turi2 edition #14 Social Media

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Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus ist immer noch elementar. Was sich da in den letzten Jahren in eine falsche Richtung bewegt hat, müssen wir mindestens doppelt so schnell wieder zurückdrehen. Ich werbe auch für das Akzeptieren anderer Meinungen, Sichtweisen und Lebensweisen. Ich will durch meine Videos zeigen, dass es nicht so smart ist, in Schubladen zu denken. Und doppelt nicht smart, Leute, die gar nicht in einer Schublade sein wollen, darin zu halten und die Schublade zuzudrücken. Das wünscht sich keiner. Du bist also auch ein Influencer. Natürlich. Wie krass müssen Inhalte auf Social Media

sein, damit junge Leute zuhören? Krass ist gar nicht das Motto. Wir haben schon so viele Themen behandelt, die Hunderttausende oder Millionen von Menschen erreicht haben, bei denen man beim Titel gar nicht sagen würde: „Boah ey, wo gibt‘s denn sowas?“ Wenn wir über Depressionen berichten, würde eingangs auch keiner denken: „Krass!“ Dennoch ist es wichtig. Schon die Bewertung, ab wann ein Thema „heftig“ ist, gehört für mich in dieses Schubladendenken. Mein Learning ist: Du kannst durch die Schildergasse hier in Köln laufen und eine beliebige Person rauspicken. Die könnte dir eine Geschichte aus ihrem Leben erzählen, die du dir drei Stunden einfach nur anhören könntest und bei der du baff wärst. Die

»Es ist nicht smart, Leute in einer Schublade zu halten und die zuzudrücken. Das wünscht sich keiner«

muss nicht traurig sein, auch nicht scheiße. Sie kann auch wunderschön sein. Macht dein Team Faktenchecks zu dem, was dir die Leute in den Videos erzählen? Wir bereiten das Format redaktionell nach. Dementsprechend sind die Dinge, die am Ende online erscheinen, zu 100 Prozent bestätigt. Wir checken: War es wirklich nur ein Handy, das geklaut wurde? Hat er wirklich im Gefängnis gesessen? Falschaussagen würden

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wir so nicht veröffentlichen. Ihr trennt also zwischen Meinungen und Behauptungen, um Fakten nach einem Dreh überprüfen zu können? Klar. In 95 von 100 Videos geht es aber um eigene Erfahrungen, Lebensweisen und Erlebnisse. Bei dem Video mit Alex, der angeschossen wurde, ist aus meiner Sicht entscheidend, dass ich den Menschen treffe, der die Kugeln abbekommen hat. Und wenn der mir erzählt, dass er eine Gesichtshälfte nicht mehr spürt, dann muss mir das kein Arzt bestätigen. Das ist ein Moment, den man so stehen lassen kann. Sein Bein wurde zertrümmert und er allein weiß, wie es sich angefühlt hat, vor der Polizei wegzurennen. Das kann er mir erzählen.