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Corona: Kathrin Röggla über Ansteckung und Hygiene / Ausland: Die Costa Compagnie in Mosambik Reihe: Theater und Moral – Essay von Jakob Hayner / Neustart: Rostock / Kunstinsert: Dr. GoraParasit

EUR 8,50 / CHF 10 / www.theaterderzeit.de

April 2020 • Heft Nr. 4

Rechte Gewalt

Esra Küçük und Milo Rau im Gespräch


Mit Uraufführungen von:

Jani Christou, Óscar Escudero, Beat Furrer, Ole Hübner, Yair Klartag, Anda Kryeziu, Barblina Meierhans, Belenish Moreno-Gil, Olga Neuwirth, Samir Odeh-Tamimi, Younghi Pagh-Paan, Yoav Pasovsky, Fabià Santcovsky, Tobias Schick, Cathy van Eck, Katharina Vogt, Christian Wolff.

Münchener Biennale — Festival für neues Musiktheater Künstlerische Leitung: Daniel Ott und Manos Tsangaris Lothstraße 19, 80797 München, T +49 89-280 56 07 info@muenchenerbiennale.de, www.muenchenerbiennale.de Kartenverkauf ab 30. März 2020 über München Ticket: www.muenchenticket.de


editorial

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D

Extra Der Aboauflage liegen bei

Double – Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater

Radikal jung 2020 Zwölf neue Regiehandschriften

  ie Coronavirus-Pandemie hat das öffentliche Leben in zahlreichen Ländern weltweit zum Stillstand gebracht. Shutdown. Geschlossen sind auch die Theater. Ebenso die Grenzen. Nicht nur für Flüchtlinge. „Dies ist also eine Art Brief an mich selbst. In dem auch steht, dass diese Pandemie auch eine weitere Einübung in geschlossene Räume ist, deren Anzahl seit Jahren stetig zunimmt. Die Festung Europa, die Bubbles im Netz, die eingefrorenen Blicke, das Lagerdenken, der aufgedrängte Kulturkampf, die große Abschottung, von der wir fantasieren in unserem digitalen Mittelalter“, schreibt Kathrin Röggla in ihrer Kolumne. Und ergänzt: „Ob es allerdings ein Virus ist oder der ­‚zynische Humanismus‘ (Milo Rau), der uns affiziert und immer engere Ringe um unseren Horizont legt, ob es eine vordergründige oder hintergründige Grippe ist, oder der Rassismus, der in Krisen reflexartig aufbrandet, an dieser Entscheidung sind wir zumindest beteiligt …“ Angesicht einer Welle rechter Gewalttaten in den letzten Monaten sieht sich Deutschland ­jedenfalls vor eine Entscheidung im Umgang mit rechtsextremistischen Strukturen und Tätern ­gestellt. Nach den Morden von Hanau, Halle und Kassel scheint rechte Gewaltpolitik eine neue Eskalationsstufe erreicht zu haben. Unser Themenschwerpunkt Rechte Gewalt geht in die Bestandsaufnahme. Der Historiker Massimo Perinelli analysiert für uns die Konjunkturen von Rassismus und rechter Gewalt in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Vor diesem Hintergrund haben wir mit der Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und dem Regisseur Milo Rau über die Mittel der ­Demokratie und der Kunst angesichts der a­ ktuellen Entwicklungen gesprochen. Sowohl Rau als auch Küçük befürchten eine Normalisierung im Umgang mit rechter Politik – auf parlamentarischer Ebene, wie auch bei der Herstellung eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses. Dieser Konsens ­ scheint nur noch schwierig herstellbar zu sein – „zwischen den Generationen, zwischen Linken und Rechten, im Binnenverhältnis der Linken oder innerhalb der Generationen: Lagerbildungen, wohin man auch blickt“, hebt Oliver Bukowski in einem Gespräch mit Gunnar Decker hervor. In seinem aktuellen Stück „Der Sohn“, das wir im Heft ab­drucken, geht Bukowski diesen Spaltungen im Mikrokosmos einer Familie in der Lausitz exemplarisch nach. Fragen von Identitätspolitik, Rassismus und Sexismus führen zurzeit auch zu Spaltungen in den Debatten um künstlerische Ausdrucksweisen, politische Haltungen sowie Teilhabe bisher ignorierter Minderheiten auf und hinter deutschen Bühnen. Mit unserer neuen Reihe „Theater und Moral“ wollen wir den dabei virulenten Konflikten nachgehen. Den Auftakt macht Jakob Hayner mit seinem Essay „Unter dem Shitstorm der Strand“. Die Coronakrise verdrängt derzeit nicht nur die notwendige Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus aus dem öffentlichen Bewusstsein, sondern zum Beispiel auch die Diskussion um den fragwürdigen und kostenintensiven Neubau von Theaterhäusern. Der Architekt Philipp Oswalt hat eine Petition gegen den Abriss der Städtischen Bühnen Frankfurt initiiert und hält in einem ­Kommentar fest, dass die damit verbundenen Immobilienspekulationen auch den exorbitanten ­Ausstattungsanforderungen an heutige Kultureinrichtungen geschuldet sind. In Rostock plant man ebenfalls einen neuen Theaterbau. Die dafür veranschlagten Kosten haben sich mittlerweile von­ vierzig auf einhundertzehn Millionen Euro fast verdreifacht. Ralph Reichel, der neue Intendant des Volkstheaters Rostock, versucht unterdessen im alten Theaterbau, in dem, wie Gunnar Decker beschreibt, schon die Fensterrahmen bröckeln, aus einem nach den lokalpolitischen Querelen der letzten Jahre angeschlagenen Theater wieder ein attraktives kulturelles Zentrum zu machen. Während Reichel gerade anfängt, geht am Theater Konstanz die Ära Christoph Nix zu Ende. Durchaus kämpferisch, wie Bodo Blitz schreibt und noch einmal auf Nix’ gesellschaftskritische Spielplangestaltung wie auch seinen Afrika-­Schwerpunkt mit kontinuierlichen Kooperationen auf Augenhöhe verweist. In Afrika war auch die Costa Compagnie unterwegs, im Rahmen einer weltweiten Recherchereise für ihr zweijähriges Projekt „Fight (for) Independence“, in dem sie Unabhängigkeitsbewegungen untersuchte. Felix Meyer-Christian hat für uns einen Reisebericht von der letzten Recherche in Mosambik geschrieben. Ein für eurozentristische Perspektiven gänzlich abseitiger geografischer Bezugspunkt, und vielleicht sogar von Corona-Infektionen frei, ist jedenfalls der Gora Parasit, ein Berg auf einer ­Vulkaninsel zwischen Russland und Japan. Er ist der Namenspatron der litauischen Künstlerin­ Dr. GoraParasit, die Erik Zielke eingangs in unserem Künstlerinsert als eine Grenzgängerin zwischen Theater und Installation, Oper und Film porträtiert. Im Maiheft werden wir uns dann in einem großen Schwerpunkt den Folgen des Coronavirus für den Kulturbetrieb widmen. // Die Redaktion


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Inhalt April 2020 thema rechte gewalt

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Massimo Perinelli Migration, Einwanderung und rechter Terror Zu den Konjunkturen rassistischer Mobilmachung gegen die Gesellschaft der Vielen

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Gegen rechte Normalisierung Die Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und der Regisseur Milo Rau über Theater in Zeiten rechter Gewaltpolitik im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Anja Nioduschewski

künstlerinsert

4

Arbeiten der Künstlerin Dr. GoraParasit

8

Erik Zielke Latex on the Beach Die litauische Künstlerin Dr. GoraParasit ist eine Grenzgängerin zwischen Theater und Installation, Oper und Film – und versieht ihre Werke mit einer subtilen Erotik

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theater und moral

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Jakob Hayner Unter dem Shitstorm der Strand Ein Versuch über Öffentlichkeit, Moral und Kunst

protagonisten

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Bodo Blitz Bella Ciao! Am Theater Konstanz endet nach 14 Jahren die Ära Christoph Nix

kolumne

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Kathrin Röggla Ansteckung und Hygiene Über geschlossene Räume und verengte Horizonte in Zeiten von Corona

protagonisten

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Phillip Oswalt Frankfurter Abrissfreunde Reaktionärer Geist und globalisiertes Standortmarketing geben sich beim Abriss der Städtischen Bühnen Frankfurt die Hand

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Gunnar Decker Bauen und flicken Der neue Intendant des Volkstheaters Rostock Ralph Reichel versucht aus einem angeschlagenen Theater wieder ein attraktives kulturelles Zentrum zu machen

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Felix Meyer-Christian Unabhängigkeitskämpfe – gestern und heute Für ihr Projekt „Fight (for) Independence“ recherchierte die Costa Compagnie in Mosambik – ein Reisebericht

ausland


inhalt

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look out

auftritt

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Friederike Felbeck Erfolgreich und etwas größenwahnsinnig Die Netzwerkgründer von Cheers for Fears entwerfen in ihrem Labor neue Formen künstlerischer Zusammenarbeit

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Theresa Schütz Klischeeverkehrungsspiele Das Kollektiv hannsjana unterläuft kulturelle Stereotype mit radikaler Freundlichkeit

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Berlin „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller in der Regie von Albrecht Hirche (Dorte Lena Eilers) Bautzen „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing in der Regie von Carsten Knödler (Michael Bartsch) Cottbus „Antifaust“ (UA) von Jo Fabian in der Regie von Jo Fabian (Gunnar Decker) Döbeln „Der Frieden“ von Peter Hacks nach Aristophanes in der Regie von Ralf-Peter Schulze (Gunnar Decker) Dortmund „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer selbst!“ von Jonathan Meese in der Regie von Jonathan Meese (Sascha Westphal) Eisenach „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller in der Regie von Christine Hofer (Joachim F. Tornau) Naumburg „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute in der Regie von Stefan Neugebauer (Thomas Irmer) Schwerin „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ von Heiner Müller in der Regie von Milan Peschel (Jakob Hayner) Stuttgart „Weltwärst“ (UA) von Noah Haidle in der Regie von Burkhard C. Kosminski (Otto Paul Burkhardt) Wiesbaden „Wassa Schelesnowa“ von Maxim Gorki in der Regie von Evgeny Titov (Shirin Sojitrawalla)

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Lagerbildung, wohin man auch blickt Oliver Bukowski über sein neuestes Stück „Der Sohn“ im Gespräch mit Gunnar Decker

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Oliver Bukowski Der Sohn

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Wahlkampf im Riesenrad Staunen, Schreck und Attraktionen – Unter den neuen Künstle­ rischen Leitern Tom Kühnel und Jürgen Kuttner wird das Brechtfestival in Augsburg zum Spektakel Mehrfachbelichtung eines Künstlers Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist eine ästhetische und durchaus politische Hommage Geschichten vom Herrn H. Heul leise, Lars Auf unermüdlicher Suche nach dem Wesen des Menschen und der Welt In Erinnerung an die Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin Getrud-Elisabeth Zillmer Volker, ahoi In Gedenken an den Schauspieler Volker Spengler Bücher Byung-Chul Han, Herbert Köfer, Gunnar Decker, Samuel Beckett

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Meldungen

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Premieren im April 2020

79

Autoren, Impressum, Vorschau

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Kornelia Kilga im Gespräch mit Margarete Affenzeller

38

stück

magazin 68

aktuell

was macht das theater?

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Titelfoto: Abgesägter Gedenkbaum für das erste Mordopfer des NSU Enver Şimşek auf dem Schwanenteichgelände in Zwickau 2019. Grafik nach einem Foto von Ralph Köhler

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Arbeiten von Dr. GoraParasit: (S. 4/5) „Alpha“ im Art Printing House, Vilnius 2018, (S. 6) „1001 Nights in America“ am Watermill Center, New York 2014, (S. 7) „Psycho“ in der Post Gallery, Kaunas 2016, (S. 8) „PipeDreaming“ bei der ArtVilnius, 2018. Fotos Martynas Aleksa / Lovis Ostenrik / Andrej Vasilenko


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Latex on the Beach Die litauische Künstlerin Dr. GoraParasit ist eine Grenzgängerin zwischen Theater und Installation, Oper und Film – und versieht ihre Werke mit einer subtilen Erotik von Erik Zielke

W

  eit, weit weg, im äußersten Osten Russlands – tatsächlich so weit östlich, dass der Deutschen Sehnsuchtsort Sibirien auf dem Weg dorthin bereits Tausende Kilometer im Rücken liegt – befindet sich der Gora Parasit. Der Berg mit dem Namen Parasit. Auf einer Insel, zwischen erloschenen und vielen noch aktiven Vulkanen. Inmitten einer Grenzregion, die zahlreiche Schlachten zu verzeichnen hat – heute zu Russland gehörend, aber vor den Toren Japans gelegen. Ein südlicher Ausläufer der Halbinsel Kamtschatka und in direkter Nachbarschaft zur ehemaligen Sträflingsinsel Sachalin, die Anton Tschechow bereist hatte und über die er einen gleichnamigen Bericht veröffentlichte. Dieser Berg steht Pate für den Künstlernamen Dr. Gora­ Parasit, hinter dem sich Gintarė Minelgaitė verbirgt, und gibt einige Hinweise: Die Vorliebe für das Ausloten von Grenzen wird offensichtlich. Ebenso für das Extreme. Wer Berge liebt, fürchtet auch den Abgrund nicht. Wenn Minelgaitė den Blick auf das östliche Ende des europäisch-asiatischen Festlandes richtet, bedeutet das zudem einen Blick in die Gegenrichtung. Denn sie selbst stammt aus Kaunas, der früheren litauischen Hauptstadt, wo man sich heute westwärts, das heißt am Zentrum der Europäischen Union orientiert. Litauen, das war aus sowjetischer Perspektive fast schon der erträumte Westen – und Kamtschatka das Ende der Welt. Die zwei vielleicht am weitesten voneinander entfernten

Orte des untergegangenen Sowjetimperiums bilden die Klammer für das künstlerische Denken von Minelgaitė. Dem Namen des Bergs hat Minelgaitė die Abkürzung Dr. vorangestellt. Nicht nur die Naturgewalt, das Monumentale, nicht allein der Blick in die Weite und in die Höhe sind ihre Sache – sie sucht auch die Tiefe. Den Widerspruch ohnehin. Und so treffen sich in ihrem Werk Bildkraft und Intellektualität. Das ener­­ge­ tische Spektakel versucht sie zu verbinden mit zeitgenössischer Wissenschaft. Dr. GoraParasit ist bildende Künstlerin, auch Designe­ rin, und sie widmet sich dem experimentellen Film. Am ehesten fühlt sie sich aber dem Theater und der Performancekunst zu­ gehörig, der Sparte, die so viele Kunstformen bündeln kann. Ihre Rolle dabei ist die der Regisseurin, die mitunter auch zur Darstellerin wird. Dass sie, um ihrer eigenen künstlerischen Vision gerecht zu werden, dazu ebenso zur Kostüm- und Bühnenbild­ nerin, häufig zur Autorin wird, ist für sie selbstverständlich. Die inhalt­liche und formale Vielgestaltigkeit durchzieht ihre Kunst. Und so lässt sich nur schwer fassen, in welchen Genres und Rahmen ihre Arbeit stattfindet. Das Themenspektrum, das sie bedient, ist weit gefächert: Ausgangspunkt für ihre Arbeiten sind Filme, Werke der bildenden Kunst, aber auch die Neurowissenschaften. Wollte man das Gemeinsame benennen, müsste man feststellen: Die Kunst selbst ist das Thema ihrer Kunst. Auch ihre Auseinandersetzung mit der Funktionsweise des mensch­ lichen Gehirns wurzelt letztlich in der Frage, was in dieser einzigartigen Spezies vorgeht, wenn sie sich von dem einnehmen lässt, was wir Kunst nennen.


dr. goraparasit

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Dr. GoraParasits Entscheidung, auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, wird früh deutlich. Aufgewachsen in Kaunas, wo sie eine Klavierausbildung erhält, geht sie nach Abschluss der Schule nach Vilnius, um dort Schauspiel an der staatlichen Musik- und Theaterakademie zu studieren. Einer Tätigkeit als freie Darstellerin und ersten Schritten als Regisseurin folgt der Umzug nach London. Ein zweites Bachelorstudium, dieses Mal in Fine Arts, ist nur ein Zwischenschritt zur neuerlichen Hinwendung zum Theater: Einen Masterabschluss erwirbt sie in Advanced Theatre Practice an der renommierten Royal Central School of Speech and Drama. Dass die Künste nicht in Konkurrenz zueinander stehen und sie sich keineswegs zwischen ihnen entscheiden muss, wird – sollte es daran Zweifel gegeben haben – spätestens mit ihrem Aufenthalt am Watermill Center 2014 klar. Robert Wilsons Refu­gium, das er regelmäßig internationalen Kunstgrößen wie auch jungen Stipendiaten zur Verfügung stellt, um sich der Produktion und der Forschung zu widmen, ist der Ort, an dem alle Künste zueinanderfinden. Tatsächlich ist Wilson, der Dr. GoraParasit entscheidend geprägt hat, ihr wesensverwandt. Im Zentrum steht bei beiden Künstlern der stark visuelle Zugriff; ein Theaterspektakel ist für sie ein akkurat komponiertes Gesamtkunstwerk. Auch die ästhetischen Anleihen bei Wilson sind sichtbar: Das Licht als ­Akteur, überschminkte Gesichter, Grellheit in den Farben – das sind die Zutaten für ihre artifizielle Bühnenwelt. So wirkt Dr. Gora­Parasit wie ein neuer, weiblicher Robert Wilson. Angekommen in einem digitalen Zeitalter. Anders als auf Wilsons jüngste Inszenierungen trifft auf ihre Performances etwas zu, das man im ­anglophonen Raum kinky nennt. Dr. GoraParasits Werke sind nicht nur sinnlich, sie ver­ mitteln eine erotische Spannung und sind im weitesten Sinne lustvoll. Keine expliziten Darstellungen von Lust (geschweige denn Pornografie) gibt es für den Zuschauer zu entdecken, dafür aber die Offenlegung menschlicher Schönheit wie menschlicher Abgründe. Durch fast alle Arbeiten der letzten Jahre zieht sich eine augenfällige Konstante: Ihre Darsteller werden mit Latex­anzügen und -accessoires versehen. Ein Kleidungsmaterial, das umso mehr zeigt, je mehr es verdeckt. Die Spieler präsentieren sich in all ihrer Verletzlichkeit und finden Schutz in ihrer zweiten Haut. In Latexkleidung ließ sie auch Schauspieler für ihre Reihe „Just Like in the Movies“ auftreten, für die sie 2016 unter anderem A ­ lfred Hitchcocks „Psycho“ neu in Szene setzte. Aber anders als etwa ­Susanne Kennedy, die für ihre Re-Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Warum läuft Herr R. Amok?“ 2014 an den Münchner Kammerspielen die Filmimitation auf der Theaterbühne probte, versieht Dr. GoraParasit den Film mit einer neuen, ihr eigenen ­ ­Ästhetik. Das Zitat ist das Mittel ihrer Wahl, mit dem sie es schafft, eine Reibung zwischen altem und neuem Kunstwerk zu erschaffen. Ihrer Experimentierfreude folgend, hat sie sich 2018 erstmals an einer Oper versucht. „Alpha“ ist ein zeitgenössisches Stück über Federico García Lorca, in Kooperation mit der Litauischen Nationaloper entstanden, für das Dr. GoraParasit Regie und Ausstattung übernommen hat. Der inszenatorische Witz des Abends liegt in der Idee, den latexlastigen Stil in eine Comic-­ Ästhetik zu überführen und auf die Bühne zu bringen. Die Künstlichkeit der Opernwelt wird aufrechterhalten, bekommt so aber wieder aus­reichend Adrenalin. Überraschend hat die Produktion

