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Russland nach der WM: Timofej Kuljabin, Teatr.doc, Vladimir Sorokin / Störwütig: Annett Kruschke / Kunstinsert: Der Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben / Was macht das Theater, Christoph Marthaler?

EUR 8,50 / CHF 10 / www.theaterderzeit.de

Franz Rogowski

September 2018 • Heft Nr. 9

Der Schmerz des Boxers


25 Premieren. 12 Uraufführungen. 2 Festivals DER UNTERTAN nach Heinrich Mann, regie Jan-Christoph Gockel WIR SIND AUCH NUR EIN VOLK nach Jurek Becker, regie Tom Kühnel, UA BILDER OHNE LILA Ansichten von blinden und sehbehinderten Dresdner*innen, regie Adrian Figueroa, Bürgerbühne, UA ODYSSEE von Roland Schimmelpfennig, regie Tilmann Köhler, UA GEÄCHTET von Ayad Akhtar, regie Nicolai Sykosch OPERATION KAMEN von Florian Fischer, regie Florian Fischer, UA SOPHIE IM SCHLOSS DES ZAUBERERS nach Diana Wynne Jones, regie Mina Salehpour, DEA 9 TAGE WACH von John von Düffel nach Eric Stehfest und Michael J. Stephan, regie Sebastian Klink, UA FAST FORWARD – EUROPÄISCHES FESTIVAL FÜR JUNGE REGIE EIN SOMMERNACHTSTRAUM von William Shakespeare, regie Friederike Heller DIE VERWANDLUNG nach Franz Kafka, regie Philipp Lux, Bürgerbühne MIT FREUNDLICHEN GRÜSSEN EURE PANDORA* von Laura Naumann, regie Babett Grube, UA DRESDEN 2029?*von Thomas Freyer, Volker Lösch, Ulf Schmidt, regie Volker Lösch, UA BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER von Max Frisch, regie Nicola Bremer KABALE UND LIEBE von Friedrich Schiller, regie Data Tavadze FRÜHER WAR ALLES von Dirk Laucke, regie Jan Gehler, Bürgerbühne, UA HOOL nach Philipp Winkler, regie Florian Hertweck TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN von Arthur Miller, regie Michael Talke EINE STRASSE IN MOSKAU nach Michail Ossorgin, regie Sebastian Baumgarten, UA IN MEINEM NAMEN* von Wojtek Ziemilski, regie Wojtek Ziemilski, UA ICH BIN MUSLIMA – HABEN SIE FRAGEN? regie Martina van Boxen, Bürgerbühne, UA KASIMIR UND KAROLINE von Ödön von Horváth, regie Nora Schlocker FRÜCHTE DES ZORNS nach John Steinbeck, regie Mina Salehpour OUR STAGE – 4. EUROPäiSCHES BÜRGERBÜHNENFESTIVAL Kooperation mit der European Theatre Convention (ETC), gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, Bürgerbühne SCHULD UND SÜHNE nach Fjodor M. Dostojewski, regie Sebastian Hartmann DEMOKRATIE VON UNTEN szenische Lesung der Bürgerbühne, text und einrichtung Esther Undisz EINE STÜCKENTWICKLUNG von Árpád Schilling, regie Árpád Schilling, UA

* Arbeitstitel

WWW.STAATSSCHAUSPIEL-DRESDEN.DE


PREMIEREN 18|19 MUSIKTHEATER RIGOLETTO von Giuseppe Verdi | Regie Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka 22. September 2018 | Marguerre-Saal IDOMENEO von Wolfgang Amadeus Mozart Regie Peter Konwitschny 16. November 2018 | Marguerre-Saal LA VERITÀ IN CIMENTO von Antonio Vivaldi Regie Yona Kim 30. November 2018 | Schwetzingen BENJAMIN Musiktheater in sieben Stationen von Peter Ruzicka Regie Ingo Kerkhof 9. Februar 2019 | Marguerre-Saal DIE LUSTIGE WITWE von Franz Lehár Regie Holger Schultze 6. April 2019 | Marguerre-Saal KATA KABANOVA von Leoš Janáček Regie Andrea Schwalbach 24. Mai 2019 | Marguerre-Saal SCHAUSPIEL JUSTIZMORD DES JAKOB MOHR Deutschsprachige Erstaufführung von Eva Koťátková | Regie Eva Koťátková 15. September 2018 Haus der Johannesgemeinde IM SCHATTEN KALTER STERNE Uraufführung | von Christoph Nußbaumeder Regie Bernhard Mikeska 6. Oktober 2018 | Alter Saal

MEIN KAMPF von George Tabori Regie Nick Hartnagel 23. November 2018 | Zwinger 1 PEER GYNT von Henrik Ibsen Regie Alexander Charim 6. Dezember 2018 | Zwinger 1 AUERHAUS nach Bov Bjerg Regie Ekat Cordes 22. Februar 2019 | Alter Saal ISTANBUL – HEIDELBERG (IN PLANUNG) Uraufführung | von Zinnure Türe Regie Zinnure Türe 1. März 2019 DER PROZESS nach Franz Kafka Regie Moritz Schönecker 2. März 2019 | Marguerre-Saal JUNK von Ayad Akhtar Regie Brit Bartkowiak 25. April 2019 | Marguerre-Saal ERÖFFNUNG DES HEIDELBERGER STÜCKEMARKTS Uraufführung oder Zweitaufführung Regie N. N. 26. April 2019 | Zwinger 1 DIE DREIGROSCHENOPER von Bertolt Brecht und Kurt Weill Regie Holger Schultze 23. Juni 2019 | Marguerre-Saal DRACULA nach Bram Stoker Regie Christian Brey 29. Juni 2019 | Heidelberger Schloss

TANZ THE INHABITANTS Deutsche Erstaufführung Konzept und Choreografie Iván Pérez 14. September 2018 | Am OctapharmaGebäude, Technologiepark IMPRESSION Uraufführung Regie und Choreografie Iván Pérez 7. Dezember 2018 | Marguerre-Saal BECOMING Deutsche Erstaufführung Konzept und Choreografie Iván Pérez 22. März 2019 | Zwinger 1 JUNGES THEATER VERSCHWOMMEN Uraufführung | Stückentwicklung Regie Natascha Kalmbach | 12+ 21. September 2018 | Altes Schwimmbad, Bürgerhaus HeidelBERG RONJA RÄUBERTOCHTER nach Astrid Lindgren Regie Yvonne Kespohl | 6+ 4. November 2018 | Alter Saal ICH BIN FÜR MICH! Uraufführung | von Martin Baltscheit Regie Cédric Pintarelli | 4+ 11. November 2018 | Zwinger 3 MOBY DICK nach Herman Melville Regie Manuel Moser | 10+ 10. Februar 2019 | Zwinger 3 MIYU UNSAHIRO Uraufführung | von Flo Staffelmayr Regie Nora Bussenius | 12+ 30. März 2019 | Zwinger 3 DIE CHINESISCHE NACHTIGALL nach Hans Christian Andersen Regie Natascha Kalmbach | 6+ 23. Juni 2019 | Heidelberger Schloss

Fotos Ludwig Olah

DON KARLOS von Friedrich Schiller Regie Isabel Osthues 13. Oktober 2018 | Marguerre-Saal

JOSEF UND MARIA von Peter Turrini Regie Fabian Appelshäuser 21. November 2019 Kaufhof Bismarckplatz

IDOMENEO

DON KARLOS

BECOMING


Düsseldorfer Schauspielhaus — Junges Schauspiel — Bürgerbühne — Die Premieren der Spielzeit 2018/19 — Schauspielhaus — in der Stadt — Central — Münsterstraße 446 — www.dhaus.de

13. 9. Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth / Kristo Šagor, R: Kristo Šagor — 14. 9. Menschen im Hotel von Vicki Baum / Stephan Kaluza, R: Sönke Wortmann — 15. 9. Das Schloss von Franz Kafka, R: Jan Philipp Gloger — 16. 9. Bilder deiner großen Liebe von Wolfgang Herrndorf, R: Jan Gehler — 18. 9. Like me von Franziska Henschel / Veit Sprenger / Ensemble, R: Franziska Henschel, UA — 22. 9. Eva und Adam Tatsachen über Frauen und Män— 28. 9. No President. ner und alles dazwischen, R: Christof Seeger-Zurmühlen, UA Ein aufklärerisches Handlungsballett in zwei unmoralischen Akten von Nature Theater of Oklahoma, Koprod. Ruhrtriennale — 12. 10. Momentum von Lot Vekemans, R: Roger Vontobel, UA — 19. 10. Abiball von Lutz Hübner / Sarah Nemitz, R: Robert Lehniger, UA — 5. 11. Deutschland. Ein Wintermärchen nach Heinrich Heine, Ein transkultureller Roadtrip durch die neue Heimat, R: projekt.il — 8. 11. Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist, R: Laura Linnenbaum — 10. 11. Wonkel Anja – Die Show! nach Anton Tschechow von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht, R: Barbara Bürk, Clemens Sienknecht, UA — 11. 11. Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete Kinder- und Familienstück von Otfried Preußler / John von Düffel, R: Robert Gerloff, — 25. 11. Sagt der Walfisch zum Thunfisch von Carsten Brandau, R: Juliane UA Kann, UA — 14. 12. Don Karlos von Friedrich Schiller, R: Alexander Eisenach — — Januar 2019 Mann ist Mann 16. 12. Peer Gynt nach Henrik Ibsen, R: Felix Krakau von Bertolt Brecht, mit den Studierenden des Mozarteums Salzburg, R: David Schnaegelberger — Schwejk von Jaroslav Hašek / Peter Jordan, R: Peter Jordan / Leonhard Koppelmann — Februar 2019 Die Leiden des jungen Werther von Johann W. von Goethe, R: Fabian Rosonsky — Hamlet von William Shakespeare, R: Roger Vontobel, M: Woods of Birnam — Hundeherz von Michail Bulgakow, R: Evgeny Titov — März 2019 letztes Fest. bleicher Mann von Thomas Freyer, R: Tilman Köhler, UA — Auf Klassenfahrt oder Der große Sprung von Thilo Reffert, R: Frank Panhans, DEA — Ein Blick von der Brücke von Arthur Miller, R: Armin Petras — April 2019 Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht, R: Bernadette Sonnenbichler — Maria Magdalena von Friedrich Hebbel, R: Klaus Schumacher — Mai 2019 Fight Club von Chuck Palahniuk, R: Roger Vontobel, UA — Fanny und Alexander von Ingmar Bergman, R: Stephan Kimmig — Perfect Family R: Hannah Biedermann, UA — Mr. Nobody von Jaco Van Dormael, R: Jan Gehler, UA


editorial

/ TdZ  September  2018  /

G

Extra Der Aboauflage liegt bei:

Universität der Künste Berlin: „Künstlerisches Erzählen“

Hochschule für Bildende Künste Dresden: „Bühnen- und Kostüm­bild, Jahrgang 2017/18“

  rau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.“ Dieses Zitat der Borussia­ Legende Alfred „Adi“ Preißler könnte auch ein Leitsatz für das Theater sein. Die Wahrheit liegt auf der Bühne – um noch eine zweite Legende, „König Otto“ (Rehhagel), zu adaptieren. Der russischen ­Performancegruppe Pussy Riot ist eh jeder öffentliche Ort willkommen. Ihr Auftritt im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft war zweifellos meisterhaft gesetzt. In der 52. Minute flitzten vier Mitglieder der Gruppe, als Polizisten verkleidet, über den Rasen. Ihre Botschaft: Das Russland der Fußballwelt­ meisterschaft sei nur ein Trugbild. Den himmlischen Polizisten, der den Fans freundlich lächelnd beim Feiern zuschaue, gebe es nur während der WM. Danach herrsche wieder der irdische, der nicht zuschaue, sondern Versammlungen auflöse. Wie immer jedoch stellt sich die Situation in der nachfolgenden Spielanalyse komplizierter dar. Wie frei lässt es sich in Russland heute als Künstler arbeiten? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt Russland nach der WM nachgegangen. Erik Zielke hat mit dem russischen Regisseur Timofej Kuljabin gesprochen, dessen „Tannhäuser“-Inszenierung in Nowosibirsk 2015 abgesetzt ­wurde, weil orthodoxe Christen ihre religiösen Gefühle verletzt sahen. Mittlerweile gehört Kuljabin zum Leitungsteam des Nowosibirsker Theaters Rote Fackel und bereitet mit „Nora“ am Schauspiel­ haus Zürich seine zweite Theaterarbeit im deutschsprachigen Raum vor. Auf die Frage nach der Kunstfreiheit gebe es keine allgemeine Antwort, sagt er. „Wir wissen, dass zahlreiche Behörden bei einzelnen Theatern oder Künstlern besonders scharf zusehen, wie zum Beispiel beim Moskauer Teatr.doc. Es gibt aber genauso Theater und Regisseure, die sich mit aktuellen, brisanten Themen beschäftigen und trotzdem ungestört arbeiten können.“ Tatsächlich war das Moskauer Teatr.doc mit seinen unmit­ telbar auf politische Skandale reagierenden Dokumentarstücken ein produktiver Unruheherd in der russischen und auch internationalen Szene. Der plötzliche Tod der beiden Leiter Elena Gremina und Michail Ugarov im Mai dieses Jahres stellt die Mitarbeiter nun vor die schwierige Frage: Wie weiter? Regisseur Georg Genoux erinnert daran, was Gremina und Ugarov für das russische Theater geleistet haben. Unruhe dürfte auch das neue Stück des Moskauer Schriftstellers Vladimir Sorokin stiften. „Das weiße Quadrat“ ist „eine drastische Medienkritik“, die „den Kannibalismus der digitalen Welt bloßstellt“, schreibt Gunnar Decker, der den Autor in Berlin traf. Das Stück, das am 17. September als Buch mit Zeichnungen des russischen Künstlers Ivan Razumov im Verlag ciconia ciconia erscheint, ist dem unter Hausarrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikow gewidmet. Wir drucken einen Auszug davon. „Die Selbstgedrehte in der Hand, Sonnenbrille vor den Augen.“ So beschreibt unser MünchenKorrespondent Christoph Leibold seine erste Begegnung mit dem Schauspieler Franz Rogowski. Hoch oben über den Dächern der Stadt saßen die beiden Männer und sprachen über die Fähigkeit, sich auf der Bühne dem Moment hinzugeben – expressiv und beiläufig zugleich. Rogowskis Aus­ strahlung, schreibt Leibold, sei von geradezu James-Dean-hafter Coolness. Er berühre, so der Film­ regisseur Christian Petzold, mit einer „unfassbar schönen Traurigkeit“. Rogowski ist nicht nur das Gesicht des deutschen Films – auch den Münchner Kammerspielen wird er zum Glück erhalten bleiben. Ein Riot Grrrl ganz anderer Art als die Girls von Pussy Riot ist die Schauspielerin A ­ nnett Kruschke. Einst im Gründungsensemble der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf gestartet, mischt sie nun auch als Regisseurin das Theater Vorpommern auf. Gunnar Decker hat sie in Greifs­ wald besucht, wo sie unter anderem „Dantons Tod“ inszeniert hat und auch spielt – „eine Stunde solo, alle Rollen, nur sie mit ganzer Wucht“. Eines sei auch beim Besuch von Kruschkes Inszenierung von Clemens J. Setz’ „Vereinte Nationen“ klar: Mit ihr halte ein neues, überwältigend hohes Energie­ level Einzug. Verabschieden müssen wir uns in dieser Ausgabe von dem Bühnenbildner und Mitbegründer des Theaters an der Ruhr Gralf-Edzard Habben. Martin Krumbholz erinnert sich, wie Habbens mini­ malistische, der Arte povera nahe Bühnen die vielen Hundert Inszenierungen von Roberto Ciulli in Mülheim prägten. Wir haben unser Künstlerinsert dem „leidenschaftlichen Handwerker, Bühnen­ bauer und Bastler“ gewidmet, ohne den das Theater an der Ruhr, so Krumbholz, nicht mehr dasselbe sein wird. // Die Redaktion

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Inhalt September 2018 thema: russland nach der wm

21

Der Reload-Effekt Der russische Regisseur Timofej Kuljabin über die Flitzer von Pussy Riot, die Freiheit der Kunst und seine getwitterte „Nora“ in Zürich im Gespräch mit Erik Zielke

24

Georg Genoux Der Tod zum richtigen Zeitpunkt? In Gedenken an die Leiter des Moskauer Teatr.doc Elena Gremina und Michail Ugarov

26

Gunnar Decker Ist Russland ein Lied? Über Vladimir Sorokins Existenz im Dazwischen und sein neuestes Stück „Das weiße Quadrat“

28

Stück Vladimir Sorokin Das weiße Quadrat (Auszug). Mit Zeichnungen von Ivan Razumov

28

künstlerinsert

protagonisten

festivals

8

Bühnen von Gralf-Edzard Habben (1934-2018)

12

Martin Krumbholz Später regnete es Äpfel Zum Tod des Bühnenbildners des Theaters an der Ruhr Mülheim Gralf-Edzard Habben

50

Christoph Leibold Der Schmerz des Boxers Franz Rogowski ist der neue James Dean des deutschen Films – und bleibt zum Glück auch dem Theater erhalten

54

Gunnar Decker Aus der Deckung kommen Die Schauspielerin und Regisseurin Annett Kruschke bringt die Volksbühne ans Theater Vorpommern

63

Margarete Affenzeller Sonnengruß in der Blutlache Markus Öhrns „Häusliche Gewalt“ ist die Entdeckung bei den Wiener Festwochen und erinnert in seiner Präzision an die kühlen Ehestudien Bergmans und Fassbinders

65

Margarete Affenzeller Kurzstreckenlauf Die Wiener Festwochen haben schon wieder den Intendanten gewechselt. Ist Christophe Slagmuylder der nächste Lückenbüßer? Ein Kommentar

66

Theresa Schütz Das Festival der eintausend Fragen Martine Dennewalds vierte Ausgabe der Theaterformen in Braunschweig widmet sich postkolonialen Verstrickungen

69

Friederike Felbeck Chor der Millionäre Haiko Pfost, neuer Leiter des Impulse Theater Festivals, über die Lebensrealität von Künstlern mit zwei Pässen und die Ausweitung der Auswahljury auf das Publikum im Gespräch

72

Dorte Lena Eilers Nur tote Fische schwimmen mit dem Storm Seit dreißig Jahren versucht die Münchener Biennale das Musiktheater zu revolutionieren – doch auch dieses Jahr finden ihre Guerilla-Aktionen eher im Kleinen statt

75

Kerstin Decker Ein Stück Kaumblau In Yuval Sharons Inszenierung von Wagners „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen besticht vor allem das Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy

62


Klaus Müller | Schauspieler

Amadeus Theaterstück von Peter Shaffer I: David Ortmann 16.2.19 | martini-Park Baal Theaterstück von Bertolt Brecht I: Mareike Mikat 23.2.19 | brechtbühne im Gaswerk

Geistzeit

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe Großes historisches Ritterschauspiel von Heinrich von Kleist I: Christian von Treskow 4.5.19 | martini-Park Die nötige Folter (Uraufführung) Spiel für sechs Unschuldige von Dietmar Dath I: André Bücker 11.5.19 | brechtbühne im Gaswerk

Premieren Schauspiel

Judas Monolog von Lot Vekemans 18.5.19 | Westchorbühne, Moritzkirche

Gas Schauspiel in drei Teilen von Georg Kaiser I: Antje Thoms 28.9.18 | Kühlergebäude Gaswerk

Theorie & Praxis

Die Orestie Tragödientrilogie von Aischylos I: Wojtek Klemm 29.9.18 | martini-Park Exit Ghost von irreality.tv, Theaterbrunch, Gespenstersonate(n), Das Benno-Ohnesorg-Theater, Gastspiele, Kooperationen, Theater als Expedition und vieles mehr!

Tatort Augsburg Regie & Video: David Ortmann Vierte Folge: 26.10.18 | Universität Augsburg Fünfte Folge: 22.3.19 | im Stadtraum Der Lechner-Edi schaut ins Paradies Schauspiel von Jura Soyfer I: Miriam Locher 1.11.18 | Kühlergebäude Gaswerk Mio, mein Mio Familienstück zur Weihnachtszeit nach dem Kinderbuch von Astrid Lindgren I: Joachim von Burchard 11.11.18 | martini-Park

Europe Central (Uraufführung) Nach dem Roman von William T. Vollmann I: Nicole Schneiderbauer 12.1.19 | brechtbühne im Gaswerk Eröffnung der brechtbühne im Gaswerk

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Oleanna – ein Machtspiel Schauspiel von David Mamet I: Axel Sichrovsky Januar 2019

www.theater-augsburg.de Besucherservice 0821 324 49 00


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Die Räuber Von Friedrich Schiller Regie: Christian Weise Fr, 28. September 2018 Volksfest Theaterparcours auf dem Theatervorplatz Von und mit dem Mannheimer Stadtensemble Uraufführung Regie: Beata Anna Schmutz Fr, 28. September 2018 21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden Videoinstallation von Mats Staub Fr, 28. September – So, 28. Oktober 2018 Der Elefantengeist Von Lukas Bärfuss Uraufführung | Auftragswerk Regie: Sandra Strunz Sa, 29. September 2018 Mitwisser Von Enis Maci Deutsche Erstaufführung Regie: Nick Hartnagel Sa, 29. September 2018 Judas Monolog von Lot Vekemans Regie: Philipp Rosendahl Do, 11. Oktober 2018 Istanbul Liederabend mit Songs von Sezen Aksu Von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akin E. ipal Regie: Selen Kara Sa, 27. Oktober 2018 1001 Nacht oder die Macht des Erzählens Musikalisches Familienstück Koproduktion des Schauspiels mit dem Jungen NTM Regie, Bühne, Kostüme & Musik: subbotnik So, 18. November 2018 Der Fluch der Tantaliden Mythologische Rap-Oper von Dlé Regie: Florian Hertweck Fr, 30. November 2018

Findet uns das Glück? Theaterabend über das Zusammenleben von Stefan Otteni & Ensemble Uraufführung Regie: Stefan Otteni Sa, 1. Dezember 2018 Der Steppenwolf Nach dem Roman von Hermann Hesse Regie: Dominik Günther Sa, 26. Januar 2019 Orestie Nach Aischylos in einer Überschreibung von Necati Öziri Uraufführung | Auftragswerk Regie: Christian Weise Sa, 2. Februar 2019 Wie der Soldat das Grammofon repariert Inszenierte Ausstellung nach dem Roman von Saša Stanišić Von und mit dem Mannheimer Stadtensemble Regie: Beata Anna Schmutz Fr, 22. Februar 2019 Meine geniale Freundin Nach den Romanen von Elena Ferrante Deutsche Erstaufführung Regie: Felicitas Brucker Sa, 23. Februar 2019 Ansichten eines Clowns Frei nach dem Roman von Heinrich Böll Regie: Maxim Didenko Sa, 30. März 2019 MINT zum Quadrat Stadtspaziergang von hannsjana und dem Mannheimer Stadtensemble Frühjahr 2019 Der Würgeengel Frei nach dem Film von Luis Buñuel Regie: Anna-Elisabeth Frick Fr, 5. April 2019 Hoppla, wir leben! Politische Revue von Ernst Toller Regie: Katrin Plötner Sa, 27. April 2019 Wir Liebesgeschichte aus der Zukunft nach dem Roman von Jewgenij Samjatin Regie: Roscha A. Säidow Do, 23. Mai 2019

Maria Stuart Von Friedrich Schiller Regie: Claudia Bauer Do, 20. Juni 2019 Tram 83 Nach dem Roman von Fiston Mwanza Mujila Deutsche Erstaufführung Regie: Carina Riedl Juni 2019 The Nation Theaterserie von Eric de Vroedt Juli 2019 20. Internationale Schillertage 20. - 30. Juni 2019


inhalt

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kolumne

77

Ralph Hammerthaler Waldgänger wie Jünger und wir Fürchtet euch nicht: In Strausberg entsteht ein Theater

look out

78

Bodo Blitz Mit Wucht Dem Spiel der Freiburgerin Lena Drieschner wohnt eine derart hohe Energie inne, dass es einem den Atem nimmt

79

Anna Opel Scheißspielerinnen Die Schauspielerinnen Anne Haug und Melanie Schmidli befreien sich als Projekt Schooriil vom Chauvinismus des Theaters

84

Buntes Utopia Die Sommerszene Salzburg mischt weitgereiste Festival-Dauerbrenner mit kleinen Performances im Stadtraum Archipel Performancekunst Das Performing Arts Festival der freien Szene in Berlin mausert sich zum Mega-Event Neues Narrativ für das freie Produzieren Beim Festival Claiming Common Spaces im HAU – Hebbel am Ufer Berlin zieht das Bündnis der Internationalen Produktionshäuser eine positive Bilanz Wiederbelebung einer antiken Idee Am Hamburger Lichthof Theater formt sich mit „Staging Democracy“ ein Bürgertheaterprojekt zu einem demokratischen Bühnenexperiment Geschichten vom Herrn H. Theater und Verbrechen Wenn Menschen Geschichte schreiben „Die Rückkehr des Dionysos“ – Eine Hommage an den Regisseur Theodoros Terzopoulos in Delphi Grüße aus Klaustrophobien Der diesjährige Marstallplan kooperiert mit der „Welt/Bühne“ und zeigt fünf Uraufführungen von Autoren aus fünf Kontinenten Die neuen Freiheiten des Puppen­theaters Das Symposium „Aufbruch II“ in Magdeburg zeigt, wie sich ostdeutsche Ensemble­puppentheater Räume für die künstlerische Forschung erkämpft haben Der Schamane Wolfgang Utzt erhält den Ehrenpreis des Brandenburgischen Kunstpreises Zeit der Tinten­ fische Philippe Parreno entwirft in seiner Ausstellung im Berliner Gropius Bau eine post­ humane Zukunft Künstlerische Visionen für die Umwelt Mit dem Symposium „Kunst. Kultur. Nachhaltigkeit“ feiert die Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg ihr zehnjähriges Bestehen 48 Stunden Menschenrechte In Bautzen soll eine neue transkulturelle Bürgerbühne Einheimische und Geflüchtete zusammenbringen Der Graf der Wendejahre Zum Gedenken an Winfried Wagner Der Vermittler der Dichter Zur Erinnerung an Fritz Mierau Vom Arbeiter zum Bänker Ein Nachruf auf Hilmar Hoffmann Errettung der Tradition Zum Tod Rolf Tiedemanns Bücher Elfriede Jelinek, Stefan Donath

magazin 84

aktuell

was macht das theater?

108

Meldungen

110

Premieren im September 2018

118

TdZ on tour in Berlin

119

Autoren, Impressum, Vorschau

120

Christoph Marthaler im Gespräch mit Thomas Irmer 120

Titelfoto Franz Rogowski. Foto Heike Blenk

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Bühnenmodell von Gralf-Edzard Habben (1934–2018) zu „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett (Regie Roberto Ciulli, Theater an der Ruhr 1989). Foto Knut Wolfgang Maron


Bühnenmodell von Gralf-Edzard Habben (1934–2018) zu „Kaspar“ von Peter Handke (Regie Roberto Ciulli, Theater an der Ruhr 1987). Foto Knut Wolfgang Maron


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künstlerinsert

Später regnete es Äpfel Zum Tod des Bühnenbildners des Theaters an der Ruhr Mülheim Gralf-Edzard Habben von Martin Krumbholz

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  ralf-Edzard Habbens Räume hatten etwas Magisches. Ihre Kraft kam aus der Reduktion, aus dem Minimalismus, und wenn man so will, aus einer Kunstrichtung wie der Arte povera. Diese Bilder waren zeichenhaft, sie beschränkten sich nicht selten auf zwei oder drei prägende Elemente. In Peter Handkes „Immer noch Sturm“, einer der schönsten Arbeiten Roberto Ciullis des letzten Jahrzehnts, waren dies ein freistehendes offenes Fenster (durch das der Sturm pfiff) und davor ein Bett. Später regnete es Äpfel und ein paar Totenschädel ins Bild. Die Motive, die in Habbens Räumen wiederkehrten und in ein präzise gesetztes Licht getaucht waren, hatten eine unmittelbare Aussagekraft, ohne dass man ihre offensichtliche Symbolik eindeu­ tig und plan den Sujets der Stücke, in denen sie erschienen, hätte zuordnen können: Eisenbahngleise, Uhren, Betten, Leitern, Schä­ del und Knochen, Ölfässer … Keine Frage, dieser Szenograf hätte auch einem Filmkünstler wie Andrei Tarkowski dienen können. Als Habben am 3. Mai 2018 im Alter von nicht ganz 84 Jah­ ren starb – er war seit Längerem krank gewesen und hatte mehrere Operationen hinter sich –, war jedem klar, dass das Theater an der Ruhr ohne ihn nicht mehr das gleiche sein würde. Seine Bühnen­ bilder gehörten jahrzehntelang zu dessen Markenkern. Der Mai­ länder Roberto Ciulli und der Rheinländer Gralf-Edzard Habben, die dem gleichen Jahrgang 1934 angehörten, lernten sich in den sechziger Jahren am Deutschen Theater Göttingen kennen, ge­ naugenommen in dessen Malersaal. Habben arbeitete damals noch hauptamtlich am kleineren Jungen Theater, im Malersaal des DT malte er „nur“. Ciulli war dagegen am Göttinger Stadtthea­

ter engagiert, nicht als Regisseur, sondern als Beleuchter. Beide näherten sich also von der technisch-handwerklichen Seite ihrem künstlerischen Metier. Ihre erste gemeinsame Arbeit war ein Weihnachtsmärchen, „Die Bremer Stadtmusikanten“. Die beiden verband zunächst eine Nähe zur Commedia dell’Arte, zur Sonne Italiens (oder Frankreichs) und gelegentlich zu einem gewissen sarkastischen Humor. Bei Habben kam eine Affinität zur düster-romantischen Ikonografie eines Caspar David Friedrich hinzu. Man könnte sagen: Die Symbiose der beiden ent­ sprach einer Kreuzung aus Commedia und deutscher Romantik.


gralf-edzard habben

versiv nach links weisenden Autobahnpfeil – das Theater liegt ­weniger in der Stadt Mülheim als in der Nähe des Autobahn­ kreuzes Kaiserberg. Bühnenbildner sind oft umgängliche Menschen. Anders als Regisseure, deren Denken eher um Sein oder Nichtsein kreist, bewe­ gen Bühnenbauer sich in der Nähe zur Materie, zum Greif- und Kostbaren, zum Dinglichen und Konkreten. Mit Gralf-Edzard Hab­ ben konnte man wunderbar über Fußball fachsimpeln. Oder über den Unterschied zwischen Forelle blau und Forelle Müllerin. Er blickte einen aus seinen verschmitzten Augen an und gab e­ twas Iro­ nisches zum Besten; nicht selten auch einen bissigen Kommentar über das Wirken (und Wirkenwollen) anderer. Sein Schalk war nicht zu übersehen. Es gab wohl wenige, die den Typen mit dem Schnau­ zer (zuletzt einem weißen Vollbart) nicht auf ­Anhieb mochten.

Gralf-Edzard Habben wurde 1934 in Moers geboren. Seine künstlerische Ausbildung absolvierte er an der Werkkunstschule in Krefeld und an der Ecole des Beaux Arts in Toulouse. Er war an Theatern u. a. in Göttingen, Frankfurt am Main, Wuppertal, Karlsruhe und Berlin ­beschäftigt, wo er mit Regisseuren wie Claus Peymann, Kurt H ­ übner, Hans Lietzau und der Choreografin Pina Bausch zusammenarbeitete. 1981 gründete Habben gemeinsam mit dem Regisseur Roberto Ciulli und dem Dramaturgen Helmut Schäfer das Theater an der Ruhr in Mülheim. Dort prägte er eine Bühnenästhetik, die sich durch ihre praktikable Reisefähigkeit auszeichnete. Gralf-Edzard Habben gehörte bis zu ­seinem Tod am 3. Mai 2018 zum künstlerischen Leitungsteam des Theaters. Foto Ilja Höpping

Als Ciulli 1981 nach einigen Jahren in Köln und Düsseldorf das Stadttheater verließ und in Mülheim an der Ruhr sein eigenes Theater gründete, war Habben ein gefragter und vielfach beschäf­ tigter Bühnenbildner; er arbeitete etwa mit Pina Bausch und Kurt Hübner. Trotzdem entschied er sich, Ciulli zu folgen und Mitglied der künstlerischen Direktion des Hauses im Raffelbergpark zu werden und zu bleiben. Auch auf den gelungenen Umbau des ­Solebads mit seinen großen Fenstern und Arkaden nahm Habben einen beträchtlichen Einfluss – der Theatersaal war früher ein Tanzsaal. Er erfand das berühmte blau-weiße Logo mit dem sub­

Der Mann mit den ostpreußisch anmutenden Vornamen wurde am 13. Juni 1934 im niederrheinischen Moers geboren. Seine Aus­ bildung genoss er – nach einem Consilium Abeundi, also einem schlichten Rausschmiss vom Gymnasium – an der Werkkunst­ schule Krefeld und an der Ecole des Beaux Arts in Toulouse. Die Frankophilie hat der Künstler sich stets erhalten, er besaß ein Haus in der Bretagne (das er noch in hohem Alter im eigenen Auto, aber durchaus ohne Navigator ansteuerte). Seine Noncha­ lance, sein Humor, auch seine Genussfähigkeit, die Liebe zum Meer, zu den Fischen und also zur guten Küche (und die eigene Kochkunst) passten dazu. Neben den annähernd vierhundert Bühnenbildern, die er im Lauf des Lebens entworfen hat, grün­ dete er in Göttingen und Köln Kneipen. Er war weltzugewandt, freundlich und tierlieb. Legendär ist die Geschichte, wie Habben mit Romy Schneider und deren Katze im Wartezimmer eines ­Leverkusener Tierarztes saß und die anderen Wartenden, von ihren Illustrierten aufblickend, nicht recht wussten, ob sie träumten. Mit über achtzig Jahren hat der leidenschaftliche Hand­ werker, Bühnenbauer, Bastler Gralf-Edzard Habben sich noch einen alten Traum erfüllt und nicht in Mülheim, sondern am Staatstheater Kassel eine eigene Inszenierung gewagt. Und wenn schon, denn schon: Es sollte und musste nichts Geringeres als „Hamlet“ sein. Er hat dabei gelitten, und die das Ergebnis gesehen haben, waren viel­ leicht nicht restlos begeistert davon, und doch – es war gut, dass er sich diese Erfahrung gegönnt und zugemutet hat. Denn er war ­einer von jenen, denen „das Wünschen noch geholfen hat“. //

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Burg

Kommt ein Pferd in die Bar nach dem Roman von David Grossman Mephisto nach dem Roman von Klaus Mann Kampf des Negers und der Hunde Bernard-Marie Koltès Glaube Liebe Hoffnung Ödön von Horváth ÖEA europa flieht nach europa Miroslava Svolikova Der Kandidat Carl Sternheim nach Flaubert Tropfen auf heiße Steine Rainer Werner Fassbinder Ab 6 Der Wind in den Weiden Kenneth Grahame Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos Werner Schwab Schöne Bescherungen Alan Ayckbourn ÖEA Beben Maria Milisavljevic ÖEA Medea Simon Stone nach Euripides Die Stühle Eugène Ionesco UA Zu der Zeit der Königinmutter Fiston Mwanza Mujila Die Ratten Gerhart Hauptmann UA Indigo nach dem Roman von Clemens J. Setz Waisen Dennis Kelly Woyzeck Georg Büchner Ich rufe meine Brüder Jonas Hassen Khemiri UA Das Zelt Ein Projekt von Herbert Fritsch UA Deponie Highfield (AT) René Pollesch

willkommen beim karneval der wirklichkeit! Miroslava Svolikova europa flieht nach europa

Spielzeit 2018/19

www.burgtheater.at


CRY BABY

DIE STILLEN TRABANTEN

WELCHE ZUKUNFT?! LET THEM EAT MONEY

WESTEND

von René Pollesch Regie: René Pollesch Uraufführung: 8. September

SPIELZEIT 2018 /19 WER WEN

von Moritz Rinke Regie: Stephan Kimmig Uraufführung: 21. Dezember

von Andres Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein Regie: Andres Veiel Uraufführung: 28. September Koproduktion Deutsches Theater Berlin mit der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

von Richard Yates Regie: Jette Steckel Premiere: 28. Februar

HUNGER. PEER

DER TEMPELHERR

nach Hamsun / Ibsen Regie: Sebastian Hartmann Premiere: 19. Oktober

DER REVISOR

nach Nikolai Gogol Regie: Karin Henkel Premiere: 9. November

deutschestheater.de

von Clemens Meyer Regie: Armin Petras Uraufführung: 11. November

ZEITEN DES AUFRUHRS

von Ferdinand Schmalz Regie: Lilja Rupprecht Uraufführung: 3. März Auftragswerk im Rahmen der Frankfurter Positionen 2019

Illustration: Christoph Feist

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SPIELZEIT 2018 /19 31.08.18 SCHAUSPIELHAUS

DER SCHWARZE OBELISK Erich Maria Remarque

01.09.18 CUMBERLAND

DER CLUB Takis Würger – Uraufführung

02.09.18 BALLHOF EINS

NATHAN Ein Projekt von Oliver Frljić nach Gotthold Ephraim Lessing

06.09.18 KLASSENZIMMER

KRASSHÜPFER Simon van der Geest

08.09.18 SCHAUSPIELHAUS

TRUTZ nach dem Roman von Christoph Hein – Uraufführung Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen

18.10.18 SCHAUSPIELHAUS

MACBETH William Shakespeare

09.11.18 BALLHOF ZWEI

ENDLAND nach dem Roman von Martin Schäuble – Uraufführung

10.11.18 SCHAUSPIELHAUS

DAS SAMS Familienstück von Paul Maar, ab 6

11.11.18 CUMBERLAND

VOLKSVERNICHTUNG ODER MEINE LEBER IST SINNLOS Eine Radikalkomödie von Werner Schwab

06.12.18 SCHAUSPIELHAUS

IGGY – LUST FOR LIFE von Sascha Hawemann und Johannes Kirsten

12.01.19 BALLHOF EINS

DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON F. Scott Fitzgerald

17.01.19 SCHAUSPIELHAUS

DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI Bertolt Brecht

26.01.19 CUMBERLAND

UNORTHODOX nach dem Roman von Deborah Feldman – Uraufführung

31.01.19 SCHAUSPIELHAUS

DIE VERLORENE OPER Ruhr-Epos von Albert Ostermaier – Uraufführung Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen

23.02.19 SCHAUSPIELHAUS

ES WAR EINMAL ... DAS LEBEN inspiriert durch die Zeichentrickserie von Albert Barillé

FEBRUAR 2019 BALLHOF ZWEI YALLA Ein Theaterlabor für Zugewanderte und Alteingesessene 15.03.19 BALLHOF ZWEI

TRAURIG UND FRÖHLICH IST DAS GIRAFFENLEBEN Tiago Rodrigues

20.03.19 CUMBERLAND

GESCHICHTE EINES MASSENMÖRDERS unter Verwendung des Recherchematerials von Åsne Seierstad – Uraufführung

21.03.19 SCHAUSPIELHAUS

RÄUBER-RATTEN-SCHLACHT Eine deutsche Tragödie Friedrich Schiller, Gerhart Hauptmann, Heiner Müller

04.04.19 SCHAUSPIELHAUS

HIKIKOMORI Tanztheater . Koproduktion mit Landerer & Company

26.04.19 BALLHOF EINS

FAKE YOUTH andcompany & Co. mit Jugendlichen aus Hannover

23.05.19 SCHAUSPIELHAUS

ROTKÄPPCHEN UND DER WOLF: EIN DRAMA Martin Mosebach

29.05. – 10.06.19 CUMBERLAND IT´S BETTER TO BURN OUT THAN TO FADE AWAY Das Abschiedsfestival des Schauspiel-Ensembles Karten unter 0511 9999 1111 www.schauspielhannover.de /schauspielhannover


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EINE ART LIEBESERKLÄRUNG laBute • Regie: Schirin Khodadadian • 12.09.2018 � DSe CALIGULA Camus • Regie: Alexander Nerlich • 21.09.2018 WILHELM TELL Schiller • Regie: Frank Behnke • 29.09.2018

SEIN ODER NICHTSEIN Whitby • Regie: Christian von treskow • 17.11.2018 MÜNSTER 69 – REVOLUTION IN DER PROVINZ Stückentwicklung & Regie: Ruth Messing • 10.01.2019 � UA

DON JUAN Marber • Regie: Michael letmathe • 22.02.2019 � DSe GESPRÄCHE MIT ASTRONAUTEN zeller • Regie: Gregor tureček • 15.03.2019 KASIMIR UND KAROLINE Horváth • Regie: Frank Behnke • 27.04.2019 DAS FLOSS DER MEDUSA Franzobel • Regie: Stefan Otteni • 10.05.2019 � UA JUDAS Vekemans • Regie: Jan Holtappels • 14.06.2019 Generalintendant Dr. Ulrich peters • Schauspieldirektor Frank Behnke

DAS WEISSE ALBUM the Beatles DER REICHSBÜRGER Küspert � UA DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER Goethe FALSCH Vekemans � DSe HELDENANGST Chevallier � UA

Foto: Oliver Berg

ANNA KARENINA tolstoi • Regie: Max Claessen • 11.01.2019

WIEDERAUFNAHMEN

2018/19

Spielzeit

TOT SIND WIR NICHT Bungarten • Regie: Maik priebe • 16.11.2018 � UA

� theater-muenster.com

theater gütersloh.spielzeit 2018/2019 Gastspiele Berliner ensemble

Die Blechtrommel

Reese

lausundproductions, Berlin

premieren lautten compagney, Berlin/ colla e figli, mailand

Giustino

Katschner, Colla

Benefiz – jeDer rettet einen afrikaner

schauspiel köln

Lausund

Bachmann

Deutsches theater Göttingen

Ballett am rhein, Düsseldorf/Duisburg

america first

Sidler

philipp hochmair

Werther!

Stemann

Geächtet

romanzen, rituale, fantasien

schläpfer, Şucheană

Deutsches theater, Berlin

phäDra

Kimmig

schauspielhaus zürich

BuDDenBrooks

Kraft

Burgtheater Wien

Die Welt im rücken

Bosse

08.09.2018 theater Gütersloh/ ruhrfestspiele recklinghausen

loreley (sinkinG ships)

von Fink Kleidheu, Tilman Rammstedt und Svavar Knútur RUNg Regie: Christian Schäfer URaUFFüH

27.10.2018 junges theater Gütersloh

Die marquise von o….

aterballetto, reggio nell’emilia

nach Heinrich von Kleist Regie: Christian Schäfer

Inger

23.02.2019 Bürgerbühne Gütersloh

GolDen Days

münchner kammerspiele

trüffel trüffel trüffel

Rothenhäusler

thalia theater, hamburg

moBy Dick

Nunes

… und viele mehr!

Künstlerische Leitung: Christian Schäfer und Karin Sporer

www.theater–gt.de

väter

Szenen nach wahren Lebensgeschichten Leitung: Christian Brouzeng-Lacoustille


Axel Ranisch Nackt über Berlin

UA: 16.09.2018, Neues Theater Halle

Eva Rottmann Claudia Tondl Ein Klassenzimmerstück Scham UA: 27.09.2018, Theater Kanton Zürich, Winterthur

UA: 30.11.2018, Theater Oberhausen

Jon Brittain Rotterdam

DSE: September 2018, Rabenhof Theater, Wien DE: 22.03.2019, Theater Kiel

Ariane Koch Wer ist Walter

UA: 05.10.2018, Theater Bonn

John T. Binkley Präsidenten-Suite

DSE: 07.10.2018, Renaissance-Theater Berlin

Éric-Emmanuel Schmitt Das Liebeselixier

DSE: 11.10.2018, Torturmtheater Sommerhausen

UA/DSE 2018/19 (eine Auswahl)

Ryan Scott Oliver / Hunter Foster Jasper in Deadland

DSE: 19.01.2019, Theater für Niedersachsen, Hildesheim

Juliette Favre Fuckfisch

UA: 26.01.2019, Badisches Staatstheater Karlsruhe

Volker Schmidt Kaltes Herz

UA: 31.01.2019, Theater Phönix, Linz

Necati Öziri Orestie

Necati Öziri (gegen Heinrich von Kleist) Die Verlobung von St. Domingo

UA: April 2019, Koproduktion Schauspielhaus Zürich / Maxim Gorki Theater, Berlin

Peter Buchholz Begleiterscheinungen

UA: 05.04.2019, Theater an der Kö, Düsseldorf

Matthieu Delaporte / UA: 02.02.2019, Nationaltheater Mannheim Alexandre de la Patellière Alles was Sie wollen Felicia Zeller DSE: 21.10.2018, Deutsches Theater Göttingen Karl und Rosa (nach Alfred Döblin) Joël László UA: 22.02.2019, Theater Magdeburg Die Verschwörerin UA: 02.11.2018, Theater Basel Philipp Löhle Am Rand Terry Jones / Katrin Lange UA: 08.03.2019, Staatstheater Nürnberg Nicobobinus oder Die verwegene Reise ins Nele Stuhler ferne Land der Drachen Fische

Edmund de Waal / Thomas Zaufke / Henry Mason Der Hase mit den Bernsteinaugen

UA: 17.11.2018, Theater der Jungen Welt, Leipzig

UA: 08.03.2019, Pfalztheater Kaiserslautern

George Gershwin / Ira Gershwin / Craig Lucas Ein Amerikaner in Paris

Thomas Arzt / Gerhard Meister Der 27. Kanton (AT)

Thomas Arzt Else (ohne Fräulein)

DSE: 25.11.2018, Landestheater Linz

Dogberry&Probstein Adel verpflichtet

UA: 29.11.2018, Ernst-Deutsch-Theater, Hamburg

UA: 09.03.2019, Vorarlberger Landestheater, Bregenz

Cy Coleman / Neil Simon Little Me DSE: 09.03.2019, Stadttheater Fürth

UA: 05.04.2019, Landestheater Linz

Arne Lygre Ich verschwinde

DSE: 04.05.2019, Theater Konstanz

Jaco Van Dormael Mr. Nobody

UA: Juni 2019, Düsseldorfer Schauspielhaus

UA: Juni 2019, Theater Phönix, Linz

Umberto Eco / Øystein Wiik / Gisle Kverndokk Der Name der Rose UA: 09.08.2019, Theater Erfurt (DomStufen-Festspiele)

Felix Bloch Erben Hardenbergstraße 6 10623 Berlin Tel.: +49 / (0)30 / 313 90 28 info@felix-bloch-erben.de www.felix-bloch-erben.de


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Feiernde Fans unter den Augen freundlicher Polizisten. So zeigte sich ­Russland während der Fußballweltmeisterschaft. Ein bloßes Sommermärchen? Das ­sagen zumindest die Flitzer von Pussy Riot, die, als Polizisten verkleidet, das Endspiel stürmten. Den himmlischen Polizisten, so ihre Botschaft, gebe es nur während der WM. Danach regiere der irdische, der nicht zuschaue, sondern Versammlungen auflöse. Wir sprechen mit dem russischen Regisseur Timofej Kuljabin über Kunstfreiheit, erinnern an die kürzlich verstorbenen Leiter des Teatr.doc Elena Gremina und Michail Ugarov und veröffentlichen einen Auszug aus dem neuesten Stück von Vladimir Sorokin, das er dem unter Haus­arrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikow gewidmet hat.


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russland nach der wm

Der Reload-Effekt Der russische Regisseur Timofej Kuljabin über die Flitzer von Pussy Riot, die Freiheit der Kunst und seine getwitterte „Nora“ in Zürich im Gespräch mit Erik Zielke

T

  imofej Kuljabin, in diesem Sommer war Russland Gastgeber der Fußball-WM der Männer. Die russische Selbstinszenierung hat ein kurzes Störmoment erfahren, als vier Mitglieder der Performancegruppe Pussy Riot, als Polizisten verkleidet, während des Endspiels auf das Spielfeld gelaufen sind. Nun erwarten sie nicht unerhebliche strafrechtliche Konsequenzen. Wie frei und unbefangen lässt es sich in Russland heute als Künstler arbeiten? Das ist ein gutes Thema, aber vielleicht kein gutes Beispiel. Denn in diesem Fall hätten die Sicherheitskräfte eingegriffen, auch wenn es ein Betrunkener gewesen wäre. Ob bei einem Betrunke­ nen letzten Endes die Strafe die gleiche gewesen wäre – meines Wissens ein 15-tägiger Arrest und das Verbot, in den nächsten drei Jahren öffentliche Sportveranstaltungen zu besuchen –, darüber kann man nur spekulieren. Auf die eigentliche Frage gibt es keine allgemeine Antwort. Man hat in den letzten Jahren den Eindruck, dass es in Sachen Kunst und Kultur keine stringente Politik – oder wenigstens allge­ meine Richtlinien – gibt. Es gibt eine Menge Einzelfälle. Alles hängt von einzelnen Umständen, Interessen und Zufällen ab. Wir wissen, dass zahlreiche Behörden bei einzelnen Theatern oder Künstlern besonders scharf zusehen, wie zum Beispiel beim ­Moskauer Teatr.doc. Es gibt aber genauso Theater und Regisseure, die sich mit aktuellen, brisanten Themen beschäftigen und trotz­ dem ungestört arbeiten können. Als Beispiel kann man Andrej Mogutschi nennen, der seit fünf Jahren das traditionsreiche BDT in ­ Petersburg leitet. Es kann aber auch eine völlig harmlose Kinderaufführung irgendwo in einer Kleinstadt plötzlich in ­ Schwierigkeiten geraten, weil ein Beamter vor Ort etwas „Verbote­ nes“ darin vermutet. Vielleicht wäre das in der nächsten Klein­ stadt nie passiert. ­Risikofaktoren gibt es viele. Da sie aber ohne Grund und System auftauchen, kann man sich dazu kaum konse­ quent verhalten. Manche macht das wahrscheinlich unfrei und befangen, aber ­viele bleiben da eher gleichgültig oder stoisch.

„Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz“, sagte Borussia-Legende Adi Preißler. Im Finale der Fußball-WM in Russland stürmten Aktivisten der Performancegruppe Pussy Riot, als Polizisten verkleidet, das Spiel. Foto dpa

Allzu schnell erliegt man in Deutschland der Versuchung, mit erhobenem Zeigefinger die Möglichkeit, überhaupt in Russland Kunst zu machen, infrage zu stellen. Ist das nicht eine Fehl­ einschätzung, aus der auch Geringschätzung für relevante Kunst spricht, die es in Russland zweifellos gibt? Wir wissen aus der Geschichte, dass es bisher immer möglich war, in Russland Kunst zu machen. Auch in Zeiten eines extremen po­ litischen, ökonomischen oder ideologischen Drucks. Zu allen Zei­ ten gab es bedeutende Kunstwerke in verschiedenen Bereichen. Für die Kunst ist der Druck schlecht, schädlich und unangenehm, aber sie wird daran nicht eingehen. Heute gibt es gerade im russi­ schen Theater sehr interessante Produktionen, jedoch auch sehr viel Schrott. Ein Kunstwerk steht immer für sich allein, und wenn es heute entsteht, ist es absurd zu behaupten, für seine Entsteh­ung gebe es gar keine Möglichkeit. Ihr Kollege Kirill Serebrennikow hat jahrelang kritische Theater­ arbeiten vorgelegt, und das von ihm geleitete Gogol Center ist zu einem Aushängeschild von Moskau geworden. Nun steht er unter Hausarrest. Befördert das auch Ängste bei Ihnen? Nein. Das ist genauso ein komplizierter Einzelfall wie der eben er­ wähnte. Wir wissen bis jetzt nicht, was für Interessen da im Spiel waren oder sind. Wir dürfen vermuten, dass die finanziellen Be­ schuldigungen nicht der eigentliche Grund, sondern ein Vorwand sind. Aber ging es darum, seine bisherige Arbeit zu kompromittie­ ren oder zu beschädigen? Darum, dass er etwas gezeigt hat, was man nicht zeigen darf? Seine alten Produktionen laufen weiter mit ungebrochenem Erfolg. Oder ging es darum, ihn für die Zukunft mundtot zu machen? Daran glaube ich nicht. Kirill ist ein sehr ­mutiger Mensch mit einem ausgezeichneten internationalen Ruf. In jedem Fall hat es keinen Zweck, die eigenen Ängste und Sorgen da­ ran zu knüpfen. Wir warten nun alle auf die Gerichtsverhandlung. Je schneller Kirill wieder normal leben und arbeiten kann, desto besser. Ihre „Tannhäuser“-Inszenierung in Nowosibirsk von 2014, die trotz Publikumserfolg abgesetzt werden musste und zur Ent­ lassung des Intendanten führte, hat nicht zuerst die Staatsanwaltschaft, sondern orthodoxe Christen, die ihre religiösen Gefühle verletzt sahen, auf den Plan gerufen. Kann man sich als Regisseur gegen derartige Widerstände wehren? Das ist nicht die Aufgabe eines Regisseurs. Als Regisseur hat man dafür weder die Möglichkeit noch die Ausbildung. Für die Freiheit der Kunst ist nicht der Künstler, sondern die Gesellschaft und ihre Institutionen zuständig: die Gerichte und Berufsverbände. Wenn

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diese Institutionen schlecht funktionieren oder ganz versagen, kann man solche Vorfälle nicht verhindern. Wir haben übrigens damals bei allen Gerichtsverhandlungen gewonnen. Aber danach hat das Kulturministerium dem Intendanten gekündigt und einen neuen installiert. Die Inszenierung ist dann durch den neuen In­ tendanten abgesetzt worden. Dem hätte ich mich nicht widerset­ zen können, denn eine fertige Aufführung ist nach unserem Recht Eigentum des Theaters. Die Verantwortung für diese Abset­ zung liegt nicht bei den religiösen Aktivisten, sondern voll und ganz bei der neuen Theaterleitung. Seit den 2000er Jahren erfährt das Theater in Russland eine Repolitisierung, insbesondere durch dokumentarische Formen. Sie ­haben sich für einen anderen künstlerischen Weg entschieden und bringen vor allem klassische literarische Texte auf die Bühne. Bietet das die Möglichkeit zu tiefgreifenderen Auseinandersetzungen mit Konflikten? Ich glaube vor allem nicht, dass ich im Bereich des politischen, dokumentarischen Theaters etwas Interessantes oder Neues ma­ chen kann. Das sind Formen und Genres, die sich heute in Russ­ land sehr schnell entwickeln, da gibt es auch ziemlich viel Nach­ holbedarf. Das ist aber nicht mein Bereich, weder ästhetisch noch thematisch. Ich denke, das ist eine Sache des Geschmacks und der persönlichen Veranlagung. Mit traditionellen Texten und Genres kann man sehr lebendig und aktuell umgehen. Für mich persön­ lich ist es sinnvoller, einen klassischen Text mit der heutigen Situa­tion in einen Dialog zu bringen.

