turi2 edition #14 Social Media

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bewegen. Wie passt das zur Toleranz-These? Ich erlebe durchaus neue Menschen in meiner Bubble. Menschen, die ich ohne Twitter nie kennengelernt hätte. Menschen, die im Islam zu Hause sind oder im jüdischen Glauben, Menschen, die homosexuell sind, Hausfrauen, alleinerziehende Mütter. Meine Bubble ist ohne soziale Netzwerke ja auch da, aber sehr klein. Seit Kurzem folgt mir Katrin Göring-Eckardt, ich folge ihr zurück. Mit ihr würde ich mich doch sonst wahrscheinlich nie austauschen. Sie haben schon Anzeige gestellt gegen Leute, die Sie online furchtbar beleidigt haben. Was ist daraus geworden? In einem Fall hat mir jemand eine persönliche Nachricht auf Twitter geschrieben, die ich selbst zur Anzeige gebracht habe. Die Ermittlungen wurden aber eingestellt. Ich bin immer noch geneigt, den zuständigen Staatsanwalt anzuschreiben und ihn zu fragen, was er tatsächlich unternommen hat. Weil ich den Verdacht habe, dass er nichts unternommen hat. Wird das Gesetz nicht fertig mit Online-Hass? Das Problem ist ja: Erst kommt der Hass, dann das Gesetz. Und ich glaube, der aktuelle Umgang mit Hass ist nicht zielführend. Wir müssen da sehr viel härter ran, weil die Konsequenz des Hasses mehr Hass und am Ende auch Verletzung und Tod ist. Und das geht nicht. Jeder, der gehasst wird auf diese Art und Weise, sollte sich vom Staat fürsorglich behandelt fühlen.

Welche Antwort erhoffen Sie sich von dem Staatsanwalt? Dass er sagt: Ich rede nochmal mit Twitter. Meine Erwartung ist, dass er mit einem empathielosen Schreiben antwortet. Was erwarten Sie von Twitter? Mehr Unterstützung. Warum muss derjenige, der diesen Hass erfährt, die Anzeige erstatten? Warum kann Twitter das nicht für mich erledigen? Ich glaube, Twitter und Facebook – bei Instagram geht es ja noch ein bisschen pfleglicher zu – müssten dazu verpflichtet werden, mit aktiv zu sein. Sie sagen immer: Wir sind reine Verbreitungswege und nicht verantwortlich. Aber das stimmt nicht. Sie verdienen viel Geld damit. Also können wir erwarten, dass sie einen Teil dafür ausgeben, ihr Angebot sauber zu halten. Von wem kommt der Hass? Genau das finde ich so feige: Die meisten dieser Leute sind anonym unterwegs. Ich stelle die mir immer vor und denke dann an Halle, diesen widerlichen Typen, der im Kinderzimmer sitzt, dessen ganze Wahrnehmung nur aus rechter Verschwörungsmystik besteht. Und dann kommt der auch noch auf die Idee, eine Synagoge zu überfallen! Dasselbe in Hanau. Die brauchen doch Hilfe. Also die denken natürlich, ich brauche die. Aber ich garantiere denen: Das ist nicht der Fall. Wie haben die sozialen Medien Ihre journalistische Arbeit verändert? Sie haben die Arbeit

Georgine Kellermann und Elisabeth Neuhaus in Kellermanns Büro im WDR-Studio Essen

schwieriger gemacht, weil wir uns weniger Fehler leisten können. Sie haben sie leichter gemacht, weil wir viel näher an unserem Publikum dran sind. Sind Sie heute noch genauso gerne Journalistin wie in den 80er Jahren? Ja, da ist immer noch dasselbe Feuer. Das haben die Kolleginnen gerade wieder gemerkt: Ich habe von Fußball keine Ahnung, aber in der Konferenz heute morgen habe ich vehement dafür geworben, dass wir beim Spiel von Rot-Weiss Essen dabei sind. Es geht mir darum, Empathie für die Menschen zu zeigen. Ich liebe es, Geschichten zu hören und zu vermitteln. Als Reporterin bin ich selbst gar nicht mehr so häufig unterwegs. Das fehlt mir ein bisschen. Aber so ein Team zu leiten, ist auch eine großartige Sache. Sind Sie Lokalpatriotin? Nein. Meine Heimat ist Ratingen, da sind meine Freunde. Aber wissen Sie, wenn ich in Zagreb aus dem Flugzeug gestiegen bin, wusste ich immer genau, wo ich zuerst hingehe: ins Hotel, dann ins

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Café. Das war in Burundi nicht anders und auch nicht in Buenos Aires. Ich bin überall da zu Hause, wo ich gerade bin. Werden Sie in fünf Jahren schon als Rentnerin und nicht mehr als Reporterin über Ihr Leben twittern? Wer weiß, ob Twitter bis dahin noch interessant ist. Auf jeden Fall würde ich dann gerne nochmal mit der Queen Mary nach New York fahren. Mit meiner ehemaligen Lebensgefährtin habe ich das mal gemacht, es war ein Traum. Ich glaube, ich würde auch gerne Menschen beraten: Wie gehe ich mit dem TransSein um? Wie mache ich es öffentlich? Ich würde dann vielleicht ab und zu nach Brüssel oder Berlin reisen, um mit Parlamentarierinnen darüber zu sprechen. Auf der anderen Seite würde ich mir wünschen, dass das bis dahin überhaupt keine Frage mehr ist. Anders als in den 80ern redet doch heute auch niemand mehr über Homosexualität. Ich glaube, dass wir bei TransMenschen auf dem selben Weg sind.