Dr. GoraParasit ist eine litauische Theater- und Filmregisseurin, Schauspielerin, Dozentin, Designerin und heißt eigentlich Gintarė Minelgaitė, geboren 1984 in Kaunas. Nach einer Schauspielausbildung in Litauen studierte sie Fine Arts am Sir John Cass Department of Arts und beendete ihren Master 2013 in Advanced Theatre Practice an der Royal Central School of Speech and Drama in London. Während ihres Studiums war sie Mitglied der Theaterkollektive Keistuoliai und Arviras ­Ratas Laboratory und arbeitete u. a. mit dem Regisseur Robert Wilson zusammen. Seit ihrem Abschluss hat Minelgaitė Stücke wie „1001 Nights in America“ (2014, Watermill Center, USA), oder „Psycho“ (2016, Post Gallery, Litauen) auf die Bühne und Leinwand gebracht. Minelgaitės Arbeiten gastierten u. a. in Israel, Dänemark und Italien. Viele ihrer Inszenierungen, darunter „Electric Dreams“ (2018, Print Screen Festival, Israel) und die Oper „Alpha“ (2018, Art Printing House, Litauen), werden auch noch 2020 auf Tour sein. Am 18. Juni wird „Tik Tok Faust“ in der Atletika Gallery in Vilnius Premiere haben und noch im selben Monat in der panke.gallery Berlin zu sehen sein. Foto Dr. GoraParasit

die höchste litauische Theaterauszeichnung gewonnen, das Gol­ dene Kreuz der Bühne für die beste Musiktheaterproduktion. „1001 Nights in America“ (2014), eine 45-minütige komische Abrechnung mit US-amerikanischer Unterhaltungskultur, tradi­tio­ nellen Geschlechterbildern und bürgerlicher Moral, bei der sich Ronald McDonald und Mickey Mouse über die Freiluftbühne ­bewegen, war eines der Resultate ihres Watermill-Aufenthalts – und gastierte prompt im Haus der Berliner Festspiele. So wie die ­Universalkünstlerin zwischen Musikvideoproduktion, Live-Installation und Ausflügen in die Werbebranche pendelt, führen Theaterinszenierungen und Performances sie in die USA und nach Israel, in verschiedene Teile Europas und immer wieder zurück in die litauische Heimat. Dass man in Deutschland bisher kaum die Gelegenheit hatte, ihr breit gefächertes Schaffen zu verfolgen, soll sich bald ändern. Immerhin lebt Dr. GoraParasit sowohl in der Nähe von Vilnius als auch in Berlin. Bereits für diesen Sommer ist eine „Faust“-Inszenierung als Soloperformance geplant. Die Vorstellungen sollen in einer Berliner Galerie zu sehen sein. Häufig entscheidet sie sich bewusst für ungewöhnliche Spielstätten. Auch für eine Arbeit an der Litauischen Nationaloper Ende des Jahres will sie in deren Foyer ausweichen. Eine Bühne jedenfalls braucht sie nicht; die schafft sie sich selbst. //

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Dammbruch rechter Gewalt oder erschreckende Kontinuität? Nach den Morden von Hanau, Halle und Kassel scheint rechte Gewaltpolitik eine neue Eskalations­ stufe erreicht zu haben. Doch 182 Mordopfer rechtsextremistischer Täter in den letzten dreißig Jahren werfen grundsätzliche Fragen auf. Genauso wie der Missbrauch demokratisch-parlamentarischer Institutionen durch die AfD bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen. Unser Themenschwerpunkt geht in die Bestandsaufnahme – aus gesellschaftspolitischer wie künstlerischer Perspektive. Der Historiker Massimo Perinelli analysiert für uns die Konjunkturen von Rassismus und rechter Gewalt in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Vor diesem Hintergrund haben wir mit der Sozial­ ­ wissenschaftlerin Esra Küçük und dem Regisseur Milo Rau über die Mittel der ­Demokratie und der Kunst angesichts der aktuellen Entwicklungen gesprochen.


rechte gewalt

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Migration, Einwanderung und rechter Terror Zu den Konjunkturen rassistischer Mobilmachung gegen die Gesellschaft der Vielen ­ von Massimo Perinelli

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  ie Geschichte Deutschlands ist eine Geschichte der Migra­ tion. Sie ist jedoch geprägt von rassistisch motivierten Gewalttaten in West und Ost. Die Wellen rechter Gewalt reagieren jeweils auf Kämpfe der Migration, in denen um Rechte gerungen wird, etwa für das Recht auf Bürgerschaft, auf angemessenes Wohnen, auf faire Löhne, gute Ausbildung, politische Teilhabe, kulturelle Repräsentation, und dabei gesellschaftliche Hierarchien herausgefordert werden. Rassismus ist nicht ahistorisch, sondern richtet sich gegen konkrete Versuche der Überwindung von gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen und die damit verbundene Pluralisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. Er zieht sich zwar kontinuierlich durch die Geschichte, kann aber nur in seiner jeweiligen historischen Spezifik begriffen und überwunden werden. Allen Rassismen ist gemein, dass sie in ihrer Dynamik einer bestimmten Konjunktur im öffentlichen Diskurs folgen. Die verschiedenen Formen der Gewalt unterscheiden sich sowohl in ­ihren ideologischen Begründungen, Anlässen und Planungen als auch darin, ob und wie sie von staatlichen Stellen sanktioniert werden. In jedem Fall sind sie eine Realität, mit der alle Eingewanderte aus dem europäischen wie globalen Süden, schwarze Deutsche, Juden und Jüdinnen sowie Roma und Sinti konfrontiert sind.

Der Kampf zwischen links und rechts wird auch an den EU-Grenzen ausgetragen – Im März brennt ein Flüchtlingszentrum auf Lesbos, hier ein Graffiti in den Straßen von Athen 2018. Foto Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit

Bereits in den 1950er Jahren fanden gruppenbezogene Gewalt­ taten gegen die ersten sogenannten Gastarbeiter statt, mit teil­ weise tödlichen Folgen. Diese Angriffe waren Ausdruck und Ergebnis der gesellschaftlichen Entrechtung der ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die in beengte Wohnunterkünfte gepfercht wurden, denen Angebote zur Inklusion – wie etwa Sprachkurse – verweigert wurden, deren Aufenthalt an den Arbeitsplatz gebunden war und deren Kinder systematisch der Bildungsaufstieg verwehrt wurde. Gesellschaftliche Exklusion ist die Bedingung für rassistische Gewalt, während diese Gewalt wiederum das Mittel der Durchsetzung dieser Exklusion ist. Als in der BRD Mitte der 1970er Jahre der Anwerbestopp durch die Regierung Brandt beschlossen wurde, stieg der Druck auf Migrantinnen und Migranten, in ihre Länder zurückzu­keh­ ren. Als diese stattdessen eine auf Familienbetriebe fußende ei­ gene Ökonomie entwickelten, wurden sie aber endgültig zu Einwanderern. Der Plan der Regierung Kohl 1983, die Anzahl der türkischen Bürgerinnen und Bürger zu halbieren, wurde durch einen immensen „Türken raus“-Diskurs begleitet. Damit stiegen erneut die rassistischen Gewalttaten, organisiert von neuen rechtsextremistischen Parteien, ausgeführt von einer schnell wachsenden Skinhead- und Hooliganszene. Die Dimension rassistischer Gewalt in den 1980er Jahren wird heute kaum mehr erinnert; der Mauerfall steht für eine Unterbrechung in der Erinnerung. Im Zuge der deutschen Vereinigung stieg die rassistische Gewalt sprunghaft an – sowohl im Rahmen organisierter neonazistischer Strukturen als auch auf der alltäglichen Ebene innerhalb der breiten Bevölkerung. Die als gesichert geltende Opferzahl rassistisch motivierter ­Tötungsdelikte beläuft sich bis heute auf knapp zweihundert Menschen, wobei viele Morde bis heute nicht als rechte Gewalt behandelt werden. Ein Großteil dieser tödlichen Gewalttaten

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thema

fand in den 1990er Jahren statt mit einem Höhepunkt von 25 Toten im Jahr 1992. Die rassistische Konjunktur der Gewalt nach 1989 war motiviert durch einen extremen Nationalismus, der mit der Deutschen Vereinigung einherging. Erneut wurden die migrantischen Communitys aufgefordert, das Land zu verlassen und ihre Arbeitsplätze den ökonomisch abgewickelten Ostdeutschen zu überlassen. Das erste Pogrom nach 1945 im September 1991 im sächsischen Hoyerswerda gegen ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik und anschließend gegen Asylsuchende war ein un­ mittelbarer Ausdruck davon. Das Landratsamt verkündete am 20. September: „Die übergroße Mehrheit der Anwohner im unmittelbaren Umfeld des Ausländerwohnheims sieht in den Handlungen der Störer eine Unterstützung ihrer eigenen Ziele zur Erzwingung der Ausreise der Ausländer und erklärt sich folgerichtig mit ihren Gewalttätigkeiten sehr intensiv solidarisch.“ Die Kollusion von staatlichem (Nicht-)Handeln, neonazistischer Gewalt, gesellschaftlicher Akzeptanz und medialer Berichterstattung, wie sie in dem Pogrom von Hoyerswerda zu Tage trat, sollte zur Blaupause rassistischer Verbrechen der nächsten zwanzig Jahre werden. Auch in Westdeutschland gab es Aufmärsche vor Unterkünften und Ausschreitungen durch rassistische Mobs, wie im Mai 1992 in Mannheim-Schönau, was als – wenn auch nicht gelungenes – Pogrom bezeichnet wurde. Dass rassistische Angriffe größerer Menschenmengen über einen längeren Zeitraum eher ein ostdeutsches Phänomen sind, ist weniger einem größeren Rassismus geschuldet als der Tatsache, dass mit 15 Millio­ nen Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationsbiografien in Westdeutschland eine echte Gegenmacht zu rassistischen Auftritten im öffentlichen Raum vorherrscht. Im August 1992 folgte im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen das in seiner Dimension größte und schwerwiegendste Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte. Deutsche Jugendliche griffen drei Tage lang unter dem Beifall von dreitausend Bewohnern aus der Nachbarschaft ein Haus mit über einhundert ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern an und versuchten, es mit Brandsätzen anzuzünden. Nur vier der Täter wurden später zu geringen Haft­ strafen verurteilt. Hunderte Ermittlungsverfahren wurden ent­weder ganz oder gegen Geldstrafe eingestellt, nach Verurteilung auf Bewährung ausgesetzt oder verjährten nach zehnjähriger Untätigkeit der Staatsanwaltschaften. Flankierend zu den rassistischen Angriffen fand in der Presse eine Kampagne unter dem Stichwort „Das Boot ist voll“ statt, wodurch die Gewalttaten legitimiert wurden. Damit wurde die mediale Berichterstattung selbst zu einem Teil dieser Gewalt. Die Politik reagierte 1993 entsprechend mit einer Grund­ gesetzänderung und schaffte de facto das Recht auf Asyl ab. Gleichzeitig verschaffte das Konzept der akzeptierenden Jugend­arbeit unter der Bundesministerin für Jugend Angela Merkel rechtsextremen Jugendlichen eine Hegemonie in den öffentlichen Jugendeinrichtungen der kleineren Städte vor allem in den neuen Bundesländern. Gepaart mit einem Klima der Straffreiheit, in dem rassistische ­Gewalttaten kaum geahndet wurden, entwickelte sich eine bis heute funktionierende und extrem gewalttätige Neonaziszene. Ende der 1990er Jahre förderte die rot-grüne Regierung ­unter dem Motto „Aufstand der Anständigen“ erstmals zivilgesellschaftliche antifaschistische Programme. Neonazis organisierten

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sich nun in klandestinen Strukturen, die in Netzwerken wie Blood & Honour bundesweit aktiv wurden und es bis heute sind. In Thüringen entwickelte sich aus der von V-Leuten des Verfassungsschutzes geführten und finanzierten Nazigruppe Thüringischer Heimatschutz die terroristische Zelle NSU (Nationalsozialistischer Untergrund), die ab dem Jahr 1999 ihre achtjährige Mordund Anschlagsserie begann, der neun migrantische Männer zum Opfer fielen. Die Angehörigen der Mordopfer und die Überlebenden der Anschläge wurden bis zur Selbstenttarnung des NSU 2011 als die einzig Verdächtigen betrachtet. Sie wurden von den Behörden überwacht, jahrelang verhört, durch gezielte Falschinforma­ tionen verunsichert und in ihrer sozialen Umgebung isoliert. Die Presse flankierte diese Opfer-Täter Umkehr und sah die Taten als einen Ausdruck integrationsunwilliger krimineller Ausländer­ milieus. Der NSU-Komplex als Kollusion von Neonazis, Politik, Geheimdiensten, Polizei, Justiz und Medien macht die struktu­ relle Dimension rassistischer Gewalt deutlich. Als sich 2015 Hunderttausende Geflüchtete einen Korridor nach Deutschland eröffneten, gründeten sich in unzähligen Kommunen Willkommensinitiativen, die bis heute eine Vorstellung einer inklusiven Gesellschaft ermöglichen. Dagegen formierte sich seit Anfang 2016 eine neue Konjunktur des Rassismus, die zum Einzug einer in Teilen rechtsextremistischen Partei in die Parlamente und zur Erosion und Verrohung des demokratischen Gefüges führte. Erneut fanden pogromartige Aufmärsche, Brandanschläge und offene Gewalttaten gegenüber vermeintlich Nichtdeutschen und solidarischen Menschen statt. Im August 2018 kam es in Chemnitz zu rassistischen Hetzjagden auf Geflüchtete und zu vier Brandanschlägen auf türkische, persische und jüdische Restaurants. Die Ermordung Walter Lübckes 2019 erfolgte noch aus derselben Struktur, die seit den 1990er Jahren aktiv ist und aus der heraus auch der NSU seine Verbrechen verübte. Der Täter von Halle, der schwer bewaffnet 2019 an Jom Kippur versucht hatte, eine ­Synagoge zu stürmen und ein Blutbad anzurichten, später zwei Menschen erschoss und weitere verletzte, war ein neuer Typus von Naziterrorist: Ähnlich wie die Attentäter von Utøya 2011, München 2016 und Christchurch 2019 war auch der Mörder von Hanau 2020 eine tickende Zeitbombe aus der Mitte der Gesellschaft, der sich eher unorganisiert zu der rassistischen Tat entschlossen ­hatte. Zwar folgte auch der Attentäter von Halle dem von Björn Höcke angeführten Aufmarsch in Chemnitz 2018, dennoch ­handelt es sich bei ihm weniger um einen geschulten Nazikader als vielmehr um einen neuen „Dominanzmännertypen“ (Klaus ­Theweleit: „Lachen der Täter“), der im digitalen Raum seinen Wahn entwickelte. Doch auch die Gamer-Typen mit toxischer Männlichkeit brauchen eine „Erlaubnis“ aus der Mitte der Gesellschaft, die sie im Falle von Hanau in der Hetze von SPD bis AfD gegen ShishaBars als rassistisch markierte Parallelwelten finden konnten. Nach Hanau sprechen nun fast alle von Rassismus als bestimmendem Problem in unserer Gesellschaft. Das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen und verweist auf eine Diskursverschiebung, die sich in den unzähligen solidarischen Kampagnen und Initiativen – viele davon im kulturellen Bereich erprobt – ausgebildet hat. Während es einen Dammbruch nach rechts zu geben scheint, entsteht ein neues Bewusstsein für Konvivialität, das Hoffnung macht. //


Aus dem Programm der Ruhrfestspiele 2020

Selbstbezichtigung von Peter Handke Regie: Dušan David Pařízek Berliner Ensemble, Übernahme des Volkstheaters Wien 01. – 02. Juni 2020, Kleines Haus

Clemens Meyer Eröffnungsrede im Anschluss: Tao of Glass von Philip Glass & Phelim McDermott Koproduktion mit dem Manchester International Festival 03. Mai 2020, Großes Haus Deutschlandpremiere

Rain (live) Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas und Ictus Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker 03. – 04. Juni 2020, Großes Haus

Why? Text & Regie: Peter Brook und Marie-Hélène Estienne Théâtre des Bouffes du Nord, Paris 04. – 06. Mai 2020, Kleines Haus Deutschlandpremiere

Number Four von René Pollesch Regie: René Pollesch Deutsches Theater Berlin 06. – 07. Juni 2020, Großes Haus

Don Quijote von Jakob Nolte nach Miguel de Cervantes Regie: Jan Bosse Deutsches Theater Berlin und Bregenzer Festspiele 08. – 10. Mai 2020, Großes Haus Sacre mit Musik von Igor Strawinsky und Philippe Bachman Kreiert von Yaron Lifschitz und dem Circa Ensemble Circa Contemporary Circus, Australien 12. – 14. Mai 2020, Theater Marl Weltpremiere Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist Regie: Lisa Nielebock Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover 15. – 18. Mai 2020, Großes Haus Premiere Sokrates der Überlebende / wie die Blätter nach dem Roman „Der Überlebende“ von Antonio Scurati und mit Texten von Platon, Cees Noteboom und Georges I. Gurdjieff Regie: Simone Derai Anagoor / Theater an der Ruhr 16. – 18. Mai 2020, Kleines Haus Dada Masilo’s The Sacrifice (Das Opfer) Inspiriert von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ Choreografie: Dada Masilo, Südafrika 20. – 21. Mai 2020, Kleines Haus

Gesellschafter:

Förderer:

Peer Gynt von Henrik Ibsen Ein Projekt von John Bock und Lars Eidinger Koproduktion mit der Schaubühne Berlin 05. – 08. Juni 2020, Kleines Haus Die Jakobsbücher nach dem Roman von Olga Tokarczuk Regie: Ewelina Marciniak Teatr Powszechny, Warschau 21. – 23. Mai 2020, Großes Haus Deutschlandpremiere Drei Mal Leben von Yasmina Reza Regie: Andrea Breth Berliner Ensemble 28. – 30. Mai 2020, Großes Haus

Dimitris Papaioannou Eine neue Arbeit Regie: Dimitris Papaioannou Koproduktion mit Onassis Stegi, Athen 11. – 13. Juni 2020, Großes Haus Deutschlandpremiere Denis Scheck im Gespräch mit … … Saša Stanišić: 09. Mai 2020 … Judith Schalansky: 18. Mai 2020 … Christoph Ransmayr: 01. Juni 2020 Großes Haus

Arbeiterinnen / Pracujace kobiety von werkgruppe2 Koproduktion mit werkgruppe2, Schauspiel Essen und Teatr Polski – w podziemiu 28. – 30. Mai 2020, Kleines Haus Uraufführung Das komplette Programm der Ruhrfestspiele vom 01. Mai bis 13. Juni 2020 auf www.ruhrfestspiele.de

Ruhrfestspiele Recklinghausen Otto-Burrmeister-Allee 1 45657 Recklinghausen Karten unter Tel.: +49 2361 921 80 E-Mail: kartenstelle@ruhrfestspiele.de

Festivalsponsoren und Unterstützer:


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Gegen rechte Normalisierung Die Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und der Regisseur Milo Rau über Theater in Zeiten rechter Gewaltpolitik im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Anja Nioduschewski

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  nja Nioduschewski: Esra Küçük und Milo Rau, Anlass unseres Gesprächs sind die rassistisch und rechtsnationalistisch motivierten Mordanschläge der vergangenen Monate in Deutschland: in Hanau, Halle, Kassel. Anfang März hatte die AfD bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen den demokratischen Par­ ­ lamentarismus vorgeführt. Es ist von Dammbruch rechtsextremer Gewalt die Rede, von geistiger Brandstiftung. Milo Rau, Sie hatten in Ihrer Eröffnungsrede der Hannah-Arendt-Tage 2018 in Hannover gesagt: „Protest heißt, die eigene Zeit nicht mitleidig oder liebevoll, sondern katastrophisch und unverhüllt, also zynisch zu betrachten.“ Was ist Ihre zynische, katastrophische Einschätzung der ­aktuellen politischen Situation? Milo Rau: Man ist ja als Marxist klassischerweise der Ansicht, dass der Faschismus die letzte Stufe des Kapitalismus ist. Wenn man sieht, was gerade an den europäischen Außengrenzen in Griechenland geschieht, muss man sich nur erinnern, was die Reak­ tion war, als vor einigen Jahren von AfD-Seite gesagt wurde, man sollte auf die Flüchtlinge schießen. Da fanden die Medien das total irrwitzig. Jetzt haben wir Ursula von der Leyen, die Griechenland als „Schutzschild“ lobt und damit genau dafür dankt: dass auf Flüchtlinge, wenn sie nicht still in den Lagern zu sterben bereit sind, geschossen wird. Da hat sich also etwas normalisiert, was vorher als außerordentlich galt. Zynisch gesagt ist da eine neue Ehrlichkeit entstanden, und die muss man verstehen. Rechts­ populismus entsteht meines Erachtens, weil viele Leute merken, dass sie mit den Mitteln der Demokratie, also mit moralisch und sozial richtigen Entscheidungen, ihre Wohlstandszonen nicht mehr schützen können. Deshalb verabschieden sie sich von der Demokratie. Man versucht natürlich, Mehrheits­ behauptungen aufrechtzuerhalten, Koalitionen zu bilden – wie in Thüringen. Das machen aber auch Putin, Erdoğan, Bolsonaro, das ist ein Übergangsstadium. Dass es in Deutschland eine Art Immun­apparat dagegen gibt, wie etwa in Thüringen, das freut

mich. Der ist in den meisten Ländern schon lange über Bord geworfen worden. In der Schweiz oder in Österreich würde niemand eine FDP-CDU-AfD-Koalition überhaupt bemerken. Nioduschewski: Esra Küçük, wie bewerten Sie die politische Situation, die für Sie nach der desaströsen Aufklärung der NSU-Morde vielleicht schon länger akut ist? Esra Küçük: Ich stimme völlig überein mit Milos Diagnose eines Normalisierungsprozesses. Exemplarisch abzulesen an der Asylund Fluchtdebatte: Vor fünf Jahren gab es noch eine Empörung über die Menschrechtssituation; es gab eine euphorische Willkom­ menskultur, welche später verunglimpft wurde; die Rolle der ­Politik der Europäischen Union wurde diskutiert – während heute vermieden wird, darüber zu reden, dass wir nicht EU-Asylrechtskonform handeln. Die Präsidentin der Europäischen Kommis­ sion gratuliert Griechenland zu seinem rabiaten Grenzschutz unter Einsatz von Gewalt gegen Menschen, die nach internationalem Recht Anspruch auf Asyl hätten. Und der große gesellschaftliche Widerspruch bleibt aus. Daran lässt sich ab­lesen, wie schnell sich der gesellschaftliche Konsens verschoben hat. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren in vielen Ländern einen rasanten Demokratie-Abbau erlebt. Die Türkei ist dafür ein Beispiel. Kürzungen im Kulturbereich sind oft ein erster Schritt, der nächste ist Zensur, danach kommt die Gefährdungssituation, und schließlich ist man mit der Frage konfrontiert: Wie kriegt man einen Künstler aus dem Gefängnis heraus. Als europäische ­Kulturstiftung erhalten wir für gewöhnlich Anträge aus allen ­europäischen Ländern. Wir haben unter anderem einen Schwerpunkt „Kultur macht Mut zur offenen Gesellschaft“, in dessen Rahmen von Zensur oder Bedrohungssituationen ­ Betroffene Anträge stellen können. Derzeit aber erreichen uns aus Ungarn nicht einmal mehr Anträge – das sagt schon viel aus. Rau: Als Intendant des NTGent bin ich in Flandern mit einer rechten Regierung konfrontiert, die beschlossen hat, sechzig Prozent der finanziellen Mittel für die freie Szene zu kürzen und sechs Prozent bei Institutionen wie dem NTGent – obwohl der rechts­ nationale Ministerpräsident und Kulturminister Jan Jambon von der N-VA weiß, dass der Kultursektor bei einer Investition von etwas mehr als einem Prozent der Steuermittel zwölf Prozent des


