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13. Jahrgang

top schwaben

04 2015 B 1645 F Preis 4,50 €

Gewerbezentren wachsen, Kulturlandschaft verschwindet

Schwaben verändert sich Außerdem: • Bundeswehr-Konversion • Ländliche Entwicklung • Citymanagement

Kultur & Soziales

Stille Macher im Porträt

Viele Orte verlieren ihr typisches Gesicht

Sonderausstellung

Michael Martin „Planet Wüste“

Silvia Armbruster

Kemptens neue Intendantin

Veranstaltungen und Spezial Landkreis Lindau


Wir w端nschen Ihnen eine sch旦ne Weihnachtszeit sowie f端r das Jahr 2016 Gl端ck, Gesundheit und Erfolg.


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Andreas Stetter

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Wandel im Wachstum Liebe Leserin, lieber Leser, Schwaben ist interessant. Auch für Investoren. Seit Fertigstellung der A96 München – Lindau und der B17 Donauwörth – Landsberg haben sich die Standortperspektiven vor allem in den Landkreisen Augsburg, Ostallgäu und Unterallgäu deutlich verbessert. Als Teil oder in Nachbarschaft zur Metropolregion München, die fraglos eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas ist, prosperieren Städte wie Buchloe oder die Lechfeld-Gemeinden. Schwaben wächst. Kommunen und interkommunale Zweckverbände weisen entlang der Fernstraßen hochinteressante Flächen für Investoren aus. Die Firmen in der Region fühlen sich wohl – jede dritte gibt an, in den kommenden Jahren am Standort investieren zu wollen. Das verändert Schwaben. Zusehends verschwinden Acker- und Grünland, vor allem an den Autobahnen und im direkten Umgriff der Städte (Seite 6). Das früher landwirtschaftlich geprägte Kulturland Schwabens und des ehemals „blauen Allgäus“ wandeln sich mehr und mehr in Richtung Siedlungs-, Gewerbe- und Industrienutzung. Immer gleiche, eintönige Gewerbeflächen wachsen rund um die Städte aus dem Boden, die Kommunen verlieren außerhalb ihrer Kerne die Identität – eine ländliche Entwicklung, die nicht jedem gefällt (Seite 18). Auch an anderer Stelle muss sich Schwaben auf Veränderungen einstellen: Die Bundeswehr räumt ihre Standorte in Kaufbeuren, Kempten, Sonthofen und reduziert massiv in Füssen. Wie in Leipheim versucht man dort, den Arbeitsplatzverlust durch die Bundeswehr mit der Ansiedlung von Unternehmen zu kompensieren (Seite 14). Einen schweren Stand hat auch so mancher Citymanager. Als Schnittstelle zwischen Politik und Handel ist er meist Diener zweier Herren – keine einfache Situation (Seite 20). Abenteuer ganz anderer Art erleben zwei Schwaben draußen in der Natur. Der gebürtige Gersthofener Michael Martin brachte gerade seinen eindrucksvollen Bildband „Planet Wüste“ heraus (Seite 46), Markus Schaumlöffel näherte sich respektvoll den „3 Riesen“ (Seite 48) und in Kempten trat die neue Intendantin ihren Dienst an (Seite 40). Und nicht zuletzt stellt top schwaben ab Seite 28 vier „stille Macher“ vor – eine breite Themenfülle in diesem Heft.

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Großartige Natur 6027 € inkl. Flug* und bewegte Geschichte Afrika, einmal ganz anders Rosa schimmert das schönste Gewässer des Senegals in der Sonne, durch den EtoshaNationalpark ziehen die Big Five und Namibias Dünen reichen bis zum Horizont Gran Canaria, Dakar Banjul/Gambia, Kunta Kinteh Island/Gambia, Jamestown/Saint Helena, Walvis Bay/ Namibia, Lüderitz/Namibia, Kapstadt/Südafrika 200 € Bordguthaben bei Buchung bis 31.12.2015 *Frühbucherpreis bis 29.02.2016 – zzgl. persönliche Ausgaben, wie z. B. Getränke, Landausflüge, Wellness, Trinkgelder an Bord Es gelten die AGB von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH, Ballindamm 25, 20095 Hamburg. p. P. ab

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Viel Spaß beim Lesen wünscht

Wolfgang Strobl redaktion@topschwaben.de

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TTIP – Chance für den Mittelstand Liebe Leserinnen und Leser, das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der Europäischen Union und den USA hat zu kontroversen Diskussionen in der Bevölkerung geführt. Ich nehme diese Sorgen und Ängste sehr ernst. Für sachliche Argumente bin ich aufgeschlossen, aber ich halte nichts von pauschaler Angstmacherei. TTIP bietet Europa die Chance, in der globalisierten Welt weiterhin eine führende Rolle zu spielen. Mit TTIP sollen Warenzölle an den Grenzen wegfallen: Das macht Ein- und Ausfuhren günstiger. Unterschiedliche technische Regelwerke und Zulassungsverfahren sollen vereinfacht und besser gegenseitig anerkannt werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Auto, das in Deutschland zugelassen wurde, durch TTIP in Zukunft deutlich leichter auch in den USA für den Straßenverkehr zugelassen wird. Oft wird auch behauptet, dass von TTIP nur die großen multinationalen Konzerne profitieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Gerade kleine und mittlere Unternehmen können durch das Freihandelsabkommen wichtige Impulse erwarten. Bereits heute sind KMU für 28 Prozent der europäischen Exporte in die USA verantwortlich. Gerade diese Unternehmen sind es, die die wirtschaftliche Stärke Deutschlands, Bayerns und insbesondere auch Schwabens ausmachen. Fakt ist, wir brauchen dringend eine viel sachlichere Debatte über die Chancen von TTIP. Ein gut verhandeltes Abkommen mit den USA bringt Europas Wirtschaft sehr viele Vorteile und kann eine globale Wirtschafts- und Sozialordnung mit europäischen Standards schaffen. Wir Europäer wollen schließlich auch morgen noch die Globalisierung positiv mitgestalten. Ihr Markus Ferber, MdEP Für weitere Informationen: www.markus-ferber.de

Inhaltsverzeichnis Titel und Schwerpunkt 06 Schwaben verändert sich Orte verlieren ihr typisches Gesicht

09 Der Kampf ums Gewerbe

14 Vier Standorte, vier Herausforderungen

18 Ländliche Entwicklung

20 Kümmerer zwischen allen Stühlen

Porträtserie Stille Macher: 28 Angela Herrmannsdörfer: „Man muss nur machen!“

30 Ralf Wengenmayr: Einsamer Perfektionist

32 Wolfram Grzabka: „Suche meinen Standpunkt“

34 Hans Kleffner: Der Alleinunterhalter

Impressum 04/15 Verlag und Adresse aller Verantwortlichen: contrast marketing-kommunikation & verlag gmbh, Eserwallstr. 17, 86150 Augsburg, Tel. 0821/3199950, Fax 0821/31989140, info@topschwaben.de Herausgeber und verantwortlich i. S. d. P.: Wolfgang Strobl Copyright: Der Inhalt des Magazins ist in vollem Umfang urheberrechlich geschützt. Alle Rechte liegen beim Verlag. Die Verwendung von Texten, Fotos und Illustrationen in anderen Publikationen und im Internet bedürfen – auch auszugsweise – der schriftlichen Genehmigung des Verlags Autoren dieser Ausgabe: Roswitha Mitulla (rmi), Hans Rainer Strobl (hrs), Florian Pittroff (pif), Wolfgang Strobl (wos), Wolfgang Wiedemann (wiwo), Paul Mengele (pme) Titelmotiv: Anja Daschner. Cartoon: Klaus Prüfer Layout: Anja Daschner, Stephanie Endemann Verlagsbüro: Werner Vöst, Tel. 0821/4506945, info@voewe. Anzeigenverwaltung: contrast marketing-kommunikation & verlag gmbh Fotografen dieser Ausgabe: Peter Buchner, Stefan Mayr, Axel Weiss, Wolfgang Strobl, Simon Strobl. Weitere Bildnachweise auf den Seiten. Konzeption, Layout, Satz: www.contrast-marketing.de Druck: Druckerei Joh. Walch, Augsburg top schwaben erscheint vierteljährlich, zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 10 vom 1. Januar 2014, EVP € 4,50 Jahresabo € 18,- (einschl. Postgebühr). Unser spezieller Dank gilt Dr. Gerhard Hofweber für die Möglichkeit, Teile seines Buches „Das schöne Kind“ exklusiv abdrucken zu dürfen.


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Kultur und Soziales

Spezial

36 Ein Preis fürs Ehrenamt Bezirk Schwaben vergibt Ehrenamtspreis

50 Landkreis Lindau

38 Teil 3 der philosophischen Reise Gerhard Hofwebers: „Das schöne Kind“

40 Sturmfestes „Schilf“ Kemptens neue Intendantin Silvia Armbruster 42 Ausgewählte Büchertipps mozart@augsburg: Interview Sebastian Knauer

44 Wirtschaftsmeldungen

45 Kulturmeldungen

44 Mächtig viel Wüstenstaub Michael Martin kommt zurück nach Gersthofen 46 „20winters“ und „3Riesen“  Markus Schaumlöffels Mini-Expeditionen durch die Heimat

52 Interview mit Landrat Elmar Stegmann 54 Wirtschaft: Handwerk, Hightech & Nobelpreisträger

56 Tourismus: Ein Landkreis – zwei Ferienregionen

Kulinarik

58 Kochköpfe: Stefan Fuß, Rohrbach 60 Zwiebelspalten Restaurant Gänsweid in Wertingen 62 Maultaschen & Meer Empfehlenswerte Gastronomie-Adressen

Veranstaltungen

64 Veranstaltungshöhepunkte in Schwaben

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S chwerpunkt

Einer wie der andere: Schwabens Orte verlieren ihr typisches Gesicht Was macht ein schwäbisches Städtchen aus, was seine Marktflecken und kleinen Orte? Ganz sicher seine Bauwerke. Die Kirchen und Schlösschen, die Stadttore und -türme, Gutshöfe und Bürgerhäuser – Orientierungspunkte und Landmarken, die der (Durch-)Reisende einer Ortschaft, einer Stadt immer klar zuordnen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Die schwäbischen Kommunen verlieren zunehmend ihr typisches Gesicht.


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Wirtschaftliche Großinvestitionen haben erhebliche Eigendynamik: „Wo Verkehrsanbindung ist, ist wirtschaftliche Attraktivität.“

Wo in den 1970er- und 80er-Jahren der bayerische Staat in sogenannten Raumordungsverfahren planerisch und sehr aktiv in die Entwicklung und Nutzung von Lebensräumen eingriff, hat er sich heute zunehmend aus dem Thema verabschiedet. Auf den ehemals grünen Wiesen rund um die Städte und Dörfer ist ein gewerblicher Wildwuchs entstanden, der die Städtchen nicht nur um ihr typisches Aussehen bringt, sondern ihnen ihre Einmaligkeit nimmt. Groß und fett prangen hinter den Ortseingangsschildern die ALDIund LIDL-Logos, buhlen Tengelmann, Norma, Edeka oder wahlweise Netto-Märkte mit mächtiger Leuchtreklame um die Aufmerksamkeit autofahrender

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Kundschaft. Dazu gesellen sich bunte Großtankstellen, gesichtslose Getränkemärkte und – je nach Größe der Stadt – auch ein V-Markt, Kaufland, OBI oder Bauhaus mit riesigem Parkplatzangebot vor der Tür – die schöne, neue Einkaufswelt. Eine Entwicklung, die sich offenbar nicht aufhalten lässt: Wirtschaftliche Großinvestitionen orientieren sich an der Verkehrsinfrastruktur und haben eine erhebliche Eigendynamik. „Wo Verkehrsanbindung ist, ist wirtschaftliche Attraktivität,“ stellt Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl fest. Zwar sei nicht jede Kommune gleich, doch eines sei landauf, landab im Allgäu, in Mittelschwaben oder in der schwäbischen Donauregion und im Ries ebenso deutlich zu erkennen wie um Augsburg herum. „Der Aspekt der Kulturlandschaft tritt zurück“, sagt Fassl. Orts- und Stadtrandlagen verändern sich gravierend – und ein Ende ist nicht absehbar. Stadtbergen will ein neues, riesiges Gewerbegebiet im XXL-Format ausweisen (Seite 10), Thannhausen plant am nördlichen Stadtrand den Hang hinauf ein Gewerbegebiet – ein Fall, der manchem Stadtplaner im Landkreis Günzburg hinsichtlich gestalterischer Qualität des zukünftigen Ortseingangs bereits jetzt die Tränen in die Augen treibt, wie man hört. Denn jede Kommune kann im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten tun und lassen,

 niform, austauschbar, ähnlich: Gesichtslose Ortseinfahr 1 U ten wie diese findet man nicht nur in Diedorf

Fotos: Wolfgang Strobl

Erst langsam schleichend, dann mit zunehmend mehr Dynamik gaben sich Schwabens Städtchen ein anderes Gesicht. Ein anonymes, langweiliges, austauschbares Gesicht, das sie sich zudem freiwillig und ohne Not selbst aufgesetzt haben. Denn jede Kommune hat die planerische Lufthoheit über ihr eigenes Gemeindegebiet und ihr Erscheinungsbild nach außen.


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S chwerpunkt

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Fotos: Stadt Kaufbeuren (1), Wolfgang Strobl (1)

was sie will – sie legt ihre Spielregeln für Gewerbe selbst fest und kennt dabei oft genug kaum Grenzen. „Die Kommunen sind um jeden Gewerbetreibenden froh, der kommt“, ist die Erfahrung von Hermann Moser, dessen renommiertes Architektur- und Städtebaubüro in Nördlingen zahlreiche schwäbische Städte bei der Entwicklung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen begleitet hat. Der Rahmen, den ein Bebauungsplan für potentielle Gewerbeinvestoren steckt, ist im Gegensatz zur Wohnbebauung meist sehr, sehr offen. Da ist es egal, wieviel Quadratmeter fensterlose Fassadenfläche eine Produktionshalle haben wird, wie das Dach des Discounters aussieht, welche Materialien ein Möbelhaus für seine Front verbaut oder in welcher noch so schrillen Farbe sich der neue Baumarkt zur Eröffnung präsentieren wird. Der Zweck heiligt die Mittel – nämlich die, die über die Grund- und Gewerbesteuer ebenso ins kommunale Säckel fließen wie Teile der Einkommensteuer ortsansässiger Arbeitnehmer. „Die Festsetzungen in den Bebauungsplänen gestalten wir großzügig. Wir versuchen, einen ‚schlanken‘ Bebauungsplan zu machen und möglichst wenig vorzuschreiben“, berichtet Markus Guckler, Leiter der Bauverwaltung beim Markt Jettingen-Scheppach. Damit will man sich hinsichtlich Branchen, Anforderungen und Qualitätsansprüchen an die Architektur alle Optionen offen halten. Das Erstaunliche: Obwohl sich die Kommune so offen zeigt, gibt es dort bemerkenswerte Gewerbe-Architektur. Das „Ufo“ des IT-Händlers Cancom, die Zentrale des Spieleherstellers Ludofact oder die kürzlich entstandenen Hallen von Robatherm und Stegherr direkt an der Autobahn. Darauf wird Markus Guckler häufig angesprochen. „Außerhalb der Region kennt man Jettingen-Scheppach kaum“, erzählt Guckler, „beschreibe ich bei Fachveranstaltungen jedoch die neuen Firmengebäude, wissen die meisten sofort, woher ich komme“. Architektur als identifikationsstiftende Disziplin? „Auf jeden Fall“, sagt Städteplaner und Regierungs-

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baumeister Hermann Moser, „deshalb ist es auch wichtig, bestehende NegativsituaHektar Fläche werden pro Tag im tionen zu verbessern“. Im Freistaat Bayern für Gewerbe-, Auge hat er vor allem überWohn- und Straßenbau verbraucht – dimensionierte Verkehrs­ Zeichen des wirtschaftlichen Booms. adern wie die Augsburger Straße, die von Nördlingen in Richtung Harburg/Donauwörth führt, „eine neun Meter breite Fahrbahn müsste hier wirklich nicht sein.“ Eine Verringerung der Fahrbahnbreite brächte Chancen für öffentliches Grün – Bäume entlang der Verkehrswege. Ein schöner Gedanke, bei dem jedoch manchem gewerbetreibenden Anlieger graut: „Das ist das Dilemma“, sinniert Hermann Moser, „auch wenn den Nördlingern hier Baumreihen sicher gut gefallen würden... die ansässigen Autohändler wollen von der Straße aus gesehen werden – und schon gar keine Blätter auf ihren Gebrauchtwagen liegen haben.“ Der Widerstreit des Bürgerinteresses und der Anforderungen der gewerbetreibenden Wirtschaft an ihre Flächen klafft nicht nur hier auseinander, der propagierte Dreiklang Leben, Wohnen, Arbeiten bringt eben auch manche stadtplanerische Problematik und gewerbliche Bausünde mit sich. Doch ein Gutes kann Bezirksheimatpfleger Fassl selbst unansehnlichen, wenig ortsbildprägenden Gewerbegebieten an manchen Ortsrändern abgewinnen: „Wo Gewerbegebiete entstehen, gibt es keine Landflucht. Unternehmen investieren nur dort, wo Menschen leben, kommen und konsumieren.“ Insofern sind die zahlreichen Gewerbegebiete sichtbare und gute Zeichen für Status quo in Schwaben – es scheint uns gutzugehen zwischen Oberstdorf und Oettingen.  wos  1 „GreenFieldProjects“: Inter-Logistic-Park, Kaufbeuren  2 Bauen direkt an der Autobahn: Tricor an der A96


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Der Kampf ums Gewerbe der wettbewerb um freie flächen ist längst entbrannt: vor allem an den autobahnen und bundesstrassen weisen kommunen groSSzügig flächen aus. Unternehmen investieren kräftig. Das Gelände gegenüber dem Skylinepark war perfekt: 127.000 Quadratmeter direkt an der Autobahn A96 waren groß genug für die Produktions- und Logistikhallen der Firma Tricor. Bis 2012 hatte der Verpackungs- und Logistikspezialist in Eppishausen seinen Firmensitz. Obwohl in Eppishausen die geografische Mitte Schwabens liegt, ist der Ort für einen bedeutenden Logistiker nicht „der Nabel der Welt“. Zu eng war es dort für Expansion, zudem stark begrenzt durch nachbarschaftliche Anlieger und den Bach. Es kam zum „Green Field Project“, dem Bau „auf der grünen Wiese“. „Der neue Standort war perfekt für uns“, sagt Marketingleiter Benjamin Leinsle. Nur 20 Minuten Fahrt sind es für die rund 480 Mitarbeiter vom alten Firmenstandort an den neuen, der gleichzeitig einen Quantensprung für das Unternehmen bedeutet. 85 Mio. Euro investierte Tricor in seinen neuen Firmensitz, der sich gut einen halben Kilometer direkt entlang der Autobahn A96 erstreckt. Hier kommen zwei Dinge zusammen, die für das Unternehmen bares Geld

wert sind: Die Top-Lage, die es dem Logistiker möglich macht, kilometersparend zu liefern und beliefert zu werden – und die Sichtbarkeit des Unternehmens. „Wir werden jeden Tag von Zigtausenden wahrgenommen, die an unserem Gebäude vorbeifahren“, sagt Leinsle. Diesen Werbeeffekt lassen sich auch andere schwäbische Vorzeigeunternehmen Geld kosten: Wanzl in Leipheim, Sortimo in Zusmarshausen, Baufritz in Erkheim oder Robatherm in Jettingen-Scheppach stellten ebenso bewusst wie selbstbewusst ihre architektonisch bemerkenswerten Komplexe auch in Sichtweite der Autobahn – ein Trend, der weiter anhalten wird, vor allem im Bereich der Logistik. Doch genau hier liegt der Haken: Als weiter wachsender und drittgrößter Wirtschaftszweig Deutschlands suchen die Logistiker händeringend Standorte, sind aber nicht überall gern gesehen. Bei Politikern und Anwohnern hat die Logistikbranche einen schlechten Ruf – viele verbinden damit nur Lärm, Verkehr und Abgase. Zudem gelten

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S chwerpunkt

meterpreis gehen, um eine Ansiedlung auf die eigene Gemarkung zu holen. Nicht selten subventioniert die öffentliche Hand zusätzlich auch die Befreiung von Altlasten – eine Leistung, die normalerweise der Grundstückskäufer selbst erbringen muss. Und auch bei der Erschließung der Grundstücke und Schaffung infrastruktureller Maßnahmen kommen die Gebietskörperschaften Investoren vielerorts weit entgegen, um auf ihrem eigenen Gebiet Arbeitsplätze zu schaffen und gewerbliche Steuerzahler anzusiedeln.

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 1 J etzt Acker, bald Gewerbe? 200.000 Quadratmeter Gewerbegrund sind in Stadtbergen im Gespräch.

Logistikzentren wegen ihrer günstigen und standardisierten Hallen als „Verschandelung der Landschaft“, wie Kritiker häufig bemängeln – wie an der B17-Ausfahrt Graben/ Kleinaitingen, wo erst Aldi, dann Lidl, Amazon und DHL ihre riesigen, mal grauen, mal postgelben Klötze in die Landschaft gestellt haben – gesichtslose Zweckbauten, die miteinander eine Fläche von rund 70 Fußballfeldern auffraßen. Nun baut die Firma Goodman für BMW ein Ersatzteillager (siehe rechts). Wie hart der Kampf ums Gewerbe hinter den Kulissen geführt wird, kommt nur manchmal ans Licht. Vor allem bei den großen Ansiedlungen, die viele Arbeitsplätze mit sich bringen, wird öffentlich, welche Gemeinden oder interkommunalen Gewerbegebiete ihren Hut in den Ring werfen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Kommunen und Zweckverbände oft bis an die Schmerzgrenze beim Quadrat-

Fotos: Wolfgang Strobl (4)

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kam das Logistikzentrum von Aldi auf das Lechfeld, 2009 das von Lidl. Dann folgte Amazon, DHL, die auf die „grüne Wiese“ entlang der B17 bauten. Jetzt ist Kleinaitingen mit BMW der jüngste Coup gelungen.

Harte Bandagen braucht es manchmal auch in den eigenen Entscheidungsgremien. So in Stadtbergen. Der Stadtrat der jungen Stadt am westlichen Rand Augsburgs befasste sich in nicht öffentlicher Sitzung damit, ein neues Gewerbegebiet an der B300 auszuweisen. Doch nicht alle waren dafür. Einige Stadträte preschten vor – mitten hinein in das mediale Sommerloch 2015. Mitglieder von SPD und Grünen machten die Pläne im August öffentlich und gegen die geplanten 200.000 Quadratmeter Gewerbeflächen mit Plakaten und Flugblättern mobil. Ihre Befürchtung: Mit dem Gewerbegebiet kommt auch der Verkehr – und landwirtschaftliche Flächen zwischen Stadtbergen und Deuringen müssten weichen. Ein Vorwurf, den Stadtbergens Erster Bürgermeister Paulus Metz so nicht stehen lassen will: „Das Gewerbegebiet südlich der B300 ist seit Jahren im Flächennutzungsplan ausgewiesen, ebenso dessen Zu- und Abfahrt über die B300.“ Darüber hinaus könne Metz nicht sagen, ob das Gewerbegebiet, das als „Filetstück“ gilt, komme oder nicht. „Ich kann nur


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BMW-Logistiklager auf dem Lechfeld Auf 20 Hektar Fläche, also 200.000 Quadratmetern (zum Vergleich: etwa 27 Fußballfelder) entsteht derzeit östlich der B17 ein BMW-Logistikzentrum. Kritiker betonen, dass sich „Aufwand und Ertrag“ des Baus „nur mit geringem Nutzen für die Region“ nicht entsprechen würden. Fakt ist: Die rund 66.000 Quadratmeter Lagerfläche bringen lediglich 220 neue Arbeitsplätze auf das Lechfeld – genau das Problem der Logistik: Die Hallen verbrauchen viel Fläche, schaffen aber kaum Arbeitsplätze, so die Kritik. Auch Zahlen des Fraunhofer-Instituts belegen: Wo Paletten von einem LKW in den anderen geladen werden, entstehen nur neun Arbeitsplätze auf 1.000 Quadratmeter Halle. Wo sich dagegen sogenannte Kontraktlogistiker – also solche, die sich z. B. neben einem Industrie-

betrieb ansiedeln, Teile zusammenbauen und liefern – sind es bereits 15 bis 40 Mitarbeiter je 1.000 Quadratmeter Halle. Umgerechnet auf BMW sind es nicht einmal vier. „Wir haben von vornherein gewusst, dass in dieser Größenordnung Arbeitsplätze entstehen“, sagt Kleinaitingens Bürgermeister Rupert Fiehl, „BMW hat nie etwas anderes versprochen“. Dennoch sei die Ansiedlung ein „Riesengewinn“ für die Region. Neben den bestehenden Logistikern auf dem Lechfeld passe das BMW-Logistikzentrum sehr gut dazu. „Wir sind sicher, dass BMW Zugkraft auf andere renommierte Unternehmen, Mittelstands- und Handwerksbetriebe haben wird“, so Fiehl, „wir haben bei Ansiedlungen ja nicht nur auswärtige Großbetriebe im Blick, sondern auch Betriebe aus der Region.“  wos

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S chwerpunkt

sagen: Ja, die Fläche ist interessant. Und der Wille ist da. Aber es gibt keinen Beschluss.“ Zielsetzung war eigentlich, in der Nähe des Klinikums, das bis 2018 zur Universitätsklinik ausgebaut werden soll, unter der Idee eines „Zukunfts- und Sciencepark“ medizinnahe Einrichtungen anzusiedeln und dem Stadtberger Handwerk und Bestandsunternehmen Erweiterungsmöglichkeiten zu bieten. „Das ist ja die Crux“, sagt Paulus Metz, „wenn es der Stadt gelungen wäre, die Flächen zu kaufen, bevor es öffentlich wird, hätten auch ortsansässige Klein- und Mittelständler eine gute Möglichkeit gehabt, bezahlbare Flächen zu bekommen.“ Mittlerweile signalisierten auch international operierende Unternehmen Interesse, die ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben als der hiesige Handwerker. Und auch Planungsbüros meldeten sich bereits bei der Verwaltung, um das Gebiet zu entwickeln. Damit, so ist zu hören, hätten die Gegner mit ihrer sommerlichen Stimmungsmache auch dem ansässigen Gewerbe einen Bärendienst erwiesen. Nicht nur die Stadt habe jetzt kaum mehr die Möglichkeit, das Gebiet in eigener Regie zu vermarkten, weil die privaten Grundstücksbesitzer und Landwirte jetzt um Höchstpreise pokerten.

Fotos: privat, Regionalmarketing Günzburg (1), Robatherm (1)

Dass sich entlang der großen Verkehrswege, allen voran an den Autobahnen A7, A8, A96 und gut ausgebauten Bundesstraßen,

Bauen „auf der grünen Wiese“ Nachgefragt bei prof. dr. dr. lothar zettler, Lars Consult, Memmingen

1 Gewerbe verdichtet, ist mittlerweile überdeutlich feststellbar. Wo noch 2000 links und rechts entlang der Autobahn Wälder, Wiesenauen und Ackerflächen waren, wachsen Gebäudestrukturen – in Friedberg oder Dasing ebenso wie in Scheppach, Mindelheim, Erkheim oder Wolfertschwenden – Schwaben verändert sich Schritt für Schritt deutlich. „Prinzipiell bedeuten Gewerbeflächen entlang der Autobahn ein enormes Entwicklungspotential und die Chance der Clusterbildung“, sagt Werner Weigelt, Geschäftsführer der Regionalmarketing Günzburg. Eher positiv zu bewerten sei speziell im ländlichen Raum auch die funktionale Trennung zwischen Wohnen

Warum ist die Bündelung von Gewerbe in größeren Einheiten sinnvoll? Zettler: Wenn sich am Rande einer kleinen Gemeinde ein Betrieb mit riesiger Halle ansiedelt, verliert der Ort seinen und die Landschaft ihren Charakter. Ich vertrete die Auffassung, dass große Gewerbegebiete eigene, erlebbare Einheiten sein sollten. In der Bauleitplanung gibt es den Grundsatz, Gewerbeflächen an bestehende Bebauungsstrukturen anzubinden. Ihre Idee ist die, Gewerbezentren auf der „grünen Wiese“ zu entwickeln ... Die Vorteile liegen doch auf der Hand: Wir planen gebündelt dort,

 und um den Stadtkern  1 R erobert großflächiges Gewerbe die Landschaft: Luftaufnahme von Burgau.

wo die Landschaft eh belastet ist: direkt an Autobahnen, Verkehrswegen und deren Zu- und Abfahrten. Beurteilen darf man die Gebiete erst mit der Zeit, vielleicht nach zehn Jahren. Die begleitende Landschafts- und Freiraumplanung spielt dabei eine wichtige Rolle. Kann man die Architektur von Gewerbebauten positiv beeinflussen? Der Architekt entscheidet über die Qualität im Hochbau. Wir stellen fest, dass Unternehmen heute sehr viel Wert darauf legen, mit ihren Gebäuden auch ein Statement zur Qualität des Unternehmens abzugeben. Die Baumasse und Architektur muss immer in Verbindung mit der Umgebung beurteilt werden.


