Lückenschluss

Page 1

Till Boettger und Birgit Franz (Hg.)

Resiliente Quartiersentwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden





LÜCKENSCHLUSS


Impressum LÜCKENSCHLUSS: Resiliente Quartiersentwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne die Genehmigung der Rechteinhaber reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Herausgeber und Herausgeberin: © Till Boettger und Birgit Franz. Die Verantwortlichkeit für Bildrechte und Inhalte liegt bei den Autorinnen und Autoren der Einzelbeiträge. Es kann kein Schadensersatz für Fehler und Unrichtigkeiten geleistet werden. Redaktionelle Bearbeitung: Till Boettger und Birgit Franz. Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Gestaltung: Carmen Wagner und Jens Hartmann. Druck: buch.one Offsetdruckerei Karl Grammlich GmbH, Pliezhausen. Verlag: Fruehwerk, Hildesheim / Berlin 2022. ISBN 978-3-941295-24-7 (Druckausgabe) / DOI:10.5165/hawk-hhg/epublication/493 (Open Access)

Mit freundlicher Unterstützung von:


LÜCKENSCHLUSS Resiliente Quartiersentwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden Till Boettger und Birgit Franz (Hg.)


INHALT

08 10 18 24 34

Grußworte Arne Butt, VGH Stiftung Tobias Dannenberg, Stadt Hann. Münden

Weiterbauen ukunftsräume im Stadtdenkmal am Beispiel Hann. Münden Z Till Boettger und Birgit Franz

Ein Ganzes formen as Zusammenspiel von Gebäudetypen in einer Stadtstruktur D Till Boettger

Denkmalschutz und Stadtbildpflege Im Porträt Till Boettger und Birgit Franz im Gespräch mit Burkhard Klapp und Sabine Momm

Fotogeschichten pochen-Kartierung des Stadtkerns E Till Boettger und Daniel Moris


46 56 64 74 88

Holzbauweisen und Brandschutz Im Porträt Till Boettger und Birgit Franz im Gespräch mit Tanja Götzel und Christoph Hall

Regionale Identitäten oworking- und Coliving-Spaces in Mittel-, Klein- und Landstädten im Trendradar C Birgit Franz

Stadtentwicklung Im Porträt Till Boettger und Birgit Franz im Gespräch mit Nicole Prediger und Friedhelm Meyer

Fachwerkerbe ermittlungen im Modell V Cornelia Blum, Paul Nicklaus, Greta Singelmann, Dennis H.-J. Szabo, Lennart Wulf, Tianlu Yu

Lückenschluss in Holz on Umgebungen, Hüllen und Inhalten V Dennis H.-J. Szabo, Tianlu Yu, Paul Nicklaus, Lennart Wulf


GRUSSWORTE Als im November 2020 der Brand in der Rosenstraße in Hann. Münden drei Fachwerkbauten zerstörte und weitere unbewohnbar machte, wurde dies von allen Seiten als fatales Unglück empfunden. Der Verlust historischer Bausubstanz warf jedoch bald nach dem Schock die Frage auf, wie mit der ‚Wunde‘ in der dicht bebauten historischen Innenstadt umgegangen werden soll. Die entstandene Leerstelle im Stadtbild verlangte und verlangt eine Reaktion! Doch wie kann eine solche Reaktion baulich ausgestaltet und welche Ziele können bzw. sollen dabei in den Blick genommen werden? Die Verantwortung für das denkmalgeschützte Ensemble der Altstadt muss im Stadtraum mit neuen Ideen und Anforderungen in Einklang gebracht werden. Ein Lückenschluss soll in Formensprache, Material und Nutzung mit dem historischen Erbe kommunizieren und sich auf die Stadtgestalt einlassen; zugleich muss er aktuelle Entwicklungen der Wohn- und Arbeitswelt resp. im Klimaschutz aufnehmen und eine zeitgemäße Antwort geben. Die vorliegende Studie LÜCKENSCHLUSS: Resiliente Quartiersentwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden nimmt diese vielschichtige Aufgabe in den Fokus. Die Studierenden und Lehrenden der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen (HAWK) liefern damit nicht nur einen Beitrag zur konkreten Debatte um den Umgang mit der Baulücke in der Rosenstraße, sondern zeigen Chancen auf für die zukünftige (Weiter-) Entwicklung der Innenstadt. Die VGH Stiftung, die in ihren Förderbereichen Literatur, Kulturelle Bildung, Denkmalpflege und Wissenschaft Projekte finanziell unterstützt, sieht in der vorliegenden Studie einen denkmalpflegerisch, baukulturell und landesgeschichtlich wichtigen Beitrag der Wissenschaft, um den Schutz unseres kulturellen Erbes und die Weiterentwicklung unserer gebauten Umwelt nicht als Gegensatz, sondern miteinander verzahnt zu denken. Die dabei diskutierten Argumente sind nicht nur für Hann. Münden relevant, sondern im Grundsatz auf viele Ortschaften anwendbar, die die Bewahrung ihres gewachsenen Stadtbildes zeitgemäß interpretieren wollen.

VGH Stiftung Arne Butt Referent für Denkmalpflege und Wissenschaft

08


Die Projektskizze der HAWK zur Machbarkeitsstudie LÜCKENSCHLUSS: Resiliente Quartiers­ entwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden unterstütze ich als Bürgermeister der Stadt. Mit dem ‚frischen‘ Blick der jungen Studierenden, betreut von Prof. Dr.-Ing. Birgit Franz und Prof. Dr.-Ing. Till Boettger, leistet sie einen wichtigen Beitrag für die Stadt- und Quartiersentwicklung in Hann. Münden. Bereits 2013 hat Frau Prof. Dr.-Ing. Birgit Franz auf dem 4. Fachwerktag Südniedersachsen ihren Vortrag Regionale Koordinierungsstelle Fachwerk-Stadt – abgestimmte Entwicklungs­ strategien zur Stadterneuerung in Hann. Münden präsentiert. Dabei konnte von den jeweiligen Verwaltungsspitzen der fünf Städte Duderstadt, Einbeck, Northeim, Osterode am Harz und Hann. Münden die Kooperationsvereinbarung für das Regionsprojekt Fachwerk5Eck unterzeichnet werden. Das geplante Vorhaben basiert auf den Erkenntnissen aktueller Debatten, wonach sich das Leben in den Kleinstädten und Mittelzentren in peripheren Räumen dauerhaft verändern wird. Somit müssen dringlich neue Arbeits-, Wohn-, und Gemeinschaftsmodelle unter Beachtung der Nachhaltigkeit entwickelt werden. Die Stadt Hann. Münden ist offen für innovative Ideen, was sich besonders durch die am 14. Februar 2013 gegründete Bürger­genossenschaft gezeigt hat, die inzwischen mehrere Fachwerkhäuser in der Altstadt sanieren konnte. Mittlerweile hat die Genossenschaft rund 400 aktive Mitglieder. Die vorgenannten kurzen Ausführungen verweisen darauf, dass aus Sicht der Stadt Hann. Münden für Lückenschlüsse über gemeinschaftliche Finanzierungsmodelle nachgedacht werden sollte. Zu nennen sind hier neben dem genossenschaftlichen Prinzip ebenso Bauherrengemeinschaften, Bürgerfonds oder Stiftungen. Bezogen auf die konkrete Brandlücke in der Rosenstraße 5, 7 und 9 wird mit Blick auf die Abwicklung mit den Brandversicherungen und die Findungsprozesse der Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer für die Wiederbebauung vermut­lich noch einige Zeit benötigt. Die Machbarkeitsstudie LÜCKENSCHLUSS: Resiliente Quartiers­ entwicklung für die denkmalgeschützte Fachwerkaltstadt Hann. Münden kann somit vorab maßgebliche Impulse für eine zukünftige Nutzung geben. Sehr freut mich, dass es immer wieder zu nachhaltigen Kooperationen zwischen der Stadt Hann. Münden und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen (HAWK) kommt und bedanke mich für die gute Zusammenarbeit.

Tobias Dannenberg Bürgermeister Hann. Münden

09


WEITERBAUEN Zukunftsräume im Stadtdenkmal am Beispiel Hann. Münden Till Boettger und Birgit Franz

Fachwerkaltstädte in ihrer Struktur und Substanz zu bewahren und zugleich zukunftsorientiert zu transformieren, gleicht in der Komplexität der Lösung des gordischen Knotens. Lückenschlüsse übernehmen in diesem Zusammenspiel eine tragende Rolle, unabhängig von der Ursächlichkeit derselben. Werden diese Verletzungen als Ermöglichungsräume erkannt, bergen sie wegweisende Potentiale für die gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung. In der Öffentlichkeit werden Lücken jedoch zumeist eher schmerzlich als Wunden im Organismus wahrgenommen, die es schnellstmöglich zu heilen gilt. Vermittlungsarbeit kann hier aufklärend helfen und das Stadtdenkmal gestärkt aus der Krise hervorgehen, sofern beim Lückenschluss ‚frische‘ Erkenntnisse zur Stadt- und Quartiersentwicklung, zum Klimaschutz und zur Baukultur kombiniert gedacht werden. Aufbauend auf dem Verständnis der schützenswerten Stadtgestalt, der Analyse fehlender Funktions- und Nutzungsangebote und in Kenntnis der Förder- und Trägerlandschaft kann aktive, mindestens jedoch strategische Bodenpolitik erforderliche Projektentwicklungen zielgenau vorantreiben. Inwiefern in historischen Stadtkernen und Stadtbereichen mit besonderer Denkmalbedeutung nachhaltig mit vergleichbaren Verlusten umgegangen werden könnte, zeigen die hier vorgelegten Studien zur Stadt Hann. Münden und zur Baulücke Rosenstraße 5, 7 und 9. Zum stark von Fachwerkbauten geprägten historischen Erscheinungsbild erfolgt der Brückenschlag, indem das Weiterbauen in zeitgemäßen Holzbauweisen neben den Gründen des Klimaschutzes mit Bedacht als baukulturell folgerichtige Antwort angesehen werden kann.

10

Die hier vorgelegten Ergebnisse werden in ihren Impulsen als übertragbar erachtet. Vor allem dann, wenn maßgebliche Akteure vor Ort den Mut finden, das Stadtdenkmal behutsam und kreativ zugleich zu denken, auf den Prüfstand zu stellen und zu transformieren, beispielsweise bezüglich seiner künftigen Leistungsfähigkeit für neue Gemeinschaftsformen (Co-Kreationen). Für detektierte Leerstellen können dann stadtmaßstäbliche Angebote entwickelt, realisiert und angeboten werden. Die gegenständliche Baulücke ist die Folge eines schweren Brandereignisses, bei dem im November 2020 drei Fachwerkbauten in Gänze zerstört wurden, zwei weitere seither nicht mehr nutzbar sind und mehrere Gebäude in der Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Reaktionen der Öffentlichkeit, medial aufbereitet, machten deutlich, wie emotional betroffen eine städtische Gesellschaft ist, wenn infolge von Brandereignissen schützenswertes Kulturgut verlorengeht. Vor diesem Hintergrund wurden die Studien von der anlässlich des 250-jährigen Bestehens der landschaftlichen Brandkasse im Jahr 2000 gegründeten VGH Stiftung gefördert.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

01. Hann. Münden, Kirchplatz

24

64

88

Die Zusammenarbeit der HAWK und der Stadt Hann. Münden blickt inzwischen auf 15 Jahre gemeinsame Historie zurück. Stets ging es auch um die bauliche Weiterentwicklung und den Weiterbau des Flächendenkmals. Dieses erfolgte im Rahmen von zahlreichen studentischen Projekt- und Masterarbeiten, wie zur Umnutzung der entwidmeten St. AegiedienKirche, zum kontextbezogenen Bauen, zur energieeffizienten Stadtentwicklung, u. a. m. Hinzu kam die wissenschaftliche Begleitung von städtischen Initiativen und Anfragen, wie 2010 bei der Pressefahrt des Deutschen Nationalkomitees für Denk-­ malschutz, 2011 und 2013 für das Festival DenkmalKunst – KunstDenkmal (DKKD), 2013 im Rahmen des 4. Fachwerktags Südniedersachsen sowie des Tags des offenen Denkmals und für die Fachwerktriennalen in den Jahren 2012 und 2015.

Zukunftsperspektive Zuletzt wurde von der Stadt Hann. Münden im Jahr 2021 die hier gegenständliche, kooperativ durchgeführte Machbarkeitsstudie, die zunächst mit dem Arbeitstitel Zum beispielgebenden Umgang mit Brandlücken in der denkmalgeschützten Fachwerkaltstadt Hann. Münden überschrieben war, mit einem Letter of Intent als gemeinsames Projekt öffentlich gemacht.

„Denkmalschutz ist unser Dank an die Vergangenheit, die Freude an der Gegenwart und unser Geschenk an die Zukunft“ – mit diesen Worten umschrieb Gottfried Kiesow, der Gründer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die Bedeutung von gebautem Kulturerbe für unsere Gesellschaft. Auf dieser gedanklichen Basis wird in einem dokumentierten Gespräch mit den lokalen Akteuren von Denkmalschutz und Stadtbildpflege 1 die bewahrende wie gestaltende Kraft als Aufgabe der amtlichen Denkmalpflege ebenso beleuchtet, wie ihre Nützlichkeit für das Gemeinwohl. Jenes mit den Akteuren der Stadtentwicklung 2 knüpft daran an und lotet dabei exem­plarisch auch die Möglichkeiten und Grenzen verwaltungs­technischer und bürgerschaftlicher Experimen­ tier­felder aus. Die konkreten Gedankenspiele der HAWK-Studierenden zu einem Lückenschluss in Holz 3 sind eingebettet in eine anschauliche Auseinandersetzung mit der Vielfalt tragender Holzbauweisen einschließlich des zugehörigen baulichen Brandschutzes. Für den Weiterbau der als Flächendenkmale geschützten Fachwerkaltstädte ist es wichtig, dass nicht Altes wie neu und Neues wie alt aussieht. Deshalb folgen die Studien zum Lückenschluss der Vision, dass der Weiterbau von Fachwerkaltstädten die prägende Materialität Holz weiterdenkt, sozusagen als zusätzlicher Anker zu den bereits gesetzten Anforderungen an Maßstäblichkeit und Einordnung in den Bestand. Derart wird das authentische Alte, gemeint sind die historischen Fachwerkbauten, durch authentische Zeitgenossen mit dem Gestaltungsausdruck des 21. Jahrhunderts gestärkt.

11


„ Die verschiedenen Darstellungsformen lassen eine einbettende Wahrnehmung möglich werden.“ Till Boettger

Die Baulücke Rosenstraße 5, 7 und 9, die durch das Brandereignis am 6. November 2020 entstanden ist, wird auf den folgenden Seiten strukturell in den städtischen Kontext gestellt. Den Ausgangspunkt der Betrachtung bilden die Drauf- und Ansicht dieser Brandlücke, die einen analytischen Blick zur Abschätzung der Dimensionen und Erkennen der geometrischen Figuren ermöglichen. Es folgen die Ansichten der Häuser in der Rosenstraße als zusammenhängende Fotomontage und Linienzeichnung, die viele besondere bauliche Details im Straßenzug erkennen lassen. In der Zeichnung sind auch die verlorengegangenen Gebäude dargestellt. Die verschiedenen Darstellungsformen lassen eine einbettende Wahrnehmung möglich werden. In einem weiteren Schritt werden zwei Kartierungen gezeigt, die den neuen Standort in der Rosenstraße mit der unmittelbaren und weiteren Umgebung verknüpfen.

12


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

aß e

11,53 m

Baulücke

21,14 m

Durchschuss

K irchs tr

/

21,14 m

Rosenstraße

02. Ansicht und Grundriss der Brandlücke in der Rosentraße (CAD)

13


14 Rosenstraße 17 (ca. 1895)

Rosenstraße 15 (Klassizismus)

Rosenstraße 13 (ca. 1907)

Rosenstraße 11 (Gotik, überformt im Barock)

ehem. Rosenstraße 9 (1950er, aufgestockt, überformt 1960er)

ehem. Rosenstraße 7 (1960er, ergänzt 2000)

ehem. Rosenstraße 5 (Klassizismus, überformt im Historismus)

Rosenstraße 3 (Renaissance)

Rosenstraße 1 (Historismus)

Lange Straße 71 (Frührenaissance, überformt im Barock)

Burgstraße

Lange Straße

03. Ansicht Rosenstraße gen Norden und gen Süden

oben: CAD, Maßstab 1:500

unten: texturiert, Maßstab 1:500


/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Rosenstraße 2 – 4 Lange Straße 73 (Baugenehmigung 1978)

Rosenstraße 6 – 12 (Baugenehmigung 1980)

Rosenstraße 14 (Historismus)

Rosenstraße 16 (nicht datierbar)

Rosenstraße 18 (Barock, überformt im Klassizismus)

Burgstraße

Lange Straße

WEITERBAUEN

Der Straßenzug wird einerseits von Fachwerkgebäuden unterschiedlicher Epochen maßgeblich geprägt, deren ursprüngliche Gestaltung teilweise überformt wurde, und andererseits durch Bauten, die ab den späten 1970er Jahren für den großflächigen Einzelhandel konzipiert wurden. Die bauzeitlichen Zuordnungen wurden den behördlichen Denkmalakten und der Ausarbeitung Systematische Bestandserfassung und epochale Einordnung undatierter Fachwerkbauten mittels deskriptiver Auswertung und statischer Analyse entnommen, erstellt von Rebekka Schindehütte im Sep­tember / Oktober 2015 im Rahmen eines Forschungsprojektes im Zuge des Volontariates im Landesamt für Denkmalpflege Hessen.4

15


o4. Kontext links: Grünflächen und öffentliche Plätze rechts: Anbindung und Nahversorgung

Grünflächen Öffentliche Plätze

Hann. Münden bietet aufgrund der besonderen topographischen Lage am Zusammenfluss von Werra und Fulda zur Weser, der markanten Talkessellage und dank der lebendigen Atmo­s­phäre in der Altstadt mit ihren vielen Fachwerkbauten einen sehr einladenden Ort zum Leben, Arbeiten, Einkaufen und Verweilen. Die öffentlichen Grünflächen und Plätze, ergänzt um die Wallanlagen, haben unter anderem durch ihren gestalterischen Bezug zum Wasser eine besondere Auf­enthaltsqualität. Private und halbprivate, gemeinschaftlich nutzbare Grünräume sind jedoch eher Mangelware im dichten baulichen Miteinander der Altstadt. Bedingt durch die Lage zwischen den beiden schnell erreichbaren Oberzentren Kassel und Göttingen befindet sich der Hann. Mündener Einzelhandel in einer konkurrierenden Ausgangslage. In seiner lokalen Attraktivität wird er insbesondere durch eine Vielzahl an inhabergeführten Geschäften und die über Jahrhunderte gewachsene Baukunst im Flächendenkmal gestärkt.

16


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Anbindung Nahversorgung

Richtung Göttingen

Richtung Kassel

17


EIN GANZES FORMEN Das Zusammenspiel von Gebäudetypen in einer Stadtstruktur Till Boettger

o1 – 03. Fröbel-Spielgabe 5 links: Würfel und Prismen mittig: Schönheitsform rechts: Lebensform

www.stadtentwicklung. berlin.de/planen/stadtmodelle Tröger, Eberhard / Eberle, Dietmar: Dichte Atmosphäre, 2015 Führ, Eduard: Schwarz – Weiß – Denken, 2018

18

Um die Form und die kompositorischen Regeln eines Stadtbaukörpers zu begreifen, zu verstehen und zu gestalten, bietet sich als Einstieg ein Maßstabswechsel an. Einige Städte pflegen Stadtmodelle 1, um sich der Form ihres Stadtbaukörpers bewusst zu werden, andere fertigen eine Schwarzplan-Analyse 2 oder einen Nolli-Plan 3 an. In diesem Abstraktionsprozess wird die typologische Klarheit herausgeschält, indem unwichtigere Eigenarten geglättet und entscheidende Besonderheiten herausgearbeitet werden. Diese Methode wird in vielen stadtplanerischen und architektonischen Prozessen immer wieder genutzt und hat eine lange Tradition. Bei Neuplanungen können Verän­derungen im Kontext bewertet werden. Der Überblick vom Ganzen geht nicht verloren.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

Die genannte Methode kann in ihrer Funktionsweise und Wirkung mit Hilfe eines Exkurses, der diesen Perspektivwechsel unterstützt, anschaulich gemacht werden. Es soll verdeutlicht werden, wie durch eine modellhafte Betrachtung das ‚Ganze‘ formal gebunden und geteilt werden kann, um dann mögliche Strukturen und Spielvarianten aufzuzeigen. Friedrich Fröbel, Pädagoge im 19. Jahrhundert, gilt nicht nur als ‚Erfinder des Kindergartens‘, sondern er hat als ‚angewandter Gestalter‘ auch eine Spielmethodik für geometrische Grundformen entwickelt. Seine Spielgaben wurden für verschiedene Altersstufen geschaffen und laden mit Anleitungen zum Bilden von Schönheitsformen und Lebensformen ein. Besonders interessant für unsere Betrachtungen sind die Spielgaben 3–­6, die Systeme schaffen, die immer wieder zwischen dem Ganzen und den einzelnen Teilen pendeln.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Die kubische Form der Kiste stellt den Start und Endpunkt des Spiels dar, fasst als Hülle die Gestalt und lässt sie immer präsent sein. Die einzelnen Steine ergeben sich aus einer eleganten Teilung der ‚Würfelmasse‘. Diese Proportionierung bildet die Matrix der einzelnen Teile. Die Bausteine lassen sich immer wieder zum Ganzen zusammentragen, entfalten aber im Setzen und Legen ihre eigene neue Form und Gestalt. Wichtig ist, dass die Würfelmasse konstant bleibt. Für Friedrich Fröbel war es wichtig, diesen Bezug nicht zu verlieren. Jede Legeanleitung umfasst alle Steine. Das perfekte Spiel!

19


Fulda

Werra

Rosenstraße Lange Straße Mühlenstraße

04. Schwarzplan der Stadt Hann. Münden

Für die Übertragung auf einen Stadtkörper lassen sich der Würfel und die möglichen Kompositionen aus den einzelnen Spielgaben-Teilen als Formen einer Stadt verstehen, die gewisse äußere Begrenzungen und eine ihr innenwohnende Struktur besitzt. Die festen Ränder bei der Ausdehnung einer Siedlung bzw. einer Stadt entstehen meist durch landschaft­ liche Besonderheiten wie Flüsse, Meere, Gebirgsketten oder andere natürliche Kanten. In der Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden schmiegt sich der Stadtkörper in Form eines etwas ‚deformierten Wappenschildes‘ an Werra, Fulda und Weser an. Die Begrenzungen durch die Flüsse binden die Form der Stadt und lassen eine gewisse Selbstverständlichkeit und Klarheit in Bezug auf Lage und Geometrie erkennen.

20

Die durch den Verlauf der Stadtmauer abgerundete, stabile Form wird durch Straßenschnitte wie bei einem Wappen in Felder geteilt. Markant sind die Durchschüsse Lange Straße und Mühlenstraße, die in den Brücken ihre verlängerten Arme finden. Die Lange Straße halbiert das Schild in zwei lang­ gestreckte Teile, die Mühlenstraße definiert im Norden die Viertelteilung der waagerechten Schnitte. Es entstehen überwiegend Füllungen, die als geschlossene Häuserblocks gelesen werden. Aus der dunklen, zusammenhängenden Masse lösen sich die hellen, leeren Figuren des Marktplatzes und des Schlossplatzes heraus. Als letzte Ebene der Stadtformbildung kann man die Einzelformen Kirche, Rathaus und Schloss klar herauslesen.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

05 – 06. Form-Legungen mit Spielgabe 5 links: Im Schwarzplan der Stadt Hann. Münden rechts: Als abstra­­hierter Häuserblock

Taut, Bruno: Architekturüberlegungen. 1935 / 36

Aus dem Blickwinkel des städtebaulichen Maßstabs betrachtet, werden die einzelnen städtischen Blöcke mit ihrer geschlossenen Bauweise zu Bausteinen, die durch eine Teilung des gesamten Stadtbaukörpers entstehen. Diese Sichtweise lässt Marktplatz, Schlossplatz und die Ränder im Süd-Westen und Süd-Osten zu klar definierten Weißräumen werden. Sie sind öffentliche Freiräume, die als eigenständige Figuren Ausnahmen im System bilden. Es entsteht eine geordnete Struktur wie bei den gelegten Spielgaben. Geht man eine Maßstab-Ebene tiefer und analysiert die aneinandergereihten Häuser, die einen Block formen, werden eckige Felder mit geschlossener Außenkante erkennbar, die an die Formen der gegliederten Strukturen bei Fröbels Schönheitsformen erinnern.

Diese Proportionierung 4 des Grund und Bodens ist nicht ‚nur‘ ein Spiel, sondern eine Parzellierung, die eine Balance von Baumasse und Leerraum beabsichtigt. Einige Blöcke bilden fast eine homogene Masse, die nur vereinzelt durchbohrt ist. Andere Blöcke stellen sich eher als dicker Ring dar und besitzen räumlich gesehen einen zusammenhängenden Innenhof. Deutlich werden unterschiedliche Dichten und vereinzelt fehlende Zähne im Perimeter. Dennoch wirkt der Stadtkörper homogen und das liegt im Besonderen an der geschlossenen Erscheinung der einzelnen Häuserblöcke, den Bausteinen im Stadtensemble. Der Stadtkern der Stadt Hann. Münden kann als eine Fachwerkbaumasse gelesen werden.