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Debatte beschäftigt, als mit der Frage: Wie schaue ich in einem Bruttoinlandsprodukts kreiert. Hier haben wir also einen KulturMoment, da die AfD spricht? Wie schaffe ich es, mich demons­ kampf von rechts, der völlig unverhüllt sagt: Wir wollen euch nicht, auch wenn es wirtschaftlich desaströs ist. Seitdem die Kürtrativ weg­ zudrehen? Wann applaudiere ich an der richtigen Stelle? Alles performative Akte. Angesichts dessen stellt sich zungen angekündigt wurden, sitze ich mit den Intendanten der beiden anderen Stadttheater jede Woche zusammen – und bin mit die Frage: In Z ­ eiten, wo Politik zu Theater wird, zu was muss dann Theater werden? allen anderen Institutionen und freien Gruppen in ständigem Kontakt. Das ist eine Art LangNioduschewski: Bei Theazeitstudie zur Normalisierung: terarbeiten wie der „General Innerhalb eines halben Jahres Assembly“, bei „Das Kongo sind wir von „Das ist ja total abTribunal“ oder „Die Mossurd, was hier geschieht“ zu kauer Prozesse“ benutzen „Vielleicht können wir das ja abSie, Milo Rau, ja parlamenschwächen, wir sprechen mal tarische oder rechtsstaat­ mit dem Minister“ übergeganliche Mittel als dramaturgigen. Da muss man immer wiesche Mittel, um mit realen Akteuren auf einer symbo­ der zum totalen „Nein“ zurück, zum Protest. Denn so funk­ lischen Ebene zu einem ­Ergebnis zu kommen, das tioniert ja faschistische Macht: Etwas Unannehmbares wird, ­ dann als realpolitisches Angebot im Raum stehen soll. wenn man nur lange genug Jetzt könnte man sagen, die drüber redet, in eine Tatsache AfD „bespielte“ in Thürinverwandelt. Dorte Lena Eilers: Gibt es gen mit ihrem öffentlichen Wahlmissbrauch auch den einen Unterschied, ob Sie da als Theaterleiter handeln politischen Raum. Worin oder als Künstler, als Aktiunterscheiden sich diese vist? Strategien? Rau: Es ist ein Unterschied in Rau: Ich würde da mit Jaques der Rolle: Bei meinen eigenen Rancière zunächst einmal die Inszenierungen gebe ich das Unterscheidung von Politik Tempo vor, die Form. Als Intenund Politischem voraussetzen: Auf der einen Seite ist da die dant versuche ich, den Künstleparlamentarische Demokratie, rinnen und Künstlern alle Freialso eine Politik, die zur Verheiten zu geben, die nötig sind. Ich bin selten mit allem ein­ waltung des kapitalistischen Systems da ist. Auf künstleriRechter O-Ton auf der Bühne? – Sascha Ö. Soydan liest die von Anders verstanden, eigentlich nie. Aber B. Breivik vor dem Osloer Amtsgericht gehaltene Erklärung in Milo ich finde es wichtig, in Zeiten scher Seite geht es aber darum, Raus Inszenierung „Breiviks Erklärung“ 2012. Foto Thomas Müller/IIPM einen Raum zu schaffen, in des erstarkenden identitären Faschismus Minimaldifferendem sich das Politische zeigt, wo es sich entfalten kann. Ich zen unter liberalen und linken erinnere mich, dass ich bei den „Moskauer Prozessen“ die AnwälPositionen zuzulassen. Wir brauchen Großzügigkeit! Denn je tin von Pussy Riot beim Casting gefragt habe: „Warum machst du stärker der Außendruck von rechts wird, umso intoleranter wird bei uns mit?“ Sie antwortete: „Weil ich einmal nicht Theater spiedie linke Kulturszene untereinander. Als Intendant versuche ich, eine Art offene Gesellschaft im Kleinen zu erhalten und über meilen will. In richtigen Prozessen gibt es ein Skript, ein feststehennen Schatten zu springen. des Urteil. Hier nicht.“ In der Kunst kann man offene Räume herEilers: Sie haben in Ihrer Zeitungskolumne in der Basler stellen. Antagonismen, die von der Macht geleugnet werden, können in solchen künstlerischen Räumen auftreten, verhandelt ­Zeitung neulich geschrieben: „Es gibt, konfrontiert mit ­Faschisten, nur zwei Möglichkeiten: ihre Zukunft. Oder eine werden: dass es beim Auftritt von Pussy Riot in der Erlöserkathedrale eben nicht um die „verletzten Gefühle der Gläubigen“ ging, Zukunft ohne sie.“ Inwieweit kann die realpolitische Bekämpsondern um eine Kritik am Putin’schen System eines neoorthodofung des Faschismus auch Aufgabe des Theaters sein? Küçük: Ich war Anfang März zur Hanau-Debatte im Deutschen xen Faschismus. Als Künstler kann man Experten Redezeit geben, die sie in der sogenannten „Wirklichkeit“ nicht hätten, und Bundestag und habe zum ersten Mal auch körperlich erleben müssen, was es bedeutet, sich Reden der AfD zu solch einem ­Möglichkeiten herstellen, die dann aber auch widersprüchlich, schmerzhaft sind. Es resultieren daraus immer wieder kleine, ­Thema anzuhören. Ich musste unmittelbar an Arbeiten von Milo denken, denn der Bundestag wurde dabei zu einer Art aber revolutionäre Sprünge von Solidarität. Wenn man mit zwanzig Leuten in einem Raum sitzt und es trotz Uneinigkeiten schafft, ­Theater. Die Abgeordneten waren weniger mit den Inhalten der

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Esra Küçük, geboren 1983 in Hamburg, ist diplomierte Sozialwissenschaftlerin. Sie absolvierte ein deutsch-französisches Diplom an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und am Institut d’Études Politiques in Paris, studierte European Studies an der Universität Twente in den Niederlanden. Anschließend arbeitete Küçük bei der Stiftung Mercator, war persönliche Referentin im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin und leitete das von ihr 2011 initiierte, deutschlandweite Bildungsprogramm Junge Islam Konferenz. Ab 2016 gehörte sie zum Direktorium des Maxim Gorki Theaters in Berlin, wo sie die Debattenplattform Gorki Forum etablierte. Seit 2019 ist Esra Küçük geschäftsführendes Mitglied des Stiftungsrates der Allianz Kulturstiftung. Foto Jesco Denzel Milo Rau, 1977 in Bern geboren, ist Theater- und Filmregisseur sowie Autor. Er studierte ­Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich. Seit 2003 arbeitet er als Regisseur. 2007 gründete er das International Institute of Political Murder IIPM, mit dem er viele seiner Projekte, u. a. „Hate Radio“ (2011/12), „Die Moskauer Prozesse“ (2013), „Das Kongo Tribunal“ (2015) und „Five Easy Pieces“ (2016) realisiert hat. Rau ist Träger vieler Preise und Auszeichnungen, darunter der Schweizer Theaterpreis 2014, der Peter-Weiss-Preis 2017 und der Europäische Theaterpreis 2018. Seit der Spielzeit 2018/19 ist Rau Intendant des NTGent. Zurzeit entwickelt er in Brasilien „Antigone im Amazonas“, das dort im April 2020 Premiere feiern wird. Foto Bea Borgers

miteinander zu reden und zu irgendeinem Punkt zu kommen, zum Beispiel eine transnationale Firma immerhin symbolisch zu ver­ urteilen – oder Pussy Riot freizusprechen. Ich glaube, der allerwichtigste Punkt dabei ist: Kunst entpersonalisiert. Es geht nicht mehr um meine oder deine Gefühle, die Kunst schafft einen allegorischen Raum, einen strukturellen Raum, in dem jeder nicht nur als narzisstisches Ich, sondern in einer Funktion oder für eine Gruppe sprechen kann – eben politisch. Und dann ist man eben auch nicht gleich beleidigt, wenn jemand sagt: „Nein, das sehe ich anders.“ Nioduschewski: Momentan wird eher der Anspruch an das Theater formuliert, ein safe space zu sein, während es in seiner Tradition Ort des Konflikts ist. Sie haben 2012 mit „Breiviks Erklärung“ das Manifest eines rechten Massenmörders auf die Bühne gebracht. Das Nationaltheater Weimar als Produzent, aber auch andere Gastspieltheater haben sich davon distanziert – trotz Ihres inszenatorisch kritischen Zugriffs mit der Besetzung der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan. Würden Sie heute „Breiviks Erklärung“ genauso inszenieren? Rau: Der damalige Kontext war ja der noch laufende Prozess von Breivik. Die AfD gab es damals noch nicht. Ich habe das Stück zuletzt in Beirut gespielt, aber als ich es vor drei Jahren in Dresden zeigte, während einer Pegida-Demonstration, hatte sie rhetorisch gesehen diesen revolutionären Aspekt nicht mehr: Das war Common Sense. Das war alles bereits eingetreten, eingelöst.

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Nioduschewski: Was wäre so ein revolutionärer Aspekt heute? Rau: Eine Position außerhalb des kapitalistischen Systems – wie eine „Antigone am Amazonas“. Aktivisten, die sagen: Wir wollen nicht integriert werden in diese Welt. Wir wollen nicht den kleinen identitätspolitischen Platz in eurem Spiel, wir wollen nicht eure kleine verlogene Achtsamkeit. Sondern wir wollen grundsätzlich andere Spielregeln. Eilers: Esra Küçük, Sie gehörten von 2016 bis 2018 zum ­Direktorium des Maxim Gorki Theaters, das sich durchaus als safe space versteht. Küçük: Wenn nach Rancière das Politische die Unterbrechung von ­Politik ist, heißt das für das Politische, das im Theater stattfindet: Es braucht immer eine Kontextualisierung durch das, was real passiert. Gutes Theater findet für mich selten im luftleeren Raum statt, sondern immer kontextualisiert, in einem Reibungsprozess mit dem Ort, an dem es stattfindet, mit den Akteuren, mit denen es statt­ findet. Ein und dieselbe künstlerische Anordnung kann an einem Ort, an dem Menschen im Publikum sitzen, die weiß sind, anders wirken als bei Menschen, die selber Rassismuserfahrungen erlebt haben. Von daher kann ich die Frage nicht prinzipiell beantworten, ob Theater ein safe space sein soll. Aber ich glaube, in einer Zeit, in der Rassismus Alltagspraxis ist, brauchen wir Orte, in denen wir uns davor schützen und an denen Akteure, Künstlerinnen und Künstler erst mal ihre Kreativität entfalten können – durch den Entzug aus dem öffentlichen Diskurs. So ein Ort ändert die Parameter, die Blickwinkel – und ist für mich in dem Moment ein echter utopischer Raum. Für mich ist Theater eine Behauptung. Und wenn man durch sie eine solche Utopie schaffen kann, meine ich, dass man safe spaces braucht. Das ist das, was wir am Gorki versucht ­haben. Das heißt aber nicht, dass Theater immer ein safe space sein muss. Es geht um die Gleichzeitigkeit von beidem. Rau: Ich kann Esra nur zustimmen. Theater, wo es auch hinkommt, ob das jetzt Süditalien, der Amazonas, das Gorki oder Gent ist, schafft einen utopischen Raum. Theater ist eine Selbstüberschätzung per se, zum Glück. Das ist das Wesen der Kunst, dass irgendein kleiner Mensch vor seinesgleichen tritt und dann mal für alle spricht. Wie zuletzt mit den „Häusern der Würde“ – da haben wir in Süditalien für 3500 Flüchtlinge bis zum Jahresende Infrastrukturen geschaffen und legalisiert. Etwas tun, Realpolitik: Das ist für mich genauso wichtig wie der große universalistische Anspruch der Kunst. Küçük: Ich würde – und vielleicht sind wir da im Dissens – Milos Arbeiten gar nicht als realpolitisch charakterisieren. Ich wehre mich auch vehement dagegen, Kunst für politische und gesellschaftliche Problematiken in Anspruch zu nehmen. Kunst ist nicht dazu da, realpolitische Probleme zu lösen. Dafür haben wir politische Strukturen und gewählte Vertreter. Das heißt aber nicht, dass Kunst keine reale Verantwortung in unserer Gesellschaft hat und sich einer L’art pour l’art zuwenden sollte. Dass das Versuchslabor, das das Gorki darstellt – indem genau andere ­Publika angesprochen werden, andere Körper auf der Bühne stehen und auch neue Räume geschaffen werden, als sonst üblich –, dass das als ein solches Radikal wahrgenommen wird, finde ich faszinierend. Denn in jedem anderen Arbeitsfeld außerhalb der Theater-Bubble, die ich ohnehin als sehr selbstreferenziell wahrnehme, ist das gar nicht so radikal. Milos Arbeiten sind meines Erachtens eine Weiterentwicklung des Theaters.


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Eilers: Dennoch ist auch Theater realpolitisch wirksam, sonst ­würde die AfD nicht mit parlamentarischen Anfragen à la „Wie viele Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migra­ tionshintergrund arbeiten denn da?“ darauf reagieren. Küçük: Das ist ja auch der Grund, warum unsere Stiftung Kunst und Kultur fördert. In den Gefängnissen von autokratischen Systemen sitzen nicht Wirtschaftsbosse, sondern Journalisten und Künstler. Wegen der narrativen Wirkmacht ihres Schreibens, die Emotionen und Energie freisetzen kann. Gerade deshalb bekommt das Ringen um nationale Narrative in nationalistischen Kontexten eine politisch hoch brisante Virulenz, zum Beispiel beim Thema Erinnerungskultur. Rau: Radikal in der Kunst ist für mich, die Widersprüche unserer sogenannten Politik, die diese Widersprüche leugnet oder – wie zum Beispiel die Kinderarbeit nach Kambodscha – externalisiert, zurückzutransportieren und im Rahmen von Projekten sichtbar zu machen. Kunst öffnet einen schmerzhaften Raum der Widersprüche und macht so Solidaritäten möglich. Daraus kann durchaus etwas Soziales entstehen, neue Strukturen. Wenn man wie bei meinem „Neuen Evangelium“ erkennt, dass da illegale Flüchtlinge missbraucht werden, um in Süditalien Tomaten zu ernten, die dann in ihre Herkunftsländer exportiert werden, um dort die Landwirtschaft zu zerstören, weshalb weiterhin billige Arbeitskräfte von dort zu uns flüchten, erscheint es mir sinnvoll, diesen Kreislauf in einem Streik, einer „Revolte der Würde“, zu unterbrechen. Und dann diesen Leuten zu einem legalen Status zu verhelfen, mit „Häusern der Würde“ oder Tomatenplantagen ohne Mafia in Kooperation mit unabhän­ gigen Supermärkten. Das sind für mich die zwei Dinge, die ich zusammenzubringen versuche, und die dabei entstehenden Widersprüche muss man eben aushalten. Ich glaube, die große Gefahr der Bubbles ist, der Externalisierung der Faschos eigene, andere Externalisierungen entgegenzusetzen und zu sagen: „Wir schaffen einen Raum, in dem es keine Faschos, in dem es keine wirtschaftliche ­Ungerechtigkeit, in dem es keinen Rassismus gibt.“ Das kann ich nachvollziehen, aber dieser Raum ist, analytisch gesehen, unwahr, er ist unpolitisch und leider auch künstlerisch uninteressant. Eilers: Wenn dieser Raum nicht politisch ist, Frau Küçük, dann widerspricht das doch Ihrer Begründung der Sinnhaftigkeit eines Theaters als safe space? Küçük: Ich verstehe das aber nicht als ausschließlich, sondern als Gleichzeitigkeit: der eines safe space und eines Ortes, an dem diese Differenzen ausgehandelt werden. Rau: Das denke ich auch. Einerseits der Gleichklang, der für mich aber nur wertvoll ist, wenn er Solidaritäten, neue Tatsachen schafft, die andererseits widersprüchlich, schwierig und im Zerbrechen sind. Das versuchen wir am NTGent ständig: unwahrscheinlichen Kollektiven – zuletzt etwa dreißig feministischen schwarzen Aktivistinnen und Aktivisten – einen realen Raum zu geben, der für sie nicht vorgesehen war. Küçük: Das Großartige am Theater ist ja, dass die Räume, in ­denen diese Differenz verhandelt wird, in Realsituationen her­ gestellt werden. // TdZ ONLINE EXTRA Eine Langfassung dieses Gesprächs finden Sie unter www.theaterderzeit.de/2020/04

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An der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist im Fachhochschulstudiengang Theaterausstattung in der Studienrichtung Theatermalerei zum 01.10.2020 eine halbe Stelle (20 Stunden/Woche) als

Künstlerischer Mitarbeiter (m/w/d) E 13 TV-L, 50 % zunächst befristet auf zwei Jahre nach § 14 Abs. 2 TzBfG zu besetzen. Daher dürfen Bewerber*innen in den letzten drei Jahren in keinem Beschäftigungsverhältnis zum Freistaat Sachsen gestanden haben. Im Falle einer positiven Evaluierung ist die Übernahme in einem unbefristeten Angestelltenverhältnis vorgesehen. Zu den Aufgaben der Stelle gehören insbesondere: l Lehrverpflichtung in den Hauptfächern der Studienrichtung Theatermalerei, teilweise selbstständige Wahrnehmung der Lehre, fachbezogene Studienberatung l Vermittlung von Kenntnissen der Maltechnik und der Materialimitation, perspektivischer Konstruktion und figürlicher Darstellung, transparenter und deckender Prospekt- und Wandmalerei, Verwendung digitaler Medien und Grundkenntnisse der Bildbearbeitung, Gestaltung von angewandten Mal- und Grafikvorlagen sowie Materialexperimenten l Entwicklung und Umsetzung künstlerisch-praktischer Projekte, Vorhaben und Exkursionen l Unterstützung des Studiendekans*der Studiendekanin bei der Organisation des Lehr- und Studienbetriebs l Mitbetreuung von Diplomprojekten und Mitwirkung bei der Abnahme von Prüfungen Zudem wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit weiteren Lehrgebieten der Hochschule für Bildende Künste Dresden, anderen Hochschulen und Personen sowie Institutionen im In- und Ausland erwartet. Anforderungen für diese Stelle: l abgeschlossenes Studium an einer Fach- oder Kunsthochschule der Fachrichtung Theatermalerei oder eine vergleichbare praktische Ausbildung/Qualifikation l besondere künstlerisch-praktische Befähigung und entsprechende Leistungen in der Berufspraxis, die in der Regel durch eine mehrjährige Tätigkeit bei Theater, Film und/oder Fernsehen nachgewiesen werden l kunstgeschichtliche und theaterwissenschaftliche Fachkenntnisse l pädagogische Eignung (Erfahrung im Hochschulbereich oder ähnliche Lehrtätigkeit erwünscht) sowie l Bereitschaft zur Mitwirkung bei der akademischen Selbstverwaltung Die weiteren Aufgaben sowie Anforderungen dieser Position ergeben sich aus § 71 SächsHSFG sowie der Sächsischen Dienstaufgabenverordnung an Hochschulen – DAVOHS, in der jeweils geltenden Fassung. Die Hochschule für Bildende Künste Dresden strebt einen hohen Anteil von Frauen in Forschung und Lehre an. Qualifizierte Bewerberinnen sind deshalb ausdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben. Bewerbungen Schwerbehinderter werden bei gleicher Eignung bevorzugt behandelt. Ihre aussagefähigen und vollständigen Bewerbungsunterlagen (tabellarischer Lebenslauf, Portfolio der eigenen künstlerischen Arbeiten, Nachweis der Lehrbefähigung und -erfahrung, Lehrkonzept, beglaubigte Kopie der Urkunde über den höchsten akademischen Grad) übersenden Sie bitte bis zum 30.04.2020 (Posteingang) an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Personalreferat, Güntzstraße 34, 01307 Dresden. Die Rücksendung der Unterlagen erfolgt nur bei gleichzeitiger Übersendung eines ausreichend frankierten Rückumschlags. Andernfalls werden sie nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens nach den Vorgaben des Datenschutzes vernichtet.