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Timofej Kuljabin, geboren 1984 in Ischewsk, studierte an der Russischen Akademie für Theaterkunst. Seit 2007 arbeitet er regelmäßig an russischen und ausländischen Theatern. 2014/15 sorgte seine ­Inszenierung von Wagners „Tannhäuser“ an der Staatsoper in Nowo­ sibirsk für weltweites Aufsehen. Das Stück wurde auf Betreiben der orthodoxen Kirche abgesetzt. Seit ­ Kurzem gehört Kuljabin zum ­Leitungsteam des Nowosibirsker Theaters Rote Fackel. „Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag“ nach Warlam Schalamow war seine erste Schauspielinszenierung in Deutschland und ist derzeit am Münchner Residenztheater zu sehen. Am Schauspielhaus ­Zürich wird er im November Ibsens „Nora“ inszenieren. Foto dpa

Neben Ihrer erfolgreichen Theaterkarriere in Russland inszenieren Sie auch im Ausland. Am Münchner Residenztheater haben Sie mit „Am Kältepol“ Warlam Schalamows Gulag-Erzählungen für die Bühne adaptiert. Ist das eine Herausforderung, einem ­Publikum, das sich diesen russischen Schriftsteller gerade erst ­erschließt, einen solchen Stoff näherzubringen? Hierzu muss man sagen, dass auch das breite russische Publikum Schalamow sehr spät kennengelernt hat. Er wird in Russland erst seit 1989 verlegt und gelesen. Für mich selbst war die Begegnung mit diesen Texten gewissermaßen das Ziel der Arbeit. Schalamow ist ein großer russischer Schriftsteller, vielleicht der größte der Nach­ kriegszeit. Seine Prosa ist eine Herausforderung für jedes Theater – überall. Wir haben natürlich von Anfang an bei den Proben Zeit


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eingeplant, um den Darstellerinnen einen Einblick in die russischen historischen Zusammenhänge zu gewähren. Aber ich sehe, ehrlich gesagt, kein besonderes Problem darin, Schalamow im Ausland zu inszenieren. Er ist für jedes Publikum gleichermaßen zugänglich. Oder gleichermaßen unzugänglich, wie man es nimmt. Zurzeit erarbeiten Sie am Schauspielhaus Zürich Ibsens „Nora“. Das Publikum erwartet eine Inszenierung, bei der der Bühnen­ dialog in den digitalen Raum verlegt wird. Ist das eine Kommunikationsform, die dramatisches Potenzial hat? Andernfalls würde ich das nicht machen. Wobei das dramatische Potenzial dieser Geschichte nach wie vor in Ibsens Stück steckt. Aber „Nora“ ist einer der meistinszenierten dramatischen Texte der Welt, und dieser Text ist der zahllosen Interpretationen schon

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Seine Prosa ist eine Herausforderung – „Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag“ nach Warlam Schalamow in der Regie von Timofej Kuljabin. Foto Matthias Horn

„müde“. Gerade bei solchen großen Texten entsteht das Gefühl, ihr Potenzial sei eigentlich erschöpft. Ich glaube, der Versuch, ge­ wissermaßen ein anderes Zeichensystem zu installieren, kann zu einer Art Reload-Effekt führen, sodass wir diesen Text neu hören können. Moderne Kommunikation ist nur insofern wichtig, als es um unsere Kommunikation mit dem Stück selbst geht. Ich habe vor drei Jahren einen anderen Reload-Versuch, Tschechows „Drei Schwestern“ in Gebärdensprache, unternommen und weiß seit­ dem, dass das sehr ergiebig ist. //

Bachelor Theater Schauspiel Anmelden bis 15. Oktober 2018

hkb.bfh.ch

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Der Tod zum richtigen Zeitpunkt? In Gedenken an die Leiter des Moskauer Teatr.doc Elena Gremina und Michail Ugarov von Georg Genoux

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   as wäre, wenn Elena Gremina und Michail Ugarov den Niedergang des Teatr.doc hätten miterleben müssen? Wenn Enthusiasmus, Kräfte und Geld nicht mehr ausgereicht hätten, nachdem ihr Theater zum dritten Mal aus seinem Gebäude verjagt worden wäre, und sie zum vierten Mal an einem neuen Ort in Moskau einen Neuanfang hätten wagen müssen? Beobachtet man die politische und gesellschaftliche Realität in Russland, wird eines deutlich: Es wird keine wirkungsvollen Orte für freies Geistesleben mehr geben dürfen. Aber was ist ein Theater ohne freies Geistes­ leben? Ich bin froh, dass Elena Gremina und Michail Ugarov dies nicht mehr erleben werden. Ich habe beide die letzten Jahre sehr wenig gesehen und gesprochen. Nachdem ich 2014 angefangen hatte, in der Ukraine Theater zu machen, habe ich Russland nicht mehr besucht. Ich habe seitdem Elena Gremina je einmal in Ber­ lin und in Kiew getroffen. Es war die Zeit, in der die Repressionen gegen das Theater bereits in vollem Gange waren und es zweimal aus seinen Gebäuden verjagt worden war. Elena Gremina war bei diesen Treffen sehr kämpferisch. Sie sei zu einem Mitarbeiter des FSB zitiert worden, der ihr vorwarf, dass das Teatr.doc volksfeind­ liches Theater mache. Sie habe ihn zum Teufel gejagt. „Ich, eine Großmutter (Babuschka), als Gefahr und Feind des Volkes? Das habe ich ihn gefragt und ihm meine Meinung gegeigt.“ Elena Gremina hat immer ihr unglaublich starker Mut aus­ gezeichnet. Der Mut, Anfang der 2000er Jahre ein ganz neues

Theater in Russland zu erschaffen und es täglich zu verteidigen. Das Teatr.doc wurde 2002 in einer Zeit in Moskau gegründet, als sich das staatliche Theater von der Realität abwandte, weltfremd wurde. Putin löste in dieser Zeit Boris Jelzin ab. Es herrschte eine Atmosphäre der Flucht ins Private oder ins Pseudogeistige. Es gab zwei Fluchtwege aus der Realität. Das damalige staat­ liche Theater reaktivierte Theaterformen des 19. Jahrhunderts mit dem Dramatiker Alexander Ostrowskij als Flaggschiff und machte sie zum Mainstream, während Festivalkuratoren das neue europäi­ sche Regietheater importierten, um dem Publikum zu zeigen, dass im westlichen Ausland alles besser sei. Die zweite Fluchtbewegung hat auch eine lange Tradition bei der russischen Intelligenzija. ­Elena Gremina und Michail Ugarov flohen nicht. Sie drehten den Spieß einfach um und machten selbst Jagd auf die Realität. Weil die Theater und Festivals Anfang 2000 sich den Fragen der Gegenwart nicht stellen wollten, stellte sich das Teatr.doc ­diesen Fragen. Und schuf auch die Instrumente dafür, was wohl die größte Bedeutung des Theaters war. Der Import westeuropäischen Theaters nach Russland hat nachhaltig nie funktioniert und wird nie funktionieren. Denn Russen sind stur und stolz. Sie wollen keine faden Kopien west­ lichen Theaters beziehungsweise moderner Kunst, sondern ihr selbst ­Geschaffenes, was viel mit den Wurzeln ihrer Kultur zu tun hat. Gremina und Ugarov haben dabei Paradoxes erreicht: Sie ­annullierten auf der einen Seite das russische Theater und fingen noch einmal von vorn an, auf der anderen Seite schöpften sie aus den Tiefen der russischen Kultur, wobei in erster Linie die ­russische Sprache gemeint ist. Ugarov hat die Russen immer als „Menschen


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Die Leiter des Teatr.doc Elena Gremina (1956 – 2018) und Michail Ugarov (1956 – 2018). Fotos Oleg Karlson

des gesprochenen Wor­ tes“ gesehen. Er sah ­voraus, dass ein Thea­ ter, das sich ausdrück­ lich auf die Sprache konzen­trierte, zu einer der ­einflussreichsten russischen Kul­turbewe­­ gun­gen werden konnte. Als wir Anfang der 2000er durch die Straßen Moskau gelau­ fen oder durch die Regionen des Landes ­ gefahren sind, um Menschen zu intervie­ wen, denen in dieser Gesellschaft keiner zu­ hören wollte, wussten wir noch nicht, dass diese Figuren entschei­ dend auf das russische Theater einwirken würden. Es waren nicht Christoph Marthaler oder Krystian Lupa, die das neue russische Theater begründeten, sondern: die Penner auf der Straße, die vom Flaschensammeln lebten; die Fabrikarbeiterin in Murmansk, der den dritten Monat in Folge das Gehalt nicht ausgezahlt wurde; der 18-jährige Soldat, der ohne Arme und Beine aus dem Tschetschenienkrieg zurückkehrte; die molda­ wischen Gast­ arbeiter, die in Pappkartons auf der Straße lebten; Gefängnis­ insassinnen, die ihre prügelnden Männer ermordet h ­ atten; junge Moskauer, die mit primitiven Talkshows ihr erstes großes Geld verdienten. Sie alle brachten mit ihrem Wortwitz, ihrer bodenständigen Kreativität, ihrer Schlagfertigkeit und oft auch ihrem Unvermö­ gen, sich auszudrücken, eine neue Theaterwelt hervor, die 16 Jahre lang Menschen, die das Teatr.doc besuchten oder in ihm arbei­ teten, in den Bann zog. Als der Staat sich nicht um die Menschen kümmerte und die Medien logen und manipulierten, übernahmen andere die Rolle der Institutionen in Russland. Das Teatr.doc war ein Theater, das sich um die Menschen kümmerte, dem seine Helden nicht egal waren. Für diese Aufgabe musste eine neue Form geschaffen werden. Das Teatr.doc war ein Theater, das zwar auf der einen Seite alles Theatralische ausmerzte, auf der anderen jedoch, ­ ­obwohl plötzlich nichts mehr da zu sein schien außer dem Schau­ spieler und seinem Wort, bei Mitwirkenden und Zuschauern die größtmögliche Spannung im Raum erzeugte, die ich je erlebt ­habe. Michail Ugarov lobte junge Regisseure nur dann, wenn sie nicht in ihren Arbeiten zu sehen waren. Das Wunder des Teatr.doc lag gerade in dieser Selbstaufgabe.

Als wir 2010 das Theaterstück „Eine Stunde achtzehn Minuten“ erarbeiteten, ging es nicht ohne diese Selbstaufgabe. Das war für die Dramatikerin Elena Gremina und den Regisseur Michail ­Ugarov das Wichtigste. Das Stück thematisiert den Fall des rus­ sischen Anwalts Sergej Magnitski, der 2007 in einen Steuer­ skandal verwickelt war und ein Jahr später in Haft kam. In einem Gefängnis im Zentrum Moskaus wurde er zuerst schwer miss­ handelt. Durch unterlassene medizinische Hilfe seitens russi­ scher Sicherheitskräfte verstarb er 2009 in Haft. Die Version des Staates lautete: Herzinfarkt. Eine Autopsie gab es nie. Wir wollten nicht in einer Stadt leben, in der so etwas mög­ lich war. Da die wahren Mörder oder an Mord und Misshandlung beteiligten Personen nicht angeklagt wurden, taten wir es. Wir ­inszenierten im Theater ein imaginäres Gericht, vor das wir diese Personen unter Nennung ihrer echten Namen zitierten. Ur­ sprünglich wollten wir den realen Protagonisten die Möglichkeit geben, ihre eigenen Texte in dieser Inszenierung zu sprechen be­ ziehungsweise sprechen zu lassen. Sie lehnten alle ab. Stattdessen schrieb Elena Gremina ihre Monologe, wobei sie sich ehrlich in diese Menschen hineinversetzte, um ihre Version der Geschichte zu erzählen. Die Angeklagten sollten sich mit je einem Monolog verteidigen können. Doch je mehr sich die Figuren rechtfertigten, umso mehr verrieten sie sich. Eine sehr klare Dramaturgie der russischen Gegenwart. Schauprozesse hatten in Sowjetrussland eine lange Tradition. Die grausamen und rechtswidrigen Prozesse gegen Künstler – wie aktuell gegen den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow und viele weitere Unbekannte – zeigen, dass sich das heutige Regime gerne dieser Tradition bedient. In „Eine Stunde achtzehn Minuten“ dreh­ ten Gremina und Ugarov den Spieß wieder einmal um. Sie bereite­ ten den Mördern und dem heutigen Regime einen Schauprozess. Michail Ugarov brauchte für diese Inszenierung keine ­Metapher. Sie brachte ja die Wirklichkeit auf die Bühne, und diese war für ihn immer stärker als jegliches ausgedachtes Regietheater. Es ging hier um Magnitski, nicht um Ugarov. Die Mutter von Sergej Magnitski war bei der Premiere zugegen. Die Darsteller spielten nicht, sondern sprachen in bescheidener Spielform die Monologe der angeklagten Personen. Elena Gremina und Michail Ugarov haben ein genuin eige­ nes russisches Theater geschaffen. Auch als Beispiel und Ansporn für die russische Politik, ein eigenes politisches und gesellschaft­ liches System zu erschaffen. Nicht zu importieren. Selbst zu er­ schaffen und dabei lebensfähig zu bleiben. Im heutigen Russland ist die Freiheit des Wortes abgeschafft worden. Es wird kein Thea­ ter mehr zugelassen werden, in dem diese Freiheit im Dialog mit dem Publikum erprobt werden kann. Das aber war das künstleri­ sche ­Lebenselixier des Theaters von Elena Gremina und Michail Ugarov. // Der aus Hamburg stammende Regisseur Georg Genoux ist Mitbegründer des Teatr.doc und arbeitete dort bis 2012 als Regisseur. Er studierte Regie an der Russischen Akademie der Theaterkünste (GITIS). 2014 gründete er ­zusammen mit der ukrainischen Dramatikerin Natalia Vorozhbyt das Theatre of Displaced People in Kiew. Ab 2019 leitet Georg Genoux am Post­­PlayTheater in Kiew das interdisziplinäre Programm „Die Inszenierung der ­Demokratie“.

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Ist Russland ein Lied? Über Vladimir Sorokins Existenz im Dazwischen und sein neuestes Stück „Das weiße Quadrat“

von Gunnar Decker

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  ladimir Sorokin ist auf dem Sprung. So lebt er immer im Unterwegs. Eine Dazwischen-Existenz, halb in Berlin, halb in Moskau. In einigen Tagen fährt er wieder dorthin. Wo wohnt so jemand? Natürlich in Charlottenburg. Fragt man hier nach der richtigen Straße, kann man sicher sein, jemand mit russischem Akzent weist einem die Richtung. Die Russen in Berlin kennen ihr Charlottengrad, wie man in den 1920er Jahren sagte, als 300 000 von Emigranten auf der Flucht vor der roten Macht hierherkamen. Dutzende russische Verlage und Zeitungen etablierten sich. Charlottenburg ist der Mythos für die Russen in Berlin, so wie der Prenzlauer Berg es für die Ostberliner Underground-Szene ist. Aber die Zeiten ändern sich, die Erinnerung verblasst. Nein, da ist Vladimir Sorokin schon mal ganz anderer Meinung: Erinnerungen verblassen nicht, sie werden stärker. Aus Traum und Erinnerung, wird er ­sagen, seien seine Bücher gemacht. In der Tür steht ein schlanker, weißhaariger Mann, der ­etwas von einem elegischen Tennisspieler an sich hat, der sich nur noch fürs Spiel und nicht für die Resultate interessiert. Trotz ­seiner über sechzig Jahre scheint Vladimir Sorokin eine Art Rest­ jugend konserviert zu haben. Er bittet in sein Atelier, wie er es nennt, überall hängen Bilder an den Wänden, die allesamt etwas Surreal-Erotisch-Symbolisches an sich haben. Hat er sie selbst ­gemalt? Eine ganze Reihe davon, denn Malen und Zeichnen sind ihm ebenso wichtig wie das Schreiben. Sorokin spricht akzentfrei Deutsch, kein Wunder, erlebte er das Ende der DDR und der Sowjetunion doch als Literaturstipen­ diat in München. So lange dauert seine deutsch-russische Doppel­ existenz bereits. Doch schreibt er weiterhin auf Russisch, über russische Themen. Wir wollen über seine Biografie und das Thea­ terstück „Das weiße Quadrat“ sprechen. Da schafft es Sorokin zum ersten Mal zu verblüffen, denn aus dem perfekt scheinenden Deutsch wechselt er, als die Vor­ reden beendet sind und wir zur Sache kommen wollen, plötzlich ins Russische und ist da, bis auf Nebenbemerkungen, auch nicht mehr herauszulocken. Meine Sprache ist meine Festung? Was nun tun mit einem kläglichen Rest Schulrussisch? Gut, dass ­Katya, die russische Redaktionspraktikantin, dabei ist, sie ent­

wickelt aus dem Stand Simultandolmetscherqualitäten. Warum macht Sorokin das? Ist es die Freude an der Verwirrung, die er stiftet? Ein Machtgefühl, zuzusehen, dass wir nun hektisch ver­ suchen, seine Antworten adäquat ins Deutsche zu bringen, wobei er uns, wenn wir gar zu sehr in die falsche Richtung gehen, mit dirigierenden Zwischenbemerkungen korrigiert? Sorokin, das ist klar, ist einerseits ein in die Jahre gekom­ menes literarisches Underground-Geschöpf, was bekanntlich viel mit Provokation und dem Stiften von Verwirrung zu tun hat. ­Andererseits ist er nun auch in dem Alter, wo man klassisch zu werden beginnt, einen literarischen Ruf zu wahren hat. Will man diesen auf einen Begriff bringen, dann wohl auf den des Sym­ bolismus, der immer wieder auch das Genre der Science-Fiction streift. Es sind postmoderne Kunstmärchen, die er erfindet, ge­ baut aus Collage und Fiktion, ein Wortstrom durch Zeiten und Gegenden hindurch – und diesen dabei einen ganz eigenen ­Ausdruck gebend. Für seine Anhänger ist Sorokin ein würdiger Nachfahre großer russischer Symbolisten wie Andrei Bely und Welimir Chlebnikow, für seine Kritiker jemand, der sich – auch mit den Mitteln der Kolportage – in eine eigene Kunstwelt ­flüchtet. Wie war das, er hat 1972 – mit 17 Jahren! – in der Zeitschrift Für die Erdölindustrie debütiert? Das klingt doch sehr nach gewich­ tigen Industriethemen. Nein, es sei Sommerlyrik gewesen, erklärt Sorokin. Bereits damals habe er sich für Malerei und Polygrafie interessiert, wollte zur Kunsthochschule. Aber so einfach ging das nicht. Man musste Produktionserfahrung vorweisen. Und da war das Moskauer Gubkin-Institut für Erdgas- und Erdölindustrie ein idealer, weil anerkannt gesellschaftsrelevanter Ort (das dunkle Herz der Macht Russlands!) – auch um der Einberufung zur ­Armee zu entgehen. Aber das Privileg endete, als er sich weigerte, in den Komsomol einzutreten. Fortan gehörte er nur sich selbst – und zum literarischen Un­ derground Moskaus. Die beste Zeit seines Lebens sei das ge­wesen, erinnert er sich. Seine eigentliche Universität. Und mit Gorbat­ schow kam ein Gefühl von Hoffnung auf Freiheit, auf einen Auf­ bruch des Landes. Das habe sich auch mit Jelzin fortgesetzt, endete eigentlich erst mit dem Tschetschenienkrieg. Aber, wage ich zu ­widersprechen, mit Jelzin drohte doch der Komplettausverkauf der alten Sowjetunion, Shell und Texaco standen doch schon auf dem Sprung? Sorokin schaut nun plötzlich halb ab­wesend, halb ab­ weisend, wechselt dann unvermutet ins Deutsche und sagt streng,


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das langweile ihn jetzt, über Politik möge er nicht reden. Also reden wir über sein Schreiben! Das ist für ihn aus einem anderen Stoff gemacht als die Realität. Eine Fan­ tasie, die dunkle Schatten wirft. Auch darin gibt es in der russischen Literatur große Vorbilder – wie etwa Arkadi und Boris Strugatzki mit „Picknick am Wegesrand“, das Andrei Tarkowski als Vorbild für seinen Film „Stalker“ nahm. Spätestens mit „Der Tag des Opritschniks“ von 2006 hat S ­ orokin die Machtfrage gestellt. Die Opritsch­ niki sind die „Auserwählten“, die Leibgardisten und Profiteure des Alleinherrschers. W ­ ohin treibt Russland? Immer weiter weg vom Westen und dem demokrati­ schen System – hin zu einer neoimperialistischen Herr­ schaftsform unter Putin, der eine Renaissance des russi­ schen Nationalismus betreibe? Auch in seiner Herrschaftsparodie „Der Zucker­ kreml“ taucht ein Opritschnik auf, wie der Big Brother in Orwells „1984“, mal als ­netter Onkel, mal als fetter Sonnenkönig, mal als blutiger Dämon, aber immer die Fäden ziehend. Ein Dialog daraus: „‚Ich frage Sie: Sind Sie Russlands Freund oder Feind?‘ – ‚Ich bin Russlands Freund.‘ – ‚Ganz sicher?‘ – ‚Ganz sicher.‘“ Das ist die Wiederkehr der Entweder-oder-Ideologie, dieses alt­ bekannt-kommunistische „Sag mir, wo du stehst!“. Mit „Das weiße Quadrat“ hat Sorokin nun eine drastische Medienkritik formuliert, die bis in Vernich­ tungslogiken hineinreicht und den Kannibalismus der digitalen Welt bloßstellt. Dabei herrscht immer noch das Prinzip des Mythos von Marsyas, der im Wettstreit mit Apoll von diesem betrogen, schließlich gehäutet, zerteilt und in alle Winde verstreut wird. Aber ist er da­ rum aus der Welt? Um dieses drohende „digitale Mittel­ alter“, den Verlust aller Normen und Hemmungen, geht es. Die Apokalypse schleicht sich im Alltag auf un­ scheinbare Weise heran. In den neunziger Jahren inszenierte Frank Cas­ torf Sorokins „Hochzeitsreise“ und Dimiter Gotscheff „Ein Monat in Dachau“. Nun also „Das weiße Quadrat“, das etwas von einem Klangbild hat, in das plötzlich die bestiali­ sche Realität einbricht. Dabei beginnt die Talkshow so harmlos. Ein Moderator begrüßt vier Kandidaten, die darüber sprechen, was Russland für sie bedeutet, womit sie es verbinden. Ein Lied, sagt Irina, eine von ihnen, ein anderer Kandidat namens Anton empfindet dagegen eine starke Unlust: „Ich sehe unser Land als riesige, gigantische, jedes Menschenmaß sprengende Laus. ­Steinhart gefroren und in tiefer Anabiose.“ Juri denkt an „eine Art Höhle“, ein Geheimnis. „Russland ist reich an inneren Werten, also an dem, was es in sich hat, in seiner Seele.“ Für so viel Patriotismus gibt es Applaus im Studio. Dann ist Pawel an der Reihe, für den Russland „immer mit der Vorstellung des Kampfes verbunden war“. Wieder Applaus – und so setzt es sich fort, bis zum plötzlichen Umschlagpunkt, wo Wahrheit und Lüge, Be­ kenntnis und Propaganda auf unvermittelt brutale Weise inein­ anderstürzen. Nun also fährt Sorokin erst einmal nach Moskau. Er mag diese Existenz im Dazwischen. Hier die (deutsche) Ordnung – da

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Vladimir Sorokin, geboren 1955 in Bykowo bei Moskau, absolvierte zunächst am Moskauer Gubkin-Institut der Erdgas- und Erdölindustrie ein Ingenieurstudium. Heute zählt er zu den wichtigsten Schrift­ stellern Russlands. Sorokin hat zahlreiche Romane, Drehbücher und Theaterstücke verfasst. „Das weiße Quadrat“ ist sein neuestes Stück. Es wird am 17. September im Verlag ciconia ciconia erscheinen mit Zeichnungen von Ivan Razumov. Eine Buchpreview in Anwesenheit des Autors und des Illustrators findet am 11. September im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin statt. Foto Maria Sorokina

das völlige Gegenteil, das (russische) Chaos. Den Wechsel zwi­ schen Berlin und Moskau als Energieschub für sich zu nutzen, das könnte ein Weg sein, findet er. Und warum hat er „Das weiße Quadrat“ Kirill Serebrennikow gewidmet, als ein Signal gegen die Zensur? Sorokin bleibt stoisch. Künstler seien keine Kämpfer. Aber Veränderung geschehe nie von allein. Noch gebe es keine Zensur in Russland, aber möglich sei alles. //


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Vladimir Sorokin

Das weiße Quadrat Mit Zeichnungen von Ivan Razumov Deutsch von Christiane Körner

für Kirill Serebrennikow

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Moderator Guten Abend und herzlich willkommen zur Sendung „Das wei­ ße Quadrat“. Heute stellen wir hier Russland zur Diskussion. Unsere große, fantastische und in mancher Hinsicht unbere­ chenbare Heimat, die „die Weisen fremder Länder nie verste­ hen“, wie es im Lied heißt – sie wirft mit schöner Regelmäßigkeit Fragen auf, die nicht nur diese sogenannten Weisen ratlos ma­ chen, sondern auch unsere Landsleute. Wissen Sie, was ein alter Freund mir kürzlich anvertraut hat? Er lebt seit vierzig Jahren in Russland, und trotzdem hat er bis heute nicht begriffen, was das eigentlich für ein Land ist. Und das als orthodoxer Christ, Patriot, Intellektueller, der unsere Geschichte und Kultur in- und aus­ wendig kennt. Natürlich geht es hier nicht um die Staatsform. Jedes Kind weiß, dass Russland eine föderative Demokratie ist, inklusive Präsident und Parlament. Aber was für eine Vorstel­ lung weckt unser Land? Womit kann man es vergleichen? W ­ elche

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Assoziationen ruft es hervor? Jeder hat da wohl sein eigenes Bild. Ich bin mir aber sicher, dass es bei vielen übereinstimmt. Bei einigen indessen nicht. Und damit ist durchaus nicht nur die Fünfte Kolonne gemeint. Was Russlands Rätselhaftigkeit mal wieder und immer rigider bestätigt. Mal wieder und immer rigi­ der – unser Thema heute ist so wichtig, dass ich schon in Reimen spreche! Gehen wir also in die Diskussion. Wie immer sitzen an unserem quadratischen weißen Tisch vier Gäste. In früheren Sendungen werden Sie den einen oder anderen erkannt haben. Aber Sie wissen ja, im „Weißen Quadrat“ gilt die Regel: nur Vorname und Beruf, keine Posten, Ränge oder Titel. Also: Irina, Angestellte im öffentlichen Dienst, Juri, Soldat, Anton, Theaterregisseur, Pawel, Geschäftsmann. Liebe Gäste des „Weißen Quadrats“, an Sie alle die erste Frage: Womit lässt sich Russland Ihrer Ansicht nach vergleichen? Bitte sehr! (Applaus im Studio.)

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Irina Was ist, wieso schauen mich plötzlich alle so an? (lacht) Moderator Ladies first! Irina Stimmt auch wieder. Gut, dann fange ich also an. Wissen Sie, ich würde sagen, am ehesten ist Russland für mich ein Lied. Das klingt jetzt ein bisschen naiv, oder? Moderator Aber gar nicht. Irina Ja ... ein Lied. Ein Lied. Ein russisches, ganz klein wenig trauri­ ges, langes Lied. Das ich schon als Kind gehört habe, als ich den Text noch nicht verstand, aber jemand neben mir es sang, im Winter war das, ich erinnere mich an die Kälte, an die vereisten Fenster unserer kleinen Stadt. Und da ist dieses Lied. Und wenn jemand „Russland“ sagt, Ros-si-ja, kommt mir gleich die Melodie in den Sinn, der Raureif auf den Fensterscheiben, die Oma in der Küche, ihre Pasteten, gefüllt mit den Rückensaiten vom Stör, mein kleiner Bruder, unsere flauschigen Katzen, die rieseln­ den Flocken, die Straße, die Schneehaufen, die guten Nachbarn, die Spiele, die Schule, all die Träume, und gleich darauf das ­kind­liche Gefühl, dass wir, wie soll ich sagen, in einem großen Land leben, einem riesigen und mächtigen, und irgendwo ganz weit weg ist Moskau, mit dem Kreml und dem Erlöserturm, und wenn ich groß bin, fahre ich dahin und kann das alles sehen. Und das Lied klingt immer weiter. Wie damals. Und solange es erklingt, solange man es singt, den Text kennt, die Melodie weiß – solange lebt Russland. (Applaus im Studio.) Moderator Ein ausgezeichneter Start, Irina! Ich glaube, dieses Bild können viele Menschen im Land verstehen und nachempfinden. Russ­ land ohne Lied – einfach undenkbar. Anton, möchten Sie weiter­ machen? Anton Ja, natürlich. Irina hat das sehr gut ausgedrückt: Ein Lied, ein Lied der Kindheit – das ist unvergesslich, das brennt sich ins Ge­ dächtnis ein, fürs ganze Leben. Für mich war so ein Lied „Der blaue Waggon“ aus dem Trickfilm mit dem Krokodil Gena. Das hat alle russischen Volkslieder getoppt; die wurden zwar in der

Familie und im Kindergarten gesungen, aber für immer einge­ prägt hat sich bei mir nur dieses „Jeeder, jeeder, glaubt doch an das Guute“. Aber es geht ja jetzt nicht um Lieder, sondern um mein Russland-Bild, und da muss ich zugeben, dass das ein biss­ chen anders ist als Irinas. Ich sehe unser Land als riesige, gigan­ tische, jedes Menschenmaß sprengende Laus. Steinhart gefro­ ren und in tiefer Anabiose. Ihre Größe entspricht Russlands geographischer Ausdehnung: Der Kopf mit den Pedipalpen la­ gert irgendwo an der belorussischen Grenze, in der Gegend von Tschop, der Hintern hängt bei Sachalin überm Stillen Ozean. Und diese gigantische Laus schläft, sie liegt da und rührt sich nicht. Sie wacht nur sehr selten auf, aber wenn, dann ist das ein Geschenk für uns. Auf diesem eisigen Monster leben wir, wir krabbeln darauf herum, ergötzen oder entsetzen uns an seinen skurrilen Formen – und warten auf sein Erwachen. Voller Unge­ duld und Furcht. Manchmal jahrzehntelang, wie zum Beispiel gerade jetzt. (Applaus.) Moderator Tja. Nicht umsonst ist jedes Ihrer Stücke ein Skandal, Anton. Wie läuft eigentlich Ihr letzter Prozess, der um Gogols „Tote See­ len“? Anton Keine Bange, den gewinnen wir. Moderator Nee, echt jetzt? (Gelächter.) Anton Die lebenden Seelen der Anwälte kriegen das hin. (Gelächter.) Moderator Dann mal viel Erfolg für die lebenden Seelen! Über die einzelnen Bilder sprechen wir natürlich noch, aber erst einmal kommt je­ der Gast zu Wort. Juri! Juri Wissen Sie, als man mich zum „Weißen Quadrat“ einlud, hat man mich – ich verrate ein Geheimnis – gleich auch über das heutige Thema aufgeklärt. Ich hatte also ein paar Tage Zeit zu überlegen, konnte mir Gedanken machen. Für mich war Russ­ land immer eine Art Höhle. Eine Höhle der Geheimnisse. Eine riesige, endlose dunkle Höhle voller Stalaktiten und Stalagmi­

Waed Bouhassoun

Jolie Ngemi

Tania El Khoury

Laila Soliman

Lubna Abukhair

Hlengiwe Lushaba & Faustin Linyekula

Miriam Coretta Schulte

Eva Rottmann & Victor Moser

Henrike Iglesias Kadiatou Diallo Fatima Al Qadiri & Deena Abdelwahed

Ariane Koch & Sarina Scheidegger Alsarah & The Nubatones

Danya Hammoud & Boyzie Cekwana Jasmin Albash, Maysa Daw, La Nefera, Rasha Nahas

Globâle 25. 9.– 6. 10.

Kaserne

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www.kaserne-basel.ch


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ten, mit Löchern, allen möglichen Einstürzen, stockfinsteren, kein Aas findet sich da zurecht, die sind einfach bodenlos. Die Höhle ist unermesslich groß. Und in dieser Höhle ist ein Schatz. Er leuchtet im Dunkeln. Du läufst durch die Höhle, sie ist un­ eben, auf Schritt und Tritt lauern Gefahren, du kannst fallen, ab­ stürzen, doch vor dir siehst du es schimmern: Reichtümer. Russ­ lands Reichtümer. Sie leuchten im Dunkeln, sie locken, sie ziehen dich an. Und es ist eine Riesenmenge da in diesen tiefen Felsenhöhlen ... Moderator ... von Diamanten schwer und Perlen nicht zu zählen? Juri Ja! Und nicht nur Diamanten. Es geht nicht nur um Gold, um Erdöl oder Gas. Russland ist reich an inneren Werten, also an dem, was es in sich hat, in seiner Seele. Das Geistige! Das ist unser größter Reichtum. (Applaus.) Moderator Fantastisch! Und was sich hopplahopp für eine Bildervielfalt hier entfaltet, oder? (zum Saal) Unsere Gäste heute sind ja fast so unberechenbar wie unser Land! (Applaus.) Pawel Es ist vermutlich nicht gerade originell, wenn ich sage, dass Russland für mich schon immer mit der Vorstellung des Kampfes verbunden war. Kampf ums Überleben, um einen Standpunkt, um Komfort, treue Freunde, die Liebe, nicht zuletzt ums Geschäft. Alle hier am Tisch sind noch in der Sowjetunion

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geboren und werden sich mehr oder weniger an die damalige Zeit erinnern. Also, als meine Frau unsere Tochter bekam, was machte der sowjetische Staat zuallererst? Er nahm der Mutter das Neugeborene weg und brachte es in einen anderen Raum, wo Müttern der Zutritt in gewisser Weise versperrt war. Ich schätze, an diese sowjetische Tradition können sich alle erin­ nern, die damals ein Kind geboren haben. Dass der Vater die Geburt miterlebt, wie es jetzt auf der ganzen Welt praktiziert wird, davon konnte natürlich erst recht keine Rede sein. Ich durf­ te nicht mal ins Geburtshaus, wir Väter wanderten damals um das Gebäude herum und guckten durch die Fenster, vielleicht sah man ja was. Und in dieser Situation gab ich einer Schwester schlicht und einfach drei Rubel, damit sie meine Frau nachts in den Säuglingsraum ließ, um unsere Olja zu sehen. Können Sie sich das vorstellen? Eine Mutter, die wie eine Diebin durch die Nacht schleicht, die Geld bezahlt, um ihr eigenes Kind anzu­ schauen? Kampf! Schon ein Säugling in den ersten Lebenstagen war davon betroffen. Um alles musste und muss man kämpfen, auf Schritt und Tritt sind Hindernisse zu überwinden. Das ist Russland! (Applaus.) Moderator Das kann ich mir wirklich kaum vorstellen. Ich war bei meiner Frau im Kreißsaal, wir haben alles zusammen durchgestanden, und unser Sohn, als der dann da war ... Pawel ... da legten sie ihn der Mutter auf die Brust, ja? Moderator Ja, man hat ihn nicht mal gewaschen, hat ihn meiner Frau gleich

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auf die Brust gelegt. Das war ... unvergesslich. Aber im zaristi­ schen Russland wurden die Kinder nicht weggebracht, Pawel, nur – sind sie damals alle am Leben geblieben? Auf dem Land zum Beispiel? Da gab’s keine Geburtshäuser, da hätte man die Kinder nur zu den Kühen in den Stall bringen können! Das mach­ te man aber nicht, man legte sie auf die Brust. Und wie viele sind gestorben? Dem Grafen Lew Tolstoi vier Stück, glaube ich. Pawel Aber nicht nur Menschen legen sich die Kleinen auf die Brust, auch Tiere, auf der ganzen Welt. Anton Und ganz ohne drei Rubel. Pawel Ja, ganz ohne drei Rubel! Moderator Drei Rubel für die Säuglingsschwester waren Ihnen zu viel? Na, na, Sie Geizkragen! (Gelächter.) Pawel Damals war das eine ziemliche Summe für uns. Irina Mir wurde meine Tochter auch auf die Brust gelegt. Da hatten wir schon die Russische Föderation. Moderator Welch schöner Anblick muss das gewesen sein! Ein echter Raffael! (Applaus.) Pawel Gott sei Dank, wenigstens in der heutigen Zeit ... Anton Aber für immer? Das ist doch die Frage. (Applaus.) Moderator Wir wollen es hoffen. Trotz allem geht es mit Russland vorwärts. Mühsam, schwerfällig, doch es geht vorwärts. Und ein Beweis dafür ist, dass wir diese Dinge in aller Ruhe hier im Studio disku­ tieren können! (Applaus.) Moderator So, und nun ist die Abstimmungsmaschine eingeschaltet. Das Studiopublikum kann für eines der Russland-Bilder stimmen,

matthaei & konsorten

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die unsere Gäste hier vorgestellt haben: „Lied“, Eis-Laus“, „Höh­ le“ oder „Kampf“. Treffen Sie Ihre Wahl! Wir setzen derweil un­ ser Gespräch fort. Zunächst habe ich eine Frage an Sie, Irina: „Ja, unser Lied hilft uns bauen und leben“ – auch in Ihrem aufstre­ benden Landkreis? Irina Am Stadtfeiertag haben alle so schön gesungen und getanzt! Moderator Auch die Rentner? Irina Aber sicher! Moderator Und dabei mit der letzten Stromabrechnung gewedelt? (Lautes Gelächter.) Irina Seit fünf Monaten sind die Stromkosten in unserem Kreis nicht gestiegen. Und sie werden auch in nächster Zeit nicht steigen. Fest versprochen! Moderator Das klingt gut! Dieses Lied singen wir gerne mit! (Applaus.) Moderator Anton, sagen Sie mal, Ihre Eis-Laus, saugt die das Blut des Vol­ kes? Anton Die hat sich schon im 20. Jahrhundert vollgesaugt. Moderator Und jetzt verdaut sie? Anton Ja, sie verdaut, meditiert, ruht sich aus. Moderator Und wir? Anton Wir bewundern sie, verehren sie, schreiben Lieder über sie, dre­ hen Filme. Irina Warum haben Sie so ein ekelhaftes Bild von unserem Land? Anton Blicken Sie zurück aufs 20. Jahrhundert. Dutzende Millionen Opfer. Unschuldige Opfer, ermordet von dem Monster namens UdSSR.

21. + 22.9.

Save the Last Trance for Me

oder: Wie der Tremor meiner Tante unsere Innenstädte retten wird

fft-duesseldorf.de


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Irina Aber wir leben in der Russischen Föderation. Anton Stimmt, der Name ist anders – aber die Monster-Gene sind die­ selben. Nicht alle natürlich. Vieles hat sich zum Positiven hin verändert. Aber im Wesentlichen ist die Genstruktur des Staates ganz die alte. Juri Und warum eine Laus und nicht zum Beispiel ein Bär? Moderator Ja! Warum kein Bär? Der ist Russland doch viel ähnlicher: Er schläft lange, aber wenn er mal aufwacht, dann wälzt er sich und brüllt und kratzt sich so, dass alle mit den Ohren schlackern. (Gelächter.) Anton Der Bär ist eine Figur aus dem Kindermärchen. Der Archipel GULag ist kein Märchen. Moderator Deshalb eine Laus? Anton Ja.

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Moderator Verzeihung, Anton, ist das eine gewöhnliche Laus oder eine Schamlaus? (Lautes Gelächter.) Anton Mir ist nicht zum Lachen. Das ist doch ein Trauerspiel. Moderator Tun Sie sich keinen Zwang an, es ist ihr gutes Recht zu trauern ... Pawel, sagen Sie mal, Ihr Kampf, kommt der von Marx her oder, pardon, von „Mein Kampf“? Pawel Weder noch. Aus der Steinzeit. Es ist der Kampf ums Über­ leben. Moderator Demnach hat sich Russland seit der Steinzeit nicht verändert? Sie haben kein iPhone, sondern einen Faustkeil? Welches Mo­ dell? 8 Plus, hoffe ich? (Gelächter.) Pawel Das iPhone wird in Amerika hergestellt. Russlands Problem be­ steht darin, dass Mensch und Staat für sich existieren. Zwischen

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ihnen gähnt eine Kluft. Und sie wächst. Deshalb wird der Kampf ums Überleben von Jahr zu Jahr schlimmer. Moderator Irina, stimmen Sie da zu? Irina Nein. Probleme gibt es. Eine Kluft nicht. (Applaus.) Pawel Nein, Sie sehen natürlich keine Kluft. Sie sind ja Teil des Staates. Irina Und Teil des Volkes. Aber Sie – sind Sie ein Teil des Volkes? Pawel (lacht) Ich bin das Volk! Moderator Nee, echt jetzt? (Gelächter, Applaus.) Moderator Weiter geht’s! Juri, diese Diamanten und Smaragde russischer Spiritualität, die in Ihrer Halle des Bergkönigs lagern, sind die bis heute unerschöpflich? Oder hat man einige Vorkommen doch schon abgebaut? Juri Vieles ist verschleudert, vieles bloß besudelt ... Moderator Von der Fünften Kolonne? Juri Von korrupten Beamten. Und der Fünften Kolonne. Doch es gibt

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neue Vorkommen, neue Lagerstätten, vor kurzem entdeckt, zu unserer Zeit. (Applaus.) Anton (ironisch) O ja, die gleißen praktisch im Dunkeln! Die verströ­ men hochkarätige spirituelle Quellen! Juri Sie sind doch bloß neidisch. Anton Wäre ich gern, aber ich wüsste nicht, worauf. Moderator Haben Sie etwas gegen die Spiritualität des Volkes? Anton Überhaupt nicht. Ich habe etwas gegen ihr Fehlen. Moderator Das heutige Russland wäre also Ihrer Ansicht nach geistig arm? Anton Im Großen und Ganzen ja. Moderator Haben Sie schon Geld für Ihre neue Inszenierung gekriegt? (Gelächter.) Anton Aber ja. Wir werden die Spiritualität des Volkes befeuern. Juri Mit nackten Walküren? Anton Mit denen auch.


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Moderator Nackte Walküren sind absolut schmier-i-tuell! (Gelächter.) Irina Anton, meine Tochter ist ein großer Fan von Ihnen. Und selbst die hat nach Ihrem letzten Stück gesagt: Mama, da haben sie mit nackten Popos des Guten zu viel getan. (Gelächter.) Juri Ja, für nackte Popos hat unser Staat immer genug Geld. Bei den Veteranen ist er weniger freigebig. Pawel Und bei Ärzten, bei Lehrern? Juri Die kriegen doch immerhin kleine Gehaltserhöhungen. Anton Für Kerzen in der Kirche? Juri Schon wieder Ironie. Wird Ihnen das nicht langweilig? (Signal „Ende der Abstimmung“.) Moderator Meine Damen und Herren! Die Abstimmung über unsere Russland-Bilder ist beendet. Das Ergebnis: Für „Lied“ stimmten 37%, für „Höhle“ 31%, für „Kampf“ 28% und für „Eis-Laus“ 4%. Anton, Sie sind in der Minderheit. Wir hatten also recht, als wir Ihrer These von Russlands geistiger Armut nicht glauben woll­ ten. Gesiegt hat das Bild „Russland ist ein Lied“! (Applaus. Signal „Der Pep geht ab!“) Moderator Zeit für den Weißen Pep! (Lied: „Der Weiße Pep ist wieder da, Quadrate ohne Zahl.“) Moderator Liebe Gäste, jetzt wird gepeppt! Bitte das Produkt ins Studio! (Zu den Klängen des Liedes treten vier bezaubernde Krankenschwestern in kurzen weißen Kitteln ins Studio; jede trägt ein kleines Tablett mit Spritze, Stauband, Watte, Spiritus.) Moderator Auf geht’s! Heute dürfen unsere Gäste im „Weißen Quadrat“ mit einem neuen Produkt peppen, das erst vor einer Woche für den Konsum freigegeben wurde – WP-4! Applaus! (Applaus.)

www.hellerau.org

Moderator Unsere bezaubernden Girls Sonja, Vera, Fatima und Natascha sind Ihnen behilflich. (Die Gäste am weißen Tisch machen den Arm frei, die Krankenschwestern verabreichen ihnen eine Injektion.) Moderator WP-4 ist ein fantastisches Produkt. Das Beste daran ist seine ­Unaufdringlichkeit. Es regt an, macht den Kopf klar, schärft die Sinne – aber nicht aggressiv, sondern dezent, geradezu taktvoll. Es peppt, aber sanft, es zwingt zu nichts, sondern macht ein Angebot. Es stellt eine Weiterentwicklung der berühmten ­ ­WP-Serie dar, aber von WP-3, das Sie nun schon ein halbes Jahr kennen, das zahlreichen Russen ans Herz gewachsen ist, das von unserer großartigen Rockband besungen und von unserem ­Minister so wohlwollend erwähnt wurde – von WP-3 unterschei­ det es sich deutlich. Und zwar nicht negativ! Beileibe nicht, ­meine Damen und Herren! Unsere Gäste werden das in Bälde spüren. Und gleich darauf auch wir. Wie immer wird unsere ­Diskussion mit dem Weißen Pep ein anderes Niveau gewinnen, eine neue Valenz erringen, sich mit neuer Energie und neuem Sinn füllen – und alle diese Dinge an uns weitergeben! Meine Damen und Herren, wir können mit spannenden Entwicklungen rechnen. Applaus! (Applaus.) (Nach den Injektionen verlassen die Krankenschwestern das Studio. Die vier Gäste drücken sich einen Wattebausch in die Ellbogenbeuge.) Moderator Was leben wir doch in einem fantastischen Land! Zum x-ten Mal diskutieren wir engagiert über Russland-Bilder. Das ist umwerfend! Stellen Sie sich eine Talkshow im deutschen oder französischen Fernsehen vor. Ganz zu schweigen von den Amerikanern ... (Gelächter.) Die und ernsthaft über das Bild ihres Landes nachdenken? Die machen sich schon lange nichts mehr vor. Denen stellt sich die Frage überhaupt nicht. Europa ist völlig verknöchert, das weiß bei uns jedes Kind. Und die wissen es auch! Aber sie halten den Mund. Russland dagegen – seine Größe besteht ja gerade darin, dass es sich wandelt, sich entwickelt, sich entfaltet, dass es uns buchstäb­ lich jeden Tag mit glitzernden neuen Facetten verblüfft und erschüttert! (Applaus.)

Eröffnungsmonat der neuen Intendanz

29./30.09. Deep Etude Alma Söderberg (SE)

09.09. Spielzeitfest zum Tag des offenen Denkmals

29./30.09. Unusual Weather Phenomena Project Thom Luz (CH)

14./15.09. Krieg und Terpentin Needcompany (BE) Deutschland-Premiere

18./19.09. Empire Milo Rau/IIPM (DE/CH) 25./26.09. Late Night blitz theatre group (GR)

05./06.10. The Great Tamer Dimitris Papaioannou (GR) Deutschland-Premiere

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Pawel Also, keine Ahnung ... wenn man will ... wenn man sogar weiß ... das heißt, mal einfacher gesagt ... in dem Moment, wo man was Neues, Krasses, was ganz Anderes machen will. Oder? Was Not­ wendiges, oder? Anton Was Gewaltiges, ja? Pawel Ja! Was Gewaltiges! Was Klares! Was ganz Anderes! Das strahlen soll vor lauter Anderssein! Wie eine Neonreklame, oder? Moderator Da haben wir’s, der Weiße Pep geht ab! (Applaus.) Anton Weil alles öde ist. Juri Weil alles scheiße ist! Irina Zum Platzen, zum Kotzen ... Pawel Weil alles auf den Sack geht! Total und brutal auf den Sack! Moderator Meine verehrten Gäste, auspiepen können wir natürlich immer, aber ich möchte Sie bitten ... Irina (steht auf, unterbricht ihn) Was, was? Was möchtest du? Moderator Ich möchte Sie trotzdem bitten ...

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Irina Worum kannst du schon bitten, du Flasche? (wirft dem Moderator den Wattebausch ins Gesicht) Moderator Irina .... Ich verstehe nicht, warum Sie so aggressiv sind. Irina Was hast du hier herumzubitten? Na? (tritt den Moderator) Moderator Aha. Das ist was schiefgegangen ... (weicht zurück, stößt gegen Anton) Anton Pass auf, wo du hinläufst, du Wanze ... (packt den Moderator am Revers, zerrt mit solcher Kraft daran, dass die Schulternaht aufreißt) Moderator Ich möchte darum bitten ... meine Herren ... Juri (steht auf) Da hast du deine Herren! (schlägt dem Moderator heftig mit der Faust ins Gesicht) Kackstiefel ... Pawel (packt den Moderator, wirft ihn zu Boden) Geh mir nicht auf den Zeiger ... du Würstchen ... Moderator Ruft die Security!! Juri (schlägt den Moderator) Da hast du deine Security ... und da auch ... und da ... Irina (tritt den Moderator) Und der will mir Vorschriften machen ... der Sauhund ... Moderator Security!!!

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Juri (setzt sich auf den Moderator) Liegenbleiben, Arschgesicht ... (Zwei Securityleute tauchen auf, laufen zu ihm hin.) Securitymann Was geht hier vor? Juri (sitzt auf dem Moderator) Gar nichts. Er hat uns bloß alle in die Scheiße geritten. Und euch auch. Er ist ein Verbrecher. Ein Staatsverbrecher! (Die Securityleute stehen vor ihm.) Juri In welchem Regiment habt ihr gedient, Jungs? (Die Securityleute wechseln schweigend einen Blick. Der Moderator fängt an zu schreien, aber Irina hält ihm den Mund zu.) Irina Ganz ruhig, sonst gibt’s Ärger! Juri (zu den Securityleuten) Ich frage euch: In welchem Regiment habt ihr gedient? Securitymann Raketentruppen. Was geht hier vor? Anton Leute, hier geht vor, was vorgehen muss. Hier strahlt das Neue! Pawel Genau! Es strahlt!

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Juri (zum zweiten Securitymann) Und wo hast du gedient? Securitymann Baltische Flotte. Juri Her mit der Flosse, Matrose! (streckt dem Securitymann die Hand hin) Männer, wisst ihr, was Ehre und Kehre bedeutet? Worin der Unterschied besteht? Na? Zu Ehre und Leere? (Die Securityleute bleiben stumm.) Juri Was ist? Hältst die Klappe, wichst die Latte? Höchste Zeit, dass ihr das wisst, Männer: Ehre und Leere ist besser als Ehre und Kehre. Als Ehre und Schere. Als Ehre und Beere. Als Ehre und Meere. Und nie, nirgendwo, unter gar keinen Umständen kommt ihr Arschlöcher wem in die Quere! Wenn es um staatli­ che Interessen geht. Klar? Alles unter Kontrolle, Jungs! Abtreten! (Die Securityleute gehen.) Moderator (verzweifelt) Was macht ihr da?! Kommt zurück!! Serjoscha, du Idiot, die haben eine Überdosis! Irina (hält ihm den Mund zu) Die Überdosis hast du, du Flasche! Anton Nichts kann das Neue aufhalten, das die alten Wände auseinan­ derschiebt! Es ist ein Rammbock! Ich fühle mich wie dieser


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Rammbock! Ich zerschmettere den alten Plunder, zerschlage ihn, zersplittere ihn, zermahle ihn in Neues, Künftiges, das strahlend der neuen Eis-Laus den Weg weist! Die Laus zerstreut alle Zwei­ fel, all das grässliche und widerliche Alte; sie werden von ihr weg­ geschleudert, weggesprengt, all diese Kinderrasseln, Keller­ asseln, Micky Mäuse, Santa Cläuse, Plüschgetiere, Löschpapiere, Blechkanonen, Saftzitronen ... Nur das Ehrliche bleibt übrig! Nur das Neue! Pawel Das strahlt! Wie die Sonne! Anton Das Ewige bleibt! Das Ewige!! Warum höre ich keinen Applaus?! Na? (Applaus.) Juri Gut. Wir brauchen vier Riemen. Pawel Was für Riemen? Juri Starke! Sichere! Zuverlässige! Anton (zieht seinen Gürtel aus der Hose) Hier! Für das Neue! Pawel Meinen auch. (zieht seinen Gürtel heraus) Für das Strahlende! Irina (hält dem stöhnenden Moderator weiter den Mund zu) Ich – ich habe keinen Gürtel. Aber ich muss auch etwas zum Neuen bei­ steuern, ich muss! (streift die Bluse ab) Moderator Holt die Polizei, ihr Idioten! Ihr werdet alle entlassen und einge­ sperrt!!! Juri Zieh den Gürtel aus dem Gestrigen! (stößt dem Moderator die Faust ins Gesicht) (Irina zieht den Gürtel aus der Hose des Moderators; Juri zieht seinen eigenen Gürtel heraus.) Juri Brüder und Schwestern, heben wir das Gestrige hoch! (Sie heben den Moderator hoch. Der schreit, stöhnt und flucht.) Juri Legt es auf den Tisch.

vladimir sorokin_das weiße quadrat

Anton Das Neue! Alles ist neu, frisch, gut! Pawel Und strahlend! Juri Macht seine Beine und Arme an den Tischecken fest. (Sie binden mit den Gürteln und der zusammengedrehten Bluse die Arme und Beine des ausgestreckt auf dem Tisch liegenden Moderators an die vier Tischecken.) Moderator Serjoscha!! Hol die Polizei!!! Worauf wartest du?!! Idiot!!! Juri (stopft dem Moderator sein Taschentuch in den Mund) Die Bosheit des Gestrigen. Irina So viel Bosheit! Dabei sieht er lieb aus. Der Lockenkopf. Hat er uns betrogen? Juri Ja. Uns und Russland. Pawel Das ewige Russland! Dessen ewiges Eis in der Sonne strahlt! Sein herrliches Eis! Anton Betrug? Wie kann das sein?! Das – erschüttert mich! Das zerreißt mir das Herz! (schluchzt) Irina Ruhig, ruhig. Ich liebe dich! Anton Und ich dich! (küsst Irina) Pawel Ich liebe euch! (küsst Irina und Anton) Ich liebe euch wahnsinnig! Anton Räumt das Alte fort vom neuen Weg, zerschlagt, zerstört, zer­ streut im Wind den Staub und die Asche des Gestrigen! Nur das Neue, Starke, Helle liegt noch vor uns! Juri Wir dürfen keinen Fehler machen. Danach ist es zu spät, dann kann man nichts mehr korrigieren! Irina Nein, wir dürfen keinen Fehler machen! Meine Liebsten! Tun wir, was sein muss!

