört werden wollte, mussten die österreichischen Stellen bald zur Kenntnis nehmen. Im Be­ richt des oberösterreichischen Amtes für Umsiedlung über die Tätigkeit der DP­ Dienststellen für den Monat April 1948 findet sich folgende Einschätzung: Die in Wien erscheinende „Wegwarte“, die scharf gegen die Regierung Stellung nimmt, wird von den Landfremden gerne gelesen und setzen sich besonders die Volksdeutschen, offenbar in Unkenntnis der Tendenz des Blattes, für ihre Verbreitung ein. Nachdem die „Wegwarte“ Tendenzen verfolgt, die nicht im Einklang mit den Absichten der Regierung, bzw. der Lösung des DP-Problems stehen dürfte, wird es sich empfehlen, diesem Blatte besonderes Augenmerk zuzuwenden.21 Auch die Amerikaner sahen sich in der Folgezeit mehrfach veranlasst, die „Weg­ warte“ wegen diverser Artikel zu verwarnen.22 Im Jahr 1948 kam es zur Gründung von zwei weiteren volksdeutschen Wochen­ blättern. Ab Mai 1948 erschien in Salzburg das „Neuland“, zunächst nur zwei­ mal im Monat, und ab Juni in Linz die „Neue Heimat“. Es gab zwar noch andere Publikationen, die sich für die Anliegen der Volksdeutschen gegenüber dem Staat, der Regierung und der Öffentlichkeit einsetzten und für ihre Gleichberech­ tigung eintraten, doch ging in den nächsten Jahren die größte Wirkung wohl von diesen drei Blättern aus, die auch ständig vom Innenministerium beobachtet wurden.23 Sie trugen nicht nur wesentlich zur Bewusstseinsbildung der Volks­ deutschen bei, sondern schufen auch die Voraussetzungen für die Diskussion ih­ rer Probleme auf breiter Basis. Dies ermöglichte in der Folge die Formulierung konkreter Forderungen, die von einem Großteil der Betroffenen mitgetragen wurden. Weiters wurde durch sie eine Verbindung zwischen den verschiedenen


25 volksdeutschen Gruppen geschaffen, die sich mehr und mehr als Schicksalsge­ meinschaft verstanden und ihre Kräfte konzentrierten. Was die Zukunft der Volksdeutschen betraf, so traten diese Blätter immer eindeutiger für eine Ansied­ lung in Österreich ein. Über sie wurden Informationen über die letzten Entwick­ lungen in dieser Frage rasch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Barackenlager in Oberösterreich

Die Gesamtauflage der selbständigen Flüchtlingsblätter wird Anfang des Jahres 1949 auf 80 000 Stück geschätzt.24 Ihre Leserschaft war allerdings weitgehend auf die Kreise der Vertriebenen und Flüchtlinge beschränkt. Die einheimische Bevöl­


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kerung konnte sich über die volksdeutsche Frage in der österreichischen Presse informieren. Seit 1948 erschienen dort in einigen Tageszeitungen Wochenendbei­ lagen (Linzer Volksblatt) oder eigene Spalten (Salzburger Nachrichten, Kleine Zeitung), die für die Volksdeutschen bestimmt waren. Sie sollten dazu beitragen, Gegensätze zu überbrücken und die Heimatfindung in Österreich zu unterstüt­ zen. Eine besondere Rolle in der Diskussion über das Flüchtlingsproblem nahmen die seit 1946 in Salzburg herausgegebenen „Berichte und Informationen“ des Öster­ reichischen Forschungsinstituts für Wirtschaft und Politik ein. In lockerer Folge erschienen hier auf hohem Niveau zahlreiche Artikel, welche die Volksdeut­ schen mittel­ und unmittelbar betrafen und Lösungsansätze für ihre Probleme boten. Auch in den Flüchtlingsblättern bezog man sich gelegentlich auf diese Ar­ tikel, zum Teil übernahm man sie auch vollständig oder abschnittsweise. Über­ haupt hat es den Anschein, dass die „Berichte und Informationen“ zur Pflicht­ lektüre der Redaktionsstäbe gehörten. Zweifellos gingen von dieser Wochenschrift wichtige Impulse für die Lösung der volksdeutschen Frage aus. Die bisherige Wirkung der gesamten volksdeutschen Presse auf die öffentliche Meinung wird von Otto Folberth im Februar 1949 so analysiert: Die Auswirkungen der volksdeutschen Presse auf die öffentliche Meinung in den österreichischen Bundesländern ist, trotz ihrer verhältnismäßig noch geringen Verbreitung, deutlich zu spüren. Das mag seinen Grund auch z. T. darin haben, dass, durch ihr Erscheinen angeregt, nun auch die gesamtösterreichische Presse zum Problem der Volksdeutschen viel häufiger und vor allem viel positiver Stellung nimmt, als dies früher geschah. Der Umschwung der öffentlichen Meinung, der im Laufe des Jahres 1948 zu beobachten war, erfolgte jedenfalls um ganze 180 Grad zu Gunsten der Volksdeutschen. Leider ist damit eine Besserung ihrer unerhört schwierigen Lebensverhältnisse in Österreich praktisch noch kaum eingetreten.25

3) Steigendes Interesse Westdeutschlands an der volksdeutschen Frage in Österreich Ihre ungeklärte Lage in Österreich und ihre Benachteiligung in den verschiede­ nen Lebensbereichen bewogen viele Volksdeutsche in den ersten Nachkriegsjah­ ren, illegal über die Grenze nach Deutschland zu gehen, wo sie arbeits­ und sozialrechtlich den deutschen Staatsbürgern gleichgestellt waren. Da die Um­ siedlungstransporte bereits im September 1946 eingestellt worden waren und danach eine legale Übersiedlung nur sehr beschränkt möglich war, wählten auch viele diesen Weg, um zu ihren Angehörigen zu gelangen. Wegen der Lebensbe­ dingungen in Deutschland, die im Allgemeinen in den ersten Nachkriegsjahren


27 noch schlechter waren als in Österreich, hielt sich der illegale Zuzug allerdings in einem bewältigbaren Rahmen. Aus nicht ganz geklärten Umständen wurde 1948/49 die französische Besatzungszone verstärkt zum Ziel der illegalen Grenz­ gänger aus Österreich, bei denen es sich zum Großteil um Donauschwaben aus Jugoslawien handelte. Die anfänglich gute Aufnahme, verwandtschaftliche Be­ ziehungen und die relativ geringe Belastung dieser Besatzungszone mit Flücht­ lingen dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Ein Interview zur Flüchtlingsfrage, das Innenminister Helmer einem amerikanischen Korrespon­ denten am 31. März 1949 gab, sorgte dafür, dass diese Bewegung zur Massen­ flucht anschwoll. In diesem Interview äußerte sich Helmer in Bezug auf die Volksdeutschen folgend: Einen weiteren Unruheherd bildet die zweite Gruppe, die der Volksdeutschen (Die erste Gruppe waren die DPs, die von der IRO betreut wurden. – HV). Als ihr künftiges Heimatland ist Deutschland ausersehen, während sie nach Österreich nur umgesiedelt wurden und hier Ausländer sind. Ein großer Teil von ihnen ist tatsächlich arbeitsam und anstellig. Aber je mehr sich die österreichischen Verhältnisse konsolidieren und je mehr Kriegsgefangene zurückgekehrt sind, desto mehr zeigt sich, dass der österreichische Arbeitsmarkt für diese Massen nicht aufnahmefähig ist. Der österreichische Arbeitnehmer wird durch die Anwesenheit dieser DP bedroht und das Inlandsarbeiterschutzgesetz, das mit Sicherheit zu erwarten ist, wird darauf Rücksicht nehmen. Österreich kann nur einen Bruchteil in den österreichischen Staatsverband aufnehmen. Für den weitaus größeren Rest verlangen wir den baldigsten Abtransport, und zwar in Familiengruppen, da Österreich beim besten Willen kein Altersasyl werden kann.26 Für die Volksdeutschen kamen diese Äußerungen völlig unerwartet und lösten große Unruhe, Verbitterung und Panik aus. Sie hatten geglaubt, dass die darin vertretenen Standpunkte mittlerweile der Vergangenheit angehörten und sie sich ein Recht auf einen Verbleib in Österreich erworben hätten. Nun war man gezwungen, den Schluss zu ziehen, dass Helmer nur offen aussprach, was die österreichische Politik schon immer angestrebt hatte. Nachdem die Volksdeut­ schen nun ihre Pflicht getan und weitgehend ihre Aufbauarbeit für Österreich geleistet hatten, sollten sie nun das Land verlassen.27 Nach Aussage der Leitung der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen in Salzburg wollten nach diesen Äußerungen 80 Prozent von ihnen nicht mehr in Österreich bleiben. Es hieß, sie hätten aus den Worten des Ministers die Konse­ quenzen gezogen und drängten durchwegs nach Deutschland.28 Versuche, auf die Volksdeutschen beruhigend einzuwirken, waren nicht sehr wirkungsvoll. Ihr Vertrauen auf eine Existenzgründung oder Unterstützung ihrer Interessen in Österreich war zunächst völlig erschüttert. Dies äußerte sich in einem stark ge­


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stiegenen Interesse an der laufenden Auswanderungsaktion nach Frankreich bzw. an einer Repatriierung, als auch in einem Anstieg der illegalen Grenzüber­ tritte nach Deutschland.29 Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der verzweifelte Versuch von ca. 500 Donauschwaben aus Oberösterreich, am 29. April 1949 bei Großgmain illegal nach Bayern zu gelangen, während sich noch weitere 2.500 Volksdeutsche mit der gleichen Absicht auf dem Weg zur Grenze befanden. Soweit sie nicht rechtzeitig umkehrten, wurde der größte Teil von ih­ nen von den Grenzorganen, die vorgewarnt waren, aufgegriffen und in einem Transport zurück nach Linz gebracht.30 Wegen des erhöhten Zustroms von Volksdeutschen aus Österreich gerieten die deutschen Stellen in immer größere Schwierigkeiten und lenkten zunehmend die Aufmerksamkeit von Presse und Politik auf dieses Problem. Ende April 1949 konnten in der französischen Zone Württembergs keine Donauschwaben mehr aufgenommen werden und das Auffanglager Biberach wurde wegen Überfül­ lung geschlossen.31 In den übrigen Lagern, die eigentlich für die Aufnahme von anderen Flüchtlingsgruppen bestimmt gewesen wären, herrschte eine ähnliche Situation. In Deutschland war man sich bewusst, dass allein durch verschärfte Grenzkon­ trollen das Problem nicht zu lösen war und die Ursachen dieser Wanderung mit den Lebensbedingungen der Volksdeutschen in Österreich, gegen das sich der deutsche Groll in erster Linie richtete, im Zusammenhang standen. Bei weiterer Passivität in dieser Frage drohte Österreich ein ernstes Image­Problem, auch wenn die erhobenen Vorwürfe zum Teil überzogen waren und nicht unbedingt der Wahrheit entsprachen. So richtete etwa ein deutscher Abgeordneter an den Bundestag eine Anfrage wegen angeblicher Verbrechen Österreichs gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit der Behandlung der volksdeutschen Flüchtlinge. Diese Anschuldigung wurde auch in deutschen Tageszeitungen er­ hoben, in denen u. a. der österreichischen Regierung vorgeworfen wurde, „volksdeutschen Flüchtlingskindern ärztliche Hilfe im Notfalle zu versagen, die studierende Flüchtlingsjugend in höhere Schulen nicht zuzulassen und ihr Lehr­ stellen in gewerblichen Betrieben usw. vorzuenthalten.“32 Wie empfindlich man von österreichischer Seite mittlerweile auf Kritik an der Behandlung der Volksdeutschen reagierte, zeigte die Affäre um die Vertreter der Umsiedler in den Zentralberatungsstellen der Volksdeutschen in Linz und Salz­ burg. Im November 1949 erschien im „Mitteilungsblatt der Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Bukowina in Deutschland“ ein „Brief aus Öster­ reich“, der von den Vertretern der Umsiedler in Oberösterreich und Salzburg, Fritz Schneikart, Ewald Burian und Peter Blass, gezeichnet worden war (Beilage


29 2).33

Darin wurde – wohl nicht ganz richtig und etwas einseitig – die Situation der Volksdeutschen, speziell der Umsiedler, in Österreich geschildert. Da die Verfasser sich wegen dieses Artikels gegenüber den österreichischen Stellen nicht ausreichend rechtfertigten, wurden sie durch den Staatskommissär für die reichs­ und volksdeutschen Repatiierungskomitees im Innenministerium all ih­ rer Funktionen bei der Zentralberatungsstelle enthoben.34 Diese Maßnahme wur­ de damit begründet, dass der „Brief aus Österreich“ als tendenziöses Propagandamittel betrachtet werden müsse, der Behauptungen enthält, die das Ansehen Österreichs im Ausland auf das schwerste herabsetzen.35 Da sich auch 1950 die Situation der Volksdeutschen kaum besserte, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Spannungen in dieser Frage zwischen Österreich und Deutschland weiter andauerten. So teilte im November 1950 das Innenmini­ sterium den Landesregierungen in einem Erlaß mit, dass in letzter Zeit wieder­ holt Äußerungen bzw. Veröffentlichungen von deutschen politischen Persönlichkeiten (Ministern, Abgeordneten usw. der westdeutschen Bundesre­ publik und ihrer Länder) unliebsam aufgefallen seien, in denen die Behandlung der Volksdeutschen in Österreich ungebührlich kritisiert wurde. Um derartigen Äußerungen des oben angeführten Personenkreises wirksam entgegentreten zu können, sollte ihr authentischer Wortlaut festgehalten und in einem Bericht dem Innenministerium zugeleitet werden.36

4) Die Diskussion um ein Inlandarbeiterschutzgesetz Die ersten Nachkriegsjahre waren auch in Österreich durch eine Fülle von dirigi­ stischen Maßnahmen gekennzeichnet, die in erster Linie die Befriedigung der notwendigsten Lebensbedürfnisse der Bevölkerung sicherstellen sollten. Um die­ ses Ziel zu erreichen, sah sich die Regierung auch gezwungen, die freie Wahl des Arbeitsplatzes einzuschränken und eine Arbeitspflicht für große Teile der Bevöl­ kerung einzuführen. Die entsprechenden Gesetze waren bis Ende 1947 in Gel­ tung.37 Nach deren Wegfall gab es keine Mechanismen mehr, die eine Zwangslenkung der einheimischen Arbeitskräfte erlaubt hätten. Somit konnten die Österreicher mit Beginn des Jahres 1948 ihren Arbeitsplatz frei wählen und ihn auch jederzeit ohne Zustimmung des Arbeitsamtes wechseln. Bei den aus­ ländischen Arbeitskräften bestand hingegen weiterhin die Möglichkeit dirigi­ stisch einzugreifen, denn am 9. Jänner 1948 wurde vom Bundesministerium für soziale Verwaltung eine Verordnung erlassen, welche die weitgehende Anwen­ dung der Ausländerbeschäftigungsverordnung (Verordnung für ausländische Dienstnehmer) vom 23. Jänner 1933 wieder verfügte.38 Ihre Durchführung wurde in einzelnen Punkten lediglich vereinfacht und den österreichischen Verhältnis­ sen angepasst.39


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Aufgrund der Verordnung des Bundesministeriums benötigten nun sämtliche Arbeitnehmer, die nicht im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft waren und eine Arbeitsaufnahme anstrebten, eine Beschäftigungsgenehmigung. Ent­ sprechende Anträge mussten vom Arbeitgeber beim zuständigen Arbeitsamt ge­ stellt werden. Von dieser Regelung wurden nur Personen ausgenommen, die bereits vor dem 1. Jänner 1948 auf ihrem Arbeitsplatz beschäftigt waren. Die Be­ schäftigungsgenehmigung galt maximal für zwölf Monate und wurde nur er­ teilt, wenn für den zu besetzenden Arbeitsplatz kein Inländer zur Verfügung stand. Sie galt lediglich für eine bestimmte Beschäftigungsart und Arbeitsstelle. Wenn die Voraussetzungen, unter denen sie erteilt worden war, nicht mehr be­ standen, der Beschäftigte die an ihn gestellten Anforderungen nicht erfüllen konnte oder sich die Arbeitslage geändert hatte bzw. ein Austausch gegen einen Inländer möglich war, konnte sie vor ihrem Ablauf durch das Arbeitsamt wider­ rufen werden.40 Auf die Ziele, die mit dieser Verordnung verfolgt wurden, muss wohl nicht nä­ her eingegangen werden. Angemerkt sei nur, dass durch ihre Anwendung die Möglichkeit bestand, die Beschäftigungsstruktur der Ausländer, so wie sich die­ se bislang herausgebildet hatte, auch weiterhin zu zementieren. Weiters konnten der andauernden Landflucht und dem Mangel an landwirtschaftlichen Arbeits­ kräften gegengesteuert werden. Die Volksdeutschen, die durch die Ausländerbe­ schäftigungsverordnung auf dem Arbeitsmarkt oft schwer diskriminiert wurden, forderten natürlich ihre Aufhebung und die arbeitsrechtliche Gleichstel­ lung mit den Österreichern. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die im Frühjahr 1949 auftauchenden Gerüchte über ein geplantes Inlandarbeiterschutz­ gesetz, von dem nur weitere arbeitsrechtliche Benachteiligungen und Entlassun­ gen zu befürchten waren, unter ihnen tiefe Verunsicherung, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung hervorriefen. Obwohl den Inhalt des Gesetzentwurfs, der vom Bundesministerium für soziale Verwaltung ausgear­ beitet worden war und die reichsrechtliche Ausländerbeschäftigungsverordnung hätte ersetzen sollen, zunächst kaum jemand im Detail kannte41, zählte neben der steigenden Arbeitslosigkeit und Helmers Interview, die Angst vor den Folgen ei­ nes solchen Gesetzes zu den Hauptursachen für die illegale Abwanderung der Volksdeutschen nach Deutschland. Verschärft wurde diese Situation noch durch eine rigorose Anwendung der Ausländerbeschäftigungsverordnung durch die Arbeitsämter, sodass bei den Betroffenen der Eindruck entstand, dass die Ent­ scheidungen bereits nach dem neuen Gesetz getroffen würden.42 Den damaligen Zustand, die möglichen Folgen und die tiefe Enttäuschung der Volksdeutschen fasste Leopold Rohrbacher im „Neuland“ folgend zusammen:


31 Es ist zuweilen nötig, Wahrheiten so auszusprechen, wie sie sich einem aufzwingen. Die Arbeitslosigkeit nimmt nicht ab, sie nimmt sogar zu, zumindest unter uns Heimatlosen. Schon ist von einem Inlandsarbeiterschutzgesetz die Rede. Neu davon ist nur das Gesetz. Es sanktioniert einen Zustand und Praktiken, die wir Heimatlosen schon zur Genüge kennen. Als Gesetz wird es uns noch aus dem letzten Rest der Erwerbsmöglichkeiten verdrängen, in denen immerhin noch einige von uns ihre Familie erhalten und ihre Kinder vor dem Schlimmsten bewahren konnten. Jetzt sollen uns auch diese Möglichkeiten genommen werden. Jahre hindurch haben wir geholfen, Österreich wieder aufzubauen und in unserem Gastlande die Schäden zu beseitigen, die ein brutaler Krieg zurückgelassen hat. Jetzt wo das Werk getan ist, jetzt sind wir überflüssig. Jetzt sollen wir sogar eine politische Gefahr sein. Plötzlich jetzt. Es ist nur schade, dass man das nicht schon eher entdeckt hat und merkwürdig, dass es ratsam schien mit dieser Überzeugung gerade bis jetzt hinterm Berg zu halten.43 Nach anfänglichem Schweigen stieß das beabsichtigte Inlandarbeiterschutzge­ setz auch in der unabhängigen Presse, in weiten Teilen der österreichischen Öf­ fentlichkeit, bei den Kirchen und einer Reihe von Organisationen auf scharfe Ablehnung. So richteten etwa 31 namhafte österreichische Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Politik und Wirtschaft eine Adresse an die Bundesregie­ rung, in der sie darauf hinwiesen, dass durch dieses Gesetz „vor allem die seit vier Jahren im Land befindlichen Volksdeutschen getroffen würden“, die maß­ geblich am Wiederaufbau des Landes beteiligt waren und somit ein besseres Schicksal verdient hätten. Gleichzeitig appellierten sie, die Volksdeutschen end­ lich den Österreichern gleichzustellen, und verbanden dies mit der Forderung, dass die Regierung selbst durch eine großzügigere Einbürgerungspraxis einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der Frage der Vertriebenen in Europa leisten solle.44 Dass auch Organisationen, die durchaus den Regierungsparteien nahe standen, in dieser Frage eine eigene Meinung vertraten, zeigte die Ablehnung des Geset­ zes durch die Kammer der gewerblichen Wirtschaft. Begründet wurde diese Ab­ lehnung damit, dass die Voraussetzungen für derartige gesetzliche Schutzmaßnahmen derzeit nicht gegeben seien und eine Beschränkung der Ar­ beits­ und Erwerbsfreiheit nur dann berechtigt sei, wenn die Lage auf dem Ar­ beitsmarkt eine Gefahr für die Beschäftigung der inländischen Arbeitskräfte befürchten lasse.45 Zwar stieg die Zahl der Arbeitslosen Anfang 1949 weiter an, von einer Situation, die dieses Gesetz gerechtfertigt hätte, war man jedoch glück­ licherweise weit entfernt. Das Inlandarbeiterschutzgesetz von 1925, das als Vor­ bild für den Gesetzentwurf galt, war hingegen in einer Zeit der


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außerordentlichen Arbeitslosigkeit erlassen worden.46 Die Bundeskammer gab weiters zu bedenken, dass – falls den Ausländern die Existenzmöglichkeit entzo­ gen würde – eine konstante Gefahr für die Sicherheit des Landes entstünde und der Wirtschaft schwerer Schaden zugefügt würde. „Die guten Fachkräfte wür­ den abwandern, während die minder geeigneten in Österreich verbleiben und der Öffentlichkeit zur Last fallen würden.“47 Als drittes Beispiel sei hier noch die Stellungnahme des österreichischen Landes­ verbandes der Liga für Menschenrechte angeführt, der die Ankündigung des In­ landarbeiterschutzgesetzes zum Anlass nahm, um sich mit der Flüchtlingsfrage in Österreich auseinanderzusetzen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ein entsprechendes Memorandum wurde den Alliierten und sämtlichen zuständi­ gen Regierungsstellen übermittelt.48 In einem neuerlichen Schreiben an den So­ zialminister stellte die Liga für Menschenrechte konkret zum Inlandarbeiterschutzgesetz fest, dass es mit Artikel 23 der Allgemeinen Erklä­ rung der Menschenrechte nicht im Einklang stehe. Denn gemäß diesem Artikel hat jeder Mensch u. a. das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemesse­ ne und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosig­ keit.49 Wegen des allgemeinen Widerstandes sah sich das Sozialministerium zunächst gezwungen, den Entwurf des Gesetzes noch einmal zu überarbeiten.50 Da die Wahlen zum Nationalrat bevorstanden, wurde seine Beschlussfassung dann auf die nächste Legislaturperiode verschoben, obwohl kaum noch zu erwarten war, dass das Gesetz jemals in Kraft tritt. Auch stieg seit Februar 1949 die Zahl der Beschäftigten wieder kontinuierlich an, während sich die der Arbeitslosen bis Ende des Jahres halbierte.51 Dennoch geisterte es noch längere Zeit in den Köp­ fen mancher Politiker und der Betroffenen herum. Da die Arbeitsämter dazu übergingen, die Bestimmungen der Ausländerbeschäftigungsverordnung rigo­ ros anzuwenden und dadurch einen ähnlichen Effekt erzielten, wie man ihn sich vom Inlandarbeiterschutzgesetz erwartet hätte, bekamen die betroffenen Volks­ deutschen durchaus den Eindruck, dass neue Bestimmungen angewendet wür­ den. Die ganze Diskussion über dieses Gesetz und die damit im Zusammenhang ste­ hende verschärfte Anwendung der Bestimmungen der Ausländerbeschäfti­ gungsverordnung schufen eine tiefe Kluft zwischen den Volksdeutschen und der SPÖ, obwohl gerade diese Partei prädestiniert gewesen wäre, diese durch Flucht und Vertreibung deklassierten Menschen zu vertreten. Aber wie bisher entschied sich die SPÖ in dieser Frage nicht für den von ihr propagierten Inter­ nationalismus und die Arbeitersolidarität, sondern für eine kleinliche Klientelpo­


33 litik. 1949 war zudem ein Wahljahr. In den Augen der Volksdeutschen waren die SPÖ und die ihr nahe stehenden Organisationen und Einrichtungen wesentlich für ihre gegenwärtige Misere mit­ verantwortlich, der sie auch nicht durch Auswanderung oder legale Übersied­ lung nach Deutschland entkommen konnten, da diese Möglichkeiten für sie praktisch nicht existierten. Ihnen war natürlich nicht entgangen, dass die von dieser Seite betriebene Politik nur zu oft im Gegensatz zu ihren Integrationsbe­ strebungen stand. Wurde nicht das Sozialministerium, das für das Inlandar­ beiterschutzgesetz verantwortlich zeichnete, von einem sozialistischen Minister geleitet? Hielt nicht gerade der Gewerkschaftsbund am längsten an diesem Ge­ setzantrag fest?52 Waren es nicht die Gewerkschaften und Betriebsräte, die es zuließen – ja oft sogar forderten ­, dass bei Abbaumaßnahmen zuerst die auslän­ dischen Arbeitskräfte entlassen werden, ohne dabei auf deren soziale Lage Rück­ sicht zu nehmen? Waren es nicht die Arbeitsämter, die den Volksdeutschen eine Beschäftigungsgenehmigung für bessere Arbeitsplätze verweigerten oder nicht mehr verlängerten, ihre Entlassung forderten und ihre Zwangslenkung in die Landwirtschaft forcierten? Für die SPÖ war zu befürchten, dass sie einmal die Rechnung für diese Politik präsentiert bekommen würde. Die ganze Diskussion und die Auseinandersetzungen rund um das Inlandar­ beiterschutzgesetz zeigten deutlich, dass die Volksdeutschen nicht mehr bereit waren, noch weitere rechtliche und soziale Verschlechterungen hinzunehmen. Sie verfügten mittlerweile auch durchaus über Möglichkeiten, die es ihnen ge­ statteten, sich wirksam zu wehren und die Öffentlichkeit auf ihre Probleme auf­ merksam zu machen. Weiters wurde offensichtlich, dass die offizielle Politik in der volksdeutschen Frage der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinkte. Weite Kreise der österreichischen Öffentlichkeit hatten schon längst akzeptiert, dass der größte Teil der Volksdeutschen im Land verbleiben würde und entspre­ chende Maßnahmen zu deren Integration notwendig waren.

5) Das Auftreten des Verbandes der Unabhängigen (VdU) und die Haltungsänderung der SPÖ Mit der Gründung des VdU 1949 in Salzburg durch Herbert Kraus und Viktor Reimann betrat eine Partei die politische Bühne Österreichs, die bei den bevor­ stehenden Wahlen den Koalitionsparteien durchaus gefährlich werden konnte. Der VdU wurde nicht nur zu einem vorläufigen Sammelbecken für die ehemali­ gen Nationalsozialisten – die Minderbelasteten durften 1949 zum ersten Mal wählen ­, der Heimkehrer und politisch Unzufriedenen, sondern war auch die erste Partei, die sich offen für die Integration der Volksdeutschen ohne Wenn


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und Aber einsetzte. Beide Parteigründer hatten allerdings schon lange vorher in ihrer journalistischen Arbeit in den „Salzburger Nachrichten“ und den „Berich­ ten und Informationen“ für eine unverzügliche, menschliche und Österreich würdige Lösung dieser Frage plädiert. Bereits in der ersten Nummer der VdU­ Zeitschrift „Die neue Front“ forderte Herbert Kraus für die Volksdeutschen so­ fortige Hilfe und ihre Eingliederung in den österreichischen Staat.53 Auch Punkt 46 des Parteiprogramms bezog sich auf sie. Dort heißt es: „Aus Gründen der Ge­ rechtigkeit sind wir für die Einbürgerung und gleichberechtigte wirtschaftliche Eingliederung der Volksdeutschen.“54 Die Auffassung des VdU, dass es sich bei den Volksdeutschen um Konnationale der Österreicher handle, deckte sich mit dem Selbstverständnis derselben, die in diesem Zusammenhang immer auf die gemeinsame Abstammung, Sprache, Ge­ schichte und Kultur verwiesen. Daraus leiteten sie ein moralisches und natürli­ ches Recht auf ihre Gleichstellung mit den Österreichern ab. Natürlich kritisierte der VdU Helmers Interview zur Flüchtlingsfrage55 und wandte sich auch gegen das geplante Inlandarbeiterschutzgesetz.56 Es hat über­ haupt den Anschein, als ob sich der Verband im Hinblick auf die bevorstehen­ den Wahlen mit sämtlichen Forderungen der Volksdeutschen solidarisch erklärte.57 Für die Wahlen stellte der VdU wie die ÖVP auch eigene volksdeut­ sche Kandidaten auf. Wegen ihrer geringen Zahl hatte das Wahlverhalten der eingebürgerten Volks­ deutschen kaum Auswirkungen auf das Ergebnis der Nationalratswahlen vom 9. Oktober 1949. Wie zu erwarten, etablierte sich der VdU mit 16 Mandaten (ÖVP 77, SPÖ 67, KPÖ 5) als dritte Kraft im Land. Von den volksdeutschen Kandida­ ten schaffte allerdings nur derjenige der ÖVP, der Journalist Erwin Machunze, den Einzug in den Nationalrat. Allein diese Gegebenheiten ließen aber hoffen, dass in der nächsten Gesetzgebungsperiode der volksdeutschen Frage größere Aufmerksamkeit entgegengebracht würde. Anders als bei den Nationalratswahlen war bei den Arbeiterkammer­ und Be­ triebsratswahlen des gleichen Jahres nun auch die große Masse der noch nicht eingebürgerten volksdeutschen Arbeitnehmer wahlberechtigt. In den westlichen Bundesländern gerieten diese zu einer Abrechnung mit der bisherigen Politik der Koalitionsparteien. Besonders die SPÖ bekam nun die Rechnung für ihre Haltung in der Ausländerbeschäftigung präsentiert. Bei der Arbeiterkam­mer­ wahl in Oberösterreich erhielt der VdU 34 Mandate und wurde hinter der SPÖ mit ihren 60 Mandaten (vorher 68) die zweitstärkste Partei. Auf die ÖVP entfie­ len lediglich 13 (vorher 24) und auf die Kommunisten nur 3 (vorher 16) Manda­


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In einer Reihe von großen Betrieben, wo die Volksdeutschen bzw. Auslän­ der einen großen Teil der Belegschaft stellten, fielen bei den Betriebsratswahlen die Ergebnisse noch eindeutiger aus. So wurde etwa in Kaprun59 und in der VÖEST der VdU noch vor der SPÖ zur stärksten Partei. In der VÖEST errang er 14 Mandate gegenüber 12 der SPÖ und 2 der KPÖ.60 Auch wenn es sehr schwer fiel, so konnten sich die alten Parteien nicht der Erkenntnis verschließen, dass die Ergebnisse zu einem wesentlichen Teil auf das Wahlverhalten der Volksdeut­ schen zurückzuführen waren, die auf diese Weise ihre Missbilligung über die ih­ nen gegenüber praktizierte Politik ausdrückten, denn seit mittlerweile mehr als vier Jahren lebten sie hier in Österreich in einem Zustand der Ungewissheit und ohne jegliche Zukunftsperspektive. In den vergangenen Monaten hatte sich zu­ dem ihre Beschäftigungssituation weiter verschlechtert. Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass ein Großteil der Volksdeutschen derjenigen Partei ihre Stimme gab, die versprochen hatte, sich ihrer Anliegen anzunehmen und für ihre Gleichberechtigung einzutreten. Als erster Hinweis darauf, dass die Koalitionsparteien aus den Wahlergebnissen gewisse Schlüsse gezogen haben und in Zukunft bereit sein würden, dem volks­ deutschen Problem mehr Aufmerksamkeit zu schenken, kann die Regierungser­ klärung vom 9. November 1949 gelten. Darin äußerte sich Bundeskanzler Figl zum Problem der Vertriebenen folgend: An dieser Stelle will ich auch jener vielen Tausenden Menschen gedenken, die, aus ihrer Heimat vertrieben, sich gegenwärtig in Österreich aufhalten, hier Schutz und Hilfe suchen und auch finden. Österreich ist sich seiner Pflichten diesen unglücklichen Menschen gegenüber durchaus bewusst und will auch weiterhin alles tun, was deren Los erleichtern kann. Jedoch sind unsere Kräfte und Mittel beschränkt. Es müssen unsere Bemühungen durch umfassende Hilfsaktionen internationalen Charakters ergänzt werden, um den Heimatvertriebenen jene sicheren Grundlagen zu schaffen, auf denen sie sich ein neues Leben aufbauen können.61 Auch wenn diese Äußerungen nicht unbedingt den Erwartungen der Volksdeut­ schen entsprachen und auch sehr dürftig und wenig konkret ausfielen, so gaben sie doch Hoffnung, dass man sich in Zukunft des Problems annehmen werde. Auch gewisse Anzeichen bei der SPÖ, die das volksdeutsche Problem anlässlich der Nationalrats­ und Arbeiterkammerwahlen noch völlig übergangen hatte, lie­ ßen auf eine Haltungsänderung schließen. Beim außerordentlichen Parteitag am 2. und 3. November 1949 machte der Parteivorsitzende Adolf Schärf bezüglich des bisherigen Verhaltens der SPÖ gegenüber den Volksdeutschen folgende Feststellung: „Worin wir schwach gewesen sein mögen, das ist unser Einfluß un­


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ter den neuen Staatsbürgern und unter den Arbeitern fremder Staatsbürger­ schaft; hier wird so manches nachzuholen sein.“62 Am 19. Dezember 1949 konsti­ tuierte sich dann als Vertretung der Volksdeutschen innerhalb der SPÖ die „Interessengemeinschaft Volksdeutscher Heimatvertriebener“ (IVH).63 Als ent­ sprechende Parallelorganisation der ÖVP wurde im Rahmen des Arbeiter­ und Angestelltenbundes die „Arbeitsgemeinschaft der Heimatvertriebenen“ gegrün­ det. Bereits wenige Tage nach der Konstituierung der IVH sprach eine Delegati­ on derselben im Sozialministerium vor und ersuchte Minister Maisel um Verbesserungen für die Volksdeutschen auf arbeits­ und sozialrechtlichem Ge­ biet.64 In der Folge wurden die Ziele, auf die sich die zukünftige Arbeit der In­ teressengemeinschaft konzentrieren sollte, in zehn Punkten zusammengefasst. Diese Ziele lautete: 1. Arbeitsrechtliche Gleichstellung der Heimatvertriebenen gegenüber den Inlandsarbeitern. 2. Sozialrechtliche Gleichstellung. 3. Einleitung eines großangelegten sozialen Hilfswerkes der Heimatlosen zur Unterstützung von Witwen und Waisen sowie Erwerbsunfähiger. 4. Familienzusammenführung. 5. Beschleunigung des Einbürgerungsprozesses. 6. Erwirkung von Pensionen und Renten für die Alten. 7. Anerkennung der Berufsnachweise. 8. Allgemeine Interessenvertretung. 9. Erziehung aller volksdeutschen Menschen zum demokratischen Sozialismus, zur Völkerversöhnung und zum Frieden. 10. Wiedergutmachung.65 Auch wenn dieses Programm sehr allgemein gehalten war, so konnte es durch­ aus als ambitioniert gelten und deckte sich auch weitgehend mit den Forderun­ gen parteiunabhängiger volksdeutscher Persönlichkeiten und Organisationen. Vorausgesetzt, dass es sich hier nicht um einen Propagandatrick handelte, blie­ ben noch immer der zeitliche Rahmen, der konkrete Weg und die Art und Weise, wie diese Ziele erreicht und umgesetzt werden sollten, offen. Ohne Zweifel lag darin noch genügend Konfliktstoff für die Zukunft.


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Die Forderungen der Volksdeutschen Die Auseinandersetzungen und die zunehmende Diskussion der volksdeutschen Frage in der Öffentlichkeit während des Jahres 1949 machten den Heimatvertrie­ benen bewusst, dass es notwendig wäre, sich auf ein Programm zu einigen, das auch als Grundlage für Verhandlungen mit der Regierung dienen konnte. Zwar hatte es bislang eine Reihe von Versuchen gegeben, entsprechende Denkschrif­ ten und Forderungskataloge zu verfassen, doch fehlte diesen Aktionen weitge­ hend die Autorität und der notwendige Rückhalt. Es war klar, dass ein solches Unterfangen von der rechtlichen Situation der Volksdeutschen und ihren wirt­ schaftlichen und sozialen Verhältnissen auszugehen hatte. Wie diese im Juli 1949 beschaffen waren, beschreibt für das Bundesland Salzburg ein Bericht der Lan­ desstelle für Umsiedlung, der wohl weitgehend für ganz Österreich seine Gültig­ keit hat. Da es sich hier um die offizielle Darstellung einer Landesbehörde handelt, kann davon ausgegangen werden, dass die Verhältnisse objektiv und nicht etwa absichtlich negativ geschildert wurden. Allerdings wurde darin ver­ gessen, darauf hinzuweisen, dass ein guter Teil des Elends auf die österreichi­ schen Gesetze und Verordnungen sowie auf das Verhalten der Behörden und Ämter zurückzuführen war. Wegen seiner Aussagekraft soll der entsprechende Teil des Berichtes hier in seinem genauen Wortlaut wiedergegeben werden. Die Lage der Volksdeutschen wird darin so beschrieben: Von den Volksdeutschen werden alle Berufe ausgeübt. Zumeist stehen sie in schwerer manueller Arbeit. Sie besitzen, soweit sie aus der CSR stammen, hohe gewerbliche Fähigkeiten, und soweit sie aus dem Südosten stammen, besondere Kenntnisse in der Landwirtschaft und Viehzucht. Sowohl industrielle als auch gewerbliche Kräfte wurden in der letzten Zeit von der allgemeinen Wirtschaftskrise erfasst und so aus ihren mühsam errichteten wirtschaftlichen Positionen geworfen. Sie waren schon seit dem Herbst 1948 gezwungen, Arbeit geringster Art anzunehmen, um ihren und den Lebensunterhalt ihrer Familien zu finden. In der Hauptsache aber sind die Volksdeutschen im Baugewerbe tätig und es war eine besondere Enttäuschung, dass dieser Gewerbezweig infolge Fehlens privater Initiative zu Beginn des Jahres 1949 nicht in jenem Umfange anlief, wie es von diesem saisonbedingten Beruf erwartet werden durfte. Aus dem Mangel hinreichender und dem beruflichen Können der Volksdeutschen angepasster Beschäftigung ergab sich ein nicht unbeachtlicher sozialer und wirtschaftlicher Niedergang dieser Gruppe von Flüchtlingen. Wenn von der Not der Volksdeutschen gesprochen wird, denkt man unwillkürlich zunächst an die Massenlager, in denen etwas mehr als ¼ der Zahl dieser Menschen untergebracht ist, denn die engen Belagsverhältnisse in den VD-Lagern haben die Grenze des


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Erträglichen bereits überschritten. Trotzdem sind die Wohnverhältnisse der Volksdeutschen außerhalb der Lager noch erschreckender und es werden die allgemeinen unzulänglichen Zustände noch dadurch wesentlich verschärft, dass diese Menschen von ihren Wohnungs- und Unterstandsgebern oftmals in recht unmissverständlicher Weise als unliebsame Untermieter behandelt werden. Heute, bald 5 Jahre nach dem letzten Kriege, ist die Lage dieser Flüchtlinge noch nicht geklärt. Sie sind in Ungewissheit über ihre künftige Heimat und auch die große internationale Flüchtlingsorganisation „IRO“ gewährt den Volksdeutschen im Allgemeinen keine Hilfe. Sie beschränkt ihre Tätigkeit auf die fremdsprachigen Ausländer, wodurch fast die ganze Last der Betreuung der volksdeutschen Flüchtlinge dem österreichischen Staat aufgelastet wird, der aus budgetären Gründen nicht in der Lage ist, im erforderlichen und wohl auch im gewollten Umfange die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Ob nun die Lage der Volksdeutschen von ihrer berufsgruppenmäßigen Arbeitsverwendung, von der Möglichkeit ihrer Eingliederung in den Arbeitsprozess, ihren Verdienstmöglichkeiten oder von was immer für einer Seite untersucht wird, überall begegnet man Armut, Elend, Ausweglosigkeit und Verzweiflung, denn die Volksdeutschen bilden große Familien und haben für ihre nicht mehr erwerbsfähigen alten Familienangehörigen meist noch die Sorge zu tragen. Sehr hart wurden von den Ereignissen der letzten 4 Jahre die volksdeutschen Bauern und Intellektuellen getroffen. Sie arbeiten, seit sie ihren eigenen Hof oder ihre Kanzleien, Lehrstühle, Büros, Ordinationen usw. verloren haben, als Knechte und Mägde um einen Lohn von monatliche oft nur 100 S, womit sie ihre Familie nicht ernähren können. Selbst wenn die Möglichkeit bestünde, in den verhätltnismäßig wenigen Industriebetrieben unseres Bundeslandes unterzukommen, wäre es ihnen wegen der allgemeinen Wohnungsnot meist nicht möglich, Unterkunft zu finden, wodurch sich die Lebenserhaltungskosten für sie wesentlich erhöhen, d. h., dass sie nicht in der Lage sind, diese Kosten aufzubringen. Es fallen daher die Familienangehörigen meist den nur im geringen Maße zur Verfügung stehenden öffentlichen Fürsorgemitteln zur Last. Es ist verständlich, wenn diese Menschen klagen, dass es ihnen unmöglich ist, die erforderliche Arbeitskleidung, geschweige denn bessere Feiertagskleidung, anzuschaffen. Fast unerträglich ist die Lage der Intellektuellen. Da sie in ihren erlernten Berufen mangels freier Arbeitsstellen keine Aussicht haben eine Beschäftigung zu finden, haben die meisten von ihnen in bewunderungswürdiger Entschlossenheit dort zugepackt, wo sich schlechthin Arbeit bot: als Hilfsarbeiter im Bauwesen und in der Landwirtschaft, in Bergwerks- und Industriebetrieben. Aber auch hier ist durch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkte ihre karge Lebensmöglichkeit umstritten und diese Menschen sehen einer düsteren ungewissen Zukunft entgegen. Wenn auch die Lage der handwerklichen Berufe der Volksdeutschen etwas freundlicher erscheint, so sind doch die bewährten Meister aus den Kreisen der


39 Volksdeutschen meist nur in untergeordneten Stellen beschäftig und müssen froh sein, wenn sie von heute auf morgen ihr Leben fristen können. Besonderer Not und Aussichtslosigkeit im Lebenskampf sind die alten Jahrgänge, die Gebrechlichen und Kranken unter den Volksdeutschen unterworfen, und wenn es sprachlich auch phrasenhaft klingen mag, diese Menschen nagen buchstäblich am Hungertuch. Besonders tragisch ist die Lage jener alten Leute, die zeitlebens gearbeitet und für ihr Alter vorgesorgt, aber alles verloren haben, die, wenn sie in ihrer alten Heimat unter normalen Verhältnissen hätten bleiben können, im Genusse von Renten und Pensionen ständen, die ihnen aber jetzt niemand zahlt und auch nicht zahlen kann. Es ist Tatsache, dass sechzig- bis siebzigjährige alte Leute, meist sogar Berufsfremde, auf Baugerüsten 8 Stunden und mehr täglich arbeiten, um nach beendigtem Tagewerk in ihre mehr als dürftige Notwohnung zurückzukehren, wo sie häufig nur geduldet sind und wo ihnen gegenüber oft kein Hehl gemacht wird, dass sie unerwünscht sind. Nicht weniger düster liegt die Zukunft vor der Jugend. Wegen Mangels verfügbarer Lehrplätze kann sie, obwohl sie oft alten Handwerkerfamilien entstammt und das Talent zur Ausübung irgendeines handwerklichen Berufes sozusagen im Blute hat, keine Berufsausbildung genießen und sie ist von vornherein verurteilt, zeitlebens Hilfsarbeiterdienste zu leisten. Die eben geschilderte Not der volksdeutschen Flüchtlinge erreicht ihre höchste Stufe bei den Opfern des letzten Krieges, den volksdeutschen Kriegsversehrten, Kriegerwitwen und den Waisenkindern. Sie sind von jeglicher Fürsorge durch die Kriegsopferverbände, die ihre Tätigkeit statutgemäß auf österreichische Staatsangehörige beschränken müssen, ausgeschlossen und müssen einen unvergleichlich härteren Lebenskampf führen, unter dem sie wegen ihrer Körperbehinderung doppelt schwer zu leiden haben. Auch die übrigen Volksdeutschen können wegen ihrer eigenen Notlage zum Lebensunterhalt dieser bedauernswerten Menschen kaum beitragen.66 Dass diese Verhältnisse nicht noch länger andauern konnten und dringend Maß­ nahmen erforderten, war wohl nicht nur den Betroffenen klar, sondern musste auch für jeden verantwortungsbewussten österreichischen Politiker erkennbar sein. Die Wahlen und die Überzeugung, dass sich der neue Nationalrat unbe­ dingt mit diesen Fragen auseinandersetzen müsse, bewirkten verstärkt die For­ mulierung von Lösungsmöglichkeiten und Forderungen. So wurde etwa in den „Berichten und Informationen“ vom 19. August 1949 unter der Überschrift „Die Forderungen der Volksdeutschen“ die vordringlichsten Anliegen an den öster­ reichischen Staat zusammengefasst.67 Der Artikel „Volksdeutsches Sofortpro­ gramm“ im „Neuland“ vom 29. Oktober 1949 beschränkte sich auf grundsätzliche Probleme, deren Lösung unaufschiebbar und ohne internationale Hilfe und Staatsvertrag möglich war.68


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Wegen ihrer Breitenwirkung verdient die Initiative, die von der Zentralbera­ tungsstelle der Volksdeutschen ausging, hier besonderes Augenmerk. Dies auch deshalb, weil sich diese Einrichtung zunehmend als einzig legitimierte Vertre­ tung der Volksdeutschen verstand und bei der zukünftigen Diskussion und Lö­ sung der Probleme eine wichtige Rolle spielte. Von der Landesstelle Oberösterreich wurde im Einvernehmen mit dem Zentralkomitee der Volksdeut­ schen und den anderen Landesstellen eine Denkschrift ausgearbeitet, die dann am 25. November 1949 bei einer Besprechung in Linz ihre endgültige Fassung er­ hielt.69 Noch vor Weihnachten wurden Abzüge davon der Regierung, den Natio­ nal­ und Bundesräten, den Landeshauptmännern, den kirchlichen sowie allen sonstigen Stellen zugesandt, die sich mit der Frage der heimatvertriebenen Volksdeutschen beschäftigten.70 Die Einleitung der Denkschrift befasst sich kurz mit dem bisherigen Schicksal der Volksdeutschen in Österreich sowie mit ihrer derzeitigen Situation und Rechtslage. Weiters entkräftet sie mögliche Einwände gegen ihre Integration und vermittelt wichtige Basisinformationen zur Problematik (Beilage 3).71 Im An­ schluss daran werden in vier Abschnitten die für eine Integration notwendigen Maßnahmen angeführt. In der Schaffung eines provisorischen Rechtsstatuts, das die Volksdeutschen faktisch den Österreichern gleichstellt, wird die vordring­ lichste Maßnahme gesehen. Man strebte hier also eine ähnliche Regelung an, wie sie für die nach Österreich umgesiedelten Südtiroler seit dem 29. August 1945 bestand. Nach dem an diesem Tag vom Kabinettsrat gefassten Beschluss waren die in Österreich lebenden Südtiroler auf ihr Ansuchen vorläufig so zu behan­ deln, „wie wenn sie am 13. März 1938 die österreichische Bundesbürgerschaft besessen und demgemäß nach den Bestimmungen des Staatsbürgerschafts­Über­ leitungsgesetzes die österreichische Staatsbürgerschaft am 27. April 1945 erwor­ ben hätten.“72 Eine analoge Regelung, für die wahrscheinlich nur ein Regierungsbeschluss notwendig gewesen wäre, hätte bis zu einer endgültigen Lösung der Probleme zumindest die arbeits­ und sozialrechtliche Gleichstellung der Volksdeutschen mit den österreichischen Staatsbürgern bedeutet. Damit wä­ ren die meisten Diskriminierungen und Beschwernisse weggefallen, was ihr Le­ ben und ihren Integrationsprozess in Österreich wesentlich erleichtert hätte. Als weitere Maßnahmen nach einem Statutsbeschluss werden in der Denkschrift dann noch Erleichterungen bei der Einbürgerung, die Anerkennung der erwor­ benen Diplome und Berufsnachweise sowie die Förderung der Ansiedlung von volksdeutschen Bauernfamilien vorgeschlagen. Wann zum ersten Mal die Idee auftauchte, die Rechtsstellung der Volksdeut­ schen vorläufig durch ein Statut zu regeln, lässt sich nicht genau nachweisen.


41 Wahrscheinlich dürfte sie aber nicht viel jünger als das Südtiroler Statut selbst sein. Es steht nur fest, dass man sich mit dieser Möglichkeit, die dann immer wieder erörtert wurde, bereits im Sommer 1948 auseinandergesetzt hatte.73 Auch wenn noch im Dezember 1949 Innenminister Helmer die Zentralberatungsstelle in Linz wissen ließ, dass über die Angleichung der Volksdeutschen an das Südti­ roler Statut vor Erledigung des Staatsvertrages keine Entscheidung gefällt wer­ den könne, so stand diese Frage doch im kommenden Jahr im Mittelpunkt der Diskussion.74

Die Salzburger Konferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen über das Flüchtlings­problem in Österreich Große Erwartungen setzten die Volksdeutschen in die Konferenz des Ökumeni­ schen Rates der Kirchen, die vom 17. bis 19. Jänner 1950 in Salzburg abgehalten wurde. Man hoffte, dass davon Impulse für eine grundsätzliche Änderung der österreichischen Flüchtlingspolitik ausgehen würden. Zur Konferenz fanden sich Vertreter der österreichischen Regierung, der Flüchtlinge, der in­ und ausländi­ schen Hilfsorganisationen und der christlichen Kirchen zusammen, um die der­ zeit in Österreich bestehenden Flüchtlingsprobleme zu beraten und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Natürlich standen dabei die gegenwärtigen und zukünftigen Nöte der Volksdeutschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Zentralberatungsstelle hatte es auch nicht verabsäumt, jedem ausländischen Konferenzteilnehmer ein Exemplar ihrer Denkschrift (Beilage 3) in englischer Sprache zu übergeben, sodass jeder Delegierte im Bild sein musste, wie sich die Betroffenen eine zukünftige Lösung vorstellten.75 Die zahlreichen ausländischen Teilnehmer gaben der Konferenz nicht nur einen internationalen Charakter, son­ dern sicherten ihr auch eine entsprechende Aufmerksamkeit außerhalb der Grenzen Österreichs. Zudem war die amerikanische, britische und französische Besatzungsmacht durch Beobachter vertreten. Dadurch wurde der Eindruck ver­ mittelt, dass die von den gebildeten Arbeitsgruppen ausgearbeiteten Berichte und Empfehlungen auch die Zustimmung der Alliierten hätten. Wie von den Hilfsorganisationen die bisherige österreichische Flüchtlingspolitik eingeschätzt wurde, kam im Referat „Not und Hoffnung der Flüchtlinge“ von Stewart Herman, dem Direktor der Abteilung für Flüchtlingshilfe des Lutheri­ schen Weltbundes, zum Ausdruck.76 Ähnlich wie die Volksdeutschen selbst ver­ tat Herman die Auffassung, dass es sich bei ihnen um Konnationale der Österreicher handle und deshalb die Bezeichnung „Volksösterreicher“ berechtig­ ter wäre.77 Ihm war klar, dass trotz der Vorteile die Flüchtlinge auch eine wirt­ schaftliche und soziale Belastung für das Land darstellten. Die österreichische


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Haltung, dass die Flüchtlingsfrage ein internationales Problem darstelle, wurde zumindest zum Teil akzeptiert. Auch war er bereit zu glauben, dass die Lösung des Problems die Kraft Österreichs übersteige und das Land deshalb finanziell unterstützt werden müsse. Was allerdings die rechtliche Lage der Flüchtlinge be­ traf, so wies Herman darauf hin, dass es sich hier um ein Problem handle, wel­ ches nur innerstaatlich gelöst werden könnte. Da der Weg einer kollektiven Einbürgerung der Flüchtlinge nicht gangbar erschien, wurde die Ausarbeitung einer Flüchtlingscharta vorgeschlagen, durch die sie gewisse Rechte – Bewe­ gungsfreiheit, das Versammlungs­ und Organisationsrecht sowie das Recht auf Arbeit aufgrund einer beruflichen und gewerblichen Gleichstellung mit der ein­ heimischen Bevölkerung – erhalten sollten. Weiters wurden Maßnahmen zur Schaffung von Wohnraum und zur Ansiedlung der selbständigen Landwirte ge­ fordert.78 Hermans Kritik richtete sich vor allem gegen die bisherigen Beschrän­ kungen bei der Berufsausübung und die Behandlung der selbständigen Landwirte. Hier vergeude Österreich Arbeitskraft, indem es hoch qualifizierten Kräften eine Arbeit in ihrem Beruf verweigere und den Landwirten keinen Grund zur Ansiedlung zur Verfügung stelle. Kritisiert wurde auch die Auffas­ sung, dass man vor der Unterzeichnung des Staatsvertrages und dem Abzug der Besatzungsmächte nichts unternehmen könne.79 Schon ein oberflächlicher Vergleich der Forderungen und Kritikpunkte des Refe­ rates zeigt, dass sie sich weitgehend mit der Denkschrift der Zentralberatungs­ stelle deckten und offensichtlich auch von dieser inspiriert waren. Es war somit nicht zu erwarten, dass sich zwischen den Vertretern der Volksdeutschen und den Hilfsorganisationen größere Auffassungsunterschiede darüber ergeben wür­ den, wie die Flüchtlingsfrage gelöst werden sollte. Anders verhielt es sich mit den Referaten der österreichischen Vertreter, die auf die Volksdeutschen vielfach provokant wirken mussten und die kaum eine Ent­ wicklung in der Flüchtlingsfrage erkennen ließen. In seinem Vortrag „Die Pro­ bleme Österreichs“ (Beilage 4) stellte Ministerialrat Alfons Just fest, dass Österreich allein das Flüchtlingsproblem nicht lösen könne und warf den Volks­ deutschen unterschwellig Undankbarkeit vor. Aus seinen Äußerungen musste man den Schluss ziehen, dass sie nicht als Konnationale betrachtet wurden und somit Österreich auch nicht zu ihrer Gleichstellung verpflichtet wäre. Im fehlen­ den Staatsvertrag wird die Ursache für die Ungewissheit und die bislang unbe­ friedigende Lösung der Flüchtlingsfrage gesehen. Die bisherige Zurückhaltung der Regierung rechtfertigte Just mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten und in­ nen­ und außenpolitischen Rücksichten. Das volksdeutsche Problem wird be­ schönigend dargestellt und die Leistungen Österreichs werden einseitig


43 hervorgehoben. Just lässt auch kaum eine Gelegenheit aus, um die Flüchtlinge in ein negatives Licht zu rücken (Faschismusvorwurf, Schwarzarbeit). Die österrei­ chische Haltung, dass man weitgehend nur diejenigen Personen für dauernd im Land behalten wolle, von denen man sich auch einen wirtschaftlichen Nutzen versprach, wird auch weiterhin vertreten.80 Der Vortrag „Die österreichische Aufgabe“ von Ministerialrat Sobek, einem wei­ teren Vertreter der österreichischen Regierung, unterschied sich von den Inten­ tionen her kaum von Justs Referat. Sobek zeigte allerdings etwas mehr Fingerspitzengefühl, speziell was die Wortwahl betraf. Mit Berufung auf wieder­ holte Erklärungen der Regierung nannte Sobek auch konkrete Zahlen. So wäre Österreich bereit, alle Flüchtlinge aufzunehmen, die sich bereits in den Wirt­ schaftsprozess integriert hätten. Einschließlich der Familienangehörigen handel­ te es sich dabei um etwa 150 000 Personen. Hinzu kämen noch einzelne Flücht­ linge, die aus humanitären Gründen bleiben könnten, weil sie hier Verwandte hätten und von diesen versorgt würden. Um dem Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft entgegenzuwirken, sollten dazu zusätzlich noch etwa 10 000 Landarbeiterfamilien auf eigenen Grundstücken angesiedelt werden.81 Nachdem am ersten Tag der Konferenz die Referate gehalten worden waren, wurden drei Arbeitsgruppen gebildet. In den nächsten zwei Tagen arbeiteten diese Empfehlungen aus, wie das Flüchtlingsproblem in Österreich gelöst wer­ den könnte und welche Aufgaben dabei Österreich, die internationale Gemein­ schaft und die Kirchen übernehmen müssten. Nach Abänderungen wurden die Empfehlungen von der Salzburger Konferenz einstimmig angenommen. Für die weitere Diskussion der volksdeutschen Frage waren vor allem die Emp­ fehlungen des Unterausschusses für die österreichischen Aufgaben wichtig, die unter dem Vorsitz von Ministerialrat Just ausgearbeitet worden waren (Beilage 5). Von der Salzburger Konferenz wurde ein Vier­Punkte­Programm mit folgen­ den Empfehlungen angenommen: I. Die österreichische Regierung wird ersucht, ein Statut für Flüchtlinge heraus­ zugeben, „etwa dem Südtiroler Statut entsprechend, welches bis zur endgültigen Regelung des Flüchtlingsproblems in Österreich den Flüchtlingen u. a. sozial­ und arbeitsrechtliche Gleichstellung mit den österreichischen Staatsbürgern si­ chert.“82 II. Bis zur Schaffung eines Flüchtlingsstatuts müssten durch besondere Maßnah­ men der Arbeitsplatz der Flüchtlinge geschützt und der bittersten Not derjeni­ gen Flüchtlinge begegnet werden, die einer Unterstützung durch die öffentliche Hand bedürfen (Kriegsversehrte, Pensionisten, Rentner, . . . ).


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III. a) Die Einbürgerung von zunächst 150 000 Volksdeutschen, von denen die Regierung annimmt, dass sie in Österreich ihre Existenz bereits gefunden haben, soll beschleunigt, vereinfacht und verbilligt durchgeführt werden. Weiters wird eine Ausdehnung der Einbürgerungen und die Anerkennung der Befähigungs­ nachweise und Diplome von Gewerbetreibenden und Intellektuellen vorgeschla­ gen. b) Die Sesshaftmachung der Volksdeutschen in Österreich müsse ernsthaft in Angriff genommen werden. Bei diesen Maßnahmen wären vor allem zuerst die Lagerbewohner zu berücksichtigen. Bei der Sesshaftmachung sollen die österrei­ chischen Behörden, die freiwilligen Hilfsorganisationen, die Vertreter der Flücht­ linge und die kirchlichen Stellen zusammenarbeiten. IV. Die Grenzen sollen geöffnet werden, um all jenen Flüchtlingen die Abwande­ rung zu ermöglichen, die in Österreich nicht bleiben wollen oder können.83 Auch wenn sich diese Empfehlungen nicht in allen Bereichen mit den Forderun­ gen der Volksdeutschen deckten, so waren sie dennoch ein großer Fortschritt, weil dahinter die Autorität des Ökumenischen Rates der Kirchen stand. Da die gefassten Beschlüsse der österreichischen Regierung zur Entscheidung vorgelegt wurden, konnte diese Autorität bei den zukünftigen Verhandlungen in die Waagschale geworfen werden. Die Vertreter der Volksdeutschen zeigten sich mit den Ergebnissen der Konfe­ renz durchaus zufrieden. Die Zentralberatungsstelle stellte dazu fest: Unsere Lösungsvorschläge, deren konkrete Fassung auf Initiative und Arbeit der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen, Landesstelle Oberösterreich zurückzuführen ist, sind in den Konferenzbeschlüssen des Flüchtlingsausschusses des Weltkirchenrates in Salzburg nicht allein mitberücksichtigt worden, sondern haben vielfach als Richtschnur besonders im Unterausschuss für österreichische Aufgaben gedient.84 Aufgrund des Verhaltens der österreichischen Vertreter bei der Konferenz wur­ de allerdings vermutet, dass Österreich nicht geneigt wäre, aus freien Stücken seinen Beitrag zur Lösung des volksdeutschen Problems zu leisten. Unter den Volksdeutschen verstärkte dies das Empfinden, dass gewisse Kreise in Öster­ reich ihrer Aufnahme ablehnend gegenüberstanden. Der Umstand, dass die In­ itiative zu ihrer Gleichstellung von der österreichischen Regierung ausgehen musste, ließ auch befürchten, dass ihnen nur widerstrebend ein Bruchteil dessen zugestanden werde, was für die Klärung ihrer Rechtslage notwendig wäre. Ob diese Befürchtungen gerechtfertigt waren, musste die Zukunft zeigen. Auf alle Fälle sollten ihre Sprecher, also die Vertreter der Landsmannschaften bei der Zentralberatungsstelle, in allen die Volksdeutschen betreffenden Fragen von kei­


45 nem Forum mehr übergangen

werden.85

Der Kampf um ein volksdeutsches Statut Es ist sicher nicht einfach, die auf die Salzburger Konferenz folgenden Monate zu charakterisieren. Ohne Zweifel war den meisten Volksdeutschen bewusst, dass sie so nahe wie noch nie vor einer Lösung ihrer Probleme standen. Dies be­ stimmte natürlich ihre Erwartungshaltung gegenüber der Regierung, die sich zwar mit den in Salzburg ausgearbeiteten Empfehlungen beschäftigte, ohne je­ doch irgendeine Entscheidung zu treffen. 86Ähnlich war die Situation im Parla­ ment, wo mehrmals Angelegenheiten der Volksdeutschen behandelt wurden.87 So verging Monat um Monat ohne erkennbaren Fortschritt in der volksdeut­ schen Frage bei gleichzeitiger Beibehaltung der bisherigen Praktiken. Natürlich wirkte sich dies alles auf die Stimmung der Betroffenen aus, deren Erwartungs­ haltung wegen dieser Verschleppungstaktik wiederum zunehmender Frustrati­ on wich. In dieser Situation brachten zwei Aktionen neue Bewegung in die Angelegen­ heit. Weil er sich als Österreicher dafür schämte, dass die Volksdeutschen seit fünf Jahren in einem Zustand völliger Rechtlosigkeit gehalten wurden und die Regierung keine Anstalten traf, die Empfehlungen des Salzburger Kongresses des Weltkirchenrates zu verwirklichen, trat am 21. Juni 1950 der junge Österrei­ cher Herbert Cieslar in Linz in den öffentlichen Hungerstreik. Cieslar begann seine Aktion auf dem Taubenmarkt, wo er neben einem Schild Platz nahm auf dem stand: „Hungerstreik eines Österreichers bis ein volksdeutsches Statut im Sinne der Empfehlungen der Tagung des Weltkirchenrates in Salzburg vom Mi­ nisterrat genehmigt wird.“88 Nach einer polizeilichen Überprüfung setzte Cieslar den Hungerstreik im Linzer Volksgarten fort, wo sich ihm zwei Volksdeutsche, Stefan Eduard Schmidt aus der Bukowina und Stefan Heim aus Jugoslawien, an­ schlossen. Natürlich war die Freude, Dankbarkeit und Genugtuung über diese Aktion unter den Volksdeutschen groß.89 Nach sechs Tagen brach Cieslar seinen Hungerstreik allerdings ab, um die angelaufenen Verhandlungen über ein volks­ deutsches Statut nicht zu erschweren.90 Diese Verhandlungen gingen auf die Initiative des Landeshauptmannes von Oberösterreich, Heinrich Gleißner, und seinem Referenten für volksdeutsche An­ gelegenheiten, Landesrat Rudolf Kolb, zurück und waren von der Zentralbera­ tungsstelle der Volksdeutschen in Linz angeregt worden. In Anwesenheit der beiden Landespolitiker hatten die Vertreter der Volksdeutschen, Dr. Georg Goldschmidt und Dr. Georg Hanreich, am 21. Juni 1950 bei Innenminister Hel­


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mer und den zuständigen Zentralstellen in Wien vorgesprochen und auf die Notwendigkeit einer raschen Regelung des volksdeutschen Problems hingewie­ sen. Hierbei wurde offensichtlich der Plan geboren, durch einen Beschluss der Landesregierung die Lösung der volksdeutschen Frage zu beschleunigen.91 Da Oberösterreich die meisten Volksdeutschen beherbergte, nahm man an, dass die Stimme dieses Bundeslandes von ausschlaggebender Bedeutung sein würde. Um die Frage der rechtlichen Gleichstellung der Volksdeutschen zu diskutieren, fand am 30. Juni eine Sitzung bei der Oberösterreichischen Landesregierung statt.92 Außer den Vertretern der Landesregierung und der Volksdeutschen nahmen auch Vertreter der politischen Parteien, der Kammern, der Gewerkschaften und des Landesarbeitsamtes an dieser Beratung teil. Noch vor dem Treffen hatte man von volksdeutscher Seite beschlossen, nur über die wichtigste Frage – die rechtli­ che Gleichstellung – zu verhandeln.93 Da die Volksdeutschen bei einer rechtli­ chen Gleichstellung nicht mehr in der schlecht entlohnten Landwirtschaft gehalten werden konnten und sie somit als Konkurrenten der österreichischen Arbeitnehmer in der Industrie aufteten würden, erwartete man vom Gewerk­ schaftsbund und den Kammern den stärksten Widerstand. Wider Erwarten wur­ de jedoch ohne größere Bedenken ein Antrag der Zentralberatungsstelle angenommen, welcher der Bundesregierung im Namen der Landesregierung die rechtliche Gleichstellung der Volksdeutschen durch ein Statut empfahl.94 Aus diesem Antrag formulierte die Oberösterreichische Landesregierung einen Be­ schluss, der bereits am 3. Juli 1950 Innenminister Helmer übermittelt wurde. Der Text des Fernschreibens lautete: Die Landesregierung von Oberösterreich empfiehlt der Bundesregierung die Einbringung eines Gesetzes über die Schaffung eines Rechtsstatutes für die Volksdeutschen, für das nachstehende Grundsätze vorgeschlagen werden: I. Die heimatvertriebenen Flüchtlinge und Umsiedler deutscher Zunge, das sind alle Personen, die bis zum heutigen Tage auf Grund behördlicher Maßnahmen als Volksdeutsche in Österreich registriert wurden und ihren behördlich gemeldeten Wohnsitz in Österreich haben, ohne schon im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft zu sein, sind bis zu ihrer Einbürgerung den österreichischen Staatsangehörigen in ihren Rechten und Pflichten gleichgestellt. II. Die Bundesregierung möge einen Ausschuss ins Leben rufen mit dem Auftrag, einzelne Fragen, die nicht automatisch durch das Statut gelöst werden, unter Hinzuziehung von volksdeutschen Vertretern zu beraten und das Ergebnis der Bundesregierung vorzulegen. III. In den Fragen, in denen die Länder zuständig sind, soll durch Schaffung eines Landesausschusses in ähnlicher Weise vorgegangen und dadurch eine Klärung und Rege-


47 lung dieser Angelegenheiten herbeigeführt werden. IV. Es wird zur Erwägung gestellt, ob eine Befristung des Statutes auf mehrere Jahre zweckmäßig erscheint.95 Als Reaktion auf den Hungerstreik Cieslars und die Interventionen der Ober­ österreichischen Landesregierung wurde vom Ministerrat der Bundesregierung am 4. Juli 1950 ein Ministerkomitee eingesetzt, das sich unter dem Vorsitz des In­ nenministers mit allen Fragen beschäftigen sollte, die im Zusammenhang mit dem volksdeutschen Problem in Österreich standen. Schon vorher hatten die Volksdeutschen erkannt, dass für die zukünftigen Ver­ handlungen mit der Regierung eine autorisierte und aktionsfähige Vertretungs­ körperschaft für ganz Österreich notwendig wäre. Am 29. Juni 1950 konstituierte sich bei der Delegiertenversammlung der Landsmannschaften in Linz das Volks­ deutsche Zentralkomitee neu. Aufgabe und Ziel des Zentralkomitees, das nun von 10 auf 24 Vertreter erweitert worden war, bestand in der Wahrnehmung und Vertretung der Gesamtinteressen der volksdeutschen Heimatvertriebenen in und außerhalb Österreichs. Seine vordringlichste Aufgabe wurde nun darin gesehen, dem vom Ministerrat eingesetzten Ministerkomitee bei der Lösung der volksdeutschen Frage den einwandfrei autorisierten volksdeutschen Partner zu stellen.96 Ob und im welchen Ausmaß es zu einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Komitees in den nächsten Monaten gekommen ist, lässt sich aus den bis­ her bekannten Quellen nicht feststellen. Tatsache ist, dass sich in diesem Zeit­ raum die Rechtslage der Volksdeutschen nicht veränderte. Im August 1950 scheint dann der Innenminister das Zentralkomitee als Verhandlungspartner für die Regierung überhaupt abgelehnt zu haben.97 Durch die Konstituierung des Beirates für Flüchtlingsfragen am 9. September 1950 in Wien wurde der Behandlung der volksdeutschen Frage in Österreich ei­ ne neue Richtung gegeben. Das neue Gremium, das die Aufgabe hatte, das volksdeutsche Problem durch Verhandlungen mit dem hiefür eingesetzten Mini­ sterkomitee zu lösen, wurde von den Koalitionsparteien mit je vier Mitgliedern beschickt. Dabei handelte es sich um bereits eingebürgerte Volksdeutsche mit dem entsprechenden Parteibuch. Von den Volksdeutschen und ihren bisherigen Vertretern wurde die Konstituie­ rung des Flüchtlingsbeirates einerseits begrüßt, weil darin ein positiver Schritt zur Lösung ihrer Probleme gesehen wurde, andrerseits erregte die Art und Wei­ se seiner Bestellung, die unter Missachtung der demokratischen Spielregeln er­ folgte, großes Misstrauen, Befremden und Kritik. Bisher hatte man stets versucht, die volksdeutsche Frage von der Parteipolitik frei zu halten und eine


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von allen Parteien getragene Lösung anzustreben. Nun musste man mit Bedau­ ern feststellen, dass sich auch in dieser Frage der Parteienproporz durchgesetzt hatte und die Gefahr bestand, dass eine befriedigende Lösung den Parteiinteres­ sen geopfert würde. Das Zentralkomitee der Volksdeutschen, das sich als einzig legitimierte Vertretung der Heimatvertriebenen betrachtete, musste nun befürch­ ten, als Verhandlungspartner des Ministerkomitees völlig an den Rand gedrängt zu werden und jeden Einfluss auf die künftigen Entscheidungen zu verlieren. Kompromissvorschläge, die darauf hinausliefen, den Parteienbeirat durch Ver­ treter der Volksdeutschen zu ergänzen, wurden nicht akzeptiert. Die Regierung argumentierte hier dahingehend, dass ein größerer Beirat nicht arbeitsfähig wäre und eine Ergänzung bzw. Auswechslung des Beirates deshalb nicht in Frage komme, weil alle seine Mitglieder ohnehin Volksdeutsche waren und es belang­ los sei, aus welcher Gruppe diese Beiräte kommen, zumal sie ja alle die Gesamt­ interessen der Volksdeutschen vertreten.98 In dieser Argumentation wird ein weiterer Kritikpunkt am Beirat angesprochen, nämlich seine landsmannschaftliche Zusammensetzung. Zunächst waren von seinen acht Mitgliedern sechs Sudetendeutsche, einer Siebenbürger Sachse und einer Donauschwabe. Der Beirat wurde also von derjenigen volksdeutschen Gruppe dominiert, deren Integrationsprozess am weitesten fortgeschritten war, was nicht unbedingt einer allgemeinen Logik entsprach. Auch waren die Do­ nauschwaben, die zu diesem Zeitpunkt wohl noch die größte volksdeutsche Gruppe stellten, im Beirat völlig unterrepräsentiert, was die ohnehin latenten Spannungen zwischen Sudetendeutschen und Donauschwaben weiter fördern musste. Die heftigste Kritik riefen aber die Forderungen des Beirates – man sprach hier von einem „Zehn­Punkte­Programm“ ­ an die Regierung bzw. an das Minister­ komitee hervor, die bereits bei der ersten Sitzung am 9. September 1950 in Wien gestellt worden waren. Grundsätzlich wurde das Programm nicht als zufrieden­ stellend angesehen, weil die darin angeführten Teilfragen eine uneingeschränkte Gleichstellung der Heimatvertriebenen mit den Österreichern nicht gewährlei­ steten.99 Von den Südostdeutschen wurde speziell kritisiert, dass die Kernfrage des Flüchtlingsproblems in Österreich, nämlich die bäuerliche Sesshaftmachung, nur am Rande berührt wurde (Punkt 9).100 Am schlimmsten wurde aber empfunden, dass der Beirat von der Forderung nach einem Statut abgerückt war, nachdem man sich schon kurz vor dem Ziel glaubte. In einem Brief an Bundeskanzler Figl begründete das Präsidium des Zentralkomitees der Volksdeutschen neuerlich seine Forderung nach einem Sta­ tut und drückte gleichzeitig seine Befürchtungen aus, die sich aus dem Ab­


49 rücken des Beirates von dieser Forderung ergaben. Die entsprechenden Text­ stellen lauten: I. Als Ergebnis gewissenhafter Überlegungen hat das Zentralkomitee den österreichischen Regierungsstellen vor langer Zeit die Bitte um Schaffung eines Statutes unterbreitet, wodurch prinzipiell die tatsächliche Gleichstellung der Volksdeutschen in Rechten und Pflichten mit den österreichischen Staatsbürgern ausgesprochen werden soll. Es geschah dies unter besonderer Beobachtung der Bundesrepublik und unter Bedachtnahme darauf, dass der Staatsvertrag noch aussteht. Es geschah dieses, weil durch das Südtiroler und Canaletaler Statut bereits ein Präzedenzfall für das österreichische Rechtsleben durch Anlehnung an diese Bestimmungen geboten ist. Es geschah dieses im Hinblick darauf, dass in dem benachbarten Deutschland infolge des noch ausstehenden Friedensvertrages die Gleichstellung ohne Anschauung des Besitzes der Staatsbürgerschaft erklärt wurde. Es geschah dieses, weil aus politischen Gründen ein Provisorium endgültigen Bindungen, sei es seitens der Bundesrepublik, sei es seitens der volksdeutschen Gruppen, vorzuziehen ist; dadurch also die größtmögliche Elastizität, die Anpassungsmöglichkeit an jede politische Entwicklung garantiert erscheint. Es geschah dieses, weil durch Schaffung eines Rechtsstatuts das gärende Problem der Volksdeutschen in Österreich zu einer allgemeinen Beruhigung führen würde. Es geschah dieses, weil infolgedessen eine Vereinfachung der Verwaltung die vervielfältigte Sonderbehandlung der Volksdeutschen mit einer einzigen Maßnahme ersparen würde. Dieses sind die hauptsächlichen Vorteile der vorgeschlagenen Regelung. Vorteile hingegen, die gewissen Kreisen in Österreich aus einer Teillösung der volksdeutschen Frage entspringen könnten, sollen hier absichtlich nicht einmal angedeutet werden, weil sie mit einer höheren Staatsethik unvereinbar und unhaltbar sind. II. Die Art der Erstellung des Volksdeutschen Beirates und dessen Abrücken von der Forderung nach dem Statut legt nunmehr die Befürchtung nahe, dass ein Stückwerk geschaffen wird oder eine zufriedenstellende Lösung zeitlich nicht abzusehen ist. Unsere Befürchtung entspringt aus der Kenntnis der kompromissbereiten Einstellung von Menschen, die von den Parteien als Verhandlungspartner berufen werden. Bei letzteren wird Parteiinteresse mit volksdeutschem Interesse in Konflikt geraten. Verständlicherweise wird dabei das Parteiinteresse die Oberhand gewinnen, während die Ansprüche der


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Volksdeutschen eine Deklassierung erleiden müssen.101 Dass es sich hier nicht um Befürchtungen einiger volksdeutscher Funktionäre handelte, die sich um ihren Einfluss sorgten, sondern diese durchaus auch von Personen geteilt wurden, die mit der volksdeutschen Frage vertraut waren und sich immer für eine zufriedenstellende Lösung eingesetzt hatten, geht aus einem Aktenvermerk der Zentralberatungsstelle über eine Aussprache mit Landesrat Rudolf Kolb hervor. Darin heißt es: Über die allgemeine Lage war seine Ansicht die, dass die Regierung von unseren Wiener volksdeutschen Herren (gemeint war hier natürlich der Flüchtlingsbeirat) nur ungenügend, bzw. falsch unterrichtet sei und daher auch halbe oder Scheinmaßnahmen treffe. Er sei auch der Ansicht, dass aus den jetzt angelaufenen Verhandlungen nicht viel herauskommen werde. Es sei nur bedauerlich, dass sich dadurch das volksdeutsche Problem, bzw. die Lösung dieses Problems unnötigerweise verzögere. Was dann später Österreich unter dem Zwang der Ereignisse wird geben müssen, dürfte in den Reihen der Volksdeutschen nicht mehr jene Gefühle auslösen, die unbedingt notwendig sind dazu, dass eine Menschengruppe in eine Staatsgemeinschaft hineinwachse.102 Angesichts der weiteren Entwicklung muten die Überlegungen Kolbs beinahe hellseherisch an. Es sollte wirklich noch fast vier Jahre dauern, bis bei der Lö­ sung der volksdeutschen Frage ein Stadium erreicht wurde, von dem man An­ fang 1950 noch glaubte, es in diesem Jahr erreichen zu können. Die großen Erwartungen, die man von volksdeutscher Seite in das Jahr 1950 gesetzt hatte, erfüllten sich somit in keiner Weise. Zwar war anscheinend von der Regierung die Lösung des Problems durch die Konstituierung eines Ministerkomitees und Flüchtlingsbeirates auf Schiene gelegt worden, die Entscheidungen über den Fahrplan und die Reihenfolge der Stationen bis zum Ziel lagen aber weiterhin in ihren Händen und der von ihr abhängigen Gremien. Ohne Zweifel hatte die Ungeduld und die Unzufriedenheit über die Verschlep­ pungstaktik der österreichischen Regierung unter den Volksdeutschen 1950 einen Höhepunkt erreicht, was nicht ohne Folgen auf ihr Verhältnis zu ihrem neuen Heimatland blieb und bestehende Ressentiments verstärkte. Durch die großzügige Gewährung eines Statuts wäre hier eine Trendumkehr möglich ge­ wesen. Die Gründe, warum sich die österreichische Regierung nicht zu so einem Schritt entschließen wollte, können nur vermutet werden. Neben den finanziel­ len Kosten dürfte die nach wie vor vertretene Meinung, dass Österreich nicht al­ le im Land befindlichen Volksdeutschen für dauernd aufnehmen könne, wesentlich gewesen sein. Zweifelsfrei hätte ein weitgehendes Entgegenkommen durch ein Statut den Andrang der Volksdeutschen an der nun anlaufenden


51 Übersiedlung nach Deutschland und an den diversen Auswanderungsaktionen gemindert. Es wären somit viel mehr Volksdeutsche im Land geblieben, als die Regierung aufnehmen wollte. Wegen der nach wie vor ungewissen Zukunft, den fehlenden Perspektiven und den weiterhin bestehenden Diskriminierungen kehrten in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre noch viele Volksdeutsche Öster­ reich den Rücken, die unter anderen Bedingungen sicher im Land geblieben wä­ ren. Als Symptom dafür, dass durch die Verschleppungspolitik Österreichs das Verhältnis zu vielen Volksdeutschen nachhaltig geschädigt worden war, kann die nach einer weitgehenden Gleichstellung noch längere Zeit andauernde Aus­ wanderung gelten. So verließen etwa im ersten Halbjahr 1956 noch 2.557 Volks­ deutsche allein Oberösterreich.103 Durch sein Verhalten schaffte es Österreich, sich des größten Teils des „sozialen Ballastes“ zu entledigen, der vor allem von Deutschland übernommen wurde, und einen großen Teil der noch kaum inte­ grierten Südostdeutschen zur Auswanderung zu bewegen. Obwohl nach der Konstituierung des Flüchtlingsbeirates die Hoffnungen auf ein Statut immer unrealistischer wurden, hielt das Zentralkomitee der Volksdeut­ schen zunächst weiterhin an dieser Forderung fest. Am 21. November 1950 wandte sich das Präsidium in dieser Angelegenheit neuerlich an Bundeskanzler Figl. In dem Schreiben heißt es u. a.: Die Erlassung eines Rechts-Statuts durch Ministerratsbeschluss oder durch ein Flüchtlingsgesetz ermöglicht die g e n e r e l l e Lösung der Frage der Heimatvertriebenen in Österreich. Das vom Wirtschafts- und Sozialausschuss der UNO in Aussicht gestellte Flüchtlings-Statut weist in dieselbe Richtung. Der österreichische Nationalrat kann ein solches Gesetz beschließen. Der Alliierte Rat dürfte nach Darstellung des österreichischen Regierungsvertreters am Salzburger Flüchtlingskongress dagegen keine Einwände erheben. Daher spricht das Zentralkomitee die Erwartung aus, dass auch von Seiten der Regierung nach dieser Richtung hin zweckdienliche Informationen eingeholt werden, ehe man diesen Weg von vornherein als nicht Erfolg versprechend bezeichnet.104 Gleichlautende Briefe erhielten auch eine Reihe von Politikern und kirchlichen Würdenträgern. Ohne direkten Erfolg blieb auch ein zweiter Hungerstreik von Herbert Cieslar in Linz, der am 8. Oktober 1950 begonnen worden war, 41 Tage lang dauerte und sich gegen die Zusammensetzung des Beirates und gegen sein Abgehen von der Forderung nach einem Statut richtete.105


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Das erste Gleichstellungsgesetz – Notstandshilfe auch für Volksdeutsche Obwohl bereits im Sommersemester 1950 die volksdeutschen Studenten den Ein­ heimischen gebührenrechtlich gleichgestellt wurden, wird in der Regel im Bun­ desgesetz vom 31. Jänner 1951 über die Gewährung der Notstandshilfe an Volksdeutsche das erste Gleichstellungsgesetz gesehen.106 Die Entstehungsge­ schichte dieses Gesetzes verdient genauer betrachtet zu werden, weil sich daran ersehen läßt, wie lang der Gleichstellungsprozeß in einer Detailfrage dauern konnte und welche Probleme und Konflikte man sich durch ein Statut hätte er­ sparen können. Am 22. Juni 1949 wurde vom Nationalrat ein neues Arbeitslosenversicherungs­ gesetz beschlossen, das am 31. Oktober desselben Jahres in Kraft trat. Grundsätz­ lich wurde das Gesetz von den Volksdeutschen begrüßt, weil darin ein Rechtsanspruch auf Arbeitslosengeld festschrieben wurde, das jedem Arbeitslo­ sen ohne Unterschied der Staatsbürgerschaft zustand. Gleichzeitig verwahrte man sich aber dagegen, dass die Notstandshilfe nur arbeitslose Österreicher er­ hielten, die den Anspruch auf Arbeitslosengeld erschöpft hatten, arbeitsfähig und arbeitswillig waren und sich in einer Notlage befanden. Zu Recht sahen sich die Volksdeutschen durch den Ausschluß von der Notstandshilfe ungerecht be­ handelt und um ein wohlerworbenes Recht geprellt, da sie dieselben Versiche­ rungsbeiträge wie die österreichischen Arbeiter leisten mußten. An und für sich muß man die grundsätzliche Frage stellen, wie der Nationalrat ein Gesetz, das weitere Diskriminierungen festschrieb, zu dieser Zeit überhaupt noch beschlie­ ßen konnte. Wir dürfen in diesem Zusammenhang aber nicht vergessen, dass im Jahr 1949 auch ein Inlandarbeiterschutzgesetz intensiv diskutiert wurde. Natürlich wandten sich die Volksdeutschen gegen diese Diskriminierung. Noch im Oktober 1949 richtete die Linzer Zentralberatungsstelle eine Eingabe an Lan­ deshauptmann Gleißner mit der Bitte, entsprechende Schritte bei der Bundesre­ gierung zu unternehmen, damit auch die pflichtversicherten Volksdeutschen die Notstandshilfe erhalten.107 Am 31. März 1950 wurde dann das Arbeitslosenversi­ cherungsgesetz dahingehend abgeändert, dass in Zukunft auch Staatenlose die Notstandshilfe erhalten konnten, wenn sie in den letzten fünf Jahren zumindest 156 Wochen arbeitslosenversicherungspflichtig beschäftigt waren.108 Eine Gleich­ stellung mit den Österreichern bedeutete dies allerdings noch nicht, deshalb hat­ ten auch das Zentralkomitee der Volksdeutschen und der VdU ihre Vorbehalte angemeldet.109 Erwin Machunze und die ÖVP sahen in der Gesetzesnovelle hin­ gegen den ersten Schritt zur vollkommenen Eingliederung und Gleichstellung


53 Gebiet.110

der Heimatlosen auf sozialem und arbeitsrechtlichem Schließlich sollte es noch zehn Monate dauern, bis durch das Bundesgesetz vom 31. Jänner 1951 die noch bestehenden Härten beseitigt und die Gleichstellung der Volksdeut­ schen in diesem Bereich durchgeführt waren. Noch im gleichen Jahr wurden den Volksdeutschen gewisse Erleichterungen bei der Aufnahme einer Arbeit zuge­ standen. 1952 war dann durch eine Reihe von Gleichstellungsgesetzen gekenn­ zeichnet. 1

Berichte und Informationen, Jg. 3, Heft 130, 22. Oktober 1948, S. 4 f.

