turi2 edition #14 Social Media

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Fotos: Screenshot, Privat

»Verrückt, polarisierend, abgedreht« Als öde Oldie-Bude sieht Sven Schoderböck Facebook nicht – im Gegenteil. Seinen Arbeitgeber, das oberfränkische Musikhaus Thomann, führt er dort zum Marketing-Erfolg Wie erreicht man coole Gitarren-Fans mit einem Old-School-Netzwerk wie Facebook? Old School? Das habt ihr jetzt gesagt! Im Fall unserer Eigen-Instrumentenmarke Harley Benton gab es schon vor unseren eigenen Aktivitäten Facebook-Gruppen mit Fans der Marke. Wir haben beobachtet, dass sich dort ohne unser Zutun ein Markenbild entwickelt hat, wir wurden als Gitarren-Geheimtipp mit Made-in-Germany-Attributen gesehen. Das haben wir uns zunutze gemacht und aufbauend auf diesem Image all unsere Branding-Aktivitäten reorganisiert. So wurde aus Harley Benton unsere zweitwichtigste Marke nach Umsatz. Kann Facebook eine bayerische Marke aus ­Burgebrach international groß machen? Wir waren schon vor Facebook größter Versender für Musikinstrumente, Licht- und Tonequipment in Europa. Das Netzwerk hat uns aber bei drei Dingen geholfen: Entertainment, Inspiration und Reichweite. Wir trauen uns, auf Facebook Formate zu spielen, die wir auf keiner anderen Plattform wagen würden. Verrückte, polarisierende, abgedrehte Ideen, die auch mal nach hinten losgehen können. Facebook hat uns unglaublich in Sachen Inspiration geholfen, wir können hier Userinnen ansprechen, die gar keinen aktuellen Bedarf an Musik-Equipment haben, uns und unseren Online-Auftritt aber trotzdem klasse finden. Last but not least ist auf Facebook im Gegensatz zu anderen Marketing-Kanälen eine Skalierung in neue Regionen und Zielgruppen relativ einfach, ohne dass dafür neue Kampagnen und Werbemittel benötigt werden. So haben wir uns getraut, in hochkompetitiven Märkten wie den USA präsent zu werden, was wir mit Google Ads nie tun würden.

inzwischen überholt, hauptsächlich wegen der Influencerinnen, die dort fester und akzeptierter Bestandteil der Plattform sind. Facebook kommt auf Platz zwei. Instagram ist auch wichtig, aber die Themen dort sind seichter, die Möglichkeiten der Kommunikation für uns eingeschränkt und die Aufmerksamkeit der Kunden, die in unseren Augen für Markenbildung essentiell ist, fehlt dort. Was funktioniert auf Facebook gar nicht? Plumpe Werbung. Ansonsten war in den letzten ein bis zwei Jahren die Gesamtstimmung auf Facebook eine große Herausforderung für uns. Natürlich sind wir am liebsten auf Plattformen unterwegs, auf denen die Userinnen gut drauf und offen für unsere Botschaften sind. Facebook und Twitter leben vom Engagement der Userinnen, und das ist mit Wut im Bauch höher. Wir sehen hier aber wieder Fortschritte und hoffen, dass Facebook an seinen Algorithmen schraubt – nicht nur zu unserem Wohle. Was können andere von euch lernen? Zuerst einmal: Lernt ein Instrument! Es macht schlauer, glücklicher, erfolgreicher und attraktiver. Versprochen! Ansonsten kann ich jedem Unternehmen nur raten, sich alle Social-Media-Plattformen mit Reichweite genau anzusehen und sich zu fragen: „Wie könnte ich dort präsent sein, damit sich Menschen über Posts von mir freuen und ich am Ende des Tages davon profitiere?“ Es hat auch bei uns Jahre gedauert, bis wir für bestimmte Plattformen das richtige Konzept hatten, bei Facebook waren es über drei, für Twitter und WhatsApp ist uns bis heute nichts Gescheites eingefallen.

Was muss passieren, damit aus Followerinnen ­Käuferinnen werden? Die Lust muss groß genug sein, etwas auszuprobieren. Das kann ein Instrument sein, ein Lebensgefühl oder ein Erfolgserlebnis . Wie wichtig ist Facebook in eurem S ­ ocial-Media-Mix? YouTube hat Facebook in unserer Markenstrategie

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Sven Schoderböck spielt Klavier und Bass, seit 1996 arbeitet er für Thomann, seit 2010 als E-Commerce-Chef