EIN GRÜN DUNG SFEST IVAL FÜR ALL E TANZ UND LITERATUR KUNST UND THEATER MUSIK UND PERFORMANCE DISKURS UND PARADE

ZukunftsStiftung H E I N Z

W E I L E R

stadt-der-frauen.de

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stück

Pawel Es gibt keine Alternative! Das Neue und Richtige! Das Strahlen­ de und Gute! Im Namen des strahlenden Russlands! Anton Es strahlt! Vorwärts! Für uns alle! (Applaus.) Juri (holt ein Klappmesser AK-47 aus der Tasche, öffnet es) So. Sei ge­ grüßt, mein treuer alter Freund. Was hast du nicht alles erlebt! Immer führte ich dich mit mir, immer werde ich dich mit mir führen (küsst die Klinge). Du hast mich nie verraten. Diene uns auch jetzt! (schneidet von dem auf dem Tisch gekreuzigten Moderator die Kleidung herunter, die anderen helfen ihm) Anton (wirft die zerschnittene Kleidung auf den Boden) Da – das Gestrige. Das Schlechte. Pawel Das sehr Schlechte! Das Böse! Irina Das nackte Böse. Das eklige Böse! (spuckt dem Moderator ins Gesicht) Anton Das gestrige Böse muss man überwinden. Sonst verdeckt es die Strahlen des Ewigen Russlands! (Applaus.) Pawel Gemeinsam überwinden wir alles! Juri Brüder und Schwestern! Fasst an! Richtig und einig! (Juri schneidet die Arme und Beine des Moderators auf; die vier ziehen dem Moderator die Haut ab; der bäumt sich anfangs auf, brüllt, zuckt, dann verstummt er.) Juri Vollbracht ist das Große! (bindet die Leiche des Moderators los, wälzt sie auf den Boden, schiebt sie mit dem Fuß unter den Tisch) Und jetzt das Wichtige. Fasst an, Brüder und Schwestern! (Sie ziehen die Haut des Moderators auf dem Tisch straff.) Juri Vorsicht! Bloß nicht einreißen! Nicht so hastig! Anton Vorsichtig! Stetig! Präzise! (bedeckt mahnend Irinas Schultern mit Küssen)

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(Die Haut ist straffgezogen.) Juri Das Große und das Wichtige haben wir getan! (Applaus.) Pawel Sieg! Irina Glück! Anton (zu Irina) Die Zeit der Freude ist gekommen! Neuer Freude! Pawel (zu Irina) Strahlender! Juri (schneidet mit dem Messer die Kleidung von Irina) Erfreu uns! Das ist deine Pflicht! (Sie helfen der nackten Irina auf den Tisch.) Irina (reckt die Arme hoch, wirft sich schnell auf dem Tisch hin und her) Ababara! Ahahara! Atatara! (legt die Hände auf die Scham, presst die Beine zusammen) Ababonia! Amamonia! Ahahonia! (wird von einem Orgasmus geschüttelt) Mömme opgaaaaan! (spreizt die Beine, uriniert auf den Tisch, zittert und wimmert) Mömme anstan kann ich aber nicht wie voranstaaaaan! Tosamer bloß kein anstan aber dann doch voranstaaaaan! Wie die alle anstan und wir alle auch voranstaaaaan! Gar nichts kann anstan wenn Mömme nicht voranstaaaaan! Alle anstan alle auch voranstan alle auch voranstaaaaan Mömme alle dooooo! (Irina fällt kraftlos vom Tisch, Juri, Pawel und Anton fangen sie auf. Sie stöhnt ermattet.) Anton (schüttelt rhythmisch den Kopf, zittert und stampft mit den Füßen) Kommt, Brüder! Brüder, kommt! Kommt, Brüder! Brüder, kommt!

Theater Winkelwiese 21. September – 6. Oktober 2018

«Ich wandte mich ab und trat ans Fenster...» Nach Erzählungen von Peter Stamm winkelwiese.ch


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Juri (vollführt mit dem Hintern ekstatische Bewegungen) Machen, ma­ chen, machen, machen, machen, machen, machen Gutes! Pawel (windet sich) Und das Strahlende! Strahlend in der Dunkelheit! In dunkler Dunkelheit, furunkler Dunkelheit, da haben sie sie alle gebaut, die gute, nötige Frunkmutter-Frunkmutter-Frunk­ mutter die Strahlende! Auf ewig! Auf ewig!! (Tragen die stöhnende Irina stöhnend, schluchzend, gierig und ­ekstatisch ihre Arme und Beine leckend und lutschend aus dem ­Studio.) Stimme Die Aufnahme ist beendet! Bitte verlassen Sie das Studio! (Die Zuschauer verlassen das Studio. Kurze Zeit später treten ein: der Programmdirektor, sein Stellvertreter, ein Chemiker, der Regisseur der Sendung, Securityleute.) [...] (Alle außer dem Regisseur verlassen das Studio. Der Regisseur geht zum Fenster, öffnet es. Zündet sich eine Zigarette an. Blickt auf das nächtliche Moskau. Vereinzelte Schneeflocken fallen.) Regisseur Die Häutung des Marsyas ... (lacht) Fort mit den Zweifeln, in die Nacht zieht aus ... nein, nicht das Landebataillon ... der kleine Kick ...

vladimir sorokin_das weiße quadrat

(Nimmt den Ring vom Hals, schnuppert, verzieht das Gesicht. An den Ring gewandt) Freundchen, ich habe dir nie ein lautes Wort gesagt. Und du hast mich oft angeschrien. Weil du ein Star warst! (lacht spöttisch. Hängt sich den Ring an den Arm, bringt ihn zum Kreisen. Lässt ihn stärker kreisen.) Aber alles in allem .... Wie soll ich sagen ... Im Grunde ... na ... wie ging das noch: Aus meinem Mund wirst du nur vernehmen: Dankbarkeit. Immer. Ich meine ... ganz ehrlich. Nein, wirklich. Ohne Witz. Vielen Dank für alles. Wir haben gut zusammenge­ arbeitet. Unsere Sache ordentlich gemacht. Und du warst ein klasse Profi. Immer. Deshalb ... Weißer Pep oder Roter ... das ist kackegal. Kacke, kacke, kacke. Das Wichtigste – wir sind Profis. Klasse Profis. Klasse, klasse, klasse. Kacke, kacke, kacke. Klasse, klasse, klasse. Darauf kommt es an. Darauf, darauf, darauf. Dar­ auf, darauf, darauf. Aber genauso ... ganz genauso ... persönlich ... ja, du, persönlich, persönlich danke ich dir für ... (Der Ring wird vom Arm geschleudert und fällt aus dem Fenster.) Oh, fuck! (guckt nach unten, nimmt sein iPhone, ruft an) Du, ­Serjoscha, sag mal ganz schnell der Security unten, die sollen raus­ gehen und draußen, rechts vom Eingang, auf dem Rasen einen Ring suchen ... wie soll ich sagen ... na ja, er ist, also, aus Papp­ maché ... nein, aus Pergament, zusammengerolltes Pergament ist das, die müssen ihn finden! Unbedingt! Sie sollen halt suchen! Sag ihnen, der Ring gehört dem Direktor! Ist sein Eigentum! Für Aufnahmen! (geht mit dem iPhone in der Hand aus dem Studio)

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stück

Eine Krähe, die auf einem Telegrafenmast hockte, erblickte den Hautring, der vom sechsten Stock auf den schneebestäubten ­Rasen gefallen war. Sie flog auf, schwebte herab, landete in der Nähe. Beäugte den Ring, pickte ein paar Mal. Packte den Ring mit dem Schnabel und flog mühsam mit ihm los. Überflog den Stahlzaun, flatterte über den Parkplatz, streifte mit dem Ring fast die Autos. Zwei andere Krähen sahen sie, flogen auf und folgten ihr. Als die Krähe die Verfolger bemerkte, schlug sie schneller mit den Flügeln, gewann an Höhe. Die anderen Krähen holten sie ein, als sie über der Hochstraße war. Ein kurzes Gefecht in der Luft, und die Krähe ließ den Ring fallen. Er fiel auf das Trai­ lerdach eines großen LKWs, der über die Hochstraße bretterte. Der LKW fuhr auf die Jaroslawer Chaussee auf und folgte ihr 6 Stunden 18 Minuten. In dieser Zeit rutschte der Hautring auf den vorderen Teil des Daches, weil er bei jedem scharfen Bremsen des LKWs ein Stückchen vorwärts geschoben wurde.

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Der LKW bog von der Chaussee ab und fuhr die Straße entlang, bog dann links ab, rechts und noch mal links. In der letzten ­Kurve flog der Hautring vom Trailer und landete im Graben. 42 Minuten später fand ihn dort ein herrenloser Hund, schnapp­ te ihn sich und rannte weg. Als er über den Platz vorm Laden lief, erblickte ihn der lahme Andrjucha Smirnow, genannt Rotzohr. [...]

Auszug aus: Vladimir Sorokin: Das weiße Quadrat Mit Zeichnungen von Ivan Razumov Deutsch von Christiane Körner © ciconia ciconia Verlag Berlin 2018


PREMIEREN GROSSES HAUS

MUSIKTHEATER / MUSICAL / TANZ é   18. OKTOBER

SCHAUSPIEL / MÄRCHEN

MARILYN

VON JÖRG MANNES

é   28. SEPTEMBER

SPIELZEIT 2018 / 2019

2018  

RICHARD III.

2018

VON WILLIAM SHAKESPEARE

é   01. DEZEMBER

2018  

DIE FLEDERMAUS VON JOHANN STRAUSS

é   06. OKTOBER

2018  

HARPER REGAN

é   23. JANUAR

VON SIMON STEPHENS é   04. NOVEMBER

DER TOD UND DAS MÄDCHEN

2018

DAS DSCHUNGEL­ BUCH

NACH RUDYARD KIPLING é   24. NOVEMBER

PENSION SCHÖLLER

2019  

2018  

VON STEPHAN THOSS é   01. FEBRUAR

2019

DIE ADDAMS FAMILY

VON ANDREW LIPPA, MARSHALL BRICKMAN UND RICK ELICE

VON CARL LAUFS UND WILHELM JACOBY

é   14. FEBRUAR

2019  

RIGOLETTO é   19. JANUAR

VON GIUSEPPE VERDI

2019  

DER STEPPENWOLF

NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON HERMANN HESSE

é   28. MÄRZ

é   16. MÄRZ

VON FRANZ LEHÁR

2019

DIE DREIGROSCHEN­ OPER VON BERTOLT BRECHT UND KURT WEILL é   04. MAI

DAS LAND DES LÄCHELNS é   09. JUNI

é   11. OKTOBER

2018  

WIR SIND DIE NEUEN

NACH DEM GLEICHNAMIGEN FILM VON RALF WESTHOFF é   09. NOVEMBER

2018  

DIE TANZSTUNDE VON MARK ST. GERMAIN é   12. JANUAR

2019  

SPIEL’S NOCHMAL, SAM VON WOODY ALLEN é   09. MÄRZ

2019

DIE AFFÄRE RUE DE LOURCINE VON EUGÈNE LABICHE é   10. MAI

2019

UNSERE FRAUEN VON ERIC ASSOUS é   18. JULI

2019  

WIR SIND DANN MAL WEG

VON TILMANN VON BLOMBERG UND BÄRBEL ARENZ

2019

LA FINTA GIARDINIERA (DIE GÄRTNERIN AUS LIEBE)

2019  

HEXENJAGD

VON WOLFGANG AMADEUS MOZART BUGA OPEN AIR

VON ARTHUR MILLER é   22. JUNI

2019

PREMIEREN KOMÖDIENHAUS

2019

VIEL LÄRM UM NICHTS

VON WILLIAM SHAKESPEARE INTENDANT AXEL VORNAM

PREMIEREN BOXX | JUNGES THEATER é   29. SEPTEMBER

NETBOY

VON PETRA WÜLLENWEBER

2018  

é   05. JANUAR

2019   

DER GOLDNE TOPF

NACH E. T. A. HOFFMANN é   10. MÄRZ

2019

DER JUNGE MIT DEM LÄNGSTEN SCHATTEN

é   27. APRIL

2019  

TIGERMILCH

NACH STEFANIE DE VELASCO

é   23. JUNI

2019

DAS TRAUMFRESSERCHEN NACH MICHAEL ENDE

VON FINEGAN KRUCKEMEYER

WWW.THEATER­HEILBRONN.DE


PREMIEREN

GROSSES HAUS

12.10.2018 DIE DREI VON DER TANKSTELLE / Komödie von Paul Frank und Franz Schulz / Musik von Werner Richard Heymann / Fasssung von Kay Antony, Ulrich Mayer und Ursula Pietzsch / Inszenierung: Thomas Goritzki / Ausstattung: Heiko Mönnich / Musikalische Leitung: John R. Carlson 26.11.2018 DIE SCHNEEKÖNIGIN / Weihnachtsmärchen nach Hans Christian Andersen / Ab 4 Jahren / Inszenierung: Amina Gusner / Bühne: Norbert Bellen / Kostüme: Inken Gusner 11.01.2019 GRETE MINDE / Schauspiel nach Heinrich Theodor Fontane / Koproduktion mit dem Theater an der Parkaue Berlin / Uraufführung / Inszenierung: Kay Wuschek / Ausstattung: Joachim Hamster Damm 05.04.2019 PEER GYNT / Schauspiel von Henrik Ibsen mit der Musik von Edvard Grieg / Eine Produktion von Schauspiel, Musiktheater, Tanzcompagnie und Norddeutscher Philharmonie Rostock / Inszenierung: Konstanze Lauterbach 03.05.2019 SPRING AWAKENING / Musical nach Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ von Duncan Sheik und Steven Sater / Deutsch von Nina Schneider / Partizipatives Projekt / Inszenierung: Stephan Brauer

KUNSTHALLE ROSTOCK

27.10.2018 UTOPIE 1 / Uraufführung von „Leien des Alltags“ / Kooperation mit der Kunsthalle Rostock / Text & Inszenierung: Jan Koslowski & Nele Stuhler

ATELIERTHEATER

16.09.2018 STEH AUF, WENN DU FÜR HANSA BIST / Klassenzimmerstück von Jörg Menke-Peitzmeyer / Rostocker Fassung von Juri Sternburg / Ab 12 Jahren / Inszenierung & Ausstattung: Anna Langhoff 24.11.2018 BEI DER FEUERWEHR WIRD DER KAFFEE KALT / Kinderstück nach Hannes Hüttner / Ab 4 Jahren / Inszenierung: Nina Baak 26.01.2019 UTOPIE 2 / Uraufführung von Kollektiv Eins / Idee, Konzeption & Leitung: Paula Thielecke und Sören Hornung / Text: Sören Hornung / Inszenierung: Paula Thielecke 16.03.2019 UTOPIE DER WÄRME / Projekt der Offenen Bühne / Leitung: Christof Lange 30.03.2019 UTOPIE 3 / Uraufführung von Juri Sternburg / Inszenierung: Lena Brasch 05.05.2019 DAS LAND DAZWISCHEN TEIL 1: LINIEN / Ein Rechercheprojekt von Nina Gühlstorff und Ensemble / Rostocker Premiere im Rahmen einer Partnerschaft zwischen AKA:NYX, Mecklenburgischem Staatstheater und Volkstheater Rostock, gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes

HALLE 207

16.06.2019 DIE ABENTEUER DES HUCKLEBERRY FINN / Familienstück nach Mark Twain / Uraufführung / Ab 8 Jahren 29.06.2019 BLUES BROTHERS / Rhythm-And-Blues-Musical nach Motiven des Films von John Landis Volkstheater Rostock / www.volkstheater-rostock.de


DAS SPEKTAKEL 2018: STĂœRME! Nur 10 Mal ab 29.9. Theaterpassage 1 01968 Senftenberg 03573. 801 286 theater-senftenberg.de


... und wer nicht fliegen kann, muss denken

Schiller KABALE UND LIEBE Fabian | 13.10.2018 + Allen, Herman BRASSED OFF – MIT PAUKEN UND TROMPETEN Steinberg 10.11.2018 + Hauff DAS KALTE HERZ Fabian | 17.11.2018 + Gedeon EWIG JUNG Suckel | 11.1.2019 + Orwell 1984 Nathusius | 19.1.2019 + Fabian NIRVANA Fabian | 9.3.2019 + Dürrenmatt DER BESUCH DER ALTEN DAME Jakubaschk 23.3.2019 + Ibsen EIN VOLKSFEIND Fabian | 25.5.2019

9 1 / 8 1 T I E Z L E SPI

www.staatstheater-cottbus.de


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09.07.2018

12:55 Uhr

Seite 1

DerKaufmann von

Venedig

NACH

Lenz

GEORG BÜCHNER

VON

MÖRGENS// DO 20.09.2018

WILLIAM SHAKESPEARE BÜHNE // SO 23.09.2018

Zur Hölle

mit den anderen

SPIELZEIT 2018/19 DIE ERÖFFNUNGSPREMIEREN

VON

NICOLE ARMBRUSTER

KAMMER // FR 14.09.2018 // URAUFFÜHRUNG

THEATER AACHEN WWW.THEATERAACHEN.DE

PREMIEREN 18/19

mutter courage und ihre kinder

Bertolt Brecht Mutter Courage und ihre Kinder 7. September 2018

Jonathan Safran Foe Extrem laut und unglaublich nah 11. Januar 2019

Katharina Grossmann-Hensel Nachts. Warum Erwachsene so lange aufbleiben müssen 21. September 2018

Sanne Vogel Augen voller Wahnsinn 18. Januar 2019

Oscar Wilde Bunbury - oder die Kunst ernst zu sein 31. Oktober 2018 Bettina Wegenast Let’s play: Ein Spiel für Benny (UA) 9. November 2018

Benjamin Lauterbach Der Chinese 8. März 2019 Ellis Kaut Pumuckl zieht das große Los 11. Mai 2019 Lisa Danulat Die Kinder von Nothingtown (UA) 19. Juni 2019 burghofbühne-dinslaken.de


Utopien.Pioniere.Zukunft Spielzeit 2018 | 2019 Lunaris. Ein Weltraummärchen | 4+ Regie: Mario Hohmann von UNITED PUPPETS (U)

Effi | 15+ Regie: Kay Wuschek (U)

Schimmelreiter | 15+ Regie: David Czesienski (Prinzip Gonzo)

Kabale und Liebe | 15+ Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock Regie: Kay Wuschek

Der Nussknacker | 5+ Regie: Volker Metzler

Crash Boom Click – Der Mond kann trommeln | 5+ Regie: Bernd Sikora

Rohe Herzen | 15+ Regie: Volker Metzler (DE)

Die Zertrennlichen | 9+ Regie: Leyla-Claire Rabih

Unterscheidet euch! Ein Gesellschaftsspiel | 10+ Regie: Turbo Pascal (U)

Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde| 8+ Regie: Marie Bues

Geschichten aus dem Bauwagen | 11+ Regie: Volker Metzler (U)

Die Unbehausten – Der Battle um die Stadt | 11+ Künstlerische Leitung: Raphael Hillebrand (U)


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Der Schmerz des Boxers Franz Rogowski ist der neue James Dean des deutschen Films – und bleibt zum Glück auch dem Theater erhalten von Christoph Leibold


franz rogowski

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V

   ielleicht, denke ich, ist das ja die letzte Gelegenheit, Franz Rogowski als Theater­ schauspieler zu porträtieren. In der vergangenen Spielzeit an den Münchner Kammer­ spielen war gerade Mal eine neue Inszenierung mit ihm zu sehen: „No Sex“ von Toshiki Okada. Ansonsten hat sich der 32-Jährige auf der Bühne zu­ letzt rargemacht. Auf der Lein­ wand dagegen begegnet er ei­ nem derzeit ständig. Drei Filme mit ihm sind allein in diesem Jahr angelaufen, da­run­ ter Christian Petzolds „Tran­ sit“, die eigenwillige Adaption des gleichnamigen Romans von Anna Seghers, in der Ro­ gowski als politischer Flücht­ ling Georg nicht nur den Regis­ seur mit seiner „unfassbar schönen Traurigkeit“ (Petzold über Rogowski) berührte. 2017 waren es sogar vier Kinofilme. Es läuft für ihn auf der Lein­ wand. Wieso also überhaupt noch Theater? Wir treffen uns im Probe­ gebäude der Münchner Kammerspiele, ganz oben, im Glasspitz, einem Raum mit ringsum Fenstern. Die Sonne scheint. Rogowski möchte raus auf die Dachterrasse, eine rauchen. Und so sitzen wir auf den warmen Bodenplatten, an die Glasscheiben gelehnt. Der Wind zerzaust Rogowskis Haare. Die Selbstgedrehte in der Hand, Sonnenbrille vor den Augen – Rogowskis Ausstrahlung ist von geradezu James-Dean-hafter ­ Coolness. Was natürlich schon wieder recht filmisch gedacht ist. Wie sollte es aber auch anders sein? Wo man als Theaterzuschauer diesem so eigen- wie einzigartigen Schauspieler doch normaler­ weise nie so nahe kommt wie sonst nur die Kamera? „Die Kamera liebt Franz!“, sagt Nicolas Stemann, der mit Rogowski zuletzt in Elfriede Jelineks „Wut“ zusammengearbeitet hat und sich dabei dieses Liebesverhältnis ausgiebig zunutze machte. Immer wieder taucht da Rogowskis melancholisches ­Gesicht in großformatigen Livevideoprojektionen auf. In Jelineks

Ich steh’ total auf Close-ups, sagt Franz Rogowski – hier im Doppel mit Peter Kurth in Thomas Stubers Film „In den Gängen“. Foto Zorro Filmverleih

anschwellendem Schockgesang, der die Aggressionen der Wut­ bürger von Pegida mit den Hasstiraden islamistischer Terroristen zu einem Wüten der ganzen Welt verbindet, scheint Rogowski vor allem für die Momente zuständig, da Wut in ohnmächtigen Zorn und stumme Verzweiflung kippt. Dabei spiele er – scheinbar – gar nicht, sagt Nicolas Stemann. Aber natürlich spielt Rogowski trotz­ dem. Nur eben nie „überexpressiv“, wie Stemann erklärt: „Franz muss nichts kommentieren, er ist bereits Kommentar. Und damit kann er sich, wie ein Fisch im Wasser, dem Moment hingeben. Das ist im höchsten Maße expressiv – aber beiläufig.“ Nun also sitzt dieser Mann, der mit dieser Gabe zu dem ­Gesicht des deutschen Films geworden ist, dicht neben mir, sagt beiläufig: „Ich steh’ total auf Close-ups“, und blickt mich aus sei­ nen gelblich grünen Augen an, die auch schon mal als Katzen­ augen beschrieben wurden. Zu Recht! Selbst durch die Sonnen­ brille scheinen sie noch zu leuchten wie das Katzenaugenpaar, das man von den Plakaten des Andrew-Lloyd-Webber-Kitsch-Musical „Cats“ kennt. Rogowskis Bekenntnis zu Close-ups wirkt wie eine Bestä­ tigung der Aussage von Nicolas Stemann. Die Liebe der Kamera: Rogowski erwidert sie! Vor allem aber liegt in dieser Bemerkung auch Ironie. Der Schauspieler geht damit ein klein wenig auf ­Abstand zu seinem Gegenüber, das in beinahe intimer Nähe n ­ eben ihm in der Sonne sitzt. Zugleich schwingt Selbstironie mit. Denn was hat einer, der auf Close-ups abfährt, auf der Bühne v­ erloren? Also noch mal die Frage: Warum überhaupt noch Theater? Ehe ich sie stellen kann, schlägt Rogowski vor, reinzugehen. Er hat ausgeraucht. Zu windig sei es draußen auf Dauer außerdem. Drinnen dann eine andere Frage: „Gibt es etwas im Theater, das sich mit Close-ups im Film vergleichen lässt?“ „Rumschreien. Geht aber nicht immer. Vor allem werde ich dabei schnell heiser. Dann ist die Stimme weg, und ich muss da irgendwie durch. Das ist auch ein Motiv für mich: dass man es aushalten muss, durch diese Mischung aus Stimmgewalt und Sprachlosigkeit eben durchmuss.“

Ein leichter Zug am Hinterkopf belebt den Geist Zu den Erfahrungen der angenehmen Art zählte zuletzt die ­Arbeit mit Toshiki Okada. Dessen Stück „No Sex“ handelt von der wachsenden Zahl junger Japaner, die noch nie Geschlechts­ verkehr hatten. Knapp fünfzig Prozent sind es angeblich bei den 18- bis 24-Jährigen. Okada setzt vier solcher keuschen Youngsters in einer Karaoke-Bar aus, wo sie zu Play-back-Begleitung Pop­ songs singen und sich in geschraubten Worten über den Beischlaf unterhalten, den sie „Intertreatment“ nennen – als könnte man sich diese Unappetitlichkeit durch Verwissenschaftlichung des Vokabulars vom Leibe halten. Dabei stecken sie in Kostümen, die aussehen, als hätte man Büroanzüge zu zeremoniellen Gewän­ dern umgeschneidert. Franz Rogowski etwa trägt einen Rock, der mal ein Sakko gewesen sein könnte. Seine Haare sind zu einem straffen Samurai-Zopf gebunden. „Ein leichter Zug am Hinter­ kopf belebt den Geist“, sagt Rogowski. Tatsächlich verlangt Okada seiner seltsamen Boygroup einiges an Wachheit ab. Die vier sind in ständiger Bewegung, während sie sprechen. Als würden ihre Hormone Pogo tanzen, rudern sie mit den Armen, vollführen un­

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protagonisten

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Wie eine Nebelmaschine oder ein besonderes Licht – Franz Rogowski in Toshiki Okadas „No Sex“ an den Münchner Kammerspielen. Unten: Rogowski (links) in „Caspar Western Friedrich“ von Philippe Quesne. Fotos Julian Baumann / Martin Argyroglo

motivierte Ausfallschritte oder ergehen sich in Tai-Chi-Gymnastik der hibbeligen Sorte. Rogowski hält dabei den Kopf meist schief. Mit leicht vorgerecktem Kinn lauscht er den Ausführungen seiner Kameraden wie ein beflissen interessierter Kulturtourist bei einer Stadtführung, um zwischendurch mit ein paar deplatzierten ­Klatschern Zustimmung zu signalisieren. Vielleicht Über­sprung­ handlungen. Oder die Suche nach einem Zugang zum eigenen Körper. Jedenfalls verhalten sich die bizarren Bewegungschoreo­ grafien, die Rogowski und seine Mitspieler in „No Sex“ aufführen, nie illustrativ zum Gesagten. Man ahnt den Bezug, ohne ihn zwei­ felsfrei entschlüsseln zu können. Das hat etwas faszinierend Rät­ selhaftes und ist außerdem: saukomisch. „Toshiki Okada öffnet Räume, in denen man selber etwas finden muss“, schwärmt Franz Rogowski. Das gilt für Zuschauer wie Darsteller gleichermaßen, ermöglicht aber gerade Letzteren dieses „Weiterkommen“, das für

Rogowski ein Grund ist, Thea­ ter zu spielen – allen unange­ nehmen Erfahrungen zum Trotz, die es auch bereithält. Eigentlich kommt er ja vom Tanz. Wobei Rogowski keine klassische Tanzausbil­ dung genossen hat, sondern – so hat er das einmal in einem Zeitungsinterview beschrieben – eher als „Stimmungsmacher“ im Sprechtheater unterwegs war, ähnlich einer „Nebelmaschine“ oder einem „besonderen Licht“. So wie in Nicolas Stemanns Marathon-Doppel-„Faust“ bei den Salzburger Festspielen 2011. Faust spreche und denke unent­ wegt, „aber wo bleibt bei all dem Räsonieren der Körper?“, fragte sich Stemann. Mit Franz Rogowski brachte Stemann diese fehlen­ de Körperlichkeit ins Spiel. Dessen intuitive Bewegungsintelli­ genz begeisterte ihn sofort. „Franz ist ein begnadeter Dilettant und passt damit perfekt zu der Art von Theater, die mich interes­ siert und in der es eben nicht um Perfektion geht.“ Künstler, „die primär von der Technik kommen, interessieren mich nicht“. Dafür umso mehr solche, „die aus dem Nicht-Können Kunst ­ ­machen“. Als Franz Rogowski mit diesem Nicht-Können Mitglied im Ensemble der Münchner Kammerspiele wurde (als Matthias ­Lilienthal dort 2015 Intendant wurde), war das nicht nur eine


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­ erausforderung für ihn, sondern auch für manchen Zuschauer. H Was er nämlich nicht kann (zumindest nicht in der Weise, wie das ausgebildete Bühnenschauspieler beherrschen), ist: sprechen. ­Rogowski hat – das ist hinlänglich bekannt und so oft beschrieben worden, dass er keine Lust mehr hat, in Interviews darüber zu ­reden – eine Lippenspalte. Wenn man im Zuschauerraum nicht ganz vorne sitzt, sieht man sie nicht. Dafür ist sie unüberhörbar. Nach seiner ersten Premiere an den Kammerspielen glaubte ein Kritiker, bei Rogowskis nöligem Lispeln handle es sich um eine Sprechweise, die er sich eigens für die Rolle zurechtgelegt hat. In Simon Stones Bühnenadaption des Visconti-Spielfilm­ klassikers „Rocco und seine Brüder“ über die Familie Parondi aus Italiens armem Süden, die sich im reichen Mailand wortwörtlich durchzuboxen versucht, spielte Rogowski den ältesten Sohn ­Vincenzo. Allein schon wegen seiner Nase, die aussieht, als hätte sie bereits den einen oder anderen Hieb abbekommen, und über­ haupt wegen seines Gesichts, aus dem der Schmerz eines Boxers spricht, war Rogowski eine Idealbesetzung. Teile des Publikums reagierten dennoch irritiert auf Rogowskis vernuschelten Sing­ sang. Als dann im zweiten Jahr von Matthias Lilienthals Münch­ ner Intendanz die unselige Debatte darüber entbrannte, dass es an den Kammerspielen angeblich keine „echten Schauspieler“ mehr gebe, die noch „richtig sprechen“ könnten, fiel regelmäßig ­Rogowskis Name. Als Negativbeispiel.

Am Lagerfeuer. Ein Abend ohne Ziel? Eben! Der Erfolg im Kino hat es ihm sicher leichter gemacht, solche Schmähungen wegzustecken. Und trotzdem: Weshalb überhaupt noch Theater? Wo ihn doch die Kamera uneingeschränkt zu lie­ ben scheint, anders als das Theaterpublikum? Als Antwort berichtet Franz Rogowski von der Zusammen­ arbeit mit Philippe Quesne in dessen Stück „Caspar Western Friedrich“. Ganz ehrlich: ein Abend, den ich schnell verdrängt habe. Das wenige, woran ich mich noch erinnere: ein Lagerfeuer an der Bühnenrampe. Das Ensemble singt Cowboy-Songs. Franz Rogowski bekommt einen Kapuzenpulli geschenkt und schlittert später bäuchlings (und selbstredend sehr bewegungsintelligent!) über den nassen Boden einer Bühne, die eine Art Lagerhalle dar­ stellt, deren Wände mit Wasser bestrichen werden, als handelte es sich um Malerfarbe. Ein Abend ohne Sinn und Ziel, wie mir schien. „Eben!“, ruft Rogowski aus. „Meistens dienen die Mittel eines Theaterstücks einer Geschichte, sind der Handlung unter­ geordnet. ‚Caspar Western Friedrich‘ handelt von den Mitteln. Es entsteht ein Raum, in dem Licht, Menschen und Stimmen koexis­ tieren. Es dient nicht der eine dem anderen, sondern es entsteht eine Landschaft koexistierender Dinge.“ Und in dieser Art, ergänze ich, wohl eher auf der Bühne möglich als im Film. „Ja. Im Kino erzähle ich Geschichten. Im Theater interessieren mich Arbeiten, bei denen es ohne geht“, sagt Rogowski. Darum also immer noch Theater! Und auch weiterhin. Denn – das ist die gute Nachricht – Franz Rogowski wird den Kammerspielen erhalten bleiben. Was als Nächstes ansteht? Das sei noch nicht spruchreif! Nur so viel: Toshiki Okada und Philippe Quesne werden wiederkommen. „Da wäre ich gern dabei. Und kann jetzt schon empfehlen, sich das anzugucken.“ //

franz rogowski

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Aus der Deckung kommen Die Schauspielerin und Regisseurin Annett Kruschke bringt die Volksbühne ans Theater Vorpommern

von Gunnar Decker

  in Zweieinhalbminuten-Trailer auf ihrer Homepage zieht mich nach Greifswald. Annett Kruschke, Volksbühnengründungs­ ensemble-Urgestein, spielt am Theater Vorpommern Büchners „Dantons Tod“. Eine Stunde solo, alle Rollen nur sie mit ganzer Wucht. Anfangs die simple Welt der Daniela Katzenberger, blon­ diert und zopfschwingend an der Gitarre, mit infantil-dreistem Schmollton verkündend, jeder wolle doch ein Star werden, oder?! Dann die Büchner-Metamorphosen, der wütende Ausbruch, man müsste einander die Schädeldecken aufbrechen, um an die ver­ borgenen Gedanken zu gelangen. Alles selbstgemacht aus wütendem Schrei, kapriziöser Paro­ die und eisigen Stille-Momenten, etwa, wenn sie als Saint-Just die Macht anbetet. Regie, Musik, Requisite – sie ganz allein. Auch bei den Proben war niemand dabei – und als sie bei Saint-Just an­ gelangt war, überfiel sie plötzlich eine ganz furchtbare Angst, als hätte gerade jemand heimlich den Raum betreten und verbreite nun die Aura des Todes. Die halblegale private Videoaufzeichnung habe sie – sorry – vermutlich versehentlich weggeworfen, das ­Theater besitzt so was ohnehin nicht, und wann sie „Dantons Tod“ wieder spielt, weiß sie nicht. Zweieinhalb Minuten! Gut, ich fahre. In Greifswald endet die Spielzeit an diesem späten Juni-­ Wochenende mit einem Spektakel. Es trägt den aseptischen Titel „Ordnung und Widerstand“, was eher nach Oberseminar Politik­ wissenschaft klingt – und so ist auch der Zuschauerzuspruch: über­ aus verhalten. Annett Kruschke kennt da ganz andere Spektakel, aber das wird sie den neuen Kollegen in Vorpommern schon noch beibiegen, Angst vor Streit hat sie jedenfalls nicht, im G ­ egenteil. Jedenfalls scheint es heikel, dem Publikum die Wahl zu überlassen. Obwohl das Ergebnis durchaus vorhersehbar war. In Konkurrenz zu „Zwei Männer ganz nackt“ von Sébastian Thiéry hat ihr „Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz bei diesem Spek­ takel keine Chance. Natürlich gehen die meisten zu den nackten Männern. Manche, an der Kasse danach gefragt, flüstern es eher, andere sprechen es laut und widerständig. Meine Wahl ist meine Wahl, Punkt. Aber im zweiten Teil des Abends sehen dann alle wie­ der gemeinsam „Die Gerechten“ von Albert Camus (Regie Reinhard Göber), eine moderne Parabel auf die bizarr-selbstreferenzielle Logik des Terrors, die im Absurden endet. Quintessenz: Kein Ziel ist da­ durch zu erreichen, dass man darauf losstürmt. Ziele liegen nicht vor, sondern in uns. Der Satz könnte von Annett Kruschke sein. Zu feiern haben die Theater in Mecklenburg-Vorpommern gerade allen Grund. Was jetzt erreicht wurde, scheint mehr als bloß ein Etappensieg, Intendant Dirk Löschner nennt es einen ­Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik des Landes. Die gegen den Widerstand der beteiligten Theater geplante Fusion zum monströsen Staatstheater Nordost jedenfalls ist endgültig vom Tisch, buchstäblich in letzter Minute von der Landesregierung kassiert. Der neuen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und ihrer Kultusministerin Birgit Hesse sei Dank. Manchmal geht die Vernunft eben seltsame Umwege. Der Theaterverbund Greifs­

Ziele liegen nicht vor, sondern in uns – Dieser Satz könnte von Annett Kruschke sein. Foto Christine Fenzl


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wald-Stralsund-Putbus bleibt nun ebenso eigenständig wie der in Neubrandenburg-Neustrelitz. Ein Intendant für Letzteren wird gerade gesucht. Nach über zwanzig Jahren Abbau und eingefro­ renen Zuschüssen wird es nun endlich ein Aufbruchssignal ­geben: Alle Theater bekommen deutlich mehr Geld. Bei den nicht geringen Steuermehreinnahmen des Landes war das auch über­ fällig. 55 Prozent des Haushalts kommen künftig vom Land, ohne dass daran Vorgaben gebunden sind, den Rest zahlen die Kom­ munen. Trotz aller Einschränkungen am Theater Vorpommern (dem alten folgt ein neuer, wenn auch besser ausgestatteter ­Haustarifvertrag, mindestens weitere fünfzehn Stellen müssen ab­gebaut werden), soll es auch in künstlerischer Hinsicht der lang erwartete Anstoß sein: Löschner will für die nächsten drei Jahre einen Europa-Schwerpunkt setzen. Vision oder ausgebaute Fes­ tung? Die Zukunft wird zweifellos zum geistigen Kampffeld, da will man sich als Theater einmischen. Reinhard Göber, seit zwei Jahren Oberspielleiter, hat bereits mit seinem anspruchsvollen „Monodramen“-Format Akzente ge­ setzt. Er verstärkte das Ensemble, holte auch Annett Kruschke ans Haus, als Schauspielerin und Regisseurin. Soll mit ihr Castorfs Vision eines intelligent-widerborstigen Volkstheaters in Vorpom­ mern wiedergeboren werden? Das wäre endlich einmal ein muti­ ger Schritt. Anklam ist gar nicht so weit weg. Annett Kruschke ist gerade zum ersten Mal dagewesen und hat „dem Frank“ auch gleich ein Foto geschickt. An die eigenen Wurzeln muss man sich – und andere – immer mal wieder erinnern.

Mick Jagger versus Fick-Matratze? No, nicht mit mir „Vereinte Nationen“ hat Annett Kruschke auf der Hinterbühne des Großen Hauses inszeniert. Der eiserne Vorhang ist das Haupt­ requisit für dieses Hochbeschleunigungskammerspiel über Schuld und Sühne in unserer digitalen Kunstgewerbewelt. Irritie­ renderweise schaut man hier von der anderen Seite auf den eiser­

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Auch im lautesten Schrei verbirgt sich ein hilfloses Schweigen – „Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz (hier mit Melina Sanchez und Alexander Frank Zieglarski) in der Regie von Annett Kruschke. Foto Vincent Leifer

nen Vorhang, der sich nur einmal kurz hebt, sodass man in den leeren Zuschauerraum blicken kann – auf jene Plätze, von denen aus man dann zwei Stunden später bei „Die Gerechten“ wieder von gewohnter Seite auf ihn schaut. Dort hebt er sich nicht – ab und zu knallt einer die kleine eiserne Tür darin zu. Vom Autor der „Vereinten Nationen“, Clemens J. Setz, 35 Jahre alt, heißt es, er sei quasi im Netz großgeworden: ein Produkt der ­multimedialen Orientierungslosigkeit. Wenn er eine menschliche Stimme hören wollte, dann rief er die Zeitansage an, die ruhige Frauenstimme war ihm eine Art Mutterersatz. Nach jahrelanger Odyssee durch die Flimmerwelt wurde er schwer krank, halbsei­ tige Lähmung, so heißt es jedenfalls, und der Arzt verbot ihm jeg­ liche Art von bewegten Bildern. Was tun? Er stieß auf bislang un­ gekannte Zeichen. Buchstaben! Maßlos begann er nun zu lesen, aber das reichte ihm bald nicht mehr, er wollte auch selbst schrei­ ben, was er nun so exzessiv wie alles bisher in seinem Leben ­betreibt. Diese Beschädigungs-Vorgeschichte sollte man kennen, wenn man „Vereinte Nationen“ sieht. Zuvor aber tritt Annett Kruschke vor den harten Zuschauer­ kern, der sich „Zwei Männer ganz nackt“ entzog, und muss eine Ansage machen. Der Beschädigungen sei kein Ende, der Schau­ spieler des Anton, Alexander Frank Zieglarski, habe sich am Tag zuvor eine Sehne gerissen, sitze im Rollstuhl. Aber ausfallen, fand sie, sei keine Option, darum werde er – das habe man heute ­erfolgreich geprobt – durch ein stummes Double ergänzt: Ein Tänzer übernimmt die Bewegungsparts. Sie sieht kein bisschen nervös aus, scheint selbst begierig darauf, zu sehen, was aus ihrer spontanen Rettungsidee nun im Zusammenspiel werden wird.


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protagonisten

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Eins ist sofort klar: Neu ist das überwältigend hohe Energielevel, der großzügige Umgang mit Einfällen aller Art, auch brachial-blöd­ sinnigen, die sich im Fortgang des Geschehens jedoch auf organi­ sche Weise zu einer immer fragil bleibenden Bühnen-Ordnung verbinden. Castorf-Schule eben, ist man versucht, ­reflexartig zu konstatieren. Jedoch, Annett Kruschke besteht auf ihrer Eigen­ ständigkeit, ihrer ganz eigenen Erfahrungswelt als Frau in diesem Beruf. Der Mann macht einen auf Mick Jagger und für die Frau bleibt die Fick-Matratze? No, nicht mit ihr, so die 54-Jährige mit einem ebenso charmanten wie entschlossen-widerständigen Lächeln. Worum geht es in „Vereinte Nationen“ überhaupt? Ge­ schrieben ist das Stück als eher hintergründige Missbrauchs­ geschichte, eine von jener Art, bei der das Opfer, ein Kind, nicht einmal versteht, in welche Sado-Maso-Falle es gerät. Die Unschuld des Lebensanfängers inmitten einer Umgebung, die von Macht-, Geld- und Geltungskalkülen beherrscht wird, ist das magische Zentrum, um das die anderen, von Interessen beherrscht, immer schneller kreisen. Ein Ehepaar filmt ihr Kind in alltäglichen Situa­ tionen in der eigenen Küche, ohne offene Gewalt, aber voll von jenen kalt-kalkulierten Zerstörungen des Urvertrauens, das man zu seinen Eltern hat. Die Szenen werden heimlich gefilmt und für Abonnenten auf ein Portal gestellt. Die Klientel wächst, die das Kind sehen will, wenn vor seinen Augen – ohne Grund, rein will­ kürlich aus Freude am Quälen – seine Lieblingsspielzeuge zer­ stört werden. Ein digitaler Sadismus samt dazugehöriger Diskurse über das Authentische, das Natürliche und das Dilettantische, ein Kunstprojekt gar – Sinnbild für unseren degeneriert-medialen ­Voyeurismus, den wir oft gar nicht bemerken? Was sie nicht wollte, sagt Annett Kruschke, sei ein leidendes Kind auf der Bühne, dem alle zuschauen. Also habe sie das Kind gleich als Erstes gestrichen. Stattdessen sitzt eine kleinwüchsige Gestalt über eine Stunde lang mit dem Rücken zum Publikum. Die Füße reichen nicht bis zum Boden: ein Kind und doch kein Kind in rotem Regenmantel mitsamt Kapuze. Man sieht schließlich nur einen großen roten Fleck hinter allem, was im Vordergrund gespielt wird. Woran erin­ nert mich das? An „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Nicolas Roeg. Der rote Kapuzenträger als Sinnbild mörderischer Angst, die den Restaurator John Baxter (Donald Sutherland) nach dem tödlichen Unfall seines Kindes bis nach Venedig verfolgt, wo er dem mysteriösen roten Fleck (ein verhutzeltes altes Weib mit Mes­ ser in der Hand) schließlich auf parapsychologisch-vorhersehbare Weise zum Opfer fällt.

Z

hdk

Zürcher Hochschule der Künste

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So will Annett Kruschke ihre Geschichten auf die Bühne bringen: ohne Scheu vor lautem Spektakel, aber dabei immer die Magie der verborgenen Zwischenräume und Übergänge im Blick. Denn auch im lautesten Schrei verbirgt sich noch ein hilfloses Schweigen.

Wo keine Freude ist, geht der Weg nicht lang Am nächsten Morgen treffen wir uns in einem Greifswalder Café. Annett Kruschke hat immer noch etwas jugendlich Störwütiges an sich, das verbirgt sie auch nicht. In den 1980er Jahren muss sie einmal der Inbegriff eines hübschen Mädchens gewesen sein – für den Film macht es das erst einmal leichter, fürs Theater wohl eher nicht. Blickt man ihr ins Gesicht mit den großen dunklen Augen, versteht man das Wort „Augenspiel“ ganz neu. Wie kam es, dass sie bereits 1980 in dem Defa-Film „Der Baulöwe“ (Regie Georgi Kissimow) zusammen mit Unter­ haltungsstar Rolf Herricht und Annekathrin Bürger spielte? Da begann sie gerade an der Filmhochschule in Babelsberg zu studie­ ren – mit sechzehn Jahren! – und der Regisseur fragte bei der Schule an, ob sie nicht ein passendes Mädchen hätten, für die Rolle der Tochter von „Baulöwe“ Herricht. Sie wurde empfohlen – und nachdem Annett Kruschke in der Köpenicker Wohnung ­ihrer Mutter dem Regisseur vorgesprochen hatte und für geeignet be­ funden worden war, begannen an der Ostsee die Dreharbeiten. Noch in der Pubertät und schon das strenge Arbeitsregiment beim Film, das war hart. Neben gestandenen Schauspielern zu stehen und zu spüren, dass man selbst noch nichts kann, ebenso. Am härtesten war für sie jedoch, dass ihr vom Studio eine Kinder­ frau zugeteilt wurde, die immer um sie war. Wie demütigend, sie, Schauspielstudentin an der Filmhochschule, mit Kinderfrau! Mit sechzehn an der Filmhochschule, war das nicht eine Überforderung? Ja, aber eine großartige, findet sie immer noch. Was für eine Welt öffnete sich da und sie konnte sich ganz frei in ihr bewegen. Ältere Studenten dagegen, die oft schon einen Beruf gelernt hatten, fühlten sich vom Studienbetrieb durchaus gegän­ gelt und reagierten übellaunig. Manchmal ist eben doch gut, die Jüngste zu sein. Weimar war ihr erstes Engagement, da war sie zwanzig. Hier setzten gerade die Regisseure Peter Schroth und Peter Klei­ nert starke Akzente – als Irina war sie in „Drei Schwestern“ zu sehen, die für Furore sorgten. Ansonsten aber gefiel ihr das post­ klassizistische Weimar wenig: zu klein und beharrlich auf­ geräumt, ein „überdachtes Dorf“. Da wollte sie schnell wieder

Studiengänge mit Bachelor- /Master-Abschluss Schauspiel, Regie, Theaterpädagogik, Bühnenbild, Dramaturgie www.zhdk.ch/theater


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weg. Als sie 1986 in Gera „Clavigo“ sah, war sie fasziniert, von der Art der Inszenierung und dem Regisseur: Frank Castorf. Das erin­ nerte sie an „Der gute Mensch von Sezuan“ von Benno Besson, mit Ursula Karusseit, den sie an der Volksbühne gesehen hatte. Da spürte sie zum ersten Mal in jeder Faser ihres Körpers: So muss Theater sein, für diese Kraftakte, die die Welt – für Augenblicke – aus den Angeln heben, lohnt es, zu leben. Aus Weimar floh sie nach Chemnitz, damals Karl-MarxStadt. Die hässliche und schmutzige Industriestadt, in der die Wunden des Krieges mit viel Beton gefüllt worden waren, passte zu ihr. Welch Zufall, dass Frank Castorf hier – mit ihr – 1987 den „Volksfeind“ inszenierte. Castorfs Durchbruch! Mit Castorf blieb sie – auch privat – eng verbunden, und als er 1993 die Volksbühne übernahm, gehörte sie zum Gründungsensemble – und wurde mit Castorfs Eröffnungsinszenierung „King Lear“ gleich zum Theatertreffen eingeladen. Castorf: Segen und Fluch in ihrem ­Leben. Denn mit wem soll man nach Castorf noch arbeiten? ­Offenbar war dann doch einiges zu schnell gegangen für die 24-Jährige. Sie wollte verstehen, was sie auf der Bühne macht, es sollte mit ihrer eigenen Erfahrungswelt zu tun haben. Und als sie ein Kind bekam, beschloss sie, aus dem Volksbühnenzirkus auszusteigen. Warum? Weil sie wusste, wenn sie arbeitet, dann auf ausschließlich-unbedingte Weise. Ihr Kind sollte kein Theaterkind werden, also probte sie etwas Ungewohntes: die ­ ­Mutterrolle, ganz privat. Sie deutet ihre Krisen nur an, sagt, dass sie fortan versuchte, jenes ungesunde Gefühl, um das es auch in ihrer Inszenierung von „Vereinte Nationen“ geht, zu überwinden: der extreme Pen­ delschlag zwischen Hybris und null. Wie mache ich in der forcier­ ten Kunst-Auftrittswelt noch echte Erfahrungen und mehr noch: wie vermittle ich sie anderen? Über Macht und Manipulation dachte sie nach, beschäftigte sich mit Anna Halprin, einer kalifor­ nischen Tänzerin, die sich eine Bühne im Wald baute und nach eigenen Maßgaben tanzte. Wie überwinde ich eigene Grenzen, wie erweitere ich mein Bewusstsein, wie heile ich mich selbst mit­ tels Kunst? Solchen Fragen ließ sie nun Raum. Sich aus eigenem Entschluss beschränken, lernte sie, ist kein Versagen, im Gegen­ teil! Homöopathie wurde ihr ein wichtiges Thema, das Wissen: „Wo keine Freude ist, geht der Weg nicht lang.“ Sie drehte nun viel fürs Fernsehen, eher solide Massenware. Und langsam wuchs von tief drinnen der Wunsch, wieder auf der Bühne zu stehen – und auch selbst zu inszenieren. In der vergan­ genen Spielzeit inszenierte sie am Theater Vorpommern bereits erfolgreich „Medea“ nach Christa Wolf, in der kommenden in Meiningen „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhle. „Dan­ tons Tod“ aber war der entscheidende Schlüssel. Harmonie nach innen und Angriffsenergie nach außen in Einklang zu bringen, hier ist es ihr geglückt. Da war sie wie Anna Halprin allein mit sich im Wald. Entscheidend: Es ganz allein herausfinden, ob man etwas wirklich will. Bei den Soloproben fürs Solostück hatte sie auch einen Fliegerangriff gespielt. Volle Deckung!, man erinnere sich an Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“. Das hat sie auf Video aufgenommen und immer, wenn es schwierig wurde, sich so ganz allein zu motivieren, spielte sie sich diese Szene vor. Da wusste sie es wieder genau: Es ist an der Zeit, aus der Deckung zu kommen. //

annett kruschke

2018/2019 GROSSES HAUS William Shakespeare

Der Sturm Nach Jules Verne

In 80 Tagen um die Welt Will Eno

Gute Nachbarn

(Deutschsprachige Erstaufführung) Max Frisch

Andorra Neil Simon

Sonny Boys GRABBE-HAUS David Gieselmann

Falscher Hase Heinrich von Kleist

Michael Kohlhaas Duncan Macmillan

Atmen

Jan Neumann

Fundament Marius von Mayenburg

Der Häßliche

www.landestheater-detmold.de

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An der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist ab dem 1. Januar 2019 eine nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz auf 3 Jahre befristete Stelle

Projektideen gesucht Beginnend mit der Spielzeit 2018/19 startet der Fonds Experimentelles Musiktheater (feXm) seine neue Förderinitiative NOperas!. Damit erhalten Teams von Theatermacher*innen die Möglichkeit, Musiktheaterprojekte in Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Stadttheatern zu realisieren. Gesucht werden Projekte, die sich mit dem Verhältnis von musikalischem Klang zu den Ebenen von Raum, Theateraktion und Sprache auseinandersetzen. Im Fokus steht das prozessuale Arbeiten mit mehreren Probephasen.

Wer macht mit? Beteiligt an NOperas! sind mit den Wuppertaler Bühnen, der Oper Halle und dem Theater Bremen erstmals drei Theater. Im Rahmen eines sich über drei Spielzeiten erstreckenden Verbundes wird mit Unterstützung des feXm pro Saison eine Produktion erarbeitet. Anschließend wird sie von den beiden Partnerhäusern adaptiert. Die erste Produktion wird in der Spielzeit 2019/20 aufgeführt.

Wo und wann geht es los? Produzierendes Haus im ersten Jahr von NOperas! sind die Wuppertaler Bühnen. Der Probenzeitraum reicht vom Ende der Spielzeit 2018/19 bis Mitte der Spielzeit 2019/20, die zweite Hälfte der Spielzeit dient Prozessen der Anpassung, Übertragung und Weiterentwicklung an der Oper Halle und am Theater Bremen.

Wer kann sich bewerben?

