turi2 edition #14 Social Media

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Network Guide: Linked-in

Reparaturtipps vom Porzellanfachhändler Auf Gerhard Schröders Agenda 2020 standen zwei digitale Premieren: ein eigener Podcast und Linked-in. Dort folgen ihm über 55.000 Menschen. Nur ein deutscher Politiker schafft mehr vor der Europaflagge und dem Siegel „Top Voices“ unter den Linked-in-Influencerinnen. Die Plattform Linked-in wählt Berater Anda Anfang 2020 für Schröder bewusst aus. Als Alt-Kanzler soll Schröder sich nicht in Tagesdebatten verlieren, Twitter scheidet deshalb aus. Instagram bleibt Schröders Ehefrau Soyeon Schröder-Kim vorbehalten. International soll der Kanal sein, zu Schröders Business-Aktivitäten als Berater und Aufsichtsrat passen. Tony Blair und Justin Trudeau sind Vorbilder. Von den wichtigen deutschen Politikern ist Anfang 2020 nur Christian Lindner schon auf Linked-in. Den überholt Schröder schnell und locker, liegt mit 55.000 Followerinnen jetzt deutlich vor Lindner mit 30.000. Eine Weile ist Schröder sogar Deutschlands meistgefolgter Politiker auf Linked-in, dann überholt ihn Gesundheitsminister Jens Spahn mit über 70.000 Followerinnen. Schröder selbst telefoniert am liebsten, erzählt seinem Intimus Anda, was der posten soll. Oder spricht mit seinem Berliner Büroleiter Albrecht Funk. Von Dummheiten im Netz muss Schröder nicht abgehalten werden – hat er Ideen, bespricht er die mit seinen Beratern. Für unterhaltsame Moment sorgt vor allem Schröders aktuelle Ehefrau Soyeon. Auf ihrem Instagram-Account postet sie Videos vom Altkanzler in Kurzarmjacke am Herd oder mit einem Loblied auf die Hagebutte. Im Netz sorgen die Videos für großes Hallo. Auch der jüngste Viralhit auf Linked-in kommt von Soyeon: Sie filmt ihren Gatten, wie der eigenhändig eine zerbrochene Porzellanvase zusammenklebt. Den notwendigen Link zur Politik baut Schröder, indem er an seine Lehre als Porzellanfachhändler erinnert: „Da habe ich gelernt, Kaputtes wieder zusammen zu kleben.“ Immerhin, der kleine Klebe-Clip bringt es bei Instagram in kurzer Zeit auf über 200.000 Klicks und bei Linked-in auf rund tausend Likes und über 250 Kommentare. Für solche Preziosen gibt es jetzt auf YouTube einen eigenen Altkanzler-Kanal: Gerhard Schröder, Die Agenda.

»Ich habe gelernt, Kaputtes wieder zusammen zu kleben«

Der Clubhouse-Podcast mit Belá Anda und Ina Tenz über Social Media und Podcasts in der politischen Kommunika­ tion im turi2.de/clubraum

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Foto: Picture Alliance

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ls Gerhard Schröder noch Kanzler ist, reichen ihm zum Regieren drei Medien: „Bild“, „BamS“, Glotze – so ein berühmter Spruch von Schröder aus seiner Regierungszeit 1998 bis 2005. Im Jahr 2021 setzt Schröder, beraten von seinem ehemaligen Regierungssprecher Belá Anda, auf drei andere Medien, um gehört zu werden: Linked-in, Schröders eigener Podcast „Die Agenda“ und nun auch YouTube. Der „einzige lebende Bundeskanzler“, wie ihn Anda ehrfürchtig nennt, hat sich digital neu erfunden. Die Idee zu Schröders Podcast „Die Agenda“ entsteht fast zufällig: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 gibt Schröder der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ per Facetime ein Interview, Berater Anda sitzt daneben und ist hinterher enttäuscht, wie wenig von dem lebhaften Gespräch gedruckt wird. Zu Hause erzählt er die Geschichte seiner Ehefrau Ina Tenz, Ex-Programmchefin von Antenne Bayern. Und die rät spontan: „Dann macht doch einen Podcast!“ Gesagt, getan. Schröder ist nicht begeistert, aber offen für die Idee. Erscheint mit Anzug und Krawatte zum ersten Audiogespräch mit Belá und Ina. Die Rollenverteilung zwischen Koch und Kellner ist dabei genauso klar wie einst zwischen Schröder und seinem Vize Joschka Fischer. Belá stellt die Fragen, Gerhard antwortet – und Ina sorgt für professionelle Aufbereitung und Vermarktung. Am 26. Mai 2020 geht die erste Folge online, Titel: Die Corona-Krise. 21 Folgen und zehn Monate später folgen 250.000 Menschen Schröders akustischer „Agenda“. Dort erzählt Schröder manches private Anekdötchen, bietet Interessierten aber tiefe Einblicke in die Zeitgeschichte und seine Gedankenwelt. Auf Linked-in ist Schröder schon ein paar Tage vorher gestartet. Dort präsentiert er sich als „Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland 1998-2005“ und mit seinem aktuellen Beruf als „selbständiger Rechtsanwalt“ aus Hannover, Niedersachsen. Und posiert stolz