2

Neuland, 1. Jg., Nr. 8, 15. September 1948, S. 1.

3

Machunze, Erwin: Vom Rechtlosen zum Gleichberechtigten. Die Flüchtlings­ und Ver­ triebenenfrage im Wiener Parlament. I. Band: Die V. Gesetzgebungsperiode (1945 – 1949). – Salzburg 1974, S. 22. 4

Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart.,VI Band. – Berlin 1952, S. 58 f. 5

OÖLA, NARA, MF 1186/121­123. Allied Commission for Austria, Allied Council, 8 Ja­ nuary 1949. Report from the Executive Committee Meeting on 6 January 1949. 6

Ebda., MF 1185/843­844. Allied Commission for Austria, Executive Committee (Unoffi­ cial US), Min­utes of the 142nd Meeting on 22 July 1949. 7

OÖLA, Akten der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen (ZBV) Linz, Ordner 226. Präsidium des Zentralkomitees der Volksdeutschen an den Hohen Alliierten Rat in Wien vom 30. Oktober 1950. 8

Ebda., MF 17/514­517. Headquarters USFA, APO 777, U. S. Army to Commanding Ge­ neral, Zone Command, Austria . . . 4 June 1947. Subject: Resettlement of Reichsdeutsche and Volksdeutsche in the U. S. Zone Austria and the U. S. Vienna Area. 9

Neuland, 2. Jg., Nr. 44, 12. November 1949, S. 2.

10

Ebda., Nr. 35, 10. September 1949, S. 1.

11

SLA, LfU, Schachtel 3 (II. Teil), Zl. 1410­U/48. Christliches Hilfswerk für heimatlose Flüchtlinge an den Landeshauptmann Josef Rehrl vom 17. 2. 1948. 12

OÖLA, Präs., MF 906, Präs. 1637. Die Gruppe der Siebenbürger Sachsen in Oberöster­ reich an Landeshauptmann Heinrich Gleißner vom 11. 5. 1948. 13

Die Ergebnisse der Beschäftigtenzählung 1948. Bearbeitet im Bundesministerium für so­ ziale Ver­waltung. – Wien 1949. 14

Neuland, 1. Jg., Nr. 11, 5. November 1948, S. 7 f.

15

OÖLA, ZBV, Ordner 176. Hilde Isolde Reiter an Hans Moser vom 1. 12. 1951.

16

Ebda.

17

Archiv der Stadt Linz (AdStL), Bestand Prof. Tweraser, Schuber 2 a. Decision of the Al­ lied Council concerning the Democratic Press in Austria, 1 October 1945. 18

Ebda., Schuber 2 b. Chart of Violations of Press Regulations committed by Publications in the American Zone of Austria and Vienna (January 1947). 19

Echo der Heimat vom 6. Juni 1946, S. 7.

20

OÖLA, NARA, MF 1530/1050. Hqs USFA, Information Services Branch, APO 777, U. S.


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Army. As­sistant Press Scrutiny Officer to Operations Co­ordinator, June 7, 1946. 21

OÖLA, Akten des Präsidiums der Landesregierung, Schachtel 33, Präs. 13019/1949. Amt der Oö. Landesregierung, Abt. Ums., an das Land Upper Austria Area Command vom 24. Mai 1948. Monatsbericht über die Tätigkeit der DP­Dienststellen, S. 3. 22

OÖLA, NARA, MF 1186.

23

OÖLA, Akten der Bezirkshauptmannschaft Freistadt, Schachtel 794, Mappe „Ums.“ Zi­ vilverwaltung Mühlviertel an die Bezirkshauptmannschaften Freistadt, Rohrbach, vom 17. 11. 1950. 24

Berichte und Informationen, 4. Jg. (1949), Heft 148, 25. Februar 1949, S. 3.

25

Ebda., S. 5.

26

Linzer Volksblatt vom 1. April 1949, S. 1. – Der Wortlaut des Interviews weicht in den verschiedenen Zeitungen voneinander ab, ohne allerdings die Intention zu ändern (Vgl. etwa: Neuland, 2. Jg., Nr. 13, 9. April 1949, S. 1). 27

Neuland, 2. Jg., Nr. 13, 9. April 1949, S. 1.

28

SLA, LfU, Schachtel 5 (II. Teil), Zl. 2528. Amt der Landesregierung Salzburg, Landes­ stelle für Umsiedlung, an das Bundesministerium für Inneres, Umsiedlungsstelle, vom 26. 4. 1949. 29

Linzer Volksblatt vom 9. April 1949, S. 2.

30

Ebda. Amt der Landesregierung Salzburg, Landesstelle für Umsiedlung, an das BMfI, Umsiedlungs­stelle, vom 2. Mai 1949. 31

OÖLA, ZBV, Ordner 68. Bericht von Friedrich Binder vom 28. 4. 1949. Dieser Bericht wurde auch im Neuland, 2. Jg., Nr. 18, 14. Mai 1949, S. 2 veröffentlicht. 32

SLA, LfU, Schachtel 5 (II. Teil), Zl. 3065. Amt der Landesregierung Salzburg, Landes­ stelle für Um­siedlung, an Landeshauptmannstellvertreter Franz Payerl vom 9. 12. 1949. 33

Mitteilungsblatt der Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Bukowina in Deutschland e. V., Nr. 1, November 1949, S. 4 f. 34

OÖLA, ZBV, Ordner 189. Der Staatskommissär für die reichs­ und volksdeutschen Re­ patriierungs­komitees an das Zentralkomitee der Volksdeutschen vom 6. Februar 1950. 35

Ebda.

36

OÖLA, BH Freistadt, Schachtel 794, Mappe „Ums.“ Zivilverwaltung Mühlviertel an die Bezirks­hauptmannschaften Freistadt, Rohrbach, vom 17. 11. 1950. 37

Siehe dazu: Volkmer, Hermann: Die Volksdeutschen in Oberösterreich. Ihre Integration und ihr Bei­trag zum Wiederaufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg. – Grün­ bach 2003, S. 105 ff. 38

Deutsches Reichsgesetzblatt I, S. 26 ff.

39

OÖLA, Akten der BH Freistadt, Schachtel 794, Mappe „Ums.“ Bundesministerium für soziale Ver­waltung an alle Landesarbeitsämter vom 9. Jänner 1948. Betrifft: Beschäfti­ gung von Ausländern, Genehmigungsverfahren, S. 1. 40

OÖLA, Akten der Wirtschaftsabteilung der Oberösterreichischen Landesregierung 1945 bis 1950, Schachtel 49/10. Landesarbeitsamt für Oberösterreich vom 31. März 1948. Dienstanweisung Nr. 40/1948. Betrifft: Beschäftigung von Ausländern; hier: Anwen­ dungsgebiet und Genehmigungsverfahren nach der Verordnung vom 23. Jänner 1933, S. 5.


55 41

Ein erster Entwurf wurde im „Linzer Volksblatt“ vom 23. April 1949 in der Beilage „Die Brücke“ ab­gedruckt. 42

OÖLA, ZBV, Ordner 129. Protokoll über die Sitzung des Zentralkomitees der Volks­ deutschen vom 21. April 1949, S. 2. 43

Neuland, 2. Jg., Nr. 15, 23. April 1949, S. 1.

44

Oberösterreichische Nachrichten vom 10. Juni 1949.

45

Oberösterreichische Nachrichten vom 14. Juni 1949.

46

Bundesgesetzblatt, Jg. 1925, Nr. 459. Bundesgesetz vom 19. Dezember 1925 über die zeitweilige Beschränkung der Beschäftigung ausländischer Arbeiter und Angestellter (In­ landarbeiterschutzgesetz). 47

Oberösterreichische Nachrichten vom 14. Juni 1949.

48

OÖLA, Präs., MF 999, Präs. 1610/1949. Memorandum vom 28. Mai 1949 betreffend die Flüchtlings­frage in Österreich. Verfaßt und überreicht von der Liga für Menschenrechte, Österreichischer Landesverband, im Verein mit der Arbeitsgemeinschaft der Friedensver­ eine. 49

Neuland, 2. Jg., Nr. 27, 16. Juli 1949, S. 2.

50

Neuland, 2. Jg., Nr. 24, 25. Juni 1949, S. 1.

51

Oberösterreichische Nachrichten vom 17. November 1949, S. 2.

52

Neuland, 2. Jg., Nr. 42, 29. Oktober 1949, S. 1 f.

53

Neuland, 2. Jg., Nr. 14, 16. April 1949, S. 5.

54

Neuland, 2. Jg., Nr. 31, 13. August 1949, S. 2.

55

Neuland, 2, Jg., Nr. 15, 23. April 1949, S. 3.

56

Neuland, 2. Jg., Nr. 31, 13. August 1949, S. 2.

57

Zu den Forderungen der Volksdeutschen siehe: OÖLA, ZBV, Ordner 90. Verband der Unabhängi­gen, Landesorganisation Linz, 3. August 1949. Forderungen der Volksdeut­ schen ! 58

Oberösterreichische Nachrichten vom 5. November 1949, S. 2.

59

Oberösterreichische Nachrichten vom 21. Oktober 1949, S. 1.

60

Tweraser, Kurt: US­Militärregierung Oberösterreich. Band 1: Sicherheitspolitische Aspekte der amerikanischen Besatzung in Oberösterreich­Süd 1945­1950. – Linz 1995, S. 387. 61

Oberösterreichische Nachrichten vom 10. November 1949, S. 2.

62

Neuland, 2. Jg., 19. November 1949, S. 2.

63

Neue Heimat in Österreich. 20 Jahre Interessengemeinschaft Volksdeutscher Heimat­ vertriebener (IVH). – Wien 1970, S. 13. 64

Ebda.

65

Welt der Arbeit vom 3. März 1950, S. 10.

66

SLA, LfU, Schachtel 1. Amt der Landesregierung Salzburg, Landesstelle für Umsied­ lung, an das Bundesministerium für Inneres, Umsiedlungsstelle, vom 27. 7. 1949. 67

Berichte und Informationen, Jg. 4, Heft 169, 19. August 1949, S. 6­8.


56 68

DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Neuland, 2. Jg., Nr. 42, 29. Oktober 1949, S. 2.

69

OÖLA, ZBV, Ordner 129. Zentralberatungsstelle Linz an den Staatskommissär für die reichs­ und volksdeutschen Repatriierungskomitees vom 14. Dezember 1949. 70

Neuland, 3. Jg., Nr. 1, 7. Jänner 1950, S. 1.

71

OÖLA, ZBV, Ordner 142.

72

OÖLA, Akten der Bezirkshauptmannschaft Freistadt, Schachtel 789. Aussendung der Staatskanzlei über die Behandlung der in Österreich ansässigen Südtiroler vom 11. Sep­ tember 1945. 73

Salzburger Nachrichten vom 12. Juni 1948, S. 1 f.

Berichte und Informationen, Jg. 3, Heft 119, 6. August 1948, S. 1 f. 74

OÖLA, ZBV, Ordner 111. Amt der Oö. Landesregierung, Abteilung Umsiedlung, an die Zentralbera­tungsstelle Linz vom 9. 12. 1949. 75

OÖLA, ZBV, Ordner 140. Mitteilungsblatt der Zentralberatungsstelle der Volksdeut­ schen, Landesstelle Oberösterreich, Folge 1, 28. Jänner 1950, S. 2. 76

Salzburger Bericht. Herausgegeben von der Flüchtlingsabteilung des Ökumenischen Rates der Kirchen. – Genf (1950), S. 12 – 17. 77

Ebda., S. 15.

78

Ebda., S. 15 f.

79

Ebda., S. 16.

80

Ebda., S. 17 – 23.

81

Ebda., S. 32 f.

82

Ebda., S. 43.

83

Ebda., S. 43 – 46.

84

OÖLA, ZBV, Ordner 90. Konsequenzen aus der Salzburger Tagung der Ökumene vom 17. – 19. 1. 1950. 85

Ebda.

86

OÖLA, ZBV, Ordner 189. Landesrat Kolb an die Zentralberatungsstelle der Volksdeut­ schen in Linz vom 22. April 1950. 87

Machunze II, S. 6 ff.

88

Neuland, 3. Jg., Nr. 26, 2. Juli 1950, S. 1.

89

Ebda.

90

Ebda.

91

OÖLA, ZBV, Ordner 189. Verhandlungsschrift über die am 30. Juni 1950 abgehaltene Sitzung bei der Oö. Landesregierung mit den Vertretern der politischen Parteien, der Kammern, der Gewerkschaft, des Landesarbeitsamtes und der Zentralberatungsstelle Landesstelle Oberösterreich, S. 1 f. 92

OÖLA, ZBV, Ordner 189. Landesrat Kolb an die Zentralberatungsstelle der Volksdeut­ schen in Linz vom 27. Juni 1950. 93

OÖLA, ZBV, Ordner 113. Richtlinien für die Verhandlungen über den Statutsentwurf am 30. Juni 1950 bei LH Dr. Gleißner.


57 94

OÖLA, ZBV, Ordner 189. Verhandlungsschrift über die am 30. Juni 1950 abgehaltene Sitzung bei der OÖ. Landesregierung, S. 8 f. 95

OÖLA, NARA, MF 38/630. Amt der Oö. Landesregierung an den Bundesminister für Inneres vom 3. Juli 1950. 96

OÖLA, ZBV, Ordner 226. Pressecommunique von der Sitzung des erweiterten Zentral­ komitees der Volksdeutschen am 29. Juli 1950 in Linz. 97

OÖLA, ZBV, Ordner 132. Der ewige Kreuzweg – Stationen zwischen Hoffnung und Enttäuschung der Heimatvertriebenen in Österreich. 98

OÖLA, ZBV, Ordner 113. Aktenvermerk über die Aussprache mit Landesrat Kolb am 23. 9. 1950. 99

OÖLA, ZBV, Ordner 226. Erklärung des Zentralkomitees der Volksdeutschen in Öster­ reich vom 18. 11. 1950. 100

Neuland, 3. Jg., Nr. 37, 17. September 1950, S. 1.

101

OÖLA, ZBV, Ordner 226. Zentralkomitee der Volksdeutschen, Präsidium, an Bundes­ kanzler Leo­pold Figl vom 14. September 1950. 102

OÖLA, ZBV, Ordner 113. Aktenvermerk über die Aussprache mit Landesrat Rudolf Kolb am 23. 9. 1950. 103

OÖLA, Ums., Fasz. 210, Ums. 3303/56. Information für Landesrat Rudolf Kolb vom 18. Juli 1956. 104

OÖLA, ZBV, Ordner 226. Das Präsidium des Zentralkomitees der Volksdeutschen in Österreich an Bundeskanzler Leopold Figl vom 21. November 1950. 105

OÖLA, ZBV, Ordner 144. Herbert Cieslar vom 27. 11. 1950. Mahnung nach dem Hun­ gerstreik ! 106

Der Text des Gesetzes findet sich in: Muchunze II, S. 70 bzw. BGBl. Nr. 70/1951.

107

OÖLA, ZBV, Ordner 111. Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen in Linz an Lan­ deshauptmann Heinrich Gleißner vom 29. Oktober 1949. 108

Machunze II, S. 44.

109

Machunze II, S. 30.

110

Machunze II, S. 33.


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Neuanfang von 30.000 Sudetendeutschen 1945 in Oberösterreich und ihr Anteil am Wiederaufbau Oberösterreichs VON ALFRED OBERWANDLING Am Anfang stand das Elend Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in Oberösterreich ­ im Vergleich zu den anderen Bundesländern der Zweiten Republik ­ die größte Zahl von Flücht­ lingen, Vertriebenen und „Versetzten Personen” (DP = Displaced Persons) ge­ zählt. Grund dafür war, dass dieses Bundesland erst kurz vor Kriegsende von den Alliierten besetzt wurde. Den zurückweichenden deutschen Truppen an der Ostfront schlossen sich, wie schon in den Monaten zuvor, Teile der deutschen Bevölkerung an, sofern sie nicht schon zuvor aus den von sowjetischen Streit­ kräften bedrohten Gebieten evakuiert wurden. Diese Flucht fand dann für einen Großteil der Flüchtlinge in Oberösterreich und Bayern ihr Ende. Allein im südlich der Donau gelegenen Teil Oberösterreichs wurden im Zuge des Nachkriegschaos 700.000 Landfremde gezählt. Das „Linzer Volksblatt” vom 15. Dezember 1945 berichtete sogar von 800 ­ 900.000. In diesem Völkergemisch befanden sich auch jene Sudetendeutschen, die bereits von der „wilden Vertrei­ bung” betroffen waren, oder denen die Flucht vor der Roten Armee gelang, ohne vorerst zu wissen, wo sie sich in Zukunft niederlassen dürfen. Zu diesem Zeit­ punkt waren die Potsdamer Beschlüsse vom 2. August mit ihren folgenschweren Konsequenzen nicht einmal zu erahnen. In Vieh­ und Güterwaggons, in bewachten Fußmärschen, oder auf Schleichwe­ gen auf eigene Faust, um den Greueln der Tschechen zu entgehen, mussten die Sudetendeutschen ihre Häuser und Wohnungen binnen weniger Stunden verlas­ sen und wurden in Richtung österreichische Grenze getrieben. Neben der Lebensmittelversorgung gehörte das Wohnungsproblem zu den drückendsten Sorgen der Stadt­ und Gemeindeverwaltungen. In Linz beispiels­ weise führten amerikanische Besatzungstruppen rücksichtslose Einquartierun­ gen durch, wodurch sich die bestehende aus dem Bombenkrieg resultierende Wohnungsnot massiv verschärfte. Es kam dabei zu unangenehmen Zwischenfäl­


59 len, wie etwa in Linz am Bindermichl, wo die Besatzungsmacht vier Häuser­ blocks für die Unterbringung von Militärpersonal, ehemalige Häftlinge und DP's beschlagnahmte. Für die ausquartierten Personen musste die Stadtverwaltung notdürftige Unterkünfte beschaffen. Wenn auch in der unmittelbaren Nachkriegsphase die Zahl der Vertriebenen in Oberösterreich von den DP's bei weitem übertroffen wurde, so führte deren Rückführung durch die Alliierten mit Hilfe der internationalen Organisationen UNRRA und IRO sehr rasch zu einer Umkehr der Verhältnisse. Dabei sollte an­ gemerkt werden, dass beide Organisationen den Heimatvertriebenen keinerlei Unterstützung gewährten, sondern sich ausschließlich um die DP's kümmerten. 1945 war die offizielle und von den Besatzern vorgegebene Stimmung im ganzen Lande gegenüber den Vertriebenen eine eher feindliche. Diese Stimmung fand aber unter der Bevölkerung, vor allem im ländlichen Bereich, keine Resonanz. Zwar hieß es noch 1945 in einer Broschüre: „Drei Monate Aufbauarbeit der pro­ visorischen Staatsregierung der Republik Österreich” auf Seite 10: „Vom Norden her, aus der Tschechoslowakei sollen laut Bericht der Sicherheitsdirektion nach Niederösterreich allein an die 300.000 deutschsprechende Tschechoslowaken in primitiver Kleidung und ohne Geld und Nahrungsmitteln, kurz als Bettler, ins Land gekommen sein. Dem Vernehmen nach sind auch nach Oberösterreich nicht weniger deutschsprechende Tschechoslowaken eingebrochen”. Man merkt hier deutlich die kommunistische Diktion zu dieser Frage. Sie setzte sich auch in Parlamentsdebatten im Jahr 1946 fort. Aber die beiden Großparteien distanzier­ ten sich deutlich von dieser Linie und versuchten, im Rahmen ihrer von den Al­ liierten gelassenen Spielräume, die größte Not zu lindern. Doch die Regierungsgewalt lag bei den Siegern und in Österreich galt ab 4. Juli 1945 das 1. Alliierte Kontrollabkommen, worin im Art. 8b. „Die Trennung Öster­ reichs von Deutschland zu verwirklichen” eine der Hauptaufgaben war. In Deutschland selbst galt bis 17. 10. 1947 die Direktive 1067, eine Weisung der Ver­ einigten Stabschefs an den Oberkommandierenden der amerikanischen Besat­ zungsstreitkräfte in Deutschland. Darin war im Punkt 4b der folgenschwere Satz niedergelegt: „Deutschland wird nicht besetzt werden zum Zwecke der Befrei­ ung, sondern als eine besiegte Feindnation”. Unter diesem Szenario und in diesen Wochen und Monaten befanden sich Hun­ derttausende Sudetendeutsche auf der Flucht oder wurden durch die bis Spät­ sommer dauernde „wilde Vertreibung” heimatlos, brotlos, staatenlos und zum Freiwild einer entfesselten Hetze in der wieder gegründeten Tschechoslowakei. Schließlich wurden über 3 Millionen vertrieben, wobei rund eine Viertelmillion


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Opfer zu beklagen waren. Wie viele Sudetendeutsche sich bei Kriegsschluss in Oberösterreich befanden, lässt sich nur schwer angeben, doch es dürften mit Si­ cherheit über 40.000 gewesen sein. Endgültig fanden in unserem Bundes­

land rund 29.500 Aufnahme und 25.061 mussten aufgrund der alliierten Forderungen das Land verlassen. In den verschiedenen Ausweisungsbe­

Sudetendeutsche auf der Flucht

fehlen über den Abtransport hieß es, dass „Sie unbedingt mit Ihrer gesamten Familie (Frau und Kinder) teilzunehmen haben. Der Abtransport ist ein zwangsweiser und werden Sie im Weigerungsfalle durch Gendarmerie bzw. Polizeiorgane vorgeführt”. In ganz Österreich verblieben, nachdem die Ver­ treibung abgeschlossen war, rund 140.000 Sudetendeutsche. Bis März 1947 waren von der Abschiebung aus Österreich in die amerikanische Be­ satzungszone Deutschlands insgesamt 118.000 Sudetendeutsche betrof­ fen. Von der Militärregierung wurden einige Anweisungen an die oberösterreichi­ sche Landesregierung erlassen, die sich mit einem befristeten oder auch unbefri­ steten Aufschub der Umsiedlung nach Deutschland befassten. Gesuche um Befreiung oder Aufschub von der Umsiedlung der Vertriebenen nach Deutsch­ land wurden von einem gemischten amerikanisch­österreichischen Prüfungsaus­ schuss behandelt. Diejenigen Volksdeutschen (auch Siebenbürger,


61 Donauschwaben u. a.), deren Anträge positiv erledigt wurden, erhielten dann zumeist von den Bezirkshauptmannschaften unbefristete Aufenthaltsgenehmi­ gungen. Ende Juli 1947 besaßen in der amerikanischen Besatzungszone (für das Mühlviertel liegen keine Angaben vor), bereits über 21.000 Sudetendeutsche ein unbefristetes Aufenthaltsrecht, während nur 8.000 Volksdeutsche aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien u. a. Staaten eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hatten. Schon am 17. Januar 1946 hatte Landeshauptmann Dr. Gleißner dem Au­ ßenministerium seine Vorstellung über den Verbleib von Vertriebenen mitge­ teilt, worin es hieß: „Die Landesregierung ist der Ansicht, dass für eine dauernde Aufnahme nur solche Volks- und Sudetendeutsche in Betracht kommen, von denen Österreich wirklich einen fühlbaren Gewinn hat. Hierbei würde es sich um jene Berufsgruppen handeln, an denen in Österreich immer Mangel geherrscht hat, z.B. Hüttenarbeiter, Facharbeiter der ehemaligen Bijouterie und Spielwarenindustrie oder in der Landwirtschaft als Stallpersonal, das für die Aufrechterhaltung der Ernährung deshalb notwendig ist, weil deren Ersatz aus inländischen Landarbeitern in absehbarer Zeit nicht gefunden werden kann”... Bereits 1946 zeichnete sich sehr deutlich ab, welche Gruppe der Vertriebenen für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung dringend benötigt werden. Als Ersatz für die reichsdeutschen Fachleute der Eisen­ und Hüttenindustrie ­ sie mussten auf Veranlassung der Alliierten Österreich unmittelbar nach Kriegsende verlassen ­ kamen aus dem Stammpersonal der Witkowitzer Eisenwerke, der Poldi­Hütte in Kladno, und anderen eisenverarbeitenden Betrieben knapp eintausend Sudeten­ deutsche, angefangen von leitenden Mitarbeitern, bis zu den dringend benötig­ ten Ofenbauern. Darüber hinaus waren es noch zahlreiche Unternehmer mit ihren Facharbeitern der Gablonzer Industrie, der Textilindustrie und anderen Wirtschaftzweigen, die in den ersten Nachkriegsjahren das Exportgeschäft maß­ geblich ankurbelten. Soweit nicht Einbürgerungen wegen betriebsnotwendiger Arbeitskräfte schon Ende der 40er Jahre stattfanden, kam das Ende der Diskrimi­ nierungen, die mit der Staatenlosigkeit verbunden waren, mit dem Optionsge­ setz vom 2. Juni 1954. Auch dabei hatten die Sudetendeutschen gegenüber den Vertriebenen aus den anderen ehemaligen Heimatländern ein bedeutenden Vor­ sprung. Im Mai 1951 hatte bereits die Hälfte der Sudetendeutschen die österrei­ chische Staatsbürgerschaft und zum Zeitpunkt des Optionsgesetzes waren es drei Viertel. Doch das erste Jahrzehnt in Österreich war für alle Vertriebenen ein Jahrzehnt harter Arbeit, zumal buchstäblich alles nach­ und neu beschafft wer­ den musste, wobei die Nachwirkungen der Mangelerscheinungen aus der Kriegszeit noch wirksam waren. Wie unsicher und vorerst ohne Perspektive die Situation für die Vertriebenen


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

aus dem einst industriereichsten Teil der ehemaligen Monarchie war, charakteri­ siert eine am 4. Juli 1945 von der Militärregierung herausgegeben und in den OÖ­Nachrichten veröffentlichte Mitteilung bezüglich der Weiterführung der ehemaligen Hermann­Göring­Werke. Da ließ der zuständige Offizier der US­Mi­ litärregierung Lt. Col. H.B. Engseth die Oberösterreicher wissen: „Was mit den Göring-Werken und der anderen Rüstungsindustrie wird, kann heute noch niemand mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen ... Soviel aber ist sicher, dass ein Teil der Anlagen weitergeführt oder wieder in Gang gebracht werden wird. Zweck dieses Aufbaues ist es, den Bedarf der amerikanischen Besatzungsmächte zu decken und dann die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Dementsprechend werden dann auch jene Teile des Werkes aufgebaut, die nötig sind, in Österreich die Kriegsschäden zu beheben und die Wirtschaft in Gang zu bringen ... Dies gilt in erster Linie von den Stickstoffwerken, die Kunstdünger für die heimische Landwirtschaft erzeugen werden”. Abgesehen von den unsicheren Eigentumsverhältnissen des „Deutschen Eigen­ tums”, waren viele Betriebe ohne verantwortliche Leitung, sodass die Staatsre­ gierung am 10. 5. 1945 mit Gesetz die Einsetzung öffentlicher Verwalter verfügte, die jedoch den Besatzungsmächten verantwortlich waren und nur solange im Amt bleiben sollten, „bis die Besatzungsmächte über deren Belassung, Vertretung oder Abberufung eine Entscheidung getroffen haben”. Mit Beginn der systematischen Ent­ nazifizierung in der US­Zone ab Juli 1945 wurden zahlreiche Inhaber und leiten­ de Angestellte von Industriebetrieben verhaftet und sehr oft durch wenig sachkundige „Stellvertreter” ersetzt. Es dauerte bis 26. Juli 1946 bis das erste Ver­ staatlichungsgesetz beschlossen wurden, das einigermaßen Klarheit in die offe­ nen Eigentumsverhältnisse brachte. Die US­Militärregierung hatte immerhin schon vorher, nämlich am 16. 7. 1946 die VÖEST ­ Vereinigte Österreichische Ei­ sen­ und Stahlwerke AG. (ehemals Hermann­Göring­Werke) ­ und 280 andere Betriebe in ihrer Zone der österreichischen Bundesregierung zur treuhänderi­ schen Verwaltung übergeben. Mit diesem Akt war in vielen oberösterreichischen Betrieben, die als „Deutsches Eigentum” galten, Klarheit geschaffen und die darin beschäftigten Vertriebenen waren damit der Sorge um den Weiterbestand ihres Arbeitsplatzes enthoben. Die zweite große Gruppe der heimatlosen Sudetendeutschen waren die Gablon­ zer, die aber nirgends in Oberösterreich Ansatzpunkte für neue Betriebe vorfan­ den und daher nach neuen Standorten suchen mussten. Sie haben sich dann in der Hauptsache in Linz, Enns, Steyr und Kremsmünster niedergelassen. Bei der organisierten Vertreibung durch die Tschechen, wurden die Transporte in die verschiedensten Teile Deutschlands dirigiert. Nach dem Plan der Vertreiber soll­ ten die alten gewachsenen Strukturen zerschlagen oder zumindest auseinander


63 gerissen werden, um einen Neuanfang dieses Zweiges nach Möglichkeit zu ver­ hindern oder zumindest enorm zu erschweren. Es hat dann auch etliche Jahre gebraucht, bis die Gablonzer in einigen Städten oder in deren Nähe sich zu grö­ ßeren Gruppen fanden und bald auf ihren wirtschaftliche Wiederaufstieg zu­ rückblicken konnten. Die dritter Gruppe von Vertriebenen war in den verschiedensten Wirtschafts­ zweigen tätig. Die neu entstandene Brillenindustrie, bisher in Oberösterreich überhaupt nicht vertreten, aber auch Glasindustrie, Bereiche der Textilindustrie und anderer Wirtschaftszweige ermöglichten eine rasche Integration der Sude­ tendeutschen, sodass noch mehr als ein halbes Jahrhundert später Landeshaupt­ mann Dr. Josef Pühringer bei einer wissenschaftlichen Enquete im Ursulinenhof, am 8. Juni 1999, diese Tatsache ausdrücklich erwähnte. Er führte dabei aus: „Erstens ... Rund 30.000 Sudetendeutsche, Karpatendeutsche, Böhmerwälder und andere Vertriebene aus der ehemaligen Tschechoslowakei haben in Oberösterreich eine neue Heimat gefunden. Die Geschichte dieser Menschen ist deshalb auch zur Landesgeschichte geworden. Das Bundesland Oberösterreich versteht sich daher auch als Vertreter dieser Landesbürger. Zweitens hat Oberösterreich diesen Vertriebenen viel zu verdanken. Die Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu uns gekommen sind, hatten zwar materiell alles verloren. Was man ihnen aber nicht nehmen konnte, waren ihr Überlebenswille, ihr wirtschaftliches Know-how und vor allem ihr Fleiß. Das haben sie in ihrer neuen Heimat vom ersten Tag an neu eingebracht und haben so zum Wiederaufbau Oberösterreichs wesentlich beigetragen. Um die Bedeutung der Vertriebenen beim Aufbau unseres Landes zu verdeutlichen, möchte ich die Stadt Enns als Beispiel herausgreifen: In Enns ist mit Neugablonz nicht nur ein eigener Stadtteil entstanden, dort wurde auch die ehedem in Gablonz ansässige Schmuckwarenindustrie neu aufgebaut. Es wurden Arbeitsplätze für viele tausend Menschen geschaffen. Heute ist die Gablonzer Genossenschaft in Enns mit 60 Betrieben, rund 1.000 Mitarbeitern und 800 Millionen Umsatz der größte Arbeitgeber in dieser Stadt. Dieses Beispiel zeigt deutlich, was die Vertriebenen in unserem Lande geleistet haben. Sie sind zu einem Teil der Erfolgsgeschichte Oberösterreichs geworden und haben mitgeholfen, es zu einem Land der Arbeit und des Wohlstandes zu machen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.”


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Führende sudetendeutsche Mitarbeiter in der Aufbau­ phase der VÖEST Die größten Schäden von allen Industriebetrieben in Oberösterreich hatte die VÖEST AG zu verzeichnen. Über 6.500 Bomben waren auf die Betriebsanlagen gefallen und sie glichen auf den ersten Blick einem „jammervollen Industrie­ friedhof”, wie es der damalige Bürgermeister Dr. Koref ausdrückte. Neben den materiellen Schäden war es nicht minder schwierig, die aus verschiedenen Grün­ den entstehenden Personallücken zu schließen. Waren noch Ende 1944 16.000 Arbeiter, 3.500 Kriegsgefangene und 3.000 Angestellte im Werk beschäftigt, so war der Beschäftigtenstand zum 31. Mai 1945 auf 1.810 Arbeiter und 2.911 Ange­ stellte, also auf insgesamt 4.721 geschmolzen. Erst allmählich pendelte sich das Verhältnis Arbeiter zu Angestellte ein und zum Jahresende 1946 waren von ins­ gesamt 6.038 Mitarbeitern 5.086 Arbeiter und 952 Angestellte. Instandsetzungs­ arbeiten der Anlagen und Beseitigung der Kriegsschäden standen im Vordergrund. Noch vor der Übergabe des Werkes durch die Besatzungsmacht an die österrei­ chische Regierung wurde der seit 1925 bei der Witkowitzer Eisen­ und Bergbau­ gewerkschaft (Kreis Mährisch­Ostrau) tätige Dipl.­Ing. Fritz Hofman im April 1946 zum technischen Direktor und Generaldirektor­Stellvertreter berufen. Un­ ter seiner Leitung wurden in wenigen Wochen unter schwierigsten Verhältnis­ sen die verschiedenen Produktionen angefahren und gesteigert. Im Juli 1946 wurde ein Teil der Kokerei angefahren und im März 1947 konnte, dank des soge­ nannten Schwedengeschäftes, der erste Hochofen wieder angeblasen werden. Es war ein Kompensationsgeschäft, Roheisen gegen Kokskohle. Damit war der Be­ ginn des Wiederaufbaus nicht nur der Kokerei, sondern der gesamten Hütte ge­ geben. Mit dem Anblasen des Hochofens konnten ca. 18.000 t Gießerei­, Hämatit­ und Stahlroheisen erzeugt werden. Mit dieser Menge wurden die inländischen Gießereien versorgt. Die gleichzeitige Inbetriebnahme des Siemens­Martin­Ofens ermöglichte die volle Auslastung des Walzwerkes. Neben seiner Tätigkeit als technischer Leiter versuchte er ­ im Rahmen der damals nur beschränkten Mög­ lichkeiten ­ aus den vielen Vertriebenen, jene für das Werk zu gewinnen, die be­ reits auf lange Erfahrungen in der Eisen­ und Hüttenindustrie zurückblicken konnten. Seinem Geschick und Erfahrungen in der Eisenindustrie ist es verdan­ ken, dass er innerhalb kurzer Zeit jene Mitarbeiter fand, die wesentlichen Anteil am Aufstieg der VÖEST hatten. Leider ist Fritz Hofmann schon im März 1948 auf eigenen Wunsch ausgeschieden und hat in Amerika ein größeres Betäti­ gungsfeld gefunden.


65 Aber bereits unter seiner Leitung wurden Überlegungen in Richtung eines rohei­ senintensiven Windfrischverfahrens angestellt. Ein kleiner Kreis von Stahlwer­ kern war es schließlich, der das weltweit die Stahlindustrie revolutionierende LD­Verfahren aus der Taufe hob. Vier Männer aus Linz waren maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Dr. Ing. Th. Suess, der aus Weissenbach an der Trie­ sting stammte und seine Ingenieurlaufbahn in den Witkowitzer Eisenwerken be­ gann, Dr. Hubert Hauttmann aus Kammerl am Attersee, lange in Oberhausen bei der GHH tätig und Dr. Ing. Herbert Trenkler aus Königshof im Bezirk Be­ raun in Böhmen, der 1946 als Hüttenfachmann verpflichtet wurde. 1958 wurde er als Ordinarius der Lehrkanzel für Eisenhüttenkunde an die Montanistische Hochschule in Leoben berufen. Mit der Durchführung der Versuche wurde Dr.­ Ing. Rudolf Rinesch beauftragt, geboren in Bismarkhütte in Oberschlesien, früher Stahlwerkschef der Edelstahlwerke in Kladno. Der erste und erfolgreiche Ver­ such der Erzeugung von LD­Stahl fand im Oktober 1949 statt und Ende des Jah­ res 1953 waren es bereits 250.000 Tonnen. Das LD­Verfahren begann seinen Siegeszug um die ganze Welt. Dem Hüttendirektor Dr. Trenkler standen im Stahlwerk zur Seite: Dipl.­Ing Erich Trefil aus Neutitschein und Dipl.­Ing. Walter Ilek aus Tetschen. Für die Lanzeneinrichtung und Zuschlagstoffe war der in Wit­ kowitz geborene Dipl.­Ing. Otto Schwenk tätig, der 26 Patente entwickelte, wo­ von die VÖEST­AG einige übernahm. Am Aufbau der Walzwerke nach 1945 waren mehrere Sudetendeutsche in vor­ dersten Linie tätig, Fachleute, die bereits in ihrer Heimat am Walzwerksektor auf eine erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken konnten. Es war dies der aus Graslitz stammende Dipl.­Ing. Karl Lorenz, dessen Berufslaufbahn 1923 in seiner Eger­ länder Heimat in der Eisenwerk AG Rothau­Neudeck begann. Von 1946 bis 1956 war er als Leiter der Walzwerke federführend am Grundausbau. Seine Haupt­ aufgaben lagen in der Brammen­ und Breitbandstraße sowie dem Kaltwalzwerk und dem Grobblechwalzwerk. Ihm zur Seite als Stellvertreter stand der in Krot­ tenbach geborene und bereits in den Witkowitzer Eisenwerken in der Blechver­ arbeitung erfahrene Dipl.­Ing. Alexander Lovay. Ein weiterer Fachmann für den Walzwerksbereich war der in Witkowitz geborene und seit Beginn seiner Berufs­ laufbahn in den Eisenwerken arbeitende Ing. Fritz Frutschnigg, der schon 1931 den Bau des Witkowitzer Kaltwalzwerks leitete. Nahezu unentbehrlich war ein Teilbereich im Rahmen der Hütte, nämlich die Er­ haltungs­ und Instandsetzungsbetriebe. Dipl.­Ing. Walter Krön aus Grünwald brachte aus Witkowitz zwei Jahrzehnte Erfahrung für diesen Bereich mit. 1949 für Spezialkonstruktionen in der Neubauabteilung eingestellt, wurde er sehr bald Leiter der Maschinenabteilung­Süd und hatte für den störungsfreien Be­


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

triebsablauf der Walzwerke und der Schmiede zu sorgen. Von den sogenannten kleineren Abteilungen war die Leitung des Ofenbaus (jetzt Feuerfestbau) von 1948 bis 1994 in den Händen eines früheren leitenden Mitar­ beiters der Witkowitzer Eisenwerke. Alois Miksch aus Partschendorf, Kreis Neu­ titschein, bis 1961 und später sein in Witkowitz geborener Sohn Ing. Gunther Miksch, waren für alle mit dem Feuerfestbau anfallenden Fragen und Arbeiten einschließlich Arbeitseinsatz verantwortlich, wofür in den 90er Jahren ein durch­ schnittlicher Jahresaufwand von 450 Millionen Schilling betriebsnotwendig war. Ebenso waren in den Finalbetrieben wie Gießerei, Schmiede und Kranbetrieb ei­ ne Reihe von Meistern sudetendeutscher Herkunft, vor allem aus Witkowitz be­ schäftigt. Auch im kommerziellen Bereich standen zwei Sudetendeutsche an der Spitze der VÖEST­AG: Der langjährige Vorsitzer des Aufsichtsrates Dr. Othmar See­ feldner aus Komotau, gleichzeitig Generaldirektor der Oberösterreichischen Lan­ desbrandschaden Versicherungs­AG. Dr. Seefeldner wurde 1959 zum Vorsitzer des Aufsichtsrates bestellt und 1967 in den Aufsichtsrat der ÖIG (Österreichische Industrieverwaltungs­Gesellschaft) gewählt, wo er bis 1976 beide Positionen aus­ übte. In den Aufbaujahren der VÖEST war Rudolf Lukesch aus Grulich im viergliedri­ gen Vorstand für den Verkauf verantwortlich. Bereits 1952 Verkaufsdirektor, war er ab 1959 bis 1967, als er auf einer Dienstreise tödlich verunglückte, Mit­ glied des Vorstandes. Unter seiner Patronanz wurde der Industrieanlagenbau aus der Taufe gehoben und als erstes Großprojekt das LD­Werk in Rourkela in Indien errichtet. Neben vielen anderen Vertriebenen im kommerziellen Bereich sticht Dkfm. Jo­ hann Gizycki heraus. Nach dem Aufbau der Hollerithabteilung mit gleichzeiti­ gem Aufbau der Organisationsabteilung und später der Revisionsabteilung wurde er 1951 Leiter der Betriebswirtschaft und Betriebsabrechnung mit über­ greifenden Aufgaben in den Verkauf. Schließlich wurde er 1967 mit der Ver­ kaufsleitung des Bereiches Hütte betraut. Seinen Weg vom Ferialpraktikanten zum Vorstandssprecher in der VAI (VÖEST­ Alpine­Anlagenbau) machte der aus Krummau stammende Dr. Gerald Fröhlich. Als Dr. Fröhlich in den Anlagenbau 1960 eintrat, war diese Abteilung nur ein kleines Rädchen im Verhältnis zum Gesamtgeschehen des Unternehmens. In vier Jahrzehnten errichtete der Industrieanlagenbau in 49 Hüttenwerken auf al­ len Kontinenten 170 LD­Tiegelanlagen, das waren bis dahin 30% aller weltweit installierten LD­Tiegel.


67 Auch im Arbeiterstand waren die Volksdeutschen, aber vor allem die Sudeten­ deutschen stark vertreten. Von den 8105 Arbeitern Ende 1948 waren 1854 nichtö­ sterreichische Arbeitskräfte und davon 1570 Vertriebene aus der ehemaligen Monarchie. Unter den Volksdeutschen wie Donauschwaben, Siebenbürger Sach­ sen u. a. stellten jene Sudetendeutschen, die noch staatenlos waren, 52,5%. Eine regionale Aufteilung ergab: 55% stammten aus dem südböhmischen Raum, vor allem aus den Bezirken Kap­ litz und Krummau; 18% aus dem Eisenhütten­ und Kohlengebiet Mährisch­ Ostrau­Karwin und den Witkowitzer Eisenwerken und 27% aus den übrigen Ge­ bieten von Böhmen, Mähren und Schlesien. Nachdem die Unternehmensleitung sehr bald erkannte, dass die Eingliederung der Vertriebenen aufgrund ihrer mitgebrachten Kenntnisse leichter war als man dachte und als die Allgemeinheit sehr bald erkannte, dass hier etwas gutzuma­ chen war, bemühte sich auch das Unternehmen um eine baldige Einbürgerung. Die Integration von fast 20% Flüchtlingen und Vertriebenen in der VÖEST­Be­ legschaft gehört zu jenen kaum gekannten Erfolgsgeschichten der Nachkriegzeit.

Der Aufstieg der Gablonzer in Oberösterreich In den Jahren 1945/46 wurde der Großteil der Gablonzer in das zerschlagene Restdeutschland vertrieben. Sie hatten dort genauso wie in Österreich unter den denkbar primitivsten Verhältnissen versucht, ein neues Leben zu beginnen. Eine kleine Gruppe vertriebener Gablonzer trafen sich im Herbst 1945 in Linz und schmiedeten die ersten Ansiedlungspläne im Raum von Bad Ischl, wo sich später die Karlsbader Moser­Glas­Mitarbeiter niederließen. Der Standort Bad Ischl war aber nicht realisierbar, dafür konnte mit Hilfe des Gablonzers Karl Kundlatsch erstmals im Auersperg´schen Schloss in Losenstein Fuß gefasst werden. Und bereits zu Weihnachten 1945 begann man Christbaumschmuck und andere typische Gablonzer Waren aus Altmaterial herzustellen. Männer wie Bernhard Wagner, Herbert Ehmig und der Schlossermeister Rudolf Weiß waren treibende Kräfte bei der Gründung einer Genossenschaft, die am 3. Juli 1947 mit einem Gründungskapital von 7.000 Schilling und 35 Gründungsmitgliedern an die Öf­ fentlichkeit trat. 1945/46 lag aber noch vieles im Ungewissen. Doch bald kristal­ lisierten sich die Standorte der zukünftigen Betriebsstätten heraus. Es sollten sich Enns, Kremsmünster, Linz und Steyr zu Zentren der Gablonzer Betriebe ent­ wickeln und es auch für die folgenden Jahrzehnte bleiben. Während Kremsmün­ ster immer mehr der Mittelpunkt der Glaskurzwarenerzeugung wurde, blieb vorerst Losenstein der Sitz der Metallschmuckwarenerzeugung. Weder da noch


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dort war genügend Platz für die neu angekommenen Gablonzer in Österreich, die im Ausland und in der alten Heimat die Nachricht erhielten, dass es hier zu Neugründungen bzw. einem bescheidenen Aufbau neuer Betriebe gekommen sei. Bedingt durch die örtliche Zersplitterung war es auch anfangs nicht möglich, gleich eine einheitliche Organisation zu schaffen. In den wahrhaft primitivsten Unterkünften regte sich bald neues Leben. Als wichtigste Aufgabe erschien den Gablonzern vorerst die Schaffung von Arbeits­ stätten. Die meisten waren ja mit nichts anderem als nur mit ihrem Können und ihrer Erfahrung nach Österreich gekommen. Mit den primitivsten Werkzeugen und Halbfabrikaten wurden die ersten Schmuckstücke hergestellt. Bei dem Wa­ renhunger im Inland fanden diese genügend Absatz. Der Versuch, die alten Aus­ landsverbindungen aufzunehmen, scheiterte zunächst an der Qualität der Erzeugnisse. Die Konkurrenz des Auslandes hatte einen enormen Vorsprung. Dort gab es nicht nur gut ausgestattete Werkstätten, sondern auch das benötigte Vormaterial, um gediegene Erzeugnisse herzustellen. Es zeigte sich, dass man doch nicht imstande war, aus amerikanischen Konservenbüchsen Schmuck­ stücke herzustellen, die auf den Auslandsmärkten der Konkurrenz die Stirn bie­ ten konnten. Weder die Gablonzer Erzeuger noch ihre Exporteure hatten Gelegenheit, den Geschmack des Auslandes kennen zu lernen. Sechs Kriegsjahre lagen dazwischen. Auch Modezeitschriften waren nicht zu bekommen. So schien es noch im Jahre 1947 fast hoffnungslos, wieder Auslandsaufträge hereinzube­ kommen. Dazu kam im Dezember 1947 die Währungsreform. Das Inlandsge­ schäft brach fast zusammen. Viele Betriebe, die so mühsam aufgebaut worden waren, hatten kaum Aufträge. Es gab nur wenige, die noch glaubten, weiterexistieren zu können. In dieser trostlosen Zeit besuchte der Handelsminister die damaligen Zentren Losenstein und Kremsmünster; er versprach eine bessere Versorgung. Die Gablonzer Indu­ strie erhielt nun, durch das Handelsministerium unterstützt, die Möglichkeit, die so notwendigen Rohstoffe und Halbfabrikate für die Erzeugung, wie Tombak­ blech, Fischsilber und Glas einzuführen. Auch der Stand an Werkzeugen konnte wesentlich verbessert werden. Dadurch war der Anstoß und die Grundlage für ein im Export erfolgreiches Handeln gegeben. Auch die Exporteure der Gablon­ zer Waren versuchten nun mit neuen Mustern aus österreichischen Betrieben bei den alten Abnehmern wieder Fuß zu fassen. Es kamen sogar alte Kunden in die wenig repräsentativen Betriebe. Durch sie lernte man sehr rasch den Modetrend der internationalen Käufer kennen und fand so Anschluss an den Weltmarkt. Von 1949 an ging es in raschem Tempo aufwärts. Die Exportziffern stiegen von Monat zu Monat. Bald konnten auch österreichische Arbeitskräfte eingestellt


69 werden. So war es nur eine Frage der Zeit, als man mit den alten Barackenwerk­ stätten kein Auslangen mehr fand und sich nach besseren Werkstätten umsah. Die Jahre nach der Gründung der Genossenschaft in Enns sind eine Erfolgsge­ schichte, wie kaum eine in der Wirtschaftsgeschichte bei einer derartigen Aus­ gangspositionen zu finden sein wird. Etwas mehr als ein Jahr nach der Gründung stieg die Zahl der Genossenschaftsmitglieder auf 100. 1953 zählte die Genossenschaft bereits 178 Mitglieder, davon allein 168 in Oberösterreich. Und 1956 waren es bereits 201, davon allein 180 in Oberösterreich. 1956 waren laut Mitgliederverzeichnis an den wichtigsten Standorten folgende Zahl an Betrieben angesiedelt: Enns Steyr Linz Kremsmünster

53 26 42 34

Ein Bericht anlässlich der Mitgliederversammlung der Genossenschaft 1950 von Erwin Friedrich (er war später über zwei Jahrzehnte Landesinnungsmeister der „Innung der Erzeuger von Waren nach Gablonzer Art“) verdient hier festgehal­ ten zu werden: "Es geht uns wie einen Riesen, der nicht wusste, wie stark er war. Erst durch die Vertreibung und den schweren Aufbau erkannten wir unsere Kräfte. Mit nichts fingen wir an und arbeiteten uns in vier Jahren zu einem wirtschaftlichen Faktor“. In der Geschichte der Stadt Enns (1996) schrieb Willibald Katzinger über die An­ siedlung der Gablonzer einen Beitrag, in dem die Situation zwischen Dankbar­ keit und Neid charakterisiert wird: "Wenn ein Thema bis heute in Enns weitgehend tabu ist, dann ist es die Geschichte über die Anfänge der Gablonzer Industrie in der Stadt. Das Schweigen hat gewiss mehrere Ursachen. Eine davon liegt sicher darin, dass fremde Menschen in die Stadt gezogen und innerhalb kürzester Zeit scheinbar zu Wohlstand gelangt sind, obwohl sie mit Nichts begonnen hatten. Ihre Steuern haben der Stadtgemeinde einen Reichtum verschafft, der seit dem Mittelalter nicht mehr bekannt gewesen ist. Das Schlimme daran war, dass man ihnen neben dem durchaus verständlichen Neid auch noch dankbar sein zu müssen glaubte“. Und zum Problem der ungeliebten Heimarbeit der Frauen, die aber in Ermange­ lung von Frauenarbeitsplätzen sehr begeht war, heißt es in der gleichen Publika­ tion: „Vom sozialistischen Standpunkt aus war Heimarbeit, wie sie die Gablonzer anboten nicht ideal, aber sie brachte doch 3 Schilling pro Arbeitsstunde, zu einer Zeit als


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die Gemeinde Baugründe um 4 Schilling pro Quadratmeter angeboten hat“. Weitere Betriebe befanden sich in Wels, Gmunden, Bad Hall, Pfarrkirchen bei Bad Hall und anderen Orten Oberösterreichs. Um den Bedarf an Rohmaterial si­ cherzustellen wurde 1951 die „Gablonzer Glashütten Ges.m.b.H.” in Rohr bei Kremsmünster gegründet, die bereits im Mai 1952 in Betrieb ging. Mit der Be­ triebsführung wurde ein alter Gablonzer Glasexperte mit jahrzehntelanger Er­ fahrung betraut, der von Frankreich wieder nach Österreich geholt wurde. Jedenfalls wurde mit dieser Hütte ein großer Schritt zur Beseitigung der damali­ gen Engpässe an Vormaterial getan. Aufgrund des kontinuierlichen Wachstums von Produktion und Export hatte die Genossenschaft 1975 in Enns eine Ausstellungshalle errichtet, in der eine perma­ nente Musterschau untergebracht wurde. Allein 131 oberösterreichische Betriebe hatten 1974 ein Exportvolumen von über 700 Millionen Schilling erreicht. 1980 berichtete der Obmann der Genossenschaft, dass der Export eine Milliarde Schil­ ling überschritten hatte und von der Gesamtproduktion etwa 10% am Inlands­ markt verblieben sind. Die Zeit des Aufstiegs und die Blüte der Gablonzer Schmuckwaren ist in den 80er Jahren zu Ende gegangen. Heute stehen die verbliebenen Gablonzer Betrie­ be in hartem Konkurrenzkampf mit den Anbietern der Billiglohnländer, die zu­ dem vieles kopieren und zu Dumpingpreisen ihre Waren auf den Markt bringen. Viele dieser Betriebe haben sich anderen Produktionszweigen zugewandt. Zu den Anbietern gehören auch Firmen aus Tschechien, die versuchen, unter dem Titel „Waren aus Gablonz” auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Unbeschadet der Strukturänderungen in der Modeschmuckbranche während der letzten beiden Jahrzehnte, haben sich die Vertriebenen aus Gablonz aus eigener Kraft aus den Tiefen des Zusammenbruches von 1945 emporgearbeitet und verzeichneten dar­ über hinaus einen beachtlichen Anteil am oberösterreichischen Gesamtexport. Abschließend kann man sagen, dass die Gablonzer nicht nur anfänglich mittel­ los waren, sie zählten wie alle Sudetendeutschen zu den eindeutigen Verlierern des Zweiten Weltkrieges, wenn wir nur von den Überlebenden und nicht von Toten, den Getöteten und Ermordeten sprechen. Als Sudetendeutsche und damit Deutsche schlechthin wurden sie auf Grund des Artikel XIII der Potsdamer Er­ klärung zur „ethnischen Säuberung“ mit Billigung der Siegermächte freigege­ ben, deutlicher gesagt handelte sich in diesem Fall (nach Ermarco und anderen Völkerrechtlern) eindeutig um Völkermord.


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Die Brillen­ und Kunststofftechnik Dieser heute in Oberösterreich florierende Wirtschaftzweig war bei Kriegsende im Lande ob der Enns völlig unbekannt. Ein halbes Jahrhundert nachdem Wil­ helm Anger aus Schmiedeberg (Erzgebirge) seine ersten Schweißbrillen auf der 1. Wiener Frühjahrsmesse verkaufte, veröffentlichte im März 1998 das Wirt­ schaftsblatt einen Artikel unter dem Titel „Das Erbe der Brüder Anger” und schrieb in der Einleitung: „Das Kremstal ist das Silicon Valley der Kunststoffindustrie: Wie sonst nirgends in Europa treiben sich hier Hersteller von Werkzeugen und Maschinen für die Kunststoffindustrieverarbeitung zum technischen Höhenflug. Den Grundstein für diesen „Cluster” legten vor 50 Jahren die heute noch aktiven Brüder Anton und Wilhelm Anger”. Sechzehn Betriebe werden da genannt, die entweder auf Anger­Erfahrungen ihre Betriebe gründeten oder selbst bei Anger ihr Know­how erwarben. Doch vor dem Kunststoff waren die Brillen. Der Anfang 1947 aber war ein Autogen­Fluß­ mittel mit Namen „Amulit”, das in Bad Hall in einem alten Feldküchenkessel er­ zeugt wurde. Der erster Mitarbeiter von Wilhelm Anger war Arnold Schmied aus Braunseifen bei Römerstadt (Nordmähren), sein späterer Schwager und Gründer der international bekannten Firma „Silhouette”. Die Erzeugung von Schweißbrillen begann Mitte 1948 in Bad Hall. Eine Auswei­ tung der Erzeugung in dem Kurort wurde Anger verwehrt und so verlegte er seinen Standort nach Traun, wo er in einer 35 Meter langen alten Wehrmachtsba­ racke seine Produktion aufnahm. Bald nach der Schweißbrille wurde die so ge­ nannte Krankenkassabrille ins Programm aufgenommen und damit eine Entlastung der Importbilanz erreicht. 1951 wurden die ersten hochwertigen Bril­ lenfassungen aus Cellulose­Nitrat und Metallen hergestellt. Nachdem der heimi­ sche Markt gesättigt war, wurde der Export in Angriff genommen. Und „Viennaline ­ Brillenmode aus Wien” wurde zu einem festen Begriff in der inter­ nationalen Brillenbranche. 1953 erfolgt der erste Schritt in Richtung modischer Brille ­ es beginnt die Ferti­ gung von Doublé­ und Goldbrillen. 1954 wurde im Hause Anger erstmalig in der gesamtem Brillenbranche industrielles Design für die Formengebung der Brillen eingesetzt. Es war damit der Anstoß zu einer weltweiten Aufwärtsent­ wicklung in der Brillenindustrie gegeben, welche im Hause Anger erkannt und zielstrebig verfolgt wurde. Es ist der Startschuss vom reinen Sehbehelf zum mo­ dischen Accessoire.


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1955 und in den Folgejahren findet ein weiterer Ausbau der Marktgeltung und Schaffung zusätzlicher Marken neben den bereits etablierten Viennaline­Produk­ ten statt. 1956 kommt die Schibrille der Marke CARRERA auf den Markt, welche zu den meistverkauften Schibrillen gehört. Das neue Jahrzehnt mit dem Jahr 1960 bringt den Beginn eines neuen Konzeptes. Anger versucht die Brillenfertigung von der Rohstoff­ und Erzeugungstechnolo­ gie auf eine neue Basis zustellen. Die bisherigen Fertigungstechniken waren ge­ kennzeichnet durch hohe Lohnintensität und lange Lieferfristen des Rohmaterials, das waren Cellulose­Azetat­Platten, welche in der spanabheben­ den Fertigungsweise mit bis zu 60 einzelnen Arbeitsgängen pro Brille verbunden waren. Aber noch waren keine Patentlösungen gefunden. Das war auch der Grund, dass sich Wilhelm Anger mit den bisherigen Erfolgen nicht zufrieden gab. Der damals bereits so zukunftsträchtigen Kunststoffindu­ strie galt sein besonderes Interesse. Schon bald hatte er entdeckt, woran es die­ sem Industriezweig mangelte. Es gab Rohstofflieferanten, Maschinenhersteller und Kunststofferzeuger. Gerade letztere verloren viel Zeit, ehe sie das marktreife Produkt herstellten und lieferten. Inzwischen wurde 1953 die „Wilhelm Anger Kunststoffwerk Ges.m.b.H.” ge­ gründet, die einige Jahre später verkauft wurde. In die Zeit der Gründung der Rohrfabrik (1953) fällt auch der Beginn des Kunststoffmaschinenbaues mit der Entwicklung neuer Extrudertypen. Erster Höhepunkt war die Vorstellung eines Extruders auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse 1959. Während bisher die Pro­ duktion vom Pulver über das Granulat erfolgte, konnten die neuen „Anger­Ex­ truder“ direkt von Pulver ausgehen und so einen Produktionsvorgang überbrücken. 1962 beschäftigte das Unternehmen bereits 50 Mitarbeiter im Ex­ truderbau und die Brillenfertigung in Traun musste Betriebsflächen an die Ex­ truderfertigung abtreten. 1963 wurde in Micheldorf eine Halle angemietet, in die schließlich die Erzeugung der Kunststoffmaschinen verlegt wurde. Am Produk­ tionsprogramm standen Schnecken, Zylinder, Formdüsen für Kunststoffmaschi­ nen u. a. m. Unmittelbar nach der Kunststoffmesse 1959 in Düsseldorf wurde die „Anger Plastik Maschinen Ges.m.b.H“ in München gegründet und fast gleichzeitig die „Artplast Kunststofferzeugung“ in Hutthurm bei Passau gekauft. Die Expansion setzte sich mit der Errichtung eines Betriebes für die Erzeugung von Azetatbril­ len in Irland „auf der grünen Wiese“ fort. Im irischen Betrieb waren über zwei hundert Mitarbeiter beschäftigt. 1962 wurde in Micheldorf auf einen rund 25.000 m2 großen Grundstück eine Fabrikshalle für die Fertigung von Extrudern und


73 Extruderteilen errichtet. 1963 kaufte Anton Anger in Wien XIV ein Grundstück, errichtete darauf ein Fa­ briksgebäude und übersiedelte mit der gesamten Trauner Maschinenabteilung 1964 nach Wien. Dort wurden 500 Mitarbeiter beschäftigt. Das Hauptgeschäft lag beim Export in den Comecon­Raum und in die USA. 1964 ist das Geburtsjahr der eigentlichen Optyl­Entwicklung als neuen Rohstoff­ und Erzeugungsbasis für die Brillenindustrie. Was ist Optyl? Optyl ist ein Epo­ xydharz, welches nach mehr als vierjähriger Forschung­ und Entwicklungsarbeit so modifiziert werden konnte, dass es den Ansprüchen, welche an ein modernes Brillenmaterial gestellt wurde, gerecht werden konnte. Es war darüber hinaus besonders geeignet, den Trend der Brille zu modischen und kosmetischen Acces­ soirs zu unterstützen. 1967 wurde ein Epoxydharz zum Patent angemeldet und schließlich erfolgte im September 1968 die offizielle Vorstellung des Resultates der OPTYL ­ Entwicklung durch Wilhelm Anger vor österreichischen Optikern persönlich. Optyl ­ Brillen eroberten sich unter dem Markennamen VIENNALI­ NE und SAPHIRA sehr rasch den Markt für besonders modische Brillen. Ein Jahr später entstand in Zusammenarbeit mit dem Haus „Christian Dior“ die Bril­ lenkollektion „Lunettes Christian Dior“ Im April 1968 wurde in Wien die „Kunststofftechnik Wilhelm Anger OHG“ ge­ gründet. Als Gegenstand des Unternehmens wurde die fabrikmäßige Erzeugung von Brillen, Kunststoffartikeln und Maschinen für die Kunststoffverarbeitung angeführt. Diese Firma ging allerdings im Zuge der Strukturbereinigung im März 1974 in die „Wilhelm Anger OHG & Co. KG in Traun ein. Die „Kunststoff­ technik“ erwarb in Wien ­ Stadlau ein 42.000 m2 großes Grundstück auf dem ei­ ne moderne Brillenfabrik errichtet wurde. Ziel dieses Unternehmens war es auch, komplette Brillenanlagen zu planen und zu verkaufen. Der Höchststand an Mitarbeitern in Stadlau war 300. Ab 1970 produzierten dort etwa 150 Mitar­ beiter Korrektionsbrillen aus dem neuen Werkstoff Optyl. Eine weitere Betriebsgründung im Jahr 1971 betraf den deutschen Markt. Es kam zur Gründung der „Lightline Gmbh. & Co. Vertriebs KG“ in Berlin. Es folgte 1972 in Kanada die Errichtung einer Optylfabrik, die 1972 als „Optyl Ldt. Or­ mocto“ mit 140 Mitarbeitern die Produktion aufnahm. Im März 1975 wurde mit Jugoslawien ein Kooperationsvertrag und zwar mit der Firma „Tovarna Plostic­ nih“ abgeschlossen. An dieser Firma war Anger mit 40% beteiligt. Das Unternehmen expandierte in den 70er Jahren und hatte 1978 einen Mitarbei­ terstand von 3.200, davon waren 1.400 in Traun, 180 in Wien, 250 in Hutthurm (Bayern) und 130 in Berlin beschäftigt. Der Rest verteilte sich auf die übrigen


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Auslandsbeteiligungen und 19 Vertriebsgesellschaften. 1977 erzielte Anger mit seinen Werken und Vertriebgesellschaften einen Jahresumsatz von über 1,5 Mil­ liarden Schilling. Die Banken sahen in dem Expansionskurs von Wilhelm Anger ein gewisses Risiko, beschränkten den Kreditrahmen und stoppten so seine un­ ternehmerischen Planungen, sodass er sich entschloss das gesamte Brillenimperi­ um zu verkaufen. Fünf potente Interessenten bewarben sich um dieses zukunftsträchtige Unternehmen, darunter die verstaatlichte ÖMV und der fran­ zösische Brillenkonzern Essolor. Den Zuschlag erhielt der Hamburger Heinrich Bauer Verlag. Dass der Bauer­Verlag ein gewinnträchtiges Unternehmen übernahm, zeigte die Entwicklung der nächsten zehn Jahre. So hieß es in einem Magazin nach einem Jahrzehnt: „Als Zaubermittel Nummer eins bei der Eroberung ausländischer Märkte erwies sich freilich ein schon vom Vorbesitzer Wilhelm Anger initiierter genialer Marketingstreich: die wundersame Metamorphose des hässlichen Sehbehelfs zum hochmodischen Accessoire mit prestigeträchtigen Namen. Vor allem letzteren verdankte der unter seiner Firmenbezeichnung kaum bekannte Konzern seinen weltweiten Erfolg." Markennamen wie Alfred Dunhill, Paloma, Picasso, Christian Lacrois, Porsche Design, Christian Dior, Carrera und andere, taten das ihre zu den Erfolgen der Designerbrille. Mit den Werken in Traun, Wien, Passau, und Jugoslawien erziel­ te der Bauer­Verlag einen Umsatz von 3,5 Mrd. Schilling. Inzwischen machte Wilhelm Anger einen weiteren Schritt nach vorn und präsen­ tierte 1988 die so genannten Eyemetric­Brillen in Modulbauweise, die dem Kun­ den optimal angepasst werden.. Seit 1998 setzte er einen weiteren Schritt, um der Modulbrille zum Durchbruch zu verhelfen. Weltweit begannen Optikerketten so auch in Österreich, den Verkauf dieser Brillen. In Österreich ist die Leistung von Wilhelm Anger kaum beachtet worden. Sein Lebensweg von Schmiedeberg zum Schöpfer der modischen Brillen und einem Brillenimperium mit dem Namen Optyl ist ein typisch sudetendeutsches Schick­ sal nach 1945 in Österreich. Auch sein Bruder Anton, sowie seine Schwester An­ neliese mit ihrem Gatten Arnold Schmied aus Braunseifen bei Römerstadt haben mit der in Linz bekannten Firma „Silhouette“ markante Spuren in der oberöster­ reichischen Wirtschaftsgeschichte hinterlassen und sind heute noch ein begehr­ ter Arbeitgeber.