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Theater und Moral Wie sich Fragen von Identitätspolitik, Rassismus, Sexismus oder kultureller Aneignung jenseits moralischer Verbote, Quoten und einer Einschränkung künstlerischer Ausdrucksweisen im Theater verhandeln ließen, bestimmt zurzeit die Debatten und künstlerischen Strategien auf und hinter den Bühnen. Entlang der Konfliktlinien, die auch die künstlerische Freiheit ­ ­betreffen, formieren sich Fronten. Der Essay von Jakob Hayner umreißt die wesentlichen Fragen, die an das Theater herangetragen werden – und bildet den Auftakt wie auch die Einladung zu einer Diskussion in den kommenden Heften von Theater der Zeit.

Kritik an politisch korrekten Vorgaben für die Kunst – Thomas Melles neuestes Stück „Ode“, von Lilja Rupprecht am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt. Foto Marcus Lieberenz

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Unter dem Shitstorm der Strand Ein Versuch über Öffentlichkeit, Moral und Kunst

von Jakob Hayner

I. There is no society, only Meinungen Nehmen wir einmal an, bei einer Umfrage würden zwei Drittel der Befragten einer Aussage zustimmen, die ungefähr so lautet: Wenn man sich heutzutage öffentlich äußert, muss man sich überlegen, was man sagt. Ein Grund zur Panik? Naht das Ende der Meinungsfreiheit, gar des Abendlandes? Mitnichten. Man kann sich auch fragen, was das restliche Drittel vor dem öffentlichen Sprechen macht. Kopf aus, Mund auf? Soll heißen: Das zu betrachtende Problem lässt sich mit Statistik allein nicht begreifen. Auch werden nicht jene Meinungen am bösartigsten unterdrückt, die das am schrillsten für sich reklamieren. „Jeder kann seine ­eigene Meinung haben, aber manche verdient Prügel“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Es geht nicht wirklich um Schläge, sondern um Formen zivilisierter Verachtung wie Urteil und Kritik. Öffentlichkeit ohne Maßstäbe ist keine. Doch irgendetwas scheint ­gegenwärtig gestört. Vieles nennt sich Debatte, ist aber nur ein Stellungskrieg von unverrückbaren Meinungen. Empörung triumphiert über Argumente, Denunziation ersetzt die Auseinandersetzung, Moralisieren steht an der Stelle von Sachgehalt. Allein diese Bestandsaufnahme könnte sich schon unter weiteren alarmistischen Beschreibungen einordnen, verlangt aber nach Analyse. Denn in der Moderne war die Öffentlichkeit nie der „herrschaftsfreie Diskurs“, als der sie sich missverstand. Geleitet von unausgesprochenen Interessen war sie immer ein Kampf der Meinungen,

in dem die Lüge ein durchaus probates Mittel darstellte. Blind ist, wer nur auf die Sprache allein blickt, nicht aber auf deren Beziehung zur Realität. Ist es wirklich nur der Ton, der sich in jüngster Zeit verroht hat? Wovon zeugen dann beispielsweise die Agenda 2010 und Hartz IV, die Armut mehr denn zuvor zum unausweichlichen Schicksal machten? Garniert war das zwar mit den schönen Worten von der Eigeninitiative und Selbstverantwortung, doch wusste man, was eigentlich gemeint war. „Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht gemacht werden können“, schrieb Bertolt Brecht. Die Selbstzerfleischung bürgerlicher Öffentlichkeit ist ein Zeichen der gesellschaftlichen Entwicklung. Ein Signum dieser Tendenz ist der sogenannte Shitstorm, von dem kürzlich verstorbenen konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza meisterhaft als „Stürmerscheiße“ ins Deutsche übertragen. „Asoziale Hetzwerke“ ist eine weitere Gremliza-Perle. Der Shitstorm ist die enthemmte freie Meinungsäußerung, rücksichtslos gegenüber dem anderen, selbstgerecht bis zum Äußersten, borniert in der kollektiven Dynamik gegenseitiger Bestätigung. Dass der Shitstorm zur vorherrschenden Grammatik von Öffentlichkeit geworden ist, überträgt die Gesetze der deregulierten Konkurrenz im Neoliberalismus aufs öffentliche Sprechen. Der Stärkste, also Lauteste gewinnt. Zivilisatorische Maßstäbe bleiben dabei notwendig auf der Strecke. Einer der ersten modernen Kritiker der enthemmten Meinung und der gefühlten Wahrheiten war der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ schrieb er, dass die Berufung

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aufs je eigene Gefühl in einer Auseinandersetzung eine Missachtung des Gegenübers darstelle. „Mit andern Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit andern zu dringen“, so Hegel. Das Gefähr­ liche an der bloßen Meinung ist, dass sie sich als absolut miss­ versteht. Der Rekurs aufs Gefühl schneidet die Reflexion ab. Die Wurzel der Humanität sah Hegel im öffentlichen Streit und dem daraus entspringenden Kompromiss. Die Kompromisslosigkeit ist hingegen das Wesen der moralischen Aufrüstung und reflexhaften Empörung. Mit dem Kompromiss ist es in einer antagonistischen Gesellschaft sowieso nicht allzu gut bestellt. Dass sich der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse immer brutaler durchsetzt, dürfte das Vertrauen ins Diskutieren nicht unbedingt festigen. Gegen diese Stummheit ist nach Boris Groys die Versprach­ lichung der Gesellschaft eine noch immer ungelöste Aufgabe, wenn nicht die emanzipatorische Herausforderung schlechthin. Neben dem antagonistischen Charakter der Gesellschaft sind in Hinblick auf die Ursachen der geschilderten Phänomene zwei jüngere Entwicklungen zu berücksichtigen. Zum einen, dass der politische Konservatismus (dessen aktuelles Projekt den Namen Neoliberalismus trägt) seit jeher versucht, Ökonomie zum unerkennbaren wie unantastbaren Walten von unveränderbaren Zwängen zu erklären und alle Fragen des gesellschaftlichen Lebens auf das Feld individueller Moral zu verschieben. Und das ist in den letzten Jahrzehnten wunderbar gelungen. Anderenfalls müsste man über das moralisierende Bootcamp der ganzen neoliberalen Herrschaftstechniken der Selbstsorge und -optimierung überhaupt nicht reden. Auch die Linken wurden auf dieses Feld gezwungen – und haben seither keinen Ausweg gefunden. Margaret Thatcher wurde einst gefragt, was ihr größter Erfolg gewesen sei. Tony Blair, soll sie geantwortet haben. Wenn die Linke den Gedanken an eine vernünftigere Gesellschaft aufgegeben hat und sich in moralischen Appellen an den Einzelnen erschöpft, kann sie nur verlieren. Zum anderen zerbricht gerade der postpolitische Konsens des Neoliberalismus. Also jene Scheinwelt bürgerlicher Öffentlichkeit, in der die Grenzen des Sagbaren als Absicherung des demokratischen Diskurses verstanden wurden – ohne zu sehen, dass dessen Grundlage rasant erodiert. Nun sehen wir die hilflosen und vergeblichen Versuche, daran festzuhalten. Doch es sind gerade die mangelnde Substanzialität und Zersplitterung von Öffentlichkeit, die ihre eigene Farce, den Shitstorm, hervorbringen. Je verbissener die Fassade aufrechterhalten wird, umso entstellter ist das Resultat. So auch bei der Moral. Ihre Zurichtung zur diskursiven Allzweckwaffe in Form permanenten Moralisierens ist nämlich nicht Ausdruck ihrer Stärke, sondern ihrer Krise, wie Bernd Stegemann in seinem Buch „Die Moralfalle“ zeigt. ­Übrig bleiben die auftrumpfenden Gesten, die über mangelnde Reflexion hinwegtäuschen. Während Moral noch nach der Einrichtung der Welt fragte, ist der Moralismus gewissermaßen die in Selbstgerechtigkeit schwelgende privatisierte Form, die außer sich keine Zwecke kennt. Diese Tendenz ist keine Ausgeburt der politischen Linken, sondern der Krise der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Subjekte. So waren es an den berüchtigten USamerikanischen Universitäten vor allem linke oder liberale Studenten, die eine selbstherrliche cancel culture zu etablieren versuchten, und so wurde kürzlich der Sohn des Präsidenten aus

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einem ­Hörsaal gebrüllt – allerdings von rechten Studenten, denen der Kurs von Trump zu lasch ist. Das verweist wohl eher auf einen gesellschaftlich bedingten Charakterzug als eine politische Weltanschauung. Nebenher zeigt eine aktuelle Umfrage des Deutschen Hochschulverbandes und der konservativen Konrad-­ Adenauer-Stiftung, dass Hochschullehrende als größtes Hindernis der Wissenschaftsfreiheit eben nicht die berüchtigte political ­correctness erachten, sondern die gegenwärtige Ausrichtung der Universität auf den Markt: Mangel an schöpferischer Muße, Zwang zu schnellem Publizieren und Drittmittelakquise werden als größte Ärgernisse benannt. Statt über ein paar aufmüpfige Studenten wäre doch darüber zu diskutieren.

II. Wer Gutes will und Böses tut – Hegel und Nietzsche Um den Moralismus – die Obsession mit den Grenzen des Sag­ baren, das argwöhnische Wachen übers Vokabular und das permanente Kundtun von nicht verhandelbaren Gefühlszuständen – zu verstehen, hilft ein Blick auf die Moralkritik in der Moderne. Hier treffen wir wieder auf Hegel. Der erkannte, dass weder bloße Gesinnung noch blinder Gehorsam zum Ziel führen. Das eine ist die Moral, das andere das Gesetz. Um sowohl die bloße Innerlichkeit als auch Äußerlichkeit zu überwinden, führt Hegel den Topos der Sittlichkeit ein. Sie vermittelt die Gegensätze und hat ihre Wirklichkeit im Sozialen. Die Gestaltung der Gesellschaft erwies sich als Antwort auf die Frage nach der Moral. In der Kritik der Beschränktheit der moralischen Gesinnung beziehen sich Rechte wie Linke auf Hegel. Erstere setzen ihr das Gesetz, letztere die Sittlichkeit entgegen. Beispielhaft konnte man das in der Auseinandersetzung zwischen Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno in den sechziger Jahren sehen. Beide formulierten eine deutliche ­Kritik der studentischen Opposition. Und beide hatten einen ausgesprochenen Widerwillen gegen das demonstrative Beschwören einer positiven Moral. Der aber kam nicht nur von Hegel, sondern auch von Friedrich Nietzsche, der bekanntlich jegliche moralische Recht­fertigung von Herrschaft für die mieseste aller Lügen hielt. Er sah das als ein Zugeständnis an die Sklavenmoral, also die Marotte, Armut zur schönen Seele und Ohnmacht zum edlen Charakter umzudichten. Blind war er nur für ihren Ursprung in der Herrenmoral. Für den Einfluss Nietzsches auf die Kritik moralisch bemäntelter Herrschaft ist das allerdings unerheblich. So hat auch seine Verachtung des Mitleids die Pointe, dass er Schwäche nicht verewigt sehen wollte – eine revolutionäre Einsicht. Nach Hegel ließ sich Moral nicht mehr ohne Gesellschaft, nach Nietzsche nicht mehr ohne Macht denken. Im Theater reicht das Kraftfeld moderner Moralkritik von Georg Büchner über Brecht bis Heiner Müller. Die Skepsis gegenüber den auftrumpfenden Gesten des Moralismus kommt von der Erkenntnis, dass wer Moral habe, ­sicher nicht permanent darüber reden müsse. So gestand Adorno einst seinen Studenten, er wolle niemals einem Verein beitreten, der sich selbst Humane Union nennt. Aber er würde bei einer Namensänderung in Inhumane Union immerhin darüber nachdenken. Seine Begründung war, „dass das wahre Unrecht eigent-


jakob hayner

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lich immer genau an der Stelle sitzt, an der man sich selbst blind ins Rechte und das andere ins Unrechte setzt.“ Aus seinen empirischen Studien wusste er, dass der autoritäre Charakter sich mit Vorliebe als verfolgende Unschuld darstellt. Böse, so Adorno, wird die Gewalt vor allem, wo sie sich mit edlen Motiven bemäntelt und bis zur Unkenntlichkeit rationalisiert. So erst passt höchste Sensibilität für die eigenen Grenzen und Indifferenz gegen die anderer, das Phantasma eigener Reinheit und der Inferiorität der Mitmenschen zusammen. Der Niedergang des Politischen geht mit dem Aufkommen des Moralisierens einher. So ist es wohl kein Zufall, dass die hitzigste Debatte der vergangenen Zeit sich an Peter Handkes sicher nicht immer treffenden Äußerungen zum Jugoslawienkrieg entzündete. Dass er es wagte, der deutschen Intelligenzija und ihrem selbstgerechten Beitrag zu „Deutsche Bomben auf Belgrad Teil II“ (der erste war noch unter Regie von Hitlers Wehrmacht) vehement zu widersprechen, sollte nun zu seinem endgültigen Ausschluss aus der westlichen Wertegemeinschaft führen. Und dass es gerade dieser Krieg war, der im Namen der Menschenrechte geführt wurde, also wegen und nicht trotz Auschwitz, wie der oberste Moralapostel der Grünen damals verkündete, wirft ein weiteres Licht auf die moderne Mesalliance von Herrschaft und Moral. Politische Gemeinschaften werden zu Werte- und letztlich zu moralisierenden Erregungsgemeinschaften.

III. Die Kunst und ihre moralistische Bedrohung Kann Kunst moralisch beurteilt werden? Das kann man machen, allein der Nutzen ist mehr als fraglich. Denn die Maßstäbe der Kunst sind anderer Art, sie ist ja gerade ein spielerisches Erproben von Urteilen, womit das Reflex- und Schablonenhafte, aber auch das Rigorose unterlaufen wird. Aber wenn man schon Kunst unbedingt moralisch betrachten möchte, dann jedenfalls nicht im Sinne jener infantilen Stuhlkreismoral, in der sich jeder mit seinen Problemchen wiederfinden kann, in der nette und eindeutige Botschaften in einfacher Sprache an Leute gerichtet werden, die sich den lieben langen Tag nur mit sich selbst beschäftigen. Wenn es eine Moral in Bezug auf die Kunst gibt, dann in der Treue zu ihrer Eigengesetzlichkeit, zum Erfahren des Ich-Fremden und zur formalen Freiheit, auch und gerade in finsteren Zeiten. Wer sich aber als Tugendwächter aufführt, Rocklängen und Absatzhöhen vermisst und daraus Rückschlüsse auf die moralische Natur der Beteiligten zu ziehen vermeint, macht sich nur lächerlich. Diese kleingeistige Zeichenhüterei, die noch die Dreistigkeit besitzt, für ihre fragwürdige Sache Opfer realer Gewalt zu instrumentalisieren, ist zutiefst kunstfeindlich. Wenn es bei Kunst nicht um die Erfahrung von Ambivalenzen geht, nicht um die Konfrontation mit dem Anderen, den Angriff auf den falschen Konsens der Wohlmeinenden und den Konflikt, kann man es gleich lassen. Es ist ein deutliches Anzeichen des narzisstischen Klassendünkels, Kunst zur Projektionsfläche eigener moralischer Überlegenheit zu machen. Wolfgang Ullrich hat diese nach Selbstbestätigung heischende Bekenntniskultur in „Wahre Meisterwerte“ einer profunden Kritik unterzogen. Aufgeblasene Meinungen nennt man

euphemistisch Werte, die nur Zustimmung oder Ablehnung kennen. Mit Werten im eigentlichen Sinne hat das so viel zu tun wie Moral mit Moralismus. Der Moralismus in der Kunst ist ein verdeckter Angriff auf Denken, Kritik und Erfahrung. Letztlich läuft dies auf ein Theater als Kleinkindnahrung hinaus – alles schön vorgekaut und leicht verdaulich, zudem ohne Geschmack. Kunst oder Künstler sollen nicht mehr nur für das Gute sein, sie sollen es selbst sein. Das führt in einer schlechten Welt eher zur Heuchelei als zum Besseren. In Thomas Melles kürzlich am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten Stück „Ode“ kann man zudem sehen, warum dies den Reaktionären die Tür öffnen könnte. Kunst macht sich selbst wehrlos, sobald sie die ästhetische Ambivalenz verbannt. Wenn es in diesem Dilemma eine Moral gibt, dann die, der Kunst eben nicht in den Rücken zu fallen, auch wenn es gerade opportun erscheint. Statt bornierter Abbildungsgebote, die sich auf fragwür­ dige Ontologien der Vielfalt berufen, stände eine wirkliche Diskussion über die Maßstäbe der Kunst an. Denn nur das Theater, das bereit ist, in sich die Welt auf poetische Weise zu verhandeln, ­welches die Lust am ambivalenten Spiel pflegt und das unsere Vernunft und die besten unserer Leidenschaften zu erwecken vermag, wird sich dem fatalen Zusammenhang von Herrschaft und Moralismus entziehen können. Dem Einfluss selbstgerechter Erregungsgemeinschaften sollte man sich hingegen nicht blind unterwerfen. In Auseinandersetzungen kann man eigene Positionen vertreten, statt sich gegenseitig bloß das Schlechtsein der anderen und das eigene Gutsein zu bestätigen, mit dem es sowieso selten so weit her ist. Warum auch sollte man selbst ohne Makel sein? So gibt es nichts zu verlieren außer der heimlichen Lust am Shitstorm. Und der Furcht davor. Denn dahinter ist möglicherweise eine Welt verborgen, die wir aus den Augen zu verlieren drohen. //

14. Aug – 20. Sept

Das gesamte Programm jetzt auf ruhrtriennale.de 15 % Frühbucher-Rabatt bis 3. Mai 2020

Gesellschafter und öffentliche Förderer

#RT20

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Bella Ciao! Am Theater Konstanz endet nach 14 Jahren die Ära Christoph Nix von Bodo Blitz

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r kam im Jahr 2006 als „Reisender ohne Gepäck“, passend zum Motto seiner ersten Spielzeit: Prof. Dr.  Dr. Christoph Nix, Künstler und Jurist. Eine schillernde, ja polarisierende Persönlichkeit trat vor 14 Jahren in Konstanz seine dritte Intendanz an. Als er damals mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt wurde, hätte kaum jemand jene Kontinuität erwartet, wie sie dann tatsächlich eintrat. Die aktuelle Spielzeit gestaltet den eigenen Abgang kämpferisch. „Bella Ciao“ lautet das Motto. Ja, das ist selbstreferenziell formuliert. Das trotzige Titelbild des Spielzeitheftes zeigt eine Faust auf rotem Grund. Intendant Nix wäre gerne wenigstens ein Jahr länger in Konstanz geblieben. Theaterfreunde, Zuschauer­ gemeinschaften, viele in der Stadt unterstützten seinen Wunsch. Gemeinderat und Kulturbürgermeister waren und blieben anderer Ansicht. Nun beerbt ihn Karin Becker, derzeit noch Künstlerische Betriebsdirektorin am Thalia Theater Hamburg. Was hinterlässt ihr Christoph Nix? Der Kampf für eine bessere Gesellschaft ist Teil von Nix’ Persönlichkeit. Herrschaft und Macht gilt es zu hinterfragen. Schweigen ist zwar als inszenatorisches Mittel erlaubt, nicht aber im öffentlichen Diskurs. Den führt Nix hörbar laut, wenn es ­darum geht, Ungerechtigkeit anzuprangern. Das hat Folgen für

die Spielplangestaltung. Ohne Brecht geht es nicht am Theater Konstanz. Martin Nimz eröffnete 2006 die Spielzeit mit Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“. Regisseur und Inszenierung be­ saßen damals durchaus programmatischen Charakter. Aufmerksamkeit für die Krusches dieser Welt, für die Schwachen ent­ wickelt Nimz auch in seiner aktuellen Uraufführung von „Zwei Tage, eine Nacht“ nach dem Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Diese verhandeln darin die Härte des modernen Kapitalismus: 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Firma entscheiden sich mehrheitlich für die Auszahlung einer Prämie und damit gegen die Weiterbeschäftigung von Sandra. Sie hatte wegen Depressionen länger bei der Arbeit gefehlt. Ein Wochenende bleibt Sandra, um die Kollegen vielleicht doch noch umzustimmen. Wie schon beim „Kreidekreis“ leuchtet im Mikrokosmos der Bühne der Makrokosmos der Gesellschaft: Was gelten Solidarität und Menschlichkeit, wenn sie von individuellen Egoismen bedroht werden? Nimz mutet dem Konstanzer Publikum viel zu, damals wie heute. In „Zwei Tage, eine Nacht“ nimmt er etwa die Indirektheit moderner Handy-Kommunikation ins Visier. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich erlebbare Dialoge überhaupt

Abschied mit Melancholie – Intendant Christoph Nix inszeniert in seiner letzten Spielzeit am Theater Konstanz Horváths „Kasimir und Karoline“. Foto Ilja Mess