Künstlerische/-r Mitarbeiter/-in im Studiengang Bühnen- und Kostümbild (0,5 Stelle – E 13 TV-L)

zu besetzen. Zu den Aufgaben der Stelleninhaberin/des Stelleninhabers gehören insbesondere: - die Unterstützung der künstlerischen Lehre durch Übernahme von Lehraufgaben (Seminare, Projekte, Exkursionen, Kolloquien) - Studierendenbetreuung, -beratung - Prüfungsabnahmen - die eigene Qualifizierung, einschl. Fortbildung - die Durchführung künstlerischer Praxis- und Entwicklungsvorhaben - Mitwirkung an der Studien- und Lehrorganisation sowie der Betreuung von Lehraufträgen/Lehrbeauftragten - Recherche und Dokumentation zu fachbezogenen Aufgabenstellungen - Vermittlung und Anwendung von digitalen Gestaltungsprogrammen Darüber hinaus wird die Mitarbeit in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Lehrgebieten der Hochschule für Bildende Künste Dresden, anderen Hochschulen und Personen sowie Institutionen im In- und Ausland erwartet. Sie verfügen über: - ein abgeschlossenes Hochschulstudium im entsprechenden künstle rischen Fachgebiet - mindestens zwei Jahre Berufserfahrung, insbesondere im Theaterbereich - sehr gute Kenntnisse von digitalen Gestaltungsprogrammen - Erfahrung in methodischer Vermittlung - Qualifizierungsbereitschaft - sehr gute Kenntnisse in Englisch Wir bieten Ihnen die Möglichkeit zur eigenen Qualifizierung und schließen mit Ihnen eine entsprechende Vereinbarung ab. Mindestens ein Drittel Ihrer Arbeitszeit wird Ihnen zur eigenen künstlerischen Qualifizierung im Rahmen der Dienstaufgaben belassen. Je nach Qualifizierungsziel und der Erfüllung persönlicher Voraussetzungen ist eine Anschlussbefristung von bis zu 3 weiteren Jahren zulässig.

Bewerben können sich Teams, die neben ihrer Projektidee auch das Zusammenspiel der Theaterebenen (Komposition, Text, Regie, Bühne) gemeinsam verantworten. Eine Jury ausgewiesener Fachleute des Musiktheaters entscheidet gemeinsam mit den beteiligten Theatern über die Auswahl des zu realisierenden Projekts.

Weitere Aufgaben sowie Anforderungen dieser Stelle ergeben sich aus § 71 SächsHSFG sowie der Sächsischen Dienstaufgabenverordnung an den Hochschulen in der jeweils geltenden Fassung. Die Hochschule möchte den Frauenanteil in Lehre, künstlerischer Praxis und Forschung erhöhen. Frauen sind daher ausdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben.

Die Ausschreibungsfrist endet am 30. September 2018.

Ihre aussagefähigen und vollständigen Bewerbungsunterlagen senden Sie bitte unter Angabe der Kennzahl II/80b bis zum 1. Oktober 2018 (Posteingang bei der Hochschule) an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Referat Personalangelegenheiten, Güntzstraße 34, 01307 Dresden.

Ausführliche Informationen zu Ausschreibung und Bewerbung finden Sie auf www.nrw-kultur.de/feXm Der Fonds Experimentelles Musiktheater ist eine gemeinsame Initiative von NRW KULTURsekretariat und Kunststiftung NRW. G E F Ö R D E RT  D U R C H 

Schwerbehinderte Bewerber/-innen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt.

Die Rücksendung der Unterlagen erfolgt nur bei gleichzeitiger Übersendung eines ausreichend frankierten Rückumschlags. Andernfalls werden sie nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens nach den Vorgaben des Datenschutzes vernichtet.


NEUE SPIELZEIT NEUES ENSEMBLE NEUE HALTUNG HANSOTTOTHEATER.DE


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PREMIEREN 2018/19 Nino Haratischwili

DAS ACHTE LEBEN REGIE: SIBYLLE BROLL-PAPE

06. OKT 2018

(FÜR BRILKA)

Robert Woelfl

11. OKT 2018

ÜBERFLUSS WÜSTE |UA REGIE: DANIEL KUNZE

O. Preußler/John von Düffel

DIE KLEINE HEXE

17. NOV 2018

REGIE: MIA CONSTANTINE

nach Ernst Toller

RÄTEREPUBLIK BAIERN! | UA

23. NOV 2018

REGIE: SOPHIA BARTHELMES

R. Benatzky/Geschw. Pfister

IM WEISSEN RÖSSL

30. NOV 2018

REGIE: SIBYLLE BROLL-PAPE

Juli Zeh

LEERE HERZEN | UA

18. JAN 2019

REGIE: DANIELA KRANZ

Joël Pommerat

KREISE/VISIONEN

25. JAN 2019

REGIE: FRANK BEHNKE

Bov Bjerg

AUERHAUS

15. MÄR 2019

REGIE: HANNES WEILER

William Shakespeare

HAMLET

22. MÄR 2019

REGIE: SEBASTIAN SCHUG

Botho Strauß

DIE ZEIT UND DAS ZIMMER

17. MAI 2019

REGIE: SIBYLLE BROLL-PAPE

Enis Maci

MITWISSER

24. MAI 2019

REGIE: ELSA-SOPHIE JACH CALDERÓN-SPIELE:

K. Wilhelm nach Franz von Kobell

06. JUL 2019

BRANDNER KASPAR REGIE: SUSI WEBER

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ETA_TDZ_1_2_Anz_08_18.indd 1

11.07.18 13:17


CLOWNS UNTER TAGE


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Hot town,Sonne, summerTheaterpause? in the city. SoKeineswegs, heiß war einwie Festivalsommer noch nie. Undzeigen. damit Sommer, die zahlreichen Festivals ist nicht unbedingt nur das gemeint. vonWelt den 2017 Wiener Wir berichten, was über denWetter Sommer passiertEin istFestival-Best-of – von Theater der in Festwochen, Theaterformen in Braunschweig, Impulse Theater in Hamburg, denden Wiener Festwochen, Theaterformendem in Hannover, ImpulseFestival in NordNordrhein-Westfalen, derSchweizer Münchener Biennale fürim neues Musiktheater und den rhein-Westfalen und vom Theatertreffen Tessin. Bayreuther Festspielen.


festivals

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WIENER FESTWOCHEN

Sonnengruß in der Blutlache Markus Öhrns „Häusliche Gewalt“ ist die Entdeckung bei den Wiener Festwochen und erinnert in seiner Präzision an die kühlen Ehestudien Bergmans und Fassbinders von Margarete Affenzeller

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  ramaturgensprech, adieu! So muss das interne Motto der Wiener Festwochen heuer gelautet haben. Denn über den Trend der Immersion, den das diesjährige Programm deutlich wider­ spiegelte, wurde kein Aufsehen gemacht. Formate, bei denen das Publikum – im Gegensatz zum Frontaltheater – in das Kunstwerk eintauchen kann, dieses gewissermaßen von innen rezipiert, gab es viele. Dries Verhoevens „Phobiarama“ etwa war eine weitge­ hend bestechende Geisterbahnfahrt durch die suggestiven Fanta­ sien eigener Terrorangst. In der Multimedia-Installation „micro/ macro“ von Ryoji Ikeda wurden die Besucher Teil der Projektionen. Auch bei der Performance „The Walking Forest“ von Christiane Jatahy waren die Grenzen zwischen Betrachter und zu Betrachten­ dem fließend. Was die Verwobenheit des eigenen Ichs mit dem Kunstwerk betrifft, war aber Kurt Hentschlägers psychedelische Einnebelung „FEED.X“ der Höhepunkt. Dichter Nebel, Visuals und Stroboskopeffekte manipulierten die eigene Wahrnehmung und hebelten das Raumgefühl aus. Selten ist man so sehr mit sich allein gewesen wie hier. Selbst wenn es nirgends zu lesen war: Auch die fünfstündige Performance von Markus Öhrn, „Häusliche Gewalt“, ist eine Arbeit mit immersiver Dimension. Sie war die Theaterentdeckung der Wie­ ner Festwochen, ein letztes kuratorisches Verdienst von Intendant Tomas Zierhofer-Kin, der jetzt nach zwei Jahren frühzeitig den Hut genommen hat (siehe Kommentar Seite 65). Man sitzt wie ein un­ sichtbarer Zeuge im Appartement eines Ehepaares und beobachtet, wie es einen gemeinsamen Abend zu Hause verbringt. Auf unange­ nehme Weise ist einem dabei die Voyeurposition ständig bewusst. Öhrn ist bekannt für seine klaustrophobischen Settings und seinen Fokus auf zwischenmenschliche Abgründe. Der schwedi­ sche Künstler hat sich beispielsweise mehrfach mit den Miss­ brauchsfällen der Familie Fritzl befasst („Conte d’Amour“, „We love Africa and Africa loves us“, „Allegorie des Glücks“). Auch im aktuellen Stück „Häusliche Gewalt“ geht er von dokumentari­

Ein Mann kommt heim – Derart schlicht beginnt Markus Öhrns Inszenierung „Häusliche Gewalt“. Sie endet fünf Stunden später in einem blutigen Bett. Foto Nurith Wagner-Strauss

schem Material aus. „85,5 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt in Wien 2016 waren weiblich. 91,2 Prozent der Täter*innen häus­ licher Gewalt in Wien 2016 waren männlich.“ So steht es im ­Bericht der entsprechenden Wiener Interventionsstelle. Zettel mit den ausführlichen Daten hängen (als Ersatz für ein Programm­ heft) im Eingangsbereich des Appartements. Der Mann kommt heim, und es beginnt ein Abend von hef­ tiger körperlicher und psychischer Gewalt – das will nicht jeder nonstop durchhalten. „Häusliche Gewalt“ ist von Öhrn deshalb als durational performance intendiert, bei der das Publikum inner­ halb der fünf Stunden kommen und gehen kann, wann es möchte. Doch eigentlich verläuft die Inszenierung nach einem dramatur­ gischen Bogen mit aufeinander aufbauenden Vorfällen: Begrü­ ßung, Chillen, Sexversuch, Abendessen, Sex, Chillen. Mehrmals wird der Mann gewalttätig, in sich steigernder Intensität. Alles läuft in Realzeit ab, beginnend um 17 Uhr, als die Frau noch auf ihren Gatten wartet. Sie endet um 22 Uhr in einem blutigen Bett. Öhrns Arbeit fragt nach der Darstellbarkeit von Gewalt auf der Bühne. Ein entscheidender Punkt, zumal die Problematisie­ rung von Gewalt oft mit der Wiederholung derselben auf der Bühne einhergeht. Niemand aber muss sehen, wie ein Mann auf eine Frau einschlägt, um erkennen zu können, wie schlimm dies ist und welche Folgen es hat. Der studierte bildende Künstler Markus Öhrn hat deshalb die Gewaltakte „formalisiert“. Das ist der Clou: Er hat künstliche Ebenen eingezogen, die den Gewaltakt verfrem­ den, ihn aber herzeigbar machen: Die beiden Schauspieler Janet Rothe und Jakob Öhrman tragen übergroße Pappmascheeköpfe, die sie als Mann und Frau kenntlich, aber vom realen und konkre­ ten Schauspieler-Menschen absehen lassen. Zudem verlagert Öhrn den Gewaltausdruck auch auf die Audioebene. Sowohl die Köpfe als auch sämtliche Möbel sind mikrofonverstärkt, sodass Schläge oder Tritte nachdrücklich hörbar werden. Den provokan­ ten Sound der Normalität hält indes Arno Waschk am Klavier auf­ recht, das im Rücken der Besucher steht. „Häusliche Gewalt“ ist ein Stück ohne Text, dafür aber mit einem reichen Sound an menschlichen Regungen und Geräu­ schen. Das Keuchen oder Röcheln, Räuspern oder Ächzen erzählt die Geschichte. Die Gewalt hallt durch die elektroakustische Über­ tragung nach. Um diesen Nachhall ringt der Abend, dem es in seiner Langsamkeit der real verlaufenden Zeit nicht um voyeuris­ tisches Schauen geht (mit diesem aber durchaus spielt), sondern um das Sichtbarmachen scheinbar zwanghafter Abläufe: Der

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Mann schlägt zu, dann zeigt er Reue, die Frau tröstet ihn (!), seine Aggression flammt neu auf und so weiter. In der Langsamkeit werden bekannte Bewegungen anders lesbar und bedeutungsvoll. Man erkennt, die Gewalt beginnt nicht erst beim ersten Schlag ins Gesicht, sondern bereits dann, wenn der Mann bei der Begrüßung seine Sporttasche lässig vor seiner Frau abstellt und herablassend einen Kuss spendet. Er legt sich mit der Straßenkleidung ins Bett und liest ein Magazin namens Muscle; sie bereitet den Aperol zu. Selbst in den „Blicken“ dieser Pappgesichter werden die Un­ terdrückung beziehungsweise das Ohnmachtsgefühl spürbar. In ihrer Präzision erinnert die Arbeit an die kühlen Ehestudien Ing­ mar Bergmans oder Rainer Werner Fassbinders. Wie formalisiert der Abend ist, zeigt das mehrmalige, fast rituelle Neuüberschmin­ ken des kaputtgeschlagenen Gesichts der Frau, das am Ende nur mehr mit viel Klebeband zusammenhält. Öhrn stellt hier auch kein Fallbeispiel nach, sondern hat mehrere gerichtlich dokumentierte Fälle zu einem Abend verdich­ tet. Dadurch rückt zunehmend das strukturelle Problem häus­ licher Gewalt in den Mittelpunkt. Am Ende – eine glorreiche Idee – löst sich die Gewalt in völliger Zeichenhaftigkeit auf. Die Frau trinkt zum letzten Gefecht aus der Theaterblutflasche und speit die Schlafzimmerwand voll. Zuvor hat sie sich nach einer heftigen ­ Attacke aus der Blutlache erhoben und war in den ­Sonnengruß gewechselt. Öhrns Kunstfertigkeit bringt es zuwege, Gewaltakte ohne Verdopplung derselben und ohne voyeuristi­ schen Rausch darzustellen. //

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Kaum begonnen – und schon wieder weg: Der Intendant der Wiener Festwochen Tomas Zierhofer-Kin darf nach zwei Jahren bereits wieder seine Koffer packen. Foto Markus Morianz

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KOMMENTAR

Kurzstreckenlauf Die Wiener Festwochen haben schon wieder den Intendanten gewechselt. Ist Christophe Slagmuylder der nächste Lückenbüßer? von Margarete Affenzeller

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  och schneller geht’s wirklich nicht. Zwei Tage nach Ende der diesjährigen Wiener Festwochen war deren Intendant Tomas Zierhofer-Kin seinen Job schon los. Offiziell wurde eine einver­ nehmliche Trennung verlautbart, aber auf den Social-Media-Kanä­ len schlug Zierhofer-Kin andere Töne an. Nur weitere fünf Tage später stand auch der Nachfolger schon auf der Matte: Christophe Slagmuylder. Wer da nicht jeden Tag seine Newsletter kontrolliert hatte, konnte durchaus verwirrt sein. War Zierhofer-Kin nicht erst im Vorjahr angetreten? Und war er nicht eigentlich auf fünf Jahre bestellt? Allerdings! Nur hatte seine Einstandsausgabe Publikum, Kritiker und Politiker nachhaltig in Angst und Schrecken versetzt. Das Jahr 2017 ging als eines der eruptivsten in die Festivalge­ schichte ein. Der radikale Schwenk hin zu einem Kunstfestival, in dem das Theater inmitten von Installationen, Performances und Diskursformaten zu einer Fußnote verkam, hat viele vergrault. Und leider zu wenig neues Publikum erschlossen. Hinzu kamen ein hermetisch formuliertes Programmheft sowie organisato­ rische Fauxpas. Der Intendant musste Fehler eingestehen und versprach Verbesserungen fürs zweite Jahr. Und so war heuer der Wiedererkennungswert der Fest­ wochen hoch. Christoph Marthaler war da, It-Regisseure wie ­Susanne Kennedy und Ersan Mondtag gaben ihre Österreich-­ Debüts. Doch scheinbar sitzt der Schock aus dem Vorjahr allen Verantwortlichen so tief in den Knochen, dass das Vertrauen für die Zukunft fehlt. Dabei geht es nicht nur um das Vertrauen in die Person Zierhofer-Kins, der als Musikexperte ohnehin eine mutige Wahl war, sondern auch um mangelndes Vertrauen in den einge­ schlagenen neuen Weg. Dieser wurde etwas hilflos als „Under­ ground“ abgetan und meint nichts anderes als die Elimination großformatiger Bühnenwerke zugunsten kleinerer Formate, oft im Kontext der Clubkultur. Das hat viele Festwochenbesucher nachhaltig irritiert. Dabei hätte Zierhofer-Kin für 2019 und die Folgejahre viel­ versprechende Künstler in Aussicht gestellt. Ein Projekt mit Marina Abramović war in Planung, ein weiteres mit dem ­ ­US-Künstler Paul McCarthy. Auch standen Vegard Vinge und Ida Müller auf der Wunschliste des Schon-wieder-nicht-mehrIntendanten. Spannende Positionen, die vorerst vom Tisch sind. Hier wird aber keiner bestimmten Form von Kunst der Riegel

vorgeschoben. Vielmehr ist Zierhofer-Kins Festivalverständnis den Verantwortlichen zu kleinteilig, zu partybezogen und vor ­allem eines: zu wenig theateraffin. Und das meint nicht zwin­ gend klassisches Literaturtheater. Doch die Festwochen sollten sich im Kontext einer Stadt, die mit ImPuls Tanz das größte Tanzfestival ­Europas beherbergt (und in einem Land, das mit Salzburg und Bregenz zwei große Opernfestivals hat), ihren Theaterfokus ­bewahren. Zierhofer-Kin ist für eine neue Ausrichtung angetreten: ­Publikumsverjüngung, Publikumsverbreiterung, weniger Theater, mehr Performance, weniger Hochkultur, mehr Clubkultur. Dabei ist der Unterschied zum designierten Nachfolger Christophe ­Slagmuylder, der seit 2007 dem Kunstenfestivaldesarts in Brüssel vorsteht, vermutlich gar nicht so groß. Einige Produktionen h ­ aben sich die beiden Intendanten heuer sogar geteilt, sie waren sowohl in Brüssel also auch in Wien zu sehen. Aber: Slagmuylder ist er­ fahrener, und er weiß, dass man bei einem Festival dieser Größe (12,5 Millionen Euro Etat) die breite Publikumsmitte nicht vor den Kopf stoßen kann. Detail am Rande: Die rasche Ablöse Zierhofer-Kins geht mit einem Personalwechsel in der Wiener Stadtregierung einher, der Hauptsubventionsgeberin. Seit April amtiert als Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, eine gelernte Dramaturgin und bis letzten Oktober selbst noch Leiterin eines Festivals (steirischer herbst). Pikant ist, dass Kaup-Hasler einst Mitbewerberin um den Festwo­ chen-Job war und nun dem ihr damals vorgezogenen Kandidaten als politische Entscheidungsträgerin gegenübersitzt. Ihr Herein­ schneien auf die politische Bühne schien der geeignete Moment zu sein, dem glücklosen Intendanten den frühzeitigen Abgang nahezulegen. Nach so vielen Kurzzeitchefs – Superintendanten: Markus Hinterhäuser (zwei Jahre), Zierhofer-Kin (zwei Jahre); Schau­ spielchef/-innen: Frie Leysen (ein Jahr), Stefan Schmidtke (ein Jahr), Marina Davydova (ein Jahr) – täte den Festwochen jedenfalls eine Phase gut, in der ohne personelle Zeitbomben an einer be­ hutsamen Neupositionierung gearbeitet werden kann. Slagmuylder ist vorerst wieder nur für ein Interimsjahr bestellt. Doch wird der Spitzenkurator nicht nach Wien kommen, um hier den nächsten Lückenbüßer zu geben. Dafür ließ er seinen Leitungsposten bei Theater der Welt 2020 gewiss nicht sausen. Auch Kaup-Hasler würde ein längerfristiges Engagement begrüßen. Das alles zu­ sammen lässt die Anfang Juli erfolgte offizielle Ausschreibung für die Wiener Festwochen 2020 ff. indes einigermaßen obsolet er­ scheinen. //

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THEATERFORMEN

Das Festival der eintausend Fragen Martine Dennewalds vierte Ausgabe der Theaterformen in Braunschweig widmet sich postkolonialen Verstrickungen von Theresa Schütz

tion abbilden sollen, wobei etwa ein Drittel außereuropäisch sind und einige sich dezidiert im Stadtraum verankern. Um einen Festivaljahrgang zu planen, vergibt Martine Den­ newald zunächst einen Rechercheauftrag an sich selbst. Diesem liegt ihr persönliches wie kuratorisches Begehren zugrunde, mit   as ist der Unterschied zwischen einem Ratschlag und Pa­ ternalismus?“ „Wie würde eine angemessene Erinnerungskultur Theater etwas über die Welt zu lernen, den eigenen Horizont zu an Kolonisation aussehen?“ „Inwiefern entlastet das Einstellen erweitern. Für den diesjährigen Schwerpunkt „Postkoloniale Ver­ strickungen“ bedeutet dies, ne­ einer Diversity-Beauftragten eine Institution, tatsächlich Diversityben dem Abarbeiten langer Lese­ listen und der gezielten Sichtung Arbeit zu leisten?“ – Das sind nur künstlerischer Positionen, die drei von eintausend (!) Fragen, die sich mit den Nachwirkungen die britische Künstlerin Selina Thompson für die Installation des Kolonialismus beschäftigen, Künstlerinnen und Künstler aus „Race Cards“ auf weiße Karten no­ tiert hat, um sie im öffentlichen afrikanischen Ländern nicht nur Raum zu platzieren und damit zur in der Sparte Tanz, sondern auch Diskussion zu stellen. Die tempo­ im Bereich Schauspiel einzu­ laden; es bedeutet, Menschen für räre Black Box, an deren Wänden sämtliche Fragen in deutscher und sich selbst sprechen zu lassen, und es bedeutet, ganz bewusst englischer Sprache ausgehängt sind, steht im Eingangsbereich des weiße europäische mit schwar­ zen außereuropäischen Perspek­ Staatstheaters Braunschweig und bildet in mehrfacher Hinsicht das tiven zu konfrontieren. Um als weiße, privilegierte junge Frau Herzstück der diesjährigen vierten Ausgabe des Festivals Theaterfor­ aus Europa nicht allein über die Auswahl afrikanischer Arbeiten men unter der künstlerischen Lei­ tung von Martine Dennewald. zu entscheiden, etabliert sie in Vom Frankfurter Mouson­ Zusammenarbeit mit dem Festi­ turm kommend, startete die jetzt val Kinani Maputo und dem 38-jährige gebürtige Luxemburge­ Natio­nal Arts Festival Grahams­ rin 2015 als Nachfolgerin von Anja town unter anderem das Resi­ Dirks mit einem Fokus auf partizi­ denzprogramm „3 × 30“, um drei Künst­lerinnen und Künstler aus pative Formate, setzte 2016 einen regionalen Schwerpunkt auf Süd­ Mosambik, Nigeria und Südafrika für eine eigene dreißigminütige ostasien, gab 2017 vor allem Pro­ duktionen von Frauen eine Bühne Menschen für sich selbst sprechen lassen – das ist Stückentwicklung nach Braun­ der Ansporn von Kuratorin Martine Dennewald. und bündelt in diesem Jahr 17 in­ schweig einzuladen. Foto Katrin Ribbe Auch „Race Cards“ ent­ ternationale Arbeiten unter dem Schwerpunkt „Postkoloniale Ver­ springt einem experimentellen Rechercheauftrag, den sich Selina strickungen“. Martine Dennewald führt damit drei kuratorische Traditionslinien der Theaterformen, Thompson 2015 gab, um zunächst in den sozialen Medien, dann darüber hinaus die diskursiven Praktiken rassistischer Ausgren­ die wechselnd in Hannover oder Braunschweig stattfinden, fort. Gemeinsam mit ihrem Team lädt sie Produktionen ein, die in der zung sichtbar zu machen. Anfänglich als interaktives Spielformat gestartet, dem später verschiedene Lecture-Performance-­Varianten Gesamtschau die Formenvielfalt zeitgenössischer Theaterproduk­

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folgten, bei denen Thompson die Fragen entweder selbst notierte oder vorlas, tourt die Arbeit 2018 nun als eine Ausstellungsvariante ohne die Anwesenheit der Künstlerin. Ein Aushang am Eingang kommuniziert den Gästen, man möge sich die Karten in Ruhe durchlesen, dann zwei Fragen auswählen, eine, die man beant­ worten will, und eine, die man sich notieren und mit nach Hause nehmen solle. Was simpel klingt, wird rasch zur Überforderung. Denn es sind schlicht zu viele, zu komplexe Fragen, auch zahl­ reiche, bei denen Kontext- oder Erfahrungswissen fehlen. Und zugleich vermitteln all die Referenzen auf schwarze Protagonisten aus Geschichte, Politik und Popkultur verbunden mit Trivia und Begriffen aus akademischen Diskursen den Eindruck, als besuche man ein Archiv rassistischer Selbst- und Fremdzuschreibungen von people of colour in einer neokolonialen Welt rigoroser white ­supremacy. Andere Arbeiten adressieren als exemplarische postkolonia­ le Verstrickung insbesondere das Theater als koloniales Erbe. In „Because I Always Feel Like Running“ verbindet Ogutu Muraya die Geschichten afrikanischer Marathonläufer wie die von John Akhwari aus Tansania, der 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko früh stürzte, sich aber trotz allem verletzt ins Ziel kämpf­ te, mit einer Kritik an der historischen Konstruktion des „Schwar­ zen Athleten“ als rassistischer Kategorie, die den Läufer auf sein Schwarzsein reduziert und zugleich fetischisiert. Dies verknüpft er mit Anekdoten aus seiner Kindheit in Kenia, wo Sportagenten wie Menschenhändler nach neuen Lauftalenten suchen. Hier habe er gelernt, „zu laufen, um zu überleben“. Auch in seiner

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Was ist der Unterschied zwischen einem Ratschlag und Paternalismus? – Das ist nur eine der vielen Fragen in Selina Thompsons „Race Cards“. Fotos Andreas Greiner Napp

zweiten Lecture Performance „Fractured Memories“ verwebt er Biografisches mit Geschichten anderer. Archivmaterial des 1956 in Paris abgehaltenen „Congress of Black Writers and Artists“ dient ihm als Ausgangspunkt. Auf der Konferenz diskutierten führende schwarze Intellektuelle über die Folgen von Kolonisati­ on und Sklaverei sowie über die Chancen einer Négritude-Bewe­ gung. In Murayas Performance kristallisiert sich die Frage heraus, was die Rolle von schwarzen Künstlern und Intellektuellen bei der Herausbildung einer eigenen Kultur sein könne, wenn sie ihrer­ seits über Sprache und Bildung aufs Engste mit der europäischen Tradition der ehemaligen Kolonisatoren verbunden blieben. Eine Frage, die Muraya auch auf sich bezieht. Die Überlegung, wie man unter dem Einfluss des kolonia­ len Erbes einer französischen Theaterkultur eigenes, zeitgenössi­ sches Theater in und für die Republik Kongo machen kann, trieb auch den 1947 in Belgisch-Kongo geborenen Theaterautor Sony Labou Tansi um. Einer seiner Schüler war der seit einigen Jahren auch in Deutschland gefeierte kongolesische Theatermacher ­Dieudonné Niangouna, der während seiner Lehrjahre ein inten­ sives Verhältnis zu ihm aufgebaut hatte. In „Antoine m‘a vendu son destin – Sony chez les chiens“, einer französischen Sprech­ theater-Inszenierung, die Passagen aus einem seiner eigenen

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THEATER MARIE

Uraufführung, Theater Marie Koproduktion mit Fantoche, 16. Internationales Festival für Animationsfilm Baden / CH 4.–9.9.2018

­ tücke in ein Stück von Tansi S zweier Aufführungen wird montiert, verhandelt Niangouna zudem der potenzielle Zu­ ­ schauerkreis geöffnet. Multi­ dieses Lehrer-Schüler-Verhält­ nis. Niangouna spielt die Figu­ perspektivität in der Bericht­ erstattung ermöglicht der ren im Tansi-Stück, Diariétou Keïta verkörpert Niangounas TF-Blog, der in diesem Jahr ausschließlich eingeladenen Kul­ Text. Es ist diejenige Auffüh­ rung des Festivals, die von sei­ turjournalisten aus zehn afri­ nem Publikum mit Abstand kanischen Ländern vorbehalten am meisten abverlangt, die war. Dadurch kommen Stim­ men zu Wort, die sonst fehlen, größtenteils unverstanden bleibt, und ihre Texte laden ein, die ei­ wenngleich sie eine immense genen Geschmackspräferenzen Energie zu übertragen vermag. und Bewertungsstrategien ein­ Niangounas Theater des „Big! zuordnen und zu relativieren. Bumm! Bah“ lebt von einer Martine Dennewald strotzt ­Ästhetik des Bellens. Die bei­ den Schauspieler keifen, kläf­ nur so vor Energie und Leiden­ fen, schnauzen die Sprache in schaft. Während des Festivals Richtung Parkett und geben ist sie gefühlt überall dabei, sie am Ende zugunsten eines wirkt nie gestresst oder abge­ langen, tranceähnlichen Tan­ hoben, sondern strahlt aus, dass sie aufrichtig liebt, was sie zes auf. Als gelungen würde tut. Sie hält die meisten Ein­ führungen selbst und besticht Martine Dennewald einen Fes­ durch ihre sehr intime Kennt­ tivaljahrgang bezeichnen, wenn das Publikum wie auch die nis der Arbeiten und die Ernst­ haftigkeit, mit der sie Themen Künstler beginnen, sich inten­ verfolgt. Neben dem Theater siv untereinander über das ­Gesehene auszutauschen. Um gibt es noch zwei weitere Lei­ denschaften in ihrem Leben: diese Dynamik anzukurbeln, Tango tanzen und Sprachen entwickeln sie und ihr Team in lernen. Derzeit verbessert sie jedem Jahr neue, kreative ihr Japanisch. Vermutlich be­ ­Begegnungsformate, wie etwa antwortet sie meine Frage, wo einen begleiteten Theaterbe­ ­ sie gerne einmal arbeiten wol­ such mit (in diesem Jahr) zum Das Rascheln der Geschichte – aus postkolonialer Perspektive: „Antoine m‘a vendu son destin – Sony chez les chiens“ von Beispiel zwei Vertreterinnen len würde, auch deshalb wie Dieudonné Niangouna. Foto Christophe Raynaud de Lage aus der Pistole geschossen mit von Ingenieure ohne Gren­ zen, einem Philosophieprofes­ „Tokio!“. Es sei ihr gegönnt, dass das klappt. Wobei wir uns sor oder einem Musiker; Nach­ gespräche, die wie in einer Lagerfeuerrunde abgehalten werden; erst mal noch auf zwei weitere Ausgaben der Theaterformen unter eine Festivalakademie – auch die allabendlichen Gratiskonzerte im ihrer Leitung freuen dürfen. Mir hat sie ihren neuen Recherche­ auftrag schon verraten. Man darf gespannt und vorfreudig sein. // Festivalzentrum gehören dazu. Mit einer arabischen Übertitelung

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IMPULSE THEATER FESTIVAL

Chor der Millionäre Haiko Pfost, neuer Leiter des Impulse Theater Festivals, über die Lebensrealität von Künstlern mit zwei Pässen und die Ausweitung der Auswahljury auf das Publikum im Gespräch mit Friederike Felbeck

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  erade als die freie Szene in sicherem und behäbigem Fahr­wasser vor sich hin zu schippern begann, nahm der neue künstle­rische Leiter der Impulse Haiko Pfost mit Volldampf Kurs auf noch unbekannte ­Inseln. Er präsentierte Produktionen, die ausschweifend, erfrischend verschroben, intim und verletzbar waren und sich jeder Kategorisierung entzogen. Er schuf eine vielfältige Mischung, zu der die Nabelschau „All Eyes On“ der Performerin Teresa Vittucci, „The Guardians of Sleep“ von David Weber-Krebs, der Abgesang auf das im Rechts­ populismus versinkende Osteuropa „Mothers of Steel“ von Agata ­Siniarska und Mădălina Dan gehörten wie das „Dorf Theater“ von Corsin Gaudenz.

Haiko Pfost, in Ihrer ersten Ausgabe des Impulse Theater Festivals haben Sie Aufführungen nach Nordrhein-Westfalen gebracht, die hier so noch nicht zu sehen waren. Im Showcase zeigen Sie eine sehr heterogene Auswahl von vielfach radikalen und ästhetisch unvertrauten Inszenierungen. Einige von ihnen sind kaum noch im deutschen Sprachraum verankert: Die Künstlerinnen und Künstler sind weitaus internationaler aufgestellt als in den Vorjahren, das Geschmeide der Koproduktionen ist teilweise ­außereuropäisch. Welche Kriterien hatten Sie bei der Auswahl? Wir haben nach den herausragendsten und herausforderndsten Arbeiten gesucht sowie nach Arbeiten, die so im Stadttheater

Eine Stunde Schluchzen – In „Mothers of Steel“, gezeigt im Showcase der Impulse, thematisieren Mădălina Dan und Agata Siniarska das Verhältnis von Emotion und Politik. Foto Jakub Wittchen

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nicht hätten entstehen können. Dabei haben wir unsere Defini­ tion des „deutschsprachigen Raums“ an die Lebens- und Produk­ tionsrealitäten der Künstler angepasst. Manche von ihnen haben zwei Pässe, leben in drei Ländern und haben Koproduzenten aus fünf Ländern. Trotzdem gab es einen Rahmen: Entweder sollten die Künstler aus dem deutschsprachigen Raum stammen, hier le­ ben, oder die Produktionen sollten überwiegend hier finanziert beziehungsweise entstanden sein. Sie haben erstmals gemeinsam mit zwei Publikumsvertreterinnen die Auswahl bestimmt. Wie ist dieser Kontakt zustande gekommen? Wir wollten einen lokalen Blick und vor allem eine Verbindung zu unserem Showcase-Partner, dem Ringlokschuppen Ruhr. Deshalb haben wir das Team dort gefragt, wen sie gerne in der Jury hätten. Es sollte niemand direkt vom Haus sein, sondern Zuschauer mit viel Seherfahrung. Die beiden Publikumsvertreterinnen, auf die die Wahl dann fiel, sind beruflich zwar kunstfern – die eine ist Chemisch-technische Assistentin, die andere holt gerade ihren Hauptschulabschluss nach –, aber sie schauen sich seit etwa fünf Jahren jede Show, also tatsächlich jede Aufführung, im Ringlok­ schuppen an. Zudem haben sie bei verschiedenen Theaterprojek­ ten mitgemacht. Sie haben eine sehr direkte Herangehensweise, die sich aber mit der Einschätzung der Profis gedeckt hat. Uns hat das sehr geholfen, denn wir wollten ein Programm, das so im Rin­ glokschuppen noch nicht zu sehen war. Sie in der Jury zu haben war eine echte Bereicherung. Die Gruppe She She Pop, die mit „Oratorium“ zu Gast war, wirkt in dem durch und durch neuen und mutigen Programm der diesjährigen Impulse wie ein Dinosaurier – oder ist sie womöglich ein trojanisches Pferd? She She Pop ist natürlich die etablierteste Position im gesamten Programm. Für eine freie Gruppe arbeiten sie ja auch schon recht lange zusammen, in diesem Jahr ist ihr 25. Jubiläum. Aber, und das ist entscheidend, sie suchen immer wieder neue Wege und Herausforderungen. Ihre Produktion „Oratorium“ haben wir ein­ geladen, weil sie das Chorische neu definiert und dafür auch die Zuschauer miteinbezieht. Auch thematisch war uns diese Arbeit wichtig, da sie Eigentumsverhältnisse beleuchtet. Wir haben her­ ausgefunden, dass in Mülheim an der Ruhr mit der Aldi-Erbin die reichste Person Deutschlands lebt. Gleichzeitig gibt es hier die vierthöchste Pro-Kopf-Verschuldung in der Bundesrepublik. Im Vorfeld haben wir für den lokalen Chor nach Millionären in ­Mülheim gesucht – leider vergeblich. Diese Position der finanziell gut abgesicherten Person wurde dann von einer Düsseldorferin besetzt. Was hat Sie persönlich an der künstlerischen Leitung der Impulse gereizt? Ein Festival der freien Szene programmieren zu dürfen, ist für mich wie ein Lottogewinn. Als künstlerischer Leiter kann ich dazu beitragen, die Situation der freien Szene zu verbessern. Ich ver­ suche immer wieder deutlich zu machen, was das Besondere des freien Produzierens ist und warum diese Art und Weise am Stadt­ theater nicht funktionieren kann.

Haiko Pfost, geboren 1972, arbeitet als Kurator, Dozent und Programmdramaturg. Er studierte Theater,- Religions- und Kulturwissenschaften sowie Psychologie in Berlin. 2004 war er als Kurator und Leiter für die Eröffnungsveranstaltung des Projekts Volkspalast, der kulturellen Zwischennutzung des Palasts der Republik Berlin, zuständig. Von 2007 bis 2013 leitete er gemeinsam mit Thomas Frank das internationale Koproduktionshaus brut in Wien. Das Festival Impulse wird Haiko Pfost von 2018 bis 2020 verantworten. Foto Robin Junicke

Mit dem Triptychon Showcase in Mülheim, Stadtprojekt in Düsseldorf und einer Akademie in Köln haben Sie einen imposanten Neustart der Impulse gewagt. Werden Sie dieses Trio weiter im Gepäck behalten für die nächste Auflage? Ich wollte den drei Festivalstädten Köln, Düsseldorf und Mülheim eindeutige Schwerpunkte geben. Erstens wollte ich wieder einen klassischen Showcase haben, wo man die bemerkenswertesten und herausforderndsten Arbeiten des freien Theaters sehen kann. Die zweite Säule ist, und das war immer ein Merkmal der freien Szene, das ortsspezifische und lokale Arbeiten. Deshalb haben wir gemein­ sam mit Künstlern sowie den Institutionen vor Ort ein Projekt ent­ wickelt, das so an einem anderen Ort nicht hätte stattfinden kön­ nen. Drittens ging es in den Akademien um eine Selbstverständigung des freien Theaters. Die erste Akademie hat die Frage beleuchtet, wo das freie Theater zwischen Globalisierung und lokaler Veran­ kerung steht. In der zweiten Akademie wurden die besonderen ­Arbeitsweisen des freien Produzierens untersucht. Dabei haben wir versucht, eine Verbindung zwischen den Arbeitsweisen und einer Ästhetik des freien Produzierens herzustellen. Es gab durchaus Überschneidungen zwischen den einzelnen Programmschienen, zum Beispiel haben Corsin Gaudenz, der mit „Dorf Theater“ zu Gast war, sowie Antje Schupp und Kieron Jina, die ihre Produktion „Pink Money“ mitbrachten, auch an der Akademie teilgenommen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Mobilität der Zuschauer? Konzentriert sich das Gros auf den jeweiligen Heimatort? Gerade in Mülheim beim Showcase haben wir bemerkt, dass sich das Publikum aus ganz NRW zusammensetzt, wir haben aber auch internationale Besucher ansprechen können. Die Besucher der Akademie kamen von überall her, und beim Stadtprojekt haben wir


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es geschafft, ein sehr lokales Publikum zu gewinnen, das teilweise noch nie eine Aufführung der freien Szene besucht hatte. So war das auch intendiert. Der Showcase wird im nächsten Jahr in Düssel­ dorf sein, das Stadtprojekt in Köln und die Akademie in Mülheim an der Ruhr. 2020 wird sich das Rad dann noch einmal weiterdrehen. Das Gerangel um die Volksbühne, die gescheiterten Reformversuche Chris Dercons und die Rolle, die die Kulturpolitik in dieser „Affäre“ ge­spielt hatte, ließen viele Stimmen laut werden, die in dem ganzen Prozess einen großen (Renommee-)Schaden für die freie Szene sehen. Warum Schaden für die freie Szene? Ich bin der Überzeugung, dass es Chris Dercon an Kompetenz gefehlt hat. Aber auch Matthias ­Lilienthal, der sicher etwas von freiem Theater versteht, hat es an den Münchner Kammerspielen nur schwer geschafft, den Apparat für freies Produzieren zu öffnen. Die frühen Versuche von Tom Stromberg, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit freien Gruppen zu arbeiten, sind damals ebenfalls gescheitert, weil sie ­ihrer Zeit voraus waren. Also sehr unterschiedliche Ursachen, aber dafür kann die freie Szene ja nichts. Es gibt eben einen Unterschied bei den Arbeitsweisen im Stadttheater und in der freien Szene, und das wirkt sich auch auf das ästhetische Ergebnis aus. Die Kulturstiftung des Bundes hat mit dem Fonds Doppelpass eine Möglichkeit geschaffen, dass sich freie Szene und Stadt­ theater einander annähern. Sie sehen das skeptisch. Driftet jetzt wieder jeder in seine eigenen Gefilde ab – Hauptsache, mehr Geld für die Freien? Bei Doppelpass hat kaum ein Theater seine Produktionsbedin­ gungen dem freien Produzieren angepasst. Entweder mussten sich die Gruppen in die Stadttheaterstruktur einpassen, oder ihre Produktionen liefen als Sonderprojekt abseits des normalen Spiel­ betriebs. Eine wirkliche Annäherung der beiden Systeme würde eben auch ein Stückweit Selbstaufgabe der eigenen Grundsätze bedeuten. Ich vermag es nicht abschließend zu beurteilen, ob es nicht doch möglich ist. Sicher ist: Man müsste ganz klar definie­ ren, was eine solche Kooperation für beide Seiten bedeuten würde und was der Preis dafür ist. Die Produktionszentren der freien Szene werden – provokant gesprochen – von kleinen Cliquen bestimmt. Das System droht zu verkrusten. Sollte hier nicht mittelfristig ein Generationswechsel stattfinden?

Aber ein Generationswechsel findet doch statt! Das haben gerade auch diese Impulse gezeigt. Etwas Verkrustetes kann ich da wirk­ lich nicht sehen, im Gegenteil. Auch die Produktionshäuser ver­ suchen, sich auf verschiedenen Ebenen zu öffnen. Aus meiner Erfahrung heraus ist es ein Märchen, dass begabte Künstler ­unentdeckt bleiben. Da habe ich in meiner Laufbahn eher das ­Gegenteil erlebt. Kaum gab es eine erfolgreiche Produktion, sind alle wie die Geier drauf los und wollten was mit den Leuten ­machen. Dringend notwendig scheint es mir eher, dass Produk­ tionshäuser – gerade in der Nachwuchsarbeit – langfristige Bin­ dungen eingehen, auch Flops zulassen sowie Künstlern einer ­älteren Generation Möglichkeiten geben zu arbeiten. Wie steht es um die finanzielle Ausstattung des Festivals? Wir arbeiten mit einer Grundfinanzierung von 350 000 Euro, an­ teilig finanziert vom NRW KULTURsekretariat, den Städten und dem Land. Das reicht natürlich bei Weitem nicht. Wir werden zu­ sätzlich, aber auf Antragsbasis, vom Bund und der Kunststiftung NRW mit je 100 000 Euro unterstützt. Für die jetzige Ausgabe ­haben wir durch viele zusätzliche Anträge ein Festivalbudget von 639 000 Euro erreicht. Da sieht man die Verhältnisse: Allein das diesjährige Gastspiel von Frank Castorf beim Berliner Theatertref­ fen soll ja eine halbe Million gekostet haben. Ich halte es generell für wichtig, dass wir künftig beide Systeme, Stadttheater und freie Produktionen, gleichwertig behandeln – auch was die Finanzierung angeht. So ist es auch mein Wunsch, dass die Impulse gemäß ­ihrem Stellenwert als wichtigstes Festival der deutschsprachigen freien Szene besser dotiert werden. Das Land NRW wird jetzt seine Förderung um 33,3 Prozent erhöhen. Auch mit anderen Partnern sind wir in Gesprächen, aber Zusagen gibt es bisher noch keine. Welche weiteren Wünsche und Ziele verbinden Sie mit der Fortführung der Impulse? Ich wünsche mir, dass wir wieder so tolle Arbeiten entdecken, wie wir sie dieses Jahr im Showcase präsentieren konnten. Ich will weiterhin zeigen können, wozu das freie Theater in seinen besten Momenten in der Lage ist, und damit sein Profil weiter schärfen. Dabei wünsche ich mir ungewohnte und vielleicht auch irritieren­ de Begegnungen, die Menschen wirklich zum Nachdenken brin­ gen, viele Zuschauer, die das freie Theater ganz neu für sich ent­ decken – und natürlich zwei weitere Festivalausgaben, bei denen Künstler, Team und Zuschauer gut gelaunt bis abends beisammen sind und einfach eine gute Zeit haben. //

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Kurzer Prozess henrike Iglesias theater–roxy.ch

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MÜNCHENER BIENNALE

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom Seit dreißig Jahren versucht die Münchener Biennale, das Musiktheater zu revolutionieren – doch auch dieses Jahr finden ihre Guerilla-Aktionen eher im Kleinen statt von Dorte Lena Eilers

Dreißig Jahre später ist von Hemmschwellen nichts mehr zu spü­ ren. In Ruedi Häusermanns „Tonhalle“ sitzen wir, die Zuschauer, den Musikern des Henosode-Quartetts regelrecht auf dem Schoß. 2,75 × 5,25 × 2 Meter misst dieses winzige Konzerthaus, das sich mitten auf dem Max-Joseph-Platz zu Füßen der Bayerischen   ämpfen oder aufgeben?“ Als Hans Werner Henze 1988 die­ se Frage in sein Tagebuch kritzelte, war es um das Genre des zeit­ Staatsoper ganz prahlerisch wie sein großes Pendant auf­ genössischen Musiktheaters nicht sonderlich gut bestellt. Wäh­ führt: Ebenso wie die Staatsoper zieren korinthische Säulen sein Portal – und doch könnte rend Komponisten ihre Experimente lieber im es ebenso gut vom nächs­ Bereich der Instrumental­ ten Sturm oder dem nächsten Ferrari, der hier musik oder der elektroni­ schen Musik unternah­ über den Platz fegt, hin­ men, machte ein Großteil weggerafft werden. „Eine des Publikums um die musik-theatralische Selbst­ Neue Musik generell einen behauptung“ nennt Häu­ großen Bogen. Die Grün­ sermann seinen Beitrag zur diesjährigen Biennale, dung der Münchener Bien­ nale, dem internationalen in dem es in der typisch Festival für neues Musik­ verschmitzten Häusermanntheater, war daher ein Manier um das Rand­ Wagnis. Aber es gelang. dasein der Neuen Musik Weil mit Henze ein Künst­ geht. „Wenn die Leute schon nicht zu uns kom­ ler hinter dem Festival stand, dem als leiden­ men, kommen wir eben zu den Leuten“, erklärt der schaftlicher Linker das Elitäre des bürgerlichen Moderator des Abends, Thomas Douglas, diese Konzert- und Opern­ betriebs ebenso verhasst verzwergte Guerilla-Aktion. Mitten hinein ins Getüm­ war wie die Gated Communities der künstlerischen mel – ganz im Sinne Hen­ Avantgarde. Er wollte zes. Nur ist zumindest an den Nachmittagen – die Hemmschwellen abbauen. Löten, schalten, programmieren – Ein Mann und seine Technik in Marek Poliks „Interdictor“. Foto Armin Smailovic Und dazu brauchte er „Tonhalle“ öffnet mehr­ mals am Tag für je eine Komplizen. „Es war noch Stunde – herzlich wenig nie so dringend wie heute, auf dem Max-Joseph-Platz los. Das Hundegebell, der Baulärm, das dass die Künstler … ihre Köpfe nicht nur erheben, sondern auch Glockengeläut entpuppen sich irgendwann als vom Tonband benützen, um mitzuarbeiten“, so Henze. „Um unsere Kultur zu kommend und schließlich nicht einmal als „echt“, den heran­ verteidigen, unser Leben, müssen wir sie erst einmal in den rasenden Ferrari beispielsweise hat Christoph Hampe seinem ­Massen verbreiten helfen.“

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Cello entlockt. Neben seinen irisierend zarten Kompositionen für das Streichquartett erweist sich Häusermann hier wieder einmal als virtuoser Wirklichkeitsmanipulator. Ein echter Störfaktor ist die Tonhalle im Münchener Innenstadtbetrieb indes nicht. Sowieso müsste man sich fragen, ob die These von der Randständigkeit der Neuen Musik noch stimmt, wenn zeitgleich die Uraufführung „My Melodies“ von Helmut Lachenmann beim Festival musica viva an zwei Abenden den Münchner Herkules­ saal mit seinen 1270 Sitz- und 180 Stehplätzen füllt. Allerdings sieht die Sache bei einem Blick in das Programm der Bayerischen Staatsoper schon wieder ganz anders aus. Die Münchener Bienna­ le ist eben kein Festival für Neue Musik, sondern für Neues Mu­ siktheater – das wichtigste Festival in Europa in diesem Bereich noch dazu. Insofern steht sie weniger in Konkurrenz zum Konzert­betrieb als denn zur Institution Oper. „Die in Staats- oder Stadttheatern sich abspielende Opern­ kultur bietet heute im Übermaß Beispiele für die Wirkungsmacht der auf große und stabile Lösungen fixierten Repräsentations­ kultur, die mit Mutlosigkeit und Repertoireenge einhergeht“, schreibt so auch Jörn Peter Hiekel in dem soeben im transcript Verlag erschienenen Band „Gegenwart und Zukunft des Musik­ theaters“, der auf einem Symposium basiert, das 2016 während der ersten Ausgabe der Biennale unter den neuen Leitern Daniel Ott und Manos Tsangaris veranstaltet wurde. Nur: Liest man die Presse aus dem Jahr 1988, sieht man, dass dies schon seit dreißig Jahren der Fall ist. „Phantasie für Themen, Formen, Räume statt Samt und Seide auf Prunkbühnen“, forderte beispielsweise der Zeit-Kritiker Heinz Josef Herbort von der ersten Münchener ­Biennale. Stichworte wie „Grenzüberschreitungen“, „etwa jene zum Tanz- oder zum Sprechtheater“, die Hiekel und Mitheraus­ geber David Roesner für die Gegenwart und auch Zukunft des Musiktheaters anführen, klingen daher reichlich fad. Jene Künst­ ler, die sich nicht für die ständige Reanimation Verdis und ­Mozarts interessieren, bedienen sich schon seit Langem der verschiedenen Genres. Nur finden die Stücke von Heiner Goebbels, Pina Bausch oder Christoph Marthaler eben selten in der Oper statt. Wie schafft man es also, mit experimentellen Formaten die hoch subventio­ nierte Oper zu revolutionieren? Wie erreicht man die von Henze beschworenen Massen, die scharenweise in die Oper strömen, sich also offenbar für Musik in ihrer Verkupplung mit Theater ­interessieren? Die diesjährige Münchener Biennale konnte darauf keine Antwort geben. Oder wollte es auch gar nicht. „Privatsache“ hieß in diesem Jahr das Motto, was natürlich verdächtig nach Rückzug klingt – in Privatwohnungen, den privaten PC oder die privaten Spielereien einer künstlichen Intelligenz. Zwar gab es Produk­ tionen, deren Auslastung beachtlich waren, allerdings bei einer Kartenkapazität, die jedem Geschäftsführer die Haare hätte zu Berge stehen lassen. Häusermanns „Tonhalle“ war jeden Tag aus­ verkauft – bei allerdings nur 16 möglichen Plätzen. Andere Auf­ führungen fanden im intimen Kreis von maximal vierzig Zuschau­ ern statt, so etwa die „Nachlassversteigerung“ von Frederik Neyrinck (Komposition), Isabelle Kranabetter (Regie) und Sarah Hoemske (Ausstattung) in einer Münchner Privatwohnung, in der persön­ liche Gegenstände des verstorbenen Bewohners zum Verkauf ­angeboten wurden. Ein Stück, das der Unmöglichkeit nachgeht,

Karl Marx Karneval – In seiner Roadopera „Ø“ sucht der norwegische Komponist Trond Reinholdtsen die proletarischen Massen. Filmstill Armin Smailovic

den Wert eines Menschenlebens samt all seiner persönlichen ­Insignien in den kapitalistischen Wert des Geldes umzurechnen. Auch die „Königlichen Membranwerke“ (Miika Hyytiäinen, Nicolas Kuhn, Babylonia Constantinides und Anna Maria Münzner) ließen auf der Präsentationsreise ihres audio-sensiblen Über­ wachungssystems „Nomictic Solutions“ rund um und über den Starnberger See nur 75 Teilnehmer zu. Ohne den Schutz der Masse rechnete man so selbst ständig mit Angriffen auf die eigene ­Privatsphäre – aber nichts passierte. Zwar hatte man in einem ­unüberlegten Augenblick dem höflichen ­Mitarbeiter der „König­ lichen Membranwerke“ einen Satz in sein Diktiergerät gespro­ chen, bereits ahnend, dass diese Company, die vorgab, per Stimm­ analyse Charakterprofile erstellen zu können, damit nichts Gutes wird vorhaben können, doch blieb die Inszenierung, die sich vor­ rangig durch ihre groß angelegte Landschaftsbespielung auszeich­ nete (und natürlich auch in Konkurrenz zu dieser Landschaft ge­ riet), freundlich-distanzierte Science-Fiction. „Interdictor“ von Marek Poliks spielte ebenfalls mit futuris­ tischen Szenarien aus dem Digitalzeitalter. In der Villa Stuck hatte der US-Amerikaner ein Zelt aufgeschlagen, voll blinkender Elek­ tronik, sodass es eher an ein Raumschiff erinnerte, darin ein bär­ tiger Mann, der sich in langsamen Bewegungen durch den Raum schob. Dass er dadurch den Sound steuern konnte, der durch eine künstliche Intelligenz weiterverkomponiert wurde, erschloss sich einem nicht. „Ich habe das Gefühl, tatsächlich mit dem Raum­ schiff zu leben“, erklärte der Performer Christian Smith diese Symbiose von Mensch und Technik hinterher. Wenn er abends die Installation verlasse, sei das ein seltsames Gefühl. – Leider eben auch ein sehr privates.

