turi2 edition #14 Social Media

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auch gar nicht, dass alte weiße Männer oder Frauen meine Lebensrealität auf dem Schirm haben. Ich will lieber selbst mitreden und entscheiden. Sie bringen ihre Netzwerke mit – und ich meine. Deswegen finde ich es auch so wichtig, sich seine eigenen Grenzen einzugestehen: Niemand kann alles abdecken und Empathie alleine ersetzt nicht Wissen. Eine weiße Frau teilt zum Beispiel gewisse Erfahrungen mit mir, aber da wir sehr unterschiedliche Lebensrealitäten haben, will ich nicht, dass sie für mich spricht. Es ist deswegen immer nur von Vorteil, wenn auch ganz oben in jeder Hinsicht Vielfalt herrscht. Bringst du deine eigenen Erfahrungen in die Beratung ein? Definitiv. Ich bin aus Wien. Als ich da vor vielen Jahren mal in einen Bus eingestiegen bin, fragt mich der Busfahrer: „Na, woher kommst du?“ Ich: „Aus Wien.“ „Nein, woher kommst du wirklich?“ Ich: „Naja, ich bin wirklich aus Wien“ und will weitergehen. Dann hält er den Bus an und sagt zu mir, dass er erst weiterfährt, wenn

ich ihm sage, woher ich wirklich komme. Ich war total baff in dem Moment. Der Bus war komplett voll, die Leute haben mich angeschaut. Dann schreit jemand von ganz hinten genervt: „Dann sag ihm doch endlich, wo du wirklich herkommst!“ Ich bin ausgestiegen, der Bus weitergefahren. Es war absurd. Dieses Beispiel bringe ich oft, wenn wir Kunden beraten, weil es zeigt: Wenn man möchte, dass sich tatsächlich alle Menschen in einem Unternehmen wohlfühlen, geht es darum, in diskriminierenden Situationen Unterstützung zu bekommen und bei Problemen ernst genommen zu werden, damit man sich nicht so allein fühlt wie ich mich damals in dem Bus. Ist TikTok ein geeigneter Ort, um über Rassismus aufzuklären? Ich glaube, jeder Ort ist geeignet dafür. Je mehr wir darüber sprechen, desto besser – aber auf struktureller Ebene, denn es gibt genug Betroffenheitsgeschichten zum Nachlesen. Auf TikTok sind viele junge Menschen, und deren Generation ist viel politischer als meine es

war. Meine kleinen Cousinen sind für Black Lives Matter auf die Straße gegangen, für Pride, für Klimagerechtigkeit. Ich finde es schön, diese Leute zu erreichen. Sie sind unsere Zukunft. Ich hoffe, dass sie es besser machen als die Generationen davor. Wie politisch bist du? Ich glaube, wenn man als Schwarze Frau in einem weißen Land aufwächst, kann man gar nicht unpolitisch sein. Bei den Nachrichten habe ich als Kind geweint, weil die Menschen in Krisengebieten oft so aussahen wie ich. Dann macht man sich früh Gedanken darüber, warum es ihnen so schlecht und uns so gut geht. Wie politisch ist „Daddy“? Ich würde schon sagen, dass wir politisch sind. Bei Identität und Repräsentation schwingt Politik zwangsläufig mit. Wenn wir Texte von Menschen publizieren, die queer oder trans sind, die um ihre Existenz kämpfen müssen und darum, gesehen und berücksichtigt zu werden, natürlich wird es dann politisch, das ist unvermeidbar. Dasselbe gilt

Zusammenhalt: Das erste „Daddy“-Print-Heft vereint Ästhetik mit Poesie und Fotostrecken mit nackter Haut. Es ist Ende 2020 erschienen

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für Sexismus, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung. Ihr tretet mit „Daddy“ auch gegen das Patriarchat an – warum ausgerechnet dieser Name? Es gibt Daddys in der Schwulenszene, lesbische Daddys, Sugar Daddys, den eigenen Vater, der eine großartige Person sein kann, total problematisch oder alles dazwischen. Wir wollen der Daddy sein, mit dem sich alle identifizieren können, der für alle da ist. Der Titel soll auch signalisieren, dass wir uns nicht allzu ernst nehmen. Wir hätten uns ja auch „Das Neue Magazin für Inklusivität und Intersektionalismus“ nennen können. Wie findet dein Vater das Heft? Er hat es noch nicht gesehen, denn er lebt in Nigeria. Wir haben aufgegeben, Pakete außerhalb der EU zu verschicken, weil der Großteil verloren geht. Aber er fände es hoffentlich gut. Welche Bedeutung hat Social Media dort? Westafrika gilt ja als aufstrebende Startup-Region.