21


Becher, Bernd / Becher, Hilla: Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes, 1977

Hann. Münden als Fachwerkstadt bietet uns eine typologische Betrachtung an, da eine durchgängige Konstruktionsmethode der einzelnen Häuser entscheidend den architektonischen Ausdruck sowohl im Einzelnen als auch im Straßenzug bzw. Ensemble bestimmt. Die konstruktiven Elemente sind in ihrer Beschaffenheit und Zusammensetzung so klar und logisch gefügt worden, dass sie über einen Entwicklungszeitraum einen Typus schufen und in der Gruppe zum Muster werden. Die innere Logik der Gestalt lässt sich erkennen, nachvollziehen und auch beschreiben. Wir kennen dieses Phänomen auch aus anderen Kontexten. In den bildenden Künsten zum Beispiel werden durch ‚Typusbildungen‘ Menschen, aber auch Dinge kategorisiert, um Wesensarten darzustellen. Typen bekommen ihren Ausdruck nicht durch das Hervorheben besonderer Eigenarten oder Details; diese stehen nicht im Zentrum der Betrachtung. Es wird in gewisser Weise generalisiert, um den grundlegend bestimmenden Bauplan zu kommunizieren. Bei einer Typenbildung geht es um das Sammeln von Ähn­ lichkeiten in der Varianz. Es werden Serien gebildet, die ihre Kraft im Besonderen durch das Kollektiv erhalten. In der Architektur gibt es eine ausdifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Begriff Typus bzw. Bautypologie. Diese Betrachtung ist immer abhängig von der Gewichtung, d. h. welcher Architektur bildende Faktor als entscheidend angesehen wird und die Sortierung bestimmen soll. Wenn bei der Betrachtung die drei konstituierenden Faktoren Ort, Programm und Konstruktion genutzt werden, dann lässt sich leicht vorstellen, dass sich bei jedem Blickwinkel Typen herausbilden, je nachdem welcher Aspekt als entscheidend angesehen wird und die Sammlung bestimmt. Besonders interessant ist es, wenn das Zusammenspiel aller Faktoren einen konzeptionell scharfen Typus bildet. Bestimmte Orte mit besonderen klimatischen Verhältnissen können einen Typus hervorbringen. Deutlich wird dies in der Sprache. Wir sprechen von Land- und Stadthäusern oder in einem nächsten Schritt sogar von Schweizer Berghütten. Bei dem Blick durch den Programm-Filter verhält sich das analog. Wir können die funktionalen Zusammenhänge scharf stellen und Gebäude als einen formalen Ausdruck einer Tätigkeit sehen. Wir sprechen dann zum Beispiel von Schulgebäuden und Geschäftshäusern. Auch wenn die Betrachtung der Konstruktion in den Vordergrund gerät, lassen sich Typen bilden.

22

Fachwerkhäuser oder Blockhäuser sind Bautypologien, die für eine spezielle Konstruktion und Bauweise mit besonderen Ma­ terialien stehen. Für die konzeptionelle Architekturbetrachtung wird es interessant, wenn alle drei Faktoren die Typenbildung unterstützen und sich bedingen. Dies wird zum Beispiel bei den Fachwerkhäusern im Siegener Industriegebiet 5 deutlich. Bernd und Hilla Becher haben diese Häuser kartiert und mit austarierten Aufnahmen Sammlungen geschaffen, die zu einer typologischen Sehweise führen. Wir sehen durch die Zusammen­ stellung der Fotografien die Ähnlichkeiten und Unterschiede gleichzeitig. Es entstehen Erwartungen aus strukturellen Gesetzmäßigkeiten. Bei einer intensiven Betrachtung wird deutlich, wie die typologische Zugehörigkeit zum Thema wird, ohne die individuelle Ausformung zu negieren. Wichtig sind bei diesen Sammlungen von Fotos die Formatierungen, d. h. die konzeptionellen Gesetzmäßigkeiten in Bildkomposition, Format und Stimmung. Die gleichförmigen, dokumentarischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Bernd und Hilla Becher schälen das Wesentliche der Typologie heraus, indem Besonderheiten nicht inszeniert werden, sondern im Vergleich gelesen werden können. Gemeinsamkeiten werden sichtbar, das Generierende kann entschlüsselt werden. Diese Sichtweise ist für die Bauformenbildung eine wichtige Erkenntnis. Architektonische Bautypen entwickeln sich durch eine lokale Anwendung spezifischer Baumaterialien und lassen erkennbare Formen entstehen. Die fotografische Dokumentation von Bernd und Hilla Becher und deren Ausstellung und Rezension schaffen eine feste Bindung der Typologie. Die Grundform der Fachwerkhäuser im Siegener Industriegebiet bekommt ein Etikett und verankert sich fest im kollektiven Gedächtnis der Baukultur, ist dort abgelegt und abrufbar.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

34

56

88

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

Für die Stadt Hann. Münden kann die feine Betrachtung von Bernd und Hilla Becher zur Strategie werden, indem die einzelnen Zeitschichten 6 als Ausformungen von typologischen Architekturen gesehen werden. Die Weltkriege im 20. Jahr­ hundert haben hier keine zusammenhängende Bau­substanz zerstört und so wurden in der Vergangenheit nur einzelne Häuser der Altstadt in den verschiedenen Epochen ‚überformt‘ oder ersetzt. Die Struktur blieb erhalten; die kritische Masse an verschiedenen Fachwerkhäusern konnte weiterentwickelt werden und blieb stabil. Bedingt durch geringe Kriegsschäden und die starken topografischen und landschaftlichen Begrenzungen der Flüsse verändert sich diese geschützte, besondere Kollektion an Häusertypen aus verschiedenen Epochen sehr langsam und nur punktuell, ohne die äußere Form der Stadt Hann. Münden zu berühren. Dieser Prozess ermöglicht eine stetige und sensible Transformation. Diese Denkweise lässt es zu, für Lücken oder offene Ränder der Häuserblöcke in Hann. Münden nach Füllungen zu suchen, die sich wiederum als zeitgenössische Typen verstehen. Entscheidend ist es, den Stadtbaukörper als formale Einheit im Sinne von Fröbel zu denken, der kein Korsett ist, sondern eine spielerische Komposition mit festen Regeln. Es kann also nach einem Zusammenspiel der Bauformen in einer Struktur gesucht werden, die ein Gesamtgefüge schafft und pflegt. Wichtig wäre bei diesem Weiterbauen im Besonderen eine Revitalisierung von Bestandsfachwerkhäusern 7 offensiv anzugehen und neue programmatische Forderungen einzu­ beziehen. Mit den jüngsten Brandereignissen stellt sich wiederum die Frage, wie weitergebaut werden soll. Hierfür soll diese typologische und formale Betrachtung helfen und eine Strategie aufzeigen. Es sollte unbedingt eine neue zeitgenössische Typus-Bildung angegangen werden, die angemessene Antworten zu Ort, Programm und Konstruktion formuliert. Diese gestalterische Auseinandersetzung kann zu einem neuen ‚Hann. Mündender Typus‘ 8 führen, der den Stadtbaukörper im Sinne eines Palimp­sests, einer Weiterbeschreibung, behandelt und dadurch Hann. Münden erhaltend und zukunftsorientiert weiterentwickelt. Wünschenswert wäre es, wenn mehrere Leerstellen im Stadtgefüge zusammenhängend, im Sinne des Klimaschutzes mit zugehörigen Dekarbonisierungszielsetzungen, als Holzbau entwickelt würden, um auch für die heutige Zeit eine formale Variation in der Logik der Stadt zu verankern.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Bei einer Typenbildung geht es um das Sammeln von Ähnlichkeiten in der Varianz.“ Till Boettger

23


Im Porträt

DENKMALSCHUTZ UND STADTBILDPFLEGE 24


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Sabine Momm und Burkhard Klapp sind zwei Protagonisten der Unteren Denkmalschutzbehörde in Hann. Münden. Zusammen mit Birgit Franz und Till Boettger von der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK sprechen sie über ihre Vermittlungsstrategien, Problemlagen und Lösungsansätze. Birgit Franz (BF) und Till Boettger (TB) im Gespräch mit Sabine Momm (SM) und Burkhard Klapp (BK)

TB / Für unser heutiges Porträt zum Denkmalschutz und zur Stadtbildpflege haben wir uns Schwerpunkte gesetzt. Fokussieren möchten wir die Einflüsse der Hann. Mündener Beteiligungskultur auf Ihre Kommunikations­ansätze und Vermittlungsstrategien. Austauschen wollen wir uns über die Möglichkeiten eines fruchtbringenden Zusammenspiels von bewahrenden sowie transformierenden Kräften und über den Nutzen der Stadtdenkmalpflege für die ganzheitliche Entwicklung der Stadt. SM \ Wir heißen Sie herzlich willkommen. BK \ Und wir freuen uns auf den Austausch.

Meyer, Friedhelm: Der dynamische Dreiklang. Kultur trifft Denkmal trifft Bürgerschaft, 2020 Franz, Birgit / Hemme, Dorothee: Perspektivwechsel, Kühnheit, Beteiligungskultur. Hann. Mündener Fachwerkaktivismus, 2016

BF / Erfolgreiche Denkmalpflege hat immer viel mit Vermittlungsarbeit zu tun. Seit 2021 heißt Hann. Mündens neue Stadtdenkmalpflegerin Sabine Momm. Für Sie bedeutet das ein neues Aufgabenfeld in vertrautem Umfeld. Sie selber kennen die lokale Bürgerschaft aus Ihrer langjährigen Tätigkeit als Architektin vor Ort und als ehrenamtliche Denkmal­ aktivistin. Bereits im Jahr 2013 zählten Sie im Rahmen des wiederkehrenden Festivals DenkmalKunst – KunstDenkmal 1 zu den pausenlos Handelnden im Projekt 9mal24 2. Einer Performance ähnlich sollte ein ungeliebtes, marodes, zudem brandgeschädigtes Fachwerkhaus inmitten der Altstadt rund um die Uhr in nur neun Tagen saniert werden – so die Idee.

Entsprechend überschlugen sich die medialen Berichterstattungen über die Rettungsaktion. So strahlte beispielsweise der Norddeutsche Rundfunk (NDR) in Kurz- und Langfassungen Berichte über das Ereignis aus und machte die gemeinsame Aktion vieler Menschen der Tat über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Im Jahr darauf nahm die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (VdL) das Projekt für ihre Ausstellung In letzter Minute gerettet ins Visier. Durch dieses für die denkmal 2014 in Leipzig, die Europäische Leitmesse für Denkmalpflege, Restaurierung und Altbau­ sanierung, entwickelte Format erhielt 9mal24 sogar internationale Aufmerksamkeit. SM \ Aus der ganzen Bundesrepublik kam seinerzeit die ehrenamtliche Hilfe von Bürgern, Planern, Handwerksbetrieben und Bauhelfern, um das von vielen als abrissreif bewertete Fachwerkhaus Speckstraße 7 zu retten. Auch, wenn es inzwischen in meinem Alltag weniger spektakulär zugeht, sind meine denkmalaktivistischen Einsätze und mein ehrenamtliches Engagement in der Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG derart nachhaltige Berührungspunkte zum Umgang mit historischer Bausubstanz, dass ich mich vor einem Jahr entschied, hier Stadtdenkmalpflegerin zu werden, wenn auch ursprünglich aus dem Neubau kommend. Dieser bestehende intensive Kontakt zu den Menschen, zur Bürgerschaft, motiviert und bestärkt mich, die Aufgaben einer Stadtdenkmalpflegerin auszuüben.

25


„ Denkmalpflege ist ein Baustein für die gerechte, grüne und produktive Stadt, die niemanden außen vorlässt: weder die Substanz noch die Menschen.“ Birgit Franz

www.fachwerk5eck.de

26

BK \ Da haben wir eine gewisse Parallele in der Vita. Auch ich kam seinerzeit aus dem Neubau, aus dem Industriebau. Mein erster Berührungspunkt zur Denkmalpflege war die Begegnung mit Katharina Thiersch, damals Pionierin der hessischen Denkmalpflege. Ihr mich beeindruckender Aushandlungsprozess, der Aufbau ihrer Argumentationsstränge um die Errichtung eines mächtig hohen Getreidesilos im Kontext der bevorstehenden Beeinträchtigung des Ortsbildes von Stadtallendorf-Schweinsberg waren es (ohne, dass ich es damals schon bemerkt hätte), die sich dauerhaft in meinem Gedächtnis eingenistet haben. Später habe ich mich daran erinnert und die meinigen daran geschärft. Das war meine Basis für meine insgesamt 30 Jahre währende Tätigkeit als Stadtdenkmalpfleger in Hann. Münden. SM \ Und das Festival DenkmalKunst – KunstDenkmal (DKKD) ist das Fundament für die derzeitige Altstadtentwicklung. Im Jahr 2007 erstmals von dem Denkmalaktivisten Bernd Demandt und der Lichtkünstlerin Uta von Schenck erdacht, initiiert und mit der Bürgergemeinschaft realisiert, erfährt es seither viel Aufmerksamkeit als Best-PracticeProzess. Die hier kultivierte Strategie, Menschen mittels darstellender und bildender Künste in leerstehende Gebäude und Baudenkmale zu locken, sie die innewohnende Faszination erspüren zu lassen, so dass sie bereit sind, selber aktiv zu werden, gilt seither als impulsgebendes Vermittlungsformat. So kürte beispielsweise im Dezember 2021 die Fachjury des vom Netz der Regionen ausgelobten Projektwettbewerbs Land.Voraus! das DKKD-Festival als eines von 12 Vorzeige­ projekten in ländlichen Räumen. Über 420 Projekte waren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingereicht worden!

BK \ In den Jahren 2007, 2009 und 2011 waren die Stadtverwaltung und die Stadtdenkmalpflege intensiv in die Festival­organisation eingebunden. Zwischenzeitlich ist das zurück­gegangen, doch das aus positivem Antrieb. In den Anfängen gab es viele verwaltungsrechtliche Rahmenbedingungen abzuklären. Bereits 2013 kam es erstmals zu Routinen für die ehrenamtlich Aktiven. Zugleich kam jedoch das neu entwickelte Format 9mal24 hinzu, das auch die Ämter vor unbekannte und ungeahnte Herausforderungen stellte, die wiederum mit gewohnt verlässlicher Zusammenarbeit antworteten und damit zur Verstetigung des Erfolgs des Festivals beitrugen. Nach vierjähriger Pause begab sich 2017 das bislang auf Hann. Münden begrenzte Festival einmalig in die Fläche und zwar in das sogenannte Fachwerk5Eck 3. Unter diesem Label haben sich 2013 die südniedersächsischen Städte Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode am Harz zu einer Partnerschaft zusammenge­ schlossen. Ziel war und ist es, regionale Verantwortung zu wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Aufgaben zu übernehmen. Durch die erfolgreiche Aufnahme in das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus konnte für das Fachwerk5Eck eine gemeinsame Geschäftsstelle aufgebaut werden, die auch das einmalig in den fünf Partnerstädten ausgerichtete Festival unterstützte. Dabei wurde den Hann. Mündener Akteuren bewusst, dass ein rechtlicher Rahmen langfristig mehr Sicherheit für die ehrenamtlichen Veranstalter bringen würde.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

www.bg-hmue.de

Klapp, Burkhard: Vom Weiterbauen in der Fachwerkstadt – Denkmaleigentümer mit Migrationshintergrund als Bauherren am deutschen Kulturerbe, 2012

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

Sie gründeten dazu 2018 DenkmalKunst e. V., den gemein­ nützigen Verein, der die Veranstaltung 2019 durchführte und für 2022 vorbereitet. So konnten die zugehörigen privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeiten der inzwischen rund einhundert Denkmalaktivisten effizienter und verlässlicher gestaltet werden. Ein großer Erfolg des Festivals ist, dass es bei weitem nicht mehr so viele Leerstände hier in der Altstadt gibt wie noch in den Anfangsjahren und der Blick der Stadt­ gesellschaft auf ihre Altstadt sich positiv verändert hat. SM \ Und nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Unbeschadet der derzeitigen Kontakteinschränkungen zur Bewältigung der Corona-Pandemie sind in Vorbereitung des 2022er Festivals DenkmalKunst – KunstDenkmal die spezifischen Aktivitäten ebenso allgegenwärtig wie die Impulse aus der Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG 4. Die Speckstraße 7 war unser erstes von bislang vier Gebäuden, die unsere Genossen­ schaft erworben hat. Zwei davon wurden zwischenzeitlich abschließend saniert und bereits in Nutzung genommen. Zudem konnten wir, und darauf sind wir auch ein wenig stolz, das Format einer Bürgergenossenschaft, bei dem ja Sie, Frau Franz, zu den Gründungsmitgliedern gehören, als Baustein für die Altstadtentwicklung exportieren. Mehrfach wurden Bernd Demandt und ich als Vorstand anderenorts eingeladen, an Workshops teilzunehmen und von unseren Erfahrungen zu berichten. In Bad Grund gehören wir seit dem 16. Januar 2022 sogar zu den Gründungsmitgliedern der dortigen Bürger­ genossenschaft.5 Netzwerkarbeit halte ich für einen unerlässlichen Baustein für eine kontinuierliche Stadtentwicklung und das dafür notwendige baukulturelle Denken in der Breite.

BF / In drei Jahrzehnten Stadtdenkmalpflege in Hann. Münden hat Ihr Wirken, Herr Klapp, vielfältige Spuren hinterlassen. Deshalb möchten wir mit Ihnen auch über Ihre Ansätze von Denkmalvermittlung sprechen. Vor genau zehn Jahren haben wir gemeinsam mit Friedhelm Meyer anlässlich des 93. Nieder­ sachsentages des Niedersächsischen Heimatbundes (NHB) in Cloppenburg das Symposium Eigenes Erbe – Fremdes Erbe – Gemeinsame Heimat vorbereitet. Ihre Kernbotschaft war dort, dass für eine erfolgreiche Denkmalpflege neben Fachwissen ein hohes Maß an Sozialkompetenz zwingend notwendig ist. Anschaulich zeigten Sie auf, wie die Bedürfnisse der Menschen 6 und damit deren verschiedenartig sozialen, ökonomischen, kulturellen und religiösen Herkünften eben­so ernst genommen werden müssen wie die Belange für die Transformation der Baudenkmale in die Zukunft. BK \ Man muss die lebendige Stadtgesellschaft versuchen zu verstehen, um die Baudenkmale am Leben zu erhalten. Denkmalpflege ist u. a. auch Sozialarbeit und muss Klimaschutz, Wirtschafts- und Bildungspolitik im Blick behalten. Zuerst höre ich genau zu, um einzuschätzen, auf welchem Fundament mein Gegenüber steht. So kann ich meinen Auftrag zu Denkmalschutz und Denkmalpflege passgenauer formulieren und vermitteln, um dann gemeinsam eine maßgeschneiderte Lösung zu entwickeln. Das braucht Zeit für die notwendigen Gespräche – und diese besser vor Ort statt am Schreibtisch in der Verwaltung. Amtsstuben bedeuten für viele Menschen

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

eine nicht zu unterschätzende mentale Barriere. Und die gibt es im Objekt in der Regel nicht. Das macht das Ringen um eine für beide Seiten denkbare Lösung leichter. Was für die Eigentümer von Baudenkmalen oder für Kaufinteressenten gilt, muss im übertragenen Sinne auch gegenüber dem Rat der Stadt vermittelt werden. Als zu Beginn meiner Arbeit in Hann. Münden ein externes, von der Stadt beauftragtes Unternehmen seine Analyseergebnisse zum künftigen Stadtmarketing vorstellte, dabei insbesondere große, zusammenhängende Flächen für den Einzelhandel forderte, und im öffentlichen Plädoyer mit dem Satz Und vergessen Sie den Denkmalschutz! abrundete, erzielte es tosenden Applaus. Damit war klar, wenn ich erfolgreiche Stadtdenkmalpflege betreiben will, muss ich Politik, Verwaltung und die Öffentlichkeit abholen. Denkmalpflege muss in der Breite verständlich machen, dass die historische und die heutige zeitgenössische Baukultur eine Einheit bilden. Inzwischen ist das Bewusstsein für Denkmalschutz in der Bürgerschaft erheblich gestiegen, ja durchaus fest verankert. Man braucht dazu Teamplayer, die alle Bedenken zusammenbinden. Die Bürgerinitiativen des neuen Jahrhunderts (und Jahrtausends) haben da viel zugunsten der einzelnen Baudenk­ male und des Flächendenkmals bewirkt. Die großen Einzelhandelsflächen in der Altstadt sind nicht gekommen! Das mit einer überwiegend kleinteiligen Flächenstruktur eine Stadt lebendig gehalten werden kann, hat aktuell die CoronaPandemie gezeigt. Vor allem Filialisten haben geschlossen. Zum Glück gab es davon in Hann. Münden nicht so viele.

BF / Denkmalpflege gehört zu den transformativen Kräften der Städte, ist ein Baustein für die gerechte, die grüne und die produktive Stadt, die niemanden außen vorlässt: weder die Substanz noch die Menschen. Wir brauchen da bürgerschaftlich getragene Beteiligungs- und Vermittlungsformate.

27


TB / Gerne möchte ich unser Gespräch nochmals auf die Rosenstraße und das Umfeld des notwendigen Lückenschlusses lenken. Im Moment gibt es hier umfänglichen Ladenleerstand zu beobachten. Zudem ist die Rosenstraße als kürzeste Verbindungsstrecke zwischen dem Bahnhof und der Fußgängerzone (mit ihren vielen genutzten kleinen und größeren Ladenlokalen, Cafés und Restaurants) für die Stadtentwicklung von großer Bedeutung und zwar unabhängig davon, ob die Leerstände als Laden- oder als Wohnlage entwickelt werden. SM \ Grundsätzlich lässt sich sagen, dass im Moment innerhalb der Altstadt ein reger Umzug zu verzeichnen ist, man wechselt in dafür eigens modernisierte Ladenlokale. Wir sprechen hier von einer dynamischen Umschichtung mit einhergehender Renovierungswelle. Das ist gut für unsere Stadt. BK \ Der Brandlücke gegenüber liegt der seit längerem leerstehende Rosenhof. Das in den frühen 1980er Jahren errichtete Gebäude, in skelettartiger, kleinteilig anmutender Betonbauweise, ist so breit wie die über drei Flurstücke reichende Brandlücke zuzüglich der beiden derzeit unbewohnbaren Fachwerknachbarhäuser. In Kürze wird hier ein DiscountFilialist einziehen. Damit erhält die Rosenstraße einen Touch, der die weitere Entwicklung mitbestimmt. Unterm Strich, und zwar schleichend, verschwinden immer mehr Qualitätsläden, sind manche Produkte vor Ort nicht mehr erhältlich, wie z. B. derzeit hochwertiges Spielzeug. Um stadtentwicklungspolitisch nachhaltige Schritte anzustoßen, müssen sich Politik und Verwaltung, hier insbesondere die Wirtschaftsförderung und die Stadtentwicklung, klar und vor allem gemeinsam positionieren und agieren, das bringt die notwendige Planungssicherheit.

28

TB / Als Stadtdenkmalpflegerin mit unmittelbaren Kontakt zur Bauaufsicht haben Sie, Frau Momm, festgestellt, dass es bezogen auf den Leerstand der Ladenlokale häufiger das Erfordernis eines Nutzungsänderungsantrages aufgrund z. B. gastronomischer Umnutzung gibt. Die Eingriffe und damit Investitionen, die sich durch diese Nutzungsänderung, auch hinsichtlich des Brandschutzes, ergeben, können je nach Zustand und Ausstattung des Gebäudes hoch werden. Strategisch könnte auch die Ausweisung von reinen Wohnstraßen in unmittelbarer Nähe zu den 1a-Geschäftslagen einen für die historischen Fachwerkbauten und Baudenkmale behutsameren Ansatz bieten. SM \ Planungsrechtlich wird das ermöglicht und auch immer mal wieder umgesetzt. Ohne das Entkernen der Hinterhöfe, um mehr Licht und Luft hineinzubringen, ist dieses allerdings an vielen Stellen schwierig auszuführen, da die gewachsenen erdgeschossigen Bebauungen oftmals keine rückwärtigen Freiräume belassen haben. Somit gibt es in den hinteren Erdgeschossbereichen vielfach keine ausreichende Belichtung mehr. Auch wenn wir gerne in Stadthäusern denken wollen, wird mehrheitlich noch immer das Einfamilien­haus am Rande der Stadt bevorzugt. Neubaugrundstücke sind


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Der Neubau eines Gebäudes ist wirtschaftlich besser einzuschätzen, als die Sanierung eines leerstehenden oder unterausgenutzten Fachwerkhauses.“ Sabine Momm

innerhalb kürzester Zeit vom Markt. Der Neubau eines Gebäudes ist wirtschaftlich besser einzuschätzen, als die Sanierung eines leerstehenden oder unterausgenutzten Fachwerkhauses. Trotz alledem sind bereits sehr gute Beispiele in der Altstadt umgesetzt worden.

