turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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Die Kneipenbesitzer

Foto: Daniel von Loeper

Während des Telefongesprächs am 1. April saßen Michael Jachan und Holger Britzius in ihrem vorerst geschlossenen Lokal in München Wir schließen auf, trinken Bier und gehen wieder heim: So stellt sich der ein oder andere unseren Job vor – stimmt natürlich nicht. In unserer Fußballkneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ ist Organisation das Wichtigste. Das betrifft sowohl die Gastro-Vorbereitungen als auch das ReservierungsManagement und die Technik. Wir können bis zu fünf Spiele parallel zeigen und haben rund 150 Plätze, die meist per Mail vorab reserviert werden – wir beantworten alle Anfragen persönlich und sagen auch persönlich ab, wenn wir voll sind. Wir mögen es, Menschen glücklich zu machen; ihnen das Gefühl zu geben, dass sie gut aufgehoben sind. Zu uns kommen deshalb Anhänger aller Vereine, vom Klempner bis zum Vorstandsvorsitzenden. Am FC Bayern führt hier in München natürlich kein Weg vorbei, aber wir freuen uns, wenn auch mal ein Fan im Carl-Zeiss-Jena-Trikot am Tresen sitzt. Und wenn ein Gast sagt: „He, von meinem Verein hängt gar kein Wimpel bei euch!“, antworten wir: „Dann bring das nächste Mal einen mit!“ – und hängen den dann an die Wand. Funktioniert: 2006, bei der Eröffnung, war es hier ziemlich kahl. Mittlerweile sieht unser Stadion aus wie ein kleines Fußballmuseum. Das spannendste am Fußball ist nicht unbedingt das Spiel selbst, sondern das, was er mit Menschen macht: Egal, wo du auf der Welt bist – du wirst immer jemanden finden, mit dem du dich über Fußball unterhalten kannst, den du über den Fußball kennenlernst. Aber obwohl auch wir Teil des Geschäfts Fußball sind und davon profitieren, nimmt es für unser Gefühl teils utopische Ausmaße an: etwa die Ablösesummen für Spieler oder die Beträge für Übertragungsrechte, die bezahlt werden. Durch die Corona-Krise dreht sich das Rad vielleicht etwas zurück. Wir wissen aber momentan auch nicht, wohin das Ganze führt: Es kann sein, dass wir alles halbwegs glimpflich überstehen; es kann auch sein, dass wir den Laden nicht halten können. Immerhin erlässt uns Sky die Abo-Gebühren während der Krise – das ist eine Erleichterung.

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