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entwickeln. Der Überlebenswille im Hamsterrad der Produktivität treibt Sandra an. Johanna Link verkörpert diese Figur ungeschminkt und in aller Ambivalenz. Wenn sie sich als seelisch verwundetes Individuum aufrichtet, zieht sie von Tür zu Tür, konfrontiert ihre Kolleginnen und Kollegen mit der Konsequenz der mehrheitlich beschlossenen Kündigung – eben mit der Gefährdung ihrer eigenen Existenz. Links Spiel unterschlägt das Erniedrigende des Bittens nicht. Letztlich bleibt Sandras atemloser Kampf gegen ihre Entlassung mit der Brutalität des kapitalistischen Broterwerbs vergleichbar. Individuelle Schwäche spielt in beiden Bereichen keine Rolle. Es ist eine Inszenierung, die begeistert. Der Ehrgeiz von Nix, auch überregional wahrgenommen zu werden, war und ist groß. Einige Regisseurinnen und Regisseure, die inzwischen an größeren Häusern arbeiten, haben in Konstanz ihre Visitenkarte abgegeben: Bettina Bruinier oder die Faust-Preisträgerin Johanna Wehner. Nix hat ein Händchen für die Förderung von Talenten. Er weiß allerdings: A ­ nspruchsvolles und forderndes Theater jenseits der Metropolen bedarf der Absicherung. „Wenn du nicht auch kritisches Volks­theater machst, verreckst du“, so formuliert Nix im Gespräch überdeutlich. Der scheidende Konstanzer Intendant ist stolz auf die massive und dauerhafte Steigerung der Zuschauerzahlen über die magische Grenze von 100 000. Das hat auch mit besonderen Formaten zu tun. Die Freilichtspiele auf dem Konstanzer Münsterplatz wären hier zu nen-

theater konstanz

nen, kein Ort für vorrangig leise und subtile Töne, dafür aber mit beeindruckender Zuschauerkapazität. Nix etablierte zudem das Musical. Ihm ist es mit seinem Team gelungen, das Theater als Ort großer Identifikation bei den regional so stolzen Konstanzern fest zu verankern – neben ihrem Münster und ihrem See. Das ist nicht nur, aber auch Inszenierungen geschuldet, bei denen der Unterhaltungseffekt mit im Vordergrund stehen darf. Nix ist es allerdings wichtig, dass er dadurch keinen „Kaufhausstil“ etabliert habe, im Sinne eines Gemischt­ warenladens für jedermann. Stückentwicklungen, zahlreiche Uraufführungen oder auch Wiederentdeckungen wie gerade Gaston Salvatores „Stalin“ sorgen für die künstlerische Balance. Herausragende Arbeit leistet das Theater Konstanz im kontinuierlich verankerten Afrika-Schwerpunkt. Die Konstanzer Uraufführung „Ngunza – Der Prophet“ in der aktuellen Spielzeit zeigt auf exemplarische Weise, wie eine Begegnung des europäischen und afrikanischen Kontinents auf Augenhöhe funktionieren kann. Die Auftragsarbeit von Rafael David Kohn fokussiert die belgische Kolonialherrschaft im Kongo der 1920er Jahre. Der ProAfrika und Europa auf Augenhöhe – Rafael David Kohns Uraufführung „Ngunza – der Prophet“ in der Regie von Ramsés Alfa, hier mit v.l.n.r.: Eustache Kamouna, Mbene Mbunga Mwambene und Jubril Sulaimon. Foto Ilja Mess

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protagonisten

Neben Uraufführungen auch Wiederentdeckungen – wie Gaston Salvatores „Stalin“ in der Regie von Lorenz Leander Haas, hier mit Peter Cieslinski und Andreas Haase. Foto Bjørn Jansen

tagonist Charles (Jubril Sulaimon) hat als Kongolese an der Seite der Belgier auf europäischem Boden im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nach seiner Rückkehr überschreitet Charles beinahe die Grenze zum gewaltsamen Widerstand gegen die Kolonialherren. Es entspinnt sich ein spannungsreiches Gewissensdrama um ­Radikalität und Pazifismus. Wie verführerisch ist es, die in kolonialer Unterdrückung gelernten Wege der Gewalt selbst zu beschreiten? Und wie kann die Befreiung vom eingetrichterten Bild des Kämpfers gelingen? Erst in der Abkehr von Gewalt manifestiert sich die Autonomie der Unterdrückten, das ist die tröstliche Botschaft des Stückes. Allein Besetzung und Regie lassen sich als Ausdruck kultureller Autonomie verstehen. Zwei Schauspieler vom Theater Konstanz (Odo Jergitsch, Peter Cieslinski) bilden zusammen mit sechs afrikanischen Schauspielern und Musikern (Jubril Sulaimon, Joseph Koffi Bessan, Julien Yao Mensah, Pierette Essohounam Somdebelo Takara, Eustache Bowokabati Kamouna, Mbene Mbunga Mwambene) ein gemischtes Ensemble. Die Inszenierung erhält allein über die Mehrzahl von Künstlerinnen und Künstlern aus Togo, Nigeria und Malawi eine starke emanzipatorische Stimme. Die Mehrsprachigkeit des Ensembles garantiert gelebte Vielfalt. Regie führt Ramsès Alfa, der seit 2009 dem Theater Freiburg als Schauspieler wie als Regisseur fest verbunden ist. Expressivität, Körperlichkeit und Musikalität seiner Inszenierung beeindrucken. Ramses Alfa gelingt es, den emotionalen

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Kern des Stückes freizulegen: Wie existenziell wirkt das Gift der Unterdrückung? Die Kooperation des Theaters Konstanz mit Künstlerinnen und Künstlern aus Togo und Malawi festigt dauerhafte Entwicklungsmöglichkeiten nicht nur auf der Ebene von Strukturen. Nix spricht dabei von „Partizipation“ und dem Brechen von „Hegemonie“. Afrikanische Schauspieler werden als wiederkehrende Ensemblemitglieder wertgeschätzt. Das ist weit mehr als ein punktueller Gaststatus. Warum dieser Austausch so gut funktioniert? Vielleicht stellt die Liebe zum elementaren Erzählen ein verbindendes interkultu­ relles Band dar. In Büro der Intendanz hängt ein Foto: Christoph Nix auf einer Reise des Ensembles nach Malawi. Umringt von jungen Malawiern, die ihm gebannt dabei zuhören, wie er ein Märchen erzählt. Sein Gesicht ist kaum zu sehen, weil Nix den Kopf gesenkt hält, völlig vertieft in die narrative Situation. Demut drückt dieses Bild aus, und die Unmittelbarkeit einer respektvollen Begegnung. Die Kunst des Erzählens – sie erlaubt auch den Brückenschlag zum Dramatiker Neil LaBute. Der amerikanische Meister des Story­tellings, hart an der Klippe des Unerwarteten, arbeitete häufig in Konstanz. Nach einer Autorenwerkstatt im Jahre 2014 blieb LaBute vom „Spirit“ des dortigen festen Ensembles fasziniert. Er fand am Theater Konstanz vieles, was ihm am Broadway fehlt, etwa kollektives Arbeiten jenseits des Starkults. 2016 inszenierte er selbst, Tschechows „Onkel Wanja“. Seine Regie folgte der eigenen, provokanten Erzählkunst. Das Konstanzer Theater etablierte sich mit kontinuierlichen Inszenierungen fast zur ­ Werkstattbühne für kurze und besonders unberechenbare Dramen LaButes – „We Have a Situation Here“ im Jahr 2017, zuletzt 2018 „Eine Art Liebeserklärung“. Leider fiel die Wiederbegegnung in dieser Spielzeit aus: Ein Netflix-Drehtermin verhinderte Harold Pinters „Betrogen“ in der Regie Neil LaButes. Die Saisoneröffnung seiner letzten Spielzeit verantwortete der Intendant persönlich, gemeinsam mit der Choreografin Zenta Haerter. Nix hatte sich mit Regiearbeiten in den 14 Jahren durchaus zurückgehalten. Horváths „Kasimir und Karoline“ lässt sich als seine Abschiedsinszenierung deuten. Darin schwingt viel ­Melancholie, verstärkt durch die Doppelbesetzung Kasimirs: Julian Härtner gibt den jungen Kasimir. Odo Jergitsch als von der Regie gesetzter, alter Kasimir wirkt in einem Autoscooter am Bühnenrand wie eine Stimme aus dem Off. Er spricht vor allem gesellschaftskritische Textpassagen. Klagen über zementierte Klassenunterschiede oder die Inhumanität des Kapitalismus erhalten den Charakter unumstößlicher Lebensweisheiten, wenn sie solchermaßen rückblickend formuliert werden. Mehreres an dieser Horváth-Produktion verweist auf durchaus Typisches der Ära Nix. Der Verfremdungsstil in der Setzung einer doppelten Kasimir-Figur betont das Klassenkämpferische. Die Inszenierung wirkt dadurch recht männlich dominiert, da Karoline (Antonia Jungwirth) als junge Frau ohne älteres Pendant auftritt. Das Bühnenbild schließlich, ebenfalls von Christoph Nix, bezaubert durch Poesie. Anklänge an den Jahrmarkt sind vorhanden, werden aber keineswegs überstrapaziert. Die Stadt Konstanz hat als überschaubares Gemeinwesen durchaus Berührungspunkte zur Manege. Der Impresario und sein Team gehen, das treue Publikum bleibt. Es ist bestens vertraut mit dem Zauber einer Bühne, die das Staunen wie das Nachdenken gleichermaßen beförderte. //


kolumne

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Kathrin Röggla

Ansteckung und Hygiene Über geschlossene Räume und verengte Horizonte in Zeiten von Corona

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  ie Türen sind endlich zugegangen. Die Stimmung entspannt sich, die leisen Gespräche werden ein Flüstern, dann verschwinden sie. Jetzt ist es still. Niemand kann mehr raus, niemand mehr rein – nur im Notfall. So ist das eben im Theater. Niemand erwartet wirklich, dass es von draußen zu klopfen beginnt. Wir alle wissen, es gibt jetzt erst einmal diesen einen Raum, auf den man sich zu konzentrieren hat und aus dem man mög­ licherweise über die Bühne und deren Ränder hinaussehen kann, in das, was diffus „draußen“ genannt wird oder Welt. Ich bin aber nicht im Theater, ich bin zu Hause geblieben. Auch hier sind die ­Türen zu. Es herrschen nämlich die Wochen der geschlossenen Räume. Alles zu. Naja, beinahe alles. Die Absage ist Alltag geworden, und man ist jetzt allgemein in einem sehr kleinen Zimmer unterwegs. Der Unterschied zum Theater besteht erst einmal da­ rin, dass es von außen klopft, und zwar beständig. Die Einschläge, so sagt man, ­ kommen näher, und bald wird wohl an der Tür gerüttelt. Das Virus pirscht sich heran, es kommt aus der großen weiten Welt (und ist schon längst da), aus dem, was man vage China nennt und da vom Wildtierhandel, von den Fledermäusen. Schon mit seinem Ausbruch schien das Virus einem Filmskript wie „Contagion“ (Ansteckung) von Steven Soderbergh zu entspringen. Wir reenacten nun auch das Folgende in ­einer Gott sei Dank etwas lahmeren Version, folgen dem Skript, als würde die Fiktion uns Aufträge erteilen. Aber welche? „Seht die globalen Übertragungswege, die ein Spiegel unserer Wirtschaftsverhältnisse sind? Versteht unsere Abhängigkeit voneinander?“ Eher nicht. Das beginnt schon damit, dass irgendetwas mit der Geschwindigkeit nicht stimmt. Sämtliche Liveticker quellen über und lehren uns vor allem eine krude Form der Gegenwärtigkeit. Dabei sein ist alles, immer auf dem neuesten Stand sein. Doch wie real ist dieser? Es ist auch eine Zuschauerpräsenz, nicht mit jener Präsenz im Theater zu vergleichen, sondern eine, die widersprüchlicher­ weise zwischen ahnungsvollen Zukunftsszenarien und dem Jetzt, Jetzt, Jetzt der Medientaktung gleichermaßen aufgehängt ist. Ich sitze im Zimmer mit den von Anfang an veralteten und ödesten Fragen, die man sich vorstellen kann: Wie ansteckend ist es wirklich? Warum schenkt man ihm so viel Aufmerksamkeit, wenn es doch so harmlos ist? Gibt es genügend Intensivbetten? Und was machen die Aktienmärkte? Ist es die globale Weltwirtschaft als

­ esellschaftliche Krankheit, die zur Krankheit führt? Die letzte Frage g führt dann schon aufs ideelle Feld des allgemeinen Zusammenbruchs, mit dem Unterschied, dass diesmal zuerst die Kulturszene eingebrochen ist, weil alles stillgestellt wird (sich also das Konto vieler Kunstschaffender bald im Minus befindet). Wenn Susan Sontag schreibt, dass jeder Mensch zwei Staatsbürgerschaften hat: eine im Reich der Gesunden, eine im Reich der Kranken, so habe ich als Schriftstellerin in letzterem meinen Auftraggeber und sollte diesem Auftrag vermutlich anders nachkommen als so: Sehr viel ich und sehr viel Welt am Bildschirm. Beide sind miteinander in unheilvollem Kontakt. Zu nah bin ich dran an allem, bei gleichzeitiger Gewissheit, dass auch für mich der beste Platz, einen Mord zu verstecken, auf Google nach Platz zehn ist. Fachvokabeln wie „Nullpatient“ oder „Infektions-Cluster“ verschaffen mir dabei das ­Gefühl, Teil einer kollektiven Hygienereise durch das eigene Zimmer zu sein. Dabei weiß ich, dass das Aussehen dieser Pandemie in ein paar Wochen ein völlig anderes sein wird. Jetzt, wo Sie das lesen, werden die Fragen vielleicht nicht mehr die nach dem Zustand der medizinischen Betreuung in diesem Land sein, vielleicht sind wir dann ganz woanders. Vielleicht haben wir das Ganze vergessen oder das kollektive Wir befindet sich im Hauen und Stechen? Fraglich wird bleiben: Wer zahlt eigentlich die künstlerischen Ausfallhonorare? Wer gibt der Kunst Konjunkturspritzen? Und klar ist auch: Über Nachhaltigkeit machen wir uns letztendlich nur unnachhaltige Gedanken. Dies ist also eine Art Brief an mich selbst. In dem auch steht, dass diese Pandemie eine weitere Einübung in geschlossene Räume ist, deren Anzahl seit Jahren stetig zunimmt. Die Festung Europa, die Bubbles im Netz, die eingefrorenen Blicke, das Lagerdenken, der aufgedrängte Kulturkampf, die große Abschottung, von der wir fantasieren in unserem digitalen Mittelalter. Wir werden alle sterben, soviel ist sicher. Ob es allerdings ein Virus ist oder der „zynische Humanismus“ (Milo Rau), der uns affiziert und immer engere Ringe um unseren Horizont legt, ob es eine vordergründige oder hintergründige Grippe ist, oder der Rassismus, der in Krisen reflexartig aufbrandet, an dieser Entscheidung sind wir zumindest beteiligt, und genau dafür wären Konjunkturspritzen für die Kunst gut. Der Austritt aus den geschlossenen Räumen würde jedenfalls von einem Applaus begleitet werden, den wir anders als im Theater erst hören und ver­ stehen lernen müssen. //


Frankfurter Abrissfreunde Reaktionärer Geist und globalisiertes Standortmarketing geben sich beim Abriss der Städtischen Bühnen Frankfurt die Hand von Philipp Oswalt

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  nde Januar dieses Jahres beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung den Abriss der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz von 1963. Zu teuer und nicht lohnend sei eine Sanierung. Vorausgegangen waren sieben Jahre Diskussionen und Untersuchungen, die ihrerseits schon viele Millionen Euro gekostet haben. Anders als in Köln wollte man sich zu Recht nicht auf ein unüberschau­bares Abenteuer einlassen, zumal der Frankfurter Theaterbau ein wahres Palimpsest ist: In zwei Etappen in den 1950er und 1960er Jahren errichtet, enthält er umfangreiche Reste des Jugendstilbaus von 1902 und wurde später wiederholt umgebaut, saniert und erweitert. Unstrittig ist daher,

dass die gewachsene Struktur vielfache Probleme birgt und nach Jahrzehnten intensiver Nutzung wie andere Nachkriegstheater­ bauten nun einer umfassenden Sanierung bedarf. Doch begründet dies einen Komplettabriss? Das Gebäude von Otto Apel, Hannsgeorg Beckert und Gilbert Becker ist ein herausragender Theaterbau der Nachkriegsära, der über Jahrzehnte einer der prägenden Orte des kulturellen ­Lebens von Frankfurt war, an dem auch immer wieder gesellschaftlich relevante Diskurse ausgetragen wurden. Er hat Stadtgeschichte geschrieben und Identität gestiftet als ein Ort bürgerlicher Öffentlichkeit, an dem die Stadtgesellschaft über ihre Gegenwart und Zukunft nachgedacht und gestritten hat. Das Haus mit seinem großen urbanen Glasfoyer, das sich der Stadt zuwendet und es als eine Bühne des öffentlichen Lebens inszeniert, war ein ­Symbol für ein neues, auf demokratische Teilhabe ausgerichtetes

Noch steht es – das Schauspiel Frankfurt. Foto Birgit Hupfeld

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städtische bühnen frankfurt

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gesellschaftliches Selbstverständnis Westdeutschlands nach 1945. Das in den Bau integrierte Gemälde von Marc Chagall und die Goldwolken des ungarischen Künstlers Zoltán Kemény sind zugleich einzigartige Beispiele einer architekturbezogenen Kunst ihrer Epoche. Für dieses baukulturelle Erbe aber gibt es in Frankfurt keine Lobby. Trotz des fachlich unstrittigen Denkmalwertes der zentralen Gebäudeteile unterblieb – offenkundig auf politischen Druck – ­deren Unterschutzstellung. Während Millionen in bautechnische Analysen gesteckt wurden, gab es nicht einen Cent für eine denkmalpflegerische Analyse des Objektes. Längst ziehen verschiedene Immobilienentwickler wie Aasgeier über dem Areal ihre Kreise, denn dieses wäre bei einem Standortwechsel der Städtischen Bühnen eine Eins-a-Lage für ein neues Hochhaus. Erst jüngst hat der Frankfurter Projektentwickler Groß & Partner mit einem gefakten Rem-Koolhaas-Entwurf der Öffentlichkeit einen Alternativstandort schmackhaft machen ­wollen und sich damit in eine Serie peinlicher Projektvorschläge eingereiht, für die sich auch der ehemalige Planungsdezernent Martin Wentz nicht zu schade war. Diesem Treiben leisten die ­Intendanzen von Theater und Oper Vorschub, da sie nicht nur den ihnen anvertrauten Bau dem Abriss preisgeben, sondern mit ihren exorbitanten Ausstattungsanforderungen an Interimslösungen sehenden Auges einen Standortwechsel erzwingen. Sie setzen damit auf eine einseitige sekto­rale Optimierung, die mittels technischer Hochrüstung in einer globalen Konkurrenz großer Häuser bestehen will und damit eine Idee von Oper und Theater weiterverfolgt, die andernorts längt hinterfragt wird.

AUSSTELLUNG WANDELKONZERTE PERFORMANCES WORKSHOPS KLANG- UND VIDEOINSTALLATIONEN mit Elena Mendoza & Matthias Rebstock William Speakman & Sabine Hausherr Ensemble Ascolta The Baltimore Consort Naghash Ensemble Delia Mayer Sìleas Viviane Chassot u.v.a.

Der politisch nun eingeschlagene Weg für die Städtischen Bühnen versteht diese als Instrument in einer globalisierten Standort­ konkurrenz. Das Bühnenkonzept geht Hand in Hand mit einer Baupolitik, die identitätsstiftende Bauten der Stadtgeschichte ­auslöscht und neue Surrogate schafft, welche gleichermaßen der Vermarktungslogik eines globalisierten Standortwettbewerbs folgen und zugleich ein restauratives Geschichtsbild bedienen. Während mit überzogenen technischen und räumlichen Anforderungen sowie willkürlichen Risikoaufschlägen die Kosten für den Bestand künstlich hochgetrieben werden, die den Komplett­ abriss des bedeutenden authentischen Baus der Stadtgeschichte und die Aufgabe seines Standortes begründen sollen, haben dieselben Politiker und Parteien über 180 Millionen Euro als ver­ lorenen Zuschuss in den Nachbau der „Neuen Altstadt“ investiert, die im Vergleich zum Theaterbau nur ein Viertel der Nutzfläche bietet und zudem größtenteils privatisiert wurde. Dieses identitätspolitische Re-Engineering der Stadt Frankfurt ist Zeichen eines problematischen Geschichtsverständnisses, in dem die Nachkriegsepoche keinen Platz hat. Dass es hierbei um Ideologie und nicht um Pragmatismus geht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die neuen Gutachten, welche die Abrissentscheidung begründen sollen, sowohl den Stadtverordneten wie der Öffentlichkeit vorenthalten werden. // Gegen die Abrisspläne initiierte der Architekt Philipp Oswalt eine Petition an den Frankfurter Magistrat, die unter http://chng.it/6FzYqWdY unterzeichnet werden kann.