64 88

TB / Und die großen, stattlichen Fachwerkhäuser sind für Privatpersonen zumeist nur in Form von Co-Projekten finanzierbar. Hierauf werden wir ja in unserem Porträt mit der Stadtentwicklung 7 zu sprechen kommen, ebenso wie auf die konzeptionellen Ansätze 8 neuer Wohn- und Arbeitswelten. BK \ Ohne ausreichend zur Verfügung stehende Haushaltsmittel kann man keine monetären Motivationsschübe bewirken, schon gar keine weiteren Sanierungsgebiete ausweisen. Unsere bislang vier in der Altstadt ausgewiese­nen Sanierungsgebiete haben diese vorangebracht, wenn auch manchmal nicht so weit wie erwartet. Die Entkernung des Blockinneren war unser Ansatz im Sanierungsgebiet Altstadt III, das wir auf der förderrechtlichen Grundlage des

Bund-Länder-Programms Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt aufgestellt hatten.9 Doch die kleinteilige Eigentümerschaft wollte den Block­ innenbereich nicht öffnen. Man wollte seine Privatheit im Inneren nicht verlieren. So musste, mit langfristigen Auswirkungen auf die Stadtentwicklung, das Ziel einer Durchgrünung der Altstadt leider aufgegeben werden. Wenn eine Stadt kein eigenes Liegenschaftsmanagement, z. B. durch die Wahrnehmung von Vorkaufsrechten, betreiben kann, lassen sich bei einer kleinteiligen Eigentümerstruktur visionäre Schritte zumeist nicht realisieren. Balkone waren dann der zum Zuge kommende Ansatz, um Licht und Luft zu bieten. Hinzu kommt, dass sicherlich weniger als 20 % der Gebäude energetisch auf einem zeitgemäßen Stand sind. Ein derzeit wichtigster Schritt wäre, die klassische energetische Ertüchtigung der Gebäudehülle zu verfolgen, und das sowohl bei den Bestandsbauten als auch bei den Baudenkmalen.

29


„ Die grüne Stadt im tatsächlichen und im übertragenen Sinn mag mitunter schmerzhaft an bisherigen Konservierungsvorstellungen schrauben.“ Till Boettger

TB / Lebendige Altstädte in denen Menschen wohnen und arbeiten werden seit Jahrhunderten an wechselnde Bedürfnisse angepasst. Leider wirken bei historisch bedeutsamen Gebäuden vermeintlich unvorhersehbare Sanierungs- und Energiekosten oft wie verschlossene Türen. Hier wäre es eine große Hilfe, Bauherrschaften zielgerichtet mit im Umgang mit Altbauten und Baudenkmalen sachkundigen Planungsbüros zusammenbringen zu können. Denn fehlendes Altbaufachwissen kostet die Bauherrschaften unnötig viel Geld. Sie als Behörde dürfen keine Namen nennen, die geeigneten Planungsbüros selber keine Werbung machen. Und private Bauherrschaften fehlt zudem oft die Vorstellungskraft dazu, dass gerade der Neubauanspruch den Umgang mit der historisch schützenswerten Substanz unnötig teuer macht. Mit der aktuellen politischen Debatte um die Graue Energie, die in bereits bestehenden Bauwerken steckt, könnten sich Türen öffnen, da für Neubauten künftig der komplette ökologische Fußabdruck, von der Errichtung bis zum Rückbau, zu bewerten ist.

30

BF / Damit wird auch der kulturgeschichtlich wertvolle Bestand wirtschaftlich interessant, gemeint ist die darin bereits gebundene Energie für die Herstellung der Gebäude. Die Nutzung bestehender Bausubstanz ist auch aus diesem Aspekt heraus aktiver Ressourcenschutz. Doch der wird nicht ausreichen! Bau- und Flächendenkmale müssen auch darüber hinaus­ gehend Beiträge zum Klimaschutz leisten müssen. Denkmalpolitisch wird an der Spitze, beispielsweise im Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) und im Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS), mit Blick auf die Folgen des Klimawandels für das Kulturerbe und Naturerbe, im Bewusstsein diskutiert, dass die Denkmalpflege womöglich die herkömmlichen Konservierungsziele überdenken muss. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) fordert in seinem Positionspapier Das Haus der Erde eine klima­gerechte Architektur in Stadt und Land, ein ganzheitliches Denken und eine Kultur des Experimentierens ein. Der ambitio­ nierte wie mitentscheidende Stadtumbau, der einen klima­ neutralen Gebäudebestand nicht nur avisiert, sondern auch umsetzt, eine CO2-neutrale Energieversorgung der Gebäude eingeschlossen, wird künftig das denkmalpflegerische Handeln stark beeinflussen.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

TB / Die grüne Stadt im tatsächlichen (durchgrünten) und im übertragenen (energieeffizienten) Sinn mag mitunter schmerzhaft an bisherigen Konservierungsvorstellungen schrauben. BK \ Die Möglichkeiten der Nutzung der Sonnenenergie werden aus der Bürgerschaft stark nachgefragt, insbesondere Photovoltaikanlagen liegen im Trend. Die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e. V. rät den Städten, zur Vermeidung von Wildwuchs, zur Verabschiedung von entsprechenden Gestaltungssatzungen im Umgang mit diesen Anlagen. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege überlässt bislang den Unteren Denkmalschutzbehörden die zugehörigen Auseinandersetzungen mit der Bürgerschaft. Hier besteht dringender Orientierungsbedarf. Wie so manche historische Altstadt auch, hat Hann. Münden keine Fernwärme, also auch keine Leitungssysteme, durch die man nachhaltig erzeugte Energie schicken könnte. Der dazu befragte Energieversorger hält eine entsprechende Nachrüstung für nicht realisierbar. Machbar wäre aus dessen Sicht jedoch eine Quartiersversorgung mit grundstücksweise vernetzten Blockheizkraftwerken. Denkbar wären auch Wärmepumpen auf den riesigen, oft­mals nicht ausgebauten Dachböden. Der vom seinerzeitigen Städti­ schen Baudirektor Friedhelm Meyer auf den Weg gebrachte, bis heute gültige Ratsbeschluss, wonach private Photovoltaik­ anlagen auf öffentlichen Gebäuden errichtet werden dürfen, wurde von der Bürgerschaft bislang nicht aufgegriffen. SM \ Bezogen auf die gegebenen Bestandsstrukturen in der historischen Altstadt stehen wir, abgesehen von den denkmalschutzrechtlichen Vorgaben, Photovoltaikanlagen eher skeptisch gegenüber. Die Dachflächen in der Stadt sind bei den Altstadthäusern eher kleinteilig und beschatten sich zum Teil gegenseitig. Weiter sind sie von den umgebenden Hängen besonders gut einsehbar. Die intakte, geschützte Dachlandschaft ist unser touristisches Kapital und damit ein Wirtschafts­ faktor. Außerdem müssen wir immer auch den Brandschutz mitdenken. Großflächig bestückte Dachflächen sind bei einem Gebäudebrand schwieriger zu löschen. Bisher wurden im Bereich der Altstadt lediglich in Einzelfällen solarthermische Anlagen erlaubt. Die derzeit viel diskutierten Solarziegel, die es auch in Ziegelfarben gibt, sind aus technischer Sicht aufwändiger zu installieren und somit auch kostenintensiver.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Die Verein­barkeit von Denkmalschutz und Umweltschutz muss besonders aufgrund der derzeitigen Entwicklung aber unbedingt neu gedacht und es müssen Alternativen gefunden werden. Der Vorschlag, dass die Bürgerschaft Photovoltaikanlagen außerhalb der Kernstadt errichtet und als Ausgleichsfläche verwendet, kann ein erster Schritt sein. Neben der Ertüchtigung der Außenhülle ist auch der Einbau einer Innendämmung mit geeigneten Bauprodukten wie Lehmbaustoffen sinnvoll. Doch an die innere energetische Sanierung trauen sich viele Eigentümerinnen und Eigentümer aufgrund fehlender Fachkenntnis nicht heran. Ein Fond zur Unterstützung der Bauherrschaften für das Heran­ziehen von Fachleuten wäre hilfreich. BK \ Das Wichtigste ist eine auskömmliche Fachexpertise, d. h. eine auskömmliche Personaldecke in der Verwaltung. Die Abteilungen unserer Kommunen, dazu gehört auch die Stadt­entwicklung (verantwortlich auch für die Bauaufsicht, die Denkmalpflege und die Liegenschaften), sind allein mit dem Alltagsgeschäft mehr als ausgefüllt. Die Entwicklung von Visionen und das Hineintragen derselben in die Politik gehört zum klassischen Aufgabenspektrum von Städtischen Bau­ direktorinnen und -direktoren. Das ist ein zeitaufwändiges Geschäft! Nachhaltige Stadtentwicklung braucht deshalb einen Überbau von Mitdenkenden und vor allem viel Kommunikation. Werden die zugehörigen Positionen eingespart, geht das zu Lasten der städtischen Zukunft. Oft wird das Bauen von Menschen abgewickelt, die nicht aus dem Bauen kommen und daher die Realitäten, Abhängigkeiten und Zusammenhänge nicht verstehen. Gute und geeignete Mitarbeitende sind das A&O, gut qualifiziert und auch auf der richtigen Stelle agierend. Es gilt gemeinsam, einen ganzheitlichen Ansatz zu entwickeln und den in die Stadtgemein­schaft zu kommunizieren. Dazu gehört es auch, die Verwaltung verbraucherfreundlicher aufzustellen. Es müssten Vorschriften geändert werden, die sich im bürokratischen Sinne verselbstständigt haben. Oft hängen viele gute Ideen lange fest und die Euphorie bei den initiierenden Menschen verschwindet. Und bezogen auf die Denkmalpflege wird diese allzu oft als von der Stadtentwicklung abgekoppelte Disziplin gesehen, ihre Bedeutung im Netzwerk der Fachdisziplinen nicht erkannt. Erfolgreiche Denkmalpflege bedingt Weitblick. Auch bezüglich erforderlicher zukunfts­ gewandter Gestaltungs- und Nutzungsansprüche.

31


Förster, Agnes / Ackermann, Constanze / Borgmann, Nicola / Holl, Christian: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte, 2017

32

TB / Die Gestaltung der Lückenschlüsse der beiden jüngsten Brandlücken werden gewollt oder ungewollt Weichen stellen. Sogenannte Planungskonkurrenzen werden vielerorts als Instrumente für das qualitätvolle Weiterbauen etabliert. Im Flächendenkmal ist da immer auch die Denkmalpflege mit im Boot. Gerade für Fachwerkaltstädte könnte so nach pass­ genauen Antworten für künftige Bauweisen gesucht werden. BK \ In die Zukunft zu denken, gehört zu unseren zentralen Aufgaben; zu visionieren, wie ein Flächendenkmal wie Hann. Münden in 500 – 600 Jahren aussehen könnte. Das ist nämlich die üblicherweise durchschnittliche Lebensdauer von Holzbauten. Das heißt, dass pro Jahrhundert im Mittel rund 18 % der Häuser der Altstadt erneuert werden müssten, damit sie als bauliches Ensemble erhalten bleibt. Da Hann. Münden keine Stadtbrände hatte, lässt sich diese Entwicklung an den Gebäuden ablesen. Brandereignisse, wie wir sie jüngst zu beklagen hatten, wirken hier jedoch beschleunigend. In Hann. Münden wird seit den 1860er Jahren vermehrt massiv gebaut. Traditionell geprägte Bauherrschaften bauten noch bis in die 1950er Jahre in Fachwerk. Danach hat man so ziemlich alles ausprobiert, bis hin zu Kulissen mit aufgeklebten Bohlen oder aufgemaltem Fachwerk. Das lag daran, dass bis zum Denkmalschutzjahr 1975 bzw. bis zur Einführung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes 1979 eindeutig Stadtbildpflege vor Denkmal-

schutz ging. Heute wollen wir beides miteinander verzahnen. Wir brauchen daher neue baukulturellen Ansätze im Weiterbau unserer Fachwerkaltstädte. Dazu müssen wir, stärker als bisher, die vorhandenen Instrumentarien und Spielräume ausschöpfen.

BF / Damit kommen wir auf den letzten Punkt, den wir für heute auf unserer Agenda stehen haben, zu den Chancen durch die Beteiligung von Gestaltungsbeiräten und die Durchführung von Wettbewerbsverfahren. Das Forschungsprogramm Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte – Perspektiven für die Baukultur in Städten und Gemeinden belegte bereits 2017 die Bedeutung dieses Instruments für eine qualitätvolle Stadtentwicklung 10. Einen sogenannten Mobilen Gestaltungs­ beirat bietet u. a. die Architektenkammer Niedersachsen (AKNDS) seit 2015 an, der kostengünstiger als fest eingerichtete Gestaltungsbeiräte Kommunen und Institutionen bei ausgewählten Projekten, die aufgrund ihrer Größenordnung und Bedeutung für das Stadtbild prägend sind, berät. BK \ Für private Bauherrschaften und ihre Architektinnen bzw. Architekten sind Gestaltungsbeiräte eine Planungshilfe, die aus meiner Sicht nur mit viel Beratungs- und Überzeugungsarbeit akzeptiert wird. Hilfreich ist, wenn die Stadt bei eigenen Baumaßnahmen mit gutem Beispiel vorangeht und die Er­gebnisse der Fachleute vermittelnd kommuniziert. Denn wenn eine Stadtgesellschaft visionäre Entwürfe der Fachleute nicht versteht oder nachvollziehen kann, wird der Ruf nach alten, bekannten und rezeptartig anmutenden baulichen


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Wir brauchen neue baukulturelle Ansätze im Weiterbau unserer Fachwerkstädte. Dazu müssen wir, stärker als bisher, die vorhandenen Instrumentarien und Spielräume ausschöpfen.“ Burkhard Klapp

Lösungen lauter. Das geht zu Lasten der Visionen für den zeit­ gemäß an­gemessenen Weiterbau einer Fachwerkaltstadt. Und dabei geht es nicht nur um die passsende Gestaltung, sondern auch um zukunftsorientierte Nutzungsansätze. Somit kommt einem Gestaltungsbeirat oder vergleichbaren regionalen Gremien eine wichtige Bedeutung in der Stadtgestaltung und Stadtentwicklung zu und sollte so oft wie möglich eingesetzt werden. Und nicht zuletzt lässt der vergleichende Blick auch die Kosten genauer in den Fokus nehmen. SM / Unser verabredetes Zeitfenster hat sich dem Ende zugeneigt. Ich danke allen für das gemeinsam geführte Gespräch. BF \ Wir sind sehr gespannt auf die weiteren Vermittlungs­ ­formate der Stadt Hann. Münden und hoffen, zugehörige Prozesse weiter aktiv unterstützen zu dürfen.

33


FOTOGESCHICHTEN Epochen-Kartierung des Stadtkerns Till Boettger und Daniel Moris

Inspiriert durch Bernd und Hilla Bechers Fotografien von Fachwerkhäusern aus dem Siegener Industriegebiet 1 wurden im Sinne einer objektiven Kartierung die Häuser des Stadtkerns von Hann. Münden nach Epochen sortiert. Ähnlichkeiten im konstruktiven und formalen Ausdruck zu den verschiedenen Zeiten lassen sich auf jeder Epochen-Seite im neuen Nebeneinander suchen und finden. Es entsteht eine Reihe ohne Ende, die Kontinuität und Modifikation möglich macht. Die zugehörigen Fotografien entstanden am 16. Oktober 2021 im Rahmen einer Exkursion des Kurses Gestaltung Visualisierung des Bachelor-Studiengangs Architektur der HAWK im Wintersemester 2021 /22. Folgende Studierende haben diese Fotografien angefertigt und digital nachbearbeitet: Clara Adolphi, Laura-Sophie Ahrens, Vanessa Behnsen, Hannes Bindseil, Christoph Bittner, Katharina Böhme, Issam Dagdoug, Moritz Fürmeier, Diana Germann, Linus Gilge, Valeria Gómez, Gerrit Gronau, Jan Gross, Paula Gutzeit, Ibrahim Hamad, Max Hantel, Rowena Hillmann, Niklas Kalsow, Sinan Karak, Sandra Krieten, Kiara-Sophie Lange, Laura Möller, Leonarta Mrlaku, Paul Müller-Zitzke, Noura Mustafa, Elisa Novorita, Alyssa Nüse, Mandy Rackwitz, Stefan Raven, Anna-Sophie Reichstein, Christoph Rohloff, Madlin Schaf, Schamo Schecho, Helen Seifert, Fatmanur Senbecer, Josepha Simon, Justina Simon, Jan Singenstreu, Annika Suhr, Ruqian Sun, Lars Warnecke, Till Winkler.

34


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Erbauungszeit und Überformung Gotik (1380 – 1530) Spätgotik (1530 – 1560) Frührenaissance (1530 – 1560) Renaissance (1560 – 1650) Barock (1650 – 1780) Klassizismus (1780 – 1850) Historismus (1850 – 1910) Bauten ab 1940

01. Bauepochenplan, farblich umgezeichnet (Rebekka Schindehütte, 2015)

nicht datierbar nicht betrachtete Bauten

35


02. Gotik

36


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

03. Spätgotik

37


04. Frührenaissance

38


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

05. Renaissance

39


06. Barock

40


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

07. Klassizismus

41


08. Überformung Klassizismus

42


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

09. Historismus

43


10. Überformung Historismus

44


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

11. Bauten ab 1940

45


Im Porträt

HOLZBAUWEISEN UND BRANDSCHUTZ

46


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Tanja Götzel ist als Brandschutzsachverständige und Architektin erfahren mit Bauaufgaben im Bestand und im Neubau. Christoph Hall arbeitet als Tragwerksplaner in Praxis und Lehre und ist als Holzbauingenieur ausgebildet. Im Gespräch mit Birgit Franz und Till Boettger von der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK diskutieren sie den historischen sowie heutigen Holzbau im Kontext von Fachwerkstädten und Brandschutz. Birgit Franz (BF) und Till Boettger (TB) im Gespräch mit Tanja Götzel (TG) und Christoph Hall (CH)

TB / Für unser heutiges Porträt zum Thema Holzbauweisen und Brandschutz haben wir uns einen speziellen Fokus gewählt. Ausgangspunkt bildet das Brandereignis in der Altstadt von Hann. Münden am 6. November 2020 – und darüber hinaus auch unsere gemeinsame Verbundenheit zur HAWK: drei Lehrende und eine Brandschutzexpertin, die für unser historisches Fakultätsgebäude im Hohnsen 2 das aktuelle Brandschutzkonzept geplant hat. Hier und jetzt geht es um die Anforderungen und Chancen für den Holzbau in Bezug auf den historischen Werkstoff und seine heutigen Metamorphosen, unser Impuls ist auch hier Hann. Münden. Erörtern möchten wir die übertragbaren Handhaben zu brandschutztechnischer Ertüchtigung und neue Möglichkeiten für einen Lückenschluss in Holz.

Großbrände führen in der deutschen Fachwerklandschaft leider immer wieder zur Zerstörung von baulich wertvollem Kulturerbe. Die Traumatisierung durch solche Ereignisse führt in der Regel zur Ablehnung von Holzbauweisen für den Weiterbau der Fachwerkaltstädte. Deshalb verstehen wir unser Gespräch als programmatischen Ansatz und Impuls für Dritte, um möglichst resilient aus den Geschehnissen hervorzugehen. Wir starten unser Gespräch mit zugehörigen Themen zum Bestand und beschließen es mit Überlegungen zum Weiterbau mit Holz. TG \ Vielen Dank für Ihre Anfrage zu diesem inter­disziplinären Gedankenaustausch. CH \ Wir freuen uns auf die Verknüpfung unterschiedlicher Anforderungen und Wirklichkeiten.

47


Geburtig, Gerd: Baulicher Brandschutz im Bestand, Band 1, 2017; Band 2, 2014

Kabat, Sylwester: Brandschutz in historischen Bauten, 2017

Koch, Stefan: Brandschutz und Baurecht, 2011

48

BF / Die Schlagzeile der Hessisch / Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), hier im Lokalteil Hann. Münden, beschreibt unter der Überschrift „Großbrand in der Altstadt: Drei Gebäude nach Feuer in Hann. Münden unbewohnbar“ die vorgenannte verheerende Tatsache in der jüngsten Vergangenheit. Dieser folgte leider schon drei Monate später, am 21. Januar 2021, die nächste, diesmal am Aegidiiplatz Ecke Wallstraße. „Hier blutet einem das Herz“ – so zitiert die HNA dazu den einsatzleitenden Stadtbrandmeister Dieter Röthig. In beiden Fällen breitete sich der Brandherd über das Einzelgebäude hinausgehend in das umgebende Altstadtensemble aus. Für neue Bauvorhaben und solche im Bestand arbeiten Sie, Frau Götzel, als Prüfingenieurin für Brandschutz vorausschauend und analysieren dafür sicher auch derartige Brandereignisse. Geben Sie uns bitte eine Einschätzung. TG \ Die Brandursachen sind, sofern keine Brandstiftung zugrunde liegt, oftmals Folgen technischer Defekte. Die Luftaufnahmen zeigen in beiden Fällen deutlich, inwieweit sich der Brand in die jeweiligen Ensembles regelrecht ‚eingefressen‘ hat. Aus dem Brandverlauf lassen sich anschließend übertragbare Erkenntnisse für den vorbeugenden Brandschutz gewinnen. Historische Fachwerkstädte, wie beispielsweise Hann. Münden, sind gekennzeichnet durch eng gewachsene, dicht gedrängte Baustrukturen. Die Häuser wurden bedingt durch die sie umgebenden waldreichen Kulturlandschaften bevorzugt aus Holz konstruiert. Deren einzelne Holzbauteile 1 wurden in der Regel durch zimmermannsmäßige Verbindungen, wie Überblattungen, Verkämmungen und Verzapfungen aneinandergefügt und mit Holznägeln gesichert und die Gefache mit verschiedensten Baustoffen geschlossen. Dazu zählten u.  a. Strohlehm auf Flechtwerk aus Staken und Weidenruten, beschichtet mit Lehmputz und Kalkanstrich, aber auch Lehm-, Ziegel- und Bruchsteine. Bezogen auf den Brandschutz, bzw. dessen Unzulänglichkeit, ist es besonders interessant, dass die Gebäudetrennung zumeist nur eine gemeinsame Wand kannte, Kommunwand genannt (von lat. Communis = gemeinsam).

Damit sind wir schon mitten im Thema. Fehlende Gebäude­ abstände sowie geringe Distanzen zwischen Dachgauben können zur Brandweiterleitung zwischen zwei Gebäuden führen. Die Gefahr eines Brandüberschlags ist dann besonders groß, wenn sich in diesen Außenwänden Öffnungen befinden, die eine Brandweiterleitung begünstigen. Mangelhafte Gebäudeabschlusswände und innere Brandwände sollten deshalb im Bestand ertüchtigt werden und durch brandschutztechnische Bekleidung und nichtbrennbare Bauteile und Baustoffe geschützt werden. Zwei Umstände 2 wirken sich in historischen Gebäuden in Bezug auf die Brandsicherheit besonders negativ aus und führen im Brandfall zu erheblichen Schäden: Zum einen sind dies die unzureichende Sicherung der Rettungs­wege, wie nicht abgeschottete Treppenräume, das Fehlen eines zweiten Rettungsweges, nicht auskömmliche Flächen für die Feuerwehr infolge zugebauter Außenanlagen und enger Zuwegungen. Zum anderen sind offene Durchbrüche als Durchgang oder Leitungsdurchführung in Decken und Trennwänden sowie überlange Gebäudeflügel ohne Rauchbzw. Brand­abschottung anzuführen.

