turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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Der Videoanalyst

Der Bier-Verkäufer Marco Calafato und sein Team stillen den Fan-Durst. Am 30. März erzählte er davon aus dem Homeoffice Seit zehn Jahren versorgen mein Team und ich Fußballfans mit frisch gezapftem Bier direkt an den Platz, etwa im Millerntor-Stadion auf St. Pauli. Meine Jungs – im Millerntor-Stadion arbeiten derzeit hauptsächlich Männer als Bierrucksackläufer – sollten möglichst offene, kommunikative Menschen sein. Personen mit Gastro-Erfahrung sind super. Aber den Job machen auch Maschinenbauer oder Studenten, die sich so zwei- bis dreimal im Monat etwas dazuverdienen. Der Rucksack inklusive Bierfass wiegt etwa 30 Kilo, man sollte also körperlich belastbar sein. Trotzdem schafft es ein guter Verkäufer, an einem guten Tag mit guter Stimmung zehn bis zwölf Fässer an die Zuschauer zu bringen, das sind circa 200 Liter Bier. Besonders in der Einlassphase vor Spielbeginn und in der Halbzeitpause ist die Nachfrage groß: Die Drink Runner sorgen hier für die Entlastung der Stadionkioske und eine schnelle Abfertigung. Unser Angebot ist nicht nur ein Zusatzgeschäft, sondern ein außerordentlicher Service für den Zuschauer. Schließlich geht auch während des Spiels niemand Bier holen: Sonst könnte er ja was verpassen! Die Corona-Krise ist natürlich absolut geschäftsschädigend. Andererseits trifft es bei mir keine Vollzeitkräfte, was es nicht ganz so schlimm macht. Es herrscht leider ein Ausnahmezustand, auf den niemand Einfluss nehmen kann – wir sitzen momentan alle im selben Boot.

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Die Videoanalyse für einen Verein basiert auf zwei Elementen – dem technischen Teil wie Hardware und Software und dem inhaltlichen Teil, der sich mit der Spielphilosophie beschäftigt. Wir zeichnen alles auf, was mit Fußballtaktik zu tun hat. Aber generell arbeitet man mit der Mannschaft an ganz spezifischen Inhalten, die per Videoanalyse unterstützt und verdeutlicht werden sollen. Es gibt die Nachbetrachtung, in der vergangene Spiele analysiert werden, und die Spielvorbereitung, die ein wenig mehr Raum einnimmt: Dabei schauen wir uns Spiele unserer kommenden Gegner an und erstellen dann gemeinsam mit dem Trainerteam einen Matchplan, der auf je vier bis fünf offensiven und defensiven Punkten basiert. Natürlich haben Spieler keine Zeit, ein 90-minütiges Spiel komplett zu verfolgen. Deshalb laden wir ihnen den Plan inklusive kurzer Video-Sequenzen in eine App hoch. Als Videoanalyst hat man normalerweise sieben Tage die Woche zu tun, durch Corona ist es natürlich gerade weniger. Ich habe die Zeit aber genutzt und ein iBook über unsere Spielphilosophie erstellt.

Fotos: imago images (2), dpa (1), privat (2)

Daniel Ackermann vom RB Leipzig ist auch in der Krise fleißig. Am 1. April hatte er trotzdem Zeit für ein Gespräch