turi2 edition #14 Social Media

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wir waren als öffentlichrechtlicher Rundfunk nie wichtiger als jetzt. Fake News, Hass-Posts, undurchsichtige Quellenlagen, Propaganda: All dem müssen und können wir mit unserem Handwerk, mit unseren journalistischen Skills und mit unserer publizistischen Kraft gegenübertreten. Wer, wenn nicht wir? Wer, wenn nicht die, die von der gesamten Gesellschaft beauftragt sind? Das Vertrauen in unsere Berichterstattung

und unsere Qualität ist nach wie vor groß – das hat Corona noch einmal gezeigt. Die Menschen suchen Informationen, Halt und Bildung bei uns. Neben unseren qualitativ starken Inhalten ist aber ein weiteres Thema sehr wichtig: die Nachrichtenkompetenz. Umfragen und Studien zeigen immer wieder, dass es vielen Menschen oft nicht mehr gelingt, seriöse von unseriösen Quellen im Netz zu unterscheiden, dass journalistische

Inhalte, bloße Meinungen, eigene Erfahrungsberichte oder schlicht Desinformation nicht mehr auseinandergehalten werden können. Wenn das nicht gelingt, dann nützt der bestrecherchierte Bericht nichts. Dann geht er in der Flut beliebiger (Falsch-) Informationen unter. Die Nutzerinnen müssen wissen, welchen Quellen man Glauben schenken kann und welche Qualitätskriterien dahinterstehen. Wir müssen also dort sein, wo unser Publikum

ist. Und unser Publikum muss wissen, wem es vertrauen kann. Ich bin zuversichtlich bezüglich unserer digitalen Zukunft. Die stärkste Nachrichtenmarke bei TikTok ist die „Tagesschau“, funk erreicht auf Instagram und YouTube Millionen Menschen. Auch die ARD selbst kann ein kooperierendes Content-Netzwerk und eine Plattform für Dialog werden. Wir reagieren also auf das Leben. Auch in den sozialen Netzwerken.

Fotos: imago images, Elias Keilhauer

2 Was hilft gegen Hass auf Social Media, Ricarda Lang? „Das gehört zum Job dazu. Daran muss man sich gewöhnen.“ Diese und ähnliche Sätze höre ich immer wieder, wenn ich über Erfahrungen mit Hasskommentaren und digitaler Gewalt spreche. Tatsächlich habe ich manchmal das Gefühl, dass es mittlerweile zur Berufsbeschreibung von Politikerinnen gehört, Hate Speech zu ertragen. Das finde ich problematisch. Ohne Frage gehört es zu meiner Arbeit als Politikerin, Widerspruch auszuhalten, mich Kritik auszusetzen, diese anzunehmen, über und für die besten Ideen für unsere Zukunft zu streiten, auch wenn der Tonfall mal schärfer wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen politischer Meinungsäußerung und persönlichen Angriffen. Ich halte es für falsch, Be-

leidigungen, sexualisierte Kommentare, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen als „Meinung“ zu verharmlosen. Es ist verbale Gewalt, die nicht selten auch zu körperlicher Gewalt werden kann. Daher will ich mir nicht einfach ein dickes Fell wachsen lassen, sondern stehe für eine Politik, die sich für Menschlichkeit einsetzt. Und das heißt auch, dass Menschenverachtung niemals zur Normalität werden darf. Dabei geht es um viel mehr als meine individuellen Erfahrungen, das Problem ist strukturell. Rechtsextreme und Antifeministinnen nutzen digitale Gewalt ganz bewusst als Mittel, um Menschen, die nicht in ihr sexistisches und rassistisches Weltbild passen, aus der öffentlichen Debatte zu drängen. Gerade Frauen sind besonders stark von

Hass und Gewalt im Netz betroffen. Das kann dazu führen, dass sie sich aus der öffentlichen Debatte zurückziehen, weil es Zeit und Kraft kostet, sich mit dem Hass zu beschäftigen, aber auch, weil er Angst macht. Wenn sich Menschen dann aus dem Diskurs zurückziehen, leidet unser demokratisches Miteinander und es gewinnen die, die Hass und Hetze zu ihrem politischen Prinzip gemacht haben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir solidarisch mit denen sind, die bedroht werden. Und zwar über Parteigrenzen hinweg. Die Unterschiede zwischen den demokratischen Parteien sind groß und das ist auch gut so. Das sollten wir nicht verstecken, stattdessen sollten wir die Auseinandersetzung darüber, wie wir in Zukunft leben und wirtschaften wollen,

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Ricarda Lang ist Vizechefin und Frauenpolitische Sprecherin der Grünen

leidenschaftlich und mit klarer Kante führen. Und sie dadurch gerade nicht denen überlassen, die von einer undemokratischen Zukunft träumen. Eines muss klar sein: Wenn Menschen von Rechtsextremen bedroht und angegriffen werden, stehen wir zusammen. Denn digitale Gewalt ist eben keine Lappalie. Sie ist ein Angriff auf die Demokratie.