turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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»Ihr geht nicht raus, um perfekt zu sein, sondern um Fehler zu machen«

Siege beginnen im Kopf, sagt man. Warum eigentlich? Der Kopf hat einen unglaublichen Einfluss auf unsere Leistung: Leistungssportler*innen müssen über viele Jahre hinweg motiviert sein. Ohne Ehrgeiz, Disziplin und Willensstärke gibt es keinen Erfolg. Studien belegen, dass viele TopAthlet*innen ihre Leistung zwar im Training oder bei kleineren Wettkämpfen zeigen, aber nicht im entscheidenden Wettkampf. Der Druck, die eigene Erwartungshaltung und die vielen Zuschauer*innen – viele Sportler*innen sind dem nicht gewachsen. Was macht Sportler*innen stark? Wir wissen heute, dass sich mentale Stärke entwickeln lässt. Es beginnt mit der Zielsetzung: Was ist meine Vision? Was will ich in diesem Jahr erreichen? Was bedeutet das für diesen Monat? Was brauche ich dazu? Am Spieltag selbst hat der Erfolg der

Von Heike Turi (Text)

Spieler*innen ganz viel mit ihrer Selbstwirksamkeitserwartung zu tun: Ich muss wissen, was ich kann. Erstaunlicherweise haben selbst sehr erfolgreiche Sportler*innen häufig ein geringes Selbstbewusstsein. Dafür gibt es einen Grund: Viele Leistungssportler*innen neigen zu Perfektionismus – sie betrachten sich selbst kritisch. Das ist nicht förderlich fürs Selbstbewusstsein. Was bedeutet es für die Fußballprofis, wenn sie nun monatelang lahmgelegt sind? Das ist schwierig. Selbst wenn sich die Spieler*innen körperlich fit halten und jetzt mehr Zeit für Stabilitäts- oder Dehnungsübungen haben, werden sie fußballerisch nicht das Niveau halten können. Es fehlt das gemeinsame Training, der Zweikampf, das Spiel als Mannschaft. Wir kennen das von Profis, die lange keine Einsatzzeiten hatten. Wenn sie nicht jedes Wochenende

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spielen, fehlt ihnen genau dieses Spiel als Training. Was raten Sie Sportler*innen, die durch Corona pausieren müssen? Auf jeden Fall, den Tagesablauf mit Trainingseinheiten und Pausen zu strukturieren. Sich Dingen zu widmen, die sonst vielleicht kürzer kommen, wie Yoga und mentales Training. Und das Wirtschaftliche erst einmal dem Berater zu überlassen. Viele Spieler*innen stehen jetzt vor dem Ungewissen. Wir dürfen nicht vergessen: Fußball ist ein Geschäft, bei dem junge Männer in einem relativ kurzen Zeitraum sehr viel Geld verdienen müssen, damit das Ganze aufgeht. Ein Spieler, dessen Vertrag jetzt ausläuft, hätte die nächsten Spiele gebraucht, um nochmal positiv auf sich aufmerksam zu machen. Wie normale Menschen kann auch ein Fußballer Existenzängste bekommen.

Fotos: DFB (1), imago images (1)

Frauke Wilhelm ist Mentalcoach und Sportpsychologin. Sie macht unter anderem die jungen Fußballer der U20-Nationalelf stärker

Sportpsychologin Frauke Wilhelm über Siege, die im Kopf vorbereitet werden, und die Versuchungen, denen junge Fußballer ausgesetzt sind