Silhouette International – Schmied GmbH & Co.KG Bis 1963 arbeitete das Ehepaar Arnold und Anneliese Schmied, als leitende Mit­ arbeiter und Teilhaber bei der Wilhelm Anger OHG. Sie hatten schon damals


75 wesentlichen Anteil am Aufstieg der Firma. 1964 gründete das Ehepaar die Fir­ ma „Silhouette“, womit einem weiteren Unternehmen der Neubeginn in Ober­ österreich in der Welt der Optik gelang: durch Handarbeit, technische Präzision und Liebe zum Detail wurde aus dem traditionellen Sehbehelf ein modisches und attraktives Kleinkunstwerk. Anneliese Schmied gelang es bereits in den frühen 50er Jahren, die vorhandenen noch bescheidenen Mittel mit kaufmännischen Geschick so einzusetzen, dass ih­ rer kleinen Handelsfirma neben den laufenden Ausgaben noch finanzielle Mittel verblieben, um durch Investitionen und ihre Ideen das angestrebte Wachstum zu ermöglichen. So sicherte sie sich mit ihrer Firma „Anneliese Schmied, Optik Großhandel, das Alleinvertriebsrecht in Österreich und für eine französische Neuentwicklung, die ersten Gläser aus Kunststoff. Mit einer eigenen Designerin und der eigenen Unternehmensphilosophie von „Silhouette“, so Arnold Schmied, begann der Aufstieg des internationalen Unter­ nehmens. Aus den mehr als einfach ausgestatteten Produktionsräumen in Ba­ racken, was auch äußerlich zu erkennen war, sollte ein Paradeunternehmen für den Export von Brillen entstehen. Eine später angefertigte Skizze, nicht einmal ein Foto vom Baubeginn ist heute noch vorhanden, dokumentieren den Beginn im Jahre 1964. Mit ihrem Einfühlungsvermögen für Modeströmungen und einer großartigen Formengebung, haben die beiden Sudetendeutschen mit ihren Brillen den Markt in kurzer Zeit erobert. Die ersten Modelle waren durch ihr Design und ihre Ein­ maligkeit so gefragt, dass sie in Lizenz vergeben wurden, um den ersten Erfolg von der Produktionsseite her zu bewältigen. Anmut und Eleganz waren auf dem Modemarkt immer mehr gefragt. Die Brille wurde zu einem Bestandteil eines Gesamterscheinungsbildes. Wie sehr sich Silhouette auf dem internationalen Modemarkt erfolgreich durchsetzen konnte, kann man daraus ersehen, dass sich Filmstars wie Sophia Loren für die Titelseite der Modezeit „Burda International“ auf einem Koffer sitzend mit einer „Silhouette“ fotografieren ließ. Von Anfang an konzentrierte sich das Unternehmen auf hochwertige Modellfertigung, die oft nur in aufwendiger Handarbeit entstehen konnte. Individualismus und modi­ sche Impulse zählten mehr als Rationalisierung und große Stückzahlen. Wenn „Silhouette“ heute ein führendes Unternehmen am Brillenmarkt ist, so sollte man doch einen Blick auf die Entwicklung der ersten zwei Jahrzehnte wer­ fen. Sowohl der Personalstand als auch der Umsatz und Gewinn sind für das Wachstum eines solchen Unternehmens mit einem Exportanteil von etwa 95% eindrucksvolle betriebliche Kennziffern. Durch den hohen Anteil an arbeitsinten­


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siver Fertigung, sowie Eigenentwicklung der Werkzeuge wurde ein Wertschöp­ fungskoeffizient erreicht, der, wenn überhaupt nur von ganz wenigen Betrieben in Oberösterreich erzielt wird. Mit einem Mitarbeiterstand von 55 Personen begann das Unternehmen 1964, hatte seinen Höchststand 1988 mit 1250 Personen aber hielt noch im Jahr 2000 bei 1.000 Mitarbeitern. Eine ebenso beeindruckende Entwicklung nahm der Umsatz von 15 Mio. Schilling im Jahre 1965 und erreichte in den 90er Jahren 1 Milliar­ de. Das Unternehmen exportiert seine exklusiven Kollektionen in mehr als 90 Länder und ist mit einer Reihe von Vertriebstöchtern auf dem Weltmarkt vertre­ ten. Abschließend und im Rückblick auf die erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit von „Silhouette“ kann folgendes zusammenfassend gesagt werden: am Beginn der Erfolgsgeschichte steht die Pioniervision von Arnold und Anneliese Schmied, Brillen als Schmuckstück und von bester Qualität zu fertigen: Präzises Handwerk, außergewöhnliches Design und laufende Innovationen in den Berei­ chen Material und Technik bildeten in all den Jahren den Rahmen ihres Schaf­ fens. Die Tradition mit Brillen in exquisiter Linienführung Mode zu machen und revolutionäre technische Eigenschaften weiterzuentwickeln setzen die Söhne Ar­ nold und Klaus Schmied fort. 2010 wurde das Linzer Unternehmen in der ober­ italienischen Design Metropole Mailand als bester Sonnenbrillenhersteller Europas ausgezeichnet. Der offizielle Titel lautet „ESA Visionary Award Winner 2010“ und wird von einer Jury aus den Chefredakteuren der europäischen opti­ schen Fachpublikationen vergeben. Dabei wird nicht nur das Produkt, sondern das gesamte Unternehmen ausgezeichnet.

Anton Anger Ges.m.b.H. Das dritte Mitglied aus der Familie Anger war Anton Anger, der für die „techni­ schen Einrichtungen“ der Brillenfabrik von Wilhelm in Traun tätig war. Nach der Trennung der Gebrüder Anger, übernahm 1964 Anton vorerst eine Brillenfa­ brik in Irland und gründete gleichzeitig in Micheldorf eine Maschinenbaufirma. Ab diesem Zeitpunkt widmete er sich vor allem dem Kunststoffmaschinenbau. Zu den herausragenden Erfindungen von Anton Anger zählt die Steckkupplung für Kunststoffrohre. Sie erübrigte das Zusammenschweißen und ermöglichte da­ mit überhaupt erst den Einsatz von Kunststoffrohren in großem Stil. Und mit der Erfindung des Doppelschneckenextruders wurde nicht nur ein neues Aggregat geschaffen, sondern auch ein Verfahren, das noch heute Stand der Technik ist.


77 Aber auch die Verbindung zur Brille ist geblieben. Durch den Anger­Unimat, wurden neue Dimensionen in der Brillenherstellung geschaffen. Abgesehen von der Bedienungsfreundlichkeit und der Zweimaschinenbedienung durch einen Mann bot er noch folgende Vorteile: 1. Alle Arbeitsvorgänge auf einer Maschine 2. Eine höchstmögliche Genauigkeit für die Scharnierlage + /­ 0,1 mm 3. Das Scharnier wird von Innen­ und Außenfräsen eingesetzt, es kann daher auf einige Zehntel Millimeter an das Scharnier herangefräst werden 4. Einsparung von modellabhängigen Aufnahmen bei Scharniermontage 5. Die ganze Fertigungszeit dauert ca. 100 Sekunden. Auch eine Hochgeschwindigkeitsfräsezelle hatte Anton Anger in seinem Pro­ gramm, genannt die „Anger Hochgeschwindigkeit Fräszelle HSC. Neben dieser Fräszelle wurde auch eine Hochgeschwindigkeits­Fräsmaschine HC 1/4 ge­ baut. Damit schließt sich der Ring der Entwicklungen, die die beiden Angerbrü­ der Wilhelm und Anton seit 1945 in Österreich hervorbrachten. Laut Wirtschaftsblatt stecken in diesen Entwicklungen mindestens eineinhalb Milliar­ den Schilling Forschungsgelder, aus den eigenen Betrieben, die dem unaufhalt­ samen Aufstieg des Kunststoffes zugute kamen. Aus den 14 Know­How Erben der Gebrüder Anger sollen stellvertretend nur drei genannt werden: 1. Actual­Ansfelden: Der Anger­Mitarbeiter Walter Ganzberger beginnt 1970 mit drei Beschäftigten den Bau von Kunststofffenstern und wird zum Vorreiter die­ ser Branche. Bis 2000 erhöhte er seinen Mitarbeiterstand auf 640. 2. Greiner­Kremsmünster: Greiner kaufte eine Firma des ehemaligen Anger­ Mit­ arbeiters Siegfried Politsch; 400 Mitarbeiter. 3. Poloplast­Pasching: Eines der führenden Kunststoffwerke Österreichs. 1954 von den Brüdern Anger gegründet und nach einigen Jahren später verkauft.

Unternehmensgründungen in verschiedenen Wirtschafts­ zweigen Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, würden alle Betriebsgründun­ gen in Oberösterreich durch Sudetendeutsche aufgezählt werden. Als Verfasser verweise ich auf meine Dokumentation „Sudetendeutsche in der Wirtschaft Oberösterreichs nach 1945“, herausgegeben von der Sudetendeutschen Lands­ mannschaft OÖ, in der z.B. auch ausführlich über die 12 wichtigsten Gablonzer Neugründungen (von 180 Betrieben) berichtet wird. In einem Anhang zu dieser


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Dokumentation sind knapp zweihundertvierzig Kurzbiographien von Unterneh­ mensgründern und leitenden Angestellten ­ die auch maßgeblich das Unterneh­ mensgeschehen beeinflussten ­ in den verschiedensten Wirtschaftszweigen angefügt. Die dreiunddreißig ausführlich behandelten Betriebsgründungen in der Dokumentation erstrecken sich über fast alle Branchen. Das Außerordentli­ che und Einmalige daran ist, dass alle Betriebe ohne irgendwelche finanziellen Hilfen oder Förderungen angefangen haben und zu einem Bestandteil der ober­ österreichischen Wirtschaft wurden. Vier ausgewählte Mittelbetriebe aus ver­ schiedenen Wirtschaftszweigen sollen repräsentativ für die Vielzahl von Gründungen in der Folge vorgestellt werden, und zwar: 1. Gottfried Woisetschläger – Internationale Spedition in Linz 2. Heinisch GmbH & Co. KG ­Textilveredelung in Frindorf bei Traun 3. Geospace Beckel ­ Satellitenbilddaten GmbH, Bad Ischl und Salzburg 4. Walter Bürgermeister­ Libellenhersteller in Linz

Gottfried Woisetschläger – Internationale Spedition Gottfried Woisetschläger gehört zu der jüngeren Generation der Vertriebenen, der bei der Spedition Winkler seine Ausbildung erhielt, dort seine ersten Berufs­ jahre verbrachte und sich bald aufgrund seines weitgespannten Arbeitsgebietes umfassende Kenntnisse erwerben konnte. Als 30jähriger wagte er bereits den Schritt in die Selbständigkeit als Spediteur in der Linzer Zollfreizone. Mit einem Startkapital von 15.000.­ Schilling, einem spartanisch ausgestatteten Büro und ei­ nem Mitarbeiter begann er als Kleinunternehmer. Zolldeklarationen, Verede­ lungsverkehr und Frachtenvermittlung waren in den ersten Jahren der Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Innerhalb kurzer Zeit legte Woisetschläger die Konzessions ­ und Transportunternehmerprüfung ab, erweiterte bereits sechs Jahre später seinen Geschäftsbereich zur Güterlagerung und Distribution. 1980 übernahm das stetig wachsende Unternehmen See­ und Luftfrachtgeschäf­ te, sowie Transporte auf der Donau. 1985 wurde der Fuhrpark vergrößert. Es wurden in dem Segment des Möbeltransportes so genannte „Möbel­Jumbos“ angeschafft und damit eine Speziallogistik für Neumöbel entwickelt. Sein Unter­ nehmen zählt zu einem der Marktführer auf dem Sektor Polstermöbeltransporte. Den Sprung zur heutigen Größe machte Woisetschläger bereits 1989 und einige Jahre später in einer zweiten Bauetappe. In der Industriezone in Linz wurde ei­ ne neue Firmenanlage mit Gleisanschluss errichtet. Das Ergebnis war: 13.000 m2 Lagerfläche und 1.000 m2 Bürofläche. 20 Spezial­LKW­Züge mit 80 so genannten „Wechselkoffern“ und 70 gut ausge­


79 bildete Mitarbeiter sind die Grundlage für das erfolgreich arbeitende Unterneh­ men. Sie stehen für die Ausführung der schwierigsten Transportprobleme bereit und lösen damit alle in Europa und Übersee anfallenden Aufgaben. Der mit sie­ ben Jahren vertriebene Sohn eines Böhmerwälder Bauern hatte in der Kindheit und Jugend harte Zeiten überstanden. Heute blickt Gottfried Woisetschläger, nachdem er das 40jähriges Betriebsjubiläum feiern konnte, mit Freude und Ge­ nugtuung auf die letzten Jahrzehnte seines erfolgreichen Schaffens zurück.

Heinisch Textilveredelung GmbH & Co. KG Die heutige Firma in Frindorf wurde als „Arthur Heinisch Textilfärberei OHG“ 1947 gegründet. Die Familie Heinisch blickt als Färber und Textilveredler auf ei­ ne Tradition zurück, die in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts findet man Franz Heinisch in Landskron­ Neudorf in Böhmen, wo er eine Seidenfärberei betrieb. Es ist jene Zeit, in der Maria Theresia die Entwicklung der Textilindustrie förderte und damit auch das Färbereigewerbe. Einer aus der Familie übersiedelte 1849 nach Neu­Bistritz in Südböhmen und etablierte sich dort als Drucker und Färber in der Rathausgasse, ein Betrieb, der bis zur Vertreibung 1945 bestanden hatte. Das Ende der Habsburgermonarchie bedeutete auch für die Färberei einen star­ ken Einschnitt. Durch die neue Grenzziehung verlor der Betrieb alle österreichi­ schen und Balkankunden. Während bisher die Verarbeitung von Baumwolle, Leinen und Seide im Vordergrund stand, erhielt nun die Wollabteilung ein Übergewicht, da in Böhmen und Mähren die wollverarbeitende Industrie das Übergewicht hatte. Aus dieser Situation heraus gründete 1921 Arthur Heinisch (1871­1958) im grenznahen Gmünd, die „Arthur Heinisch OHG Textilfärberei“, ein Betrieb, der nach 1945 das erste Standbein in Österreich sein sollte. Im Mai 1945 wurde Gmünd von den Russen besetzt und nach kurzer Zeit auch die Firma „Arthur Heinisch OHG“ zum „Deutsches Eigentum“ erklärt und in russische Verwaltung übernommen. Mit der technischen Leitung wurde zwar Arthur Heinisch betraut, der sich allerdings allen Wünschen und Aufträge der Besatzungsmacht zu fügen hatte. Wegen der sowjetischen Willkür war Arthur Heinisch jun. bestrebt, ohne Kontrolle durch die Besatzer seine Kundschaft im westlichen Teil Österreichs bedienen zu können. Mit der Gründung eines Betrie­ bes in Frindorf bei Traun wurde 1948 der erste Schritt getan. Im September 1949 konnte die erste Färbung aus der Taufe gehoben werden, ein Grund mit seinen aus der Landwirtschaft stammenden heimatlosen 19 Mitarbeitern eine kleine Fei­ er zu veranstalten. Dabei richtete Kurt Heinisch an die Familienmitglieder und die kleine Belegschaft folgende Worte:


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„Wir sind heute zusammengekommen, um uns nach dem Verlust der Heimat und unseres Besitzes eine neue Existenz zu schaffen, in einem Land, in dem man uns mit Zurückhaltung begegnet, dass die durch verlorenen Krieg enormen Belastungen durch unsere Gegenwart vergrößert werden. Wir wollen aber nicht zur Last werden, ebenso wie unsere Väter vor Jahrhunderten, durch Gottvertrauen und äußersten Fleiß, für uns und unsere Kinder etwas aufbauen, das auch unserer neuen Heimat zum Wohl gereicht. Angesichts unserer Armut gehört viel Mut und Überzeugung zu diesem Vorhaben. Lassen sie uns gemeinsam diesem Ziel zustreben und damit auch unseren Dank für die Aufnahme in diesem Land abstatten“. 1949 betrugen die notwendigsten Investitionen, um den Betrieb am Laufen zu halten für Maschinen 122.000.­ Schilling und für Gebäude 45.000.­ auf dem vor­ erst gepachtete Grundstück im Ausmaß von 15.000 m2 am Welser Mühlbach. Es war die Geburtsstunde für das Werk Frindorf, das im Jahre 2000 148 Mitarbeiter beschäftigte und einen Umsatz von 110 Millionen Schilling erwirtschaftete. Auch auf sozialem Gebiet war die Firma Heinisch, ohne großes Aufsehen davon zu machen stets ein vorbildlicher Betrieb. Bereits 1970 wurde zur Unterbringung von Angestellten in Marchtrenk ein Haus erworben und den Bedürfnissen ent­ sprechend ausgebaut. 1972 als es notwendig war Gastarbeiter zu beschäftigen, wurde ein weiteres Haus in Traun erworben und zwar „zur Unterbringung von Gastarbeitern nach mitteleuropäischen Gesichtspunkten“, und ein weiterer Ge­ bäudekomplex wurde 1983 aus dem gleichen Grund erworben und eingerichtet. Die folgenden Jahrzehnte sind durch eine kontinuierliche und wohlüberdachte Investitionspolitik gekennzeichnet. Dies war umso notwendiger, da die Textilin­ dustrie seit Beginn der 70er Jahre einem ständigen Schrumpfungsprozess, durch asiatische Billigimporte von Textilien bedingt, ausgesetzt war. Am besten ist die­ se Entwicklung an den Beschäftigungszahlen der Textilindustrie zu erkennen. Waren 1971 noch 76.744 Mitarbeiter in der Textilindustrie beschäftigt, so verblie­ ben 1995 nur mehr 22.051 in dieser Branche. Große Betriebe, wie die Vöslauer Kammgarnspinnerei, die Ebreichsdorfer Färberei, die Wiener Seidenfärberei u. a. mussten ihre Tore schließen. Nicht so die Textilveredelung der Firma Heinisch., die dem Grundsatz ihrer Vorfahren aus dem Sudetenland treu geblieben sind: „jährlich einen Monatsumsatz zu investieren und damit den Betrieb innerhalb von 10 Jahren zu regenerien“ .... ebenso wie .....“maßvolle Ansprüche an die eigene Person, feste Bande innerhalb der Führungskräfte, Fleiß und eine gewisse Bescheidenheit in der Steckung der Unternehmensziele haben ermöglicht, den absoluten Untergang der einst weltbekannten Wiener Textilindustrie und ihrer neun größten Textilveredelungsbetrieb zu überleben“ (zit. aus der Familienchronik).


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Geospace Beckel ­ Satellitendaten GmbH: Vom Maschi­ nenbauer zum Weltraumspezialisten Es war ein langer Weg bis zur Gründung der Geospace Beckel im Jahre 1984, den der in Langenau , Kreis Böhm. Leipa, geborene Lothar Beckel zurücklegen musste. Im Alter von 13 Jahren kam er nach der Vertreibung nach Bad Ischl, ab­ solvierte die Bundesgewerbeschule in Linz, Maschinenbau, und promovierte an der Hochschule für Welthandel in Wien ehe er 1973 das väterliche Unternehmen in Bad Ischl übernahm Der Vater Edwin Beckel gründete nach kurzem Zwischenspiel in der Glasfabrik Bad Ischl Ende 1948 gemeinsam mit dem aus Prag stammenden Dr. Richard Rös­ ner die Optos GmbH in Bad Ischl, die sich mit der fabriksmäßigen Herstellung von optischen Linsen, Spiegeln, Prismen aller Art und Elektrogeräten befasste. Die Zahl der Mitarbeiter stieg bis 1959 auf 120 an. Noch im gleichen Jahr gründe­ te Edwin Beckel eine neue Firma, die MSU­Beckel und zwar für die Erzeugung von Leichtmetalljalousien und Metall­Spezialerzeugnissen. 1973 erfolgte die Übergabe an den Sohn Lothar der den Betrieb bis 1995 mit 47 Mitarbeiter weiter­ führte. Neben der Arbeit im Familienbetrieb, verfolgte er auch eine wissenschaft­ liche Laufbahn im Bereich Geographie und Satellitenerdbeobachtung, wurde 1975 Privatdozent an der Freien Universität Berlin und 1981 Univ. Dozent an der Universität Salzburg. Durch seinen erfolgreichen beruflichen Werdegang mit der von ihm gegründeten „Geospace GmbH­Satellitendatenauswertung, Verlag Salzburg“ wurde er 2002 Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaf­ ten und Künste und Leiter des „Institute for Global Mapping and Research“ in Salzburg. Seit 1964 war Lothar Beckel Autor und Co­Autor von rund 150 Titeln. Darunter finden sich so bekannte Atlanten wie der Megacity­Atlas, der Satelli­ ten­Bildatlas Österreich und der für ganz Europa herausgegeben ESA­School At­ las­Education from Space und viele andere. Für seine wissenschaftliche Leistung verlieh ihm die Sudetendeutsche Landsmannschaft 1989 die Ritter von Gerstner Medaille und 2007 den Wissenschaftspreis. Ein Jahr später wurde er in die sude­ tendeutsche Akademie berufen. Als im Sommer 1972 die ersten Satellitenbilder veröffentlicht wurde, staunten die Menschen wie bei den ersten Fotographien. Die Erde vom Weltall aus gese­ hen – eine Perspektive, die das Denken der Menschen verändert hat. Die durch Satellitenbilder gewonnen Informationen helfen dabei, globale Verantwortung zu wecken und in regionales Handeln zu überführen. Ob Flächenversiegelung oder Extensivierung der landwirtschaftlicher Anbauflächen, ob die Suche nach natürlichen Ressourcen oder die Planung in Ballungsräumen, die von


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GEOSPACE verarbeitenden Satellitendaten sind zu einem unverzichtbaren Ent­ scheidungsinstrument geworden. Das mit solchen Entscheidungshilfen erhebli­ che Kosteneinsparungen und Vermeidung von Fehlplanungen verbunden sind, ergibt sich von selbst. Der aus dem Sudetenland vertriebene Lothar Beckel hat mit der GEOSPACE, die er vor knapp drei Jahrzehnten gründete hatte ein europaweit einzigartiges Un­ ternehmen geschaffen. Es gibt auch keinen Verlag in Europa, der sich ausschließ­ lich mit Satellitenbildkarten und Satellitenatlanten beschäftigt. Und kein Unternehmen kann eine solche Vielfalt von Informationen liefern wie: digitale Satellitenbildkarten auf CD­Rom, Auswertung von Bilddaten in den Bereichen Umweltmonitoring, Land­ und Forstwirtschaft, Raumplanung; Anwendersoft­ ware (Flugsimulation, GPS mit Satellitenbildern usw.) und unter anderem auch Aufbau von geographischen Informationssystemen auf Basis Satellitenbilddaten. Wahrlich, ein beeindruckendes Lebenswerk eines Sudetendeutschen.

Walter Bürgermeister – Libellenhersteller Als Mitglied der Gablonzer Genossenschaft verband sein Unternehmen mit den Gablonzern das Glas für die Herstellung von Libellen. Der Beginn seiner Tätig­ keit war 1947 in Linz in den Baracken am Trabrennplatz. Vor vier Jahrzehnten wurde das Glas durch Acryl ersetzt. Walter Bürgermeister mit seinem Mittelbe­ trieb hat am Gablonzerweg in Linz seinen Standort und gehört zu den Betrieben die nahezu ausschließlich für den Export arbeiten. Was sind eigentlich Libellen? Es sind Geräte in verschiedenster Form zum Ein­ richten von Ebenen und Achsen in die Waagrechte oder Senkrechte. Eine Libelle besteht aus einer in einer Fassung gehaltenen innen tonnenförmig ausgeschliffe­ nen, außen zylindrischen Röhre, oder sphärisch geschliffenen Dose mit Skala und ist bis auf eine kleine Gasblase mit Alkohol oder Äther gefüllt. Diese Gasbla­ se steht bei horizontaler Lage der Libelle genau in der Mitte. Was ist bemerkenswert an diesem Unternehmen, das seit Anfang der 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts besteht und auch heute noch erfolgreich geführt wird? Im Jahre 2000 beschäftigte Walter Bürgermeister rund 80 Mitarbeiter und 10 Jah­ re später sind es sogar noch mehr. Die Auftragslage dieses Betriebes ist ausge­ zeichnet. Zum Kreis der Abnehmer gehören Betriebe vom einfachen Werkzeugbauer bis zu den Werften, für Flugzeugbau und Schiffbau. 99% gehen in den weltweiten Export. In vieler Hinsicht fühlte sich der Gründer unabhängig. Er erhielt bei der Gründung des Betriebes keine Kredite und bildet heute noch Fachpersonal aus. Ein eigener Werkzeugbau mit dem Bau der modernsten Auto­


83 maten komplettieren diesen Betrieb. Ob es nun die Horizontallibellen, Vertikalli­ bellen oder Dosenlibellen sind, es gibt auf diesem Gebiet kein Problem, das die­ ses Unternehmen nicht lösen könnte. Das Paradebeispiel eines soliden Mittelbetriebes, der über Jahrzehnte konsequent sein Unternehmensziel verfolg­ te.

Schlußbetrachtung Abschließend einige Bemerkungen: Die nach 1945 von den Besatzungsmächten lizenzierte Presse widmete den Vertriebenen nur wenig Raum, um nicht gegen die Grundsätze der damals im Vordergrund gestandenen „reeducation“ zu ver­ stoßen. Die Vertreibung von mehr als 15 Millionen Menschen mit etwa 2,5 Mil­ lionen Opfern ­ es war zwar Völkermord, aber nur über jenen des Dritten Reiches saß man in Nürnberg zu Gericht ­ passte nicht in das Bild des Zeitgei­ stes der ersten Nachkriegsphase. Berichte über sudetendeutsche Aktivitäten im Rahmen des Wiederaufbaues sind nur spärlich vorhanden und wurden von den allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre überdeckt. Themen im Zusammenhang mit den „Volksdeutschen“ waren die Unterbrin­ gung, Aufenthalts­ und Arbeitsbewilligungen und nicht zuletzt die Abschiebung nach Deutschland. Das heißt aber nicht, dass alle österreichischen Politiker den Vertriebenen ablehnend gegenüber standen. Es gab schon einige, die den Wert dieser Volksgruppe erkannten und halfen. Einige Mosaiksteinchen aus dem Benachteiligungskatalog für Vertriebene: Es dauerte bis zum 17. Juli 1952 bis alle vertriebenen Volksdeutschen keine Be­ schäftigungsgenehmigung mehr brauchten und den Österreichern gleichgestellt wurden. Seit dem gleichen Zeitpunkt waren sie auch gewerberechtlich gleichge­ stellt und mussten nur die für die einzelnen Gewerbe vorgesehenen Vorausset­ zungen, wie etwa die Beibringung eines Befähigungsnachweises im Handel oder eine Meisterprüfung im Gewerbe. Mit Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 1945 hatte es den Anschein, als soll­ ten die heimatvertriebenen Mittelschüler in Zukunft nur ein Hilfsarbeiterdasein fristen müssen. Die vorgeschriebenen Gebühren an den Mittelschulen konnten sich die wenigsten Eltern leisten. Ein Antrag auf Einbürgerung hatte keinen Ein­ fluss auf eine Schulgeldbefreiung. So blieb den meisten heimatvertriebenen Mit­ tel­ und Hochschülern der Weg zu einem Studium verwehrt. Erst 1951 wurde durch Erlass des damaligen Unterrichtsminister eine Gleichstellung mit österrei­ chischen Studenten verfügt. In Oberösterreich hatten bereits im Herbst 1945 31 vertriebene Professoren aus den ehemaligen Kronländern der Monarchie be­


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schlossen in Eferding eine Mittelschule (Gymnasium und Lehrerbildungsan­ stalt.) für die vertriebenen Jugendlichen zu gründen. Die Entlohnung der Lehr­ kräfte erfolgte nicht aus Staatsmitteln, sondern beruhte auf einem freiwilligen Beitrag durch die Eltern. Erst im Herbst 1949 konnte man auf spärliche Spenden aus dem Ausland zurückgreifen. Mit spartanischen Lehrbehelfen musste man sich begnügen, um das verlangte Lehrziel zu erreichen. Bis 1947 unterstand die Schule der amerikanischen Besatzungsmacht, welche die Interessen der Landes­ behörde wahrnahm. Die ersten Reifeprüfungen im Jahre 1946 fanden unter dem Vorsitz eines amerikanischen Universitätsprofessors statt. Bis 1949 hatten 1.362 Schüler die Eferdinger Vertriebenenschule absolviert und somit die Vorausset­ zungen für ein Universitätsstudium erlangt. Ein weiterer Stolperstein für die Vertriebenen war die Einbürgerung, zumal das Staatsbürgerschaftgesetz vom 15. Juli 1945 die Latte sehr hoch gelegt hatte. Die Verleihung der Staatsbürgerschaft an „Ausländer“ war an einen mindestens vierjährigen Aufenthalt gebunden: „Vor der Verleihung an einen Ausländer sind dessen Beziehungen zu seinem früheren Heimatstaat sowie seine persönlichen Verhältnisse zu prüfen. Die Verleihung darf nicht erfolgen, wenn diese Beziehungen und Verhältnisse derart sind, dass durch die Einbürgerung für das Land oder den Bund Nachteile zu befürchten sind“. Dabei war der Erwerb der österreichischen Staats­ bürgerschaft ein kostspieliges Unterfangen. Anfangs der 50er Jahre waren im Durchschnitt 2.000 bis 2.500 Schilling zu bezahlen (etwa 2 Monatsbezüge eines mittleren Angestellten), aber auch bis zu 10.000 Schilling wurden verlangt. Die mit vielen Diskriminierungen verbundene Staatenlosigkeit der Vertriebenen fand ihr Ende mit dem Optionsgesetz vom 2. Juni 1954. Durch dieses Gesetz hat­ ten alle volksdeutschen Vertriebenen, die bisher in Österreich Aufnahme gefun­ den hatten, die Möglichkeit durch Abgabe einer einfachen Erklärung die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Der Personenkreis wurde dabei wie folgt genau festgelegt:„Personen deutscher Sprachzugehörigkeit, die staatenlos sind und deren Staatsangehörigkeit ungeklärt ist (Volksdeutsche) erwerben durch Erklärung, der österreichischen Republik als getreue Staatsbürger dienen zu wollen, wenn sie die im § 2 vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen“. Mit diesem Gesetz fand die seit Ende der 40er Jahre begonnene Diskussion um die en­bloc Einbürgerung aller Vertriebenen aus der ehemaligen Habsburgermonarchie ein Ende. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Vertreibung, hatte der Staatssekretär des Bonner Vertriebenenministeriums, Dr. v. Nahm, im Jänner 1956 vor dreihundert Mitglie­ der des Vereins „Oberösterreichische Heimat“ Bilanz über die Eingliederung der Vertriebenen in den Aufnahmestaaten gezogen. Blenden wir auf das Jahr 1945 zurück Da waren die Vertriebenen eine sozial entwurzelte, heimatlose und bit­


85 terarme, politisch gespaltene, ideologisch teils indoktrinierte, seit dem Kriegsen­ de weitgehend orientierungslose Bevölkerungsgruppe und riesige amorphe Masse, die nach den Plänen des nach Weltherrschaft strebenden Kommunismus, zum gesellschaftlichen Dynamit im zerstörten und besetzten Österreich und Deutschland programmiert war und mit einer konstruierten Kollektivschuld be­ lastet wurde. Der Bericht des Staatssekretärs zeichnete ein Bild, das eine vorbild­ lich gelunge, aber auch aus eigener Kraft erarbeite Integration darstellt und heute noch Gültigkeit hat. Er führte aus: „Jede große Katastrophe trägt in sich die Gefahr eines weiteren Unglücks. Was hätte näher gelegen, als dass diese Menschen aus allem herausgerissen, wurzellos geworden, in die Bundesrepublik kamen mit dem Willen, das bisschen Ordnung auch noch kurz und klein zu schlagen. Was hätte näher gelegen, als dass die Empörung, die sich in ihrem Inneren aufgespeichert hatte, sich in einen Nihilismus umgewandelt hätte? Dafür, dass es nicht geschehen ist, war wesentlich nicht ein äußerer Umstand, sondern der Wille, es nicht zu tun! Und dieser Wille entsprang der Erkenntnis, dass jedes revolutionäre Experiment die Entwurzelung zur Selbstvernichtung gesteigert hätte. Was hätte näher gelegen, als dass diese Opfer absoluter Rechtlosigkeit gegenüber Recht und Gesetz kaum noch Achtung aufgebracht hätten? Aber in den Jahren größter Lebensmittelknappheit und einer auf die Spitze getriebenen Zwangswirtschaft haben die Vertriebenen eine geringere Kriminalität gezeigt als die eingesessene Bevölkerung. Sie, die Opfer der Rechtlosigkeit haben dem Recht unter erschwerenden Umständen ein hohes Maß an Achtung entgegengebracht. Bisher war es im Verlaufe der Geschichte ( Anm. des Verfassers: und auch heute noch) die Regel, dass Hass mit Hass vergolten wurde, Gewalttat mit Gewalttat. Aber selbst in den trübsten Tagen nach der Vertreibung hat sich unter den Vertriebenen kein Ansatz zu dieser animalischen Maxime der Geschichte gezeigt. Sie waren vielmehr von dem Willen beseelt, diese Kette von Hass endlich einmal zu durchhauen! Wer sie gesehen hat, in ihrem Elend, ohne jede Voraussetzung, ein bürgerliches Leben zu führen, hätte annehmen müssen, dass bei ihnen der biologische Wille zusammengebrochen wäre, dass sie kapituliert hätten vor den Schwierigkeiten dieses Lebens. Aber wir sahen: Nicht nur, dass die Geburtenfreudigkeit unter den Vertriebenen höher war als unter der eingesessenen Bevölkerung, auch die Sterblichkeitsziffer ist geringer! Dabei hat sich ein Volksteil, durch die Ereignisse verurteilt vernichtet zu werden, in sich aufgebäumt, hat sich stärker erwiesen als äußere Gewalt... Erst auf dieser Plattform konnte sich dann die Bewährung und Festigung der Familie vollziehen, die wir mit Bewunderung beobachteten. Wie haben sie Hunderte von Kilometern hinweg zusammengestrebt! Mancher der vom Kriegsschicksal nicht so hart getroffen wurde, müsste vor Scham in den Boden sinken, wenn er die Existenz seiner Familie aufs Spiel setzt, wenn er dieses Beispiel ange-


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schlagener Familien vor den Augen hat. Die Kinder der Vertriebenen besuchten in sehr hohem Anteilsatz die höheren Schulen. Die Eltern haben erkannt: man kann mir alles nehmen, aber was ich weiß kann man mir nicht nehmen“. Am Beispiel Oberösterreich konnte gezeigt werden, dass die Integration der Su�� detendeutschen sowohl in gesellschaftlicher als auch wirtschaftlicher Hinsicht ­ abseits der Hohen Politik zum Wohl des Aufnahmelandes und ohne viel Aufse­ hen ­ ein gelungenes und erfolgreiches Kapitel in der Geschichte dieses Volks­ stammes war.


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Evakuierung der Karpatendeutschen: Ursachen und Folgen VON OTTO WESTPHAL 1. Slowakischer Aufstand und die Folgen Die während des Slowakischen Nationalaufstandes aufgetretenen Gräuel gegen­ über den Deutschen und die vorstürmende Rote Armee hatten es den Deutschen erleichtert, ihre Heimat zu verlassen. Die Volksgruppenführung erhielt von mili­ tärischen Dienststellen die Mitteilung, sie möge wegen der bedrohlichen Lage die Evakuierung der Zipser Deutschen vorbereiten. Franz Karmasin1 bat die Deutsche Evangelische Kirche um Unterstützung. Nach dem Ausbruch des Slowakischen Nationalaufstandes ordneten die örtli­ chen Wehrmachtskommandanten und die verantwortlichen Funktionäre der Volksgruppe die Evakuierung der Frauen und Kinder aus den durch den Auf­ stand gefährdeten Gebieten der Zips und der Mittelslowakei in das benachbarte Generalgouvernement und in das ungarische Grenzgebiet an. Nach der Nieder­ schlagung des Aufstandes kehrten sie in ihre Heimat zurück. Da keine geeigne­ ten Truppen vorhanden waren, gab es andauernd Partisanenüberfälle, die Wehrmacht veranlasste abermals die Evakuierung der Schulkinder. Sie kamen nach Oberösterreich, in das Ostsudeten­ und in das Egerland. Sie fuhren mit Lastwagen der Wehrmacht bis Zakopane und dann mit der Eisenbahn weiter. Sie hofften alle auf eine Rückkehr. Im September 1944 wurden die deutschen Siedler der Ostslowakei über Nordun­ garn oder Krakau in die Westslowakei mit der Bahn gebracht. Die Zurückgeblie­ benen folgten Ende Oktober 1944 mit Trecks nach. Am 27. Oktober 1944 ordnete Berlin die Gesamtevakuierung der Deutschen aus den Streusiedlungen der Ost­ slowakei und der Zips an. Da die Eisenbahnanlagen der Mittelslowakei von Par­ tisanen zerstört worden waren, führte die Reise über Zakopane und das Generalgouvernement in die Westslowakei, in das Ostsudetenland und in das Gebiet um Reichenberg. Handwerksbetriebe wurden in das Sudetenland verlegt. Ab Dezember 1944 kam es zur rastlosen Evakuierung der Deutschen aus der Zips. Sie nahmen ihre beweglichren Habe mit. Es standen Sondertransporte zur Verfügung. Die Bauern aus der Zips organisierten zur selben Zeit Trecks. Ab Jänner 1945 wurde die Mittelslowakei geräumt, die Rote Armee rückte nach.


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Die Krickerhauer Bergleute zogen in das Braunkohlerevier Brüx­Dux. Ende März 1945 verließen die deutschen Bürger Preßburg/Bratislava. Der Großteil von ihnen hatte die Stadt schon vorher freiwillig verlassen. Die Volksgruppen­ führung verließ am 1. April 1945 die Stadt in Richtung Gänserndorf. Die in Ost­ deutschland weilenden Karpatendeutschen zogen abermals weiter, um in den Bereich amerikanischer Truppen zu gelangen. Die in der Slowakei verbliebenen Männer wurden zur Waffen­SS eingezogen und im Protektorat Böhmen und Mähren von der Roten Armee gefangen genommen. Die Evakuierung geschah ohne Reibungen. Die bäuerliche Bevölkerung musste zum Weggehen gezwun­ gen werden. Manche Deutsche bekannten sich wieder als Slowaken und blieben zurück. Im Winter 1944/45 wurden von den 140.000 Deutschen 120.000 evaku­ iert.2

2. Situation der Karpatendeutschen nach dem Einmarsch der Roten Armee Nach Verhandlungen zwischen Vertretern des Londoner tschechoslowakischen Exils mit den Repräsentanten der tschechischen Emigration in Moskau und Ver­ tretern des Slowakischen Nationalrats (SNR), wobei die Sowjetunion mitgewirkt hatte, konnten sich die Kommunisten in der Nachkriegstschechoslowakei großen Einfluss sichern. Clement Gottwald3 gelang es, im Streit zwischen der Londoner Gruppe und dem Slowakischen Nationalrat vermittelnd einzuwirken. Über die Stellung der Slowaken im Rahmen des tschechoslowakischen Staates sollten die im Inland gewählten Volksvertreter entscheiden. Nach der Beendigung der Moskauer Konferenz begaben sich Eduard Beneš4 und seine Begleitung nach Kaschau/Košice in die Ostslowakei. Diese Stadt war schon von der Roten Armee erobert worden. Am 4. April 1945 trat die neue tschechoslowakische Regierung ihr Amt an. Sie verkündete ihr Programm, das unter der Bezeichnung Programm von Kaschau bekannt wurde. Nach einer überschwänglichen Danksagung an die Rote Armee über ihren Einsatz für die Befreiung der Tschechoslowakei wurde die Freude über den Sturz der deutschen und ungarischen Tyrannei ausgedrückt. Für die Nachkriegszeit sah man die Abhaltung von allgemeinen, geheimen Wahlen für die verfassungsgebende Versammlung vor. Deren Aufgabe sei es, ei­ ne feste verfassungsmäßige Grundlage zu schaffen. Ferner waren der Wiederauf­ bau zerstörter Einrichtungen des Staates und der Aufbau einer Armee mit einer engen Zusammenarbeit mit der Roten Armee geplant. Bezüglich der deutschen und ungarischen Bürger waren die Beschlagnahme ihres Eigentums und die Ab­


89 erkennung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft vorgesehen. Deutsche und Ungarn, die nach dem Münchner Abkommen5 in die Tschechoslowakei ein­ gewandert waren, mussten sofort das Land verlassen, soweit kein Strafverfahren gegen sie vorlag. Eine Ausnahme war für Personen vorgesehen, die zugunsten der Tschechoslowakei gearbeitet hatten. Hingegen wurde den Bürgern der Tschechoslowakischen Republik deutscher und ungarischer Nationalität, die vor dem Münchner Abkommen 1938 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft be­ saßen, diese bestätigt und ihre Rückkehr zugesichert, soweit sie Antinazis und Antifaschisten waren und wegen ihrer Widerstandstätigkeit im Kerker oder Konzentrationslager leiden mussten. Kriegsverbrecher, Verräter, aktive Helfer wurden vor Gericht gestellt und bestraft. Für die Entrechtung und Enteignung von Deutschen und Ungarn erließ Präsident BenešDekrete, die Gesetzeskraft be­ saßen. Der SNR hatte sich aufgrund seines Wirkens im Slowakischen Nationalaufstand eine gewisse Autonomie gegenüber der tschechoslowakischen Exilregierung er­ kämpft. Er veröffentlichte am 4. Februar 1945 in Kaschau/ Košice sein Manifest, in dem er zur Zusammenarbeit aller antifaschistischen Kräfte und zur Durchfüh­ rung der dem Volk dienlichen Maßnahmen aufrief. Dazu gehörten die Bodenre­ form und die Verstaatlichung der Industrie. Auf die Gleichheit der slowakischen Rechte mit den Tschechen wurde besonders hingewiesen. Am 27. Februar 1945 verordnete ein Dekret des SNRs die Konfiskation der Aufteilung des Bodenbesit­ zes der Deutschen und Ungarn und der Feinde des slowakischen Volkes. Im März 1945 kam es in Kaschau/ Košice zur Gründung der Volksfront, zugelassen war die Kommunistische Partei der Slowakei (KPS) und die Demokratische Par­ tei (DP). Nachgeordnete Stellen der Nationalen Front waren die Volksausschüs­ se.

3. Zwangsmaßnahmen für die Karpatendeutschen Die meisten karpatendeutschen Familien hatten das Land verlassen. Nur ein ge­ ringer Teil der Deutschen war den Gewalttaten und Zwangsmaßnahmen der Be­ satzungsarmee ausgesetzt. Die Zurückgebliebenen beherrschten die slowakische Sprache fließend, und es gelang manchen unterzutauchen. Karpatendeutsche und auch im ehemaligen Regime verstrickte Slowaken wurden in die Sowjetuni­ on zur Zwangsarbeit verschleppt. Die in das Gebiet von Böhmen und Mähren verschleppten Zipser und Hauerländer erlitten die Beschlagnahme ihres Besit­ zes, Internierung, Zwangsarbeitseinsatz und Austreibung in die sowjetisch be­ setzte Zone. Einige gaben sich als Slowaken aus und kehrten in die Slowakei zurück. Sowjetische und tschechoslowakische Behörden zwangen die Evakuier­


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ten zur Heimfahrt. Als sie heimkehrten, verließen in der Zeit von 1945 bis 1946 die ersten Auswanderungstransporte die Slowakei. Als Deutsche erkannt zu werden, war oft lebensgefährlich. So wurden am 18. Juni 1945 in Prerau/Přerov in Mähren 247 Karpatendeutsche von Revolutionsgardisten aus einem Zug ge­ holt und erschossen. Die Heimgekehrten kamen in die Lager Nováky, Lim­ bach und Engerau/Petržal­ ka. Die Lagerkomman­ danten waren ehemalige Partisanen. Infolge von Hunger und Infektions­ krankheiten gab es viele To­ desfälle. Später kam es zu einer Lockerung, Besuche und Ausgang an Feierta­gen waren erlaubt. Behörden und Privatpersonen konn­ ten die Lagerinsassen gegen Bezahlung einer Geldsum­ me als Arbeitskräfte mieten. In der Slowakei spielte die ungarische Minderheit eine größere Rolle als die zu­ rückgebliebenen Deutschen. Es war ein begrenzter Aus­ tausch von slowakischen Ungarn mit ungarischen Slowaken vorgesehen. Teil­ weise wurden Ungarn von der Slowakei nach Böhmen und in das ehemalige Sude­ tengebiet angesiedelt. In der Ehepaar mit Kind im Lager Slowakei waren alle Gesetze und Verordnungen, die auf die Deutschen diffamierend wirkten, in Geltung. Ein persönlicher Kontakt zwi­ schen Slowaken und Deutschen war eher möglich als unter Tschechen und Deut­ schen. Einigen Deutschen gelang die Flucht in den Westen, viele blieben jedoch bis sie von der Ausweisung betroffen wurden.


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4. Potsdamer Beschlüsse und Aufnahmeländer Die Potsdamer Beschlüsse der Siegermächte ermöglichten es, die Deutschen von Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zu vertreiben. Die Ausweisungen be­ gannen im April 1946, die Lager Nováky und Deutschendorf/Poprad und das Lager in Engerau/Petržalka waren Sammellager, von denen die Deportationen nach Deutschland ausgingen. Sie wurden sowohl nach Westdeutschland als auch in die Sowjetzone transportiert. Die größten Transporte wurden von Juli bis September 1946 durchgeführt. Die Deportierten erhielten sogar neue Kleidung und durften 1.000.­ RM, später 500.­ RM und 500 – 1.000 kg Gepäck mitnehmen. In der Slowakei kamen die wilden Ausweisungen wie in Böhmen und Mähren nicht vor. Um der Bedrückung zu entgehen, war man froh, das Land, das einmal die Heimat war, verlassen zu können. Karpatendeutsche, die als U­Boote lebten, meldeten sich zur Ausweisung. Die Eingliederung in den neuen Heimatländern gestaltete sich erst schwierig, da überall Not herrschte. Deutschland und Österreich, geteilt in Besatzungszonen, waren die Aufnahmeländer. Ein kleiner Teil zog nach Schweden oder nach Übersee, Neuseeland oder Australien. Es bildeten sich Hilfsorganisationen wie das Hilfskomitee der evangelischen Slo­ wakendeutschen und der Hilfsbund karpatendeutscher Katholiken. Allmählich konnten sich die Volksdeutschen in die Gesellschaft beruflich und sozial einglie­ dern. 1950 kam es zur Gründung der Karpatendeutschen Landsmannschaft Slo­ wakei in Stuttgart. In Österreich entstand 1950 der Hilfsverein der Österreicher aus Preßburg und Umgebung. Vorher, schon 1949, entstand die Karpatendeut­ sche Landsmannschaft in Oberösterreich, die Steiermark folgte 1951 nach. 1955 kam es zur Gründung der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Österreich, die im Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften (VLÖ6) integriert ist. 1

Franz Karmasin war Sudetendeutscher und wurde am 2. September 1901 in Olmütz ge­ boren. Er gründete die Karpatendeutsche Partei und war nach 1939 in der unabhängigen Slowakei unter Jozef Tiso Staatssekretär für Angelegenheiten der deutschen Volksgruppe. Er starb am 25. Juni 1970 in Oberbayern. 2

Vertreibung und Vertreibungsverbrechen. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974 (Bonn 1989). 3

Klement Gottwald war als Kommunist führendes Mitglied des tschechoslowakischen Exils in Moskau und nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst tschechoslowakischer Mini­ sterpräsident und dann Präsident der Tschechoslowakei 1948­1953. 4 Eduard Benešwurde am 28. Mai 1884 im westböhmischen Kožlany geboren. Seine El­ tern waren tiefgläubige Bauern, die beide Mühe hatten, ihre sechs Kinder zu ernähren. Benešsollte nach dem Wunsch der Mutter katholischer Priester werden. 1896 übersiedelte er nach Prag, wo er das Gymnasium besuchte. 1905 ging Benešnach Paris und dissertierte


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1908 in Dijon: „Das österreichische Problem und die tschechische Frage.“ Er war nach dem Ersten Weltkrieg Außenminister der Tschechoslowakei. 1935 übernahm er das Präsi­ dentenamt und errichtete im Zweiten Weltkrieg in London eine Exilregierung. Nach 1945 übernahm er wieder das Amt des Staatspräsidenten. Er starb am 3. September 1948. 5

Im Münchner Abkommen wurde unter italienischer Vermittlung zwischen Berlin, Lon­ don und Paris die Abtretung der mehrheitlich deutsch besiedelten Gebiete von der Tsche­ choslowakei und deren Eingliederung in das Dritte Reich beschlossen. 6

Der Verband der volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs (VLÖ) wurde 1954 in Linz als Dachorganisation der Landsmannschaften der Heimatvertriebenen gegründet. Der VLÖ ist heute im Haus der Heimat, Steingasse 25, 1030 Wien (www.vloe.at) beheima­ tet. Ihm gehören folgende Mitglieder an: Sudetendeutsche Landsmannschaft in Öster­ reich, Donauschwäbische Arbeitsgemeinschaft DAG, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, Landsmannschaft der Deutsch­Untersteirer in Österreich, Österreichischer Hei­ matbund Beskidenland, Karpatendeutsche Landsmannschaft in Österreich, Verband der Banater Schwaben Österreichs, Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen in Österreich und Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt.


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Österreich: 100 Jahre Verband der Banater Schwaben VON HANS DAMA Die Donauschwaben – kurzer historischer Rückblick Drei Jahrzehnte nach der Schlacht am Kahlenberg (1683) und der Befreiung Wiens von der türkischen Belagerung wurde das Banat, dieses zwischen Donau, Theiß, Marosch und den Karpaten liegende 28.523 km²große Land, 1716 als letz­ tes ungarisches Gebiet nach 164 Jahren durch Prinz Eugen von der osmanischen Herrschaft befreit. Nach Auffassung Prinz Eugens sollte dieses wichtige Grenz­ land als Keil zwischen den damals aufständischen Madjaren (Kuruzzenkriege) und den ihnen freundlich gesinnten Türken ausgebaut werden. So wurde das neu erworbene Banat zu einer Krondomäne und blieb ein unveräußerliches kö­ nigliches Gut mit zunächst nur geschätzten 85.000 Einwohnern. Der Wiener Hof war jedoch in der Folgezeit bemüht, das Banat in ein vorbildliches Gebiet der Monarchie zu verwandeln. Drei Habsburger Kaiser waren es unter deren Regie­ rung sich die nun einsetzenden Schwabenzüge ins Banat ergossen: Der Erste Schwabenzug unter Kaiser Karl VI. 1723 bis 1726; der Zweite Schwabenzug un­ ter Maria Theresia 1763 bis 1773 und der Dritte Schwabenzug unter Joseph II. 1782 bis 1787. Das Kolonisationswerk selbst wurde in der Planung und Durch­ führung von Wien aus vorgenommen und zählte trotz aller Zeit bedingten Män­ gel mit zu den großen Leistungen Österreichs in der Zeit des 18. Jahrhunderts. Die angeworbenen Familien kamen mehrheitlich aus linksrheinischen Auswan­ derungsgebieten, hauptsächlich aber aus Lothringen, Elsass, Luxemburg, Fran­ ken, Baden, Sauerland und Schwaben. Im Jahre 1734 befanden sich im Banat bereits 46 deutsche Ortschaften. Im Zeitraum von 1763 bis 1770 stieg die Zahl der Deutschen im Banat von etwa 24.000 auf 43.000. Bis 1773 wurden 31 Ortschaften neu gegründet und 29 Siedlungen erweitert. Die Großtat der Siedler bestand in der Umwandlung des Banats in eine der ertragreichsten Kornkammern Europas. Das Banat wurde jedoch im Jahre 1778 laut Vertrag, den Maria Theresia 1741 mit den Ungarn geschlossen hatte, Ungarn einverleibt. Joseph II. ließ 164 Banater Or­ te aus öffentlichen Versteigerungen an die Meistbietenden verkaufen. Die deut­ schen Bauern, die vorher nur der Hofkammer unterstanden hatten, wurden wieder Leibeigene. Im Dritten Schwabenzug kamen nochmals rund 13.500 Per­ sonen ins Banat.


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Nach der Revolution 1848/49 entstand die „Woiwodschaft Serbien und Temeser Banat“ mit deutscher Amtssprache. Die neue „Woiwodschaft“, deren Haupt­ stadt Temeswar wurde, umfasste neben dem Banat auch die Batschka und die Rumaer und Illoker Bezirke des Komitates Syrmien und war unmittelbar der Reichsregierung in Wien unterstellt. Die Bevölkerung der gesamten Woiwod­ schaft betrug im Jahre 1851 knapp 1,4 Millionen Menschen, davon rund 400.000 Serben, 300.000 Deutsche, 300.000 Rumänen, 250.000 Ungarn und 13.000 Juden. Mit Wirkung vom 1. Jänner 1861 löste sich die Woiwodschaft auf, und das Banat wurde ein zweites Mal dem Königreich Ungarn einverleibt. Mit dem österrei­ chisch­ungarischen „Ausgleich“ von 1867 wurden die 1,8 Millionen Deutschen der ungarischen Reichshälfte dem ungarischen Nationalismus ausgeliefert. Das deutsche Schulwesen wurde nach und nach erdrosselt. Die deutschen Zeitungen des Banats schmolzen von 37 im Jahre 1889 auf 12 im Jahre 1910 zusammen. Am 30. Dezember 1906 wurde in Werschetz die „Ungarländische Deutsche Volkspar­ tei“ gegründet. Sie stellte sich die Aufgabe, die Überfremdung abzuwehren und die im Nationalitätengesetz von 1868 den Volksgruppen zugesagten Rechte durchzusetzen. Die Volkszählung im Jahre 1910 wies im Banat unter 1.852.439 Einwohnern 512.601 (27,6 %) Deutsche auf. Der Ausgang des Ersten Weltkrieges brachte das Ende der k.u.k. Doppelmonarchie Österreich­Ungarn. Der Friedens­ vertrag von Trianon (4.6.1920) zerstückelte das Banat in drei Teile: 18.945 km² fielen an Rumänien, 9.307 km²kamen zu Jugoslawien und 217 km²verblieben bei Ungarn. Im neuen Vaterland Rumänien gingen die Banater Schwaben sehr zielstrebig an die Aufbauarbeit. Nach 1933 mischte sich die deutsche Reichsregierung immer häufiger in die Angelegenheiten der deutschen Volksgruppe ein, bis die rumäni­ sche Regierung mit Dekret vom 21. November 1940 diese als juristische Person öffentlichen Rechtes anerkannte. Ab Mai 1943 wurden auf Grund eines Abkom­ mens zwischen Rumänien und dem Dritten Reich die Rumäniendeutschen in die deutschen Wehrverbände eingezogen. Zirka 8.500 von ihnen sind im Zweiten Weltkrieg gefallen. Der Umsturz in Rumänien vom 23. August 1944 hat die Deutschen in Rumänien sehr getroffen: Politische, wirtschaftliche, kirchliche und kulturelle Organisationen wurden aufgelöst und verboten. Vertrieben wurden die Deutschen nicht. Im Januar 1945 wurde die arbeitsfähige deutsche Bevölke­ rung zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Durch die Bodenreform vom März 1945 verlor die bäuerliche Bevölkerung ihre Existenzgrundlage. Im Sommer des Jahres 1951 wurden 40.000 Menschen entlang der jugoslawischen Grenze in die Bărăgan­Steppe zwangsumgesiedelt. In der Volkszählung vom Ja­ nuar 1948 gaben in Rumänien nur mehr 343.913 Personen Deutsch als Mutter­ sprache an, davon im Banat 171.022. Das Ergebnis, das das „Demokratische


95 Forum der Deutschen im Banat“ bei den Wahlen im Mai 1991 erzielte, war kata­ strophal. Die kulturell­ethnische Überlebenschance der Volksgruppe wurde unter dem Assimilationsdruck der Ceauşescu­Diktatur immer geringer. Hinzu kam ab 1951 im Rahmen der Familienzusammenführung eine Rückwanderung Deutscher aus dem kommunistischen Rumänien in den Westen. Im Zeitraum von 1950 bis 1992 beteiligten sich an der Aussiedlung rund 200.000 Banater Schwaben. Im Jahre 1990 waren es über 50.000, die in das Land ihrer Vorfahren zurückwanderten. Gegenwärtig dürften noch an die 20.000 Banater Schwaben in Rumänien leben. Beim Herannahen der Front im September 1944 zogen zahlreiche Wagenkolon­ nen mit Flüchtlingen aus dem Banat nach Österreich. Die meisten von ihnen ver­ brachten den Winter 1944/45 im Burgenland, in Nieder­ und Oberösterreich sowie Salzburg. Schon im Frühjahr 1945 lief eine Repatriierung der in der russi­ schen Zone Österreichs befindlichen Flüchtlinge an. Unter russischer Eskorte fuhren vom Arsenal in Wien die Trecks der Volksdeutschen in ihre Heimat zu­ rück. Nach Angaben des Bundesministeriums für Inneres befand sich die folgen­ de Anzahl von Flüchtlingen aus Rumänien in Österreich: 01.01.1948: 56.601 Personen und 01.07.1956: 20.735 Personen. Rund 18.000 Banater Schwaben aus Rumänien fanden in Österreich eine neue Heimat. Der „Verband der Banater Schwaben Österreichs“ will neben der Geselligkeit die in der ehemaligen Heimat gewachsenen Verbindungen pflegen und weiterentwickeln. Gleichzeitig bemüht er sich, die Verbindung zu den in der alten Heimat verbliebenen Landsleuten aufrecht zu erhalten sowie ihnen Hilfe zukommen zu lassen (Paketaktionen, Geldüberweisungen usw.). In seinem Bemühen wird er von der Heimatzeitung „Banater Post“, München, tatkräftig unterstützt. Sie wird in 12 Staaten Europas und in Übersee gelesen. Die Banater Schwaben1 sind mit den Schwaben aus der Batschka, aus Syrmien, Slawonien aus der Schwäbischen Türkei, u. a. in dem wesentlich jüngeren Sam­ melbegriff Donauschwaben vereint. Der Terminus Donauschwaben2 wurde 1922 vom Grazer Geographen Robert Sieger und bereits zwei Jahre zuvor von Her­ mann Rüdiger, Geograph am Deutschen Auslands­Institut, Stuttgart ( „Do­ nauschwaben im weitesten Sinne des Wortes sind die Bewohner der deutschen Siedlungsgebiete längs des Mittellaufs der Donau, etwa von Ofenpest/Budapest bis nach Orşova“ ) für die früher als „Schwaben Ungarns“ bekannte Volksgrup­ pe, geprägt. „Sie werden in diesen Gebieten seit jeher ‚Schwaben’ genannt [...] Nach 1945 fanden Teile in der BRD und in Österreich eine neue Heimat. Erst hier bezeichneten sie sich selbst als Donauschwaben.“3


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Geschichte zum Verein der Banater Schwaben Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte es viele Banater Landsleute in die Reichshauptstadt gezogen. Es waren Handwerker, vor allem Banater Friseu­ re, aber auch Studenten und Kaufleute, die in Wien ihr Glück versuchen wollten, hier eine zweite Heimat gefunden hatten, und so wurde am 27. Jänner 1907 um 19 Uhr im Restaurant „Zum Grundstein“ im VIII. Wiener Gemeindebezirk, Josef­ städter Straße 28 – derzeit befindet sich hier eine Bank­Filiale (BAWAG) –, der „Verein der Banater Schwaben in Wien“ ins Leben gerufen. Der zum Vorsitzen­ den gewählte Nikolaus Wehner erläuterte den Zweck und die Ziele, aber auch die Notwendigkeit eines Vereins der Banater Schwaben in Wien, um „den aus der Heimat in die fremde große Stadt Kommenden mit den Verhältnissen der Großstadt nicht vertrauten Stammesgenossen an die Hand zu gehen, ihnen mit Rat beizustehen.[...] Andererseits sollen auch die schon länger in Wien wohnen­ den oder ansässigen Banater Schwaben einander näher gebracht werden. [...] und in steter Wechselbeziehung zu einander bleiben. [...]“ Darüber hinaus sollte man sich im heimatlichen Dialekt unterhalten und es sollten Sitten und Bräuche gepflegt werden. (Gründungsprotokoll, S.1.) Folgende Personen wurden in den Vereinsvorstand gewählt: Nikolaus Wehner – Obmann, Johann Braun – Ob­ mann­Stellvertreter, Johann Mager – Schriftführer, Nikolaus Hilger – Schriftfüh­ rer­Stellvertreter, Franz Bottner – Kassier, Lorenz Thoma – Bibliothekar sowie die Vorstandsmitglieder Josef Kaiser, Rudolf und Othmar Schiff, Jakob Schweit­ zer, Michael Hirsch und Franz Roth. Dass der Verein bereits bei seiner Grün­ dung deutliche Kulturinteressen bekundete, geht aus der Funktion des gewählten Vereinsbibliothekars hervor. In verschiedenen Sektionen – Kultursek­ tion (Heimatkunde), Ausflugssektion, Fürsorgesektion, Sportsektion u. a. – wur­ den abwechslungsreiche Tätigkeiten koordiniert und entfaltet.4 Der Sektion „Friseure“ kam im Rahmen des Vereines eine besondere Bedeutung zu: Die re­ gelmäßigen Fortbildungskurse erfreuten sich großer Beliebtheit, und einige Sek­ tionsmitglieder brachten es in jener Zeit zu Rang und Ehren; so wurde den beiden verwandten Konkurrenten Othmar und Rudolf Schiff der Titel Kommer­ zialrat verliehen. Regelmäßig sorgten Vereinsabende und Schaufrisieren, Kegela­ bende und Weihnachtsfeiern, „schwäbische Festessen“ und der alljährliche Schwabenball für Geselligkeit und Pflege des kulturellen Erbes wie auch für Gel­ tung in der Wiener Gesellschaft. Die Vortragsabende des Vereins fanden ein stets dankbares Publikum; zu den Vortragenden zählten in Wien studierende Ba­ nater – der spätere Medizinalrat Dr. Fritz Klinger etwa und der Kirchenpräsident Franz Hamm – und anerkannte Literaten der Zeit, wie Ella Triebnigg­Pirkert und Adam Müller­Guttenbrunn.


97 Während und nach dem Ersten Weltkrieg, als besonders die Wiener großen Ent­ behrungen ausgesetzt waren und die Hungersnot allgegenwärtig war, kam es zur sogenannten „Kinderhilfsaktion“ im Zuge derer zwischen 1916 und 1930 zir­ ka 40.000 hungernde Wiener Kinder kostenlose Aufnahme im Banat gefunden haben.6 In der „Temeswarer Zeitung“ wurde am 4. Juli 1922 Folgendes festgehal­ ten: „Eine bedeutende Rolle spielte die rumäniendeutsche sozialdemokratische Presse auch bei der Organisierung von Hilfsaktionen zugunsten der Wiener Kin­ der in den Jahren 1921 und 1922. Diese Hilfsaktion begann im Juni 1921. Mehr als zweitausend Banater Familien, die selbst einen harten Daseinskampf führten, übernahmen für drei Monate die Ernährung und Pflege dieser, in den meisten Fällen Eisenbahnerkinder. Die Rücktransporte fanden am 26. September, 19. Ok­ tober und 8. November 1921 statt. Im Laufe des Sommers 1922 wurden im Banat 650 Wiener Kinder zeitweilig untergebracht. Michael Schaut, Redakteur des Te­ meswarer sozialistischen Blattes, war Mitglied des Banater Hilfskomitees, das die Wiener Kinderzüge empfing und die Verteilung der Kinder an Pflegeeltern organisierte.“ Die Wiener Öffentlichkeit brachte am 24. Jänner 1930 in einer ein­ drucksvollen „Schwaben­Dank­Feier des Wiener Kindes“ im großen Musikver­ einssaal durch den damaligen Wiener Bürgermeister Karl Seitz dem Verein Anerkennung und Dank zum Ausdruck. Zwischen Mai 1925 und Dezember 1928 erschien in Wien im Auftrag des Vereins „Banater Schwaben in Wien“ die Monatszeitschrift „Unsere Heimat“, redigiert von Karl Kraushaar (*24.05.1858 Hatzfeld; † 08.03.1938 Budapest ), vormals Redakteur des Banater Blattes „Der Landbote“. Zum Thema „Hilfsaktion für Wiener Kinder“ hält die Zeitschrift in der Jänner­Ausgabe 1926 Folgendes fest: „[...] Wenn wir am Schlusse des Kalenderjahres auf die Tätigkeit des Vereins der Banater Schwaben in Wien zurückblicken, sehen wir, dass dieser für die Mithilfe bei der Unterbringung unterernährter Wiener Kinder im Banat, der Deutschschwäbischen Volksgemeinschaft und der Presse, vornehmlich der Banater deutschen Zeitung, der Temeswarer Zeitung, Arader Zeitung, Hatzfelder Zeitung und dem Banater Tagblatt Dank und Anerkennung schulden, was hier im Namen unseres Vereins öffentlich angesprochen wird. [...]“ Ein Höhepunkt des Vereinslebens war die Weihe der in Rot­Gold, den histori­ schen Farben des Banats, gehaltenen Vereinsfahne, die zu Pfingsten des Jahres 1927 in der Basilika Maria Treu, im VI. Wiener Bezirk, im Beisein zahlreicher in­ und ausländischer Festgäste stattgefunden hat. Während ihres Aufenthaltes in Wien gewährte Bundespräsident Michael Hainisch den prominentesten Gästen eine Audienz.


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DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Die bedenkliche politische Entwicklung im Österreich der dreißiger Jahre und die dauerhafte angespannte wirtschaftliche und soziale Lage erschwerten die Vereinsarbeit zusehends, was durch die Gleichschaltungsmaßnahmen des Drit­ ten Reiches die völlige Lahmlegung der Vereinstätigkeit zur Folge hatte.

