turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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E-SPORTS

Kicken mit Konsole

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ie entscheidende Frage des Fußballs lautet nicht „Bayern oder Dortmund?“, nicht „Nord- oder Südkurve?“ und auch nicht „Elfmeter oder keiner?“. Sondern: PES oder Fifa? Seit fast zwei Jahrzehnten spaltet das Duell der Fußballsimulationen Fans weltweit: Pro Evolution Soccer (kurz PES) und Fifa, benannt nach dem Fußball-Weltverband. Fifa, 1993 von EA Sports entwickelt und seitdem Jahr für Jahr erneuert, revolutionierte ab Mitte der 90er den Markt der Sport-Computerspiele: Spieler*innen können real existierende Nationalteams und Vereine an Konsole oder PC durch Matches steuern; die Perspektive ähnelt der einer TV-Übertragung. 2001 brachte Hersteller Konami PES auf den Markt. Strategisch anspruchsvoller, realistischer, dafür weniger actionreich. Und zunächst noch ohne offizielle Lizenzen wie bei Fifa: Für das deutsche Nationalteam spielten statt Ballack und Kahn Balotz und Kalm. Zu Beginn jeder Saison erscheint die jeweils neuste Version der beiden Spiele. Jedes Mal ein Kampf um Fans und Lizenzen von Vereinen und Ligen. Immer anspruchsvoller,

sodass man sich beim Dribbling an der Konsole fast die Finger verknotet. Immer realistischer, sodass man beim flüchtigen Hinschauen die virtuellen Abbilder der Profis für die Originale halten könnte. Fifa hat weltweit die Nase vorn. Die aktuellste Version, Fifa 20, wurde in den ersten drei Monaten nach Erscheinen allein in Deutschland anderthalb Millionen Mal verkauft. eFootball Pro Evolution Soccer 2020, die neueste Ausgabe von PES, wird zwar von Kritikern gelobt, hat aber weniger Erfolg an den Kassen – und weniger Lizenzen. Auch im E-Sport der Profis sind beide Spiele längst etabliert. Professionelle Gamer*innen messen sich in nationalen und internationalen Ligen, in Fifa wird die von der DFL organisierte Virtuelle Bundesliga ausgespielt. Millionen Menschen schauen auf Twitch, YouTube und bei Live-Events zu. Aber die virtuelle Kickerei schafft noch etwas anderes: den Brückenschlag zum Analog-Sport. Denn für Fußballvereine bietet sie die Möglichkeit, sich dem Thema E-Sport zu öffnen – ohne in den Verdacht zu kommen, böse Ballerspiele zu unterstützen. Immer mehr internationale

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Proficlubs und Bundesligisten bauen eigene E-Sport-Abteilungen auf; die meisten von ihnen spielen Fifa. In der Corona-Krise bekam die Bedeutung des virtuellen Fußballs nochmal eine ganz neue Dimension. Zwar mussten auch im E-Sport LiveEvents abgesagt werden – anders als ihre Analog-Kolleg*innen können sich E-Sportler*innen aber bequem ins Virtuelle zurückziehen und haben auch in Quarantäne noch Publikum. Und: Für Fußballer*innen und Fans ist das Konsolen-Kicken von der Couch aus eine willkommene Ersatzdroge in der Zwangspause. Das haben auch die Ligaverantwortlichen erkannt: Nachdem schon Profi-Begegnungen in England und Spanien coronabedingt e-sportlich ausgetragen wurden, rief die DFL Ende März ein E-Fußball-Turnier in der Virtuellen Bundesliga aus, die Bundesliga-Home-Challenge. Fußball-Profis und E-Sportler von 26 Clubs der 1. und 2. Bundesliga treten gegeneinander an, „ran“, Dazn und Sky streamen live. Am ersten Spieltag fallen in drei Begegnungen 14 virtuelle Tore. Bejubelt werden sie zu Hause auf der Couch aber wohl deutlich leiser als im Stadion. Anne-Nikolin Hagemann

Foto: imago images

Die E-Fußball-Spiele PES und Fifa begeistern und bewegen Fans seit Jahrzehnten. In der Krise werden sie zur Ersatz-Droge für Fußballsüchtige