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und Arbeiten. „Allerdings erhöht sich die Gefahr, dass autobahnferne Regionen ‚abgehängt‘ werden“, so der Diplom-Geograf. Denn Tourismus sei dort, wo es keine Autobahnen, dafür schöne Natur gibt, „keine Allzweckwaffe“. In solchen Regionen gehe es darum, Bestandspflege bei Unternehmen zu betreiben, für die perfekte Verkehrsinfrastruktur nicht unbedingt der wichtigste Standortfaktor sei – ein gutes Beispiel sei KlingConsult in Krumbach: „Dort ist man weltweit tätig und genießt in Krumbach eine extrem hohe Lebensqualität“, so Weigelt. Aber auch um sog. Insellagen wie Krumbach verändert sich das Landschaftsbild. „Die landwirtschaftlichen Nutzungsformen werden immer weiter zurückgedrängt. Eine zunehmende Siedlungs-, Gewerbe und Industrienutzung wird sichtbar“, stellt Prof. Dr. Dr. Lothar Zettler fest. Der Stadtplaner mit Lehrauftrag für Umweltmanagement an der FH Kempten versucht „ganzheitlich“ auf die Thematik zu blicken. „Die Kulturlandschaft verschwindet

nicht“, sagt er, „sie verändert sich und befindet sich in einem dynamischen Stadium der Entwicklung – es verschieben sich die Nutzungsformen der Landschaft.“ Lothar Zettler und sein Büro Lars-Consult (Memmingen/Augsburg) gilt als Pionier in der Entwicklung interkommunaler Gewerbegebiete. „Trotz allen Wachstums und Ausweitung von Gewerbeflächen geht es darum, Landschaft zu schonen“. Sein Konzept: die Bündelung von Flächen zu größeren Einheiten. Wenn jede Gemeinde „mal hier, mal da fünf Hektar Gewerbe“ auswiese, wäre das für das Landschaftsbild viel verheerender als die Entwicklung großer Flächen dort, wo die Landschaft durch Verkehrswege bereits belastet ist. Mit seinen fünf interkommunalen Gewerbeflächen und dem Konzept, das dahintersteht, sei das Unterallgäu Vorreiter. „Das ist einmalig in Deutschland“, so Zettler. Das Unterallgäu überlege sogar, sich in Sachen interkommunaler Gewerbeflächenentwicklung als Modellregion zu bewerben, wie die Gewerbeflächenstudie 2014/15 für das Unterallgäu empfiehlt.  wos

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A8

An der Autobahn A8, Ausfahrt Burgau, sind bemerkenswerte Industriebauten entstanden. Die Baukörper von Robatherm (Foto oben) stechen aus dem üblichen Industrieeinerlei architektonisch deutlich hervor.

Bei uns geht ’was! Wirtschaftsförderung im Landkreis Günzburg: Alle Informationen aus einer Hand!

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Vier Standorte, vier Herausforderungen Kaufbeuren, kempten, f체ssen und sonthofen sind von der bundeswehrreform stark betroffen. um die st채dte aktiv zu begleiten, wurde die konversionsmanagement allg채u gmbh gegr체ndet.


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Was an anderer Stelle in Schwaben bereits im Gange ist, steht im Allgäu an vier Standorten noch bevor: der Kraftakt der Umnutzung militärischer Flächen. Rückblende: Als die US-Streitkräfte am 19. Juni 1998 nach 52 Jahren mit großem gemeinsamen „Zapfenstreich“ der Bundeswehr den Standort Augsburg endgültig verließen, war die erste Zeit der Schockstarre und Ratlosigkeit in der Stadtregierung bereits vorbei – man hatte die Zeit genutzt, den Wegfall der zeitgleich bis zu 17.000 in Augsburg stationierten Soldaten strategisch anzugehen. Rechnet man die Familienangehörigen dazu, lebten bis zu 30.000 Amerikaner in Centerville, Cramerton, Sullivan-Heights und dem Fryar Circle rund um die Sheridan-, die Reese- und die Flak-Kaserne – eine immense Kaufkraft, die der Stadt mit dem Abzug der US-Boys verloren ging. Doch Augsburg ging mit dem Problem gut um, plante und baute auf den weitläufigen Flächen Wohngebiete, kleinere Gewerbeeinheiten, schuf Platz für den Kulturpark West. Ein Investor entwickelte zudem entlang der B300 seine „Hotelresidenz 50plus“ mit betreutem Wohnen.

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 1 230 Hektar Militärfläche Kaufbeuren werden 2017 frei  helter als Lagerfläche: die Konversion des ehemaligen  2 S Fliegerhorstes Leipheim schreitet voran

Auch Leipheim stand nach der Schließung des von Amerikanern und der Bundeswehr genutzten Fliegerhorstes vor der Herausforderung, mit frei werdenden 254 Hektar Fläche umzugehen, die sich auf eigener und zu kleineren Teilen auf Günzburger und Bubesheimer Flur befinden. 227 Hektar der Liegenschaft wurden von einem Zweckverband der drei Kommunen und des Landkreises Günzburg übernommen. „Ziel der Konversion ist die stufenweise Entwicklung von bis zu 112 Hektar Gewerbe- und Industriebauflächen“, sagt Günzburgs Landrat Hubert Hafner. Auf der Fläche, die heute unter der Bezeichnung AREAL pro vermarktet wird, ist es in kurzer Zeit gelungen, namhafte Unternehmen aus der Region (Britax/Römer, Günzburger Steigtechnik) ebenso für die Investition auf dem ehemaligen Militärgelände zu gewinnen

Foto:: AREALpro (1), iStock (1), Stadt Kaufbeuren (1)

Als am 26. Oktober 2011 das Bundesverteidigungsministerium sein zukünftiges Stationierungskonzept verkündete, war das Allgäu stark betroffen. Die Standorte in Kempten und Kaufbeuren werden komplett geschlossen, in Füssen und Sonthofen erfolgen deutliche Personalreduzierungen von 4.520 auf nur noch 1.686 Stellen. Mit einem eigenen Konversionsmanagement begegnet das Allgäu den einschneidenden Maßnahmen der Bundeswehrreform, die sich sehr stark auf die Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung in den einzelnen Gemeinden und der gesamten Region Allgäu auswirken, zumal nicht nur Soldaten abgezogen werden, sondern sich der Wandel auch auf Zivilbeschäftigte und Lehrgangsteilnehmer auswirkt.

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S chwerpunkt

AREAL Pro: Konversion liegt über dem soll Vor fünf Jahren begann die Konversion in Leipheim. Mittlerweile sind 30 Hektar verkauft Kaufbeuren, Kempten und Sonthofen blicken nach Leipheim. Denn dort, im Landkreis Günzburg, ist die Konversion bereits seit fünf Jahren in vollem Gang. Aus dem ehemaligen Fliegerhorst – so groß wie 300 Fußballfelder – ein Gewerbegebiet zu machen, ist eine riesige Herausforderung, die dort bisher mit Bravour gelingt. Weil das Militärgelände auf dem Gebiet dreier Kommunen lag, bildeten die Städte Günzburg und Leipheim mit der Gemeinde Bubesheim und dem Landkreis Günzburg den Zweckverband Interkommunales Gewerbegebiet, übernahmen zum Kaufpreis von 2,1 Mio. Euro am 1. Juli 2010 die Liegenschaft vom Bund und entwickelten daraus die 112 Hektar große Nachnutzungsfläche. Die sehr günstige Verkehrsanbindung unmittelbar an der Autobahn A8 ist attraktiv für Investoren. „Es sind bereits 300.785 Quadratmeter verkauft, auf weitere 184.388 Quadratmeter besteht eine Option“, sagt Zweckverbands-Geschäftsführer Christian Zimmermann. Damit liegt AREAL pro, so der Name des Gewerbegebiets, weit über dem Soll. „Ziel war, der Verkauf von drei Hektar im Jahr“, so Zimmermann, „wir haben in den ersten fünf Jahren das

Doppelte erreicht.“ Auch was vom Zweckverband und den beteiligten Kommunen investiert wurde, ist eindrucksvoll. 3,2 Kilometer neue Straßen im Gewerbegebiet, eine 3,3 Kilometer lange Südumfahrung, 6,3 Kilometer Kanalleitungen, 3,2 Kilometer Wasserleitungen, der Abriss von 59 Gebäuden für insgesamt 25 Mio. Euro Investitionssumme belegen, wie umfangreich eine Konversion sein kann. „Von Anfang an war auch Ziel, qualifizierte Arbeitsplätze anzusiedeln und den Wegfall der Bundeswehrarbeitsplätze zu kompensieren“, so Zimmermann über die Ausrichtung des Gewerbegebietes, in dem vor allem auch produziert werden soll. Da ist Britax/Römer ein Glücksfall. Das Unternehmen zieht mit bis zu 450 Mitarbeitern in Produktion, Verwaltung, Entwicklung und Testanlage in den Landkreis Günzburg. Dann werden bereits mehr als 900 Menschen hier arbeiten. Zum Vergleich: die Bundeswehr bot in Spitzenzeiten 2.000 Stellen. Christian Zimmermann ist sicher, dass diese Zahl erreicht wird: „Wir haben jetzt auf 30 Hektar etwa 900 Stellen. Wenn 2040 die kompletten 112 Hektar bewirtschaftet werden, kommen wir hochgerechnet hoffentlich auf über 3.300 Arbeitsplätze.“

Fotos: Wolfgang Strobl (1), AREALpro (2)

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wie innovative Mittelständler. Als „Leuchtturmprojekt“ bezeichnet Landrat Hafner den geplanten Bau eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks durch die SWU Energie GmbH mit einem Investitionsvolumen von 900 Millionen Euro, für das eine Optionsfläche von 18,4 Hektar bereit steht. Doch zurück ins Allgäu: Dort betrachtet man den ständigen Austausch von Erfahrungen und Wissen zwischen Konversionsstandorten, zuständigen Behörden und Ämtern sowie beteiligten Projektbüros als wichtigen Baustein eines erfolgreichen Konversionsprozesses. Schließlich geht es darum, gewaltige Aufgaben gemeinsam zu schultern. „Der Verlust des Arbeitgebers Bundeswehr trifft uns als wirtschaftlich schwächste kreisfreie Stadt Bayerns ganz gewaltig. Kaufbeuren muss die Konversionsflächen zur Schaffung von Arbeitsplätzen nutzen“, sagt Oberbürgermeister Stefan Bosse. In Kaufbeuren wird die Technische Schule der Luftwaffe

mit 880 Dienstposten aufgelöst. 230 Hektar Konversionsfläche werden frei. In Kempten bleiben von 870 Dienstposten nur noch sechs, stufenweise werden 22,5 Hektar Fläche in der Stadt durch den Abzug der Bundeswehr frei. Für Oberbürgermeister Thomas Kiechle geht es darum, dieses „wichtige Stadtentwicklungs-Thema der kommenden Jahre nachhaltig und bestmöglich zu meistern“. Anders die Situation in Füssen. Dort wird die Allgäu-Kaserne zwar nicht aufgelöst – Konversionsflächen entstehen nicht – jedoch schmerzt der Stellenabbau die 14.000-Einwohner-Stadt sehr: „Der Standort Füssen wird um circa 500 Dienstposten reduziert“, so 1. Bürgermeister Paul Iacob, „betrachtet man aber die Personen, die mit den Dienstposten in Verbindung stehen, also Ehefrauen und Kinder, dann wird Füssen zwischen 1.200 und 1.400 Menschen verlieren.“ Am Standort Sonthofen dagegen werden die Grünten- und Jäger-


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kasernen aufgelöst und die Standortverwaltung wie auch das Dienstleistungszentrum voraussichtlich 2018 geschlossen. Von derzeit noch 1.120 Dienstposten fallen wieder 530 weg – ein schwerer Schlag für die Stadt. „Sonthofen hat seit 2009 circa 2.000 Dienstposten verloren. Diesen Verlust zu kompensieren wird nicht nur eine Leistung der Kommune, sondern der ganzen Bevölkerung sein“, sagt 1. Bürgermeister Christian Wilhelm. Wie geht es weiter? „Um diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können, wurde in Zusammenarbeit mit den betroffenen Kommunen und Landkreisen ein Konversionsmanagement bei der Allgäu GmbH eingerichtet“, so Gebhard Kaiser, Vorsitzender des Aufsichtsrats und Geschäftsführer Klaus Fischer von der Allgäu GmbH. Das Allgäuer Konversionsmanagement, das unter dem Dach der Allgäu GmbH im Oktober 2002 seine Arbeit aufgenommen hat, legt seinen Fokus darauf, die betroffenen Städte und Gemeinden zu unterstützen, initiiert Treffen und Exkursionen zwischen betroffenen Akteuren im Allgäu, Bayern und Deutschland. Man besucht Konversionsprojekte wie in Leipheim, bildet Arbeitsgruppen und bereitet Kooperationsprojekte und Ideenwettbwerbe wie zur Nachnutzung des Textilareals in Füssen in Zusammenarbeit mit der Hochschule Augsburg vor. „Das Konversionsmanagement ist das überörtliche Team, das sich für die ganze Region mit dieser Aufgabe auseinandersetzt. Wir arbeiten mit den Standorten eng zusammen und sehen, wie wir für das ganze Allgäu die beste Lösung finden können“, sagt Konversionsmanager Axel Egermann. Mit seiner Kollegin Katrin Menig ist er der Überzeugung, dass es sehr wichtig ist, mit „einer Stimme“ zu sprechen, wenn es um die Herausforderungen an den vier Standorten geht. „Egal, was wir machen: wir sollten gegenüber der Bayerischen Staatsregierung und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben geschlossen auftreten. Dann haben wir bessere Chancen, unsere Ziele zu erreichen“, ist er sicher.  wos

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 1 Neuansiedlung auf dem Gelände von AREALpro in Leipheim  och brachliegende Fläche auf dem Reese-Areal, das Augsburg  2 N im Westen der Stadt für Wohnbebauung nutzt

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Kolumnentitel

Gegen Landflucht

dorferneuerungsprozesse sorgen für attraktivität kleiner kommunen Im Jahr 2050 wird es neun Milliarden Menschen geben, von denen 80 Prozent in Städten leben. Vor allem die junge Landbevölkerung zieht es in die Mega- und Gigastädte, die größte Völkerwanderung wird die Landflucht sein. Will man dem entgegenwirken, dann müssen sich auch die ländlichen Räume entwickeln und attraktiver werden.

Fotos: Archiv Contrast/Axel Weiss, Gemeinde Altusried (2)

Bisher sieht das vielerorts so aus, dass am Rand der Dörfer und Kleinstädte Industriegebiete aus dem Boden wachsen. Sie fressen sich in die Landschaft, verdichten die Böden, zerstören Naturgebiete, es folgen Einzelheimsiedlungen, Supermärkte, Straßen und Parkplätze. Durch den enormen Flächenverbrauch wachsen die Gemeinden immer mehr in die Breite und das geschieht meist ungebremst seit den 1960er-Jahren. Man nennt das Zersiedelung, manche sprechen von „Siedlungskrebs“, weil sich die Gebiete wie Krebsgeschwüre vermehren.

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Immer mehr Stimmen werden laut, dem Einhalt zu gebieten, die notwendigen Strukturmaßnahmen behutsam anzugehen, nicht zuletzt auch wegen des Tourismus. Den ländlichen Raum und seine Gemeinden und Regionen als eigenständige Lebensräume nachhaltig zu stärken und einem Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land entgegen zu wirken, ist Aufgabe und Ziel des Amtes für Ländliche Entwicklung Schwaben (ALE) mit Sitz in Krumbach. Es leistet damit Beiträge zur Stärkung und Entwicklung des Wirtschafts- und Wohnstandortes im ländlichen Raum und zur Abfederung und Steuerung des Strukturwandels. Nicht leicht, aber dringend notwendig, wenn man sieht, dass in vielen Dörfern bereits Häuser leer stehen, Wirtschaften verschwinden, Kindergärten geschlossen werden, die jungen Leute abwandern und Senioren wegen fehlender Einrichtungen ihre Heimat verlassen müssen. Durch individuelle Lösungen sollen die Gemeinden attraktiv werden, und das zusammen mit den Einwohnern. „Bürgermitwirkung ist in vielerlei

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Hinsicht ein Gewinn für die Menschen, die Dörfer und die Landschaft“, betont Johann Huber, Präsident des ALE Schwaben. Familien ziehen aber nur in die Gemeinden oder bleiben dort, wenn es Arbeitsplätze, Schulen, Kindergärten und Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten gibt. Um diese zu schaffen, muss angesiedelt werden und wieder drohen Zersiedelung und Flächenverbrauch. Dass es auch anders geht, zeigen viele Beispiele. So hat der Markt Altusried im Jahr 2012 einen Sonderpreis für Land- und Dorfentwicklung in der Kategorie „Umfassende gemeinschaftliche und öffentliche Leistungen“ erhalten. Im Rahmen der Flurneuordnung wurden der Neubau und die Sanierung von Gemeindeverbindungsstraßen und Hofanschluss- und Wirtschaftswegen, die Gestaltung von Plätzen und Freiflächen sowie umfangreiche Pflanzmaßnahmen mit Bäumen, Feldgehölzen und Hecken gefördert. Rund 50 Hofkapellen, Marterl und Feldkreuze wurden saniert. Die behutsame Vitalisierung der Dörfer Frauenzell, Kimratshofen, Krugzell und Muthmannshofen und ein effektiver Hochwasserschutz trugen zudem zur staatlichen Auszeichnung für Altusried bei. 2014 erhielt die Gemeinde Untrasried im Unterallgäu für die Dorferneuerungen in Untrasried und Hopferbach, den ehemals selbständigen Gemeinden, den Sonderpreis. „Der „Geist“ der Dorferneuerung strahlte aus, die Bürger beider Ortsteile rückten zusammen. Der Dorferneuerungsprozess inspirierte engagierte Bürger, ehrgeizige Vereinsmitglieder und rmi rüstige Rentner“, erklärt Johann Huber.  1  2 3

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Die Unterstützung von Gemeinden auch in der Zusammenarbeit über ihre eigenen Grenzen hinaus, ist eine wichtige Aufgabe des ALE. Sechs solcher Prozesse betreut das Amt derzeit in Schwaben. Unter dem Profil „Freiraum zum Leben“ gehen der Markt Welden mit den Gemeinden Adelsried, Altenmünster, Emersacker, Bonstetten und Heretsried in eine gemeinsame Zukunft. Mit dem Verein „Entwicklungsforum Holzwinkel und Altenmünster e. V.“ wurde die Basis für eine längerfristige Zusammenarbeit geschaffen. Derzeit betreut das ALE etwa 250 Bodenordnungsprojekte in rund 200 Gemeinden und davon zirka 100 Dorferneuerungen. Starke Landgemeinden entlasten die Metropolregionen“, sagt Johann Huber, Präsident des ALE Schwaben. Dabei würden regionale Besonderheiten wertgeschätzt und gefördert, um so die Vielfalt Schwabens zu erhalrmi ten.

Interview

trumpfen, wenn er die Bedürfnisse seiner Bewohner befriedigen kann und die Gemeinden interkommunal zusammen arbeiten.

Dipl.-Ing. Johann Huber, Präsident des Amtes für Ländliche Entwicklung Schwaben Ist die Zersiedelung der Landschaft in Schwaben ein Problem? Mittel- und Nordschwaben kennzeichnen sich durch geschlossene Dörfer, während sich im Allgäu eine ausgeprägte Einzelhofstruktur in der Landschaft zeigt. Die Zersiedelung wird dann zum Problem, wenn sie das Landschaftsbild und die biologische Vielfalt beeinträchtigt. Wie kann das ALE dem entgegen wirken? Mit den Instrumenten Dorferneuerung, Flurneuordnung oder Integrierte Ländliche Entwicklung tragen wir zur Zukunftssicherung des ländlichen Raums bei. Wir fordern allerdings eine aktive Bürgermitwirkung ein. Haben Orte bei der Landflucht eine Chance? Grundsätzlich ja. Wenn es gelingt, vor Ort eine Infrastruktur für alle Generationen zu bieten, die Lebensqualität bewahrt, dann ist ein entscheidender Schritt getan. Barrierefreiheit, Nahverkehr, Förderung von sanierungsbedürftiger Bausubstanz, günstiger Wohnraum, Einkaufsmöglichkeiten und schnelles Internet – der ländliche Raum kann dann

Warum ist Ihre Arbeit so wichtig? Die „Ländliche Entwicklung“ leistet einen Beitrag, die Zukunftsfähigkeit, Lebensqualität und Attraktivität in einer Gemeinde zu steigern und trägt dazu bei, den Abwanderungen in die Ballungsräume entgegen zu steuern. Wie sehen Sie die Ansiedlung von Gewerbegebieten rund um die Ortschaften? Jede Gemeinde hat sparsam mit Grund und Boden umzugehen. Das Ausweisen von Gewerbegebieten auf der „grünen Wiese“ wird unvermeidlich, wenn Um-, Nach- und Wiedernutzungen von innerörtlichen Baulücken und Leerständen ausscheiden. Es gibt viele positive Ansätze für die Umnutzung leerstehender landwirtschaftlicher Bausubstanz. Wie viele Mitarbeiter und welchen Etat hat das ALE Schwaben? Das ALE Schwaben verfügt über 135 Vollzeitarbeitsstellen und investiert in Dorferneuerung und Flurneuordnung jährlich rund 20 Millionen Euro. Diese werden mit etwa 10 Millionen Euro Fördermitteln von Europäischer Union, Bund und Land mitfinanziert. rmi

Landkreis Unterallgäu … für die Verwirklichung Ihrer Ideen – der ideale Wirtschaftsstandort im Allgäu

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Mehr Freiraum zum Leben

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Bei der Umsetzung Ihrer Ideen und Investitionen unterstützen wir Sie gerne tatkräftig. Nähere Informationen zu den Serviceleistungen der regionalen Wirtschaftsförderung finden Sie auf unserem Wirtschaftsportal (www.wirtschaft‐ unterallgaeu.de) oder persönlich beim Landratsamt Unterallgäu in Mindelheim und bei der Unterallgäu Aktiv GmbH.

Landratsamt Unterallgäu Tel. 08261/995‐235 │ wirtschaft@lra.unterallgaeu.de

Unterallgäu Aktiv GmbH Tel. 08247/99890‐12 │ info@unterallgaeu‐aktiv.de


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Kümmerer zwischen allen Stühlen Citymanager sind schnittstelle zwischen politik, verwaltung und wirtschaft

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Fotos: privat (1), Wolfgang Strobl (5)

Acht StadtmarketingGesellschaften im Verband „City- und Stadtmarketing Bayern“ gibt es in Schwaben. Darüber hinaus hat praktisch jede Stadt eine Aktionsoder Werbegemeinschaft, die den Handel vor Ort forcieren will.

Die Lebendigkeit der Innenstädte – das haben sich die Citymanager und Stadtmarketing-Spezialisten auf die Fahnen geschrieben. Sie bilden die Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft, Verwaltung und Handel und sitzen gleichzeitig zwischen allen Stühlen. CIA, CID oder ASS klingen wie Namen aus dem Geheimdienst. Dabei suchen sie die Öffentlichkeit, ganz massiv. Die City Initiative Augsburg, die City Initiative Donauwörth oder die Attraktive Stadt Sonthofen sind drei Beispiele von insgesamt acht Stadtmarketing-Gesellschaften, die unter dem Dach des Verbandes „City- und Stadtmarketing Bayern“ versuchen, ihre Stadt voranzubringen. Dass dies nicht einfach ist, liegt auf der Hand. Oft initiiert aus der Politik und Verwaltung,

sollen die Stadtmarketer dafür sorgen, die Innenstädte zu beleben und deren Plätze zu „bespielen“, Kunden in den Handel zu locken und alles zu tun, dass in der Gastronomie keine leeren Tische stehen – meist mit beschränkten Mitteln. „Oft sind es ganz einfache Dinge, die nichts kosten“, sagt Stefan Weißenhorner, Vorstand der jüngsten Stadtmarketinggruppierung, die sich in Schwaben gebildet hat. Denn auch in Günzburg geht es seit 2014 darum, „gemeinsam Ziele zu erreichen“, so der Slogan der Cityinitiative Günzburg. Mit dem Verein, einer neuen Citymanagerin und einem bescheidenen Startbudget versuchen Wirtschaft und Verwaltung Maßnahmen einzuleiten, die der Kernstadt zugute kommen: Leerstand von Verkaufs- und Gastroflächen ist dabei ein Thema, ebenso wie Parkgebühren und die Anpassung von Öffnungszeiten. „Wenn wir Kaufkraft am Ort halten wollen, müssen wir mehr tun“, sagt Weißenhorner. Darum soll sich nun Daniela Hauf kümmern, auf der seit September große Erwartungen liegen. Sie wird gemessen an den Erfolgen, als Netzwerkerin zwischen OB, Verwaltung, Gastronomen, Einzelhändlern und Immobilienmaklern die Innenstadt voranzubringen – unterschiedlichste Akteure mit unterschiedlichsten Interessen – eine Situation, die auch Heinz Stinglwagner kennt. Der Geschäftsführer der City Intiative Augsburg e. V. ist seit 2008 im Amt und weiß, dass es nicht einfach ist, allen Anforderungen gerecht zu werden. „Es gibt seitens der Kommunen keinen festangesiedelten Bereich, der solche Aufgaben zum Thema hat“, sagt Stinglwag-

 1 Einkaufssonntag in der Augsburger Innenstadt (auch oben)  IA-Geschäftsführer Heinz  2 C Stinglwagner

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 espielen öffentlicher Plätze:  3 B Jazz in der Augsburger Fußgängerzone am Marktsonntag


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ner, „deshalb ist ein Citymanager in erster Linie so etwas wie ein Kümmerer.“ Viele dieser Stellen seien geboren aus Werbegemeinschaften, die von der Kommune unterstützt werden – ein Modell, das vielerorts Usus ist: Finanziert über Mitgliedsbeiträge und einen städtischen Zuschuss. So kommen z. B. in Augsburg von den rund 250 Mitgliedern 120.000 Euro Mitgliedsbeiträge zusammen. Weitere 160.000 Euro kommen aus dem Wirtschaftsreferat der Stadt, um über die CIA ihrer Aufgabe gerecht zu werden, die Attraktivität des „Erlebnisraumes Innenstadt“ zu vergrößern. Weitere Sachleistungen wie kostenlose oder vergünstigte Anzeigen, Plakatstellen, Rundfunk- und TV-Zeiten akquiriert der Geschäftsführer für den Verein – in der Summe rund 450.000 bis 500.000 Euro, mit der die CIA Augsburg übers Jahr im Umland und bei der eigenen Bevölkerung im Gespräch bleiben will. Dabei spielen die „Ankerprojekte“ wie Turamichale-Fest, La Strada, die Marktsonntage oder „Augsburg Open“ eine besondere Rolle – letztere eine bemerkenswerte Veranstaltung, für die die CIA 2008 den begehrten Stadtmarketingpreis des Verbandes erhielt. „Wir fahren

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sehr publikumsträchtige Aktionen“, sagt der CIA-Geschäftsführer „und müssen sehen, dass wir die Umlandbewohner wieder nach Augsburg bekommen, die wir durch das jahrelange Baustellen-Thema verloren haben.“ Doch genau an dieser Stelle wird es in Augsburg schwierig: „Hand in Hand mit den Stadtwerken“ (Eigenpräsentation Website) ist die Stadt an anderer Stelle initiativ geworden: Mit ihrem „Projekt Augsburg City“ steckt das Wirtschaftsreferat seit 2010 Mittel in Kommunikationsmaßnahmen, welche eigentlich nur städtebauliche Maßnahmen wie den „neuen Kö“, die neue Innenstadt und die Mobilitätsdrehscheibe Hauptbahnhof und andere Projekte mehr begleiten sollten. Doch dann entwickelte „Projekt Augsburg City“ eine besondere Eigendynamik: Dessen Team, eine der Stadtregierung nahestehende Werbeagentur, übernahm im Frühjahr auch die Bewerbung der neuen Fußgängerzone. An diese Kampagne mit Namen „Und jetzt kommst du!“ musste sich die CIA mit ihrem ersten Marktsonntag Anfang Mai andocken, um Synergien in der Vermarktung zu nutzen und mehr Frequenz in die Innenstadt

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5 4 Günzburgs Marktplatz ist immer gut frequentiert. 5 Durch die Cityinitiative sollen auch andere Straßenzüge Günzburgs atrraktiver werden.