TB / Bleiben wir noch ein wenig bei dieser Materie. In Hann. Münden hat der heutige Oberlöschmeister der Freiwilligen Feuerwehr, Stephan Kutz, seine diesbezüglich spezifischen Kenntnisse aus dem Master-Studiengang Sicherheit und Gefahrenabwehr an der Hochschule Magdeburg-Stendal / OvG-Universität Magdeburg mitgebracht und zuvor 2012 zusammen mit Kommilitonen und seinem damaligen Pro­ fessor öffentlich gemacht.3 Wie schätzen Sie, Frau Götzel, das Thema Brandschutz im Bestand im Allgemeinen für Fachwerkstädte ein? Welche Vorgehens­weise halten Sie für sinnvoll und angemessen? TG \ Bei der Betrachtung eines historischen Baukörpers und seiner Nutzung sollte zunächst immer der Bestandsschutz ausreichend betrachtet und gewürdigt werden. Dabei lässt sich der allgemeine Bestandsschutz in einen aktiven und einen passiven Teil gliedern.4 Ein passiver Bestandsschutz 5 liegt für eine in der Vergangenheit legal genehmigte Bausubstanz und Nutzung vor und gilt grundsätzlich, auch bei Änderung und Anpassung der baurechtlichen Belange, und stellt das Gebäude unter Schutz vor Anpassung an das jeweils gültige Baurecht.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ E s ist komplex, den schmalen Grat zwischen geeigneten Brandschutzmaßnahmen und dem Erhalt des Baudenkmals zu finden und dabei die konkreten Gefahren zu beseitigen.“ Tanja Götzel

Mayr, Josef; Battran, Lutz (Hg.): Brandschutzatlas in 6 Bänden, 2022

Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL), Arbeitsgruppe Bautechnik (Hg.): Brandschutz im Baudenkmal, 2014

Sofern Modifikationen an Gebäuden im Zuge einer Sanierung und Modernisierung oder denkmalpflegerischen Maßnahme vorgenommen werden, die keine wesentliche Änderung der Gebäudesubstanz beinhalten, kann sich der Bauherr auf den aktiven Bestandsschutz berufen. Die Änderungen sind dann eher in begrenzter und geringfügiger Art möglich, sodass der ursprüngliche und historisch bauzeitliche Charakter bewahrt bleibt. Sollten im Zuge von Begutachtungen hingegen konkrete Gefahren festgestellt werden, können nachträgliche Anpassungen der Bausubstanz zur Gefahrenabwehr erforderlich werden. Grundsätzlich ist der Bestandsschutz eine nicht abschließend geregelte und juristisch verschieden interpretierte, aber baupraktisch sehr bedeutende Rechtsfigur. Daher ist für jeden Einzelfall eine sachverständige Beurteilung des Bestandsschutzes, die auf der Erkenntnis über die tatsächlich vor­liegenden konkreten Gefahren basiert, unabdingbar. Den Ansprüchen des Denkmalschutzes 6 gerecht zu werden, die bauliche Substanz ausreichend zu würdigen und zugleich den

heutigen Sicherheitsansprüchen zu genügen, ist eine Herausforderung. Hierzu sind schutzzielorientierte Konzepte mit möglichst wenigen und verträglichen, aber konsequent um­zusetzenden Eingriffen in die historische Gebäudesubstanz und geeigneten Kompensationsmaßnahmen erforderlich. Offensichtliche Mängel in der Bausubstanz bis hin zu konkreten Gefahren zu erkennen, stellt dabei eine grundlegende Aufgabe dar. Komplex ist es hingegen, den schmalen Grat zwischen geeigneten Brandschutzmaßnahmen und dem Erhalt der historischen Substanz bzw. des Baudenkmals zu begegnen und dabei die konkreten Gefahren zu beseitigen.7 Einerseits müssen darüber die heute geltenden baurechtlichen Schutzziele, insbesondere zum Schutz der Gebäudenutzer, unter Berücksichtigung des Bestandsschutzes erreicht werden. Andererseits sollten auch Maßnahmen ergriffen werden, die zu einer Begrenzung des Schadensausmaßes 8 im Brandfall führen, um dadurch die historische Gebäudesubstanz vor einem Totalverlust ebenso zu schützen wie die Nachbarschaften.

49


„ Geht es bezüglich tragender Bauteile um den Nachweis der Feuerwiderstandsdauer, ist neben der gewöhnlichen Bemessungssituation auch eine Bemessung für den Brandfall zu berücksichtigen.“ Christoph Hall

BF / Herr Hall, sie befassen sich in der konstruktiven Tragwerksplanung mit dem Werkstoff Holz einerseits im Neubau, andererseits mit der Ertüchtigung des Bestands. Was bedeutet der objektbezogen notwendige Nachweis der Feuerwiderstandsklasse ganz praktisch für die Holzkonstruktionen von Fachwerkhäusern? CH \ Ich starte mal mit einer Zahl: In Deutschland stehen heute noch ca. 2 bis 2,5 Mio. Fachwerkbauten, viele davon genießen Denkmalschutz. Die Arbeit wird uns deshalb wohl so schnell nicht ausgehen, wenn wir an die zugehörigen Sanierungen oder Umnutzungen denken. Im Zuge der gesamt­ heitlichen Bewertung historischer Bauteile im Sinne des Bestandsschutzes schauen wir zunächst auf die baurechtlichen Anforderungen zum Zeitpunkt der Errichtung des Gebäudes und darauf, ob die Bauteile diese erfüllen. Dabei finden sich in den historischen Bauordnungen, z. B. aus der vorletzten Jahrhundert­wende, Begriffe wie feuersicher, feuerfest und

50


WEITERBAUEN

/

FORMEN

Deutsches Institut für Normung (Hg.): Brandschutz, 2019

Kabat, Sylwester: Brandschutz in historischen Bauten, 2017

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

unverbrennlich, feuerhemmend und feuerbeständig. Hilf­reich ist, dass die in den historischen baupolizeilichen Verord­nungen und Bauord­nungen verankerten Schutzziele dabei weitestgehend jenen entsprechen, wie wir sie in unserem heute gültigen Baurecht wiederfinden. Als wesentliche Kriterien zur Beurteilung, beispielsweise von bestehenden Konstruktionen, gelten die Bestimmung der Bauart und des Aufbaus von Decken und Wänden sowie des statischen Systems. Eine klassische Nachweisführung anhand normierter Tabellen wie sie das Deutsche Institut für Normung e.V. 9 in der DIN 4102 Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen herausgibt, ist für den Bestand oft nicht möglich. Daher wurden an historischen Fachwerkwänden Brandversuche durchgeführt, deren tabellarisch gefasste Ergebnisse unsere Einschätzungen, die angefragten gutachterlichen Stellungnahmen, stützen. Um es an dieser Stelle einmal für das Bauteil Fachwerkwände anschaulich zu machen: Demnach erreichen intakte Fachwerkwände alter Häuser, deren tragende Fachwerkbauteile Querschnittsabmessungen von mindestens 10 × 10 Zentimeter haben, mit Sicherheit eine Feuerwiderstandsdauer von 30 Minuten 10. Darüber hinausgehende Anforderungen sind nachzuweisen. Besonderes Augenmerk ist dabei jedoch auf die Fugen zwischen Holz / Holz und Holz / Gefach hinsichtlich ihrer Dichtigkeit gegenüber Rauchdurchtritt zu legen. Unbeschadet dessen können zur Beurteilung vorhandener Konstruktionen nachgestellte weitere Brandversuche notwendig werden, die dann z. B. in Zusammenarbeit mit einer der Materialprüfanstalten durchgeführt werden. Geht es bezüglich tragender Bauteile objektbezogen um den Nachweis der Feuerwiderstandsdauer, ist bereits zu einem möglichst frühen Zeitpunkt ein erfahrenes Büro für Tragwerksplanung hinzuzuziehen, da neben der gewöhnlichen Bemessungssituation auch eine Bemessung für den Brandfall (außer­ gewöhnliche Bemessungssituation) zu berücksichtigen ist.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

TB / Die charakteristische städtebauliche Struktur, die sich durch Häuserblöcke formt und als kleinste Einheit aneinander­ gereihte Häuser nutzt, hat viele baukonstruktive und bau­ wirtschaftliche Vorteile und bildet eine klare Morphologie in Hann. Münden. Es ergeben sich dadurch aber auch spezifische bautechnische Anforderungen für die seitlich begrenzenden Wände zum Nachbargebäude. Wir sprachen bereits von der Kommunwand. Könnten wir dieses trennende und sehr wichtige Gebäudeelement für den Brandschutz detaillierter besprechen? TG \ Gebäudeabschlusswände dienen einem vorbeugenden Schutzziel. Die Ausbreitung eines entstandenen Brandes auf angrenzende Nachbargebäude soll damit verhindert werden. Dabei muss bei unmittelbar aneinandergebauten Gebäudeensembles, wie sie in verdichteten Bebauungen als städtebauliche Standardbauweise vorzufinden sind, heutzutage jedes selbstständige Gebäude eine eigene Gebäudeabschlusswand haben. In historischen und mittelalterlichen Straßenblöcken findet man diese jedoch oftmals nicht vor. Häufig teilen sich zwei Nachbargebäude eine gemeinsame Gebäudeabschlusswand, was bei der Ertüchtigung der vorhandenen Konstruktion erschwerend zu berücksichtigen ist. Brandschutztechnisch kritisch ist der Anschlussbereich der Gebäudeabschlusswand an das Dach. Schadensanalysen zeigen auf, dass die Gefahr eines Brandüberschlages im Dachanschluss- bzw. Abschlussbereich besonders groß ist.

51


Nach heutigem Baurecht werden an Gebäudeabschluss­ wände entsprechend der vorliegenden Gebäudeklasse unterschiedliche Anforderungen an den Feuerwiderstand und die Standfestigkeit (mechanische Stoßbeanspruchung) gestellt. Eine Einstufung erfolgt auf nationaler Ebene ebenfalls nach der bereits genannten DIN 4102, hier Teile 2 und 3. Zur Vorbeugung einer Brandausbreitung über die Dachkonstruktion und Bedachung hinweg werden an den oberen Abschluss der Gebäudeabschlusswände zusätzliche Anforderungen gestellt. In Umsetzung der heute gültigen baurechtlichen Anforderungen sind Brandwände 0,30 Meter über Dach zu führen oder in der Höhe der Dachhaut mit einer beiderseits 0,50 Meter aus­kragenden feuerbeständigen Platte aus nichtbrennbaren Baustoffen abzuschließen. Darüber dürfen brennbare Teile des Daches nicht hinweggeführt werden.

Hofmeister, Sandra (Hg.): Holzbauten in Vorarlberg, 2019 BAUART Magazin – Architektur und Kultur, inspiriert durch Heimat, Ausgabe 6 (2022): Schwarzwald

52

BF / Mit Ihren letzten Überlegungen haben wir bereits den Bogen zum Neubau geschlagen. In waldreichen Kulturlandschaften prägen Holzbauweisen unser bauliches Erbe. Und auch das moderne regionale Bauen übersetzt diese in zukunftsweisende Techniken und Gestaltungen, die dabei bewusst mit der Tradition spielen. Vorreiter in Baukultur, Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft sind (u. a.) die wald­ reichen Regionen Bregenzer Wald 11 und Schwarzwald 12. Sie zeigen uns anschaulich an zukunftsfähigen Bauwerken auf, was derzeit mit einer fortschrittlichen Gesetzgebung und Klassifizierungen mittels Fassaden- und Großbrand­ versuchen in Kombination mit aufgeschlossenen Bauherrschaften möglich ist. Mit Hilfe der langfristigen CO2-Bindung in Holzbauten werden die Speichereffekte der Wälder verstetigt. Ressourcenschonender Holzrahmenbau wird mit massivem Holzbau kombiniert, um auch die notwendigen Treppenhäuser und die erforderlichen Brandwände in Holz zu realisieren.

TB / Unbedingt wird Holz als nachwachsender Rohstoff eine sehr entscheidende Rolle als Baumaterial für eine klima­ neutrale Bauwende spielen müssen. Es wird darum gehen, in homogener Weise Holz für Tragen und Trennen zu nutzen. Das bedeutet, wir benötigen Holzkonstruktionen, die das Tragwerk bilden und alle relevanten bauphysikalischen Eigenschaften massiv oder additiv übernehmen können. Hier spielt natürlich wiederum der Brandschutz eine entschei­ dende Rolle. Welche Sorgen können Sie, Frau Götzel, als Prüfingenieurin für Brandschutz den Fachwerkstädten nehmen, damit auch dort neue Holzbauweisen integriert werden. TG \ Wir machen deutlich, dass für den Brandfall an Massivbauten in Mauerwerk oder Beton die gleichen Anfor­ derungen gestellt werden wie an Holzbauten der gleichen Gebäudeklasse: Damit die Nutzer im Brandfall das Gebäude sicher verlassen können und die Feuerwehr ausstreichend Zeit zur Brandbekämpfung und Personenrettung hat, muss die Konstruktion angreifendem Feuer außenreichend lange Widerstand leisten können und Trennwände sowie Decken müssen zusätzlich den Raumabschluss gewährleisten. CH \ Holz ist zwar ein brennbarer Baustoff, aber das Brandverhalten kann im Vergleich zu einer ungeschützten Stahlkonstruktion als relativ unkritisch angesehen werden. Im Holzbau rechnen wir den in diesem Zeitfenster stattfindenden Abbrand in die Dimensionierung der tragenden Bauteile mit ein. Im massiven Holzbau lässt sich somit die Feuerwiderstandsdauer verlässlich voraussagen. Abbrandverhalten von Holz bedeutet, dass mit dem Verbrennungsprozess, dem Pyrolyseeffekt, eine schützende Kohlenstoffschicht (Holzkohle­ schicht) entsteht. Diese weist eine geringe Wärmeleitfähigkeit auf und wirkt isolierend auf die tiefer liegenden Holzschichten, so dass der Abbrand relativ langsam verläuft. Holzverbundkonstruktionen können in der Gesamtkonstruktion in Bezug auf den Feuerwiderstand und den Raumabschluss nachgewiesen werden. In der brandschutztechnischen Bewertung des Baustoffes Holz sind zudem die Spezifikationen Brand- und Rauch­ ausbreitung sowie Tragfähigkeit im Brandfall zu betrachten. TG \ Um Holzbauweisen auch für größere Gebäude zu ermöglichen, erfolgte über eine Novellierung der Musterbauordnung 2002-11 (MBO) vom November 2002 in der Fassung vom


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Holz ist zwar ein brennbarer Baustoff, aber das Brand­ verhalten kann im Vergleich zu einer ungeschützten Stahlkonstruktion als relativ unkritisch angesehen werden.“ Christoph Hall

25.09.2020 (ARGEBAU) die Einführung der Gebäudeklasse 4, wonach tragende und aussteifende Bauteile für Gebäude mit einer baurechtlichen Höhe nach § 2 MBO von maximal 13,0 Metern und einer Beschränkung der Fläche von Nutzungs­ einheiten auf 400 Quadratmeter in brennbarer Holzbauweise mit nichtbrennbarer Bekleidung zulässig sind. CH \ Beständig werden die Regularien weiterentwickelt, um den neuen Erwartungen an Gestaltung und Schutz der tragenden brennbaren Konstruktion vor Brandeinwirkung noch besser gerecht zu werden, massive Holzkonstruktionen bis zur Hochhausgrenze nun auch in der Gebäudeklasse 5 mit begrenzten sichtbaren Holzflächen möglich zu machen und die bauliche Umsetzung zu vereinfachen. Dazu veröffentlichte das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) am 23. Juni 2021 erstmalig die Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an Bauteile und Außenwandbekleidungen in Holzbauweise (MHolzBauRL) in der Fassung vom Oktober 2020.

53


„ Der Prozess hat eine Dynamik erreicht, die sich weiterhin in Gesetzgebungen, Richtlinien und Empfehlungen nieder­ schlagen muss.“ Tanja Götzel

TG \ Sie löst dort, wo bauordnungsrechtliche Landes­ regelungen dieses gestatten, die 2004 verfasste MusterRichtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise (M-HFHHolzR) ab. Es werden brandschutztechnische Anforderungen beschrieben, die ein Brennen der Holzkonstruktionen und die Einleitung von Feuer und Rauch in die Wand- und Decken­ bauteile verhindern soll. Diese beziehen sich auf die Baustoffe, die Brandschutzbekleidung, konstruktive Ausbildungen und Anschlüsse, Öffnungen (wie Türen und Fenster), sowie die Installationsführungen. Mit geeigneten Maßnahmen, wie z. B. Bekleidungen mittels nichtbrennbarer Baustoffe oder mit konstruktiven Maßnahmen zur Unterteilung der Konstruktion an sich, kann der Gefahr einer Brand- und Rauchausbreitung begegnet werden. Dabei werden je nach Bekleidungsart konstruktive Maßnahmen zur Vorbeugung einer Brandausbreitung über die Fassade und die dahinterliegenden Lufträume

54

festgelegt. Es wird zwischen horizontalen und vertikalen Brandschutzmaßnahmen (Brandsperren) unterschieden. CH \ Dort, wo die MHolzBauRL zur Anwendung kommen darf, können sichtbare und nicht gekapselte Holzmassivbauteile in definierten Standardgebäuden der Gebäudeklassen 4 sowie 5 bis zur Hochhausgrenze dann eingesetzt werden, wenn die Flächen von Nutzungseinheiten 200 Quadratmeter nicht überschreiten. Dabei ist der sichtbar verbleibende Holzanteil allerdings beschränkt. Die aktuellen baurechtlichen Entwicklungen fördern somit das Bauen mit Holz zunehmend, schränken die Anwendung auf sogenannte Standardgebäude und die Sichtbarkeit des Holzbaustoffes jedoch bislang auch ein. Es würde mehr gehen können. TG \ Um den ästhetischen Ansprüchen an die moderne Holzarchitektur und zugleich der Sicherstellung der bauordnungsrechtlichen Schutzziele gerecht zu werden, stehen das Bauordnungsrecht und auch die Brandschutzplanungen vor


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

www.holzbauoffensivebw.de/ de/frontend/product/ detail?productId=19

www.holzbauoffensivebw.de

www.aufholzbauen.de

Deutscher Holzbau Preis 2021

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

vielfältigen neuen Herausforderungen. Der Prozess hat eine Dynamik erreicht, die sich weiterhin in den Gesetzgebungen, Richtlinien und Empfehlungen niederschlagen muss. Unbeschadet dessen werden die Planenden gefragt sein, im Rahmen von Abweichungen sich erweiternde Möglichkeiten durch geeignete Kompensationsmaßnahmen zu erschließen.

BF / Emotional assoziieren viele Menschen das Bauen mit Holz mit Rustikalität und Gemütlichkeit, andere mit einer neuen schlichten und zugleich ökologischen Raumästhetik. Das Gestaltungsspektrum ist ein sehr weites. Die Planerinnen und Planer von Tragwerk, Architektur und Innenarchitektur können hier passgenaue Vermittlungsarbeit leisten, indem sie in Kenntnis der konstruktiven und ästhetischen Möglichkeiten Anschauungsbeispiele kennen und darüber aufzeigen, wie nachhaltig und attraktiv der sichtige Holzbau (außen und innen) ist. Der Südwesten Deutschlands trägt im Zeitalter der Dekarbonisierung diesem Sachverhalt mit der Holzbau-Offensive Baden-Württemberg 13 Rechnung. Deren Bedeutung mag sich daran erkennen lassen, dass die Aktivitäten von einer interministeriellen Arbeitsgruppe koordiniert, bewertet und fortschreitend weiterentwickelt werden, an der sechs Ministerien beteiligt sind. Somit werden die Aspekte der ländlichen Räume, von Finanzen, Digitalisierung, Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, von Wissenschaft und Forschung bezogen auf die Landesentwicklung ganzheitlich angegangen. Die erwartungsgemäß steigende Nachfrage nach Holzbauten soll mit einer fachlich gut ausgebildeten Planendenschaft unterstützt werden. Dazu wurde die Bildungsplattform Auf Holz bauen – Die Bildungsoffensive 14 für Planerinnen und Planer im Holzbau in Baden-Württemberg aufgebaut. CH \ Keine Frage! Um den jüngsten klimatischen Entwicklungen zu begegnen und den gesetzten Klimaschutzzielen gerecht zu werden, gewinnt der Baustoff Holz als nachwachsender Rohstoff an Popularität und wird sowohl von der Politik als auch von den Architekten- und Ingenieurkammern, den länderweise bzw. regional organisierten Architekten- und Ingenieurvereinen und auch von Verbänden, wie Holzbau Deutschland 15 – Bund Deutscher Zimmermeister im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes, mit Programmen und

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Preisverleihungen gefördert. Es gibt viele ermutigende Beispiele 16, von denen wir lernen können: mittels der bekannten klassischen Holzbausysteme, gemeint sind hier stabförmige Systeme, Holz-Verbundsysteme oder Massivholzsysteme, aber auch darüber hinausgehende. Bewusst wähle ich hier ein Beispiel aus, welches sich aus der Fachwerkaltstadt herausbewegt, den Urbach-Tower auf der Remstal-Gartenschau bei Stuttgart, bei dem ein neues Verfahren, an der Universität Stuttgart und an der ETH Zürich entwickelt, zum Einsatz kam. Dabei werden Holzplatten ohne Maschinenkraft, rein mittels kontrolliertem Trocknungsprozess in eine zuvor berechnete Form gebogen. Das Bauen mit Holz eröffnet faszinierende Möglichkeiten, bekannte und solche, die gerade aus der Entwicklung in die Anwendung gebracht werden.

TB / Abschließend können wir demnach festhalten, dass wir bereits jetzt für neue Lückenschlüsse in Fachwerkaltstädten unser heute erhöhtes brandschutztechnisches Schutzniveau mit materialgerechten neuen Holzbaukonstruktionen erreichen können. Es lassen sich auch Bestandsgebäude im Rahmen von sensiblen Sanierungen durch neue Brandschutzkonzepte mit ausgewählten Ertüchtigungen in Bezug auf den Brandschutz deutlich verbessern, ohne die Qualitäten der sichtbaren Konstruktionen zu verlieren. Die Stadt Hann. Münden kann ihre Geschichte in Holz fortschreiben und dabei zukunfts­ orientiert für unser Klima planen. TG \ Das kann ich nur unterstreichen. CH \ Auch und gerade mit Blick auf das Tragwerk und die Baukonstruktion kann ich dem nur zustimmen! BF / Wir bedanken uns sehr für diesen inspirierenden Austausch.

55


REGIONALE IDENTITÄTEN Coworking- und Coliving-Spaces in Mittel-, Klein- und Landstädten im Trendradar Birgit Franz

01. Hommage von Charlotte Schütz an die ehemaligen Bewohner dieses Hauses, entstanden 2011 anlässlich des wiederkehrenden Hann. Mündener Festivals DenkmalKunst – KunstDenkmal und zwar im über viele Jahre verlassenen Haus der Firma Kohlen Hesse. Co-Kreationen beginnen im Kopf.

56


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Die heterogenen Arbeitsund Lebensmodelle in unserer pluralistischen Gesellschaft benötigen vielfältige Eigentumsund Nutzungsstrukturen. Das gilt für Groß- und Mittelstädte ebenso wie für Klein- und Landstädte.“ Birgit Franz

57


BBSR im BBR (Hg.): Stadt gemeinsam gestalten, 2021 Zukunftsinstitut GmbH (Hg.): Trendstudie. Progressive Provinz, 2021

Damit denkmalgeschützte Altstädte nicht nur für Touristinnen und Touristen attraktiv sind, sondern auch für Ein­heimische als lebendige Lebensräume in Nutzung verbleiben, nimmt eine zukunftsgewandte Stadtentwicklung die Bereitstellung von Ermöglichungschancen für unterschiedliche Lebensentwürfe in den Blick. Privat und beruflich nutzbare Räume und Frei­ räume, die ein aktives Miteinander mit dem zeitgemäßen Bedürfnis nach Freiheit und Selbst­bestimmung verknüpfen, und das über verschiedene Altersgruppen, Einkom­men und Familienstände hinweg, sind im urbanen Quartier 1 ebenso möglich und nachgefragt wie in der progressiven Provinz 2.

„ Eine vorsorgliche kommunale Liegenschaftspolitik, gezielte Immobilien­entwicklung und gemeinschaftliche Investitionsmodelle stärken die Ermög­lichungschancen.“ Birgit Franz

58


WEITERBAUEN

/

FORMEN

Netzwerk Zukunftsorte e.V. (Hg.): Übermorgen, 2022

www.bundesstiftungbaukultur.de BBSR im BMUB (Hg.): Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte, 2017

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

Den Fokus verstärkt auf die Angebotsvielfalt und die private Bezahlbarkeit gerichtet, sind (jenseits des investoren­üblichen Mainstreams) kooperative Alternativarchitekturen und Trägermodelle (Co-Kreationen) ebenso mitzudenken wie Vorhaben des Teilens und Tauschens (Sharing-Modelle). Ob privat, kommerziell oder kommunal betrieben, maß­ geblich ist die Gemeinwohlorientierung 3. Grundstücke, Nutzflächen und Räume sowie Betriebskonzepte sind mit Investierenden und Nutzenden zu einem sozialen Organis­mus experimentell operierender Wir-Kultur zu vernetzen. Flächen und Räume für Begegnung, Mobilität, Fitness, Werken, Tauschen, Spielen, Urban Gardening u. a. m. sollten dabei von Anbeginn mitgeplant werden. Baukulturell mit Regional- und Lokalbezug können derartige Projekte gestärkt werden, indem die Instrumente zur Ge­staltungsberatung und zur Vermittlung der Vorteile von Planungswettbewerben 4 sowie Mehrfachbeauftragungen und Planungskonkurrenzen 5 wirksam angewendet werden. Sie bieten sowohl für kommunale als auch für privatwirtschaftliche Bauherrschaften größtmögliche Planungssicherheit, da anhand sachlicher Kriterien, wie Innovationsgehalt, Nachhaltigkeit und Kostensicherheit, der überzeugendste Lösungsansatz ermittelt werden kann. Unterstützung bei der Vermittlung von Baukultur 6 kann die Stadtentwicklung durch die Einbindung von festen oder mobilen Gestaltungsbeiräten 7 erfahren. Gut in die Öffentlichkeit kommuniziert, sind derart realisierte Vorhaben Multiplikatoren für mutige, zukunfts­ weisende Lösungen. Auch für metropolferne Städte darf dabei durchaus auf Antworten aus den Ballungsräumen geschaut werden, um heraus­ zufinden, welche Lebensmodelle dort welchen baulichen Niederschlag finden. Transferiert und angepasst auf den lokalen Maßstab der Mittel-, Klein- und Landstädte, mit ihren klein­ teiligen Strukturen und regionalen Baukulturen, geben sie für deren inhaltlichen Umbau wichtige strukturelle Impulse. Neben aus der Nutzung gefallenen großflächigen Bauwerken und Arealen, wie frühindustrielle Anlagen oder großflächiger Einzelhandel, können Baulücken, Bestandsbauten und auch Baudenkmale zu zielgerichteten Co-Projekten entwickelt werden.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Inzwischen sind auch in kleineren Städten und in ländlichen Räumen die Vorteile der flexiblen Arbeitsplatzlösung (Coworking) bekannt. Darunter zu verstehen sind gemeinschaftlich genutzte Büroarbeitsplätze (Coworking-Spaces) und Werkstättenplätze (Maker-Spaces) mit professioneller digitaler und räumlicher Infrastruktur. Bisweilen werden sie kombiniert mit anderweitigen Service- und Nutzungsangeboten, wie Kinderbetreuung, Mobilitätsstation, Selbstbedienungscafé, Paket- oder Reinigungsannahmestelle oder auch Waren­ automaten zur Rund-um-die Uhr-Nahversorgung. Werden mittels derartiger Kombinationen neben dem eigenen Heim (dem Ersten Ort) und dem Arbeitsplatz (dem Zweiten Ort) auch halböffentliche Räume für ungezwungene Begegnungen geschaffen, spricht man von Dritten Orten (Third-Places). Grundsätzlich bleibt jedoch anzumerken, dass die Potentiale von Coworking für die Stadt- und Regionalentwicklung vielerorts (noch) nicht vollumfänglich erkannt werden.

