turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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FRITZ KELLER

TORSTEN-JÖRN KLEIN

Stiller Arbeiter im Weinberg des Herrn

Eine lange Liebe

Fritz Keller ist ein bescheidener Präsident – und könnte so den DFB nachhaltig prägen

Fotos: picture alliance (1), imago images (1), Hertha BSC (1)

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m ersten Tag in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt soll Fritz Keller kurz die Farbe aus dem Gesicht gewichen sein. Regelrecht erschrocken sei er, als er sein künftiges Büro betrat, erzählt man sich beim DFB: Kellers Vorvorgänger, Wolfgang Niersbach, hatte für das Präsidenten-Büro drei Räume zu einem Saal verbinden lassen, in dem er hinter einem überdimensional großen Schreibtisch feldherrengleich residierte. Friedrich „Fritz“ Keller ist derlei Pomp fremd. Der Spross einer badischen Winzer- und GastronomieDynastie in dritter Generation gilt als bescheiden und bodenständig. Niersbach hatte den DFB unmöglich gemacht, sein glückloser Nachfolger Reinhard Grindel machte ihn lächerlich. Fritz Keller schaffte es, dem Verband in der Medienöffentlichkeit und bei Sponsoren Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückzugeben. Der 63-Jährige hat in der DFB-Zentrale einen neuen Stil etabliert. Keller sucht nicht reflexartig die Bühne, sondern agiert besonnen aus dem Hintergrund. Er will der Fußballfamilie dienen und sie nicht für eigene Interessen missbrauchen. Als er am 27. September 2019 zum 13. Präsidenten gekürt wird, fordert er, der DFB müsse „ein seriöser Anwalt, Dienstleister und Lobbyist“ sein. „Wir sind eine Integrationsmaschine“, ergänzt er, „das letzte Lagerfeuer der Gesellschaft“. Dem langjährigen Funktionär des SC Freiburg liegt nicht nur der Frauenfußball am Herzen, sondern vor allem auch Amateursport und Nachwuchsarbeit. So gemütlich er auch wirken mag: Keller, der als guter Zuhörer, aber auch als meinungsstark gilt, will „reingrätschen, wenn es was zum Reingrätschen gibt“. An Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht. Das braucht es auch, um den eigenen Namen millionenfach auf Weinflaschen drucken zu lassen. Weine der „Edition Fritz Keller” gibt es – ganz bodenständig – beim Discounter. Bijan Peymani

Von Bertelsmann und Gruner + Jahr zu Hertha BSC Berlin: Torsten-Jörn Kleins Weg in den Fußball begann mit einer Pudelmütze

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orsten-Jörn Klein war neun Jahre alt, als Vater und Onkel bei einer Familienfeier beschlossen, den Jungen auf den richtigen Weg zu bringen. Sie setzten dem kleinen Torsten-Jörn eine weiß-blaue Pudelmütze mit gut sichtbarem Vereinsemblem aufs Haupt und erklärten ihn kurzerhand und in bester Familientradition zum Fan von Hertha BSC Berlin. Ein prägendes Erlebnis, an das sich Klein knapp fünf Dekaden später noch lebhaft erinnert. Mit glühender Begeisterung ist er bis heute Anhänger des Hauptstadt-Clubs, inzwischen sogar in Amt und Würden. 2004 wurde der gebürtige Berliner in den Aufsichtsrat gewählt, seit 2018 führt er das Gremium als Vorsitzender. „Eine Aufgabe, die ich als Herzensangelegenheit empfinde“, sagt Klein. Aufgewachsen ist er in Ost-Berlin, die Spiele seines Herzensclubs konnte er nur in der „Sportschau“ sehen und im Radio verfolgen. Zwei Tage nach Mauerfall fieberte Klein zum ersten Mal live im Olympiastadion mit seiner Hertha: Am 11. November 1989 war das, zweite Liga, gegen die SG Wattenscheid, 1:1. Ein eher lausiges Spiel, aber ein historischer Tag. Beruflich hat sich Torsten-Jörn Klein vor allem als Medienmanager einen Namen gemacht. In den 1990er Jahren trieb er die Entwicklung des Bertelsmann Buchclubs voran, zuletzt als Vertriebschef der damals 300 Filialen. Danach wurde er Geschäftsführer des Berliner Verlags, von 2009 bis 2013 arbeitete er als Auslandsvorstand bei Gruner + Jahr. Als dort die komplette Führungsriege gehen musste, hielt er kurz inne – und wurde Unternehmer. Seither investiert Klein mit seiner TJK Growth Invest in aufstrebende Internetfirmen. Das Business läuft bestens. Für das Ehrenamt bei der Hertha ist der BWLer mit Doktortitel und erfolgreicher Wirtschaftskarriere prädestiniert. Familie Klein hatte Recht. Roland Karle

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