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Foto: Wolfgang Strobl

zu bringen. Begeistert zeigt sich der Einzelhandelsverband: „Die Kampagne ist eine historische Chance ... auf die neuen Qualitäten Augsburgs hinzuweisen“, so Bezirksgeschäftsführer Wolfgang Puff als Testimonial auf der Website. Sogar die IHK Schwaben – sonst eher zurückhaltend und zur Neutralität verpflichtet – frohlockt dort in Person Marcus Vorwohlts: „Alles ist viel schöner als vorher. Das muss man sich einfach anschauen...“. Dem Vorstandsmitglied der Regionalversammlung Augsburg-Stadt kommt in dieser Gemengelage der Zuständigkeiten eine besondere Rolle zu. Als Vorstand der CIA weiß er sicherlich um die Problematik, dass nun zwei Akteure sich darum bemühen, das Einkaufen in der Stadt attraktiv zu machen. Eigentlich kein Problem – wenn nur das liebe Geld nicht wäre. Mit einer städtischen Anschubfinanzierung von 100.000 Euro startete die Kampagne. Mittlerweile hat die beauftragte Agentur bei fast 120 Händlern und Dienstleistern zwischen 149 und 899 Euro eingesammelt, damit sich diese auf der Website augsburg-city. de einkaufen konnten – Geld, das in der knappen Einzelhandelswelt kleinen Läden sicher an anderer Stelle fehlt. „Am Ende des Tages kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden“, weiß auch Heinz Stinglwagner, der die Wettbewerbssituation ebenfalls deutlich wahrnimmt, weil auch viele CIA-Mitglieder Partner von „Projekt Augsburg City“ sind und zweimal Beiträge bezahlen. „Die Kampagne hatte einen konkreten Anlass. Sie ist zeitlich begrenzt und muss irgendwann erledigt sein“, hofft er – und weist gleichzeitig auf eine weitere Konkurrenz durch die lokalen Medien hin. Mit ihren groß aufgezogenen Kampagnen „Lass den Klick in deiner Stadt“ und „Kauf vor Ort“ verkaufen auch Radio RT.1, a-tv und die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen cross-mediale Medienpakete, für die Händler im Jahr bis zu 9.700 Euro locker machen sollen. Für die großen der Branche kein Problem: Sie tanzen auf allen Hochzeiten – bei der CIA, bei „und jetzt kommst du“, bei „Lass den Klick in deiner Stadt“ und „Kauf vor Ort“. Kleinere dagegen stöhnen. Denn ihnen geht es ein wenig wie den Citymanagern: sie sitzen in ihrem Netzwerk aus Medien, Politik und Wirtschaft allzu oft einmal „zwischen den Stühlen“ und machen, was mit den vorhanden Mitteln eben gemacht werden kann. Und zwar so gut es geht. wos

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Bekommt Augsburg ein Stadtmarketing? In Kempten, Memmingen, Kaufbeuren, Neu-Ulm und den kleineren Städten ist die Sache klar: City-Management-Vereine mit haupt- oder ehrenamtlicher Leitung kümmern sich darum, ihre Stadt als Wirtschafts- und Erlebnisstandort zu fördern und zu vermarkten. Anders in Augsburg. Dort wurde 1998 die City Initiative Augsburg e. V. gegründet, um im Vorfeld und als Gegengewicht der City-Galerie-Ansiedlung die Attraktivität und Lebensqualität in der Augsburger Innenstadt zu fördern. Mit ihrer Eröffnung 2001 wurde auch die City-Galerie Mitglied der CIA. Man hatte das gemeinsame Ziel, kaufkräftiges Publikum in die Stadt zu ziehen. Mit der Kampagne „und jetzt kommst du“ entsteht nun in zunehmendem Maß eine zweite Vermarktungsschiene – eine Entwicklung, die einem klaren, eindeutigen Stadtmarketing mit Bündelung von Budgets und Kompetenz entgegenläuft. Dass die IHK Schwaben pünktlich zum Start der Kampagne „und jetzt kommst du“ ein Positionspapier veröffentlichte, das sich mit der Stadt- und Einzelhandelsentwicklung der Augsburger Innenstadt beschäftigt, sorgt zusätzlich für Verwirrung. Als erstes von sieben Handlungsfeldern macht die IHK die „Entwicklung einer Stadtmarke“ mit Corporate Design aus – ein Punkt, der bei Fachleuten Kopfschütteln auslöst. „Man kann eine 2000 Jahre alte Stadt mit Geschichte von den Römern über Fugger, Brecht, Mozart, Puppenkiste und 1. Fußball-Bundesliga nicht auf einen Begriff reduzieren, der zudem die Innenstadtqualitäten herauskehren soll“, sagt ein Augsburger Marketingstratege, der nahe an der Thematik ist, aber nicht genannt werden will. Dazu seien das Leben und die Vielfalt in der Stadt viel zu groß. „Sich auf einen Punkt zu beschränken hieße, auf eine ganze Klaviatur von Möglichkeiten und Einzelmaßnahmen zu verzichten“, stellt er fest. Gegen ein einziges Logo spricht auch, dass es im Moment zu viele Spieler auf dem Feld gibt, die ähnliche Ziele verfolgen: das Medien- und Kommunikationsamt der Stadt, das Wirtschaftsreferat mit „Projekt Augsburg City/und jetzt kommst du“, die CIA, die Regio Augsburg Tourismus und Regio Augsburg Wirtschaft und die Augsburger Messe. Daher ist es konsequent und logisch, dass zuerst über strukturelle und organisatorische Möglichkeiten einer solchen Zielsetzung nachgedacht werden muss. Städte vergleichbarer Größe wie z. B. Karlsruhe oder Mannheim haben seit vielen Jahren ein Stadtmarketing, das Kultur, Tourismus, Leben, Arbeiten und sogar das Standortmarketing unter einem Dach bündelt. „Damit würden sich vielleicht vollkommen neue Möglichkeiten auftun“, meint Heinz Stinglwagner. Doch Kompetenzen, Budgets und Posten abzugeben und zentral an neuer Stelle zu bündeln, erfordert erst einmal politischen Willen, langen Atem, Durchsetzungs- und Gestaltungskraft. Die Frage ist, ob Augsburg diese Kraft hat.  wos


„Mischpapier“ steht auf dem Abfalleimer unter Werner Knittels Schreibtisch. Und damit gibt der Mülleimer bereits ein klares Statement dazu ab, worum sich die Knittel GmbH in Vöhringen kümmert: um die professionelle Entsorgung und Verwertung von Abfall. Von seinem Schreibtisch im Obergeschoss der Verwaltung aus hat Werner Knittel einen guten Überblick. Die Vorhänge sind zurückgezogen, die Fenster gekippt. „Ich mag es, mitten drin zu sein und unmittelbar mitzubekommen, was auf dem Hof los ist“, sagt der 62-Jährige, der genau so jung und dynamisch ist wie die Firma, die sein Vater in den 1950er-Jahren gegründet hat. Seither hat sich viel verändert: Eine Pflicht für Privathaushalte, ihren Müll über Unternehmen oder die städtische Müllabfuhr zu entsorgen, gab es nicht. „Mein Vater hat damals praktisch nur Asche entsorgt, Abfall fiel kaum an“, erinnert sich der Vöhringer an seine Kindheitszeiten, in denen es weder Verpackungsmaterial noch Discounter gab. „Der große

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Werner Knittel Geschäftsführer der Knittel GmbH Umbruch kam in den 1980er-Jahren“, erinnert sich Werner Knittel. Die ersten Glascontainer wurden aufgestellt, Papier gesammelt – und der Verpackungsmüll nahm zu. „Deswegen sind wir heute in den unterschiedlichsten Bereichen hoch spezialisiert“, sagt er. Als Dienstleister der Kommunen in den Landkreisen Neu-Ulm und Biberach sammelt die Knittel GmbH Haus- und Biomüll, Sperrmüll und Altpapier bei rund 300.000 Haushalten, führt Problemmüll-Sammlungen durch und saniert Kanalsysteme und Abwasserleitungen. Als Partner der Industrie ist das Unternehmen bis in den Großraum München hinein unterwegs, wo täglich zwei Lkw-Züge mit rund 40.000 Kilogramm Speiseabfällen und verpackten Lebensmittel aus

dem Handel gesammelt werden. Diese werden in die Vergärungsanlage nach Erkheim gefahren. „Unser kleiner Beitrag zur Energiewende“, wie Werner Knittel sagt, da dort neben Kompost und Flüssigdünger vor allem Strom produziert und ins Netz eingespeist wird. Rund 130 Mitarbeiter und 50 Fahrzeuge sind an den drei Unternehmensstandorten in Vöhringen, Erkheim und Achstetten im Einsatz – Mitarbeiter, von denen er jeden Einzelnen und oft auch dessen Familie kennt. „Die persönliche Bindung spielt bei uns eine große Rolle, weil oft kurzfristig noch etwas erledigt werden muss“, sagt Werner Knittel, „dann ist es gut, wenn auch die Familie unseres Fahrers weiß, wie unser Geschäft funktioniert“. Apropos Familie: Privates oder familiäres ist auf dem Schreibtisch in Werner Knittels Büro nicht zu finden. Dafür ist ihm die Familie jedoch nah: Im Vorzimmer hält Kristine Knittel ihrem Mann den Rücken frei – und nach dem Studium wird in dritter Generation auch Sohn Andreas ins Unternehmen kommen.  wos

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Foto: Peter Buchner

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„Green Factory Allgäu“ erhält LEW-Innovationspreis LEW-Innovationspreis Klima und Energie 2015: Auszeichnungen für Unternehmen aus Ungerhausen, Ustersbach und Füssen

Der Hersteller von Energie- und Klimasystemen Alois Müller Produktions GmbH aus Ungerhausen (1. Preis), die Brauerei Ustersbach (2. Preis), das Biohotel Eggensberger in Füssen (3. Preis) sowie die Gemeinde Fuchstal (kommunaler Sonderpreis) sind die Preisträger des LEW Innovationspreises Klima und Energie 2015. Der mit insgesamt 50.000 Euro dotierte Preis prämiert Ideen und Maßnahmen, die beispielgebend sind für Klimaschutz und effiziente Energienutzung. Eine hochrangig besetzte Fachjury hatte aus 50 Bewerbungen die vier ausgezeichneten Energiekonzepte ausgewählt.

„Die Zukunft ist schwäbisch“

Fotos: Christina Bleier/LEW, IHK/HWK

Kammern schnüren das „Schwabenpaket 2020“ Bayerisch-Schwaben hat sich in den letzten Jahren als ein erstklassiger Wirtschaftsstandort mit einer steilen Entwicklung nach oben etabliert. Trotz der überwiegend ländlichen Struktur konnte durch starke Produktionseinheiten eine hohe Wettbewerbsfähigkeit erzielt werden. Um weiterhin auf diesem hohen Niveau zu bleiben, haben die Industrie- und Handelskammer Schwaben (IHK) und die Handwerkskammer (HWK) das Schwabenpaket 2020 geschnürt, das sie beim 13. Forum Zukunft Schwaben vorgestellt haben. In sechs Handlungsfeldern wurden Strategien und Projekte definiert.

„Die ausgezeichneten Projekte setzen Maßstäbe. Sie zeigen, wie Unternehmen und Kommunen unserer Region entscheidende Beiträge zum Umbau unseres Energiesystems leisten, die ökologisch wertvoll sind, sich rechnen und gut auf andere übertragbar sind. Sie haben damit eine echte Vorbildfunktion“, sagte LEW- Vorstandsmitglied Norbert Schürmann bei der Verleihung, „der schwäbische Erfindergeist ist die beste Voraussetzung dafür, dass Bayerisch-Schwaben und das Allgäu der Kompetenzstandort für Zukunftsenergien werden.“ Die Verleihung des 3. LEW-Innovationspreises Klima und Energie fand dieses Jahr erstmals im Rahmen der Energiefachmesse RENEXPO in Augsburg statt. Zum ersten Mal ausgelobt wurde die Auszeichnung 2011, anlässlich des 110-jährigen Jubiläums der Lechwerke.

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Beide Kammern diskutierten für die Region wichtige Themen mit der Bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. „Mit dem Schwabenpaket 2020 sind wir auf dem richtigen Weg,“ stellte die Ministerin fest und betonte charmant: „Die Zukunft ist schwäbisch.“ Vor rund 270 Gästen erklärte Hans-Peter Rauch, der Präsident der HWK Schwaben: „Wir brauchen dieses abgestimmte, regionalpolitische Paket, um unseren hohen Standard auch weiterhin zu erhalten.“ Dr. Andreas Kopton, der Präsident der IHK nannte es vordringlich, „gemeinsam mit der Politik die richtigen Weichenstellungen für eine erfolgreiche Zukunft vorzunehmen.“

Die Jury des Innovationspreises bestand aus den Präsidenten von Universität und Hochschule Augsburg, der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer Schwaben, dem Geschäftsführer der Mediengruppe Pressedruck, dem Regierungspräsidenten von Schwaben sowie dem Vorsitzenden des Bezirksverbands Schwaben im Bayerischen Gemeindetag und den Vorstandsmitgliedern der Lechwerke. Wesentliche Kriterien bei der Bewertung der Projekte waren ihr Innovationsgrad sowie ihr Beitrag, den sie für Klimaschutz und Energieeffizienz leisten. Bei

Handlungsfeld 1: Verkehrsinfrastruktur

Es ist erforderlich, die Bahnverbindung zwischen Ulm und Augsburg rasch auszubauen. Ebenso machen die Kammern Aus- und Neubaumaßnahmen bei Ortsumgehungen und im Fernstraßensystem, eine Stärkung des Allgäu Airports sowie eine schnelle Realisierung von Güterverkehrszentren als Handlungsfelder aus.

Handlungsfeld 2: Energieversorgung

Für einen starken Standort wie Schwaben ist eine sichere, verlässliche und bezahlbare Energieversorgung unverzichtbar. Damit die Energiewende zum Erfolg wird, müssten bei Akzeptanz der Bevölkerung neue Stromtrassen zur Sicherung der Grundlast und der Kompensation des Wegfalls der Kernenergie angelegt werden. 2


N a men und Neui gkei t en

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für Wärmeeinspeisung und Wärmeentnahme eingespeist. Die Wärmevorleistung des Schichtenspeichers verringert das zu überwindende Temperaturniveau bei Heiz- und Kühlprozessen. Das Konzept der „Niedertemperaturbrauerei“ sichert die optimale Einbindung der Eigenerzeugung von Strom und Wärme und setzt damit neue StanDie Preisträger des LEW-Innovationspreis Klima und Energie 2015 im Einzelnen:
 dards für Energieeffizienz. 1. Preis (25.000 Euro): Alois Müller Produktions GmbH aus Ungerhausen im Land3. Preis (5.000 Euro): Biohotel Eggensberkreis Unterallgäu für das Projekt „Green ger in Füssen (Hopfen am See) im Landkreis Ostallgäu für das Projekt „Klimaneutraler Factory Allgäu“.
 Das Projekt: Sonnenenergie und Umweltwärme ermöglichen eine 4-Sterne-Komfort“.
 Das Projekt: Durch nahezu energieautarke Produktion: Enerkonsequente energetische Optimierung gieerzeugung, Gebäudetechnik und Prodes Hotelbetriebs und eine ganz Reihe von duktion sind im gesamten Unternehmen Maßnahmen sowie zusätzliche Investitiodirekt miteinander vernetzt. Wetterprognonen in Klimaschutzprojekte arbeitet das Biosen werden bei der Produktionsplanung mit hotel Eggensberger klimaneutral. Unter anberücksichtigt. Bei Stromüberschuss starten derem werden Lebensmittelreste zu Biogas für ein Blockheizkraftwerk und die hoteleiautomatisch energieintensive Prozesse und gene Gastankstelle. Eine speichergestützte produzieren auf Vorrat. Wärme bzw. Kälte Photovoltaikanlage sichert den Einsatz von speichert zudem ein 600 m3 großer Betonspeicher unter der Fertigungshalle. Das Unmöglichst viel selbst erzeugtem Strom. Der ternehmen spart so jährlich 770.000 kWh hoteleigene Elektro-Fuhrpark mit E-Autos, Strom und 350 Tonnen CO2 ein. E-Bikes und E-Rasenmäher fährt zu 100 Prozent mit Eigenstrom. Der Hotelbetrieb 2. Preis (15.000 Euro): Brauerei Ustersbach konnte seinen CO2-Ausstoß um 160 Tonnen senken und seine Energiekosten um aus Ustersbach im Landkreis Augsburg mehr als die Hälfte reduzieren. für das Projekt „Niedertemperaturbrauerei“.
Das Projekt: Mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW) erzeugt die Brauerei eiDie Jury hat zusätzlich einen kommunalen nen wesentlichen Anteil des Strombedarfs Sonderpreis über 5.000 Euro vergeben. selbst. Abwärme des BHKW sowie der ProSie würdigt damit besonders die Gemeinduktion wird in einen zentralen Schichtenschaftsleistung von Bürgern, Unternehmen speicher mit verschiedenen Anzapfungen und Verwaltung auf kommunaler Ebene.

Sonderpreis (5.000 Euro): Gemeinde Fuchstal im Landkreis Landsberg am Lech für das Projekt „Fuchstal CO2-neutral in die Zukunft“.
Das Projekt: Fuchstal setzt konsequent auf Nachhaltigkeit: Alle öffentlichen Gebäude wurden energetisch saniert und auf den Dächern Photovoltaik-Anlagen installiert. Das Neubaugebiet beleuchten Solar-Lampen ohne Netzanschluss. Alle Dächer sind nach Süden ausgerichtet. Ein Nahwärmenetz bringt die Abwärme einer privaten Biogas-Anlage zu öffentlichen Einrichtungen und Privathaushalten. Vier Bürgerwindanlagen mit kommunaler Beteiligung sind in Planung und das Elektro-Dienstfahrzeug für Bürgermeister und Verwaltung fährt mit Gemeinde-Strom. Fuchstal versorgt sich rechnerisch zu 100 Prozent mit Strom und Wärme aus vor Ort erzeugter regenerativer Energie.

sollen neue Zielgruppen für den Arbeitsmarkt erschlossen werden. Insbesondere der Integration von Menschen mit Asylhintergrund in den Arbeitsmarkt wird ein besonderes Augenmerk gewidmet.

Vertriebsnetz für Forschungs- und Innovationsleistungen aufgebaut werden. Ebenso ist daran gedacht, die Beratungsleistungen der Hochschulen, Kammern und der regionalen Wirtschaftsfördereinrichtungen zu bündeln.

der Auswahl der besten Ideen für mehr Klimaschutz und Energieeffizienz wurde zudem bewertet, ob sie sich auch wirtschaftlich rechnen und wie gut sie sich auf andere Unternehmen, beziehungsweise Kommunen übertragen lassen.

Handlungsfeld 4: Digitalisierung

2 Auch eine verbesserte Aufklärung zu Energieeffizienz und Eigenenergieversorgung ist dringend erforderlich. Dadurch können umfangreiche Einsparungen erzielt und Optimierungen im Verbrauch realisiert werden.

Handlungsfeld 3: Bildung

Fachkräfteengpässe und der demografische Wandel erfordern eine starke Fokussierung auf den Sektor Bildung. Die beiden Kammern halten das Modell des dualen Ausbildungssystems sehr hoch. und zeigen mit Kampagnen und Veranstaltungen die große Attraktivität der beruflichen Bildung auf. Gleichzeitig

Die Digitalisierung wird in der Zukunft zu einem entscheidenden Thema für die Wirtschaft und zu gravierenden Umwälzungen führen. Dazu muss die Region gerüstet sein. So beteiligen sich die Kammern an der Digitalisierungskampagne Bayern und treiben diese mit Hochdruck in Schwaben voran. Dabei geht es um die Förderung bestehender innovativer Ansätze, den Ausbau eines flächendeckenden Breitbandnetzes und auch die Bildung eines Hochschulnetzwerkes.

Handlungsfeld 5: Forschung und Innovation

Der Zugang zu modernen Technologien ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. So wird dem Ausbau der wissenschaftlichen Infrastruktur hohe Priorität eingeräumt. In Form eines Kompetenzatlas soll ein

Detaillierte Informationen zum LEW-Innovationspreis Klima und Energie, den Preisträgern und Top-Projekten aller drei bisherigen Wettbewerbsrunden hat die LEW auf ihrer Website www.lew.de/innovationspreis veröffentlicht. Dort gibt es auch Videos über die diesjährigen Top-Projekte, in denen die Macher von ihren Konzepten berichten. Über die Website ist zudem das Magazin „Neue Wege in die Energiezukunft“ erhältlich, das die Lechwerke anlässlich des diesjährigen Wettbewerbs herausgegeben haben. Darin ist eine Auswahl der besten Projekte aller drei Wettbepme werbsrunden enthalten. 

Handlungsfeld 6: Regionale Strukturpolitik und überregionale Zusammenarbeit

Aufgrund seiner optimalen Lage an der „Technologieachse Süd“ verfügt Schwaben über enorme Potenziale, grenzüberschreitend mit anderen Wirtschaftsräumen zusammenzuwirken. Daher müssen der Infrastrukturausbau entlang der Achse beschleunigt und die Politik für grenzüberschreitende Standortgemeinschaften sensibilisiert werden. Der EMM (Europäische Metropolregion München) und dem Schwabenbund kommen dabei besondere Funktionen zu. Auch ist es wichtig, Rahmenbedingungen für eine optimierte Zusammenarbeit mit Baden-Württemberg zu schaffen. Ein weiterer bedeutender Aspekt ist die Regionalförderung, die sich verstärkt an regionalen Entwicklungskonzepten orientieren soll.  pme 


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Wirtschaft

Im Forschungsprojekt ePlanB startet nun das intelligente Lademanagement Übergabe der 14 Elektroautos an Pendler der zweiten Feldtestphase am Bahnhof Buchloe Das Forschungsprojekt ePlanB erreicht einen weiteren Meilenstein: Mit der Übergabe der Elektroautos an 14 neue Projektteilnehmer startet jetzt das intelligente Lademanagement. Mithilfe der Ladesteuerung sollen die Fahrzeuge dann geladen werden, wenn viel Energie aus Photovoltaikanlagen eingespeist wird.

Fotos: Wolfgang Strobl

Spannung, Vorfreude und auch ein wenig Nervosität bei den 14 neuen Projektteilnehmer waren spürbar. Die meisten hatten bisher noch keine Erfahrung mit Elektro-Fahrzeugen – nun kamen sie am Bahnhof Buchloe zum ersten Mal mit den Fahrzeugen in Berührung, die sie nun ein halbes Jahr fahren werden. Die Pendler der zweiten Feldtestphase müssen bei ihrer Ankunft täglich am Bahnhof Buchloe über ein Online-Portal oder über ein zentrales Eingabeterminal Daten zum Ladezustand der Batterie und dem geplanten Abfahrtszeitpunkt eingeben. Damit nähert sich das auf drei Jahre angelegte Forschungsvorhaben ePlanB auch seinem Hauptziel: ein intelligentes Lademanagement zu entwickeln, das die Batterien von geparkten Elektroautos dann auflädt, wenn viel Strom aus heimischen erneuerbaren Energiequellen eingespeist wird. Dadurch können Netzinfrastrukturen effizienter genutzt werden. Zugleich sollen Pendler stärker für das Thema Elektromobilität sensibilisiert werden. In der ersten Phase des Feldtests – von März bis September 2015 – wurden Erfahrungen mit der Elektromobilität im Pendelverkehr und Referenzdaten gesammelt. Dafür wurde am Park&Ride-Platz am Bahnhof Buchloe eine Ladeinfrastruktur aus acht Ladesäulen mit 16 Ladepunkten errichtet. 14 Pendler aus der Region erhielten Elektroautos. In den vergangenen sechs Monaten wurden die E-Autos noch

ungesteuert geladen. Das heißt, das Laden begann sofort, sobald die Fahrzeuge an die Ladesäule gesteckt wurden. „In dieser Phase haben wir Daten zum Fahr- und Ladeverhalten aufgezeichnet, etwa wann und wie viel an jeder Ladesäule geladen wird“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Mauch von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE). Die Referenzdaten bestätigen, dass beim ungesteuerten Laden die größte Strommenge morgens um sechs Uhr bezogen wird. Die Erzeugungsspitze der PV-Anlagen beginnt jedoch meist erst mittags – wenn die Batterien der Fahrzeuge schon wieder fast ganz geladen sind. Diese Abweichung macht deutlich, dass ein dynamisches Laden notwendig ist. „Mithilfe dieser Referenzdaten haben wir nun eine Steuerung für das intelligente Lademanagement entwickelt, die ein

Jeden Tag 142 Kilometer als Pendler unterwegs Michael Jäger aus Balzheim (Alb-Donau-Kreis) pendelt jeden Tag 71 Kilometer aus der Nähe von Illertissen nach Buchloe, um per Bahn zu seinem Arbeitsplatz in München zu gelangen. „Am meisten bin ich gespannt auf das Fahrgefühl“, freut er sich darauf, über die A7 und A96 «zwar etwas langsamer, dafür fast geräuschlos“ zu seinem Umstiegspunkt in Buchloe zu gelangen. Vollgas will er anfangs nicht geben. „Der Renault ZOE hat zwar theoretisch 210 Kilometer Reichweite. Jetzt im Herbst und im Winter bin ich neugierig, wie weit die Stromladung tatsächlich reicht“, sagt er. Wie die anderen Projektteilnehmer hat er sich bei der LEW beworben und ist in der jetzigen Phase des Feldtests der Teilnehmer, der die längste Pendelstrecke zurückelgt.

1 flexibles Laden ermöglicht und es in Zeiten verschiebt, in denen die Einspeisung durch PV-Anlagen am höchsten ist.“ Dazu müssen die Projektteilnehmer entweder über ein Online- Portal oder direkt vor Ort an einem zentralen Eingabeterminal Daten zum aktuellen Batterieladezustand und der geplanten Parkdauer eingeben. Eine Befragung der Projektteilnehmer aus der ersten Feldtestphase lieferte zudem wichtige Informationen zum Nutzungsverhalten der Pendler. Die Gesamtfahrleistung der Elektroautos lag in den ersten sechs Monaten bei durchschnittlich 7.194 Kilometern. Die tägliche Fahrleistung betrug zwischen 25 und 100 Kilometer – im Durchschnitt fuhren die Projektteilnehmer täglich rund 35 Kilometer elektrisch. Außerdem wurden die Pendler zur Zufriedenheit mit der Betreuung im Projekt und mit dem E-Fahrzeug selbst befragt. Das Ergebnis war durchweg positiv: Große Begeisterung gab es zum Fahrerlebnis mit einem Elektroauto. Auch der Fahrkomfort und das Laden des Fahrzeuges erzielten im Schnitt gute Bewertungen. Die meisten Pendler wünschten sich allerdings eine größere Reichweite der Elektroautos – diese liegt bei den eingesetzten E- Autos zwischen 140 und 210 Kilometern.  pme/wos

 1 Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Mauch von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE), Eckart Wruck, Leiter Marketing und Kommunikation bei LEW, Maria Rita Zinnecker, Landrätin Landkreis Ostallgäu, und Josef Schweinberger, Bürgermeister von Buchloe, bei der Fahrzeugübergabe (v. l. n. r.).