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Karneval Marx Was also tun? Zurück zu Marx. In seiner „Neo-Hippie-Interven­ tionistischen-Anti-Internet-Peripherie-Welttournee-Roadshow und Meta-Opr ,The Followers of Ø‘ feat. Der Heilige Geist“ blättert der Norwegische Komponist Trond Reinholdtsen jedenfalls im­ mer wieder in den Texten des deutschen Philosophen. Hans Wer­ ner Henze, für den Musik immer ein Mittel des Klassenkampfes gewesen war, hätte es gefreut. Zumal Reinholdtsen in der ersten Episode von „Ø“ verkündet, mit seiner Roadshow quer durch Eu­ ropa in direkte Konfrontation mit den proletarischen Massen zu gehen. Die ersten zwölf Episoden erleben die Zuschauer als kurze Videoclips im Internet, Episode 13 bis 15 findet in München statt. Reinholdtsen, das hört man sofort, ist auch Hauskomponist bei Vegard Vinge und Ida Müller: Die Sounds seiner Clips klingen mit ihren rauf- oder runtergepitchten Stimmen und ihrer Dada-Musik wie Comics auf Speed. Ein anarchischer Quatsch mit quietsch­ bunten Pappmascheefiguren und rätselhaften Séancen im Wald. All das lässt Reinholdtsen auf seiner Reise immer wieder auf reale Personen treffen – im Pub, auf der Fähre, auf dem Cam­ pingplatz, was zu reibungsvollen Begegnungen hätte führen kön­ nen, hätte er sich nicht immer wieder davor gedrückt. In Episode vier sieht man ihn vor ahnungslosen Passagieren auf einer Fähre sprechen. „Liebes Proletariat der europäischen Krise“ begrüßt er laut Untertitel seine Gäste. Folgt man der Tonspur, spricht er ­lediglich von „Passagieren“. Kunst, das war auch Henze klar, kann gesellschaftliche Widersprüche nicht beseitigen, aber immerhin analysieren. In Episode zwölf findet ein Taucher vor einer krakelig hingetuschten Unterwassertapete ein Kabel mit dem Schriftzug „Facebook“. „Der Apparat!“, blubbert der Taucher in die Kamera. Ein Fund, der leider völlig folgenlos bleibt. 1973 komponierte Hans Werner Henze mit fünf weiteren Komponisten eine szenische Kantate. „Streik bei Mannesmann“ hieß sie und thematisierte den Arbeitskampf der Angestellten ge­ gen das Unternehmen. Großes Thema, große Form. Was wäre im heutigen München unter dem Festivalmotto alles denkbar gewe­ sen? Ist Wohnungspolitik eine Angelegenheit von Privatinvestoren? Inwieweit beeinflusst der Sound des privaten Stammtischgrantelns bereits weite Teile der CSU? Sogar Facebook taugt, wie erst kürzlich der Dokumentarfilm „The Cleaners“ zeigte, mit seinen Strategien des Geoblockings und der per Algorithmus generierten Meinungs­ manipulation für gesellschaftspolitische Analysen im Großformat.

Daniel Ott und Manos Tsangaris sehen die Biennale, wie sie im Programmheft schreiben, lieber als musikdramatischen For­ schungsraum. In dieser Hinsicht leistet das Festival viel, vor allem in dem Bestreben, den Entstehungsprozess musik­ dramatischer Werke nicht wie üblich in Text, Komposition und Regie zeitlich zu fragmentieren, sondern kollektiv anzulegen, sodass die verschiedenen Ebenen vieler Biennale-Produktionen sehr stimmig ineinandergreifen. Will das zeitgenössische ­Musiktheater jedoch Anspruch auf die großen Häuser erheben, muss es – neben Intendanten, die dies möglich machen – vor allem auch Komponisten geben, die diese Räume zu füllen ver­ mögen. Aus der Biennale sind im Lauf der Geschichte immer wieder solche Komponisten hervorgegangen: Detlev Glanert zum Beispiel, Helmut Oehring, Violeta Dinescu, Adriana ­Hölszky, Jens Joneleit. Doch sind diese Handschriften eben auch sehr selten. Stefan Prins und David Linehans indes scheint der CarlOrff-Saal im Münchener Gasteig regelrecht zu klein. Ihr Stück „Third Space“ drängt nicht nur auf die große Bühne, sondern sprengt sie nahezu. Prins prägnant strukturierte, mit analogen und digitalen Elementen spielende, durchaus dem Noise zuspre­ chende, dabei gleichzeitig sehr gestische Musiksprache lässt den Saal vibrieren, sodass die Tänzer von Linehans Kompanie Hiatus, die zwischen den Musikern des Klangforums Wien agieren, darin zappeln wie unter Strom. Yasutaki Inamoris und Gerhild Stein­ buchs Oper „Wir aus Glas“ ist das genaue Gegenteil dieses dritten Raumes: In der Inszenierung von David Hermann sehen wir Wohlstandspärchen dabei zu, wie sie über schöne Haare und den richtigen Sexualpartner schwadronieren. Inamori hat für die ­Musiker, die wie lebendes Inventar inmitten der Wohnlandschaft drapiert sind, eine feinziselierte, wie antiseptisch klingende ­Musik komponiert. Da hocken wir also, „in unserem Kasten aus Glas“ und „draußen schiebt sich Welt vorbei“, sagt der Schauspieler Steffen Scheumann. Ein einsamer Revolutionär, der – als Einziger keinen Ton singend – mit der Rauheit seines Sprechens die Künst­ lichkeit des Gesangs durchbricht. Hier wird die Oper selbst zum Glashaus. Ein gutes Schlussbild für einen Bericht über neues ­Musiktheater. „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, hatte ein Camper in Karlskrona Trond Reinholdtsen mit auf den Weg ge­ geben. Und damit ist man doch wieder bei Henze. Kämpfen oder aufgeben? Kämpfen. //

Anne Duk Ziggy on the Land of Drunken Trees Hee Jordan

Kuratiert von Solvej Helweg Ovesen und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung im Rahmen von UP (Unsustainable Privileges)

Eröffnung am 13.09.2018 um 19 Uhr

14.09. bis 27.10.2018


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BAYREUTHER FESTSPIELE

Ein Stück Kaumblau In Yuval Sharons Inszenierung von Wagners „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen besticht vor allem das Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy

von Kerstin Decker

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  ie Farbe der Unendlichkeit ist blau. Die Farbe von Neo Rauchs und Rosa Loys Brabant ist näherhin Delfter Kachelblau. Rauch und Loy erklären das Weitere so: Immer wieder hätten sie das Vorspiel gehört, und plötzlich war sie da, stand unverrückbar vor ihrem inneren Auge: „eine verwilderte Transformatoren­

Malerei wie Musik – Neo Rauchs und Rosa Loys Bühne zu „Lohengrin“ ist Wagners Klangrausch ebenbürtig. Foto Enrico Nawrath

station“ in Delfter Kachelblau. Nach Castorfs Erdölfördertürmen der „Walküre“ ist das vielleicht etwas viel Kommunismus-istgleich-Sowjetmacht-plus-Elektrifizierung-des-ganzen-Landes, aber worauf Reiche gründen, wenn nicht auf den Fortschritt? Und

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sehr früh, dass sie Flügel haben oder verlieren sie irgend­ gleich neben dem irdischen Trafohäuschen das Trafohäuschen des Herrn, auch Dom genannt. Aber wo an den Portalen der wann. gotischen Kirchen die Rose Gottes prangt, zucken hier blaue ­ Und Rauchs Himmel! Oder sind es Gebirge? Oder Wellen? ­Blitze. Eine plausible Verbindung zwischen irdischen und über­ Alles zugleich. Das Himmelsgebirge zu Beginn des zweiten Auf­ irdischen Lichterscheinungen ist somit hergestellt, und zugleich zugs ist eine sich brechende Riesenwelle, darin bannt ein weißer Schlund den Blick. Es ist faszinierend zuzuschauen, wie sich rosettenartig angedeutet, dass König Heinrich das Gemeinwesen Brabant nicht eben konfliktfrei antrifft: Der legitime Thronfolger diese Welle verändert, zum Himmel wird. Der vernichtende ist weg. ­weiße Schlund darin umschließt am Ende ein Stück Kaumblau, Mit König Heinrichs (Georg Zep­ den Spaltbreit Hoffnung, ohne das kein Leben ist – Utopia. In solchen Bezügen penfeld) ersten tiefen, alles durchtönen­ den Worten ist klar, woran sich die ande­ spielend, ist Rauchs Bühnenmalerei ren, Telramund und Lohengrin, Elsa und der Musik eben­bürtig. Der „Lohengrin“ Und Rauchs Himmel! Ortrud zu messen haben. Und das Wun­ des Dresdner Anarchisten, Hand­ gra­ na­ ten­ l ieferanten und Revolutionärs ­ u nter der geschieht: Mit jeder neuen Stimme Oder sind es Gebirge? geht eine ganz eigene Welt auf. linkshegelianischem Einfluss Richard Oder Wellen? Wagner, im bürgerlichen Beruf könig­ Da ist Thomasz Koniecznys Vehe­ menz, mit der er als Telramund und lich-sächsischer Hofkapellmeister, stammt Alles zugleich. aus dem Revolutionsjahr 1848, man gleichsam kommissarischer Verwalter Brabants erklärt, was alle wissen: Elsa ist ­sollte das nie vergessen. Regie führte der Amerikaner mit mit ihrem Thronfolger-Bruder in den Wald gegangen und ohne ihn zurückge­ jüdischen Wurzeln Yuval Sharon. Bei seinem Vorgänger Neuenfels war Brabant ein Rattenkönigreich kommen. Was nicht alle wissen, oder zumindest nicht alle glau­ ben, sagt er König Heinrich auch: dass es Mord war. mit genialen Zügen, das rättische Volk der heimliche Haupt­ Die Urheberin dieser Theorie ist Ortrud – Waltraud Meier, darsteller. Man könnte viel darüber sagen, nur so viel: Es ist die ihre große Laufbahn einst in Bayreuth als Kundry begann und großartig, wie Yuval Sharon es schafft, das Volk einfach nur rum­ sich nun von dieser Bühne verabschiedet. Gewiss, man kann die stehen zu lassen, ohne dass man je den Eindruck hätte, es stehe bloß rum. heidnische Friesenfürstin noch dunkler, noch dämonischer sin­ Und doch ist diese Inszenierung am Ende ihrer Vorlage gen, aber warum eigentlich: Die Friesin Ortrud glaubt an keine nicht gewachsen. Die Idee, in Elsas und Lohengrins oranges (!) anderen Götter als Wagner in seinen kommenden Musikdramen. Wie surrealistisch-suggestiv Himmel und Erde sich hier im Schlafzimmer ein leuchtendes Y-Chromosom aufzustellen, und Elsa gar daran zu fesseln, ist von grotesker Einfalt. Nie sollst du blauen Äther annähern – sie sind ja doch von derselben Art –, darf mich befragen? Mitnichten, die mündige Frau fragt! Selbstver­ unzweifelhaft als Vorzug dieser Aufführung gelten. Auch dass der Schwan – die Verlegenheit einer jeden „Lohengrin“-Inszenierung – ständlich lässt sich nachweisen, dass das eheliche Schlafzimmer männlicher Herrschaftsraum per se war, das Problem ist nur: in weißen Quasi-Batman-Umrissen über dem Trafohäuschen des Herrn erscheint, dem göttlichen Blitzableiter, ist eine ebenso ein­ ­Darum geht es hier nicht. Es geht eher um das Gegenteil, wer Ohren hat zu hören – Piotr Beczałas ebenso sanften wie nachdrück­ fache wie plausibel-elegante Idee. Alle bis auf Lohengrin – der erscheint im blauen Anzug – lichen, großartigen Lohengrin – weiß das. Es geht überhaupt nicht um Herrschaft im Verhältnis zu Elsa, sondern um die un­ tragen Flügel auf dem Rücken, Elsa kleine Engelsschwingen, ­König Heinrich müde hängende Libellenflügel. Dies ist eine glückliche Sehnsucht Lohengrins – des Luftwesens, des Engels, des Künstlers – nach Verwirklichung, nach wirklicher Liebe auch sehr schöne Erinnerung daran, dass alle Menschenkinder beschwingt zur Welt kommen, die meisten vergessen bloß um den Preis der Sterblichkeit. //

THEATER DER JUNGEN WELT LEIPZIG

PETER PAN [7 plus] Frei nach James M. Barrie | In einer Bearbeitung von Ulrich Zaum Inszenierung: Jürgen Zielinski Karten 0341.486 60 16 www.tdjw.de


kolumne

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Ralph Hammerthaler

Waldgänger wie Jünger und wir Fürchtet euch nicht: In Strausberg entsteht ein Theater

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  ls Waldgänger bin ich grantig, weil Nachdenken viel Arbeit macht. Führt der Weg ins Theater, bin ich noch grantiger als im Wald. Weil ich selten was höre, das ich noch nicht gehört hab, und darum denke, dass das Theater beim Nachdenken stört. Gru­ schenka sagt, ich soll nicht so grantig schauen, weil sie dann, um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen, umso lustiger sein muss, und das macht mindestens so viel Arbeit wie das grantige Den­ ken. Als ich den Titel der Aufführung auf dem inzwischen blau angemalten früheren Wasserwerk lese, stürzt es mich unerwartet ins grantig Erbauliche, weil so was hab ich noch nie gelesen. Wo alle andauernd nerven mit ihrer 08/15-Weis­ heit „Der Weg ist das Ziel“, ziehen sie in Strausberg nur den Rotz durch die Nase: „Das Ziel ist im Weg“. Wenn du das ernst nimmst, dann haut es dich um. Die Andere Welt Bühne liegt so gut wie im Wald. Strausberg ja, aber eben im Wald, östlich von Berlin. Melanie Seeland wird gleich eine Waldgängerin sein, dann auf der Bühne, wo tatsächlich Bäume stehen, aber jetzt geht sie für mich in den Plattenbau und holt Kaffee, weil die Gastwirtschaft noch nicht existiert. In dem Bau gibt es Wohnungen, Ateliers, Projekte, ich weiß nicht, wofür. ­ Auch Geflüchtete scheinen mitzumischen. Auf dem Gelände hängt alles mit allem zu­ sammen, aber beim ersten Mal blickt man da noch nicht durch. Unter den Füßen jedenfalls erstreckt sich ein Bunker auf zwei Etagen und damit Tausenden von Quadratmetern. Dort unten wollte die DDR, falls im Kalten Krieg der echte Krieg ausbricht, fernmeldetechnisch geschützt kommu­ nizieren. Das hätte bestimmt auch geklappt, wenn es die DDR län­ ger gegeben hätte. Geblieben ist das Versteck, der Bunker, der Wald. Als Melanie den Kaffee bringt, ist für einen Moment alles gut. Gruschenka behauptet, dass es nur ein Theater gibt, in dem ich nicht grantig schaue, nämlich das Thikwa. Sie ist zum Sticheln aufgelegt. Aber vielleicht hat sie recht. Denn die behinderten Per­ former bringen Qualitäten ins Spiel, die sie sich um nichts in der Welt nehmen lassen. Unverhofft treffe ich in Strausberg auf Schafe, im Rücken des Theaters. Eins davon ist behindert, es kann nur auf den Vorderbeinen stehen, und wenn es vorankommen will, muss es den ganzen Körper mit sich schleifen. Das tut es dann auch und schafft es bis zum Zaun, damit ich es streicheln kann. Mit dem Schaf, denke ich, kriegen sie mich. Der bekannte Faschist Ernst Jünger war so viel mehr als nur ein Faschist. Darum wird man mit ihm nicht fertig. In seinem

Buch „Der Waldgang“ skizziert er die Figur des Anarchen. „Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt.“ Er stellt einer idealen Ja- eine ideale Neinstimme gegen­ über. „Das Ja würde für die Notwendigkeit, das Nein für die Frei­ heit stehen. Der historische Vorgang verläuft so, daß beide Mächte, sowohl Notwendigkeit wie Freiheit, auf ihn einwirken. Er entartet, wo eine der beiden Mächte fehlt.“ Von Jünger inspiriert, sind Stück und Aufführung entstanden, in nicht länger als zehn Tagen, weil sie haben in Strausberg nicht ewig Zeit. Inés Burdow und Melanie Seeland spielen zwei anar­ chisch gestimmte Frauen, alles andere als pflegeleicht, sodass man sich nach den Schafen draußen sehnt. Zweimal weist der etwas zu verzagte Abend über sich hinaus. Das erste Mal, als sich Inés über die Empörung empört, Klima, Flüchtlinge, Glühbirnen. Wäre ich Re­ gisseur, einer von der sadistischen Sorte, ich würde Inés bis zur Erschöpfung schimpfen las­ sen. Weil die Wut steht ihr gut. Das zweite Mal dann, als sich Melanie mit ihren langen Dread­ locks in die Bäume schwingt und mit tieri­ schen Lauten in der Natur aufzugehen hofft. Wäre ich Regisseur, einer von der sexistischen Sorte, ich würde wieder und wieder ihren Lust­ schrei einfordern. Weil das Tier steht ihr gut. Paar Tage vorher sind der russische Schriftsteller Anatoli Koroljow und seine Frau Olga in Berlin. Er drückt mir eine Flasche Wodka in die Hand. Gruschenka fragt, worum es in seinem Erfolgsstück geht, das gerade in Moskau läuft. Das hätte sie nicht tun sollen. Weil Anatoli jetzt detailliert Szene für Szene schildert, dann auch noch aufspringt und die Highlights vorspielt. Später gesteht er uns seine Vorliebe für den Deutschen Idealismus. Ja, frag ich mich, wo ist der eigentlich hin? Deutsche Autos sind ja etwas anderes, und deutscher Fußball, ach, reden wir nicht darüber. Paar Tage nachher hätte ich eine Antwort gewusst. Schau nach Strausberg, Anatoli, da triffst du auf Inés und Melanie, die Zug um Zug ihr Theater der Anderen Welt erschaffen, zwei Realidealistinnen. In Strausberg haben wir einen der 30°C-Tage. Trotzdem ist das Theater mit seinen selbstgezimmerten Bänken so gut wie ge­ füllt. Nach der Vorstellung stehen wir draußen in der Dämme­ rung herum, das ewige Bier und die ewigen Zigaretten. Ich schau mir Inés an, dann Melanie. Ich denke: Anatoli, du bist zu früh nach Moskau zurückgeflogen. In „Pikeslust“, der Eröffnungspre­ miere, hat sich Melanie nackt ins Stroh gelegt und ihren Körper üppig mit Blumen und Früchten bedeckt. Diesen Regieeinfall hätte ich selbst gern gehabt. Beim nächsten Waldgang werde ich über die Lust am Naschen nachdenken. //

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Look Out

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Von diesen KünstlerInnen haben Sie noch nichts gehört? Das soll sich ändern.

Mit Wucht Dem Spiel der Freiburgerin Lena Drieschner wohnt eine derart hohe Energie inne, dass es einem den Atem nimmt

L

  ena, du musst ökonomischer mit dir haushalten. Sonst wird der Beruf sehr anstrengend für dich.“ Kritik kann in ihrer positiven Form auch Züge eines Kompliments enthalten. Die Charakterisierung des Regisseurs Gerd Heinz von Lena Drieschners Zeit an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart (2005–2009) huldigt einer besonderen Fähigkeit dieser mitreißenden Schauspielerin: der spielerischen Lust, sich hemmungslos zu verausgaben. Anders formuliert: Diese Künstlerin strahlt Energie aus, und das im Übermaß. Dabei verfügt sie über das Talent, ihre Figuren gedanklich zu entschlüsseln. Unbedingte Hingabe und rückhaltlose Reflexion schließen sich dabei nicht aus. Wie das zusammengeht? Startund Zielpunkt der Schauspielerin Drieschner bleibt immer das Publikum. Es ist ihr wichtig, richtig verstanden zu werden. Das bedeutet keineswegs, Brüche zu vermeiden. Erst wenn ihr Spiel dazu beiträgt, die Intention ihrer Figuren zu klären, offenzulegen, was diese antreibt, kann für Drieschner der Dialog mit dem Publikum gelingen. Für die Schauspielerin besteht die Kunst darin, „Gedanken zu denken, die nicht zwangsläufig die eigenen sind, und diese auch zu verteidigen“. Teamarbeit ist dafür unabdingbar. Gleich mit ihrem Erstengagement am Theater Freiburg ab 2009 fand sie ein Ensemble, das autonom genug war, Stücke nicht nur spielerisch, sondern auch intellektuell und grundsätzlich zu befragen. Drieschners Spiel bedarf des Klangraums mündiger Mitspieler als gleichberechtigter Verhandlungspartner. Unnachahmlich in dieser Hinsicht ihr permanentes Beteiligtsein in Christoph Fricks Freiburger „Schlachten!“-Opus (2017), und das in ganz unterschiedlichen Rollen. Gegen Ende der Trilogie, in „Eddy the King“, verkörpert sie Georgie. Eine Figur, die nicht intellektuell ist, sondern sofort zuschlägt. Lena Drieschner legt in ihrem Spiel die Naivität Georgies offen: Mit voller Pulle verbindet sie reibungsvoll den kindlichen Trotz und die aggressive Unbedingtheit. Bei ihrer Energieleistung ergibt sich die zu spielende Männlichkeit von ganz alleine.

Es verwundert nicht, dass Lena Drieschner eine Spezialistin ist, wenn es um die plastische Darstellung von inneren Verletzungen geht. Ihre Paraderolle am Theater Freiburg war sicherlich die Johanna in Felicitas Bruckers Inszenierung der „Jungfrau von Orleans“ (2012). Drieschner sucht den menschlich nachvollziehbaren Kern der Johanna, wenn sie sich fragt: „Was kann diese Figur so verletzen, dass sie sich gezwungen fühlt, fun­ damentalistisch zu handeln?“ Ohne emotionalen Aufwand ist dieser Weg nicht zu bewältigen. „Reibung“ ist ein Stichwort, das im Gespräch mit Lena Drieschner häufig fällt. Tom Kühnel inszenierte 2017 Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa / Die Mutter“. Im Schlachtfeld der Familie gibt Drieschner die arrogante und großbürgerliche Tochter Anna, „die einzige Figur, die in der Verhinderung stecken bleibt“. Den Schutzwall dieser Arroganz bis zum Schluss aufrechtzuerhalten und gleichzeitig darüber zu staunen, dass die Arroganz ihrer Figur letztlich deren Verletzlichkeit ist – das ­ ­verteidigt Drieschner in ihrem Spiel. In Kühnels Inszenierung findet sie dabei zu einer anderen, körperlich reduzierten Spielweise. Explosion als Implosion – dieses Umlenken von Energie setzt Lena Drieschner zuletzt im jüngst gedrehten Lena-Oden­ thal-Tatort „Vom Himmel hoch“ fort (Regie Tom Bohn; Erst­ ausstrahlung am 18. November). Dort spielt sie die depressive Soldatin Heather Miller und damit die Episodenhauptrolle. Eine Figur, die ihre Gebrochenheit nicht zeigen will und kann. Da ist sie wieder: die Faszination innerer Not, die Liebe auch zu ­Figuren ganz am Rand der Gesellschaft. Eine Liebe, die künstlerische Wege findet, den Kern dessen aufzuschlüsseln, was es zu verhandeln gilt. // Lena Drieschner. Foto Rainer Muranyi

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Bodo Blitz

Lena Drieschner ist am 18. November in „Hanns Kayser auf der Flucht. Eine wahre Lügengeschichte“ des Theaterkollektivs RaumZeit im Theater Freiburg zu sehen.


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Look Out

Scheißspielerinnen Die Schauspielerinnen Anne Haug und Melanie Schmidli befreien sich als Projekt Schooriil vom Chauvinismus des Theaters

  önnen Frauen komisch sein? Das energetische Duo Projekt Schooriil beantwortet diese Frage seit 2013 in seiner Late Night Show an den Berliner Sophiensaelen mit Ja. Die Show genießt in Berlins freier Theaterszene Kultstatus als Reflexionsbude zweier selbsternannter Diven, die mit grimmiger Systematik all jene Zumutungen auf die Schippe nehmen, die ihnen im Berufsalltag begegnen. Anne Haug und Melanie Schmidli lernten sich vor zwanzig Jahren in ihrer Heimatstadt Basel kennen und studierten später gleichzeitig an der Universität der Künste Berlin. Nach einigen Engagements an deutschen Bühnen traten beide den Weg in die Freiheit an. Zu fremdbestimmt waren die Strukturen, es fehlte die Möglichkeit, Intellekt und komisches Talent auszuleben. Als freie Schauspielerin braucht man ein Demoband. Als die beiden in Showreels im Netz stöberten, waren sie von der reproduzierten Klischeehaftigkeit der meisten Inhalte elektrisiert. Absurd stereotype Geschlechterbilder, wohin man sah. Weil der Markt es so will, weil es den Sehgewohnheiten entspricht. Weil es der Norm entspricht. Wer in der Welt der Repräsentation Neues schaffen will, muss sich die Konventionen vorknöpfen, auch in der eigenen Gedankenwelt. Projekt Schooriil wurde geboren: eine virtuos ­authentische Late Night Show, branchen- und genderkritisch. Die beiden „Scheißspielerinnen“ Anne und Melanie, Alter Egos der Macherinnen, stehen während der Show stets im Mittelpunkt. In jeder Show bearbeiten sie ein anderes Thema und nutzen, um den Stereotypen auf die Schliche zu kommen, Fotos und Aufzeichnungen vergangener Produktionen. Hinzu kommen mit dem Videokünstler Kai Wido Meyer produzierte Videoclips. „Krisis“ war das Thema im Januar 2018: Filmstills auf einer Leinwand stimmen beim Einlass auf das Thema ein. Berühmte Schauspielerinnen mit tränenfeuchten Augen: Das ­

Melanie Schmidli (links) und Anne Haug. Foto Kai Wido Meyer

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v­ ertraute Bild der weiblichen Krise, die nun auseinandergenommen wird. Anne Haug und Melanie Schmidli ziehen im großmäuligen Gestus derjenigen, die wissen, wie der Hase läuft, Lehrmeinungen heran, zitieren aus den Biografien berühmter Kolleg*innen, referieren pseudowissenschaftliche Erkenntnisse, differenzieren geschlechtertypisch, was Krise eigentlich ist. Und geraten immer tiefer ins Spiel, bis sie sich über die Schwierigkeit, sich auf den nächsten Termin zu einigen, selbst in eine handfeste Beziehungskrise geschraubt haben. Mit Lust an großen Gesten und Entgleisungen jeglicher Art treiben die beiden ihre Bühnencharaktere an den Rand der Konventionen, sind obszön und albern, jämmerlich und großkotzig. Und je breitbeiniger sie ihr Selbstbewusstsein zur Schau stellen, desto freudiger juchzt das Publikum über die Aneignung, die Persiflage von Chauvigehabe. Subversiv ist diese Methode vor allem, weil sie Sexyness konsequent hintenanstellt. Wahrhaftig wird sie, indem die „Scheißspielerinnen“ ihre realen Bedrängnisse als Anschauungsmaterial in den Kontext der Show einbringen, ohne je aus der Kunstfigur zu fallen. Die Themenfindung, das Texten, die szenischen Erfindungen, alles passiert unter enormem Zeitdruck im engen Dialog, bis als nächstes ausprobiert und arrangiert wird, oft bis kurz vor Beginn der Vorstellung. Projekt Schooriil ist ein singuläres Format, Live-Lab zweier Schauspielerinnen, die in jeder Folge aufs Neue Darstellungskonventionen befragen und – zwecks Überwindung – mit alternativen Sprech- und Spielweisen experimentieren. Ein stetiger Abgleich zwischen Klischee und Echtleben: Wie zeichnet er sich wirklich ab, der positive Schwangerschaftstest auf dem Gesicht einer Frau ohne Kinderwunsch? Keine Ahnung! Projekt Schooriil lotet es aus in seiner Serie über das Making of Gender Anna Opel auf den Brettern, die die Welt bedeuten. // „Projekt Schooriil – Folge XVI“ ist am 19. und 20. Oktober in den Sophiensaelen Berlin zu sehen.

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Ende der 1920er Jahre setzt Brecht den Bewahrern des kulturellen Erbes die These vom „Materialwert“ der Kunst entgegen. Er verabschiedet die Vorstellung einer überzeitlichen Dauer der Werke und rät, deren einzelne Teile bedenkenlos „herauszuhacken“ für ihre Wiederverwen­ dung in der Gegenwart. Sein Vorschlag betont den Zeitkern von Kunst und zielt auf eine weitreichende Praxis der Wiederholung, Aneignung und Transformation. Diese bisher kaum reflektierte Theorie und Praxis Brechts wird hier rekonstruiert und auf ihn selbst angewendet.

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Recherchen 136 Recycling Brecht Materialwert, Nachleben, Überleben Herausgegeben von Günther Heeg

Heiner Müller – Anekdoten Gesammelt und herausgegeben von Thomas Irmer Paperback mit 112 Seiten ISBN 978-3-95749-121-3 EUR 10,00 (print) EUR 8,99 (digital)

Paperback mit 228 Seiten ISBN 978-3-95749-120-6 EUR 18,00 (print) . 12,99 (digital)

Zehn Jahre IPF! Das Institute for the Performing Arts and Film der Zürcher Hochschule der Künste mit seinen Forschungsschwerpunkten „Performative Praxis“ und „Film“ nimmt im Kontext der Debatte um Forschung an den Kunsthochschulen eine Vorreiterrolle ein. Seit einem Jahrzehnt generiert, initiiert und betreut das IPF Forschungs­ projekte, Veranstaltungs- und Publikationsformate, die einen Dialog zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Verfahren herstellen.

Das Leben kann als eine Aneinanderreihung von „Momenten des Übergangs“ gesehen werden – kleine oder große Begebenheiten, die uns unausweichlichen Veränderungen aussetzen. Die Kuratorin Barbara Raes beschäftigt sich in ihrer Praxis mit der Wie­der­ belebung und Neuentwicklung von Übergangsritualen. Wie können wir den Umgang mit Trauer und Verlust neu lernen?

IPF – Die erste Dekade 10 Years of Artistic Research in the Performing Arts and Film Herausgegeben von Anton Rey und Yvonne Schmidt

Unacknowledged Loss Kunst und Rituale Herausgegeben von HAU Hebbel am Ufer

Paperback mit 216 Seiten Zahlreiche farbige Abbildungen ISBN 978-3-95749-124-4 EUR 18,00 (print) . EUR 13,99 (digital)

Paperback mit 160 Seiten Deutsch/Englisch ISBN 978-3-95749-163-3 EUR 12,00 (print) . EUR 9,99 (digital)

Erhältlich in der Theaterbuchhandlung Einar & Bert oder portofrei unter www.theaterderzeit.de

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/ TdZ September 2018  /

Staatstheater Mainz

18.08.2018

MACBETH Heiner Müller nach William Shakespeare

Regie: Christian Weise

06.09.2018 · Uraufführung RESTLEBEN Jörn Klare Regie: Sebastian Martin

05.10.2018

PREMIEREN 2018/19

Maria Stuart Friedrich Schiller / Dariusch Yazdkhasti (I) Das letzte Parlament (Ghost Story) (UA) Björn Bicker / Brit Bartkowiak (I) Nassim (DSE) Nassim Soleimanpour / Omar Elerian (I) Unterm Kindergarten Eirik Fauske / Grete Pagan (I) Der Ring an einem Abend Loriot / Richard Wagner Im Orbit (UA) / Fall Seven Times (WA) Alexandra Waierstall / Guy Nader, Maria Campos Krawall im Kopf (UA) Felix Berner Le nozze de Figaro Wolfgang Amadeus Mozart / Valtteri Rauhalammi (ML) / Elisabeth Stöppler (I) Bilder deiner großen Liebe Wolfgang Herrndorf / Markolf Naujoks (I) Das Leben ein Traum Pedro Calderón de la Barca / K.D. Schmidt (I)

Hörtheater-Reihe Paul-Johannes Kirschner, Michael Millard (ML) / Anselm Dalferth (I)

A CLOCKWORK ORANGE nach Anthony Burgess

Leonce und Lena Georg Büchner / K.D. Schmidt (I)

Pünktchen und Anton Erich Kästner / Niklaus Helbling (I)

Avis de Tempête (DEA) Georges Aperghis / Hermann Bäumer (ML) / Anselm Dalferth (I)

Nothing (UA) Roy Assaf

Effect (UA) Taneli Törmä

Status (DSE) Chris Thorpe / Jana Vetten (I)

Simon Boccanegra Giuseppe Verdi / Frank Hilbrich (I)

Märchen im Grand-Hotel Paul Abraham / Samuel Hogarth (ML) / Peter Jordan, Leonhard Koppelmann (I)

Sophia, der Tod und ich Thees Uhlmann / Ensembleprojekt

Musikalische Leitung: Stefan Lano · Regie: André Bücker

30.11.2018

DER AUFTRAG Heiner Müller HÄUPTLING ABENDWIND ODER DAS GRÄULICHE FESTMAHL Johann Nestroy

01.02.2019 TRUTZ nach Christoph Hein

der herzerlfresser Ferdinand Schmalz / Mark Reisig (I) Kleiner Mann – was nun? Hans Fallada / Alexander Nerlich (I)

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß Robert Musil / Lucia Bihler (I)

Katja Kabanova Leoš Janáček / Paul-Johannes Kirschner (ML) / Lydia Steier (I)

Die Liebe zu drei Orangen Sergej Prokofjew / Hermann Bäumer (ML) / Joan Antoni Rechi (I)

Komödie mit Banküberfall Henry Lewis, Jonathan Sayer, Henry Shields / Niklas Ritter (I)

03.11.2018 · Uraufführung NOVEMBER 1918 nach Alfred Döblin mit Musik von Stefan Lano

Regie: Christian Weise

LJOD – Das Eis – Die Trilogie Wladimir Georgijewitsch Sorokin / JanChristoph Gockel (I)

Twist (UA) Victor Quijada

Regie: Hasko Weber

Der Bärbeiß – Herrlich miese Tage Annette Pehnt / Jule Kracht (I)

Regie: Enrico Stolzenburg

01.02.2019

WILHELM TELL Friedrich Schiller

Regie: Jan Neumann

03.02.2019 · Uraufführung

EUR PĒ – EINE NATIONALVERSAMMLUNG

Transnationales Projekt von Robert Schuster und Julie Paucker in Anlehnung an die polnische Ahnenfeier des »Dziady« Regie: Robert Schuster

04.02.2019 · Uraufführung

POST-EUROPA

Trilaterales Jugendaustauschprojekt zwischen Polen, Frankreich und Deutschland Regie: Angelika Andrzejewski

30.03.2019

DER GOTT DES GEMETZELS Yasmina Reza

Regie: Swaantje Lena Kleff

04.04.2019

DAS RECHT DES STÄRKEREN Dominik Busch

Regie: Jan Neumann

Weimarer Premiere · 11.05.2019 · Uraufführung ON THE EDGE Performance mit Tanz, Musik und Sprache Regie: Hasko Weber · Choreografie: Andris Plucis

30.05.2019

DREI TAGE AUF DEM LAND Patrick Marber

nach Iwan Turgenjews Drama »Ein Monat auf dem Lande« Regie: Juliane Kann

Freiheit (UA) Guy Weizman, Roni Haver

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SCHAUSPIEL ZWEI

SCHAUSPIEL EI NS DIE SPITZE DER FONTÄNE Schauspiel nach Motiven von Ayn Rand Regie: Daniel Foerster › Premiere Fr, 14.09.2018

EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN Johann Nestroy el Couplets von Stefanie Sargnag izer Schn e Regie: Dominiqu › Premiere Fr, 14.12.2018

LULU – EINE MÖRDERBALLADE Österreichische Erstaufführung The Tiger Lillies nach Frank Wedekind Regie: Markus Bothe › Premiere Fr, 05.10.2018 MARIA STUART Friedrich Schiller Regie: Stephan Rottkamp › Premiere Do, 25.10.2018

DER KIRSCHGARTEN Anton Tschechow Regie: András Dömötör › Premiere Fr, 08.02.2019 GÖTTERSPEISE Österreichische Erstaufführung Noah Haidle Regie: Jan Stephan Schmieding › Premiere Fr, 15.03.2019

VOR SONNENAUFGANG Ewald Palmetshofer DIE REVOLUTION FRISST IHRE nach Gerhart Hauptmann KINDER! Regie: Bernd Mottl DANTONS TOD IN BURKINA FASO › Premiere Sa, 11.05.2019 ner Büch frei nach Georg Regie: Jan-Christoph Gockel SCHÖNE NEUE WELT: FAMILIE 2.0 In Kooperation mit africologneEINE BÜRGER*INNENBÜHNE FESTIVAL ÜBER DAS ZUSAMMENLEBEN › Premiere Fr, 23.11.2018 Regie: Uta Plate › Premiere Sa, 29.06.2019

SCHAUSPIEL DR EI FAKE METAL JACKET Uraufführung Sven Recker Regie: Tom Feichtinger › Premiere Sa, 15.09.2018 ALL DAS SCHÖNE Duncan Macmillan Regie: Cara-Sophia Pirnat › Premiere Sa, 27.10.2018 SCHLAMMLAND GEWALT Österreichische Erstaufführung Ferdinand Schmalz Regie: Christina Tscharyiski › Premiere im März 2019

TRAM 83 Uraufführung nach dem gleichnamigen Roman von Fiston Mwanza Mujila Regie: Dominic Friedel In Kooperation mit dem steirischen herbst › Premiere Fr, 21.09.2018

GESPRÄCHE MIT ASTRONAUTEN Österreichische Erstaufführung Felicia Zeller Regie: Suna Gürler In Kooperation mit dem Institut für Schauspiel der Kunstuniversität Graz › Premiere Fr, 12.10.2018 ERINNYA Uraufführung Clemens J. Setz Regie: Claudia Bossard › Premiere Do, 15.11.2018 ÖSTERREICH, WIR MÜSSEN REDEN … Ein politischer Spieleabend mit Pia Hierzegger & Gästen Regie: Helmut Köpping Eine Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof › Premiere Sa, 08.12.2018

SCHÖNE NEUE WELT: LEONCE UND LENA SUCHEN EINEN AUSWEG EINE BÜRGER*INNENBÜHNE T ÜBER BURNOUT UND BOREOU Regie: Simon Windisch › Premiere im Jänner 2019 DIE MITWISSER Österreichische Erstaufführung Philipp Löhle Regie: Felicitas Braun › Premiere im Februar 2019

MENSCHEN MIT PROBLEMEN, TEILE I BIS III UND JETZT: DIE WELT! / UND DANN KAM MIRNA / NACH UNS DAS ALL Sibylle Berg Regie: Franz-Xaver Mayr › Premiere im April 2019 PFEIL DER ZEIT g Deutschsprachige Erstaufführun nach dem Roman von Martin Amis Regie: Blanka Rádóczy › Premiere im Mai 2019

SCHÖNE NEUE WELT: TRÄUMEN ANDROIDEN VON ELEKTRISCHEN SCHAFEN? EINE BÜRGER*INNENBÜHNE ÜBER DIE ARBEIT AN DER WELT VON MORGEN Regie: Anja Michaela Wohlfahrt › Premiere im April 2019

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LULU – EINE MÖRDERBALLADE The Tiger Lillies nach Frank Wedekind

18.19


Magazin Buntes Utopia Die Sommerszene Salzburg Archipel Performancekunst Das Performing Arts Festival in Berlin Neues Narrativ für das freie Produzieren Das Festival Claiming Common Spaces des Bündnisses der Internationalen Produktionshäuser im HAU – Hebbel am Ufer Berlin Wiederbelebung einer antiken Idee Das demokratische Bühnenexperiment „Staging Democracy“ am Hamburger Lichthof Theater Geschichten vom Herrn H. Theater und Verbrechen Wenn Menschen Geschichte schreiben Eine Hommage an den Regisseur Theodoros Terzopoulos in Delphi Grüße aus Klaustrophobien Der Marstallplan und die „Welt/Bühne“ zeigen fünf Uraufführungen aus fünf Kontinenten Die neuen Freiheiten des Puppentheaters Das Symposium „Aufbruch II“ in Magdeburg Der Schamane Wolfgang Utzt erhält den Ehrenpreis des Brandenburgischen Kunstpreises Zeit der Tintenfische Philippe Parreno entwirft in seiner Ausstellung im Berliner Gropius Bau eine posthumane Zukunft Künstlerische Visionen für die Umwelt Die Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg feiert ihr zehnjähriges Bestehen 48 Stunden Menschenrechte In Bautzen soll eine neue transkulturelle Bürgerbühne Einheimische und Geflüchtete zusammenbringen Der Graf der Wendejahre Zum Gedenken an Winfried Wagner Der Vermittler der Dichter Zur Erinnerung an Fritz Mierau Vom Arbeiter zum Bänker Ein Nachruf auf Hilmar Hoffmann Errettung der Tradition Zum Tod Rolf Tiedemanns Bücher Elfriede Jelinek, Stefan Donath

„Lookout“ von Andy Field bei der Sommerszene Salzburg. Foto Bernhard Müller

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magazin

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Buntes Utopia Die Sommerszene Salzburg mischt weitgereiste Festival-Dauerbrenner mit kleinen Performances im Stadtraum und hat vor allem das lokale Publikum im Blick Wie viele Festivals vor allem auf ihre Außen-

mikroportverstärkte Stimme die prächtigen

Was im Salzburger Stadtraum passiert, hat in

wirkung schielen, wird einem erst als Gast der

Hallen und finsteren Lüste der Kleriker und

diesem gleich einen tollen Mitspieler. Das Salz-

Sommerszene Salzburg klar, die international

Adeligen aus Pasolinis De Sade-Verfilmung

burger Kollektiv gold extra, das sonst vornehm-

bekannte Tanz- und Theaterstars an die Salz-

„Die 120 Tage von Sodom“ herauf – sowie

lich Virtual-Reality-Spiele macht, konnte bei

ach holt und mit lokalen Uraufführungen die

sexualisierte Folterszenen à la Abu Ghraib. ­

seiner „Quiz“-Tour „Stranger Home“ zusätzlich

eigene Stadt erkundet. Das lockt wenig Bran-

­Allein zwischen Leuchtstoffröhren und immer

auf die Gruppendynamik setzen. In einem Bus

che und überregionale Presse an, weil das

weniger bekleidet, verharrt sie in ihrer Perfor-

ohne Ausblick forderten die ungleichen Stewar-

Neue vornehmlich von lokalem Interesse ist

mance passgenau auf dem halben Weg zum

dessen Hella und Renate die Ortskenntnis ihrer

und die Highlights längst anderswo zu sehen

Konkreten. So steckt sie sich würgend die

Fahrgäste heraus und stellten das Leistungs-

waren. So protestiert Marta Górnickas rein

Hand in den Mund, nachdem sie gerade von

prinzip auf den Kopf. Man lernte nette Einhei-

weiblicher Chor in „Magnificat“ seit 2011 ge-

einem Mädchen berichtete, das zum Scheiße­

mische kennen und die Antwort auf die Frage,

gen das traditionelle Frauenbild; und die ge-

essen gezwungen wird, bedient immer wieder

ob in Salzburg mehr Straßen nach NSDAP-­

niale Idee der britischen Künstlergruppe

den vom Text angestachelten Voyeurismus und

Mitgliedern oder nach Frauen benannt sind.

Stan’s Cafe, statistische Größen und Zusam-

hält ihn zugleich auf Abstand.

(Ja, es ist leider wie befürchtet!)

menhänge mit Reiskörnern und -bergen greif-

Bei „Balabala“, einem Gastspiel des in-

Schwerer haben es da lokale Projekte,

bar zu machen („Of All the People in All the

donesischen Star-Choreografen Eko Supriyanto,

die auf einen „richtigen“ Theaterraum ange-

World“), war schon 2005 beim Stuttgarter

kann man als Westler nur raten, was von dem,

wiesen sind, aber – weil kleine alternative

Theater der Welt nicht neu. Dennoch lohnt

was fünf Teenagerinnen sich in einem quasi-

Räume in Salzburg rar sind – in der ARGE­

ein Besuch des kleinen Festivals, das Angela

emanzipatorischen Akt angeeignet haben, sei-

kultur oder dem republic stattfinden, wo vor

Glechner seit 2012 zeitlich und räumlich

nen Ursprung in der Kampfkunst Pencak Silat

allem ihre Schwächen groß wirken. Ein Prob-

nah, aber adrenalintechnisch weitab des

hat oder in javanischen Tänzen, die ebenfalls

lem, das Festivalleiterin Glechner bewusst

Salzburger Festspiel-Klimbims platziert hat.

ausschließlich Männern vorbehalten sind. Die

ist, die ihren Sinn für die Alchemie von Kunst

So schlugen an den zwölf Festivaltagen im

fünf bringen ihre Körper mit angewinkelten

und Raum mit der Verpflanzung der Reis-­

Juni 2018 dreizehn Produktionen ganz un-

Knien und geflexten Füßen in S-Form, kombi-

Installationen von Stan’s Cafe in die Kolle­

aufgeregt Bögen zwischen der Stadt und der

nieren hochstilisierte Handbewegungen mit

gienkirche bewies. Nun passen Kirche und

Welt wie zwischen Tanz, Performance und In-

geballten Fäusten, springen, stampfen und

Statistik schon aufgrund ihres absoluten

stallation. Und wo andere Festivals ihr Rah-

lassen die Pferdeschwänze fliegen. All dies mit

Wahrheitsanspruches gut zueinander. Noch

menprogramm immer weiter aufblähen, über-

einer derartigen Körperspannung, dass man

besser aber ist, dass so im Zentrum Salzburgs

lässt man hier einem Original wie Julius

fast vergisst, dass die Mädchen, die im Früh-

Festivalbesucher, Touristen und heimische

Deutschbauer den Festival-Blog und dem

stücksraum des Hotels wie ihre europäischen

Familienväter gemeinsam auf Kunst stoßen.

tanzwissenschaftlichen Nachwuchs der Mo-

Altersgenossinnen über ihren Handys giggel-

Und auf neue Zusammenhänge zwischen

zartstadt die Einführung in die wichtigsten

ten, keine Profis sind.

Salzburg und der Welt. //

Produktionen. Hier kann man sich prima ausprobieren. Es schaut ja nicht alle Welt zu.

Sabine Leucht

Noch jüngere Laien begegnet man bei „Lookout“, einem Projekt des Briten Andy

In Salzburg – das zeigt die diesjährige

Field, das der auch schon in Lettland, Ägyp-

Eröffnung mit zwei Stücken von Mette Ingvart-

ten und China realisiert hat, indem er Grund-

sen – ist Berlin weit weg. Weshalb die an der

schulkinder vor Ort die Zukunft imaginieren

Volksbühne herausgekommenen Abende, die

ließ. In Salzburg steht man zunächst alleine

die Hauptstadtpresse in Bausch und Bogen

auf der Festung Hohensalzburg und blickt auf

mit der gesamten Dercon-Ära verwarf, ganz

die Stadt, die eine Kinderstimme im eigenen

unbefangen gefeiert werden konnten. Wie die

Ohr da, wo heute zwischen Blechlawinen Tou-

dänische Tänzerin und Choreografin in ihrem

ristenfallen zuschnappen, mit Blumen und

Solo „21 pornographies“ die Spannung zwi-

Spielplätzen bestückt. Und plötzlich hat man

schen sachlicher Beschreibung und obszönem

das Kind zur Stimme neben sich und kann

Inhalt hält, ist hochintelligent – und verstören-

mit ihm über sein buntes Utopia reden. Ein

der, als es jede Illustration sein könnte. Bis ins

schönes Unterfangen, etwa zu gleichen Teilen

schmerzhafte Detail beschwört Ingvartsens

künstlerisch und pädagogisch wertvoll!

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Archipel Performance­kunst Das Performing Arts Festival der freien Szene in Berlin mausert sich zum Mega-Event aus Aufführungen, Netzwerktreffen und Stadterkundungen Augen weit auf und rein ins Getümmel. Das

Abbauzeiten war das PAF auch wesentlich ­

war das Motto beim 3. Performing Arts Festi-

künstlerfreundlicher.

Wir sollten niemals auseinandergehen – Oder doch? „Bolero“ des Kollektivs Richter / Meyer / Marx beim PAF. Foto Ronja Schulz

val (PAF) im sommerlich heißen Berlin. Wer

Für die Zuschauer bestand der größte

gehofft hatte, bei diesem vom Berliner Lan-

Reiz des Festivals darin, die weniger geläufi-

desverband der freien darstellenden Künste

gen Orte aufzusuchen, etwa die Lake Studios

initiierten Festival einen Überblick über die

in Köpenick, die seit 2013 vornehmlich von

nen aus 31 Ländern ein – gab es zudem Touren

gesamte Szene zu erhalten, musste ange-

Tänzern und Choreografen betrieben werden,

durch die Berliner Spielstättenlandschaft,

sichts der Programmdichte und der teils

oder die Bootschafft in Pankow, einer ehema-

Fachgespräche und Netzwerktreffen. Festival-

selbst für hiesige Verhältnisse enormen Dis-

ligen Botschaft, die 2017 zum Atelierhaus

leiterin Janina Benduski, zugleich Vorsitzende

tanzen zwischen den einzelnen Veranstal-

inklusive Pop-up-Theater verwandelt wurde.

des

Bundesverbandes

Freie

Darstellende

tungsorten schnell die weiße Flagge der Über-

Das Programm selbst war sehr hetero-

­Künste, betonte, dass das PAF immer mehr zu

forderung hissen. Bei etwa 140 Produktionen

gen, in den Formen und Ästhetiken wie in der

einem Treffpunkt freier Theaterkünstler aus

an 70 Spielorten – Nord-Süd-Ausdehnung

Qualität. Man konnte überrascht und be-

ganz Europa werde. „Wir haben hier auch die

etwa 20 Kilometer, Ost-West-Ausdehnung

glückt werden, etwa bei der rituellen Melo-

Grundlagen für einen europäischen Dachver-

fast 30 Kilometer – und pro Tag mehr als

nenzerstörungsorgie „Pucie“ der Tanzkompa-

band gelegt. Vertreter aus Deutschland, Öster-

­einem Dutzend Aufführungen allein im Zeit-

nie Sapharide im Kunsthaus ACUD. Man

reich, Schweiz, Spanien, Italien, Dänemark,

fenster von 20 bis 22 Uhr war jeder Versuch,

bekam Einblick in interessante Prozesse,

Schweden, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und

alles erfassen zu wollen, von vornherein zum

etwa beim neckischen Oktopus-Werden der

Slowenien brachten den Zusammenschluss

Scheitern verurteilt.

Gruppe virtuellestheater im Ballhaus Ost:

‚Performing Europe‘ auf den Weg“, erklärte sie.

Dieser Effekt war sogar gewollt. „Es

Eine etwas ungelenke Performance wurde live

Im von Zentrifugalkräften erschütter-

ging uns gar nicht darum, die Berliner Szene

abgefilmt und in der Projektion mit digitalen

ten Europa ist das eine gute Nachricht. Ben-

mit vielleicht 20 ausgewählten Produktionen

Meereswogen angereichert – durchaus eine

duski erhofft sich daraus neue internationale

repräsentativ darstellen zu wollen. Wir wollen

Weiterentwicklung des Live-Films im Büh-

Arbeitsbeziehungen und Lerneffekte. Das

nicht kuratieren, sondern die gewachsene

nenraum. Manchmal stieß man auch auf selt-

Selbstverständnis von frei und unabhängig

Bandbreite an Arbeitsweisen und Ästhetiken

sam beseelte Menschen, die aus Aufführun-

erhielt schon jetzt durch die osteuropäischen

aufzeigen. Und wir möchten die Vielfalt der

gen kamen, die man selbst verpasst hatte.

Vertreter eine neue Prägung. „Sie sagten uns:

Produktionsorte und Spielstätten sichtbar

Die „hausratsmusik“ des musiktheater bruit!

‚Frei bedeutet, dass kein Regierungsvertreter

machen“, erklärt PAF-Programmkoordinato-

im Ballhaus Ost war solch ein Beseelungsfall.

in einem der Entscheidungsgremien des

rin Susanne Chrudina. Die räumliche Vertei-

Oft allerdings wunderte man sich über die

­Theaters sitzt‘“, berichtet Benduski. Das Ber-

lung stellte dann auch den größten Unter-

Chuzpe, mit der noch unausgereifte Produk­

liner HAU wäre nach dieser Definition unfrei:

schied zum Vorgängerformat 100° dar,

tionen einer Öffentlichkeit zugemutet wurden.

Aufsichtsratsvorsitzender

welches weitgehend von den großen Spiel-

Das PAF bestand aber auch aus Sub-

sekretär Torsten Wöhlert.

stätten HAU, Sophiensaele, Theaterdiscoun-

Festivals wie der Nachwuchsplattform „Intro-

Das nächste PAF soll vom 28. Mai bis

ter und Ballhaus Ost organisiert worden war.

ducing“ und der „Diagonale“, einer Art Messe-

2. Juni 2019 stattfinden. Die Festivalleitung

Im Unterschied zu 100° mit seinen Fest­

präsentation tourfähiger Produktionen. Für die

wird erstmals neu ausgeschrieben.//

legungen auf Raum und maximale Spieldauer

auswärtigen Fachbesucher – insgesamt schrie-

sowie den knapp bemessenen Auf- und

ben sich nach Veranstalterangaben 830 Perso-

ist

Kulturstaats­

Tom Mustroph


magazin

/ TdZ  September  2018  /

Neues Narrativ für das freie Produzieren Beim Festival Claiming Common Spaces im HAU – Hebbel am Ufer Berlin zieht das Bündnis der Internationalen Produktionshäuser eine positive Bilanz Frauenpower im Wandel der Städte – „Corbeaux“ von Bouchra Ouizguen und der Compagnie O beim Festival Claiming Common Spaces. Foto Dorothea Tuch

Seit der Spielzeit 2016/17 gibt es das Bünd-

darauf hoffen, dass sie bewilligt werden. Jetzt

nis der Internationalen Produktionshäuser.

können wir viel nachhaltiger mit Themen wie

Gebildet wird es vom FFT Düsseldorf, HAU

Migration, Geflüchtete, Ökologie oder Stadt-

Hebbel am Ufer (Berlin), HELLERAU – Euro-

umbau umgehen“, beschreibt Kampnagel-

päisches Zentrum der Künste (Dresden),

Intendantin Amelie Deuflhard die neuen

Kampnagel (Hamburg), Künstlerhaus Mou-

­Horizonte. Stefan Hilterhaus vom Post-Berg-

sonturm (Frankfurt am Main), PACT Zollver-

bau-Performancestandort

Zollverein

HAU. Das hatte den Wandel der Stadt als The-

ein (Essen) und tanzhaus nrw (Düsseldorf).

sieht

„Arbeitszusammenhänge,

ma. Gentrifizierung gibt es an allen Orten, die

Gefördert wird es mit insgesamt zwölf Millio-

Allianzen und Wirkungsräume mit Partnern ­

Grade sind aber anders. Aus Düsseldorf, gleich

nen Euro von der Bundesbeauftragten für

aus dem sozialen und wissenschaftlichen

doppelt im Bündnis vertreten, kam zudem das

Kultur und Medien.