Das Innere der Barackenunterkünfte

In der aussichtslosen politischen Lage unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bestand verständlicherweise seitens der ehemaligen Vereinsmitglie­ der zunächst kein Interesse am Fortbestand des Vereines. Zehntausende Flücht­ linge kamen aus dem Banat nach Österreich, und einige Tausend konnten notdürftig in Wien untergebracht werden. Im Oktober 1945 wurde seitens der amerikanischen Militärverwaltung in Österreich in Linz die „Unpolitische Inter­ essenvertretung der Volksdeutschen aus den ehemaligen Kronländern Öster­ reich­Ungarn“ genehmigt. Für die Landsleute aus dem rumänischen Banat war Dr. Fritz Klingler zuständig. Nach einem Jahr musste das Komitee seine Tätig­ keit wieder einstellen. Erste Ansätze zu einem organisatorischen Zusam­ menschluss erzielten die Landsleute aus Rumänien in der Zentralberatungsstelle der Volksdeutschen in Wien III, Metternichgasse 3. Diese Zentralberatungsstelle war eine Dienststelle des Bundesministeriums für Inneres. Zuständiger Ge­ schäftsführer für die Abteilung Südost, also auch für Rumänien, war Diplom­ kaufmann Hans Franz aus Steierdorf im Banat. Da der seit 1925 amtierende Obmann des Vereins, Martin Endres, 1944 einem


99 Fliegerbombardement zum Opfer gefallen war, wurde der Verein nach 40­jähri­ gem Bestehen am 18. November 1947 durch Obmannstellvertreter Hugo Butter bei der Vereinspolizei durch folgenden Wortlaut abgemeldet: „Obmannstellver­ treter der ,Banater Schwaben in Wien’, Hugo Butter, Wien VII, Lerchenfelder Gürtel 12, gibt die freiwillige Auflösung des Vereins bekannt.“7 Diese Anzeige lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den „Verein der Banater Schwaben“ und veranlasste Dkfm. Hans Franz, Mitglied des Flüchtlingsbeirates der Liga für Menschenrechte (laut Bescheinigung vom 26.9.1947 des Landesver­ bandes Österreich), den Spuren des eben aufgelösten Vereines zu folgen. Nach zahlreichen Aussprachen mit Gleichgesinnten ist es gelungen, ein Proponenten­ komitee zu gründen, dem die Herren Johann Braun, vormaliger Vereinsobmann und Ehrenmitglied, Hugo Butter, Dkfm. Hans Franz und Prof. Sebastian Werni angehörten. Die Bestrebungen des Komitees, den wiederzugründenden Verein einfachheitshalber wieder „Verein der Banater Schwaben“ zu nennen, sollten vorerst keine Früchte tragen. Nachdem Dkfm. Hans Franz die Wiedergründung des „Vereins der Banater Schwaben in Wien“ bei der Vereinspolizei beantragt hatte, wurde die Vereinsgründung von der Sicherheitsdirektion Wien per Be­ scheid mit der Begründung untersagt, dass aufgrund der Namensgleichheit eine Verwechslung mit dem am 18. November 1947 aufgelösten Verein vorliege. Als auf Vorschlag des Vertreters der Vereinspolizei der Name des zu gründen­ den Vereines in „Schwabenverein“ umgeändert worden war, genehmigte die Si­ cherheitsdirektion Wien am 16. April 1948 unter Nr. S. D. 3909/48 die eingereichten Statuten und teilte dem Antragsteller mit, dass der „Schwabenver­ ein“ nunmehr seine Tätigkeit aufnehmen könne. Nach Erledigung verschiedener weiterer Formalitäten erfolgte mit dem Druck von Mitgliedskarten die Bekannt­ gabe der Vereinsanschrift: Wien VIII, Lerchenfelderstraße 14 (im Gasthaus „Zum Grünen Tor“), doch bereits 1949 lautete die Anschrift: Wien XII, Schönbrunner­ straße 307 (im Restaurant „Dreherpark“). Am 22. Mai 1948 wurde im Vereinslo­ kal im Gasthaus „Zum Grünen Tor“ die Gründungsversammlung des „Schwabenvereines“ abgehalten. In der ersten gemeinsamen Hauptversamm­ lung wurde Hans Franz erwartungsgemäß zum Obmann gewählt. Er war der Mann des Zusammenschlusses aber auch der Mensch des Zusammenlebens, der es immer wieder verstanden hatte, aufgetretene Schwierigkeiten zu meistern. Durch seine Tat legte er den Grundstein für eine weitere, gedeihliche Vereinsar­ beit. Der provisorischen Vereinsleitung gehörten an: Dkfm. Hans Franz – Vorsit­ zender, Ing. Valentin Reimann – Vorsitzender­Stellvertreter, Prof. Sebastian Werni – Sekretär, Friedrich Hempt – Sekretär­Stellvertreter, Johann Helfrich – Kassier, Josef Harter und Dr. Karl Hoffmann – Kassier­Stellvertreter, Hugo But­ ter, Georg Mayer, Adam Straßler – Ausschussmitglieder sowie Dr. Josef Fuchs,


100 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Peter Schlarb, Martin Krach – Revisoren. Obmann Dkfm. Hans Franz erhielt das Mitgliedsbuch mit der Nr. 1, in dem auch ein Auszug aus den Vereinssatzungen abgedruckt ist. Zwecks Bekanntgabe der Gründung des „Schwabenvereins“ und der daraus auf sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet erwachsenden Aufgaben und Zielsetzungen hat der Verein im Juni 1948 einen Rundbrief drucken lassen. Die Vereinsgründung war eigentlich zum Fortleben des „Vereins der Banater Schwaben in Wien“ gedacht, doch bedauerlicherweise war aus rechtlichen und vereinspolizeilichen Gründen die Beibehaltung des Namens „Banater Schwa­ ben“ nicht möglich und demzufolge musste der Name “Schwabenverein“ ge­ wählt werden. Im Zusammenhang damit darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich nach der Vereinsgründung allerlei Schwierigkeiten ergeben haben. Es muss je­ doch festgehalten werden, dass dieser Schritt der Anfang zur Fortsetzung der landsmannschaftlichen Tätigkeit der Banater Schwaben aus Rumänien in Öster­ reich war. Daraus entwickelte sich vor allem der lebendige Kern, aus dem sich neues Geschichtsbewusstsein entfalten sollte. Damals schlug für die Banater die Stunde der Umkehr, und es war der Wille einsichtiger Personen erforderlich, um die Geschicke der Beteiligten durch zähe, geduldige Aktivitäten in eine hoff­ nungsvolle Zukunft tragen zu können. Bedauerlicherweise mussten die Banater Landsleute einen schweren Verlust hinnehmen: Der am 20. Februar 1884 in Bil­ led geborene Prof. Hans Donawell – bis 1947 Vorsitzender der Zentralberatungs­ stelle der Volksdeutschen Heimatvertriebenen in Wien – verschied am 16. Dezember 1948 in einem Wiener Krankenhaus. Aus der Sicht der Banater Schwaben wurden folgende Zielsetzungen zu den Hauptaufgaben des Vereins nach 1945: Suche nach Vermissten und Zusammen­ führung getrennter Familien, denn nach dem Krieg war es wegen des „Eisernen Vorhangs“ den ehemaligen Soldaten jahrelang unmöglich, zu ihren in Rumänien lebenden Familien heimzukehren bzw. diese zu besuchen; sie blieben von ihren Familien getrennt. Eine Zusammenführung dieser auseinander gerissenen Fami­ lien war in den ersten zehn Nachkriegsjahren außerordentlich schwierig, denn es gab keine offiziellen Kontakte zwischen Österreich und der Volksrepublik Ru­ mänien. Erst später spielte sich die Familienzusammenführung besser ein, vor allem, nachdem Österreich mit Rumänien diplomatische Beziehungen aufge­ nommen hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind auf Betreiben des aus Großsanktnikolaus stammenden Johann (Jean) Lamesfeld im Einvernehmen mit der französischen Regierung unter Premierminister Robert Schumann8 (laut Beschluss vom 17.07.1948) zwischen November 1948 und April 1949 zirka 10.000 geflüchtete Ba­


101 nater aus Österreich – die Transporte gingen aus Bregenz ab – nach Frankreich (La Roque sur Pernes, Provence) umgesiedelt worden.9 Der „Sozialistischen Korrespondenz“ zufolge haben sich am 20.1.1951 etwa 51.000 Volksdeutsche aus Rumänien in Österreich aufgehalten. Die aus dem ru­ mänischen Teil des Banats stammenden Landsleute verfolgten naturgemäß an­ dere, Rumänien bezogene Ziele, die sie vom „Schwabenverein“ als nicht richtig wahrgenommen empfunden hatten. So erfolgte die Abspaltung von diesem, und am 22. April 1963 kam es zur Gründung der „Interessensgemeinschaft der Bana­ ter Schwaben aus Rumänien für Familienzusammenführung und Vermögenser­ satz“ mit Sitz im Gasthaus „Goldenes Lamm“, Wien XV, Johnstraße 21, eingetragen bei der Bundespolizei Abt. I. Vereinspolizei mit Eingang am 24. April 1963. In der konstituierenden Generalversammlung wurden folgende Vereinsfunktionäre gewählt: Rechtsanwalt Josef Fuchs – Obmann, Ferdinand Lambert – Obmann­Stellvertreter; Dr. Waldemar Machytka – Schriftführer; Hans Paul – Schriftführer­Stellvertreter; Christoph Wambach – 1. Kassier; Peter Wegesser – 2. Kassier; Peter Kühn, Johann Treiss – Revisoren; Ausschussmitglie­ der: Stefan Böss, Michael Undiß, Kommerzialrat Ing. Jakob Roos, Hans Müller und Franz Klein. Bei der Generalversammlung der „Interessensgemeinschaft der Banater Schwaben aus Rumänien für Familienzusammenführung und Vermö­ gensersatz“ vom 24. Oktober 1964 wurde die Umbenennung des Vereins in „Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien“ beschlossen, was am 28. Oktober 1964 dem Vereinsbüro der Bundespolizeidirektion, Wien I, Zedlitz­ gasse 8, schriftlich mitgeteilt wurde. Die Generalversammlung wählte am 24. Oktober 1964 folgenden Vorstand: Rechtsanwalt Josef Fuchs aus Alexander­ hausen – Obmann, Ferdinand Lambert aus Temeswar – Obmann­Stellvertreter und Schriftführer, Johann Paul aus Iglau – 2. Schriftführer, Christoph Wambach aus Marienfeld – 1. Kassier, Peter Wegesser aus Hatzfeld – 2. Kassier, Peter Kühn aus Kleinsanktpeter/Totina und Johann Treiss aus Hatzfeld – Revisoren, Aus­ schussmitglieder: Dr. Waldemar Machytka aus Budapest, Dkfm. Hans Franz aus Steierdorf, Dipl. Ing. Josef Adam aus Orzydorfund Franz Klein aus Billed. Der Vereinsname wurde laut Erlass der Sicherheitsdirektion Wien vom 26. Novem­ ber 1964, Zl. M. Abt. 62­II/1703/64 auf „Landsmannschaft der Banater Schwa­ ben aus Rumänien“ geändert. Auf dem in Österreich sehr mühsamen Weg zur Eingliederung der staatenlosen Volksdeutschen war die Zusammenarbeit aller Landsmannschaften erforderlich, und so hatten auch die Banater Schwaben in allen Gremien der Vertriebenen ih­ ren Vertreter: im Rahmen der Donauschwäbischen Arbeitsgemeinschaft (DAG) und im „Verband der volksdeutschen Landsmannschaften“(VLÖ). Bei der am


102 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 4.  Oktober 1974 im Gasthaus Steindl, Wien VI, Machettigasse 1 (Vereinssitz) stattgefundenen Generalversammlung wurde die Änderung des bisherigen Ver­ einsnamens „Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien in Wien“ auf „Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien in Österreich“ be­ schlossen sowie ein neuer Vorstand gewählt: Kommerzialrat Dr. h. c. Hans An­ drowitsch – Obmann, Peter Kühn, Franz Klein – Obmann­Stellvertreter, Peter Wegesser – 1. Kassier und Josef Dittrich – 2. Kassier, Christoph Wambach – Schriftführer. Durch den plötzlichen Tod des Obmanns, Kommerzialrat Dr. h. c. Hans Androwitsch, wurde am 29. April 1983 der bisherige langjährige Obmann­ Stellvertreter Franz Klein, Billed, zum Obmann gewählt, der als ein sehr enga­ gierter Funktionär und Buchautor, Träger zahlreicher hoher, auch seitens der Re­ publik Österreich verliehener Orden die Geschicke des Vereins über 17 Jahre gestalten sollte. Durch Jahre organisierte Franz Klein Paketaktionen und Hilfsgü­ ter, die Bedürftigen – nicht nur im Banat und nicht nur Banater Schwaben – zu­ gute kamen: Arzneimittel, medizinisch­technische Geräte für Krankenhäuser und Ambulatorien sowie Güter verschiedenster Art wurden unter seiner Leitung bzw. Anleitung nach Rumänien gebracht und an dortige Institutionen sowie Pri­ vatpersonen weitergegeben. Am 11. Dezember 2001 wurde dem Antrag auf Umbenennung unseres Vereines in „Verband der Banater Schwaben Österreichs“ von der Sicherheitsdirektion für Wien, Vereinsangelegenheiten, Zl.: IV­SD/2151/VVM/2001 stattgegeben. Der­ zeit finden unsere Vereinstreffen im Gasthaus Ebner, Wien XV, Neubaugürtel 33, statt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, der neben anderen Ethnien auch die Banater Schwaben mit unsäglichem Leid heimsuchen sollte – Pauschalbeschuldigungen „nur“ weil sie Deutsche sind/waren –, standen unsere Landsleute zu ihrer Hei­ mat und hielten selbst unter den prekären Bedingungen der kommunistischen Ära die Verbindungen zu dieser aufrecht. In Österreich wurden Kontakte zur „Österreichisch­Rumänischen Gesellschaft“ und zur Kulturvereinigung „Uni­ rea“ gepflegt; im Laufe der Zeit verbesserten sich selbst die Beziehungen zur Botschaft der Sozialistischen Republik Rumänien, wollte man doch die Ver­ wandten in der Heimat besuchen, was mit zahlreichen Formalitäten verbunden war. Durch all die zurückliegenden Jahrzehnte hat unser Verein freundschaftli­ che Beziehungen zu anderen „Schwestervereinen“ gepflegt, deren Mitglieder mehrheitlich aus Rumänien und/oder aus ehemaligen Gebieten der Habsburger­ monarchie stammen: Siebenbürger Sachsen, Buchenlanddeutsche (Bukowi­ na/Buchenland), Karpatendeutsche usw. Auf Einladung der Gesellschaft „România“ besuchten am 1. Oktober 1975 der Vorsitzende der „Landsmann­


103 schaft der Banater Schwaben aus Rumänien in Österreich“, Dr. h. c. Hans Andro­ witsch, und der Kulturreferent der Landsmannschaft, Prof. Nikolaus Engel­ mann, mit Gattinnen, Rumänien. Die Gäste führten Gespräche mit Mitgliedern der Gesellschaft „România“, wurden beim Volksrat des Munizipiums Temeswar und von der Leitung des Rates der Werktätigen Deutscher Nationalität des Krei­ ses Temesch empfangen, besuchten die Redaktionen der Zeitschriften „Tribuna României“, „Neuer Weg“ und „Neue Banater Zeitung“ sowie des Verlags „Kri­ terion“ und führten hier Gespräche. Die Herren Hans Androwitsch und Niko­ laus Engelmann besichtigten gleichfalls sozial­kulturelle, ökonomische und touristische Objekte in der Hauptstadt Bukarest, im Kreis Temesch und im Mu­ nizipium Temeswar. Der Besuch verlief in einer freundschaftlichen Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses und Interesses zur Entwicklung der Beziehun­ gen, der Zusammenarbeit zwischen den beiden Gesellschaften. Nicht unerwähnt bleiben darf ein kulturelles Ereignis von besonderer Tragweite: Am 8. und 9. Mai 1985 wurde dem ehemaligen Temeswarer Hochschullehrer und Dichter, Prof. Dr. Rudolf Hollinger (1910 bis 1997), anlässlich seines 50. Promotionsjubilä­ ums und der Verleihung des Goldenen Doktordiploms seitens der Universität Wien ein zweitägiges Symposion unter dem Ehrenschutz des damaligen Bundes­ ministers für Unterricht und Kunst, Dr. Herbert Moritz, gewidmet, im Zuge des­ sen die Banater Referenten Dr. Herbert Bockel (Universität Passau), Mag. Hans Dama (Universität Wien), Dr. Walter Engel (Heidelberg), Prof. Nikolaus Engel­ mann (Linz), Dr. Horst Fassel (Universität Tübingen) und Mag. Radegunde Täu­ ber (Nufringen) das Schaffen des Jubilars würdigten. Univ.­Prof. Dr. Erwin Ringel (Wien), gebürtiger Temeswarer, überreichte dem Jubilar das Festexem­ plar seines (Hollingers) Buches „Gedankensplitter aus dem Osten. Aus dem Ta­ gebuch eines Südost­Europäers“, herausgegeben von seinem einstigen Schüler Hans Dama. Am 10. Mai 1985 wurde im Rahmen einer Feier im Vereinslokal des „Verbandes der Banater Schwaben“ durch den Obmann des „Schwabenvereins“ (Jugoslawiendeutsche), Herrn Jakob Werner, die Prinz­Eugen­Medaille an Prof. Dr. Rudolf Hollinger verliehen. Auch im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends kann der „Verband der Banater Schwaben Österreichs“ auf eine rege und vielseitige Tätigkeit zu­ rückblicken, die auf Initiative verdienter Landsleute, allen voran die des langjäh­ rigen Bundesobmanns Franz Klein, und einiger Mitglieder wie Dr. Alexander Krischan, Mag. Dr. Hans Dama, Dipl. Ing. Josef Adam, Julius Fikar, Peter Dettar, Josef Kauten, Susanne Hügel­Lacina, Peter Maurer, Mathias Wanko, des uner­ müdlichen Ehrenobmanns, Prof. Nikolaus Engelmann, u.a.m. erfolgt ist und fortgesetzt wird. Paketaktionen und Sendungen mit medizinischen Gütern und Einrichtungen wurden und werden besonders von der Oberösterreicherin Maria


104 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Ritter, deren Mann aus Perjamosch/Banat stammt, betreut und nach wie vor durchgeführt, nachdem Franz Klein bis zum Beginn der 90er­Jahre die Transpor­ te ins Banat selbst begleitet hatte. Wichtig erschien in den ausgehenden 1980er­ und zu Beginn der 1990er­Jahre die Betreuung der nach 1989 erfolgten massen­ weisen Rückwanderung von Landsleuten nach Deutschland: Auf dem Wiener Westbahnhof, dem unumgänglichen Nadelöhr aller Ausreisenden, betreute vor allem Obmann Franz Klein die Menschen persönlich. Zur Förderung und Stär­ kung des Zusammengehörigkeitsgefühls unserer Landsleute findet jeden zwei­ ten Freitag im Monat im Vereinslokal ein Heimabend statt, bei dem aktuelle Fragen besprochen und verschiedene Vorhaben in Angriff genommen werden. Ebenso fand je ein Muttertags­ und ein Herbstausflug statt, bei denen historische und/oder kulturelle Sehenswürdigkeiten besichtigt wurden. Gruppen­ oder Ein­ zelbesuche von Landsleuten aus Deutschland, den USA, Rumänien, Kanada, Un­ garn usw. in Wien werden von unseren hier lebenden Mitgliedern fürsorglich betreut. Anlässlich des 80. Geburtstages (17.10.1999) unseres langjährigen Obmanns Franz Klein wurde dieser für seine Jahrzehnte umspannende rege Tätigkeit zum Wohle der Gemeinschaft der Banater Schwaben in Österreich durch den Bundes­ vorstand der „Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland“, Herrn Jakob Laub, mit der Prinz­Eugen­Nadel ausgezeichnet und vielfach geehrt. Des­ gleichen wurde weiteren verdienten Mitgliedern unseres Verbandes die Treue­ nadel in Gold durch den Bundesvorstand Jakob Laub verliehen: Hans Dama, Prof. Nikolaus Engelmann, Dr. Alexander Krischan und Susanne Hügel­Lacina. Im Rahmen unserer Kulturtätigkeit werden Vorträge und Lesungen veranstaltet. Anlässlich des 150. Geburtstages, des 75. und 80. Todestages des Heimatdichters Adam Müller­Guttenbrunn sprach Hans Dama am Ehrengrab des Dichters auf dem Wiener Zentralfriedhof sowie im Haus der Heimat und in unserem Vereins­ lokal. Ebenso bemüht sich Hans Dama um den dichterischen Nachlass von Ru­ dolf Hollinger, aus dessen Lyrik er auf der Kulturtagung der Landsmannschaft der Banater Schwaben (Baden­Württemberg, Deutschland) im Dezember 1999 in Sindelfingen eine Lesung bot, nachdem er, ebenfalls im Dezember, auch eine Le­ sung in Wien durchgeführt hatte. Damas regelmäßige Wiener Lesungen (Adam Müller­Guttenbrunn, Nikolaus Lenau, Rudolf Hollinger u.a. Banater Autoren) erfolgen zweimal jährlich – im Frühjahr und im Herbst – und erfreuen sich allgemeinen Interesses über lands­ mannschaftliche Kreise hinaus. Außerdem werden interkulturelle Veranstaltun­ gen organisiert: Hans Dama sprach z.B. im März 2000 im Rumänischen Kulturinstitut Aula Romaniae in Wien über die Wiener Jahre des rumänischen


105 Nationaldichters Mihai Eminescu mit anschließender Lesung aus dessen Lyrik. Mitglieder unseres Verbandes nehmen an diversen Kulturtagungen in Deutsch­ land, Österreich, Ungarn und Rumänien aktiv – als Referenten – teil. Auf der Freiburger 19. Tagung der Adam Müller­Guttenbrunn­Gesellschaft würdigte Di­ pl. Ing. Josef Adam am 16. Oktober 1999 die Tätigkeit des Dompropstes Franz Blaskovics für die Banater Landwirtschaft. Eine besonders fruchtbare Tätigkeit entfaltete unser Landsmann Dr. Alexander Krischan, dessen Veröffentlichungen zu Banater Themen stets reges Interesse hervorrufen: „Deutsche periodische Literatur des Banats 1771 – 1971“ (1987); „Deutsche Beiträge zur Banater Historiographie 1860 ­ 1980“ (1993). Für seine Leistungen wurde Krischan am 26.11.1994 die Verdienstmedaille in Gold der Landsmannschaft der Banater Schwaben überreicht; am 25.9.1998 wurde ihm sei­ tens der Wirtschaftsuniversität in feierlichem Rahmen das Goldene Doktordi­ plom der Wirtschaftsuniversität verliehen, nachdem ihm vom Bundespräsidenten das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, von der Kammer für Arbeiter und Angestellte die Goldene Medaille für 45­jährige Arbeitsleistung im Dienst der österreichischen Volkswirtschaft, be­ reits 1971 der Donauschwäbische Kulturpreis des Landes Baden­Württemberg und am 25. November 2000 die Prinz­Eugen­Nadel in Gold verliehen wurde. Zu Krischans 75. Geburtstag (25.2.1996) hat der Verband der Banater Schwaben in Österreich die Festschrift „Banatica“ mit Beiträgen von 54 Autoren und einem Grußwort des Bischofs der römisch­katholischen Diözese Temeswar, Dr. Sebasti­ an Kräuter, herausgebracht. Gleichzeitig ist auch das zweibändige Sammelwerk des Jubilars „Gesammelte Beiträge zur Kulturgeschichte des Banats 1942 – 1996“ erschienen. Vertreter unseres Verbandes nehmen regelmäßig an Treffen und Besprechungen auf landsmannschaftlicher Ebene teil. Obmannstellvertreter, Julius Fikar, besuch­ te 1999 unsere Landsleute in Cincinnati/Ohio und hielt dort Wertvolles filmisch dokumentarisch fest. Durch intensive Zusammenarbeit mit weiteren in Wien le­ benden kulturengagierten Banater Persönlichkeiten konnten viele gemeinsame Projekte mit tatkräftiger Unterstützung der Rumänischen Botschaft bzw. des Ru­ mänischen Kulturinstituts Aula Romaniae verwirklicht werden: Das Lenau­Sym­ posion im Oktober 2002 anlässlich des 200. Geburtstages des aus dem Banat stammenden Dichters Nikolaus Lenau (1802­1850), des 150. Geburtstages bzw. des 80. Todestages des Banater Schriftstellers Adam Müller­Guttenbrunn (1852­ 1923). Nach wie vor werden unsere Beziehungen zur Internationalen Lenau­Gesell­ schaft gepflegt, an deren Veranstaltungen Vertreter unseres Verbandes aktiv teil­


106 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK nehmen. Auch den Verbindungen zu österreichischen, deutschen, rumänischen und ungarischen Stellen wird weiterhin große Aufmerksamkeit eingeräumt. Wie aus unserer Darstellung ersichtlich, gehören unserem Verband auch Nicht­Bana­ ter bzw. aus dem serbischen Teil des Banats und aus Österreich stammende Mit­ glieder an, die zum Teil in leitenden Funktionen agieren, was auf eine überregionale Gemeinschaft hinweist. 1

„Die Banater‚Schwaben’“. In: Temeswarer Zeitung, Temesvar, Jg. 28 (1879), Nr. 71 vom 27. März, Seite 1. 2

Vgl. Hermann Rüdiger, Die Donauschwaben in der südslawischen Batschka, Stuttgart 1931, S. 17); „Donauschwaben“, in: Handwörterbuch des Grenz­ und Auslandsdeutsch­ tums, Breslau, Bd. II (1936), Sonderdruck, S. 290 ff.; Senz, Josef Volkmar: Geschichte der Donauschwaben, München 1987, S. 19; Senz, Josef Volkmar (Hg.): Bayerische Do­ nauschwaben donauschwäbische Bayern, München 1979, S. 13; Gündisch, G. Konrad: Die deutsche Siedlung in Süosteuropa. Ein Überblick, in: Die Donauschwaben. Deutsche Sied­ lung in Südosteuropa. Ausstellungskatalog. Herausgegeben vom Innenministerium Ba­ den­Württemberg, bearbeitet von Eberl, Immo u. a., Sigmaringen 1987, S. 11; Scherer, Anton: Vorwort zu: Die Donauschwaben in der Zwischenkriegszeit und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. Schriftenreihe Geschichte, Gegenwart und Zukunft der altö­ sterreichischen deutschen Minderheiten in den Ländern der ehemaligen Donaumonar­ chie, Bd. 3, herausgegeben vom Felix Ermacora Institut. Forschungsstätte für die Völker der Donaumonarchie, Wien 2003. 3

Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden. Bibliographisches Institut Mann­ heim/Wien/ Zürich, 1973, Bd. 7, S. 82. 4

Lebende Persönlichkeiten – bis auf eine Ausnahme – wurden aus verständlichen Grün­ den nicht in das Verzeichnis aufgenommen. 5

Vgl. Kraushaar, Karl (Hg.):Unsere Heimat. Amtliches Organ des Vereins der Banater Schwaben in Wien. Hinterbrühl bei Wien, 1. Folge, 1. Jg. Mai 1925, S. 1, 11, Folge 2, Juni 1925, S. 5, 11, Folge 3, Juli­August, 1925, S. 11, Folge 4, September 1925 S. 3 ff. 6

Vgl. Koschak, Emil: Werke der Liebe führen zum Frieden, Wien 1948.

7

Amtsblatt der Wiener Zeitung Nr. 267, Jahrgang 240, 18. November 1947, S. 7.

8

Deutsche Schreibweise des aus Lothringen stammenden Politikers.

9

Vgl. Leber, Peter­Dietmar: La Roque sur Pernes und seine Banater Geschichte, in: Dama, Hans (Hg.): Österreich und die Banater Schwaben.Festschrift. An der Schwelle zum 100­ jährigen Jubiläum des Verbandes der Banater Schwaben Österreichs (1907 – 2007). Ehren­ gabe für Franz Klein zum 85.


107

Volksdeutsche Flüchtlingsseelsorge in Österreich VON GEORG WILDMANN Die seelische Stimmungslage und geistige Verfassung der Heimatvertriebenen charakterisiert A. K. Gauß sehr zutreffend, wenn er meint: „Die Heimatvertriebe­ nen [...] auf der Suche nach Familienangehörigen, staatsbürgerlich infolge der politischen Ereignisse verunsichert, desillusioniert über die Entwicklung, die sie als Willkürakt empfanden und erlitten und die sie ideen­ und geistesgeschicht­ lich vollkommen unvorbereitet traf; über die Barbarei des Dritten Reiches, deren Opfer sie geworden waren, nur gerüchteweise informiert, sachlich uneingeweiht und uneinsichtig über die Möglichkeiten ihrer Eingliederung im Aufnahmeland, aber auch weitgehend unentschlossen über ihren weiteren Weg ­ Rückwande­ rung nach Beruhigung der Lage, Auswanderung, Überführung nach Deutsch­ land ­, fühlten sich hilflos einer Situation ausgeliefert, deren Gesetzmäßigkeit sie weder erkannten noch zu durchschauen in der Lage waren." Von Kriegsende bis gegen 1949 konnte von den mächtigen Hilfsorganisationen UNNRA und IRO für die deutschensprachigen Heimatvertriebenen keine Hilfe erwartet werden. Zunächst waren es die Kirchen, die sich der Heimatvertriebe­ nen annahmen. Dass hier Salzburg eine in vielem maßgebende Rolle zufallen sollte, hing von zwei providentiellen Begebnissen ab: einmal von der Tatsache, dass es den aus Vukovar in Syrmien stammenden Pater Josef Sabinus Stefan nach seiner selbstauferlegten Pflicht, im letzten Kriegsjahr deutscher Divisions­ pfarrer zu sein, im Mai 1945 nach Salzburg verschlagen hatte und zweitens von der Tatsache, dass sich verhältnismäßig viele donauschwäbische Lehrer und Akademiker, die ihre Kriegsjahre heil überstanden hatten, in den Lagern bei Salzburg zusammengefunden hatten. P. Stefan empfand die ausweglos scheinen­ de Situation seiner Landsleute und ihre elementare Not als existentiellen Anruf, und das machte ihn in kürzester Zeit zu einer zentralen Persönlichkeit für seine notleidenden Landsleute. Ein Glücksfall war es auch, dass sich der Erzbischof von Salzburg, DD. Andreas Rohracher, die Anliegen P. Stefans spontan zu eigen machte und ihm die Wege zu internationalen und höchsten amerikanischen Mi­ litärstellen ebnete. So konnte P. Stefan schon am 18. August 1945 die Seelsorge in den Lagern der Jugoslawen übernehmen, die zu 80 % mit Volksdeutschen belegt waren.


108 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Im Jahre 1946 bestellte die III. Päpstliche Mission zur Betreuung der Flüchtlinge in Deutschland und Österreich Msgr. Dr. Joze Jagodic zum Nationaldelegaten für die Flüchtlinge aus Jugoslawien. Dieser ernannte P. Stefan zum Präses der Flüchtlingsseelsorge für Oberösterreich, Salzburg und Tirol. Es mussten Flücht­ lingsseelsorgestellen vornehmlich für die Donauschwaben aus Jugoslawien ein­ gerichtet werden, wobei es galt, die geflüchteten Priester, die schon in die einheimischen Seelsorge eingegliedert waren, wieder freizubekommen. Im März 1946 setzte die Erzdiözsese Wien einen Seelsorger für die religiöse Betreuung der Flüchtlinge ein, es folgte im Mai 1946 die Diözese Linz mit der Ernennung von Prof. Josef Haltmayer, im Januar 1948 wurde Prof. Hans Grieser zum Flücht­ lingsseelsorger für Tirol und Vorarlberg mit Sitz im Haiming und im März 1948 Alexander Thiel für Graz/Seckau ernannt. Im September folgte Klagen­ furt/Gurk für Kärnten. Nach der Regelung der Kompetenzen der Flüchtlings­ seelsorge gegenüber der Diözesanseelsorge ging es in der Folge um das Finden von Priestern für die volkreichsten Flüchtlingslager. Auch in materieller Hinsicht war das diözesankirchliche Plazet zur Etablierung einer eigenen Seelsorge wich­ tig: Erst jetzt konnte Kontakte zu ausländischen, vor allem US­kirchlichen Stellen (NCWC, Lutherischer Weltbund, Quäker u.a.) geknüpft und in der Folge mit Hilfsgüter, vorab Textilien und Lebensmitteln, den notleidenden Flüchtlingen geholfen werden.

Vom Kulturausschuss zum Verband Katholischer Do­ nauschwäbischer Akademiker Leiter der "Katholischen Flüchtlingsseel­ und Fürsorgestelle" im Barackenlager an der Lehener Brücke war P. Stefan. Unter seiner Leitung wurde hier bereits 1946 ein Kulturausschuss der katholischen Flüchtlingsseelsorge gegründet" ge­ gründet, der unter der Leitung von Dr. Johann Schreckeis, dem aus Vukovar in Syrmien stammenden Arzt, stand und das Ziel hatte, die katholischen do­ nauschwäbischen Akademiker zu sammeln. Nach drei Jahren, am 23. 5. 1949, wurde nach organisatorischen Überlegungen bei Exerzitien im Stifte Lambach mit amtlichem Schreiben des Ordinariates Salzburg der Verband Katholischer Donauschwäbischer Akademiker (VKDA) ins Leben gerufen. Sein Zweck war die „Erhaltung und Förderung des katholischen Glaubens unserer heimatlosen Menschen“, zu dessen Verwirklichung die Akademiker Vorträge halten sowie Zeitungen und Bücher herausgeben und Bibliotheken einrichten sollten. Ferner sollten in den Vereinen der christliche Geist gefördert und für die Familien gute Wohnverhältnisse geschaffen werden. Der VKDA blieb, wirft man einen Blick auf das Gesamtbild der Donauschwaben,


109 die in Österreich sesshaft wurden, bis Anfang der achtziger Jahre, also für 30 Jah­ re, wohl die spirituellste und kulturell fruchtbarste Einrichtung der Do­ nauschwaben. Seinen Satzungen gemäß veranstaltete er in seinen ersten zwei Dekaden jedes Jahr religiöse Exerzitien oder eine Studienveranstaltung, er küm­ mere sich um die donauschwäbischen Jungakademiker, die in seinem Rahmen den VKDH (Verband Katholischer Donauschwäbischer Hochschüler) mit Orts­ gruppen in Wien, Graz und Salzburg gründeten.

Auf dem Weg zum Gottesdienst im Lager Simmerimg

Wohl als erstes "geschlossenes" Siedlungsvorhaben ­ wenn auch nur mit neun Familien ­ wurde das vom VKDA getragene Projekt in der Paracelsusstraße in Salzburg verwirklicht, damals, 1949, eine Pionierleistung, die eine Kettenreakti­ on auslöste und im Raume Salzburg eine kontinuierliche Siedlerbewegung be­ gründen half: Flüchtlingsprojekte in Morzg­Gneis, Elsbethen, Laschensky­Hof, Salzachsee, Bergheim wuchsen wie aus dem Boden. Die dynamische Kraft, die diese Entwicklung in Bewegung setzte, war zweifellos Med.­Rat. Dr. Hans Schreckeis. "Durch Vorsprachen bei städtischen­ und Landesbehörden, durch In­ terventionen bei kirchlichen Stellen, durch Kontaktnahme zu internationalen Hilfsorganisationen und nicht zuletzt durch Gespräche der Ermutigung Einzel­ ner verstand er es, das aufkommende Gefühl zu festigen, dass man sich dem Wagnis stellen könnte. Kirchlich und international geförderte Siedlungsgenos­ senschaften wurden allmählich ins Leben gerufen, Bundes­ und Landeskredite


110 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK konnten beansprucht werden ­ eine Eigenheim­ und Eigentumswohnung­Bewe­ gung griff um sich, die oft genug von führenden Politikern, vor allem von einzel­ nen Landeshauptleuten (Dr. Heinrich Gleißner in Oberösterreich, Dr. Josef Klaus in Salzburg, Josef Krainer in der Steiermark), als mustergültig und beispielge­ bend auch für die Alteinheimischen herausgestellt wurde."

Die erste zeitgeschichtliche Dokumentation: zum Thema "Freiwilligkeit der volksdeutschen Waffen­SS" Gauß: "Inzwischen waren ­ nach Abschluss der Rückführung von Zwangsarbei­ tern, Kriegsgefangenen und Versprengten aller Art in ihre Herkunftsländer, Volksdeutsche natürlich ausgenommen, [...] die großen Auswanderungsaktio­ nen angelaufen, die Zehntausende in die USA und nach Kanada, aber auch nach Australien, Südamerika (Venezuela­Aktion der Bukowiner, Brasilien­Aktion der Donauschwaben), nach Frankreich (Schumann­Aktion der Banater) und im Rah­ men von Migrationsbewegungen mehr oder weniger individueller Art in ein Dutzend anderer Staaten brachten. Bezüglich der Auswanderungswilligen, die sich "heraus aus den Baracken" drängten, gab es für die Angehörigen der ehema­ ligen Feindstaaten (ex­enemies) ­ zunächst für Kroaten und Slowaken, nicht aber für Magyaren, da Ungarn noch in der allerletzten Kriegsphase zu den Alliierten überwechselte ­ und freilich für alle Volksdeutschen in der US­Einwanderungs­ gesetzgebung noch Barrieren zu überwinden. Wie bekannt, wurden auf Grund zwischenstaatlicher Abmachungen zwischen dem Dritten Reich und den Quis­ ling­Regierungen im Südosten alle wehrfähigen Deutschsprachigen als "Freiwil­ lige" zwangsrekrutiert und zur Waffen­SS eingezogen. Die Freiwilligkeit musste als Vorwand herhalten, da nach der Haager Landkriegsordnung die Okkupati­ onsmacht in einem besetzten Gebiet keine Soldaten ausheben durfte. Der Schein, im Einklang mit den völkerrechtlichen Bestimmungen gehandelt zu haben, blieb durch die "Freiwilligkeit" also gewahrt. Wer demnach bei der Waffen­SS gedient hat, blieb von der Möglichkeit ausgeschlossen, im "Gelobten Land", den USA ­ und dahin strebte die überwiegende Mehrheit ­ einen neuen Anfang zu wagen: Illegible waren nicht zugelassen. Und da die vorwiegend bäuerlichen Auswan­ derungswilligen in Sippenzusammenhängen dachten und planten und nicht oh­ ne den tragfähigen Anhang ­ und das waren die in den entscheidenden Mannesjahren Stehenden, eben aus der Kriegsgefangenschaft Heimgekehrten ­ Europa verlassen wollten, musste eine Großmutter mit fremd klingendem Na­ men ermittelt werden, oder man musste sich auf einen anderssprachigen Ehegat­ ten berufen können, um glaubhaft zu machen, dass man nicht signifikant "Deutscher" war. Wie die UNRRA mit ihren gewaltigen Hilfssendungen aus ih­ rem Betreuungsbereich gewissen Gruppen ausschloss und auf diese Weise Be­


111 vorzugte und Benachteiligte schuf und damit Missgunst und Feindseligkeit ver­ tiefte und eine unversöhnliche Neidgemeinschaft begründete, obwohl es sich um gleichartige Opfer einer irrwitzigen Völkerwanderungspolitik handelte, so be­ trieb lange Zeit auch die glänzend technokratisch durchorganisierte IRO eine Flüchtlingspolitik an der überwiegenden Mehrzahl der Flüchtlinge vorbei ­ eben an den Volksdeutschen vorbei. Eine Erklärung für diese vom Humanitären gese­ hen doch irgendwie gestörte Vorgangsweise mag vielleicht im Umstand zu su­ chen sein, dass die US­Amerikaner angesichts der gewaltigen Flüchtlingsmassen zunächst bemüht waren, jene Gruppen aus ihrem Betreuungsbereich auszuschei­ den, für die etwa dem Staat eine gewisse Gemeinbürgschaft angelastet werden konnte ­ und das waren die Volksdeutschen, die ja zunehmend auch in der Ar­ gumentation der Abgeordneten im Parlament als Altösterreicher bezeichnet wurden. Die Bemühung, die politisch diskriminierende und existentiell die Flüchtlinge gefährdende Klausel in der US­Einwanderungsgesetzgebung zu beseitigen, war demnach nicht nur ein humanitäres Problem für Zehntausende Vertriebene, son­ dern auch ein Politikum ersten Ranges insofern, als es galt, dagegen anzukämp­ fen, dass den Opfern der Politik des Dritten Reiches zusätzlich noch eine Art Kollektivschuld am Kriegsgeschehen angelastet wird. 1949 wurde im Auftrag der Flüchtlingsseelsorgestellen Salzburg­Linz (Prof. Pater Stefan ­ Prof. Josef Haltmayer) von A. K. Gauß die erste zeitgeschichtliche Dokumentation zum Thema "Freiwilligkeit der volksdeutschen Waffen­SS" erstellt, die von dem rühri­ gen Präsidenten der "United Friends of Needy and Displaced Persons" in New York, Peter Max Wagner, über seine Verbindung zu kirchlichen Stellen und ein­ flussreichen Freimaurern allen jenen Persönlichkeiten vorgelegt wurde, die im Kongress und Senat für eine Änderung der diesbezüglichen Einwanderungsbe­ stimmungen zugunsten der Angehörigen der ehemaligen Waffen­SS ausschlag­ gebend waren, und das waren nicht nur Volksdeutsche, sondern auch Angehörige anderssprachiger Volksgruppen, die in verschiedenen SS­Divisionen gedient hatten." Vom 9. Sept. bis 23. Okt. 1949 besuchten Peter M. Wagner und das Vorstands­ mitglied Lucas Müller Vertriebene und DP­Lager in Deutschland und in Öster­ reich und trafen hier führende Landsleute. Sie sprachen aber auch bei den Konsulaten und bei den US­Besatzungsbehörden vor, die nun erfuhren, dass deutsche Heimatvertriebene in der Gestalt amerikanischer Bürger Fürsprecher hatten. Sie sprachen mit den maßgebenden Vertretern der Heimatvertriebenen, mit dem österreichischen Innenminister Oskar Helmer, dem evangelischen Bi­ schof Gerhard May, Wien, und Erzbischof Andreas Rohracher von Salzburg. Sie


112 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK besuchten auch das Krankenhaus für lungenkranke Volksdeutsche in Thalham, Oberösterreich, das vom Hilfsverein gefördert wurde. Schließlich konferierten sie mit Dr. E. Gerstenmaier, dem Leiter des Hilfswerkes der Evangelischen Kir­ che in Deutschland [EKD]. (Vgl. DSUSA3, S. 22, Auszug)

Die Heimatvertriebenen in Oberösterreich Zu der Gruppe der Flüchtlinge, von der man annahm, dass sie voraussichtlich weder für eine Rückkehr in die Heimat noch für eine Auswanderung in Frage kam, zählten alle volksdeutschen Flüchtlinge und somit auch die Gruppe der Donauschwaben. 1946 schätze man, dass etwa 60.000­ 70.000 deutschsprachige Flüchtlinge endgültig in Oberösterreich verbleiben würden, in Wirklichkeit wur­ de diese Annahme um etwa das Doppelte übertroffen und die Gesamtzahl von zirka 120.000 endgültig in Oberösterreich Verbliebenen erreicht. Fast alle Volks­ deutschen waren im Arbeitsprozess eingegliedert, für 1946 gibt Kraus die Be­ rufssparten an: in der Landwirtschaf in der Industrie und im Gewerbe im Angestelltensektor in den freien Berufen

42 % 48 % 6,6 % 3,4 %

Der Großteil der Flüchtlinge lebte in den Not­ und Massequartieren, die sie bei ihrer Ankunft bezogen hatten. Mehr als100.000 Flüchtlinge hausten in über 100 Lagern, es waren meist aufgelassene Kriegsgefangenenlager oder Arbeiterlager stillgelegter Rüstungsbetriebe. Ab Oktober 1946 wurde eine klare Trennung in dem Sinne vorgenommen, dass die Lager mit Angehörigen der alliierten DP's und Juden in die alleinige Verwal­ tung der UNRRA und ab 1947 der IRO übergingen, wogegen die Lager mit den Volksdeutschen ab Juni 1946 von der österreichischen Verwaltung übernommen wurden. Die Führung der Lager lehnte sich an die Struktur der Verwaltung einer kleinen Gemeinde an, doch gestaltete sich das Zusammenleben infolge der Un­ zulänglichkeiten des Lagerdaseins schwierig. Entsprechend einem Gemeindeamt gab es eine "Siedlungsführung" und entsprechend einem Gemeinderat einen "Siedlungsrat". In einigen größeren dieser "Wohnsiedlungen" gab es gewisse so­ ziale Einrichtungen: in 15 Kindergärten, in 10 Schulen, in 6 Gemeinschaftskü­ chen, in 26 Krankenordinationen, zahlreiche Werkstätten und über 200 Kaufläden und Gewerbebetriebe. Im Laufe der Zeit entstanden mehrere Sport­


113 und Gemeinschaftsräume (Tanzsäle). Für die religiöse Betreuung standen 15 Kir­ chen behelfsweise in Holzbaracken zur Verfügung. Für die Erhaltung und Ver­ waltung der Lager betrug der staatliche Aufwand für ganz Österreich in den Jahren 1945 bis 1955 rund 3 Milliarden Schilling, also etwa 300 Millionen jährlich. Das war allerdings kein Verlustgeschäft für die österreichische Volkswirtschaft, eher das Gegenteil, denn die Einnahmen aus den Barackenmieten, den direkten und indirekten Steuern, die zu entrichten waren sowie die Wertschöpfung aus der Produktionsarbeit der Flüchtlinge überstiegen diese verhältnismäßig gerin­ gen Aufwandsleistungen des Staates um ein Vielfaches. Die Heimatvertriebenen stellten also für Österreich keine Belastung sondern einen erheblichen Aktivpo­ sten dar. Die Bemühungen der Amtes Umsiedlung waren darauf ausgerichtet, die desola­ ten Lebensbedingungen in den Lagern laufend zu verbessern, andererseits aber auch darauf, diese Lager allmählich aufzulösen. Die Wohnfläche je Insassen konnte von ursprünglich 3 bis 4m2 auf 8m2 erhöht werden. Die Zahl der Lager wurde von 100 im Jahre 1945 mit 100.000 Insassen bis 1954 auf 44 Lager mit rund 24.000 Insassen verringert, trotz der gerade in Oberösterreich allgemeinen aku­ ten Wohnungsnot und trotz eines fortwährenden starken Zuzuges infolge Fami­ lienzusammenführung und der Zunahme der Lagerbevölkerung durch Geburtenüberschuss, der bei den Lagerbewohnern 3 bis 4 mal so stark war wie bei der bodenständigen Bevölkerung. Eine Aufstellung der Abteilung Umsiedlung über die "Volksgruppenzugehörig­ keit volksdeutscher Flüchtlinge in Oberösterreich südl. der Donau am 1. Juli 1949" gibt die Anzahl der aus donauschwäbschen Herkunftsgebieten stammen­ den Personen wie folgt an : Rum. Banat Jug. Banat Jug. Batschka Slawonien, Syrmien, Bosnien u.a. Ung. Batschka , ung. Banat

10.452 13.741 10.851 29.46 367

Das waren insgesamt 64.872 Personen dieser Gruppe für die es Möglichkeiten zur Abwanderung in andere europäische oder Überseeländer erst ab 1948 gab . Die erste größere Auswanderungsmöglichkeit ergab sich durch eine Aktion der französischen Regierung, die im Dezember des Jahres 1948 anlief. Da bei der An­ siedlung der Donauschwaben im 18.Jahrhundert eine beträchtliche Zahl der Ko­


114 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK lonisten aus Lothringen und dem Elsaß kamen, wurde von volksdeutschen Hei­ matvertriebenen ein Comité des Français du Banat, dessen Regionalkomitee Linz zusammen mit dem Amt der o.ö. Landesregierung die Auswanderung nach Frankreich in die Wege leitete. In der DP­Siedlung 65, Linz­Niedernhart wurde ein acht Baracken umfassendes Durchgangslager für diese Banater errichtet, in dem die französische Mission für Österreich und das "Comité" ihre Arbeitsräu­ me hatten. 1948/49 wurden durch diese Aktion 37 Transporte mit über 5.000 Personen aus Oberösterreich nach Frankreich geführt, die dort diasporaartig in verschiedenen Landesteilen in den Arbeitsprozess eingegliedert wurden. Nur in La Roque sur Perne (Provence) entstand eine geschlossene dörfliche Siedlung. Im Rahmen der sogenannten Brasilienaktion, die von der Schweizer Europahilfe organisiert und finanziert wurde, wanderten 1951/52 mit fünf Transporten 500 donauschwäbische Familien mit rund 2.500 Personen nach Brasilien aus und gründeten in Entre Rios im Staate Parana fünf Dörfer.

Kleiderausgabe im Barackenlager


115 Ein begehrtes Auswanderungsziel waren die USA, Vom 19. bis 21. September 1949 weilte im Rahmen seiner europäischen Studienreise ein Komitee des ameri­ kanischen Kongresses auch in der amerikanische Zone in Österreich, um sich über das volksdeutsche Flüchtlingsproblem zu informieren und besuchte das Flüchtlingsaltersheim Neukirchen bei Lambach. Die Einwanderung von Volks­ deutschen und Flüchtlingen in die USA unterlag den Bestimmungen des ameri­ kanischen Einwanderungsgesetzes des Jahres 1948, das die Einwanderung von 215.000 Personen vorsah. Mit der Novelle zu diesem Gesetz vom 16. 6.1950 wur­ de der Rahmen auf 415.000 Personen erweitert und auch die Einwanderung von 54.000 Volksdeutschen aus Österreich und Deutschland ermöglicht. Im Zuge die­ ser Aktion konnten aus Oberösterreich rund 7.500 Volksdeutsche nach Amerika gelangen. Voraussetzungen waren Bürgschaftserklärungen von Verwandten oder Freunden der in Österreich lebenden Flüchtlinge, im Bedarfsfalle für deren Unterhalt aufzukommen. 1

A.K. Gauß, Wege und Irrwege in Rot­Weiß­Rot, (Donauschwäbische Beiträge Bd. 73) Salzburg 1979, 21f. 2

Schreckeis, Hans: Festschrift – 35 Jahre Verband Donauschwäbischer Akademiker (VK­ DA 1949­1984), (Donauschwäbische Beiträge Bd. 86), Salzburg 1985, 190, 194. 3

Vgl. Josef Werni, a.a.O. 65f.

4

Es ist sehr bemerkenswert, dass schon im Juli 1947 P. Stefan und Prof. Haltmayer einen einmonatigen Kurs für Lager­Seelsorgehelferinnen im oberösterreichischen Stift Lambach durchführten, an dem 12 donauschwäbische Mädchen teilnahmen. Vgl. Werni, a.a.O. 67. 5

Vgl. Schreckeis, Festschrift – 35 Jahre, 5f.

6

Schreckeis, a.a.O., 8f.

7

Vgl. etwa die Richtlinien des VKDH anlässlich der Studientagung im Juni 1954 in Wien unter dem Leitmotiv "Heimat als Aufgabe". Prof. Dr. Michael Lehmann, Vorsitzender des VKDA/H Wien, konnte schon zur Eröffnung 38 hochrangige Persönlichkeiten begrüßen. Vgl. Schreckeis, Festschrift – 35 Jahre, 28­38. 8

In einer zusammenfassenden Darstellung würdigte A. K. Gauß gelegentlich der Feier des 70. Geburtstages von Dr. Schreckeis dessen vielseitige Bemühungen: "Neuland" vom 17. 5. 1975. 9

Gauß, Adalbert Karl: Die fünfziger Jahre – noch immer im "Wartesaal", in: Machunze, Erwin: Vom Rechtlosen zum Gleichberechtigten. Die Flüchtlings­ und Vertriebenenfrage im Wiener Parlament. II. Band: Die VI. Gesetzgebungsperiode (1949­1952), Donauschwä­ bische Beiträge Bd. 67, Salzburg 1976, 237f. 10

Max Frösch: Guarapuava, Salzburg 1958, Schriftenreihe "Donauschwäbische Beiträge", Band 28. 11

J. Lamesfeld: Von Österreich nach Frankreich. Die Banater­Aktion und Robert Schu­ mann, Salzburg 1973. Schriftenreihe "Donauschwäbische Beiträge", Band 60. 12

Das Losungswort "Heraus aus den Baracken!", später von Landeshauptmann Dr. Lech­ ner in Salzburg als sozialpolitische Parole aufgegriffen, hat latent vorhandene Kräfte ent­ bunden und eine mächtig anschwellende Bewegung ausgelöst.


116 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 13

A. K. Gauß: Zwischen Salzburg und Los Angeles. Streiflichter von einer Amerikafahrt. "Donauschwäbische Beiträge", Heft 21, Salzburg 1957, S. 103 f£ 14

Vgl. die Darstellung "Volksdeutsche ­ großer Aktivposten" gezeichnet drs.­ ohne Datum (vermutlich Anfang 1952), Archiv ZBST Linz. 15

Kraus, Das Flüchtlingsproblem, S. 54.

16

Kraus, Das Flüchtlingsproblem, Statistische Übersicht 16a.

17

Kraus a.a.O., S.87 ff.

18

Vgl. dazu Kraus, Das Flüchtlingsproblem, S. 83 ff.


117

Bemühungen der Siebenbürger Sachsen um geschlossene Aufnahme in Österreich VON VOLKER PETRI Die politische Lage in Rumänien machte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rückkehr unmöglich, dennoch stand bei vielen, besonders den älteren Landsleu­ ten noch lange der sehnliche Wunsch der Heimkehr an erster Stelle. Heimweh und die Erinnerung an die schönen Jahre zu Hause verklärten die Dörfer Sieben­ bürgens, idealisierten das einstige Zusammenleben und verliehen ihm paradiesi­ sche Züge. Siebenbürgen erschien als eine Fata Morgana, als Wunschtraum, der in der tristen Nachkriegswirklichkeit immer wieder die Phantasie beflügelte. Die Niederlassung in Österreich war die bevorzugte, zweite Variante, die im Laufe der folgenden Jahre immer stärker und leidenschaftlicher gefordert wur­ de. Mit ungeheurem Durchhaltevermögen und immer neuen Initiativen versuch­ ten die Verantwortlichen eine Lösung der Flüchtlingsfrage in Wien zu erreichen. Man sprach immer wieder bei den zuständigen Regierungsstellen vor und stellte wohl fest, dass einige der Minister immer gute Worte parat hatten. So hörte sich auch der damalige Bundeskanzler Leopold Figl die Darstellungen an, nickte ver­ ständnisvoll und fand schöne Worte, jedoch gab es keine konkreten Zusagen und von der Lösung des Problems war man noch meilenweit entfernt. Selbstver­ ständlich hatten auch die einzelnen volksdeutschen Flüchtlingsgruppen ihren ei­ genen Gruppenegoismus und stellten jeweils ihre Situation und die eigene Not in den Vordergrund. In Oberösterreich, wo sich die Mehrzahl der Siebenbürger Sachsen aufhielt, legte man ein dreiseitiges Memorandum und bis ins Detail gehende Siedlungspläne vor, die unter dem Vorsitz des Landeshauptmanns Dr. Gleißner diskutiert wur­ den. Selbst an der offenen Unterstützung der Bevölkerung war nicht zu zweifeln. Trotz allen guten Willens jedoch vergingen die Monate, die Jahre und es geschah nichts. Man legte die Denkschrift auch in Wien vor und musste erkennen, dass die sehnsüchtig erwartete Antwort aus blieb: „Dr. Graf ließ sich Pläne zur Eingliederung vorlegen, befürwortete es, dass ich später über den österreichischen Rundfunk in Linz konkrete Vorstellungen betreffend Möglichkeiten der Anpassung der deutschsprachigen Heimatvertriebenen unter Berücksichtigung ihres erlernten Berufs öffentlich darlegte. Das Echo dieser Darstellungen unter der


118 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK angestammten Bevölkerung in allen Berufssparten war eindeutig zustimmend.“1 Dr. Keintzel sowie die anderen Verantwortlichen waren schon einige Schritte weiter in ihrer Planung und betrieben 1946 mit viel Einsatz eine österreichische Lösung. Die Öffentlichkeitsarbeit in den Medien gab auch den Österreichern Ein­ blick in die Absichten und vor allem die Bereitschaft, sich am Aufbau voll zu beteiligen und mit der Arbeit der eigenen Hände das Brot zu verdienen. Dort, wo die Siebenbürger Sachsen lebten, waren die zuständigen Autoritäten eigent­ lich für diesen Weg. Die zentralen Stellen in Wien jedoch, in Unkenntnis der konkreten Situation und mit anderen, viel wichtigeren Problemen beschäftigt, konnten und wollten die Integration nicht. Der Bericht, den Dr. Keintzel am 7. August 1947 anlässlich der Vorstandssitzung der Landsmannschaft der Sieben­ bürger Sachsen in Österreich gab, lautete wie folgt:

Siebenbürger Sachsen auf der Flucht vor der Roten Armee

„Die Situation von heute lässt sich mit der vor einem Jahr in eine Parallele stellen. Damals handelte es sich noch um das Problem: Heimkehren nach Siebenbürgen oder nicht heimkehren. Heute ist die Zahl der Unentwegten, jener, die heimkehren wollen, stark zusammengeschrumpft. Heute haben sich unsere Landsleute umgruppiert: Ein großer Teil möchte je eher, je lieber nach Übersee. Eine andere Gruppe, besonders aus jenen rekrutiert, die vor Jahresfrist noch heimkehren wollten, möchte die eigene Unentschlossenheit, die aus der Furcht vor dem Ungewissen oder aus dem mangelnden Selbstvertrauen entspringt, überdauern, indem sie den Dingen ihren freien Lauf lassen, nur darauf bedacht,


119 im letzten Augenblick der Entscheidung so zu tun, als hätte ihre kluge Berechnung genau diese Entwicklung vorausgesehen. Wenn die große Masse ihrer Lethargie einen konstruktiven und konkreten Plan handgreiflich entgegengestellt findet, wird sie aktiv und zum weit überwiegenderen Teil den neuen Weg gemeinsam beschreiten. Damit wäre der Idee, die Gemeinschaft unseres Volkes aus diesem Chaos zu retten, zum Sieg verholfen.“2 Schon im Frühsommer 1945 wurde der Großteil der in den Erdhütten und ande­ ren provisorischen Unterkünften wie Schulen und Hallen untergebrachten Flüchtlinge umgesiedelt. Die einstigen KZs, Ostarbeiterbaracken­ und Reichsau­ tobahnlager boten nach der Befreiung der bedauernswerten Lagerinsassen des Dritten Reichs eine bessere Unterkunft. Nach dem Anschluss 1938 hatte das Deutsche Reich mit dem Aufbau von Schwer­ und Chemieindustrie in Ober­ österreich begonnen. Für diese Sparten standen in Österreich keine Facharbeiter zur Verfügung und so kamen viele von ihnen und im Laufe der Jahre auch im­ mer mehr Zwangsarbeiter aus Deutschland. Um diese Gefangenen, Zwangsar­ beiter und KZ­Insassen unterzubringen, wurde in Oberösterreich das wohl dichteste Netz von Barackenlagern für die Unterkunft der Arbeitssklaven ge­ baut. Nach der Befreiung der KZs und Lager konnten die vielen Flüchtlinge zum Großteil in diesen Lagern untergebracht werden. Die Unterbringung in den La­ gern stellte tatsächlich einen beträchtlichen Fortschritt und eine Verbesserung der Lebensqualität der Flüchtlinge dar. Nach den Notunterkünften und Erdhüt­ ten waren die Baracken ein sichtbarer Fortschritt. Nachdem man sie vom Unge­ ziefer gereinigt hatte, richteten es sich unsere Landsleute Schritt für Schritt heimisch ein. Dieser ausgesparte Raum innerhalb Österreichs vermittelte einen ge­ wissen Schutz und Dankbarkeit und Lebensfreude erfüllte sehr bald die Lager­ gemeinschaft. In dieser neuen Situation konnte man etwas geduldiger warten und vertraute einer zukünftigen Lösung. Die siebenbürgischen kirchlichen und weltlichen Vertreter setzten sich für ihre Anbefohlenen in der Not ein. Die Evangelische Kirche in Österreich, die sie schon im Herbst 1944 kennen lernte, machte sich für die evangelischen Flüchtlinge stark und vermittelte Hilfe. Es wurde ih­ nen immer klarer, dass ihr ganzer Besitz für immer verloren war und eine Heim­ kehr immer unwahrscheinlicher wurde. So versuchte man, von der amerikanischen Besatzung dazu angeregt, eine Übersicht über das verlorene Vermögen aufzustellen und hochzurechnen. Dies war auch den amerikanischen und österreichischen Behörden wichtig, denn mit solchen Übersichten konnte man bei zukünftigen Verhandlungen mit der Sowjetunion und den Vertreiber­ ländern konkretes Zahlenmaterial vorlegen. Für die Siebenbürger bedeutete die­ se Berechnung ihres Vermögens einen ideellen Gewinn. Über diese Zahlen wurde ihre einstige Wirtschaftskraft sichtbar gemacht. Zumindest die schriftlich festgehaltenen Zahlen wiesen aus, was man einst besessen und nun verloren hat­


120 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK te. Wenigstens auf dem Papier konnte man nun den Skeptikern und Spöttern zei­ gen, dass man einst auch zu den gut situierten Bürgern gehört hatte. Ein Flüchtling leidet unter Minderwertigkeitskomplexen, die er zu überspielen versucht und entweder in die Übertreibung oder in die Anonymität verschwin­ det. Das Angewiesensein, der Status des Fremden und die Besitzlosigkeit verun­ sichern. So erzählt man gerne von dem, was man besaß, übertreibt, um Eindruck zu schinden und verklärt auch die Maße, indem man, vielleicht sogar unbe­ wusst, die Are mit Hektaren verwechselt und Häuser und Wirtschaftsgebäude in viel größeren als den tatsächlichen Dimensionen in der Erinnerung bewahrt. Die verantwortlichen Männer aus Nordsiebenbürgen stellten sich der schwieri­ gen Aufgabe, die Interessen ihrer Landsleute zu vertreten und eventuelle materi­ elle Entschädigungen einzuklagen. Sie waren kompetente Gesprächspartner für die neuen Ämter und die Besatzung. Mit Akribie und Können werden die finan­ ziellen, rechtlichen und kirchlichen Fragen beantwortet. Die Exilregierung setzte sich sehr gut für ihre Landsleute ein und agierte erfolgreich in der neuen Situation. Fast scheint es, dass sie gewisser­ maßen einen Staat im Staat und eine Kirche in der Kirche bildeten. Ihre eigenständigen und urwüchsigen Prägungen, die mitgebrachten Ämter und Amts­ Flüchtingslager personen pflegten innerhalb des be­ setzten österreichischen Staates und in Absprache mit Regierung und Besatzung ihre Autonomie. Der Kontakt zu den verstreut und entmutigten Landsleuten wurde gepflegt, wichtige Informationen über die alte Heimat, Gefangene und Familienmitglieder wurden weiter geleitet. Bei der Zukunftsfrage versuchte man nach altbewährter demokratischer Tradition alle mit einzubeziehen.


121 Da die Bundesrepublik Deutschland sich ihrer Verantwortung für die Volks­ deutschen ohne Wenn und Aber stellte, wünschte man selbstverständlich, wenn einem Österreich keine Bleibe böte, dorthin gebracht zu werden. Wieder tauchte nun das zerstörte und hoffnungslos überfüllte Deutschland in den Gedanken der Volksdeutschen als Zufluchtsort der Zukunft auf. In Deutschland wusste man sich in die Pflicht genommen und tat alles Menschenmögliche, um den Millionen Volksdeutschen aus den Ostgebieten Aufenthalt und Überlebenschance zu bie­ ten. Alle künftigen Schritte mussten einvernehmlich im Volksrat nach ausführli­ chen Informationen und Besprechungen mit den delegierten Landsleuten abgestimmt werden. Als Forum für diese Arbeit wurde der Siebenbürgische Volksrat ins Leben gerufen: „Im Jahre 1946 konstituierte sich in Anknüpfung an frühere Einrichtungen ein ‚Siebenbürgisch-Sächsischer Volksrat‘ unter Leitung des Generaldechanten, des Bistritzer Bankdirektors Dr. Ernst Friedrich Beer und des ehemaligen Parlamentsabgeordneten DDr. Eduard Keintzel aus Sächsisch-Reen. Er bildete zwei Gremien, den ‚Hunderter Ausschuss‘ und den ‚27-er Ausschuss‘ [...] Im Jahr 1946 wurde die von Österreich gewünschte Überführung der Volksdeutschen nach Westdeutschland wegen Überfüllung untersagt.“3 Gerade diese Vertretung vereinigte und verband alle Siebenbürger Sachsen in Österreich zu einer festen Gemeinschaft, die das Wohl aller im Auge behielt und Lösungen für die Zukunft suchte. Ihre Existenz trug zur Vertrauensbildung in den schweren Jahren bei: „Die Gremien des Volksrates entschieden, sich nach eingehender Beratung am 3. Oktober 1946 unter Vorsitz des Generaldechanten angesichts der Situation in Rumänien eine Rückkehr nicht anzustreben. Verhandlungen mit der Wiener Regierung, Neusiedlungen auf Rodungsland zu errichten, scheiterten, weil Österreich eine ‚Überfremdung‘ befürchtet.“4 Weil an eine Heimkehr nicht zu denken war und diese Lösung aufgeben musste, galt es, Alternativen zu suchen und neue Versionen zu entwickeln. Das hofften viele, dass Österreich bald einen Vertrag erhalte, wenn nicht in London, so viel­ leicht doch noch in Moskau und nach einem solchen Staatsvertrag könnten die Siebenbürger ohne Schwierigkeiten hier angesiedelt werden. Das Augenmerk lag logischerweise auf Österreich, wo man sich zu diesem Zeitpunkt befand und das man und wenigstens aus eigener Erfahrung kannte. Hier, wo einem das Kriegsschicksal an Strand gespült hatte, hier, wo einen eine lange gemeinsame Geschichte verband, hier, wo man sich der Sprache und Kultur verbunden wus­ ste und wo nach zwei Jahren Menschen und Land vertraut geworden waren,


122 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK hier wollte man geschlossen siedeln und alle Mühen einer Neuansiedlung auf sich nehmen. Sie wollten sich jedoch nichts schenken lassen, denn zu stolz und ehrgeizig sind unsere Bauern, sie erwarteten kein Gnadenbrot und keine Ge­ schenke. Mit bedingungslosem Einsatz und Fleiß wollten sie eine neue Heimat schaffen, so wie sich die Vorfahren im 12. und 13. Jahrhundert durch Rodung und Kultivierung in Siebenbürgen Lebensraum geschaffen hatten. Was sie sich wünschten, war Land, die urwüchsigste und ihnen unendlich wertvolle Materie. Der gute Wille war da, eine wichtige Initiative gestartet, Einsatz­ und Opferbe­ reitschaft schienen gegeben, doch darauf folgte die enttäuschende und ernüch­ ternde Antwort aus Wien. Man verweigerte den in Wien vorsprechenden Siebenbürger Sachsen die Ansiedlung in Österreich. Diese Hoffnungen wurden zusätzlich zerschlagen, denn es kam leider zu diesem Zeitpunkt zu keinem Staatsvertrag. Gewiss hätte ein solcher eine andere Art der Auseinandersetzung Österreichs mit den volksdeutschen Flüchtlingen mit sich gebracht. Die Regierung war gegen eine Ansiedlung in Österreich und verwendete die fa­ denscheinige Begründung der Gefahr vor Überfremdung! Spätestens hier merkt man, dass Xenophobie ein urwüchsiges und uraltes Phänomen darstellt. Nicht nur die befremdend wirkende andere Religion, Sprache und Rasse beunruhigen, sondern der andere Dialekt und die andere Konfession können zu Fremdenangst und Fremdenhass führen. Seit Menschengedenken gibt es diese Gefühle. Sie sind irrational und entbehren einer nachvollziehbaren inneren Logik. Sie sind den­ noch vorhanden und Teil eines jeden Menschen und Volkes, ja noch mehr auch einer jeden Dorfgemeinschaft. Gruppenegoismus benötigt Feindbilder, die phan­ tasievoll ausgeschmückt werden und Phobien wecken und nähren können. Die­ se dem deutschen Kulturbereich entstammenden und der deutschen Muttersprache mächtigen Flüchtlinge sollten Österreich überfremden? Was die damaligen Verantwortlichen in Wien tatsächlich von diesen über Jahr­ hunderte zu Österreich gehörenden Siebenbürgern, Sudetendeutschen, Do­ nauschwaben und Schlesiern befürchteten, war wohl kaum die Überfremdung. Andere Gründe lagen wohl vor und man nahm die Überfremdung als Vorwand. In jenen schweren Jahren befürchteten einige Bundespolitiker einige andere Be­ drohungen, die ich mir wie folgt vorstelle: a.) Der evangelische Glaube der Antragsteller in einem überwiegend römisch­ka­ tholischen Land war vielleicht beunruhigend. b.) Ihre festgefügte Gemeinschaft und ihr völkisch­kultureller Konservatismus scheinen zu diesem Zeitpunkt nicht opportun. c.) Das wohl stärkste und menschlichste Argument war die konkrete Angst, durch


123 diese Flüchtlinge finanzielle und soziale Einbußen erleiden zu müssen. Die schmalen Essensrationen schmerzten, und wer möchte schon gerne seinen Gür­ tel enger schnallen? d.) Man kam der Stimmung an einigen Stammtischen in den Gasthäusern entge­ gen, die über das sogenannte volksdeutsche Gesindel wetterten, sie beschimpften und sie so bald und so weit wie möglich weg haben wollten. In Oberösterreich wurde man sehr früh auf die Zweischneidigkeit der Abschie­ bung der volksdeutschen Flüchtlinge aufmerksam, während anscheinend im fer­ nen Wien diese differenzierte Sicht, wohl aus Informationsdefizit, fehlte. Einerseits schmerzte die finanzielle Belastung durch die Volksdeutschen, ander­ seits erforderte gerade die konkrete wirtschaftliche Notsituation diese wichtigen und sich schon einige Jahre als gute Arbeitskräfte bewährten Menschen. Man be­ nötigte für den Aufbau und die Konsolidierung des Staates den Einsatz arbeits­ fähiger Menschen: „Im Dezember 1947 erhielten wir vom Staatssekretär Graf, Österreich, eine terminierte Zusage, der später noch andere folgten. Von den in Aussicht gestellten Maßnahmen auf Besserung unserer Landsleute und sonstiger Zusagen ist tatsächlich überhaupt nichts geschehen!“5 Keine Vorsprachen und Zusagen hielten und die Situation wurde schwieriger. Man versuchte mit allen offiziellen Parteien in Österreich Kontakte zu knüpfen, jedoch keine eindeutig zu bevorzugen. Auch dies brachte keinen Erfolg und es waren keine Zeichen der Hoffnung sichtbar. Als die Amerikaner mit der Repatriierung und der Übersiedlung Volksdeutscher nach Deutschland begannen, meldete sich die oberösterreichische Regierung zu Wort und begründete ihr Ansuchen wie folgt: „Die durch den Krieg eingetretene Zerstörung und die Abwanderung aller fremdländischen Arbeitskräfte hat die österreichische Wirtschaft aufs Schwerste erschüttert. Bei der neuerlich bevorstehenden Bevölkerungsbewegung (Repatriierung und Übersiedlung nach Deutschland, Anm. d. Verf.) muss die oberösterreichische Landesregierung unbedingt mitwirken, damit die Interessen der österreichischen Wirtschaft gewahrt bleiben, und der Wiederaufbau nicht völlig in Frage gestellt wird. Als souveräner Staat nimmt Österreich für sich das Recht in Anspruch entscheidend mitzuwirken, wen es von diesen „Volksdeutschen“ in seinem Machtbereich behalten will.“6 Die Landesregierung wollte das Mitspracherecht, wer von den Volksdeutschen von der Umsiedlung nach Deutschland ausgenommen werden sollte, und hätte


124 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK es gerne nach dem Aschenputtenmotto getan: Die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins deutsche Kröpfchen! Als Qualifikation dafür galten allein das Alter, die fachliche Ausbildung und die wirtschaftliche Bedeutung des einzelnen Volksdeutschen für den Wiederaufbau. Nur ganz nebenbei wird auf die gemein­ same Geschichte in der Donaumonarchie hingewiesen und auch auf die humani­ tären Gründe für das Verbleiben eingegangen. Die oberösterreichische Landesregierung bat danach sogar um Aufschub der Umsiedlungstransporte bis zu dem Zeitpunkt, an welchem sie eine Auswahl unter den Volksdeutschen ge­ troffen hätten. Die so Ausgesonderten sollten mit einer Aufenthalts­ und Ar­ beitsbewilligung der Militärregierung in Oberösterreich hier bleiben. Man einigte sich, dass nur die Arbeitslosen und Lagerinsassen umgesiedelt werden sollten und all jene, die in Arbeit standen, bleiben konnten. Das aber bedeutete konkret, sich der Alten, Kranken, Kinder und Witwen zu entledigen. Man kann aus der Korrespondenz jener Jahre auch klar ersehen, dass es zwischen Wien, al­ so dem Bund, einerseits und dem Land Oberösterreich andererseits zu gravie­ renden Meinungsverschiedenheiten, die Volksdeutschen betreffend, kam. In einem Brief von Landeshauptmann Gleißner an den damaligen Außenminister Gruber vom 17. Januar 1946 hieß es: „Die Landesregierung ist der Ansicht, dass für die dauernde Aufnahme nur solche Volks- und Sudetendeutsche in Betracht kommen, von denen Österreich wirklich einen fühlbaren Gewinn hat. Hierbei würde es sich um diejenigen Berufsgruppen handeln, an denen in Österreich schon immer Mangel geherrscht hat, z.B. Hüttenarbeiter, Facharbeiter der ehemaligen Gablonzer Glas-Bijouterie und Spielwarenindustrie oder in der Landwirtschaft solches Stallpersonal, das für die Aufrechterhaltung der Ernährung deshalb notwendig ist, weil deren Ersatz aus inländischen Landarbeitern in absehbarer Zeit nicht gefunden werden kann. Von der Landesregierung würde eine Bewegung für erträglich und als für die österreichische Bevölkerungspolitik positiv bewertet werden, wenn von den rund 84.000 Volks- und Sudetendeutschen in Oberösterreich nach der ersten Sichtung noch rund 30.000 bis 30. Juni 1946 verbleiben, während die zweite Aussonderung lediglich einem Kontingent von etwa 10.000 Volks- und Sudetendeutschen den weiteren Aufenthalt zugestehen würde.“7 Diese sehr sachliche und utilitaristische Betrachtung der volksdeutschen Flücht­ linge aus dem Blickwinkel ihres wirtschaftlichen Nutzens hatte auch einen ande­ ren Grund als nur den bevölkerungspolitischen und wirtschaftlichen. Der österreichische Staat brachte damals gezwungenermaßen für die Ausländerbe­ treuung 56 Millionen Schilling auf, so hatten es die Besatzungsmächte Kraft ihrer Vollmacht beschlossen. Von dieser Summe kamen allerdings nur 4 Millionen den Volksdeutschen zugute. Dieser Aspekt blieb dem einfachen Mann auf der Straße,


125 wie so viele andere Einzelheiten auch, verborgen. Es ist wohl in jeder Situation wichtig, eine objektive und gerechte Information zu liefern und nicht mit einsei­ tigen und oft manipulierten Daten falsche Eindrücke und damit auch Gefühle zu wecken. Des Weiteren steht auch fest, dass die Volksdeutschen eben nicht nur 4 Millionen Schilling an Kosten verursachten, sondern gewiss ein Vielfaches durch ihre Arbeit und Steuerzahlungen einbrachten. 1946, einige Monate später sah man die Entwicklungen schon wieder mit ganz anderen Augen. Tatsächlich hatte man nur wenig Übersicht über die objektiven Bedürfnisse und die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Gerade die Repatriierung der vielen Fremdarbeiter und der nach 1938 ins Land gekom­ menen reichsdeutschen Fachkräfte hinterließ eine riesige Lücke. Die Zahl der vom Krieg und der Kriegsgefangenschaft bedingten Ausfälle (sowohl an der Front als auch in der Zivilbevölkerung) kannte man noch nicht konkret, und hat­ te sie somit auch nicht einkalkulieren können. Vielleicht rechnete man auch schon fest mit den 58.603 oberösterreichischen Soldaten, die bald aus der Kriegs­ gefangenschaft entlassen werden sollten und dann für den Arbeitsprozess in ih­ rer Heimat bereit stehen würden. Die Besatzung ging auf die Wünsche der Landesregierung ein und es wurde ein gemischter österreichisch­amerikanischer Prüfungsausschuss geschaffen, der über die befristeten und unbefristeten Arbeits­ und Aufenthaltserlaubnisse für die Flüchtlinge entschied. Bald wurde daraus ein rein österreichischer Aus­ schuss, der die Entscheidungsbefugnisse an die Bezirkshauptmannschaften wei­ terleitete. Neben die wirtschaftlichen Interessen des Landes traten nun auch humanitäre, nationale und demokratiepolitische Überlegungen. Ein Ansuchen der Siebenbürger Sachsen an Landeshauptmann Gleißner aus jener Zeit zeigt ih­ re eindeutige Bevorzugung Österreichs als neue Heimat: „Die Siebenbürger Sachsen und die Deutschen aus der Bukowina baten darum, geschlossen von der Umsiedlung befreit zu werden. Im Hinblick auf die Bedeutung der Siebenbürger Sachsen für die Landwirtschaft, war auch der Landeshauptmann bereit, ihrem Wunsch zu entsprechen.“8 Wieder bewährte sich das gemeinsame Vorgehen und die wirtschaftliche Ein­ sicht des Landeshauptmanns kam dem Wunsch entgegen: „Die Landwirtschaft gehörte während des Krieges zu jenen Wirtschaftsbereichen, die am stärksten von ausländischen Arbeitskräften abhängig waren. Gegen Ende des Krieges (30. April 1945) waren 40% in der Land- und Forstwirtschaft Oberösterreichs Ausländer, ohne dass die in der Landwirtschaft eingesetzten Kriegsgefangenen eingerechnet sind.“9


126 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK „Im Februar 1946 waren bereits etwa 9.500 Volksdeutsche in Oberösterreich südlich der Donau in der Landwirtschaft beschäftigt (…) Bis zum März 1947 war die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Volksdeutschen auf 16.308 Personen angestiegen, obwohl noch immer 10.000 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft fehlten.“10 „Ohne ihre (Volksdeutschen) Arbeitsleistung hätte die Landwirtschaft in den ersten Nachkriegsjahren ihre Aufgabe kaum erfüllen können, was sich ohnehin auf die ungenügende Ernährungslage katastrophal ausgewirkt hätte.“11 Diese anhand der offiziellen Statistiken ausgewertete wirtschaftliche Bedeutung der Volksdeutschen in der Landwirtschaft trifft in ähnlicher Weise auch auf die anderen Bereiche zu. Auch die oberösterreichische Industrie war dringend auf diese Menschen und ihre Arbeitskraft angewiesen. Gerade die Einsicht in die Si­ tuation macht klar, weshalb nach dem Friedensschluss 1945 nicht das ganze Land ins Chaos schlitterte. Wenn die Rationen zum Überleben damals ausreich­ ten, war es klarerweise der wichtigste Beitrag der Flüchtlinge in der völlig unter­ besetzten und nur zum Teil mechanisierten Landwirtschaft. Zu diesem Schluss kommt auch der Historiker Hermann Volkmer, wenn er schreibt: „Wir können also festhalten, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der wirtschaftliche Nutzen, den das Land Oberösterreich von den Flüchtlingen hatte, die Belastung aufwog, die dem Land durch sie verursacht wurde.“12 Heute, nach der objektiven Auswertung der Daten, weiß man eben, dass die Volksdeutschen keine unzumutbare Belastung für Österreich darstellten, son­ dern die dringend benötigten Arbeitskräfte für die Nachkriegswirtschaft stellten, und ganz wesentlich zum späteren Wohlstand des Landes beitrugen. Nach 1960 wurde auch von offizieller Seite dieser wichtige wirtschaftliche Beitrag gewür­ digt. Aus einer ganz anderen Ecke jedoch kam ein massiver Einspruch gegen das Ver­ bleiben der Siebenbürger Sachsen. Die Sicherheitsdirektion für Oberösterreich schreibt an die oberösterreichische Landeshauptmannschaft, Amt für Umsied­ lung, am 12. April 1946, „dass der Verbleib der Siebenbürger Sachsen als geschlossene Gruppe aus staatspolitischen Gründen abzulehnen sei und ihr Abtransport nach Deutschland wurde vorgeschlagen!…“ Zu dieser Abschiebung, dem Abtransport kam es jedoch nicht. Anfang April beschreibt Max Kraus, der Leiter des Amtes für Umsiedlung, die Situation folgendermaßen: „Mit Rücksicht darauf, dass nun das Schicksal dieser Rumänen, Jugoslawen und Volksdeutschen noch vollkommen ungewiss ist, lehnen sie in vielen Fällen eine Beschäftigung rundwegs ab. Sie verlangen in ostentativen Vorsprachen immer wieder mit großem


127 Nachdruck den sofortigen Abtransport an einen für sie in Aussicht genommenen dauernden Wohnsitz. Der Zustand kann unter diesen Umständen nicht aufrechterhalten werden und ist daher für die Landwirtschaft von keinem günstigen Einfluss. Von Seiten des Amtes für Umsiedlung wurde dieser Umstand wiederholt bei der Militärregierung sowie beim Innenministerium (Oberreg. Dr. Just) vorgebracht, jedoch konnte keine endgültige Entscheidung herbeigeführt werden.“13 Eine Folge dieser unklaren Verhältnisse war, dass nur ein geringer Teil dieser Volksdeutschen um eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich ansuchte. Um eine solche Genehmigung zu erhalten, musste man einen gesuchten Beruf und Arbeitsplatz vorweisen. Solche Arbeitsplätze hatten nur die jungen Volksdeut­ schen und mussten des öfteren bei der jährlichen Erneuerung der Genehmigung eine lieblose Behandlung durch die Beamten über sich ergehen lassen. Außer­ dem war es den älteren Familienmitgliedern unmöglich, eine Genehmigung zu erhalten, und damit ging innerhalb der Großfamilie eine Trennungslinie durch. Eine Trennung von der Restfamilie und insbesondere den Alten war aber unvor­ stellbar. Weil sie nun fühlten, hier fehl am Platz zu sein, bemühten sie sich um eine andere Lösung, welche auch die ganze Familie mit einbezog. Diese Tatsache kreidete man ihnen an und so waren sie von vornherein in einer schlechten Aus­ gangsposition für eine spätere Integration. Fast hat man den Eindruck, dass die Verantwortlichen jener Zeit es als Affront ansahen, dass man unter den unklaren Verhältnissen nicht um Arbeits­ und Auf­ enthaltsgenehmigung ansuchen wollte, dass man nicht bereit war, eventuell von der Restfamilie abgetrennt zu werden. Die unklaren Verhältnisse zwangen auch die Landesregierung dazu, eine abwartende Haltung einzunehmen. Es wurde angeordnet, dass so lange bezüglich der Abtransporte keine endgültige Entschei­ dung getroffen würde, und nur die wichtigsten Arbeitskräfte aus diesen Grup­ pen eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten sollten. „Die spätere Integration der Volksdeutschen aus Jugoslawien und Rumänien wurde auch dadurch erschwert, dass es bei diesen Gruppen zu keinem Abtransport der für die österreichische Wirtschaft nicht notwendigen Arbeitskräfte gekommen ist, wie das bei den Volksdeutschen aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn der Fall war. Eine Integration musste demnach sich nicht nur auf jene Personen erstrecken, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation ohnehin die besten Voraussetzungen hatten, sondern auf alle Angehörigen dieser volksdeutschen Gruppen!“14 Ganz einfach auf den Nenner gebracht: die Schwaben und Siebenbürger Sachsen wollten auf keinen Fall, dass ihre Familien und Dorfgemeinschaften zerrissen würden. Stur und unerschütterlich hielten sie an einer allgemeinen Lösung fest,


128 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK und waren von keiner Drohgebärde oder lieblichem Werben davon abzubrin­ gen. Alle halbherzigen Lösungen lehnten sie ab. Entweder wurden alle nach Deutschland umgesiedelt oder alle blieben im Land Oberösterreich. Diese so fa­ milienverbundenen und in der festen Sippengemeinschaft lebenden Menschen konnte man nicht auseinander reißen und trennen. Österreich hätte am liebsten die guten, jungen, fachlich wertvollen Kräfte für sich behalten und die Alten, Witwen und Kranken nach Deutschland weiter geschickt. Man hätte die Jungen, in die Sozialkassen zahlenden behalten, und alle jene, die nicht mehr arbeiten konnten und die Kassen belasten würden, abgeschoben. So hatten alle 38.627 Volksdeutsche aus Rumänien am 1. 9. 1947 nur für 2.143 Personen um eine unbe­ fristete Aufenthaltsgenehmigung angesucht. Diese Zahl erhärtet nochmals die oben angeführte Haltung. Die 2.143 Personen zeigten aber auch, wie der Zusam­ menhalt und das einheitliche Auftreten zu bröckeln begannen. Das weitere Vor­ gehen und Auftreten der Verantwortlichen wurde schwieriger und die Zeit drängte. Wer nicht mehr warten konnte und wollte, wer sich eingelebt und im beruflichen Umfeld Erfolg hatte, stellte das von seinem Arbeitgeber unterstützte Ansuchen um die österreichische Staatsbürgerschaft, welches fast immer positiv erledigt wurde. Facharbeiter und Akademiker scherten als erste aus der bis da­ hin festgefügten Gemeinschaft aus. Der Beitrag ist entnommen aus: Volker Petri, Österreich - Deine Siebenbürger Sachsen. Dresden 2001 1

Eduard Keintzel, Siebenbürger auf Heimatsuche. Eine Dokumentation. 1972, S. 8.

2

Ebenda, S. 11.

3

Ernst Wagner, Zur Geschichte des Evangelischen Generaldekanats A.B. in Nordsieben­ bürgen. Innsbruck 1980, S. 139. 4

Ebenda, S. 139.

5

Eduard Keintzel, S. 15.

6

Herman Volkmer, Die Integration der volksdeutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebe­ nen in Wels, Wels 1992, S. 44. 7

Ebenda, S. 46.