59


Coworking ist im Ansatz weit mehr als ein reines Geschäftsmodell zur Befüllung leerstehender Räume und Gebäude. Mit im Blick hat die Coworking-Bewegung, neben notwen­diger­weise auch wirtschaftlichen Aspekten, das seelische Wohl­ergehen der Menschen. An ausdifferenziert konzipierten, hybriden Orten des digitalen und analogen Arbeitens werden soziale Kontakte belebt, verknüpft und (weit über den Standort hinaus) vernetzt. Gemeinschaft wird ermög­licht und gestärkt, auch wenn mitunter jeder auf eigene Rechnung arbeitet. Den Nachteilen des Homeoffice, wie Vereinsamung oder Reduktion der Kreativität in Ermangelung eines un­mittelbaren Erfahrungsaustausches, wird eine konkrete Alternative entgegengestellt. Das zumeist sparten­ unabhängige voneinander Lernen führt zu unerwarteten Resilienzen und sozialen Kontakten. Innenministerium RLP / Entwicklungsagentur RLP: Projekt Dorf-Büros Rheinland-Pfalz, Start 2019 midi / Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. (Hg.): Leitfaden Coworking in der Kirche, 2021 Bertelsmann Stiftung (Hg.): Coworking im ländlichen Raum, 2020

60

Auch Kommunen 8 und Kirchengemeinden 9 sind an außerhäuslich organisierten Coworking- und Maker-Spaces inte­ ressiert. Große Unternehmen interpretieren selbige als neue Außenstellen 10 und bezeichnen diese bisweilen auch als Satelliten. Als Dritte Orte bereichern sie durchaus auch deren Organisationsstruktur. Zudem entfällt das regelmäßige Einpendeln an den oftmals entfernt vom Wohnort gelegenen Unternehmensstandort und wird stattdessen durch gele­ gentliche Anreisen ersetzt. Dieser Wandel führt (mitunter auch gewollt) zur Einsparung von dauerhaft verfügbar gehaltenen Arbeitsflächen am eigentlichen Firmensitz, indem dort Einzelbüros durch Großraumbüros und persönliche Schreibtische durch Gemeinschaftstische mit frei buchbaren Arbeitsplätzen

ersetzt werden. Auch diesen Transformationen im Firmensitz wird ein deutlicher Mehrbedarf an Raum für Begegnung (und Bewegung) bescheinigt. Was nach der aktuellen CoronaPandemie bezogen auf die Neuen Arbeitswelten (New-Work) das ‚Neue Normal‘ werden wird, ist derzeit in der Diskussion. Als unbestritten gilt, dass auch für die Zukunft des Arbeitens vielfältige Angebote, insbesondere hybride Modelle, gefragt bleiben werden – unbeschadet der zugehörigen Herausfor­ derungen, wie die Umsetzung zugehöriger Arbeitszeitmodelle mit entsprechenden Wechseln zwischen Arbeiten im Betrieb, im heimatnahen Coworking-Space oder im Homeoffice. Um auf den Ort, seine Umgebung und die Lokalität zuge­schnittene Konzepte zu entwickeln und deren Nachhaltig­ keit belastbar auszuloten, bedarf es unbedingt sorgfältig vorberei­teter Studien zu Gesichtspunkten wie der grundsätz­ lichen Nach­frage, den spezifischen Bedürfnissen und zu den geeigneten Betriebs- und Betreiber­konzepten. Zusätzliche Planungssicherheit er­möglicht auch die temporäre Etablierung eines entsprechen­den Pop-up-1:1-Angebots. Inzwischen kann zudem auf einem soliden Fundament breit gefächerter Erfahrungen 11 aufgebaut werden. Die deutschlandweite Vernetzung von Initiativen und Standorten belegt die zuge­ hörigen Chancen für die Strukturentwicklung außerhalb der Metropolregionen. Die Reduktion des Pendlerverkehrs nebst Schadstoffausstoß, die Verein­barkeit von Familie und Beruf oder auch die Entstehung von mehr Start-ups auf dem Lande, u. a. m., gehören zu den gewollten Zielsetzungen.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

88 46

BBSR im BBR (Hg.): Clusterwohnungen, 2020 und Wüstenrot Stiftung (Hg.): Wohnen jenseits des Standards, 2020 Wetzestein, Diana: SchlafEinfachHier, 2020

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

Bezogen auf Hann. Münden haben spontan geführte, statistisch nicht belastbare Gespräche aufgezeigt, dass es durchaus bereits Auspendelnde zu Coworking-Spaces in die benachbarten Oberzentren Göttingen und Kassel gibt. Eine für gemeinschaftliches Arbeiten entwicklungs­fähige Immobilie vor Ort wäre möglicherweise das in der Altstadt gelegene, als Rosenhof bekannte und derzeit weitgehend leerstehende Geschäftshaus (Rosenstraße 6, 8, 10 und 12). Bei diesem Bauwerk, errichtet in den frühen 1980er Jahren in zeittypisch kleinteiliger Stahl­betonbauweise, wurde erstmals die 1979 beschlossene (und noch bis heute) gültige Gestal­tungs­satzung angewendet. Auch der Lückenschluss 12 der gegenüberliegenden Baulücke (Rosenstraße 5, 7 und 9) könnte als Coworking-Space ausgebaut werden. Alternativ wären hier auch verschiedene Formen des gemeinschaftlichen Wohnens (Coliving) vorstellbar. Darunter subsummiert wird die Bandbreite an Möglichkeiten, von der altbewährten Wohngemeinschaft (gemeint sind zusammengebundene Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbädern und -räumen) bis hin zum noch jungen Typus der ClusterWohnungen 13 (in Gemeinschaftsflächen eingebettete abgeschlossenen Wohneinheiten).

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Der zugehörige kooperative Zusammenschluss der Haus- und Wohnungseigentümerschaften würde den gesamten Betrieb, wie Rezeptionsdienste, Buchhaltung, Reinigung, Wartung, Übergabe von Frühstücks- und Restaurantgutscheinen, u. a. m., in professionelle Hände übergeben können. Als Besonderheit könnten leerstehende Ladenlokale und Werkstätten in Analogie zum Wiener grätzlhotel 15 als Street-Suiten zusammengebunden werden. Derartig könnten in Hann. Münden zukunftsträchtige Coworking- und Coliving-Spaces sowie andere Co-Kreationen entstehen: räumlich und zeitlich vielfach genutzt, mit Bezug zur lokalen Baukultur, im Bau- und Denkmalbestand die bereits verbaute Graue Energie nutzend, in Lückenschlüssen mit Holz als Baumaterial der Wahl 16, weil darin CO2 aus der Atmosphäre gebunden und über lange Zeiträume gespeichert verbleibt.

Zudem könnten in der Rosenstraße, aber nicht nur dort, leerstehende Fachwerkbauten attraktiv wieder belebt werden, indem sie als dezentrale Gäste- und Hotelzimmer 14 genutzt werden. Und zwar für die Bürgerschaft selbst (z. B. für Familienbesuch) als auch für den Tourismus, so dass über das ganze Jahr hinweg auf eine gute Auslastung zugesteuert werden kann.

61


Die effiziente, schnelle und kostengünstige Realisierung von konkreten Co-Projekten wird durch eine kommunal unterstützte Implementierung von Co-Finanzierungen aktiviert. Auch mit Hilfe von Crowdfunding lassen sich zukunftsträchtige Projekte baulich realisieren, da hier eine Vielzahl von Menschen finanziell unterstützt und so Manches erst moglich gemacht wird. Zahlreiche Genossenschaftsbanken sehen Crowdfunding als moderne Variante der Genossenschaft und bieten Vereinen und gemeinschaftlichen Einrichtungen eigene Plattformen an, um projektbezogene finanzielle Hilfe zu generieren. Dahinter steht die Idee, jene Menschen zusammenzubringen, die spezifische Nutzungen und Funktionen voranbringen wollen, welche ansonsten in der Stadt nicht oder nicht zeitnah genug entstehen würden. Hilfreiche Informationen und Unterstützung bieten auch Stiftungen, wie die Schader Stiftung 17 rund um das Thema Stadtentwicklung und Wohnen. Die Stiftung Trias 18 fokussiert gemeinschaftliches Wohnen und die Montag Stiftung Urbane Räume 19 die gemeinschaftliche Stadtentwicklung, um so den Menschen eine Chance zu geben, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

62

Neben gemeinschaftlichen Finanzierungsansätzen bietet das Erbbaurecht (umgangssprachlich auch als Erbpacht bezeichnet) eine Alternative zum Grundstückserwerb.20 Anleihe kann auch bei den weniger bekannten Eigentümerstandortgemeinschaften 21 und den wohlbekannten Eingetragenen Genossenschaften (eG), die je nach Satzungszweck auch als Gemeinnützige eG eingetragen werden kann, genommen werden. Seit 2016 gehört die Genossenschaftsidee gar zum Immateriellen Kultur­ erbe der Menschheit 22. Genossenschaften entstehen mitunter auch dort, wo sich Kommunen zurückziehen, z. B. als Betreiber von Kindergärten oder Schwimmbädern – auch wenn das Genossenschaftsprinzip nicht so gedacht ist, dass es den Sozialstaat ersetzt, sondern vielmehr diesen ergänzt. Die Idee gemeinsam zu wirtschaften, verfolgen tradierte Branchen, wie Handel, Landwirtschaft, Kreditwesen sowie Wohnungsbau, seit An­beginn, und inzwischen auch jüngere Branchen, wie die Informationstechnologie und die Energiewirtschaft. Und auch das ein oder andere mittelständische Unternehmen, das keinen Nachfolger findet, überprüft die Optionen einer Mitarbeitergenossenschaft. Gemeinsam ist ihnen das Vertrauen in das zugehörige demokratische und solidarische Grundkonzept. In Hann. Münden erbringt die Genossenschaft Gemeinnütziger Bauverein in Münden eG 23 seit über 120 Jahren bürgerschaftlich getragene, bezahlbare Bauaktivitäten. Zudem hat sich die im Jahr 2013 eingetragene Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG 24 es zur Aufgabe gemacht, die Stadt aktiv mitzugestalten: zwei Projekte wurden bereits abgeschlossen, eines befindet sich im Planungsstadium, und eines wird derzeit beräumt (weitere Projekte werden hoffentlich folgen).


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Im Bereich der zukünftigen Möglich­ keiten für neu ge­dachte Nutzungsinhalte liegen integrierte, angebundene, aber auch neue Kooperativen, um Inno­ vationen gemeinschaftlich anzugehen und zu realisieren.“ Birgit Franz

Welche Potentiale Co-Finanzierungen bergen, veranschaulicht das jüngst viel diskutierte, 2022 vom Deutschen Architekturmuseum mit dem DAM-Preis für Architektur in Deutschland ausgezeichnete Projekt der Baugenossenschaft Kooperative Großstadt 25. Bezugsfertig wurde deren experimentelle Alternativarchitektur San Riemo 26 in München-Riem im Jahr 2020. Neben einem ganz eigenen Konzept des gemeinschaftlichen Wohnens, bei dem die Möglichkeit besteht, die Individualräume selber zuzuordnen, ist hier der konsortiale Verbund mit den angrenzenden Projekten der Genossenschaften WOGENO 27 und wagnis 28 ebenso bemerkenswert wie die Ausbildung der Begegnungsräume: Werkstätten, Gemeinschaftsbibliothek, Draußenküche und Hochbeete auf dem Dach, u. a. m., wodurch die Bewohnerschaft auch baulich herausgefordert wird, ihr Zusammenleben aktiv und gemeinsam zu gestalten.

Alles andere als abschließend bleibt zu konstatieren, dass die naturbezogene Lebensqualität und die Maßstäblichkeit der Nachbarschaften in ländlichen Räumen (neben ganz persön­ lichen Gründen) als wesentliche emotionale Zugänge zu betrachten sind, um zu bleiben, zurückzukehren oder sich erstmals anzusiedeln, wenn zudem die sonstigen – auch die architektonischen – Rahmenbedingungen stimmen, um das individuelle Lebensmodell verwirklichen zu können – mitunter gemeinschaftlich, experimentell und alternativ zu tradierten Arbeits- und Wohnkonzepten.

63


Im Porträt

64


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Nicole Prediger und Friedhelm Meyer stehen in Hann. Münden für die Stadtentwicklung und ‑transformation im öffentlichen Fokus. Zusammen mit Birgit Franz und Till Boettger von der Fakultät Bauen und Erhalten der HAWK diskutieren sie ihre lokalen und regionalen Strategien und Anliegen. Birgit Franz (BF) und Till Boettger (TB) im Gespräch mit Nicole Prediger (NP) und Friedhelm Meyer (FM)

www.fachwerk5eck.de

BBSR im BBR (Hg.): Stadt gemeinsam gestalten, 2021 www.fachwerk-triennale.de

TB / In unserem heutigen Porträt zur Stadtentwicklung möchten wir vor allem Ihrerseits ausprobierte sowie avisierte Experimentierfelder für einen zukunftsweisenden Weiterbzw. Umbau von Fachwerkstädten thematisieren. Dabei wollen wir einerseits mehr über Ihr interkommunales Netzwerkdenken, das den Erfahrungsaustausch mit anderen Städten sucht, erfahren, andererseits über Ihre Vermitt­ lungsstrategien zur Stärkung der Beteiligungskultur in der Stadtgesellschaft 1 sprechen. NP \ Wir heißen Sie, wie schon so oft, in unserer schönen Stadt willkommen. FM \ Gerne knüpfen wir dabei an unsere zahlreichen bisherigen Gespräche an. BF / Für das Mittelzentrum Hann. Münden übernahmen Sie, Frau Prediger, vor acht Jahren die Leitung für den Bereich Stadtentwicklung. Die Städte und Gemeinden sollen gerechter, grüner und produktiver und die integrativen und partizipa­ tiven Prozesse maßgeblich gestärkt werden. In Deutschland und Europa gehört die Neue Leipzig-Charta 2020: Die transformative Kraft der Städte 2 (die auf der Leipzig-Charta 2007: Zur nachhaltigen europäischen Stadt 3 fußt) zu den gemeinwohlorientierten Leitdokumenten nationaler, regionaler und kommunaler Stadtentwicklungsstrategien. Für den Stadt­ umbau bedeutet dieses eine Hinwendung zu einer Kultur des Ausprobierens. Folglich werden vermeintlich bewährte Verwaltungsmodelle künftig nicht länger als richtig oder falsch bewertet, sondern neu gedacht. Politik und Verwal­tung sprechen von gewollten Versuchs- bzw. Reallaboren.

NP \ Experimentierfelder und Innovation sehe ich insbesondere in unserem interkommunalen Netzwerk Fachwerk5Eck 4. Gemeint ist hier der formalisierte Zusammenschluss der südniedersächsischen Fachwerkstädte Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode am Harz. In unserem jüngsten Regionalprojekt Wohnen in der Altstadt – Reaktivierung im Bestand des Fachwerk5Ecks geht es um Best Practice zu bezahlbaren Wohnraumstrategien im baukulturellen Erbe. Öffentlich machen wir unsere Ansätze im Rahmen der Fachwerktriennale 2022 5. Dieses Veran­ staltungsformat ist ein Forum für Stadtentwicklung in den historischen Fachwerkstädten Deutschlands. Projektbezogen wird unsere Partnerstadt Northeim im Jahr 2022 unser Aus­ tragungsort für die zugehörigen Veranstaltungstermine sein, die anderen vier Partnerstädte werden per Video zugeschaltet. Die Idee hinter unserem Konzept ist es, Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer mittels Gesprächen sowie persönlichen und individuellen Hilfsangeboten zu motivieren, notwendige Sanierungen und Modernisierungen durchzu­führen. Mit im Fokus steht dabei die Umwandlung von leerstehenden Ladengeschäften außerhalb der unmittelbaren Kern-Einkaufs­ straßen in Wohnraum. Gefördert werden wir aus dem Programm Zukunftsräume Niedersachsen des Niedersächsischen Ministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, welches (ganz wichtig für dessen Akzeptanz) im Zugang niedrigschwellig konzipiert ist. Das betone ich deshalb, da Fördermittelprogramme, die zu komplex sind, keine wirkliche Hilfestellung für die Städte bedeuten.

65


www.fachwerk-arge.de

66

BF / In ihrer über zwanzigjährigen Amtszeit als Städtischer Baudirektor war auch für Sie, Herr Meyer, der Austausch mit Netzwerken ein wesentliches Fundament Ihres Wirkens. Immer wieder konnten Sie für die Stadt Hann. Münden programmbezogene Fördermittel von Bund und Ländern akquirieren und damit die Ausgestaltung attraktiver und nachhaltiger Wohn- und Lebensräume im Flächendenkmal stärken. Ihre Erfahrungen haben Sie stets überregional öffentlich gemacht, beispielsweise im Rahmen der Fach­ werktriennalen, die von der Arbeitsgemeinschaft   Deutsche Fachwerkstädte e.V. (ADF) 6 seit dem Jahr 2009 ausgerichtet werden. Hier gehören Sie zu den Mitinitiatoren. FM \ Dieses Format wird von der Nationalen Stadtentwicklungspolitik gefördert, um Innovationen publik zu machen. Der impulsgebende Austausch zu Strategien, Konzepten und Projekten zum Umbau von Fachwerkstädten wird themenbezogen im Turnus von drei bis vier Jahren gepflegt, von der Nordsee bis zum Bodensee werden Erfahrungshorizonte ausgetauscht. In Summa profitieren die rund 130 in der ADF vereinten Städte voneinander. Bereits bei der ersten Veranstaltung im Jahr 2009, damals zur Gestaltung des verstärkt öffentlich gemachten demografischen Wandels, konnten wir beispiel­ gebend mitwirken und uns einen Platz im damals noch ganz jungen, inzwischen etablierten Magazin stadt:pilot sichern. In diesem Medium stellt die Nationale Stadtentwicklungs­ politik ihre Pilotprojekte vor: kurz und knackig, so dass man neu­gierig wird. Im Austragungsjahr 2009 lautete die dortige Headline zu unseren Ansätzen zur Leerstandbekämpfung:

„Vom Sanierungsfall zum Highlight. Fachwerk im Stadtkern hat Potenzial“. 7 Im Rahmen des Festivals DenkmalKunst – KunstDenkmal etablierten wir geradezu spielerisch ein Vermarktungskonzept: Angelockt durch vielfältige Kunstveranstaltungen in den leerstehenden Fachwerkhäusern konnten wir den Menschen das Charisma des Kulturerbes derart vermitteln, dass es wieder in Nutzung genommen wurde. Im Austragungsjahr 2012 stand die Einbindung der Bürgerschaft im Fokus und in 2015 die Allianzen mit der Wirtschaft – „Von der Ausstellung zum Stadtentwicklungsprozess“ 8 lautete diesmal im Magazin stadt:pilot die Überschrift. Und 2019 war die Integration von Migrantinnen und Migranten das Leitthema. Das voneinander und miteinander Lernen anhand von Best Practice in historisch gewachsenen kleinteiligen Stadt-, Gebäude- sowie Eigentums­strukturen ist ein wichtiger Baustein für eine integrative Stadtentwicklung. Bei der Revitalisierung werden sowohl Denk­malschutz als auch Umwelt- und Klimaschutz inkludiert, architektonische, städtebauliche, wirtschaftliche und soziale Ansätze miteinander verwoben. Die Fachwerktriennalen kann man als die weiträumige Vernetzung von Reallaboren beschreiben. Diskutiert werden dabei nicht nur Erfolge, sondern auch Irrtümer. Auch der Mut zu Fehlern bringt voran. Aus beiden erwachsen Erkenntnischancen. NP \ Experimentierfelder sind gewollt, doch sie müssen unbedingt schrittweise gedacht werden. Nur so lassen sich letztlich auch die verwaltungstechnisch erforderlichen positiven Stadtrats- oder Gemeinderatsbeschlüsse erzielen. Man darf die Menschen nicht überfordern. Ehrenamtliches Bürgerengagement will Ziele erreichen, anderenfalls werden Frustrationen ausgelöst, die manchmal kaum noch einzufangen sind. Die Politik und die Verwaltung wissen heutzutage ganz genau, dass sie auf die Menschen zugehen und diese mitnehmen müssen, dass nur über diesen Weg viel erreicht werden kann. Andererseits bedarf die Bürgerbeteiligung einer ermöglichenden Finanzierung! Denn sowohl die Gestaltung der Aushandlungsprozesse als auch spätere Realisierungsmaßnahmen erzeugen Kosten. Um Zielgeraden zu erreichen, ist es wichtig, den bürgerschaftlich motivierten Ideen zunächst temporär Raum zu geben, beispielweise durch verwaltungsseitig begleitete Pop-up-Aktionen. Befristet geduldete Testläufe sind wichtige Vorläufe, um die Nachhaltigkeit von Ideen zu beurteilen und über die Sinnfälligkeit von dauerhaften Genehmigungen entscheiden zu können. Und nicht zuletzt ist es wichtig, dass die Städte und Gemeinden die für geförderte städtische Projekte notwendigen Eigenanteile auch aufbringen können (und dürfen)!


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Diskutiert werden bei den Fachwerktriennalen nicht nur Erfolge, sondern auch Irrtümer. Auch der Mut zu Fehlern bringt voran. Aus beiden erwachsen Erkenntnischancen.“ Friedhelm Meyer

Kalkmann, Jens U. (Hg.): Wasserspuren. Wasser sichtbar machen, 2000

FM \ Der Stadtrat ist laut Grundgesetz der Auftraggeber für die Aktivitäten in der Stadtverwaltung. Und die Aufgabe der Stadtverwaltung ist es, Impulse aus der Politik derart für den Dialog mit dem Rathaus vorzubereiten, dass Mehrheitsentscheidungen zugunsten der Stadtentwicklung erfolgen. Öffentliche Veranstaltungen sind immer auch Schaukämpfe, die muss man durchdringen, um wirkkräftig zu werden.

TB / Zur Weiterentwicklung der Fachwerkstädte mit ihren über Jahrhunderte gewachsenen Baustrukturen gehört auch die verantwortungsbewusste Inanspruchnahme von öffent­ lichen Räumen, wir sprechen da von sogenannter grüner und blauer Infrastruktur. Durch den Einsatz von Pflanzen und Wasser, aber auch durch Wasserrückhaltung, sollen Städte

besser gegen Wetterextreme geschützt werden. Verödete Plätze und Fußgängerzonen werden deshalb künftig vielfältig genutzten Aneignungsräumen weichen müssen. Wenn man sich die zentralen Plätze anschaut, war Hann. Münden hier schon früh an diesen Themen dran. FM \ Das Projekt Wasserspuren 9, welches von der Universität Kassel wissenschaftlich begleitet wurde,10 ist ein schönes Anschauungsbeispiel für das Zusammenspiel von Bürgerschaft und Stadtverwaltung bzw. Stadtentwicklung. Seinerzeit avi­sierten wir eine Teilnahme an der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover als Außenstelle Hann. Münden. Wir wollten unsere öffentlichen Plätze aufwerten, denn um die Stadtkirche St. Blasius gab es seinerzeit lediglich eine Asphaltfläche, im Zwischenraum zur Rathausrückseite war der Busbahnhof angesiedelt und die historisch als Markt bespielte Fläche auf der Rathausvorderseite nicht genutzt.