GROSS UND KLEI N SCHLOSSMEDIALE WE RDE N BERG INTERNATIONALES FESTIVAL FÜR ALTE MUSIK, NEUE MUSIK UND AUDIOVISUELLE KUNST 29. MAI – 7. JUNI 2020 SCHLOSS WERDENBERG SCHLOSSMEDIALE.CH

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Bauen und flicken Der neue Intendant des Volkstheaters Rostock Ralph Reichel versucht aus einem angeschlagenen Theater wieder ein attraktives kulturelles Zentrum zu machen von Gunnar Decker

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  chon seltsam, wenn man plötzlich einen Doppelgänger hat. Gerade war Ralph Reichel im letzten Herbst Intendant des Volkstheaters Rostock geworden, da kamen immer wieder Menschen auf ihn zu, ihm zur Wahl zu gratulieren – als Oberbürgermeister! Denn er sieht dem frisch gewählten dänischen Oberbürger­meister Rostocks Claus Ruhe Madsen ähnlich wie ein eineiiger Zwilling dem anderen. Zumal sie das gleiche Brillengestell tragen und den gleichen silbrigen Vollbart von Männern um die fünfzig. Er sitzt in seinem Büro auf einem extra flexiblen Drehsessel, der Bandscheiben wegen. Ein Gesundheitsball wäre auch eine Möglichkeit gewesen, sagt er, wobei er hin- und herschwankt. Die Ähnlichkeit mit Madsen war schon verblüffend. Zumal er sehr viel weniger Gratulationen dafür bekam, nun – nach drei Jahren als Schauspieldirektor und Stellvertreter von Joachim Kümmritz – selbst Intendant geworden zu sein. Das Volkstheater zu leiten, das ist allerdings etwas, das man – nach all den Querelen der letzten Jahre – niemandem wünscht. Der Ruf des Hauses ist nicht der beste, die Bedingungen, ihn zu verbessern, sind nicht gerade ideal. Immerhin, es gibt den Theaterpakt der Landesregie-

rung von Mecklenburg-Vorpommern, der so etwas wie eine Bestandsgarantie bietet. Somit soll es nicht mehr vorkommen, dass die Theater des Landes quasi im Halbjahrestakt vor dem Konkurs stehen. Die Theaterstrukturreform des früheren Bildungsministers Mathias Brodkorb ist vom Tisch, Brodkorb aus der Landesregierung ausgeschieden, was für die Kultur im Lande nur gut sein kann. Auch Rostocks ewiger Oberbürgerminister Roland Methling ist nach 14 Jahren an der Spitze der Stadt niemand, der dem Theater noch in die Quere kommen kann, was er oft und gern tat. Jetzt also das neue Tandem Madsen und Reichel, die pro­ blemlos ihre Rollen tauschen könnten. Reichel würde im Rathaus nicht auffallen und Madsen nicht im Intendantenbüro des Volkstheaters. Auf Facebook kursierte ein Video, in dem Bernd Färber, der in der Eröffnungspremiere Shakespeares machtirren Mörder Richard III. spielte, im Rollenkostüm einem der beiden den Hals durchschneidet. Natürlich dem Falschen. Der neue Oberbürgermeister fand das lustig, er hat inzwischen ein Gegenvideo gedreht, mit ähnlichem Ausgang. Mit feministischem Furor – Angelika Zaceks Shakespeare-Inszenierung „Richard III.“ in Martin Fischers Assoziationsraum zwischen Spinnennetz und Klettergerüst am Volkstheater Rostock, hier mit Bernd Färber und Frank Buchwald. Foto Dorit Gätjen


volkstheater rostock

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Interessant ist natürlich auch, dass die Rostocker einen dänischen Staatsbürger (verheiratet mit einer Finnin) zum Stadtoberhaupt gewählt haben, der es strikt ablehnt, einen deutschen Pass zu ­beantragen. Damit ist er der erste ausländische Staatsbürger als Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Die Rostocker finden das in Ordnung, sie unterteilen die Welt ohnehin am liebsten in Norden und Süden. Besser ein Däne aus Kopenhagen als ein Sachse aus Wurzen – wo Reichel herkommt? Ralph Reichel, geboren 1968 als Sohn eines Dramaturgen, der in Leipzig Theaterwissenschaften studierte, lebte und arbei­ tete als Dramaturg und Regisseur seit 1999 in Schwerin. Dreimal verlängerte man ihm dort, so heißt es, den Vertrag nicht; aber nach kurzen Ausflügen in die Freiberuflichkeit, die ihn an andere Theater führten, kehrte er doch immer wieder nach Schwerin ­zurück, wo er 2013 persönlicher Referent des Intendanten ­Joachim Kümmritz wurde. Mit ihm kam er 2016 nach Rostock, wo nach dem Kündigungseklat um Sewan Latchinian die Leitung des ­Hauses verwaist war. Immerhin hat Reichel in den wechselvollen Jahren gelernt, dass man sich in diesem unsicheren Metier unabhängig halten, immer eine Alternative im Hinterkopf haben muss. So wurde er Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und gründete unter anderem das „Aktionsbündnis Kulturschutz“. Ist Madsen aus Theatersicht nun der bessere Methling? Das wird sich erst noch zeigen. Madsen ist passionierter Fahrradfahrer und Reichel passionierter Fußgänger. Das muss keine ideale Verbindung sein, jedenfalls nicht aus Sicht des Fußgängers. Zuerst machte Madsen im Herbst vergangenen Jahres einen großen Kassensturz der von Methling – wie es hieß – mit eiserner Hand sanierten Stadt. Sein Befund klang ernüchternd: „Rostock steht vor dem Beinahe-Kollaps.“ Da wurde Reichel hellhörig, denn was sein Alter Ego im Rathaus da verkündete, verhieß Altbekanntes: sparen, immer weiter sparen! Reichel verwaltet als Intendant und Geschäftsführer etwa 20 Millionen Euro Jahresbudget. Das muss reichen für 250 Mitarbeiter in vier Sparten. Könnte es auch, sollte man meinen, jedoch, so Reichel, man stünde vor einem neuen Tarifkonflikt mit dem Orchester (ein teures A-Orchester), das von einem mächtigen Verband vertreten wird und nun eine Tariferhöhung fordert. Mit Nachzahlungen, rechnet Reichel vor, seien das über eine Million Euro mehr an Ausgaben. Aber die hat er nicht – und sein Doppelgänger im Rathaus, sagt Reichel, hätte sie auch nicht. Da könne er gleich das Schauspiel schließen, stöhnt Reichel und schwankt heftig mitsamt Sessel hin und her. Nein, das mache er natürlich nicht. Aber die gleiche Frage wie sein Vorgänger habe er durchaus, wie er das ohne weiter abzubauen schaffen solle? Andererseits ist bei Technik und Gewerken der personelle Mangel eklatant – händeringend sucht er beispielsweise nach Schneidern. Nichts zu finden. Auch gleich mehrere Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros sind dem Theater in den letzten drei Jahren abhandengekommen. Warum? Sie haben bessere Angebote gehabt. Aus einem am Boden liegenden Theater wieder ein attraktives kulturelles Zentrum für die Stadt zu machen, das ist ein langer und mühsamer Weg. Ziel ist das neue Theater, das gut platziert im Zentrum, nicht weit vom Stadthafen stehen soll. Der Architektenwettbewerb ist abgeschlossen, es gab einen einstimmigen Sieger der Jury, der auch Reichel angehörte. Ein wunderbares Haus, kein bloßer

Zweckbau, sondern eine „Landmarke“. Sechshundertfünfzig Plätze soll es haben, das ist mehr als das jetzige Große Haus, das knapp über fünfhundert Plätze hat, die meist nicht einmal zu Premieren ausverkauft sind. Wozu also so ein riesiger Saal? Einen zweiten kleinen Raum soll es auch geben, eine Art Studiobühne, wo dann vermutlich das Schauspiel (so es dann noch existiert) stattfinden wird, während nebenan das Musical tobt – so mutmaßen jedenfalls die Skeptiker. Ein Restaurant und eine Bar auf dem Dach sind ebenfalls geplant. Kostenpunkt einhundertzehn Millionen Euro, so der Jetztstand. Vor einigen Jahren plante man noch mit vierzig Millionen. Und Reichels Doppelgänger im Rathaus hat schon mal eingewandt, dass ein so teurer Theaterneubau nicht der Wille aller Rostocker sei. Das klingt nicht unbedingt nach freier Bahn – zumal die Genehmigungshürden und das Ausschreibungsverfahren für den Bau noch in der Zukunft liegen. Frühestens 2026 würde das neue Theater fertig sein. Das ist für Wahlkämpfer jenseits des Horizonts.

Ralph Reichel, geboren 1968 in Wurzen, begann als Assistent u. a. bei Frank Castorf an der Volksbühne und am Deutschen Theater in Berlin und studierte anschließend Theaterwissenschaften an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“. Nach seinem Abschluss arbeitete er als freier Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Stadttheatern, ab 1999 schließlich fest am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, u. a. als Chefdramaturg, Hausregisseur und ab 2013 als persönlicher Referent des Generalintendanten Joachim Kümmritz. In Schwerin gründete er zudem die Spielstätte werk3. Darüber hinaus arbeitete er an Häusern in Leipzig, Halle, Jena und Chemnitz sowie als Dozent, u. a. an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Nachdem er 2016 zusammen mit Kümmritz nach Rostock wechselte, übernahm Reichel ab der Spielzeit 2019/20 die Intendanz am dortigen Volkstheater. Foto Dorit Gätjen

Bleiben also die „Mühen der Ebene“, wie man in der DDR sagte, als hier noch der Theatergeneral Hanns Anselm Perten herrschte, der auch einmal – vergeblich – versuchte, ein neues Theater für Rostock zu bauen. Das Linoleum auf den Fluren scheint noch aus dieser Zeit zu stammen, das Haus ist herrlich verwinkelt – und verkommen. Von den Fenstern bröckelt es trotz der beharrlichen Gegenwehr von vier Haushandwerkern (zum Glück habe er die, so Reichel) ebenso beharrlich weiter, mal ist es Kit, mal die Farbe, mal das faulige Holz. Nur im Intendantenbüro sind die ursprünglich schön gearbeiteten Holzkastenfenster gegen neue, aber hässliche Plastikthermofenster ausgetauscht worden. Einige Fenster habe man auch schon zugemauert, so Reichel, das sei billiger. Joachim Kümmritz hatte einst in Schwerin – während langwieriger Umbauarbeiten – das Motto ausgegeben „Bauen und spielen“, hier könne man von „Flicken und spielen“ sprechen, so Reichel. Am schlimmsten sei inzwischen die Probebühnensituation. Nur zwei Probebühnen, von denen eine eigentlich unbenutzbar sei, für vier Sparten! Das bedeute, dass nicht mehr als jeweils drei

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protagonisten

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Die Mächtigen als Gefangene ihrer Macht – Hausregisseur Daniel Pfluger bringt Schillers „Die Räuber“ zwar langatmig, aber mit einer kritischen Setzung auf die Bühne des Volkstheaters Rostock. Foto Dorit Gätjen

Produktionen von Schauspiel und Oper pro Spielzeit für das ­Große Haus möglich seien. Zu wenig, um eine Aufmerksamkeits­ offensive in der Stadt zu starten. Und das voll ausgestattete Theater am Stadthafen, das das Volkstheater aus Kostengründen an die Stadt zurückgeben musste und das seit Jahren leer steht? Das müsste man wieder für viel Geld von der Stadt mieten. Zu teuer. Klingt wie der reale Irrsinn. Könnte da der Doppelgänger im Rathaus nicht helfen? Aber der hat nicht nur ein Fahrrad, sondern auch einen Taschenrechner. Theater gespielt wird dennoch, sogar Anspruchsvolles. Im Großen Haus eröffnete man die Spielzeit mit „Richard III.“, soeben kamen dort auch „Die Räuber“ heraus. Wenn man hier eine Handschrift erkennen will, dann diese: Mut zum großen klassischen Stoff, aber mit unerwarteten Brechungen. Angelika Zacek inszenierte „Richard  III.“ mit feministischem Furor. Gleich der erste Satz „Ein Königreich für ein Schwert“ wird mit einem irren Gelächter quittiert. Kann man solch Männer-Macht- und Mord­ spiele überhaupt noch ernst nehmen? Zacek entschließt sich zur tragikomischen Lesart – und so sehen wir einen starken Bernd Färber wie einen bösen Hanswurst auf der von Martin Fischer gebauten Bühne: ein faszinierender Assoziationsraum zwischen Spinnennetz und Klettergerüst. Richard in der Mitte wie eine Spinne auf Opfer lauernd – oder wie einer, um den sich die Welt wie eine Gefängniszelle schließt. Hausregisseur Daniel Pfluger wiederum bringt Schillers „Die Räuber“ in der konsequenten Distanz eines Tableaus auf die Bühne. Der alte Moor, gespielt von Frank Buchwald, ist in einen Glaskasten verbannt, der gleichsam über der leeren Bühne thront, oder sollte man sagen hängt? Die Mächtigen sind auch hier wieder die Gefangenen ihrer Macht. Das wird zum roten Faden der Inszenierung. Mario Lopatta als Karl Moor hat viel vom schwankenden Hamlet – ein zögerlicher junger Intellektueller, der sieht,

was faul im Lande ist. Lev ­Semenov als sein missgünstiger Bruder Franz verkörpert die Dämonie des Apparats, ein Intrigant der Macht, der wie ihr smarter Manager daherkommt. Natalja Joselewitsch als Karls Braut Amalia demons­triert mit Charme ihre Autonomie in dieser Männerwelt. Die Inszenierung selbst wirkt mitunter etwas lang­ atmig, man muss aufpassen, dass man als Zuschauer die dramatischen Wendepunkte nicht verpasst. Das eigentliche Ereignis ist hier jedoch die Räuberbande, die so gar nicht zum „unzärtlichen Kind“ Karl zu passen scheint, das gegen das „tintenklecksende ­Säkulum“ rebelliert – um am Ende fassungslos zu konstatieren, er habe einen Engel (Amalia) geschlachtet. Der Motor dieser bemerkenswerten Inszenierung sind die jungen Tänzer von Tanzland e. V. und Tanzcompagnie. Sie holen mit Breakdance und Rap den Rhythmus der Gegenwart auf die Bühne. Mit frappierender Wucht platzieren sie hier eine ungestüme Gegenwelt, deren Kraft ebenso zum Aufstand wie zu blinder Zerstörung zu führen vermag. So viel kompromissloser Anspruch erfordert Spielplan­ gegengewichte. Dafür sorgt immer noch Reichels Vorgänger ­Joachim Kümmritz, der (mit eineinhalb Tagen in der Woche) verantwortlich ist für die populären Dinge des Theaterlebens wie das Weihnachtssingen von Hansa-Fans mit Theaterbesuchern oder die Theaterthekennächte, die in Rostock gut ankommen. Trinken und unterhalten werden ist erst einmal prima! Aber kommen die Kneipenbesucher dann auch ins Theater? Im Ateliertheater, der Studiobühne, laufen Frischs „Andorra“ (Regie Stefan Thiel) und Sophokles’ „König Ödipus“ (Regie León S. Langhoff). Es gibt originelle Einfälle wie den Versuch, den „Garten der Lüste“ als tanzende Bildbeschreibung des Gemäldes von Hieronymus Bosch auf die Bühne zu bringen, aber auch Volkstümliches wie Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ oder die krachige Komödie „Der nackte Wahnsinn“ von ­Michael Frayn (Regie Andreas Merz-Raykov). Ein Theater ist eben nur so gut, wie es ihm gelingt, möglichst viel Publikum ins Haus zu holen. Da ist es fast egal wie. Das war schon eine Maxime von Joachim Kümmritz, dem alten Theaterfuchs. Ernüchterung, die der Betrieb mit sich bringt, wusste er zu kontern: „Es muss doch Spaß machen, Menschenskinder!“ //


Ein Festival des Internationalen Theaterinstituts (ITI), veranstaltet vom Düsseldorfer Schauspielhaus. Finanziert durch die Stadt Düsseldorf, das Land NRW und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Gefördert durch


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Unabhängigkeitskämpfe

gestern und heute Für ihr Projekt „Fight (for) Independence“ recherchierte die Costa Compagnie in Mosambik – ein Reisebericht von Felix Meyer-Christian

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   ir wollen unser Geld!“ Die Demonstrantinnen und ­ emonstranten rufen laut, erbost und auf Deutsch, denn ihre D ­Forderung richtet sich eigentlich an die Deutsche Demokratische Republik. Und sie richtet sich an die FRELIMO, die mosambikanische Regierungspartei und ehemalige Front zur Befreiung ­Mosambiks, vor deren Arbeitsministerium der Demonstrationszug, den wir mit Kameras begleiten, angekommen ist. Es ist ein Mittwochmittag, Ende Januar 2020. Wir befinden uns inmitten von protestierenden Menschen mit DDR-Flaggen und PlattenbauHochhäusern im Zentrum von Mosambiks Hauptstadt Maputo. Und wir fühlen uns wie in einer Zeitkapsel. Es ist die letzte Station einer zweijährigen, europäisch-­ afrikanischen Recherche für unser Projekt „Fight (for) Independence“. Sie führte uns im Februar 2019 in den Südsudan – die

jüngste, unabhängige Nation der Weltgemeinschaft und noch vom soeben beendeten Bürgerkrieg gezeichnet. Dann ging es ­weiter ins Brexit-Chaos nach Großbritannien und schließlich ins beschauliche Bayern. Das Ergebnis dieser teils mit Ensemble­ mitgliedern des Staatstheaters Nürnberg durchgeführten Recherche fand in Form eines filmisch-journalistischen Boten­ berichts im Juni 2019 im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes unter dem Titel „Independence for All“ seinen Weg auf die Nürnberger Bühne. Unsere Kernfragen lauteten: Was bedeutet Unabhängigkeit heute, wofür und von was? Wollen wir dafür oder dagegen kämpfen? Und wie wirkt der Kolonialismus, Hintergrund vieler Unabhängigkeitsbewegungen, bis heute fort? Demonstrationszug ehemaliger mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR („Madgermanes“) durch Maputo – eine Momentaufnahme der Recherchereise der Costa Compagnie. Foto Philine von Düszeln / Costa Compagnie


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Im zweiten Jahr ging es gemeinsam mit einer Schauspielerin und einem Schauspieler aus Oldenburg nach Katalonien, d ­ irekt zu den Demonstrationen anlässlich des Jahrestags des Unab­hän­gig­ keitsreferendums und schließlich weiter nach Mosambik. Hier ­recherchierten wir nicht nur zum Befreiungskampf des Landes gegen die portugiesische Kolonialmacht zwischen 1964 und 1975, sondern wollten auch die komplexen Wege einer Familienbio­ grafie zwischen Mosambik, der DDR und der BRD nachzeichnen. Wir folgten dazu Helen Wendt, ebenfalls Ensemble­mitglied am Oldenburgischen Staatstheater, an dem der zweite Teil von „Fight (for) Independence“ im Rahmen des Festivals flausen+Banden! im Mai 2020 mit „Independence for You“ in ­einem immersiven Rundhorizont Premiere feiern wird. In Mosambik war Helen dementsprechend Interviewerin und Interviewte zugleich. Ihr Vater kam einst im Rahmen eines Austauschs der sozialistischen Bruderländer Anfang der 1980er Jahre von Maputo zum Studium nach Leipzig und lernte Helens Mutter kennen. „So bin ich ein unwahrscheinliches Kind des euro-afrikanischen Sozialismus. Ich bin die erste Generation. ­ Zwei Bruderstaaten versuchten eine Utopie aufzubauen, die letztlich gescheitert ist“, erzählt Helen im Interview und spielt damit unter anderem auf den Ausverkauf mosambikanischer Rohstoffe an ausländische Unternehmen an. Wer dabei wie viele andere vergessen wurde, sind die Madgermanes, eine Gruppe von mosam­ bikanischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die in der DDR ausgebildet wurden und arbeiteten. Seit dem Fall der Mauer warten sie auf die Auszahlung ihrer dort erarbeiteten Restlöhne und gehen seit nunmehr dreißig Jahren jeden Mittwoch vor dem Arbeits­ ministerium demonstrieren. Viele seien schon zu alt, um weiterzumachen, berichten sie. Andere seien verstorben oder wie in ­einem Fall von der Polizei bei einer Demonstration hier im Park erschossen worden. Doch wie entstand der Sozialismus in ­Mosambik, wie kam es zur Unabhängigkeit? In der Zona Militar, einem Viertel für ehemalige Militär­ angehörige, suchen wir Camarada Madebe auf. Er ist ein ruhig wirkender, ehemaliger Major der Streitkräfte und war Führungs­ figur im jahrelangen Unabhängigkeitskrieg gegen das portugiesische Militär. Auf seiner Veranda sitzend, erzählt er uns von seiner Kindheit in Cabo Delgado im Norden des Landes unter der Kolonialmacht. Und von der Brutalität des rassistischen Herrschaftssystems, welche 1960 in einem Massaker an Hunderten Zivilisten in Mueda einen Höhepunkt erreichte. In den darauffolgenden Jahren formierte sich nun der Widerstand. FRELIMO wurde gegründet und 1964 begann der blutige Befreiungskrieg, in welchem Camarada Madebe Trupps von Widerstandskämpfern durch den mosambikanischen Busch, den Mato, führte. „Wir kämpften für unsere Freiheit, für unser Land, für eine eigene Nation, in der Frauen und Männer, Schwarze und Weiße gleichberechtigt leben konnten, ohne Angst vor Verfolgung und Folter“, spricht Madebe in die Kamera und meint damit die Angst vor der portugiesischen Geheimpolizei PIDE. In Maputo befand sich deren Sitz – ein berüchtigter Folterort – in der prächtigen, mit bemalten Zierkacheln bestückten Vila Algarve. Wir dokumentieren die verwaisten ­Räume mit einer 360-GradKamera, um uns und dem Publikum ein Bild des kolonialen ­Terrors vermitteln zu können.

