turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

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Der Rider bringt das Twix – sonst ändert sich nix? Wie aus der Antriebswende eine echte Verkehrswende wird: Sieben Thesen von Alexander Möller und Anja Ludwig These 1: Es wird in der Zukunft nicht weniger Verkehr geben als heute Ja, es gibt die Veränderung der Arbeitswelt für Berufe, in denen Home-Office und Desksharing möglich sind. Die Vorteile der Flexibilität für den Einzelnen sind aber überschaubar, viele brauchen für sich die Abgrenzung von Arbeit und Wohnen in ihrer Work-Life-Balance. Im Kampf um gute Fachkräfte geht es auch um den Komfort des Arbeitsplatzes. Gescheiterte OpenSpace-Projekte zeigen das. Die Mobilitätsbedürfnisse nehmen insgesamt genauso wenig ab wie die Bedürfnisse nach Gütern. Im Gegenteil: Der vergessene Schokoriegel wird nicht mehr ersetzt durch die Kekse im Schrank. Sondern der Rider bringt das Twix.

These 2: Es wird einen Fokus auf neue Technologie und neue Produkte geben Die Mobilität von morgen kann CO2-frei sein. Das setzt Milliarden-Investitionen in den Individualverkehr, die öffentliche Mobilität mit Bus und Bahn und ganz neue Ideen wie Hyperloop und Drohnen voraus. Dafür braucht es CO2-freien Antrieb durch grünen Strom, aber auch die CO2-freie Produktion vom Fahrrad bis zur Lokomotive. Es braucht leistungsstarke ITSysteme und die konsequente Digitalisierung interner Prozesse und des Kundenmanagements. Das alles setzt eine Bereitschaft der Unternehmen zu Kooperationen und Partnerschaften sowie staatliche Anreize voraus.

These 3: Die Emotion der Mobilität wird elektrisch Die deutschen PKW-Hersteller sind in der Verkehrswende angekommen. Laut einer aktuellen Marktstudie ist jedes sechste

Elektroauto auf der Welt von einem deutschen Hersteller. Das Narrativ der Hersteller ist einfach und erfolgreich: „Dein neues, elektrisches Auto ist dein Beitrag zum Klimaschutz. Dabei bleiben dir alle Vorteile deines Autos erhalten: Du bleibst unabhängig, denn dein Auto ist 24/7 für dich verfügbar. Du kannst allein in deinem Schutzraum Auto unterwegs sein, mit Platz für andere und alles, was du transportieren möchtest; zu Tagesrandzeiten, im ländlichen Raum, wo und wann immer du willst.“ Die Hersteller setzen mit Erfolg auf den faulen Menschen, der Veränderung nur schätzt, wenn sie der eigenen Bequemlichkeit dient. Die Autoren wissen, wovon sie schreiben.

These 4: Die Angebote der öffentlichen Mobilität müssen die Lebenswirklichkeit der Kundschaft treffen Die Autoindustrie macht vor, wie die Kundin emotional abgeholt wird. Ein nachhaltiges Mobilitätsverhalten der Kundinnen wird erst kommen, wenn ihre Bedürfnisse durch öffentliche und geteilte Angebote erfüllt werden. Öffentliche Mobilität wurde von der eigenen Branche unter der Marke „ÖPNV“ viel zu wenig emotional verkauft. Viel zu lange galt: Bus und Bahn nutzen die, die zu jung, alt oder arm fürs Autofahren sind. Dabei gibt es heute die Bereitschaft zur Nutzung der öffentlichen Mobilität auch als Beitrag zum Klimaschutz. Die bei Kunden erfolgreiche Liberalisierung des Fernbusmarktes 2013 oder die Produkteinführung von E-Scootern 2018 zeigen, dass es eine große Neugier auf neue Mobilitätsangebote gibt. Öffentliche Verkehrsunternehmen müssen finanziell in der Lage sein, mit neuen Angeboten in Vorleistung zu gehen. Damit die Kundinnen sie

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kennen und schätzen lernen. So wird aus einer Antriebswende eine echte Verkehrswende.

These 5: Schluss mit den 100-Prozent-Lösungen Wir Deutschen streben nach Perfektion. Das ist als Exportnation nicht das Schlechteste. Es hat aber zur Folge, dass wir auf der Suche nach der perfekten Lösung, die erst morgen verwirklichbar ist, die heute schon zu erreichende 80-Prozent-Lösung außer Acht lassen. In der Mobilität ist das fatal, weil hier „morgen“ erst 2035 ist. Infrastrukturmaßnahmen wie Brückensanierung und der Bau eines Kreisverkehrs dauern genauso zu lange wie Erhaltungs- und Neubauprojekte für die Schiene. Technologischer und digitaler Fortschritt kommen wegen der langen Investitionszyklen bei Fahrzeugen auf Straße und Schiene zu spät an. Während wir bei Telekommunikation und Streaming längst an eine Flatrate gewöhnt sind, müssen wir auf der Suche nach dem Zugang zur öffentlichen Mobilität immer noch zu häufig in unflexiblen Pricing-Modellen beim Ticketing im öffentlichen Verkehr mühevoll fündig werden.

These 6: Schluss mit dem Verramschen Wir können uns für unseren Planeten und aus sozialer Verantwortung für die Beschäftigten in den Branchen kein Verramschen der Produkte in Mobilität und Logistik mehr leisten. Für Niedrigstpreise oder sogenannten kostenlosen ÖPNV ist da kein Raum. Statt die „Geiz ist Geil“-Debatte weiter auch in der Mobilität zu befeuern, brauchen wir dringend eine Haltungswende. Mobilität und Logistik sind wichtige, den Lebensstandard sichernde Dienstleistungen, die ihren Preis haben (müssen).