67


18

24

68

Die gemeinsame Kernidee von unserem Stadtdenkmalpfleger Burkhard Klapp und mir war, inspiriert von unseren drei uns umgebenden Flüssen ( Werra, Fulda und Weser) 11, mit dem Element Wasser zu spielen. Erfolgreich konnten wir die Mittel für eine strukturierte Bürgerbeteiligung mit anschließender Planung und Realisierung der Umgestaltungen einwerben. Allerdings hielten wir unsere eigenen Ideen gut unter Verschluss, um die beteiligte Öffentlichkeit nicht zu beeinflussen. Der große Rittersaal im Welfenschloss wurde Austragungsort für fünf parallele Workshops – dieses ist im Übrigen genau jene auratische Räumlichkeit, in der sich 2013 die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG 12 gründete. Die Bürgerschaft war in jedem Team vertreten, Seite an Seite mit den Freiraumplanenden und Kunstschaffenden. Gemeinsam wurde dis­ kutiert, gerungen und notiert, visualisierten Studierende der Universität Hamburg die Vorschläge. Mit Erstaunen konnten Burkhard Klapp und ich am Ende feststellen, dass die Ergebnisse den eigenen Vorabüberlegungen glichen. Die externe Beratung und Moderation war dabei ebenso förderlich wie die im Vorfeld getroffene Entscheidung, dass die Politik in der Jury lediglich eine beobachtende Rolle innehatte. Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass die Hemmschwelle gegenüber der eigenen Stadtverwaltung und Stadtpolitik deutlich größer ist als gegenüber Dritten. Durch das vorbeschriebene partizipative Vorgehen war die Maßnahme nachhaltig identitätsstiftend – bis heute. Die Aufgabe der Politik ist es, entscheidungsfähig zu sein. Die Aufgabe der Verwaltung ist es, Politik entscheidungsfähig zu machen.

„ Die Aufgabe der Politik ist es, entscheidungsfähig zu sein. Die Aufgabe der Verwaltung ist es, Politik entscheidungsfähig zu machen.“ Friedhelm Meyer


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

NP \ Um die Ziele von Umwelt- und Klimaschutz sowie klimaneutraler Energie- und Mobilitätsversorgung ganz­ heitlich anzugehen und in der Außenwirkung deutlich zu machen, berufen wir nach Bedarf mit Bürgerschaft, Politik und Ver­waltung einen Runden Tisch Klima ein und zwar unter Federführung des Fachdienstes Umwelt. Dadurch sitzen alle im gleichen Boot. FM \ Unsere maßgebende grüne Infrastruktur ist unsere Wallanlage, die dank eines bekräftigenden Ratsbeschlusses in ihrer Funktion als grüne Lunge und Raum für innerstädtische Entspannung als unantastbar gilt, unbeschadet dessen weiter gestärkt werden könnte. Zusätzliche, künftige grüne Infrastruktur sehe ich für unsere Fußgängerzone, und zwar für den Zeitpunkt der nächsten zyklischen Straßensanierung. Als Finanzierung kann ich mir ein nach dem Modell der Improvement Districts – Impulse zum Einkaufen konzipiertes Partnerschaftskonzept vorstellen. Gemeint sind projekt- und laufzeitbezogene Zusammenschlüsse von ortsansässigen Gewerbe­treibenden mit dem Ziel, gemeinsam statt einzeln zu handeln. Um die Entwicklung und um die Realisierung von Visionen muss man sich kümmern, weshalb die Städte gefordert sind, die dafür erforderlichen Personalstrukturen vorzuhalten. Und in Zeiten unausgeglichener Haushalte sollte im Stellenportfolio der Verwaltung auch die Fördermittelakquise verstetigt werden. Geeignete Förderprogramme sind zu detektieren, die benö­ tigten Fachexpertisen zusammenzubinden, um projektscharfe Anträge zu formulieren. Im Falle von Fördermittelzusagen müssen die Realisierungsstrukturen geregelt und Verwendungsnachweise pflegt werden. Erfolge können umso stetiger verbucht werden, wenn die Stabsstelle Wirtschaftsförderung und die Stabsstelle Stadtentwicklung Teamplayer sind. Aus meiner Erfahrungsnachlese gehören beide in eine Verwaltungseinheit: unter Federführung der Stadtentwicklung. Dadurch wird die Wirkkräftigkeit einer Stadt deutlich gestärkt.

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

NP \ Es bedarf gemeinsam austarierter finanzieller Spielräume. Für visionäre Überlegungen braucht eine Stadt Budgets – ich nenne das mal: Spielgeld. Wir müssen auch wagen dürfen. FM \ Ein Masterplan für vielfältige dezentrale Ausgleichsmaßnahmen, in den wie in einen Energiefond investiert werden kann, wäre meine Vision – die Turbine in der Hann. Mündener Staustufe ist da einer der bereits realisierten Impulse, die ich gerne als Teil der vor 15 Jahren visionierten Idee Grüner Ring gesehen hätte. Es ist immer der Mut der Akteure, der Zukunft baut! Das vom Berliner Büro für Architektur und Trans­­ formation initialdesign erstellte Konzept umfasste hier eine 3,8 Kilometer lange Strecke um die Stadt, wodurch die verlassenen Infrastrukturen des Weserhafens sowie die aufgegebene Eisenbahnstrecke mit ihrer Gitterträgerbrücke über die Werra verbunden und wieder in Wert gesetzt werden sollten, einerseits mittels Anlagen zur Solarenergienutzung auf der genannten Brücke und der Stützmauer der Bundesstraße, andererseits durch Schau- und Infor­mationsräume, Aussichtspunkte und Gastronomie. Bei einer erfolgreichen Realisierung wären wir heute unter den Impulsgebern für eine nächste Fachwerktriennale und zudem Tourismusmagnet zum Thema Umweltund Klimaschutz. Wir müssen an manchen Stellen groß denken und handeln, dabei helfen uns interkommunale Ansätze!

69


BF / Initialdesign sah bezüglich der Weiternutzung stillge­ legter Bahntrassen und Begleitbauwerke auch anderenorts regionale Entwicklungspotentiale. Hochschulseitig gingen wir an der HAWK mit dem Begründer Wilhelm Klauser das Thema für die Weser­brücke bei Fürstenberg an, ebenfalls eine Gitterträgerbrücke. Für den Weser-Radweg, beginnend in Hann. Münden am Zusammenfluss von Fulda und Werra, endend in Cuxhaven an der Nordsee, haben wir im studentischen Projekt Brückenschlag zukunftsträchtige Ideen 13 für additive touristische Infrastruktureinrichtungen entwickelt. Angedacht waren Schauräume und Informationsangebote zu den Industrieerzeugnissen der Region um die beiden Kreisstädte Holzminden und Höxter, wie innovative Gebäudeund Energietechniken, Glas-, Porzellan- und Möbelprodukte. Der Beitrag der JJJ Aktionsgruppe, deren Namensgebung aus den drei gleichen Anfangsbuchstaben der Vornamen der Beteiligten abge­leitet wurde, war übertragbares Programm: „Frage nicht, was Du für die Brücke tun kannst, sondern was sie für Dich tun kann.“ Als Querschnittsvision aus ihren Studiengängen (Architektur, Immobilienwirtschaft und Soziale Arbeit) realisierten die drei für einen Sommer reales Freeclimbing / Abseiling von der Brücke, brachten derart verschiedene Berufsgruppen zusammen, die im Tandem das Bauwerk erkletterten und zudem die Bedeutung des Brückenbauwerks für die Kulturlandschaft in das Bewusstsein der

70

Bevölkerung rückten: Ein Medienrummel par excellence war so garantiert. Solche Aktionen sind ein Anfang von Prozessen, die mitunter Jahrzehnte dauern können, bis sie realisierbar sind. Man darf sie nur nicht aus den Augen verlieren! NP \ Letztlich steht und fällt alles mit den Kümmerern! Ideen dürfen deshalb nicht sogleich ausgebremst werden, sondern müssen schrittweise angegangen werden. TB / Mit dem Blick auf die anzustoßenden Prozesse möchten wir auch auf die jüngsten Brandereignisse in Hann. Münden zu sprechen kommen. Die Tragik des Substanzverlustes – zum Glück waren keine Menschenleben zu beklagen – fordert nicht zuletzt die Stadtentwicklung und die Wirtschaftsförderung auf, resiliente Strategien für die entstandenen Lücken zu entwickeln bzw. zu befördern. Baulückenschlüsse bieten energe­ tische Kompensationsoptionen für das Quartier, beispielsweise indem eine Übererfüllung von geforderten Energiestandards bei den Neubauten kombiniert wird mit einer denkmalgerechten Sanierung der in Mitleidenschaft gezogenen historisch bedeutsamen Nachbarbebauungen. Einer für die Schönheit ihres Fachwerks bekannte Altstadt steht es gut an, für den Umund Weiterbau auf die heutigen, zeitgemäßen Holzbauweisen zu setzen – insbesondere nachdem in den vergangenen sieben Jahrzehnten für den Um- und Weiterbau überwiegend Antworten in Stahlbetonskelettbauweise bzw. Mauerwerksbauweise mit altstadttypischem Fensterformat als stehendes Rechteck gefunden wurden, teilweise kaschiert mittels applizierter Bohlen in Fachwerkanmutung.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Letztlich steht und fällt alles mit den Kümmerern! Ideen dürfen deshalb nicht sogleich ausgebremst werden, sondern müssen schrittweise angegangen werden.“ Nicole Prediger

Kommunalpolitisch und bürgerschaftlich gewollte Strate­­gien zugunsten von mehr CO2-neutralen Gebäuden, wozu beispielsweise der aus der politischen Bürgerschaft an den Rat der Stadt herangetragene Antrag Mehr Holzbauten gezählt werden kann, fordert ein Umdenken geradezu ein. FM \ Wenn der Stadtrat mehr Holzbauten will, dann muss er deren Beförderung auch als Pilotprojekt sehen und angehen, beispielsweise auch hinsichtlich der Überarbei­tung der Gestaltungssatzung. NP \ Qua Amt habe ich neben den Handlungszielen zugunsten einer gerechten, grünen und produktiven Stadt neben gestalterischen Ansprüchen alle zugehörigen rechtlichen Gesetzesvorgaben zu berücksichtigen. Einerseits entscheiden wir nach § 34 Abs. 1 Baugesetzbuch (BauGB), wonach ein Bauvorhaben zulässig ist, wenn es sich nach Art, Maß, Bauweise

und hinsichtlich der überbaubaren Grundstücksflächen in die nähere Umgebung einfügt. Ergänzend kommt das Ortsrecht hinzu, beispielsweise die Örtliche Bauvorschrift zur Erhaltung und Gestaltung des Stadtbildes und zur Regelung der Außenwerbung in der Altstadt der Stadt Münden 14.In der einfüh­ renden Begründung heißt es: „Diese Örtliche Bauvorschrift sollte seinerzeit die rechtlichen Grundlagen schaffen, die Silhouette der Altstadt, alte Straßenzüge und Straßenbilder zu schützen und zu erhalten und gleichzeitig Neubauten in den Bestand so einzugliedern, daß der für Münden typische Gesamteindruck nicht gestört wird. Vielmehr soll die Altstadt weiterhin [...] durch grundsätzliche Übereinstimmungen in Maßstäblichkeit, Einordnung und Rücksicht auf die Umgebung den Eindruck einer harmonischen Einheit hervorrufen.“

71


„ Neben den bestehenden Landesbauordnungen und Denkmalschutzgesetzen der Länder wären dringend auch Bestandsgesetze vonnöten, um mehr Planungssicherheit bieten zu können und wirtschaftlich angemessene Lösungen zu befördern.“ Nicole Prediger

Wir haben es dabei mit einem unbestimmten Rechtsbegriff zu tun. Die Folge ist das (zeitaufwändige) Operieren mit Einzelfallentscheidungen. Neben den bestehenden Landesbauordnungen und Denkmalschutzgesetzen der Länder wären dringend auch Bestands­gesetze vonnöten, um mehr Planungssicherheit bieten zu können und wirtschaftlich angemessene Lösungen zu befördern. Es kommt erschwerend hinzu, dass die gültigen Landesbauordnungen in ihrem Ansatz Neubaugesetze sind. Und die Denkmalschutzgesetze der Länder wiederum geben keine Hilfestellung für den gewöhnlichen Bestand. Einzelfallbasierte Entscheidungs­prozesse, beispielsweise auch bezüglich so mancher Brandschutzauflage im Kontext von Nutzungsänderungen, sind nicht nur zeitaufwändig, sondern bieten den Eigentümerinnen und Eigentümern im Vorfeld keine verlässliche Planungssicherheit. Dadurch schrecken viele vor Um- und Weiterbau zurück. Deshalb meine Forderung nach Landesbestandsordnungen als Ergänzung zu den Landesbauordnungen und Denkmalschutzgesetzen der Länder.

72


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

IzR Informationen zur Raumentwicklung, Heft 6 (2019): Neue Arbeitswelten. Wie wir in Zukunft arbeiten IzR, Heft 4 (2020): Corona und Stadtentwicklung. Neue Perspektiven in der Krise?

Franz, Birgit / Meyer, Friedhelm: Baukultur und neue Lebenswelten als Motor für kleine Städte, 2020

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

BF / Stadtumbau bezieht sich auch auf die derzeit sowie künftig gebrauchten Nutzungsinhalte. Neue Arbeits- und Wohnwelten waren schon vor der Corona-Pandemie im Aufwind. Viele Kommunen haben besonders kreative Wege im Stadtumbau gesucht, denen die Nationale Stadtent­ wicklungspolitik mit ihrem Projektaufruf Post-Corona-Stadt 15 nachgeht. Bei der Auswahl herausragender Projekte spielten Resilienzaspekte 16 eine große Rolle. Eine Stadt wird umso widerstandsfähiger, je vielfältiger deren Angebote sind. Der Mix von tradierten Lebensmodellen und neuen Formen macht sie produktiver. Gemäß der Neuen Leipzig Charta nimmt die Digitalisierung als Querschnittsdimension eine Schlüsselposition ein, die die Handlungsfähigkeit der Kommunen wie auch jene der Bürgerschaft stärkt. Coworkingund Coliving-Modelle etablieren sich seit Jahren auch in metropolfernen Regionen. In progressiven ländlichen Räumen geben sie Antworten auf Lebens- und Wohnmodelle, die mehr Gemeinschaft anstreben. Gesucht werden bezahlbare und digital wie auch sozial vernetzte Computerarbeitsplätze, Coworking-Spaces genannt, wie auch Werkstättenplätze, Maker-Spaces genannt. Solche Co-Modelle sind viel mehr als ein Ersatzort für das Homeoffice mit den bekannten Vor- und Nachteilen. Es sind auch Kreativräume, weil über unterschiedlichste Betriebskonzepte auch analoges Fach- und Alltagswissen verknüpft werden. Verstärkt nachgefragt ist auch das gemeinschaftliche Wohnen. Coliving-Modelle nehmen dabei stärker die zeitliche Komponente in den Fokus. Cluster-Modelle, eine Kreuzung zwischen Wohngemeinschaft und autarken Kleinstwohnungen, bauen Brücken zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen. FM \ Neues Denken 17 ist für ein Mittelzentrum wichtig, damit die jungen Generationen die Stadt attraktiv finden und nicht in die Oberzentren dauerhaft abwandern. Co-Modelle bieten einen großen Spielraum für Gemeinwohlorientierung. Wichtig ist es, die in vielen Städten existenten gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaften und Bauvereine einzubeziehen, in Hann. Münden als Gemeinnütziger Bauverein in Münden eG firmierend, mit dem programmatischen Ansatz „Gute Woh­nun­ gen zu fairen Preisen“ agierend. Gerade gemeinwohl­orientierte Institutionen könnten und müssten sich mit Trendstudien befassen und die wissenschaftlich eruierten neuen Wohnformen anbieten. Dabei muss von städtischer Seite auch über den Verzicht auf Stellplatzforderungen nachgedacht werden. Mit den zugehörigen Ablösen können dann die etablierten nachhaltigen Mobilitätskonzepte gestärkt und auch erweitert werden. Wir sind gespannt, in wieweit die Fachwerktriennale 2022 mit dem Thema Bezahlbares Wohnen im baukulturellen Erbe – Wohnraumstrategien in Fachwerkstädten auch CoWohnmodelle mitdenkt. Für Baulücken sollten zudem Stadthäuser etabliert werden, um eine Alternative zum Traum vom

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Einfamilienhaus auf der grünen Wiese zu schaffen. Für den Schwerpunkt der Konversion von Ladenlokalen außerhalb der Haupteinkaufsstraßen sind Co-Arbeitsmodelle 18 auch ein Ansatz, insbesondere, wenn man an dezentrale Angebote denkt, bei denen ein Betreiber unterschiedliche Co-Modelle aus einer Hand anbietet. Grundsätzlich wäre für Bauherren ein Katalogkonzept äußerst hilfreich.

TB / Stadtentwicklungsvorhaben gehen in den Kommunen mit einer langfristigen Bodenbevorratung und nachhaltiger Boden­ politik, wie z. B. Vergaben in Erbbaurecht oder mit finanziellen Zweckbindungen, einher. Da viele Städte nicht über genügend eigene Mittel verfügen, um eine eigene Liegenschafts­politik zu betreiben, sind Co-Kreationen auch als Finanzierungsmöglichkeiten für den Stadtumbau anzugehen. Und diese müssen in die Stadtgesellschaft hinein vermittelt werden. FM \ Das Motto muss lauten: „Die Stadt im Boot mit Anderen“. Die Städte, entsprechende Personalstrukturen voraus­ gesetzt, könnten und müssen trotz fehlender Finanzstärke initiativ werden, beispielsweise zusammen mit der Stiftung Trias, die Grundstücke erwirbt und Entwicklungen damit vorantreibt. Konversionen können auch mit der Immobilien Development und Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen oder der Niedersächsischen Landgesellschaft mbH (NLG) angestoßen werden. Auch die Einbindung der Deutsche Stadt- und Grundstücks­ entwicklungsgesellschaft mbH (DSK) wäre denkbar, des einzigen bundesweit tätigen Stadtentwicklers. Dieser unterstützt die Verwaltungen bei allen städtebaulichen Aufgabenstellungen, auch bezüglich zugehöriger Beteiligungsstrukturen. Die bundesweiten Erfahrungen sind gerade mit Blick auf den Austausch von Impulsen auch für die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e. V. von Interesse. NP / Es gäbe noch viel mehr zu besprechen. Wir werden im Gespräch bleiben und freuen uns auf den weiteren Austausch. TB \ Der verstetigte Diskurs zwischen Hochschule und Praxis bedeutet für beide Seiten eine Win-win-Situation. Er wird mit Sicherheit spannend bleiben.

73


FACHWERKERBE Vermittlungen im Modell Cornelia Blum, Paul Nicklaus, Greta Singelmann, Dennis H.-J. Szabo, Lennart Wulf und Tianlu Yu

Das Ausschnittsmodell Rosenstraße-Kirchstraße im Maßstab 1:100 stellt das städtebauliche Prinzip der Baublöcke in Hann. Münden räumlich dar und thematisiert die gereihten Häuser zur Straße und die dichte Bebauung im Inneren des Blockes. Die Baulücke Rosenstraße 5, 7 und 9 wird als offene und zu füllende Stelle fokussiert. Die Straßenflucht erwartet eine geschlossene Bauweise, die an die Nachbarhäuser anschließt. Das Innere dieses und der meisten anderen Häuserblocks in Hann. Münden ist mit Hinterhäusern dicht bebaut. Diesen privaten, rückwärtigen Raum galt es neu zu denken und zu erschließen.

88

74

Das erste Bild auf der rechten Seite zeigt eine idealisierte, genordete Draufsicht des Modells. Die grauen Flächen betonen links und rechts die Brandwände der Nachbargebäude und in der Mitte die Grundfläche. Durch das Brandereignis ist ein neu zu beplanender Raum entstanden. Auf den folgenden Seiten sind die Entwürfe aus dem Kapitel Lückenschluss in Holz 1 als mögliche Füllungen in die Baulücke eingesetzt worden, um eine Betrachtung im städtebaulichen Kontext vornehmen zu können.


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

01. Vogelperspektive

75


Unten links werden in der Ansicht die Baulücke und der gegenüberliegende Rosenhof thema­ tisiert. Erkennbar wird bei den angrenzenden Gebäuden Rosenstraße 3 und 11, dass die Häuser mit Zwerchgiebel die Lücke fassen bzw. aufspannen. Hier wird deutlich, dass es für die Pro­ portion und Begrenzung der neuen Lückenfüllung von Vorteil ist, wenn die Rosenstraße 3 als Bestand gehalten werden kann. Die drei Häuser, die durch das Brandereignis verloren gingen, waren alle traufständig. Der Rosenhof aus den 1980er Jahren suggeriert eine klein­teilige Gebäudeabfolge durch den Wechsel von Giebel- und Flachbaukörperteilen. Auf der rechten Seite starten die studentischen Entwürfe mit Fotos in der Ansicht. Sie finden vergleichend in der Baulücke ihren Ausdruck. Zuerst kommt das Konzept Vorsprung und darunter das Konzept Teilung. Im Modellfoto des Entwurfs Vorsprung werden die Anleihen an verloren gegangene Häuser erkennbar: durch die Traufständigkeit und die daraus folgende Betonung der Horizontale. Die hintere Begrenzung der sonst versteckten Dachterrasse wird hier sichtbar. In beiden Fotos werden die ausladenden Geschosse durch deren sanfte Schatten wahrnehmbar, die eine sensible Einpassung unterstützen.

02. Frontalansicht links unten: Häuserfront mit Baulücke und Häuserfront gegenüber rechts oben: Konzept Vorsprung rechts unten: Konzept Teilung

76


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

77


Hier folgen in der Ansicht die Fotos der studentischen Konzepte Lamelle und Zwilling. Die Bauformen setzen ihren First unterhalb der Nachbargebäude an und spielen mit scharfen Baukörperformen, die mit den zurückliegenden Fenstern die Fassade gliedern. Die Fenster­ formate besitzen eine eigene, großzügige Proportion und Ordnung, die sich von den Nachbarn klar unterscheiden. Die Dächer sind teilweise aufgebrochen und teilen so die Länge der Baukörperform geschickt auf. Insgesamt fügen sich die selbstbewusst wirkenden Häuser mit eigenen Gestaltungsprinzipien ohne ausladende Geschosse harmonisch ein.

03. Frontalansicht oben: Konzept Lamelle unten: Konzept Zwilling

78


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

79


80


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Auf dieser und den kommenden Doppelseiten werden bei den vier verschiedenen Entwürfen die Einpassungen der Baukörper in die Straßenfluchten betrachtet. Es wird die menschliche Perspektive eingenommen. Zuerst wird viermal jeweils nach Osten geschaut und danach viermal nach Westen. Es wird mit dem Konzept Vorsprung begonnen und darunter folgt das Konzept Teilung. Die Betonung des Profils mit den ausladenden Geschossen bringt als Konstruktionsmethode und Ausdrucksmittel klare Bezüge zum Bestand in der Nachbarschaft. Die neuen Baukörper finden wie selbstverständlich ihre Position und laufen mit.

04. Flucht nach Osten oben: Konzept Vorsprung unten: Konzept Teilung

81


82


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Die Konzepte Lamelle und Zwilling springen ein wenig in Bezug auf die Nachbargebäude zurück, da sie mit unprofi­lierter Fassade arbeiten. Es entstehen Bezüge zum Rosenhof, der auch ohne ausladende Geschosse und mit glatter Fassade den Straßenraum größer wirken lässt. Der zeitgenössische Zwerchgiebel bei dem Entwurf Lamellle kommt mit den Giebeln der Nachbargebäude ins Gespräch und stellt eine angenehme Kleinteiligkeit her.

05. Flucht nach Osten oben: Konzept Lamelle unten: Konzept Zwilling

83


Bei diesem Blick nach Westen, der weniger vom Rosenhof erkennen lässt, wird die horizontale Komposition der Fassaden deutlich und zeigt, welche perspektivische Flucht dadurch unterstützt wird. Der Entwurf Teilung baut durch die vier Gauben ein gewisses Gegengewicht zur starken Horizontale auf.

06. Flucht nach Westen oben: Konzept Vorsprung unten: Konzept Teilung

84


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

85


Oben rechts bei dem Entwurf Lamelle wird das feine Spiel innerhalb der Fassade deutlich. Die Geschossigkeit wird sichtbar und schafft so einen neuen eigenen Bezug zu den ausladenden Geschossen der Nachbargebäude. Unten links wird die feine Gliederung des Entwurfs Zwillling klar, die auf einer Sechsteilung beruht. Jeweils drei Teile bilden ein Baukörperteil. Dieser Rhythmus fängt die Flucht der horizontalen Gliederung auf und lässt das Haus durch diese vertikale Teilung kraftvoll dastehen.