8

Ebenda, S. 50.

9

Ebenda, S. 72.

10

Ebenda, S. 74.

11

Ebenda, S. 75.

12

Ebenda, S. 77.

13

Ebenda, S. 51.

14

Ebenda, S. 52.


129

Die Deutsch­Untersteirer und Mießtaler in der neuen Heimat Österreich VON WOLFGANG WERTHER Wer sich von den Deutsch­Untersteirern Anfang Mai noch rechtzeitig zur Flucht entschlossen hatte ­ wer die Gefängnisse und Konzentrationslager überlebt hatte und nach Österreich vertrieben worden war, stand am Anfang eines schweren Weges: Er war ein „Heimatvertriebener" unter zahllosen anderen. Jedes Vertrie­ benenschicksal ist ein Einzelschicksal ­ das sollte nicht vergessen werden ­, aber es gab auch ein allen gemeinsames Schicksal: In den ersten Monaten und auch noch Jahre nach Kriegsschluss teilten und erlitten die Untersteirer das Schicksal der riesigen Zahl von Heimatvertriebenen, die über die südöstliche Grenze in das selbst schwer mitgenommene, von fremden Soldaten besetzte Land ström­ ten. Es waren dies rund 30.000 Deutsch­Untersteirer, von denen an die 70%, das sind etwa 21.000, in der Steiermark blieben. 15% von ihnen ließen sich in Kärnten nieder, 10% in anderen Bundesländern, 5% zogen nach Deutschland oder wan­ derten nach Übersee aus.

Die Aufnahme der Deutsch­Untersteirer in der Steier­ mark Soweit die Vertriebenen aus der Untersteiermark nicht bei Verwandten oder Be­ kannten Unterschlupf finden konnten, kamen sie in provisorische Auffanglager in Wagna bei Leibnitz, in Wetzelsdorf, Kapfenberg oder Judenburg. Sie waren damit wohl notdürftigst untergebracht, aber sie litten Not an allem, was zum täglichen Leben gehört. Zu dieser materiellen Not kamen die schweren seeli­ schen Erschütterungen, die sie getroffen hatten: Der Schock der Vertreibung, der Verlust der Heimat, oft der Tod vieler Angehöriger, das Unrecht, das sie erfah­ ren hatten. Es bedrückte sie auch die Sorge um die in Kriegsgefangenschaft gera­ tenen Männer und die Suche nach nächsten Verwandten. Am ärmsten waren die Frauen mit Kindern, die ihre Männer verloren hatten. In den ersten Jahren nach Kriegsende ging es auch bei den Deutsch­Untersteirern in erster Linie um die Linderung des Unmaßes von Leid und Not, das in Zahlen nicht ausdrückbar wä­ re, selbst wenn für diese Zeit genaue statistische Unterlagen vorhanden wären. Es ging um die Beschaffung von Kleidung, Lebensmitteln, Hausrat und um Bar­ geldhilfen in Notfällen. Diese Aufgaben konnten die Vertriebenen aus eigener


130 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Kraft nicht lösen. Eine Reihe von Hilfsorganisationen, die an anderer Stelle zu­ sammenfassend dargestellt werden, haben dazu große Leistungen erbracht. In diesem Zusammenhang muss aber auch schon hier ein Name genannt werden: Otto Hofmann­Wellenhof. Er hat für alle Heimatvertriebenen in der Steiermark und darüber hinaus eine so große Rolle gespielt, dass sein Wirken in einem eige­ nen Abschnitt gewürdigt wird. Im Großen gesehen war die Lage der Deutsch­Untersteirer gleich wie bei ihren Schicksalsgenossen in den anderen Landsmannschaften. Gleich war die Unter­ bringung in den Lagern, gleich auch ihr Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft, beim Schutträumen und in der Bauwirtschaft bei den ersten Wiederaufbauarbei­ ten. Gleich auch die allmähliche Besserung ihrer Lebensbedingungen durch ihr eigenes Zutun. Wegen ihres Fleißes, ihrer Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit wur­ den die volksdeutschen Heimatvertriebenen von den Arbeitgebern immer mehr geschätzt. Sie bekamen von ihnen mit der Zeit bessere Unterkünfte und konnten auch zu Vorarbeitern aufsteigen. Nicht nur materielle Not und seelisches, durch die Vertreibung zugefügtes, Leid hat den Heimatvertriebenen die Zeit nach ihrer Ankunft in Österreich ­ auch in der Steiermark ­ schwer gemacht. Sie waren be­ sonders durch die so wenig freundliche Aufnahme durch die Bevölkerung und die abweisende Haltung der Behörden ihnen und ihrem Schicksal gegenüber sehr betroffen. In der Steiermark war aber die Behandlung der Vertriebenen und damit auch der Deutsch­Untersteirer bei den amtlichen Stellen in mancherlei Hinsicht besser als anderswo. Das war vor allem dem Einsatz von Frau Dr. Frie­ derike Dautwitz zu verdanken, die von 1947 bis 1954 im Rahmen der Fürsorge­ abteilung des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung das Betreuungsreferat für volksdeutsche Flüchtlinge innehatte. Für ihr überaus ver­ ständnisvolles Wirken und ihre Hilfsbereitschaft wurde ihr von der Landsmann­ schaft der Deutsch­Untersteirer die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Es hat einige Jahre gedauert bis auch die staatlichen Stellen durch gesetzliche Regelungen eine „Eingliederung" der Volksdeutschen in das Wirtschaftsleben ihrer neuen Heimat ermöglichten. Ab 1949 konnten sie auf vereinfachte Weise die österreichische Staatsbürgerschaft und damit die Gleichberechtigung erhalten. In der Steiermark haben sich für diese „Einbürgerung" der bis dahin „Staatenlosen" besonders Lan­ deshauptmann Josef Krainer und Dr. Alfons Gorbach eingesetzt. Im Jahre 1952 wurde schließlich für alle Volksdeutschen, die die österreichische Staatsbürger­ schaft noch nicht besaßen, eine ganze Reihe von Gleichstellungsgesetzen erlas­ sen. Die Einbürgerung und diese Gesetze brachten auch für die Deutsch­Untersteirer einen großen Fortschritt. Es wurden damit die Hindernisse gegen die berufliche Eingliederung beseitigt. Man konnte wieder in seinem er­ lernten Beruf tätig sein, seine Kenntnisse erweitern und sich auch zu führenden


131 Stellen emporarbeiten. Die Gründung von Geschäften und Handwerksbetrieben wurde möglich. Die finanziellen Voraussetzungen zu diesen Betriebsgründun­ gen wurden durch „Existenzgründungskredite" geschaffen, die ebenfalls von ei­ ner Reihe von Hilfsorganisationen vermittelt wurden. Solche Kredite waren für die Deutsch­Untersteirer sehr wichtig, weil ein großer Prozentsatz ihrer Angehö­ rigen in der alten Heimat in Handel und Gewerbe tätig gewesen waren. Aber auch „freie Berufe" wie Ärzte, Rechtsanwälte, Dentisten usw., die bei ihnen in re­ lativ großer Zahl vertreten waren, benötigten diese „Starthilfen". Die Deutsch­ Untersteirer aus dem Abstaller Feld südlich der Mur und aus dem Übermurge­ biet östlich von Klöch ­ vorwiegend Bauern ­ ließen sich meistens in der Ost­ und Südsteiermark und in Graz nieder, um nicht weit weg von der alten Heimat zu sein. Sie hofften, einige Jahre nach Kriegsende wieder auf ihre Höfe zurückkeh­ ren zu können. Als diese Hoffnung schwand, pachteten oder kauften viele von ihnen bäuerliche Anwesen, wozu auch ihnen günstige Kredite gewährt wurden. Viele arbeiteten aber auch in Betrieben und als Angestellte in den Gemeinden. Ein allgemeines Nachkriegsproblem war die große Wohnungsnot, von der die Heimatvertriebenen natürlich am stärksten betroffen waren. Das Wohnungs­ elend in den Baracken, Firmenlagern und sonstigen Notunterkünften war er­ schreckend. Mit Selbsthilfeaktionen und Darlehen konnte ­ sowohl in den Städten als auch in den Landgemeinden der Steiermark ­ diese besonders bittere Not schrittweise gelindert werden. Die allmähliche Eingliederung der Deutsch­ Untersteirer in beruflicher Hinsicht in ihre neue Heimat war bei ihnen leichter als bei vielen anderen Heimatvertriebenen. Ohne dies mit Zahlen belegen zu können, konnte diese Eingliederung ohne allzu großen „Strukturwandel" vor sich gehen ­ sowohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich. Eine Anzahl „siedlungswilliger Bauern" konnte vom Land aufgenommen werden, teilweise als „Nebenerwerbsbauern". Wie erfolgreich diese Eingliederung erfolgt ist, sieht man vor allem in Graz, wo sich die meisten Deutsch­Untersteirer angesiedelt haben. Auf Schritt und Tritt begegnet man dort Geschäften aller Art, die von untersteirischen Landsleuten betrieben werden. Heimatvertriebenen, die in der alten Heimat Werkstätten und Fabriken besessen hatten, gelang es ­ in vielen Fällen auch in anderen Bundes­ ländern ­ aus kleinen Anfängen auch größere Werke zu errichten. Auch die Ver­ treter akademischer Berufe (Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer usw.) haben vielfach allgemein anerkannte Stellungen mit großem Wirkungsbereich erreicht. Auch „rein menschlich" war die Eingliederung nicht allzu schwer. Sie waren ja immer „Steirer", sind es auch in der Zeit der jugoslawischen Fremdherrschaft ge­ blieben ­ waren ja seit Jahrhunderten mit der ganzen Steiermark vielfach durch


132 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK „Familienbande" verbunden. Alle diese Faktoren bewirkten, dass die Deutsch­Untersteirer im Laufe der Zeit wirklich „heimisch werden" konnten, was vor allem für die inzwischen herange­ wachsene zweite und nun auch schon dritte Generation gilt. Wie die anderen Heimatvertriebenen zuerst nicht freundlich aufgenommen und sogar als Belastung empfunden wurden, haben auch die Deutsch­Untersteirer letztlich zum Wiederaufbau ihrer neuen Heimat Steiermark einen wesentlichen Beitrag geleistet, und eine ganze Reihe von ihnen wurde von der Stadt Graz und vom Land Steiermark für ihre Verdienste ausgezeichnet. In diesem Rahmen soll stellvertretend für sie alle Frau Berta Siege aus Marburg genannt sein. Nach 1945 in der obersteirischen Stadt Murau sesshaft geworden, hat sie dort bis ins hohe Alter Schauspielgruppen mit Kindern und Erwachsenen ausgebildet. Durch ihr Mitwirken bei der Gestaltung von Festen und Feiern hat sie 40 Jahre lang das kulturelle Leben in Murau wesentlich bereichert. Für diese unermüdli­ che kulturelle Tätigkeit erhielt Frau Siege 1967 den „Ehrenring der Stadt Murau" und 1983 das „Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark".

Die Aufnahme der Deutsch­Untersteirer und Mießtaler in Kärnten Für den hohen Anteil der vertriebenen Deutsch­Untersteirer und Mießtaler (15%), die letztendlich in Kärnten aufgenommen wurden,. kann man mehrere Gründe finden: 1. gab es viele verwandtschaftliche Verbindungen noch aus der Zeit der Monarchie und insbesondere zu den Personen, die bereits 1918/19 die Untersteiermark oder das Mießtal (vor 1918 ein Teil des Herzogtums Kärnten) verlassen mussten; vielfach hatten sich bereits vor Kriegsende Familienangehöri­ ge zu Verwandten begeben, um der in der Untersteiermark stärkeren Partisanen­ gefahr und der nahenden Front auszuweichen. 2. führte eine wesentliche Rückzugsroute der militärischen Verbände zu Kriegsende aus dem Raum Cilli über Windischgraz und das Mießtal nach Kärnten, wo man mit einer Besetzung durch die Briten rechnete. 3. erfolgte die Repatriierung der aus den jugoslawi­ schen Konzentrationslagern Entlassenen in vielen Fällen mit Eisenbahntranspor­ ten über den Karawankentunnel in die britische Besatzungszone. Kärnten nahm rund 40.000 geflüchtete oder heimatvertriebene Volksdeutsche auf. Unter ihnen befanden sich 5000 Untersteirer und Mießtaler. Ab 1948 erfolgte ihre Einbürgerung und somit die Gleichstellung mit der angestammten Bevölke­ rung. Es sprach für den Lebenswillen und die Tatkraft der Leidgeprüften, dass


133 sie trotz aller Probleme den Mut nicht verloren und an die Zukunft glaubten, denn sie waren in der Notzeit der Nachkriegsjahre eine zusätzliche Belastung und von der ansässigen Bevölkerung oftmals keineswegs mit offenen Armen aufgenommen worden. Viele blieben nicht nur deshalb im Lande, weil sie hier Verwandte und Bekannte hatten, sondern auch deswegen, weil die alliierten Be­ satzungsmächte zunächst eine Weiterreise meist nicht gestatteten. Und so such­ ten die Heimat­ und Besitzlosen in Kärnten Fuß zu fassen. Leicht hatten sie es dabei wahrlich nicht, denn es gab für sie in der schwersten Zeit kaum Arbeitsbe­ willigungen, die es ihnen erlaubt hätten, in ihrem erlernten Beruf einer Beschäfti­ gung nachzugehen und für ihren Unterhalt selbst zu sorgen. Auch die Wohnungsnot war groß, und so war man froh, wenn man fürs Erste in einem der vielen Barackenlager aus dem Dritten Reich eine Bleibe fand.

Essensausgabe im Lager

Zu den großen Auffanglagern zählte jenes von Feffernitz bei Villach. In der klei­ nen Barackenstadt richtete Barbara Anrather, eine gebürtige Marburgerin, die am 18. Januar 1946 nach Österreich gekommen war, als gelernte Kindergärtnerin einen Kindergarten ein. (Barbara Anrather starb 1984 mit 93 Jahren in Pobersach bei Feistritz an der Drau.)


134 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Der Neubeginn im Gastland, das ihnen schließlich zur neuen Heimat wurde, war mühsam und entbehrungsreich. Aber die Flüchtlinge, die alles Hab und Gut verloren hatten und deren Besitz vom jugoslawischen Staat beschlagnahmt wur­ de, bewältigten die Nachkriegszeit und die materielle Not. Sie packten mit den Kärntnern mit an, ein starker Wille beseelte beide.

Hilfsvereine und Landsmannschaften Beim „Einleben" in die neue Heimat, die bei den Untersteirern eigentlich die „al­ te" war, spielte aber auch die Selbsthilfe durch die Gemeinschaft der Landsleute eine bedeutende Rolle. Der allseits angesehene Marburger Weingroßhändler Julius Pfrimer war schon zur Zeit der Monarchie im „Deutschen Volksrat für die Untersteiermark" und bis zum Jahre 1918 als Finanzstadtrat in Marburg tätig. Auch während der jugosla­ wischen Herrschaft hat er sich an vorderster Stelle für die deutsche Minderheit eingesetzt. Von seiner Grazer Filiale aus hat er gemeinsam mit dem evangeli­ schen Pfarrer von Marburg, Senior Baron, schon im Sommer 1945 einen „Aus­ schuss für die Flüchtlinge aus der Untersteiermark" gebildet, der den Landsleuten erste Hilfe bot, provisorische Unterkünfte vermittelte und bei der Arbeitsbeschaffung half. Dieser 1945 gebildete „Ausschuss für die Flüchtlinge aus der Untersteiermark" gründete im Jahre 1948 den „Hilfsverein der Deutsch­Untersteirer", der am 1. April 1955 in „Landsmannschaft und Hilfsverein der Deutsch­Untersteirer in Österreich" umbenannt wurde. In dieser Landsmannschaft sind auch die Hei­ matvertriebenen aus dem 1918 von Kärnten abgetrennten Mießtal und aus den fünf Grenzgemeinden des Übermurgebietes vertreten. Die Bundesleitung dieser Landsmannschaft hat ihren Sitz in Graz. Als Dachverband für alle volksdeutschen Landsmannschaften fungiert die „Zen­ tralberatungsstelle der Volksdeutschen in der Steiermark". In ihr ist die „Lands­ mannschaft der Deutsch­Untersteirer" ebenso vertreten wie im „Verband der volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs (VLÖ)", der die Interessen aller 320.000 volksdeutschen Heimatvertriebenen in Österreich vertritt. Auch bei den Kärntner Flüchtlingen regte sich früh der Wunsch nach einer eige­ nen Anlaufstelle und Interessensvertretung. Schon im Herbst 1945 kam es zu ei­ ner ersten Fühlungnahme zwischen den Mießtalern, Untersteirern, Gottscheern, Deutschkrainern und Schwaben. Eine Abordnung der Heimatvertriebenen, in


135 der sich Ing. Rohsbacher und Rittmeister a. D. Glantschnigg für die Mießtaler und Untersteirer befanden, sprach in Wien bei den Mitgliedern der provisori­ schen Regierung vor. 1946 bildete sich in Klagenfurt ein Verband der Altösterrei­ cher aus Italien und Jugoslawien. Rittmeister Paul Glantschnigg (Untersteirer) und der Beamte Josef Bernardi (Mießtaler) wurden in den Vorstand gewählt. Der Verband leistete in der Folge ersprießliche Arbeit und half den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen bei der Bewältigung ihrer Probleme.

Kinder im Flüchtlingslager

Seit 1948 wurden die in Kärnten lebenden Untersteirer und Mießtaler zunächst von Graz aus mitbetreut. Zu Beginn der fünfziger Jahre machten sie sich jedoch selbständig und gründeten 1952 in der Draustadt Villach die "Landsmannschaft der Untersteirer und Mießtaler in Kärnten". Der Zweck des unpolitischen Verei­ nes war die Beratung, Unterstützung, Betreuung und Erfassung der Untersteirer und Mießtaler, die im Bundesland Kärnten Zuflucht gefunden hatten, und zwar in allen rechtlichen, kulturellen, konfessionellen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen. Darüber hinaus nahm sich die Landsmannschaft der sozialen und kul­ turellen Entwicklung der Heimatvertriebenen und deren Eingliederung in das österreichische Staats­ und Wirtschaftsleben an. Erster Obmann war der Bauin­ genieur Ubald Nassimbeni. Zu den ersten Maßnahmen gehörten die Einrichtung von Auskunfts­ und Beratungsstellen. Besonders Herbert Jäger erwarb sich bei der Betreuung der Heimatvertriebenen größte Verdienste.


136 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Der Kärntner Verein hielt weiterhin engen Kontakt zum Bundesverband in Graz, was in den gemeinsamen Treffen und später auch im gemeinsamen Mitteilungs­ blatt „Der Untersteirer" zum Ausdruck kam. Die beiden Landsmannschaften hatten es sich zur Aufgabe gestellt, ihren Lands­ leuten in Not zu helfen, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Landsleute zu pflegen und die Erinnerung an die alte Heimat und an ihre kulturellen und wirt­ schaftlichen Leistungen wachzuhalten. Welches Elend vielfach noch in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre unter den Untersteirern und Mießtalern herrschte, zeigte eine Härtebeihilfenaktion für die Ärmsten der Armen in Feffernitz im Juli 1958. Damals erhielten 34 Personen je zwei Schilling an Unterstützung ausbezahlt. In Erfüllung dieser ersten Aufgabe wirkte die Landsmannschaft seit ihrem Beste­ hen als „Hilfsverein". Durch die Spendenfreudigkeit ihrer Mitglieder hat sie vie­ len bedürftigen Landsleuten mit namhaften Beträgen helfen können. Traditionell bei den Weihnachtsfeiern konnten Kinder und alte Landsleute beschenkt wer­ den. So konnte die Landsmannschaft im Jahre 1987 an ihre alten und bedürftigen Mitglieder 152.000 Schilling an Unterstützungen verteilen. Die Landsmannschaften boten jede nur denkbare Hilfestellung. Als die Einbür­ gerungen erfolgten, halfen sie beim Schriftverkehr mit den Behörden und infor­ mierten die Landsleute vor allem über die Ermäßigung von den zu entrichtenden Gebühren. In einer Willenserklärung war zum Ausdruck zu brin­ gen, dass man der Republik Österreich als getreuer Staatsbürger angehören wol­ le. Die Beschaffung der Personaldokumente stieß oft auf enorme Schwierigkeiten. Wenn solche in Jugoslawien ausgestellt wurden, dann nur in slowenischer Spra­ che, wobei Vor­ und Zunamen in der Regel slawisiert waren. So wurde etwa aus einer Karoline eine Dragutina und der Nachname Pleunigg wandelte sich in Plevnik. In solchen Fällen musste man auch noch eine amtliche Namensände­ rung beantragen, was abermals mit Kosten verbunden war. Die Landsmannschaften schritten weiters an die Bestandsaufnahme des konfis­ zierten und in der alten Heimat zurückgebliebenen Vermögens ihrer Mitglieder, um Unterlagen für künftige Verhandlungen zu haben. Dann ging es um die so­ ziale Absicherung der Heimatvertriebenen und um die Zuerkennung von Pen­ sionen und Renten. Eine andere Aufgabe der Landsmannschaft in Kärnten, die bis zu 600 Mitglieder


137 betreute, bestand in der Existenzsicherung. Der Bürgschafts­ und Kreditverein „Heimat Kärnten" vergab Kredite, für die das Land die Haftung übernahm. Die Kreditaktion lief von 1956 bis zum Ende des Jahres 1963. Ab 1959 wurde die Anmeldeaktion nach dem deutschen Allgemeinen Kriegsfol­ gengesetz durchgeführt. Berichte über Ereignisse in beiden Landsmannschaften und Erinnerungen an die alte Untersteiermark erschienen ab August 1955 bis Dezember 1966 in der Zei­ tung „Neuland", der Wochenschrift der Donauschwaben. Unter der Überschrift „Sonniges Weinland ­ Aus dem Leben und Wirken der Deutsch­Untersteirer ­ einst und jetzt!". Seit dem 1. Jänner 1968 erscheint eine eigene Vierteljahreszei­ tung „Der Untersteirer", die bis heute als Bindeglied zwischen allen Landsleuten in der ganzen Welt dient. Sie enthält Abhandlungen über die Geschichte und die Leistungen der deutschen Bevölkerung in der Untersteiermark, erzählt von glücklichen und traurigen Tagen in der alten Heimat, bringt Ankündigungen und Berichte über Geburtstage, Todesfälle und andere persönliche Ereignisse. Sie blickt aber auch über die Grenzen in das verlorene Land und berichtet über das einstige Leben und über die heutige Lage. Ihr langjähriger Schriftleiter, Bun­ desobmann­Stellvertreter Dr. Herbert Bödendorfer aus Marburg, erhielt für seine Verdienste das Große Ehrenzeichen des Landes Steiermark und wurde zum Eh­ renmitglied der Landsmannschaft ernannt. Jedes Jahr wurde von den beiden Landsmannschaften ein gemeinsames Som­ mertreffen veranstaltet, bei denen Verwandte, Freunde, Nachbarn und Bekannte einander wiedersehen und einen Tag „alte Heimat" erleben konnten. Der Vor­ mittag vereinigt alle, die vielfach auch weither angereist kamen, in einer besinn­ lichen Feierstunde, bei der sehr oft das Ehrenmitglied Bundesrat Otto Hofmann­Wellenhof in ergreifender Weise die Festrede gehalten hat. Das ge­ mütliche Beisammensein am Nachmittag, oft in einem Buschenschank, wird meist zu kurz. Die Sommertreffen fanden meistens Ende Juni im Weinland der südlichen Steiermark und etwa alle 5 Jahre in Kärnten statt. Im Winter traf man sich lange Jahre beim Ball der Untersteirer, beim „Jagaball" in Graz, der in Cilli seine große Tradition hatte. Der „Jagaball" wurde in den fünfziger und sechziger Jahren im Großen Saal der Arbeiterkammer in Graz und später in einem Saal des Brauhauses Puntigam durchgeführt. Die Cillier veranstalteten im Laufe der Zeit in Graz drei große Wiedersehenstref­ fen. Beim 2. Treffen im Jahre 1964 mit ungefähr 600 Teilnehmern hielt Bischof Gerhard May ­ auch ein Cillier ­ eine tiefempfundene Festrede. Zum 3. Treffen im Jahre 1987 konnte der Obmann der „Alt­Cillier­Runde", Hermann Rakusch,


138 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK noch immer 150 Landsleute aus Cilli begrüßen. Auch heute noch gibt es ein jähr­ liches „Abstallertreffen" in Mureck. Um die Verbindung untereinander aufrechtzuerhalten, die Erinnerung an die al­ te Heimat wachzuhalten und nach Möglichkeit Traditionen weiter zu pflegen, kommen die Landsleute noch heute zu Weihnachtsfeiern, zu Gedenkgottesdien­ sten und zu Totengedenken zusammen. Regelmäßige Treffen wie die "Cillier Jause", der „Pettauer Jaus'n", und verschie­ dener Marburger Runden, die Stammtische in Wolfsberg, Völkermarkt, Villach­ Feffernitz, Spittal an der Drau und Klagenfurt und die Herbsttreffen in Inns­ bruck, Salzburg und Wien waren Bindeglieder zwischen den Landsleuten. Nach dem Ende des Kommunismus in Jugoslawien und der Abspaltung der de­ mokratischen Republik Slowenien finden vermehrt gemeinsame Busfahrten zum Besuch der alten Heimat statt. In Festveranstaltungen wurde ­ oft gemeinsam mit anderen Heimatvertriebenen ­Verbänden ­ bedeutender Erinnerungsjahre gedacht, so etwa im Jahre 1995 an „50 Jahre seit der Vertreibung". Die 60 Jahrfeier der Gründung der Landsmannschaft als Hilfsverein fand 2008 am Grazer Schloßberg statt. Sie vereinte noch fast 200 Teilnehmer im Gedenken an ihre Toten und die verlorene Heimat, an den langen mühsamen, aber letzt­ endlich erfolgreichen Weg in der neuen Heimat und in einem willkommenen und gemütlichen Wiedersehen von Bekannten. Alle Leistungen der Landsmannschaften der Deutsch­Untersteirer und Mießtaler waren nur möglich, weil immer einsatzbereite, ehrenamtliche Mitarbeiter in Lie­ be zu ihrer verlorenen Heimat tätig waren und die Landsmannschaft von guten Obmännern geführt wurde. Die ersten Bundesobleute der Bundeslandsmann­ schaft mit Sitz in Graz waren Univ.­Prof. Dr. Josef Matl aus Abstall (1948 bis 1958) und Rechtsanwalt Dr. Eduard Busschar aus Marburg (1958 bis 1963). 1963 bis 1986 wurde die Landsmannschaft vom jetzigen Bundes­Ehrenobmann Erich Pfrimer geführt. Die Leistungen von Erich Pfrimer im Rahmen der Landsmann­ schaft und auf wirtschaftlichem Gebiet wurden von der Stadt Graz und vom Land Steiermark gewürdigt. Er wurde in den „Kreis der einhundert Bürger der Stadt Graz" aufgenommen und erhielt von Landeshauptmann Dr. Josef Krainer das „Große goldene Ehrenzeichen" des Landes Steiermark. Die folgenden Obleu­ te der Landsmannschaft waren der Dipl. Ing. Oswald Werther aus Marburg (1986­1996), Hofrat Dipl. Ing. Dieter Frisch aus Marburg (1996­2005) und Inge­ borg Mallner (seit 2005).


139 Seit der Gründung der Landsmannschaft der Untersteirer und Mießtaler in Kärnten hatten die Obmannschaft inne: Dipl.­Ing. Ubald Nassimbeni (1952­1955, 1959­1960, 1971­1975), Sepp Bernardi (1955­1959), Paul Minarik (1960­1967), Dkfm. Meinhard Wrentschur (1967­1971), Alois Bresner (1975­1992) und RR An­ ton Koroschetz (seit 1992). Drei Traditionsfahnen konnten bereits bei der Abtrennung der Gebiete 1918/19 aus der alten Heimat über die Grenze gerettet werden und sind heute für die Landsmannschaften Sinnbild der Zusammengehörigkeit und der Erinnerung: Die ehemalige Vereinsfahne des Männergesangvereins Prävali für die "Lands­ mannschaft der der Untersteirer und Mießtaler in Kärnten", die Fahne des Deut­ schen Männergesangsvereins Luttenberg für die Bundes­Landsmannschaft in Graz und die Fahne des Militär­ und Veteranenvereins Abstall für die sich jähr­ lich treffenden ehemaligen Bewohner des Abstaller Felds.

Erinnerung, Kultur und Tradition Um sich ihrer alten Heimat zu erinnern und diese der neuen Heimat näherzu­ bringen, sind die Deutsch­Untersteirer in kulturellen Veranstaltungen an die Öf­ fentlichkeit getreten. Im Mai 1978 wurde als Beitrag zur „850­Jahr­Feier der Stadt Graz" im vollbesetz­ ten Minoritensaal eine Morgenfeier mit Werken von Dichtern und Komponisten aus der Untersteiermark gestaltet. Ebenfalls als Beitrag zur „850­Jahr­Feier der Stadt Graz" wurde im März 1979 ei­ ne „Ausstellung von Gemälden und Graphiken deutsch­untersteirischer Künst­ ler" veranstaltet, bei der mehrere Tausend Besucher gezählt wurden. Es wurden 116 Werke von 18 Malern und Graphikern gezeigt. Zur feierlichen Eröffnung hielt Landtagspräsident Univ.­Prof. Dr. Hanns Koren eine bedeutsame Rede, in der er nicht nur die untersteirischen Maler würdigte, sondern auch auf den Reichtum des steirischen Unterlandes in Dichtung und Musik hinwies. Ein ganz kleiner Ausschnitt aus diesem Reichtum untersteirischer Dichter und Lieder von Hugo Wolf war der Beitrag der Deutsch­Untersteirer bei Veranstal­ tungen, die gemeinsam mit den anderen Landsmannschaften der Heimatvertrie­ benen stattfanden. Am 8. Mai 1985 gedachten im Wiener Konzerthaussaal alle volksdeutschen Landsmannschaften von Österreich der „Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat vor 40 Jahren". In Anwesenheit von Bundespräsident Dr. Kirch­ schläger, Erzbischof Berg aus Salzburg und vieler anderer Persönlichkeiten erin­ nerten sie an ihr Schicksal, an ihre Leistungen in der Vergangenheit und an ihren


140 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Beitrag zum Wiederaufbau in Österreich. Und im Herbst 1985 fand eine Gedenkstunde „40 Jahre Flucht und Vertreibung ­ 30 Jahre Staatsvertrag" statt, die alle Landsmannschaften in der Steiermark ge­ meinsam gestalteten. Im Mai 1987 hielt auf Einladung der Landsmannschaft Frau Dr. Christiane Tho­ mas, Direktor­Stellvertreter des Haus­, Hof­ und Staatsarchivs in Wien, im über­ vollen Grazer Heimatsaal einen Vortrag über das mächtige Geschlecht der „Grafen von Cilli". Anschließend erläuterte sie auf eine Anfrage, warum in letz­ ter Zeit über tausend Originaldokumente über das Mittelalter ­ vorwiegend die Grafen von Cilli betreffend ­ an Jugoslawien ausgeliefert werden mussten. Alle Dokumente samt Siegel wurden aber vorher nach neuen Methoden so getreu ko­ piert, daß sie von den Originalen kaum zu unterscheiden sind. Immer schon sind besonders viele berühmte Männer und Frauen aus dem steiri­ schen Unterland hervorgegangen. Hier sollen nur einige von ihnen genannt wer­ den: Admiral Wilhelm von Tegetthoff aus Marburg, Sieger in den Seeschlachten von Helgoland und vor der Insel Lissa in der Adria. Hugo Wolf, der „Liederfürst" aus Windischgraz, mit seinen herrlichen Liedern nach Gedichten von Mörike, Ei­ chendorff und Goethe und mit seinem Italienischen Liederbuch. Dichter und Schriftsteller wie Ottokar Kernstock und Max Mell aus Marburg, Ernst Goll aus Windischgraz, Margarete Weinhandl und Anna Wambrechtsamer aus Cilli, An­ na Witula, Hilde Knobloch und Karl Bienenstein aus Marburg. Musiker wie Josef Kolleritsch, Max Schönherr, Hermann Frisch und Max Hallecker aus Marburg. Maler und Radierer wie Luigi Kasimir aus Pettau, Anton Nowak, Pipo Peteln und Konstanze Frohm aus Marburg, August Friedrich Seebacher aus Cilli und viele andere. Deutsch­Untersteirer waren auch einige Universitätsprofessoren in Graz, wie der Slawist Dr. Josef Matl, der Jurist Dr. Artur Steinwenter und der Ar­ chäologe Dr. Balduin Saria. Einige Deutsch­Untersteirer waren ­ neben dem Aufbau einer neuen Existenz ­ auch in der neuen Heimat kulturell schaffend tätig. Es seien hier nur genannt: Dichter wie Ferdinand Frankl, Rudolf Artinagg und Maria Holzinger, Maler wie Konstanze Frohm und Pipo Peteln und Schriftsteller wie Günther Maier. Der Cil­ lier Hermann Rakusch hat künstlerisch wertvolle Filme über die alte Heimat und über die Veranstaltungen der Landsmannschaft hergestellt. MR Dr. Rudolf Per­ tassek, ein gebürtiger Pettauer, verfasste drei anerkannte Bücher über die unter­ steirischen Städte Pettau, Cilli und Marburg.


141 Von den großen treuen Deutsch­Untersteirern, die nach 1945 für ganz Österreich gewirkt haben, muss Bischof Gerhard May aus Cilli genannt werden. Er war von 1921 bis 1944 evangelischer Pfarrer in Cilli, von 1944 bis 1969 evangelischer Bi­ schof von Österreich und stand an der Spitze der „Evangelischen Flüchtlingshil­ fe". Das Bedürfnis, über die Untersteiermark, ihre Jahrhunderte lange Geschichte als Teil der Steiermark, über Land und Leute, über das Schicksal des deutschen Be­ völkerungsteils und über den kulturellen und landschaftlichen Reichtum Zeug­ nis abzulegen, führte zur Gestaltung von Ausstellungen anfangs in kleinem Rahmen wie etwa zur Eröffnung des Hauses der Heimat in Wien 1996 oder beim Alpenländischen Kulturverband Südmark in Graz 2001. Größere Ausstellungen, zuletzt in Mureck 2002 und in Radkersburg 2003, folgten. Das Material dieser Ausstellungen ­ erarbeitet von verdienten Mitgliedern der Landsmannschaft wie etwa Frau Dir. Johanna Weiß (eine Marburgerin) und Herr Dir. Anton Kovatschitsch (ein Abstaller) ­ war schließlich auch der Grund­ stock für die Gründung eines "Grenzüberschreitenden" Regionalmuseums in Eh­ renhausen in der Südsteiermark, welches der Geschichte der Grenzregion und der Untersteiermark gewidmet ist. Oskar Schauritsch (ein Marburger) hat sich durch seine unermüdliche und beharrliche Arbeit beim Aufbau dieses Museums besonders verdient gemacht. Im Museum der Heimatvertriebenen in Gurk, welches von Landsmannschaften der altösterreichischen volksdeutschen Vertriebenen gestaltet wurde, haben auch die Untersteirer und Mießtaler ihren würdigen Platz gefunden.

Gedächtnisstätten Zur bleibenden Erinnerung an die verlorene Heimat konnte die Landsmann­ schaft im Jahre 1970 nach einstimmigem Beschluss des Grazer Gemeinderates am schönsten Aussichtspunkt des Schloßberges neben der Kanonenbastei eine würdige Gedächtnisstätte errichten. Von dort aus kann man den Bachern und den Donatiberg in der alten Heimat sehen. Ein großes Bronzerelief an der Wand der Kanonenbastei zeigt auf der linken Sei­ te die bei der Besiedlung der Untersteiermark tätigen Stände, auf der rechten Sei­ te Bauern und Arbeiter. In der Mitte sind die Wahrzeichen der vor 1918 mehrheitlich deutschen Städte Marburg, Pettau, Cilli und Rann dargestellt sowie Männer, Frauen und Kinder, die, wehmütig zurückblickend, ihre Heimat verlas­ sen müssen. In einem Turm gegenüber ist das „Totengedenkbuch“ eingemauert.


142 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK In ihm sind die Namen der Deutsch­Untersteirer verewigt, die im Zweiten Welt­ krieg gefallen sind, und die Namen all derer, die nach Kriegsende durch Gräuel­ taten und in den jugoslawischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind. 4600 Namen erinnern an eine unselige Zeit! Viele, viele Namen konnten nicht verzeichnet werden, weil das Schicksal ihrer Träger immer ungewiss blei­ ben wird. An der Mauerbrüstung ist eine bronzene Gedenktafel angebracht, die an die tapferen altösterreichischen Regimenter Nr. 47 aus Marburg und Nr. 87 aus Cilli erinnert. Bei der feierlichen Enthüllung am 28. Juni 1970 konnte Bundesobmann Erich Pfrimer unter anderen den Landtagspräsidenten Univ.­Prof. Dr. Hanns Koren und den Bürgermeister der Stadt Graz, Dipl.­Ing. Gustav Scherbaum, begrüßen. Bundesrat Otto Hofmann­Wellenhof hielt die Festrede, die von den vielen an der Enthüllung teilnehmenden Landsleuten mit Ergriffenheit aufgenommen wurde. Eine weitere Gedächtnisstätte haben die heimatvertriebenen Mahrenberger beim Leonhardi­Kirchlein in St. Lorenzen bei Eibiswald, knapp an der jugoslawischen Grenze oberhalb Mahrenbergs, errichtet. Auf Marmortafeln wurden dort die Na­ men von 11 gefallenen und von 52 nach Kriegsende getöteten deutschen Mah­ renbergern verewigt. Die erste deutsche Totengedenkstätte hinter dem „Eisernern Vorhang" wurden von den Abstallern im Mai 1980 in Murakeresztur in Ungarn errichtet. Der dorti­ ge Tierarzt Dr. Arpad Radnai, der katholische Pfarrer und auch die Bewohner von Murakeresztur haben dabei mitgeholfen. Es liegen dort 77 Abstaller begra­ ben, die in Viehwaggons in einem abgestellten Vertreibungszug in der Zeit zwi­ schen dem 26. Jänner und 8. Feber 1946 an Kälte und Hunger gestorben sind. Die Vertriebenen der deutschen Ortschaften des Übermurgebiets ­ Füchselsdorf, Guizenhof, Rothenberg und Sinnersdorf ­ schufen 2001 ein Erinnerungsmahl in St. Anna am Aigen auf einer Höhe, von der man die alte Heimat sehen kann. Durch die Umwälzungen im ehemaligen Jugoslawien und die Hinwendung des selbständig gewordenen Sloweniens zum westlichen Demokratie­ und Grund­ rechtsverständnis sind die Verbrechen der unmittelbaren Nachkriegszeit kein Tabuthema mehr und Gedenkstätten wurden in den Lagern und Hinrichtungs­ plätzen errichtet. Kreuze in Tüchern, Sternthal und am Bachern ermöglichen heute ein stilles Gedenken an die Opfer des Völkermords an den Deutsch­Unter­ steirern, auch wenn für Slowenien selbst die historische Auseinandersetzung mit der innerslowenischen grauenvollen Abrechnung der Titopartisanen mit den Domobrancen im Vordergrund steht.


143 In Abstall und Mahrenberg erinnern Gedenktafeln an die Gefallenen und Ermor­ deten der Kriegs­ und Nachkriegsjahre. 1977 wurde im Europapark der Landeshauptstadt Klagenfurt ein Hain der Volksdeutschen Landsmannschaften angelegt, in dem jede Vertriebenengruppe einen Baum pflanzte. Die Untersteirer und Mießtaler wählten eine Edelkastanie. 1982 wurde in diesem Hain den Toten des Krieges, der Flucht und der Vertrei­ bung von dem im Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften, Landes­ gruppe Kärnten, zusammengeschlossenen Landsmannschaften der Donauschwaben, der Sudetendeutschen, der Untersteirer und Mießtaler, der Gottscheer und der Siebenbürger Sachsen als Ausdruck des Dankes ein Stein ge­ setzt, der im Rahmen einer erhebenden Feier am 2. Oktober enthüllt wurde. 1998 wurde auch in Gurk neben dem Museum der Heimatvertriebenen eine ein­ drucksvolle Gedenkstätte geschaffen.

Die Hoffnung auf Restitution In den 90er Jahren lagen die wirklichen Mühen der Integration der heimatver­ triebenen Altösterreicher deutscher Muttersprache im österreichischen Zu­ fluchtsland schon weit zurück. Mit dem Fall des Kommunismus und der Zuwendung der bis dahin von diesem geprägten Staaten, für die Deutsch­Unter­ steirer aber besonders mit der damit einhergehenden Auflösung Jugoslawiens in seine Teilrepubliken und der Unabhängigkeit Sloweniens, verlagerte sich der Schwerpunkt der noch offenen Anliegen auf die Wiedergutmachung erlittenen Unrechts, insbesondere auf die Restitution des zu Unrecht kollektiv beschlag­ nahmten Vermögens. Als loyale Bürger Österreichs hätten sich die Heimatvertriebenen eine konse­ quentere Haltung der österreichischen Politik bezüglich noch immer fortbeste­ hender Unrechtsregulative wie der Beneš­Dekrete und der AVNOJ­Verordnungen im Zusammenhang mit dem EU­Beitritt ihrer ehemali­ gen Heimatländer erwartetet ­ so auch die Deutsch­Untersteirer gegenüber der Republik Slowenien. Für die Landsmannschaft als Selbsthilfeorganisation bedeutete dies ­ in Zusam­ menarbeit mit den Verbänden der anderen vertriebenen deutschen Altösterrei­ cher wie etwa der Sudetendeutschen und Donauschwaben ­ einen immensen Aufwand an Aufklärungsarbeit bei österreichischen und europäischen Politikern bis hin zu Petitionen an die Europäische Kommission, das Europäische Parla­ ment, ja sogar an die Volksvertretung der Republik Slowenien in Laibach.


144 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Hatten volltönende Resolutionen vieler österreichischer Landtage gegen Beneš­ Dekrete und AVNOJ­Erlässe noch zu Hoffnung Anlass gegeben, so wurden die Heimatvertriebenen letzten Endes auf die besseren Aussichten vertröstet, die durch die Aufnahme der Vertreiberstaaten in die "Wertegemeinschaft" der EU bestünden. Wie man heute weiß, war diese Hoffnung vergeblich. Das slowenische Denationalisierungsgesetz 1991 gab Stichtage für den seinerzei­ tigen Besitz der jugoslawischen Staatsbürgerschaft vor, die für die meisten ver­ triebenen Deutsch­Untersteirer auf Grund der davor erfolgten menschenrechtswidrigen, aber noch immer gültigen Aberkennung der Staats­ bürgerschaft durch die AVNOJ­Bestimmungen nicht erfüllt werden konnte. Die Absicht, möglichst viele Restitutionswerber aus der Gruppe der heimatvertriebe­ nen Altösterreicher auszuschließen, und der Fortbestand des Gedankens einer Kollektivschuld der Jugoslawiendeutschen war deutlich zu erkennen. Wo es dann doch zu Rückgaben von Eigentum oder Entschädigungen kam, war dies oftmals nur nach langen Verfahren möglich, in denen der Vertriebene die "Loyalität" zum seinerzeitigen Jugoslawien mühsam, und nach so langen Zeit durch Zeugen beweisen musste. Die Rechtssprechung der slowenischen Justiz hat sich zwar im Laufe der Ent­ wicklung in manchen Punkten verbessert, so können etwa seinerzeit Minderjäh­ rige nicht mehr der automatischen "Illoyalität" bezichtigt werden, doch bleibt die Zugehörigkeit zum (in Königreich Jugoslawien ordnungsgemäß zugelassenen) Schwäbisch­Deutschen Kulturbund weiterhin ein Ausschlusskriterium. Für viele kommen auch die kleinen Verbesserungen der Restitutionsaussichten zu spät. Sie haben wegen seinerzeitger Aussichtlosigkeit und in Abschätzung der immensen Kosten des aus damaliger Sicht wenig erfolgversprechenden Rechtsweges nach den negativen Bescheiden der Erstinstanzen aufgegeben. Der Dank derer, die den mühsamen Weg durch den Dschungel der Restitution doch geschafft haben, gilt auch der österreichischen Diplomatie und insbesonde­ re der Österreichischen Botschaft in Laibach, die verständlicherweise aber nicht in die Rechtsprechung des Nachbarstaates eingreifen konnte. Die Restitution von Grund­ und Immobilienvermögen an die rechtmäßigen Be­ sitzer, die seinerzeit aus Jugoslawien vertrieben und enteignet wurden, ist aber keine Einbahnstraße in Richtung eines Ausverkaufs slowenischen Bodens, wie es oft befürchtet wird. Die neuen "alten" Eigentümer bringen viel Einsatz, Arbeits­ freude und "Know­How" mit, um im Kleinen das fortzuführen, was durch lange Zeiträume der Geschichte für diesen Raum selbstverständlich war, die respekt­


145 volle und fruchtbare Zusammenarbeit von deutschen und slowenischen Steirern.

Zusammenfassung und Ausblick Die Vertreibung 1945 traf die Menschen in verschiedenen Lebensabschnitten und dies beeinflusste zusammen mit den ganz persönlichen Umständen, wie den persönlichen und materiellen Verlusten innerhalb der Familie, ihr unmittel­ bares Schicksal. Alte Menschen, die bereits aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren, standen plötzlich ohne Versorgung da, und konnten nur auf jegliche soziale Verbesse­ rung und Gleichstellung hoffen. Sie waren am meisten auf Unterstützung ange­ wiesen, ebenso wie allein stehende Mütter oder Großmütter mit Kindern, deren Väter oder beide Elternteile dem Krieg oder den Gräueln nach dem Krieg zum Opfer gefallen waren. Menschen im erwerbsfähigen Alter waren anfangs durch berufliche Hemmnisse wie fehlende Arbeitsgenehmigung und Nichtanerkennung ihrer Befähigungen behindert, konnten aber im Laufe der 50er Jahre mit fortschreitender Gleichstel­ lung und dem Erlangen der österreichischen Staatsbürgerschaft wieder Fuß fas­ sen. Neben der persönlichen Katastrophe des grausamen Verlustes von Heimat, von nahen Angehörigen und Freunden sowie erlittener brutaler Behandlung bil­ dete das Jahr 1945 in fast allen Biographien eine gewaltige berufliche Zäsur durch den Verlust von Besitz und beruflicher Stellung. Unmittelbar nach der Vertreibung konnten viele nur daran denken, irgendwie über die Runden zu kommen und das Notwendigste zum Überleben zu tun, nämlich sich selbst und ihre Familie zu ernähren. So begannen Fabrikseigner und ­direktoren, Gutsver­ walter und andere leitende Angestellte sowie in ihrer Heimat angesehene Selb­ ständige ihren Berufsweg in der neuen Heimat oftmals als Hilfsarbeiter. Nach den ersten Jahren zeigte sich aber, dass ihre Erfahrung und ihre Einsatzbereit­ schaft geschätzt wurden und ihr Einsatz mit einem beruflichen Aufstieg belohnt wurde, auch wenn oft gegenüber der Stellung in der alten Heimat Abstriche ge­ macht werden mussten. So hatten etwa die Besitzer von Unternehmen und Ge­ werbebetrieben 1945 doch ihr Eigentum verloren, auch wenn sie ihre hervorragenden Fähigkeiten in führenden Positionen derselben Branche in der neuen Heimat wieder beweisen konnten. Geblieben sind für die Erlebnisgeneration Traumata über die ganz persönlichen Erlebnisse und Verluste wie das grausame Schicksal von Angehörigen und Freunden. Von diesen Erinnerungen werden sich manche in diesem Leben wohl


146 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK nicht mehr befreien können. 65 Jahre seit 1945 sind eine lange Zeit. Heute leben schon die Urenkel der damals im besten Alter Vertriebenen. Und diejenigen, die als Kleinkinder die Flucht noch mitmachten oder unmittelbar danach geboren wurden und in Lagern oder anderweitigen kargen Verhältnissen aufwuchsen, sind heute schon in Pension. Ein Zeichen für den Wandel der Zeit und den Erfolg der Integration ist auch, dass nur mehr sehr wenige finanzielle Zuwendungen zur Verbesserung ihres kargen Lebensabends in Anspruch nehmen müssen. Die folgenden Generationen konnten Dank der Tatkraft und Leistungsbereitschaft ihrer Eltern und Großel­ tern ohne unbewältigbare Hypothek aus der Vertreibung aufwachsen. Die Mießtaler und Deutsch­Untersteirer waren nie wirklich Fremde in Öster­ reich, denn sie sind ja auch nach 1918 unter jugoslawischer Herrschaft im Her­ zen Kärntner und Steirer geblieben. Sie haben nach der Katastrophe 1945 ihren Beitrag zum Wiederaufbau des Gemeinwesens Österreich mit Tatkraft beigetra­ gen und so sind vielerorts, vor allem aber in der Steiermark und in Kärnten, die Spuren davon zu finden.

Literaturhinweise Dieser Artikel beruht zu einem großen Teil auf zwei Werken: Oswald Werther, Heimatvertriebene Deutsch­Untersteirer in der neuen Heimat Steier­ mark, in: Der Weg in die neue Heimat. Die Volksdeutschen in der Steiermark. Leopold Stocker Verlag, Graz 1988. Anton Kreuzer, Eiche und Linde: Die deutschsprachigen Untersteirer und Mießtaler und ihr Schicksal nach 1918, Kärntner Druck­ und Verlagsgesellschaft, Klagenfurt 1998.


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Deutsche Umsiedler aus der Bukowina VON INGRID NARGANG Nur wenige Österreicher wissen, dass die Bukowina früher als das Innviertel (1779) zu Österreich gekommen ist und bis nach dem ersten Weltkrieg als eige­ nes Kronland zur österreichischen Reichshälfte der Monarchie gehört hat. Noch weniger Österreicher wissen, wo die Bukowina liegt und meinen irgendwo da unten im Südosten, wobei sie offensichtlich an die Herzegowina denken. Die Bu­ kowina war das nordöstlichste Gebiet der österreichischen Monarchie. Sie wurde im Norden von dem von Österreich damals kurz vorher erworbenen Galizien, im Westen von dem später zur ungarischen Reichshälfte gehörigen Siebenbür­ gen begrenzt, im Osten schloss sich das damals zu Russland gehörige Bessarabi­ en an und im Süden die rumänische Moldau, von der die Bukowina abgetrennt wurde. Sie umfasst eine Fläche von 10.422 km²und ist somit etwa so groß wie das Bundesland Kärnten. Im Westen und Südwesten sind die Karpaten, deren höchster Gipfel Giumalău eine Höhe von 1859 m hat, mit ausgedehnten Wäl­ dern, an die sich eine fruchtbare Ebene anschließt. Im nördlichen Teil was das Siedlungsgebiet der Ukrainer, damals Ruthenen genannt, im Süden das der Ru­ mänen. Nach dem ersten Weltkrieg kam die Bukowina zu Rumänien. Jetzt ge­ hört der nördliche Teil mit der Hauptstadt Czernowitz zur Ukraine und nur der südliche Teil zu Rumänien, wobei der Seretfluss die Grenze bildet.

Erwerb durch Österreich Im frühen Mittelalter gehörte der nördliche Teil dieses Gebietes zum polnischen Fürstentum Halicz (Galizien). Um die Mitte des 14. Jahrhundert wurde das ru­ mänische Fürstentum Moldau gegründet, zu dem auch das Gebiet der Bukowina gehörte. Der bedeutendste Moldaufürst Stefan der Große (1457 – 1504) errichtete die Moldauklöster mit den weltberühmten Außenfresken in der Bukowina. Nach dem Tod Stefan des Großen geriet die ganze Moldau und damit auch die Buko­ wina unter türkische Oberhoheit. Im russisch­türkischen Krieg von 1768 bis 1774 hatten die Russen die Moldau be­ setzt. Österreich hatte in der ersten Teilung Polens 1772 Galizien erworben und war an der Bukowina als strategisch wichtige Verbindung zwischen Galizien


148 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK und Siebenbürgen interessiert. In Verhandlungen mit den Russen besetzten schon am 19. November 1774 die österreichischen Truppen mit Freiherr von Spleny an der Spitze die neu geschaffene Bukowina. In der Konvention von Kon­ stantinopel vom 7. Mai 1775 wurde die österreichische Herrschaft über die Buko­ wina von den Türken anerkannt. Zunächst stand die Bukowina unter Militärverwaltung, die die Besiedlung und einen wirtschaftlichen Aufschwung einleitete. 1786 wurde die Bukowina ein ei­ gener Kreis Galiziens, womit die Bevölkerung aber nicht zufrieden war. Aber erst 1849 wurde die Bukowina zum selbständigen Kronland erhoben und erhielt eine eigenen Landesregierung und Verwaltung. Jetzt erst blühte sie richtig auf. Sie blieb 1867 bei der österreichischen Reichshälfte.

Deutsche Bevölkerung Beim Erwerb der Bukowina war diese dünn besiedelt. Außer den Rumänen und Ruthenen, deren Siedlungsgebiete ziemlich getrennt waren, lebten dort noch in größerer Zahl Juden und Armenier. Bei der Volkszählung 1910 nach der Um­ gangssprache waren bei einer Einwohnerzahl von 794.945 Staatsbürgern 34,4% Rumänen, 38,4 % Ruthenen, 12 % Juden, 9,2 % Deutsche, 4,6 % Polen und der Rest andere. Czernowitz, das zur Hauptstadt erhoben wurde, hatte damals nur 1390 Einwoh­ ner, 1918 jedoch schon 80.000 und 1940 vor der Umsiedlung 140.000. Die Bevöl­ kerungsdichte betrug damals nur etwa 7 Einwohner pro m². Die Bevölkerung hat sich aber durch Zuwanderung in 10 Jahren schon verdoppelt. Kaiser Josef II, der auch in Österreich Klöster aufhob, hatte in der Bukowina den Besitz der grie­ chisch­orthodoxen Klöster 1783 im griechisch­orientalischen Religionsfond zu­ sammengefasst, der unter staatlicher Verwaltung stand. Der Regionsfond war der größte Waldbesitzer des Landes. Aus den Mitteln des Religionsfonds wur­ den rumänische Pfarrer bezahlt und Volksschulen errichtet. Überdies wurden auch freie Gründe an deutsche Siedler abgegeben. Die deutschen Einwanderer gliederten sich nach Herkunft, Sprache und Konfession in folgende 4 Gruppen.

Schwaben Sie kamen aus verschiedenen Gegenden in Südwestdeutschland, wobei die rela­ tive Mehrheit aus Rheinfranken (Pfalz) stammte, deren Mundart die ganze Gruppe annahm. Sie wohnten in Dörfern im ganzen Flachlandstreifen von Suczawa bis Czernowitz. Sie waren überwiegend evangelisch. Sie stellten 26% der Deutschen. Die erste schwäbische Siedlung wurde in der Czernowitzer Vor­


149 stadt Rosch schon 1782 gegründet.

Zipser Sie wurden aus der Zips (Oberungarn) zum Erzabbau im Gebirge im Süden der Bukowina schon ab 1783 berufen, wobei die letzten noch 1809 einwanderten. Sie gerieten aber nach wenigen Jahrzehnten in große Not, weil Bergwerke aufgelöst wurden, und arbeiteten dann als Holzfäller und Flößer. Die Zipser waren evan­ gelisch und sprachen Zipserisch. Sie betrugen etwa 8% der Deutschen.

Deutschböhmer Die ersten Einwanderer kamen zwischen 1783 und 1818 als Glasarbeiter und Waldarbeiter. Eine zweite Einwanderungswelle als Waldbauern erfolgte zwi­ schen 1835 bis 1850. Sie sprachen eine bayrisch­österreichische Mundart und wa­ ren katholisch. Sie stellten 40% der Deutschen. Diese 3 Gruppen haben ihre Sprache untereinander weitgehend angeglichen, sich aber nicht mit den anderen Gruppen vermischt.

Bürgerliche Schichten der Städte Der Zuzug von Beamten, Lehrern, Kaufleuten und Handwerkern setzte gleich nach Erwerbung der Bukowina ein und dauerte während der ganzen Zeit der österreichischen Herrschaft fort. Diese kamen aus der ganzen Monarchie und wurden auch nach Czernowitz versetzt. Diese städtische Bevölkerung erhielt auch Zuzug aus den ländlichen Siedlungsgebieten. Sie waren überwiegend ka­ tholisch und stellten etwa 26% der deutschen Bevölkerung dar. In den Städten entwickelte sich das typische Bukowinadeutsch als Verkehrssprache, das in Wortschatz, Satzbau und Satzton und in der Aussprache bestimmter Laute aus dem Jiddischen, Rumänischen und Ruthenischen Eigenheiten annahm. Diese Umgangssprache wich von der Hochsprache ab, die in gebildeten Kreisen ge­ pflegt wurde, wurde aber auch von diesen verwendet. Im Ganzen war die deut­ sche Bevölkerung der Bukowina schätzungsweise zu 75% römisch­katholisch und zu 25% evangelisch.

Anschluss an Rumänien 1918 Wenige Tage vor Kriegsende wurde der deutsche Volksrat als höchste Vertre­ tung des Deutschtums in allen Belangen geschaffen, in dem alle Deutschen gleich welcher politischen Richtung zusammengefasst wurden. Nach Verhand­ lungen mit der provisorischen rumänischen Regierung um die Anerkennung ih­ rer Minderheitenrechte beschloss der deutsche Volksrat am 26. November 1918


150 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK den Anschluss an Rumänien. Im Friedensvertrag von Saint Germain aus 1919 wurde die Bukowina Rumänien zugesprochen. Ein Minderheitenschutzvertrag wurde ebenfalls von Rumänien unterzeichnet, aber dann nicht eingehalten. Die Deutschen der Bukowina waren aus dem Staatsvolk plötzlich zu einer unter vie­ len Minderheiten geworden, die zusammen fast 21% der Bevölkerung des neu geschaffenen Großrumäniens ausmachten. Sie teilten nunmehr ihr Schicksal mit den Deutschen aus Siebenbürgen, dem Banat, Bessarabien und der Dobrudscha. Außer zu den Siebenbürgern hatte es aber vorher kaum Kontakte zu den ande­ ren deutschen Volksgruppen gegeben. Die Rumänen begannen jedoch mit einer Assimilierungspolitik. Die Amtssprache wurde rumänisch. Deutsche Beamte gingen wegen der Erfordernis der rumänischen Sprache oft vorzeitig in Pension und wurden durch Rumänen ersetzt, die häufig aus dem Regat (Altreich) kamen und nicht Deutsch konnten. Die Straßen erhielten völlig andere rumänische Namen. Daneben blieben aber die alten Straßennamen im Gedächtnis und wurden verwendet, wenn man Deutsch sprach. Deutsch blieb aber immer noch die Verbindungssprache. In den Städten wurde weiterhin als Umgangssprache das Bukowina­Deutsch gespro­ chen. Auch das friedliche Zusammenleben zwischen den einzelnen Volksgrup­ pen blieb bestehen, bis etwa in der Mitte der Dreißigerjahre nationalistische und antisemitische Tendenzen zunahmen. Obwohl sich die Bokuwina­Deutschen als Österreicher fühlten und in Wien ihren kulturellen Mittelpunkt sahen, nahm ab diesem Zeitpunkt der Einfluss Deutschlands auf die deutsche Minderheit in Ru­ mänien immer mehr zu. Trotz des zunehmenden Assimilationsdrucks blieben die Deutschen und das deutsch­jüdische Element im urbanen Bereich wichtige Faktoren in Kunst, Kultur, Wirtschaft und Bildung. 1930 bekannten sich bei einer Gesamtbevölkerung von 853.009 Einwohner 75.533 als Deutsche, das sind 8,9 %. Deutsch als Muttersprache gaben aber 93.812 Personen an, das sind 11%. Nach der vom Deutschen Volkrat 1930 durchgeführten Selbstzählung der Deutschen in der Bukowina zogen ihren Lebensunterhalt 25,3% aus der Landwirtschaft, 10,3% aus Handwerk mit Landwirtschaft als Nebenbetrieb 23,2% Gewerbe, In­ dustrie und Handel, 23,4% als Tag­ und Lohnarbeiter sowie 17,8% freie Berufe und als Festangestellte.

Umsiedlung – Lagerleben – Ansiedlung – Flucht Der deutsch­sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939, der so genann­ te Hitler­Stalin­Pakt, hatte ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem die jeweiligen Einflusssphären festgelegt wurden. Darin wurde zwar Bessarabien genannt, aber nicht die Bukowina. Dieses Abkommen ermöglichte Deutschland, am 1. Septem­


151 ber 1939 den Polenkrieg zu beginnen. Nach dessen Ende und dem Einmarsch der Sowjetrussen in Ostpolen am 17. September 1939 wurde am 28. September 1939 der Deutsch­Sowjetische Grenz­ und Freundschaftsvertrag abgeschlossen, wobei in einem vertraulichen Zusatzprotokoll eine grundsätzliche Übereinkunft über die Möglichkeit einer sich aus der Interessenabgrenzung ergebenden Bevöl­ kerungsumsiedlung getroffen wurde.

Alltag der Flüchtlinge

In der Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 sprach Hitler von nicht haltbaren Splittern deutschen Volkstums im Osten, wo Umsiedlungen vorzunehmen sein werden, um Konfliktstoff zu beseitigen. Damit hat das Deutsche Reich in der Volkstumspolitik eine Kehrtwendung von der Unterstützung und Förderung des Auslandsdeutschtums zu einer Aufgabe von deutschen Siedlungsgebieten gemacht. Das Ziel der „Heim ins Reich“ Politik war neben der Gewinnung von Arbeitskräften vor allem die Besiedelung der neu erworbenen Ostgebiete. Die Durchführung der Umsiedlung hat Hitler schon einen Tag nach der Reichstags­ rede durch Führererlass dem Reichsführer SS Heinrich Himmler übertragen. Mit der Abwicklung war die volksdeutsche Mittelstelle (VOMI) betraut. Am 15. und 30. Oktober 1939 wurden schon mit Estland und Lettland, deren Einbeziehung in die sowjetische Herrschaft noch nicht vollzogen war, Verträge über die Umsied­


152 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK lung der Deutschen abgeschlossen. Aufgrund eines Vertrages vom 3. November 1939 wurden auch die Deutschen aus Galizien und Wolhynien (Ostpolen) umge­ siedelt. Dies alles beunruhigte die deutsche Bevölkerung in der Bukowina und sie be­ fürchtete auch eine russische Invasion. Der Deutsche Volksrat schickte daher im Oktober 1939 eine Delegation bestehend aus Prof. Dr. Herbert Mayer und dem Czernowitzer Vizebürgermeister Dr. Franz Kopetzky nach Berlin, wo ihnen an­ gedeutet wurde, dass eine Umsiedlung für den Fall einer russischen Besetzung ins Auge gefasst sei. Die Delegation hatte auch darauf hingewiesen, dass im Fal­ le einer Umsiedlung die ganze Volksgruppe beteiligt werden möge, da diese ein organisches Ganzes bilde und enge verwandtschaftliche Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern bestünden. Am 29. März 1940 erinnerte der sowjetische Au­ ßenminister Molotow Deutschland an die noch ungelöste Bessarabien­Frage und dehnte die Gebietsansprüche auf die Bukowina aus. Durch Verhandlungen konnte erreicht werden, dass sich die Sowjetunion auf die nördliche Bukowina beschränkte. Am 10. Mai 1940 hatte Deutschland den Krieg gegen die West­ mächte begonnen. Am 15. Juni 1940 wurden die baltischen Staaten (Estland, Lett­ land und Litauen) von der Sowjetunion besetzt.

Abtretung der Nordbukowina an die Sowjetunion Am 26. Juni 1940 stellte die Sowjetunion ein Ultimatum an Rumänien, in dem die Rückgabe Bessarabiens und die Abtretung des nördlichen Teils der Bukowina verlangt wurden, wobei die Antwort mit einem Tag befristet war. Die Forderung nach der Nordbukowina mit Czernowitz wurde einerseits mit der größtenteils ukrainischen Bevölkerung begründet und andererseits als bescheidene Wieder­ gutmachung des Schadens durch die 22­jährige Herrschaft Rumäniens in Bessa­ rabien deklariert. Da Rumänien von niemand Hilfe erwarten konnte, war es zum Nachgeben gezwungen und nahm das Ultimatum an. In Czernowitz hatte man schon vom deutschen Konsul Schellhorn von dem geheim gehaltenen Ultima­ tum erfahren, so dass noch zahlreiche Rumänen und Juden nach Rumänien flüchten konnten, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Am 28. Juni 1940 rückten die Russen in die Nordbukowina ein. Das ganze Wirt­ schaftsleben kam zum Erliegen. Die deutsche Volksgruppenführung kümmerte sich um die Deutschen. Da die Deutschen unter dem Schutz des Deutschen Rei­ ches standen, wurden sie von den Russen relativ unbehelligt gelassen. Zusam­ men mit dem deutschen Konsul Schellhorn wurden Schutzmaßnahmen ergriffen. Es wurden Ausweise ausgestellt, die besagten, dass deren Besitzer der deutschen Volksgruppe angehört. Die Besatzungstruppen wurden darin ersucht,


153 Leben, Hab und Gut des entsprechenden Volksgenossen zu schützen und zu si­ chern. Diese Ausweise wurden tatsächlich anerkannt und haben Gewaltmaßnah­ men verhindert. Da die Deutschen schon mit der Umsiedlung rechneten, wurden schon während des ganzen Sommers die Möbel, sonstiger Hausrat und die Kleidung verkauft. Dabei gab es Leute, die Sachen für andere auf einem Markt verkauften. Käufer waren die zurückbleibende Bevölkerung, aber auch die Russen. So trugen zu Beispiel Russinnen die schönen Nachthemden der Da­ men als Sommerkleider auf der Straße. Es war allen klar, dass der Hitler­Stalin­ Pakt nicht von Dauer sein würde.

Durchführung der Umsiedlung aus der Nordbukowina Am 22. Juli 1940 war eine deutsche Delegation nach Moskau gereist, um über die Umsiedlung zu verhandeln. Schließlich kam es am 5. September 1940 zur Unter­ zeichnung des Vertrages über die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölke­ rung Bessarabiens und der Bukowina. Die Umsiedlung sollte sofort beginnen und am 15. November 1940 beendet sein. Die Umsiedlungskommission traf am 9. September 1940 in Czernowitz ein und nahm am 15. September 1940 ihre Ar­ beit auf. Auf der deutschen Seite wurde zum Gebietsbevollmächtigten für die Nordbukowina SS­Sturmbannführer Müller ernannt und der bukowiner Profes­ sor Dr. Herbert Mayer zu seinem Stellvertreter. Wer umsiedeln wollte, musste sich ab 14 Jahren persönlich bei der Umsiedlungs­ kommission registrieren lassen. Wer angenommen wurde, erhielt eine um den Hals zu tragende Umsiedlungskennkarte mit einer Umsiedlungsnummer, die ihn ständig begleitete. Sie stand auf dem Formular der Vermögensschätzung und auf der Transportliste. Auch jedes Gepäcksstück war mit dieser Nummer gekennzeichnet. Nach dem Umsiedlungsvertrag war jeder als Deutscher zu betrachten, der we­ nigstens einen deutschen Großelternteil nachweisen konnte. Juden und Halbju­ den, auch wenn sie getauft waren, waren von der Umsiedlung ausgeschlossen. Nur so genannte ¼­Juden wurden umgesiedelt. Das führte oft zu Selbstmorden. Es bestand aber auch eine illegale Taufscheinzentrale, die Nichtdeutschen zur deutschen Großmutter oder Halbjuden zum Ariernachweis verhalfen. Das unbewegliche Vermögen wurde von einem russischen und einem deutschen Schätzer gemeinsam geschätzt. Da es nach sowjetischem Recht an Grund und Boden kein Privateigentum gab, wurde dieser unberücksichtigt gelassen. Für Häuser wurden von 3% Abschreibung im Jahr ausgegangen, sodass sie nach 30 Jahren völlig wertlos waren. Es konnte daher keine einheitliche Schätzung erfol­ gen. Man einigte sich aber dann darauf, beide Schätzungen auf einem Bogen ne­


154 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK beneinander einzutragen, wobei die sowjetische Schätzung etwa 10% der deut­ schen ausmachte. Für die Abwicklung des zurückgelassenen Vermögens war die deutsche Umsiedlungstreuhandgesellschaft (DUT) zuständig. Am 7. Mai 1941 legte die DUT eine Auswertung der Vermögenslisten vor. Nach den überein­ stimmenden Schätzungen würde die Sowjetunion rund 880 Mio. Lei schulden, nach den deutschen Schätzungen rund 3,4 Mrd. Zumindest der übereinstimmen­ de Betrag hätte in 10­Jahres­Raten von der Sowjetunion an Deutschland bezahlt werden sollen. Dazu kam es aber nicht mehr, da am 22. Juni 1941 der Krieg mit der Sowjetunion begann. Nach der Rückeroberung Bessarabiens und der Nordbukowina wurde in einem Abkommen zwischen Deutschland und Rumänien vom 17. Januar 1942 das dor­ tige Umsiedlungsvermögen auf den rumänischen Staat übertragen. Deutschland sollte dafür durch Bezahlung von 4,5 Mrd. Lei entschädigt werden. Doch auch diese Zahlung erfolgte nicht mehr. Somit hat also Deutschland für das aus den russisch besetzten Gebieten umgesiedelte deutsche Vermögen nichts erhalten. Pro Kopf durften aus der Nordbukowina 50 kg Gepäck und 25 kg Handgepäck mitgenommen werden, Edelmetalle und Kunstgegenstände waren verboten. Da arme kinderreiche Familien oft nicht soviel Gepäck hatten, nahmen sie gegen Entgelt für andere etwas mit. Reichsdeutsche (darunter auch Personen, die bis 1938 österreichische Staatsbürger geblieben sind) waren in der Mitnahme des Gepäcks nicht beschränkt; sie durften auch Möbel und Edelmetall mitnehmen. Sie fuhren mit dem ersten Transport am 26. September 1942 Der letzte von insge­ samt 44 Sonderzügen passierte am 14. November 1942 bei Przemysl die deutsch­ sowjetische Interessengrenze. Der Transport erfolgte in Personenwägen. Nach der Grenze wurden die Umsiedler an Bahnhöfen von der NSV (Nationalsoziali­ stische Volkswohlfahrt) mit Getränken und Essen versorgt. Die Umsiedlung aus der Nordbukowina war eine totale, da niemand bei den Russen bleiben wollte. Die Zahl der Umsiedler aus der Nordbukowina betrug 42.441 und war höher als die der ganzen Volksgruppe. Heute leben in der Nordbukowina höchstens 1.000 Deutsche, die aber fast alle nicht von da stammen. Sie haben einige Räume im deutschen Haus zurückbekommen.

Die Umsiedlung aus der Südbukowina Am 8.10.1940 wurden in Bukarest Verhandlungen über den deutsch­rumäni­ schen Umsiedlungsvertrag aufgenommen und am 22.10.1940 abgeschlossen. Die Bedingungen waren für die Umsiedler günstiger als die im Moskauer Vertrag. Es durften auch Kirchenbücher in überwiegend umgesiedelten Gemeinden, Kunstgegenstände, Schmuck und Edelmetalle mitgenommen werden. Auch


155 konnten Möbel und sogar Haustiere mitfahren. Es gab keine mengenmäßige Be­ schränkung. In Bukarest wurde die Deutsche Abwicklungsstelle für die Umsiedler (DAS) ein­ gerichtet, die nach Abschluss der Umsiedlung weiter bestand und befugt war, Umsiedler rechtlich zu vertreten. Eine spätere Wiedereinreise der Umsiedler war nur unter den für Ausländer allgemein geltenden Voraussetzungen gestattet. Ei­ ne Rücksiedlung war nicht möglich. Die Umsiedlung war daher endgültig. In ei­ nem Zusatzprotokoll vom 22. Oktober 1940 und einem Ergänzungsvertrag vom 27. Mai 1941 wurde das Recht zur Umsiedlung auch auf Personen ausgedehnt, die zur deutschen Volksgruppe in Bessarabien und der Bukowina gehörten, ih­ ren Wohnsitz aber in anderen Teilen Rumäniens hatten. Mit der Umsiedlung der nördlichen Bukowina mit der Hauptstadt Czernowitz hatten die Deutschen in der verbliebenen südlichen Bukowina ihr Zentrum ver­ loren. Das ganze Leben des Deutschtums in der Südbukowina war nach Czerno­ witz orientiert. Auch waren verwandtschaftliche Bindungen zerrissen worden. Überdies bestand die Angst, dass die Russen auch die südliche Bukowina okku­ pieren könnten. Die Ärmeren entschlossen sich leichter zur Umsiedlung und erhofften sich da­ durch eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage, während die Begüterten zögerten. Doch wollten auch sie nicht allein zurückbleiben, wenn ihre nächsten Nachbarn, Bekannten und Verwandten umsiedelten, sodass sie sich schweren Herzens doch zur Umsiedlung entschlossen. Die Jugend begeisterte sich leichter für die Umsiedlung als die Älteren. Es spielte auch eine gewisse Idealisierung des deutschen Mutterlandes mit, was ein wesentlicher Grund für spätere Enttäu­ schungen war. Es ist nicht auszuschließen, dass manche unter psychischen Druck von deutscher Seite standen. Es galt die Parole „Heim ins Reich“. Bei den Zurückbleibenden handelt es sich meistens um Deutsche, die eine Mischehe ein­ gegangen waren oder sonst verwandtschaftliche Beziehungen in Rumänien hat­ ten, oder vermögende Personen, die sich doch nicht von ihrem Besitz trennen konnten, oder um alte Leute. Es war jedoch ein ganz geringer Prozentsatz. Die Umsiedlungskommission hatte ihren Sitz in Gurahumora. Alle Umsied­ lungswilligen mussten sich registrieren lassen. Die Umsiedelung war freiwillig. Der Andrang zur Umsiedlung war auch von Seiten der Fremdsprachigen stark, wobei die Hoffnung auf wirtschaftlich bessere Verhältnisse in Deutschland of­ fenbar eine wesentliche Rolle spielten. Umgesiedelt wurden auch Personen, die aus Mischehen stammten oder mit fremdstämmigen verheiratet waren. Andere Personen wurden abgewiesen, ebenso Deutsche, die aus anderen Teilen Rumäni­


156 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK ens angereist kamen und hier keinen Wohnsitz hatten. Man konnte auch noch nach der Registrierung zurücktreten. Der Transport erfolgte mit dem Zug in Per­ sonenwägen über die Strecke Klausenburg/Cluj ­ Wien. Das Gepäck wurde mit Güterzügen befördert. Die Schätzung der Immobilien mit Inventar erfolgte durch deutsche und rumä­ nische Sachverständige. Insgesamt ergab sich eine von Rumänien zu transferie­ rende Summe von 4,3 Mrd. Lei, die in monatlichen Raten von 75 Mio. Lei abgezahlt werden sollte. Diese Raten wurden bis April 1944 erfüllt. Rumänien hat damit rund die Hälfte der geschätzten Summe für das deutsche Vermögen der Umsiedler bezahlt. Überdies hat Rumänien auch den Pensions­ und Renten­ deckungsfond an Deutschland überwiesen. Insgesamt sind in der Zeit von 22. Oktober bis 18. Dezember 1940 aus der Südbukowina 52.107 Personen umgesie­ delt. 1941 wurden dort noch 3.734 Deutsche gezählt, die sich der Umsiedlung nicht angeschlossen hatten. Zusammen mit den Umsiedlern aus der Nordbuko­ wina ergab dies insgesamt für die Bukowina eine Zahl von 94.548 Personen. Das war mehr als die 1939 ermittelte deutsche Bevölkerung von 81.419 Personen.

