turi2 edition #14 Social Media

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Jan Böhmermann sucht das große Publikum. Auf Twitter reichen ihm dafür 280 Zeichen

Er ist einer von ihnen Jan Böhmermann ist Deutschlands ungekrönter Twitter-König. Politische Pannen haben es ihm angetan. Ein deutscher Virologe auch

Fotos: Picture Alliance, Screenshots, ProSieben

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anchmal, das gibt Jan Böhmermann zu, findet er Twitter unheimlich. Meistens, wenn er etwas retweetet: „Ich merke, dass Leute dann sehr darüber reden“, sagt er im Herbst 2020 der „Süddeutschen Zeitung“. Kommt vor, bei schlappen 2,2 Millionen Followerinnen, darunter nicht nur Deutschlands gesamte JournalistinnenBubble, sondern auch der halbe Bundestag. Minimum. Angela Merkel, gut, die fehlt ihm noch in seiner Liste. Aber die Teflon-Kanzlerin ist eben nur so hart beschichtet, weil sie sich von Social Media wohlweislich fernhält. Böhmermann selbst folgt auf Twitter schlanken 1.800 Accounts. Mit dabei: ebenfalls viele heimische Journalistinnen und Politikerinnen, das Robert-Koch-Institut sowie der US-Präsident. Böhmermann und Twitter – war da nicht was? Ach ja: Das war doch dieser Verrückte, der Twitter ausgedruckt hat! Zugegeben, nicht das ganze Twitter, aber immerhin sein eigenes. „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“ heißt das 464 Seiten starke Werk, in dem Böhmermann eine Auswahl seiner Tweets von 2009 bis 2020 gesammelt und kommentiert hat. „Braucht das wer?“, kann man sich da fragen. Böhmermann und seine Anhängerinnen ganz offensichtlich, denn der Moderator löschte kurz vor Erscheinen des Buches alle seine bisherigen Tweets. Da schadet eine gedruckte Gedächtnisstütze nicht. Wobei: Böhmermanns Tweets und somit das Buch beginnen banal bis harmlos, mit Witzen über Hipster, Kai Diekmann und „Wetten, dass...?“. Spätestens seit dem unschönen Wort „Flüchtlingskrise“ 2015 ist Komik auf Böhmermanns Account zwar

nicht abgemeldet, aber auf dem Rückzug. Stattdessen: Tweets zu Politischem, gesellschaftlichen Schieflagen. Hasskommentare folgen. Der Twitter-Durchbruch gelingt Böhmermann 2016 mit seinem Gedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan. Fast über Nacht beschert es ihm Hunderttausende neue Followerinnen. Und Böhmermann nutzt seine Reichweite. Nicht immer auf die feine Art: Österreicherinnen sind per se „debil“ und leben in der „Alpen-Türkei“. Dann wieder für wohltätige Zwecke: Gemeinsam mit Klaas HeuferUmlauf ruft er zu Spenden für die Seenotrettung auf und sammelt fast eine Million Euro ein. Von vielen wird er gefeiert, manche Kritikerinnen sind entnervt: Böhmermann verkomme zum „Twitter-Zombie“ und verwechsle „Lautstärke mit Talent“, heißt es da. Unbestritten unangenehm kann Böhmermann auf jeden Fall werden, das hat auch Virologe Hendrik Streeck gelernt. Mit dem legt sich der Moderator recht unmoderiert auf – natürlich Twitter – an und befiehlt: „Aufhören!“ Streeck verkaufe seit Beginn der Corona-Krise persönliche Interessen und PR als seriöse Wissenschaft. „Das ist super unseriös!“ Gesendet am 16. März 2021, nur ein paar Tage später bekommt Streeck dann noch in Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ sein Fett weg. Unheimlich? Nur rund fünf Prozent der Deutschen sind regelmäßig auf Twitter, das weiß auch Böhmermann. Aber, wie er selbst bemerkt: „Es sind die fünf Prozent, die das Sagen haben oder es gerne hätten.“ Diese digitalen Zaunguckerinnen reichen ihm. Er ist schließlich selbst einer von ihnen.

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