07. Flucht nach Westen oben: Konzept Lamelle unten: Konzept Zwilling

86


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

87


LÜCKENSCHLUSS IN HOLZ Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten Dennis H.-J. Szabo, Tianlu Yu, Paul Nicklaus und Lennart Wulf

Während der gemeinsam durchgeführten Begehungen in Hann. Münden hinterfragten wir, ob vor Ort neues Denken und neue Wege in Form von resilienter Stadtentwicklung vorzufinden sind oder sich vielmehr auf gegebene Strukturen oder gar Rekonstruktion der Fachwerk­bauten besonnen wird. Im Verlauf unserer Recherchen entdeckten wir schnell die vielfältigen Potentiale der Fachwerkaltstadt und stellten für uns fest: Dieser Ort hat echten Charakter! Er kann und will mehr! Er kann sich selbst treu bleiben, ohne auf Innovation und Weiter­ entwicklung zu verzichten. Nachfolgend stellen wir unsere vier Ausarbeitungen zu den durch das Brandereignis vom 6. November 2020 gewissermaßen fusionierten Flurstücken Rosenstraße 5, 7 und 9 zur Diskussion. Für uns spielen hybride Nutzungsmöglichkeiten für neue Lebens- und Arbeits­ modelle (Coliving und Coworking), für das Miteinander von anpassungsfähigen Wohn- und Arbeitsräumen eine gewichtige Rolle. Konstruktiv beschäftigen wir uns im Zeitalter der Dekarbonisierung bevorzugt mit dem Baustoff Holz und mit dessen Gestaltungsvarianzen. So wie dereinst die tradierte Fachwerkbauweise erlauben die heute zum Einsatz kommenden Holzbauweisen einen hohen Vorfertigungsgrad, dadurch werden lange Bauzeiten vermieden. Wir trauen uns, den Lückenschluss von den historischen Parzellengrößen zu entkoppeln, die Lücke als neues Ganzes zu sehen. Dieser Ansatz zeigt unser Verständnis, mit Geschichte umzugehen: Wir möchten das Brandereignis in den künftigen Stadtgrundriss inkludieren.

88


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

01. Brandlücke

89


VORSPRUNG Dennis H.J. Szabo

Die Ablesbarkeit der Materialien und Baustrukturen im Bestand machen zu einem großen Teil die besondere Atmosphäre der Altstadt von Hann. Münden aus. Abstraktion, Flexibilität und Ehrlichkeit lautet der von mir assoziierte Wertekanon für meinen Entwurf, Vorsprung genannt. Denn die Fassadengestaltung erfolgt grundlegend aus der Übertragung von Gestaltungs­ elementen aus der Umgebung. Die typischen Merkmale des benachbarten, geschossweisen Abbundes, wie Überhänge oder Auskragungen, werden neu ausformuliert und geben eine zurückhaltende, zugleich eigenständige Antwort auf das historische Miteinander von Fachwerk­ bauten. Die Lebendigkeit und das ehrliche Altern der hölzernen Fachwerkfassaden mit ihren fassadenbündigen Fenstern werden auf den neuen Entwurf übertragen. Die im Unterschied zu den Nachbargebäuden nicht als Sattel-, sondern als Flachdach ausgebildeten oberen Ge­ schosse werden von mir als folgerichtige Antwort auf den innerstädtischen Mangel an privaten Grünflächen und an klimaregelnder Vegetation auf der Mikroebene aufgefasst.

90


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

02. Formstudie

91


03. Querschnitt und Ansicht Süden, Maßstab 1:200

+ 14,20 m

+ 10,75 m

+ 7,00 m

+ 3,75 m

92


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Zur Gestaltung Die Ansicht des Lückenschlusses greift die klare Linienführung des umgebenen Bestandes auf. Im Höhenprofil des gesamten Straßenzuges stellt das Staffelgeschoss aus der Fußgänger­ perspektive keine Auffälligkeiten dar. Die Traufe dieses Entwurfes bildet mit seiner Andeutung eines geneigten Daches eine konstruktiv durchdachte Anschlussmöglichkeit an die benach­ barten Bestandsgebäude. Der Schnitt zeigt, dass im Erdgeschoss die Grundfläche bis auf ein kleines Atrium nahezu vollständig überbaut wird, um eine ausreichend großzügige Coworking-Einheit anbieten zu können und den anderweitig oftmals schluchtartig verschattet wirkenden Freiraum auf der Gebäuderückseite in der Höhe zu reduzieren.

93


04. Fassade



05. Konstruktion Fassade

96


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

06. Konstruktion Fassade und Tragwerk

1. Obergeschoss

Zwischendecke

Zu den Bauweisen Die Konstruktion besteht aus filigranen Rahmenrasterelementen, die mit Holzwolle als Dämmstoff ausgefacht werden. Davor wird eine Konterlattung zur Hinterlüftung befestigt, um darauf die sichtbaren Holzleisten der Fassade zu montieren. Die gerundeten Vorsprünge der Fassade werden auf eigenen Holz­ spanten aufgebaut. Es entsteht eine gegliederte und zugleich ruhige Fassadentextur. Das Gebäude steht auf einer gedämmten Stahlbetonsohlplatte. Die tragenden Wände bestehen zum überwiegenden Teil aus Brettstapelelementen und das Deckensystem aus einer Holz-Beton-Hybridbauweise, lediglich das aussteifende Treppenhaus ist vollständig in Stahlbeton vorgesehen.

Erdgeschoss

97


07. Erdgeschoss

Rosenstraße

98


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

08. Erstes bzw. zweites Obergeschoss

Rosenstraße

99


09. Dachgeschoss

Rosenstraße

100


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

10. Energiekonzept

Zum Energiekonzept Die Photovoltaik-Anlage nutzt den nicht begehbaren Teil des Daches, um Strom für die Wärmepumpe zu generieren, mit der die Wärme zur Beheizung und Warmwasserversorgung erzeugt wird. Stromspeicher puffern Überschüsse ab und stellen sie beispielsweise nachts wieder zur Verfügung. Ergänzend setzt ein Blockheizkraftwerk den nachwachsenden Brennstoff Holz in elektrische Energie und Wärme um. Eine Fußbodenheizung, durch deren wärmestrahlende Oberfläche die Raumtemperatur gesenkt werden kann, verteilt die Wärme im Gebäude. Das Atrium im Hof begünstigt die Durchlüftung im Sommer und kann somit auch zum Kühlen verwendet werden. Auf das örtliche Stromnetz wird nur im Notfall zurückgegriffen.

101


11. Brandschutz

feuerhemmend   innen nach außen feuerhemmend, außen nach innen feuerbeständig

NE 04 48 m2

NE 05 46 m2

NE 03 46 m2

NE 02 46 m2

OKF ≤ 7 m

NE 01 373 m2

Zum Brandschutz Die Wände bestehen aus einer massiven Brettstapelkonstruktion, welche im Brandfall durch eine vorausberechnete Überdimensionierung (Abbrand) ihre notwendige Tragfähigkeit behält. Die Decken sind in der gleichen Brettstapelbauweise wie die Wände geplant, allerdings wird hier eine Ortbetonschicht aufgebracht. Ein derartiges Holz-Beton-Verbundsystem erfüllt sowohl statisch als auch brandschutztechnisch höhere Anforderungen. Lediglich der notwendige erste, über das Dach rauchfrei zu haltende Rettungsweg ist von einer Stahlbetonkonstruktion ummantelt. Die obergeschossigen Nutzungen haben direkten Zugang zu diesem Treppenhaus und mit dichtschließenden Türen an das Treppenhaus angebunden und sind über die Straße per Anleiterung erreichbar. Für die zum Innenhof gelegenen vier kompakten Wohneinheiten wird vorgeschlagen, eine in engen Altstadtquartieren dann und wann praktizierte Vereini­ gungs­baulast auszuhandeln, beispielsweise mit der Eigen­ tümerschaft des Gebäudes Rosenstraße 3, dessen bisherige Ladennutzung zur Kirchgasse durchbindet und somit für einen fußläufigen Notrettungsweg geeignet erscheint. Alternativ können auch durchbindende Wohnungen angeboten werden, die dann größer, preislich dann jedoch wieder weniger für junges Wohnen geeignet erscheinen.

102


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Nutzungseinheit 01 A ges = 295 m2 T30 RS

T30 RS

NEt 04 A ges = 46 m2

NEt 05 A ges = 46 m2

DS DS

DS DS NEt 02 A ges = 48 m2

NEt 53 A ges = 48 m2

103


12. Orthographische Schnittansicht

Zur Nutzung Der Erdgeschossgrundriss besteht aus dem zentralen Erschließungs- und Versorgungskern und einer rund 350 m2 großen Coworking-Einheit mit vielfältigen Angeboten, wie Rezeption sowie Einzel-, Team- und Gruppenarbeitsplätzen, ausreichend großen Sanitär- und Technikbereichen sowie einem kleinen Außenraum im Atrium. Gearbeitet werden kann tradiert sitzend, aber auch je nach individuellem Bedürfnis ebenso stehend oder liegend. Die beiden Obergeschosse beinhalten jeweils vier kompakte Zwei-Zimmer-Wohneinheiten mit rund 50 m2 Nutzfläche. Das Dachgeschoss steht allen Hausbewohner zum individuellen oder gemeinschaftlichen Aufenthalt zur Verfügung. Viel Wert wird auf eine ansprechende innen­architek­tonische Ausgestaltung des Lückenschlusses in Holz gelegt.

104


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

13. Perspektivischer Grundriss oben: Erdgeschoss unten: Erstes bzw. zweites Obergeschoss

105


TEILUNG Tianlu Yu

Mein Entwurf ist insbesondere von den Nachkriegsbauten in der Altstadt von Hann. Münden inspiriert, die unaufgeregt und systemisch mit einer ausgewogenen Regelmäßigkeit in der Fassadenstruktur arbeiten. Durch die Kontrastierung zwischen dem dunkel gestalteten konstruktiven Skelett und den hellen Füllungen schreibt mein mit dem Begriff Teilung überschriebener Entwurf die tradierten Fachwerkbauweisen fort. Entsprechend der horizontal gestreckten Gliederung sind auch die Nutzungsinhalte strukturiert. Das Erdgeschoss wird als öffentlicher Gewerberaum genutzt. In den beiden Obergeschossen finden sich Coworking-Angebote und im Dachgeschoss Coliving-Optionen. Das gesamte Bauwerk wird als ein zusammengehörender Organismus angesehen, dessen Staffelung in unterschiedliche Zonen nach oben hin immer mehr Rückzug bietet. Hinter dem Konzept steht die Stärkung einer Arbeits- und Wohngemeinschaft auf Zeit, wobei auch nur einer der beiden Bausteine buchbar ist. Der inneren Unruhe des gemeinschaftlichen Experiments wird die architektonische Ruhe der gewählten Formen­ sprache gegenübergestellt.

106


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

14. Formstudie

107


15. Querschnitt und Ansicht Süden, Maßstab 1:200

+ 16,00 m

+ 10,00 m

+ 7,00 m

+ 4,00 m

– 2,65 m

108


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Die Einsehbarkeit der Coworking-Räumlichkeiten im Erdgeschoss ermöglicht es, den Ladencharme dieser wichtigen Verbindungsstraße zwischen Fußgängerzone und Bahnhof auf neu interpretierte Art und Weise fortzuschreiben.“ Tianlu Yu

109


16. Fassade



17. Konstruktion Fassade

112


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

18. Konstruktion Tragwerk Aussteifungskern

Hauptträger

Holzmassivdecke

Stützen

„ Für mich ist die funktionale Architektursprache der gerasterten Fassaden und der hölzernen Konstruktionen die beruhigende Antwort auf die sich überlagernden, vielschichtigen Abläufe neuer, flächensparender Wohn- und Arbeitsformen.“ Tianlu Yu

113


19. Nutzung

24/7-Zugang möglich Schnelles Internet Gemeinschaftsräume Gemeinschaftliche Nassräume

„ Das ganze Haus wird zum Ort der Begegnung für neue Lebensmodelle.“ Tianlu Yu

114


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Meeting-Space Zahlreiche Events Drucker und Scanner Einzelbüro

Help-Desk / Hot-Desking Bike-Sharing Café Frühstück inklusive

115


LAMELLE Paul Nicklaus

Im Zusammenspiel mit den historischen Nachbarschaften fügt sich der Entwurf Lamelle mit seiner ganz eigenen Filigranität harmonisch in das Ganze des Straßenzugs ein. Die vertikalen und horizontalen Lamellen aus unbehandeltem Lärchenholz spielen musterbildend miteinander und halten dabei einen regelrechten Rhythmus bezüglich der durchschimmernd erkennbaren Traglattung ein. Für mich sind die Kreislaufgerechtigkeit und die Wiederverwendbarkeit wichtige Faktoren im Entscheidungskanon einer Planung. Vorwiegend sollen deshalb Holzwerkstoffe aus umliegenden Sägewerken verwendet werden, um weite Transportwege zu vermeiden, außerdem Baustoffe, die bereits recycelt wurden. Um ein behagliches Raumklima zu schaffen, besteht das Gebäude aus einer mit ökologischen Rohstoffen gedämmten Hüllfläche in Holz­ bau­weise, die Innenwände und Geschossdecken sind aus massiven, wärmespeichernden Holz­elementen. Die Außenwände sowie das Dach werden aus Holzrahmenelementen vorgefertigt. Bauen mit Holz ist für mich Programm.

116


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Fortführen des Blocks

Vorsprung

20. Formstudie

Öffnen der Fassade

Volumen-Konzept

117


21. Querschnitt und Ansicht Süden, Maßstab 1:200

+ 14,60 m

+ 9,80 m

+ 6,70 m

+ 3,60 m

118


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

„ Der Erhalt der Dachlandschaft ist für von oben einsehbare Fachwerkaltstädte ganz wichtig. Und doch ist es möglich und entscheidend, Dachgärten und (wie im Schnitt gezeigt) großzügige Gauben anzubieten. Denn wir wollen doch auch, dass Menschen im schützenswerten Erbe wohnen möchten – statt es nur von außen zu bestaunen!“ Paul Nicklaus

119


22. Fassade



23. Konstruktion Fassade

122


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

24. Konstruktion Tragwerk

Dachgeschoss

„ Ein Holzbau braucht ganz klare Tragstrukturen. Da können wir an die tradierte Fachwerk­ bauweise super anknüpfen. Die aus den zeitgemäßen Betonbauweisen bekannten freien Formen, bei denen der Lastfluss äußerlich nicht erkennbar ist, sondern im Inneren der Konstruktion durch die Bewehrung ermöglicht wird, will ich verlassen.“ Paul Nicklaus

2. Obergeschoss

1. Obergeschoss

Erdgeschoss

123


25. Nutzung

Connection-Lounge & Roof-Garden F reifläche (Terrasse, Dachgarten) ca. 83 m 2 C W ca. 4 m 2 C onnection Lounge ca. 65 m 2 Verkehrsfläche (Erschließungskern) ca. 19 m 2 L ager ca. 11 m 2

Coliving S chlafbereich (3 Einzel-, 1 Doppel-, 1 barrierefreies Zimmer) ca. 44 m 2 N assräume ca. 21 m 2 L ounge ca. 71 m 2 Verkehrsfläche (Erschließung, Flur) ca. 32 m 2

Coliving S chlafbereich (3 Einzel-, 1 Doppel-, 1 barrierefreies Zimmer) ca. 44 m 2 N assräume ca. 21 m 2 L ounge ca. 71 m 2 Verkehrsfläche (Erschließung, Flur) ca. 32 m 2

Coworking & Café C oworking-Arbeitsfläche ca. 67 m 2 C afé-Sitzfläche ca. 19 m 2 C W ca. 21 m 2 L ager und Verkauf ca. 25 m 2 Verkehrsfläche (Erschließung, Flur) ca. 60 m 2

124


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

26. Erdgeschoss

Rosenstraße

125


27. Erstes bzw. zweites Obergeschoss

Rosenstraße

126


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

28. Dachgeschoss

Rosenstraße

127


29. Perspektive Coliving

„ Auch im Innenraum sichtbare Holzbauweisen ermöglichen, vielleicht wie bei den alten Strickbauweisen, ganz neue Sinnes­ erfahrungen. Holz sehen, fühlen und riechen, das empfinde ich als eine unglaublich körperliche Erfahrung, die uns wieder in Tuchfühlung zur Natur bringt – auch in der Stadt.“ Paul Nicklaus

128


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

30. Innenraum-Isometrie

129


ZWILLING Lennart Wulf

Neben der Ehrlichkeit der Konstruktion stehen hier die Interpretation und die Kollaboration im Fokus meines Entwurfs, den ich Zwilling nenne. Die vertikale Gliederung der Fassade offenbart die wichtigsten tragenden und trennenden Bauteile. Die Abmessungen der Fassadenstruktur ergeben sich aus dem Tragraster und den Belichtungsmöglichkeiten. Somit wird das ästhetische Konzept zur Neuinterpretation des Fachwerkes. Tragende Bauteile heben sich von Bekleidungselementen ab. Dadurch bilden die im Gebäudeinneren platzierten Nutzungsinhalte, Coworking und Coliving, in Fassaden- und Grundrissgestaltung eine verschmelzende Symbiose. So zeigen beispielsweise durchgehende Fensterelemente die doppelte Geschossigkeit der Maisonettwohnungen auch in der Fassade. Zudem trennt ein breites schwarzes Band die verschiedenartigen Nutzungen voneinander. Und die Begrifflichkeit Kollaboration habe ich ausgewählt, weil die Nutzungseinheiten miteinander agieren und somit die Gemeinschaft stärken können.

130


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

31. Formstudie

131


32. Querschnitt und Ansicht Süden, Maßstab 1:200

+ 14,50 m

+ 9,25 m

+ 6,25 m

+ 3,25 m

132


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Zur Gestaltung Die Ansicht zeigt mit ihrer klaren Rhythmisierung ihre Eingliederung in die Fassadenstrukturen des nachbarschaftlichen Bestands. Auch das Satteldach und deren Firsthöhe ist eine bezugnehmende Antwort auf die umgebenen Dachformen und bietet dank der versteckten Anordnung der Entwässerung eine klare Traufkubatur an, die neuzeitliche Fassadenlösungen und Bau­ techniken erkennen lässt. Dadurch, dass die Fassade straßenseitig leicht zurückversetzt angeordnet ist, wird der Anschluss an die Nachbarschaften optisch und konstruktiv lösbar. Die Dachkubatur unterscheidet sich auch in der Ansicht bezüglich der gebotenen Nutzungs­ inhalte. Während die Bewohner der Coliving-Einheiten des Hauses hier einen Dachgarten hinzubekommen, erhält die mehrgeschossige Coworking-Einheit ein offenes zweites Ober­ geschoss zugunsten eines größeren Raumvolumens und einer hochwertigen Belichtung.

133


33. Fassade



34. Konstruktion Fassade

136


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

35. Konstruktion Fassade und Tragwerk Dachgarten

Aussteifung im Gebäude

Zu den Bauweisen Das Fundament besteht aus einer gedämmten Stahlbetonsohlplatte. Die Lasten der einzelnen Geschosse werden im Fassadenbereich über Holzunterzüge auf die an der Fassade hervorspringenden Stützen abgetragen. Zwischen dem Stützenraster werden ökologisch gedämmte Holzrahmen­elemente montiert und mit einer Vorhangfassade versehen. Um das Gebäude auszusteifen, werden die Holzrahmen­ elemente zwischen den Stützen scheibenartig ergänzt. Die Wandsegmente funktionieren entkoppelt vom Deckensystem. Die nicht tragenden Innenwände bestehen aus Holzrahmenelementen, welche mit Gipskartonplatten oder OSB-Platten bekleidet werden, der Fußbodenaufbau aus einer herkömm­ lichen Schichtung aus Belag, schwimmendem Estrich und Trittschalldämmung. Darunter liegt aus Schallschutz- und Brandschutzgründen eine lose Schüttung. Die Decken werden aus Brettschichtholzelementen gebildet, welche aufgrund des gleichmäßigen Stützenrasters bewusst immer über die selbe Breite spannen und sehr dünn dimensioniert werden können.

Erdgeschoss

137


36. Erdgeschoss

Rosenstraße

138


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

37. Erstes bzw. zweites Obergeschoss

Rosenstraße

139


38. Dachgeschoss

Rosenstraße

140


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

39. Energiekonzept

Zum Energiekonzept Anders als der gängige Trend, Gebäude immer energieeffizienter zu machen und infolge dessen auch immer mehr zu dämmen und thermisch zu konditionieren, wird in diesem Entwurf auf eine hocheffiziente Außenhülle verzichtet. Statt ein großes Maß an Gebäudetechnik zu integrieren, wird das Bauwerk über seinen gesamten Lebenszyklus in seinem ökologischen Fußabdruck betrachtet: Gemeint sind die sogenannten Lebens­zykluskosten von der Erbauung des Gebäudes bis zu dessen Abriss. Avisiert ist ein sinnvoll und bewusst auf die Lebenszeit des Gebäudes ausgelegtes Nachhaltigkeitskonzept. Für die thermische Konditionierung des Gebäudes wird lediglich ein Pelletofen verwendet, der in Kombination mit einer Fußbodenflächenheizung die Heizwärme bereitstellt. Zusätzlich dazu werden die südseitigen Dachflächen mit einer Photovoltaikanlage belegt. Der Entwurf versucht mit seiner minimalistisch ausgelegten Gebäudehülle und einem auf nachwachsenden Rohstoffen basierenden Energiekonzept der zuvor beschriebenen ‚Life-Cycle-Idee‘ gerecht zu werden.

141


40. Brandschutz

feuerhemmend   innen nach außen feuerhemmend, außen nach innen feuerbeständig

NE 01 320 m2 OKF ≤ 7 m

Zum Brandschutz Die durchbindenden Nutzungseinheiten erlauben neben dem notwendigen ersten Fluchtweg über das Treppenhaus eine grundsätzliche Rettung zum einen über die straßenseitigen Fenster als zweiten Rettungsweg, zum anderen auf der Hofseite durch Leitern, die eine Flucht über die erdgeschossig, unter dem Gebäude durchführende Hofeinfahrt ermöglichen. Bezogen auf das Tragwerk wird für das Brandschutzkonzept eine grundsätzliche Überdimensionierung der tragenden hölzernen Bauteile vorgeschlagen, die den Abbrand gemäß Regelfall mit ca. acht Millimeter pro Minute berücksichtigt.

142


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

Gebäude 01 A ges = 310 m2

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

Gebäude 02 A ges = 320 m2

143


41. Nutzung oben: InnenraumPerspektive Erdgeschoss unten: Aufteilung Coworking und Coliving

Zur Nutzung Die zwei getrennt voneinander liegenden, internen Treppenhäuser erschließen jeweils einen Zwilling. Der eine nimmt die über die gesamte Gebäudehöhe reichende Coworking-Einheit auf, der andere die im Erdgeschoss gelegene kollaborierende Coworking-Einheit und die darüber angeordneten vier ClusterWohneinheiten mit großzügigen und ausdifferenzierten Gemeinschaftsflächen. Diese zukunftsweisende Wohnform ermöglicht das Leben in Gemeinschaft, ohne auf die individu­ ellen Rückzugsmöglichkeiten einer konventionellen Wohnung verzichten zu müssen. Insgesamt werden einschließlich Dachgarten rund 650 m2 Nutzfläche angeboten.

Coworking

Coliving

DG

2. OG × 50 1. OG

EG

144


WEITERBAUEN

/

FORMEN

/

DENKMALSCHUTZ

/

FOTOGESCHICHTEN

/

HOLZBAU

/

IDENTITÄTEN

/

STADTENT WICKLUNG

/

FACHWERKERBE

/

LÜCKENSCHLUSS

42. Perspektivischer Grundriss oben: Erdgeschoss unten: Erstes bzw. zweites Obergeschoss

145


HERAUSGEBERIN UND HERAUSGEBER, AUTORINNEN UND AUTOREN

Blum, Cornelia Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Mitarbeiterin Modellbauwerkstatt, Dipl.-Ing. (FH) Architektur, Tischlerin

Boettger, Till Hildesheim, Berlin HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Professor für Darstellen, Gestalten, Entwerfen, Dissertation zum Thema Schwellenräume, Freier Architekt, u. a. Gründer und Geschäftsführer des Architekturbüros at11 – architecture and design, Autor, Raumforscher, Tischler

Franz, Birgit Hildesheim, Deidesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Professorin für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege, Freie Architektin, u. a. aktives Mitglied in der Niedersächsischen Denkmalkommission, der Fachgruppe Denkmalpflege beim Niedersächsischen Heimatbund e. V. (NHB), der Arbeits­gruppe Fachliche Fragen der Denkmalpflege des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK), des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege (aktld)

Götzel, Tanja Hildesheim Prüfingenieurin für Brandschutz, Dipl.-Ing. Architektin, Geschäftsführerin der BRAIN Brandschutz-Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG

Hall, Christoph Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Professor für Tragwerks­lehre und Baukonstruktion, Geschäftsführer der Dr. Hall & Hantscho Beratende Ingenieure PartG mbB

Klapp, Burkhard Hann. Münden Architekt und Stadtdenkmalpfleger i. R.