Lagerleben Die Umsiedler wurden nach ihrer Ankunft in Deutschland in Lagern der Volks­ deutschen Mittelstelle (VOMI) untergebracht. Die Umsiedler aus der Nordbuko­ wina kamen nach Ober­ und Niederschlesien, die aus der Südbukowina waren, auf verschiedene deutsche Gaue verteilt, wobei die relativ größte Anzahl von 18.177 Personen auf die Steiermark entfiel. Die Lager befanden sich in kirchli­ chen Gebäuden, Schlössern, verschiedenen Heimen und sonstigen Objekten, die beschlagnahmt wurden, oder in Baracken. Verpflegung kam aus einer Gemein­ schaftsküche. Die Frauen wurden zum Küchendienst, die jungen Leute zum Put­ zen eingeteilt. Die Kinder besuchten keine Schule, sondern wurden ohne Rücksicht auf Alter und Vorbildung nur von einem umgesiedelten Professor un­ terrichtet, wobei vor allem Diktate geschrieben wurden. Die Umsiedler waren schon im Lager enttäuscht von Deutschland, weil sie hier auch als Bürger 2. Klasse behandelt wurden. In den Lagern erfolgte möglichst bald durch die fliegende Kommission der Ein­ wandererzentralstelle (EWZ) Litzmannstadt die so genannte Schleusung. Dabei wurden die Umsiedler nach rassischen und politischen Gesichtspunkten bewer­ tet und anschließend für den Osten (O­Fälle) oder für das Altreich (A­Fälle) ein­ gebürgert oder ihnen als S­Fälle die Einbürgerung verweigert. Eine Sondergruppe der S­Fälle waren die R­Fälle, die für die Rückführung nach Ru­ mänien bestimmt waren. Dabei handelte es sich um etwa 2.500 Rumänen aus der


157 Nordbukowina, die sich der Umsiedlung angeschlossen hatten, um auf legalem Weg nach Rumänien zu gelangen, und einer geringen Zahl von anderen Volks­ angehörigen. Rumänien wollte ursprünglich nur Blutsrumänen zurücknehmen, ließ aber dann doch Härtefälle zu. Nach der Rückeroberung der Bukowina im August 1941 erhöhte sich die Zahl der Rückkehrwilligen. Doch wurde immerhin die Rückkehr von 60% von deutscher Seite genehmigter Anträge von Rumänien

Kinder im Flüchtlingslager

abgelehnt. Die Rückkehr von Umsiedlern aus der Südbukowina war ausge­ schlossen. Die anderen S­Fälle waren für das Generalgouvernement bestimmt. Nach der ursprünglichen Schleusung waren aus:

O­Fälle A­Fälle S­Fälle

Nordbukowina 19.235 19.077 3.976

Südbukowina 33.258 16.447 641

Nachträglich wurden aber viele Fälle von A in O abgeändert, und zwar aus der Nordbukowina 45%, aus der Südbukowina 49%. Der Osten war bei den Umsied­ lern mehr begehrt, vor allem weil nur dort ein Naturalersatz für landwirtschaftli­ che Betriebe möglich war. Doch hat sich später herausgestellt, dass die „A­Eingebürgerten" das bessere Los gezogen haben. Bei der Schleusung wurde


158 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK die Blutgruppe in der Achselhöhle eintätowiert, was später bei Männern, die in der Wehrmacht dienten, problematisch wurde, da diese Tätowierung sonst nur Angehörige der SS hatten. Voraussetzung für die Ansiedlung der Umsiedler waren Zwangsaussiedlungen von Juden und Polen aus dem Warthegau, Oberschlesien, Danzig­Westpreußen und Ostpreußen in das Generalgouvernement, die schon 1939 begannen. Ihr Be­ sitz wurde entschädigungslos enteignet. Seit Mitte 1942 behalf man sich damit, die Freimachung der Höfe und Betriebe von den polnischen Vorbesitzern durch deren Verdrängung durchzuführen. Sie wurden in Wohnungen und Höfe ande­ rer Polen eingewiesen. Die Gesamtzahl während des Krieges in den angesiedel­ ten Ostgebieten Vertriebenen oder aus ihren Wohnungen und Grundstücken verdrängten Polen wird auf mindesten 750.000 geschätzt, das sind etwa 10% der ansässigen Bevölkerung. Manche verdrängte Polen sind nicht in den zugewiese­ nen Gebieten geblieben, sondern in ihre früheren Wohnungen zurückgekehrt, wo sie bei den neuen Besitzern ihrer früheren Höfe vielfach als Knechte gearbei­ tet haben. So hatte Deutschland den Umsiedlern für ihr von der DUT übernom­ menes Vermögen nur widerrechtlich erworbenes Gut als Ersatz gegeben, das diese später durchwegs wieder verloren.

Verteilung der Ostfälle Die Umsiedler hatten gehofft, dass bei einer Ansiedlung im Osten die einzelnen Dörfer geschlossen in einem bestimmten Ansiedlungsgebiet sesshaft gemacht würden. Die Erhaltung der umgesiedelten Volksgruppen als bestehende Einhei­ ten war aber von den Ansiedlungsdienststellen weder vom Grundgedanken her erwünscht, noch von den unter verschiedenen Gesichtspunkten aufgestellten Einzelplanungen möglich. Nach einer offiziellen Weisung vom 7. Februar 1941 sollte je etwa die Hälfte der Ost­Fälle aus dem Buchenland in den Warthegau und nach Oberschlesien kommen. So wurden in Oberschlesien bis Juli 1943 ins­ gesamt 30.445 Deutsche aus der Bukowina angesiedelt, und zwar vor allem in den West­Beskiden, den Kreisen Bielitz und Saybusch. Ein kleinerer Teil sollte auch in der Südsteiermark angesiedelt werden, ebenso im Sudetengau, vor allem Bergarbeiter. Sogar bis nach Luxemburg kam eine größere Gruppe von für O eingebürgerten Bukowinern. Am 1. Juni 1944 wies die Ansiedlung nach Her­ kunftsgebieten den folgenden Stand auf:

Danzig, Ost­ und Westpreußen Wartheland Oberschlesien

Nordbukowina 76 13.305 10.735

Südbukowina 80 12.006 21.680


159 Elsass­Lothringen 4.821 Luxemburg 241 Sudetenland 24 476 Böhmen­Mähren 458 Oberkrain 79 Untersteiermark 924 Generalgouvernement(Distrikt Lublin) 63 39 Altreich 10.400 6.850 Vorläufig im Altreich befindliche (z. B. vorübergehend in Arbeitvermittelt) 1.600 1.950 S­Fälle 6.771 796 In Lagern der VOMI einquartiert, die noch auf ihre Ansiedlung warten 575 1.706 Als im Juli 1944 der Rückzug begann, kamen die Ansiedlungen zum Stillstand. Von dem für A eingebürgerten Bukowinern kam eine größere Gruppe als An­ siedler in den Gau Oberdonau, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden. Im Mai 1941 waren hier schon 1064 Deutsche aus der Nordbukowina in den Ansiedlungsla­ gern untergebracht. Sie arbeiteten großteils in den Hermann Göring Werken (VOEST Alpine), aber auch im Walzlagerwerk Steyr und in der Luftmunitions­ anstalt Lambach sowie bei der Bahn. Manche der im Altreich angesiedelten Per­ sonen hatten arisiertes Vermögen erhalten, das sie später zurückgeben mussten.

Flucht nach Österreich Als deutsche Staatsbürger wurden die Umsiedler zur Wehrmacht eingezogen Beim Zusammenbruch des Deutschen Reiches waren daher die meisten wehrfä­ higen Männer an der Front. Zu Beginn der zweiten Januarhälfte 1945 hatten die im Osten angesiedelten Umsiedler den Evakuierungsbefehl erhalten. Aus dem Warthegau brachen Trecks auf und zogen durch Eis und Schnee nach Westen. Teilweise sind sie aber auch schon von sowjetischen Truppen überrollt worden und viele sind dabei umgekommen. Viele der im Osten angesiedelten Bukowinerdeutschen flohen nach Österreich. Bis zum 23.3.45 kamen in Trecks aus Oberschlesien 13.500 Volksdeutsche in OÖ an, von denen die meisten aus der Bukowina stammen dürften. Viele waren auch schon Ende Jänner mit Zügen gekommen. Zusammen mit den seit 1941 in Österreich ansässigen Buchenlanddeutschen waren 1945 zumindest 20.000 Buko­ winadeutsche in Österreich, darunter mehr als 11.000 in Oberösterreich. Am 1.


160 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Juli 1949 wurden im südlichen Oberösterreich noch 11.704 Volksdeutsche aus der Bukowina gezählt. Vor allem im Bezirk Gmunden waren die Bukowiner stark vertreten, da der Bezirkshauptmann Dr. Ernst Hodel aus der Bukowina stammte. In Oberösterreich waren die Schulen schon im Jänner 1945 gesperrt worden und wurden ebenso wie Kinos, Versammlungssäle und auch Pfarrhöfe für die Unter­ bringung von Flüchtlingen herangezogen. Sie wurden auch auf Privatunterkünf­ te und Bauernhöfe verteilt, wobei der Grundsatz galt, dass jede Familie eine zweite bei sich aufnehmen solle. Flüchtlinge, die in Oberösterreich nördlich der Donau geblieben sind, wozu auch Linz­Urfahr gehörte, mussten am 3.Juli 1945 über die Donaubrücke in das südliche OÖ flüchten, um nicht den Russen in die Hände zu fallen, denen die Amerikaner das Gebiet nördlich der Donau überlas­ sen hatten. Wir sind mit einem Handwagerl zu Fuß über die Brücke nach Linz geflüchtet und haben uns dann in der Nähe von Gmunden niedergelassen. Eine größere Gruppe gab es auch in der Steiermark, vor allem in der Umgebung von Graz, wo viele aus der Südbukowina vorher in Lagern gewohnt haben; auch die in der Südsteiermark angesiedelten Südbukowiner flohen dorthin.

Repatriierung in Österreich Wenn die Umsiedler aber nicht rechtzeitig flüchten konnten, so teilten sie das Schicksal der übrigen in Polen zurückgebliebenen Deutschen. Die russischen Mi­ litärbehörden haben aber auch die Rückführung der aus der Sowjetunion stam­ menden Volksdeutschen, wozu auch die Umsiedler aus der Nordbukowina gehörten, angeordnet. Sie kamen aber nicht in die Nordbukowina zurück, son­ dern wurden in andere Teile Russlands verschleppt. Umsiedler aus der Südbu­ kowina wurden auch aus der russischen Besatzungszone nach Rumänien repatriiert. Sie hatten aber inzwischen nicht nur die rumänische Staatbürger­ schaft, sondern alle Besitzansprüche verloren. Die Zahl der repatriierten Um­ siedler aus der Südbukowina wird auf etwa 4.000 geschätzt. Davon sind aber mehr als die Hälfte später wieder in den Westen gekommen. Hinsichtlich der Verteilung der für 1964 als lebend festgestellten Buchenland­ deutschen ergibt sich folgendes Bild: Bundesrepublik und Berlin­West DDR und Berlin­Ost In der alten Heimat In den übrigen Aussiedlungsgebieten In Gefangenschaft oder anderem fremden Gewahrsam

52.427 5.339 3.534 422 73


161 Im westlichen Ausland a) in Europa b) außerhalb Europas

6.207 1.295

Besonders in Oberösterreich wurde viel für die Volksdeutschen getan. Sie sind besonders dem Landeshauptmann Dr. Gleissner zu großem Dank verpflichtet, der seit 1945 sich immer wieder wärmstens für die Flüchtlinge eingesetzt hat und es verstanden hat, die gegen die Flüchtlinge oft ungünstige Stimmung vor allem der Landbevölkerung durch seine zu verschiedenen Gelegenheiten gehal­ tenen Ansprachen zu verbessern. Das gleiche gilt für die Kirche. Von 1948 bis 1958 brachte das Linzer Volksblatt, das dem katholischen Pressverein gehörte und das wir seit Beginn seines Erscheinens nach dem Krieg abonniert haben, ei­ ne wöchentlich erscheinende Beilage mit dem Titel „Die Brücke". Das Ziel war, Einheimische und Flüchtlinge einander näher zu bringen.

Bewahrung der Kultur der alten Heimat Die Heimatvertriebenen versuchen jedoch ihre Kultur zu bewahren und an ihre Kinder weiterzugeben. Dazu dienen die Landsmannschaften der einzelnen Volksgruppen. Insgesamt dürften noch ca. 15.000 Buchenlanddeutsche in Öster­ reich in den genannten Schwerpunkten verblieben sein, davon schätzungsweise etwa 6.000 in Oberösterreich. In Graz gründete Hofrat Dr. Fritz Hubich, der schon 1934 nach Österreich kam, am 21. Oktober 1949 zunächst den Unterstüt­ zungsverein für die Bukowiner mit österreichischer Staatsbürgerschaft in der Steiermark. Daraus entstand in Graz am 28. Juni 1954 die Landsmannschaft der Bukowiner in Österreich mit Sitz in Graz. In der Folge wurden Zweigstellen in Wien, Linz und Salzburg errichtet. Zweck und Ziel der Landsmannschaft war die soziale Betreuung und Eingliederungshilfe der in Österreich lebenden Lands­ leute sowie die Pflege des Heimatkulturguts. Letztere ist heute am wichtigsten. Die Buchenlanddeutschen in Oberösterreich haben sich von dem Grazer Verein abgespalten. Sie gründeten am 10. Mai 1967 den Verein der Buchenlanddeut­ schen in Oberösterreich mit dem Sitz in Linz, dessen Name später in Verein der Buchenlanddeutschen in Österreich umgewandelt wurde. Dieser Verein über­ nahm auch die Zweigstellen in Wien und in Salzburg, die aber jetzt nicht mehr bestehen. Die Landsmannschaften der Buchenlanddeutschen aus Österreich und Deutschland haben ihre Bundestreffen vier Mal in Österreich abgehalten und zwar 1962 in Graz, 1966 in Linz, 1972 in Wels und 1975 wieder in Graz. In Linz fand 1975 die 100­Jahr­Feier zur Gründung der Universität Czernowitz statt, bei der Dr. Otto von Habsburg sprach. 1963 war das erste Heimatvertriebenenfest in


162 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK der Stadt Wels, die die Patenschaft über die Heimatvertriebenen übernommen hat. 1964 wurde dort von den volksdeutschen Landsmannschaften, darunter auch den Buchenlanddeutschen, der Kulturverein der Heimatvertriebenen ge­ gründet. 1976 eröffnete der Kulturverein der Heimatvertriebenen in der Welser Burg einen Gedenkraum für die Heimatvertriebenen, an dessen Stelle nach ei­ nem Umbau 1984 ein eigenes Museum der Heimatvertriebenen getreten ist. Der Verein der Bukowiner in Österreich mit dem Sitz in Graz hat sich am 30. April 2008 aufgelöst. Die in Österreich lebenden Deutschen aus der Bukowina vertritt daher jetzt nur noch der Verein der Buchenlanddeutschen in Österreich mit dem Sitz in Linz. Dieser ist auch Mitglied des VLÖ. Heute kann man sagen, dass die Volksdeutschen 65 Jahre nach Kriegsende schon ganz in Österreich integriert sind und vor allem in Oberösterreich eine neue Heimat gefunden haben. Die Bukowiner, die schon als Kind oder Jugendli­ che umgesiedelt oder geflüchtet sind, haben Schätzung zufolge etwa zur Hälfte schon Einheimische geheiratet und deren Kinder fühlen sich als Österreicher.


163

Lagerwesen unter österreichischer Verwaltung in der britischen Besatzungszone VON GABRIELA STIEBER Das politische Klima in Österreich war zu Jahresbeginn 1938 nicht besonders DP1­freundlich. Die Hoffnungen auf einen baldigen Abschluss der Staatsver­ tragsverhandlungen schienen sich nicht zu erfüllen, was zu einem Teil auch auf die ungelöste Flüchtlingsfrage in Österreich zurückgeführt wurde. Die Abteilung 12U hatte häufig die kostenintensive Lagerführung der Alliierten beklagt. Als in der ersten Hälfte des Jahres 1948 die Übernahme der Volksdeut­ schen erfolgte, wollte das Innenministerium Einsparungserfolge nachweisen können. Die an die Landesumsiedlungsstellen erlassenen Richtlinien für die ge­ plante Selbsterhaltung der Lager sprechen in diesem Zusammenhang eine deut­ liche Sprache. So hieß es etwa: Der Grundgedanke der Selbsterhaltung erschöpft sich keineswegs darin, dass die arbeitsfähigen Lagerinsassen Beiträge aus ihrem Arbeitsverdienst leisten, damit die Kosten eines überorganisierten, komplizierten Lagerbetriebes um ein geringeres Maß herabgesetzt werden. Die Lagerinsassen haben vielmehr ihre bisherige, passive Haltung, „das Sich-betreuen-lassen durch die Lagerverwaltung bis zum letzten Handgriff“ aufzugeben und sollen für die eigenen leiblichen Bedürfnisse sorgen. Lagerinsassen, die nicht fähig sind, dies zu tun, sind krank und müssen in ein Krankenhaus überführt werden.2 Von den Lagerleitern verlangte man, nicht arbeitende Flüchtlinge zu beobachten, ob durch ihre Lebensweise die Mittellosigkeit bestätigt wurde, oder ob sie sich eine Arbeitsunfähigkeitsbestätigung durch Selbstbeschädigung oder auf eine an­ dere, unrechtmäßige Weise zu beschaffen versuchten. Diese Haltung der höch­ sten, für die Flüchtlingsbetreuung verantwortlichen Instanz in Österreich wurde von den mit den Lagerbewohnern täglich in engem Kontakt stehenden Lagerlei­ tern nicht vertreten. Der ursprüngliche Plan, die Lager vollkommen auf Selbstverwaltung umzustel­ len, war nicht durchführbar. Die Mehrheit der Lagerbewohner war zwar er­ werbstätig, jedoch die Zahl derjenigen Insassen, die sich aus Alters­ und Krankheitsgründen oder weil es sich um alleinstehende Frauen mit Kindern han­ delte, nicht selbst erhalten konnten, war relativ groß. Besonders ungünstig wirk­


164 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK te sich der Mangel an Arbeitsplätzen im näheren Umkreis vieler Lager aus, wo­ durch häufig die Befürsorgung an sich arbeitswilliger Personen notwendig war. Die Forderung nach Selbsterhaltung der Lager wurde dadurch ad absurdum ge­ führt.3 Um dennoch ein gewisses Maß an Lagerselbstverwaltung einzuführen, wurde zwei Kategorien von Lagern geschaffen. 1) Fürsorgelager: In diesen sollten nur mittellose, unversorgte und dauernd ar­ beitsunfähige Personen untergebracht werden. Die Fürsorgeberechtigung war durch ein ärztliches Zeugnis nachzuweisen. Die Kosten der Fürsorgelager trug vorläufig der Bund. Die befürsorgten Lagerbewohner wurden durch die Landes­ umsiedlungsstellen in einigen Lagern zusammen gezogen. Personen, die vor dem 31. Dezember 1948 noch nicht lagermäßig untergebracht waren, konnten nur mit Zustimmung der Abteilung 12U eingewiesen werde. 2) Wohnlager: Die übrigen Lagerbewohner wurden in Wohnlagern unterge­ bracht. Die Landesumsiedlungsstellen bestimmten für diese Lager einen Lager­ leiter, der als Hausverwalter fungierte. Sämtliche anfallenden Kosten für Lagerverwaltung und Instandsetzungsarbeiten mussten von den Bewohnern ge­ tragen werden, von denen ein Lagerbenützungsentgeld eingehoben wurde. Fie­ len für die Insassen solcher Wohnlager außerordentliche Kosten (z.B. Krankenhauskosten) an, die sie nicht bezahlen konnten, war der örtliche Fürsor­ geverband zur Übernahme verpflichtet.4

Alltag im Flüchtlingslager Graz, Kapellenstraße


165 Es dauerte noch Jahre, bis die Neuorganisation der Lager lückenlos durchgeführt war. In der britischen Zone war die Durchsetzung diverser Einsparungsmaßnah­ men wegen des Einspruchs der Besatzungsmacht oft nicht möglich. Auch in der amerikanischen Zone gab es Schwierigkeiten bei der Reorganisation der Lager. Diese waren stark überbelegt und eine strikte Teilung in Wohn­ und Fürsorgela­ ger war undurchführbar, weil man Familien nicht trennen wollte und die Zahl vollkommen allein stehender Personen gering war. Die Landesumsiedlungsstelle Oberösterreich hatte erkannt, dass massive Armut, wie in einem Siechenheim (1011 Neukirchen), demoralisierend wirkte.5 1950 unternahm die Abteilung 12U neuerlich den Versuch, die in der britischen Zone noch immer nicht vollzogene Trennung in Wohn­ und Fürsorgelager zu er­ reichen. Es bestanden praktisch in jedem Lager noch Fürsorgeeinrichtungen, wie Gemeinschaftsküchen und Lagerspitäler, die einen relativ hohen Personalauf­ wand erforderten. Da in vielen Fällen nur einzelne Familienmitglieder Anspruch auf Befürsorgung hatten, erhielten dieser Personen das ihnen zustehende Fürsor­ gegeld in bar ausbezahlt. Durch diese Maßnahem wollte man die Bereitschaft der ganzen Familie zur Übersiedlung in ein Wohnlager erhöhen. Als reine Für­ sorgelager waren demnach Eisenerz und Wagna, sowie Kellerberg­Feffernitz und Treffling vorgesehen. Grundsätzlich stimmte auch die ACA(BE)6 diesem Plan zu. Wenn Familien sich weigern sollten und auch eine friedliche Unterredung ergebnislos bliebe, könne auch ein ausreichender Zwang gebraucht werden, um die Überführung vorzunehmen.7 Befürsorgte Personen hatten keine Beiträge für die Unterbringung zu leisten, da die freie Unterkunft Teil der Fürsorgeleistung war. Alle anderen Lagerbewoh­ ner, die ein eigenes Einkommen hatten, mussten ein Lagerbenützungsentgeld ent­ richten.

Lagerverwaltung und Lagerfürsorge Als die Lager noch unter der Verwaltung der Alliierten standen, waren sehr vie­ le Lagerbewohner in der Lagerverwaltung tätig. Der österreichische Staat hatte anfangs die Personalkosten unwidersprochen bezahlt, begann jedoch bald, ge­ gen den hohen Belegsstand und hohen Lohnkosten zu protestieren. Als die La­ ger schließlich in österreichische Verwaltung übergingen, zählte es zu den ersten Aufgaben der neuen Verwalter, den Mitarbeiterstand drastisch zu reduzieren. Die Dienstverträge für die Lagermitarbeiter stellten nach Meinung der Abteilung 12U des Innenministeriums eine causa sui generis dar. Es sei weder der freie Wille Österreichs, alle diese Lagerbediensteten einzustellen, noch dienten alle diese


166 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Angestellten den Bedürfnissen des Arbeitsgebers, sondern sie verrichteten ei­ gentlich Arbeiten, die in ihrem eigenen Interesse lagen. Auf Vertrauensposten sollten nur österreichische Staatsbürger berufen werden. Sie waren Vertragsan­ gestellte des Landes in der unmittelbaren Bundesverwaltung. Die Kosten dafür wurden vom Bund getragen. Das übrige Verwaltungspersonal, wie Bürokraft, Dolmetscher, Handwerker usw., sollten aus den reihen der Lagerbewohner re­ krutiert werden. Sie wurden vom Lagerleiter im Namen der Lagergemeinschaft mit einem eigenen Arbeitsvertrag angestellt und nach den damals geltenden Sät­ zen der Industrieangestellten bezahlt. Eine dritte Kategorie von Lagermitarbei­ tern verrichtete Hilfsdienste, wie Reinhalten der Gänge und Klosetts sowie Mithilfe in der Küche. Für diese Arbeiten zogen die Verwalter vor allem befür­ sorgte Personen heran, die eine Remuneration erhielten. Neben den besoldeten Mitarbeitern des Lagerleiters gab es auch ein Lagerkomi­ tee, das von den nach den Bestimmungen des allgemeinen Wahlrechts stimmbe­ rechtigten Lagerinsassen durch unmittelbare und geheime Wahlen bestellt wurden. Die Mitglieder des Lagerkomitees erfüllten ihre Aufgaben ehrenamtlich und nebenberuflich jeweils für die Dauer eines Jahres. Grundsätzlich war für je 100 Lagerbewohner eine Vertrauensperson zu wählen. Für das passive Wahl­ recht waren ein Mindestalter von 21 Jahren sowie der sechsmonatige Aufenthalt im Lager erforderlich.8 Der Wirkungskreis des Lagerkomitees umfasste die Ver­ mittlung von Wünschen und Beschwerden der Lagerinsassen, die Wahrneh­ mung ihrer sozialen Belange und Mitwirkung an der karitativen Betreuung. Weiters zählten die Mitwirkung bei Aufstellung des Wochenspeisezettels und die Beratung des Verwalters über die Belegung der Wohnräume zu den Aufga­ ben des Komitees.9 Neben der Betreuung der Lagerinsassen durch das von den Landesumsiedlungsstellen eingesetzte Personal war die Arbeit der Fürsorge­ schwestern unentbehrlich. Diese wurden von der Caritas oder der evangelischen Flüchtlingshilfe in die Lager entsandt und befassten sich mit der sozialen Betreu­ ung der Bewohner, mit der Verteilung der Spendengüter, sie beschäftigten sich mit den Kindern und wurden oft zu Vertrauenspersonen der Flüchtlinge. Sie ar­ beiteten auch in den Komitees für Flüchtlingshilfe mit, die den jeweiligen Lan­ deskomitees für Flüchtlingshilfe unterstanden. Das Wohlfahrtskomitee beriet die Verteilung der Kleider­ und Lebensmittelspenden und verwaltete die im Lager von Hilfsorganisationen geschaffenen, auf karitativer Grundlage arbeitenden La­ gerwerkstätten, wie Schneidereien und Schusterwerkstätten. Aufgrund der österreichischen Gewerbevorschriften durften diese Betriebe nur für die Lagerin­ sassen arbeiten. Der durch das Lagerkino und diverse Veranstaltungen erzielte Reingewinn floss ebenfalls dem Wohlfahrtsfonds zu.10 Die gewerbliche Geneh­ migung der Wohlfahrtsbetriebe war anfangs ungeklärt. Schneidereinen und


167 Schusterwerkstätten arbeiteten meist für die Lagerbewohner unentgeltlich. Da­ neben bestanden in einigen Lagern auch größere Betriebe wie etwa die Korb­ flechterei in Wagna, die die Glasfabrik Oberndorf belieferte. In den Betrieben waren meist ältere Menschen beschäftigt. Da es für Jugendliche aus Flüchtlings­ lagern zu Beginn der Fünfzigerjahre noch relativ schwer war, Lehrstellen zu fin­ den, wurde von der Caritas die Errichtung von Lehrwerkstätten für Schneider und Schuster in den Lagern Feffernitz und Waidmannsdorf in Kärnten vorgese­ hen. Die maschinelle Ausstattung der Betriebe erfolgte mit ausländischen Spen­ den, ebenso stammte das verarbeitete Material aus Hilfslieferungen. Nach den Bestimmungen der österreichischen Bundesverfassung, Artikel 12, ist die öffentliche Fürsorge11, zu der auch die Schaffung einer Unterkunft gehört, Angelegenheit der Bundesländer und der örtlichen Fürsorgeverbände. Nach den Richtlinien für die Behandlung von Fürsorgefällen zählten in der Steiermark fol­ gende Maßnahmen dazu: Fürsorge hat die Aufgabe, Hilfsbedürftigen den notwendigen Lebensbedarf zu geben. Zum notwendigen Lebensbedarf gehören der Lebensunterhalt, insbesondere Unterkunft, Nahrung, Kleidung und Pflege; Krankenhilfe sowie Hilfe zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit; Hilfe für Schwangere und Wöchnerinnen; bei Minderjährigen Erziehung und Erwerbsbefähigung; bei Blinden, Taubstummen und Krüppeln Erwerbsbefähigung. Nötigenfalls wird auch der Aufwand für die Bestattung eines Verstorbenen zu Lasen des Bundes übernommen.12 Bezüglich der Flüchtlingslager hatte sich das Finanzministerium bereit erklärt, die Kosten auf Bundesmittel zu übernehmen, damit nicht die zufällig betroffe­ nen Gemeinden unverhältnismäßig belastet werden. Alle nicht in Lagern unter­ gebrachten Flüchtlinge fielen in die Zuständigkeit der örtlichen Fürsorgeverbände13. Fürsorgeleistungen mussten beantragt werden. Die Lager­ leitung überprüfte die Anspruchsberechtigung und leitete den Antrag an die Landesumsiedlungsstelle weiter. Die Befürsorgung konnte durch geldliche Un­ terstützung oder durch Naturalbefürsorgung erfolgen. Man unterschied zwi­ schen voller und Teilbefürsorgung, die konnte auf Dauer oder zeitlich begrenzt gewährt werden. Befürsorgt wurden Nichtösterreicher, die lagermäßig unterge­ bracht, mittellos und nicht krankenversichert waren, sowie alleinstehende Frau­ en mit Kindern unter 4 Jahren. Etwa ab 1953 reduzierte sich die Zahl der Lagerbewohner beträchtlich. Dennoch war eine gänzliche Auflösung der Lager zu diesem Zeitpunkt vollkommen un­ vorstellbar. In Privatunterkünften, die oft nicht den Mindesterfordernissen ent­ sprachen, hausten viele Flüchtlinge, die von den Lagerfürsorgeverbänden


168 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK betreut wurden. Trotz der noch immer geltenden Lagersperre, die vom BMI be­ reits 1949 verfügt worden war, bestand die Möglichkeit, besonders arme Flücht­ linge in Lagerunterkünften unterzubringen. Für diese blieb die Zuständigkeit der Lagerfürsorgeverbände aufrecht und diese bezahlten die Verpflegssätze und Unterbringungsbeiträge an die Bundeslager. Eine ähnliche Regelung wurde auch für diejenigen Lagerbewohner getroffen, die die österreichische Staatsbür­ gerschaft angenommen hatten. Die Organisation des Flüchtlingswesens mit der Abteilung 12U des Innenmini­ steriums als zentrale Instanz, darunter den Landesumsiedlungsstellen, sowie den Lagerverwaltungen als unterste Ebene, hatte sich in den ersten Jahren der al­ liierten Besatzung herausgebildet. Schon bald nach Abzug der alliierten Truppen wurde vom Finanzministerium gemeinsam mit dem Innenministerium die jahre­ lang gehandhabte Aufgabenverteilung in Frage gestellt. Die vom Finanzministe­ rium freiwillig eingegangene Verpflichtung, die Fürsorgekosten der hilfsbedürftigen Lagerbewohner zu tragen, sollte aufgehoben werden. Den Lan­ desregierungen wurde der Vorschlag unterbreitet, ab Jänner 1958 die Aufgaben der öffentlichen Fürsorge für alle in Lagern untergebrachte Altflüchtlinge zu übernehmen. Das Finanzministerium erklärte sich jedoch bereit, gemäß §13 Fi­ nanzausgleichsgesetz den besonders betroffenen Ländern übergangsweise Zu­ schüsse zu gewähren.14 Die Länder nahmen zu diesen Vorschlägen vorerst überhaupt nicht Stellung und der Finanzminister urgierte in einem Schreiben vom Juli 1957 im Innenministerium die Aufnahme von Verhandlungen mit den Landesregierungen.15 Erwartungsgemäß äußerten sich die Bundesländer dann völlig ablehnend. Die Flüchtlingsbetreuung sei eine Angelegenheit des Ein­ und Austritts aus dem Bundesgebiet bzw. Folge des Krieges und falle daher in die Kompetenz des Bundes. Die einzelnen Länder hätten auf die Verteilung der Flüchtlinge keinen Einfluss gehabt und seien ganz ungleichmäßig belastet wor­ den.16 In den Jahren bis zur endgültigen Lagerauflösung kam es zu keinen Änderungen in der Handhabung der Bundesfürsorge mehr. Die Zahl der bundesbefürsorgten Personen in den Lagern verringerte sich infolge der Bemühungen des UN­HCR17 und seines Vertreters in Österreich. Im Rahmen der UNREF­Programme wurden zahlreiche Wohnungen errichtet, in denen auch Fürsorgefälle aus den Lagern untergebracht wurden. Der Bund leistete in den meisten Fällen für diese Perso­ nen noch einige Monate, nachdem sie das Lager verlassen hatten, die Fürsorge­ zahlungen weiter. Danach mussten sie von den Landesfürsorgeverbänden betreut werden. Jene Flüchtlinge, die von den UNREF18­Programmen nicht be­ rücksichtigt wurden, weil sie zu alt oder behindert waren, wurden mit Hilfe des


169 UN­HCR in Heimen untergebracht. Die Kosten der Heimunterbringung trug weiterhin der Bund.19 Ab Jänner 1963 wurden die Fürsorgekosten für Altflücht­ linge, die bis dahin von den Bezirksfürsorgeverbänden getragen wurden, von In­ nenministerium übernommen.20

Ernährung Jene DPs, die außerhalb der Lager lebten und eine Arbeit gefunden hatten, hat­ ten Anspruch auf die gleichen Verpflegsrationen wie die Österreicher, wie knapp diese auch waren. Anfang Mai bestimmte das G5 AFHQ21, dass UN­DPs Anspruch auf eine Mindestration von 2.000 Kalorien täglich hätten. Die einhei­ mische Bevölkerung sollte höchstens 1.500 Kalorien erhalten, eventuelle Über­ schüsse müssten den DPs zur Verfügung gestellt werden. Die Lebensmittel sollten soweit wie möglich aus einheimischen Beständen gelie­ fert und dem österreichischen Staat verrechnet werden. Die Vorgangsweise in der britischen Zone war so geregelt, dass der Economics & Supply Officer in je­ dem Bundesland eine aktuelle Liste der DP­Lager einschließlich der Belegziffern an das Landesernährungsamt weiter gab. Dieses beauftragte die zuständigen Be­ zirksernährungsämter, die erforderlichen Lebensmittel an die Lager auszugeben. Die täglichen Rationen für UN­DPs sollten mindestens 2.000 Kalorien enthalten. Eine Ausnahme gab es für sowjetische, amerikanische und britische DPs, die An­ spruch auf Rationen der alliierten Soldaten hatten.22 Da die Lebensmittelverteilung in Österreich nicht zentral, sondern örtlich erfolg­ te, musste Vorsorge getroffen werden, dass den Geschäftsleuten die gelieferten Waren auch bezahlt wurden. Der Lagerkommandant überprüfte die Rechnun­ gen auf ihre inhaltliche Richtigkeit und der Lieferant reichte diese dem örtlichen Bürgermeister zur Refundierung ein. Das Landesernährungsamt war verant­ wortlich, dass die vollständigen Lebensmittelrationen immer den Lagern zur Verfügung gestellt wurden.23 Die Verteilungsmethode funktionierte jedoch nicht wie geplant. Die Besatzungsmächte hatten keine exakten Angaben über den von Österreich beigestellten Anteil an der Versorgung. Die importierten Lebensmittel wurden zur Gänze den zentralen österreichischen Stellen übergeben, von wo aus sie dann zur Verteilung gelangten. Da die Zuteilungen an die Lager von den re­ gionalen Verwaltungsstellen abhängig waren, schien die Lieferung der erforder­ lichen Rationen keineswegs gesichert. Die etwa für die DPs in Kärnten vorgeschlagene Ration sollte folgende Nahrungsmittel enthalten: 392 g Mehl, 196 g Kartoffel, 112 g Gemüse, 56 g Fleisch, 112 g Obst, 21 g Zucker, 4 g Käse, 28 g Öl, 28 g Hülsenfrüchte, 56 g Trockenmagermilch und 56 g Frischmilch. Diese Le­


170 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK bensmittel ergaben etwa 2.200 Kalorien, was für die Ernährung der DPs als aus­ reichend angesehen wurde.24 Als jedoch im Herbst viele DPs, die in der Land­ wirtschaft beschäftigt gewesen waren, ihre Arbeitsstellen verlassen und in die Lager aufgenommen werden mussten, spitze sich die Situation zu. In der 80. Zu­ teilungsperiode, 1. Oktober bis 14. Oktober 1945, konnte beispielsweise im Be­ zirk Judenburg von der vorgeschriebenen Menge an frischem Gemüse nicht einmal die Hälfte geliefert werden. Die vorgeschriebene Menge wären 400g am Tag pro Person oder 1.200 kg täglich gewesen. Stattdessen wurden in 14 Tagen nur 8.126 kg geliefert. Das Brot bestand zu 50% aus inländischem Weizenmehl, 25% Gerstenmehl und 25% Hafermehl.25 Die DP Lager waren jedoch nicht allein auf die von Österreich gelieferten Le­ bensmittel angewiesen. Im Juli 1945 wurden an die Lager Zucker, Kaffee, Kakao, Milchpulver, Dosenmilch, Fleichextrakt, Kekse, Bohnen, Zitronensäure, Frucht­ saft, Pferdefleisch, aber auch Klopapier und Fliegenfänger verteilt.26 Trotz der Bemühungen der PW&DP27 Division und der Economics & Supply Division war die Versorgungslage von Lager zu Lager verschieden. Es gab Lager, die in den Gemeinschaftsküchen mehr als die vorgeschlagene Mindestmenge verkochen konnte, weil sie vom Britischen Roten Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen Lebensmittelspenden empfingen. Die Lagerleiter oder auch die Sozialarbeiter in solchen Lagern konnten dann in ihren monatlichen Berichten als „Sonderwün­ sche“ Süßigkeiten für die Kinder und Zigaretten für die Männer anführen. Andere Lager wiederum, in der Regel solche mit volksdeutschen Bewohnern, gaben ein­ mal am Tag eine dünne Suppe mit einem Stück Brot aus, weil ihnen nicht mehr zur Verfügung stand. Die Forderung der ACA(BE), den DPs in den Lagern eine bessere Verpflegung zukommen zu lassen, als den Einheimischen, konnte ange­ sichts der allgemeinen Versorgungslage in Österreich nicht aufrechterhalten werden.28 Der Commander in Chief bestimmte, dass Lebensmittel für DPs (nur Enemy und Ex­Enemy DPs) den Rationen der einheimischen Bevölkerung ent­ sprechen sollten. In der britischen Zone hatten die ausgegebenen Mengen im Winter 1945/46 nur in Ausnahmefällen die 2.000 Kalorien erreicht, im Durch­ schnitt erhielten die DPs 1.700 Kalorien. Die PW&DP Division war auf Grund dieser Anweisung in einem Dilemma. Einerseits war man damit einverstanden, den Volksdeutschen als Enemy­DPs keine bevorzugte Behandlung zukommen zu lassen, anderseits befanden sich gerade unter diesen sehr viele Frauen und Kinder. Ihr Gesundheitszustand war häufig besorgniserregend und meist waren sie nicht in der Lage, sich außerhalb der Lager zusätzliche Nahrungsmittel zu be­ schaffen.29 Größere Kinder erhielten zusätzlich 43g Frischfleisch, Kleinkinder einen halben


171 täglich.30

Liter Milch. Diese Lebensmittelration entsprach 1.068 Kalorien Auf­ grund des im Frühjahr 1946 herrschenden Versorgungsengpasses musste diese Hungerration von den Alliierten akzeptiert werden. Den Sommer über besserte sich die Lage durch die einsetzenden Lieferungen der UNRRA31 und durch die Inlandsproduktion von Feldgemüse. Die Lagerbewohner bemühten sich selbst, ihre Kost aufzubessern. Bereits im Herbst 1945 unternahm man Anstrengungen, ungenutzte Flächen des Lagerareals für den Gemüseanbau im folgenden Früh­ jahr vorzubereiten.32 Die Wahlfahrtsfonds in den Lagern stellten Schweine ein, an die man die anfallenden Speisereste verfütterte. Das Fleisch wurde zur Auf­ besserung der Lagerverpflegung verwendet.33 Als die Lagerbewohner nach eini­ gen Jahren Selbstversorger wurden, war die Kleintierhaltung in den Lagern, anfangs in kleinen Anbauten an die Baracken, später in eigenen Ställen an der Lagergrenze, allgemein üblich und nicht zu unterbinden, wenn auch die Sani­ tätsbeamten immer wieder auf die unhygienischen Zustände hinwiesen. Die vor­ handenen Lebensmittel mussten möglichst magenfüllend zubereitet werden. Den Köchen empfahl man, die Speisen zu kochen (nicht zu braten oder zu rösten), da durch diese Methode eine größere Menge produziert werden könne und die Mahlzeiten vom Körper besser aufgenommen und verwertet würden. Zum Ko­ chen benötigt man weniger Kochutensilien und weniger Brennstoff.34 Die Vor­ schriften für das Küchenpersonal mussten strikt eingehalten werden.35 Bald wurden die ersten Proteste aus der einheimischen Bevölkerung laut. Die Österreicher müssten hungern, damit die DPs in den Lagern so gut versorgt würden, dass sie sich sogar am Schwarzhandel beteiligen könnten. Auch der Na­ tionalrat beklagte in einer Resolution die Verpflichtung Österreichs, die Displaced Persons zu ernähren. Als die Lager in österreichische Verwaltung übergingen und der Bund zahlrei­ che Einsparungsmaßnahmen ergriff, unter anderem auch die Auflösung der Ge­ meinschaftsküchen im Gespräch. Vorerst mussten diese in den Fürsorgelagern bestehen bleiben, da sich die britische Besatzungsmacht gegen eine Auflösung stellte. Im Jahr 1951 bezogen in den Lagern der britischen Zone von insgesamt 3.670 Befürsorgten 2.108 Personen ihre Mahlzeiten von der Gemeinschaftsküche. 1.282 Lagerbewohner übernahmen die ihnen zustehenden Rationen in unge­ kochtem Zustand und bereiteten die Mahlzeiten selbst zu. Nur 280 Personen, al­ le in Eisenerz, ließen sich das Verpflegsgeld in bar auszahlen.36 Mit der Abnahme der Lagerbevölkerung ging man dazu über, den Befürsorgten das ihnen zustehende Verpflegsgeld auszuzahlen. Diese Vorgangsweise wurde von den Betroffenen begrüßt und bald bestanden nur mehr in Lagern mit beson­ ders hilfsbedürftigen Einwohnern solche Lagerküchen. Im Lager Wagna bei­


172 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK spielsweise war eine Küche für das Lageraltersheim bis zur Liquidierung des La­ gers in Betrieb. Die Bewirtschaftung der Grundnahrungsmittel fand 1949 ihr En­ de. Die Abteilung 12U setzte nun einen bestimmten Richtwert für die Ernährung der befürsorgten Lagerinsassen fest. Als Mindestverpflegung sollten 2.100 Kalo­ rien täglich abgegeben werden. Einigen Lagern gelang es, diesen Satz durch ei­ gene Erzeugnisse beträchtlich zu erhöhen. Im Frühjahr 1953 lieferte eine amerikanische Hilfsorganisation Gemüsesamen zum Anbau in den Lagergärten. Das Lager Feffernitz/Kärnten beispielsweise verfügte über folgende Gartenflä­ chen: 6.000 m²bebaut von der Lagerverwaltung, 23.500 m²bebaut von befür­ sorgten Lagerbewohnern und 43.320 m² bebaut von nicht befürsorgten Lagerinsassen. Gewünscht wurden je 13,5 kg Petersilien­ und Karottensamen, je 680 kg Bohnen und Erbsen sowie 333 kg Samen von roten Rüben.37 Es gab aber auch Lager, die mit den vorgeschriebenen Lebensmitteln nicht ihr Auslangen fanden. Ab Oktober 1949 galt folgender Verpflegssatz, hier je Woche angegeben: Kochmehl Roggenbrot Weißgebäck Nährmittel Fleisch Fett Zucker Hülsenfrüchte Kartoffel Gemüse und Obst Magermilch

450g 1.300g 900g 300g 250g 300g 320g 300g 1.400g 1.750g 1.000g

Diese Mengenangaben waren nicht exakt einzuhalten, solange die vorgeschrie­ bene Kalorienmenge abgegeben und vor allem, solange der finanzielle Rahmen nicht überschritten wurde. TBC­Kranke, stillende Mütter und Patienten in den Lagerhospitälern hatten Anspruch auf einen höheren Verpflegsatz.38 Im Jahr 1952 wurde ein neuer Wochenverpflegsplan erstellt, der auf die Bedürfnisse älte­ rer Menschen, die damals den Großteil der Befürsorgten stellten, stärker Rück­ sicht nahm. Der neue Verpflegsplan spiegelte die allgemein bessere Ernährungssituation in Österreich wider.


173

Lagerschulen Die in Österreich bestehende, allgemeine Schulpflicht für alle Kinder und Jugendliche, die im Inlande ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben39, brachte es mit sich, dass Flüchtlingskinder bald nach ihrer Ankunft zum Schulbesuch ver­ pflichtet waren. Die außerhalb der Lager oder auch in kleineren Lagern lebenden Kinder wurden in den örtlichen, öffentlichen Schulen aufgenommen. Der ge­ meinsame Schulbesuch mit einheimischen Kindern erleichterte ihre Integration, der die Elterngeneration in diesem Ausmaß und in dieser Schnelligkeit oft nicht folgen konnte.

Schulalltag in der Baracke

Nicht so glatt verlief dieser Integrationsprozess bei Kindern, die in großen La­ gern untergebracht waren. Da sich die Lager häufig außerhalb der Städte befan­ den und die örtlichen Schulen unmöglich hunderte Lagerkinder zusätzlich aufnehmen konnten, mussten in den Lagern selbst Schulen errichtet werden. Die Besatzungsmächte unterstützten diese Entwicklung. Lagerbewohner wurden als Lehrer angestellt, auch wenn sie nur in den seltensten Fällen eine österreichische Lehrbefugnis nachweisen konnten. Das bedeutete für die Kinder, dass sie zwar regelmäßig eine Schule besuchten, ihre Zeugnisse jedoch von Österreich nicht anerkannt wurden. Manche Sozialarbeiterinnen der CBSRA40 versuchten, der durch die Lagerschulen geförderten Isolierung der Kinder entgegenzuwirken, indem sie beispielsweise zu Ferienlagern nicht nur Lagerkinder, sondern auch


174 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK österreichische Kinder aus der Nachbarschaft einluden41 oder die Teilnahme der Lagerkinder an österreichischen Jugendgruppen unterstützen.42 In der britischen Zone musste in jedem Lager ein Gebäude für die Unterbrin­ gung der Schule hergerichtet werden, das keinem anderen Zwecken dienen durfte. Der Lagerleiter bestellte einen geeigneten Lagerbewohner oder einen bri­ tischen Sozialarbeiter als Organisator der Schule. Lehrer rekrutierte sich aus der Lagergemeinschaft. Die Unterrichtssprache sollte nach britischer Meinung die Muttersprache sein und Englisch als erste Fremdsprache gelehrt werden. In den ersten Jahren herrschte großer Mangel an Unterrichtsmaterial. Neben Lehrbü­ chern, Landkarten und anderen Hilfsmitteln43 fehlten vor allem Hefte und Blei­ stifte44. Diese Gegenstände konnten erst nach und nach von diversen Hilfsorganisationen beigestellt werden. Der empfohlene Lehrplan konnte natür­ lich nach den Bedürfnissen der einzelnen Lager abgeändert werden: Der Lehr­ plan umfasste für die 6­10 jährigen Kinder Lesen und Schreiben (9 Wochenstunden), Arithmetik (4), Religion (3), Geschichte (3), Handarbeiten (3), Naturkunde (4), Turnen (1). Für die Größeren reduzierte sich die Stundenzahl in Lesen und Schreiben, stattdessen wurde Englisch zusätzlich unterrichtet. In einigen DP Lagern bestanden höhere Schulen, die mit einer Gymnasialmatura abschlossen. Die Absolventen dieser Lagermittelschulen wurden im Falle eines Immatrikulationsansuchens an österreichischen Universitäten wie Absolventen einer ausländischen Mittelschule behandelt. Lagerschulen wurden auch dann nicht als österreichische Schulen angesehen, wenn eine Landesschulbehörde eine Art Aufsicht ausübte. Sie galten als Privatschulen ohne Öffentlichkeitsrecht45. Die ersten Lagerschulen gingen bereits während der Sommermonate 1945 in Be­ trieb. Da in den österreichischen Schulen gerade Ferien waren, holte man die Einrichtung von dort. Zu Schulbeginn wurde nur ein Teil der Gegenstände re­ tourniert.46 Die Schulen in den Lagern mit volksdeutschen Bewohnern unterrichteten sehr bald nach dem österreichischen Lehrplan und wurden im Jahr 1948 in die öster­ reichische Schulverwaltung übertragen. Das bedeutete für viele Lehrkräfte, dass sie aus dem Schuldienst ausscheiden mussten, da sie nicht die geforderten Quali­ fikationen erbringen konnten. Die Lagerschulen wurden, wenn sie eine gewisse Größe überschritten, weiterhin im Lager als Exposituren der nächstgelegenen Sprengelschule geführt. Die beiden Schulen hatten den gleichen Leiter, die Leh­ rer wurden aus den Mittel des Unterrichtsministeriums besoldet, die Landes­ schulbehörde führte die Aufsicht und die Schulzeugnisse hatten volle Gültigkeit. In Einzelfällen konnten sogar österreichische Kinder in die Lagerschulen einge­ wiesen werden, wenn diese leichter zu erreichen waren.47


175 Solange in den größeren Lagern Gemeinschaftsküchen bestanden, erhielten die Kinder ihre Mahlzeiten in eigenen Speisesälen. Auf diese Weise konnte man si­ cher gehen, dass die zusätzlichen Lebensmittel, die von der CBSRA, der IRO48, der UNICEF oder anderen Hilfsorganisationen eigens für die Kinder gespendet worden waren, auch wirklich nur den Kindern zugute kamen. Im Rahmen der UNICEF­Kinderausspeisungsprogramme erhielten die Kinder manchmal zusätz­ lich Kakao und Semmeln, manchmal einen Grießbrei oder eine Suppe. Die ver­ antwortlichen Fürsorgeschwestern legten besonderen Wert darauf, dass diese Mahlzeiten unter Aufsicht verspeist wurden und nicht in die Unterkünfte mitge­ nommen wurden.49 Mit der allgemeinen Abnahme der Belegszahlen in den La­ gern reduzierte sich auch die Zahl der Kinder, so dass im Laufe der Zeit alle Lagerschulen geschlossen werden konnten.

Medizinische Betreuung Die Überwachung des Gesundheitszustandes der Lagerbewohner war ein wich­ tiges Anliegen der Besatzungsmacht. In regelmäßigen Abständen besuchten Ver­ treter der ACA(BE) alle Lager und überprüften die Sanitäranlagen und die hygienischen Bedingungen. In den Lagern wurden Spitäler eingerichtet, in de­ nen Ärzte aus den Reihen der DPs wirkten. Die russischen Emigranten im Lager Kellerberg beispielsweise hatten so viele Ärzte in ihren Kreisen, dass einige in anderen Lagern eingesetzt werden konnten.50 Zu den Aufgaben der Lagerärzte gehörten neben ihrem Dienst in den Lagerlazaretten auch die Überprüfung der sanitären Einrichtungen und der Lagerküchen. Sie hatten durch regelmäßige Kontrollgänge die Sauberkeit in den Kindergärten, Schulen und Wohnräumen zu überwachen. Medikamente und medizinische Einrichtungen stellten die Besatzungsmacht und die verschiedenen Hilfsorganisationen zur Verfügung. Im Allgemeinen wa­ ren die Lagerspitäler, abgesehen von der Unterbringung in Baracken, recht gut eingerichtet. Die Lagerbewohner wurden kostenlos behandelt. In einigen Lagern bestanden neben den Lazaretten auch einige Sondereinrichtungen, wie etwa das Therapeutische Heim für Kinder in Treffling. Hier wurden unterernährte und anderweitig geschwächte Kinder einige Wochen und Monate betreut und aufge­ päppelt, bevor sie zu den Eltern in den verschiedenen Kärntner Lagern zurück­ kehrten.51 Im Laufe der Jahre entwickelten sich die Lagerkrankenhäuser immer mehr zu Siechen­ und Altersheimen. Die arbeitenden Bewohner hatten An­ spruch auf Behandlung in den öffentlichen Krankenhäusern, nur die alten, be­ fürsorgten Lagerinsassen waren noch auf die lagerinternen Einrichtungen angewiesen.


176 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Einer Krankheit widmeten die Besatzungsmächte die größte Aufmerksamkeit – der Tuberkulose. Der angegriffene Gesundheitszustand der meisten DPs und Flüchtlinge, die Unterbringung auf so engem Raum und die schlechte Ernäh­ rungssituation in der ersten Nachkriegszeit vergrößerten die Gefahr eines Krankheitsausbruchs. Personen, die an offener TBC litten, sollten möglichst so­ fort von den Mitbewohnern getrennt werden. Zu diesem Zweck richteten die Briten im Lager Spittal eine TBC­Abteilung ein, die später von der UNRRA über­ nommen wurde. Wegen der klimatisch ungünstigen Verhältnisse verlegte man das Krankenhaus in ein Lager nach Seebach, welches auch nicht wesentlich bes­ ser geeignet war. Vor der Eröffnung der TBC­Abteilung in Spittal waren rund 80 Patienten in einem Sanatorium in St. Georgen am Längsee untergebracht.52 Für die tuberkulosekranken Kinder aus den Flüchtlingslagern der britischen Zone entstand zu Beginn des Jahres 1946 eine Heilstätte in Scheifling. Ein Arzt aus der Heilstätte besuchte in regelmäßigen Abständen alle Lager in der Zone und führ­ te Röntgenuntersuchungen durch. War die Krankheit bereits ausgebrochen oder war das Kind besonders untergewichtig und geschwächt, wurde es nach Scheif­ ling überwiesen.53 Durch die regelmäßigen Untersuchungen ging die Zahl der Erkrankungen zurück. Neuerkrankungen wurden selten. Dennoch war die TBC­ Anfälligkeit unter den Lagerbewohnern mit 2,48 Fällen auf 100 Personen fast doppelt so hoch wie bei den Österreichern mit 1,13 Fällen. Diese Zahl wurde im Jahr 1953 erhoben. Der höhere Prozentsatz an Erkrankten lag aber weniger an den sanitären und hygienischen Zuständen in den Lagern als vielmehr an einer negativen Auslese. Viele DPs, die zu diesem Zeitpunkt noch im Lager waren, hatten in den Jahren der IRO­Tätigkeit zu emigrieren versucht. Da die Aufnah­ mekriterien so streng gehandhabt wurden, dass der geringste Hinweis auf eine (auch bereits abgeheilte) Lungenerkrankung den unbedingten Ausschluss vom Auswanderungsprogramm bedeutete, blieben unverhältnismäßig viele TBC­ kranke Personen in den österreichischen Lagern zurück. Außerdem fehlte vielen, besonders den fremdsprachigen Flüchtlingen, das Verständnis für die Notwen­ digkeit einer Behandlung und sie provozierten oft durch undiszipliniertes Ver­ halten die Entlassung aus der Heilanstalt.54 In Österreich gab es nach Ende der IRO­Tätigkeit und nach der Auflösung der beiden Lungenheilanstalten in der britischen Zone noch eine TBC­Heilanstalt in Thalham, Gemeinde St. Georgen im Attergau in Oberösterreich. In diese wurden alle stationär zu behandelnden Flüchtlinge aus allen österreichischen Lagern ein­ gewiesen. Die Lungenheilanstalt Thalham bestand anfangs aus Baracken. Mit Unterstützung der Norwegischen Europahilfe wurde im Jahr 1953 ein gemauer­ ter Bau errichtet. 1955 legte das Innenministerium Pläne für einen weiteren Aus­ bau der Heilstätte vor, der durch Gelder des Flüchtlingshilfsprogramms 1955


177 gefördert werden sollte. Die Lagerauflösung der Jahre 1960 bis 1964 beendete ein mehr als fünfzehnjähri­ ges Kapitel in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Die Barackensiedlun­ gen, die so lange zum gewohnten Erscheinungsbild vieler Städte und Orte gezählt hatten, konnten endlich beseitigt werden. Der Anblick von Baracken in den aufblühenden Industriegebieten der Obersteiermark und Oberösterreichs, die zu dieser Zeit schon als Elendsunterkünfte bezeichnet werden mussten,. Trübte das Bild, das ein wirtschaftlich erstarktes Österreich der Weltöffentlich­ keit von sich bieten sollte.55 Dieser Beitrag wurde aus: Gabriela Stieber, Nachkriegsflüchtlinge in Kärnten und der Steiermark, 1997 entnommen 1 Displaced Persons, dt. Versetzte Personen, zu denen je nach Kategorisierungen in den Zonen auch die Heimatvertriebenen zählten. 2 ÖStA, AdR, Budget 2616/48 Zahl: 62.941: 1.48. 3 BMI 24.160­12U/49: Neuordnung der unter österreichischer Verwaltung ste­ hender Flüchtlingslager, britische Zone. BMI 25.108­12U/49: Neuordnung der unter österreichischer Verwaltung stehender Flüchtlingslager, amerikanische Zo­ ne. 4 StLA 9­125 Fu19/48: 6.12.48: Schreiben der Abteilung 12U, Zahl: 133.940­ 12U/48: Ausländerbetreuung –Neuordnung der unter österreichischer Verwal­ tung stehenden DP­ und Flüchtlingslager. 5 BMI 25.108­12U/49: Neuordnung der unter österreichischer Verwaltung ste­ hender Flüchtlingslager, amerikanische Zone. 6 Allied Commission Austria (British Element) 7 StLA9­125 IV A2/52: 3.11.50: Schreiben des BMI an die Landesumsiedlungsstel­ le Steiermark, Zitat einer britischen Aussage. 8 BMI 47.244­12U/54: Verwaltung der Wohlfahrtsfonds in den Lagern. 9 StLA 9­125 U6/51: 9.5.51: Schreiben der Landesumsiedlungsstelle an alle Lager: Wahl und Wirkungskreis des Lagerkomitees. 10 BMI 47.244­12U/54: 13.2.51. 11 BMI 142.477­12U/50: 20.10.50: Schreiben der Landesumsiedlungsstelle Salz­ burg. 12 StLA 9­125 IV F1/52: 30.3.51. 13 StLA 9­125 A23/50: 22.1.51: Schreiben an die Abteilung 12U des Innenministe­ riums, Zahl: 140.836­12U/50: Fürsorge für Volksdeutsche Flüchtlinge. 14 ÖStA, AdR, Budget 39.653/57: Mai 1956: Neuordnung des Flüchtlingswesens hinsichtlich der administrativen und finanziellen Kompetenz. 15 ÖStA, AdR, Budget 90.404/57: 7.57: Schreiben vom Finanzminister Kamitz an den Innenminister: Vorläufiges Ergebnis der Budgetverhandlungen für 1958 über die Flüchtlingsbetreuung. 16 ÖStA, AdR Budget 90404/57, Zahl: 102.646: 19.9.57: Interministerielle Bespre­


178 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK chung im BMI, Teilnehmer waren Vertreter des BM für Inneres, BM für Finanzen und BKA Verfassungsdienst. 17 United Nations High Commissioner for Refugees 18 United Nations Refugee Emergency Fund 19 BMI 61, 863­12U/58: Befürsorgte Lagerflüchtlinge; Unterbringung in Heimen und Anstalten: 10.19.58. 20 StLA 9­125 I Fu2/53, III. Teil: 2.1.63: Schreiben der Abteilung 12A des BMI an die Landesumsiedlungsstelle Steiermark. 21 Allied Forces Headquarter 22 PRO, FO 1020/1314/1: 23.5.45: Supply Instruction Nr. 7. Displaced Persons – Food Supplies. Die Anordnung über die bevorzugte Versorgung alliierter DPs (Franzosen ausgeschlossen) stammte aus: Eighth Army Adm Directive Nr. 3 – Operation Freeborn, 14.5.45. 23 PRO, FO 1020/1314/1: 23.5.45. 24 PRO, FO 1020/1417: 5.6.45: Schreiben der ACA(BE) an AFHQ: Rations for DPs. 25 PRO, FO 1020/3366: 15.10.45: Bezirk Judenburg. 26 PRO, FO 1020/1702: 7.45: 12.45. 27 Prisoner of War and Displaced Person 28 PRO, FO 1020/1417: 16.4.46: Ab 1.4.46 galten für alle DPs in den Lagern der britischen Zone die gleichen Verpflegssätze wie für die einheimische Bevölke­ rung. 29 PRO, FO 1020/1417: 1.3.46: Ration Scales – DPs. 30 PRO, FO 1020/1417: 1.4.46. 31 United Nations Relief and Rehabilitation Administration 32 PRO, FO 1020/3333: 24.10.45: Gardening in DP camps. 33 BMI 31.431­12U/51: 15.1.51: Aufstellung über Schweinemästung und Gemüse­ anbau im Lager Spittal a.d. Drau. 34 PRO, FO 1020/3333: 18.12.45: Utilisation of Rations in DP camps. 35 PRO, FO 1020/2456: Standing Order DP camps. 36 PRO, FO 1020/2533: 19.5.49: British Zone DP camps – Nutritional Standards. 37 BMI 24.704­12U/53. 38 StLA 9­125 IV F1/52: 3.10.49: Neuregelung der Fürsorgeverpflegung in den Lagern. 39 BMI 21.359­12U/52: Sammelakt „Schulwesen“: In einem Erlass vom 4.8.50 hieß es: „Die Bestimmungen des Reichsschulpflichtgesetzes aus dem Jahr 1939, nach denen ausländische und staatenlose Kinder nicht schulpflichtig waren, ist auf­ grund des Rechtsüberleitungsgesetzes vom 1.5.45 als aufgehoben zu betrachten, da diese Bestimmungen eine bewusste kulturelle Überheblichkeit der deutschen Jugend anstrebten und demnach eindeutig NS­Gedankengut enthielten. Die Schulbehörden wurden sohin angewiesen, streng darüber zu wachen, dass auch die im schulpflichtigen Alter stehenden Kinder nichtösterreichischer Staatsbür­ gerschaft ihrer gesetzlichen Schulpflicht nachkommen.“


179 40

Council of British Societies for Relief Abroad PRO, FO 1020/2528: 8.48: Report for August 1948, Feffernitz DP camp. 42 PRO, FO 1020/2480: 5.11.47: Welfare Officer’s Report, Waidmannschaft Camp, Klagenfurt. 43 PRO, FO 1020/2453: List of supplies for DP camps. 44 PRO, FO 1020/2599: 8.45: Notes on Education in DP camps. 45 BMI 21.359­12U/52: 20.11.48: Schreiben des Unterrichtsministeriums an die Rektorate: Zeugnisse von Schulen versetzter Personen. 46 PRO, FO 1020/2599: 29.8.45: Scholl furniture in DP camps. 47 BMI 20.181­12U/53: 7.2.53: Schulsanitätswesen in den DP camps. 48 International Refugee Organization 49 StLA 9­125 L­P2/48: 8.48. 50 PRO, FO 1020/2436/52A: 6.3.46. 51 PRO, FO 1020/2480: 5.1.48: Report Treffling Camp, December 1947. 52 PRO, FO 1020/2485: 28.7.46. 53 StLA 9­125 IV S2/52: 8.11.51: Betreuung TBC­kranker Flüchtlingskinder in der britischen Zone. 54 BMI 23.415­12U/54: 23.4.53: TBC­Anfälligkeit in den DP­Lagern, Berichte. 55 BMI 42.813­12U/55: 5.5.55: Flüchtlingsprogramm 1955 41


180 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Dokumentation der volksdeutschen Lager im Bundesland Salzburg VON FELIX ERMACORA INSTITUT Lager Anif (Niederalm­Anif) Am 16. Juli 1947 übernahm die Landesstelle für Umsiedlung das Lager Anif, welches vorher unter der Verwaltung der Bezirkshauptmannschaft Salzburg stand.1 Die Anlage gehörte der Bundesgebäudeverwaltung und wurde vor und während des Krieges als Erholungsheim für Lehrlinge genützt.2 Sie lag auf dem Gebiet der Stadtrandgemeinde Grödig an der Fahrbahnkreuzung Salz­ burg/Berchtesgaden – Kleßheim/Hallein, etwa 20 Gehminuten von der Bahnsta­ tion Grödig entfernt, an einem Bauernweg.3 Bei den Gebäuden handelte es sich um acht halbfeste Wohnobjekte, deren Mauern aus Hohlbausteinen bestanden. Bis auf ein Objekt waren die Dächer mit Schiefer gedeckt. Weiters befand sich noch eine Holzbaracke auf dem Lagergelände, die von den Bewohnern für Ab­ stellzwecke und zur Lagerung von Heizmaterial benützt wurde.4 Da es sich bei den Bewohnern fast ausschließlich um Donauschwaben handelte, wird der La­ gerkomplex in den Quellen oft als „Schwabenlager“ bezeichnet.5 Von den 483 Volksdeutschen, die im Oktober 1949 im Lager wohnten, kamen 470 aus Jugosla­ wien und 13 aus Rumänien.6 Bis Mitte 1954 hatte sich die Zahl der Bewohner auf 291 verringert. Davon waren 285 Volksdeutsche (280 aus Jugoslawien, vier aus Rumänien und einer aus der CSR) und sechs Österreicher.7 Bei einer durch­ schnittlichen Wohnfläche von 6 m²pro Kopf hätten 339 Personen im Lager un­ tergebracht werden können.8 Wenige Monate nach der Übernahme des Lagers durch die Landesstelle für Umsiedlung wurde von der Abteilung Gesundheits­ wesen der Amerikanischen Militärregierung eine Inspektion durchgeführt, bei der folgende Mängel festgestellt wurden: 1. Die Plafonds der Wohnräume sind teilweise schadhaft. Die Bewohner klagen über Wanzen, die zwar infolge des kühleren Wetters etwas weniger geworden sind, jedoch immer noch auftreten. In fast allen Räumen fehlen mehrere Fensterscheiben. 2. Die Abortanlagen sind in einem entsetzlichen Zustand. Die Wasserspülungen funktionieren infolge mangelnder Wasserversorgung des Lagers nicht und sind teilweise abmontiert. Der enge Ablauf der englischen Closetts läßt sich durch einfaches Nachschütten von Wasser nicht reinigen, sie sind daher verstopft und verbreiten einen


181 unerträglichen Gestank. Viele Muscheln sind zerbrochen und abmontiert. 3. Die Wasserversorgung des Lagers ist seit etwa 1 1/2 Monaten sehr schlecht. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde das Wasser einmal täglich durch die Fa. Leube in Grödig in 3 großen Tanks herangeschafft. Da die Firma nun über keine Transportmittel mehr verfügt, müssen die Insassen das Wasser im Grödiger Wassertank, etwa 2 Gehminuten vom Lager entfernt, holen. Der Druck des Wassers ist so gering, dass es 5 Minuten dauert, um einen 10-Liter-Kübel zu füllen. Es besteht keine Badegelegenheit für die Lagerinsassen. 4. Die Küche wurde rein befunden, jedoch sind die Einrichtungsgegenstände und Fenster sehr schadhaft. Die Möbel bedürfen dringend eines frischen Anstriches. 5. [...] Die Lagerräume selbst sind mit Kindern und Erwachsenen (bis zu 24 in einem Raum) belegt, sodass eine bedeutende Epidemiegefahr besteht. Außerdem ist das Lager so groß, dass ein Arzt wöchentlich 1 – 2 Mal Sprechstunde halten sollte.9 Etwa einen Monat später erfolgte auch eine Besichtigung durch einen Vertreter der Landesstelle für Umsiedlung. In dem Bericht darüber wurde ergänzend fest­ gestellt: Die Korridore und Wohnräume sind rein, wenn auch die Wände infolge des Hohlbaues Feuchtigkeit ansetzen. Außerdem haben die Insassen sehr viel Gepäck in den Zimmern aufgestapelt. Mangels handwerklich erzeugter Möbel sind selbst verfertigte in Verwendung. Der dadurch verursachte ungünstige Eindruck wird durch Sauberkeit der Räume gemildert. Nachteilig wirkt weiter, dass in den meisten größeren Räumen einzelne Familien ihre Belegfläche durch ausgespannte Decken, andere durch Wände aus Karton abgetrennt haben. In den Korridoren ist zuviel Gepäck, Brennholz, Lebensmittelreserven usw. aufgestapelt, die Feuergefahr ist dadurch erhöht, bzw. die Rettungsmöglichkeit erschwert.10 In den nächsten Jahren, aber besonders im Jahre 1949, wurden viele der aufge­ zeigten Mängel beseitigt, sodass sich die Lebensbedingungen entscheidend ver­ besserten. Bei einer im Oktober 1949 durchgeführten Inspektion wurde das Lager von den Amerikanern noch mit „satisfactory“ (befriedigend, zufrieden­ stellend) beurteilt11, während vier Monate später die Beurteilung mit „very satis­ factory“ schon wesentlich besser ausfiel.12 In der Zwischenzeit waren die großen Räume unterteilt und die Gebäude, Wohnräume und Toiletten des Lagers in einen tadellosen Zustand versetzt worden. Probleme bereitete nach wie vor die Wasserversorgung. Weiters wurden auch noch die mangelhaften Feuerschutz­ maßnahmen, die schlammigen Lagerwege, die an die Gebäude angebauten Kleintierställe und die Überbelegung mancher Räume beanstandet. Die abschlie­


182 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK ßende Beurteilung des Lagers fiel folgend aus: If all the bad deficiencies (low water pressure, poor water pump, poor water supply, poor fire fighting equipment, removing of rabbit and chicken shacks, wet and muddy roads) which were found during this inspection, were corrected, the camp could get an excellent or even a superior rating. By no means should this camp be closed. The buildings are now in a good condition, and I doubt if Camp Lexenfeld is half as good as a D. P. housing camp. The camp is well located. It is a healthy place for children and even the old folks. A number of people work for firms which are located in towns a short distance from the camp.13

Flüchtlingslager in der westlichen Besatzungszone

Da fast alle Arbeitsfähigen auch eine dauerhafte Beschäftigung hatten, war die Moral der Lagerbewohner auch entsprechend hoch. Vom amerikanischen In­ spektor wurde festgehalten, dass sie wie eine große Familie wären, in der man sich gegenseitig unterstützt, etwa im Falle von Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Darüber hinaus handle es sich bei ihnen um eine disziplinierte, saubere und hart arbeitende Gruppe.14 Die von den Bewohnern bei den informellen Gesprächen gemachten Äußerungen spiegelten die Situation und die Zukunftsperspektiven


183 wider, wie sie sich für die Volksdeutschen in Österreich am Beginn der fünfziger Jahre darstellten. Darüber wurde folgendes festgehalten: Most of the people claim that they have given all hopes for resettlement. At the present time this group is discouraged as all avenues toward resettlement are blocked. They do not want to be a burden and problem on the Austrian Economy. The people have no desire to return to their homeland under the political conditions existing presently within the countries of their origin. The only hope that is left, is to become an Austrian citizen.15 Das Lager Anif stand bis 1959 in Bundesverwaltung. Nachdem die Gebäude in kleinere und mittlere Wohneinheiten umgebaut worden waren, wurde es an die Bau­ und Wohnungsgenossenschaft „Gartenbausiedlung“ in Salzburg verkauft und am 29. Juli 1959 übergeben.16

Lager Bergheim Das Flüchtlingslager Bergheim, am Nordrand der Stadt Salzburg gelegen (Oberndorfer Landstraße), war ein ehemaliges Lager der Reichsarbeitsdienstes, das bei Kriegsbeginn auf beschlagnahmten Gründen der Pfarrgemeinde Berg­ heim errichtet worden war.17 Als Deutsches Eigentum wurde es nach dem Krieg von den Amerikanern beansprucht. Im August 1947 übernahm die Landesstelle für Umsiedlung seine Verwaltung.18 In der Folgezeit wurde es mit Volksdeut­ schen belegt, die zum Großteil aus dem Durchgangslager Hotel Europe kamen und dort als ständig wohnhaft registriert waren. Das Durchgangslager sollte da­ durch soweit entlastet werden, dass es seine ursprüngliche Aufgabe wieder er­ füllen konnte.19 Bei der Übernahme bestand das Lager aus 22 Objekten. Zu den bereits bestehenden Holzbaracken des Reichsarbeitsdienstes hatten die Amerika­ ner sechs weitere Baracken aufgestellt, die allerdings wegen ihrer mangelhaften Isolierung und ihres stark beschädigten Zustandes nur während der warmen Jahreszeit und nach vorhergehender gründlicher Instandsetzung für Wohn­ zwecke verwendbar waren.20 Anfang 1950 bestanden noch 19 Gebäude, wovon 16 teilweise oder vollständig für Wohnzwecke genutzt wurden. Der für eine Per­ son in den einzelnen Baracken zur Verfügung stehende Wohnraum schwankte zwischen 3,5 und 7,7 m². Im Schnitt waren es vier bis fünf.21 Im Lager gab es eine Ambulanz, eine Volksschulklasse, einen Kindergarten, ein Geschäft und einen Duschraum, der allerdings aus folgenden Gründen nicht benützt wurde: The camp has a shower room, but the people being farmers from Yugoslavia can not get used to modern bathing facilities. They would rather bathe in a wooden tub and besides they claim, that they are a bit bashful and would rather bathe in private.22


184 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Im Jahr 1949 waren offensichtlich die bislang noch bestehenden Mängel beseitigt und wesentliche Verbesserungen in einigen Bereichen durchgeführt worden, so­ dass das Lager im November des Jahres von den Amerikanern mit „excellent“ beurteilt wurde.23 Im Februar 1950 lebten in ihm 439 Personen. Davon waren 425 Volksdeutsche (372 aus Jugoslawien, 43 aus Rumänien, sechs aus Ungarn und vier aus der CSR). Zwölf Personen hatten die österreichische und je eine die deutsche bzw. Schweizer Staatsbürgerschaft.24 Sorgen bereiteten den Bewohnern die schleppende Einbürgerung, die Schwierigkeiten bei der Auswanderung und die nach wie vor ungeklärte Lage der Volksdeutschen in Österreich. Von der zur Flüchtlingsproblematik im Jänner 1950 in Salzburg abgehaltenen Konferenz des Ökumenischen Rates erhoffte man sich eine Lösung der Probleme. Trotz der zahlreichen Widrigkeiten war die Moral der Bewohner außer­gewöhnlich hoch, wie der amerikanische Inspektor anerkennend feststellte.25 Da es sich dabei fast ausschließlich um Donauschwaben aus dem Banat und der Batschka handelte, die die gleiche Mentalität und Lebensweise hatten, waren auch die Beziehungen untereinander die denkbar besten. Nach Meinung der Bewohner erweckte das Lager den Eindruck einer kleinen Dorfgemeinschaft.26 Bergheim wurde bereits am 1. November 1952 als ein vom Bund verwaltetes Flüchtlingslager liquidiert. Die Baracken wurden anteilsmäßig an die Bewohner verkauft, die dann mit dem Grundeigentümer, dem Pfarramt Bergheim, Pachtverträge abschlossen.27

Lager Hotel Europe Das Flüchtlingslager Hotel Europe war eines der zentral gelegenen Lager in Salzburg und befand sich direkt gegenüber dem Hauptbahnhof (Rainerstraße 25). Es bestand aus der Bombenruine des ehemaligen Hotel Europe und dem so genannten „Schlößl“ in der Elisabethstraße. Während des Krieges diente das Ho­ telgebäude als Armeekommando. 1944 wurde es durch einen Bombentreffer zu drei Viertel zerstört. Vor 1938 war das fünfstöckige Gebäude das größte Hotel in der Stadt. Das „Schlößl“ hatte drei Stockwerke und verfügte mit 600 m²Wohn­ fläche nur etwa über ein Viertel von der des Hotels.28 Seit 1945 wurden die Ge­ bäude zur Unterbringung von Flüchtlingen verwendet. Dabei wurde der intakte Teil des Hotels vom zerstörten abgeriegelt. Noch im gleichen Jahr übergaben die Amerikaner das Lager der Stadtgemeinde Salzburg, von der es die Landesstelle für Umsiedlung im Juli 1947 übernahm.29 Von Anfang an scheint die Überbele­ gung das Hauptproblem im Lager gewesen zu sein.30 Im Oktober 1949 lebten in ihm noch 619 Personen, obwohl es nur für maximal 577 vorgesehen war.31 Bei seiner Übernahme durch die Landesstelle für Umsiedlung im Sommer 1947 wa­ ren es aber noch um 150 Personen mehr gewesen. Damals entfielen auf einen Be­


