turi2 edition #14 Social Media

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In meiner Generation gibt es dazu viel Unwissen. Da wird teilweise so viel aus dem Kontext gerissen oder verdreht. Ich könnte natürlich versuchen, das selbst aufzubereiten. Aber wenn jemand erzählt, wie es damals wirklich war, dann kann auch die letzte Zuschauerin vor dem Bildschirm nicht mehr sagen, dass sie das nicht interessiert. Mit seinen Videos erreicht Matata Millionen Menschen. Teenie-Schwangerschaften thematisiert er immer wieder

Dann bin ich einfach gespannt und höre gerne zu. Bei allem anderen kann ich kein Richter sein. Manche Leute würden das, was ihr macht, vielleicht Betroffenheitsjournalismus nennen. Ihr beleuchtet immer nur eine Seite, auch bei Straftäterinnen. Bei rechtlich kritischen Themen fragen wir natürlich auch die Gegenseite. Wenn es da ein Statement gibt, bauen wir das mit ein. Wenn Polizei oder Staatsanwaltschaft keinen Bock darauf haben, kann ich sie aber auch nicht dazu zwingen. Wir sind eben nicht „RTL aktuell“. Du darfst einfach nicht überall auftreten als Kriminalkommissarin. Ich denke, was auf YouTube seriös ist, ist für die vielleicht noch schwer zu durchschauen. Klar, es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte. Im Video mit Alex, der angeschossen wurde, wird dir auffallen, dass ich mehrfach sage: „Hey, hier wird eine Seite gezeigt.“ Welche Begegnung ist dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Ein Video, das mich wahrscheinlich nie wieder loslassen wird, ist das mit Josi. Sie war magersüchtig und ist vor der Veröffentlichung des Videos gestorben. Das ist krass. Aber auch daraus haben wir so viel Neues gelernt. Überleg mal, das Video mit ihr und das mit ihren Eltern haben insgesamt acht Millionen Menschen gesehen. Es ist Wahnsinn, wie viel Aufmerksamkeit da für ein Thema geschaffen wurde. Diese acht Millionen Menschen werden nicht mehr Späßchen machen und sagen: „Guck mal, die ist voll magersüchtig!“ Das spart man sich, wenn man so etwas gesehen hat. Wen willst du unbedingt noch vor die Kamera holen? Ich würde am allerliebsten mal eine Überlebende aus einem Konzentrationslager treffen. Das ist ein Projekt, an dem wir schon sehr lange dran sind. Was natürlich alles andere als leicht ist... ...und mit der Zeit immer schwieriger wird. Du sagst es. Ich will in diese Richtung aufklären.

Wärst du heute immer noch Profi-Basketballer, wenn YouTube nicht dazwischen gekommen wäre? Ich glaube, ich hätte das Ganze auch so ein bisschen zurückgeschraubt. Aber ich wäre noch auf einem hohen Level dabei, da bin ich mir sicher. Vielleicht hätte ich parallel meinen Bachelor gemacht. Wann hast du gesagt: So, ab jetzt nur noch YouTube? Mein Bruder und ich haben das zur Abi-Zeit ausprobiert, ganz unregelmäßig. Das war ein Hobby, das immer größer wurde. Ich habe gemerkt, wie viel mir das gibt, Gespräche zu führen, bin aber immer wieder in zeitliche Konflikte geraten, denn eigentlich ging es immer nur, nur, nur um Basketball. „Ball is life“, sagt man unter Spielern. Mit den Videos hat das irgendwann nicht mehr gematcht. Ich hatte damals die Chance, mich mit einer sehr erfolgreichen Rollstuhlbasketballerin zu unterhalten, die ihre Karriere gerade beendet hatte. Sie sagte mir, dass sie wahrscheinlich einiges anders machen würde, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. Sie hatte 15 Jahre jedes Wochenende nur Turnhallen von innen gesehen.

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Das hat mich dabei unterstützt, meinen größten Lebensinhalt, den Sport, komplett aufzugeben. Das ist meine Lebenseinstellung: Wenn ich etwas mache, dann richtig. Als Vollblut-Sportler kannst du nicht sagen: „Dann trainiere ich halt nur noch zweimal die Woche und spiele ein bisschen in der unteren Liga, just for fun.“ Ich war ja Leistungssportler, wir haben die Silbermedaille bei der EM gewonnen, waren bei der WM in Toronto dabei, ich wollte zu Olympia. Davon verabschiedet man sich, wenn, dann komplett. Das habe ich gemacht und es nie bereut. Was hast du aus deiner Basketball-Zeit mitgenommen? Sie hat mir sehr viel Selbstbewusstsein geschenkt – und einen Biss, den ich immer noch habe: 2019 bis 2020 haben mein Bruder und ich ständig sieben Tage am Stück gearbeitet, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Wie hat dein Umfeld auf die Entscheidung gegen den Sport reagiert? Anfangs hat daran bis auf meinen Bruder und meinen besten Freund kein Mensch geglaubt. Das nehme ich auch niemandem übel, es ist halt etwas ganz Neues. Keiner hätte gedacht, dass ich mir damit eine berufliche Zukunft aufbauen und einen Lebenstraum erfüllen kann. Oft hieß es: „Wann fängst du endlich mal etwas Ordentliches an?“ Zum Glück, sage ich heute, habe ich nicht auf die anderen gehört, sondern auf mich und das Richtige gemacht. Heute motiviere ich jeden, der sagt, er würde gerne etwas anderes