­Bereich“. Für diese seien „eine kurzfristige

Projekt „Stadt als Fabrik“ – eine längere,

Kulturpolitisch ist das Bündnis ein

Zusammenarbeit, das klassische spielzeit­

wenngleich in Berlin eher auf der Wikipedia-

Novum. Denn erstmals finanziert der Bund ­

gebundene Projekt, meist weder attraktiv

Oberfläche präsentierte Auseinandersetzung

substanziell und direkt freie Strukturen. Bis-

noch sinnvoll“, erklärte er. Die Folge können

mit der zukünftigen Stadt aus der Perspektive

lang geschah dies allenfalls projektbezogen

neue Formate sein, seriell bearbeitete The-

von Lieferketten und Logistikunternehmen.

und meist über die Kulturstiftung des Bun-

men und Projekte, die nicht nur einfach

Eine andere Schnittmenge führte zum

des. Zwar entsprechen die zwölf Millionen

durch die Städte touren, sondern sich in jeder

Aufbau der Akademie für Performing Arts

Euro Förderung für die sieben Häuser, ge-

Stadt auch verändern, abhängig von den kon-

Producer. Das Berufsfeld der freien Produ-

streckt auf drei Jahre, lediglich dem Jahres­

kreten Bedingungen.

zenten und Produktionsleiter hat sich in den

neuartige

PACT

etat eines größeren Stadttheaters. Sie sind

Am besten lassen sich die Möglichkei-

letzten 15 Jahren als Treiber der Professiona-

dennoch ein Hinweis darauf, dass der Struk-

ten des neuen Bündnisses mit einem Ver-

lisierung der Szene herauskristallisiert. Pro-

turwandel in den darstellenden Künsten auf

gleich zum alten Kooperationsnetzwerk der

duktionsleiter und Produzenten sind an der

Bundesebene immer mehr Teil der Agenda

Vorgängerinstitution des HAU, dem Hebbel-

Schnittstelle zwischen Finanzierung, Organi-

wird. Sogar im Koalitionsvertrag zwischen

Theater, aufzeigen. Damals ging es vor allem

sation und künstlerischer Mitarbeit tätig. 180

CDU/CSU und SPD findet sich ein Passus

darum, sich mit Partnern wie dem Frankfurter

Anmeldungen erreichte die erste Producer’s

zum Bündnis. Die sieben Häuser haben damit

TAT oder dem Kaaitheater Brüssel auf konkre-

Academy. Die Reihe soll fortgesetzt werden.

zunächst ein besseres Standing bei den poli-

te gemeinsame Projekte mit konkreten Künst-

Das Bündnis selbst auch. Eine neue Förder-

tischen Entscheidern vor Ort. „Die Bundes-

lern zu einigen, diese Projekte dann zu finan-

runde scheint realistisch.

förderung wird in den Kommunen und Län-

zieren und in einem Tourneeprogramm an die

„Im Koalitionsvertrag ist von einer

dern sehr wohl gesehen. Das ist sehr wertvoll“,

beteiligten Orte zu holen. „Jetzt treffen wir

‚Stärkung‘ die Rede. In der Sprache der Poli-

sagt HAU-Intendantin Annemie Vanackere.

uns und schreiben Listen, Listen von The-

tik bedeutet das Fortsetzung mit einer Erhö-

Für die Häuser selbst wird die Arbeit

men, Listen von Künstlern. Daraus bilden wir

hung des Volumens“, sagt Deuflhard optimis-

planbarer. „Wir sind ja allesamt Profis im

Schnittmengen“, erzählt Matthias Pees, Chef

tisch. Statt den aktuell vier Millionen Euro

Schreiben von Projektanträgen. Das bedeute-

des Mousonturms Frankfurt. Das ist ein län-

pro Jahr hält sie im nächsten Zyklus sechs

te aber: Wir haben Geld für ein Projekt. Wenn

gerer Prozess. Aus den Schnittmengen ent-

Millionen Euro für realistisch. Ein Klacks in

wir das Thema danach weiter bearbeiten wol-

stehen dann Programme. Wie etwa das Festi-

der Kulturförderung, ein Katalysator fürs freie

len, mussten wir neue Anträge stellen und

val Claiming Common Spaces im Juni im

Produzieren. //

Tom Mustroph

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Wiederbelebung einer antiken Idee Am Hamburger Lichthof Theater formt sich mit „Staging Democracy“ ein Bürgertheaterprojekt zu einem demokratischen Bühnenexperiment Wer brüllt, hat lange noch nicht recht – Mit „Staging Democracy“ in der Regie von Ron Zimmering untersucht das Lichthof Theater Spielarten der Demokratie. Foto G2 Baraniak

„Bürger an die Macht!“, „Lügenpresse, auf

das sie sich selbstständig einarbeiteten und

die Fresse!“ – 21 Darsteller in Weiß skandie-

daraufhin in fünf Factorys zu Themen wie

ren die gängigsten Demo-Sprechchöre einer

„Wirtschaft und Finanzen“ oder „Verkehr,

politikverdrossenen Zeit. Sie sind Teil von

Stadtentwicklung und Wohnen“ diskutierten.

„Staging Democracy“, einem Bürgertheater-

Die Ergebnisse präsentierten Sprecher der

projekt des Hamburger Lichthof Theaters. Der

Factorys in einer „Demokratischen Sprech-

Abend ist das Ergebnis eines einjährigen Ex-

stunde“ Politikern der Hamburger Bürger-

destheater Detmold mit Laien gearbeitet hat,

periments zum Thema Demokratie, initiiert

schaft, die dazu Stellung nahmen und dis­

wählte für die Umsetzung die Form der Colla-

von der Autorin und künstlerischen Leiterin

kutierten. „Ich fand es wirklich schwierig, mit

ge. „Es gibt chorische Elemente mit Dagruns

Dagrun Hintze.

den Energien umzugehen, die dort aufkamen“,

Texten“, berichtet er von den Proben. „Dazu

Inspiriert hatte sie das Buch „Gegen

erzählt Hintze. „Gemessen daran, dass die

kommen

Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokra-

Hamburger Bürgerschaft ein Feierabend­

­denen das Publikum beteiligt ist, und biogra-

tisch ist“ von David Van Reybrouck. Als Alter-

parlament ist und diese Menschen für eine

fische Passagen vom Bürgerchor. Ergänzt

native zur in die Krise geratenen Demokratie

geringe Aufwandsentschädigung zwanzig Stun­

werden diese Teilaspekte durch die ‚Alltags-

der Wahlen nimmt der belgische Historiker

den pro Woche und mehr diesen Job machen,

experten‘, also Menschen, die etwas aus ihrer

darin die aleatorische Demokratie unter die

halte ich eine solche Aggression ihnen gegen-

Expertise heraus erzählen.“

Lupe, in der das Los entscheidet, wer im Par-

über für komplett absurd.“

partizipatorische

Elemente,

an

Lichthof-Leiter Matthias Schulze-Kraft

lament sitzt. Ein Verfahren, das schon im anti-

Erfahrungen wie diese, aber auch eige-

war von der Idee leicht zu überzeugen, als

ken Athen praktiziert wurde. „Am Morgen der

ne Texte oder Zitate von Herodot und Exper-

Hintze ihm ihr Konzept vorstellte. Sie waren

Trump-Wahl war ich in Dresden“, erzählt Hint-

tenwissen aus Interviews flossen in das am

zuvor schon über eine Form des Bürgerthea-

ze. „Weil ich Angst hatte, auf die Straße zu

Ende dieses einjährigen Prozesses entstande-

ters im Gespräch gewesen und bei Hintzes

gehen und auf feiernde Menschen zu treffen,

ne Stück mit ein. Befragt wurden unter ande-

Konzept zu „Staging Democracy“ überzeugt,

dachte ich mir: Ich muss jetzt sofort was ma-

rem Kaja Harter-Uibopuu, Historikerin für

damit den idealen Inhalt dafür gefunden zu

chen. Und da ich viel mit partizipativem Thea-

Alte Geschichte und Expertin für das Losver-

haben. Und das Experiment geht auf. In sieb-

ter beziehungsweise Theater zu politischen

fahren der aleatorischen Demokratie, sowie

zig Minuten erlebt das Publikum, das an drei

Themen beschäftigt bin, kam ich auf die Idee,

ein Schöffe – ist die ehrenamtliche Richter-

Seiten der Spielfläche sitzt, einen Parforceritt

mit den Mitteln dieser Form von Theater die

position doch das einzige Amt der heutigen

durch politische Systeme, stimmt immer wie-

Demokratie selbst in den Blick zu nehmen.“

Zeit, zu dem man per Los ernannt wird.

der zum Fortgang des Abends ab und wird –

Und so wurde interessierten Hambur-

Regisseur Ron Zimmering, der bereits

gern ein politisches Fachgebiet zugelost, in

am Schauspielhaus Hamburg und am Lan-

dem Konzept gemäß – auch teilweise auf die Bühne gelost.


magazin

/ TdZ  September  2018  /

Das alles hat nicht nur einen hohen politischen Anspruch, es ist dabei auch unterhaltsam und exzellent gearbeitet. So darf die Göt-

GESCHICHTEN VOM HERRN H. Theater und Verbrechen

tin der Demokratie persönlich das Wahl- im Vergleich zum Losverfahren erklären. Die Zuschauer üben mit grünen und roten Karten das Prinzip der Abstimmung zu Fragen wie

Dass Theater verdächtig erscheint, ist kein

Nichts wäre dagegen einzuwenden, die Ver-

„Sind Sie in einer Partei?“, „Finden Sie, man

neues Phänomen. Schon dem antiken Phi-

hältnisse im Theater beispielsweise hin-

sollte Demenzkranken das Wahlrecht entzie-

losophen Platon war – vereinfacht darge-

sichtlich der teils dürftigen Arbeitsbedin-

hen?“ oder „Sind Sie schon mal fremdgegan-

stellt – die Kunst der Nachahmung und

gungen, die sich wenig von denen in den

gen?“. Wenn die Darsteller sich in drei Grup-

Verstellung nicht geheuer, sie erschien ihm

Kliniken, der Pflege und den Bildungs­

pen aufteilen und damit die Regierungsformen

geradezu staatsgefährdend. Auch der mo-

anstalten dieses Landes unterscheiden

Monarchie, Aristokratie und Demokratie ver-

derne Aufklärer Jean-Jacques Rousseau

dürften, zu kritisieren. Nur liegt zwischen

körpern, werden politische Grundsätze deut-

hatte keine besonders günstige Meinung

dem kapitalistischen Normalbetrieb – in­

lich: Vor gesellschaftliche Alltagsprobleme ge-

vom Theater, errege es

klusive Ausbeutung, Ent-

stellt, mag die schnelle Entscheidung des

doch schädliche Leiden-

fremdung

Alleinherrschers am effizientesten sein, die

schaften, verderbe die Sit-

Hässlichkeiten – und einer

Legitimation des Publikums beziehungsweise

ten und verherrliche zu-

konformistischen

Volkes bekommt sie dadurch noch lange nicht.

dem das Verbrechen. Nun

bewältigung“ deutschen Typs

und

ähnlichen „Krisen-

Die Entscheidung, mit Marc Aisenbrey

ist es nicht zu leugnen,

im Sinne der „Endlösung“

von der Hochschule für Musik und Theater

dass im Theater Verbre-

durch Vernichtung eben ein

einen Profi für die Chorpassagen zu engagie-

chen dargestellt werden:

Unterschied von Bedeutung.

ren, zahlt sich aus. Klar, rhythmisch und ex-

Mord, Totschlag, Intrige,

zellent gearbeitet, kommen so die starken

Erpressung,

Texte von Hintze ebenso zur Geltung wie eine

Täuschung

vieles

Mord – davon dürfte man

Passage von Herodot oder gebrüllte Parolen.

mehr sind in zahlreichen

sowohl im Stadttheater als

Die persönlichen Erfahrungsberichte der Dar-

Bühnenwerken zu sehen.

auch bei Produktionsfirmen

steller belässt Zimmering im Erzählton, ohne

Ob jedoch die Darstellung

inszenatorisch stark einzugreifen. So behal-

der Übertretung gesellschaftlicher Normen

gehen können. Fraglich ist dann aber, war-

ten die Laien ihren natürlichen Sprachduktus

auf der Bühne selbst eine solche Übertre-

um dieser Unterschied in einer Weise ver-

und bleiben authentisch. Am Ende verbeugen

tung sei – und damit auch zu ahnden wäre –,

wischt

sich die erhitzten Darsteller vor einem eupho-

ist höchst zweifelhaft, auch wenn sich in

Abschaffung des Stadttheaters zurzeit erste

rischen Publikum, das unter den Sitzen

letzter Zeit die Stimmen mehren, die dieser

antifaschistische Bürgerpflicht wäre. Und

gleich noch eine Anleitung für künftige ge-

Meinung anhängen. Dass das Theater aber

es ist zumindest irritierend, dass solcherlei

sellschaftliche Beteiligung vorfindet.

als solches ein Verbrechen sei, ist eine Be-

Invektiven gegen das Theater aus ihm selbst

hauptung, die noch einen Schritt weiter-

kommen – im Gegensatz zu den Philoso-

geht.

phen Platon und Rousseau. Dass außerdem

„Staging Democracy“ ist ein Experiment, das sich lohnt und ganz im Sinne des

Ein Arbeitsvertrag im Bühnenbusiness

Nötigung, und

ist

kein

erfolgreicher Regisseure aus­

wird,

der

nahelegt,

dass

die

Lichthof Theaters steht, das längst eine Insti-

Als Milo Rau beim diesjährigen Thea-

in Raus Genter Manifest, das er vor Antritt

tution in der freien Szene Hamburgs ist. 2017

tertreffen in Berlin die Einladung zu einer

seiner Intendanz am NTGent ver­öffentlichte,

wurde dieses Engagement mit dem Theater-

Laudatio nutzte, das deutsche Stadttheater

die Adaption klassischer Texte explizit ver-

preis des Bundes ausgezeichnet. Ausgewählt

schlicht mit der industriellen Organisation

boten wird, überrascht kaum. Das Theater

wurden „Bühnen, die auf ihre je eigene Art

millionenfachen Mordes in den national­

erscheint – auch ästhetisch – als Verbre-

,Welttheater‘ sind, die ungewöhnliche Koope-

sozialistischen Konzentrationslagern nicht

chen gegen das Leben schlechthin, der

rationen eingehen, mit Mut, Witz, aber auch

nur zu vergleichen, sondern in eins zu set-

Buchstabe als Zwangsmaßnahme gegen

Risiko spielen und so ihre Stadtgesellschaf-

zen, bediente er sich einer fragwürdigen

den Geist. Doch hier liegt der Irrtum: Das

ten mitprägen“, so Kulturstaatsministerin

Wortwahl. Aber nicht nur das: Ebenso frag-

Leben selbst lebt nicht. Jenseits der symbo-

­Monika Grütters. Das Engagement des Licht-

würdig – aber weniger von den bisherigen

lischen Formen wartet nicht die unberührte

hofs überzeugte ebenso wie beispielsweise das

Kommentatoren infrage gestellt – ist das,

Unschuld. Das Theater wäre überhaupt ein

Programm der Berliner Sophiensaele. In der

was er damit auszudrücken gedachte. Denn

Mittel unter anderen, das Leben durch be-

Jurybegründung wurde der Mut zum Experi-

was verbrecherisch genannt wird, soll

ständigen Überschuss des Symbolischen zu

ment hervorgehoben, die Grenzüberschreitung

schlicht nicht existieren. Verbrechen kriti-

steigern. Nicht mehr und nicht weniger

zwischen den Sparten und die Nachwuchs­

siert man nicht, man beendet oder unter-

kann sich das Theater schuldig machen –

förderung. Bleibt zu hoffen, dass ein Ort wie

bindet sie. Dass das real existierende Stadt-

außer man gedenkt, es auf die Müllhalde

dieser weiterhin gefördert wird, um der Ham-

theater nicht das beste aller denkbaren

der Geschichte zu befördern. //

burger freien Szene einen ganz eigenen Denk-

Theater ist, ist hingegen eine andere Frage.

und Spielraum zu bieten. // Natalie Fingerhut

Jakob Hayner

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/ TdZ September 2018  /

Wenn Menschen Geschichte schreiben „Die Rückkehr des Dionysos“ – Eine Hommage an den Regisseur Theodoros Terzopoulos in Delphi

Vor einer atemberaubenden Kulisse aus Ber-

Sie erlaubten uns, einen Blick auf die priva-

gen, sattem Grün, roter Erde und uralten Ge-

ten Prozesse des Schauspieltrainings zu erha-

Ein Ruf, der durch die Stille geht – „Die Frauen von Troja“ von Theodoros Terzopoulos.

steinen im antiken Theater von Delphi, nur

schen. Dabei geht es weniger darum, wie der

Foto Johanna Weber

drei Stunden entfernt von Athen, herrscht

Schauspieler seinen Körper und seine Stim-

Ruhe. Ganz in diesem Sinne strotzt „Die

me verwendet, sondern eher darum, wie er

Rückkehr des Dionysos“, eine Hommage an

oder sie, wie es die Theaterwissenschaftlerin

sche Würdigung menschlicher Verletzlichkeit

den international gefeierten griechischen Re-

Cláudia Tatinge Nascimento formuliert, die

und Verluste stehen dabei als Basis einer

gisseur Theodoros Terzopoulos und dessen

Performance „denkt“. Die Zeugnisse jener

hoffentlich weniger gewaltsamen Politik des ­

dreißigjährige Theaterarbeit, nicht etwa von

Schauspieler, die lange Zeit mit Terzopoulos

21. Jahrhunderts im Vordergrund.

Feuerwerk und ohrenbetäubenden Feierlich-

zusammengearbeitet haben, wie etwa der

Daher könnte die Inszenierung als „ein

keiten. Sie gleicht vielmehr einer Reise zum

Grieche Tassos Dimas und der Italiener Paolo

kollektives Projekt des Widerstands“ und als

Herzen der Stille. In einer globalisierten, mo-

Musio, gaben einen Einblick, wie das Training

Anstoß „in Richtung einer Anthropogeogra-

dernen Kultur, die den Lärm der Medien und

und das Spiel in Terzopoulos’ Theater ihre eige-

fie“ (Derek Gregory) unserer kolonialen Ge-

sozialen Netzwerke, von Werbung und Politik

ne kreative Logik verändert haben. Doch auch

genwart verstanden werden. In solch einem

zu bevorzugen scheint, ist die Stille nicht

bei neuen Schauspielkollegen legte das intensi-

Topos ist Hekabe, die Königin von Troja (ge-

mehr ganz so einfach zu finden. Im besten

ve Training einen künstlerischen Prozess frei,

spielt von Despoina Bebedeli), ein homo

Fall verursacht sie lediglich Unbehagen; im

der sich mit ihrem individuellen, sozialen wie

­sacer (heiliger Mensch, Giorgio Agamben),

schlechtesten Fall wird sie gefürchtet.

ethnischen Gedächtnis vermischt und sie dazu

der in einer caesura (Zäsur) leben muss, die

anstiftet, sowohl neue Horizonte als auch mög-

von den gewaltigen Strategien der Geopolitik

liche Einschränkungen aufzudecken.

geschaffen wurde – dabei stets, wie die Thea-

In der Kulisse von Delphi jedoch eignet sich die hier herrschende Stille hervorragend für eine Auseinandersetzung mit der Musik,

Doch auch Terzopoulos’ Inszenierung

terwissenschaftlerin Olga Taxidou es formu-

den Skulpturen, Fotografien und Körpern, aus

„Die Frauen von Troja“ im antiken Theater von

liert, an der Schnittstelle von Mutterschaft

denen sich diese Hommage an den Regisseur

Delphi, eine Produktion, die 2017 in Paphos,

und Arendt’scher Natalität (laut Hannah Arendt

Theodoros Terzopoulos zusammensetzt. Eine

Zypern, als Teil der Feierlichkeiten zur europä-

kommt mit jeder Geburt ein neuer Eigensinn

komplementäre Sprachlichkeit entsteht, die,

ischen Kulturhauptstadt uraufgeführt wurde,

in die Welt, Anm. d. Übers.). In ihrer agnos­

durch die verschiedenen Beiträge von Akade-

trug zur Hommage bei. In dem internationalen

tischen Trauer erinnert uns Hekabe daran,

mikern und Künstlern ergänzt, schließlich

Projekt arbeitete er mit Schauspielerinnen und

dass, wenn Menschen Geschichte schreiben,

unsere Ohren und Augen erfüllt.

Schauspielern, die aus geteilten Städten wie

sie auch zwangsläufig neue Geografien erschaf-

Ich bin in ganz besonderem Maße je-

Nikosia, Mostar und Jerusalem kommen, aber

fen – und das meist mit Gewalt. In diesem Sinne

nen Schauspielerinnen und Schauspielern

auch aus Syrien und Griechenland. Die Frauen

bejaht „Die Frauen von Troja“ die Mutterschaft

dankbar, die ihr Schweigen hinter der Bühne

in Schwarz durchbrechen die Stille der herben

und schreit nach einer Natalität für das

gebrochen haben, um uns von ihren Erfahrun-

Landschaft, die ihre Trauer widerhallen lässt.

21. Jahrhundert. // Penelope Chatzidimitriou

gen mit Terzopoulos und seiner Schauspiel-

„Die Frauen von Troja“ spielen auf Tod, Leid,

methode zu erzählen. Ihre Berichte, verfasst

Trauer und Kummer in einem gegenwärtigen

Aus dem Englischen von Angelika Meyer-Speer

auf Griechisch, Russisch, Italienisch, Spa-

Kontext des Krieges an.

und Paula Perschke.

nisch, Türkisch, Polnisch, Chinesisch und

Die Inszenierung beruft sich auf Judith

Im Verlag Theater der Zeit erschien 2016 das

amerikanischem Englisch, bereiteten einen

Butlers Begriff des „Prekärseins“. Die politi-

Methoden-Manifest „Die Rückkehr des Dionysos“

Genuss, der zugleich sinnlich wie geistig war.

sche Bedeutung von Kummer sowie eine ethi-

von Theodoros Terzopoulos.


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/ TdZ  September  2018  /

Die Geister, die ich rief, haben einiges zu sagen – „Auf ewig unser Gestern“ von Maria Milisavljević. Foto Konrad Fersterer

Leid in seinen Blicken und füttert die Loopstation mit Schlägen an den eigenen Kopf. Würden diese Blicke nicht fehlen, ginge das Wesen dieses Erfahrungsberichtes ebenso gut in einer reinen Hörfassung auf. Dagegen bringt das, was Rikki Henry aus Susanna Fourniers Sophokles-Überschreibung gemacht hat, die Bühne fast zum Bersten. Die kanadische Theatermacherin führt in „antigone lebt*“ Lebende und Tote, Rave und politischen Diskurs an der Hochzeitstafel der Titelfigur zusammen und mischt das Fatum, das das vor-

Grüße aus Klaustrophobien Der diesjährige Marstallplan kooperiert mit der „Welt/Bühne“ und zeigt fünf Uraufführungen von Autoren aus fünf Kontinenten

christliche Theben lähmte, gehörig auf. Doch statt „einer Frau, die in running sneakers über Leichen geht“, wie sie Fournier beim Schreiben vorschwebte, steht mit Lilith Häßle ein zitterndes Empathie-Monster auf der Bühne. Der schwarze Bühnenkeil von Maximilian Lindner verbindet die einstündigen Inszenierungen, in denen alle Figuren Gefangene der Verhältnisse sind. Bei Zainabu Jallo aus Nigeria sitzen in diesem Gefängnis eine Mutter und ihr erwachsener Sohn, die das Wissen um eine

Bakunin ist eine stoisch anmutende Kampf-

gen außereuropäischer Dramatik präsentierte

befleckte Empfängnis durch einen Geistlichen

maschine, die eine Ex-IBM-Mitarbeiterin mit

(siehe auch TdZ 12/2017). In dieser Spielzeit

und noch manch anderes Geheimnis teilen.

dem anarchistischen Gedankengut seines Na-

folgte (unter Beteiligung der Theaterwissen-

Britta Ender inszeniert „White Elephants“

mensvetters, aber auch mit dem einiger Serien-

schaftler der Ludwig-Maximilians-Universität

mit Oliver Möller, Ulrike Willenbacher und

mörder gefüttert hat. Deshalb gerät in der Sau-

München sowie der Bayerischen Theateraka-

Mathilde Bundschuh als klaustrophobisches

na, in der eigentlich die kapitalistische Stirn

demie August Everding) eine Schreibwerk-

Kammerspiel, in dessen Sprache Sehnsucht

der IBM-Generaldirektorin für Lateinamerika

statt, bei der fünf Autoren aus fünf Kontinen-

und Verachtung ganz nah beieinanderliegen.

gebrandmarkt werden soll, bald einiges durch-

ten fast ein Jahr lang betreut an Kurzstücken

Als reines Sprachkunstwerk hat Franziska

einander. „Bakunin“ ist das witzigste Stück

schreiben konnten. Dieses „chemische Expe-

Angerer Maria Milisavljevićs „Auf ewig unser

beim diesjährigen Regienachwuchs-Festival

riment“, wie es Resi-Chefdramaturg Sebasti-

Gestern“ orchestriert. Ein starkes Stück der

Marstallplan des Münchner Residenztheaters.

an Huber nennt, kreiste inhaltlich um den

Kleist-Förderpreisträgerin über das Gewicht der

Wie René Dumont und Arnulf Schumacher das

Nukleus der Katastrophe, die in einer Welt

Geschichte, der Heimat und der Angst, in dem

alternde Fleisch der vom Uruguayer Theater-

der verschlossenen Türen permanent droht.

Stimmen aus einem Haus an der bayerisch-

Allrounder Santiago Sanguinetti ersonnenen

Pat To Yan aus Hongkong wurde 1977

böhmischen Grenze von einer verschwundenen

Anarcho-Gruftis und Ex-IBMler Margarita und

geboren und hat als ältester der fünf Autoren

„Kleinen“ und jungen Männern erzählen, die

Rosa zu Markte tragen und ihre einstigen

bereits ein gutes Dutzend Stücke auf dem

man „zu Dutzenden“ verlädt. Bald irre wird es

Sponti­abzeichen in den unter grotesken Hänge­

Schreibkonto. Für die „Welt/Bühne“ entwarf

einem im Kopf bei dem repetitiven „So wird

brüsten gut versteckten Speckfalten suchen

er eine postapokalyptische Miniatur für einen

es sein, so war’s gewesen“, das sich zu einem

(„Einen Scheißdreck findet man hier!“), ist ein

sprechenden und einen stummen Darsteller:

finalen Crescendo steigert. Es ist begeisternd

schräger Spaß – bis sich Stefan Schweigerts

„Bis ans Ende ihrer Tage“ torpediert die Fik-

zu erleben, wie sich nicht nur hier alle Schau-

beherzte Inszenierung im Trash verläuft.

tion, dass wir unser Schicksal selbst in der

spieler ins Zeug legen, als stünde nicht das

Das traditionelle Marstallplan-Festival

Hand haben und erzählt davon, wie der Ein-

Spielzeitende, sondern ein neuer Aufbruch vor

des Residenztheaters wurde in diesem Jahr

bruch des Unvorstellbaren in den Alltag Soli-

der Tür. Allein dafür lohnt schon der Besuch

zur „Welt/Bühne – Plattform für internationa-

darität verschwinden lässt. Pauline Fusban

dieses ganz schön finsteren Welterhellungs­

le Dramatik“, die bereits in der Spielzeit

und Max Gindorff fungieren in Mira Stadlers

projektes. //

2016/17 gestartet war und in den ersten vier

Inszenierung als Medien eines universalen

Ausgaben in Zusammenarbeit von Residenz-

Schmerzes. Sie spreizt sich gestisch und ver-

theater und Goethe-Institut szenische Lesun-

bal in die Verzweiflung hinein. Er trägt das

Sabine Leucht

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Die neuen Freiheiten des Puppentheaters Das Symposium „Aufbruch II“ in Magdeburg zeigt, wie sich ostdeutsche Ensemblepuppentheater Räume für die künstlerische Forschung erkämpft haben 2016 versammelten sich die neun

U-Boot,

ostdeutschen

Ensemblepuppen-

Chemnitz gemeinsam mit der freien

theater erstmals, um im Rahmen

Gruppe komplexbrigade entwickelte.

des Symposiums „Aufbruch“ ge-

Das dritte Labor fand in Bautzen

meinsame Strategien gegen ge-

statt; auch hier wurden freie Künstler

meinsam empfundene Nöte zu

vom Ensemble eingeladen und ein

entwickeln. Zwei Jahre später wa-

Prozess

ren beim Folgesymposium erste

künstlerisches Arbeiten eingeleitet.

das

des

das

Figurentheater

Nachdenkens

über

Ergebnisse zu sehen: Ein Labora-

Das klingt zunächst banal.

torienprogramm an den Häusern

Wer aber erlebt hatte, wie die jungen

in Magdeburg, Chemnitz und

Laborteilnehmer ihren eigenen Auf-

Bautzen führte zu interessanten

bruch aus dem festgezurrten Spiel-

ästhetischen Experimenten, Kol-

betrieb ihrer Bühne schilderten, der

laborationen mit freien Künstlern

konnte angesichts der Beschreibung

und auch einem neuen Selbstver-

der gewonnenen Freiheitsmomente

ständnis der e­ inzelnen Ensemble-

nicht anders als tief bewegt sein.

mitglieder. Ein Masterclass-For-

Die Forschungstätigkeit soll

mat mit ­Pup­penspielstudierenden

vertieft, die Masterclasses zweimal Der bessere Ort zum Leben? – „Invisible Lands – unsichtbare Landschaften“ der Gruppe Livsmedlet in Magdeburg.

jährlich durchgeführt werden, blickt

angehenden Schauspielregisseurinnen und -regisseuren von den

Foto Livsmedlet

ter des Puppentheaters Magdeburg,

aus Stuttgart und Berlin sowie

Frank Bernhardt, Künstlerischer Lei-

Universitäten und Hochschulen in

in die Zukunft. Er hatte „Aufbruch“

Salzburg, Hamburg, Berlin und

2016 mit aus der Taufe gehoben.

Hildesheim war ein erster konkreter Schritt,

Sci-Fi-Piraten, zwei Puppenspieler aus Mag-

Perspektivisch plant sein Haus, ein Mittel-

um dem Mangel an puppenspielerfahrenen

deburg und Chemnitz, stehen vor diesen mit

deutsches Zentrum für Figurentheater zu wer-

Regisseuren abzuhelfen. Indirekter Effekt von

Kameras versehenen Kästen und hantieren

den. „Da sollte es auch Platz geben für

„Aufbruch“ waren die Einrichtung einer zwei-

mit Wasser, Objekten und vor allem vielen

Künstler anderer Häuser, die mal drei Wo-

jährigen Residenz für die puppenspielaffine

Reglern. Denn die Regler entscheiden, wel-

chen aus dem Spielbetrieb herausgehen und

Schauspielregisseurin Kai Anne Schumacher

che Bildelemente wann, in welchem Tempo

hier eine Art Residenz erhalten, um etwas

an der Puppenspielsparte in Gera sowie das in

und durch welche Farbfilter gejagt, auf der

Neues auszuprobieren“, meint er.

diesem Herbst im Theater der Jungen Genera-

Projektionsfläche erscheinen. Vier Kästen ha-

Tatkraft spricht daraus, Gestaltungs­

tion in Dresden beginnende Weiterbildungs-

ben Richard Barborka und Tobias Eisenkrämer

wille. Auch das Figurentheater Chemnitz –

programm für Regisseure, die an der Arbeit

vor sich, das bedeutet vier Bildschichten, Vor-

beteiligt an gleich zwei Laboratorien – will

mit Puppen und Objekten interessiert sind.

dergrund, Hintergrund, Spielfiguren, Stim-

das Forschungsformat verstetigen. „Wir an

„Aufbruch II“ erinnerte ein wenig an

mungen. Sie erschaffen so ein ganz neues

den festen Häusern haben doch mehr Freihei-

das Doppelpass-Programm der Kulturstiftung

Puppenspielformat, ein bildmächtiges Theater

ten, Dinge auszuprobieren als die freien

des Bundes, das freie Szene und feste Häuser

mit Objekten und Projektionen. Erste Ideen

Künstler, die von jeder einzelnen Produktion,

zusammenbringt. Der Unterschied ist: Hier

dazu entwickelten beide bereits an der Hoch-

die sie machen, extrem abhängig sind“, sagt

fanden die Anstrengungen ganz aus eigener

schule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in

Spartenchefin Gundula Hoffmann. Ein festes

Initiative und von der Bundesebene völlig un-

Berlin. Dann kam der Ernst, das Theaterspie-

Haus sieht sich als Innovationstreiber! Noch

gefördert statt.

len an den Häusern in Magdeburg und Chem-

überraschender: Das alles ist nicht aus der

nitz. Bezahltes Arbeiten immerhin, nicht die

Not heraus geboren, nicht Folge der Notwen-

ökonomische Unsicherheit der freien Szene.

digkeit, sich dem Förderlatein anzupassen.

Ein Tropfen fällt auf eine Wasseroberfläche. Der Tropfen wird abgefilmt, er wird zum Mond, der über einer Landschaft

Viel Zeit für Experimente bietet der täg-

Nein, es ist Ausdruck des eigenen Willens,

schwebt. Ein Haus ist zu sehen, Figuren be-

liche Spielbetrieb aber nicht. „Aufbruch“ bot

sich zu verändern und neue Horizonte zu er-

völkern die Szenerie. All diese Elemente wur-

den Freiraum dafür. Ebenso für „Tiefsee“, ein

reichen. Revolution in einer weithin unter-

den von zwei Männern an Kästen erzeugt. Die

Gameformat für dreißig Teilnehmer in einem

schätzten Sparte. //

Tom Mustroph


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/ TdZ  September  2018  /

Der Schamane Wolfgang Utzt erhält den Ehrenpreis des Brandenburgischen Kunstpreises 2018

Maske und Ritual gehören zusammen.

Geschichte zu verhindern. Sie trennen

So jedenfalls in der animistisch-magi-

das, was an der Geschichte tot ist von

schen Weltanschauung der Naturvölker.

dem, was noch lebt.

Da gibt es etwa die „Wächter“, die

Ohne die Maske ist moderne

zum Ahnenkult gehören. Sie halten

Kunst überhaupt nicht denkbar. Jenes

Kontakt zu den Toten, mit denen man

Elementare, das ursprünglich ist, ein An-

nur in Frieden leben kann, wenn diese

fang, der weit zurückliegt: Und doch ist

es zulassen. Denn die Toten sind nicht

es auch etwas, mit dem man immer wie-

tot, zumindest nicht so tot, dass sie

der neu anfangen kann. Ursprung und

uns nichts mehr angehen. Eine Steil-

Abstraktion treffen sich in den Masken

vorlage für Heiner Müller, der Theater

von Wolfgang Utzt. Nachdem alle Vor-

immer auch als eine Form der Beerdi-

stellungen abgespielt sind, was bleibt

gungskultur verstand. Und für Wolf-

von ihnen übrig? Sie sind Zeugen jenes

gang Utzts Maskenkunst!

Welttheaters der Geschichte, das auf der kleinen Theaterbühne sein Modell fand:

In dem Film „Die Zeit ist aus

ein Zauberkasten für Schamanen.

den Fugen“ von Christoph Rüter über Müllers Wendezeit-Inszenierung von

Utzt, der mittels Maske die Tragö-

„Hamlet/Hamletmaschine“ am Deut-

dien erkennbar machte – und sie damit

schen Theater Berlin sieht man den

zugleich bannte, der ein inniges Verhält-

Regisseur und seinen Maskenbildner

nis zu den Schauspielern hatte, die er

in Müllers Wohnung auf Campingstüh-

nicht unkenntlich machte, sondern ih-

len (!) vor dem Fernseher sitzen und die Tagesschau kommentieren. Es scheint für sie nichts Lustigeres gege-

nen einen intimen Spielhintergrund für Masken als Mittel der Magie – Wolfgang Utzt in seiner Werkstatt. Foto dpa

ben zu haben als die neuen Masken

das Gesicht schenkte, ist auch nach seinem Abschied vom Theater ein passioniert-witziger Zeichner geblieben. Um

der Macht. Sprachhülsen wie „frei-

sein hinreißend gemaltes und gedichte-

heitlich demokratische Grundordnung“ – die

ton und Robespierre in Alexander Langs

tes Kinderbuch „Das Gürteltier kam nachts um

Campingstühle wackelten bedenklich unter

„Dantons Tod“ für Christian Grashof in einer

vier“ in aller Abgründigkeit genießen zu kön-

den sich vor Lachen Schüttelnden.

Doppelrolle und die von Zygmunt in Friedo

nen, muss man wohl schon einiges an Abschie-

Utzt wie Müller wussten: Die Zeit der

Solters „Das Leben ist Traum“ für Ulrich

den in sich tragen. Denn die Dissonanz der

Politik ist eine andere als die der Kunst. Poli-

Mühe. Gesicht trifft Maske, das heißt: Es wird

menschlichen Natur scheint nur dann erträg-

tik wird zum Material der Kunst. Darum

kompliziert mit der Wahrheit, sie verbirgt sich

lich, wo man über sie zu lachen vermag.

braucht man, um Theater zu spielen, auch

vor dem allzu schnellen Augenschein. Manch-

Da ist etwa der Löwe, der schon keine

die Maske. Utzt war bereits 1960 als Prakti-

mal bleiben auch die Masken als alleinige Zeu-

Mähne mehr auf dem Kopf hat, eher sich

kant ans Deutsche Theater gekommen – er ist

gen gescheiterter Inszenierungen, so die von

lichtendes Haar. Sein Maul ist weit aufgeris-

das Bildgedächtnis dieses Hauses, an dem er

Friedo Solters „Faust Zweiter Teil“ (1983).

sen, er posiert routiniert als wilder Mann.

von 1979 bis 2003 Chefmaskenbildner war.

Alexander Lang und Dieter Mann als Faust und

Dazu lesen wir: „Den Löwen hört man furcht-

Zu seiner letzten großen Produktion am Haus,

Mephisto – was ist uns da entgangen!

bar brüllen, wenn es nicht geht nach seinem

Dimiter Gotscheffs DT-Rückkehr mit „Tod ei-

Masken sind Mittel der Magie – auch auf

Willen.“ Aber wieso wird man den Eindruck

nes Handlungsreisenden“, besuchte ich ihn

dem Theater. Ein Medium zur Selbstdistanzie-

nicht los, dass auch dieses Brüllen nicht

in der Maskenbildnerei. Auf seinem Arbeits-

rung. Erst mit der Maske kommt der Geist ins

mehr ist als ein Pfeifen im Walde? – Im Juli

tisch stapelten sich Bildbände. Gerade war

Gesicht, jener Geist, der so gewaltsam die Jahr-

hat Wolfgang Utzt für sein Lebenswerk den

ein Francis Bacon hinzugekommen. „Zu jeder

hunderte durchweht: die Geschichte. Ohne den

Ehrenpreis des Brandenburgischen Kunst-

neuen Inszenierung schenke ich mir einen

„Albtraum der Geschichte“ zu bannen, so sagte

preises erhalten. //

Bildband“, sagte er. Es müssen über hundert

der Literaturwissenschaftler Frank Hörnigk ein-

sein bei all den Aufführungen, für die er die

mal, sei die Geschichte dazu verdammt, wie-

Im Verlag Theater der Zeit erschien über Wolfgang

Masken am Deutschen Theater schuf. Die

deraufzuerstehen – wie etwa als Hamlets Geist.

Utzt 2010 eine Monografie unter dem Titel

sich mir am tiefsten eingeprägt haben: Dan-

Masken helfen solcherart Wiedergängerei der

„In Masken geht die Zeit“.

Gunnar Decker

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/ TdZ September 2018  /

Zeit der Tintenfische Philippe Parreno entwirft in seiner Ausstellung im Berliner Gropius Bau eine posthumane Zukunft Nicht, dass schon geklärt wäre, was wirklich

oder nicht einen deutlichen Bezug zu seinem

realistisch ist oder was unsere Vorstellung für

Lebenswerk herstellte.

realistisch hält. Seit Erfindung der virtuellen

Thomas Oberender, der die Schau als

Welt wird es nun noch komplizierter, ver-

Teil des mehrjährigen Immersionsprojekts der

schwimmen die längst vereinbarten Grenzen

Berliner Festspiele kuratierte, hat die invasi-

von der Vorstellung dessen, was wahr und was

ven Räume Parrenos als scripted spaces oder

eingebildet ist. Der französische Künstler

auch als „Pararäume“ beschrieben. Auch im

Philippe Parreno mag deshalb Tintenfische,

Gropius Bau wanderte unsere Wahrnehmung

weil diese es nicht nur fertigbringen, die Um-

zwischen vorgegebenen Wänden und den wie

welt auf ihrer Haut abzubilden, sondern mög-

beiläufig angelegten räumlichen Interventio-

licherweise auch später als Imagination zu

nen hin und her. Es schien, als würden wir

reproduzieren. In seiner Kunst taucht dieses

von einer unsichtbaren Kraft durch die Aus-

intelligente Lebewesen immer wieder auf.

stellung gelenkt und in ihren Bann gezogen.

Auch in der Ausstellung im Berliner Gropius

Wie von Geisterhand flogen die Glüh-

Bau war der Tintenfisch, wie viele andere sei-

würmchen auf dem Screen in der Halle vor-

ner Arbeiten, erneut zu entdecken.

bei, öffneten sich die Rollläden an den Fens­

Philippe Parreno, 1964 in Oran (Alge-

tern. Und am Konzertflügel bewegten sich die

rien) geboren, gehört neben Ólafur Elíasson

Tasten von allein. Es schien, als folgte einem

und Pierre Huyghe oder Dominique Gonzalez-

der Klang durch die Ausstellung, bis es nichts mehr zu hören und zu sehen gab.

Foerster zu den innovativsten Künstlern seiner Generation. Seine Ausstellungen werden weltweit gezeigt und erzeugen einen enormen Publikumssog, weil er nicht einzelne Werke, sondern das Ausstellungserlebnis an sich ins

Fließende Choreografie – Philippe Parrenos „Pararäume“. © Philippe Parreno. Courtesy the artist, Pilar Corrias, Barbara Gladstone, Esther Schipper, Foto Andrea Rossetti

In Bewegung gesetzt wurde alles durch die Algorithmen eines Bioreaktors, den der Künstler schon mehrfach zum Einsatz gebracht hatte und den er nun zentral vor aller Augen in der Ausstellung platzierte. Auf der Grundlage

Zentrum seiner Arbeit stellt. Für Parreno sind

von Hefekulturen steuerte dieses maschinelle

Ausstellungen dramaturgische Räume, die einem erzählerischen Ablauf von verschiedenen

annimmt und sich verändert. Im Gropius Bau

„Superhirn“ die einzelnen Abläufe der Ausstel-

Ereignissen folgen. International gefeiert wur-

wurde das erstaunlich wandlungsfähige Werk

lungschoreografie per Zufallsprinzip. Wer sich

de er 2013 mit seiner Ausstellung „Anywhere,

von Philippe Parreno zum ersten Mal einem

darauf einließ, für den entstand eine fiktionale

Anywhere Out of the World“ im Palais de

­größeren Publikum in Deutschland vorgestellt.

Raumerzählung. Einmal in Gang gesetzt, lebten

­Tokyo in Paris, wo er allein ein riesiges Areal

Der Rundgang begann im Lichthof. Ge-

die Mikroorganismen des Reaktors in andauern-

von 22 000 Quadratmetern Ausstellungs­

blendet von einer heißen Sonne, betraten die

der Wechselwirkung miteinander und hielten

fläche für seine traumwandlerischen Raum­

Besucher*innen den mit schwarzem Velours

den Geisterbahnzyklus der Schau am Leben.

inszenierungen nutzen konnte. Auch für die

ausgelegten Eingangsraum. Im Zentrum be-

Parrenos „Paratheater“, wie es Thomas

Turbinenhalle der Tate Modern entwarf er

fand sich ein Wasserbassin, von Parreno als

Oberender auch nannte, deutet eine post­

2016 einen Wahrnehmungsraum, in dem

„Sonic Water Lilies“ betitelt, auf dem sich

humane Zukunft an, die uns nach Meinung des

sich nicht nur die architektonischen Perspek-

kräuselnde Wellen zu sehen waren. An eine

Künstlers bald erwarten wird. Ein dystopisches

tiven von oben und unten verschoben, son-

Landschaft sollte man sich erinnern und auf

Weltbild verbreitet sich hier, ästhetisch aller-

dern auch die Grenzen zwischen künstlich

einem drehenden Rondell verweilen. Man

dings anzuschauen wie die fliegenden Fische

geschaffener und wirklicher Welt auflösten.

nahm hier aus dem Dunkeln wahr, wie der

in der Ausstellung. Es ist die Zeit der Tinten­

Seine Ausstellungen seien jetzt mehr „eine

Künstler bei der Raumkomposition vorgegan-

fische, die keine menschengemachte Welt von

Art animistisches Projekt – etwas, das für alle

gen war. Ähnlich seinen Großinstallationen in

außen brauchen, weil sie ihre eigene haben. //

Zeit, in allem Raum existieren will, das

London oder Paris entwarf er eine Art fließen-

Ute Müller-Tischler

­existiert, ohne lebendig zu sein“, sagt er im

de Choreografie durch die Ausstellungsräu-

Gespräch mit Hans Ulrich Obrist. Man be-

me. Es sollte nichts aus dem Blick geraten,

Das Immersionsprogramm der Berliner Festspiele

zeichne sie auch als einen wachsenden Orga-

absolut kein Element geben, das sich nicht

geht am 26. September mit der Reihe „The New

nismus, der im Laufe der Zeit andere Formen

mit der vorgegebenen Architektur verband

Infinity. Neue Kunst für Planetarien“ weiter.


magazin

/ TdZ  September  2018  /

Künstlerische Visionen für die Umwelt Mit dem Symposium „Kunst. Kultur. Nachhaltigkeit“ feiert die Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg ihr zehnjähriges Bestehen Im hellgrünen Rüschenkleid und mit

Visionen fehlen. Da sieht er die Künstler in

zarten Elfenflügeln kämpft die Elektro-

der Verantwortung.

pop-Sängerin und Performerin Berna-

Auf unterschiedlichen kulturpoliti-

dette La Hengst für eine bessere Welt.

schen Ebenen hat Adrienne Goehler für

Als Klima-Fee mischt die Künstlerin mit

eine Kunst gekämpft, die sich diesen Her-

ihren politischen Songs die Theater­

ausforderungen der Gegenwart stellt. Die

szene auf. Nachhaltige Kunst bedeutet

freie Kuratorin, die Präsidentin der Ham-

für die Initiatorin von Bürgerprojekten

burger Hochschule für bildende Künste

mitreißend präsentierte Gesellschafts-

und Senatorin in Berlin war, geht mit der

kritik. Mit ihrem Chor im Montagscafé

Nachhaltigkeitsdebatte kritisch ins Ge-

des Staatsschauspiels Dresden setzt sie

richt. In deren Fokus stünden vor allem

der (verbalen) Gewalt und dem Rassis-

technische Neuerungen. Ausgestattet mit

mus von Pegida ein positives Lebens­

digitalen Medien, könnten die Menschen

gefühl und Visionen eines friedlichen

heute überall alles wissen – und würden

Miteinanders entgegen.

mitunter immun dagegen: „Gegen diesen Immunisierungseffekt hat die Kunst fragile

Beim Symposium „Kunst. Kultur.

Werkzeuge.“

Nachhaltigkeit“ der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg brachte

Wie wichtig eine politische Kunst in

Bernadette La Hengst die Teilnehmer

der krisengeschüttelten Gegenwart ist,

aus Kunst, Kultur und Wissenschaft so-

zeigten nicht nur die Vorträge. Anhand

gar zum Mitsingen. Den Song „Save the

praktischer Beispiele vermittelten die Ku-

World with this Melody“ hat sie gemein-

ratorinnen Annett Baumast und Iphigenia

sam mit Nick Nuttall vom Klimasekreta-

Taxopoulou, dass nachhaltige Kunst auf

riat der Vereinten Nationen ersonnen.

internationaler Ebene längst viel mehr als ein Schlagwort ist. Mit der Engländerin

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der baden-württembergischen Theaterakademie, die Schauspieler, Regisseure

Bei jedem Wetter – Bernadette La Hengst als Klima-Fee. Foto Christiane Stephan

Alison Tickell hatten sie eine Künstlerin eingeladen, die auf diesem Gebiet wegwei-

und Dramaturgen ausbildet, hat die Lei-

send ist. Seit 2007 berät die englische

terin Elisabeth Schweeger den zweitägi-

Cellistin mit ihrem Projekt „Julie’s Bicycle“ Vertreter der Musikindustrie in Umwelt­

gen Gedankenaustausch initiiert. „Eine klare Haltung zu den Themen,

wert. So wurde auch im Symposium heftig

fragen. Inzwischen arbeitet Tickell mit Thea-

die die Gesellschaft bewegen“, fordert die

gestritten. Die Vorträge der Experten aus un-

tern, Tanzcompanien und Performern in aller

Professorin ihren Studierenden in der tägli-

terschiedlichen Fachgebieten zeigten, dass

Welt, denen sie Umweltaktivisten an die Seite

chen Arbeit ab. An der Akademie in der Klein-

der Kampf um eine nachhaltige Ästhetik eine

stellt. Mit Wissenschaftlern der Universität

stadt nahe Stuttgart finden die angehenden

zentrale Aufgabe der heutigen Zeit ist. Dass

Oxford hat sie Konzepte entwickelt, wie nach-

Theatermacher einen Experimentierraum, der

dabei der Kunst eine zentrale Bedeutung

haltige Kunst auch in der Praxis gelingen

ihnen Horizonte öffnet. Als ehemalige Inten-

zukommt, formulierte der Sozialpsychologe ­

kann: „Es reicht längst nicht mehr, mit Kon-

dantin

ist

Harald Welzer in einer deutlichen These: ­

zerten ein Bewusstsein für den Klimawandel

Schweeger bestens in der deutschen und eu-

„Nachhaltigkeit und ein ökosozialer Umbau

zu wecken“, ist die Künstlerin überzeugt. Da

ropäischen Theaterszene vernetzt. Künstler,

unserer Gesellschaft werden nicht gelingen,

sieht sie dringendere Handlungsfelder. Mit

die an der Akademie unterrichten, lehren

solange man auf ästhetische Strategien ver-

Theaterpraktikern denkt sie darüber nach,

nicht nur das Handwerk. Sie konfrontieren

zichtet, die eine andere Lebensweise und

wie Bühnenbilder aus Abfall oder aus wieder-

die Studierenden mit neuen ästhetischen

-welt vorstellbar und attraktiv machen.“ Der

verwertbaren Materialien gestaltet werden

Formen, die ihnen Freiräume für die eigene

Wissenschaftler ist Direktor von Futurzwei,

können: „Wir müssen umdenken, und zwar

Entwicklung bieten.

einer Stiftung, die alternative Lebens- und

auf allen Ebenen.“ //

des

Schauspiels

Ästhetische

Debatten

Frankfurt

haben

in

Wirtschaftsformen fördert. Aus seiner Sicht

Schweegers Konzept einen hohen Stellen-

krankt die Gesellschaft vor allem daran, dass

Elisabeth Maier

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magazin

ist mög lich 2018.2019 Brecht Leben des Galilei Lund/Ashkenasi Hexen Frayn Der nackte Wahnsinn Sutton Komplize Kafka Amerika Williams Die Glasmenagerie Guareschi/Theobalt Don Camillo und Peppone

/ TdZ September 2018  /

48 Stunden Menschenrechte In Bautzen soll eine neue transkulturelle Bürgerbühne des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Einheimische und Geflüchtete zusammenbringen Lampenfieber kennen die jungen Spieler und

diendichter, der wiederum dem Thespis­

Musikanten kaum. Verwandte, Freunde und

karren, also der Wanderbühne seinen Namen

Bekannte schauen zu, als sie am vorletzten

gab. Sein Domizil hat das Zentrum unweit

Ferientag im August im soziokulturellen Zen-

des Theatergebäudes in einem ehemaligen

trum Steinhaus in Bautzen die Ergebnisse

Laden. „Gräben überwinden“ und „Empathie

ihres Sommercamps präsentieren. Sprech-

erzeugen“ solle diese bürgerbühnenähnliche

theater, Tanz und Musik um-

Theaterarbeit, so Hillmann.

fasst das knapp halbstündige

Das Team um M ­ ichelle Bray

Programm. Es ist zwar nicht mehr

ungewöhnlich,

dass

Schüler verschiedener ethnischer Herkunft gemeinsame Projekte angehen. Die Mi­ schung fällt dennoch auf. Hauptdarstellerin

in

dem kleinen, an das Rotkäppchen-Märchen

angelehn­ten

Theaterstück ist beispiels­ weise die aus Syrien stammende Rafa Takedin. Vor drei

Heinrich/Zipfel Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt Plüschke Mit den Ohren sehen, auf der Nase tanzen Ensikat/Grimm Die Bremer Stadtmusikanten Ratthei Kiwi on the Rocks Drvenkar Magdeburg hieß früher Madagaskar Andersen Des Kaisers neue

Kleider

www.dieblb.de

„Gräben überwinden und Empathie erzeugen soll diese bürgerbühnenähnliche Theaterarbeit.“

ist ausschließlich weiblich und

international

zusam-

mengesetzt. Doch auch hier gilt: Aller

Anfang

Zumindest ­

ist

schwer.

während

der

Sommer­ferien stieß das Vorhaben noch nicht auf die gewünschte Resonanz. Michelle Bray ver­mutet die Hitze und die „Konkurrenz“ an eben diesem Steinhaus als

Jahren erst floh ihre Familie

Ursachen, mit dessen jähr­

nach Deutschland, aber nur

licher Sommerakademie man schließlich kooperierte. Meh­

gelegentlich erinnern sprachliche Uneben­ heiten an ihre ausländische

rere Teilnehmer wirkten ohnehin in beiden

Herkunft. Dieser kleine Auftritt hat eine Vor-

Gruppen mit. Richtig ins Rollen wird der

geschichte im Jahr 2017, als erstmals ein

Thespiskarren erst im September kommen.