185 m²Wohnfläche.32

wohner im Schnitt 3 ¼ Welche Verhältnisse im Lager herrsch­ ten geht aus einem amerikanischen Bericht über eine im Oktober 1949 durchge­ führte Inspektion hervor. Da heißt es: At the present time there is an aweful overcrowding of people in camp, three and four different families living in a small room. Very small rooms, which were formerly latrines, are being used to house families of three. The people living in these rooms have to go in side ways in order to get from one side of the room to the other.33 Zu diesem Zeitpunkt waren von den 619 Lagerbewohnern 571 Volksdeutsche (551 aus Jugoslawien, 16 aus der CSR, 2 aus Rumänien und je einer aus Russland und Polen), 29 Österreicher und 19 fremdsprachige Flüchtlinge, Ausländer und Staatenlose.34 Eine wesentliche Verbesserung der Wohnverhältnisse erfolgte durch die Übersiedlung eines Teils der Bewohner in die von den Amerikanern übernommenen Baracken des Lagers Beth Bialik, die für die Unterbringung der Juden nicht mehr benötigt und zum Lager Siezenheim I zusammengefasst wur­ den. Am 13. März 1950 wohnten nur mehr 336 Personen – darunter 300 Volks­ deutsche – im Lager Hotel Europe.35 Eine Folge der Auflockerung war auch eine allgemeine Verbesserung von Ordnung und Sauberkeit im Lager, sodass es vom amerikanischen Inspektor mit „excellent“ beurteilt wurde, während nur wenige Monate vorher die Verhältnisse noch „unsatisfactory“ waren.36 Die Amerikaner attestierten auch den Bewohnern eine außergewöhnliche Diszipliniertheit und gute Moral. Aber auch hier waren die Folgen der fehlenden Zukunftsperspekti­ ven auf die Stimmung der Volksdeutschen nicht zu übersehen. In einem Bericht heißt es: The people have lost all hopes of emigrating or being resettled. At the present time, all camp inmates are discouraged as all avenues to resettlement are blocked. This is not a healthy condition. That, once cheerful out-look of resettling to other countries has dimed and America is nothing but a dream to these people.37 Bedingt durch ihre zentrale Lage wurde die Bombenruine des ehemaligen Hotels zu einem Symbol für das ungelöste Flüchtlingsproblem im Nachkriegsösterreich. Natürlich stand die bloße Existenz solcher Elendsquartiere im krassen Gegensatz zu dem Bild, das man den Touristen und Festspielgästen von der Stadt Salzburg zu vermitteln suchte. Die Lagerleitung wurde deshalb immer wieder aufgefor­ dert, darauf zu achten, dass von den Bewohnern alles vermieden wird, was den Gesamteindruck des Gebäudes noch weiter verschlechtern könnte.38 Im Zuge eines Rückstellungsverfahrens wurde das Hotel wieder seinem frühe­ ren Eigentümer zugesprochen und bis Ende Juni 1951 von seinen Bewohnern ge­


186 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK räumt, die auf die Flüchtlingslager Parsch und Siezenheim verteilt wurden.39

Barackenlager Hotel Europe (Durchgangslager, Umsied­ lungslager) Neben dem Gebäude des Hotel Europe gegenüber dem Salzburger Hauptbahn­ hof befand sich auch ein Barackenlager, das gemeinsam mit der Bombenruine Mitte 1947 in die Verwaltung der Landesstelle für Umsiedlung übergegangen war.40 Von den Baracken dienten zunächst eine, dann mehrere als Durchgangsla­ ger. In ihm fanden der größte Teil der volksdeutschen Flüchtlinge aus Südosteu­ ropa der Jahre 1947/48, entlassene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die nach Salzburg kamen, eine erste Aufnahme und Betreuung. Von hier wurden dann die Flüchtlinge in andere Lager oder in Privatquartiere überstellt. Allein im Zeitraum von Mai bis Oktober 1947 wurden rund 15 000 Personen aufgenom­ men, betreut und weitergeleitet.41 Mitte Dezember 1947 wurden 680 Bewohner im Lager gezählt. Außer den Durchgangsflüchtlingen auch viele Personen, die hier für dauernd untergebracht waren. Zum größten Teil handelte es sich dabei um Volksdeutsche aus Jugoslawien und königstreue Jugoslawen, die aus den im August 1946 aufgelassenen Lagern Riedenburg und St. Johann im Pongau ge­ kommen waren. Die meisten von ihnen hatte man noch vor Kriegsende nach Österreich evakuiert.42 Um das Durchgangslager zu entlasten, wurde noch 1947 ein Teil von ihnen in das Lager Bergheim übersiedelt. Im Dezember 1949 waren in den acht Baracken des Lagers noch 592 Personen untergebracht. Von den 304 dauernden Bewohnern, denen vom amerikanischen Inspektor Diszipliniertheit und gute Moral attestiert wurde, waren 271 Volksdeutsche (davon 236 aus Jugo­ slawien), 17 Österreicher, 6 Deutsche und der Rest fremdsprachige Flüchtlinge und Staatenlose. Im Schnitt verfügte eine Person über 3 ½ bis 4 ½ m²Wohnflä­ che. Die Baracken für die dauernden Bewohner waren zum Teil überfüllt.43 Bei der vorhergehenden Inspektion war das Lager nur mit „unsatisfactory“ beurteilt worden.44 In der Zwischenzeit scheinen sich die Verhältnisse kaum gebessert zu haben, denn auch bei der Inspektion im Dezember 1949 bekam es diese Beurtei­ lung. Dies war vor allem auf den Bauzustand der Gebäude zurückzuführen, zu dem u. a. festgestellt wurde: All eight wooden barracks are in a bad shape, windows and floor boards missing. Steps leading into barracks have rotten and missing boards. The permanent housing barracks are in a little better shape than the transient barracks (…) All the camp barracks need a going-over as far as repair work is concerned. Roofs, floors, and ceilings need the most repairs.45


187 In den nächsten Monaten konnte ein Teil der Missstände beseitigt und die Zahl der Bewohner auf 301 Personen wesentlich gesenkt werden, sodass die durch­ schnittliche Wohnfläche pro Kopf 7 m²betrug und zwei Baracken bereits leer standen.46 Im Zuge der Auswanderungsaktion für Volksdeutsche in die Verei­ nigten Staaten wurde das Lager im September und Oktober 1950 von seinen bis­ herigen Bewohnern geräumt und in ein Umsiedlungslager umgewandelt. Von November 1950 bis Juni 1952 wurden die volksdeutschen Auswanderer aus dem Bundesgebiet, die im Rahmen dieser Aktion auswandern wollten, in dieses La­ ger einberufen, wo sie sich acht bis zehn Tage aufhielten. Während dieser Zeit wurden die letzten Auswanderungsvorbereitungen und die nötigen Untersu­ chungen und Impfungen durchgeführt. Von hier gingen dann die Transporte zur Einschiffung nach Bremen. In den ersten sieben Monaten seines Bestehens wur­ den 2244 Volksdeutsche im Lager aufgenommen, wovon 1691 zur Auswande­ rung in die Vereinigten Staaten weitergeleitet wurden.47 Nach der vorläufigen Beendigung der Auswanderungsaktion Mitte des Jahres 1952 wurde das Lager offensichtlich aufgelöst, was anscheinend auch im Zusammenhang mit dem Rückstellungsverfahren des Hotelgebäudes stand. Drei der Baracken erwarb das Land Oberösterreich, wovon zwei in Regau als Ersatz für das Erdhüttenlager aufgestellt wurden.48 Die Auswanderung der Volksdeutschen lief dann seit 1952 über das Lager Hellbrunn. Bis 1959 wanderten über 25 000 Volksdeutsche über dieses Lager aus.49

Lager Itzling (Unterkunftsstelle 1) Bei dieser Anlage handelte es sich um ein ehemaliges Barackenlager der Deut­ schen Arbeitsfront, das 1940 an der Erzherzog­Eugen­Straße aufgebaut worden war. Zu den bereits bestehenden 19 Gebäuden kamen 1943 fünf weitere dazu, als das Arbeitsamt Salzburg auf dem Lagergelände ein Durchgangs­ und Auffangla­ ger für Ostarbeiter errichtete.50 Unmittelbar nach Kriegsende wurde der ganze Lagerkomplex von den Amerikanern beschlagnahmt und zur Unterbringung von Displaced Persons (DPs) verwendet. In der Hauptsache handelte es sich da­ bei um Russen, Ukrainer und Polen. Später ging das Lager in die Verwaltung der UNRRA über. Am 19. Mai 1947 wurde es dann der Arbeiterkammer Salz­ burg übergeben, die es dem Amt für Umsiedlung zunächst bis Ende 1948 unent­ geltlich zur Verfügung stellte. Bei der Übergabe befand sich das Lager aber in einen derart desolaten Zustand, dass das Amt für Umsiedlung aus finanziellen Gründen genötigt war, die Baracken einzelnen Firmen für die Unterbringung ih­ rer volksdeutschen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Als Gegenleistung mussten die Firmen die notwendigen Instandsetzungen auf eigene Kosten


188 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK durchführen. Auch wurden Anfang August 1947 drei Wohnbaracken vollständig und eine zum Teil an die Stadtgemeinde Salzburg vermietet, die diese Objekte für Wohnzwecke nutzte.51 Weiters wurde Itzling mit den Lagern Maxglan und Lehen zu einem Wirtschaftskörper zusammengefasst und auf Selbsterhaltung umgestellt. Alle entstehenden Kosten mussten somit in Zukunft von den Bewoh­ nern getragen werden.52 Die besondere Stellung dieser drei Lager kam auch dar­ in zum Ausdruck, dass sie nun in den offiziellen Quellen als „Unterkunftsstellen“ bezeichnet wurden. Da die Unterkunftsstelle Itzling als selbständiger Wirtschaftskörper nicht bestehen konnte, schied sie das Amt für Umsiedlung Anfang Februar 1949 aus seiner Verwaltung aus.53 Nach einigen Monaten scheint sie aber als privates Arbeiterlager in den Quellen wieder auf.54 Anfang Dezember 1949 bestanden noch 20 Holzbaracken, von denen die Hälfte für Wohnzwecke genützt wurden. Ihr Zustand war wesentlich davon abhängig, wie weit die jeweiligen Bewohner bereit waren, in Eigeninitiative und auf eigene Kosten Reparaturen und Verbesserungen an ihnen durchzuführen, wenn ihre wirtschaftliche Lage dies überhaupt zuließ. Von den restlichen Baracken standen drei bereits leer.55 Außer einer Kantine gab es als besondere Einrichtung nur noch eine Durchgangsbaracke, die von einer lokalen katholischen Hilfsorganisa­ tion betrieben wurde und wo Durchreisende für drei Tage kostenlos unterge­ bracht wurden.56 Ende des Jahres 1949 lebten 340 Personen im Lager, von denen 192 Volksdeutsche (davon 134 aus Jugoslawien), 127 Österreicher, drei Deutsche und der Rest fremdsprachige Flüchtlinge waren.57 Die große Zahl von Österrei­ chern weist darauf hin, dass Itzling auf dem besten Weg war seinen Charakter als Flüchtlingslager zu verlieren, da es zunehmend zur Unterbringung von Ein­ heimischen genutzt wurde. Dieser Prozess ist auch bei mehreren anderen Lagern in der amerikanischen Besatzungszone feststellbar. Auf Anordnung des Bundes­ ministeriums für Inneres wurde mit 30. September 1952 das Flüchtlingslager Itz­ ling aufgelöst. Die Bewohner wurden bis auf wenige Ausnahmen in andere Salzburger Bundeslager umgesiedelt. Die leer stehenden Räume forderte der Magistrat Salzburg auf Grundlage des Wohnungsanforderungsgesetzes an und belegte sie mit Notstandsfällen.58

Lager Laschenskyhof Im Stadtteil Wals­Siezenheim befand sich auf den Gründen des Stiftes St. Peter (Kendlersiedlung) das Barackenlager Laschenskyhof.59 Es handelte sich dabei um ein ehemaliges Lager der Deutschen Wehrmacht60, welches mit anderen Mit­ te des Jahres 1947 vom Stadtmagistrat Salzburg in die Verwaltung der Landes­ stelle für Umsiedlung übergeben worden war.61 Es bestand aus zwölf


189 Holzbaracken, wovon elf für Wohnzwecke genutzt wurden. Die Wohnfläche be­ trug 1500 m².62 Ende der vierziger Jahre befanden sich die Baracken bereits in ei­ nem schlechten Zustand und waren dringende reparaturbedürftig. In einem amerikanischen Inspektionsbericht heißt es dazu: The condition of the buildings has been found in poor shape. Some repair work has been done on the roofs, the floors and the living quarters by the camp inmates at their own expenses, but extensive repairs are needed on the roofs, floors, steps, side walls and foundations of all the barracks, otherwise the barracks will deteriorate beyond repair unless this action is taken.63

Ein Flüchtlingslager von vielen ...

In den nächsten Monaten wurden zwar die wichtigsten Reparaturen durchge­ führt, dennoch blieben gewisse Mängel, etwa die improvisierten Wände in den ehemaligen Massenunterkünften, noch weiter bestehen.64 Vor der Belegung des Lagers mit Volksdeutschen waren darin fremdsprachige Flüchtlinge und DPs – Jugoslawen, Russen, Rumänen, Tschechen, Bulgaren und Ungarn – unterge­ bracht; im Februar 1947 insgesamt 421 Personen.65 Nach der Übernahme durch die Landesstelle für Umsiedlung sank – soweit sich an den vorhandenen Statisti­ ken feststellen läßt – die Zahl der Bewohner kontinuierlich. Dennoch galt La­ schinskyhof bis Anfang des Jahres 1950 als überbelegt. Im März 1950 lag die


190 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK durchschnittliche Wohnfläche für eine Person zwischen 4 und 5 m².66 Als beson­ dere Einrichtungen befanden sich nur eine Ambulanz, ein Kindergarten, ein Aufenthalts­ und ein Duschraum, der aus bereits genannten Gründen allerdings kaum benützt wurde (Siehe „Lager Bergheim“), im Lager. Von den am 13. Okto­ ber 1949 gezählten 329 Bewohnern waren 308 Volksdeutsche (202 aus Jugoslawi­ en, 48 aus Rumänien, 46 aus Polen, acht aus der CSR und vier aus Russland) und der Rest fremdsprachige Flüchtlinge und Staatenlose.67 Wie in anderen Lagern wurde von den Amerikanern die Diszipliniertheit der Bewohner hervorgehoben, und zu deren Äußerem wurde festgehalten: „The people are very neat in appea­ rance even though their cloths are tatter and torn.“68 Über ihre Moral finden sich in den amerikanischen Berichten widersprüchliche Feststellungen. Auf alle Fälle hatten Arbeitslosigkeit und zu geringes Einkommen negative Auswirkungen.69 Wegen ihrer extremen Armut konnten die Bewohner ihre Wohnsituation aus Ei­ geninitiative auch kaum wesentlich verbessern. Was die Zukunft anbelangte, so herrschte unter ihnen weitgehende Rat­ und Hoffnungslosigkeit. Diese Haltung war typisch für weite Kreise der Volksdeutschen am Ende der vierziger Anfang der fünfziger Jahre. In einem amerikanischen Inspektionsbericht heißt es dazu: After an informal talk with the camp inmates it has been found that the people are at their wits end because they are in need of a solution to their problem. At the present time these people do not know what the future holds for them. They cannot resettle or emigrate to other countries because they do not come under any category of the IRO and they cannot and will not be forced to return to countries where they come from, unless the present regime is changed. There has not been any settlement yet of the people in this camp.70 Anfang April 1954, kurz vor seiner Auflösung, lebten noch 162 Personen im La­ ger.71 Aus den Quellen geht nicht hervor, wann genau Laschenskyhof aufgelas­ sen wurde und was mit den verbliebenen Bewohnern geschehen ist. Die Lagerauflösung muß aber während des zweiten Viertel des Jahres 1954 erfolgt sein.

Lager Lehen (Unterkunftsstelle 3) In der Stadt Salzburg, Ignaz­Harrer­Straße 2, befand sich das Lager Lehen. Es be­ stand aus acht großen Reichsarbeitsdienst­Baracken, die nach dem Krieg zur Un­ terbringung von DPs verwendet wurden und über eine Wohnfläche von 2407 m² verfügten.72 Am 3. Juli 1947 übernahm die Landesstelle für Umsiedlung seine Verwaltung. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Baracken in einem stark vernachlässigten Zustand. Auch waren die elektrischen Leitungen unterbrochen, fehlten Beleuchtungskörper und Lichtschalter und von der ehemaligen Einrich­


191 vorhanden.73

tung war nur noch zehn Prozent Das Lager bekam nun die Be­ zeichnung „Unterkunftsstelle“, wurde auf Selbsterhaltung umgestellt und mit den Unterkunftsstellen Itzling und Maxglan zu einer Wirtschaftseinheit zusam­ mengelegt. Die Belegung erfolgte durch die Landesstelle für Umsiedlung, auch wurden einige Baracken an private Firmen vermietet, die dort ihre Arbeitskräfte unterbrachten. Anfang Dezember 1947 war es von 246 Personen bewohnt, von denen 158 Volksdeutsche, 24 Österreicher und der Rest fremdsprachige Flücht­ linge waren.74 Als Sondereinrichtung bestand für die Volksdeutschen nur ein Kindergarten im Lager. Bereits gute zwei Jahre nach der Übernahme, am 1. Au­ gust 1949, wurde Lehen der Bundesgebäudeverwaltung Salzburg übergeben. Die Landesstelle für Umsiedlung war aber weiterhin für die Bewohner verant­ wortlich.75 Ab der Übergabe finden sich in den österreichischen Quellen kaum noch Hinweise auf die Unterkunftsstelle Lehen, die auch in den Listen und Stati­ stiken nicht mehr geführt wurde. Wir erfahren deshalb nicht, was mit dem Lager und seinen Bewohnern in den nächsten Jahren geschehen ist. Aus einem ameri­ kanischen Inspektionsbericht, der nur wenige Monate nach der Übergabe ver­ fasst wurde, geht allerdings hervor, dass das Lager noch immer zahlreiche Mängel aufwies. Zum Zustand der Gebäude und des Lagergeländes wurde dar­ in festgehalten: a. Building: All eight wooden barracks are in collapsible condition. Barracks No. 5 is in the worst state of them all, sinking foundation, walls slanting on a 45 angle, ceiling and walls in a wavy condition. All roofs of the barracks leak whenever it rains. b.Grounds: Grounds in camp area are in damn poor condition. Large holes are all around the camp area, needing crushed rock or gravel dampy and muddy. c.Winterization: Stoves in all rooms, no double windows, great cracks in walls or ceilings. d.Remarks: Barracks No. 4, which is sponsored by the firm Porr, is the only barracks which was found satisfactory. Too much junk is cluttered in the hallway.76 Weiters wurden die fehlende Abfallbeseitigung, die unzureichenden Feuer­ schutzmassnahmen, die schmutzigen und übel riechenden Toiletten („The toilets smell so bad that it upsets one’s stomach.“), das verschmutzte Lagergelände und die fehlende medizinische Betreuung der Lagerbewohner beanstandet. Mit „un­ satisfactory“ fiel dann auch die Beurteilung entsprechend aus.77 In den nächsten


192 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Monaten wurden dann einige Missstände beseitigt, sodass bei der nächsten In­ spektion die Beurteilung mit „satisfactory“ schon etwas besser ausfiel.78 Im März 1950 lebten im Lager 389 Personen, von denen 282 Volksdeutsche (175 aus Jugoslawien, 70 aus Rumänien und 37 aus der CSR), 51 Österreicher, vier Deutsche und der Rest fremdsprachige Flüchtlinge waren.79 Soweit wir über Zahlen verfügen, lässt sich feststellen, dass von 1947 bis 1950 die Zahl der Be­ wohner entgegen dem allgemeinen Trend ständig angestiegen ist. Die Meinung der volksdeutschen Bewohner über ihre Situation und Zukunftsperspektiven un­ terschied sich kaum von der in anderen Lagern um das Jahr 1950. Im Bericht wurde dazu festgehalten: The moral is fair. Majority of the people are Volksdeutsche who feel that the Volksdeutsch problem should be given more attention, and that immigration procedure should undergo some changes. Many feel their chances of immigration are hopeless.80

Lager Lexenfeld Im Salzburger Stadtteil Liefering, an der Schönleiten­ und Peter­Pfenninger­Stra­ ße gelegen, stand neben dem Jesuitenkloster und auf dessen Gründen das Ba­ rackenlager Lexenfeld. Es handelte sich hier um ein ehemaliges Lager der Deutschen Wehrmacht, das aus 20 Holzbaracken bestand.81 Offensichtlich wurde es unmittelbar nach Kriegsende als Deutsches Eigentum von den Amerikanern beschlagnahmt und dann der UNRRA übergeben, von der 1947 die IRO die Ver­ waltung übernahm. In den ersten Nachkriegsjahren diente es zur Unterbringung von UN­DPs, in der Hauptsache Ukrainern. Außer den Holzbaracken gehörte zum Lager noch ein Teil des Klostergebäudes, in dem sich vor allem Büro­ und Lagerräume befanden. Im Oktober 1949, wenige Monate vor seiner Übergabe an die Landesstelle für Umsiedlung, lebten in Lexenfeld 855 fremdsprachige Flücht­ linge. Die größten Gruppen stellten die Ukrainer (561), Ungarn (137), Jugoslawen (52) und Tschechen (43).82 Bei einer in diesem Monat durchgeführten Inspektion erhielt das Lager von den Amerikanern noch die Beurteilung „excellent“.83 Als es aber am 29. Dezember 1949 von der Landesstelle für Umsiedlung übernommen wurde, befand es sich in einem völlig desolaten und verschmutzten Zustand, so­ dass es einer Generalinstandsetzung unterzogen werden musste.84 Nach der Übersiedlung der verbliebenen Bewohner in andere Lager und der Rückgabe des Klostergebäudes an seinen Besitzer wurde Lexenfeld als Fürsorgelager für Volksdeutsche mit einem eigenen Krankenrevier, einer Gemeinschaftsküche und einer Tbc­Station eingerichtet.85 Da hier nun die Fürsorgefälle konzentriert wur­ den, führte dies in den anderen volksdeutschen Lagern zu einer fühlbaren Auf­


193 lockerung der Unterkünfte und ermöglichte diverse Einsparungen. Durch die Übernahme der gesamten Bewohnerschaft des Lagers St. Johann im Pongau konnte sogar dieses Lager aufgelassen werden.86 Am 12. April 1950 lebten be­ reits wieder 216 Personen (211 Volksdeutsche, drei Esten und zwei Österrei­ cher) im Lager Lexenfeld.87 War es wenige Tage nach seiner Übernahme durch die Landesstelle für Um­ siedlung von den Amerika­ nern noch mit „unsatisfactory“ beurteilt worden88, so hatten sich die Verhältnisse in der Zwischenzeit schon etwas gebessert. Zu diesem Zeit­ punkt rechnete man, dass Kindheit im Flüchtlingslager die Instandsetzungsarbei­ ten bis zum Sommer abge­ schlossen sein könnten.89 Bis Mitte 1951 stieg die Anzahl der Bewohner anscheinend kontinuierlich an, um dann wieder langsam abzunehmen. Der An­ teil der Befürsorgten betrug dabei zwischen 40 und 60 %. Anfang Oktober 1951 lebten im Lager 644 Personen, von denen 332 befürsorgt waren.90 Bis 1. Jänner 1953 war die Anzahl der Bewohner auf 335 gesunken (davon 316 Volksdeut­ sche).91 Am 1. Mai 1953 wurde das Flüchtlingslager Lexenfeld von der Stadtge­ meinde Salzburg in eigene Verwaltung übernommen.92 Was mit ihm und seinen Bewohnern weiter geschehen ist, konnte aus den bisher bearbeiteten Quellen nicht festgestellt werden.

Lager Maria Sorg In der Gemeinde Bergheim, im Norden von Salzburg, befindet sich das Missi­


194 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK onshaus Maria Sorg. Der Wohnblock, in dem früher die Missionsdruckerei un­ tergebracht war, diente während des Krieges als Militärmagazin. Im August 1946 wurde das Gebäude von der Bezirkshauptmannschaft Salzburg angefordert und mit Flüchtlingen belegt.93 Ein Jahr später übernahm das Lager die Landes­ stelle für Umsiedlung in ihre Verwaltung.94 In 25 Räumen, auf einer Wohnfläche von 925 m², waren in den vierziger Jahren meist um 200 Volksdeutsche in Maria Sorg untergebracht.95 Bei der Einweisung der Bewohner hatte man darauf Rück­ sicht genommen, dass das Lager weit von der Stadt und größeren Industrieun­ ternehmen entfernt war. Deshalb war die Zahl der Personen, die außerhalb des Lagers arbeiteten, relativ gering. Ältere Menschen und kinderreiche Familien, bei denen oft der Erhalter gefallen war, stellten den größten Teil der Bewohner­ schaft.96 In den ersten Jahren seines Bestehens gab es eine Gemeinschaftsküche und bis zum Ende des Schuljahres 1949/50 auch eine Schule im Lager.97 Soweit es Unzulänglichkeiten gab, standen diese meist damit in Zusammenhang, dass das Gebäude nicht für die Unterbringung von Flüchtlingen vorgesehen war. Häufig mussten mehrere Familien in einem Raum – manchmal waren es 16 bis 18 Personen – untergebracht werden. Reparaturen und Verbesserungen wur­ den von den Bewohnern oft selbst durchgeführt.98 Entsprechend fiel auch die Be­ urteilung des Lagers durch die Amerikaner aus. Nach einer Inspektion im August 1947 wurde festgehalten: The Volksdeutsch camp at Maria Sorg near Salzburg was inspected by this office. Conditions were found to be about as good as can be expected, with the exception of very bad infestation with bedbugs. The Land Public Health Director was urged to supply the camp with adequate amounts of DDT.99 Auch wenn die Verhältnisse in Maria Sorg von den einzelnen amerikanischen Inspektoren unterschiedlich beurteilt wurden, so scheint die Wohnsituation doch besser als in den meisten anderen Salzburger Lagern gewesen zu sein. Der größ­ te Teil der beschäftigten Bewohner (55 von 67) arbeitete in Kasernen in der Glockengießerei und Papierfabrik. Diese beiden Betriebe waren beinahe voll­ ständig auf die volksdeutschen Arbeitskräfte angewiesen.100 Was die Haltung der Bewohner und ihre Vorstellungen und Wünsche für die Zukunft betraf, so gab es kaum Unterschiede im Vergleich zu Lagern. In einem amerikanischen In­ spektionsbericht wurde dazu festgehalten: After an informal talk with the people, it has been found, that they would like to emigrate or resettle as a whole group (the 208 people in camp) anywhere in North or South America or Australia. They do not say anything good or bad about the Austrians or Austria.101 Und einige Monate später hieß es:


195 Many people believe the recent conference held in Salzburg on the Volksdeutsch problem is only an eye washer, so the people will think that something for their benefit is being done. Many people would like to return to their place of origine, but not under the present regime. Due to the IRO not paying for their resettlement their condition remains to be doubtful.102 Natürlich wirkte sich diese Perspektivenlosigkeit negativ auf die Moral der Volksdeutschen aus.103 Im März 1950 lebten 201 Personen im Lager Maria Sorg, von denen 197 Volksdeutsche (187 aus Jugoslawien und zehn aus Rumänien) und vier Österreicher waren.104 Seit dem Jahre 1948 hatte sich die Leitung des Missionshauses, um eine Räumung des Gebäudes, in dem das Lager unterge­ bracht war bemüht, um dort wieder die Missionsdruckerei einzurichten. Da die Flüchtlinge aber nirgends sonst untergebracht werden konnten, sie zum Teil auch wegen ihrer Arbeitsplätze ortsgebunden und die Wohnverhältnisse in Ma­ ria Sorg vergleichsweise gut waren, wurde zunächst von den Amerikanern einer Räumung nicht zugestimmt. Der Leitung des Missionshauses wurde aber zuge­ sagt, dass man die Bewohner in dem Maße nach und nach in andere Lager um­ siedeln werde, wie dort Wohnräume frei würden, damit das Gebäude möglichst bald zurückgegeben werden könnte.105 Seit 1950 verringerte sich dann die Zahl der Bewohner kontinuierlich. Bis Mitte 1953 war sie auf 84 Personen gesunken. Dabei handelte es sich ausschließlich um Volksdeutsche aus Jugoslawien.106 Be­ reits im Mai hatte man der Leitung des Missionshauses mitgeteilt, dass alle Vor­ bereitungen für eine anderweitige Unterbringung der noch in Maria Sorg verbliebenen Flüchtlingsfamilien getroffen worden seien. Als Freimachungster­ min wurde der 15. Juli 1953 ins Auge gefasst.107 Das Lager muss dann tatsächlich im zweiten Halbjahr 1953 aufgelöst worden sein, da es Ende Dezember nicht mehr in der Statistik aufscheint.108

Lager Maxglan (Unterkunftsstelle 2) Im Jahre 1939 wurden auf einem Grundstück der Firma Leopold Rauch (Walz­ mühle) in Maxglan, mit der späteren Adresse Innsbrucker Bundesstraße 36, mehrere Baracken von der „Neuen Heimat“, der gemeinnützigen Wohnungs­ und Siedlungsgenossenschaft der Deutschen Arbeitsfront, errichtet. Sie sollten zur Unterbringung der beim Bau der Aiglhofsiedlung beschäftigten Arbeiter die­ nen. Im Mai 1945 wurden die Baracken von den Amerikanern beschlagnahmt und unter dem Namen „Camp Green“ als Lager für Kriegsgefangene und an­ schließend für DPs verwendet.109 Am 11. Juni 1947 übergab es die UNRRA, die ihrerseits das Lager von den Amerikanern übernommen hatte, in die Verwal­ tung der Landesstelle für Umsiedlung. Zu diesem Zeitpunkt befand es sich in ei­


196 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK nem „defekten“ Zustand.110 In Maxglan sollten nun in erster Linie fremdsprachi­ ge Flüchtlinge aus dem Lager Parsch untergebracht werden. Dabei handelte es sich um Personen, denen aufgrund begangener Straftaten oder wegen ihrer Zu­ gehörigkeit zu faschistischen Verbänden und Organisationen bzw. wegen ihrer Zusammenarbeit mit diesen während des Krieges die DP­Eigenschaft von der Militärregierung aberkannt worden war.111 Am 20. Juni 1947 waren die acht Wohnbaracken des Lagers bereits wieder mit 230 Letten, Esten, Litauern und Po­ len belegt.112 Nach der Übernahme durch die Landesstelle für Umsiedlung wur­ de das Lager auf „Unterkunftsstelle Maxglan“ umbenannt, auf Selbsterhaltung umgestellt und mit den anderen beiden Unterkunftsstellen, Itzling und Lehen, zu einem Wirtschaftskörper zusammengefasst. Am 21. Dezember 1947 waren be­ reits 58 der 217 Bewohner Volksdeutsche.113 Ihr Anteil erhöhte sich aber in der Folgezeit noch wesentlich. Nach dem Ausscheiden der Unterkunftsstellen Itzling und Lehen aus der Verwaltung der Landesstelle für Umsiedlung im Jahre 1949 war Maxglan alleine nicht mehr selbsterhaltungsfähig und erhielt deshalb den Status eines Ausländerlager.114 Es wurde bereits erwähnt, dass das Lager in ei­ nem „defekten“ Zustand von der Landesstelle für Umsiedlung übernommen worden war. Unter welchen Bedingungen die Flüchtlinge dort leben mussten, geht aus einem Bericht des Gesundheitsamtes Salzburg hervor, der wenige Wo­ chen nach der Übernahme verfasst wurde. Dort heißt es: Das Flüchtlingslager besteht aus mehreren Baracken, welche sich zum Teil in einem sehr desolaten Zustand befinden. Es fehlen zum Teil Fenster, die Fußböden und Seitenwände sind sehr schadhaft, desgleichen die Dächer, sodass Niederschlagswasser durchdringen kann. Eine Waschanlage ist wohl vorhanden, Warmwasser steht nicht zur Verfügung, da die Kesselanlage defekt ist. Der Waschraum war am Tage der Besichtigung sehr unsauber, jedoch durch Isolierung der Wasserleitungsrohre gegen Kälte bedeckt. Die Latrine war übervoll, in einem nicht ganz sauberen Zustand und Brillendeckel fehlten. Die Müllgruben, welche neben der Latrinenanlage gelegen sind, waren übervoll und werden nach Angaben des Lagerleiters, sobald ein Fahrzeug zur Verfügung steht, entleert werden. Die Müllabfuhr und die Latrinenentleerung stoßen jedoch auf Schwierigkeiten wegen Treibstoffmangel. Das Lager wird derzeit von 179 Personen bewohnt, darunter einige 20 Kinder. Die einzelnen Wohnräume sind sehr notdürftig eingerichtet, zum Teil sehr überfüllt, sodass die Lagerinsassen auf engstem Raum zusammengedrängt sind. Im gesamten Lager ist kein einziger Ofen vorhanden, sodass nur das Allernotdürftigste auf Elektroplatten gekocht werden kann, es ist nicht der geringste Kälteschutz für den kommenden Winter vorhanden. Auch ist ein sehr großer Mangel an Decken vorhanden. Das ganze Lager macht einen sehr trostlosen Eindruck und es ist, um den Lagerinsassen wenigstens in einer Hinsicht entgegen zu kommen, unbedingt notwendig, dass Decken und Öfen (nach Angabe des Lagerleiters mindestens 70 Decken und 15 Öfen, auf welchen


197 auch gleichzeitig gekocht werden kann) ehestens zur Verfügung gestellt werden. Falls dies nicht in allernächster Zeit geschehen sollte, besteht naturgemäß die Gefahr, dass bei dem unzureichenden Kälteschutz, welchen die dünnwandigen Baracken bilden, alle Lagerinsassen, besonders die Kinder, an ihrer Gesundheit schwersten Schaden erleiden.115 Zwei Monate später wurden die Baracken vom Kommandanten der Stadtfeuer­ wehr auch im Hinblick auf ihre Feuersicherheit überprüft. Dabei stellte dieser fest: Rauchrohre und Öfen sind zum Teil zu nahe an der Holzwand aufgestellt! Möbel, Kisten, Papier usw. sind in unmittelbarer Nähe der Öfen! Fast ausnahmslos fehlen die Bodenbleche vor den Feuertüren der Öfen. Viele Rauchrohre sind derart durch Holzwände, Decken und Fenster geführt, dass zwischen Rauchrohr und Holz nur ein ganz geringer Abstand bleibt. Seitlich ausgeführte Rauchrohre münden in vielen Fällen noch unter der Dachkante. Gegen Umwerfen durch den Wind ist keines der ausgeführten Rauchrohre gesichert. Die elektr. Installation in einigen Baracken ist folgendermaßen ausgeführt: Direkt an der Freileitung angezapfter Al-Draht führt in großen Schleifen, die fast bis auf den Boden hängen, ohne Sicherung in die Baracken und von einer Baracken zur anderen. Stellenweise wurde der Draht auf das Holz aufgenagelt. Leiterverbindungen sind statt mit vorschriftsmäßigen Klemmen durch einfaches Verdrehen der Leiter hergestellt. Steckdose und Stecker für elektr. Kochplatten sind durch blanke Drahthaken ersetzt! usw. Eine derartige „Installation“ bedeutet nicht nur eine akute Brandgefahr in den Holzbaracken, sondern stellt auch eine Gefährdung der persönlichen Sicherheit der Bewohner dar! Es ergeht an das Städt. Elektr. Werk gleichzeitig ein Bericht und ein Ersuchen um Abstellung der angeführten Mängel. In den nächsten zwei Jahren scheinen sich die Wohnverhältnisse nicht wesent­ lich gebessert zu haben. In einem amerikanischen Inspektionsbericht von Okto­ ber 1949 wird noch immer eine Reihe baulicher und sanitärer Mängel angeführt und das Lager als „unsatisfactory“ eingestuft.116 In den darauf folgenden Mona­ ten wurden dann aber eine Reihe von Reparaturen und Verbesserungen durch­ geführt, sodass die Beurteilung bei den darauf folgenden Inspektionen mit „satisfactory“117 und „very satisfactory“118 wesentlich besser ausfiel. Am 11. Ok­ tober 1949 lebten 222 Personen in Maxglan. Der weitaus größte Teil von ihnen – nämlich 173 – waren nun Volksdeutsche (151 aus Jugoslawien, 20 aus Rumänien, zwei aus der CSR). Außer fremdsprachigen Flüchtlingen wohnten noch fünf Deutsche und 20 Österreicher im Lager.119 Seit 1950 sank dann die Zahl der Be­ wohner ständig. Am 1. Juni 1953 wurden noch 111 Personen gezählt (davon 107 Volksdeutsche).120 Bereits im September 1952 bestand die Absicht, das Lager Ma­ xglan in der nächsten Zeit zu räumen.121 Ein konkreter Räumungs­ bzw. Auflö­ sungstermin konnte anhand der verwendeten Quellen nicht festgestellt werden.


198 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK In einer Statistik der Landesstelle für Umsiedlung vom 28. Dezember 1953 scheint es aber nicht mehr auf122, sodass seine Auflösung im zweiten Halbjahr 1953 erfolgt sein muss.

Lager Rosittenkaserne (bzw. Rositten) Im Salzburger Stadtteil Riedenburg, an der Nußdorferstraße gelegen, befand sich das Lager Rosittenkaserne. Es handelte sich hier um das größte Flüchtlingslager für Volksdeutsche im Bundesland Salzburg, in dem während der vierziger Jahre auf nicht ganz 5700 m²Wohnfläche über 1500 Personen untergebracht waren.123 Das Lager bestand aus 16 Holzbaracken und einer Holzhütte, stand auf den Gründen der Stieglbrauerei und gehörte ursprünglich der Deutschen Wehr­ macht. Während des Krieges war es ein Pferdelazarett, und zwölf der 16 Holzba­ racken dienten als Pferdeställe. Um sie als Quartiere für Flüchtlinge verwenden zu können, waren entsprechende Adaptierungen nach dem Krieg notwendig. Als ehemaliges Deutsches Eigentum wurden die Baracken nach Kriegsende zu­ nächst von den Amerikanern beschlagnahmt und dann offensichtlich dem Stadt­ magistrat Salzburg übergeben, der das Lager bis Juli 1947 verwaltete. Mit anderen städtischen Lagern übernahm es dann die Landesstelle für Umsiedlung in ihre Verwaltung.124 Wegen seiner Größe gab es in der Rosittenkaserne eine Reihe von Einrichtungen, die in den meisten anderen Lagern im Bundesland Salzburg fehlten. Dazu zählten neben einer Krankenstation, einer Gemein­ schaftsküche, einer Kantine, einem Lebensmittelgeschäft, einer evangelischen Kirche und einem Kindergarten auch eine Reihe von Handwerks­ und Dienstlei­ stungsbetriebe. Weiters gab es einen eigenen Fußballclub, und zweimal pro Wo­ che wurden Filme gezeigt.125 Bedingt durch den ursprünglichen Verwendungszweck des Lagers, dem Fehlen von Baumaterialien für Reparaturen, aber offensichtlich auch wegen der schlech­ ten Verwaltung, waren die Lebensbedingungen im Lager ziemlich schlecht. Der Zustand der Gebäude wurde in einem amerikanischen Inspektionsbericht vom November 1949 so beschrieben: The conditions of the buildings are exceedingly bad. Sinking foundation, rotten floors, broken and missing windows, dark hallways, poor partitioning of barracks, roofs bad, side boards broken and missing.126 Über die sanitären und hygienischen Bedingungen im Lager hieß es weiter: a. The camp`s sanitation is very bad. Court yard and area around camp scattered with paper, old cans, rags and garbage and other junk.


199 b. Sleeping and living rooms seem to be overcrowded. Insufficient ventilation and no room to isolate the people with catching respiratory diseases c. Rabbits and chicken shacks attached to housing barracks, a health hazard. d. Drainage ditches in and around camp filled with garbage, tin cans, paper, human waste and other trash. Besides that, the ditches have not been cleaned of grass and weeds, which stops the normal flow of water. e. Waste and garbage disposal is poor. Large piles of rubbish, garbage and trash located around camp. f. Sufficient toilets and outdoor latrines are available. But the conditions of the latrines are bad. The foundations are sinking into the ground. Because of not being emptied of the human waste, the latrines stink to high heaven. No chloride of lime used. g. No bathing or laundry facilities located in camp. Only three barracks have wash rooms. Camp inmates use public bathing facilities in town. Others bathe in their own quarters. 127 Beanstandet wurden u. a. auch noch die fehlenden Feuerschutzmaßnahmen und die provisorische Unterteilung der großen Räume, die mit altem Holz, Teerpap­ pe, Karton und Zeitungspapier durchgeführt worden war.128 Trotz dieser Bean­ standungen besserten sich die Verhältnisse in den nächsten Monaten keineswegs. Bei einer Inspektion im Februar 1950 wurde das Lager mit „very un­ satisfactory“ noch um einen Grad schlechter beurteilt, als dies im November 1949 der Fall gewesen war.129 In den folgenden Jahren müssen dann aber doch wichtige Instandsetzungsarbeiten durchgeführt worden sein, sonst hätte das La­ ger nicht bis Anfang der sechziger Jahre bestehen können. Mitte Juli 1952 wird sein allgemeiner baulicher Zustand im Vergleich zu anderen Lagern als gut be­ zeichnet. Gleichzeitig wurde aber auch eine Reihe noch dringender Instandset­ zungs­ und Adaptierungsarbeiten gefordert.130 Ein großes Problem bildete über Jahre hindurch die Überbelegung des Lagers. Im Februar 1950 entfielen auf einen Bewohner im Schnitt erst 4 m²Wohnfläche. In einigen Baracken wurde dieser Durchschnittswert jedoch noch um einiges unterschritten. Zum Teil lebten immer noch drei bis vier Familien in einem Raum oder sechs bis acht Personen in einem kleinen Zimmer.131 Erst die Übersiedlung der befürsorgten Bewohner in das neu errichtete Fürsorgelager Lexenfeld brachte hier Erleichterungen. In den Gesprächen, die von den amerikanischen Inspektoren mit den Lagerbewoh­ nern Ende 1949 und Anfang 1950 geführt wurden, kam zum Ausdruck, dass sie – des Lagerlebens müde – bereit waren, sich an jedem Platz der Erde, ihr Her­ kunftsland ausgenommen, niederzulassen.132 Da bislang nichts für die Ansied­


200 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK lung der Volksdeutschen in Österreich getan worden war, hofften sie, österrei­ chische Staatsbürger zu werden. Bei einem Abzug der Besatzungstruppen wurde befürchtet, dass sie zum Verlassen des Landes gezwungen werden könnten.133 Am 9. November 1949 lebten im Lager Rosittenkaserne 1451 Personen, davon waren 1433 Volksdeutsche. Abweichend von den anderen Lagern stellten die Volksdeutschen aus Rumänien (707 Personen) – zumindest zeitweise – die größ­ te Gruppe, gefolgt von denjenigen aus Jugoslawien (452), Russland (193) und Po­ len (50).134 Durch die Übernahme der Fürsorgefälle in das Lager Lexenfeld, die einsetzende Auswanderung und die Übersiedlung der Volksdeutschen in die Bundesrepublik sank die Zahl der Lagerbewohner in den nächsten Jahren konti­ nuierlich. Dieser Trend wurde nur dann kurzfristig unterbrochen, wenn bei Auf­ lösung eines anderen Bundeslagers eine größere Anzahl von Personen übernommen werden musste. So konnte bis Mitte 1954 die Zahl der Bewohner auf 770 etwa halbiert werden.135 In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts setzte sich dieser Trend weiter fort. Dabei kam der verstärkten Wohnbautätigkeit aber im­ mer größere Bedeutung zu. Wie bei anderen Lagern konnte auch für die Rosit­ tenkaserne kein genauer Auflösungstermin festgestellt werden. Im Juni 1961 wurden noch zehn Baracken vom Bund verwaltet, die von 196 Personen be­ wohnt waren. Die wohnungsmäßige Integration eines Großteils dieser Bewohner war bis Ende 1962 zu erwarten, da sich entsprechende Wohnbauprojekte bereits im Bau befanden bzw. genehmigt worden waren. Lediglich 50 Flüchtlinge galten als schwer einzugliedernde Fälle. Man hoffte, dass auch sie in einem entspre­ chend geförderten Wohnbauprojekt Berücksichtigung finden würden.136

Lager Saalfelden­Bürgerau Die Holzbaracken des Lagers Saalfelden­Bürgerau standen auf Privatgrund und gehörten ursprünglich der Deutschen Wehrmacht.137 Nach dem Krieg wurden sie von den Amerikanern als Beutegut beansprucht und als Entlassungs­ und Gefangenenlager benützt. Anschließend wurden darin Flüchtlinge – zuerst Jugo­ slawen und dann Volksdeutsche – untergebracht.138 Von den Amerikanern über­ nahm zunächst die Bezirkshauptmannschaft Zell am See und dann, ab Mitte Juli 1947, die Landesstelle für Umsiedlung die Verwaltung des Lagers.139 Im Novem­ ber 1949 befanden sich die zehn Holzbaracken, die fast ausschließlich für Wohn­ zwecke genutzt wurden, in einem guten Zustand. Obwohl es keine besonderen Einrichtungen für die Bewohner gab, waren auch die sanitären und hygieni­ schen Verhältnisse zufriedenstellend. Die amerikanischen Inspektoren führten den guten Zustand des Lagers in der Hauptsache auf die hervorragenden Fähig­ keiten des Lagerleiters und seine Zusammenarbeit mit den Bewohnern zu­


201 rück.140

Probleme bereiteten allerdings die alten elektrischen Installationen, die für die aktuellen Belastungen nicht ausgelegt waren. Weiters wurden die unzu­ reichenden Feuerschutzmaßnahmen und die schlammigen Lagerwege beanstan­ det.141 Da es sich beim Großteil der Bewohner um Volksdeutsche aus Jugoslawien handelte, findet sich in den Quellen gelegentlich die Bezeichnung „Lager der Deutschen aus Jugoslawien“.142 Am 4. November 1949 lebten 263 Per­ sonen im Lager. Dabei handelte es sich offensichtlich ausschließlich um Do­ nauschwaben (261 aus Jugoslawien, je einer aus Rumänien und Ungarn).143 Von den Amerikanern wurde den Bewohnern eine außergewöhnliche Diszipliniert­ heit und hohe Moral, die auch auf die guten Wohn­ und Arbeitsverhältnisse zu­ rückgeführt wurde, bestätigt.144 In ihrer Charakterisierung heißt es weiter: The people in this camp are hard working and clean group. It would do any country well to consider these people for emigration.145 Der Großteil der Bewohner hatte den Wunsch, aus Österreich auszuwandern. Da dies bislang aber nur wenigen Personen gelungen und unter den geltenden Be­ stimmungen kaum möglich war, hofften sie, österreichische Staatsbürger zu werden. Die Frustration der Volksdeutschen wegen ihrer Benachteiligung bei der Auswanderung kommt auch in den Inspektionsberichten über dieses Lager zum Ausdruck.146 Mitte Juli 1952, zwei Monate vor seiner Auflösung, lebten noch 190 Personen im Lager.147 Am 11. September wurde es dann offiziell aufge­ löst und die Baracken an die Bewohner verkauft. Die Käufer verpflichteten sich, die in den Baracken wohnenden Parteien auf die Dauer von bis zu fünf Jahren in Untermiete zu übernehmen.148

Lager Siezenheim (I und II) In der Stadt Salzburg, zwischen Kleßheimer Allee und Siezenheimer Straße, öst­ lich des Anschlussgleises, befand sich ein Lagerkomplex, dessen mittlerer Be­ reich nach dem Krieg zur Unterbringung von jüdischen Flüchtlingen und DPs benutzt wurde. In diesem Lager, das den Namen Beth Bialik trug, waren im Frühjahr 1948 über 1300 Juden untergebracht.149 Zuerst wurde es von den Ame­ rikanern und dann von der IRO verwaltet. Durch die legale und illegale Aus­ wanderung der Juden konnte ein Teil des Lagers 1949 geräumt und Anfang November der Landesstelle für Umsiedlung übergeben werden. Dabei handelte es sich um acht Baracken, von denen zwei Privatfirmen übernahmen. Von den anderen sechs wurden fünf instandgesetzt, in familiengerechte Wohneinheiten unterteilt und mit Volksdeutschen aus den überfüllten Salzburger Lagern – die Mehrzahl kam aus dem Lager Hotel Europe – belegt.150 Die sechste diente für


202 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Abstellzwecke und zur Lagerung von Heizmaterial. Diese Baracken, zu denen noch eine Badebaracke dazukam, bildeten das Lager Siezenheim I. Am 13. Jän­ ner 1950 lebten darin bereits 286 Personen. Mit Ausnahme eines Österreichers handelte es sich dabei ausschließlich um Volksdeutsche (278 aus Jugoslawien, vier aus der CSR, zwei aus Ungarn und einer aus Russland).151 Die fünf Wohnba­ racken befanden sich zu diesem Zeitpunkt in einem ausgezeichneten baulichen Zustand.152 Überhaupt boten die Wohn­ und Lebensbedingungen im Lager kaum einen Anlass zur Kritik. Nach Meinung der Amerikaner waren auch sie im Wesentlichen die Ursache für die hohe Moral der Lagerbewohner. In einem In­ spektionsbericht heißt es dazu: The morale of the people is sky-high because of the excellent living quarters, and besides the head of the house has employment which helps the morale a great deal.153 Mitte 1950 wurde auch der bisher noch von der IRO verwaltete Teil des Lagers Beth Bialik an die Landesstelle für Umsiedlung übergeben. Unter der Bezeich­ nung Siezenheim II wurde er mit dem volksdeutschen Lager zusammenge­ schlossen und gemeinsam verwaltet154, sodass in den Quellen oft nur mehr vom Lager Siezenheim die Rede ist. Außer Volksdeutschen lebten darin nun auch fremdsprachige Flüchtlinge. Von 581 Personen, die Anfang des Jahres 1953 im gesamten Komplex wohnten, waren 454 Volksdeutsche, 70 fremdsprachige Flüchtlinge und der Rest deutsche und österreichische Staatsbürger.155 Ende De­ zember 1959 wurde das Flüchtlingslager Siezenheim offiziell aufgelöst und die letzte Wohnbaracke dem Amt der Salzburger Landesregierung übergeben. Bis zur Einweisung in feste Unterkünfte verblieben aber noch 19 Flüchtlinge im La­ ger.156

Lager St. Johann im Pongau Nach dem Krieg wurde auch die ehemalige Jägerkaserne des Bundesheeres in St. Johann zur Unterbringung von Flüchtlingen verwendet. Soweit aus den Quellen hervorgeht, waren die Steingebäude der Kaserne mit königstreuen Jugoslawen (Serben) belegt. Im Oktober 1949 wurde das von der IRO verwaltete Lager auf­ gelöst und die Kasernengebäude der DP­Section der Amerikanischen Militärre­ gierung übergeben.157 Zum Lager St. Johann gehörten ursprünglich aber auch einige Holzbaracken. Zwei davon übernahm im August 1948 die Landesstelle für Umsiedlung von der IRO. Später kamen noch zwei weitere dazu, sodass das von der Landesstelle für Umsiedlung verwaltete Lager aus vier Holzbaracken bestand. Davon befanden sich drei diesseits und eine, in der auch die Lagerkü­ che untergebracht wurde, jenseits der Salzach. Nach der Errichtung einer Ge­


203 meinschaftsküche und der Durchführung der notwendigsten Instandsetzungsar­ beiten wurden die Baracken mit Volksdeutschen belegt, die aus dem Durch­ gangslager und anderen Flüchtlingslagern in der Stadt Salzburg kamen. Dabei handelte es sich durchwegs um erwerbslose Personen, die zu einem Großteil be­ fürsorgt waren. Durch diese Maßnahme sollten die volksdeutschen Lager in der Stadt entlastet werden.158 Mitte Dezember 1949 lebten in den vier Baracken in St. Johann bereits 168 Volksdeutsche. Mit 128 Personen stellten wiederum diejeni­ gen aus Jugoslawien die größte Gruppe.159 Aus den Quellen erfahren wir nicht, in welchem Zustand die Baracken übernommen und welche Instandsetzungen durchgeführt wurden. Wir wissen aber, dass die Lebens­ und Wohnbedingun­ gen im neuen Lager zumindest seit Oktober 1949 äußerst schlecht waren. Proble­ me verursachte auch der Standort der Baracken in Flussnähe. Dazu heiß es in einem amerikanischen Inspektionsbericht: The general appearance of the camp is extremely bad. The camp is devided by a large and swift river called the Salzach. This river rises and overflows its banks whenever it rains continuously for two or three days. This causes great hardship among the camp inmates; the kitchen is located in a single barrack across the river and whenever the river rises a couple of feet the foot bridge to this barrack is closed and people have to use another bridge which is located a great distance from the other barracks. It takes 15 – 20 minutes to reach the kitchen by this detoured route and by the time the food is carried back to the people`s barracks it is cold and nearly half of the food is lost by carriage. The river so far has carried away two latrines, a rabbit and chicken shed and from what the people say, conditions are twice as bad during the winter time.160 Gleichzeitig waren aber die Lagerbewohner auf die Salzach in vielerlei Hinsicht angewiesen; in den Fluss wurden die Abwässer geleitet, der Müll entsorgt, in ihm wurde die Wäsche gewaschen und im Sommer gebadet. Von allen Lagern im Bundesland Salzburg stellten die amerikanischen Inspektoren St. Johann das schlechteste Zeugnis aus („This camp is one of the worst in the Land“ – MF 62/1121, „The whole camp was found in the worse physical condition of any other camp in Land Salzburg“ – MF 62/1429) und empfahlen seine Schließung aus folgenden Gründen: 1) Poor condition of the living quarters and barracks, no winterization, the barracks are a fire trap, 2) Lack of latrines, bathing and washing facilities, 3) No church, first aid room, nor recreation facilities, 4) No kindergarten, or any other classes in camp, 5) Poor garbage and trash disposal,


204 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 6) Improper installations of electrical wiring, 7) Very poor water supply, 8) Primitive kitchen, broken steam boilers and rusty and broken kitchen utensils. Es ist verständlich, dass unter solchen Bedingungen auch die Moral der Lagerbe­ wohner entsprechend niedrig war. Allerdings registrierten die Amerikaner mit einer gewissen Verwunderung, dass sich die Bewohner trotzdem äußerst diszi­ pliniert verhielten.161 Da sich die Verhältnisse nicht besserten und die Amerika­ ner immer wieder auf die schlechten Lebensbedingungen hinwiesen, leitete schließlich die Landesstelle für Umsiedlung Maßnahmen zur Schließung des La­ gers ein. Mitte Februar 1950 wurde dann St. Johann aufgelassen und die Bewoh­ ner in das Fürsorgelager Lexenfeld übernommen.162

Lager Volksgarten Im Jahre 1940 errichtete die Reichsstatthalterei im Auftrag des Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen im Salzburger Franz­Josef­Park ein Barackenla­ ger, in dem Arbeiter untergebracht wurden, die beim Bau der Staatsbrücke be­ schäftigt waren.163 Nach Kriegsende dienten die Baracken als Flüchtlingslager für DPs der Vereinten Nationen, das von der UNRRA verwaltet wurde. Im März 1947 übernahm das Lager zunächst der Stadtmagistrat Salzburg und quartierte darin Volksdeutsche ein. Mit anderen volksdeutschen Lagern wurde es dann vier Monate später in die Verwaltung der Landesstelle für Umsiedlung überge­ ben.164 Die sieben Baracken des Lagers galten als Deutsches Eigentum und standen auf dem Grund der Stadtgemeinde Salzburg. Bei ihrer Übergabe an die Landesstelle für Umsiedlung herrschte in ihnen eine Wanzenplage, für die nach Meinung der Lagerverwaltung die vorhergehenden Bewohner, Russen und Ukrainer, verant­ wortlich waren.165 Wie bei den anderen Lagern wurden in den nächsten Jahren kaum Reparaturen durchgeführt. Über den Zustand der Baracken und die bishe­ rigen Instandsetzungen hielt ein amerikanischer Inspektor in einem Bericht vom Oktober 1949 folgendes fest: The condition of the barracks is fair. These barracks are about 10 years old and have deteriorated because during the last four years no repair work has been maintained. It was only during the past year that the Land Government issued roofing material (tar paper and tar) and a little lumber for repairing the flooring, but this was not enough. The barracks need to be winterized; broken and missing windows need to be repaired and replaced.166


205 Da es zu diesem Zeitpunkt auch Missstände bei den Feuerschutzmaßnahmen und im sanitären Bereich gab, bekam das Lager von den Amerikanern nur die Beurteilung „satisfactory“.167 In den nächsten Monaten wurde ein großer Teil der bisherigen Kritikpunkte beseitigt, was sich auch positiv auf die Moral der Be­ wohner auswirkte. Seinen Bericht, über eine am 28. Februar 1950 durchgeführte Inspektion, schloss der amerikanische Inspektor mit folgenden Feststellungen: The camp inspector has found that there is a marked improvement in sanitation, food, winterization, and health since the inspection of 1949 (…) The camp is in a good condition and the camp inspector does not recommend the camp to be closed, unless better housing can be found.168 Bis 1955 wurde das Lager weiterhin von der Landesstelle für Umsiedlung ver­ waltet. Im Frühjahr dieses Jahres erfolgte dann die kostenlose Übertragung der Baracken an die Stadtgemeinde Salzburg, die sie offensichtlich für Wohnzwecke auch weiterhin verwendete.169 Während der vierziger Jahre galt das Lager, in dem zeitweise mehr als 280 Personen lebten, als überbelegt. Am 18. Oktober 1949 wurde es von 255 Personen bewohnt, von denen 238 Volksdeutsche (davon 191 aus Jugoslawien), neun Österreicher und acht fremdsprachige Flüchtlinge waren.170 Im darauf folgenden Jahr sank die Zahl der Lagerbewohner auf etwa 150 Personen und blieb dann in den nächsten Jahren relativ konstant. Anfang Ju­ li 1954 lebten noch 153 Personen (davon 135 Volksdeutsche) im Lager.171 In den Gesprächen, die die Amerikaner mit den Lagerbewohnern führten, zeig­ ten sich diese über ihre erfolglosen Auswanderungsbemühungen entmutigt.172 Auch klagten sie über die restriktive Haltung der österreichischen Behörden bei der Familienzusammenführung und beim Zuzug volksdeutscher Kriegsgefange­ ner, die die Zerrissenheit der volksdeutschen Familien prolongierte. 1

SLA, LfU, Schachtel 98 (II. Teil).

2

OÖLA, NARA, MF 62/967. Headquarters United States Forces in Austria, USACA Secti­ on, Internal Affairs, Displaced Persons Division, APO 541, US Army, 2 November 1949. Subject: Inspection of D. P. Camp Niederalm­Anif on 20 October 1949. 3

SLA, LfU, Schachtel 19 (II. Teil), Zl. 851/14. Niederschrift über die am 12. und 14. 12. 1947 durchgeführten Besichtigungen des „Schwabenlagers“ in Anif bei Grödig. 4

Ebda.

5

Vgl. ebda.

6

OÖLA, NARA, MF 62/965.

7

SLA, LfU, Schachtel 10. Lagerstandsmeldung mit Stichtag 1. Juli 1954.

8

Ebda.

9

SLA, LfU, Schachtel 19 (II. Teil), Zl. 851/7. Amt der Landesregierung Salzburg an das


206 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Amt für Umsiedler d. Landesregierung in Salzburg vom 14. 11. 1947. 10

SLA, LfU, Schachtel 19 (II. Teil), Zl. 851/14.

11

OÖLA, NARA, MF 62/965.

12

Ebda., MF 61/293. Hqs USFA, USACA Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 16 February 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 13

Ebda.

14

Ebda., MF 61/287 – 291.

15

Ebda., MF 61/292.

16

SLA, LfU, Schachtel 136. Tätigkeitsbericht des Referats für Flüchtlings­, Umsiedlungs­ und Auswanderungsangelegenheiten über das Verwaltungsjahr 1959. 17

Roth, Franz: Die Volksdeutschen in Salzburg. – In: Salzburg 1945 –1955. Zerstörung und Wiederaufbau. – Salzburg 1995, S. 164. 18

SLA, LfU, Schachtel 98 (II. Teil).

19

Ebda., Schachtel 16 (II. Teil), Zl. 693/9. Bericht über die Belegung des Lagers Bergheim vom 5. September 1947. 20

Ebda.

21

OÖLA, NARA, MF 61/283 – 285. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – D. P. Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 20 February 1950. Subject: Camp Inspektion (formal). 22

Ebda., MF 62/1203. Hqs USFA, USACA Section, Inernal Affairs – Displaced Persons Di­ vision, APO 777, U. S. Army, 18 November 1949. Subject: Fromal Inspection Report. 23

Ebda., MF 62/1199 und1203.

24

Ebda., MF 61/281.

25

Ebda., MF 61/285.

26

SLA, LfU, Schachtel 16 (II. Teil), Zl. 693/1. Bewohner des Lagers Bergheim an den Herrn Landeshauptmann Dr. Josef Klaus vom 11. 9. 1952. 27

Ebda., Schachtel 116, Zl. 3580. Amt der Landesregierung Salzburg, U­Abt. XII/3, Flücht­ lingswesen – Übergangsmaßnahmen, an die BH Salzburg­Umgebung vom 10. 7. 1956. 28

Ebda., Schachtel 43. Ordner „Räumung d. Lagers ‚Hotel Europe‘ Salzburg. Durchgangs­ lager Hotel Europe an das Amt der Landesregierung, LfU, vom 29. Jänner 1951. 29

Ebda., Schachtel 40, Mappe „Lager Durchgangslager Hotel Europe“. Flüchtlingslager Hotel Europe an die LfU vom 20. 7. 1949. 30

OÖLA, NARA, MF 1165/1239. Hqs 7753 Military Government Detachment, APO 541, U. S. Army to Commanding Officer, Land Salzburg Area Command, APO 541, U. S. Ar­ my, 29 December 1947. 31

Ebda., MF 62/939. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Di­ vision, APO 777, U. S. Army, 10 November 1949. Subject: Formal Inspection Report. 32

SLA, LfU, Schachtel 43, Ordner „Räumung d. Lagers ‚Hotel Europe‘ Salzburg. Wieder­ errichtung des „Grand Hotel Europe“ – Bericht. 33

OÖLA, NARA, MF 62/943.

34

Ebda., MF 62/939.

35

Ebda., MF 61/76. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Di­


207 vision, APO 541, U. S. Army, 23 March 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 36

Ebda., MF 62/1464. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, U. S. Army, 12 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (formal). 37

Ebda., MF 62/942.

38

SLA, LfU, Schachtel 12 (II. Teil), Zl. 2878. LfU an die Leitung des Flüchtlingslagers Ho­ tel Europe vom 1. August 1949. 39

Ebda., Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Tätigkeitsbericht des Landesamtes für Umsiedlung Salzburg für die Zeit vom 1. 9. 1950 bis 31. 8. 1951, S. 16. 40

SLA, LfU, Schachtel 43, Ordner „Räumung d. Lagers ‚Hotel Europe‘ Salzburg. Stadtma­ gistrat Salzburg, Stelle für Flüchtlingslager und Rückwanderer, vom 17. 7. 1947. 41

Ebda., Schachtel 4 (II. Teil), Zl. 2259­U/48. Amt der Landesregierung Salzburg, Landes­ stelle für Umsiedlung, an das BMfI, Umsiedlungsstelle, vom 14. September 1948. 42

Ebda., Schachtel 17 (II. Teil), Zl. 723/37. Durchgangslager Hotel Europe vom 15. De­ zember 1947. 43

OÖLA, NARA, MF 62/1439 – 1444. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 13 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (formal). 44

Ebda., MF 62/1439.

45

Ebda., MF 62/1440.

46

Ebda., MF 61/247. HQS USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 541, U. S. Army, 16 March 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 47

SLA, LfU, Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Tätigkeitsbericht des Landesamtes für Umsiedlung Salzburg für die Zeit vom 1. 9. 1950 bis 31. 8. 1951, S. 16. 48

OÖLA, Ums., Fasz. 29, Ums. 1681/52.

49

SLA, LfU, Schachtel 23 (II. Teil), Zl. 3204.

50

SLA, LfU, Schachtel 15 (II. Teil), Mappe „Lager Itzling“. Vereinbarung zwischen der Deutschen Arbeitsfront, Gauwaltung Salzburg, und dem Herrn Reichsarbeitsminister vom 30. April 1943. 51

Ebda., Schachtel 39, Ordner „Stadtmagistrat Salzburg – Mietvertrag“. Mietvertrag vom 19. Juli 1947. 52

Ebda. Amt der Landesregierung Salzburg, Landesstelle für Umsiedlung, an die Abt. VIII c, Vermögenssicherung, vom 18. Februar 1949. 53

SLA, LfU, Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Amt der Landes­ regierung Salzburg, Landesamt für Umsiedlung, an die Landesamtsdirektion vom 7. Ok­ tober 1949, S. 14 f. 54

OÖLA, NARA, MF 62/1465. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 8 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (for­ mal). 55

Ebda., MF 62/1466.

56

Ebda., MF 61/97. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons, APO 541, U. S. Army, 24 March 1950. Subject: Camp Inspection Report (Formal). 57

Ebda., MF 62/1465.


208 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 58

SLA, LfU, Schachtel 15 (II. Teil), Zl. 513/120. Amt der Salzburger Landesregierung, Abt. XII/3, Flüchtlingswesen u. Übergangsmaßnahmen, an die Bevollmächtigten für die Ver­ mögen der aufgelösten DAF vom 28. Jänner 1953. 59

Ebda., Schachtel 12.

60

Ebda., Schachtel 13 (II. Teil), Mappe „Feuerversicherungen der Lager“. Landesstelle für Umsiedlung vom 7. Dezember 1950. Übersicht über das Eigentumsverhältnis der Objekte in den in Verwaltung des Landesamtes für Umsiedlung stehenden Flüchtlings­ und DP­ Lager. 61

Ebda., Schachtel 43, Ordner „Räumung d. Lagers ‚Hotel Europe‘ Salzburg. Stadtmagi­ strat Salzburg, Stelle für Flüchtlingslager und Rückwanderer vom 17. 7. 1947. 62

Ebda., Schachtel 13 (II. Teil), Zl. 2034 – U/48. Landesstelle für Umsiedlung – Umstel­ lung der Vd­Lager auf Selbsterhaltung. 63

OÖLA, NARA, MF 62/834 f. Hqs USFA, USACA section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 14 October 1949. Subject: Formal Inspection Re­ port. 64

Ebda., MF 62/1423. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 541, U. S. Army, 23 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (for­ mal). 65

SLA, LfU, Schachtel 2 (II. Teil), Zl. 784. Aktenvermerk der Landesumsiedlungsstelle vom 4. Februar 1947. Betreff: Kontrolle der Ausländerlager. 66

OÖLA, NARA, MF 61/252. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 541, U. S. Army, 8 March 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 67

Ebda., MF 62/834.

68

Ebda., MF 62/1423.

69

Ebda., MF 61/251.

70

Ebda., MF 62/837.

71

SLA, LfU, Schachtel 98 (II. Teil). Amt der Salzburger Landesregierung, Abteilung XII/3, Flüchtlingswesen u. Übergangsmaßnahmen, an das BMfI vom 23. April 1954. 72

Ebda., Schachtel 13 (II. Teil), Zl. 2034­U/48. Umstellung der Vd­Lager auf Selbsterhal­ tung – Übersicht. 73

Ebda., Schachtel 15 (II. Teil), Zl. 515/108. Unterkunftsstelle Lehen – Bericht Nr. 1.

74

SLA, LfU, Schachtel 11 (II. Teil), Zl. 1268. Inspektionsbericht vom 19. 12. 1947 über die Unterkunftsstelle Lehen. 75

Ebda., Schachtel 15 (II. Teil), Zl. 515/114. Amt der Landesregierung Salzburg, Landes­ stelle für Umsiedlung, an das BMfI, Umsiedlungsstelle, vom 19. Juni 1950. 76

OÖLA, NARA, MF 62/1434. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 14 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (for­ mal). 77

Ebda., MF 62/1435 – 1438.

78

Ebda., MF 61/92. Camp Inspection Report (Formal), 23 March 1950.

79

Ebda., MF 61/86.


209 80

Ebda., MF 61/87.

81

SLA, LfU, Schachtel 26 (II. Teil), Zl. 3270/3. Amt der Landesregierung Salzburg, Lan­ desstelle für Umsiedlung, vom 5. 1. 1950. Aktenvermerk über die Bewohnbarkeit der Ba­ racken im Flüchtlingslager Lexenfeld. 82

OÖLA, NARA, MF 62/799. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 19 October 1949. Subject: Formal Inspection Re­ port. 83

Ebda.

84

SLA, LfU, Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Tätigkeitsbericht des Landesamtes für Umsiedlung Salzburg für die Zeit vom 1. 10. 1949 bis 1. 9. 1950, S. 15. 85

Ebda.

86

SLA, LfU, Schachtel 26 (II. Teil), Zl. 3270/70. Landesstelle für Umsiedlung an das Hqs USFA, USACA Section, in Salzburg vom 12. Mai 1950. 87

OÖLA, NARA, MF 61/23. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Per­ sons Division, APO 541, U. S. Army, 14 April 1950. Subject: Formal Camp Inspection Re­ port. 88

Ebda., MF 62/1400. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – DP Division, APO 541, U. S. Army, 9 Jaunary 1950. Subject: Formal Camp Inspection Report. 89

Ebda., MF 61/29.

90

SLA, LfU, Schachtel 98 (II. Teil).

91

Ebda., Schachtel 10. Lagerstandsmeldung vom 1. Jänner 1953.

92

Ebda., Schachtel 29, Ordner „Ing. Sterly“. Amt der Salzburger Landesregierung, Abt. XII/3 – Flüchtlingswesen und Übergangsmaßnahmen, an Herrn Ing. Maximilian Sterly vom 15. Mai 1953. 93

SLA, LfU, Schachtel 39, Ordner „St. Petrus“. St. Petrus­Claver­Sodalität in Maria Sorg bei Salzburg an den Herrn Landeshauptmann vom 3. März 1950. 94

Ebda., Schachtel 98 (II. Teil).

95

Ebda., Schachtel 13 (II. Teil), Zl. 2034 – U/48. Umstellung der Vd­Lager auf Selbsterhal­ tung – Übersicht. 96

Ebda., Schachtel 20 (II. Teil), Zl. 852/8. Niederschrift über die am 19. 12. 1947 durchge­ führte Besichtigung des Flüchtlingslagers Maria Sorg bei Lengfelden. 97

Ebda., Zl. 852/59. Aktenvermerk der Landes­Umsiedlungsstelle vom 14. Juli 1950.

98

Ebda., Zl. 852/8.

99

OÖLA, NARA, MF 1164/1185. Hqs Military Government, Land Salzburg, Austria, De­ tachment 7753, APO 541, Public Health Section to Public Health Branch, Social Admini­ stration Division, Hq USFA – USACA, APO 777, US Army, 6 September 1947. Subject: Monthly Report for August. 100

Ebda., MF 62/1224 f. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 541, U. S. Army to Mr. Weiler, 16 January 1950. Subject: Maria Sorg. 101

Ebda., MF 62/1207. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 18 November 1949. Subject: Formal Inspection Report. 102

Ebda., MF 61/158. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons


210 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Division, APO 541, U.S. Army, 21 March 11950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 103

Ebda., MF 61/154.

104

Ebda., MF 61/153.

105

Ebda., MF 62/1225.

106

SLA, LfU, Schachtel 10.

107

Ebda., Schachtel 39, Ordner „St. Petrus“. Amt der Salzburger Landesregierung, Abtei­ lung XII/3, Flüchtlingswesen und Übergangsmaßnahmen, an die Vorstehung St. Petrus­ Claver­Sodalität in Maria Sorg bei Salzburg vom 11. Mai 1953. 108

Ebda., Schachtel 8. Amt der Landesregierung Salzburg, Abt. XII/3, Flüchtlingswesen – Übergangsmaßnahmen. Aktenvermerk vom 21. 1. 1954. 109

SLA, LfU, Schachtel 28 (II. Teil), Zl. 542/63. Aktenvermerk der Landesstelle für Um­ siedlung vom 21. 4. 1949. 110

Ebda., Zl. 542/27. Aktenvermerk der Landesstelle für Umsiedlung vom 14. Juni 1947.

111

Ebda.

112

Ebda., Schachtel 98 (II. Teil). Amt der Landesregierung Salzburg, Landesstelle für Um­ siedlung, an die Personalabteilung vom 30. Juni 1947. 113

Ebda., Schachtel 11 (II. Teil), Zl. 1268. Inspektionsbericht vom 21. 12. 1947 über die Un­ terkunftsstelle Maxtglan. 114

SLA, LfU, Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Amt der Landes­ regierung Salzburg, Landesamt für Umsiedlung, an die Landesamtsdirektion vom 7. Ok­ tober 1949, S. 15. 115

Ebda., Schachtel 15 (II. Teil), Zl. 542/68. Der Landessanitätsdirektor an die Landesstelle für Umsiedlung vom 30. 10. 1947. Wochenwortbericht vom 19. 10. – 25. 10. 1947. 116

OÖLA, NARA, MF 62/839. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 11 October 1949. Subject: Formal Inspection Re­ port. 117

Ebda., MF 62/1162. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 15 November 1949. Subject: Camp Inspection Report. 118

Ebda., MF 62/1421. Camp Inspection Report, 4 January 1950.

119

Ebda., MF 62/839.

120

SLA, LfU, Schachtel 10.

121

Ebda., Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Amt der Salzburger Landesregierung, Abt. XII/3, Flüchtlingswesen und Übergangsmaßnahmen vom 22. Sep­ tember 1952. Tätigkeitsbericht für die Zeit vom 1. 9. 1951 bis 31. 8. 1952. 122

Ebda., Schachtel 8. Amt der Landesregierung Salzburg, Abt. XII/3, Flüchtlingswesen – Übergangsmaßnahmen. Aktenvermerk vom 21. 1. 1954. 123

Ebda., Schachtel 13 (II. Teil), Zl. 2034 – U/48. Umstellung der Vd­Lager auf Selbsterhal­ tung – Übersicht. 124

Ebda., Schachtel 43, Ordner „Räumung d. Lagers ‚Hotel Europe‘ Salzburg“. Stadtmagi­ strat Salzburg, Stelle für Flüchtlingslager und Rückwanderer vom 17. 7. 1947. 125

OÖLA, NARA, MF 62/1195 – 1197. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Dis­ placed Persons Division, APO 777, U. S. Army, 17 November 1949. Subject: Camp Inspec­


211 tion Report. 126

Ebda., MF 62/1196.

127

Ebda., MF 62/1196.

128

Ebda., MF 62/1198.

129

OÖLA, NARA, MF 61/272. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 24 February 1950. Subject: Camp Inspection Re­ port (formal). 130

SLA, LfU, Schachtel 18 (II. Teil), Zl. 724/243.

131

OÖLA, NARA, MF 61/268.

132

Ebda., MF 62/1198.

133

Ebda., MF 61/271.

134

Ebda., MF 62/1195.

135

SLA, LfU, Schachtel 10.

136

Ebda., Schachtel 149, Zl. 1171. Landesamtsdirektion an den LH Dr. Hans Lechner vom 12. Juni 1961. 137

OÖLA, NARA, MF 62/1209. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 14 November 1949. Subject: Formal Inspection Report. 138

SLA, LfU, Schachtel 20 (II. Teil), Zl. 854/63/19.

139

Ebda., Schachtel 98 (II. Teil).

140

OÖLA, NARA, MF 62/1212.

141

Ebda., MF 62/1211.

