turi2 edition #16, Agenda 2022/Nachhaltigkeit

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Was sollte jeder von uns | 4 zum Schutz der Arten-

vielfalt tun, Katrin Böhning-Gaese?

Katrin Böhning-Gaese ist Biologin und Direktorin des Senckenberg-Zentrums für Biodiversität und Klima

Die biologische Vielfalt ist für uns Menschen unsere Existenzgrundlage. Sie sorgt dafür, dass Ökosysteme funktionieren. Die Luft, die wir atmen, die Lebensmittel, die wir essen, das saubere Wasser, das wir trinken, unsere Kleidung, unser Bauholz, viele Medikamente: All das beruht auf der biologischen Vielfalt. Außerdem machen uns eine gesunde, diverse Landschaft und singende Vögel glücklich. Bei uns in Deutschland geht die Artenvielfalt vor allem in der Agrarlandschaft, also auf Äckern, Wiesen und Weiden zurück. Dramatisch sind die Rückgänge zum Beispiel bei Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz. Aber auch das Insektensterben findet hauptsächlich in der Agrarlandschaft statt. Das Gute beim Schutz der Artenvielfalt ist, dass jede und jeder von uns sehr viel dazu beitragen kann. Das fängt beim eigenen Balkon und Garten

an, mit blühenden Kräutern, Stauden und Wiesen für Bienen und andere Insekten – statt Schotter und Rasen. Wir können uns in unserer Stadt engagieren, auch hier gilt: So viel vielfältiges Grün wie möglich, blühende Wiesen, Bäume und Sträucher statt Beton und Asphalt. Was aber nur Wenige wissen: Um die Artenvielfalt zu fördern, müssen wir unser Konsumverhalten und unsere Ernährung ändern. Im Bioanbau ist die Artenvielfalt messbar höher. Aber Landwirte und Landwirtinnen können nur auf Bioanbau umsteigen, wenn auch jemand ihre Produkte kauft. Das heißt, wir sollten, wann immer möglich, Bioprodukte in den Einkaufswagen legen, aus der Region und passend zur Jahreszeit. Ganz wichtig ist unser Fleischkonsum. Der ist ein riesiger Hebel, um Ressourcen und Anbaufläche zu sparen. Denn für ein Kilo Rindfleisch werden 40 Mal so viele Ressourcen verbraucht wie für ein Kilo Kartoffeln. Also: Zurück zum Sonntagsbraten! Wenig Fleisch und Tierprodukte essen. Und wenn, dann wertvolles Fleisch von Weidetieren aus der Region. Nur so bleiben die blühenden Wiesen und Weiden in unserer Agrarlandschaft erhalten. Wie gesagt: Jede Änderung ist wertvoll und macht einen mess- und vor allem spürbaren Unterschied!

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Wie billig darf Bio sein, Jürgen Schwall?

Die Frage klingt einfach, und die Antwort könnte entsprechend kompakt ausfallen. Es lohnt sich aber, genauer hinzuschauen. Denn die Frage nach billig oder teuer hat nicht nur eine kalkulatorische Dimension. Sie führt vielmehr zum Kern unseres Geschäftsmodells – und ist damit auch eine Frage unserer Grundprinzipien als Discounter. Wenn es um Nachhaltigkeit im Discount geht, sind wir – vorsichtig ausgedrückt – mit Vorbehalten konfrontiert: „Bio-Produkte zu günstigen Preisen? Das kann nicht gehen!“ Nachhaltige Produkte stehen offenbar nach wie vor im Ruf, etwas Elitäres zu sein, ein gewisser Luxus, den sich eben nicht jeder leisten kann. Und wenn diese Produkte vom Discounter kommen, dann sind sie schlechter, weil sie „billig“ sind. Auch dieses Vorurteil ist uns bekannt. Dabei

Jürgen Schwall leitet den internationalen Einkauf bei Aldi Nord

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wollen wir es aber nicht belassen. Jeder sollte die Chance haben, sich mit hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen. Diesen Ansatz verfolgen wir seit jeher, natürlich auch bei BioProdukten und regionalen Artikeln. Daher setzen wir uns immer wieder intensiv damit auseinander, wie billig Bio und wie nachhaltig Discount sein kann. Wir sind davon überzeugt, dass Discount und Nachhaltigkeit zusammenpassen. Denn für beide gelten die gleichen Prinzipien: bewusster Einsatz von Ressourcen und Konzentration auf das Wesentliche. Mit begrenzten Mitteln so sparsam wie möglich umzugehen, ist unser wirtschaftliches Fundament. Das ist die notwendige und alternativlose Grundvoraussetzung dafür, dass wir hochwertige Produkte zum niedrigst möglichen Preis anbieten können. Mindestens ebenso zentral ist für uns als Discounter die Kunst des Weglassens: bewusst begrenzte Sortimente, schlanke Prozesse, ein „Nein“ zu allem, was nicht wesentlich ist. Mit unserem Geschäftsmodell machen wir Bio günstig und damit für möglichst viele Menschen erschwinglich – ohne dass dies auf Kosten Dritter geht.


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