Festival unter dem T ­ itel „Willkommen anders-

Man hat schließlich Großes vor. Von einer

wo“ geflüchtete und einheimische Jugendli-

Fragebogenaktion auf dem Kornmarkt war bei

che am Deutsch-Sorbischen Volkstheater

der Vorstellung die Rede, ebenso von einer

Bautzen zusammenführte. Bereits damals im

48-Stunden-Aktion zur UN-Menschenrechts-

Herbst sprach Inten­dant Lutz Hillmann von

erklärung von 1948 und von einer deutsch-

einem „Soziotheatralen Zentrum“, das er

arabischen Frauentheatergruppe. Auch zwei

gründen wolle. Auch er stand unter dem Ein-

Theaterproduktionen soll es geben, eine an

druck der Geschehnisse in Bautzen, als 2016

eine klassische Vorlage angelehnte Arbeit

jugendliche Flüchtlinge von Nazigruppen

und eine freie Stück­entwicklung zu authenti-

­verfolgt wurden und es zu Zusammenstößen

schen Problemen der Teilnehmer. Zudem gilt

zwischen ihnen auf dem Kornmarkt kam. Das

es, einen Sprech- und einen Bewegungschor

Steinhaus diente damals als Zufluchtsort.

zu formieren. In drei Jahren soll sich die

Ein „anderes Signal“ solle von Bautzen

Thespis-Arbeit bewähren. So lange fördert

ausgehen, sagte Hillmann im Juni dieses

erst einmal das Sächsische Staatsministeri-

­Jahres, als das Zentrum einen Namen und

um für Gleichstellung und Integration das

einen Sitz bekam. Thespis heißt es, benannt

Projekt. //

nach einem der ersten griechischen Tragö­

Michael Bartsch


magazin

/ TdZ  September  2018  /

Der Graf der Wendejahre Zum Gedenken an den Volksbühnenschauspieler und Interimsintendanten Winfried Wagner Im sächsischen Sebnitz geboren, erhielt Winfried Wagner eine musikalische Ausbildung bei den Dresdner Kapellknaben, wo er von der Schauspielerin Antonia Dietrich entdeckt wurde. Nach einem Studium an der Theaterhochschule Leipzig folgten erste Stationen in Meiningen und Weimar. 1963 holte ihn Wolfgang Heinz an die Berliner Volksbühne, der er als Ensemblemitglied bis 2006 angehörte. Wagner trat nach vielen Besetzungen bei Benno Besson und Fritz Marquardt in legendären Inszenierungen der wilden Wendejahre auf. In Frank Castorfs „Räubern“ (1990) war er der Graf von Moor, in Andreas Kriegenburgs „Woyzeck“ (1991) der Doktor, in Castorfs Eröffnungsinszenierung „König Lear“ (1992) der Herzog von Albany und nachfolgend, auch dank seines ausgezeichneten Gesangs, eine der unvergessenen Figuren in Christoph Marthalers Dauerbrenner

Volksbühne in den Jahren 1990 bis 1992,

„Murx den Europäer!“ (1993) sowie in Cas-

zunächst in einem Dreierteam, dann als allei-

torfs

Schlacht“

niger Interimsintendant, der in der damals

(1994). Er stellte damit nicht zuletzt eine

„Pension

Schöller:

Die

aufgeheizten Stimmung von Anwürfen und

wichtige Verbindung zwischen dem alten

Verunsicherung einen kühlen Kopf bewahrte

Ensemble und der sich in dieser Zeit neu ­

und die Intendanz Castorfs kooperativ mit

­zusammenfindenden Truppe dar.

Winfried Wagner (1937–2018 ) als Graf von Moor, zusammen mit Henry Hübchen in „Die Räuber“ von Frank Castorf (1990). Foto David Baltzer

vorbereitete. Diese Besonnenheit, oft mit ei-

entdecken. Winfried Wagner starb am 16. Juni

Zu würdigen ist auch Wagners verant-

ner verschmitzt ironischen Note ausgespielt,

2018 in Berlin. //

wortungsvolle Tätigkeit in der Leitung der

war in der Gestaltung vieler seiner Rollen zu

SPIELZEITERÖFFNUNG 27.09.– 06.10.2018

STATE OF THE ARTS U.A. MIT

Thomas Irmer

L E G A N K A MP E

GEL.D MIT PAUL B. PRECIADO, TIANZHOU CHEN, K A MPN A MARLENE MONTEIRO FREITAS / ANDREAS MERK, SYMPOSIUM KRITIK AUSTEILEN – KRITIK EINSTECKEN, [THE FAMOUS] LAUREN BARRI HOLSTEIN, ROYCE NG, GOD’S ENTERTAINMENT

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magazin

/ TdZ September 2018  /

Der Vermittler der Dichter Zur Erinnerung an den Slawisten, Essayisten und Übersetzer Fritz Mierau

Als zu Beginn des letzten Jahrhunderts in

gen überlassen, verendend, hingerichtet oder

Fritz Mierau (1934–2018).

Russland eine mächtige Bewegung die Ge-

in den Selbstmord getrieben, kaum einer der

Foto Anton Maria Storch

sellschaft ergriffen hatte, suchten die Dichter

Dichter überlebte. Was aus deren Vermächt-

ihr nachzuspüren und in ihren Findungen

nis zu nutzen war, wurde benutzt, was nicht

sich gegenseitig zu verständigen. Das Gedicht

zu löschen war, wurde verfälscht.

bei Reclam Leipzig wurden die Gedichte in der

wurde zum ersten Instrument. Im Hören der

Mieraus Arbeit galt der Wiedergewin-

DDR wie in Russland selbst wieder wirksam. Er

Dichter aufeinander entfalteten sich ihre Ge-

nung der Werke und der Lebensstationen dieser

konfrontierte die Leser mit der weiterwirkenden

dichte zu einem vielstimmigen Chor. Fritz

russischen Dichterinnen und Dichter. Gegen-

Vergangenheit in der sowjetischen Führung und

Mierau zählte 31 Stimmen. Mit dem „Wir“,

über einer personell eng mit dem Parteiapparat

eröffnete ihnen den verwehrten Raum einer

das die Partei für den Umbau des Staates

verflochtenen Slawistik an der Humboldt-Uni-

Kühnheit, Schönheit, Freiheit, den die Dichter

einforderte, blieben ihre Stimmen unverein-

versität zu Berlin und der ebenso unter dem

behauptet, gelebt, dem sie ihr Leben zum Opfer

bar. Ihre Strahlkraft löschte Stalin aus. Ge-

Dogma des Sozialistischen Realismus gelähm-

gebracht hatten.

zielt Maßnahme für Maßnahme. Überwa-

ten Literaturwissenschaft, abhängig die Verlage

Im Sommer 1956 las er in Majakowskis

chung, Isolation, Verbannung ausgeliefert, in

und die Rezensenten, scheute er nicht den

Essay „Wie macht man Verse“ die für ihn „er-

den Arbeitslagern Krankheiten, Umnachtun-

Bruch. Durch seine zweisprachigen Ausgaben

lösenden Sätze vom häuslichen Geheimnis des


magazin

/ TdZ  September  2018  /

Versrhythmus: ‚Einen Rhythmus kann sowohl

den, verwandelt die Gegenstände in Gerät,

das Rauschen der sich wiederholenden Bran-

vermenschlicht die ihn umgebende Welt, ­

dung auslösen als auch ein Hausmädchen, das

wärmt sie mit seiner feinen teleologischen

allmorgendlich die Tür zuschlägt, was in

Wärme.“ 1923 folgerte er daraus im Text

Wiederholungen dröhnend durch mein Be­

­„Humanismus und Gegenwart“: „Das Monu-

wusstsein stampft. Und schließlich auch die

mentale der sich ankündigenden Architektur

Vor­stellung von der Erdumdrehung, die bei mir,

ist bedingt durch deren Berufung, die Welt-

wie bei der Vorführung eines rotierenden

wirtschaft einer nach den Intentionen des

Schulglobus, komischerweise unzertrennlich

Menschen entsprechenden weltumfassenden

mit dem An- und Abschwellen des dabei erzeugten Windes verbunden ist.‘ Was ich am Ende ‚welterfahrende

Häuslichkeit‘

nannte, muss ich in diesem

Augenblick

zuerst erlebt haben.“ Die 1965

Zeit

war

gekommen,

nach Russland und Georgien

Häuslichkeit zu orga­

„Was ich am Ende ‚welterfahrende Häuslichkeit‘ nannte, muss ich in diesem Augenblick zuerst erlebt haben.“

aufzubre-

nisieren, durch Ausdehnung seiner häus­ lichen

Freiheit

auf

weltumspannende Maß­ stäbe, durch Anfachen der Flamme seines individuellen Her­des auf die Ausmaße einer das ganze Universum erfassenden Flamme.“ Mierau formulierte es für die Dich­ ter, denen sein Ein­

chen, um Schriftsteller, Zeitzeugen, Arbeitsstätten, Archive aufzu-

satz galt: Es war „ihr häuslicher Umgang mit

suchen, sich des Raumes, der Landschaften,

dem Titanischen, mit dem Aufruhr gegen das

der Gerüche und Gewohnheiten zu versichern.

Gesetz, mit Unmaß, Machtbesessenheit und

Zurückgekehrt, lag seine Ausgabe der Gedich-

Grenzüberschreitung, es war ihr häuslicher

te von Sergei Jessenin vor, die Gorki-Biografie

Umgang mit Umsturz und Terror, der die

folgte. Im November beschloss das 11. Ple-

russischen Dichter an die Spitze der euro­

num des Zentralkomitees der SED drastische

päischen Moderne stellte“.

Reißt euch am Riemen! Es gibt Publikum!*

Der Vermittler der Dichter arbeitete

Maßnahmen in der Kulturpolitik Mierau suchte in der Literaturwissen-

selbst als ein Mittler wie die Dichter – in sei-

schaft seinen „Arbeitsort“. Dabei spielte Ossip

nen Essays antwortete Mierau auf ihre Verse

Mandelstam eine entscheidende Rolle. 1922

mit der eigenen Stimme. Die Essays über sei-

hatte er im Essay „Über die Natur des Wortes“

ne Wegfindungen verstand er als Antworten

einen „inneren, häuslichen Hellenismus“ ent-

auf das, was auf ihn zukam. So arbeitete er,

worfen: „Hellenismus, das ist der Kochtopf,

der Deutschland immer als ein Ganzes ver-

die Ofengabel, der Krug Milch, das ist Gerät,

stand, als Mittler in der DDR, die er nie ver-

Geschirr, die Umgebung des Leibs … Hellenis-

lassen wollte, arbeitete an ihrer Transformati-

mus, das heißt, der Mensch umgibt sich mit

on

Gerät anstatt mit gleichgültigen Gegenstän-

erwarteten und eingeforderten Aufbruchs, um

durch

das

Einbringen

des

einmal

einen Bruch mit der nicht endenden stalinistischen Vergangenheit zu erreichen, arbeitete Mainzer Str. 5 · 80804 München Tel. +49 (0)89 36101947 info@theaterstueckverlag.de www.theaterstueckverlag.de

Stig Larsson

AUF EINEN SPRUNG (2 D, 3 H)

„A shocking parable on the dangers of F. Kathleen Foley, Los Angeles Times rampant capitalism“

daran, dass der Einsatz für diesen Aufbruch nach der Auflösung der DDR nicht in einem Rollback, wie er ihn kommen sah, verschwindet, dass er weiter in Deutschland wirkt. Seine Autobiografie „Mein russisches Jahrhundert“ von 2001 ergänzte er in diesem Frühjahr mit einer Sammlung von Essays zu

*aus: »Champignol wider Willen« von Georges Feydeau Regie und Bühne: Herbert Fritsch Premiere am 24. Oktober 2018

den Dichtern und zu seinem Weg, gab ihr den Titel eines Gedichtes von Anna Achmatowa von 1940 „Keller der Erinnerung“ und setzte als Untertitel „Sprache in Zeiten gelebter Utopie“. Der Aufbruch ist sein Vermächtnis. // Wolfgang Storch

Karten: 030 890023 www.schaubuehne.de

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/ TdZ September 2018  /

Vom Arbeiter bis zum Banker Ein Nachruf auf Hilmar Hoffmann, dessen Konzept einer „Kultur für alle“ Angestellten und Arbeitern endlich die Chance gab, eine Ästhetik des Widerstands zu entwickeln Mit dem Tod von Hilmar Hoffmann ist mir be-

können. Dass da einer nicht nur sprach und

wusst geworden, wie tief mein eigener Kon-

schrieb, sondern eigene Pläne entwarf, Mehr-

flikt mit nahezu allen Kulturdezernenten sitzt

heiten suchte, Finanzquellen auftat und in

und wie grundsätzlich meine Skepsis gegen-

seinen eigenen Einrichtungen Demokratie zu-

über der Kulturpolitik nahezu aller Sozial­

ließ, hat es so und dann nie mehr gegeben.

demokraten sein muss, da Hilmar Hoffmann

Der radikalen Linken war der langjährige

etwas gelebt hat, das ihn so radikal unter-

Frankfurter Kulturdezernent Hoffmann viel-

schied von anderen Kulturpolitikern: Mit der

leicht zu gemäßigt, denn wenn er von allen

Aneignung kultureller Ausdrucksformen, sei

sprach, so waren natürlich auch die Banker

es in Form von Mythen oder Kunst, seien es

und die Vorhöfe von Kronberg und Königstein

Bilder, Bücher, Musik, Tanz oder Theater,

gemeint, die Orte, an denen die Bourgeoisie

wollte Hilmar Hoffmann das Leben der ande-

in ihren Villen lebte und bis heute lebt. Es

ren, derer auf der Schattenseite, reicher und

waren in seinem Konzept einer „Kultur für

erträglicher machen, selbst wenn der Kapita-

alle“

lismus bleiben und siegen würde. Danach ist

Hilmar Hoffmann wollte Orte schaffen, an ­

keine demokratische Kulturpolitik mehr for-

­denen trotz spätkapitalistischer Produktions­

muliert worden, und das ist eine Crux. So be-

weisen allen die Möglichkeit geboten wurde,

trachtet, war „Kultur für alle“ ein Aneig-

„symbolische Formen“ (Ernst Cassirer) zu

Hilmar Hoffman (1925–2018).

nungs- und Enteignungsverfahren, ein großes

entwickeln und zu verstehen und neue

Foto Frank Rumpenhorst

Projekt, in dem das klassische Bildungs­

­Kulturtechniken zu entwerfen, die es braucht,

bürgertum symbolisches Kapital abzugeben

um ein Leben zu führen, in dem nicht allein

hatte und andere, die Angestellten und

das Brot glücklich macht.

eben

Friedensangebote

enthalten.

Bühnenbild, Schauspielern, Dramaturgie und

Mittelschüler, die Arbeiter mit Bildungs­ ­

Wenn auch das von ihm erdachte

Technik schaffte eine Gleichheit, von dem

bewusstsein, endlich die Chance bekamen,

­Museumsufer in Frankfurt heute in der Erin-

das ensemble-netzwerk bis heute nicht ein-

eine Ästhetik des Widerstandes entwickeln zu

nerung dominiert, so darf nicht vergessen

mal träumt. Entscheidend aber war, dass ein

werden, dass Hilmar Hoffmann in erster Linie

Zentrum Macht abgab, ja abgeben wollte,

ein Mann des Theaters war. Alle Projekte des

selbst, wenn dieses Projekt scheitern würde.

Hans Otto Theater Potsdam

EUGEN RUGE IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS Regie: Bettina Jahnke

Premiere: 22.9.2018

MERLIN VERLAG

21397 Gifkendorf 38 Tel. 04137 - 810529 info@merlin-verlag.de www.merlin-verlag.de

Theaters am Turm waren nur möglich, weil es

Konkret: Der Kulturdezernent einer

einen radikalen Denker im Hintergrund gab.

deutschen Großstadt gab alle Machtkompe-

Das Mitbestimmungstheater in Frankfurt, das

tenzen an den Intendanten Peter Palitzsch

ein Erlass des Kulturdezernenten Hilmar

ab, und dieser trat vom Amt des Intendanten

Hoffmann am Schauspiel Frankfurt erst mög-

zurück, kürzte auch sein Gehalt und schuf ein

lich machte, war eine konkrete Utopie, die in

kollektives Modell. Dieses Modell, das im-

den Theatern nach 1972 nie mehr eingelöst

merhin zwei Jahre hielt, wurde in den Jahren

wurde. Alle Modelle, die sich heute Direkto­

danach als Utopismus abgetan, aber alle, die

riumsmodelle nennen, sind es ja nicht, denn

beteiligt waren – und Zeitzeugen wie der

sie basieren heute auf dem neoliberalen Trip,

­große Dramaturg Karlheinz Braun werden es

dass geschäftsführende Intendanten die bes-

bekunden –, wollen diese Zeit niemals mis-

seren Intendanten seien – die Künstler wer-

sen. Da wurden Gehälter gemeinsam be-

den damit entmachtet. Der Frankfurter Erlass

schlossen, besser noch die Besetzungen kol-

tat das Gegenteil. Das Direktorium aus Regie,

lektiv diskutiert, auch der Spielplan war ein


magazin

/ TdZ  September  2018  /

kollektives Ergebnis. Im Hintergrund Hilmar Hoffmann, beschützend, bewahrend und unangreifbar auch in Zeiten der Frankfurter Christdemokraten wie Walter Wallmann. Hoffmann blieb, und das Museumsufer Frankfurt nahm seinen Anfang. Die Paradoxie der ­Geschichte oder besser die Tragik von Hoff-

Errettung der Tradition Zum Tod des Philosophen und Herausgebers Rolf Tiedemann

manns beruflichem Wirken bestand eher ­darin, dass Joschka Fischer, der Frankfurter Straßenkämpfer, Außenminister wurde, als der alte Mann Präsident des Goethe-Instituts wurde. Genau dieser grüne Minister war es,

Dass das, was einmal treffend gedacht ward,

text+kritik. Seine dort von ihm herausgege­

der dem Außenkulturpolitiker die Mittel strich

nicht in Vergessenheit gerät, erfüllt einzig

bene Reihe „Dialektische Studien“ beschäf-

und Goethe-Institute in Afrika schließen ließ.

den Begriff der Tradition mit Sinn. In dieser

tigte sich weiterhin mit dem kritischen Gehalt

Regie­

Hinsicht war Rolf Tiedemann ein Erretter der

Adornos und Benjamins. Zuletzt widmete er

assistent am Theater angefangen, also ganz

Tradition. Vor allem jener, die mit ihren Pro­

sich dem Werk Goethes, ähnlich der späten

unten, er hat diesen Blick von unten nie

tagonisten Theodor W. Adorno und Walter

Auseinandersetzung Adornos mit Beethoven.

­verlernt; und wenn ich verzweifelt war, durfte

Benjamin aus Deutschland und Europa ver-

ich ihn anrufen, auch wenn ich davon träum-

trieben wurde oder in den Pyrenäen den Tod

blieben

te, einmal das Schauspiel Frankfurt zu über-

fand. Der 1932 in Hamburg geborene Tiede-

Überlassenes bedeutete ihm ebenso Aktuali-

nehmen. Dann telefonierte er mit Herrn

mann studierte in den sechziger Jahren bei

tät, er war kein Verwalter der Tradition, son-

Semmelroth, seinem christdemokratischen ­

den aus der Emigration zurückgekehrten

dern einer, der sie mit Leben zu versehen

Nachfolger, und ich bekam einen Termin.

­Adorno und Max Horkheimer in Frankfurt am

verstand. Das erregte auch die Aufmerksam-

„Mehr wird es aber nicht geben“, sagte der

Main. Seine Dissertation war die erste

keit einiger aus der um fünfzig Jahre später

alte Mann, „er tut es aus Anstand, den Mut

überhaupt zum Werk Benjamins, Adorno –

geborenen Generation. Deren Einladungen

hat er nicht. Seien Sie getröstet, wir leben in

dessen Mitarbeiter und Assistent er geworden

zum persönlichen Austausch musste er in

fantasielosen Zeiten.“ Ja, das tun wir, und

war – schrieb selbst das Vorwort für die Pub-

den letzten Jahren mit Verweis auf seinen Ge-

mit Hilmar Hoffmann hätte ich eine blühende

likation im Hause Suhrkamp. Für denselben

sundheitszustand leider beständig ausschla-

Zeit gehabt, egal an welchem Ort der Welt. So

Verlag übernahm Tiedemann die Herausgabe

gen – immer in Briefform und ausgesprochen

haben wir nebeneinander gelebt und, wenn

der gesammelten Schriften Benjamins und

herzlich. Der 2016 ebenfalls bei text+kritik

wir uns trafen, an den alten Peter Palitzsch

auch Adornos nach dessen Tod 1969. Später

erschienene Band „Grenzsteine. Beiträge zur

gedacht: Wir üben uns im Abgeben von Macht

baute er das Frankfurter Theodor W. Adorno

Kritik der Gewalt“ war der Versuch jener, die

und Positionen, damit das Denken noch freier

Archiv auf und betreute die Herausgabe von

Bedeutung des Älteren zu ermessen; das

werden kann. Hilmar Hoffmann liebte das

Adornos nachgelassenen Schriften. Großfrag-

Buch ist ihm gewidmet worden, ahnend, dass

­offene Wort, wenn man ihn brauchte, war er

mente wie Adornos „Ästhetische Theorie“

jede Tradition derer bedarf, die sie weiterge-

da, wie ein guter Vater, und wenn es nur ein

und Benjamins „Passagen-Werk“ konnten

ben, und dass diese Weitergabe an die End-

Ratschlag sein sollte. Es gibt manchmal

durch seine Arbeit einem breiten Publikum

lichkeit des Einzelnen gebunden – und doch

­keinen Ausweg aus der Klassenzugehörigkeit.

zugänglich gemacht werden.

nicht ganz vergeblich ist. Am 29. Juli ist Rolf

Hilmar

Hoffmann

hat

als

Daher sollte zumindest eine Kultur für alle als

Als Tiedemann dann gegen Suhrkamp

Utopie bestehen bleiben. Diesen Diskurs wird

Partei für die Erben Benjamins ergriff, kam es

er hoffentlich fortsetzen: wie im Himmel so

zum Bruch mit dem Verlag, seine weiteren

Christoph Nix

Schriften erschienen bei der Münchner edition

auf Erden. //

Mythos und Utopie in der Moderne die

Lebensthemen

Tiedemanns.

Tiedemann gestorben. //

Jakob Hayner

Künstlerhaus Mousonturm September 2018

She She Pop Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis 31.8.–2.9. / LIGNA Invasion vom Planet der Affen 12.–15.9. / Kötter/Seidl Land (Stadt Fluss) 15.–17.9. / Amir Reza Koohestani/Mehr Theatre Group Summerless 26. & 27.9. / Swoosh Lieu Who reclaims?! – Ein collagierter Streifzug durch die Raumfrage 27.–29.9. Doris Uhlich Every Body Electric 7. & 8.9. / Other Spaces Great Barrier Reef 22.–24.9. Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main GmbH, Waldschmidtstr. 4, 60316 Frankfurt/Main

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Zeitschrift für Theater und Politik

ER E ND AB SO USG A

EUR 10 / CHF 12 / www.theaterderzeit.de

August 2018 – Sonderausgabe

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Theater der Zeit.

ISBN 9783957491725

9 783957 491725 >

Vorsicht Volksbühne! Das Theater. Die Stadt. Das Publikum.

SONDERAUSGABE 10,00 € (print) / 8,99 € (digital)  Jetzt bestellen: vertrieb@theaterderzeit.de oder www.theaterderzeit.de Die Sonderausgabe der Zeitschrift „Theater der Zeit“ dokumentiert das Symposium „Vorsicht Volksbühne!“ in der Berliner Akademie der Künste: Evelyn Annuß, Anna Bergmann, Amelie Deuflhard, Klaus Dobbrick, Klaus Dörr, Wolfgang Engler, Christian Grashof, Annett Gröschner, Nele Hertling, Ulrich Khuon, Ulrike Köhler, Iris Laufenberg, Klaus Lederer, Thomas Martin, Hartmut Meyer, Thomas Oberender, Frank Raddatz, Hannah Schopf, Esther Slevogt, Staub zu Glitzer (Nils Bunjaku), Kathrin Tiedemann, Klaus Völker.


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Müller+Hess, Borel / Bild: Dan Cermak

14.09.2018 DIE VERFOLGUNG UND ERMORDUNG JEAN PAUL MARATS | 22.09.2018 DER BRANDNER KASPAR UND DAS EWIG‘ LEBEN | 12.10.2018 KASIMIR UND KAROLINE | 26.10.2018 DER WEIBSTEUFEL | 01.12.2018 DOGVILLE | 08.12.2018 HEILIG ABEND | 05.01.2019 AMPHITRYON | 18.01.2019 RAND: STÄNDIG | 02.02.2019 ERNST IST DAS LEBEN (BUNBURY) | 22.02.2019 MYTHOS VOEST | 15.03.2019 DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI | 13.04.2019 IDOMENEUS | 03.05.2019 DER WALD 18.05.2019 EINSAME MENSCHEN

16


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SPIELZEIT DIE

Snap your life! – Die stille Revolution der Digital Natives von Gesine Schmidt / Regie: Yves Hinrichs Uraufführung am 7.9.2018 Fit & Struppi im Reich der Neuen Mitte Text und Regie: Nicola Bremer Uraufführung am 14.9.2018 Die Leiden der Jungen (Werther) nach Johann Wolfgang von Goethe / Regie: Leonie Böhm Premiere am 21.9.2018

Drei Farben von holtschulte / loos / schmitz / vogel Premiere am 7.10.2018 Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann / Regie: Florian Fiedler Premiere am 3.11.2018 Heidi von Johanna Spyri / Regie: Florian Fiedler Premiere am 24.11.2018 Scham von Claudia Tondl / Regie: Ulrike Günther Uraufführung am 30.11.2018 Hier kommt keiner durch! nach Isabel Minhós Martins / Regie: Paulina Neukampf Premiere am 18.1.2019 Salome nach Oscar Wilde / Regie: Stef Lernous Premiere am 25.1.2019 Schaffen – Wer ohne Arbeit ist, werfe den ersten Stein von Technocandy Uraufführung am 8.2.2019 Das Recht des Stärkeren von Dominik Busch / Regie: Florian Fiedler Deutsche Erstaufführung am 7.3.2019 Die Anmut der Vergeblichkeit Konzept und Regie: Franziska Henschel Uraufführung am 5.4.2019 Tod eines Handlungsreisenden von Arthur Miller / Regie: Babett Grube Premiere am 12.4.2019 FlediMan und die Jungs von der Zeche – eine Heldenrevue Text und Regie: Nora Abdel-Maksoud Uraufführung am 24.5.2019 Tigermilch von Stefanie de Velasco / Regie: Babett Grube Premiere am 5.6.2019 Der Verein – Hobby als Widerstand Konzept und Regie: Demian Wohler Uraufführung im Juni 2019 irgendwo in Oberhausen

2018/2019

Bernarda Albas Haus von Federico García Lorca / Regie: Jan Friedrich Premiere am 5.10.2018


STADTTHEATER GIESSEN

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Spielzeit 2018/2019

LZ SPIE

EI

Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

9 8_ 1 1 0 T2 piel sssch cchhaaaus uusspiel pie l

Großes Haus

JOHNNY BREITWIESER (DE)

Thomas Arzt | Jherek Bischoff | Malte C. Lachmann | Udo Herbster

ROMEO UND JULIA

William Shakespeare | Katrin Hentschel | Jósef Halldórsson | Michaela Barth

CAPITALISTA, BABY!

nach „The Fountainhead“ von Ayn Rand Katharina Ramser | Michael Böhler

ORLANDO

Virginia Woolf | Thomas Krupa | Monika Gora | Mark Polscher

VILLA DOLOROSA

Rebekka Kricheldorf | Thomas Goritzki | Heiko Mönnich

WILLKOMMEN (WA)

Lutz Hübner | Sarah Nemitz Cathérine Miville | Lukas Noll | Teresa Pešl

RIO REISER – KÖNIG VON DEUTSCHLAND (WA)

Heiner Kondschak | Christian Lugerth | Sascha Bendiks | Udo Herbster

taT-studiobühne

PANIKHERZ

Benjamin von Stuckrad-Barre | Jan Langenheim | Thies Mynther

KURZE INTERVIEWS MIT FIESEN MÄNNERN David Foster Wallace | Christian Lugerth | Lukas Noll

RIO BAR

Ivana Sajko (auch Inszenierung)

DIE VERWANDLUNG Franz Kafka | Christian Fries

EINE SOMMERNACHT (WA)

David Greig | Gordon McIntyre | Klaus Hemmerle | Ralph Zeger

Kinder- und Jugendtheater

JUPP – EIN MAULWURF AUF DEM WEG NACH OBEN Gertrud Pigor | ab 6 Jahren Christian Lugerth | Udo Herbster | Thomas Döll | Marcel Rudert

WOLLI UND DAS KNÄUEL (UA)

Stückentwicklung | ab 3 Jahren Roman Kurtz | Denise Schneider | Ahmad Nasir Formuli

ICH HEISSE BEN!

Anna Panduro | ab 10 Jahren | Abdul-M. Kunze | Lukas Noll | Imme Kachel

HIMMEL UND HÄNDE (WA)

Carsten Brandau | ab 4 Jahren | Lukas Goldbach | Alexej Paryla

DER DICKSTE PINGUIN VOM POL (WA)

Ulrich Hub | ab 4 Jahren | Abdul-M. Kunze | Thurid Goertz

DAS ORANGENMÄDCHEN (WA)

Martin Lingnau, Christian Gundlach, Edith Jeske nach Jostein Gaarder

r at e he ter t k r a si the at e mutushiekater thaeter m z ik n s u e a m tzth t antzatnh

weitere Wiederaufnahmen und zusätzliche Informationen unter

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STG Theater der Zeit.indd 1

25.06.18 12:17

Schauspiel Der Neurosen-Kavalier | Premiere 13. Oktober 2018 Quartett | Premiere 27. Oktober 2018 Die Schneekönigin | Premiere 24. November 2018 Ach du heiliger Bimbam! | Premiere 02. Dezember 2018 Revanche | Premiere 19. Januar 2019 Auf hoher See | Premiere 16. Februar 2019 Der kleine Horrorladen | Premiere 02. März 2019 The Walking Z (UA) | Premiere 23. März 2019 Der Kommissar verschwindet (UA) | Premiere 12. April 2019 Die Räuber | Premiere 11. Mai 2019 | Sommertheater Vier Fäuste für ein Halleluja Premiere 29. Juni 2019 | Sommertheater Waldbühne Jonsdorf

Musiktheater Das Glück kennt nur Minuten | Premiere 15. September 2018 Eine Nacht in Venedig | Premiere 29. September 2018 Der Barbier von Sevilla | Premiere 17. November 2018 Liebesgrüße aus Muskau | Premiere 07. Februar 2019 Sunset Boulevard | Premiere 30. März 2019 Fidelio | Premiere 11. Mai 2019 Die Dreigroschenoper | Premiere 22. Juni 2019 | Sommertheater

Konzert Junge Konzertreihe Hexenritt & Drachentöne | monatlich ab dem 09. September 2018 Philharmonische Konzerte 7 unterhaltsame Konzertprogramme | ab dem 08. September 2018 41. Weihnachtskonzert O du gnadenreiche Zeit | ab dem 01. Dezember 2018

Tanz Wunderland–Wie nächtliche Schatten | Premiere 26. Januar 2019 Wovon man nicht sprechen kann | Premiere 01. Juni 2019

www.g-h-t.de


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magazin

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Worte und Gesten – „Eine Partie Dame“ ist Jelinek light, hier die Schriftstellerin in einem Wiener Café. Foto dpa

schen Genres oszilliert, sie fühlt sich offensichtlich wohl in dem Spiel von Ironie und Klischee. Sie nimmt das Drehbuch als eine Form des Erzählens, und es wird viel über Blicke und Gesten kommuniziert, auch in Posen. Auch wenn Boldt und Wietz mit verschiedenen TV-Sendern verhandelten, Jelinek hatte immer einen großen Kinofilm im Sinn. Was Andzrej anging, dachte sie an John Cassavetes oder Ben Gazzara, zwei Schauspieler mit einem Method-Acting-Hintergrund. Als Cassavetes und Gazzara außer Frage waren, wollten es die Produzenten mit Serge Gainsbourg versuchen. „Er ist die einzige Figur, die sich vollkommen locker und selbstverständlich bewegt, und das haben die Deutschen noch nie gekonnt, das kann selbst ein drittklassiger Ami noch besser“, so Jelinek.

Wurschtigkeit und Düsternis

mancher TV-Redakteur war interessiert, aber

Ein polnischer Jid, sagt Andzrej von

nicht genug. Vielleicht war man mehr interes-

sich selbst, „eine fast ausgestorbene Rasse,

Andzrejs Lokal im 1. Bezirk von Wien ist der

siert, damals, Anfang der Achtziger, am jun-

wenn auch nicht ganz freiwillig ausgestor-

Mittelpunkt dieser Geschichte „Eine Partie

gen deutschen Film mit politischer Botschaft,

ben“. Und Jelinek fügt gleich an, für den Ton-

Dame“, die Elfriede Jelinek als Drehbuch ge-

etwa „Die bleierne Zeit“ von Margarethe von

fall dieses Satzes, in Klammern: „leichthin,

schrieben hat, Anfang der Achtziger. Der Mit-

Trotta. Im Archiv der Produktionsgesellschaft

ohne Schwere!“. In einem Interview nach

telpunkt der Stadt. Andzrej Weintraub, „ein

dem Nobelpreis sagte sie: „Meine Lebenstra-

polnischer Jid“, mittleres Alter, Einzelgänger,

gödie ist, dass man in Deutschland die Juden

selbstbewusst, umgänglich, großzügig, stellt

ausgerottet hat und es dieses jüdische Bio-

sich auch mal an den Herd. Ein kommunistischer Idealist, der elektronische Produkte an die DDR verkauft. Manchmal kann er auch sehr brutal sein. Andzrejs Lokal ist der Treffpunkt der Wiener Migranten, Reste des habsburgischen Vielvölkerstaats, Tschechen, Polen, Franzosen, alte Spanienkämpfer. Und Huren, einige

Elfriede Jelinek: Eine Partie Dame. Hg. von Wolfgang Jacobsen und Helmut Wietz. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 189 Seiten, 15 EUR.

top, diesen Witz, den ich von meinem Vater hatte, nicht mehr gab.“ Lisas Liebe ist womöglich am Ende gar nicht so verrückt und obsessiv, es steckt auch eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit darin, zugehören zur Stadt und ihrer Welt. Jelineks Drehbuch ist ein Porträt von Wien, seiner Mischung von Wurschtigkeit, Laisser-faire, allgemeiner Düsternis. Es gibt Echos aus dem

unter ihnen studierte. Es gibt in diesem Lokal

Nachkriegswien in diesem Buch, das der Film

eine Mischung aus Stammtisch, Erinnerung, Common Film wurden eine erste und eine zwei-

„Der dritte Mann“ beschwört. Es ist eine ge-

Aber dann verliebt sich Lisa in Andzrej,

te Fassung des Jelinek-Scripts (gedruckt ist die

bremste Dynamik in dieser Geschichte, in

sie ist Studentin der Theaterwissenschaft, ir-

zweite) sowie Briefe und Dokumente zur Pro-

dieser Stadt, „wie jähe Bewegungen in einem

gendwie mit dem Kommilitonen Klaus zu-

duktionsgeschichte aufbewahrt. Der Herausge-

Sumpf“. //

sammen, der nicht von ihr lassen will, auch

ber Wolfgang Jacobsen von der Deutschen Ki-

als Lisa immer eindeutiger zeigt, dass sie

nemathek in Berlin stellt sie im Nachwort dar.

Debatten, heftigem Streit.

Andrzej unbedingt haben will. Eine Amour ­ fou, aber eher läppisch.

Das Buch ist Jelinek light, das ist unbedingt positiv gemeint. Das Drehbuch ist das

Fritz Göttler

Kraft ohne Macht

Einen geradlinigen Genrefilm hat Jeli-

leichteste literarische Genre, leichtfüßig und

Elfriede Jelinek ist wütend. Nicolas Stemann

nek geschrieben, und gemeinsam mit dem

leichtfertig. Es propagiert seine eigene Vorläu-

ist wütend. Und auch die Band Kraftklub be-

Regisseur Rainer Boldt, der voriges Jahr

figkeit und Nichtabgeschlossenheit, es fordert

singt zynisch die Wut all derer, die hände­

starb, und dem Produzenten Helmut Wietz

die imaginative Arbeit der Leser, Regisseure,

ringend auf der Suche nach einem Sünden-

hat sie versucht, die Verfilmung des Buchs zu

Schauspieler und technischen Mitarbeiter.

bock sind: „Eins ist klar, so kann das nicht

organisieren. Die Finanzierung klappte nicht,

­Jelinek hat immer gern zwischen den literari-

weitergehen mit dem Land. Vertraue nicht


bücher

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an einer Frage ab und durchleuchtet diese in Stefan Donath: Protestchöre. Zu einer neuen Ästhetik des Widerstands. transcript, Bielefeld 2018, 482 Seiten, 34,99 EUR.

Bezug auf aufsehenerregende Ereignisse der Vergangenheit wie die Protestaktionen rund um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 oder den Arabischen Frühling: Inwiefern vermag das Chorische politisch zu sein? Anders formuliert: Ist nicht gerade das Chorische heute ein adäquates Ausdrucksmittel, um der eigenen Wut ausreichend Luft zu machen? Es ist die ganz „bewusste Zurschaustellung von Wut“, die den Zuschauer „sinn-

dem Staat, nimm es selber in die Hand.“

lich zu affizieren, anzustoßen, zu erschüttern

Wutbürger, Wutkonzerte, Wutchöre – was

und im besten Fall politisch zu mobilisieren“

nach Gedankenfiguren à la Elfriede Jelinek

versucht. Seien es die weinenden Frauen in

klingt, sind Schlagwörter aus Stefan Donaths

Einar Schleefs Inszenierung „Mütter“, die

neuestem Buch „Protestchöre. Zu einer neu-

unser Mitgefühl fordern, die Wutbürger bei

en Ästhetik des Widerstands“.

Stemann, deren Nähe uns, freiwillig oder

Umso verwunderlicher ist es, dass

­unfreiwillig, emotional betroffen macht, oder

Donath kein Wort über Stemanns Inszenie­

die weltweiten Proteste auf den Straßen.

rung „Wut“, uraufgeführt an den Münchner

„There are no innocent bystanders“, wie es

Kammerspielen, verliert. Donaths Buch stellt

im Englischen heißt. Das

den Versuch dar, soziale Phänomene wie ge-

bedingungslose

Aufgehen

im

AUFTAKT

27/9 JANÁČEK DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN 28/9 SCHILLER DIE RÄUBER 29/9 DUSHE LUPUS IN FABULA 30/9 KENNY CINDERELLAS SCHUHE VEKEMANS JUDAS

5 PREMIEREN AN 4 TAGEN

genwärtige Protestkulturen mithilfe theater-

Kollektiv, aber auch das Verstecken hinter ­

wissenschaftlicher Terminologie zu greifen

einem ­

und auf ihr ästhetisches Potenzial hin zu

­davor warnt Donath. „Bereits im Chor deutet

­untersuchen. Eine der Hauptüberlegungen ist

sich daher das Potenzial jener Befreiung an,

die sprachliche Trennung von Chor und Chori-

nicht mehr individuell sein zu müssen“,

schem, die der Autor mithilfe des Begriffs der

schreibt er und weist auf das verschleiernde

„politischen Differenz“ (den schon Hannah

Potenzial des Chores hin, der (im Gegensatz

Arendt geprägt hat) zu bewerkstelligen sucht.

zum Chorischen) eine Anonymität seiner

antidemokratischen Autorität von Grund auf

Einfach ausgedrückt: Der Chor verhält sich

­Mitglieder gnadenlos einfordert.

zu entziehen, also politisch zu bleiben, ohne

vermeintlichen

Meinungskonsens,

www.theater-ulm.de

zum Chorischen wie die Politik zum Politi-

Stemann hingegen bildet die „kulturelle

sich dem starren Konstrukt Politik zu unter-

schen. Dabei gestaltet sich die politische

Diversität“ des Chorischen, von der Donath

werfen. Eine Frage jedoch bleibt: Was tun mit

­Dimension des Sozialen unabhängig von der

spricht, in seiner „Wut“-Inszenierung ab, in-

all der Wut? Donath scheint diese Leerstelle

Frage, wie Politik als soziales Funktions­

dem er, ähnlich wie einst Schleef, auf eine

zwar mit Vorliebe zu umkreisen, doch nie

system zu organisieren ist.

Kollektivstimme verzichtet. Anstelle dessen

wirklich aus dem Weg schaffen zu wollen.

Ähnlich autonom will Donath das Cho-

setzt er ein chorisches Potpourri, bestehend

Vielleicht wäre hier ein Blick zurück ins Thea­

rische verstanden wissen. Im Gegensatz zum

aus Schauspielern unterschiedlicher Natio­

ter hilfreich gewesen, das, wenn es gelingt,

Chor, der ein demokratisches System reprä-

nalitäten und akustischer Verständlichkeit,

Wut nicht nur diskutiert und kanalisiert, son-

sentiert, erschafft das Chorische performativ

das jeden Abend neu entsteht. Einzig das

dern auch überhaupt erst einmal in ihrer

ein (politisches) Stimmungsbild. Davon aus-

chorische Verfahren verfügt Donath zufolge

komplizierten Vielfalt abzubilden vermag. //

gehend, arbeitet Donath sich in erster Linie

über das notwendige Potenzial, sich einer

Schimmelreiter | 15+

Regie: David Czesienski

Angelika Meyer-Speer

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aktuell

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Christophe Slagmuylder. Foto Bea Borgers

Meldungen

ab sofort das renommierte Privattheater leiten

gehörte 15 Jahre dem Wuppertaler Ensemble

und damit einen künstlerischen Neustart ein-

an. 2017 wurde er Nachfolger der Intendan-

läuten. Die Vorstandsmitglieder des Theater-

tin Susanne Abbrederis, deren Vertrag nach

vereins begrüßten die Entscheidung.

öffentlich ausgetragenem Streit mit Kulturdezernent Matthias Nocke einvernehmlich auf-

■ Der Generalintendant und Geschäftsführer

gelöst worden war.

des Theaters Krefeld und Mönchengladbach, Michael Grosse, bleibt bis zum Jahr 2025.

■ Wie der Beirat des Tanztheaters Wuppertal

Die Oberbürgermeister beider Städte, Frank

Pina Bausch in einer Presserklärung mitteilte,

Meyer und Hans Wilhelm Reiners, würdigten

habe man in einer Sondersitzung am 13. Juli

dessen Arbeit, er sei ein „unermüdlicher

2018 die Entscheidung getroffen, sich von

Netzwerker und kluger Organisator“ und habe

der Intendantin Adolphe Binder zu trennen.

„nicht nur künstlerisch wichtige Akzente ge-

Der Beschluss sei notwendig geworden, um

setzt“.

„die Handlungsfähigkeit dieser einzigartigen kulturellen Einrichtung wiederherzustellen“.

■ Das Düsseldorfer Schauspielhaus und das

■ Christian Stückl bleibt dem Münchner Volks-

Binder wies die gegen sie erhobenen Vorwürfe

Internationale Theaterinstitut haben Christophe

theater bis zum Ende der Spielzeit 2024/25

zurück. Kurze Zeit später kündigte einer der

Slagmuylder auf eigenen Wunsch hin von der

als Intendant erhalten. Das Haus steht seit

größten Kritiker Binders, der Geschäftsführer

Programmdirektion für Theater der Welt 2020

2002 unter seiner Leitung. Münchens Kultur-

des Tanztheaters Dirk Hesse, zum Jahresende

entbunden. Slagmuylder übernimmt kurzfris-

referent

seinen Rücktritt an.

tig die Intendanz der Wiener Festwochen 2019.

Stückls herausragende Arbeit, sie sei „Garant

Hans-Georg

Küppers

honorierte

für eine erfolgreiche Zukunft des Hauses“.

■ Das deutsche Zentrum des Internationalen Theaterinstituts hielt am 16./17. Juni seine

lässt Gustav Kuhn sein Amt als Künstlerischer

Jahrestagung unter dem Titel „Gekommen

Leiter der Tiroler Festspiele Erl mit sofortiger Wirkung ruhen. Auslöser waren Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Festivalgründer und Dirigenten. Kuhns bisheriger Stellvertreter, Andreas Leisner, wird den Posten des Künstlerischen Leiters vorläufig übernehmen.

Anna Badora. Foto Lupi Spuma

■ Wie der Bayerische Rundfunk meldete,

um zu bleiben zu gestalten“ im Rahmen des Festivals Theaterformen in Braunschweig ab. Dabei wurden auch neue Vorstandsmitglieder gewählt. Neu dabei sind Martine Dennewald (Theaterformen Braunschweig und Hannover), Jan Linders (Badisches Staatstheater Karlsruhe) und Barbara Mundel (Ruhrtriennale).

■ Christian Schlüter wird mit Beginn der

■ Das Deutsche Theater Berlin hat für die

Spielzeit 2018/19 neuer Schauspieldirektor

nächste Ausgabe der Autorentheatertage 2019

am Theater Bielefeld, wo er seit 2007 bereits

eine neue Jury berufen. Dazu gehören die

als Oberspielleiter tätig ist. Für die Position

■ Die Intendantin des Wiener Volkstheaters,

Kulturjournalistin und Theaterkritikerin Esther

des Hausregisseurs wurde Dariusch Yazdkhasti

Anna Badora, hat sich entschlossen, ihren Ver-

Boldt als Vorsitzende, die Filmregisseurin und

ausgewählt.

trag als künstlerische Direktorin des Hauses

Drehbuchautorin Valeska Grisebach sowie

über den August 2020 hinaus nicht zu ver-

die Schauspielerin und Regisseurin Steffi

■ Wie das Prinzregenttheater Bochum mitteil-

längern. Damit steht sie für eine zweite Amts-

Kühnert. Die neuen Partnertheater sind das

te, werden Hans Dreher und Anne Rockenfeller

zeit nicht mehr zur Verfügung. „Seit meinem

Schauspielhaus Graz und das Theater Neu-

Antritt 2015 habe ich meine Aufgabe am

markt Zürich.

Transkulturell und diversitysensibel arbeiten Workshop mit Merih Ergün & Maria Rojas Hernández 27. bis 29. Okt 2018

www.bundesakademie.de

Wiener Volkstheater mit großer Leidenschaft erfüllt. Da sich durch verschiedene Umstände

■ Die Regisseurin Andrea Breth wurde, als

die Situation für das Volkstheater geändert

eine der wenigen Frauen, in den engen Kreis

hat und da ich diese Umstände nicht weiter

des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften

ignorieren kann, weil sie auf unsere Arbeits-

und Künste aufgenommen. Der Orden Pour le

bedingungen unmittelbar Einfluss haben,

mérite wurde 1842 von Friedrich Wilhelm IV.

werde ich mich nicht für eine zweite Amtszeit

ins Leben gerufen. Insgesamt zählt die Verei-

bewerben“, begründet Badora ihre Entschei-

nigung von Künstlern und Gelehrten inzwi-

dung.

schen mehr als 75 Mitglieder.

■ Die künstlerischen Leiter von Oper und

■ Die Debatten rund um die diesjährige

Schauspiel der Wuppertaler Bühnen Berthold

Ruhrtriennale nehmen kein Ende. Hintergrund

Schneider und Thomas Braus haben ihre Ver-

ist der Umgang der Festivalleitung mit der

träge bis zum Jahr 2023 verlängert. Braus

eingeladenen Band Young Fathers, welche


aktuell

die Israel-Boykott-Bewegung BDS unterstützen soll. Nachdem Intendantin Stefanie Carp deren Auftritt zunächst abgesagt und die Entscheidung wenig später revidiert hatte, folgte die endgültige Absage seitens der Band. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet distanzierte sich daraufhin von der Ruhrtrien­ nale. Er wolle mit seinem Fernbleiben ein „Zeichen in der entflammten Debatte um ­Antisemitismus setzen“. Carp verteidigt ihre

Alfred Kleinheinz. Foto Jörg Reichardt

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Hartmann & Stauffacher Ur- und Erstaufführungen 2018/19 eine Auswahl*

Entscheidung, sie stelle selbstverständlich das Existenzrecht Israels nicht infrage, sie sei

DAS TRAURIGE SCHICKSAL DES KARL KLOTZ von Lukas Linder 10.08.2018 · DramaFest 2018, Mexiko City, Mexiko (Mexikanische Erstaufführung)

aber „der Meinung, dass wir die unterschiedlichen Perspektiven und Narrative zulassen müssen, da diese O ­ ffenheit das dramatur­ gische Credo unseres Programmes ist“. Zu-

sächsischen Staatstheater in Hannover sein

letzt hatte sich Regisseur Christoph Marthaler

Schauspieldebüt feierte. Nach vier Jahren

eingeschaltet und Laschets Absage in einem

wechselte Kleinheinz schließlich ans Münch-

offenen Brief kritisiert. Weitere Diskussionen

ner Residenztheater, wo er 25 Jahre lang zu

entbrannten rund um das Konzert des Istan-

sehen war und bis zuletzt auf der Bühne

buler Hezarfen Ensembles. Der Schriftsteller

stand. In „Playing :: Karlstadt“ (Regie Bern-

Doğan Akhanlı kritisierte in der Welt am

hard Mikeska), das erst am 5. Mai dieses

Sonntag, dass der Programmhefttext den

­Jahres Premiere hatte, spielte er seine letzte

­Völkermord an den Armeniern relativiere. Das

Rolle, die Figur Karl Valentin, „eine Persön-

Ensemble sagte daraufhin das Konzert ab.

lichkeit, die ihn stets begleitet und inspiriert

MEERESGABE von Tim Price 27.9.2018 · Gallus Theater / Daedalus Company, Frankfurt a.M. (DSE) DER ELEFANTENGEIST von Lukas Bärfuss 28.09.2018 · Nationaltheater Mannheim (UA) DIE KUNST DES INTERVIEWS von Juan Mayorga September 2018 · Altes Kino, St. Gallen/Mels (DSE) ABIBALL von Lutz Hübner und Sarah Nemitz 20.10.2018 · Düsseldorfer Schauspielhaus (UA)

hat“.

DIE MELANCHOLISCHE SEITE MEINES STEUERBERATERS von Lukas Linder 27.10.2018 · Deutsches Theater Göttingen (UA)

Haushaltsausschuss des Deutschen Bundes-

■ Am 20. Juli verstarb die Bühnen- und

WEISSER RAUM von Lars Werner November 2018 · Nationaltheater Luxemburg (UA-Prod.)

tages einer Erhöhung des Etats des Fonds

­Kostümbildnerin Annemarie Rost in Bernau

­Darstellende Künste auf zwei Millionen Euro

bei Berlin. Geboren am 19. September 1924,

zugestimmt. Der Fonds erhielt von der Beauf-

studierte Rost von 1947 bis 1951 in der von

tragten der Bundesregierung für Kultur und

Karl von Appen neu gegründeten Bühnen-

Medien, Monika Grütters, bisher 1,1 Millio-

und Kostümbildklasse an der Staatlichen

nen Euro. Die Antragssummen für Projekte

Hochschule für Werkkunst, der späteren

würden zügig angemessen erhöht, auch um

Hochschule für Bildende Künste Dresden.

eine Angleichung an Mindesthonorare vorzu-

Bertolt Brecht engagierte sie zwei Jahre spä-

nehmen und Künstler entsprechend zu unter-

ter am Berliner Ensemble. Die Künstlerin

stützen.

­kreierte Bühnen- und Kostümbilder für mehr

■ In der Sitzung vom 27. Juni 2018 hat der

als einhundert Inszenierungen am Berliner

■ Wie das Theater Aachen bekannt gegeben

Ensemble, am Deutschen Theater Berlin, am

hat, ist der Schauspieler Karsten Meyer nach

Maxim Gorki Theater Berlin, an der Berliner

kurzer, schwerer Krankheit am 2. Juni gestor-

Volksbühne und ab 1978 auch in Odense/­

ben. Er wurde 53 Jahre alt. Meyer war seit 16

Dänemark. Ein Großteil ihrer Arbeiten befin-

Jahren Teil des Ensembles des Theaters

det sich seit 2001 im Archiv der Akademie

­Aachen. Er studierte an der Hochschule für

der Künste Berlin. Rost gehörte außerdem zu

Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin und

den Gründungsmitgliedern des Bundes der

arbeitete nach mehreren Engagements am

Szenografen.

Theater der Altmark in Stendal, bevor er

FUROR von Lutz Hübner und Sarah Nemitz 2.11.2018 · Schauspiel Frankfurt (UA) ZWERG NASE (Wilhelm Hauff) von Gunnar Kunz 4.11.2018 · Theater Rudolstadt (UA d. Fassung) MALAGA von Lukas Bärfuss November 2018 · Theatre Y, Chicago, USA (Amerikanische Erstaufführung) 44 HARMONIES FROM APARTMENT 1776 (John Cage) von Christoph Marthaler 6.12.2018 · Schauspielhaus Zürich (UA) RÜCKKEHR NACH REIMS (Didier Eribon) von Thomas Jonigk 18.1.2019 · Schauspiel Köln (UA d. Fassung) WUNSCHKINDER von Lutz Hübner und Sarah Nemitz 26.4.2019 · Theater Biel/Solothurn (SEA) DAS THEATER DER BILDER von Lukas Linder (u.A.) Frühjahr 2019 · Theater Basel/Kunstmuseum Basel (UA) HÄUPTLING ABENDWIND (Johann Nestroy) von Christoph Marthler 15.3.2019 · Deutsches Schauspielhaus Hamburg (UA) JEMANDLAND von Ivona Brdjanovic 21.5.2019 · Theater Bern (UA)

2002 nach Aachen wechselte.