142

SLA, LfU, Schachtel 20 (II. Teil), Zl. 854/17. Lager der Deutschen aus Jugoslawien, Saalfelden, an die Landesstelle für Umsiedlung vom 20. 2. 1948. 143

OÖLA, NARA, MF 62/1209.

144

Ebda., MF 62/1211.

145

Ebda., MF 62/1212.

146

Ebda., Ebda., MF 62/1458. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 12 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (for­ mal). 147

SLA, LfU, Schachtel 98 (II. Teil).

148

Ebda., Schachtel 20 (II. Teil), Zl. 854/86. Amt der Salzburger Landesregierung, Abt. XII/3, Flüchtlingswesen und Übergangsmaßnahmen, an das BmfI, Abt. 12 U, vom 13. 9. 1952 (Fernschreiben). 149

SLA, LfU, Schachtel 1. Amt der Landesregierung Salzburg, Landesstelle für Umsied­ lung, an den Leiter der Umsiedlungsstelle im BMfI vom 22. März 1948. 150

Ebda., Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Tätigkeitsbericht des Landesamtes für Umsiedlung Salzburg für die Zeit vom 1. 10. 1949 bis 1. 9. 1950, S. 14 f. 151

OÖLA, NARA, MF 62/1348. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 3 February 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 152

Ebda.


212 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 153

Ebda.

154

SLA, LfU, Schachtel 171, Mappe „Jahres­Tätigkeitsberichte 1947/54“. Tätigkeitsbericht 1949/50, S. 16. 155

Ebda., Schachtel 10.

156

Ebda., Schachtel 141, Zl. 253/4.

157

Ebda., Schachtel 21 (II. Teil), Zl. 2031/81. Amt der Landesregierung Salzburg, Landes­ stelle für Umsiedlung, an das BMfI, Umsiedlungsstelle, vom 8. 11. 1949. 158

SLA, LfU, Schachtel 3. Landesstelle für Umsiedlung an die Abt. VIII d (Übergangsmaß­ nahmen) vom 7. 9. 1948. 159

OÖLA, NARA, MF 62/1428. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 20 December 1949. Subject: Camp Inspection Report (for­ mal). 160

Ebda., MF 62/844. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 18 October 1949. Subject: Formal Inspection Report. 161

OÖLA, LfU, MF 62/1341. Hqs USFA, USACA, Internal Affairs – DP Division, Land Salzburg, APO 541, US Army, 2 February 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 162

SLA, LfU, Schachtel 21 (II. Teil), Zl. 2031/99. Landesstelle für Umsiedlung an die Abt. VIII/B/2 vom 21. Februar 1950. 163

SLA, LfU, Schachtel 19 (II. Teil), Mappe „Flüchtlingslager Volksgarten“. Amt der Salz­ burger Landesregierung an das BM für Finanzen, Abt. 31, vom 22. Juli 1954. 164

Ebda.

165

Ebda., Zl. 726/1. Flüchtlingslager „Volksgarten“ an das Amt der Salzburger Landesre­ gierung, Abt. VIII d/Übergangsmaßnahmen, vom 28. 7. 1947. 166

OÖLA, NARA, MF 62/806. Hqs USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 20 October 1949. Subject: Formal Inspection Re­ port. 167

Ebda., MF 62/805.

168

Ebda., MF 61/278 f. Hqs. USFA, USACA Section, Internal Affairs – Displaced Persons Division, APO 777, U. S. Army, 2 March 1950. Subject: Camp Inspection Report (formal). 169

SLA, LfU, Schachtel 19 (II. Teil), Mappe „Flüchtlingslager Volksgarten“. Erklärung des Magistrates Salzburg vom 10. Mai 1955. 170

OÖLA, NARA, MF 62/805.

171

SLA, LfU, Schachtel 10.

172

OÖLA, NARA, MF 62/807.


213

Der Weg eines sudetendeutschen Unternehmers ERHART FREY Ich wurde als zweiter von drei Söhnen von Ewald und Johanna Frey am 6. August 1936 in Joslowitz geboren. Meine Großeltern väterli­ cherseits waren Landwirte und Weinhändler in Joslowitz. Der Vater meiner Mutter war 25 Jahre Bürgermeister von Mitzmanns. Er war Landwirt und Ziegeleibesitzer und der größte Bauer seines Heimatortes. Als meine Eltern im Jahre 1934 in der Znaimer Niko­ laikirche heirateten, waren beide Großväter Bürgermeister, was der Priester auch besonders erwähnte. Meine Eltern betrieben dann gemeinsam eine Landwirt­ schaft mit 45 Joch Ackergrund und zwei Joch Weingarten, sie arbeiteten auch sehr aktiv im Weinbetrieb meines Großvaters mit. Da meine Mutter auch den Ziegelofen in Mitzmanns 211 erbte, hatten sie ein arbeitsintensives Unternehmen. Wir wohnten in Joslowitz im Haus Nummer 470. Meine Eltern waren sehr er­ folgreiche Landwirte und Ziegeleibesitzer. Wir hatten auch die erste automati­ sche Kuhselbsttränkanlage und den zweiten „Lanz“­Traktor im Ort. Das Leben in Joslowitz war in der Kriegszeit nach wie vor wie ein Leben im Pa­ radies. Es herrschte bei uns keine Hungersnot, man bekam bis zum Kriegsende bei den Kaufleuten im Ort alles was man sich nur wünschte – egal ob es Butter, Zucker, Wurst oder Schokolade war. Wären die Väter nicht eingerückt gewesen, hätten wir vom Krieg gar nichts mitbekommen. Wir lebten vom 8. Mai bis An­ fang Juni sehr friedlich – mit Ausnahme der barbarischen Ereignisse durch die russische Besatzung. Bei uns hatte man zu diesem Zeitpunkt von den Gräueltaten in Brünn und Prag noch nicht viel gehört, doch bald kamen auch nach Joslowitz die ersten tschechi­ schen „Häuselkäufer“. Auch einige Zöllner, die schon in der Ersten Tschechoslo­ wakischen Republik im Grenzort Joslowitz Dienst versehen hatten, kamen wieder zurück. Dann kam der Aufruf, dass alle Deutschen ihre Jagdgewehre und Pistolen abgeben mussten. Meine Mutter dachte: „Das mach ich nicht mit, denn wenn unser Vater vom Krieg heimkommt, will er ja wieder jagen!“ Dieser Ent­ schluss hatte schwerwiegende Folgen für uns. Wir hatten während des Krieges


214 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK eine Polin in der Landwirtschaft beschäftigt und die wusste von den Waffen un­ seres Vaters. Die vorher erwähnten Zöllner waren Kunden von uns – meine Mutter verkaufe ihnen Butter, Eier und Milch – und sie waren unserer Familie gut gesinnt. Einer dieser Zöllner warnte meine Mutter rechtzeitig: „Morgen habt ihr Hausdurchsu­ chung, die sind auf die Waffen scharf!“ Den ganzen Abend über räumten wir die Gewehre, den Schrot, die Hülsen und die Maschinen zum Patronenmachen weg, es wurde alles im Garten neben dem Haus verstreut und versteckt. Vaters Pistole fanden wir nicht, sie war uns – wie wir später erfahren haben – schon vorher ge­ stohlen worden. Um neun Uhr morgens kamen fünf Tschechen und drei Russen und durchsuch­ ten das ganze Haus. Zweimal sprach uns ein Tscheche an und sagte, dass – wenn wir die Waffen freiwillig abgeben würden – uns nichts geschehen würde, wenn sie aber die Waffen fänden, wir alle vier erschossen würden. Unser Zittern dau­ erte bis drei Uhr nachmittags, dann gaben sie auf. Sie hatten das Haus vom Kel­ ler bis zum Dachboden durchsucht, dabei auch einige Matratzen aufgeschnitten, Gott sei Dank jedoch nichts gefunden. Natürlich nahmen sie bei dieser Gelegen­ heit eine ganze Schubkarre voll mit unseren schönsten und interessantesten Sa­ chen mit. Als die acht Personen fort waren, fielen wir uns um den Hals und sagten: „Wir leben noch!“

„VERTREIBUNG“ Dann traf auch uns das traurige Schicksal der Vertreibung. Eine Frau kam zu uns und sagte: „Frau Frey, bitte geh deiner Mutter entgegen, die kommt mit ei­ nem Kinderwagen mit 60 Kilo Gepäck den Schlossberg Richtung Joslowitz her­ unter!“ Um acht Uhr war in Mitzmanns getrommelt worden, dass in zwei Stunden alle deutschen Bewohner auf der Straße stehen müssten, um dann über Joslowitz nach Österreich abzumarschieren. Was kann man in zwei Stunden zu­ sammenpacken? Man wird nervös und vergisst so manches Brauchbares. Bald darauf begann auch für uns das Verhängnis mit den Tschechen. Ein tsche­ chischer Maurer namens Hawlina kam mit einem Rucksack auf dem Rücken in Begleitung eines tschechischen „Partisanen“ an, begutachtete unser Haus und klebte dann einen Zettel auf das Tor, dass er jetzt der neue Besitzer dieses Hau­ ses und des Betriebes war. Einige Tage später folgte ihm sein Sohn nach, nun lebten wir in den Dienstbotenwohnungen und die Tschechen in unseren Stuben. Das ging noch gut, meine Mutter kochte und machte den Haushalt, an den Abenden lernte uns der junge Tscheche einige tschechische Worte. Dabei sagte er


215 immer wieder „Granizze Duna“, was so viel heißt, als dass die Donau die tsche­ chische Grenze werden sollte. So vergingen drei Wochen, dann kam die Frau des Maurers und ab diesem Tag wurde es für uns ungemütlich. Wir übersiedelten auf die Perndorfer Straße zu einer uns bekannten Frau. In der Zwischenzeit war unser Vater aus dem Krieg nach Zwingendorf gekommen. In den Kriegsgefangenenlagern sagte er immer, dass er Österreicher sei, denn die englischen Soldaten wussten ja nicht, wo ge­ nau Österreich aufhörte und Tschechien anfing. Nun kam wieder der unserer Familie wohlgesinnte Zöllner und sagte meiner Mutter, dass wir jetzt noch nach Österreich gehen könnten, zu einem späteren Zeitpunkt müssten alle Vertriebenen nach Deutschland. Er wusste ja nicht, dass unser Vater schon in Österreich war. Meine Großeltern wurden gemeinsam mit 1200 anderen Joslowitzern im März 1946 mit Lastwagen in ein Lager nach Znaim verfrachtet und von dort durch eine dreiwöchige Fahrt in Viehwaggons aus ihrer Heimat entfernt und nach Hessen in Deutschland gebracht. Eines hatten die Tschechen uns immer wieder gesagt: Sollte ein Tscheche ermordet werden, so würden sie als Vergeltung dafür 60 Deutsche umbringen. Wer hätte sich da ge­ traut, einem Tschechen etwas anzutun? Unser Vater hatte sich nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Hollabrunner Bezirk beim Grafen Hardegg um eine Stelle als Traktorführer be­ worben. Als wir, die Mutter und wir drei Buben, in Zwingendorf ankamen, ar­ beitete er bereits, und hatte auch ein Quartier für die Familie organisiert. Wir fanden Unterschlupf bei der Familie Richter in Zwingendorf Nr. 11. Herr Richter selbst war Ortsgruppenleiter gewesen. Unsere Freude währte aber nicht lange, denn die Russen gaben den Befehl, alle Flüchtlinge aus dem Bezirk Mistelbach müssten sich zum Abtransport nach Deutschland melden. Da Zwingendorf zum Gerichtsbezirk Mistelbach gehörte, mussten wir bei Nacht und Nebel zum Maxhof, wo mein Vater als Traktorführer beim Grafen Hardegg gemeldet war, weiterziehen. Dieser Gutshof gehörte zur Gemeinde Seefeld­Großkadolz im Bezirk Hollabrunn. Das war aber noch nicht das Ende, denn bald darauf kam von den Russen die Aufforderung, dass sich alle Deutschen aus der CSSR, die sich zur Zeit im Holla­ brunner Bezirk aufhielten, erneut sammeln müssten, und so übersiedelten wir wieder nach Zwingendorf. Meine Eltern wollten auf keinen Fall nach Deutsch­ land, denn mein Vater besaß fünf Joch landwirtschaftliche Flächen in der Freiheit von Zwingendorf und das war immerhin eine kleine Basis für einen Neuanfang.


216 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK In der Zwischenzeit war unsere Haas­Großmutter aus Mitzmanns, die nun in Seefeld­Kadolz bei einer Tante lebte, krank geworden und musste nach Holla­ brunn ins Spital. Sie hatte die Vertreibung so hart getroffen, dass sie um Brot und Milch betteln gehen musste. Sie bekam ein Geschwür am Hals, an dem sie schließlich im Spital, das unter russischer Verwaltung stand, plötzlich verstarb. Nach der Beisetzung auf dem Friedhof von Hollabrunn gingen meine Eltern an der Bauernkammer vorbei, wo an der Anschlagtafel ein Zettel angebracht war, auf dem stand, dass für eine Landwirtschaft in Leopoldau bei Wien ein Pächter gesucht würde. Mein Vater riss den Zettel herunter und machte sich schon in der folgenden Woche auf den Weg nach Wien auf. Der Besitzer der Landwirtschaft war bei einem Bombenangriff, bei dem das Haus einen Volltreffer abbekommen hatte, in seinem Keller ums Leben gekom­ men. Bei diesem Angriff wurden auch seine Familie und drei Mitarbeiter getötet. Mein Vater konnte die Eltern und den Bruder des Bauern davon überzeugen, dass er ein geeigneter Pächter für den Bauernhof war.

„LEOPOLDAU“ Wir übersiedelten am 15. Feber 1946 von Zwingendorf nach Leopoldau. Spät am Abend empfing uns die Familie Salzmann, wir wurden kräftig verköstigt und dann zeigten sie uns das Haus Nummer 83. Durch den Volltreffer standen nur mehr wenige Reste des Wohnhauses und es waren fast alle Fenster kaputtgegan­ gen. Wir drei Buben wohnten in einem Verschlag im Kellerabgang, in dem zwei alte Holzbetten standen und wir deckten uns mit den Pferdedecken zu. Unsere Mutter sagte immer: „Kuschelt euch zusammen und es wird euch schön warm werden!“ Dass ein Onkel im 16. Wiener Bezirk wohnte und bei der Straßenbahn als Ober­ werkmeister beschäftigt war, bedeutete für uns eine große Hilfe. Wir mussten aus der Leopoldau noch insgesamt drei Mal in die amerikanische Zone im 16. Bezirk flüchten. Bei einem dieser Anlässe ging es mir fürchterlich schlecht, ich lag mit Grippe im Bett und konnte nicht mit. Da sagte der Dachdecker zu mei­ nen Eltern: „Fahrt ruhig nach Ottakring, ich passe auf euren Sohn schon auf!“ Genau so geschah es und nach sechs Tagen kehrten meine Eltern und meine Brü­ der wieder in die Leopoldau zurück. In der Zeit zwischen Feber und September 1946, bevor meine Eltern die Landwirtschaft pachten konnten, arbeiteten sie und mein größerer Bruder für einen Schilling pro Tag und die Zusicherung, dass wir zwei kleineren Brüder mitessen konnten. Bei dieser Arbeit plagten sie sich sehr, sie mussten samstags und sonntags mit dem Traktorpflug und der Schaufel 95


217 Bombentrichter einebnen. Ich absolvierte die Volksschule auf dem Leopoldauer­ platz Nr. 77 und besuchte dann die Hauptschule in der Aderklaaerstraße. Wir hatten 1946 von der Familie Salzmann 90 Joch Grund, fünf Pferde, zwei Traktoren der Marke Deutz und ein bombenbeschädigtes Haus übernommen. Meine Eltern hatten auch bei der Planung des Jahresanbaues ein Mitspracherecht erhalten und es wurden die Felder nach ihrem Wunsch bebaut. Es waren mehre­ re Sorten Gemüse – Paradeiser, Gurken, Zeller, Zuckermelonen und natürlich auch Kraut. Weiters wurden Spinat, Rote Rüben und Linsen feldmäßig ange­ baut. Als meine Eltern dies taten, schauten die einheimischen Bauern und die Gärtner lachten, denn was sollte hier in der Leopoldau ohne Bewässerung schon wachsen? Meine Eltern hatten nicht berücksichtigt, dass sie nicht in Joslowitz an­ bauten, wo auf den Feldern eine einen Meter dicke schwarze Humuserdschicht vorhanden war. Die Ernte war nicht so erfolgreich, es war aber immerhin so viel, dass wir in halb Wien bekannt wurden – weil man nun in der Leopoldau auch Gemüse für Geld bekam und nicht nur im Schleichhandel. Die Eltern kamen abends immer um halb sechs mit der Ernte nach Hause und am nächsten Tag um zehn Uhr war nichts mehr da. Das Gemüse hatte aber voll eingeschlagen und so kam eines Tages auch die Bedienerin von Ernährungsmini­ ster Frenzel um Gemüse zu uns und schließlich stand einmal der Minister selbst bei uns im Hof und sah sich an, wo man in den Nachkriegsjahren Gemüse kau­ fen konnte. Der Erfolg veranlasste meine Eltern, ein Gemüsegeschäft bei uns im Hof zu eröffnen, dafür kauften wir noch Obst und Südfrüchte am Naschmarkt und am Floridsdorfer Markt zu. Am Gründonnerstag zum Beispiel konnten wir 40 Kisten Spinat verkaufen. Natürlich nahmen wir auch geschäftliche Kontakte mit einigen Betriebsküchen in Floridsdorf auf. Zu unseren Kunden zählten u.a. das Gaswerk, die Firmen Siemens, Shell, Mobil und Trautzl. Weil wir Gemüse so günstig lieferten, bot uns die Firma Siemens (WKW) das Hausfuhrwerk an, was uns laufend gute Einnahmen brachte. Ganz so einfach war es aber mit dem Gewerbeschein nicht, die Leopoldauer Fuhrwer­ ker legten sich dagegen quer, was ihnen aber letztendlich nichts nützte. Unser Verpächter Herr Ökonomierat Salzmann war mit Bundeskanzler Figl eng be­ freundet, sie waren sogar im KZ eingesperrt gewesen, ihr Kontakt war noch im­ mer aufrecht und so waren wir schließlich unter den ersten 150 Flüchtlingen, die bereits im September 1946 die österreichische Staatsbürgerschaft erhielten. Wir bauten natürlich wieder – wie in Joslowitz üblich – Einlegegurken an und lieferten sie an die Firma Lechner auf der Leopoldauerstraße. Da wir 1948 selbst zu wenig eingelegt hatten, ging mein Vater einige Tage vor Weihnachten zu die­


218 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Gurkeneinlegen gestern­heute

ser Firma und wollte drei Gläser Gurken kau­ fen, der Firmeninhaber war dazu bereit und sagte, dass die drei Gläser hundert Schilling kosten würden. Mein Vater antwortete ihn: „Mir hast du einen Schilling für ein Kilo­ gramm Gurken gegeben. In diesen drei Glä­ sern sind siebeneinhalb Kilo Gurken drinnen, das wirst du noch bereuen!“ Das war der Startschuss für die Errichtung unseres Kon­ servenbetriebes. In Joslowitz hatten wir Salz­ gurken eingelegt, Rote Rüben gemacht und Kraut eingeschnitten, aber das war für einen Betrieb zu wenig. Aber wir hatten wieder Glück. Unser Vater hatte sich als der Bauer, der Kraut und Paprika zu normalen Preisen verkaufte, einen Namen gemacht, und das hatte sich bis Urfahr in Oberösterreich herum­ gesprochen. Ein gewisser Herr Schauffler be­ saß in Urfahr einen Gemüsekonservenbetrieb, meine Mutter durfte dort drei Wochen mitar­ beiten, was sich bald bezahlt machte. Natür­ lich wurde unser Ansuchen von einigen Betrieben in Floridsdorf und besonders von der Firma Lechner in der Kammer abgelehnt, was aber auch nichts half. Wir legten die Gur­ ken händisch ein, vorwiegend Salzgurken, die dann später auf Essiggurken oder süßsaure

Gurken umgelegt wurden. Damals besaßen wir noch kein Auto und so musste die Ware mit dem Pferdfuhr­ werk geliefert werden. 1949 erwarben wir einen 12er Steyr als ersten Lieferwa­ gen, was für uns ein großer Fortschritt war. Wir bauten die Scheune auf Hausnummer 83 in eine Trockenhalle um. Viel Ar­ beit bedeutete immer das Auffädeln der Tabakblätter am Abend. Da kam eines Tages ein Vertreter der Firma Hofherr­Schrantz zu uns und fragte, ob sie die Ma­ schine, die sie zum Tabakauffädeln gebaut hatten, bei uns ausprobieren dürften. Diese Maschine machte auf meine Eltern einen so großen Eindruck, dass sie sie gleich kauften und so besaßen wir die erste Tabakfädelmaschine Österreichs. Von diesem Modell wurden später noch viele für ganz Österreich und das Aus­


219 land gebaut. Eines ärgerte meine Eltern immer wieder, wenn sie in der Leopoldau erzählten was sie alles in Joslowitz besessen hatten, dann sagten die alten Bauern: „In der Fremde ist gut lügen!“ Schließlich konnten sie den Gegenbeweis antreten: In Joslowitz hatte uns das Militär in den letzten Kriegstagen unseren Lanz­Traktor weggenommen. Im Schloss waren junge Soldaten einquartiert und als die Front näher rückte, wurden die Burschen mit unserem Traktor und einem Anhänger Richtung Passau transportiert. Dort sagte ihnen der begleitende Offizier, dass sie nun in Sicherheit wären und sie verabschiedeten sich. Da einer der Soldaten ein Bursche aus Joslowitz war, erfuhren wir auf Umwegen davon. Unser nächstes größeres Ziel war, den Traktor wieder in unseren Besitz zu bringen. Meine Mut­ ter machte sich auf den Weg nach München auf, wo sie in den Unterlagen der deutschen Wehrmacht unseren Joslowitzer Traktor fand. Unser Traktor war in Vilshofen bei Passau gelandet und dort bei einem Bauern im Einsatz. Auf Grund unserer Papiere musste er schweren Herzens das Fahrzeug herausgeben. Unser Vater fuhr nach Vilshofen und war drei Tage später mit dem Traktor wieder in der Leopoldau. Wegen dieser Aktion und einiger anderer Fahrten zu Verwandtenbesuchen nach Deutschland wurden wir von einem Leopoldauer bei der Finanz angezeigt, wir hätten regen Kaffeeschmuggel nach Deutschland betrieben. Es kamen drei Be­ amte der Finanzstrafabteilung zu uns und durchsuchten unser ganzes Haus mit dem Ergebnis, dass sie ohne den geringsten Beweis wieder abziehen mussten. Wer solche Freunde in der Leopoldau hatte, brauchte keine Feinde mehr. Im Jahr 1953 waren wir mit dem Trunner – einem anderen Leopoldauer Bauern – die ersten, die einen Mähdrescher (Dechentreiter) kauften. 1954 suchten die Brü­ der Albert und Fridolin Hamp meine Eltern auf und fragten sie, ob sie nicht In­ teresse an den Feldern in der Oskar­Grissemann­Gasse („Turnerg'stätten“) hätten. Da wir die Felder ohnehin schon bearbeiteten und der Preis – 0,80 Schil­ ling pro Quadratmeter – in Ordnung war, griffen meine Eltern zu. Diese Äcker bewirkten später durch Mithilfe meines Bruders Manfred eine wunderbare Geld­ vermehrung. In den Sechzigerjahren wollte die Gemeinde Wien alle Grund­ stücke an der Oskar­Grissemann­Gasse aufkaufen, um eine Gemeindebauanlage zu errichten. Bis auf unsere Familie und einen weiteren Besitzer hatten schon alle anderen abgeschlossen, doch durch zähes Verhandeln konnte Manfred für alle einen um ein Drittel höheren Verkaufspreis herausholen, da die Gemeinde das gesamte Areal um den heutigen Kubinplatz erwerben wollte. Auf den Dank der anderen wartet Manfred heute noch.


220 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Meine Eltern verkauften ihr Grundstück nicht gegen Bargeld sondern tauschten es gegen die dreifache Fläche in der Gemeinde Gerasdorf ein. Im gleichen Jahr wurde uns das Haus Nr. 71 auf dem Leopoldauerplatz angeboten. Wir besichtig­ ten es, mussten aber feststellen, dass darin sieben Mieter wohnten, und sich auch ein Betrieb darin befand. Nach kurzem Nachdenken wechselte das Haus um 150.000 Schilling den Besitzer. 1955 übersiedelten wir in das eigene Haus Nr. 71 und gaben das gemietete Haus Nr. 83 auf – das war ein stolzes Gefühl! Vor Weihnachten war meine Mutter immer recht aktiv mit den Gänsen, sie stopfte je­ des Jahr etwa 30 Stück, und das drei Mal täglich, das letzte Mal immer um Mit­ ternacht. Die Gänse brachten uns einen schönen Gewinn und auch den Kontakt zur Familie Stelzik, den Besitzern des Hauses Nr. 70. Als sie dann ihr Haus ver­ kaufen wollten, waren wir für sie die ersten Ansprechpartner. Leider waren in der Zwischenzeit die Grundstückspreise in der Leopoldau so emporgetrieben worden, dass wir für das kleinere Haus schließlich 300.000 Schilling bezahlen mussten. Doch mein Vater sagte: „Ein Nachbarhaus kannst du nur alle 100 Jahre kaufen“, und so schlossen wir das Geschäft ab. Der Kauf hat sich in späteren Jah­ ren gelohnt und wir sind noch heute für die Weitsicht unseres Vaters dankbar. Der Fuhrpark unseres Betriebes wurde auch verändert, wir kauften einen ge­ brauchten Renault und später einen neuen Zweitonner – einen ÖAF. Nun konn­ ten wir liefern und handeln, was sich mit der Zeit lohnte. Da es in einem Jahr in Deutschland mit Gurken Versorgungsprobleme gab, kam der Herr Wildanger von der Firma Hengstenberg zu uns. Wir konnten ihm 20 Waggons Gurken ver­ mitteln, was natürlich ein gutes Geschäft war, aber es entstand auch eine Freundschaft zwischen uns und ich durfte später nach München kommen und bei der Firma Hengstenberg ein Praktikum absolvieren. Am 24. April 1965 haben meine Frau und ich in der Hirschstettener Kirche gehei­ ratet. Schon meine Großeltern in Südmähren hatten 1934 meinen Eltern unmit­ telbar nach deren Hochzeit die Landwirtschaft übergeben und diese machten das Gleiche mit dem Konservenbetrieb in der Leopoldau. Wir bekamen den Be­ trieb mit allen Forderungen gegenüber den Kunden, aber auch mit allen Schul­ den, die auf ihm lasteten. Wir übernahmen etwa 150 Kunden, die damals noch drei Mal pro Woche besucht wurden. Maschinen gab es sehr wenig – eine Sti­ chelmaschine, eine Krautschneidemaschine, einen Dampfkessel und zwei Wan­ nen zum Pasteurisieren von Gurken und Gemüse sowie eine Dosenverschlussmaschine und eine Kochanlage. Im darauf folgenden Jahr kauf­ ten wir von der Firma Bock unseren ersten Rundfüller. Diese Maschine brachte große Erleichterungen bei der Produktion, welche dadurch gesteigert werden konnte.


221 Erhard, mein Sohn, der später den Betrieb übernehmen sollte, besuchte das TGM im 20. Bezirk in der Wexstraße. Da wir bereits viele Maschinen im Betrieb hatten, erschien ihm der Beruf des Maschinenbauers als der Richtige. Auch er schloss die Ausbildung erfolgreich mit dem Ingenieurtitel ab. Nach seinem Abschluss konnte ich es ermöglichen, dass auch er bei der Firma Hengstenberg in Deutsch­ land praktizieren durfte, was ihm zu einer ausgezeichneten beruflichen Ausbil­ dung verhalf. Unser Vater lud seine Freunde und Bekannten zum Gasthof Stotzek anlässlich seines 60. Geburtstages ein und als Überraschung bekam jeder von uns drei Söh­ nen von ihm ein Auto, und zwar einen Mercedes 230, geschenkt. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus, denn damit hatte keiner gerechnet. Da uns unser Va­ ter weder zu Weihnachten noch zu den Geburtstagen je etwas geschenkt hatte, war nun unsere Freude umso größer. Mit unserem Betrieb ging es von Jahr zu Jahr immer mehr bergauf. Auf dem Areal von Haus Nr. 70 wurde ein neuer Betrieb gebaut, dann die Lagerhallen, neue Silos für die Sauerkrautherstellung und schließlich der Senfbetrieb, über dem ein Stockwerk als Lager ausgebaut wur­ de. Für das Heizhaus wurde ein neuer Dampfkessel angeschafft, der pro Stunde eine Kapazität von 1000 kg Dampf hatte. Im Betrieb wurden fünf Wannen zum Pa­ steurisieren mit zehn Körben aufgestellt, und ein elektrischer Kran eingebaut. Der große Wurf gelang uns, als wir von der Firma Stills in Deutschland den Pa­ Gurkeneinlegen in Holzfässer steurisator kauften. Mit zwei vollautoma­ tischen Anlagen gehörten wir nun zu den drei größten Betrieben in Wien, was sich natürlich auch auf dem Lebensmittelmarkt bemerkbar machte. Nun zählten auch die Firmen Billa, Juranek und Löwa mit all ihren Filialen zu unseren Kun­ den. Dabei lieferten wir natürlich nur die Zentrallager an. Unsere Jahresproduk­ tion stieg auf 200 Waggons Gemüse, allein 50 davon entfielen auf die Gurken. Da wir viel Lagerplatz zur Verfügung hatten, konnten wir schon im Mai die Gläser einkaufen und große Kapazitäten lagern, was Vorteile in der Produktion und beim Preis brachte. Bei den 380 ml­ und den 720 ml­Gläsern verwendeten wir Ei­ genformen, später machten uns das einige Firmen nach. Bei der Firma Hengstenberg hatte ich während meines Praktikums viele Tage in


222 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK der Senfherstellung verbracht und nun beschlossen wir, mit einer eigenen Senf­ produktion zu beginnen. Während der Saison hatten wir einschließlich der Büro­ kraft, der Chauffeure und des Vertreters bis zu 25 Mitarbeiter. Wir nahmen auch den Export unserer Produkte in die Schweiz und nach Deutschland auf, wo be­ sonders hohe Qualitätsansprüche erfüllt werden mussten. Unser Betrieb war jetzt maschinell genauso gut ausgestattet, wie die Firmen Felix oder Efko, nur ar­ beiteten wir mit zwei Linien, während bei der Konkurrenz jeweils sechs zum Einsatz kamen. In punkto Maschinen waren wir so gut, dass die Firma Bock – ein Maschinenher­ steller für Konservenbetriebe – jedes Jahr mit Vertretern in­ und ausländischer Firmen zu uns kam, um diesen die Maschinen im Alltagsbetrieb vorzuführen, was uns mit Stolz erfüllte. Die Folge war, da ich auch in der Kammer sehr aktiv mitarbeitete, dass man mir anlässlich meines 50. Geburtstages den Berufstitel Kommerzialrat verlieh. Ich erinnerte mich wieder daran, dass mein Vater seinen drei Söhnen anlässlich seines 60. Geburtstages jedem ein Auto geschenkt hatte und hatte nun Ähnliches vor. Ich wollte beiden Kindern einen 320er BMW schenken. Beim vorsichtigen Aushorchen hatte sich herausgestellt, dass Erhard, der damals einen uralten Mazda fuhr, schon lange von einem solchen Auto schwärmte, Elisabeth hinge­ gen kein eigenes Auto wollte. Erhard schaute dann nicht schlecht, als an jenem Abend bei der Feier ein nagelneuer BMW vor dem Schloss Eckertsau, wo die Fei­ er stattfand, stand. Elisabeth erhielt den gleichen Betrag in Goldbarren. Das letzte große Bauwerk, das wir in der Leopoldau fertigstellten, war die Halle in der Grissemanngasse. Sie wurde als eine Art Pensionsvorsorge für meine El­ tern errichtet, hat ein Ausmaß von 780 m2 und bietet jedem Mieter eine gute Zu­ fahrt. Die Mieteinnahmen kamen meinen Eltern zugute, später wurde dann ich der Nutznießer. Es gab in den 90er Jahren auch einige Tiefschläge für die Firma: Unter anderem machte der Konsum Pleite, was für unsere Produktion einen Rückschlag bedeu­ tete. Aber noch schwerwiegender war das Aus der Firma Julius Meinl. Der Wer­ beschlager der Firma versprach zwar stets „Wo Meinl drauf steht, ist auch Meinl drin!“, was aber nicht immer stimmte, da wir viele Produkte mit Meinl­Etikette für diese Firma produzierten. Den größten Schlag versetzten aber Löwa, Magnet und Zielpunkt meiner Firma. Wir waren ein Lieferant seit Bestehen des Unter­ nehmens gewesen, sozusagen ein Hauslieferant. Löwa bekam einen neuen Ein­ käufer aus Deutschland, der „das Gras wachsen“ hören konnte. Er lud mich zu einem Gespräch ein, stellte sich dabei als der neue Einkäufer vor und forderte


223 von mir zu den bestehenden Konditionen noch zusätzlich acht Prozent Rabatt. Wäre dies meiner Firma nicht möglich, so würde er sie durch einen anderen Lie­ feranten, der diese Bedingungen erfüllte, ersetzen. Nach acht Minuten musste ich ihm sagen, dass, wenn mir das möglich wäre, ich sein Unternehmen seit 30 Jahren übervorteilt hätte. Seine Antwort lautete: „Dann tut es mir leid. Ab Ende des Monats sind Sie nicht mehr unser Lieferant!“ Es war schon alles für die näch­ ste Saison vorbereitet und eingekauft – doch wen kümmert dies in einem solchen Fall? Die Firma in Deutschland, die unsere Nachfolge als Lieferant antrat, ist üb­ rigens mittlerweile auch schon in Konkurs gegangen. Der Verlust dieser drei Kunden bedeutete einen Rückschlag von 60 Prozent des Gesamtumsatzes, es zit­ terten uns ganz schön die Knie, doch konnten wir es schließlich langsam verkraf­ ten.

„RUHESTAND“ Am 18. Dezember 1996 gab ich meine Gewerbescheine zurück und übergab den Betrieb an meinen Sohn Erhard. Mit dem 1. Februar 1997 ging ich offiziell in Pen­ sion, und zog mich immer mehr aus dem Betrieb zurück. Erhard hat den Betrieb hundertprozentig im Griff, natürlich musste er das Programm ändern, denn von den Produkten, die den Betrieb über 35 Jahre groß gemacht haben, könnte er we­ gen der ausländischen Billigproduktion heute nicht mehr leben. Er nahm viele Nischenprodukte in sein Programm auf und schließlich ging es wieder steil bergauf. Seine regelmäßigen Besuche auf der Anuga in Köln – der größten Le­ bensmittelmesse der Welt – brachten auch im Export großen Aufschwung. Im April 2008 überreichte mir Frau Vizebürgermeister Renate Brauner im Fest­ saal des Wiener Rathauses in Erfüllung des unten angeführten Beschlusses das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. „Die Wiener Landesregierung hat mit Beschluss vom 19. Februar 2008 Herrn Kommerzialrat Erhard Frey in Würdigung seiner großen Leistungen das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien verliehen. Gez. Dr. Michael Häupl“ Wenn manche Leopoldauer damals so schmutzig waren und uns nur das Schlechteste wünschten, so kann man heute auf die Enkel von Johanna und Ewald Frey umso mehr stolz sein. Sie wurden alle auf ihre Art tüchtige Ge­ schäftsleute und Unternehmer. Ewalds Söhne haben heute ein Transportunter­ nehmen mit 36 Sattelschleppern und 45 Beschäftigten. Sie transportieren Güter für verschiedene Speditionen durch ganz Europa. Mein Sohn ist der Besitzer des größten Sauerkonservenbetriebes im Osten Österreichs. Er beschäftigt in der Sai­ son bis zu 35 Personen, verkauft seine Ware in ganz Österreich – wenn auch


224 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK nicht immer unter seinem Namen – und ist stets bereit neue Produkte auf den Markt zu bringen. Manfreds Tochter wiederum leitet als erfolgreiche Geschäftsfrau den in ganz Österreich be­ kannten Holzhandel ihrer Familie, dabei spezialisiert sie sich besonders auf Edel­ hölzer, ihr neuestes „Kind“ ist ein eigenes Sägewerk. Zurzeit beschäftigt sie in ih­ rem Betrieb 35 Personen. Wenn man nun alle Ange­ Produktpalette der Firma Frey stellten zusammen zählt, dann ergibt das eine Zahl von 105 Personen, der Leopoldauerplatz wiederum verfügt nur über 94 Hausnummern. Die Enkelgeneration von Johanna und Ewald Frey ist also der Brotgeber für 105 Personen und deren Familien und mus­ ste sich nicht – wie ursprünglich von einigen Leopoldauern gewünscht – erfolg­ los verabschieden und den Ort verlassen. Wenn das meine Eltern noch erlebt hätten, so wären sie sicher stolz auf ihre En­ kel gewesen!


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Volksdeutsche Persönlichkeiten in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg in Politik, Bildung, Kunst, Wirtschaft, Sport, Medien VON PETER WASSERTHEURER Adam Josef (geb. 1921 Orczydof/Banat, gest. 2004 Wien) Pflanzenzüchter Adam Gertrude (geb. 1947 Orczydorf/Banat) Forscherin und Lokalhistorikerin Antl Bernard (geb. 1895 Türpes/Böhmen, gest. 1983) Direktor und Visitator des Drittordens des hl. Franziskus in Graz bzw. Wien Anton Ertl (geb. 1939 Hodschag/Batschka) Druckerei Ertl Wien, Obmann des Wiener Schwabenvereins Androwitsch Hans (geb. 1916 Philadelphia/ USA, gest. 1983 Wien) Kommerzialrat, Kaufmann Attersee Christian Ludwig (1940 Preßburg) Maler der Pop Art, Musiker und Schriftsteller Bacher Karl (geb. 1884 Waltrowitz/Südmähren, gest. 1954 in Steyr) Dichter Benatzky Walter (geb.1887 Mährisch Budwitz/Südmähren, gest. 1957 Zürich) Komponist Berg Andreas (geb. 1898 Batschsentiwan/Batschka, gest. 1962 Klagenfurt) Schuherzeugungsunternehmen und Kapellmeister Berg Stefan (geb. 1923 Batschsentiwan/Batschka, gest. 2002 Klagenfurt) Schuherzeugungsunternehmen Bolbecher Franz (Weißkirchen/Banat, gest. 1959 Wien) Obmann des Schwabenvereins Böhm Maxi (geb. 1916 Teplitz Schönau/Nordböhmen, gest. 1982 Wien) Schauspieler, Kabarettist


226 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Böhmdorfer Dieter (geb. 1943 Trautenau/Riesengebirge/Böhmen) Justizminister a.D. und Rechtsanwalt Bohn Thomas (geb. 1932 Stefansfeld/Banat, gest. 2006) Energie­ und Kraftwerkstechniker Breuer Jakob (geb. 1914 Tschonopol/Banat, gest. 1989 Klagenfurt) Primarius Britz Nikolaus (geb. 1919 Großkikinda/Banat, gest. 1982 Wien) Akademie­Professor, Generalsekretär der Internationalen Lenau Gesellschaft Broesigke Tassilo (geb. 1919 Dvory/Meierhöfen bei Karlsbad , gest. 2003 Holla­ brunn) Präsident des österreichischen Rechnungshofs 1980­1992 Brössner Gerhard (1940 Temeswar/Banat) Schauspieler/Linzer Landestheater Charlemont Lilly (geb. 1890 Wien, gest. 1975 Wien [Eltern aus Znaim/Südmäh­ ren]) Landschaftsmalerin Dittrich Friedrich (geb. India/Syrmien, gest. 2004 Feldbach) Pelzveredelungs­ und Konfektionsfabrikant Dressler Heinrich (geb. 1920 Gablonz/Nordböhmen, gest. 2001) Leiter der Stadtwerke in St. Pölten Eberhart Franz (geb. 1917 Bukin/Batschka, gest. 2000) Stahlgroßhändler Egi Josef (geb. 1914 Viskovci/Slawonien, gest. 2009 Graz) Kaufmann Eichinger Josef (geb. 1928 Filipowa/Batschka), Prälat, Fernsehprediger und Medienfachmann Eichinger Mathias (geb. 1934 Filipowa/Batschka) Theologe und Universitätsprofessor Wien Ellmer Anton (1930 Rudolfsgnad/Banat) Direktor in der VOEST in Linz, Obmann der Donauschwaben in OÖ Elter Josef (geb. 1926 Kernei/Batschka, gest. 1997 Zwettl) Katholischer Priester und Bildhauer


227 Engelmann Nikolaus (geb. 1908 Warjasch/Banat, gest. 2005 Eisenstadt) Pädagoge, Schriftsteller, Journalist, Akademieprofessor in Linz Etrich Igo (geb. 1879 Oberaltstadt/Ostböhmen, gest. 1967 Salzburg) Flugpionier Ewinger Jakob (geb. 1918 Tomaschewatz/Banat, gest. 1980 Wien) Baumanager Fasslabend Werner (geb. 1944 Asch/Westböhmen) Verteidigungsminister a.D. und Präsident des Österreichischen Nationalrates Feldtänzer Oskar (geb. 1922 India/Syrmien, gest. 2009 Ansfelden(OÖ) Prokurist VOEST Linz, Historiker Felzmann Fritz (geb. 1895 Boskowitz/Südmähren, gest. 1980 Korneuburg) Arzt, Lyriker und Erzähler Flohr Friedrich (geb. 1934 Neu­Pasua) Beamter Bauernkrankenkasse Frank Andreas (geb. 1935 Gorjani/Slawonien Kroatien) VW ­ Petritsch, Werkmeister und Werkstattleiter Frey Erhard (geb. 1936 Joslowitz/Südmähren) Delikatessenmanufaktur Frey Manfred (geb. 1940 Joslowitz/Südmähren) Präsident der Finanzlandesdirektion Wien, Niederösterreich und Burgenland, Vizepräsident a.D. der Österreichischen Nationalbank Fritz Jakob sen. (geb. 1904 Werbass/Banat, gest. 1984 Neu – Feffernitz) Schneidereibetrieb Fuchs Josef (geb. 1908 Alexanderhausen/Banat, 1976 Wien) Rechtsanwalt, Universitätsdozent Fürst Franz (geb. 1906 Ruma/Syrmien, gest. Graz) Maler und Graphiker Gaenger Peter (geb. 1885 Neubeschenowa/Banat, gest. 1976 Wien) Journalist, Schriftsteller Gauß Adalbert Karl (geb. 1912 Palanka/Batschka, gest. 1982 Salzburg) Pädagoge und Publizist


228 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Gold Käthe (geb. 1907 Wien, gest. 1997 Wien [Vater Auspitz/Südmähren]) Kammerschauspielerin Gruber Ferdinand Ernst (geb. 1895 Wien, gest. 1967 Wien) Schriftsteller, Journalist Haltmayer Josef (geb. 1913 Hodschag/Batschka, gest. 1991 Stuttgart) Prälat, Flüchtlingsseelsorger Linz, Initiator der Neusiedlerbewegung in OÖ Hammerstiel Robert (geb.1933 Werschetz/Banat) Künstler, Maler Heidrich Hans (geb.1920 Warnsdorf/Nordböhmen, gest. 2008 Wien) Dirigent (u.a. ORF Symphonieorchester) Henz Josef (geb. 1890 Perjamosch/Banat, 1961 Salzburg) Flüchtlingsbetreuer Herbeck Johann (geb. 1921 Gottlob/Banat) Baumanager Herz Philipp (geb. 1920 Karlsdorf/Banat, gest. 1997 Villach) Lehrer, Fotograf und Musiker Hetzel Gerhart (geb.1940 Neuwerbass/Batschka, gest.1992 Bergunfall) Geigenvirtuose und Konzertmeister der Wiener Philharmoniker Himmel Nikolaus (geb. 1924 Billed/Banat, gest. 2006 Pressbaum) Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs Hockel Hans Wolfram (geb. 1919 Lenauheim/Banat, gest. 1998 Linz) Schriftsteller Hönisch Renata (geb. 1958Traun/St. Martin, OÖ) Versehrtensport Schilanglauf, Goldmedaille Paraolympics Innsbruck 1984 Hoff Franz (geb. 1909 Betschkerek/Banat, gest.) Frauenarzt und Inhaber Frauensanatorium in Graz Hoke Giselbert (geb. 1927 Warnsdorf/Nordböhmen) Akademischer Maler und Bildhauer Hoffmann Susanna (geb. 1928 Wien [Eltern Trautenau/Böhmen und Tetschen]) Akademische Malerin und Emaileurin Holz Hans (geb. 1923 Ernsthausen/Banat) Bürgermeister Andorf/OÖ, Landesobmann der Donauschwaben in OÖ


229 Holz Hans Joachim (geb. 1949 Andorf/OÖ.) Lehrer und Musiker, Generalsekretär Internationale Organisation für Volkskul­ tur (IOV) Hopfmüller Gisela (geb. 1955 Klagenfurt [Mutter aus Weißkirchen/Banat]) ORF, Leiterin der Hauptabteilung „Bildung­ u. Zeitgeschehen“ Hubka von Gustav Edler (geb. 1872 Banat, gest. 1962 Graz) Oberst Hügel Kaspar (geb. 1906 Lowrin/Banat, gest. 2002 Lochau/Vlbg) Pädagoge, Schuldirektor Innitzer Theodor (geb. 1875 Weipert Neugeschrei/Nordböhmen, gest. 1955 Wi­ en) Erzbischof von Wien (1932­1955), Bundesminister für soziale Verwaltung (1929­ 1930) Jakob Winnie (geb. 1927 Reichenberg/Nordböhmen) Karikaturistin und Malerin JagodićMaria-Marietta (geb. 1894 Weißkirchen/Banat, gest. 1972 Wien) Pianistin, Musikpädagogin Klein Franz (geb. 1919 Billed/Banat, gest. 2008 Wien) Banatforscher Klement Karl (geb. 1908 Tyssa/Nordböhmen, gest. 1996) Literat und Leiter der ÖBB­Internat­Werkstätte St. Pölten­Wörth Klingler Friedrich (geb. 1899 Großjetscha/Banat, gest. 1985 Linz) Arzt, Volkskundler, Kulturpolitiker Kamitz Reinhard (geb. 1907 Halbstadt bei Braunau/Ostböhmen, gest.1993 Wi­ en) Finanzminister und Präsident der Österreichischen Nationalbank Karmasin Fritz (geb. 1930 Käsmark/Zips) Universitätsprofessor, Gründungsmitglied des Verbandes der Marktforscher Österreichs, Repräsentant von Gallup International in Österreich Kauten Peter (geb. 1926 Pardan/Banat, gest. 2007 Wien) Rechtsanwalt Kemper Werner (geb. 1940 Nakodorf/Banat) Techniker und Unternehmer


230 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Kernst Stefan (geb. 1894 Karlsdorf/Banat, gest.1994 Klagenfurt) Gastwirt, Schneidermeister und Bezirksobmann Ketter Ingrid (geb. 1935 Gablonz/Nordböhmen) Künstlerin und Malerin Klarmüller Heinz (geb. 1919 Gablonz/Nordböhmen, gest. 2001 Wien) Maler, Bildhauer und Medailleur Koburg Adalbert (geb. 1923 Leitmeritz/Nordböhmen) Universitätsprofessor Technische Universität Graz Kolbus Andreas (geb. 1966 Hatzfeld/Banat) Mediziner, Universitätsdozent Wien Kopfschlägl Franz (geb. 1913 Neubistritz/Südmähren, gest. 1999) Pfarrer in Abritzberg/NÖ Koringer Franz (geb. 1921 Towarischevo/Batschka, gest. 2000 Leibnitz) Komponist und Professor an der Musik­ und Kunsthochschule Graz Kornherr Walter (geb. 1925 Wostitz/Südmähren, gest. 2001 Laa/Thaya) Landeskapellmeister von Niederösterreich (1972­1991) Körner Theodor (geb. 1873 Uj Szöny/Ungarn, gest. 1957 Wien [Familie Kratzau/Böhmen] Österreichischer Bundespräsident (1951­1957) Kölzer Gerhard (geb.1921 Werschetz/Banat, gest. 2004 Villach) Gärtnermeister, Großgärtnerei Kreisky Bruno (geb. 1911 Wien, gest. 1990 Wien [Eltern Mähren und Böhmen] Bundeskanzler (1970­1983) Krier Adam (geb. 1930 Erasthausen/Banat) Vorstandsdirektorium in der VOEST/Linz Krischan Alexander (geb. 1921 Hatzfeld/Banat, gest. 2009 Wien) Kulturhistoriker Kubin Alfred (geb. 1877 Leitmeritz/Nordböhmen, gest. 1959 Zwickledt/OÖ) Maler und Künstler Kuhn Alfred (geb. 1906 Weißkirchen/Banat, gest.1989 Wernberg) Buchdrucker


231 Kutzer Ernst (geb. 1880 Böhmisch Leipa, gest. 1965 Wien) Akad. Maler, Illustrator von Büchern (Kinder­ und Schulbücher) Kutta Siegfried (geb. 1941Craiova/Walachei, gest. 2007 Villach) Priester, Oberstudienrat und Religionsprofessor Lambert Ferdinand (geb. 1920 Temeswar/Banat) Generalsekretär der Donauschwäbischen Arbeitsgemeinschaft (DAG) Lang Josef (geb. 1934 Zlabings/Südmähren) Pfarrer in St. Pölten Lehár Franz (geb. 1870 Komorn/Ungarn, gest. 1948 in Bad Ischl) Komponist Lehmann Michael (geb. 1910 Groß Betschkerek/Banat, gest. 1974 Wien) Priester und Gründer des Michaelswerks Liebitzky Emil (geb. 1892 Dux/Böhmen, gest. 1961 Wien) General der Artillerie des österreichischen Bundesheers Linster Josef Rudolf Ludwig (geb. 1889 Sackelhausen/Banat, gest. 1954 Gries­ kirchen) Musikpädagoge, Volkskundler, Komponist Loose Emmy (geb. 1914 Karbitz bei Aussig/Nordböhmen, gest. 1987 Wien) Kammersängerin Loschmidt Franz (geb. 1900 Bukarest, gest. 1987 Linz) Musiker, Komponist, Kapellmeister Ludwig Siegfried (geb. 1926 Wostitz/Südmähren) Landeshauptmann Niederösterreich 1981­1992 Luptowits Michael, (geb. 1915 Bosnisch Brod, gest. 1998 Spittal/Drau) Lehrer, Bundesrat, Landtagsabgeordneter, Nationalrat, Europarat, Kurator ORF Lutz Andreas (geb. 1876 Bailand/Schwäbische Türkei, gest. 1950 Graz) Stiermärkisches Landesarchiv, Gründer des Schwäbischen Hilfsvereins in der Stmk. 1948 Machold Reinhard (geb. 1879 Bielitz/Österreich­Schlesien, gest. 1961 Graz Landeshauptmann Steiermark (1945), Bundesrat Machunze Erwin (geb. 1911 Breitenfurt/Österreich­Schlesien, gest. 1982 Wien) Abg. z. Nationalrat (ÖVP)


232 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Matl Josef (geb. 1897 Machersdorf/Deutsch­Untersteiermark, gest. 1974 Rotten­ mann) Slawist Universität Graz Meder Heinrich (geb. 1904 Neu­Werbaß/Batschka, gest. 1985 Wien) Evangelischer Pfarrer, Obmann der Siedlungsgemeinschaft Neusiedler Moritz Clemens (geb. 1908 Znaim/Südmähren, gest. 1998) Abt Stift Herzogenburg Müller Friedrich (geb. 1902 Franzfeld/Banat, gest. 1958 Wien) Baumanager in Salzburg Müller Josef (geb. 1874 Franzfeld/Banat, gest. 1958 Pinkafeld/Bgld) Pädagoge, Mundartforscher Müller Michael (geb. 1906 Heufeld/Banat, gest. 1980) Arzt Nabl Franz (geb. 1883 Lautschin/Böhmen, gest. 1974 Graz) Schriftsteller Neller Florian (geb. 1928 Illatscha/Syrmien) Diplomingenieur, Obmann der Donauschwaben in der Steiermark Neuner Wilhelm (geb. 1891 Hohenmauthen/Deutsch­Untersteiermark, gest. 1964 Stuttgart) Richter in Graz Neumayer Ernst (geb. 1922 Eisenstein/Böhmen, gest. 2006) Direktor BPI/Niederösterreich und Lehrer an der HTL St. Pölten Nuhr Rosemarie (geb. 1920 [Mutter aus Brüx/Nordböhmen] Institut Nuhr in Senftenberg Nuspl Johann (geb. 1900 Stanischitz/Batschka, gest. 1982 Neu­Feffernitz) Priester, Flüchtlings­ und Jugendseelsorger Nutz Franz (geb. 1924 Gratzen/Südmähren) Baumeister in Wilhelmsburg Oberkersch Valentin (geb. 1920 India/Syrmien, gest. 2004 Stuttgart) Historiker und Publizist Oberläuter Bruno (geb. 1925 Kubin/Banat, gest. 1993 Salzburg) Gemeinderat Salzburg, Obmann des „Salzburger Siedlungswerkes“


233 Oberleitner Adalbert (geb. 1891 Oberkirchbach/NÖ, geb. 1985 Tulln) Schulrat in Nikolsburg, Heimatforscher und Komponist Oberleitner Wolfgang (geb.1918 Nikolsburg/Südmähren, gest. 2006 Wien) Leitender Redakteur Die Presse Oberthür Johann (geb. 1899 Betschkerek/Banat, gest. 1975 Schramberg, Bd­ Württ) Gründer und Leiter der „Volksdeutschen Mittelschule“ in Eferding/OÖ Okopenko Andreas (geb. 1930 Kaschau/Ostslowakei) Schriftsteller Peichl Gustav (geb. 1928 Wien [Eltern Mährisch Trübau/Schönhengstgau] Architekt (Ironimus) Peichl Hermann (geb. 1887 Niederjohnsdorf/Ostböhmen, gest. 1966 Wien) Theologe, 22 Jahre Abt des Schottenstiftes in Wien Peteln Pipo (geb. 1892 Marburg/Deutsch­Untersteiermark, gest. 1973 Graz) Graphiker und Künstler Pfniß Aladar (geb. 1919 Temeschwar/Banat, gest. 1992 Graz) Leiter Arbeitsamt Graz, Pädagoge Grazer Volkshochschule Portisch Hugo (geb. 1927 Preßburg) Journalist (ORF) Prokopp Helmut (geb. 1941 Batschsentiwan/Batschka) Personalleiter GABOR Schuhfabriken, Generalsekretär der Katholischen Aktion Pullez Günther (geb. 1920 Altenbuch/Nordböhmen, gest. 2004 Wien) Vizepräsident des Senats (OLG) Raab Julius (geb. 1891 St. Pölten, gest. 1964 Wien [Vater Klein­Mohrau/Öster­ reich­Schlesien]) Bundeskanzler Reeger Franz (geb. 1941 Wien [Eltern Südmähren und Österreich­Schlesien]) Landtagsabgeordneter Wien, Bundesministerium für Landesverteidigung Reichenberger Emanuel (geb. 1888 Vilseck bei Amberg/Oberpfalz, gest. 1966 Wien) Katholischer Priester


234 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Reimann Rudolf (geb. 1934 Neusatz/Batschka) Bauunternehmer Reimann Valentin (geb. 1906 Hodschag/Batschka, gest. 1992 Wien) Bauunternehmer Reiss Helene (geb. 1913 Weißkirchen/Banat, gest. 1983 Wien) Sängerin, Pädagogin Renner Karl (geb. 1870 Untertannowitz/Südmähren, gest. 1950 Wien) Staatskanzler und Bundespräsident Riffert Michael (geb. 1908 Ruma/Syrmien, gest. 1990 Villach) Holzhandelsunternehmen Riffert Josef (geb. 1932 Ruma/Syrmien, gest. 2009 Klagenfurt) Baumeister Röschl Kurt (geb. 1923 Schönlinde/Nordböhmen, gest. 1986 Brunn am Gebirge) Maler und Buchillustrator Roth Julius (geb. 1881 Franzfeld/Banat, gest. 1970 Wien) Pädagoge, Lokalforscher Sabinus Stefan Josef (geb. 1911 Wukowar/Syrmien, gest. 1957 Kufstein) Priester, Initiator Flüchtlingsseelsorge Österreich und Siedlerbewegung Salzburg Schäffer Gerhard (geb. 1942, Neuwerbass/Batschka) Staatssekretär Kabinett Schüssel, Amtsführender Präsident des Landesschulrates Salzburg Schärf Adolf (geb. 1890 Nikolsburg/Südmähren, gest. 1965 Wien Bundespräsident Scheipner Erwin (geb. 1915 Busiasch/Banat, gest. 1987 Feldbach) Akademieprofessor Scherer Anton (geb. 1922 Oberndorf/Batschka) Historiker und Buchautor Schiff Rudolf (geb. 1885 Detta/Banat, gest. 1964 Wien) Kammerfriseur an der Wiener Staatsoper Schiller Erich (geb. 1924 Znaim/Südmähren, gest. 2004) Wäscherei und Putzerei St. Pölten


235 Schiller Erwin (geb. 1887, gest. 1975 Linz) Leiter der Zentralberatungsstelle Schärding/Flüchtlinge Schira Andreas (geb. 1885 Hatzfeld/Banat, gest. 1954 Wien) Rechtsanwalt, Zeitungsherausgeber Schlechter Anton (geb. 1914 Idelj/Banat, gest. 1994 in Feistritz/Drau) Schulrat, Direktor i. R. Schmitz Richard (geb. 1885 Müglitz/Nordmähren, gest. 1954 Wien) Bundesminister unter Seipel/Dollfuß und Wiener Bürgermeister Schreckeis Hans (geb. 1905 Wukowar/Syrmien) Arzt, Initiator Siedlerbewegung, Verband Katholischer Donauschwäbischer Aka­ demiker Sladek Franz (geb. 1916 Werschetz/Banat, gest. 1998 Klagenfurt) Papier­ und Schreibwarenhandel Sommerfeld Oskar (geb.1885 India/Syrmien, gest.1983 Taufkirchen a.d.Tratt­ nach, OÖ) Maler Schönborn Christoph (geb. 1945 Skalden bei Watislaw/Bezirk Leitme­ ritz/Nordböhmen) Kardinal und Wiener Erzbischof Schunbach Franz (geb. 1898 Freiberg/Ofner Bergland, gest. 1981Wörgl) Maler Schwarz Ludwig (geb. 1940 Preßburg) Bischof von Linz Schwob Anton (geb. 1937 Apatin/Batschka) Germanist und Universitätsprofessor und Dekan in Graz Schuy Stefan (geb. 1928 Batschki­Brestovce/Batschka, gest. 1988 Grim­ ming/Bergunfall) Rektor der Technischen Universität Graz und Boimediziner Spinka Otto (geb. 1917 Aussig/Nordböhmen, gest. 1983 St. Pölten) Ingenieur, Buchdrucker und Innungsmeister Streeruwitz Ernst (geb. 1874 Mies/Westböhmen, gest. 1952 Wien) Bundeskanzler und Präsident Wiener Handelskammer


236 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Stürmer Viktor (geb.1914 Karansebesch/Banater Bergland, gest. 1990, Kircheh­ renbach bei Forchheim) Maler Thiel Alexander (geb. 1909 Filipowa/Batschka, gest. 1989) Prälat, Caritas Direktor der Diözese Seckau und Seelsorger der Heimatvertriebe­ nen Thiel Walter (geb. 1919 Wetzwalde/Nordböhmen) Anatom Universität Graz Thierjung Matthias (geb. 1884 Bogarosch/Banat, gest. 1963 Wien) Kanzleidirektor/Wiener Hofkammerarchiv Tilden Jane (geb. 1910 Aussig/Nordböhmen, gest. 2002 Kitzbühel) Schauspielerin Tonko Jakob Bernhard (geb. 1912 Troppau/Mährisch­Schlesien, gest. 1982 München) Prior der Augustinerkonvents, Generalsekretär der Österreichischen Caritas Urbanki Grete (geb. 1924 Falkenau/Eger/Nordwestböhmen, gest. 2007) Ärztin Wilhelmsburg/NÖ Undisz Michael (geb. 1891 St. Hubert/Banat, gest.1970 Wien) Baumanager Unger Johann (geb. 1934 Kudritz/Banat) Projektmanagement bei Philips International Urteil Andreas (geb. 1933 Gakowa/Batschka, gest. 1963 Wien) Bildhauer Wala Adolf (geb. 1937 Dürnholz/Südmähren) Präsident a.D. Österreichische Nationalbank Walka Horst (geb. 1942 Proßmeritz/Südmähren) Leiter Österreichische Nationalbank/Niederlassung St. Pölten Weber Ludwig (geb. 1905 Botschar/Banat, gest. 1971 Wien) Medizinalrat Weinhandl Margarete (geb. 1880 Cilli/Deutsch­Untersteiermark, gest. 1975 Graz) Schriftstellerin


237 Weissgärber Wilfried (geb. 1941 Braunau/Adlergebirge/Nordostböhmen) Branddirektor St. Pölten Weiß Stefan (geb. 1913 Stanischitz/Batschka, gest. 1998 Steinfeld/Ktn.) Kirchen­ u. Dekorationsmaler, Graphiker Werni Sebastian (geb. 1912 Filipowa/Batschka, gest. 1987 Wien) Interessensgemeinschaft Volksdeutscher Heimatvertriebenen (IVH), Flüchtlings­ beirat Wersching Anton (geb. 1920 Tschakowa/Banat, gest. 2002 Wien) Industrieller Wiener Peter (geb. 1933 Brestowatz/Banat) Kunsttischler, Restaurator, Bildhauer Wildmann Georg (geb. 1929 Filipowa/Batschka) Lehrer an der Theologischen Hochschule und Höheren Schulen, Historiker Wittmann Ludwig (geb. 1877 Syrmien, gest. 1960 Wien) Bankmanager Zeihsel Gerhard (geb. 1939 Wien [Vater Damitz/Südmähren, Mutter Brünn]) Landtagsabgeordneter. a.D. in Wien Zeißel Bernd (geb. 1942 Wien [Vater Damitz/Südmähren, Mutter Brünn]) Bezirksvorsteher­Stv. in Wien­Favoriten Zeller Gerhard (geb. 1942 Ruma/Syrmien) Musiker, Grazer Musikakademie Zentner Josef (geb. 1942 Werschetz/Banat) Berufsschullehrer, Autor, Lektor Zippe Gernot (geb. 1917 Warnsdorf/Nordböhmen, gest. 2008 Wien) Physiker, Miterfinder der Uran­Isotopentrennung


238 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK

Literaturverzeichnis VON PETER WASSERTHEURER

Adelbert K. Gauß ­ Bruno Oberläuter, Das zweite Dach. Eine Zwischenbilanz über Barackennot und Siedlerwillen 1945­1965. in: Donauschwäbische Beiträge Bd. 72, Salzburg 1979. Alfred Oberwandling, Sudetendeutsche in der Wirtschaft Oberösterreichs nach 1945. Eine Volksgruppe integriert sich aus eigener Kraft. Ed. Sudetendeutsche Landsmannschaft, Landesgruppe Oberösterreich. Salzburg­Linz, 2001. Bettina Köferle, Das Schicksal der Volksdeutschen im Flüchtlingslager Feffernitz vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation nach dem Zweiten Weltkrieg. Universität Graz, 1994. [Dipl. Arb.] Brunhilde Scheuringer, 30 Jahre danach. Die Eingliederung der volksdeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in Österreich. in: Theodor Veiter (Hg.), Abhandlungen zu Flüchtlingsfragen. Bd. 8, Wien 1983. Cornelia Znoy, Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach Österreich 1945/46. Unter besonderer Berücksichtigung der Bundesländer Wien und Niederösterreich, 1995. [Dipl. Arb.] Der Weg in die neue Heimat. Die Volksdeutschen in der Steiermark. Graz­ Stuttgart. 1988. Eduard Stanek, Verfolgt, verjagt, vertrieben. Flüchtlinge in Österreich von 1945­ 1984. Wien 1985. Erwin Machunze, Vom Rechtlosen zum Gleichberechtigten. Die Flüchtlings­ und Vertriebenenfrage im Wiener Parlament. Die V. Gesetzgebungsperiode (1945­ 1949). Bd. 1. in: Donauschwäbische Beiträge Bd. 61. Salzburg 1974. (Vgl. dazu auch Band 2 bis 4) Fritz Frank, Die wissenschaftliche und publizistische Bearbeitung der Flüchtlingsfrage in Österreich von 1945­1975. in: Europa und die Zukunft der deutschen Minderheiten. Felix Ermacora Institut (Hg.), 1. Aufl. Wien 2001, S. 82­ 102.


239 Gabriela Stieber, Nachkriegsflüchtlinge in Kärnten und der Steiermark. Graz 1997. Günther Kollau, Vertrieben, aber nicht vergessen – Das Schicksal der Deutsch­ Untersteirer aus dem Abstaller Feld nach 1945, 2009. [Dipl. Arb.] Helmut Matejka, Die Eingliederung der Sudeten­ und Karpatendeutschen in Österreich nach 1945. Innsbruck 1983. (Phil. Diss.) Hermann Volkmer, Die Volksdeutschen in Oberösterreich. Ihre Integration und ihr Beitrag zum Wiederaufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg. 1. Aufl. Grünbach 2003. Ingrid Alice Nargang, Die Flüchtlinge in OÖ, Ihre Lage und der Stand ihrer wirtschaftlichen Eingliederung, 1955. [Phil. Diss.] Karin Hack, Die Eingliederung der Volksdeutschen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg, 2002. [Dipl. Arb.] Matthias Pape, Ungleiche Brüder. Österreich und Deutschland 1945­1965. Köln ­ Weimar ­ Wien 2000. Matthias Sturm, Die sudetendeutsche Frage in der österreichischen Innenpolitik 1945­1989. Wien 2000. [Dipl. Arb.] Neue Heimat in Österreich. 20 Jahre Interessensgemeinschaft Volksdeutscher Heimatvertriebener (IVH). Wien 1970. Peter Wassertheurer, 60 Jahre Landsmannschaft der Deutsch­Untersteirer. Festschrift. Graz 2008. Peter Wassertheurer, 100 Jahre Wiener Schwabenverein. Festschrift. Wien 2007. Peter Wassertheurer, 60 Jahre Donauschwäbische Arbeitsgemeinschaft in Österreich. 1949­2009. Wien, 2009. Rudolf Ohlbaum, Verdient um Österreich. Bedeutende Persönlichkeiten sudetendeutscher Herkunft. Ed. Sudetendeutsches Archiv, München 1977. Sabine­Else Astfalk, „Neuland“ ­ Wochenschrift der Donauschwaben. (Salzburg 1948­1979.), 1998. [Dipl. Arb.] Stefan Karner, AVNOJ­Erlässe und Beneš­Dekrete. in: Fragen und Antworten zur EU­Erweiterung. Wien 2002, S. 131­146.


240 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK Theodor Veiter (Hg.), 25 Jahre Flüchtlingsforschung. Ein Rückblick auf Flucht, Vertreibung und Massenwanderung. in: Abhandlungen zu Flüchtlingsfragen. Bd. 10, Wien 1975. Tony Radspieler, The Ethnic German Refugee in Austria. 1945 – 1954. Den Haag 1955. Volker Petri, Österreich. Deine Siebenbürger Sachsen. 2001. Dresden 2001. Willy Magerstein, Der Anspruch der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge auf Entschädigung ihres in den Ostblockstaaten konfiszierten Vermögens sowie der Entschädigungsanspruch der Umsiedler gegen die westdeutsche Bundesrepublik mit besonderer Berücksichtigung der in Österreich eingebürgerten oder ansässig gewordenen Personen einschließlich der Ansprüche der Altösterreicher. Wien 1959. Yvonne von Stedingk, Die Organisation des Flüchtlingswesens in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg. Treatises on Refugee Problems. Abhandlungen zu Flüchtlingsfragen Bd. VI. Wien 1970.


241

Bilderverzeichnis VON SEBASTIAN WASSERTHEURER

Bildarchiv VLÖ: 1. Norwegische Europahilfe für die Vertriebenen 2. Auf den Weg in eine ungewisse Zukunft 3. Sudetendeutsche auf der Flucht 4. Ehepaar mit Kind im Lager

12 19

60

90

5. Auf den Weg zum Gottesdienst im Lager Simmering 109 6. Siebenbürger Sachsen auf der Flucht vor der Roten Armee 7. Flüchtlingslager

120

8. Essensausgabe im Lager

133

9. Alltag der Flüchtlinge

151

10. Alltag im Flüchtlingslager Graz, Kapellenstraße 11. Schulalltag in der Baracke

164

173

12. Flüchtlingslager in der westlichen Besatzungszone 13. Ein Flüchtlingslager von vielen…

189

14. Kindheit im Flüchtlingslager

193

15. Karte Siedlungsgebiete in Mitteleuropa

Bildarchiv ÖNB, Wien: 1. Barackenlager in Oberösterreich

25

2. Das Innere der Barackenunterkünfte 98

182

Umschlag

118


242 DIE WIEDERAUFBAULEISTUNGEN DER ALTÖSTERREICHER IN DER ZWEITEN REPUBLIK 3. Kleiderausgabe im Barackenlager 4. Kinder im Flüchtlingslager

135

5. Kinder im Flüchtlingslager

157

114

Bildarchiv Firma Frey: 1. Die Delikatessen Manufaktur

213

2. Gurkeneinlegen gestern – heute

218

3. Gurkeneinlegen in Holzfässer

221

4. Produktpalette der Firma Frey

224


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150 Jahre Burschenschaften in Österreich HG.: MARTIN GRAF ERHÄLTLICH UM

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Dieser Sammelband spannt einen Bogen von den An­ fängen der burschenschaftlichen Bewegung bis in die heutige Zeit. Er geht dabei über eine bloß geschichtli­ che Abhandlung weit hinaus und widmet sich etwa auch den wichtigsten Symbolen der Burschenschaft. Die Farben Schwarz­Rot­Gold trugen die Burschen­ schafter schon vor fast 200 Jahren voran, noch lange bevor sie auch zu den Farben Deutschlands und der heutigen Bundesrepublik wurden. Weitere wichtige Kapital beschäftigen sich mit der Mensur, dem stu­ dentischen Zweikampf, der sich aus dem Duell her­ aus entwickelte und das damit verbundene Unwesen zugunsten eines reglementierten Fechtens ablöste, durch das der Burschenschafter seine Verbundenheit mit der Gemeinschaft und ihren Idealen eindrucksvoll unterstreicht. In der jüngeren Vergangenheit war und ist die Südtirol­Politik immer noch eines der wesentlichen Anliegen. Ein weiteres Feld ist die freiheitliche Hochschulpoli­ tik, in der die Burschenschafter den Ton angeben. Einen wichtigen Bestandteil dieses Buches bilden auch jene Beiträge, die sich mit den aktuellen Anfeindungen der Burschenschaften durch selbsternannte „Anti­ faschisten“ auseinandersetzen bzw. einen Blick auf künftige Herausforderungen werfen, die maßgeblich von den gravierenden Umwälzungen in der Bevölke­ rungsstruktur durch Zuwanderung und sinkende Geburtenraten bestimmt sein werden. Mit Beiträgen der Mädelschaft Freya, Wolfgang Bahr, Ing. Udo Guggenbichler, Dr. Andreas Hochwimmer, Univ.­Prof. Dr. Werner Kuich, Mag. Werner Lackner, Hartmut Lind, Dipl.­Ing. Dr. Bernd Lindinger, Dr. Bernhard Pilz, Dr. Walter Ro­ senkranz, Philipp Schrangl, Dipl.­Vw. Günther Schweinberger, Mag. Harald Ste­ fan, Dr. Thomas Wagner, Konrad Weiss; Vorwort: em. Univ.­Prof. Dr. med. univ. Gerhard Pendl, Dr. Friedrich Stefan, KR Ing. Walter Sucher


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Pleiten, Betrug und BAWAG SCHONUNGSLOS AUFGEDECKT ­ DIE ENTHÜLLUNGEN DES BANKEN­UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSSES AUTOR: MARTIN GRAF ERHÄLTLICH UM

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Als der Banken­Untersu­ chungsausschuss nach acht Monaten Tätigkeit am Altar der rot–schwarzen Koalition geopfert wurde, war klar, dass nur die Spitze des Eisberges des sen an die Öffentlichkeit gedrungen ist, was als der größte Finanzskandal der Zweiten Republik in die Ge­ schichte eingehen wird. Un­ termauert mit Originaldo­ kumenten deckt jetzt der Aus­ schussvorsitzende Martin Graf auch viele jener Aspekte auf, die bisher noch nicht bekannt wurden. Der Leser erhält Ein­ blick in die Machenschaften der politi­ schen und wirt­ schaftlichen Netzwerke, die verantwortlich zeichnen für den BAWAG­Skandal, die Ato­ mic­Pleite, den Bulgarien­Mo­ biltel­Deal, den Casino­Jericho ­Flop, den Amis­Betrug und die Causa Hypo­Alpe­Adria. Das Buch geht aber auch ins Gericht mit der „Arbeit“ und dem Versagen der Kontrollgremien und der Rolle des Finanzministers Karl­Heinz Grasser. Mag. Dr. Martin Graf, Jahrgang 1960, leitete den parlamentarischen Banken­Un­ tersuchungsausschuss.


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Unzensuriert Jahrbuch 2009 HG.: MARTIN GRAF ERHÄLTLICH UM

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Im Februar 2009 erblickte das neue Internet­Projekt Unzensuriert.at unter den Fittichen des Dritten Nationalrtaspräsidenten Dr. Martin Graf das Licht der Welt. Das Unzensuriert Jahrbuch 2009 fasst die heißesten politischen Themen des Jahres zusammen.


Mag. Dr. Martin Graf (Hg.), Studium der Rechtswissenschaften in Wien. Magister iuris. 1987, Dr. iuris. 1994. Von 1994 bis 2002 und seit 2006 Abgeordneter der FPÖ im Nationalrat der Republik Österreich, von 1995 bis 2006 Vertriebenensprecher der FPÖ. Seit 28. Oktober 2008 Dritter Präsident des Nationalrates der Republik Österreich. Zuletzt erschienen vom Herausgeber: 150 Jahre Burschenschaften in Österreich gestern – heute – morgen, Graz 2009. Anneliese Kitzmüller (Hg.), seit 1991 FPÖ-Gemeinderätin in Kirchschlag. Am 28. Oktober 2008 als Abgeordnete zum Nationalrat angelobt. Seit 2009 Vertriebenensprecherin der FPÖ, weiters Obfrau der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen.

Ohne Hab und Gut, nur mit dem nackten Leben kamen 1945 Hunderttausende volksdeutsche Heimatvertriebene nach Österreich und noch viel mehr in die Bundesrepublik Deutschland. Obwohl sie alle den Schrecken der Vertreibung nur knapp entkommen waren, viele von ihnen Angehörige verloren hatten, machten sie sich an die Arbeit und verwendeten all ihre Energie für den Wiederaufbau ihrer neuen Heimat. Dies, obwohl sie hier anfangs nicht willkommen waren. Viele Heimatvertriebene wurden aus Österreich nach Deutschland abgeschoben. Der Zugang zu Bildung und auch zum Arbeitsmarkt wurde ihnen in den ersten Jahren nach dem Krieg extrem erschwert. Trotz dieser widrigen Umstände haben die Vertriebenen auf wirtschaftlichem Gebiet großartige Leistungen vollbracht. Viele von ihnen schufen als Unternehmer tausende Arbeitsplätze und hatten somit großen Anteil am Wirtschaftswunder. Dieses Buch spannt einen Bogen von der Vertreibung der Altösterreicher bis zu ihrer gelungenen Integration in die Republik Österreich und betont dabei insbesondere die Leistungen auf wirtschaftlichem Gebiet.

ISBN 9-783-9502849-1-1


Die Wiederaufbauleistungen der Altösterreicher in der Zweiten Republik