costa compagnie

Erst Mitte der 1970er Jahre fand der Krieg mit der Nelken­revolution in Portugal schließlich ein Ende. Mosambik erreichte nach fast fünfhundert Jahren unter Fremdherrschaft am 25. Juni 1975 die Unabhängigkeit. „Es war ein wunderschöner Tag, obwohl es die meiste Zeit regnete“, erzählt uns Teresa Manjate, Professorin für Oral History im Konferenzraum am Centro de Estudos Africanos. „Viele Menschen in Maputo strömten damals ins Stadion, um die Führer der Revolution zu sehen und zu feiern. Wir waren stolz, endlich ein eigenes Land und eine eigene Identität aufbauen zu können und unsere eigene Geschichte zu schreiben.“ Zu dieser Geschichte gehört auch Luis Lage, Professor an der Architektur-Fakultät und Nachfahre einer portugiesischen Familie. Auch in Zeiten des revolutio­ nären Wandels identifizierte er sich als weißer Mosambikaner und Wegbereiter eines neuen Staates und dachte nicht daran, mit anderen weißen Familien nach der Unabhängigkeit das Land Richtung Portugal zu verlassen. Über die ge­gen­wär­tige Situation dieses Staates, die teils noch bewaffneten Konflikte im Land, die Auswirkungen der Rohstoffindustrie und die parteipolitischen Herausforderungen will fast niemand der über 15 Interviewten vor der Kamera sprechen. Zu groß ist die Furcht, privat oder beruflich in Schwierigkeiten zu geraten – zu frisch die letzte Präsidentschaftswahl. Bleiben zunächst unsere ­Fragen nach Unabhängigkeit, Nation und Identität. Die junge Filmemacherin Lara Sousa, im Februar einge­ laden zu den Berlinale Talents, sagt dazu: „Meine Vorfahren kommen aus Mosambik, Portugal, Indien, Oman und anderen Orten. Hier in meiner Heimat werde ich oft als weiß betrachtet. Als ich einmal einige Zeit in Portugal verbrachte, rief ich meinen Vater aufgeregt an und sagte ihm, dass mich die Menschen dort als schwarz sehen würden. Er wollte mir das gar nicht glauben. Ich identifiziere mich auf jeden Fall als schwarz. Und als Afrikanerin. Hier sind meine Wurzeln.“ In Helen Wendts Fall warten der Vater Fabião, die Halbschwester Elis und der Halbbruder Kelvin bereits aufgeregt mit Blumen am Flughafen. Fabião spricht mehrere Stunden von Mosambiks schwierigen Herausforderungen nach der Unabhängigkeit, vom Bürgerkrieg, der von den weißen Apartheidregimen Südafrikas und Rhodesiens jahrelang angetrieben wurde, von sozialistischer Dialektik und von seiner Zeit in der DDR. Auf die Frage, ob er dort damals Rassismus erlebt habe, entgegnet er, dass es keinen gegeben habe und er sich kaum vorstellen könne, dass dies heute in Deutschland ein Problem sei. Für Helen stellt sich die Welt allerdings anders dar. „Ich bin in Leipzig geboren, als Kleinkind mit meiner Mutter über Ungarn geflohen und dann in Westberlin aufgewachsen. Jahrelang hatte ich das Gefühl, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Und jahrelang habe ich mich als weiß identifiziert. Gleichzeitig merkte ich gleich bei meinem ersten Besuch in Mosambik, wie gut es sich anfühlt, auf einmal dazuzugehören. Obwohl ich das Land gar nicht kannte. Heute erkenne ich, mit welchem Rassismus ich zu Hause permanent konfrontiert bin, weil ich nicht der Norm entspreche. Was Identität angeht, befinde ich mich jetzt also eher auf einer Suche“, sagt sie und überlegt kurz. „Ob ich selbst jemals eine Unabhängigkeit von all diesen Zuschreibungen erreichen werde, weiß ich nicht.“ // „Fight for You“ hat am 14. Mai beim Festival flausen+Banden! Premiere. Theater der Zeit ist Medienpartner des Festivals.

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Look Out

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Von diesen Künstler*innen haben Sie noch nichts gehört? Das soll sich ändern.

Erfolgreich und etwas größenwahnsinnig Die Netzwerkgründer von Cheers for Fears entwerfen in ihrem Labor neue Formen künstlerischer Zusammenarbeit

F

  ehlende Vernetzung, eine unterentwickelte Kultur des Feedbacks und des (analogen) Sprechens: So lautet die bittere Diagnose, die am Anfang von Cheers for Fears stand. Selbst Studierende der Ruhr-Universität Bochum am Institut für Theater­ ­ wissenschaft mit Schwerpunkt Szenische Forschung, begründeten Jascha Sommer und Johanna Yasirra-Kluhs 2013 deshalb eine mobile Akademie. Ein begehrtes und lang erwartetes ­Nischenprodukt, wie sich bald herausstellt, denn Nordrhein-Westfalen bietet jungen Menschen nicht nur eine Vielzahl an künstlerischen Studienund Ausbildungsmöglichkeiten, sondern konfrontiert sie auch mit einer nahezu unüberschaubaren Landschaft aus Institutionen, Produktionsstätten und Fördermöglichkeiten. „Say it loud, lost and proud, cheers for fears“ wird die Parole und schenkt der Initiative ihren Namen, unter dem sie bis heute firmiert. Ihre Macher beginnen mit der Organisation von stammtischartigen Begegnungen. An den zahlreichen Akademien und Universitäten sondieren Kontaktstudierende Themen und Stimmungen. In Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr – der der Initiative auch die notwendige Infrastruktur ermöglicht –, dem FFT Düsseldorf, den Theatern in Oberhausen und Dortmund entstehen Werkschauen und Festivals in Nord­ rhein-Westfalen, die für die jungen Kunstschaffenden den notwendigen Freiraum herstellen, um Kontakte zu knüpfen und sich etablieren zu lernen. Immer ist ein gemeinsamer Workshop der Ausgangspunkt für Symposien, Werkschauen und Festivals. Daraus ergibt sich auch die kluge Beschränkung auf das Bundesland NordrheinWestfalen: Sie ist dem Pragmatismus geschuldet, die Beteiligten ausgiebig und unkompliziert, aber auch buchstäblich an einen Tisch bringen zu können. Denn jeder kann irgendetwas besonders gut, jeder lernt etwas vom anderen – das ist die ­ambitionierte wie mutige These, die der Entwicklung von originellen und vielfältigen Formaten voransteht. Und das Konzept eines horizontalen Austausches wird belohnt: Zu den langjährigen Förderern gehören das Ministerium für Wissenschaft und

Kunst und die Kunststiftung NRW. Seit 2018 profitieren Cheers for ­Fears zudem von einer beruhigenden Dreijahresförderung, die mit projektbezogenen lokalen Mitteln kombiniert wird. Das ermöglicht eine hohe Projektdichte. Im März waren Cheers for Fears mit dem Symposium „Staging Complexity. Labor zu Kunst und Theater im digitalen Zeitalter“ in der Akademie für Theater und Digitalität am Theater Dortmund zu Gast, um über Visionen und Ängste in digitalen Zeiten zu reflektieren. Im Mai wird in Köln in Kooperation mit dem Kölner Literaturverein Land in Sicht zum vierten Mal das Auftakt Festival stattfinden. Unter der Formel „Zeigen, Wissensaustausch, Zusammenarbeiten“ werden in zwei parallelen Ausschreibungen bundesweit vier Texte mit szenischem Potenzial gesucht und aus Bewerbungen aus den Bereichen Performance, Theater, Musik, bildende Kunst und Medienkunst zwanzig Teilnehmer rekrutiert, die in möglichst heterogenen Gruppen zusammen­ kommen sollen. Moderatoren begleiten den kompakten Ent­ stehungsprozess der geplanten Aufführungen. Nur folgerichtig, dass Sina-Marie Schneller, die mit ­Jascha Sommer den kreativen Kern von Cheers for Fears ausmacht, in den Vorstand des NRW Landesbüros für Freie Darstellende Künste berufen wurde. So wächst das Netzwerk beständig und entwickelt sich entlang der eigenen Formate und Ziele ­weiter. Dabei fräsen sie sich nicht nur in institutionelle Hochburgen der Kultur- und Wissenschaftslandschaft, sondern ­brechen auch verkrustete Gefüge der freien Szene lustvoll auf. Aber auch Cheers for Fears kommen – im besten Sinne – in die Jahre. Ihre Initiatoren sind inzwischen selbst jenseits der magischen dreißig. Da bleibt nur gespannt abzuwarten, mit welchen neuen Fragen und Konstellationen Cheers for Fears aufwarten werden. // Sina-Marie Schneller und Jascha Sommer von Cheers for Fears. Foto Christine Herrmann

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Friederike Felbeck Die nächsten Projekte von Cheers for Fears sind das Auftakt Festival vom­­­ 20. bis 23. Mai in der Alten Feuerwache Köln und das „Cheerscamp – Wissen geben und nehmen“ am 24. und 25. Oktober im Tanzhaus NRW.


Look Out

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Klischeeverkehrungsspiele Das Kollektiv hannsjana unterläuft kulturelle Stereotype mit radikaler Freundlichkeit

  annsjana – das sind Marie Weich, Katharina Siemann, Laura Besch, Alice Escher, Juliane Gorke und Lotte Schüßler. Bereits seit 2011 musiziert, recherchiert und produziert das Kollektiv gemeinsam. Drei von ihnen promovieren nebenbei (in Theaterwissenschaft und Medizin), die anderen drei sind hauptberufliche hannsjanas. Alles begann als Band mit eigenen Songs, die ein bisschen an die Musik der deutschen Liedermacherin Dota erinnern. Eigenes Liedgut findet sich auch heute noch in fast allen Formaten des Kollektivs. Neben Konzerten erarbeiten sie für ­ Museen und Festivals vor allem Audiowalks und seit 2014 auch größere Bühnenproduktionen. Ende 2019 hatte „Die große M.I.N.T.-Show“ in Kooperation mit den Sophiensaelen in Berlin Premiere. Aktuell proben sie nach dem Erfolg der parodistischen Dragking-Performance „Diane for a Day“ zum zweiten Mal gemeinsam mit Spielerinnen und Spielern des Theaters Thikwa, für „Merkel“, eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuschreibungs-, Erwartungs- und Vorwurfsmustern an eine Frau in Machtposition. Ihre Stoffe und Perspektiven sind stets dezidiert feministisch, ästhetisch haben sie nicht zuletzt durch den Einsatz großer TierPappmaché-Masken, die Marie Weich baut, einen hohen Wiedererkennungswert. Eine große Stärke ihrer Arbeiten liegt darin, wie sie exis­ tierende Klischees und Stereotype – sei es zum Thema Männlichkeit oder zum Thema Ost/West – intelligent zu verkehren und damit lustvoll ad absurdum zu führen wissen: „Mehr Männer in die GELB-Fächer!“, so heißt es in einer Szene der „M.I.N.T.Show“, die sich mit der noch immer existierenden Unterrepräsentanz von Frauen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) beschäftigt. Die Fake-Initiative möchte junge Männer ermutigen, die Fächer Germanistik, Ernährungswissenschaft, Lernbehinderungspädagogik und Bildund Kunstwissenschaften zu studieren. In der Szene verkehren die Performerinnen den paternalistisch-sexistischen Gestus, mit dem junge Frauen für Naturwissenschaften gewonnen

(v.l.o. im Uhrzeigersinn) Alice Escher, Laura Besch, Katharina Siemann, Lotte Schüßler, Marie Weich und Juliane Gorke. Foto hannsjana

h

werden, grandios in sein parodisti­ sches Gegenstück. In dem ebenfalls von den Sophiensaelen koproduzierten Audio-Stadtwalk „Anstattführung“ führen uns hannsjana-Bären um die dreißig, die die DDR nicht miterlebt haben, nicht nur die Berliner Brunnenstraße entlang, sondern auch kulturelle Zugehörigkeitskonstruktionen vor: Entgegen der historischen und geogra­ fischen Tatsachen schicken sie uns vom ehemaligen Westen (Mitte) in den ehemaligen Osten (Wedding) Berlins. Heißt: Anstatt mit Erinnerungen an Trabbi, Puhdys, Knusperflocken und FKK besetzen die Bären die ehemals ostdeutsche Mitte mit West­algie, mit Erinnerungen an VW Passat, Pur, Haribo und Textilstrand. Anstatt Ost- habe eher Westdeutschland ein Rassismusproblem, und überhaupt empfehle sich so etwas wie critical westness: ein selbstkritisches Reflektieren der ei­ genen westdeutschen Privilegien. Unterfüttert wird der Walk mit historischem Wissen zur Wiedervereinigung, mit Bärenforschung, Beschreibungen der hannsjanas zu ihren ost- oder westdeutschen Sozialisationen sowie mit Interviewmaterial zu persönlichen Grenzen in Berlin: So ist es für einen Transmenschen zum Beispiel eher die öffentliche Toilette, für eine lesbische Frau mit russischem Akzent sind es bestimmte Gegenden in der Stadt, und für eine Frau mit Beeinträchtigung sind es alltägliche Dinge wie Einkaufen, die gemeistert werden wollen. Eine weitere Besonderheit des Kollektivs ist ihr Anliegen, ihre Arbeiten so zugänglich wie möglich zu gestalten. Niemand soll aus irgendeinem Grund ausgeschlossen werden. Trotz intellektuellem Unterbau und politischem Anspruch sind die Arbeiten deshalb stets von szenischer Leichtigkeit, sprachlicher Einfachheit und radikaler Freundlichkeit. Und damit ungemein sympathisch. // Theresa Schütz „Merkel“ ist vom 13. bis 16. Mai im Theater Thikwa in Berlin zu sehen, die „Anstattführung“ an den Berliner Sophiensaelen findet wieder vom 22. bis 24. Mai statt.

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Zeitschrift für Theater und Politik

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Corona: Kathrin Röggla über Ansteckung und Hygiene / Ausland: Die Costa Compagnie in Mosambik Reihe: Theater und Moral – Essay von Jakob Hayner / Neustart: Rostock / Kunstinsert: Dr. GoraParasit

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April 2020 • Heft Nr. 4

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Esra Küçük und Milo Rau im Gespräch

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auftritt

/ TdZ  März    /  / / April 2020 Januar  2018 2020

Buchverlag Neuerscheinungen

Das Düsseldorfer Schauspielhaus wird fünfzig! Der Bau des Architekten Bernhard Pfau gilt als einer der prägendsten und radikalsten Kulturbauten der sechziger und siebziger Jahre. Aus Anlass des Jubiläums und nach einer umfassenden Sanierung und Modernisierung blicken wir zurück: mit Beiträgen von Zeitzeugen und Weggefährten, Kritikern und Wissenschaftlern, mit umfangreichem Bildmaterial aus der Bau­ geschichte und den vergangenen fünfzig Jahren Bühnengeschichte.

Ulrike Guérot, Robert Menasse und Milo Rau riefen am 10. November 2018 in einem eindrucksvollen performativen Akt gemeinsam mit 30 000 Menschen und in über zwanzig Ländern in ganz Europa die Europäische Republik aus. Was für ein historischer Moment! Ein Kontrapunkt zum Wiedererstarken von Nationa­lismen. Diese Publikation spiegelt die Intention dieses andauernden Projekts mannigfaltig und lustvoll in Bildern, Geschichten und politischen Beiträgen wider.

fünfzig Das Düsseldorfer Schauspielhaus 1970 bis 2020 Herausgegeben von Wilfried Schulz und Felicitas Zürcher

The European Balcony Project The Emancipation of the European Citizens Herausgegeben von Ulrike Guérot, Verena Humer, Robert Menasse und Milo Rau

Paperback mit 400 Seiten ISBN 978-3-95749-235-7 EUR 30,00

Taschenbuch mit 208 Seiten ISBN 978-3-95749-277-7 EUR 18,00 (print) . EUR 14,99 (digital)

„Meine Heimat ist die Probe“, pflegte Dimiter Gotscheff zu sagen. Für Thomas Ostermeier ist die Probe der Ort, an dem die Figuren seiner Inszenierung „zur Welt kommen“. Und Thomas Langhoff wurde auf der Probe selbst zum energiegeladenen Darsteller. Doch was genau findet während der Proben statt? Wie entwickelt der Schauspieler seine Figur?

In ausführlichen Werkporträts werden in diesem Buch junge Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, die schon jetzt die Theaterlandschaft von morgen prägen. Das renommierte Münchner Festival für den professionellen Regienachwuchs Radikal jung hat auch 2020 wieder neue Inszenierungen ausgewählt, um die größtmögliche Bandbreite von Interessen, Herangehensweisen und Zugriffen einer jungen Generation von Theatermacherinnen und Theatermachern zu präsentieren. Wenn auch das Festival, der Gefahr Rechnung tragend, die vom Corona-Virus ausgeht, in diesem Jahr nicht stattfinden kann, bilden die vorgestellten Inszenierungen aus dem ganzen deutschen Sprachraum doch die stetige Veränderung der Stadt- und Staatstheaterlandschaft ab.

Die Theaterwissenschaftlerin Viktoria Volkova hat die häufig mystifizierte Theaterprobe über mehrere Monate begleitet und die Probe­n­ arbeiten in Wort und Bild dokumentiert und analysiert. RECHERCHEN 152 Viktoria Volkova Zur Konstituierung der Kunstfigur durch soziale Emotionen Probenarbeit v. Dimiter Gotscheff, Thomas Langhoff und Thomas Ostermeier Taschenbuch mit 360 Seiten ISBN 978-3-95749-238-8 EUR 22,00 (print) / 17,99 (digital)

Radikal jung 2020 Zwölf neue Regiehandschriften Jens Hillje, C. Bernd Sucher und Christine Wahl (Hg.) Taschenbuch mit 112 Seiten ISBN 978-3-95749-278-4 EUR 10,00 (print) / EUR 7,99 (digital)

Erhältlich in der Theaterbuchhandlung Einar & Bert oder portofrei unter www.theaterderzeit.de

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Auftritt Berlin „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller  Bautzen „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing  Cottbus „Antifaust“ (UA) von Jo Fabian  Döbeln „Der Frieden“ von Peter Hacks nach Aristophanes   Dortmund „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer selbst!“ von Jonathan Meese  Eisenach „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller  Naumburg „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute Schwerin „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ von Heiner Müller  Stuttgart „Weltwärts“ von Noah Haidle (UA)  Wiesbaden „Wassa Schelesnowa“ von Maxim Gorki


auftritt

/ TdZ  April 2020  /

BERLIN The Mad Parade THEATER AN DER PARKAUE: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller Regie und Ausstattung Albrecht Hirche

gestrig nicht, erzählt es doch von der fatalen

ändert sich. Maria Stuarts Amme (Birgit Bert-

Dynamik eines politischen Systems, dessen

hold) steht im Gegenlicht eines einzigen

Vertreter nur noch um sich selbst kreisen. Das

Scheinwerfers: „Man löst sich nicht allmählich

Volk („They made you a moron“) wird in die-

vom Leben! / Mit einem Mal, schnell, augen-

sem System lediglich zu einem Haufen nütz-

blicklich muss / Der Tausch geschehen zwi-

licher Idioten.

schen Zeitlichem / Und Ewigem.“ Diese Sätze

Cambridge-Professor Raymond Geuss

machen in ihrer existenziellen Tiefe jeglichen

sieht im Fall des Brexits ähnlich destruktive

Machtrausch bestürzend klein. There is such

Kräfte am Werk. Der Brexit, schrieb er im

thing as society. Erst in der endgültigen Ab-

­Januar 2020 in der Zeit, wolle kein konstruk-

wesenheit von Gesellschaft erkennt man ih-

tives Projekt sein. Es sei eine Hassreaktion

ren Wert. Fotheringhay Castle ist zum Schluss

„God save the Queen / The facist regime /

gegen Europa – rücksichtslos ausagiert von

menschenleer. Die Königin ruft. Der Rest ist

They made you a moron / A potential H-bomb.“

einer kleinen, aggressiven Elite um Premier

Stille. //

Als die britische Punk Band Sex Pistols im

Boris Johnson, deren Ziel es sei, den Thatche­

Mai 1977 mit diesen Zeilen aus ihrer Single

rismus weiter zu radikalisieren („There is no

„God Save the Queen“ das silberne Thron­

such thing as society“). Ihr Vorgehen sei da-

jubiläum von Queen Elizabeth II. besangen,

bei äußerst rabiat, angefangen mit dem Aus-

war in Großbritannien der Teufel los. Britische

schluss des proeuropäischen One-Nation-

Radiosender weigerten sich, den antimonar-

Flügels aus der eigenen Partei bis hin zum

chischen Song zu spielen. Trotz eines reißen-

Brandmarken der Remainers als Volksfeinde,

den Absatzes, so besagen Gerüchte, wurde

deren Verlautbarungsorgan BBC feindliche

der Song in den UK Singles Charts absicht-

Propaganda produziere. Den Zeit-Artikel be-

lich auf Platz zwei gehalten, um die Queen

gleitete das Foto eines Anti-Brexit-Plakats,

nicht zu echauffieren. Als die Band am

auf dem Johnson als weiß geschminkter Joker

6. Juni, dem Hauptfeiertag des Jubiläums,

mit rot verschmierten Lippen und blau umran­

auf einem Themse-Dampfer namens Queen

deten Augen zu sehen ist. Eine Maskerade,

Elizabeth ein Konzert geben wollte, wurde

die sich in Variationen auch bei Hirches Figu-

das Boot kurzerhand von der Polizei gestürmt.

ren wiederfindet. Die um ihre Position im

Das königliche Protokoll verträgt, auch wenn

Machtgeflecht ringenden Höflinge (einer der

„Wenn dieser Engel nun – krank geworden!“,

es in der konstitutionellen Monarchie Groß-

gefeuerten Torys sagte gegenüber dem Guar-

versucht Nathan die sehnsüchtigen Visionen

britanniens nur der Symbolpolitik dient, keine

dian: „Downing Street stellte Abgeordnete vor

seiner Pflegetochter Recha, die nach der Er-

Abweichung. Der Schein muss gewahrt wer-

die Frage: Sage ich, was ich denke, oder

rettung aus dem Feuer vom Tempelherrn

den. „God save your mad parade“ – Gott

­behalte ich meinen Job?“) knickdienern sich

schwärmt, zu mildern. Es ist ungewollt der

schütze deine verrückte Parade.

in allerlei grotesken Verrenkungen durch das

Satz des Tages im Deutsch-Sorbischen Volks-

Albrecht Hirches „Maria Stuart“ am

Stück, angetrieben durch eine Punkbraut am

theater Bautzen. Das Haus spielte Mitte März

Theater an der Parkaue in Berlin ist durch-

Schlagzeug (Karoline Körbel), die gerne auch

gerade noch, während die Dresdner Staats-

drungen vom britischen Punk der siebziger

mal mithilfe von Eisenketten einen wunder-

theater bereits vor der virulenten Geißel

Jahre. Der Union Jack, der den gesamten

baren Industrial-Sound kreiert. Ein wildes

Gottes kapitulierten. Schade, dass auch diese

Bühnenraum auskleidet, ist mit seinen grob

Puppentheater, das wie hypnotisiert um ein

beachtliche und anhaltend gut besuchte In-

dahingepinselten Farben dem Sex-Pistols-

dunkles Gravitationszentrum kreist: Caroline

szenierung nun ausgesetzt werden muss.