K u lt ur

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Von schwarzen Schafen und frommen Lämmern Beginn der neuen Sonderausstellung im Heimathaus am 1. Dezember

Es wird ein abwechslungsreicher Bogen gespannt – von den Schäflein der Weihnachtskrippe bis zur Entwicklung und Verbreitung der Schafhal-

Voll abgefahren! In der neuen Sonderausstellung im Kindermuseum des Edwin Scharff Museum dreht sich alles um „Bewegung“ Voll abgefahren! - Das ist die Devise im Kindermuseum des Edwin Scharff Museums am Neu-Ulmer Petrusplatz. Die neue Ausstellung geht allem auf den Grund, was sich zwischen Himmel und Erde bewegt. Im Museum dreht sich dann nämlich ein Jahr lang alles um Bewegung: Forscher und Tüftler sind gefragt. Dauernd sind wir unterwegs, wollen hierhin, dorthin, schnell soll es gehen, weit wollen wir kommen, wir laufen, fahren, schwimmen, fliegen. Aber wie genau funktioniert das eigentlich mit der Mobilität? „Voll abgefahren“ sind nicht nur die Fragen, die sich rund ums Bewegen drehen, ebenso lautet auch der Titel der aus dem Grazer Kindermuseum FRida & freD kommenden interaktiven Ausstellung. Auf über 400 Quadratmetern an 50 interaktiven Stationen können die Entdecker alles über Gehen, Fahren und Fliegen erfahren. Auf der Schiene, im Wasser, in der Luft, auf Rädern, im Weltall oder auch zu Fuß. Voll abgefahren! - im Kindermuseum des Edwin Scharff Museum Petrusplatz 4, 89231 Neu-Ulm, www.edwinscharffmuseum.de bis 11. September 2016, Dienstag und Mittwoch 13 - 17 Donnerstag - Samstag 13 - 18, und Sonntag 10 - 18 Uhr

tung in Schwaben mit Fokus auf dem Oberallgäu; besonders in Notzeiten war die Wollverarbeitung im bäuerlichen Haushalt üblich – dicke Wollstrümpfe und kratzige Unterhosen wärmten unsere Vorfahren. Ausführlich werden auch religiöses Brauchtum und Glaube, wie die Verehrung des Heiligen Wendelin oder das biblische Motiv des Guten Hirten behandelt. Und was ist dran am idyllischen Schäferleben? Ein Blick auf den gegenwärtigen Stellenwert der Schafhaltung rundet die Darstellung ab. Mitmachstationen laden junge und ältere Besucher ein, selbst aktiv zu werden, indem sie zum Beispiel unterschiedliche Wollsorten ertasten oder ihr Geschick an einem steinzeitlichen Webstuhl ausprobieren. Ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit Stricken, Spinnen und Filzen ist in Planung. pme

Auf ins Schwäbische Krippenparadies Adventliche Veranstaltungen, Weihnachtsmärkte, Krippenschauen

Die neue Krippenbroschüre

2015/16

ist jetzt erhältlich!

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Fotos: Edwin Scharff Museum, Fotohaus Heimhuber (2)

Käse, Wolle, Salbe und vieles mehr – Schafe gehören zu den ältesten Nutztieren des Menschen. Vom 1. Dezember 2015 bis 3. April 2016 dreht sich im Heimathaus Sonthofen (Sonnenstraße 1) alles um dieses freundliche Weidetier. Noch 1873 gab es im Allgäu rund 33.000 Schafe, gegen 1900 sank die Zahl der hier gehaltenen Schafe jedoch. In der Zeit der beiden Weltkriege erlebte die Schafhaltung aufgrund von Autarkiebestrebungen und Lebensmittelknappheit nochmals einen kurzzeitigen Aufschwung. Die Ausstellung „wohl WOLL – vom Schaf zur Socke“ spürt der vielfältigen Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Haustier Schaf als Nahrungs- und Rohstofflieferant nach.


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„Man muss nur machen!“ Angela herrmannsdörfer engagiert sich für flüchtlinge

Angela Herrmannsdörfer ist verheiratet und hat fünf Kinder – drei leibliche und zwei Adoptivkinder, engagiert sich im Verein HaitiKinderhilfe, der 1993 von Adoptiveltern haitianischer Kinder gegründet wurde und setzt sich dafür ein, die Not der Kinder in Haiti zu lindern. Schon vor dem schrecklichen Erdbeben war die Armut in Haiti groß, nach der Katastrophe vom 12. Januar 2010 ist die Not im Land unbeschreiblich, wie sie sagt. Doch wer meint, mit diesem Engagement hätte Angela Herrmannsdörfer genug zu tun, täuscht sich. Sie setzt sich auch für Flüchtlinge ein, die es derzeit in ihre Heimatstadt Mindelheim spült. Als 2012 in der Stadt eine Flüchtlingsunterkunft entstand, läutete eines Tages das Telefon. Ein Herr vom Jugendamt war am Apparat, mit dem sie aufgrund der beiden Adoptivkinder immer wieder mal zu tun hatte. Diesmal kam er mit einer Bitte auf Angela Herrmannsdörfer zu. Man hätte da eine hochschwangere Mutter aus Afghanistan, mit Zwillingen. Die Frau hatte sich irgendwie durchgeschlagen, ihr Mann sitzt in Griechenland fest. Jetzt müsse die Frau ins Krankenhaus – aber wohin mit den Zwillingen? Für die Herrmannsdörfers war das keine Frage, sie nahmen die Zwillinge auf. Und seit diesem Zeitpunkt engagiert sich Angela Herrmannsdörfer ehrenamtlich für die Flüchtlinge in Mindelheim. Immer mal wieder hat die fünfköpfige Familie

jetzt kleine Übernachtungsgäste zuhause – manchmal nur kurz – manchmal auch etwas länger. „Die Kinder haben alle ganz schlimme Geschichten erlebt“, sagt Angela Herrmannsdörfer. Manchmal gibt es dann beim Abschied auch die eine oder andere Träne – aber letztendlich wollen doch alle zu ihrer „Mutti“ zurück. „Ich mache das aus voller Überzeugung, es bereichert mein Leben“, „betont sie mit einem Lächeln. Apropos Lächeln, an Weihnachten gibt es auch in der Flüchtlingsunterkunft in Mindelheim eine Weihnachtsfeier mit Nikolaus und Tannenbaum. „Der Weihnachtsbaum ist nicht unbedingt so geschmückt wie bei uns“, erklärt die Ehrenamtlerin. Da kann schon mal eine Faschingsgirlande als Christbaumschmuck dienen. Egal, die Helfer in der Flüchtlingsunterkunft wollen ein Fest mit den Flüchtlingen machen und nicht für die Flüchtlinge. Den Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afrika gefällt es sehr gut. Sie freuen sich und genießen die glücklichen Stunden. Und so können auch kleinere oder größere Freundschaften entstehen. Mit manchen Familien sind die Herrmannsdörfers immer noch in Kontakt, auch wenn diese die Flüchtlingsunterkunft in Mindelheim schon lange wieder verlassen haben – „Whats App“ macht es möglich. „Ich würde von niemandem verlangen, er solle sich für Flüchtlinge engagieren, Toleranz und Respekt aber sollten alle haben“, meint Angela Herrmannsdörfer. Seit einem halben Jahr arbeitet sie nicht mehr nur ehrenamtlich, sondern gibt zusätzlich beim Kolping-Bildungswerk Deutschkurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im Allgemeinen seien die Menschen, die nach Mindelheim kommen, total interessiert und auch Angela Herrmannsdörfer hat in den vergangenen Jahren dazu gelernt. „Nur der Haushalt bleibt ein bisschen auf der Strecke“ Aber das könne sie gut verkraften. pif

Foto: Stefan Mayr

„Man muss nur machen“, sagt Angela Herrmanndörfer aus Dirlewang – und meint damit ihre Projekte, die dem guten Zweck dienen. Was in Wikipedia etwas sperrig unter dem Stichwort „Soziales Engagement“ zu lesen ist, bekommt mit der sympathischen Unterallgäuerin ein Gesicht. „Soziales Engagement ist ein unterschiedlich motiviertes soziales Handeln, das meist auf den Prinzipien der Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit beruht. Das bedeutet, man investiert Zeit und/oder Geld in ein Projekt, das einem guten Zweck dient (Wohltätigkeit)“.


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Porträt

Einsamer Perfektionist Ralf wengenmayr komponierte für den „schuh des manitu“ Lust auf Gummibären? Da fällt einem unwillkürlich das Gesicht von Thomas Gottschalk ein. Nach gut 24 Jahren hat der nun die Gummibärchen an den vielzitierten Nagel gehängt. Seit 2015 gibt es einen neuen Werbespot mit neuem Gesicht: Michael „Bully“ Herbig. Und hier kommt die Fuggerstadt ins Spiel, genauer gesagt der Komponist Ralf Wengenmayr. Der gebürtige Augsburger arbeitet schon lange mit Michael „Bully“ Herbig zusammen. Aber der Reihe nach: Ralf Wengenmayr wurde 1965 in Augsburg geboren, nahm 1981 ein Musikstudium an der Universität Augsburg in den Bereichen Klavier und Komposition auf. Im Anschluss war er von 1984 bis 1994 als Solo- und Barpianist tätig. Seine Liebe zur Filmmusik rührt aus der Schlussszene von Spielbergs „E. T.“. „Ich war damals begeistert, wie man Menschen durch Filmmusik zum Lachen oder Weinen bringen kann“, erzählt Wengenmayr. Am 9. November 1989 wäre es dann beinahe soweit gewesen: Wengenmayr gewann bei einer Ausschreibung zum Deutschen Filmmusikwettbewerb seinen ersten Preis. Die feierliche Verleihung fand in Berlin statt. Doch plötzlich wurde die Veranstaltung unterbrochen – die Mauer ist gefallen. „Alle rannten wie wild los – neben mir liefen Helmut Kohl und Willy Brandt“, erzählt der sympathische Augsburger. Ein historisches Datum also – für die Welt und für Wengenmayr. „Ich dachte, ich bin nun Deutschlands bester Filmmusikkomponist“. Doch bis zu seinem ersten Auftrag dauerte es noch weitere fünf Jahre. „Ich schlug mich als Barpianist durch“. Zuletzt spielte er in München bei „Käfer“. „Da bot mir dann ein Gast 50 Mark, damit ich mit dem Klavierspielen aufhöre“, erinnert er sich schmunzelnd. Zu seinen ersten filmischen Arbeiten gehörten „Der Raub der Mitternachtssonne“ für die Augsburger Puppenkiste und die Titelmelo-

die zu „Alle meine Töchter“. Der Film „Unter Druck“ wurde dann für den gebürtigen Augsburger Programm. „Als Filmkomponist bist du nämlich immer unter Druck“. Zum Film mit dem gleichnamigen Titel musste er in zwei bis drei Wochen 70 Minuten Filmmusik komponieren. „Das war richtig Stress“, erinnert er sich. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Herbig kam dann 1999 über eine Agentur zustande, die dringend einen Filmkomponisten „mit Faible für orchestrale Filmmusik“ suchte. In Augsburg wurde sie fündig. „Es macht bis heute viel Spaß, mit Michael Herbig zu arbeiten“, sagt Wengenmayr über die angenehme und sehr produktive Zusammenarbeit. So entstanden die Kinofilme mit den dazugehörigen Filmmusiken „Erkan & Stefan“, „Der Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff Surprise“, „Lissi und der wilde Kaiser“, „Wickie“ und „Hotel Lux“, die die Zuschauer scharenweise in die Kinos lockte. Dennoch ist Wengenmayr nicht immer ganz zufrieden mit seinen Kompositionen. „ Ich bin froh, dass es einen Abgabetermin gibt“, sonst würde er sicherlich nie fertig werden, denn „Filmmusikkomponisten sind einfach Perfektionisten. Einsame Perfektionisten. Denn mit den Stars hat man relativ wenig zu tun. Man trifft sich zu Beginn der Arbeit, alles Weitere läuft dann über Skype. Wengenmayr wäre froh, wenn er seine Arbeit mehr bündeln könnte, Freizeit muss er sich bewusst nehmen. Ennio Morricone, der die grandiosen Filmmusiken unter anderem für „Zwei glorreiche Halunken“ und zum Western-Epos „Spiel mir das Lied vom Tod“ schrieb, hatte einen festen Plan: 5 Uhr aufstehen, ausgiebig frühstücken, dann von 7 bis 11 Uhr arbeiten. „Davon bin ich weit entfernt“, schmunzelt er. 2012 erhielt  Ralf Wengenmayr den Deutschen Musikautorenpreis. Seine jüngsten Projekte waren „Love Rosie“ (2014) und „Gespensterjäger“ mit Anke Engelke.  pif


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Foto: Stefan Mayr

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Porträt

„Suche meinen Standpunkt“ wolfram grzabka will in keine schublade gesteckt werden Es ist schwierig ihn einzuordnen. Ist er Kommunikationsmensch, Fotograf, Künstler, Bücherfreund, Kunstförderer? Oder liebt er einfach nur die schönen Seiten des Lebens, zu der Kunst, Musik, Literatur und gute Gespräche mit anderen Menschen gehören? Wolfram Grzabka will in keine Schublade gesteckt werden, er bezeichnet sich selbst als Gestalter. Sein kreatives Zentrum ist ein Altstadthäuschen neben der Stadtmauer in Friedberg, wo er mit seiner Frau Gabriela Palm lebt und eine Werbeagentur betreibt. Den Schritt in die Selbständigkeit machte er 1990. Zuvor hat der gebürtige Gladbecker nach sozialem Jahr und kaufmännischer Ausbildung ein Redaktionsvolontariat in Starnberg absolviert, war dort Redaktionsleiter, dann Pressereferent beim Stadtjugendring Augsburg und Leiter der Jugendinformationsstelle tip. Zum 25jährigen Bestehen seiner Agentur schenkt Wolfram Grzabka der Stadt Friedberg einen öffentlichen Bücherschrank. Er wird auf einer Mauer vor der Kirche St. Jakob im Zentrum aufgestellt. Jeder kann dort Bücher hineingeben und herausnehmen. Die Idee entstand bei einem Stammtisch der Internetplattform Xing. Die Gäste stellten sich gegenseitig die Frage, was man mit gelesenen Büchern machen könnte. Wolfram Grzabka, der in diesem Jahr 60 wird, gehört einer Generation an, die dem Twittern, Facebook-Teilen und Selfie-Machen eher kritisch gegenüber steht – sieht aber auch die Vorteile. Seinen Kunden hilft er dabei, die Netzwerke optimal zu nutzen. Er selbst sucht im Netz konstruktive Dialoge und moderiert verschiedene von ihm gegründete Gruppen wie „Wittelsbacher Land“, „Literaturfreunde Friedberg“ oder „Werbung & Medien“, eine der größten Xing-Gruppen mit 8.000 Mitgliedern. „Das ist alles sehr inspirierend, aber ich möchte auch den persönlichen Kontakt zu den

Menschen, deshalb gibt es einen monatlichen Stammtisch hier vor Ort“, erklärt Wolfram Grzabka. Im Netz präsentiert er sich als Agentur und als Künstler. In den 1990er Jahren hat er mit Malen, Zeichnen und Bildhauern begonnen, seinen Ausdrucksstil zu suchen. „Ich suche weiterhin meinen Standpunkt, es wäre schlecht, wenn ich ihn finden würde“, philosophiert er. Seit der ersten Ausstellung 1994 sind mehrere Werksserien entstanden, die es dem Betrachter nicht einfach machen. Besonders die Arbeiten der Reihe „Kunst trägt“ sind zeitkritisch, hinterfragen und wollen hinterfragt werden, was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass Wolfram Grzabka von Joseph Beuys, seiner Kunst und Lebensweise begeistert ist. Ebenso faszinieren ihn die Werke von Beuys‘ Schülern. Auch auf seine eigenen Werke muss man sich einlassen. Aber wie geht man mit den Objekten „Lautspeicher“, „Zehn Fragen an das Volk“ oder „Gabentisch“ um? Es ist Kunst mit Gebrauchsanweisung, denn Wolfram Grzabka stellt den Arbeiten eine Tafel an die Seite, die dem Betrachter sagt, was er machen soll. In die drei Mülltonnen des Lautspeichers kann man hineinrufen, -sprechen, -singen oder -schreien, kann seinen Sprachmüll entsorgen. Alles wird für den Bruchteil einer Sekunde gespeichert, dann gelöscht. Auf diese Weise hinterfragt der Künstler die Kommunikation der heutigen Zeit. Ohne diese kommt auch die Kunst nicht aus, sie muss kommuniziert und präsentiert werden. Auf seiner Facebook-Seite informiert Wolfram Grzabka deshalb über aktuelle Ausstellungen bedeutender Künstler. Zusammen mit seiner Ehefrau ist er viermal im Jahr unterwegs, um Museen und Ausstellungen zu besuchen. Bleibt noch Freizeit, dann geht er in den Schrebergarten am Friedberger Baggersee, arbeitet mit Hacke und Schaufel oder liest im Liegestuhl einen spannenden Krimi. rmi


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Foto: Stefan Mayr

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Der Alleinunterhalter mit schafkopf und stammtisch unterhält hans kleffner senioren

Hans Kleffner kommt immer montags ins Haus, um mit den Senioren Gedächtnistraining und Ratespiele zu machen, zu basteln oder Filme anzusehen. Mit den Frauen, die zwei Drittel der Bewohner stellen, kocht und backt er auch, sie haben zusammen schon Kürbissuppe, Quarkkrapfen und Vanillekipferl gezaubert. Weil das die Männer weniger anspricht, hat er für sie einen Stammtisch eingerichtet, der sich immer am letzten Mittwoch im Monat bei alkoholfreiem Bier trifft. Das wird in Krügen serviert, die Hans Kleffner gestaltet hat. Dazu gibt es noch eine bayerische Brotzeit. „Ich bin beim Stammtisch zwar meistens der Alleinunterhalter, in dem ich kurze Geschichten und Witze erzähle und über Fußball rede, aber die Senioren sind mit Freude dabei“, erzählt er. Weil von den rund zehn Teilnehmern die meisten demenzkrank sind und wenig oder gar nicht sprechen, kommen auch zwei ehrenamtliche Musiker mit Schifferklavieren zur Unterhaltung hinzu. Am Mittwoch steht kreatives Gestalten auf dem Programm. Hans Kleffner überlegt sich, was die Senioren noch machen können und bereitet zu Hause alles vor. Zehn Stunden in der Woche verbringt er so mit den Heimbewohnern und den Vorbereitungen. „Ich möchte dazu beitragen, dass ältere Menschen etwas Lebensfreude behalten und ab und zu mal lachen können. Mir liegt viel daran, mich

in meiner Freizeit für die einzusetzen, die gar keine oder wenig Betreuung durch Familie oder Freunde erfahren“, erklärt er. Außerdem hat die Tätigkeit ihm das große Glück gebracht. Er lernte durch das Ehrenamt in Nersingen seine Ehefrau Ursula kennen, die seit 2009 im Seniorenzentrum arbeitet und für die Soziale Betreuung und den ehrenamtlichen Besuchsdienst zuständig ist. Sie haben 2013 geheiratet. Hans Kleffner war 33 Jahre lang Berufssoldat bei der Bundeswehr. „Über die Malteser in Günzburg, die 2007 einen Besuchsdienst aufbauten, und mich fragten, ob ich mitmachen würde, kam ich nach Nersingen“, berichtet er. Zuerst betreute er ein älteres Ehepaar, dann besuchte er zwei Jahre lang einen Herrn, der keine Frauen um sich haben wollte, und brachte ihm eine leichte Form des Schafkopfspiels bei. Jetzt kümmert er sich regelmäßig um eine Gruppe von acht bis fünfzehn Personen. Und ist er nicht im Seniorenzentrum, dann sind die Bewohner trotzdem gedanklich präsent. Auch bei den Reisen, die er mit seiner Frau unternimmt. In den USA, auf Rügen und Madeira hat Hans Kleffner Fotos gemacht und Filme gedreht, die er den Senioren zeigt. Dazu erzählt er Geschichten und lässt sie mitgebrachte Gegenstände wie Steine, Lava oder Baumzapfen anfassen. Für Faschingsfeiern schreibt er Büttenreden, bei Mai- und Sommerfesten führt er mit anderen Ehrenamtlichen kleine Sketche auf. In der Gemeinde Nersingen arbeitet er im „Seniorenkonzept“ der Gemeinde mit und fungiert als Mitorganisator von Seniorenreisen und anderem. Seit 2010 ist Hans Kleffner zudem Heimfürsprecher. Für den Besuchsdienst wünscht er sich, dass sich mehr Männer finden, die bei diesem Ehrenamt mitmachen. rmi Foto: Stefan Mayr

Ein Leben ohne Ehrenamt, das kann sich Hans Kleffner nicht mehr vorstellen. Der 66-Jährige gehört seit acht Jahren zum Besuchsdienst im Seniorenzentrum Nersingen des Diakonischen Werks Neu-Ulm. Die 24 freiwilligen Helfer der Gruppe kümmern sich liebevoll um die Bewohner und widmen ihnen viel Zeit. Dafür erhielten sie in diesem Jahr den Ehrenamtspreis des Bezirks Schwaben.


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Ehrenamt

Ein Preis fürs Ehrenamt Der bezirk schwaben würdigt freiwilliges engagement mit ehrenamtspreis Es gibt in Bayern rund vier Millionen Ehrenamtliche, ihr freiwilliger Einsatz hat für die Gesellschaft einen unschätzbaren Wert. Doch nicht immer wird das entsprechend gewürdigt. „Die wenigsten freiwilligen Helfer gelangen mit ihrem Engagement bis in die Abendnachrichten, oft geschieht die Freiwilligenarbeit ganz selbstverständlich, ganz im Stillen, sie gehört, ohne dass darum viel Aufhebens gemacht wird, zu unserem gesellschaftlichen Alltag dazu“, sagt Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Der Bezirk Schwaben macht es nach dem Motto „Ehre, wem Ehre gebührt“ anders. Er vergibt seit 2009 alle zwei Jahre einen Ehrenamtspreis, mit dem er Danke sagt und das bürgerliche Engagement im sozialen Bereich in die Öffentlichkeit bringt. Der Preis ist, wird er nur an einen Preisträger vergeben, mit 5.000 Euro dotiert, wird er auf drei Preisträger gesplittet, gibt es für die Projekte 3.000, 1.500 und 750 Euro.

In diesem Jahr wurde er auf drei Preisträger aufgeteilt. Der erste Preis ging an den Besuchsdienst im Seniorenzentrum Nersingen, der zweite an das Projekt „Patenschaften für Kinder psychisch erkrankter Eltern“ des Kinderschutzbundes Günzburg, auf Platz drei wählte die Jury die Laienhelfergruppe der Elisabethenstiftung Lauingen. 1. Preis: Seniorenzentrum Nersingen Bei der Auswertung der Bewerbungen seien die Jurymitglieder überrascht und begeistert gewesen von der Vielfalt des ehrenamtlichen Wirkens im Seniorenzentrum Nersingen des Diakonischen Werkes Neu-Ulm, berichtete Gertrud Kreutmayr, Leiterin der Sozialverwaltung des Bezirks und eine der drei Jurymitglieder bei der Preisverleihung in Augsburg. Sie lobte den täglichen Einsatz der 24 Ehrenamtlichen, der von der hauptamtlichen Sozialpädagogin Ursula Kleffner koordiniert wird. „Ohne Sie wären die aktivierenden und fördernden

Nachgefragt bei Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert Ist Ehrenamt eine Ehre oder doch eher eine Verpflichtung oder gar Belastung? Reichert: Wir sprechen heute ja eher von Freiwilligenarbeit oder bürgerschaftlichem Engagement. Das Wort verdeutlicht: Jemand entscheidet sich freiwillig, bei einem Verein, einer Institution, in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten. Diese Menschen leisten unentgeltliche Arbeit in der Freizeit für die Gesellschaft – deshalb gebührt ihnen alle Ehre. Und damit sind wir wieder beim Begriff „Ehrenamt“: Die Ehre verdienen die Freiwilligen. Ihre „Belohnung“ ist die Freude der Menschen, die sie betreuen, der Zusammenhalt beispielsweise im Verein, Sinnerfüllung, Gemeinschaft erleben usw. Ich halte es für jeden wichtig und richtig, sich ehrenamtlich für die Allgemeinheit zu engagieren. Aber das Ehrenamt darf keinesfalls zur persönlichen Belastung werden – gerade im sozialen Bereich kann dies ja geschehen, wenn man beispielsweise mit schwer kranken Menschen zu tun hat oder in der Hospizarbeit tätig ist. Hier bieten die Träger jedoch auch Unterstützung, Schulungen und Hilfe an.

Angebote im Seniorenzentrum Nersingen in diesem quantitativen und qualitativen Umfang nicht denkbar - dies verdient unseren höchsten Respekt“, sagte sie im Blick auf die Gruppe und gab einen Einblick in die Bandbreite ihres Einsatzes. Die Ehrenamtlichen bieten demnach Filmstunden mit Gesprächsrunden an, Bewegungsübungen, Rolli-Gymnastik, Ball- und Tischspiele, Spaziergänge, kreatives Gestalten, Kaffeekränze, Märchenstunden, Singstunden mit Klavierbegleitung, sie bereiten die Gottesdienste in der Einrichtung mit vor, helfen bei den Festen im Zentrum, bei Ausflügen und packen überall dort an, wo helfende Hände notwendig sind. „Vor allem aber ist eines bedeutsam, Sie schenken den Bewohnern des Seniorenheimes ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit, sind Zuhörer, Gesprächspartner und Vertrauenspersonen und wirken so ganz wesentlich dabei mit, dass das Seniorenzentrum Nersingen eine familiäre, menschliche, warme Atmosphäre ausstrahlt“, erwähnte Kreutmayr.

Könnte unser Staat ohne Ehrenamt funktionieren? Reichert: Der überwiegende Teil unserer politischen Mandatsträger in den Kommunen ist ehrenamtlich tätig. Der Sportverein, die Freiwilligen Feuerwehren, Kulturinitiativen und soziale Projekte: Sie werden von Ehrenamtlichen getragen. Insofern: Unser Staat baut auf dem Ehrenamt auf. Aber gerade im sozialen Bereich ist mir wichtig, zu betonen: Das Ehrenamt darf kein „günstiger“ Ersatz für hauptamtliche Strukturen und Mitarbeiter sein, kein „Lückenfüller“, wenn die staatlichen Systeme an ihre Grenzen kommen. Ehrenamtliche nehmen gerade im sozialen Bereich eine andere, eine besondere Rolle ein, haben einen besonderen Stellenwert: Sie sind kein Ersatz, sondern eine Bereicherung. Wird das genügend anerkannt? Reichert: Es gibt seit einigen Jahren die bayerische Ehrenamtskarte. Wir als Bezirk zeichnen mit unserem Ehrenamtspreis besondere Projekte aus. Auch in vielen Gemeinden und Städten gibt es Ehrungen und Empfänge für Ehrenamtliche, weil man um ihre Bedeutung weiß.


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werden so auch die betroffenen Mütter und Eltern der Kinder zeitlich entlastet“, erklärte Jurymitglied Petra Seidel, Leiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Augsburg und Schwaben. Auch zwischen den Pateneltern und den leiblichen Eltern soll eine Beziehung entstehen, nicht als Konkurrenz, sondern als wertvolle Bereicherung für die Kinder. Derzeit gebe es acht Patenschaften, weitere seien geplant. 3. Preis: Laienhelfergruppe an der Elisabethenstiftung Lauingen Die Elisabethenstiftung Lauingen ist ein therapeutisches Zentrum für Senioren, Pflege, Sozialpsychiatrie mit angeschlossenem Hospiz. Sie liegt im Herzen der Donaustadt, trotzdem ist es aus körperlichen Gründen oder wegen sozialer Scheu nicht allen Bewohnern der Einrichtung möglich, die Angebote in der Stadt selbständig wahrzunehmen. Irmgard Schretzenmay-

Doch was erwarten Ehrenamtliche von uns? Damit haben wir uns beim Bezirk auseinandergesetzt: Was brauchen Ehrenamtliche, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten, eigentlich, um dieses Ehrenamt erfüllen zu können? Als Bezirk bieten wir beratende Begleitung an, beispielsweise mit unseren Fachtagen. Ehrenamtliche wünschen sich selbst fast nie ein materielles „Entgelt“ als Anerkennung, sondern dagegen meist mehr fachliche Unterstützung, Sicherheit, auch in versicherungsrechtlicher Hinsicht oder Qualifikationsmöglichkeiten. Sollte es eine finanzielle Entschädigung geben? Reichert: Nein – und darum geht es, wie bereits ausgeführt, auch den Ehrenamtlichen nicht. Ehrenamt mit Honorar – das wäre kein Ehrenamt mehr. Der materielle Ausgleich für Auslagen, Versicherungsschutz und die steuerliche Berücksichtigung ehrenamtlicher Tätigkeit, das sind Themen, bei denen man noch mehr die Ehrenamtlichen berücksichtigen könnte, das ist keine Frage. Aber eine grundsätzliche Honorierung widerspräche dem Grundgedanken. rmi

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er habe dies vor mehr als 30 Jahren erkannt und zunächst eine Cafeteria für die Bewohner ins Leben gerufen, Ausflüge organisiert, Geld gesammelt und weitere Freiwillige gewinnen können, teilte Volkmar Thumser, Behindertenbeauftragter des Schwäbischen Bezirkstags mit. So sei eine große Laienhelfergruppe mit bis zu 58 Freiwilligen entstanden. „Dieses langanhaltende, verlässliche Engagement, die große Zahl der engagierten Frauen und Männer, aber vor allem die Bandbreite der Angebote hat uns sehr bewegt“, erläuterte er die Gründe der Jury, die Laiengruppe mit dem Preis zu ehren. Die Angebote umfassen Besuche bei den Wohngruppen, eine Nachmittagsgestaltung mit Gesprächen, Singen, Musizieren, Vorlesen, Gedächtnisspiele, Bewegungsübungen, gemeinsames Feiern, beispielsweise bei Geburtstagen oder Festen, die Begleitung von Rollstuhlfahrern in die hauseigene Cafeteria und in die Stadt, Kegelabende, Ausflüge, die Mitgestaltung der Feste in der Einrichtung und eine Malgruppe für alkoholkranke Menschen. rmi  ezirkstagspräsident Jürgen Reichert (links) B gratulierte den Preisträgern aus Nersingen beim Ehrenamtspreis des Bezirks Schwaben. Die Ehrenamtlichen gestalten den Alltag im Seniorenzentrum Nersingen mit. Mit diesen freuten sich Sigrun Rose, 2. Vorsitzende beim Diakonischen Werk Neu-Ulm (Zweite von links), Bürgermeister Erich Winkler (Fünfter von rechts) sowie der stellvertretende Landrat Roland Bürzle (Dritter von rechts).

