turi2 edition #14 Social Media

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Leeroy, ist YouTube-Star ein Beruf? Ich bin kein YouTube-Star. Zumindest sehe ich mich nicht als einer. Ich möchte ungern Fans haben, weil ich finde, dass dann kein Austausch auf Augenhöhe möglich ist. Fans gucken immer hoch, was in meinem Fall schon mal gar keinen Sinn ergibt. Was ich mache, ist aber auf jeden Fall ein Beruf, ja. Bist du Journalist? Klar. Ist das denn ein geschützter Titel? Muss man irgendeine Prüfung ablegen, um sich so nennen zu dürfen? Nein. Dann nenn mich bitte einen kleinen Journalisten. Was willst du mit deinen Videos erreichen? Ich will mit meiner Reichweite etwas Positives anstoßen. Über manche Themen, Krankheiten zum Beispiel, wird in der Gesellschaft gar nicht gesprochen, über manche falsch. Ich lasse die Leute zu Wort kommen, die diese Themen tagtäglich selbst erleben. Das kann dabei helfen, Vorurteile aus der Welt zu räumen. Welche Qualifikationen bringst du für deinen Job mit? Ein ausgebildeter Interviewer bist du ja nicht. Inzwischen kann ich sagen, dass es viel mit Empathie zu tun hat und damit, Bock auf Menschen

zu haben. Es gibt Leute, die wenig Lust haben, andere Menschen zu treffen. Zu denen zähle ich gar nicht. Im Gegenteil. Es ist das Bereicherndste überhaupt an der Arbeit, egoistisch gesehen, dass ich so viele verschiedene Menschen kennenlernen darf und so viel von ihnen lernen kann. Eine andere wichtige Fähigkeit von mir ist sicher, dass ich nicht urteile. Ich kann mir eine Meinung sehr gut anhören und versuchen, sie zu verstehen, ohne voreingenommen zu sein. Ich würde sagen, dass ich das manchen Menschen voraus habe.

nach einem Vorgespräch schon langweilig, da bin ich ehrlich. Dann würde ich mir später eine Geschichte anhören, die ich mir im Kopf schon zusammen gebastelt habe. Lieber treffe ich eine Person und lasse mir ihre Geschichte zum ersten Mal richtig erzählen. Nur so kann ich die ehrlichen Fragen stellen. Wenn ich irgendwo nachhake, ist das vielleicht genau der Punkt, an dem eine Zuschauerin zu Hause auch nachhaken würde. Vor einem Treffen weiß ich Namen und Alter meines Gegenübers und das Thema. Das war’s.

Anderen Journalistinnen zum Beispiel? Das ist erstmal nichts Verwerfliches. Es ist ja eine gängige Praxis im Journalismus, Beiträge schon vor einem Interview redaktionell komplett durchzustrukturieren, einen roten Faden zu haben. Den musst du gerade auch im Kopf haben, sonst haut dir dein Chef später auf den Kopf. Ich habe in dieser Form halt keinen Chef. Nie gehabt, will ich auch nicht. Deshalb stelle ich meine Fragen so, wie ich gerade Bock habe. Das merken die Zuschauerinnen. Und es macht ihnen Spaß, mir dabei zuzugucken.

Bist du privat genauso neugierig? So eine kleine Krankheit habe ich wirklich. Mir macht das Spaß. Ich mag es, Fragen zu stellen. Das passiert ganz automatisch.

Heißt das, du bereitest dich überhaupt nicht auf Interviews vor? Nein. Mir persönlich wäre

»Auf öffentlichen politischen Diskurs habe ich keinen Bock. Da soll sich jeder seine eigene Meinung bilden«

Siehst du dich als Vorbild? Auf jeden Fall. Wenn man so viele Menschen erreicht wie ich, kann man sich davon gar nicht losmachen. Das bringt eine große Verantwortung mit sich. Die hat man schon im Kleinen, das vergessen viele. Wenn dir 300 Menschen auf Instagram folgen, hast du auch eine Vorbildfunktion. Mir ist bewusst, dass ich mit einem Fehltritt viele Menschen in eine falsche Richtung bewegen kann. In jedem Wort, das ich sage, schwingt das mit. Deshalb ist zum Beispiel

Leeroy Matata wird 1996 in Bonn geboren. Mit vier Jahren wird bei ihm die Knochenkrankheit juvenile Osteoporose diagnostiziert. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Als Schüler spielt Matata ­Basketball, zeitweise in der Nationalmannschaft. Er nimmt an EM und WM teil, dann wird er VideoProduzent. Matatas größtem YouTube-Kanal „Leeroy will’s wissen“ folgen heute 1,6 Millionen Menschen. Für den SWR dreht er „Leeroys Momente“, in denen er mit Leuten über deren Leben spricht, für Amazon nimmt er „Leeroys Podcast“ auf. Matata lebt in Köln

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öffentlicher politischer Diskurs für mich ein Thema, auf das ich keinen Bock habe. Da soll sich jeder seine Meinung bilden. Ich selbst will nur über meine Werte sprechen. Wir können von dir also kein Zerstörer-Video wie von deinem Kollegen Rezo erwarten? Ich fand das bei Rezo nicht verkehrt, gar nicht. Sein Video ist in meinen Augen aber keine Meinungsmache. Der Titel ist sehr drastisch, ja. Aber er weist darin auf ein grundsätzliches Problem hin. Ich motiviere alle Leute dazu, am politischen Diskurs teilzunehmen, wählen zu gehen. Ich bin aber niemand, der sagt: „Freunde, das ist die richtige Partei zur kommenden Bundestagswahl.“ Das ist nicht mein Job. Ich habe meine Werte, die decken sich mit manchen Parteien mehr, mit manchen weniger. Welche Werte sind das? Für mich ist ganz wichtig, dass wir eine Gleichberechtigung erreichen. Zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Menschen mit Handicap und ohne. Ich finde, der