turi2 edition #11 Fußball (in schweren Zeiten)

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THOMAS HITZLSPERGER

Was zählt, ist neben dem Platz Mit dem Fußball ist Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger quasi verheiratet – fast wäre er das auch mit einer Frau gewesen

E

s fehlt an Idolen und mehr noch an Mut: Thomas Hitzlspergers öffentliches Bekenntnis, auf Männer zu stehen, konnte die Welt Anfang 2014 nicht aus den Angeln heben – schon gar nicht die Fußball-Welt. Es habe sich „einiges verbessert, aber noch nicht genug“, zog der heute 38-Jährige zwischenzeitlich Bilanz. Tatsächlich war Homosexualität im Fußball bis zu seinem Coming-out unsichtbar, erst Hitzlsperger verlieh ihr Stimme und Gesicht. Lange hatte sich der gebürtige Münchner bedeckt gehalten, was sein Privatleben angeht. Hat nach den ungeschriebenen Gesetzen seines Sports gespielt. Gelogen aber hat er nie. Es gibt schließlich „einen Unterschied zwischen Schweigen und Lügen“, wie er sagt. Der gelernte Bürokaufmann, das jüngste von sieben Kindern, hat den Moment, in dem er sein Schweigen brach, sehr bewusst gewählt. Gerade hatte der 52-malige Nationalspieler seine aktive Karriere beendet und im mondänen Badeort Sotschi

in Putins homophobem Riesenreich standen die Olympischen Winterspiele unmittelbar bevor. Hitzlspergers Verdienst bleibt bis heute – er hat ein ernstes, gesellschaftliches Anliegen aufs Tapet gebracht. Vielleicht bietet das Bekenntnis eines Mutigen, der das Phänomen Fußball stets aus kritischer Distanz betrachtet hat, gar neuen Fan-Zielgruppen eine Identifikationsfläche. Der Mann, der einst in Stuttgart, wo er heute Vorstandschef des Vereins ist, Wolfsburg und vor allem für britische Klubs (Spitzname: „The Hammer“) kickte, ist indes realistisch genug, zu wissen, dass es für ein Comingout offenere Umfelder gibt als den Fußball. Die Szene begreife sich „in Teilen immer noch als Machowelt“, in der Kampf, Leidenschaft und Siegeswille dominieren – und klischeehafte Vorurteile übers Schwulsein. Demonstrative Offenheit hin, vermeintliche Toleranz her. Dass Hitzlsperger einst eine Spielerfrau an seiner Seite hatte,

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war dennoch keine Inszenierung. Sie war seine Jugendliebe und blieb seine einzige Freundin, „ich wollte nach ihr keine andere“, sagt er. 2007 war das Paar kurz davor zu heiraten. Vier Wochen vor dem Termin wurde die Hochzeit abgesagt. Bijan Peymani