Ehrenamtliche in der Behindertenhilfe „Sie spielen in allen gesellschaftlichen Prozessen eine Rolle, ohne sie ist unser Leben nicht denkbar“. Das sagte Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle bei einem Fachtag des Bezirks Schwaben für Ehrenamtliche in der Behindertenhilfe. Solche Tage werden regelmäßig in den Regionen angeboten, um einen Rahmen für Austausch, Information und Qualifizierung zu schaffen. Mit den Fachtagen sagt der Bezirk auch Danke an die Menschen, die auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft eine Schlüsselrolle spielen. „Sie bringen ihre eigenen Lebenserfahrungen mit ein und haben das Wissen, das ein Mensch mit Behinderung in seinem Alltag konkret braucht“, erklärt Volkmar Thumser, der Behindertenbeauftragte des Bezirks. Es sei wichtig, dass Politik und Verwaltung dieses Wissen abrufen und in die Inklusionsprozesse integrieren. „Die Ehrenamtlichen tragen einen wertvollen Teil zum Zusammenspiel von Betroffenen, Angehörigen und Professionellen bei, wir schätzen ihr zeitliches Engagement und den Einsatz ihrer Fähigkeiten für körperlich, geistig und seelisch behinderte Menschen sehr“, betont Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Der nächste Fachtag mit dem Titel „Barrierefreiheit fängt in unseren Köpfen an“ findet am 20. November in Augsburg im Zeughaus statt. Informarmi tion und Anmeldemöglichkeit unter www.bezirk-schwaben.de.

Fotos: Bezirk Schwaben

2. Preis: Patenschaftsprojekt des Kinderschutzbundes Günzburg Beeindruckt war die Jury auch vom Patenschaftsprojekt für Kinder psychisch kranker Eltern des Kreisverband Günzburg des Kinderschutzbundes. Ehrenamtliche, das können Familien oder Einzelpersonen sein, übernehmen durch die Vermittlung des Kinderschutzbundes eine Patenschaft für ein Kind. Häufig handelt es sich bei dem Elternteil um alleinerziehende Mütter, die nicht nur mit ihrer psychischen Erkrankung, sondern auch mit sozialen und materiellen Problemen belastet sind. „Patenschaft bedeutet bei diesem Projekt, dass Kinder selbstverständlich in ihrer Herkunftsfamilie verbleiben, aber einmal wöchentlich und an einem Wochenende im Monat in der Patenfamilie eine andere Umgebung erfahren, einen anderen Familienalltag mitbekommen, sich entspannen und etwas anderes erleben können. Zugleich

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Eine spannende philosophische Reise „Das schöne Kind“ begibt sich auf den letzten Teil seiner philosophischen Reise – zumindest in dem Kapitel, das top schwaben exklusiv aus dem Buch des Autors Dr. Gerhard Hofweber veröffentlichen darf. „Das schöne Kind“ ist im Buchhandel und online erhältlich: 128 Seiten, gebunden, 19,70 Euro

Teil 3

Das schöne Kind „Ja“, sagte das schöne Kind, „es ist schlimm anzuschauen. Und es sind so viele, bei denen das zu beobachten ist. Jetzt verstehe ich auch, warum so viele durch das erste Tor gehen und sich für diesen Lebensweg entscheiden. Sie wollen mit dem, was sie haben, die Kluft in sich selbst füllen. Der materielle Wert soll den fehlenden Selbstwert ersetzen. Du, Wächter, hast von der Krankheit des Geistes gesprochen. Jetzt sehe ich auch deutlich, worin sie besteht: Diese Menschen können nicht erkennen, was ihr wahres Selbst eigentlich ist. Das Wesen des Menschen zu verkennen und an seine Stelle die Fassade zu setzen: Das ist die Krankheit des Geistes. Nun verstehe ich auch, warum so wenige durch die dritte Pforte gehen. Denn dies sind diejenigen, die wissen, worin unser wahres Selbst liegt, und diese Erkenntnis scheint mir von äußerster Wichtigkeit für ein gelingendes Leben zu sein.“ „So ist es auch. Und da so viele den Unterschied nicht recht verstehen, wählen sie den falschen Weg, einen Weg, der nicht zum Glück führt. Wenn wir uns selbst allein aus unserer Individualität als Ich begreifen, verkennen wir unser wahres Wesen. Wir meinen dann, dass uns unsere Fähigkeiten, unser Aussehen, unsere Vorlieben und Marotten zu etwas Besonderem machen. Natürlich sind wir dadurch einzigartig und von allen anderen unterschieden. Aber unser Wesen ist etwas anderes. Unser wahres Selbst liegt hinter dem Ich, und dieses macht uns zu etwas Besonderem im Sinne des Wertes, nicht im Sinne des Unterschiedes. Dieses ist aber nichts anderes als unser Menschsein. Eben weil wir Mensch sind, sind wir wertvoll und haben eine Würde. Dies macht unseren absoluten Wert aus. Unsere Würde hat keinen Preis, denn ein solcher könnte mit einem anderen Preis in Relation gesetzt und verglichen werden. Unsere Würde dagegen ist unvergleichlich und absolut. Sie muss nicht durch eine Leistung erworben werden und dies wäre auch gar nicht möglich. Das Ich, von dem so viele so viel halten, ist nur die Erscheinung von dem, was wir in Wahrheit sind. Unser wahres Selbst ist die Substanz, die im Ich erscheint. Der Weg zu uns selbst führt also zu unserem Menschsein, zur Menschheit in meiner Person und daraus erwächst das Selbstwertbewusstsein, welches keineswegs an die Leistung gekoppelt ist. Das Selbstbewusstsein entsteht durch Besitz, Leistung und Fähigkeit, das Selbstwertbewusstsein aus der Erkenntnis meines wahren Selbst. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist daher ein solches, welches sich am Selbstwertbewusstsein relativiert. Aber die Krankheit des Geistes verwechselt dies alles, verdreht die Wirklichkeit und führt so ins Unglück. Sie ist mächtig. Mächtiger aber ist die Gesundheit des Geistes, denn sie entspricht unserem Wesen und der wahren Wirklichkeit. Du siehst also, mein schönes Kind:“ – und damit beschloss der Wächter seine Rede – „Wenn die Menschen




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Gerhard Hofweber, Das schöne Kind, Belka Verlag 2015, ISBN 978-3-946126-00-3

Das schöne Kind nicht wissen, was sie wollen, so liegt das daran, dass sie vergessen haben, wer sie eigentlich sind.“ Das schöne Kind dachte über die Worte nach, die der Wächter gesprochen hatte. Es fühlte in sich hinein und stellte sich die Frage, ob es sein wahres Wesen spürte. So sah es sich selbst liebevoll an und es wurde ihm bewusst, dass es sich selbst mochte, gnädig mit sich und seinen Fehlern war. Es empfand sich als wertvoll und gut und das Leben als ein großes Geschenk. Es wollte leben und war bereit, seinen Lebensweg zu gehen. Da erschallte die Stimme des Wächters wieder laut in dem steinernen Rund: „Du hast viel gehört, schönes Kind. Nun wähle dein Tor und deinen Lebensweg.“ Der Wächter stand groß und unerbittlich da und das schöne Kind begriff, dass uns das Leben zwar die Wahl der Lebenswege lässt, nicht aber die Wahl, zu wählen oder nicht zu wählen. So zögerte es nicht länger, wandte sich um und schritt auf das rechte, kleine Tor zu. Fast schien sich das Tor ein wenig zu öffnen, denn das schöne Kind konnte es frei durchschreiten. Es ging einen kurzen, ansteigenden Gang entlang und folgte dem Licht, das vor ihm lag und den Gang erhellte. Ein paar Meter nur hatte es zu gehen, als sich plötzlich vor ihm ein riesiger und heller Raum eröffnete. Es befand sich in einer Kathedrale aus Licht und Stein als eine Manifestation des schönen Lebens. Überall hin öffneten sich Wege und Möglichkeiten. Alles schien durchlässig, groß, tief und leicht. „So also ist es“, dachte das schöne Kind. „Hinter dem schmalen Tor öffnet sich der weite Raum. Wird dann der Raum hinter dem großen Tor nicht eng und ärmlich sein? Wie sehr wir uns von der Fassade doch täuschen lassen! Ach, und wie schön das Leben doch in Wahrheit ist! Wie reich und unergründlich groß! Und ist es nicht berauschend zu wissen, dass all dieser Reichtum nirgendwo anders zu finden ist als in uns selbst?“ Voll solcher Gedanken schritt das schöne Kind vergnügt durch sein Leben. Zurück aber blieb der Wächter. Er hatte das schöne Kind beobachtet, als es durch das enge, rechte Tor gegangen war, und er lächelte, denn er konnte sehen, dass das Tor ein Stück gewachsen war. Er wusste, dass er das schöne Kind nicht wieder zu Gesicht bekommen würde. ‚Natürlich wird es nicht wiederkommen’, dachte er, ‚denn es gehört jetzt zu den wenigen Menschen, die glücklich sind. Und wer den Weg des Glücks für sich gefunden hat, verlässt ihn nicht mehr.’

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Kultur

Sturmfestes „Schilf“ „Das elfte Gebot der Theaterleute lautet, langweile dein Publikum nicht.“ Schon mit einem der ersten Sätze eines kurzweiligen Gesprächs bekennt sich Silvia Armbruster als Theater-Vollblut. Sie wird ihr credo von dieser Spielzeit an als Intendantin des Theaters in Kempten (TiK) auf den Punkt bringen.

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„Was werden wir Neues erleben, Frau Intendantin?“ hört die Intendantin des Theaters in Kemten (TiK) einen hohen Erwartungshorizont in der Allgäumetropole. Ihre Reaktion: „Ich hoffe, man sagt im ersten und zweiten Jahr, schauen wir mal, was sie macht. Ich meinerseits mache die Tür auf und will im dritten Intendantinnen-Jahr auf den Punkt kommen.“

Ihrem Publikum will die große, schlanke Frau (Spitzname: Schilf) mit dem blonden Lockenkopf gleich mal jegliche Angst vor der Respektsperson „Intendantin“ nehmen. Zur „TeaTime im TiK“ hat sie deshalb beispielsweise bei ihrem Einstand eingeladen, anderswo heißt es „zum Anfassen“. Und sah sich von Theaterbegeisterung umzingelt. Im Acht-Quadratmeter-Büro drängten sich bis zu 18 Personen, Kulturakteure mit Kooperationsideen, Stadträte, Lehrer und „ganz normale Abonnenten“ mit viel Anregung, Kritik und Neugier. Intendanz ist Premiere für sie, freischaffende Regisseurin ist sie nach Magisterabschluss in Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft an der Uni München seit gut 20 Jahren. Vom ersten Semester an stürzt sie sich damals in Bühnenpraktika, tauscht den Hörsaal bald mit einer Assistentinnenstelle in Stuttgart. Silvia Armbruster setzt sich, wie große Vorbilder, eisern das Pensum, „jeden Tag ein Stück zu lesen“. Studium und gastweise Regieassistenz bringt sie dann doch unter einen Hut und schwärmt bis heute vom Regisseur und Choreografen mit Werkzeugmacherlehre Hans Kresnik. Dass sie seinen legendären „Regiegroschen“ für zündende Ideen gewinnt, gilt Armbruster heute noch als besondere Auszeichnung. 1998 gründet die damals 32-Jährige ihr eigenes Tourneetheater „Wahlverwandte“ und heimst Aufmerksamkeit mit ihrer Bearbeitung des Goethe-Romans „Wahlverwandtschaften“ ein. Das Stück mit Choreografie des jungen Ramses Sigl erlebt 242(!) Aufführungen in elf Jahren. Quintessenz der Regisseurin: „Was gelingt, soll man lange weiterpflegen“. Daneben arbeitet sie frei an Staats- und Stadttheatern: Wien, München, Bremen, Esslingen, St. Pölten, Ingolstadt … Sie inszeniert (Auswahl) Shakespeares König Lear und, in eigener Dramatisierung, den Pinocchio, Boccaccios Decamerone, Hexenjagd von Arthur Miller, Wendekinds

Frühlings Erwachen, Mozarts Cosi fan tutte, Don Karlos von Friedrich Schiller... Und sagt selbstkritisch, dass nicht jede Produktion in gleicher Weise gelinge. „Jeder Intendant weiß, von zehn Inszenierungen sind zwei sehr gut, zwei völlig indiskutabel und der Rest ganz anständig“, zitiert sie Bühnenrealität. „Alles ist ein Versuch“, fasst Silvia Armbruster Regie-Erfahrung zusammen und nimmt sie auch für ihre künftige Arbeit in Kempten in Anspruch, „ich liebe das Forschen“. Was sie erstens vor zwölf Jahren als Dozentin an die Bayerische Theaterakademie August Everding München führte. Angehende Sänger unterrichtet sie dort in Geschichte der darstellenden Künste. Was ihr selbst zweitens schon früh das Attribut „sturmfest“ einbrachte. Sie hat ja auch was Resolutes an sich, diese nach eigenem Bekunden „vitale Powerfrau“. Die Regisseurin Silvia Armbruster versteht sich dennoch nicht als dominante Autokratin, dazu kennt sie sich selbst als zu „verspielt“. Respekt vor der Kreativität des Schauspielers, das hat sie vom angelsächsischen Theaterbetrieb übernommen, nach etlichen Assistenzen bei englischen, amerikanischen und kanadischen Regisseuren. Ebenso die Aufgabe, den „Prozess des Hineinfindens“ zu bewegen. „Dem Schauspieler Haltegriffe einbauen“, das ist ihr Verständnis – Regie als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Denn der Regisseur habe noch genug eigene Arbeit als eine „Schauspielerdressur“. Wie eine Geschichte erzählt, wie mit Raum umgegangen werde, wie Hilfsmittel, etwa Licht und Ton, eingesetzt werden, daran könne der Zuschauer ihre Regieführung erkennen. „Wenn man am Schauspieler die Inszenierung sieht, ist sie schlecht“, meint Armbruster dezidiert. Bei dieser Gelegenheit ein Blick ins Private: Die elfjährige Tochter Lieselotte begleitet sie oft mit ins Theater und auf Proben, nicht nur, weil


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lange Leib- und Magen-Maskenbildnerin von Doris Dörrie war. Das Angebot erwies sich als Volltreffer, gleich zwei Kurse und eine Warteliste für nächstes Jahr mussten eingerichtet werden. Ein Beleuchtungs-Workshop mit den hauseigenen Licht- und Tonleuten schwebt ihr vor, „einen Requisiteur einzuladen wäre toll, das ist ein irrer Beruf“, geht Begeisterung mit ihr durch. Ein Kostüm-Workshop mit einer Gewandmeisterin könnte folgen. Armbrusters Grundsatz: „Zeigen, was im Theater alles drin ist.“ Auch auf einer neuen Probenbühne, deren Installierung ihr zum Antritt spendiert wurde.

Freuen sich auf die Zusammenarbeit: (v.l.) Theater Kempten gGmbH-Geschäftsführer Thomas Siedersberger, Oberbürgermeister Thomas Kiechle und die neue TiK-Direktorin Silvia Armbruster.

Einen ganz besonderen Reiz verspricht ein Plan, den die Akademie-Dozentin als Intendantin realisieren will: Masterarbeiten zu Gastspielen auf die Kemptener Bühne einzuladen, um „Talenten den ersten Bühnenzauber zu bieten, aber auch dem Publikum.“ Natürlich ist ihr von vorneherein bewusst, was tabu ist: „Den Faust nackt oder Schweinehälften am Bühnenhimmel“, lacht sie herzlich. Allemal gehört aus ihrer Perspektive außerdem „guter Tournee-Boulevard“ dazu, wie ihn viele treue TiK-Abonnenten lieben. Unter 57 Bewerbern hat sie sich im Kemptener Auswahlverfahren durchgesetzt. Fachlich dabei mit Friedel Schirmer, dem berühmten Intendanten in Hamburg, Stuttgart und jetzt Esslingen, über ihre Intentionen diskutiert, aber auch in einer Runde, in der sie ihr Publikum zu gewinnen wusste. Wie die Stadt sie prüfte, so schaute sie selbst sich Kempten und ihre künftigen Partner an. Von einem ist sie so begeistert, dass sie ihm umgehend den im österreichischen Theaterleben verankerten Rang eines „Theater-Doyens“ zuschreibt: Dr. Franz Tröger, der über Jahrzehnte das Kemptener Kulturleben inspiriert.  hrs

Foto: Melanie Weidle

die beiden gerne viel zusammen sind, sondern weil die Tochter eine interessante Gesprächspartnerin sei, „weil sie so intensiv mitgeht“, sagt die Mutter. Und bekennt sich als Hölderlin-Fan, „vielleicht deshalb, weil ihm so viel beim Gehen einfiel“, lacht sie zu diesem listigen Schlenker, mit dem sie gleich noch auf den eigenen Bewegungsdrang, folglich viel Laufen und Schwimmen, anspielen kann. Die Intendanz in Kempten ist für die Theaterfrau die folgerichtige Station, an der sie Entwicklung und Ideen auf Tragfähigkeit austesten könne. Das „Modell Kempten“ komme als eine Form des zeitgenössischen Theaters im Wandel gerade auch ihrem Netzwerk sehr entgegen. „Es lädt zu Inszenierungen ein und es produziert selbst, jedoch nicht mit fest engagierten Akteuren, sondern eigens zusammengestellten Ensembles.“ In den TiK-Spielplan 2015/16 bringt die Nachfolgerin von Nicola Stadelmann als Künstlerische Direktorin vier eigene Regiearbeiten ein. Sie beginnt mit der „Judenbank“ des Allgäuer Autors Reinhold Massag, einem Stück mit Regionalbezug, greift es doch die Nazimachenschaften am Psychiatriekrankenhaus in Kaufbeuren auf. Es folgen Joseph Roths „Legende vom Heiligen Trinker“, Dostojewskis Bühnenadaption der bitterbösen Novelle „Der ewige Gatte“ und von Patrick Süskind das hintergründig-witzige Einpersonen-Stück „Der Kontrabass“. Spannung weiß sie allemal aufzubauen, etwa auch mit der Produktion „Malala – Mädchen mit Buch“ des Briten Nick Wood. Der habe auf Facebook seine Freude gelikt, woraufhin Silvia Armbruster spontan anfragte, ob er an einer Podiumsdiskussion zum Thema teilnehmen würde, neben anderem mit Jörg Armbruster, dem einstigen Nahost-TV-Korrespondenten (Armbruster, Mutter Schwäbin, Vater Österreicher: „zumindest über vier Generationen sind wir nicht verwandt“). Ihn hat sie im Zuge der Stuttgarter Inszenierung eines Stücks über einen palästinensischen Arzt in Gaza kennengelernt – eines zeitgenössischen Dramas, das ihr den Monika-Bleibtreu-Preis eingetragen hat. Genauso wichtig nimmt die TiK-Intendantin die Theaterarbeit neben der Bühne. Selbstverständlichkeit ist für sie die weitere Förderung des „hochaktiven“ Schultheaters in Kempten Zusätzlich hat sie sich eine originelle Vermittlung von Theater ausgedacht: Workshops für Jugendliche zur Vorstellung von (im TiK nicht existenten) Gewerken. Den Anfang machte im November die Maskenbildnerei durch eine Berliner Fachfrau mit Opernhintergrund, die


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Bücher

Büchertipps Dieter Höss

Verlorene Jahre

Wo die wilden Männle hausten

ISBN 978-3-95805-010-5

ISBN 978-3-95805-009-0

Carola Härle

128 S., Format 14,8 x 21 cm, Preis: 12,80 Euro Plötzlich ist Gustav Meller allein im Haus. Er und seine Frau Gertrud, seit vierzig Jahren verheiratet, lebten die letzten dreißig Jahre nebeneinander her, ohne Gespräche, jeder in seiner Welt. Dann erleidet Gertrud einen Herzinfarkt und kämpft im Krankenhaus ums Überleben und Gustav spürt die Leere nun mit aller Macht. Die drei Söhne sind längst ausgezogen und müssen sich selbst mit ihren Lebenssituationen auseinandersetzen, die durch die Kühle zu Hause geprägt war. Obwohl sich Gustav von seiner Frau so weit entfernt hatte, wird ihm nun bewusst, wie tief seine Gefühle für sie immer noch sind. Was war geschehen? Warum hatten sie nie darüber gesprochen? Und welche Rolle spielt Stefan Hofmüller, der Sohn des damaligen Bürgermeisters dabei? Gustav versucht das Geschehene zu ergründen. Doch sind die Gefühle stark genug für einen Neuanfang?

Franziskus Reitemann

142 S., Format 14,8 x 21 cm Preis: 12,80 Euro Dieses Buch taucht tief in die Allgäuer Sagenwelt ein. Es fördert viele alte Gestalten und Geschichten zutage und stellt sie völlig neu in prägnanter Kürze dar. Da wimmelt es von edlen Rittern und bösen Drachen, Zauberern und Hexen, Venedigermännle, wilden Männle und ebenso wilden Fräulein. Irgendwann holt die Vergangenheit samt ihren Gespenstern jeden ein. Das allein ist noch nichts Neues. Umso dankbarer aber wird der Leser sein, dass es sich dabei nur um Geister und Geschichten wie diese handelt, auf die man sich so locker einen Reim machen kann. Seit 2008 veröffentlichte der Autor in der EDITION ALLGÄU bereits fünf Bände: „Auch wieder mal im Städtle“, „Allgäuer Limericks“, „Allgäuer Lesebuch“, „Neuschnee im Juni“ und „Die Berge stehen, wo sie immer standen“.

Die dunkelsten Allgäuer Sagenorte

Peter Würl

ISBN: 978-3-931951-78-8

ISBN: 978-3-931951-96-2

120 S., Format 30 x 18,5 cm Preis 29,80 € Überarbeitete Neuauflage: Aufgrund einer Sonderausstellung im Allgäu-Museum wurde der Titel nochmals neu aufgelegt und ist in begrenzter Stückzahl ab sofort verfügbar. Abseits der ausgetretenen Pfade verbirgt sich eine dunkle Facette des Allgäus. Orte, die ihre Besucher bereits seit vielen Generationen in ihren mystischen Bann ziehen. Die Ereignisse, die sich hier zugetragen haben, ihre Bauwerke sowie ihre landschaftlichen Begebenheiten inspirierten die Menschen zu Erzählungen, die uns heute als Sagen überliefert sind. In diesem Buch lassen sich die dunkelsten Sagenorte des Allgäus entdecken. Neben den schaurigen Erzählungen werden spannende Hintergründe und historische Zusammenhänge in Erfahrung gebracht.

Geheimnisvolles Allgäu 86 S., Format 14,8 x 21 cm Preis 9,80 €

Mit seinem Buch verführt Peter Würl zu Wanderungen an manche bekannte, jedoch immer noch von Geheimnissen umwitterte Orte, wie anderseits zu Plätzen, die vom Tagestourismus noch völlig unberührt sind. Der Autor hat diese Orte nicht nur besucht, er ist auch deren Historie und sagenhaften Hintergründen nachgegangen. Seine Touren führen zu Burgen und Burgstellen, Kapellen mit einer ganz eigenen Geschichte oder zu geologischen Höhepunkten. Zu allen Orten weiß Würl zumeist eine Sage zu erzählen, die sich mit der Lokalität befasst. Dass am Ende einer Wanderung oftmals ein Gasthaus oder ein Lokal mit einer besonderen Brotzeit steht, macht diesen ungewöhnlichen Führer umso sympathischer.


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„Jedes Jahr ein neuer Anlauf“ Kaum ist mozart@augsburg 2015 vorbei, laufen die vorbereitungen für das festival 2016. Über die Konzertreihe sprachen wir mit festivalleiter Sebastian knauer

Was war Ihr Highlight 2015? Knauer: Das Abschlusskonzert mit den Bamberger Symphonikern war unglaublich. Es war ein gewisses Wagnis, den größten Saal der Stadt und dieses große Orchester zu buchen, weil Johannes Boecker und ich privat, mit unserem eigenen Geld, in Vorleistung gehen. Dass es dann so gut gelaufen ist, auch musikalisch – das war schon ein besonderer Moment. Sie sprachen gerade Johannes Boecker an. Im Frühjahr wurde kolportiert, er wolle sich vom Festival zurückziehen? Knauer: Es stand nie zur Debatte, dass er aufhört. Man muss eines bedenken: Wir sind beide für das Festival ehrenamtlich tätig, verdienen damit kein Geld – noch nicht. Das ist der Wunsch, weshalb wir uns auch mit aller Kraft und privaten Mitteln engagieren, um das Festival zum Erfolg zu führen. Dass wir nebenbei auch Geld verdienen müssen, ist eine Selbstverständlichkeit. Ich tue das mit meinen Konzerttourneen als Pianist, Johannes Boecker widmet sich außerhalb der Zeit, in der wir mit dem Festival gefordert sind, seinen Tätigkeiten – auch jetzt unmittelbar nach dem Festival. Das heißt aber nicht, dass er aufhört. Das wird er auch nicht tun, weil das Festival nur funktionieren kann, wenn wir beide an einem Strang ziehen. Er ist das kaufmännische Gehirn und ich die künstlerische Seele – wir ergänzen uns sehr, sehr gut. Das ganze ist ein Gerücht, das keinen Wahrheitsgehalt hat.

vorne an, zu interessieren und zu begeistern. Jedes Jahr ist ein neuer Anlauf, um zwischen 250.000 und 500.000 Euro zu budgetieren, mit denen wir gut veranstalten können. Das ist doch ein beträchtlicher Rahmen, für den wir Sponsoren brauchen, um damit 50 bis 66 Prozent des Budgets abzudecken. Ich möchte niemals dastehen und einem Künstler sagen: „Sorry, wir haben zuwenig Eintrittskarten verkauft und können deine Gage nicht bezahlen“.... Das Festival läuft also wie bisher weiter? Knauer: Das Festival ist gewachsen, das Publikum ist gewachsen und der Kreis von Menschen ist gewachsen, der sich der Sache aufgeschlossener zeigt als vorher. Das nächste Jahr ist bereits fertig geplant. Dann haben wir Fünfjahres-Jubiläum, bitteschön. Was erwartet uns denn 2016? Knauer: Ich kann noch keine Namen nennen, weil noch Unterschriften fehlen. Aber wir werden kompakt vom 2. bis 17. September 2016 neun bis zehn Veranstaltungen auch in neuen Spielstätten haben, um den Festivalcharakter zu unterstreichen. Ist auch der Kreis der Sponsoren gewachsen? Knauer: Man fängt nach dem Festival von

Sie haben wichtige Förderer von außerhalb. Wie steht es um die Augsburger Sponsoren? Knauer: Zu unserer Mäzenin und einigen Hamburger Sponsoren habe ich menschlich einen starken Bezug. Sie stehen alle begeistert hinter der Idee und kommen übrigens auch mit Kunden zu den Konzerten nach Augsburg. Anders ist die Situation bei den Augsburger Sponsoren. Sie waren die ersten Jahre zögerlich, weil sie nicht wussten, ob die Reihe von Dauer ist. Die musste man erst einmal mitnehmen, reinsetzen ins Konzert. Das entwickelt sich im Moment sehr gut. Ich sage klar und offen: Wenn ihr alle Lust habt, dass es weitergeht. dass es größer wird und weiterhin tolle Künstler dieses Formats nach Augsburg bringen, müsst ihr alle mithelfen.  wos

Wir sind umgezogen!

Unsere neue Geschäftsstellen-Adresse ist: Bayerischer Landes-Sportverband e. V. Bezirk Schwaben, Sigma Technopark Augsburg Werner-von-Siemens-Str. 6, 86159 Augsburg Telefon: +49(0)821/426611, Fax: +49(0)821/426613 E-Mail: geschaeftsstelle@blsv-schwaben.de, www.blsv.de

Foto: privat

mozart@augsburg 2015 ist vorbei. Waren Sie mit den Konzerten und dem Augsburger Publikum zufrieden? Knauer: Die Augsburger sind, wie wir Hamburger, anfangs etwas zurückhaltend in ihrer Euphorie. Wenn man sie aber für eine Sache gewonnen hat, sind sie ein treues und dankbares Publikum. Zwischenzeitlich hat man in der Stadt über die Jahre gesehen, dass mit der Konzertreihe etwas gewachsen ist, qualitativ und quantitativ. Deshalb freut mich, ebenso wie die Auslastung von 75 Prozent, dass wir dieses Jahr viele neue Gesichter im Publikum hatten.


