turi2 edition #14 Social Media

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18 Gefährden Influencerinnen die Demokratie, Wolfgang M. Schmitt? Während die Auflagen der Tageszeitungen unaufhörlich sinken, wächst auf TikTok, YouTube und Instagram mit Influencerinnen eine neue Macht heran. Journalistinnen haben diese Entwicklung lange ignoriert oder belächelt, neuerdings jedoch begrüßt, etwa wenn Influencerinnen in Kultur-Sendungen und im Feuilleton unkritisch hofiert werden. Noch immer aber werden die Netz-Stars unterschätzt. Keineswegs handelt es sich bei ihnen nur um Testimonials wie prominente Sportlerinnen oder Schauspielerinnen, die in Werbespots NutellaBrote oder Gummibärchen essen. Influencerinnen tragen ihr gesamtes Ich

Wolfgang M. Schmitt ist Autor des Buches „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“

zu Markte, sie verknüpfen in YouTube-Videos und Instagram-Stories ihren Alltag mit Werbebotschaften und Rabatt-Codes. Anders als die klassischen Stars setzen sie auf Nähe. Sie sagen zu ihren Followerinnen: „Ich bin wie du!“ Eigentlich gemeint ist aber: „Du kannst wie ich

sein – vorausgesetzt, du kaufst, was ich dir sage.“ Vance Packard sprach in den 1950er Jahren mit Blick auf die Werbebranche von den „geheimen Verführern“, inzwischen aber agieren diese Verführerinnen nicht mehr geheim, dafür manipulativer denn je. Anders als klassische Stars gerieren sich Influencerinnen als authentisch – was freilich die größte Verlogenheit ist. Sie verschleiern ihre ökonomischen Interessen, indem sie jede Werbebotschaft als freundschaftlichen Rat maskieren. Kein Wunder, dass die Followerinnen sich in den Kommentarspalten eifrig dafür bedanken, dass sie Werbung präsentiert bekommen.

Wenn wir mit Kant festhalten, dass Aufklärung „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist, muss man sich die Influencerin als Zerberus vorstellen, der diesen Ausgang bewacht, damit bloß keine Followerin entkommen kann. Dass Influencerinnen diese Strategie inzwischen auch für gesellschaftspolitische Themen nutzen und Politikerinnen zunehmend die Nähe zu Instagram-Stars suchen, lässt im Jahr der Bundestagswahl nichts Gutes verheißen. Influencerinnen gefährden die Demokratie, weil sie die mündige Bürgerin zur unmündigen und deshalb manipulierbaren Konsumentin degradieren.

Wir als Welthungerhilfe versuchen, überall dort mit den Menschen in Kontakt zu kommen, wo sie sich ohnehin aufhalten. Online-Spenden sind in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Eine Spende per Klick ist für viele Unterstützerinnen ein unkomplizierter Weg, Gutes zu tun. Spenden hat jedoch viel mit Vertrauen zu tun, und Spenderinnen wollen sichergehen, dass ihre Beiträge sinnvoll verwendet werden. Uns als NGO ist es daher wichtig, eine langfristige

Beziehung zu ihnen zu schaffen. Facebook bietet verschiedene Spendenmöglichkeiten an. Die wohl erfolgreichste ist das Anlegen von Spendenaktionen: Privatpersonen können in ihrem Freundeskreis um Spenden für ein Projekt oder eine Organisation bitten. Anlässlich meines Geburtstags kann ich mir zum Beispiel wünschen, dass mein Freundeskreis eine bestimmte Summe zugunsten der Welthungerhilfe aufbringt. An solchen Anlass-Spenden-

Lena Binder ist EngagementChefin der Welthungerhilfe

aktionen beteiligen sich die Eingeladenen in der Regel als Gefallen für ihre Freundinnen und nicht unbedingt, weil sie sich

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mit der Arbeit der Organisation beschäftigt haben. Sie werden selten zu dauerhaften Unterstützerinnen. Menschen hingegen, die an einem Stand in der Innenstadt mit der Welthungerhilfe in Kontakt kommen, bauen eine andere, engere Bindung zu uns als auf. Sie unterstützen unsere Arbeit eher über einen langen Zeitraum und immer wieder. Für eine langfristige Beziehung lohnt es sich also, einen Mix aus Online- und Offline-Fundraising-Kanälen zu finden.

Fotos: Welthungerhilfe, FatboyFilm

19 Geht Spendensammeln via Facebook ­ einfacher als in der Fußgängerzone, Lena Binder?