turi2 edition #14 Social Media

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Network Guide: Clubhouse

»So leicht wie hier findest du nirgendwo Nachwuchs« Tess Kadiri, 20, hat sich zu einer der spannendsten Stimmen im jungen Journalismus in Deutschland entwickelt. Was hat Clubhouse damit zu tun? Tess, was gefällt dir an Clubhouse? Ich höre gerne zu, mag Podcasts und Radio. Das läuft bei mir nebenbei, während ich arbeite oder Wäsche aufhänge. Was nervt dich? Wenn Leute auf die Bühne kommen, die nichts zu sagen haben. Es ist okay, rhetorisch nicht gut oder nicht sonderlich tief im Thema zu sein. Aber einfach nur um des Redens willen reden? Das geht gar nicht. Ist der Clubhouse-Hype schon wieder vorbei? Das glaube ich nicht. Klar, die Zahlen sind runtergegangen. Aber die Leute mit Expertise sind noch da. Ich glaube, dass sich die Masse mehr verteilt. Für Journalistinnen bedeutet das, dass sie in gute Formate investieren müssen, um die Leute anzuziehen. Was ist anders am Moderieren auf Clubhouse? Dass ich es machen kann, obwohl ich keine Zeit habe. Wenn ich am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr Sigmund Gottlieb beim „Clubfrühstück“ interviewe, muss ich dafür nicht mal aus dem Bett oder meine Gesichtsmaske ablegen. Ich kann auch in der Mittagspause meines Studentenjobs moderieren. Praktisch.

Fotos: Johannes Arlt, Screenshots, freepik

Du langweilst dich schnell, oder? Ich habe diesen Drang, immer mehr zu tun als ich gerade tue. Ich merke dann: Ich kann mich nicht nur auf diese eine Netflix-Serie konzentrieren und frage mich, was auf Clubhouse los ist. Ich will nichts verpassen. Lohnt es sich für dich, so viel Zeit in der App zu verbringen? Mir als Nachwuchsjournalistin hat sie bisher viel gebracht, weil ich darüber einigen Größen des Journalismus relativ niedrigschwellig begegnen konnte, Cordt Schnibben oder Dunja Hayali zum Beispiel. Und ich habe plötzlich viel mehr Engagement auf Instagram. Ich komme da gar nicht mehr mit dem Beantworten der Post nach. Ich werde inzwischen auch für Moderationen außerhalb der App angefragt. Etablierte Redaktionen können darüber genauso neue Followerinnen für Instagram oder Twitter gewinnen. Wie können Journalistinnen Clubhouse nutzen? Ich kenne viele Räume, in denen sich zum Beispiel Leute mit nordafrikanischem Hintergrund austauschen. Räume wie diese können Inspirationsquellen sein. Ich weiß, dass Jaafar Abdul Karim von der Deutschen Welle

Tess Kadiri hat marokkanische Wurzeln und schon in der Schulzeit viele Hobbies: Rudern, Basketball, Klavier. Heute moderiert sie Podcasts, Polittalks und jeden Sonntag um 9.30 Uhr für turi2 das „Clubfrühstück“ auf Clubhouse

Clubhouse zur Recherche nutzt. Ich staune immer, wenn Leute sagen, dass ihnen die App nichts bringt. Gleichzeitig höre ich in Redaktionen von Nachwuchsproblemen. So leicht wie auf Clubhouse findest du den Nachwuchs nirgendwo sonst! Du kannst direkt hören, wie Leute reden und sich verkaufen. Das ist viel wert. Wie sieht ein guter Clubhouse-Talk aus? Die Gäste decken verschiedene Meinungen ab, progressive wie konservative. Frauen und andere Gruppen sind genauso vertreten wie Männer. Ganz entscheidend ist eine gute Moderation. Es bringt nichts, fünf Leute in einen Raum zu stecken, da kann das Panel noch so toll sein. Da muss also eine Moderatorin sitzen. Und diese Person muss ein bis zwei Stunden konzentriert dabei sein, mitschreiben und gute Überleitungen schaffen. Dann kann fast nichts mehr schief gehen.

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