Ne u e s a u s de m Be z ir k Schwaben

GRIZETO VERL AG

ISSN 1867-7118

ISBN 978-3-9816678-2-0

Außerdem erhältlich: Magdalene Heuvelmann, „Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen.“ „Geistliche Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. Irsee: Grizeto 2013. Gerald Dobler, Von Irsee nach Kaufbeuren. Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872. Irsee: Grizeto 2013

€ 35,80 [D]

· Magdalene Heuvelmann

Den Toten ihre Namen wieder zu geben, sie damit dem Verbergen, Verstecken und Verschwindenlassen zu entreißen, ist das erklärte Ziel vorliegender Publikation. Im Zentrum steht Pater Carl Wolffs „Chronologisches Toten-Register“, das für die Jahre 1849 bis 1950 die in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee verstorbenen wie während des Dritten Reichs ermordeten Patientinnen und Patienten namentlich verzeichnet. Besonders wertvoll ist das über ein alphabetisches Register erschlossene und um ausgewählte biographische Skizzen erweiterte Totenbuch für die Ermittlung der Opfer der NS-„Euthanasie“, gibt es doch auch Auskunft über alle im Zuge der „Aktion T4“ von Irsee aus in die Gasmordanstalten Grafeneck und Hartheim verbrachten Menschen.

Das Irseer Totenbuch

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Die im Mai 2009 verlegten Steine erinnern namentlich an das Schicksal von Maria Rosa Bechter (1935 – 1943), Anna Brieger (1909 – 1944) und Ernst Lossa (1929 – 1944), die Opfer der NS-Patiententötungen wurden.

Gerald Dobler, Warum Irsee? Die Gründungsgeschichte der KreisIrrenanstalt Irsee vom Ende der 1820er Jahre bis zur Eröffnung 1849 und ihr Ausbau bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Irsee: Grizeto 2014.

Erinnerungskultur Erinnerungskultur auf drei Arten in Irsee und Kaufbeuren. Bis 31. Januar 2016 läuft im Stadtmuseum Kaufbeuren die Sonderausstellung „In Memoriam.„Euthanasie“ im Nationalsozialismus“, welche anhand kurzer Texte, Schriftstücke, Fotografien und Videointerviews mit Zeitzeugen sowie einzelnen Objekten die verschiedenen Phasen des NS-Vernichtungsprogramms wie die „Aktion T4“, das Hungersterben und die Tötung durch Medikamente darstellt. Die Ausstellung „gibt den Opfern ein Gesicht, Menschen, denen im Namen einer sich menschlich genannten Psychiatrie unsägliches Leid angetan wurde“, so der Psychiater und Kurator Professor Dr. Michael von Cranach. Unter seiner Führung als Leitender Ärztlicher Direktor (1980 bis 2006) stellte sich das Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren der Aufarbeitung der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus. Begleitend dazu gaben Dr. Stefan Raueiser (Leiter Schwäbisches Bildungszentrum und Bildungswerk Irsee) und Dr. Albert Putzhammer (Leitender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren) „Das Irseer Totenbuch“ heraus. Im Zentrum der Publikation der Autorin Dr. Magdalene Heuvelmann steht das von Pater Wolff OSB erstellte „Chronologische Totenregister“, das für die Jahre 1849 bis 1950 die in Irsee verstorbenen wie während des Dritten Reichs dort ermordeten Patientinnen und Patienten namentlich verzeichnet. Dieses Schriftstück wurde vom damaligen Hausgeistlichen der Irseer

Fotos: Bezirkskliniken Schwaben, Schw. Bildungszentrum Irsee, Bezirk Schwaben

Wieder vier deutsche Top-Mediziner aus Schwaben In der Liste von Focus-Gesundheit tauchen aktuell vier Mediziner der Bezirkskliniken Schwaben auf: Die Ärztlichen Direktoren der Bezirkskrankenhäuser (BKH) in Kempten, Professor Dr. Peter Brieger (unten rechts), wie auch in Augsburg, Prof. Dr. Max Schmauß (oben links), zählen zu Deutschlands Top-Spezialisten für Depressionen und bipolare Störungen, Dr. Schmauß auch für Schizophrenie. Gleich zwei Top-Mediziner der Focus-Liste kommen vom BKH Günzburg: der Leitende Ärztliche Direktor Professor Dr. Thomas Becker (oben rechts) und Professor Dr. Matthias Wilhelm Riepe (unten links). Während das Magazin Becker schon 2014 im Bereich Schizophrenie als einen der besten seines Fachs ausgewiesen hat, ist Riepe in der Ärzteliste 2015 des Magazins nach kurzer Unterbrechung nun wieder aufgeführt. Der Chefarzt der Abteilung Akutgeriatrie und Gerontopsychiatrie ist Experte auf dem Gebiet der Alzheimer-Erkrankung und hat sich zusätzlich spezialisiert auf Co-Morbiditäten sowie Nebenund Wechselwirkungen bestehender Pharmakotherapien. In dieser Liste werden laut Focus nur die besten Ärzte erwähnt, die von medizinischen Fachgesellschaften oder von Patientenverbänden, Selbsthilfegruppen, Klinikchefs, Oberärzten und niedergelassenen Medizinern empfohlen werden. Außerdem berücksichtigt diese Auszeichnung wissenschaftliche Publikationen des jeweiligen Mediziners. Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, gratuliert den vier Spezialisten. Die Nennung sei eine persönliche Anerkennung des jeweils ausgezeichneten Mediziners und seines Teams. „Andererseits spiegelt sie den hohen Leistungsstand und die exzellente Expertise unserer Kliniken wieder“, so Düll.  pme

Anstalt, dem Benediktiner Carl (Heinrich) Wolff 1945 im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht erstellt. Kloster Irsee selbst arbeitete die eigene Geschichte unter anderem an drei Gedenkorten auf: Bereits im November 1981 wurde auf dem zwischen 1944 und 1972 als Patienten-Friedhof genutzten Areal unmittelbar neben der Klosterkirche das Monument „Lass mich Deine Leiden singen“ des Allgäuer Künstlers Martin Wank eingeweiht. Erst über ein Jahrzehnt später wurde die ehemalige „Prosektur“ der Anstalt als authentischer Ort des Verbrechens entdeckt. Es ist dem langjährigen Gesamtleiter der Einrichtung, 
Dr. Rainer Jehl, zu verdanken, dass das ehemalige Sezierhaus als Gedenkstätte erhalten bleibt. Künstlerisch überformt wird ihr Vorraum seit Mitte der 1990er Jahre durch ein großformatiges Triptychon der Münchener Künstlerin Beate Passow. Schließlich wurde 2009 die Setzung von „Stolpersteinen“ des in Köln lebenden Künstlers Gunter Demnig von der jetzigen Leitung der Bezirkseinrichtung initiiert. Stellvertretend für alle in Kloster Irsee Getöteten wird namentlich erinnert an Maria Rosa Bechter (geboren am 12. Februar 1935 in Lingenau im Landkreis Bregenz, ermordet am 8. März 1943), Anna Brieger (geboren am 22. November 1909 in Berlin, ermordet am 13. Dezember 1944) und an Ernst Lossa (geboren am 1. November 1929 in Augsburg, ermordet in der Nacht vom 8. auf den 9. August 1944). Weitere „Stolplersteine“ wurden nun im September gesetzt.  pme


Highlights 2 0 1 5 /2 0 1 6

N a men und Neui gkei t en

Richtfest im Bahnpark Augsburg Die Sanierung des denkmalgeschützten „Rundhauses Europa“ im Augsburger Bahnpark ist wieder einen gewaltigen Schritt vorangekommen. „Das Baudenkmal ist in seiner Art und Größe einzigartig“, sagt Bahnpark-Geschäftsführer Markus Hehl. Aus diesem Grund wurde das Gebäude samt Freigelände im Bahnpark vor kurzem auch in die „Europäische Route der Industriekultur“ aufgenommen, die als Teil des Schienennetzes nicht nur Augsburg und München mit einer 175-jährigen Geschichte verbindet. „Als älteste deutsche Fern-Eisenbahnstrecke ist das Teilstück Augsburg – München gleichzeitig Teil der Magistrale Paris – Budapest“, so Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. „Das ‚Rundhaus Europa‘ ist ein wichtiger und attraktiver Anziehungspunkt im Bahnpark Augsburg und trägt auch die Bezeichnung ‚Drehscheibe der Kulturen‘ und bringt damit

zum Ausdruck, was die Kultur- und Europaarbeit des Bezirks Schwaben bewegt“, sagte Reichert. Im Rahmen seiner kulturellen Aufgaben und seines europäischen Engagements unterstütze der Bezirk Schwaben als Kooperationspartner die Bahnpark Augsburg gGmbH seit Jahren „aus großer Überzeugung“, betonte er. „Wir waren sehr gerne bereit, diesen Festakt gemeinsam mit dem Bahnpark Augsburg auszurichten, auch, weil dieser ein ganz besonderer Platz im Herzen Augsburgs ist“, so Reichert. Das „Rundhaus Europa“ ist mit seiner symbolhaften Architektur, seinen Sterngleisen und der Drehscheibe die passende Kulisse, um den europäischen Gedanken pme/wos hier greifbar zu machen“. 

Forum am Hofgarten. Kultur.

ab 22,00

15.12.2015 | 20.00 Uhr

Bergweihnacht mit Siegfried Rauch ab 23,60

22.12.2015 | 20.00 Uhr

Voice Passion

L. Francis & F. Garlik – ab 16,50 27.12.2015 | 19.00 Uhr

Foto oben: Zum Richtfest im „Rundhaus Europa“ fanden sich rund 140 Ehrengäste ein, darunter zahlreiche Vertreter aus der schwäbischen Politik. Das Gruppenbild im mehr als einhundert Jahre alten Ringlokschuppen zeigt neben den angetretenen Zimmermannsleuten v. l.: Augsburgs Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl, Staatsminister a.  D. Josef Miller, Dr. Volker Ullrich MdB, Staatssekretär Johannes Hintersberger, der Geschäftsführer des Bahnparks Augsburg, Markus Hehl, und Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Der aus Augsburg stammende Bayerische Staatssekretär Johannes Hintersberger vertrat Innenminister Joachim Herrmann, der am Sonntag kurzfristig nach Berlin einberufen wurde.

Die kleine Meerjungfrau Musical – ab 14,00

29.12.2015 | 16.00 Uhr

Kaiser Ball Silvester

Band Sound Celebration – ab 89,00 31.12.2015 | 20.00 Uhr

Festival der Grand Prix Sieger ab 29,90

03.01.2016 | 18.00 Uhr

Karsten Kaie ab 25,00

14.01.2016 | 20.00 Uhr

Der Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) (Council of European Municipalities and Regions - CEMR) ist eine europaweite Organisation der kommunalen und regionalen Gebietskörperschaften. Im RGRE sind 57 nationale Kommunalverbände aus 41 europäischen Ländern (Sektionen) zusammengeschlossen. Ziel ist es, die kommunalen Anliegen auf euro-

Die Nacht der Musicals ab 39,90

21.01.2016 | 20.00 Uhr

päischer Ebene zu kommunizieren. Neben dem derzeitig aktuellen Thema, das alles überschattet - der Flüchtlingsproblematik, die gerade die Kommunen vor große Herausforderungen stellt - werden auch andere wichtige kommunalrelevante Aspekte der europäischen Agenda im Rat behandelt, so beispielsweise die Digitalisierung auf kommunaler Ebene. Als überzeugter Vertreter des europäischen Gedankens und der Zusammenarbeit zwischen europäischen Regionen zeigte sich Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert sehr erfreut über die Wahl. Der Bezirk Schwaben unterhält selbst Partnerschaften mit dem französischen Departement Mayenne und der rumänisch-ukrainischen Region Bukowina. pme

Musik. Theater.

IVUSHKA. Russische Weihnachtsrevue

Bezirkstagspräsident Reichert als einziger Vertreter Schwabens im Rat der Gemeinden und Regionen Europas Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert ist für die kommenden drei Jahre der einzige Vertreter aus Bayerisch-Schwaben in der Deutschen Sektion des Rats der Gemeinden und Regionen Europas. Der schwäbische Bezirkstagspräsident wurde für die Wahlperiode 2015 bis 2018 in den Hauptausschuss des Rats gewählt. Sein Stellvertreter ist Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main.

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Chiemgauer Volkstheater ab 23,00

24.01.2016 | 19.00 Uhr

Moscow Circus on Ice ab 44,90

17.02.2016 | 16.00 und 19.00 Uhr

Denken Sie jetzt schon an Weihnachten!

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Günzburg e 2, 89312 Begegnen. Genießen. Erleben.

Kultur- und Tagungszentrum


t o p s chwaben

Kultur

Mächtig viel Wüstenstaub Der abenteurer michael martin kommt zurück an den ort seiner jugend: gersthofen

Mächtig viel Wüstenstaub – im positiven Sinne – wirbelt derzeit Michael Martin auf. Mehrere Jahre war der durch Funk und Fernsehen bekannte Fotograf, Vortragsreferent, Abenteurer und Diplom-Geograf weltweit unterwegs, um die Landschaften und Lebensräume der Wüsten und Polarregionen der Erde zu erkunden. Jetzt kommt er zurück in den Ort, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat: nach Gersthofen. Im Rahmen seiner umfangreichen, deutschlandweiten Vortragstournee kommt Michael Martin auch ins Ballonmuseum. Dort werden vom 27. November 2015 bis 3. März 2016 nicht nur die atemberaubenden Fotografien aus seinem neuesten Buch „Planet Wüste“ gezeigt, es gibt auch die dazugehörige Live-Multivison. In der Gersthofer Stadthalle nimmt Michael Martin seine Zuschauer ebenfalls am 27. November mit auf eine

Fotos von links nach rechts: Salzwassertümpel Altiplano/Südamerika. Am Vatnajökull/Island (oben) und Dünenkette in der Sahara (unten). Frauen in der Wüste Thar/Indischer Subkontinent. Gefrorener See in der Ostantarktis. Ganz rechts: Antarktis (oben) und Queen Maudland (Antarktis).

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ist Michael Martin mit seiner Multivision „Planet Wüste“ in der Region: 26.11. Kaufbeuren 27.11. Gersthofen 16.12. Mindelheim 07.01. Kempten 15.01. Augsburg 28.01. Günzburg 29.01. Wangen 18.03. Krumbach 21.04. Bobingen

faszinierende Bilderreise vom Nordpol bis zum Südpol und umrundet dabei viermal die Erde. Michael Martins Weg zu den Wüsten dieser Welt begann in Gersthofen in der Brahmsstraße. Damals baute er sich ein Teleskop und errichtet auf der Garage seiner Eltern eine Sternwarte. Doch Straßenlaternen und das Streulicht von Augsburg beeinträchtigten ihn und seinen Freund Achim Mende beim Blick auf die Sterne. Deshalb beschlossen die beiden Jungs nach Tirol zu radeln, um dort uneingeschränkte Sicht auf den Himmel zu bekommen. Wenn das Wetter passte, packten die Freunde Stative, Fernrohre und Zelt auf die Fahrräder und ab ging es von Gersthofen, über


P o r trät Mi chael Marti n

Landsberg, Schongau, Füssen hinauf ins Hochtal von Berwang. Und weil es so schön war, hielt der damals 15-Jährige in der Paul Klee-Stube des Gasthauses „Zum Strasser“ dann auch seinen ersten Vortrag zum Thema „Um frei zu sein bedarf es wenig – Mit dem Fahrrad unterwegs“. Nach der 11. Klasse ging es 1981 für Michael Martin und Achim Mende mit dem Mofa nach Marokko zum Südsternenhimmel. „Südlich der Oase Erfoud stand ich am Rand des Erg Chebbi und war völlig fasziniert von den Weiten der Sahara. So hatte ich mir die Marsoberfläche immer vorgestellt! Ich realisierte, dass auch die Erde ein Wüstenplanet ist“. Von da an ließen ihn die Wüsten der Erde nicht mehr los. Dankbar ist Michael Martin seinen Eltern, die ihn stets unterstützt haben, obwohl der Vater schon immer etwas vorsichtiger war als die Mutter. „Von der Mutter habe ich das Reise-Gen geerbt, vom Vater eher die Heimatverbundenheit“, sagt er. Der junge Mann hatte damals wie heute einfach Lust und Neugier auf die Welt: „Und es war wie bei einem Junkie – die Dosis musste immer erhöht werden“. „Ich war nie nördlicher als Dänemark“, erklärt Martin. Und so kamen nach 30 Jahren Trockenwüste die Eiswüsten dieser Welt ins Blickfeld. Wüsten und Polarregionen

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Michael Martin

„Planet Wüste“

Knesebeck Verlag, 2015, Gebunden, 448 Seiten mit 400 farbigen Abbildungen und 30 Karten, 49,95 Euro ISBN 978-3-86873-709-7

In dem opulenten, rund viereinhalb (!) Kilogramm schweren Bildband „Planet Wüste“ nimmt Michael Martin den Betrachter mit auf eine sensationelle Bilderreise vom Nordpol bis zum Südpol. Grandiose Aufnahmen von aufsehenerregenden Naturlandschaften ziehen den Betrachter ebenso in den Bann, wie gefühlvolle Bilder von Menschen, die sich an den besonderen Lebensraum „Wüste“ gewöhnt haben. Einzigartig ist seine umfassende Gegenüberstellung der heißen und kalten Wüsten in Wort und Bild. So ist das Buch nicht nur ein Bildband, sondern auch eine wissenschaftlich fundierte Dokumentation, die in gut verständlichen Texten namhafter Wissenschaftler die Trockenwüsten mit den Kälte- und Eiswüsten der Erde vergleicht. Es folgt dabei immer einem globalen Ansatz, spannt den großen Bogen über die verschiedenen Erdzeitalter hinweg und folgt dem Phänomen pif Wüste durch das ganze Sonnensystem. 

bringen es mit sich, dass man oft tagelang keinem Menschen begegnet, „dennoch war ich nie einsam und verloren“, erzählt Michael Martin. Vermisst hat er dennoch etwas auf seinen Reisen in die Wüsten: Frau und Kinder. Und wenn er zu Hause ist, was vermisst er dann? Auch da muss der 52-Jährige nicht lange überlegen: „Die Ruhe und die Einsamkeit“. In seinem neuen Projekt vergleicht Michael Martin Trockenwüsten erstmals mit Polarregionen. Es entstanden faszinierende Bilder und Reportagen einer fast unberührten Welt. Das Ergebnis ist „Planet Wüste“, das als Multivision, Bildband, TV-Serie und Ausstellung präsentiert wird. Auf vierzig Reisen und Expeditionen

Die spektakuläre Multivisionsshow beginnt in der Arktis am Nordkap und führt über Spitzbergen und Sibirien nach Alaska, Kanada und Grönland bis schließlich zum Nordpol. Die zweite Erdumrundung beginnt in der arabischen Rub al Khali und nimmt ihren Weg über die asiatischen und nordamerikanischen Wüsten bis in die Sahara. Auf der Südhalbkugel stehen unter anderem die Namib und Kalahari sowie die australischen und südamerikanischen Wüsten im Mittelpunkt. Die vierte Erdumrundung führt Michael Martin rund um die Antarktis und schließlich zum Südpol. Michael Martin zeigt aber nicht nur faszinierende Bilder spektakulärer Landschaften, sondern geht auch der Frage nach, wie Tiere, Pflanzen und Menschen in diesen Extremzonen der Erde überleben können.  pif Eintrittskarten für die Vortragstournee sind erhältlich unter www.michael-martin.de/tickets

Fotos: Michael Martin, Porträt: Axel Weiss

durchquerte er dafür ab 2009 die Weiten des Eises und der Wüsten – mit dem Motorrad, mit Hundeschlitten und Helikopter, auf Kamelen und Skiern und umrundete dabei viermal die Erde. „Für solche Projekte gibt es keine Auftraggeber“, betont Martin. Darum heißt sein Dreisatz auch: „reisen – fotografieren – darüber berichten“. Das funktioniert bisher ganz gut.


t o p s chwaben 

Freizeit

„20winters“ und „3Riesen“ MARKUS SCHAUMLÖFFEL FINDET HERAUSFORDERUNGEN IN „MICRO-ABENTEUERN“ IN SCHWABEN UND BAYERN. SEINE MINI-EXPEDITIONEN FÜHREN IHN DURCH DIE HEIMAT. „Das Abenteuer ist da, wo du bist“, sagt Markus Schaumlöffel. Der 41-Jährige, der in Straßberg lebt, möchte andere Menschen dafür sensibilisieren, dass man nicht Alaska oder die Sahara durchqueren muss, sondern vor der eigenen Haustüre starten kann, um die Schönheit der Natur zu erleben. Zu dieser Erkenntnis kam er in einer Phase, in der er sich sportlich umorientieren wollte. Zwanzig Jahre lang war er im Radsport aktiv, hat an Wettkämpfen teilgenommen und sein ganzes Leben dem Sport untergeordnet. Alles drehte sich um Leistung und Training, bis er sich von den eigenen Ansprüchen zunehmend gehetzt fühlte und den Spaß am Biken verlor. „Aber ohne Wettkämpfe fehlten der Antrieb und das Zentrum meines bisherigen Radlertreibens“, erzählt Markus Schaumlöffel.

BLOG

IN SEINEM INTERNET-BLOG SCHWARZFUCHS.COM BERICHTET MARKUS SCHAUMLÖFFEL VON SEINEN „ABENTEUERN DAHOAM“. DORT FINDEN SICH REPORTAGEN ZU SEINEN PROJEKTEN, ZAHLREICHE FOTOS UND TOURENTIPPS.

Er brauchte eine neue Herausforderung. Die fand er schließlich in sogenannten Mikro-Abenteuern. Der Begriff stammt vom Briten Alastair Humphreys, der nach vielen großen Trips begann, Mini-Expeditionen in seiner Heimat zu machen. „Seine Microadventure-Initiative hat mich fasziniert und inspiriert, auf einmal hatte ich wieder eine

Perspektive für meinen Sport“, erinnert sich Markus Schaumlöffel. Fit genug, um mehrere Tage auf dem Rad verbringen zu können, war er durch jahrelanges Training. So stand den kleinen Abenteuern, die vor der Haustür beginnen, nichts im Weg. Unter dem Namen „Schwarzfuchs“ berichtet er seit 2013 auf seinem Internet-Blog von den mehr oder weniger verrückten Unternehmungen, die er einmal im Jahr alleine unternimmt. Und von Mountainbike-Touren, die da stattfinden, wo er mit der Familie Urlaub macht. Sein erstes Projekt war „20winters“: mit Fahrrad und zu Fuß ohne Zwischenhalt von Augsburg zur Zugspitze. Vierzehn Stunden hat er gebraucht, dann war er oben am Schneeferner-Gletscher, der wegen der globalen Erwärmung in 20 Jahren geschmolzen sein soll. In diesem Jahr hat er wieder die Zugspitze anvisiert. Dazu noch den Hochwanner und den Watzmann, also die drei höchsten Berge Deutschlands. Bei der Tour „3Riesen“ war er sechs Tage alleine unterwegs. Nur mit einem kleinen Rucksack und dem Fahrrad startete er in Leutasch und fuhr durchs Gaistal zur Rotmoosalm. „Der Hochwanner ist ein echter Abenteuerberg, es gibt


Ma rkus Schauml öffel

t op schwaben

keine Wandermarkierungen und man hört nur die Tiere und das Rieseln des Gerölls“, berichtet Markus Schaumlöffel. Den Gipfel erstieg er zu Fuß, orientierte sich mit Augen und Nase, ein Navigationsgerät hat er nie dabei. „Wenn ich alles absichere, dann ist es kein Abenteuer mehr“, meint er. Am nächsten Tag kam er auf der der Zugspitze an und berührte glücklich das goldene Gipfelkreuz. Demnächst will er wieder hin und sich die Forschungsstation zeigen lassen. Nach einer weiteren Übernachtung im steinernen Hüttl ging es hinab ins Inntal. Stundenlang musste er entlang der Autobahn fahren, es war wie ein Schock für ihn, von der stillen Einsamkeit der Berge in die Zivilisation zurückzukommen. Aber dann belohnte ihn als Krönung des Abenteuers „adventuredahoam“ der Gipfel des sagenumwobenen Watzmanns. „Ich habe es geschafft, geschafft, geschafft“, steht in den Tourberichten. Das heißt, er hat es geschafft, die drei Berge schnell und sportlich zu besteigen, denn diesen Anspruch hat er nach wie vor. Wie schön die Natur in den Alpen ist, zeigen beeindruckende Fotos auf www.schwarzfuchs. com. Für Markus Schaumlöffel ist es wie eine Mission, seine Erlebnisse zu publizieren und andere Menschen zu motivieren, in der Heimat unterwegs zu sein. Deshalb hat er eine lange Reportage zu der Tour 3Riesen geschrieben und mit vielen Bildern auf seinen Blog gestellt. Da kann man auch lesen, wie er kürzlich von Straßberg nach Augsburg zum Stadtmarkt zu Fuß gegangen ist. Er wollte mit der Spontan-Ak-

Dieses Heft wurde im

LED-UV

DRUCKVERFAHREN

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tion „meinmarkttag“ an die Menschen erinnern, die früher mit ihren Waren in die Stadt gegangen sind, um sie dort zu verkaufen. Vier Stunden hat er gebraucht durch die westlichen Wälder. „Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt, jeden Morgen einen Halbmarathon zu machen, um zur Arbeit zu kommen, oft beladen mit Waren oder einen Bollerwagen hinter sich herziehend, und abends das gleiche wieder zurück“, war seine Motivation. Kurz nach fünf Uhr ist er mit seiner Hündin Lilli losgegangen, zu einer Zeit, in der früher die Bäuerinnen schon kurz vor Augsburg waren, weil der Markt bereits um 6 Uhr begann. Den größten Teil der knapp 18 Kilometer gingen sie an der Wertach entlang. Nach vier Stunden kamen beide auf dem Stadtmarkt an. Zurück ging es mit Zug und Bus. Aufgeschrieben hat Markus Schaumlöffel seine Eindrücke für die Augsburger Blogparade 2015, bei der Blogger ihr Augsburg vorstellen. rmi

Markus Schaumlöffel lebt mit seiner Familie im Staudendorf Straßberg, einem Ortsteil von Bobingen, und arbeitet in einer Kommunikationsagentur. Er hatte schon immer eine Vorliebe für Abenteuer und Natur, für Schreiben und Fotografieren. Mit seinem Blog schwarzfuchs.com hat er eine Plattform geschaffen, auf der er das alles verbinden kann. Hier schreibt er Outdoor-Reportagen über seine „Abenteuer dahoam“ mit und ohne Mountainbike, macht Tourenvorschläge für die Region Augsburg, die Alpen und andere Gebiete. Die Projekte „3Riesen“ und „20winters“ sind ausführlich von der Planung bis zur Heimkehr dargestellt.

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Foto: Markus Schaumlöffel

TION

I D A R T E R H A J 0 26

■ kein Schutzlack mehr, der die Papieroberfläche verändert


T h e m engebi et farbi g

top schwaben-Serie „Die Landkreise und kreisfreien Städte Schwabens“. Teil 8: Landkreis Lindau

Kolumnentitel


K o lu m nenti tel

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top schwaben

Spezial Landkreis Lindau Das bayerische Schwaben umfasst vier kreisfreie Städte und zehn Landkreise. top schwaben stellt in jeder Ausgabe eine dieser Gebietskörperschaften vor. Der Landkreis Lindau mit seinen 19 Kommunen ist nicht nur der kleinste Landkreis Bayerisch-Schwabens. Auch geografisch sticht er durch seine Randlage mit der natürlichen Grenze am Ufer des Bodensees wie auch seinen zwei unterschiedlichen Landschaftstypen heraus. Das Gefälle auf dem 323 Quadratkilometer umfassenden Landkreisgebiet mit dem Westallgäu und der Bodenseeregion beträgt 1.100 Meter. Der immense Höhenunterschied zeigt sich auch im Klima: Während unten am Bodensee im Frühjahr bereits bei Temperaturen über 20 Grad die Obstbäume blühen, liegt im Westallgäu oft noch meterhoch der Schnee.