Meyer, Friedhelm Hann. Münden Stadtplaner und Städtischer Baudirektor i. R., Vizepräsident im Niedersächsischen Heimat­bund e. V. (NHB), Mitglied in der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL), Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG

146


Momm, Sabine Hann. Münden Fachdienst Denkmalschutz und Stadtbildpflege, Dipl.-Ing. Architektin

Moris, Daniel Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Master of Arts Architektur, Lehrbeauftragter für das Fachgebiet Darstellen, Gestalten, Entwerfen

Nicklaus, Paul Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Bachelor of Arts Architektur, Studentische Hilfskraft für das Fachgebiet Darstellen, Gestalten, Entwerfen

Prediger, Nicole Hann. Münden Städt. Bauoberrätin, Bereichsleiterin Stadtentwicklung, Bauassessorin (Städtebau), M. Eng. (Stadtplanung), Dipl.-Geographin

Singelmann, Greta Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Gestaltung, Studentische Hilfskraft Modellbauwerkstatt der Fakultät Bauen und Erhalten

Szabo, Dennis H.-J. Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Master of Arts Architektur

Wulf, Lennart Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Master of Arts Architektur

Yu, Tianlu Hildesheim HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim / Holzminden / Göttingen, Fakultät Bauen und Erhalten, Bachelor of Arts Architektur

147


REFERENZEN

WEITERBAUEN 1. Vgl. Kapitel Denkmalschutz und Stadtbildpflege. Im Porträt. 2. Vgl. Kapitel Stadtentwicklung. Im Porträt. 3. Vgl. Kapitel Lückenschluss in Holz. Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten. 4. S iehe Schindehütte, Rebekka: Systematische Bestandserfassung und epochale Einordnung undatierter Fachwerkbauten mittels deskriptiver Auswertung und statischer Analyse, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, unveröffentlicht, 2015.

5. Siehe Fachwerk5Eck (Hg.): Newsletter des Regionalprojekts Fachwerk5Eck. Neues aus dem Fachwerk5Eck, Ausgabe Februar 2022 (digital), hier: Bürgergenossenschaft Bad Grund gegründet. 6. Siehe Klapp, Burkhard: Vom Weiterbauen in der Fachwerkstadt – Denkmaleigentümer mit Migrationshintergrund als Bauherren am deutschen Kulturerbe. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, hg. v. NLD, Heft 4 (2012), S. 241–244. 7. Vgl. Kapitel Stadtentwicklung. Im Porträt. 8. Vgl. Kapitel Lückenschluss in Holz. Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten.

FORMEN 1. Siehe Berliner Stadtmodell, Lichthof, Am Köllnischen Park 3, 10179 Berlin: https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtmodelle/de/ ausstellung.shtml (23.03.2022). 2. Siehe Tröger, Eberhard / Eberle, Dietmar: Dichte Atmosphäre. Über die bauliche Dichte und ihre Bedingungen in der mitteleuropäischen Stadt, Basel 2015. 3. Siehe Führ, Eduard: Schwarz – Weiß – Denken. In: Der öffentliche Raum in der Architektur. Wolkenkuckucksheim. Internatio­nale Zeitschrift zur Theorie der Architektur, Jg. 23, Nr. 37, hg. v. Sebastian Feldhusen und Eduard Führ, 2018, S. 115–146. Download: www.cloud-cuckoo.net/fileadmin/hefte_de/ heft_37/artikel_fuehr.pdf (23.03.2022). 4. Siehe Taut, Bruno: Architekturüberlegungen. 1935 /36. In: Eine Beilage zur ARCH+ 194, Aachen Oktober 2009, S. 4.

9. Siehe Stadt Hann. Münden: https://www.hann.muenden.de/Rathaus-Politik/ Städtebau/Sanierungsgebiete/ (12.04.2022). Vorgestellt werden hier die vier bislang förmlich festgelegten Sanierungsgebiete. 10. Siehe Förster, Agnes / Ackermann, Constanze / Borgmann, Nicola / Holl, Christian: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte – Perspektiven für die Baukultur in Städten und Gemeinden. Endbericht vom 01.08.2017 im Auftrag des Bundes­ ministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR).

FOTOGESCHICHTEN 1. Siehe Becher, Bernd / Becher, Hilla: Fachwerkhäuser des Siegener Industrie­gebietes, München 1977.

5. Siehe Becher, Bernd / Becher, Hilla: Fachwerkhäuser des Siegener Industrie­gebietes, München 1977. 6. Vgl. Kapitel Fotogeschichten. Epochen-Kartierung des Stadtkerns.

1. Siehe Kabat, Sylwester: Brandschutz in historischen Bauten. Maßnahmen – Denkmalschutz – Beispiele, Köln 2017.

8. Vgl. Kapitel Lückenschluss in Holz. Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten.

2. Siehe Geburtig, Gerd: Baulicher Brandschutz im Bestand, Band 1: Brandschutztechnische Beurteilung vorhandener Bausubstanz, 4. überarbeitete Auflage, Berlin / Wien / Zürich 2017; Band 2: Ausgewählte historische Normteile DIN 4102 ab 1934, Berlin / Wien / Zürich 2014.

DENKMALSCHUTZ 1. Siehe Meyer, Friedhelm: Der dynamische Dreiklang. Kultur trifft Denkmal trifft Bürgerschaft. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, hg. v. Nieder­ sächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD), Heft 2 (2020), S. 38–41. Der Animationsfilm von Ingrid Lemke im Auftrag des Vereins DenkmalKunst e. V. zur DenkmalKunst – KunstDenkmal 2022 veranschaulicht den Genius Loci in Hann. Münden: https://www.youtube.com/watch?v=7KIv3tdrlLA&t=9s (12.07.2022). 2. Siehe Franz, Birgit / Hemme, Dorothee: Perspektivwechsel, Kühnheit, Beteili­ gungskultur. Hann. Mündener Fachwerkaktivismus im Spiegel von Baukultur­ forschung und Kulturanthropologie. In: Berichte zur Denkmalpflege in Nieder­ sachsen, hg. v. NLD, Heft 1 (2016), S. 27–34. Die Studie wurde für die Fach­werktriennale 2015 Fachwerkstädte – Impulse aus der Wirtschaft erarbeitet und am 08.10.2015 in Hann. Münden öffentlich vorgestellt. 3. Siehe Fachwerk5Eck: https://www.fachwerk5eck.de/ (12.04.2022). Die Präambel zum Projekt wurde auf dem 4. Fachwerktag Südniedersachsen in Hann. Münden am 29.11.2013 von den verantwortlichen Stadtspitzen unterzeichnet. Begleitet wurde die Veranstaltung u. a. mit einem Fachvortrag von Birgit Franz zum Thema Regionale Koordinierungsstelle Fachwerk-Stadt – abgestimmte Entwicklungsstrategien zur Stadterneuerung. 4. Siehe Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG: https://www.bg-hmue. de/de/index.php (12.04.2022). Die Gründung erfolgte bewusst am Valentinstag 2013 im Welfensaal des Schlosses mit 198 Gründungsmitgliedern.

148

HOLZBAU

7. Vgl. Kapitel Regionale Identitäten. Coworking- und Coliving-Spaces in Mittel‑, Klein‑ und Landstädten im Trendradar.

3. Rößler, Andreas / Kutz, Stephan / Kuhlmann, Henry / Rost, Michael: Brandschutz im Flächendenkmal. Fachwerk – (k)ein Grund zur Panik?! In: vfdb-Zeitschrift für Forschung, Technik und Management im Brandschutz, Jg. 61, Heft 4 (2012), S. 163–168. 4. Wie Anm. 2. 5. Siehe Koch, Stefan: Brandschutz und Baurecht: Rechtssichere Beurteilung von Neubau und Bestand, Köln 2011. 6. Siehe Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (VDL), Arbeitsgruppe Bautechnik (Hg.): Brandschutz im Baudenkmal, Arbeitsheft 13, Münster 2014. 7. Wie Anm. 2. 8. Siehe Mayr, Josef / Battran, Lutz (Hg.): Brandschutzatlas in 6 Bänden. Mit Brandschutz-Nachweis-CD, Köln März 2022. 9. Siehe Deutsches Institut für Normung (Hg.). Brandschutz. Grundlagen, Klassifizierungen und klassifizierte Bauprodukte, 13. Aufl., Berlin / Wien / Zürich 2019. 10. Wie Anm. 1.


11. H ofmeister, Sandra (Hg.): Holzbauten Timber Structures in Vorarlberg: Architektur, Handwerk, Ökologie – Architecture, Craft, Environment, Edition Detail, 2. Aufl., München 2019. 12. S iehe Karrer, Claudia, BAUART / Karrer Kommunikation (Hg.): BAUART Magazin – Architektur und Kultur, inspiriert durch Heimat, Ausgabe 6 (2022), #Schwarzwald, #Heimat der Wohnkultur #Heimat der Baukultur, #Heimat des Holzhandwerks, #Heimat der Erfinder. 13. Siehe Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR): https://www.holzbauoffensivebw.de/de (01.06.2022). 14. Siehe Ingenieurkammer Baden-Württemberg: https://aufholzbauen.de/ (01.06.2022). 15. Siehe Holzbau Deutschland – Bund Deutscher Zimmermeister im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (Hg.): Deutscher Holzbau Preis 2021, Köln September 2021. 16. Siehe Architektenkammer Baden-Württemberg, vertreten durch Fred Gresens und Reiner Probst (Hg.): Holzbauten in Südbaden. 100 ausgewählte Projekte. regional. klimaschonend. zeitgemäß, Freiburg 2020. Download: https://www. holzbauoffensivebw.de/de/frontend/product/detail?productId=19 (15.06.2022).

IDENTITÄTEN 1. Siehe Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hg.): Stadt gemeinsam gestalten. Neue Modelle der Koproduktion im Quartier, Bonn 2021. 2. Zukunftsinstitut GmbH (Hg.): Trendstudie. Progressive Provinz. Die Zukunft des Landes, Frankfurt /M. 2021. 3. Siehe Netzwerk Zukunftsorte e. V. (Hg.): Übermorgen. Vom Leerstand zum Zukunftsort. Potenziale und Werkzeuge der gemeinwohlorientierten Leerstandsentwicklung auf dem Land, 1. Aufl., Brandenburg 2022. Download: https://zukunftsorte.land/uebermorgen (12.04.2022). – Siehe BBSR (Hg.): Glossar zur gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung, Bonn Juli 2020. URN:nbn:de:101:1-2020112611474183493236. 4. Siehe Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) (Hg.): Richtlinie für Planungswettbewerbe – RPW 2013, Fassung vom 31. Januar 2013. Download: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/ DE/veroeffentlichungen/2013/richtlinie-planungswettbewerbe.html (12.04.2022). Zugehörige professionelle Beratungen bieten die Architekten­ kammern der Länder. 5. Siehe z. B. Architektenkammer Baden-Württemberg (Hg.): Sie suchen die beste Lösung? Informationen zu Wettbewerben, Faltblatt Juli 2016 – auch als PDF-Download. 6. Siehe Bundestiftung Baukultur: https://www.bundesstiftung-baukultur.de/ (12.04.2022). 7. Siehe BBSR im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung /Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) (Hg.): Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte. Perspektiven für die Baukultur in Städten und Gemeinden, Bonn 2017. URN:nbn:de:101:1-2017120720990. 8. Beispielgebend ist u. a. das 2019 eingerichtete Projekt Dorf-Büros RheinlandPfalz, bei dem in acht Verbandsgemeinden Coworking-Spaces entstehen. Das Projekt wird vom Innenministerium und von der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz unterstützt. Siehe Bundesverband Coworking Spaces e. V. (Hg): #SPACES, Heft 1 (2021), Coworking Spaces im Portrait, hier S. 54–55; zu den beteiligten Dorf-Büros gehört auch jenes in der Ortsgemeinde Buch unter dem Titel H39 Coworking in Buch, siehe hierzu auch https://h-39.de/ (letzter Abruf 01.04.2022).

9. Beispielgebend ist die Evangelische Arbeitsstelle midi. Siehe midi /Ev. Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. (Hg.): Leitfaden Coworking in der Kirche, 1. Aufl., Berlin 2021. Download: https://www.mi-di.de/materialien/coworkingin-der-kirche (12.04.2022). 10. Beispielgebend ist die BASF-Pilotstudie Dezentrales Coworking bei 1000 Satellites: https://1000satellites.de/pilotstudie-ii-basf/ (12.04.2022). 11. Siehe Bertelsmann Stiftung (Hg.): Coworking im ländlichen Raum. Menschen, Modelle, Trends, Gütersloh, November 2020. DOI:10.11586/2020076. 12. Vgl. Kapitel Lückenschluss in Holz. Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten. 13. Siehe BBSR im BBR (Hg.): Clusterwohnungen. Eine neue Wohnungstypologie für eine anpassungsfähige Stadtentwicklung ( = Veröffentlichung in der Reihe Zukunft Bauen: Forschung für die Praxis), Bd. 22, Februar 2020. URN:nbn:de: 101:1-2020042311275166306969. – Siehe Wüstenrot Stiftung (Hg.): Wohnen jenseits des Standards. Auf den Spuren neuer Wohnlösungen für ein differen­ ziertes und bedürfnisgerechtes Wohnungsangebot. Ein Forschungsprojekt im Auftrag der Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg 2020. 14. Siehe SchlafEinfachHier. Ein Zimmer beim Wanfrieder. Ein Vorschlag von Diana Wetzestein, Mitglied der Bürgergruppe zum Erhalt Wanfrieder Häuser. In: KLEIN.STATT.GROSS. Wanfried erfindet sich neu, hg. von Birgit Franz und Friedhelm Meyer, Holzminden 2020, S. 63. DOI:10.5165/hawk-hhg/466. 15. Siehe https://www.graetzlhotel.com/ (12.04.2022). 16. Vgl. Kapitel Holzbauweisen und Brandschutz. Im Porträt. 17. Siehe Schader Stiftung: https://www.schader-stiftung.de/ themen/stadtentwicklung-und-wohnen (12.04.2022). 18. Siehe Stiftung Trias: https://www.stiftung-trias.de/themen/wohnen/ (12.04.2022). 19. Siehe Montag Stiftung Urbane Räume: https://www.montag-stiftungen.de/ ueber-uns/montag-stiftung-urbane-raeume/unsere-arbeit (12.04.2022). 20. Siehe Matthew Griffin: Stadt verhandeln. In: Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen, hg. v. Olaf Bahner und Matthias Böttger für den Bund Deutscher Architekten BDA, Berlin 2016, S. 43–51. 21. Siehe u. a. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (Hg.): Leitfaden Eigentümerstandortgemeinschaften. Empfehlungen zur Gründung und Begleitung von Eigentümerstandortgemeinschaften, 2012. Erschienen im Rahmen des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus (ExWoSt) im Forschungsfeld Eigentümerstandortgemeinschaften im Stadtumbau. URN:nbn:de:101:1-201202025088. 22. Beschlossen vom Internationalen Komitee für die Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO am 30.11.2016 in Addis Abeba. 23. Siehe Gemeinnütziger Bauverein in Münden eG: https://bauverein-muenden.de (12.04.2022). 24. Siehe Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG: https://www.bg-hmue. de/de/index.php (12.04.2022). Die Gründung erfolgte bewusst am Valentinstag 2013 im Welfensaal des Schlosses mit 198 Gründungsmitgliedern. 25. Siehe Kooperative Großstadt eG Baugenossenschaft: https://kooperative-grossstadt.de/ (12.04.2022). 26. Siehe Projekt San Riemo: https://kooperative-grossstadt.de/san-riemo/ (12.04.2022). 27. Siehe WOGENO München eG, Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen: https://www.wogeno.de/ (12.04.2022). 28. Siehe Wohnbaugenossenschaft wagnis eG: https://www.wagnis.org/ (12.04.2022).

149


STADTENTWICKLUNG 1. Siehe Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hg.): Stadt gemeinsam gestalten. Neue Modelle der Koproduktion im Quartier, Bonn 2021.

15. Siehe Nationale Stadtentwicklungspolitik: https://www.nationale-stadtentwicklungspolitik.de/NSPWeb/DE/Projekte/Projektaufruf/Post-Corona-Stadt/ post-corona-stadt_node.html (12.04.2022).

2. Siehe Neue Leipzig-Charta 2020. Download: https://www.nationale-stadtentwicklungspolitik.de/NSPWeb/DE/Initiative/Leipzig-Charta/Neue-LeipzigCharta-2020/neue-leipzig-charta-2020.html;jsessionid=D252906B7A55E8 89CB6EDFF7FE201B05.live11292 (12.04.2022).

16. Siehe BBSR im BBR (Hg.): IzR Informationen zur Raumentwicklung, Heft 4 (2020), Corona und Stadtentwicklung. Neue Perspektiven in der Krise?

3. Siehe Leipzig-Charta 2007. Download: https://www.nationale-stadtentwicklungspolitik.de/NSPWeb/DE/Initiative/Leipzig-Charta/Leipzig-Charta-2007/ leipzig-charta-2007.html (12.04.2022). 4. Siehe Fachwerk5Eck: https://www.fachwerk5eck.de/ (12.04.2022). Die Präambel zum Projekt wurde auf dem 4. Fachwerktag Südniedersachsen in Hann. Münden am 29.11.2013 von den verantwortlichen Stadtspitzen unterzeichnet. Begleitet wurde die Veranstaltung u. a. mit einem Fachvortrag von Birgit Franz zum Thema Regionale Koordinierungsstelle Fachwerk-Stadt – abgestimmte Entwicklungsstrategien zur Stadterneuerung. 5. Siehe Fachwerktriennale: https://www.fachwerk-triennale.de/Konzept.html (12.04.2022). 6. Siehe Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e. V.: https://www.fachwerk-arge.de/ (12.04.2022). 7. Siehe BBSR im BBR (Hg.): stadt:pilot 02. Magazin zu den Pilotprojekten der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. November 2009, S. 10–11. Download der Reihe: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/stadtpilot/stadtpilot.html (12.04.2022). 8. Siehe BBSR im BBR (Hg.): stadt:pilot 11. September 2016, S. 18. 9. Siehe Arbeitsgemeinschaft der beteiligten Künstler unter Leitung von Jens U. Kalkmann (Hg.): Wasserspuren. Wasser sichtbar machen. Partizipation einer bürgerlichen Öffentlichkeit am städteplanerischen und künstlerischen Umgestaltungsprozess des Stadtkerns von Hann. Münden, Lamspringe 2000. 10. Siehe Arbeitsgruppe Empirische Planungsforschung (AEP) der Universität / Gesamt­hochschule Kassel; Ipsen, Detlev / Wehrle, Astrid: Wasserspuren – Wasser sichtbar machen, Hann. Münden, Registriertes Projekt der Weltausstellung, Endbericht der Begleitforschung. Januar 2001. Download: https:// www.uni-kassel.de/fb6/AEP/pdf/wasserspuren_final.pdf (12.04.2022). 11. Vgl. Kapitel Ein Ganzes Formen. 12. Vgl. Kapitel Denkmalschutz und Stadtbildpflege. Im Porträt. 13. Siehe Droste, Anne: Nachhaltigkeit in Architektur und Städtebau vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Erfahrungen aus der Projektarbeit. In: Schrumpfende Städte und Dörfer – Wie überleben unsere Baudenkmale? (= Veröffentlichungen des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege e. V., Bd. 16), hg. v. Birgit Franz, Dresden 2007, S. 98–103. 14. Siehe Ortsrecht der Stadt Hann. Münden: https://www.hann.muenden.de/ Rathaus-Politik/Ortsrecht, hier unter der Rubrik Bau, Liegenschaften und öffentliche Einrichtungen, Schlagwort Gestaltungssatzung (12.04.2022).

150

17. Siehe Franz, Birgit / Meyer, Friedhelm: Baukultur und neue Lebenswelten als Motor für kleine Städte. Hochschule und Bauverwaltung im Dialog. In: KLEIN.STATT.GROSS. Wanfried erfindet sich neu, hg. von Birgit Franz und Friedhelm Meyer, Holzminden 2020, S. 63. DOI:10.5165/hawk-hhg/466. 18. Siehe BBSR im BBR (Hg.): IzR Informationen zur Raumentwicklung, Heft 6 (2019), Neue Arbeitswelten. Wie wir in Zukunft arbeiten.

FACHWERKERBE 1. Vgl. Kapitel Lückenschluss in Holz. Von Umgebungen, Hüllen und Inhalten.


BILDNACHWEISE

WEITERBAUEN

FOTOGESCHICHTEN

01. Kirchplatz: Birgit Franz und Georg Maybaum, 21.05.2011.

01. Farbliche Umzeichnung Julia Robben auf der Grundlage der Ausarbeitung Systematische Bestandserfassung und epochale Einordnung undatierter Fachwerkbauten mittels deskriptiver Auswertung und statischer Analyse von Rebekka Schindehütte, Landesamt fur Denkmalpflege Hessen, unveröffentlicht, 2015.

02–04. Paul Nicklaus, Dennis H.-J. Szabo, Lennart Wulf, Tianlu Yu.

FORMEN 01. 5. Spielgabe nach Friedrich Fröbel, Würfel und Prismen, Zeichnung Till Boettger: „Die Fröbelgabe 5 besteht aus insgesamt 39 Bausteinen. Sie ist der dritten Spielgabe ähnlich, denn 21 Bausteine entsprechen den Würfeln der Fröbelgabe 3. Die restlichen 18 Bausteine entstehen, indem 6 Würfel unterschiedlich zerteilt werden: 3 Würfel werden 1 × diagonal geteilt so dass daraus 6 dreieckige Bausteine entstehen. 3 Würfel werden 2 × diagonal zerteilt so dass daraus 12 kleine dreieckige Bausteine entstehen. Durch die Erweiterung der Formen, um kleinere und größere Dreiecke ergeben sich unzählige Möglichkeiten: beim Legen von Schönheitsformen, beim Bauen von Lebensformen und nicht zuletzt beim Begreifen der Erkenntnisformen. In Kombination mit den Fröbelgaben 3 und 4 steigt der Stein- und Formenbestand und damit die Anzahl der Möglichkeiten.“ https://anker-bausteine.de/de/produkt/ spiel_spass/froebel/froebel-spielgabe-nr-5/(08.07.2022). 02. S chönheitsform mit 5. Spielgabe nach Friedrich Fröbel, Zeichnung Till Boettger nach Köhler, August: Die Praxis des Kindergartens. Theroretischpraktische Anleitung zum Gebrauche der Fröbel‘schen Erziehungs- und Bildungsmittel in Haus, Kindergarten und Schule. Erster Band, Weimar 1871, Tafel XII. https://www.google.de/books/edition/Die_Praxis_des_Kindergartens/ cftMAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Die+Praxis+des+Kindergartens+Band+I+ august+köhler&pg=PP5&printsec=frontcover (08.07.2022). 03. Lebensform mit 5. Spielgabe nach Friedrich Fröbel, Zeichnung Till Boettger nach Original als loses Blatt in der Sammlung des Friedrich-Fröbel-Museum, Johannisgasse 4, 07422 Bad Blankenburg.

02. Gotik: Linus Gilge, Niklas Kalsow, Alyssa Nüse, Madlin Schaf. 03. Spätgötik: Laura Möller, Anna-Sophie Reichstein, Valeria Gómez, Issam Dagdoug. 04. Frührenaissance: Stefan Raven, Sinan Karak, Ibrahim Hamad, Paul Müller-Zitzke. 05. Renaissance: Kiara-Sophie Lange, Clara Adolphi, Diana Germann, Elisa Novorita. 06. Barock: Ruqian Sun, Noura Mustafa, Rowena Hillmann, Christoph Bittner. 07. Klassizismus: Schamo Schecho, Fatmanur Senbecer, Lars Warnecke, Leonarta Mrlaku. 08. Überformung Klassizismus: Christoph Rohloff, Jan Singenstreu, Mandy Rackwitz, Sandra Krieten. 09. Historismus: Gerrit Gronau, Helen Seifert, Justina Simon, Josepha Simon. 10. Überformung Historismus: Annika Suhr, Laura-Sophie Ahrens, Max Hantel, Till Winkler. 11. Bauten ab 1940: Katharina Böhme, Moritz Fürmeier, Hannes Bindseil, Paula Gutzeit, Vanessa Behnsen, Jan Gross.

04. Schwarzplan der Stadt Hann. Münden, Zeichnung Tianlu Yu und Paul Nicklaus. 05. S chwarzplan der Stadt Hann. Münden mit 5. Spielgabe, Komposition und Zeichnung Till Boettger. 06. Häuserblock Prinzip der Stadt Hann. Münden mit 5. Spielgabe, Komposition und Zeichnung Till Boettger.

IDENTITÄTEN 01. Birgit Franz und Georg Maybaum, 19.09.2011.

FACHWERKERBE 01–07. Modellbau: Cornelia Blum, Paul Nicklaus, Greta Singel­mann, Dennis H.-J. Szabo, Lennart Wulf, Tianlu Yu. Fotos und Nachbearbeitung: Paul Nicklaus.

LÜCKENSCHLUSS 01–13. Dennis H.J. Szabo. 14–19. Tianlu Yu. 20–30. Paul Nicklaus. 31–42. Lennart Wulf.

151




„ Wir suchen für die Lücken der Häuserblöcke in Hann. Münden nach Füllungen, die sich als zeitgenössische Typen verstehen und einen neuen programmatischen Impuls versprechen.“ Till Boettger und Birgit Franz

Fachwerkaltstädte in ihrer Struktur und Substanz zu bewahren und zugleich zukunftsorientiert zu trans­for­mieren, gleicht in der Komplexität der Lösung des gordischen Knotens. Lückenschlüsse übernehmen in diesem Zusammenspiel eine tragende Rolle, unab­hängig von der Ursächlichkeit derselben. Werden diese Verletzungen als Ermöglichungsräume erkannt, bergen sie wegweisende Potentiale für die gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung. In der Öffentlichkeit werden Lücken jedoch zumeist eher schmerzlich als Wunden im Organismus wahrgenommen, die es schnellstmöglich zu heilen gilt.