turi2 edition #14 Social Media

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Hannes Ametsreiter ist seit 2015 CEO von Vodafone Deutschland

14 Ist es gut, dass Corona unser Leben so stark digitalisiert, Hannes Ametsreiter? Corona war in v ­ ielerlei Hinsicht der größte ­Digitalisierungsschub, den dieses Land je gesehen hat. Von einem auf den anderen Tag sind Millionen Erwachsene ins Home-Office gewandert, Millionen Kinder ins Home-Schooling. Sie haben die Netze im Land zum Glühen gebracht. Erst dann wurde vielen klar, wie wichtig Infrastruktur für uns alle ist – und was sie alles möglich macht. Wir wurden gezwungen, mutig zu sein, die Dinge neu und Digitalisierung weiter zu denken, als wir es je getan hatten. Schlicht, weil wir bislang nicht mussten.

Doch zugleich war Corona ein fürchterlicher Offenbarungseid für dieses Land. Einer, der jeder einzelnen von uns vor Augen führt, wie sträflich wir die Digitalisierung all die Jahre vernachlässigt hatten. Und wie lange es braucht, sie allein an den wichtigsten Stellen unserer Gesellschaft zu verankern. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie haben wir eine Corona-App, die nicht ohne Warteschleifen in Hotlines auskommt. Wir haben Gesundheitsämter, die Faxe senden. Wir haben Impfärztinnen, die mehr Zettel ausfüllen als Spritzen setzen. Wir haben Firmen, die ihre Mit-

arbeiterinnen ohne Not in Büros zwingen. Wir haben vernetzte Schulen mit wenigen Videokonferenzen – weil den Lehrerinnen Mittel oder Möglichkeiten fehlen. Das zu erkennen, tut weh. Es beschämt ungemein. Zuweilen lässt es einen verzweifeln. Aber manchmal hilft eben nur die Hand an der Herdplatte, der Finger in der digitalen Wunde. Aufgeben ist keine Option – im Gegenteil: Wir sollten jetzt erst recht einen Gang höher schalten, das digitale Gaspedal bis zum Anschlag durchtreten. Weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung wagen. Nur so kommen wir

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dauerhaft aus dieser Krise – und bauen zugleich eine erfolgreiche Zukunft. Ist Digitalisierung der alleinige Seligmacher? Mitnichten. Corona offenbart uns gerade mit voller Wucht auch ihre Schattenseiten. Die sind überall dort, wo Digitalisierung im Überfluss auf den Menschen einprasselt – wie ein DDOS-Angriff aufs Hirn. Wo sie meint, Mensch und Menschlichkeit ersetzen zu können – oder gar echte Nähe. Hier müssen wir mitten in der Pandemie unsere Augen aufhalten. Erst recht in einer Zeit post Corona die Weichen der Verantwortung neu stellen.