Foto: Simon Strobl

Knapp 80.000 Einwohner, davon etwa 25.000 in der Stadt Lindau, hat der Landkreis – und damit eine Bevölkerungsdichte von circa 245 Einwohnern pro Quadratkilometer. Geprägt ist der Landkreis durch Obst- und Weinbau im Westen, während die Milchwirtschaft und Viehzucht das Westallgäu prägt. Mit rund 2,1 Mio. Gästen ist der Landkreis auch eine bedeutende Tourismusregion Schwabens.


t o p s chwaben Spezi al

„Im Landkreis vereinen wir gleich zwei touristische Premium-Marken“ interview mit Landrat Elmar Stegmann Mit seiner exponierten Lage ist der Landkreis Lindau eine Besonderheit: er besitzt längere Grenzen nach Österreich und Baden-Württemberg als zum bayerischen Schwaben. Ist das ein Vorteil oder Nachteil? Stegmann: Beides. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und gute nachbarschaftliche Beziehungen haben für uns von jeher eine besondere Bedeutung. Über verschiedene Gremien arbeiten wir ohne Grenzen zusammen und davon profitieren die einzelnen Akteure – sei es im Tourismus, in der Wirtschaftsförderung oder im Bereich der öffentlichen Sicherheit. Es hat aber auch Nachteile: Gerade hier an der Landesgrenze zu Baden-Württemberg kämpfen wir nicht nur gegen allgemein sinkende Schülerzahlen, sondern auch mit Abwanderungen unserer Schüler nach Baden-Württemberg, weil dort nach Ansicht vieler Eltern und Schüler breitere und durchlässigere Bildungsangebote vorhanden seien.

Foto: Landkreis Lindau

Stichwort Nachbarn: Bregenz wird 2024 Kulturhauptstadt werden. Auch die deutschen Kommunen sind zum Mitdenken und Mitmachen eingeladen. Eine Chance auch für den Landkreis Lindau? Stegmann: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich einige Städte und Gemeinden unseres Landkreis gerne einbringen werden, allen voran die Stadt Lindau. Lindau hat schon seit Jahren kulturell Vieles zu bieten. So zieht die Stadt mit hochkarätigen Ausstellungen beispielsweise von Miró, Picasso oder in diesem Jahr Nolde Kunstinteressierte an. Auch die Stadt Lindenberg hat mit dem neu eröffneten Deutschen Hutmuseum ein interessantes Kulturangebot geschaffen. Ich bin gespannt, welche Gemeinde sich wie beteiligen wird. Als Sie 2008 Landrat wurden, war der Landkreis hoch verschuldet. 518 Euro Pro-Kopf-Verschuldung damals, nur noch 223 Euro heute. In welchen Bereichen wurde in den letzten sieben Jahren vor allem der Rotstift angesetzt. Was kam zu kurz? Stegmann: Wir haben in unsere Schulen kräftig investiert, in die energetische Sanierung unserer Gebäude und in unsere Kreisstraßen. Sicherlich konnten hier nicht alle Wünsche erfüllt werden. Außerdem hatten wir in den letzten Jahren keine Mehrungen in unserem Personalhaushalt. Dies hat in vielen Bereichen zu einer Mehrbe-

lastung der Mitarbeiter geführt. Aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation werden wir nun aber beim Personal massiv aufstocken müssen. Erfreulich an der gesamten Schuldenentwicklung ist, dass sich die Aufwendungen für Schuldzinsen drastisch reduziert haben von etwa 1,5 Millionen Euro in 2008 auf nicht einmal mehr eine halbe Million in diesem Jahr. Das gibt uns etwas Spielraum. In welchen Bereichen setzt der Kreis 2016 (neben den Pflichtaufgaben) Prioritäten? Stegmann: Wichtigstes Thema ist für mich die Bildung. Damit Kinder und Jugendliche in der Region exzellente Zukunftschancen und optimale Lernbedingungen haben, hat der Landkreis seit 2008 aus eigenen Mitteln fast 25 Millionen Euro in die Schulausstattung sowie in den Ausbau und die Sanierung von Schulgebäuden investiert. Familien und Kinder sind existentiell für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, deshalb haben wir darüber hinaus die Angebote der Jugendhilfe weiter ausgebaut und werden dies auch zukünftig tun. Wich-


L a n d krei s Li ndau

Im Tourismus geht der Landkreis einen Sonderweg. 12 der 19 Kommunen positionieren sich als „Tourismusregion Westallgäu“, die anderen sieben orientieren sich am Bodensee. Warum keine Einheit? Stegmann: Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor bei uns im Landkreis. Deshalb soll unser touristisches Potential auch optimal und angepasst an unsere Region genutzt werden. Mit dem Allgäu und dem Bodensee vereinen wir im Landkreis Lindau gleich zwei touristische Premium-Marken, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten auch unterschiedliche Gäste ansprechen. Während im Allgäu Naturerlebnisse, Aktivurlaub sowie Gesundheitsangebote im Vordergrund stehen, punktet der Bodensee mit den Themen Genuss und Panorama. 15.000 Gästebette, 500.000 Gäste, 2 Millionen Übernachtungen. Welche Lieblingsplätze hat der gebürtige Ulmer Landrat Elmar Stegmann in „seinem“ Landkreis? Stegmann: Es fällt mir sehr schwer, mich auf einige wenige Lieblingsplätze festzulegen. Denn es gibt kaum einen anderen Landkreis, der sich durch eine derart große Vielfalt auszeichnet. Aber wenn Sie mich nach meiner Lieblingsjahreszeit fragen, dann ist das auf jeden Fall das Frühjahr. Am Bodensee blühen dann in einem wunderbaren Weiß bereits die Obstbäume, das milde Klima lädt zu einem Kaffee im Freien ein mit Panoramablick über den See und die schneebedeckten Alpen. Und nur einige Kilometer weiter, auf den Höhen des Westallgäus liegt noch der Schnee und erfreut die letzten Wintersportler. Der Landkreis gilt im Tourismus als „Happy End von Deutschland“. Gilt das auch für den Wirtschaftsstandort? Stegmann: Ja, auch wirtschaftlich ist unsere Region überaus attraktiv. Der Landkreis Lindau ist ein strukturell sehr gesunder Landkreis und auch der Arbeitsmarkt kann sich bundesweit sehen lassen. Die Arbeitslosenquote bewegt sich um drei Prozent. Aufgrund seiner geographischen Lage und seiner Anbindung an das übergeordnete Straßennetz ist der Landkreis ein attraktiver Wirtschaftsstandort mit hohem Freizeitwert. Zahlreiche Firmen siedeln sich in dieser dynamischen Wirtschaftsregion an oder erweitern ihre Betriebe, weil ihnen hier optimale Bedingungen geboten werden. Vorrangiges Thema unserer Wirtschaftsförderung sind aber nicht Neuansiedlungen, sondern die Unterstützung unserer Unternehmen vor Ort – gerade auch bei der Gewinnung von Fachkräften.  wos

top schwaben im Abo noch wertvoller! IHRE VoRTEILE

tig sind für mich außerdem eine Förderung des Ehrenamts und der regionalen Unternehmen. Wie intensiv wir zukünftig aufgrund der aktuellen Entwicklung in der Flüchtlingsunterbringung diese Themen weiterverfolgen können, wird sich zeigen.

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Auf den Punkt:

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t o p s chwaben Spezi al

Lindau – der klügste Ort der Welt! Das ist weltweit einmalig: Alljährlich reisen Nobelpreisträger nach Lindau an. Nicht einer oder zwei – 70 Nobelpreisträger kamen diesen Sommer an den Bodensee, um sich von 28. Juni bis 3. Juli mit 672 Nachwuchswissenschaftlern auszutauschen. Seit 1951 gibt es die so genannten „Lindau Nobel Laureate Meetings“, die dem besonders qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs die außergewöhnliche Gelegenheit geben, zusammen mit Nobelpreisträgern der Disziplinen Physik, Physiologie/Medizin und Chemie in einen Dialog zum Austausch von Wissen und Erfahrungen zu treten und sich gegenseitig zu inspirieren. Bei den jungen Teilnehmern handelt es sich um ausgezeichnete Studierende, Doktoranden und Post-Docs unter 35 Jahren, die in Bereichen der Medizin, Physik oder Chemie forschen. Sie hatten sich erfolgreich in einem mehrstufigen internationalen Auswahlverfahren beworben. „Die Qualität der Bewerbungen konnte gegenüber den Vorjahren noch einmal deutlich gesteigert werden“, sagt Burkhard Fricke, emeritierter Professor für Theoretische Physik, Mitglied des Kuratoriums der Nobelpreisträgertagungen und Koordinator des Auswahlverfahrens. „Fachlich war das Teilnehmerfeld noch nie so breit und interdisziplinär aufgestellt wie 2015. Nicht selten ist unter den jungen Forscherinnen und Forschern der Typ Doktorand, der mit physikalisch-technischen Methoden unter Einsatz von chemischen Mitteln medizinische Fragestellungen bearbeitet“, erklärt er. Das Teilnehmerfeld hat sich im Zuge des kontinuierlichen Ausbaus des Netzwerks akademischer Partnerinstitutionen stetig internationalisiert. Die diesjährigen

Teilnehmer kamen aus 88 Ländern, zu denen neben den großen Forschungsnationen wie USA, Großbritannien, Japan, Israel und Deutschland auch Entwicklungsländer wie Bangladesch oder Simbabwe zählen. Rund 200 Wissenschaftsakademien, Universitäten, Stiftungen und forschende Unternehmen aus über 50 Ländern waren am Auswahlverfahren für die Nachwuchswissenschaftler beteiligt. Als besondere Chance sehen viele die Gelegenheit, ihre eigene Forschungsarbeit in einer der Master Classes vorzustellen. Denn Austausch, Vernetzung und Inspiration bilden seit der Gründung der Tagungen im Jahr 1951 ihren Kern, denn Ziel der Lindauer Nobelpreisträgertagungen ist der interkulturelle und generationenübergreifende Austausch von Wissen und Erfahrungen wie auch der Aufbau von Netzwerkkontakten. Wie alle fünf Jahre üblich, brachte die 65. Tagung junge Wissenschaftler aller drei naturwissenschaftlichen Nobelpreisdisziplinen zum Austausch zusammen. „Unsere Wissenschaftslandschaft wird zukünftig wesentlich stärker als heute interdisziplinär geprägt sein, weil nur so die anstehenden großen Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden können. Mit unseren interdisziplinären Tagungen wollen wir einen Beitrag zur Förderung der nächsten Generation von Spitzenforschern leisten“, sagt Wolfgang Lubitz, Direktor des Max-Plack-Instituts für Chemische Energiekonversion und Vize-Präsident des Kuratoriums für die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau. wos/gvds

Internationale Bodenseekonferenz

Fotos: Christian Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings (3)

Leben, Natur, Kultur, Wirtschaft: Die Zusammenarbeit ist grenzenlos! Zwar liegt der Landkreis Lindau am äußersten Rande Südwestbayerns – ein Standortnachteil ist das jedoch sicher nicht: Denn am Bodensee denkt man nicht in engen Grenzen, sondern international. Seit 44 Jahren arbeiten die Anrainer-Kommunen, -Länder und -Staaten z. B. in der Internationalen Bodenseekonferenz IBK aktiv zusammen. Damals, 1972, war die Zeit, als der Bodesee zu kippen drohte und sich langsam ein Bewusstsein dafür zu entwickeln begann, dass Umweltprobleme nicht an regionalen oder Staatsgrenzen Halt machen. Heute ist die IBK ein kooperativer Zusammenschluss der an den Bodensee angrenzenden und mit ihm verbundenen Länder und Kantone Baden-Württemberg, Schaffhausen, Zürich, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Fürstentum Liechtenstein, Vorarlberg und Bayern. Die IBK hat sich zum Ziel gesetzt, die Bodensee-

region als attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern und die regionale Zusammengehörigkeit zu stärken. Durch die politische Abstimmung und gemeinsame Projekte leistet die IBK einen nachhaltigen Beitrag zur Überwindung der Grenzen in der Region. Das Leitbild der IBK für den Bodenseeraum bildet die Grundlage der Zusammenarbeit. Den Vorsitz der IBK führt in diesem Jahr Baden-Württemberg in Person des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der sein Vorsitzjahr 2015 unter das Motto „IBK: ideenreich – bodenständig – kompetent“ gestellt hat. Die zahlreiche Sitzungen der Kommissionen, Projekt- und Arbeitsgruppen zu Themen des Verkehrs, der Umwelt, Wirtschaft, Kultur und Sozialem finden zwischen den deutschen, Schweizer und österreichischen Städten am See wechselnd statt.  pme


L a n d krei s Li ndau

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Handwerk und Hightech

Immer ausgebucht: In diesem Jahr tauschten sich 70 Nobelpreisträger und 672 Nachwuchswissenschaftler in Lindau aus.

„Thema unserer Wirtschaftsförderung sind nicht Neuansiedlungen, sondern die Unterstützung der Unternehmen vor Ort.“ Elmar Stegmann, Landrat des Landkreises Lindau

Ob im Baumaschinenbereich, in der Luftfahrtindustrie oder in der Verkehrstechnik: Bei zahlreichen Liebherr-Produkten spielt Elektronik eine entscheidende Rolle. Dabei baut die Firmengruppe auf fortschrittliche Technologien aus dem eigenen Haus. Die Liebherr-Elektronik GmbH in Lindau am Bodensee entwickelt und fertigt hochwertige Hard- und Software. Diese wird in zahlreichen Anwendungsbereichen mit Erfolg eingesetzt. Wie heute üblich, werden Elektronik-Komponenten zunehmend komplexe Automatisierungslösungen abverlangt. Zugleich verschärft sich der internationale Wettbewerb im Hinblick auf Kosteneffizienz, und die Innovationszyklen verkürzen sich immer weiter. Das im Jahr 2000 in Lindau in Betrieb genommene, breit aufgestellte Forschungs- und Entwicklungsteam der Liebherr-Elektronik GmbH trägt dazu bei, in diesem dynamischen Marktumfeld Schritt zu halten.

Einer ganz anderen Thematik hat sich die Liebherr-Aeropace verschrieben. Dieses Unternehmen der Gruppe sitzt in Lindenberg und liefert Luftmanagementsysteme, Flugsteuerungs- und Betätigungssysteme, Hydrauliksysteme und Fahrwerke – ebenfalls ein hochspezialisierter Hightechbereich der Industrie. Die Systeme von Liebherr-Aerospace sind an Bord vieler Flugzeugprogramme: In Verkehrsflugzeugen, Zubringerflugzeugen und Regionaljets, Geschäftsflugzeugen, Kampfflugzeugen, Militärtransportern, militärischen Trainingsflugzeugen sowie in zivilen und militärischen Hubschraubern. Rund 2.500 Mitarbeiter sind bei Liebherr Lindenberg/Friedrichshafen beschäftigt, „Hightech made in Schwaben“ zu produzieren. Hightech vom Bodensee Zurück nach Lindau: Dort hat sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Liebherr ein weiterer Hightech-Spezialist niedergelassen. Automotive Distance Control Systems GmbH Industrial Sensors ist ein Unternehmen des DAX-notierten Continental-Konzerns. Dort arbeitet man mit der Uni Konstanz und der Fachhochschule Kempten zusammen, um Fachpersonal für das „Auto der Zukunft“ zu gewinnen. Denn auch bei Continental Lindau arbeitet man daran, Assistenzsysteme mit Distanz- und Geschwindigkeitsmessungen oder radarunterstützten Kollisionsschutz zu entwickeln, um zu erreichen, dass ein Auto irgendwann weitgehend selbstständig von A pme nach B fährt. 

Fotos: Wolfgang Strobl

Podiumsdiskussion mit Nobelpreisträger

Der Blick in die Landschaft täuscht gewaltig: Die Wirtschaft des Landkreises Lindau wird nicht nur getragen von Tourismus und Obstanbau. Der Landkreis ist auch Standort innovativer Industriezweige. In Lindau schlägt das „elektronische Herz“ der Firma Liebherr. Direkt an der Autobahnausfahrt Lindau werden Hightech-Baugruppen von rund 640 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Elektroniktochter des Konzerns entwickelt und gefertigt. Rund ein Viertel der Belegschaft ist im Bereich Forschung und Entwicklung tätig. Die hochwertigen Elektronik-Baugruppen und Komponenten aus Lindau kommen in zahlreichen Maschinen der Firmengruppe zum Einsatz. Auch externe Kunden verlassen sich auf die durchdachten, langlebigen Lösungen und die robuste Bauweise.


t o p s chwaben Spezi al

Ein Landkreis – zwei Ferienregionen: Westallgäu und Bodenseeregion Das Westallgäu – eine Kraftquelle

Foto: Westallgäu, Allgäuer Käsestraße

Die zwölf Orte im Westallgäu positionieren sich im touristischen Markt mit eigenen Produkten. „Kraftquelle Allgäu“ ist ein Schlagwort, mit dem das Westallgäu seine Einzigartigkeit unter Beweis stellen will. Es geht darum, vom täglichen Zeit- und Termindruck abzuschalten, zur Ruhe und in Einklang zu kommen – ein Riesenmarkt, weil landauf, landab der Wunsch nach seelischem und geistigem Wohlbefinden groß ist. So spielen Kräuter und Heilpflanzen eine große Rolle. Nicht nur, dass es drei Kräutergärten im Westallgäu gibt – der Gast im Westallgäu wird eingeladen, bei Wanderungen mit Kochkurs, Seminaren und Workshops sich aktiv dem Thema zu nähern. Auch das Pilgern ist ein wichtiger Baustein im Selbstverständnis des Westallgäus, wo das touristische Jahr in eine „helle“ und eine „dunkle“ Zeit gegliedert wird. Das Pilgern, so die Touristiker im Landkreis, „ist ein wichtiger Baustein in der hellen Zeit des Aufbruchs und der Reifung. Das stark zunehmende Interesse am Pilgern begründet sich in dem Bedürfnis der Menschen nach Sinnsuche und Spiritualität. Wer pilgert, geht heraus aus den Pflichten und Zwängen des Alltags, öffnet seine Sinne, konzentriert sich auf das Wesentliche und ist bereit, aufzubrechen“. Aufbrechen muss auch, wer die Westallgäuer Wasserwege kennenlernen will - ein weiterer Themenbereich. 31 Wanderungen zu Bächen, Wasserfällen, Weihern und Mooren wurden entwickelt, ausgeschildert und touristisch erschlossen, ebenso wie die „Allgäuer Käsestraße“, die sogar eine eigene Website bekommen hat. Sie kann in vier oder fünf Tagen mit dem Rad oder Auto bereist werden und verbindet das bayerische mit dem württembergischen Allgäu.  pme

Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Landschaftstypen, die der Landkreis Lindau in sich vereint. Unten am See liegt die Bodenseeregion, oben am Berg die Tourismusregion Westallgäu. Um beide Regionen unter einem Dach zu vereinen, hat der Landkreis 2010 das „Regionale Tourismusmanagement“ eingeführt, das von zentraler Stelle aus den Tourismus im Landkreis strategisch koordiniert, Projekte initiiert und die Kooperation zwischen den landkreisangehörigen Orten im Westallgäu und am Bayerischen Bodensee vertieft. Als Leiterin des Regionalen Tourismusmanagements hat Marina Kluge die Aufgabe, Schwerpunktthemen zu schaffen, in denen die beiden ungleichen Schwestern zusammenarbeiten können, um Synergien zu schaffen. Es geht darum, die Gäste, die an den bayerischen Bodensee kommen, für das Westallgäu zu interessieren und umgekehrt. Denn das ist das Erstaunliche: Die rund 1,1 Mio. Gäste, die pro Jahr ganz gezielt nach Lindau, Nonnenhorn, Wasserburg und Bodolz kommen, wollen eben an die bayerische „Cote d‘Azur“ am Bodensee. Das nahe Westallgäu ist aus Touristensicht „eine andere Welt“ – in der übrigens ebenfalls jedes Jahr auch eine knappe Million Gäste gezählt werden. Die wiederum kommen ganz gezielt ins Westallgäu, um aktiv Natur zu erleben oder sich Gesundheitsthemen zu widmen. Beide Tourismusregionen innerhalb des Landkreises gehen in der Vermarktung unterschiedliche Wege: obgleich mit eigenem Webauftrtitt Westallgaeu.de, schloss sich die Voralpenregion im Landkreis Lindau der Marke Allgäu und ihrer Themen an. Die Städte am bayerischen Bodensee wiederum treten gemeinschaftlich mit der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH auf, um ihre werbliche Kraft zu bündeln – ein Kraftakt auch für Tourismusmanagerin Kluge, die den Landkreis in beiden Gremien vertritt. „Wir konnten uns das nicht aussuchen,“ sagt sie „die touristische Trennung ist konsequent und resultiert aus der Zielgruppenbetrachtung unserer beiden unterschiedlichen Regionen“. Dort, wo man gemeinsam Kräfte bündeln kann, machen


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die beiden Tourismusregionen „gemeinsame Sache“. „Genuss“ ist so ein Thema, bei dem die Bodenseeregion die Produkte Äpfel und Wein, das Westallgäu die Produkte Käse und Kräuter einbringt – ebenso „Pilgern“, wofür der Landkreis eine Jakobspilger-Broschüre aufgelegt hat. „Mit unseren beiden Regionen haben wir ganz sicher eine touristische Sondersituation“, sagt Marina Kluge, „das macht unseren Landkreis so vielfältig“. wos

Scheidegg schenkt sich eine Oper Als 2010 die Idee aufkam, dass sich die Scheidegger „eine Oper schenken“, waren viele skeptisch. Denn es war ein ehrgeiziges Projekt, an drei Abenden im Kurhaus Scheidegg die Barock-Oper „Die Rückkehr des Odysseus“ aufzuführen. Wolfgang Schmid, der in Scheidegg und Graz lebt, hatte die ungewöhnliche Idee. Der Professor für Musikdramatische Darstellung wollte mit seinem OpernTraum seine „50-jährige Verbindung zu Scheidegg intensivieren“. Und das ist ihm gelungen. Nach dem Odysseus 2011 brachte er 2013 Händels „Alexander“ auf die Bühne. Und derzeit werden gerade sechs Gesangssolisten, 28 Instrumentalisten und der 20-köpfige Chor gesucht, um am 16., 18. und 20. September 2016 Mozart in das Kurhaus zu zaubern, wenn die „Entführung aus dem Serail“ auf dem Spielplan steht. Derzeit bemüht sich Schmid um Sponsoren, Spender, Quartiergeber und Helfer. Denn die Künstler werden bis zu sechs Wochen in Scheidegg leben, proben und in Privatquartieren wohnen, die von den Scheideggern zur Verfügung gestellt werden. Ab Januar beginnen die Proben, ab Mai 2016 läuft die Bewerbung dieses ehrgeizigen Projektes an. Mehr Informationen unter Scheidegg Tourismus. wos

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Hut ab: Lindenberg zeigt 300 Jahre Hutgeschichte(n) Das „Deutsche Hutmuseum“ ist nicht ohne Grund in Lindenberg beheimatet. Der Westallgäuer Ort war im 19. Jahrhundert eine „Boom-Town“ in Sachen Kopfbedeckung. 1838 nahm die erste Fabrik die Strohhut-Produktion auf, 100 Jahre später beschäftigte allein die Firma Reich 1.200 Menschen in der Hutfarbikation. Aus Lindenberger Produktion gingen um 1900 rund 4 Millionen Strohhüte in die Welt – obwohl der Ort selbst nur 5.000 Einwohner zählte. In der einstigen Fabrik der Hutfirma Reich, für sich allein bereits eine Adresse erstrangiger Industriekultur, kann auf fast 1.000 Quadratmetern barrierearmer Fläche durch 300 Jahre Hutmode spaziert werden. Im Mittelpunkt seit Dezember 2014 neu konzipierten und modern gestalteten Dauerausstellungen stehen die Menschen, die aus Lindenberg Anfang des letzten Jahrhunderts das „Klein-Paris“ der Hutmode gemacht haben. Überhaupt: Der Hut hat auch heute noch seinen festen Platz in Lindenberg. Große Stadtfeste wie der „Huttag“, der das nächste Mal wieder am 8. Mai 2016 stattfinden wird, sind den Hut-Liebhabern und Hut-Trägerinnen gewidmet. Wer meint, das seien Exoten, irrt. Mehr als 10.000 Besucher trafen in diesem Jahr bei herrlichem Sommerwetter zwischen Stadtplatz, Hauptstraße, Hutmacherplatz bis zum neuen Museumsplatz vor der Kulturfabrik samt Hutmuseum zusammen.  wos

Lindau und das „Schwäbische Meer“ Selbstbewusst inszeniert sich das „Schwäbische Meer“ als „Deutschlands attraktivste Urlaubsregion“. Keine Frage: Der Bodensee und sein Ufer bieten kulturell, sportlich und kulinarisch Einiges. Vor allem die Stadt Lindau ist auf bayerischer Seite ein „Hot-Spot“ für Gäste aus aller Herren Länder. Die 24.500-Einwohner-Stadt ist die südwestlichste Stadt des Freistaates Bayern und Bayerisch-Schwabens und umfasst eine Fläche von 3.300 Hektar. Bekannt und berühmt ist Lindau allerdings vor allem aufgrund seiner nur 68 Hektar, die auf die historische Altstadt entfallen, eine Insel im Bodensee. Dort „spielt die Musik“. Die einmalige Lindauer Marionettenoper, die als einzige Puppenbühne nur Musiktheater spielt, das mit der „Hochzeit des Figaro“ 1951 eröffnete Stadttheater mit Parkett und zwei Rängen, das in den Mauern der ehemaligen Barfüßerkirche gebaut wurde und die Casino-Bühne mit Kleinkunst, Tanz und Clubatmosphäre bringen Leben in die Stadt. So international wie seine Besucher sind auch Lindaus Kunstausstellungen im Stadtmuseum: Nach Picasso, Chagall, Miró und Matisse wurden in diesem Jahr Werke von Emil Nolde im „Haus zum Cavazzen“ gezeigt. Das mit seinem mächtigen Walmdach und schmuckvoller Fassadenmalerei sehr markante „Haus zum Cavazzen“ selbst bezeichnen die Lindauer mit stolzer Brust als „schönstes Haus am Bodensee“. Es steht am Lindauer Marktplatz, ein paar Gehminuten vom Lindauer Hafen entfernt. An den Adventswochenenden verwandelt sich die Seepromenade in eine stimmungsvolle Kulisse. Tausende Lichter erleuchten die Buden der Lindauer Hafenweihnacht – einmalig in Bayerisch Schwaben. pme


tTohpe m s chwaben engebi et farbi g

Kochköpfe

Foto: Peter Buchner

heute: stefan fuSS

Kolumnentitel Porträt


K u lin rikm nenti tel K oalu

t op sch waben

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31 Jahre alt, voller Ideen und Tatendrang: das ist Stefan Fuß, Koch und Besitzer des Gasthauses Goldener Stern in Rohrbach/Friedberg. Und er hat ein Konzept – ein klares Konzept. Immer, wenn man etwas über das Gasthaus „Goldener Stern“ liest oder hört, geht es um „kompromisslose Qualität“. Dies bezieht sich im Hause Fuß auf alles rund um das Gasthaus und natürlich vor allem auch auf die Küche. Stefan Fuß verwendet größtenteils Zutaten aus der Region. „Gemüse und Salat liefern uns die Bauern, Spätzle und Nudeln machen wir selbst. Süßwasserfische bezieht der Koch aus Kissing, Schweinefleisch kommt aus Baindlkirch, Reh, Wildschwein und Wildenten aus der eigenen Jagd vom Schwiegervater in Rieden. Das Lokal gehört nicht nur zum Verein der Wittelsbacher Spezialitätenwirte, es liegt außerdem auch im Bereich des sogenannten „altbayerischen Oxenweges“ und darf damit Speisen von einer ganz besonderen, nur hier in der Region geborenen, aufgewachsenen und geschlachteten Och(x)senrasse zubereiten und anbieten.

spannende Wechselwirkung zwischen traditionell und innovativ, zwischen bodenständig und modern entwickelt. „Es wird bewusster gegessen“, sagt Fuß. Das ganze Thema Transparenz und Zurückverfolgung von Lebensmitteln bis zum Ursprung wird in der Zukunft noch mehr Gewicht bekommen, ist er sicher. Und die Qualität wird noch mehr im Vordergrund stehen. Er sei auf kein bestimmtes Klientel aus, betont er: „Ich möchte ein zeitgemäßes Gasthaus, indem der Gast im Mittelpunkt steht und nicht das Konzept, „egal ob er einen „Schweinbraten mit Knödel“ isst oder „Lammcannelloni und Rücken auf Auberginen-Graupen“.

