Uniglobale April 2016

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GOLDRAUSCH IM SILICON VALLEY

Besprechung in der Star tup-Küche in San Francisco: Karsten Beyer ( M.) ist Operativer Manager bei Data V ir t u a li t y, U S - A m e r i k a n e r M i c h a e l G l o b i t s ( l.) i s t f ü r s Marketing an Bord und Investment Manager Patrick F e u r i c h ( r. ) a r b e i t e t f ü r d e n Te c h n o l o g i e g r ü n d e r f o n d s Sachsen für einige Monate im Portfolio-Unternehmen mit.

San Francisco und die Bay Area gelten als Traum für Software-Ingenieure aus der ganzen Welt. Auch junge Deutsche versuchen ihr Glück beim »Goldschürfen« in Kalifornien. »Mit zitternden Knien stand ich vor ihrer Tür, den Lebenslauf in der Hand.« Es ist still auf dem Campus der Universität Stanford, ab und zu ruft eine Eule, zehn Frauen und ein Mann sitzen im Mondschein um einen Tisch herum und lauschen Clotildes* Geschichte. Die Projektmanagerin war ihrem Mann aus Frankreich an die Universität Stanford gefolgt, weil er ein Journalistenstipendium bekommen hat. »Ich hatte mich bei einer Professorin auf eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin beworben und wochenlang nichts gehört«, erzählt die junge Frau weiter. »Nach der Vorlesung hatte sie mich freundlich abgewimmelt, aber ich dachte mir: Was habe ich zu verlieren?« Sie fühlte sich wie eine Schülerin, jederzeit darauf gefasst, aus dem Büro gekickt zu werden. Doch Clotilde bekam ihre halbe Minute, ihren Elevator Pitch im Türrahmen der Professorin – die Gelegenheit zu erwähnen, dass sie in Moskau und zu Gesundheitspolitik gearbeitet 10

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hat. In der ausgeschriebenen Stelle ging es um Tabak-Regulierungen in Russland. Die Professorin horchte auf, plötzlich interessiert. Clotilde bekam die Stelle.

EIN TRAUM FÜR TECHIES Die Frauen am Tisch horchen ebenfalls auf. Monatelang hatten sie gemeinsam mit Clotilde Bewerbungsgespräche simuliert, Lebensläufe redigiert und Online-Profile optimiert – und nun endlich eine Erfolgsgeschichte! Eine, die beweist, dass es in der Monokultur des Silicon Valley Nischen gibt für Leute, die nicht zufällig Programmierer sind und nicht einmal aus den USA stammen. Sie reichen Wein und Kekse herum, die Clotilde mitgebracht hat – eine Gruppentradition. Wer eine Stelle findet, gibt einen aus. Es ist spät am Abend, doch sie haben alle Zeit der Welt. Ihre Partner werden nicht vor Mitternacht aus dem Büro kommen.

Das Silicon Valley erlebt gerade einen zweiten Goldrausch. »Wer als guter Programmierer an die Westküste kommt, kann sich den Arbeitgeber aussuchen«, sagt Emrah Gursoy, der das Karrieretraining leitet und selbst als Consultant bei Hewlett-Packard arbeitet. »Die Firmen haben Schwierigkeiten, ihre Stellen zu besetzen.« Weil der US-Markt den Bedarf nicht decken kann, sponsern kalifornische Tech-Unternehmen ausländischen Programmierern H1B-Visa. 2015 wurden mehr als 230.000 Anträge gestellt, doch die Regierung gibt bloß 65.000 Visa per Losverfahren aus. Die US-Universitäten bilden zwar mittlerweile mehr Software-Ingenieure aus, doch bis die Neuen die Lücke füllen können, reißen sich die Firmen um die wenigen Talente. Dafür lassen sie sich einiges einfallen: Software-Unternehmen ziehen zunehmend vom Silicon Valley ins 50 Kilometer nördlich gelegene San Francisco, weil es als Wohnort für * Nachname ist der Redaktion bekannt.