■ Der Schauspieler Alfred Kleinheinz ist am 20. Juli 2018 im Alter von 68 Jahren verstorben. Geboren 1950 in Innsbruck, fand er den Weg zum Theater über Umwege. Neben seinem Beruf als Stuckateur spielte er 15 Jahre lang Laientheater, bevor er 1989 am Nieder-

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Premieren Aachen Theater N. Armbruster: Zur Hölle mit den anderen (S. Herrmann, 14.09., UA); G. Büchner: Lenz (J. Arnold, 20.09.); W. Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig (E. Teilmans, 23.09.) Augsburg Theater G. Kaiser: Gas (Die Koralle/Gas I/Gas II) (A. Thoms, 28.09.) Baden-Baden Theater G. Hauptmann: Vor Sonnenaufgang (R. Gaul, 08.09.) Bautzen Deutsch-Sorbisches Volkstheater M. Köbeli: Holzers Peepshow (S. Wolfram, 07.09.); F. Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame (S. Siegfried., 28.09.); J. Koch: Sergej (O. Hais, 30.09.) Berlin Ballhaus Ost V. Klocke/K. Gudmundsson: (16:9) (V. Klocke/K. Gudmundsson, 13.09.); Das Helmi: All men must die (Das Helmi, 14.09.) Berliner Ensemble K. Breece: Auf der Straße (K. Breece, 13.09., UA); A. Kerlin/K. Voges/E. Müller: Die Parallelwelt. (K. Voges, 15.09., UA) Deutsches Theater R. Pollesch: Cry Baby (R. Pollesch, 08.09., UA); n. G. Hauptmann/E. Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang (J. Steckel, 09.09.); n. T. Bernhard: Alte Meister (T. Luz, 14.09.); A. Veiel/J. Doberstein: Welche Zukunft?! – Let Them Eat Money (A. Veiel, 28.09., UA) Grips Theater Vier sind hier (S. Trötschel, 06.09., UA) Schaubühne am Lehniner Platz M. Rau: Die Wiederholung (M. Rau, 01.09., UA) Sophiensaele Henrike Iglesias: Oh My (H. Iglesias, 12.09., UA); Hauen und Stechen: Schwarz-Rotz-Gold-Sturm. Fidelio – Ein deutscher Albtraum in vier Folgen: Gold Biel / Solothurn TOBS n. R. Vitrac: Vic(Hauen und Stechen, 20.09., UA) TheanzeigeTdZ2018.indd 1 ater an der Parkaue U. Puppets: Lunator oder die Kinder an der Macht (K. ris. Ein Weltraummärchen (M. HohRupp, 01.09.); n. J. Silverman: The mann, 08.09., UA); n. T. Fontane: Effi Roommate (A. Mahler, 19.09., DEA) (K. Wuschek, 19.09., UA) theaterdisBielefeld Theater L. Danulat: German Love counter K. Schönherr: Der Weibsteufel Letter (zum Mond) (S. L. Awe, 14.09., UA); (C. Schwalm, 13.09.) Volksbühne M. Al F. Schiller: Die Jungfrau von Orleans (C. Attar: The Factory (O. Abusaada, Schlüter, 15.09.); É. Louis: Im Herzen der 27.09.) Gewalt (A. Buddeberg, 22.09.)

September 2018

Bonn Junges Theater M. Seibert: TKKG 24.05.18 Freundschaft in Gefahr (M. Seibert, 22.09., UA) Kleines Theater Bad Godesberg I. Calbérac: Frühstück bei Monsieur Henri (W. Ullrich, 27.09.) Bremen Theater n. G. E. Lessing: Nathan der Weise (M. Gintersdorfer, 07.09.); F. Kater: Love you, Dragonfly (A. Petras, 14.09.); F. Heinrich: Die er-

staunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt (N. Forstman, 15.09.) Bremerhaven Stadttheater H. Kall­ meyer/T. Spinger: Nachts (H. Kallmeyer, 23.09., UA); H. Ibsen: Nora (U. Mokrusch, 28.09.); J. Roth: Hiob (T. O. Niehaus, 29.09.) Bruchsal Badische Landesbühne B. Brecht: Leben des Galilei (C. Ramm, 20.09.); F. Plüschke: Mit den Ohren sehen, auf der Nase tanzen (F. Plüschke, 21.09., UA); P. Lund/D. Ashkenasi: Hexen (K. Schmidt, 22.09.); F. Heinrich/ D. Zipfel: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt (J. Bitterich, 23.09.) Celle Schlosstheater H. Thies: Fesche Lola, brave Liesel (A. Döring, 07.09., UA); S. E. Schroeder: Rotkäppchen und die blöde Angst (S. E. Schroeder, 08.09.); S. Sachs: Das Original (S. Richter, 13.09.); F. Schiller: Kabale und Liebe (N. Mattenklotz, 21.09.) Chemnitz Theater R. Schimmelpfennig: Die vier Himmelsrichtungen (U. Sorge, 21.09.); J. W. v. Goethe: Faust II (C. Knödler, 22.09.) Cottbus Staatstheater L. Pohlmann: Ein Klassenzimmerstück (L. Pohlmann, 27.09., UA) Dinslaken Burghofbühne B. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder (A. Rößler, 07.09.); A. Helmig: Nachts. Warum Erwachsene so lange aufbleiben müssen (A. Scherer, 21.09.) Dortmund Theater A. Kerlin/K. Voges/E. Müller: Die Parallelwelt (K. Voges, 15.09., UA); n. Strickland /Argento: Im Studio hört Dich niemand schreien (J. Buttgereit, 19.09.); O. Sproll: Babus 10:00 Bauch brummt (O. Sproll, 28.09., UA); n. J. W. v. Goethe/A. Frank: Fast Faust (A. Siebers, 29.09.) Dresden Theater Junge Generation G. D. v. Zeschau: Eine Spinne wird nicht wütend (G. D. v. Zeschau, 22.09., UA) Düsseldorf Schauspielhaus Ö. v. Horváth: Jugend ohne Gott (K. Šagor,


aktuell

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13.09.); V. Baum: Menschen im Hotel (S. Wortmann, 14.09.); F. Kafka: Das Schloss (J. P. Gloger, 15.09.); W. Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe (J. Gehler, 16.09.); F. Henschel/V. Sprenger: Like me (F. Henschel, 18.09., UA) Esslingen Württembergische Landesbühne E. Rostand/J. Roets/G. Vissers: Cyrano (J. Weiss, 14.09.); C. Funke: Der Mondscheindrache (K. Kappenstein, 15.09.); S. Bräuning: Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark! (S. Bräuning, 21.09., UA) Frankfurt am Main Künstlerhaus Mousonturm LIGNA: Invasion vom Planet der Affen (LIGNA, 12.09., UA); Kötter/ Seidl: Land (Stadt Fluss) (Kötter/Seidl, 15.09., UA); I. Wuttke: UTZ for real (I. Wuttke, 22.09., UA); A. Koohestani: Summerless (A. Koohestani, 26.09., DEA); Who reclaims?! – Ein collagierter Streifzug durch die Raumfrage (Swoosh Lieu, 27.09., UA); I. Daniel: I Will Not Stay Here Long (I. Daniel., 28.09., UA) Theaterhaus Sex, Drugs, Geschichte, Ethik & Rock´n Roll (L. Kees, 06.09., UA); M. Ende: Ophelias Schattentheater (R. Vriens, 14.09.) Schauspiel E. O‘Neill: Der haarige Affe (T. Dannemann, 07.09.); E. Palmetshofer: räuber.schuldenreich (D. Bösch, 08.09.); D. McKee: Zwei Monster (A. Mach, 16.09.); Aischylos: Die Perser (U. Ra-

L

sche, 28.09.) Theater Willy Praml J. W. v. Goethe/F. Nietzsche: Walpurgisnacht. Eine deutsche Höllenfahrt (W. Praml, 07.09.) Freiburg Theater M. Ravenhill: Wir sind die Guten (B. Lazić, 29.09.) Gera Theater & Philharmonie Thüringen J. Masteroff/J. v. Druten/C. Isherwood: Cabaret (L. Bunk, 28.09.) Gießen Stadttheater T. Arzt: Johnny Breitwieser (M. C. Lachmann, 01.09., DE); Wolli und das Knäuel (R. Kurtz, 07.09., UA) Göttingen Deutsches Theater G. Grass: Die Blechtrommel (T. Fransz, 23.09.); R. W. Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant (M. Beichl, 29.09.) Junges Theater F. Kafka: Amerika (C. v. Treskow, 07.09.) Halle Neues Theater A. Ranisch: Nackt über Berlin (H. Hörnigk, 16.09., UA); J. W. v. Goethe: Faust (M. Brenner, 21.09.) Hamburg Thalia Theater Orpheus (A. Romero Nunes, 07.09.); É. Louis: Im Herzen der Gewalt (F. Autzen, 09.09.); J. Albrecht/C. Ponto: Patentöchter. Im Schatten der RAF (G. Grünewald, 15.09.); A. Miller: Hexenjagd (S. Pucher, 29.09.) Hannover Schauspiel T. Würger: Der Club (A. Eisenach, 01.09., UA); G. E. Lessing: Nathan (O. Frljić, 02.09., UA); S. v. d. Geest: Krasshüpfer (W. Mahne,

06.09.); C. Hein: Trutz ( D. Pařízek, 08.09., UA) Heidelberg Theater E. Kot’átková: Justizmord des Jakob Mohr (E. Kot’átková, 15.09., DEA); Verschwommen (N. Kalmbach, 21.09., UA) Heilbronn Theater W. Shakespeare: Richard III. (A. Vornam, 28.09.); P. Wüllenweber: Netboy (A. T. Adebisi, 29.09.) Hildesheim TfN • Theater für Niedersachsen P. Yeldham: Auf und davon (A. Stöcker, 07.09.); L. Vekemans: Gift. Eine Ehegeschichte (G. Vierhuff, 16.09.); A. Schneider/ S. Straßer: Herr Glück und Frau Unglück (C. GrünwaldWaack, 20.09., UA) Kaiserslautern Pfalztheater F. Hebbel: Die Nibelungen (O. Haffner, 15.09.); n. J. W. v. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers (H. Demmer, 27.09.) Karlsruhe Badisches Staatstheater J. Berger: Pátria Estrangeira/Fremde Heimat (M. Laline, 20.09., UA); S. Heiner: Fliegen lernen (S. Heiner, 22.09., UA); n. H. Ibsen: Nora, Hedda und ihre Schwestern (A. Bergmann, 30.09., UA) Kassel Staatstheater M. Naujoks: Every heart is built around a memory (M. Naujoks, 02.09., UA); n. H. v. Kleist: Michael Kohlhaas (J. Knorr, 07.09.); W. Shakespeare: Romeo und Julia (J. Wehner, 08.09.) Kiel Theater E. Albee: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (S. Bühr, 14.09.); A. Ba-

Oper Schauspiel Tanz

ricco: Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten (L. Gappel, 16.09.); H. Ibsen: Ein Volksfeind (A. Großgasteiger, 25.09.); M. Ende: Das Traumfresserchen (C. Himmelbauer, 28.09.); K. Wunderlich: Der Vogel Farbenfroh (K. Wunderlich, 29.09.) Krefeld Theater M. Bulgakow: Der Meister und Margarita (Z. Antonyan, 15.09.); L. Vekemans: Schwester von (S. Mey, 28.09.); Sophokles: Antigone (M. Gehrt, 29.09.) Leipzig Cammerspiele D. Geschwisterchen: sister from another sister (D. Geschwisterchen, 13.09.) Schau­spiel J. W. v. Goethe: Faust (E. Lübbe, 29.09.) Theater der Jungen Welt n. J. Barrie: Peter Pan (J. Zielinski, 30.09.) Linz Landestheater P. Weiss: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats (K. Plötner, 14.09.); F. Steiof: Noah und der große Regen (S. Schwab, 21.09., ÖEA); H. Wells: Junger Klassiker – Krieg der Welten Short Cuts (N. Neitzke, 21.09.); K. Wilhelm: Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben (M. Völlenklee, 22.09.) Lübeck Theater Ö. v. Horváth: Glaube Liebe Hoffnung – Ein kleiner Totentanz (L. Rupprecht, 07.09.); n. A. Döblin: Berlin Alexanderplatz (A. Nathusius, 14.09.) Marburg Hessisches Landestheater F. Schiller/E. Jelinek: Maria Stuart / Ulrike

07.09. Im Amt für Todesangelegenheiten

Eine Slapstick-Oper von Klaus von Heydenaber für das 21st Century Orchestra, Inszenierung: Viktor Bodó

08.09. Traumland

Ein Projekt von Kornél Mundruczó

20.10. Open Kitchen

Festival in 5 Gängen

17.11. Biedermann und die Brandstifter

von Max Frisch, Inszenierung: Franz von Strolchen

20.11. Grosse Bären weinen auch

Für Menschen ab 6 Jahren von Miet Warlop

06.12. Der Sandmann

von E.T.A. Hoffmann, Inszenierung: Nicolas Charaux

30.01. Schuld & Sühne

Ein gesellschaftliches Poem von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo nach F.M. Dostojewski

09.03. Cybercity

Temporäre Besetzung der Viscosistadt von Mirko Borscht

22.03. Alkestis!

18 19

Ein Satyrspiel von Euripides, Inszenierung: Angeliki Papoulia und Christos Passalis

17.04. Die Unscheinbaren

Gangsterperformance von Franz von Strolchen

luzernertheater.ch 041 228 14 14

T

05.06. Bunkern

Recherche zur Sicherheit von Corinne Maier

Künstlerische Leitung: Sandra Küpper

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aktuell

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Das Theater Neumarkt in Zürich sucht ab November 2018

eine/n Kaufmännische/n Geschäftsführer/in.

Die vollständige Stellenausschreibung sowie Informationen über das Theater Neumarkt finden Sie auf www.theaterneumarkt.ch

Maria Stuart (E. Lange, 21.09.); N. Haratischwili: Radio Universe (N. Haratischwili, 22.09.); Mein Platz, Dein Platz (S. Gutten­höfer, 22.09., UA) Mülheim an der Ruhr Theater an der Ruhr W. Shakespeare: Othello (R. Ciulli, 20.09.) München Residenztheater P. Weiss: Marat/Sade (T. Lanik, 27.09.); S. Al Bassam: Ur (S. Al Bassam, 28.09., UA); H. v. Kleist: Die Verlobung in St. Domingo (R. Borgmann, 29.09.) Teamtheater G. Freeman: Kein Honigschlecken (P. Jescheck, 19.09., DEA) Münster Theater N. LaBute: Eine Art Liebeserklärung (S. Khodadadian, 12.09.); A. Camus: Caligula (A. Nerlich, 21.09.); F. Schiller: Wilhelm Tell (F. Behnke, 29.09.) Naumburg Theater Nix ist umsonst (B. Schöne, 06.09.) Neuss Rheinisches Landestheater T. Lanoye: Mamma Medea (R. Jakubaschk, 15.09.); Janosch: Oh, wie schön ist Panama! (F. v. Boeckel, 16.09.); N. Hornby: NippleJesus (K. Wolters, 21.09.); M. Frisch: Biedermann und die Brandstifter (R. Ortmann, 29.09.) Neuwied Landesbühne RheinlandPfalz F. v. Schirach: Terror (H. S. Keller, 07.09.) Nürnberg Staatstheater E. Ionesco: Ein Stein fing Feuer (J. P. Gloger, 27.09.);

B. Nikitin: Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben (B. Nikitin, 28.09., UA); A. Tschechow: Die Möwe (A. Lenk, 29.09.); Die Geheimagentur: Das Kabinett der vereinigten Vergangenheiten (Die Geheimagentur, 30.09., UA) Oberhausen Theater G. Schmidt: Snap your life! Die stille Revolution der digital Natives (Y. Hinrichs, 07.09., UA); N. Bremer: Fit & Struppi im Reich der Neuen Mitte (N. B ­ remer, 14.09., UA); n. J. W. v. ­Goethe: Die Leiden der Jungen (Werther) (L. Böhm, 21.09.) Oldenburg Staatstheater G. Orwell: 1984 (L. Voigt, 02.09.); M. Becker: David (M. Becker, 06.09.); R. Wagner: Siegfried (P. Esterhazy, 22.09.) Osnabrück Theater F. Schiller: Wilhelm Tell (R. Teufel, 01.09.); E. Jelinek: Am Königsweg (F. Braun, 02.09.); J. Raschke: Kommt eine Wolke (R. Anaraki, 15.09., UA) Paderborn Theater M. Frisch: Andorra (T. Egloff, 01.09.); D. Mamet: Oleanna (K. Kreuzhage, 15.09.) Parchim Mecklenburgisches Landestheater D. Greig: Gelber Mond – Die Ballade von Leila und Lee (B. S. Henne, 15.09.); R. Schimmelpfennig: Die Biene im Kopf (N. Tippelmann, 22.09.); W. Shakespeare: Ein Sommernachtstraum (J. Gehler, 28.09.) Pforzheim Theater T. Walser: Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel (C. Haninger,

15.09.); W. Shakespeare: Wie es Euch gefällt (H. Hametner, 22.09.) Potsdam Hans Otto Theater T. Köck: paradies spielen (abendland. ein abgesang) (M. Peters, 22.09.), E. Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts (B. Jahnke, 22.09.) Regensburg Theater H. v. Kleist: Das Käthchen von Heilbronn (J. Prechsl, 22.09.); O. Choinière: Die Domäne (C. Gegenbauer, 23.09., DEA); T. Angleberger: Yoda ich bin! Alles ich weiß! (E. Veiders, 29.09., UA) Rostock Volkstheater J. MenkePeitzmeyer/J. Sternburg: Steh auf, wenn du für Hansa bist (A. Langhoff, 16.09.) Rudolstadt Theater M. Grube: Schtonk! (R. Heise, 22.09.); J. v. Düffel: Der dressierte Mann (N. Felden, 28.09.) Saarbrücken Saarländisches Staatstheater n. F. Kafka: Kafkas Haus (L. Linnenbaum, 01.09., UA); M. Decar: Philipp Lahm (T. Köhler, 07.09.); n. N. Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) (B. Bruinier, 08.09.) Schaan TAK - Theater Liechtenstein N. LaBute: In einem finsteren Haus (O. Vorwerk, 15.09.) Schwedt/Oder Uckermärkische Bühnen F. Apke: Ein Knochenjob (F. Voigtmann, 14.09., DEA); J. Guilbault/ A. Joubert: Unter W@sser (R. David, 14.09.) St. Gallen Theater P. Heule: Spekulanten (P. Heule, 06.09., UA); T. Melle: Versetzung (J. Knecht, 13.09., SEA); I. Bergman: Szenen einer Ehe (B. Brüesch, 28.09.) Stuttgart Altes Schauspielhaus und Komödie im Marquardt F. Schiller: Maria Stuart (M. Schulze, 14.09.); P. d. Chauveron/G. Laurent: Monsieur Claude und seine Töchter (R. Telfer, 21.09.) Tübingen Landestheater M. Frisch: Andorra (F. Brunner, 15.09.); n. C. Habersack/S. Büchner: Der schaurige Schusch (O. Zuschneid, 21.09., UA); A. Mnouchkine: Die letzte Karawanserei (C. Roos, 28.09.); n. B. Brecht: Die Antigone des Sophokles (J. Kann, 29.09.) Ulm Theater F. Schiller: Die Räuber (J. Brandis, 28.09.); H. Dushe: L­ upus in Fabula (I. Žic, 29.09.); L. Vekemans: Judas (C. Van Kerckhoven, 30.09.); M.

Kenny: Cinderellas Schuhe (M. Borowski, 30.09.) Weimar Deutsches Nationaltheater & Staatskapelle J. Klare: Restleben (S. Martin, 06.09., UA) Wien Burgtheater n. D. Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar (D. Pařízek, 05.09.); n. K. Mann: M ­ ephisto (B. Kraft, 07.09.); B. ­Koltès: Kampf des Negers und der Hunde (M. Lolić, 27.09.); Ö. v. Horváth: Glaube Liebe Hoffnung (M. Thalheimer, 29.09.) Wilhelmshaven Landesbühne Niedersachsen Nord n. T. Storm/G. Plass: Schimmelreiter (G. Plass, 01.09., UA); S. Bunge/S. Faupel n. H. Heine: Die Nordsee (S. Bunge, 08.09., UA); R. Koall/W. Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe (G. Tureček, 16.09.); K. Küspert: Sterben helfen (K. Schroth, 22.09.) Zürich Schauspielhaus W. Shake­ speare: Hamlet (B. Frey, 13.09.); G. Büchner: Lenz (W. Düggelin, 15.09.); n. J. W. v. Goethe: Die Wahlverwandtschaften (F. Brucker, 29.09.) Theater Kanton Zürich B. Helbling: Zwingli Roadshow (N. Helbling, 13.09., UA); E. Rottmann: Die Eisbärin (K. Hemmerle, 27.09., UA) Theater Neumarkt C. Kraus: I Love Dick (F. Heller, 22.09.)

FESTIVAL Frankfurt am Main ID-Frankfurt e.V. Implantieren 2018 (01.09.–30.09.) Hildesheim TfN • Theater für Niedersachsen ­Theatergarten (18.08.–16.09.)

TdZ ONLINE EXTRA

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Täglich aktuelle Premieren finden Sie unter www.theaterderzeit.de

»Warte nur ab die Zeit kommt wo wir es wieder zeigen können es spricht alles dafür daß wir es wieder zeigen können und nicht nur zeigen.« VOR DEM RUHESTAND von Thomas Bernhard


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SAISON 2018/19 len Wolm al wiren!? red Spielzeit

2018 2019

Sa 22. Sep 2018

Eine Spinne wird nicht wütend UA eine begehbare Rauminstallation zur Welt der Künstlerin Louise Bourgeois Puppentheater 8 + Konzept, Künstlerische Leitung Grit Dora von Zeschau

e r P ren e i m

Sa 20. Okt 2018

Ab 01 | 09 | 18

Ab 19 | 09 | 18

Ab 26 | 10 | 18 Ab 15 | 12 | 18

Ab 07 | 02 | 19

Ab 10 | 04 | 19

Ab 26 | 04 | 19

VICTOR ODER DIE KINDER AN DER MACHT Roger Vitrac Regie: Katharina Rupp THE ROOMMATE Jen Silverman Deutschsprachige Erstaufführung Regie: Anna-Sophie Mahler

Leon zeigt Zähne UA von Silke Wolfrum

6+

Schauspiel

Regie

Fr 02. Nov 2018 Zeig mal! UA

Tanztheater für die Allerkleinsten Schauspiel Konzept, Regie, Choreografie Irina Pauls

2+

Sa 17. Nov 2018

Das letzte Schaf UA

nach einer wahren Geschichte Regie Ulrich Hub

Schauspiel

8+

Puppentheater

4+

von Ulrich Hub

Sa 01. Dez 2018

Die große Wörterfabrik

von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo Regie Kalma Streun

ANIMAL FARM nach George Orwell Regie: Max Merker

Philippe Besson

Sa 01. Dez 2018

Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren

LE BAL nach einer Idee des Théâtre du Campagnol Schweizer Erstaufführung Regie: Deborah Epstein THE WHO AND THE WHAT Ayad Akhtar Schweizer Erstaufführung Regie: Katharina Rupp POPOCH – DIE ARBEIT DES LEBENS Hanoch Levin Schweizer Erstaufführung Regie: Georg Darvas WUNSCHKINDER Lutz Hübner und Sarah Nemitz Schweizer Erstaufführung Regie: Cilli Drexel

Schauspiel

6+

Regie

Bettina Rehm

Fr 18. Jan 2019

Antigone nach Sophokles

Schauspiel

14 +

Regie

Nils Zapfe

Sa 16. Feb 2019

Die Bremer Stadtmusikanten nach den Brüdern Grimm

Puppentheater

6+

Regie

Lorenz Seib

Sa 09. Mrz 2019

e r P ren e i m

König Macius der Erste von Janusz Korczak

Schauspiel

10 +

Regie

Wojtek Klemm

Sa 23. Mrz 2019

Ich bin Kain

von Jens Raschke

Puppentheater

12 +

Regie

Nis Søgaard

Di 02. Apr 2019 #nofilter UA

eine analoge Suche nach dem Ich im Digitalen Theaterakademie Konzept, Regie Sophia Keil und Anna Lubenska

12 +

Sa 13. Apr 2019

Der starke Wanja

nach dem Buch „Die Abenteuer des starken Wanja“ von Otfried Preußler Schauspiel 6 + Regie Nils Zapfe

Sa 27. Apr 2019

Auf der Suche nach dem unschätzbaren Wert der Dinge UA ein Parcours mit ExpertInnen eine Zusammenarbeit des tjg. und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden spartenübergreifend 8 +

Sa 11. Mai 2019

Ginpuin – Auf der Suche nach dem großen Glück von Barbara van den Speulhof und Henrike Wilson Regie Moritz Sostmann

tjg. theater junge generation

www.tobs.ch

spartenübergreifend

0351 . 3 20 42 777

5+

tjg-dresden.de


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MAINFRANKENTHEATER

ÜRZBURG

PREMIEREN 18/19 SCHAUSPIEL 01.09.18

Andorra von Max Frisch

15.09.18

Oleanna

Kristo Šagor

P A T R I C K S T R I C K 2 .1 0. 2 0 1 8 Friedrich Dürrenmatt

DER BESUCH D E R A LT E N D A M E 5 .1 0. 2 0 1 8

von David Mamet

17.11.18

Children of Tomorrow von Tina Müller, unter Mitarbeit von Corinne Maier

01.12.18

Little Voice

von Jim Cartwright, neu übersetzt von Philipp Löhle

18.01.19

Leonce und Lena von Georg Büchner

26.01.19

Wild

von Mike Bartlett DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG

16.03.19

Das Recht des Stärkeren von Dominik Busch

22.03.19

Ab jetzt

von Alan Ayckbourn

25.05.19

Der Auftrag von Heiner Müller

01.06.19

Mary Page Marlowe – Eine Frau

Teresa Dopler

UNSERE BLAUEN A U G E N ( U A ) 1 2 .1 0. 2 0 1 8 Astrid Lindgren

RONJA R Ä U B E R T O C H T E R 2 5 .1 1 . 2 0 1 8 Karl Schönherr

D E R W E I B S T E U F E L 2 9.1 1 . 2 0 1 8 Guus Kuijer

DAS BUCH VO N A L L E N D I N G E N 14.2.2019 Heinrich von Kleist

PRINZ FRIEDRICH VO N H O M B U R G 16.2.2019 Henry Purcell

K I N G A R T H U R 30.3.2019 Gerasimos Bekas

SISYPHOS AUF S I LVA N E R ( U A ) 4.4.2019 Tom Waits / William S. Burroughs

T H E B L AC K R I D E R 23.5.2019

von Tracy Letts

08.06.19

Wir sind mal kurz weg Revue von Tilmann von Blomberg und Bärbel Arenz / Freilichtstück vor der Stadtbibliothek

www.theater-paderborn.de

Mainfranken Theater Würzburg karten@mainfrankentheater.de T +49 931 39 08-124


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Uckermärkische Bühnen Schwedt Theater für Brandenburg SPIELZEIT 2017/2018

SPIELZEIT 2018 | 19 PREMIEREN SCHAUSPIEL 4. Oktober 2018 HEIMWEH

Premierenvorschau

Klassenzimmerstück von Thomas B. Hoffmann (ab 14)

Unter W@sser Schauspiel für Menschen ab 14 Jahren Koproduktion vom Theater am Rand Zollbrücke und den Uckermärkischen Bühnen Schwedt 1. Premiere: 7. September 2018, 11:00 Uhr und 19:30 Uhr, Theater am Rand, Zollbrücke 2. Premiere: 14. September 2018, 10:30 Uhr, Kleiner Saal, Uckermärkische Bühnen Schwedt

12. Oktober 2018 WE ARE FAMILY ODER WARUM NICHT ... Komödie von Murray Schisgal

13. Oktober 2018 DANTONS TOD

Drama von Georg Büchner

Ein Knochenjob Komödie 14./15. September 2018, 19:30 Uhr, intimes theater

24. November 2018 DORNRÖSCHEN

Märchen nach den Brüdern Grimm von Peter Ensikat (ab 6)

Tamara Musical 29. September 2018, 19:30 Uhr, Großer Saal

12. Januar 2019 DRAUSSEN VOR DER TÜR

TraumFrauen Mini-Revue 17. November 2018, 19:30 Uhr, intimes theater

Schauspiel von Wolfgang Borchert

10. März 2019 DIE MITTE DER WELT

Die verzauberten Brüder / Baśń o zaczarowanych braciach Märchen in deutscher und polnischer Sprache 21. November 2018, 10:00 Uhr, Großer Saal

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Andreas Steinhöfel

10. März 2019 MEIN ZIEMLICH SELTSAMER FREUND WALTER Stück für junge Menschen von Sibylle Berg (ab 9)

Alle meine Söhne Schauspiel 15./16. März 2019, 19:30 Uhr, intimes theater

26. April 2019 WER SEID IHR – UA –

Schauspiel von Oliver Bukowski

Cindy Reller – Voll ins Ohr und mitten ins Herz Comedy-Revue 29. März 2019, 19:30 Uhr, Kleiner Saal

4. Mai 2019 | Theater Radebeul 8. Juni 2019 | Felsenbühne Rathen HAIR

Oh, wie schön ist Panama Familientheaterstück 22. Mai 2019, 10:00 Uhr, Kleiner Saal

Rock-Musical Buch und Texte von Gerome Ragni und James Rado Musik von Galt MacDermot Die Originalproduktion fand in New York unter der Leitung von Michael Butler statt.

Infos und Ticketservice Tel: 03332 – 538 111 E-Mail: kasse@theater-schwedt.de www.theater-schwedt.de

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Ganze Kerle! Komödie 30. November 2018, 19:30 Uhr, Kleiner Saal

12.07.2018 18:25:30


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FOTO: ASTRID KARGER

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Premiere 07.09.2018 20.00 08.09. – 14.10.2018 jeweils 20.00

DAS WUNDER UM VERDUN

SCHAUSPIEL 2018/2019 AUSWAHL

VERÄNDERUNG BRÜCHE VERWANDLUNGEN ODER RUHE GIBT ES NICHT!

Frankfurt am Main

KAFKAS HAUS | URAUFFÜHRUNG 1.9. Nach den Erzählungen von Franz Kafka 2018 I Linnenbaum B Baumeister K Kratzer M Wachholtz Ch Mihajlovic DAS ACHTE LEBEN (FÜR BRILKA) 8.9. Schauspiel nach dem Roman von Nino Haratischwili 2018 I Bruinier B Thiele K + V Özel Ch Thomas MÉLODIE! MALADIE! MÉLODRAME! 9.11. Ein Abend über Ingrid Caven | URAUFFÜHRUNG 2018 I Jacobi K Fossati M Iacono METTLACH | URAUFFÜHRUNG 18.1. Ein Recherche-Projekt von Magali Tosato und Lydia 2019 Dimitrow | I Tosato B + K Keune, Oestreicher SHAKESPEARE IN LOVE 3.2. Schauspiel mit Musik nach dem Drehbuch von 2019 M. Norman und T. Stoppard | I Bruinier ML Schneider B Thiele K Vogetseder EURE VÄTER, WO SIND SIE? UND DIE 29.3. PROPHETEN, LEBEN SIE EWIG? 2019 Kammerspiel nach dem Roman von Dave Eggers I Köhler B + K Saretz | URAUFFÜHRUNG WERWOLF | URAUFFÜHRUNG 30.3. Schauspiel von Rebekka Kricheldorf 2019 I Bruinier B Krettek K Vergho GAME OVER | URAUFFÜHRUNG Eine Open-World-Simulation von Prinzip Gonzo in 17.5. Kooperation mit dem Théâtre de la Manufacture (Nancy) 2019 Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes | I Prinzip Gonzo B + K Hoffmann-Axthelm

Goethe.

Nietzsche. KluGe. Müller.

WALPURGIS NACHT.

eine deutsche höllenfahrt

MINNA VON BARNHELM 18.5. ODER DAS SOLDATENGLÜCK 2019 Lustspiel von Gotthold Ephraim Lessing I Bader B Rieger K Wandschneider LEARNING BY DOING | URAUFFÜHRUNG 1.6. Ein nachhaltiger Teilzeit-Ausstieg von Doro Schroeder 2019 und dem ensemble4 | I Schroeder SAARLÄNDISCHES STAATSTHEATER Schillerplatz 1, 66111 Saarbrücken Generalintendant Bodo Busse

Schauspieldirektorin Bettina Bruinier

Chefdramaturg und Künstlerischer Leiter Horst Busch Künstlerischer Leiter sparte4 Thorsten Köhler Leiterin Junges Staatstheater Luca Pauer

www.staatstheater.saarland

TheaTer Willy Praml, NaXOShalle Waldschmidtstraße 19, 60316 Frankfurt am main


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FAVORITEN FESTIVAL 6. – 16. SEPTEMBER 2018, DORTMUND THEATER / PERFORMANCE / TANZ / MUSIK / NRW WWW.FAVORITEN–FESTIVAL.DE

KAINKOLLEKTIV / OTHNI – LABORATOIRE DE THÉÂTRE DE YAOUNDÉ • KÖTTER/ SEIDL • OVERHEAD PROJECT • SCHORSCH KAMERUN, OFF THE RADAR, KATJA EICHBAUM, PC NACKT * ROCKET FREUDENTAL, LES TRUCS * ODDATEEE, MAX TURNER SHOW • SEE! (SE STRUCK/ A. KNIEPS) • BILLINGER & SCHULZ • I CAN BE YOUR TRANSLATOR • SEBASTIAN BLASIUS • THOMAS BARTLING & DAVID KILINÇ • WORK AT WERK UNION • TAREK ATOUI • ARIEL EFRAIM ASHBEL AND FRIENDS FEATURING THE NRWEDDING ORCHESTRA FOR MIDDLE EASTERN MUSIC WITH RUTH ROSENFELD • BEGÜM ERCIYAS • LEA LETZEL & LUÍSA SARAIVA • CLAUDIA BOSSE/THEATERCOMBINAT • NURAY DEMIR & TÜMAY KILINÇEL • ANNA–LENA KLAPDOR UND STUDIERENDE DER RUB • BEN J. RIEPE • VORSCHLAG:HAMMER GEFÖRDERT DURCH

VERANSTALTET VON


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tdz on tour

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Bereits zum zweiten Mal ehrte Theater der Zeit mit dem Martin-Linzer-Theaterpreis herausragende künstlerische Leistungen eines Ensembles im deutschsprachigen Raum. Der Preis ging in diesem Jahr an das Berliner Theater Thikwa und wurde dem Ensemble am 25. Mai unter Anwesenheit des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel von der diesjährigen Alleinjurorin Dorte Lena Eilers überreicht.

Das Ensemble des Theaters Thikwa mit dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung Jürgen Dusel (rechts). Foto Andreas Kirsch

TdZ on Tour n 26.09. Buchpremiere Christian Grashof: Kam, sah und stolperte – Gespräche mit Hans-Dieter Schütt, Deutsches Theater, Berlin v.l.n.r.: TdZ-Lektorin Nicole Gronemeyer, Opernkritiker Jürgen Otten sowie die Novoflot-Mitglieder Sven Holm, Vicente Larrañaga und Dörte Wolter. Foto Theater der Zeit

Die Berliner Opernkompanie Novoflot versteht sich als experimentelle Gegenbewegung zum Gesamtkunstwerk Oper. In bereits über 25 Inszenierungen sezieren die Künstler des frei produzierenden Kollektivs das „Kraftwerk der Gefühle“, wie Alexander Kluge die Oper einst nannte, und setzen ihre Einzelteile zu vielfarbigen Mosaiken neu zusammen. Abseits von gewöhnlichen Präsentationsformen erschließen sich Novoflot unbekannte und urbane Räume. Die Herausgeber Malte Ubenauf und Dörte Wolter legen in dem bei Theater der Zeit erschienenen Band „Novoflot. Die 15. Spielzeit“ Zeugnis eines radikalen Opernschaffens ab. Die Buchpremiere fand am 6. Juni in der Theaterbuchhandlung Einar & Bert in Berlin statt.

n 27.09. Buchpremiere Heiner Müller – Anekdoten, Theaterbuchhandlung Einar & Bert, Berlin n 22.11. Buchpremiere Partizipation Stadt Theater, Kleist Forum, Frankfurt (Oder) n 23.11. Buchpremiere Florian Evers – Theater der Selektion, Theaterbuchhandlung Einar & Bert, Berlin n 18.01.2019 Buchpremiere 300 Jahre Theater Erlangen, Theater Erlangen Weitere Termine und Details unter www.theaterderzeit.de

v.l.n.r. TdZ-Geschäftsführer Paul Tischler, Annette Dabs und Tim Sandweg. Foto Fidena v.l.n.r.: Annemie Vanackere, Barbara Raes und Elisabeth Nehring. Foto Dorothea Tuch

„Die Verluste sind die kleinen Beerdigungen des Lebens.“ In einem gemein­ samen Projekt der Kuratorin Barbara Raes und dem HAU – Hebbel am Ufer beschäftigten sich acht Berliner Künstler drei Wochen lang mit Verlust­ erfahrungen, die als solche möglicherweise nicht wahrgenommen w ­ erden. Die Ergebnisse ihrer Recherchen fanden Eingang in die Dokumenta­ tion „Un­acknowledged Loss. Kunst und Rituale“ von Elisabeth Nehring, Barbara Raes und Annemie Vanackere, die am 8. Juni im HAU – Hebbel am Ufer in Berlin vorgestellt wurde.

Experimentelle Spielformen sind aus den darstellenden Künsten längst nicht mehr wegzudenken. Doch wie sieht es im Figuren- und Objekttheater aus? Laut Annette Dabs und Tim Sandweg gehören Puppenspieler zu den ersten Kunstschaffenden, „die interdisziplinäre Inszenierungsansätze, postdramatische Dramaturgien und internationale Kollaborationen“ etabliert haben. Die Buchpremiere des von Theater der Zeit unter ihrer Herausgeberschaft publizierten ­Arbeitsbuchs „Der Dinge Stand. The State of Things“ fand am 29. Juni in der Schaubude Berlin statt.


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Viten, Porträtfotos und Bibliografien unserer Autorinnen und Autoren finden Sie unter www.theaterderzeit.de/2018/09

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IMPRESSUM Theater der Zeit Die Zeitschrift für Theater und Politik 1946 gegründet von Fritz Erpenbeck und Bruno Henschel 1993 neubegründet von Friedrich Dieckmann, Martin Linzer und Harald Müller Redaktionsanschrift Winsstraße 72, D-10405 Berlin Tel +49 (0) 30.44 35 28 5-0 / Fax +49 (0) 30.44 35 28 5-44 Redaktionsleitung Harald Müller (V.i.S.d.P.) Redaktion Dorte Lena Eilers, Chefin vom Dienst +49 (0) 30.44 35 28 5-17, d.eilers@theaterderzeit.de, Paula Perschke +49 (0) 30.44 35 28 5-18, redaktion@theaterderzeit.de, Dr. Gunnar Decker, Jakob Hayner Mitarbeit Annette Dörner, Claudia Jürgens (Korrektur), Angelika Meyer-Speer (Hospitanz) Verlag: Theater der Zeit GmbH Programm und Geschäftsführung Harald Müller +49 (0) 30.44 35 28 5-20, h.mueller@theaterderzeit.de, Paul Tischler +49 (0) 30.44 35 28 5-21, p.tischler@theaterderzeit.de Verlagsbeirat Dr. Friedrich Dieckmann, Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte, Prof. Heiner Goebbels, Dr. Johannes Odenthal, Kathrin Tiedemann Anzeigen +49 (0) 30.44 35 28 5-20, anzeigen@theaterderzeit.de Gestaltung Gudrun Hommers Bildbearbeitung Holger Herschel Abo / Vertrieb Dennis Depta, +49 (0) 30.44 35 28 5-12, abo-vertrieb@theaterderzeit.de Einzelpreis € 8,50 Jahresabonnement € 85,– (Print) / € 75,– (Digital) / 10 Ausgaben + 1 Arbeitsbuch Preis gültig innerhalb Deutschlands inkl. Versand. Für Lieferungen außerhalb Deutschlands wird zzgl. ein Versandkostenanteil von EUR 25,– berechnet. 20 % Reduzierung des Jahresabonnements für Studierende, Rentner, Arbeitslose bei Vorlage eines gültigen Nachweises. Alle Rechte bei den Autoren und der Redaktion. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. Für unaufgefordert eingesandte Bücher, Fotos und Manuskripte übernimmt die Redaktion keine Haftung. Bei Nichtlieferung infolge höherer Gewalt oder infolge von Störungen des Arbeitsfriedens bestehen keine Ansprüche gegen die Herausgeber.

Festivals In der Inszenierung von Knut Hamsuns Roman „Hun­ ger“ bei den diesjährigen Salzburger Festspielen gart Regisseur Frank Castorf Schauspieler wie Zuschauer bei knapp vierzig Grad Außentemperatur sechs Stunden lang bis zur völligen Erschöp­ fung. Wie das Fleisch am Dönerspieß, so dreht sich auch Aleksandar Denićs Bühne unermüdlich in der brütenden Hitze. Apropos ­Döner: Waren es in der „Götterdämmerung“ noch die BayreuthGrößen, die sich in der Dönerbude versammelten, so ist es jetzt der alteingesessene Kern der Volksbühne rund um Sophie Rois und Marc Hosemann. Überhitzte Kapitalismuskritik trifft auf Fastfood-Großkonzern. Ob sich die Theatermarke Castorf dabei bewährt hat, sehen wir in der nächsten Ausgabe. Protagonisten Einen mit 5000 Euro dotierten Preis ab­ lehnen? Das muss man sich leisten können. Oder die Courage besitzen, den eige­ nen Prinzipien konsequent treu zu bleiben. Thomas Thieme, der in diesem Jahr den Weimar-Preis aus per­ sönlichen Gründen ablehnte, steht zu seinen Überzeugun­ gen. Zu den Triebfedern sei­ ner Arbeit gehört Aggressivi­ tät; das Theater ist dafür ein geeigneter Boxsack. Dennoch solle es so zivilisiert wie möglich und subversiv zugleich sein, sag­ te er in einem Interview im Neuen Deutschland. „Denn es gibt ja nun wirklich nichts Langweiligeres als unsere Gesellschaft.“ Wir gratulieren Thomas Thieme zu ­seinem 70. Geburtstag.

Druck: Kollin Medien GmbH, Neudrossenfeld 73. Jahrgang. Heft Nr. 9, September 2018. ISSN-Nr. 0040-5418 Redaktionsschluss für dieses Heft: 03.08.2018

www.theaterderzeit.de Folgen Sie Theater der Zeit auf Twitter und Facebook: www.twitter.com/theaterderzeit www.facebook.com/theaterderzeit

Die nächste Ausgabe von Theater der Zeit erscheint am 1. Oktober 2018.

Thomas Thieme. Foto Münchner Kammerspiele

Margarete Affenzeller, Theaterredakteurin, Wien Michael Bartsch, freier Journalist und Autor, Dresden Bodo Blitz, Kritiker, Freiburg Penelope Chatzidimitriou, Theaterwissenschaftlerin, Thessaloniki Kerstin Decker, Schriftstellerin und Journalistin, Berlin Friederike Felbeck, Regisseurin und Autorin, Düsseldorf Natalie Fingerhut, freie Autorin, Hamburg Georg Genoux, Theaterregisseur, Berlin Fritz Göttler, Literaturredakteur, München Ralph Hammerthaler, Schriftsteller, Berlin Thomas Irmer, freier Autor, Berlin Martin Krumbholz, freier Autor und Theaterkritiker, Düsseldorf Christoph Leibold, freier Hörfunkredakteur und Kritiker, München Sabine Leucht, Journalistin und Theaterkritikerin, München Elisabeth Maier, Journalistin, Esslingen Ute Müller-Tischler, Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin, Berlin Tom Mustroph, freier Autor, Berlin Christoph Nix, Regisseur und Intendant, Konstanz Anna Opel, Theaterkritikerin und Übersetzerin, Berlin Theresa Schütz, Theaterwissenschaftlerin, Berlin Wolfgang Storch, Dramaturg, Berlin/Volterra Erik Zielke, Lektor, Berlin

„Hunger“ in der Regie von Frank Castorf. Foto Matthias Horn

Vorschau

AUTOREN September 2018

TdZ ONLINE EXTRA

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Was macht das Theater, Christoph Marthaler? Christoph Marthaler, am 14. September erhalten

einem bestimmten Zeitpunkt zufällig aufein-

Sie in Oslo den Internationalen Ibsen-Preis.

andertrafen. Ich hatte ja bereits mit einigen

Glückwunsch! Sie haben allerdings nie einen

Schauspielerinnen und Schauspielern, mit

Ibsen inszeniert – gibt es andere Beziehungen

denen ich bis heute zusammenarbeite, in

zum Werk des Norwegers? Vielleicht das Prob-

Basel und Zürich freie Produktionen ge­

lem mit der Heimat?

macht. Die hießen „Indeed“, „Ribble Bobble

Ich würde es so beantworten: Ich kann mich

Pimlico“ (beide mit Graham Valentine),

noch darauf freuen, eines Tages ein Stück von

„Blanc et immobile“. Oder im Rahmen eines

Ibsen zu inszenieren. Es ist doch schön, wenn

Minimal-Festivals die Aufführung von Erik

man Dinge noch vor sich hat. Er war bei uns

Saties Klavierstück „Vexations“, an der unter

häufig im Gespräch, und ich bin fast sicher,

anderem Jürg Kienberger beteiligt war. Am

dass es eines Tages geschehen wird. Ibsens

Theater Basel lernte ich dann Matthias Lilien-

Thematiken haben mich immer interessiert,

thal und Barbara Mundel kennen, die mit mir

und wahrscheinlich kommt es mir deshalb

„Ankunft Badischer Bahnhof“ und „Wenn

auch so vor, als wären viele seiner Gedanken

das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schwei-

bereits in Inszenierungen von mir eingeflos-

zer, tötet!“ zusammen entwickelt haben. Bei-

sen – ganz inoffiziell. Mit Ibsen ist es diesbe-

de Abende fanden außerhalb des Hauses

züglich ein bisschen wie mit Jon Fosse. Mit

statt. Schließlich fragte Baumbauer, ob ich nicht auch einmal im Theater selbst etwas

ihm habe ich auf Initiative von Stefanie Carp mal drei Tage zusammen in Zürich verbracht. Wir sollten über eine mögliche Zusammen­ arbeit nachdenken, haben uns aber gleich nach der Begrüßung die klare Auflage erteilt, keine Minute lang über Theater zu sprechen. So verlebten wir drei sehr schöne Tage, haben viele Würste gegessen, auch einige Getränke zu uns genommen und eine wirklich gute Zeit gehabt. Ein Stück von Fosse habe ich bis heute nicht inszeniert, auch dies liegt noch vor mir.

Als „Nobelpreis des Theaters“ gilt der seit 2007 von der norwegischen Regierung durch eine internationale Jury alle zwei Jahre verliehene International Ibsen Award. Der Schweizer Musiker und Theaterregisseur Christoph Marthaler erhält den mit 2,5 Millionen Norwegischen Kronen (etwa 260 000 Euro) dotierten Preis im September 2018 in Oslo. Ein Stück des norwegischen Dramatikers hat er bislang noch nicht inszeniert, doch was nicht ist, kann ja noch werden. Foto Björn Jensen

machen wolle, und schlug „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Labiche vor. Von Basel aus war der Weg an die Volksbühne gebahnt, die Jahre des ost-westdeutsch-österreichisch-schweizerischen Kleeblatts ab 1992. Warum war es damals interessant, an diesem neuen, riskanten Typ von Theater zu arbeiten? Frank Castorf inszenierte damals in Basel, und Matthias Lilienthal war schon zu dieser Zeit ein wichtiger Mitarbeiter von ihm. Castorf sah meinen Soldatenliederabend „Wenn das

Sie werden als innovativer Regisseur ausge-

Alpenhirn sich rötet …“ und war sehr ange-

zeichnet, dessen originelle Kunst europaweit

tan. Irgendwie erinnerte ihn der dort zu erle-

einflussreich war und ist. Nehmen Sie diese sti-

bende Stillstand maßlos an seine Militärzeit

listische Wirkung wahr?

komme, dass mein Theater andere, auch jun-

in der DDR. Er und Lilienthal schlugen dann

Ich konzentriere mich sehr auf mein eigenes

ge Menschen inspiriert, freut mich das sehr.

vor, ich sollte doch an der Volksbühne, an die

Theater und bin äußerst selten als Zuschauer

So wie mich damals sehr beschäftigt hat,

sie beide demnächst wechseln würden, eine

vorzufinden. Ich gehe viel lieber ins Konzert

dass in Zeiten unglaublicher Beschleunigung

Inszenierung machen. Das Großartige in Ber-

oder schaue mir gleich zweimal dieselbe Pro-

die Menschen immer wieder in „Murx“, aber

lin war die Zusammenkunft der fünf Schwei-

duktion von Alain Platel an. Wenn Schauspie-

auch in den Hamburger „Wurzelfaust“ gegan-

zer Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Ruedi Häu-

ler einen Text „spielen“, fällt es mir sehr

gen sind. Anscheinend gab es eine große

sermann, Bruno Cathomas und Christoph

schwer, diesem Vorgang zu folgen. Das klingt

Sehnsucht nach gegenteiligen Geschwindig-

Marthaler mit einigen gestandenen Schau-

paradox, ist aber so. Mich interessieren die

keiten.

spielerinnen und Schauspielern der Volks-

Menschen, so wie sie sind. Ich habe in mei-

bühne, die dort mindestens schon die gesamte

nen Inszenierungen immer versucht, Musik,

Sprechen wir über das Theater Basel als

Besson-Zeit verbracht hatten, dem Norweger

Bewegung und Text so voneinander zu tren-

Schnittstelle Ende der 1980er Jahre: Hier fand

Magne-Håvard Brekke, der in Ost-Berlin seine

nen, dass tatsächliche Zustände kenntlich

Ihr Übergang von der Off-Szene ins Stadttheater

Schauspielausbildung absolviert hatte, sowie

werden: Zustände des Gesangs, Zustände der

statt, ermöglicht durch den Intendanten Frank

einer jungen Österreicherin, Sophie Rois, der

Bewegung, Zustände der Sprache oder des

Baumbauer. Auch trafen Sie hier mit der Bühnen-

ich schon in früheren Zeiten einmal als Thea-

Schweigens. Auf diese Weise geht es für mich

bildnerin Anna Viebrock und der Dramaturgin

termusiker begegnet war. Hier trafen sich

viel mehr um die Menschen selbst, die dann

Stefanie Carp zusammen. Warum konnte sich

vollkommen unterschiedliche Lebensläufe

allerdings oft auch sehr allein sind mit ihren

das Marthaler-Theater zu dieser Zeit an diesem

und Herkünfte, und doch schien es eine ge-

Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Dies

Ort entwickeln?

heime Schnittstelle zu geben. //

einmal an einem Stück von Ibsen zu erproben

Ich habe dafür nur eine Erklärung: Es lag

wäre wirklich interessant! Wenn ich mitbe-

­daran, dass sehr verschiedene Menschen zu

Die Fragen stellte Thomas Irmer.


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EIN sTEIN FING FEUER „Die kahle Sängerin“, „Die Unterrichtsstunde“ u. a. Texte von Eugène Ionesco P: 27. September 2018 R: Jan Philipp Gloger

AUFFÜHRUNG EINER GEFÄLsCHTEN PREDIGT ÜBER DAs sTERBEN von Boris Nikitin UA: 28. September 2018 R: Boris Nikitin

DIE MÖWE von Anton Tschechow P: 29. September 2018 R: Anne Lenk (Hausregisseurin)

DAs KABINETT DER VEREINIGTEN VERGANGENHEITEN von geheimagentur UA: 30. September 2018 R: geheimagentur

DER ZORN DER WÄLDER von Alexander Eisenach P: 05. Oktober 2018 R: Kieran Joel

DIE TROERINNEN/POsEIDON-MONOLOG von Euripides/Konstantin Küspert P: 07. Oktober 2018 R: Jan Philipp Gloger

KOMÖDIE MIT BANKÜBERFALL von Jonathan Sayer, Henry Lewis und Henry Shields DSE: 20. Oktober 2018 R: Christian Brey

MEIsTERKLAssE von Terrence McNally P: 14. November 2018 R: Manuel Schmitt

DAs DING von Philipp Löhle (Hausautor) P: 15. November 2018 R: Jan Philipp Gloger

Die MusiK war schuld von Selen Kara & Vera Mohrs UA: 30. November 2018 R: Selen Kara ML: Vera Mohrs

MACBETH von William Shakespeare P: 08. Dezember 2018 R: Philipp Preuss

DIE FÜRCHTERLICHEN TAGE DEs sCHRECKLICHEN GRAUENs von Roman Ehrlich UA: 18. Januar 2019 R: Anne Lenk (Hausregisseurin)

LAZARUs Ein Musical von David Bowie und Enda Walsh P: 02. Februar 2019 R: Tilo Nest ML: Vera Mohrs, Kostia Rapoport

AM RAND (ARBEITsTITEL) von Philipp Löhle (Hausautor) UA: 08. März 2019 R: Jan Philipp Gloger

EINE KURZE GEsCHICHTE DER BEWEGUNG von Petra Hůlová UA: 24. März 2019 R: Armin Petras Koproduktion mit den Städtischen Bühnen Prag

EINE EssAYPERFORMANCE (ARBEITsTITEL) von Oliver Zahn/Hauptaktion UA: 05. April 2019 R: Oliver Zahn

GLÜCKLICHE TAGE / HERZLICHEs BEILEID von Georges Feydeau / Samuel Beckett P: 10. Mai 2019 R: Dieter Dorn

DER sANDMANN von E.T.A. Hoffmann P: 01. Juni 2019 R: Clara Weyde

INDEPENDENCE FOR ALL (ARBEITsTITEL) von Costa Compagnie UA: 20. Juni 2019 R: Felix Meyer-Christian Kooperation von Costa Compagnie, Staatstheater Nürnberg und Oldenburgisches Staatstheater; Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes

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Theater der Zeit – Die Zeitschrift für Theater und Politik (Ausgabe 09/2018)  

Die Themen in dieser Ausgabe: Schauspieler Franz Rogowski / Russland nach der WM: Timofej Kuljabin, Teatr.doc, Vladimir Sorokin / Störwütig:...

Theater der Zeit – Die Zeitschrift für Theater und Politik (Ausgabe 09/2018)  

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