turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

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»Wirtschaftsunternehmen sind per se nichts Böses« Auf der Suche nach neuen Einnahme-Quellen machen die „Geo“ und Chefredakteur Jens Schröder gemeinsame Sache mit Otto – und Corporate Publishing

Fotos: picture alliance, G+J

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er Otto-Katalog ist längst Geschichte. Doch eine gewisse Liebe zu Print ist dem Hamburger VersandKonzern geblieben: Im Mai 2021 veröffentlicht Otto „Now“, ein Magazin, das auf 108 Seiten die Nachhaltigkeits-Bemühungen der Otto Group in den Fokus nimmt. Ein Paradebeispiel für Corporate Publishing – wäre da nicht der Untertitel „in Kooperation mit ‚Geo‘“. Die hochseriöse Magazin-Marke von Gruner + Jahr gibt sich für eine Zeitschrift her, die laut Selbstauskunft „kein klassisches Corporate Publishing, aber auch kein rein journalistisches Produkt“ ist. „Ich finde gut, dass wir unsere Marke draufgeschrieben und die ungewöhnliche Kooperation im Editorial ganz offen erläutert haben. Das ist alles mit vollkommen offenem Visier“, sagt der„Geo“-Chefredakteur Jens Schröder. Er ist einer von drei Vätern von „Now“: Entstanden ist die Idee schon unter Schröders Vorgänger Christoph Kucklick, heute Leiter der renommierten HenriNannen-Schule. Er meldet sich auf eine Werbe-Ausschreibung von Otto-Kommunikationschef Thomas Voigt und regt an, mal was ganz anderes zu machen als klassische PR. Schröder übernimmt das Projekt von Kucklick. Und ist heute sichtlich stolz auf „Now“. Wer sich mehr als nur die Titelseite anguckt – das Heft ist mit 100.000 Auflage gedruckt erschienen und steht für alle kostenlos im Netz – kann nachlesen, warum. „Now“ ist weder Festschrift noch PRPamphlet: Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar und Otto-Patriarch Michael Otto treffen sich auf sechs Doppelseiten zum Streitgespräch – und sind sich tatsächlich in

vielen Punkten uneinig. Christoph Cadenbach, Reporter beim „SZ-Magazin“, porträtiert eine BaumwollBäuerin in Sambia, die zwar von der Otto-Initiative „Cotton Made in Africa“ profitiert, für unsere Verhältnisse aber noch immer bitterarm ist. Der frühere „stern“-Auslandschef Hans-Hermann Klare dokumentiert das mühsame Tauziehen um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für die Näherinnen in Bangladesch. Geschichten, die auch in der regulären grünen „Geo“ funktionieren würden. Jeder Text durchläuft zudem das strenge bei „Geo“ übliche Fact-Checking. Dass die Auftragsproduktion das Säckel von Gruner + Jahr zusätzlich füllt, darf man nicht nur vorsichtig vermuten. Chefredakteur Schröder. sagt: „Wirtschaftsunternehmen sind ja per se nichts Böses, im Gegenteil, sie sind entscheidend für den Wandel.“ Ihm falle kaum ein anderes Unternehmen ein, das ähnlich glaubhaft wie Otto für Nachhaltigkeits-Anstrengungen stehe und gleichzeitig so viele Geschichten zum Thema zu erzählen habe. Klingt nicht so, als würde „Geo“ mit Auftrags-Magazinen demnächst in Serie gehen. Trotzdem laufen schon Gespräche mit weiteren, möglichen Partnern, sagt Schröder, ohne konkret zu werden. Partner könnten neben Firmen auch Stiftungen sein. Thematisch stellt er sich das ganze „Geo“-Spektrum vor – vom Erklären von Wissenschaft bis zur historischen Aufarbeitung. Wichtig ist ihm, dass „Geo“ und seine Partner eine gemeinsame Perspektive auf ein Thema haben oder entwickeln. Und dass es keine thematischen Tabus für die Journalistinnen gibt. Markus Trantow

Video-Tipp:

Jens Schröder im Videofragebogen über Bewegung unter turi2.de/koepfe

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