„Ich wollte nie etwas anderes machen als kochen“, sagt Stefan Fuß, der im „Herzog Ludwig“ in Friedberg gelernt hat und jetzt in dritter Generation den „Goldenen Stern“ im Familienbesitz führt. „Beim Opa war’s noch eine ganz normale Dorfgaststätte“. Die Eltern von Stefan Fuß haben die Gaststätte samt Landwirtschaft vom Opa übernommen. 1994 kam dann der große Umbruch: „Mit der Landwirtschaft ging’s nicht weiter – alle haben sich auf die Gaststätte konzentriert“, erinnert sich Stefan Fuß, „ich bin ein typisches Wirtshauskind.“ Er ist in der Stube aufgewachsen und er wird den „Goldenen Stern“ in die Zukunft bringen – als echten Familienbetrieb. Ganz ohne Angestellte geht es freilich auch in Rohrbach nicht. „Unser Team ist ein Teil des Erfolgsrezeptes“ freut sich Stefan Fuß. Und dann wären wir auch wieder bei der „kompromisslosen Qualität“. „Die gilt nämlich auch für unser Team“, ergänzt er.

Apropos Auberginen-Graupen: Einmal im Monat serviert Stefan Fuß sehr Ausgefallenes, sprich Gourmetküche. Es kommt eine ästhetisch, schöne Inszenierung auf den Teller. Die besonderen Gerichte und die neuen Kreationen von Stefan Fuß haben den „Goldenen Stern“ in Rohrbach zu einem Kulinarium der Wittelsbacher Köstlichkeiten gemacht. Und die Gäste aus Nah und Fern finden es offensichtlich gut, denn dieses Angebot ist meist ausgebucht.

Der 31-Jährige, der mit seiner Lebensgefährtin zwei Kinder hat, fährt im „Goldenen Stern“ die klassische Schiene, interpretiert aber auch Gerichte, probiert etwas aus, kreiert neu. Über die Zeit hat sich so eine

Kochausbildung im „Herzog Ludwig“, Friedberg. Inhaber „Goldener Stern“, Rohrbach Credo: „kompromisslose Qualität“ mit Faible für regionale und saisonale Küche. Kocht gern bodenständig, aber auch kreativ Der „Goldene Stern“ ist Mitglied bei den „Wittelsbacher Spezialitätenwirten“

Ich möchte ein zeitgemäßes Gasthaus, in dem der Gast im Mittelpunkt steht und nicht das Konzept.

Wer gute Küche bietet, wird Anfragen für Catering bekommen. Das ergänzt sich optimal mit dem á-la-carte-Geschäft, findet Stefan Fuß. Vor rund zehn Jahren hat er sein eigenes Cateringunternehmen gegründet. Damals natürlich noch nicht so professionell. Mittlerweile ist es eine wichtige Säule seines Geschäftsmodells. „Wir haben regelmäßig Kunden, für die wir in deren eigener Küche kochen. Meist sind 15 bis 20 Gäste eingeladen“. Dann sind aufwändige Menüs mit sieben bis acht Gängen gefragt. Stefan Fuß präsentiert seine Koch- und Catering-Künste mittlerweile auch in der Staatskanzlei und im bayerischen Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium. Die Leute aus dem Dorf und der Umgebung waren schon immer Gäste im „Goldenen Stern“ und dem möchte der junge Mann auch weiterhin gerecht werden. Aber er möchte natürlich auch neue Wege gehen, extravagante Sachen ausprobieren und umsetzten. „Unser Konzept ist, den Gästen eine Alternative zu geben“, betont Stefan Fuß und meint damit die Rohrbacher ebenso wie die Auswärtigen. Wer dann noch neugierig auf Neues ist und gerne Herausforderungen meistert, dem bringt das Geschäft zudem Spaß und Inspiration. pif


t o p s chwaben 

Kulinarik

Fotos: Restaurant Weinbar Gänsweid, Stefan Mayr

Weinempfehlungen – mitunter ein Erlebnis ... Im Wein liegt Wahrheit. Ein berühmter Satz aus römischer Zeit, der Weintrinker und Weinmacher heute gleichfalls zum Schmunzeln bringen kann. Denn Wahrheit ist durchaus interpretierbar und oft schwer aufzufinden. Im Wein hängt die Wahrheit gerne mal platt nur knapp über dem Flaschenboden. Jedenfalls – und das können langjährig erprobte Weinfreunde sicher bestätigen – scheint die Diskrepanz zwischen den vollmundigen Aussagen auf den Rückenetiketten und der Qualität im Flascheninneren in den letzten Jahren eher auf breiter Front zuzunehmen. Hier sprechen wir nicht von Discounter-Weinen für zwei oder drei Euro. Bei solchen Angeboten darf sich sowieso niemand ernsthaft arglistig getäuscht fühlen. Aber auch darüber kann der Preis nur ein Indiz sein und muss nicht bedeuten, dass der Inhalt ein schönes Trinkerlebnis beschert. In seltenen Fällen kann dies schon ab fünf Euro pro Flasche gelingen und zwischen zehn und 30 Euro darf man häufiger erwarten, dass der Wein wirklich schmeckt. Ein Flaschenpreis über 50 Euro bedeutet aber in aller Regel nur, dass das Weingut bereits eine gewisse Berühmtheit erreicht hat und den Wein auch nach China exportiert. Was dazwischen einen Wein wirklich zum Genusserlebnis werden lässt, ist seine Ausgewogenheit, also das fein austarierte Spiel zwischen Süße und Säure, zwischen Struktur und Frische, zwischen Frucht und Tanninen, also den Gerbstoffen aus Schalen und Kernen. Fällt einer oder mehrere dieser geschmacksbestimmenden Vektoren aus dem Rahmen, schmeckt der Wein einfach nur sauer oder pappig süß, dünn, fade oder marmeladig, gelegentlich lässt er gar den ganzen Mund pelzig werden. Zuviel Säure und Tannine können sich zwar durch Lagern abbauen. Dieser Prozess funktioniert in der Regel allerdings nur bei hochwertigen Weinen und sachgerechter Lagerung optimal und kann auch dazu führen, dass das nächste Ungleichgewicht den Wein matt oder sperrig erscheinen lässt. Diese Unausgeglichenheit wird

gerne schon auch als Charakter verkauft, bedeutet aber eigentlich, dass dem Winzer im besten Falle nur mal ein Jahrgang misslungen ist oder aber es mit seinem Können grundsätzlich nicht so weit her ist. Wie also findet man einen guten Wein? Freunde und der Weinhändler des Vertrauens sind eine Hilfe. Ausprobieren auch. Wer Flasche um Flasche verschiedenster Anbaugebiete testet, und dies mit jedem Jahrgang aufs Neue, wird sich an die guten Weine herantasten. Die diversen Weinratgeber bieten leider kaum Hilfe, denn hier werden Gläser, Sterne oder Punkte zunehmend äußerst subjektiv und immer weniger nachvollziehbar verteilt. Übrigens: • Das Öffnen der Flasche eine Stunde vorher nützt gar nichts. Es braucht eher einen ganzen Tag oder aber das Umfüllen in ein Dekantiergefäß, damit ein Wein gewinnt. • Restaurantpersonal nach Weinempfehlungen zu fragen, ist mitunter ein Erlebnis. Denn häufig hat dieses wenig Ahnung von der Materie und den dazu passenden Gerichten – und noch seltener vom persönlichen Geschmack des Gastes. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel. • Und im Ernst: Ein „Sauerampfer“ kann durch ein Teelöffelchen Zucker oder Traubenzucker genießbar gemacht werden, ein fader Wein mit etwas Zitronen- oder Ascorbinsäure aufgepeppt werden. So werden auch Limonaden aromatisiert, weshalb bei vorsichtiger Dosierung (vorher im Glas ausprobieren) Bedenken nicht bestehen müssen. Hätte übrigens der Winzer besser gearbeitet, müsste keiner auf solche eigentlich dumme Ideen kommen. • Wer blumig beschriebene Zitrusreflexe, Leder, Tabak, Brombeeren, Kirschen oder gar animalische Geschacksnoten nicht aus jedem Wein herausschnuppern kann, muss nicht verzweifeln. einen großen Wein niemals erkennen geschweige denn ihm gerecht werden zu können. Einen großen Wein erkennt jeder sofort. Denn ein solcher riecht edel, schmeckt einfach nur lecker. Und das zu fast allem und vor allem fast jedem.  wiwo


Ga st ro-Kri ti k

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Zwiebelspalten wolfgang wiedemann testet die schwäbische gastronomie: heute Restaurant gänsweid in Wertingen

Gänsweid Wertingen

Restaurant, Café, Weinbar Dass ein Menschenleben zuallererst aus einer Aneinanderreihung von Notwendigkeiten besteht, ist eine Binsenweisheit. Essen, Trinken, Schlafen und Arbeiten werden einem hierzu einfallen, und ich gebe an dieser Stelle offen zu, vor allem dafür recht gerne zu arbeiten, mir gutes Essen und Trinken leisten zu können. Wenn sich dann noch jemand findet, dessen ganz offensichtlich auch gern getane Arbeit darin besteht, mir allerfeinstes Essen und Trinken zu servieren, haben beide Seiten das Notwendige zum Erlebenswerten gebracht. Passiert ist ein solcher Glücksfall im Restaurant Gänsweid in Wertingen, verantwortlich hierfür sind Sabine Simon und Markus Egger sowie ihre sichtlich sehr motivierten Mitarbeiter in Küche und Service. Dabei stellte wohl bereits die Tatsache, an einem Freitag den allerletzten Platz reserviert zu bekommen, einen Glücksfall dar, denn das wirklich ansprechend und mit großer Sorgfalt gestaltete Restaurant scheint durchwegs sehr gut besucht zu sein. Zu Recht, denn schon die Preisgestaltung ist angesichts der Gesamtleistung – hierzu gehört eben auch die wertige Unterbringung des Gastes – bemerkenswert. Vor allem die bei den Hauptspeisen recht anständigen Portionen runden dieses Gesamtbild nochmals ab. Im Restaurant wird die handgeschriebene Tagesspeisekarte als Aufstelltafel vor den Tisch gestellt. Diese ist nicht allzu umfangreich, was auch als Indiz für die Frische der Zubereitungen gelten darf. Probiert wurden die Vorspeisen Kürbissuppe und Tau-

benbrüstchen auf Salaten, beides nicht nur ansprechend serviert, sondern vor allem geschmacklich überraschend. Aus einem Speisekürbis ein derartig raffiniert-nuancenreich abgeschmecktes fruchtig-nussiges Suppenerlebnis zu kreieren, zeugt von größerem Talent. Die Taubenbrust war punktgenau gebraten – also noch saftig, aber ohne die bei Geflügel gefährlichen Rohheiten. Bei solch kleinen Fleischstücken deutet dieser Garzustand auf große Sorgfalt in der Küche und ebenso große Rücksichtnahme auf die Gesundheit der Gäste. Sogar ein ganz leichter Wildgeschmack war zu erahnen, man hatte sich gottlob nicht die Mühe gemacht, diesen mit viel Pfeffer oder gar Knoblauch wegzuwürzen. Umrandet war das Ganze mit feinem konzentriertem Geflügeljus. Das als Hauptgericht gewählte Kalbsfilet mit Steinpilzen war wie gewünscht medium gebraten, also nur im Kern zartrosa. Dieser Gargrad ist beim Kalbsfilet vorzuziehen, da dieses Fleisch im Rohzustand nach „gar nichts“ schmecken würde und auch etwas mehr gegart dennoch zart bleibt. Eine große Ladung selbstgemachter Kartoffelschupfnudeln und ausreichend beste Bratensoße rundeten dieses Gericht ab. Genauso lecker war das geschmorte Wildschwein mit Spätzle, auch hier war eine große Meisterschaft beim Würzen und Abschmecken erkennbar. Nachdem auch die Weinkarte kenntnisreich Ausgesuchtes bot, muss nun das in einem Steinpilz gefundene Sandkorn herhalten – ein „Mangel“, über den man getrost hinweg sehen kann. Unser Fazit: In Wertingen existiert so etwas wie ein gastronomisches Nirwana, der Schwabe würde als Ausdruck höchsten Lobes sogar sagen, dass hier „nix, aber schon gar nix zum schimpfa gwesen“ war.

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Kulinarik

Maultaschen & Meer Die qualitätvolle bayerisch-schwäbische Küche - hier und da durchaus auch mit mediterranem Einschlag - liegt der Redaktion von top schwaben sehr am Herzen. Aus diesem Grund legen wir keinen großen Wert auf Sterne, Kochmützen, Hauben, Töpfe, Rauten und was es sonst noch alles an kreativen Einfällen für Bewertungskategorien gibt – sondern auf Geschmack, Qualität und ein authentisches Ambiente. Wir freuen uns auch auf die Anregungen unserer Leser – auch, um entsprechende Lokale testen zu können.

Berghof

Obere Mühle

Waldvogel

Bergstraße 12, 86199 Augsburg Tel. 0821 99 84 322 www.berghof-augsburg.de

Ostrachstr. 36/40, 87541 Bad Hindelang Tel. 08324 2857 www.obere-muehle.de

Grüner Weg 1, 89340 Leipheim Tel. 08221 27 97 0 www.wald-vogel.de

Die Ecke Elias-Holl-Platz 2, 86150 Augsburg Tel. 0821 510 600 www.restaurant-die-ecke.de

Drei Königinnen Meister-Veits-Gäßchen 32, 86152 Augsburg Tel. 0821 15 84 05

Zum Tobias

Weber am Bach

Rothen 129 1/2, 7471 Durach Tel. 0831 63355 www.waldgasthaus-tobias.de

Untere Bachgasse 2, 87700 Memmingen Tel. 08331 24 14 www.weber-am-bach.de

Lustiger Hirsch Akams 3, 87509 Immenstadt Tel. 08323 49 15 www.lustiger-hirsch.de

Hotel Hirsch Kaiser-Max-Str. 39 - 41, 87600 Kaufbeuren Tel. 08341 43 03-0 www.goldener-hirsch-kaufbeuren.de

Lustküche

Posttürmle

Mittlerer Lech 23, 86150 Augsburg Tel. 0821 780 84 22 www.restaurant-lustkueche.de

Hanuselhof

Wendelwirt Kaufbeurer Straße 32, 87656 Germaringen Tel. 08341 966 28 40 www.wendelwirt.de

Bahnhofsplatz 4, 87534 Oberstaufen Tel. 08386 74 12 www.posttuermle.de

Helinger Straße 5, 87480 Weitnau-Hellengerst Tel. 08378 9200-0 www.hanusel-hof.de

Bayerischer Hof

Maximilians

Füssenerstr. 96, 87437 Kempten Tel. 0831 571 80 www.bayerischerhof-kempten.de

Freibergstraße 21, 87561 Oberstdorf Tel. 08322 96 78-0 www.das-maximilians.de

Hubertus

Zum Stift

Wenglinger Str. 2, 87674 Apfeltrang Tel. 08341 819 76 www.hubertus-apfeltrang.de

Stiftsplatz 1, 87439 Kempten Tel. 0831 22 3 88 www.zum-stift.de

Silberdistel Sonnenalp 1, 87527 Ofterschwang Tel. 08321 272 900 www.sonnenalp.de/kulinarik-kultur/ essen-trinken/silberdistel


R e staurant-Gui de 

t op schwaben

Mittelburg

Dorfhaus

Mittelburgweg 1-3, 87466 Oy-Mittelburg Tel. 08366 180 www.hotel-mittelburg-allgaeu.de

Kirchdorfer Str. 7, 87534 Oberstaufen Tel. 08325 95 80 www.dorfhaus.de

Landhaus Weller Wohlmutser Weg 2, 87463 Dietmannsried/Probstried Tel. 08374 232 40 90 www.landhaus-weller.de

Traube Kirchdorfer Straße 12, 87534 Oberstaufen Tel. 08325 92 00 www.traube-thalkirchdorf.de

Speisemeisterei Burgthalschenke Vöhringen Untere Hauptstraße 4, 89269 Vöhringen Tel. 07306 52 65 www.burgthalschenke.de

Waldhäusle Waltenhofen Helen 95 1/2, 87448 Waltenhofen-Memhölz Tel. 08303 256 www.waldhaeusle.de

Goldener Stern

Gänsweid

Dorfstraße 1, 86316 Rohrbach Tel. 08208 407 www.gasthaus-goldenerstern.de

Gänsweid 1, 86637 Wertingen Tel. 08272 64 21 32 www.gaensweid.de

Brauerei-Gasthof Hirsch Hirschstraße 2, 87527 Sonthofen Tel. 0 8321 67 2 80 www.brauereigasthof-hirsch.com

Klosterbräuhaus Ursberg Dominikus-Ringeisen-Str. 2, 86513 Ursberg Tel. 08281 99 89-0 www.klosterbraeuhaus.de

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Goldenes Kreuz Marktplatz 1, 87487 Wiggensbach Tel. 08370 922 780 www.goldeneskreuz-wiggensbach.de

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Kultur

Veranstaltungen November 2015 bis Februar 2016

Bis So., 22. November

Bis So., 29. November

Bis So., 10. Januar

Bis So., 24. Januar

Ein langer Weg zum Frieden

Impressionen aus Memminger Kirchen

Augsburg, Grafisches Kabinett im Höhmannhaus

Stadtmuseum Memmingen

Lebensgeister

KUNST I STOFF

Maximilianmuseum Augsburg

tim Augsburg

Außergewöhnliche Ledermasken, handwerklich meisterhaft gearbeitet, sind das Ergebis einer intensiven Auseinandersetzung der Künstlerin Hella BuchnerKopper, die ihre Werke im Maxmuseum zeigt.

Die Ausstellung, die das Textilmuseum ästhetisch auf den Kopf stellt, läuft noch bis 29. November. Die Besucher erwartet ein anregender KUNST | STOFF, der das tim in ganz neuer Weise sehen lässt.

Do., 20. November bis So., 6. Dezember

Bis So., 29. November

35. GroSSe Nordschwäbische Kunstausstellung Im Zeughaus Donauwörth, Rathausgasse 1, stellen Künstler aus Schwaben-Nord und Augsburg ihre Werke aus. Ausstellungseröffnung und Kunstpreisverleihung ist am 19. November.

Augsburger Friedensgemälde von 1650 bis 1789

Der Fotograf Winfried Schwarz zeigt seine Impressionen aus Memminger Kirchen im Stadtmuseum

Mein Weg zur Freiheit Augsburg, Schaezlerpalais

Bis 26. Januar

Im Café und Liebertzimmer des Schaezlerpalais: Fotografien von Daniel Biskup: „Budapest – Berlin. Mein Weg zur Freiheit“

Bis Mo., 11. Januar Gesichter des Verschwindens und Aufruhr in Augsburg

Sa., 28. November bis So., 10. Januar

Glaspalast Augsburg

67. GroSSe Schwäbische Kunstausstellung 67 Werke von 56 Künstlern sind bei der „Großen Schwäbischen“ im Augsburger Schaezlerpalais zu sehen.

November bis Februar Eukitea-Theater Diedorf Einzigartig bei Eukitea ist die Verbindung von Theater und Prävention als Schnittstelle von Kultur und Sozialer Arbeit. Jetzt startet wieder die Saison. „Der goldene Vogel“ feiert am 29. November Premiere, „Der gestiefelte Kater“ kommt am 31. 1. und 7. 2 ins Theater. Dazwischen gibt es am 23. 1. „The Gift“, ein Konzert. Alle Infos: www.eukitea.de

Bis Mo., 11. Januar, läuft die Ausstellung Faces of Disappearance / Gesichter des Verschwindens im H2 Zentrum für Gegenwartskunst. Bis Oktober in der Staatsgalerie Moderne Kunst (ebenfalls Glaspalast) die Ausstellung „Aufruhr in Augsburg“.

„Literatur als Lebenshilfe“ und „Geschichte im Traum“ Uni Augsburg Jeweils dienstags und an fünf Terminen mittwochs, 18.15 Uhr, finden in der Universität Augsburg, Großes Hörsaalzentrum (Gebäude C) Ringvorlesungen statt. Literatur, Politik, Bildung – das Themenfeld ist unter der Überschrift „Literatur als Lebenshilfe“ weit gespannt. Mittwochs laden die Augsburger Historiker dazu ein, über „Träume und ihre gesellschaftliche Relevanz von der Antike bis zur Gegenwart“ nachzudenken. Infos, Termine: www.uni-augsburg.de Der Eintritt ist frei.


Ve r a ns tal tungen t op sch w aben

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Bis Februar Schwäbisches Krippenparadies Landkreis Günzburg

Ausstellungseröffnung: Prosit Neujahr! Der Jahreswechsel und das Glück Ab 29. November ist im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld die Sonderausstellung „Prosit Neujahr! Der Jahreswechsel und das Glück“ zu sehen. Traditionell ist der Abschluss eines Jahres ein besonderes Ereignis, das speziell gefeiert wird. Dabei markiert der Silvesterabend eine Zäsur, eine Verabschiedung des Alten und ein Aufbruch ins Neue. Die gemeinsame Feier bis zum Feuerwerk, das Glas Sekt um Mitternacht, ja der gesamte Jahreswechsel ist stark von Ritualen durchwoben. Die Ausstellung erzählt von den historischen Anfängen des Silves-

terfests bis zu seinen heutigen Ausprägungen, auch in verschiedenen Kulturkreisen. Am Neujahrsabend wird wie selbstverständlich mit guten Wünschen, Hoffnungen und Vorsätzen in die Zukunft geblickt. Dabei sind wie an keinem anderen Fest Glückssymbole präsent, um Fortuna auf die Sprünge zu helfen. Vor diesem Hintergrund wird auch das Phänomen Glück beleuchtet und seinen Bedeutungen nachgegangen, die es in unserer Alltagskultur hat.  edi

„Turnusführung“ im Naturmuseum Immer am ersten Sonntag des Monats bietet das Naturmuseum ab 14 Uhr seine beliebte Turnusführung für die ganze Familie an. Dabei geht es auf eine spannende Entdeckungstour durch alle Ausstellungsbereiche des Naturmuseums mit Blick auf die Geschichte unseres Planeten, insbesondere die jüngere Erdgeschichte unserer Heimat, sowie auf die unglaubliche Vielfalt der Natur. Auf der gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen Expedition

sollen Antworten auf Fragen gefunden werden wie: Was haben Elefanten, Krallentiere und Bärenhunde in Augsburg zu suchen? Kann man in Deutschland freilebende Geier beobachten? Wie giftig ist der Biss einer Vogelspinne? Oder, gibt es wirklich meterlange Tausendfüßler? Auf der Suche nach Antworten geht es auf eine Zeitreise von den eiszeitlichen Mammuts und bayrischen Ur-Elefanten über die Zeitalter der Dinosaurier und Riesen-Krabbeltiere durch

zahlreiche Naturkatastrophen hindurch bis zur Entstehung des Lebens in der Ursuppe. Die Führungen im Augsburger Naturmuseum zeichnen sich dadurch aus, dass alle Teilnehmenden aktiv einbezogen werden und spezielle Exponate auch zum „Begreifen“

dabei sind. Außerdem sorgen lebendige Tiere für wahrhaftige Belebung. Die persönliche Begegnung mit exotischen Krabbeltieren ist nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern sie kann empfindsamen Menschen auch dabei helfen, ihre Berührungsängste gegenüber solchen Tieren zu vermindern.

Foto: Naturmuseum Augsburg, Schw. Volkskundemuseum Oberschönenfeld, Archiv/Veranstalter

Vom 1. Advent bis Maria Lichtmess am 2. Februar wird der Landkreis Günzburg zum „Schwäbischen Krippenparadies“. Privatleute öffnen ihre Türen, führen ins Wohnzimmer, private und Kirchenkrippen sind Anziehungpunkte für Krippenfreunde auch von weit her. Alle (öffentlichen) Krippen, Veranstaltungen, Märkte und Überischtsbroschüre zum Download unter www.familien-und-kinderregion.de


t o p s chwaben 

Zu g uter Letzt

Hand auf’s herz Sina Trinkwalder Geschäftsführerin manomama, Augsburg

Schwabe oder Bayer?

Schwäbischer Europäer, der in Bayern lebt.

Spätzle oder Maultaschen?

Linsen mit Spätzle und Maultaschen mit Kartoffelsalat.

Wasser oder Wein?

Wein niemals ohne Wasser zwischendrin, sonst gibt es keinen guten Morgen.

Berge oder Meer?

Ganz klar: Meer. Berge, nur wenn es sich um Arbeit handelt.

G‘lobt oder nix g‘sagt?

Was nützt Wertschätzung im Stillen?

Stadt oder Land? Stadt.

Radfahren oder Laufen?

Am liebsten ist es mir, wenn es läuft.

FCA oder FCB?

Flüchtlinge in fabrikanten-Villa? im spickel sieht Man‘s gelassen ... Hauseigentümer im Villenviertel Harvestehude in Hamburg haben Klage gegen ein Flüchtlingsheim in ihrer Nähe eingereicht und einen Umbaustopp für das vorgesehene Gebäude erwirkt. Eine Begründung war die Wertminderung der Immobilien. Was das mit Schwaben zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn das Augsburger Harvestehude heißt „Gartenstadt Spickel“, ist das Nobelviertel der Fuggerstadt – und soll zukünftig in einer Industriellenvilla 37 Asylanten aufnehmen. Gegenden wie der Spickel werden von Immobilienmaklern als „Premiumlagen“ bezeichnet, weil hier die Mieten und Kaufpreise teils deutlich über dem Durchschnitt liegen. Die Gartenstadt zwischen Friedberger Straße, Zoo und Siebentischanlage wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Siedlung mit kleinen Ein- und Mehrfamilienhäusern angelegt. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren kamen viele Reihenhäuser und Bungalows hinzu. Vor allem der südliche Teil sei „in wohlhabenderen Kreisen beliebt“, schrieb das Magazin Capital 2014 in seinem Immobilienkompass. „Besonders begehrt sind die Häuser aus den 30er Jahren. Die wenigen historischen Bauten knacken beim Verkauf auch mal die Millionengrenze“, heißt es. Richtig, bei Immobilienscout findet sich ein „Bungalow in Bestlage“ für 1,29 Millionen Euro, eine Sieben-Zimmer-Villa kostet knapp eine Million. Nun sollen ausgerechnet in die Luxuslage der Carron-du-Val-Straße Flüchtlinge ziehen. Diese, am westlichen Rand des Spickels, entzieht sich fast völlig den Blicken, steht inmitten eines großen Parks hinter hohen Hecken und Bäumen, direkt an der Bahnlinie. Das Anwesen gehört einem Investor, der es abreißen und auf dem Gelände neu bauen will. Es passt also in die Kategorie „Leerstände“, die bei der Suche nach dezentralen Unterkünften für Flüchtlinge ins Visier genommen werden. Es scheint geeignet zu sein, denn die Stadt hat das Gebäude für drei Jahre gemietet und will hier 37 Asylbewerber unterbringen. Denn in jedem Stadtteil – auch im Spickel – soll laut Stadtratsbeschluss wenigstens eine dezentrale Unterkunft entstehen. Argumentiert wird damit, dass sich so das Potential der Helfer für die notwendige Integration der Menschen am besten erschließen lasse. Man will zudem nicht, dass in einigen wenigen Stadtteilen der Eindruck entsteht, dort würden sehr viele Asylbewerber untergebracht und in anderen keine. Laut Sozialreferent Dr. Stefan Kiefer sollen im Spickel Erwachsene einziehen, möglichst Familien, und keine minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge. Nun fühlte man sich im Spickel unwohl, eine Bürgerversammlung wurde einberufen – auch weil der eine oder andere Hausbesitzer mit Problemen rechnet. Denn wie in Harvesterhude sorgt man sich vor allem um eines: dass die eigene Immobilie durch die neue farbige Nachbarschaft deutlich an Wert verlieren könnte. Darüber diskutiert bereits auch das Netz in entsprechenden Foren. „30 bis 40 Prozent vom Verkehrswert der Immobilie können sie gleich abziehen“, schreibt einer – was einige Makler für gar nicht so unrealistisch halten. Doch erstaunlich: während die Harvesterhuder vor Gericht ziehen, um die Flüchtlinge zu verhindern, zeigt sich die Nachbarschaft im Spickel aufgeräumt: Nach dem Einzug der ersten fünf Erwachsenen und sieben Kinder berichten Nachbarn, dass es sich um „sehr ordentliche Familien“ handele.  rmi

Wir sind die Nummer 1: A.

eCar oder SUV?

Elektroauto. Auf Afrikas Straßen dann gerne einen echten Geländewagen.

Foto: Michael Schrenk, Cartoon: Klaus Prüfer

Sparen oder „Häusle baue“?

Erst sparen, dann Häusle bauen. Auf Pump baut sich es unruhig.

Volksmusik oder Jazz? Jazz.

Am liebsten wäre mir jetzt ...

… eine gute Tasse Kaffee. Und die hole ich mir nun. Mietpreise rauf, Eigentumspreise runter: So sehen Schwarzmaler die Situation am Wohnungsmarkt


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Top Schwaben 2015_04  

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