turi2 edition #16, Agenda 2022/Nachhaltigkeit

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Wie verpackt man eine Marke heute nachhaltig, Hans-Georg Böcher?

Im engen Sinne sind alle beständigen Lösungen von Problemen nachhaltig: alles, was langlebig „nach-hält“. Im weiteren Sinne sind gesellschaftliche Aspekte gemeint. Hier geht es meist – jedoch keineswegs nur – um die Umwelt. Dabei stellen sich weitere Fragen: Geht es um den Energie-Verbrauch? Um CO2-Neutralität, Emissionen oder Rückstandsvermeidung? Nachhaltigkeit lässt sich aber nicht ohne die soziale Dimension denken. So ist häufig der Verzicht auf Kinderarbeit, Tierwohl, faire Löhne und vieles mehr mitgemeint. Jeder Marktteilnehmer muss seinen eigenen Weg zur Nachhaltigkeit finden. Die moralische Überfrachtung des Konsumverhaltens erschwert einfache Antworten. Die Verpackung von Konsumgütern ist dann umweltverträglich, wenn Belastungen

Hans-Georg Böcher ist Direktor des Deutschen Verpackungs-Museums, Design-Experte und Autor

der Umwelt in den Blick genommen und auf das Füllgut bezogene, konkrete Lösungen verwirklicht werden. Eine regionale Brauerei wird mit Pfandund Refill-Systemen einen anderen Weg beschreiten als der globale Getränkekonzern. Ein Hersteller von Bodenreinigern wie Frosch kann mit seiner „100%-Rezyklat“-Initiative („from cradle to cradle“) andere Wege beschreiten als ein französisches Luxus-Parfüm. Beeindruckt hat mich die Strategie der Otto-Group. Michael Ottos Credo der „vier R“: Reduce (Materialeinsatz reduzieren), Reuse (Verpackungen wiederverwenden), Recycle (Wertstoffe zurückführen), Replace (nachhaltigere Materialien verwenden). Für Otto ist es nachvollziehbar, dass er seine durch den Erwerb ökologisch fokussierter Startups erworbenen Kompetenzen nicht sofort mit Mitbewerbern teilt, sondern eine Zeit für den Image-Vorteil seines Unternehmens exklusiv nutzt. Danach aber sei der Planet wichtiger: Es gelte eben doch, Wissen abzugeben. Für diese Balance, den Spagat zwischen Innovation, Wettbewerb und Philanthropie, muss wohl jeder Unternehmer künftig ein Gespür entwickeln. Mit banalen Forderungen und Schlagworten ist es da nicht getan.

Wird die gelbe Post jetzt grün, Monika Schaller?

Batterieelektrisch fliegen? Klar geht das. Im Maßstab einer Spielzeugdrohne. Aber batteriebetriebene Frachtflugzeuge gehören ins Reich der Fantasie. Oder nicht? 2021 hat DHL zwölf elektrische Frachtflieger bestellt. Auch wenn keiner von ihnen bisher abgehoben ist, wollen wir in eine neue Ära der nachhaltigen Luftfahrt aufbrechen. Wir wollen Logistik zu einem emissionsfreien Geschäft entwickeln. Auf der sogenannten letzten Meile ist die Deutsche Post DHL mit rund 17.000 Elektrotransportern unterwegs. 2022 wird die Flotte bereits 21.500 Einheiten stark sein – bis 2030 wollen wir rund 80.000 E-Fahrzeuge einsetzen. Dazu kommen 29.000 Lastenräder, 8.000 E-Bikes und 9.000 E-Trikes. Diese Maßnahmen sind ein Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Bis 2030 wollen wir unsere CO2-Emissionen unter 29 Millionen Tonnen drücken – eine Einsparung um 37 Prozent gegenüber konventionellen Szenarien. Weil die Sendungsmengen stetig weiter steigen, müssen wir aktiv gegensteuern. Dafür investieren wir Milliarden: Wir wollen den CO2-Fußabdruck unserer Gebäude sowie unserer Transportmittel für den Fernverkehr zu Land, zu Wasser und in der Luft reduzieren. Aktuell ist die Verfügbarkeit von nachhaltigen Treibstoffen für Schiffe und Flugzeuge noch limitiert.

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Monika Schaller leitet Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung bei der Deutschen Post DHL

Während die EU eine Beimischungsquote von nachhaltigem Kerosin in der Luftfahrt mit mindestens fünf Prozent bis 2030 anstrebt, haben wir uns zu mindestens 30 Prozent verpflichtet. Für Transporte zwischen großen Logistikzentren setzen wir biogasbetriebene Lkw ein und verlagern – wo immer möglich – Pakettransporte auf die Schiene. 2050 soll der Konzern im Einklang mit dem Klimaschutzabkommen von Paris klimaneutral sein. In unseren Werbespots zur grünen Logistik mit Jürgen Vogel sprechen wir Kunden an, die sich grüne Logistikangebote wünschen – weil auch sie der Meinung sind, dass ein Wirtschaften in einer Zwei- oder Drei-Grad-Welt keine Option ist. Außerdem zeigen wir damit der Generation „Fridays for Future“, die jetzt in den Arbeitsmarkt drängt, dass wir es ernst meinen: Wer in Klimaschutz investiert, investiert in die Zukunft.


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