Cover des britischen Künstlers Jamie Reid

Erdmann als Königin Elisabeth. Ihrer Implosion

Lessings „Nathan der Weise“ kommt

nachempfunden. Die drei Kreuze der Flagge

als einstmals stolze, durchaus charmante

seit 1783 zyklisch und vergleichbar epide-

(das Georgskreuz für England, das Andreas-

Herrscherin, die am Ende in ihrem ausladen-

misch auf deutschsprachige Bühnen, wenn

kreuz für Schottland und das Patrickskreuz

den elisabethanischen Königinnenkleid wie

Toleranz und Akzeptanz von Verschiedenartig-

für Nordirland) geben am Boden die streng

eingemauert wirkt, folgt man an diesem

keit in besonderer Weise bedroht sind. Das

vorgezeichneten Wege der Royals wieder. Ja,

Abend zunehmend atemlos.

dramatische Standardwerk der Aufklärung

Dorte Lena Eilers

BAUTZEN Medizin gegen rechts DEUTSCH-SORBISCHES VOLKSTHEATER: „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing Regie Carsten Knödler Ausstattung Frank Hänig

es könnte alles so wohlgeordnet sein, wären

Die Stärke der Inszenierung ist es, die

hat folglich angesichts der neurechten Ideolo­

da nicht die Verlockungen der Macht, die den

Dynamik im Systemischen zu suchen, nicht

gisierung derzeit Konjunktur. Wir leben w ­ ie­der

Menschen zum Getriebenen machen. Fried-

im Privaten. So geht es im Ringen der Akteu-

in einer Zeit der Kreuzzüge, und der Hand-

rich Schillers Königinnendrama ist daher so

rinnen und Akteure zwar auch um Eifersüch-

lungsschauplatz Jerusalem kommt im Brenn-

teleien, im Vordergrund aber steht die politi-

punkt des Kampfes dreier Religionen um den

sche Agenda, die schließlich nur noch mit

„echten Ring“ seit zwei Jahrtausenden nicht

den Mitteln des Mordes durchgesetzt werden

zur Ruhe. Ein Ausgleich ist möglich, lautet

kann. Einzig der Tod Maria Stuarts (Kinga

die Botschaft Lessings in dieser vertrackten

Schmidt) bringt den menschlichen Faktor zu-

Geschichte um eine Familienzusammenfüh-

rück ins Spiel. Der Drive stoppt. Die Szenerie

rung nach Leid und Gemetzel.

Gott schütze deine verrückte Parade – Friedrich Schillers „Maria Stuart“ (hier mit Caroline Erdmann als Königin Elisabeth) in der Regie von Albrecht Hirche. Foto Christian Brachwitz

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/ 40 /

auftritt

/ TdZ April 2020  /

Im Vergleich der ungezählten Inszenierungen

­regnet Asche. Später kreisen Suchscheinwer-

sing ohnehin nicht sonderlich gut weg. Lutz

und Verfilmungen des zeitlosen Stoffes kann

fer. Das ist Palästina heute. Zwei düstere,

Hillmann spielt weder den gütigen Vater noch

die Bautzener Version mehr als nur mithalten.

gebeugte Heiligenfiguren stehen verloren auf

den weisen Nathan noch den schlitzohrigen

Schon die personelle Konstellation, unter der

der Bühne herum. Die Vertreter der drei Reli-

Geschäftsmann exzessiv aus. Beinahe ver­

sie zustande kam, weckte Neugier. Intendant

gionen treten bevorzugt aus drei Richtungen

legen beginnt er die Ringparabel, bewusst an

Lutz Hillmann kehrt höchstselbst als Nathan

auf. Der Jude Nathan, Erzieherin Daja und

die Rampe platziert. Alexander Höchst ge-

auf die Bühne zurück, auf der er bei der letz-

Pflegetochter Recha von rechts, aus einer

lingt als Sultan Saladin eine beeindruckende

ten Inszenierung 1991 als jugendlicher Held

kleinen Mauertür mit einem Davidstern kom-

Mischung aus machtbewusster Erscheinung

schon den Tempelherrn spielte. Regie lässt er

mend, Sultan Saladin und die Muslime aus

und nachdenklichem Philosophen. Identifika-

einen vertrauten Kollegen führen. Carsten

der Tiefe der Bühne, die Christen von links.

tionsfigur für die auffallend zahlreichen jun-

Knödler amtierte im nur fünfzig Kilometer

Bei den Kostümen von Patriarch und

gen Zuschauer dürfte Richard Koppermann

entfernten Zittau bis 2013 als Intendant,

Mönch dominiert klerikales Schwarz, wobei

als der eifernde, aber einsichtsfähige, hoch­

stand auch zuvor auf der Bühne und leitet

der Klosterbruder unter seiner Jacke einen

emotionale junge wilde Tempelherr sein.

nunmehr das Schauspiel in Chemnitz. Mit

Sprengstoffgürtel trägt. Nathan sieht in sei-

Leider erfährt man die Quelle der über­

Frank Hänig begegnet dem Kenner zudem ein

nem langen Mantel aus wie ein Geschäfts­

aus passenden, von einer klezmerinspirierten

legendärer Ausstatter wieder, der auch als

reisender aus dem frühen 20. Jahrhundert,

Geige dominierten Einspielmusik nicht. „Es

Regisseur international Spuren hinterlassen

den Hut trägt er über der Kippa. In goldenen

ist so traurig, sich allein zu freuen“, begrüßt

hat. Sein Bühnenbild und seine Kostüme

Fantasieuniformen treten die Muslime Sala-

seit Langem ein Lessing-Zitat die Bautzener

­prägen den Bautzener Gesamteindruck.

din, dessen Schwester Sittah und der Der-

Theaterbesucher im Foyer. Der rhythmische

Noch im Dunkel versetzen Hubschrau-

wisch auf. Sie könnten damit gut auf die

Schlussbeifall signalisierte gemeinsame Be-

bergeräusche und Explosionen die Zuschauer

Show­treppe irgendeiner Gala passen, wären

geisterung. //

in Kriegsatmosphäre. Das erste düstere Licht

nicht die orientalischen Attribute der Kopf­

lässt ein zerstörtes Schachbrett erkennen,

bedeckungen.

von dem nur Fragmente und Laufstege geblie­

Die Regie versucht nicht ansatzweise,

ben sind. Mauern weisen Einschusslöcher

auf Lessing noch einen Carsten Knödler

auf, hinten ringelt sich Stacheldraht, es

draufzusetzen. Sie steht ganz im Dienst von

Michael Bartsch

COTTBUS

Werk und Publikum, dem die Botschaft des Stückes „Es genügt, ein Mensch zu heißen“ Diskurs der Weltreligionen – „Nathan der Weise“ des gebürtigen Oberlausitzers Gotthold Ephraim Lessing in der Regie von Carsten Knödler. Foto Miroslaw Nowotny

auf eine unprätentiöse Weise vermittelt wird.

Der Mensch im Jammertal

Alle Figuren erscheinen nahbar, ja, mit Ausnahme des langmähnigen Patriarchen sympathisch, aber die Christen kommen bei Les­

STAATSTHEATER COTTBUS: „Antifaust“ (UA) von Jo Fabian Regie und Bühne Jo Fabian Kostüme Pascale Arndtz

Nach drei Jahren als Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus verabschiedet sich Jo Fabian mit seinem „Antifaust“, zu dem er den Text schrieb, die Regie führte und die Bühne baute. Diesem „Faustkommentar“ als ambitioniertem Gesamtkunstwerk ging im vergangenen Jahr seine Inszenierung des „Faust“ voran. Fabian verlegte ihn ins Museum, auf die Biennale in Venedig. Kein Artenschutz für Klassiker, so lautete der Slogan. Denn was außer Hybris hat der immer nur strebende Doktor Faust zu bieten? Nichts, außer seinem elenden Menschsein, seinem Versagen, seinem Scheitern. Darin uns anderen gleich, immer mehr scheinen zu wollen, als wir sind. Gut, das musste gesagt werden gegen die glanzvolle Klassik und ihr nicht uneitles Menschenbild. Nur wäre es naiv, derart Goethe zu kritisieren, denn – auch so kann man den „Faust“


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Die Welt von ihrem Ursprung – als Bau­ stelle – her gesehen: Jo Fabians „Antifaust“ am Staatstheater Cottbus. Foto Marlies Kross

lesen – gegen den schönen falschen Schein

fahren und lernt Demut im irdischen Jammer-

des

polemisiert

tal, aus dem euch all eure Klugheit nicht er-

G­oethe selbst am heftigsten. Nicht umsonst

lösen wird – so lässt sich der Geist dieses

ist der Teufel die heimliche Hauptperson in

„Antifaust“ zusammenfassen. Ob man Fabian

diesem Drama des Erkenntnisstrebens um je-

darin folgen mag, wird jeder selbst entschei-

den Preis, der Untergang von Faust scheint

den müssen. Zwei großflügelige Engel, ein

Zwei Musiker an Trommel und Keybord (Chris

von Anfang an beschlossen. Goethe setzt

weißer und ein schwarzer, beherrschen die

Hinze und Lars Neugebauer) suggerieren die

ganz auf Magie und Negation.

Szenerie, die anfangs in die Zeit des Urchris-

Dramatik von Gefahr und Rettung.

k­ lassischen

Ebenmaßes

Man fragt sich, warum Jo Fabian dann

tentums zurückweist, mitsamt historisieren-

Was hieran fasziniert und verstimmt

einen „Antifaust“ schreibt, den Goethe mit

den Kostümen. Dann blendet der Abend

gleichermaßen, ist die Unbeirrbarkeit, mit der

Mephisto bereits selbst ins Zentrum rückte.

­hinüber in die Welt als Schlachthaus. Hier

Jo Fabian auf den Effekt des Ecce homo setzt:

Oder verwechselt er hier Goethe mit dem

beugen sich mildtätige Rotkreuzschwestern

Die Musik dröhnt 135 Minuten lang überlaut,

schalen Schein von Wirkungsgeschichte, der

über geschundene Körper, ihr Leid zu lindern.

ein dicker Klangteppich, unter dem die Sehn-

sich etwa in Oswald Spenglers Begriff des

Hier schleppt sich auch der nackte, blutend

sucht nach einem Moment der Stille wächst.

„faustischen Menschen“ findet? Dem liegt

vom Kreuz gestiegene Jesus durch die zer-

Dem vor Hitze schwitzenden Pathos hätten

bei Spengler eine sehr einseitige Lesart von

störte Gegend.

einige kühl-distanzierte Brüche gut getan, da-

Nietzsches Übermenschen zugrunde, die ver-

Es scheint durchaus missionierend

mit klar wird, dass es sich hier um Theater

kennt, dass dieser für Nietzsche nicht eine

­gemeint, was uns Fabian anhand der Faust-

handelt, über dessen ästhetische Wegsuche

Art Herrenmensch war, sondern ein Selbst-

chiffre vor Augen führt: Irrläufer einer ver-

zur Wahrheit man streiten kann und soll.

überwinder, dem das Scheitern – und damit

kehrten Welt, der Mitschuld an ihrem Zustand

Fabian selbst hat die Begriffe „Instal-

die tragische Existenz – innewohnt. Fabian

trägt. Was daraus folgt, kann nur Umkehr

lation“ und „Kommentar“ eingeführt – und

geht es um unser heutiges Menschenbild, um

oder Untergang sein. Die Sintflut wird es uns

das setzt er dann auch konsequent um mit-

das Erbe der Aufklärung.

lehren, mit Schmerzen und Angst. Das Gaso-

tels ständig kreisender Bühnenkonstruktion

Die Bühne: ein skelettierter Turm zu

meter verwandelt sich zwischenzeitlich in

(im Joch ein Elender, der sie mit letzter Kraft

Babel oder auch ein halbfertiges Gasometer.

eine Art Floß der Medusa oder eine Arche, die

in Bewegung halten muss) und selbst­

Die Welt von ihrem Ursprung – als Baustelle –

nur diejenigen rettet, die bereit sind, alles,

geschriebener Worte, die wie aus dem Off

her gesehen? Lasst allen Hochmut und Stolz

was sie meinten zu sein, zurückzulassen.

hernieder dröhnen. Es ist zuletzt die Stimme


/ 42 /

auftritt

von Jesus, der sagt: „Was kümmert ihr euch um Faust? Kümmert euch um mich.“ Nein, zuletzt folgt im Kapitel XI „Das Wunder“, die Frau, die vierzig Tage ohne zu essen und zu trinken predigend im Sandsturm steht: „Sie redete so lange auf unsere Feinde ein, bis sie alle nach Hause gingen.“ Eine Passionsgeschichte, ornamental überbordend wie der Innenraum einer Barock­ kirche. Oder, wie Martin Heidegger in seinem berühmten Spiegel-Gespräch sagte: „Nur noch ein Gott kann uns retten!“ // Gunnar Decker

DÖBELN Mistkäfer flieg! über die geschäftsschädigende Wirkung des

MITTELSÄCHSISCHES THEATER: „Der Frieden“ von Peter Hacks nach Aristophanes Regie Ralf-Peter Schulze Bühne Peter Gross Kostüme Nina Reichmann

Krieges. Wo bleibt denn der Frieden? Zeus jedoch ist vor dem Lärm des schier endlosen Peloponnesischen Krieges

Sinn ist ohne Sinnlichkeit nicht zu haben – „Der Frieden“ von Peter Hacks in der Regie von Ralf-Peter Schulze, hier mit Martin Ennulat als Trygaios. Foto Jörg Metzner

geflohen, Trygaios trifft auf Hermes, der an der Himmelspforte Wache hält und ihn ab­ zuweisen versucht. Aber Trygaios bleibt hart-

vom Krieg lassen.) Besson prägte auch das

näckig, schließlich muss er für seine Ge-

Regie-Motto: Sinn ist ohne Sinnlichkeit nicht

schäfte sorgen.

zu haben. Dem folgt Schulze hier nach.

Einen Kloß für den Käfer! Auf der klugerweise

Ralf-Peter Schulze hat den „Frieden“

Martin Ennulat als Trygaios ist nicht

weitgehend leer geräumten Bühne (Peter

von Peter Hacks nach Aristophanes am Mit-

alt, wirkt wie eine sich auf schlaue Weise be-

Gross) laufen die Diener hektisch umher, um

telsächsischen Theater Freiberg/Döbeln als

griffsstutzig gebende Mischung aus Hippie

immer neue Klöße herbeizuholen. Anfangs

eine der Musik von André Asriel traumsicher

und Seefahrer, den es in fatale Konstellatio-

sind sie klein wie Tennisbälle, schließlich

folgende musikalische Revue auf die Bühne

nen verschlägt. Fast glaubt man, hier einen

groß wie Medizinbälle. Das Ungeheuer, das

gebracht. Diese bindet die sich – wie immer

idealen Jesus der Oberammergauer Passions-

hier gemästet wird, scheint unersättlich,

bei Hacks – selbstgefällig in ihrer Geschlif-

spiele zu entdecken, doch die Szenerie in

frisst den Eselsdreck schließlich roh. Ein rie-

fenheit rekelnden Pointenkaskaden rhyth-

Schulzes Inszenierung zielt unabweisbar ins

siger Mistkäfer, der laut Peter Hacks aber

misch ein, sodass sie hier schließlich wohldo-

Groteske (sehr zur Unfreude mancher Hack­

auch eine Allegorie sein kann, soll den atti-

siert scheinen. Ein Zuviel von solcherart

sianer, die offenbar eine Art Dichterweihe

schen Weinbauern Trygaios zu Zeus in die

prätentiösen Beweisen der eigenen unüber-

­erwarteten).

Wolken hinauftragen. Dort will er Klage führen

troffenen Klugheit des Autors führte leicht in

So ziehen sie hier immer wieder am

ungewollte Regionen der Selbstparodie. So

Seil, das sie verbindet – um Eirene (entrückt:

aber bleibt es spielbare Komödie – und Volks-

Franka Anne Kahl) aus ihrem Brunnen zu be-

stück der einfallsreichen Art.

freien und gleichzeitig für ihre Zwecke einzu-

Legendär ist Benno Bessons Inszenie-

binden. Lenzwonne (Susanna Voß) tanzt hier-

rung des „Friedens“ am Deutschen Theater

bei einem fernen Sehnsuchtsbild gleich über

Berlin, mit den Jazz Optimisten als Musiker.

die Bühne. Eindringlich die chorischen Sze-

Fred Düren spielte Trygaios als alten misan­

nen, aus denen immer wieder einzelne Figu-

thropischen Bauern, der sich eigentlich kein

ren heraustreten. Schrill Hermes, dieser un-

bisschen um den Frieden schert, nur seine

reine Halbgott der Diebe und Händler, der

Geschäfte im Sinn hat – und Lenzwonne

sich seiner listigen Klugheit im Übersetzen

­natürlich, das Weib, das ihn in Wallung bringt.

von einer Interessenwelt in die andere beflei-

(Aristophanes wird mit seinem nächsten Werk

ßigt. Michael Berger macht ihn zur tuntig-

„Lysistrata“ schließlich das Friedensthema

glitzernden Halbweltfigur.

auf den heiklen Punkt bringen: Die Frauen

Wie kommt Hacks überhaupt zu Aristo-

verweigern sich den Männern so lange, bis sie

phanes? Die Antike wurde für ihn Mitte der


auftritt

/ TdZ  April 2020  /

sechziger Jahre zum Exil vor den Bedrängnis-

in einem auf den eisernen Vorhang projizierten

munder Schauspielhaus liegt. Genau in die-

sen der Zeit. Der Ärger um seine Stücke über

Film, in dem sie eine ausführliche Inhalts­

sem Sinne bedienen sich Meese und sein

den sozialistischen Aufbau „Die Sorgen und

angabe von Nabokovs Roman „Lolita“ verliest.

Ensemble ideologischer Zeichen und Symbo-

die Macht“ und „Moritz Tassow“ war so ge-

Aber während der Premiere von „Lolita (R)

le. Sie entreißen sie ihrem zutiefst vergifteten

waltig, dass er nach antiken Masken suchte.

evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid

Kontext und nutzen sie als frei verfügbares

In seinen „Stücken nach Stücken“ fand er

die Lolita Eurer selbst!“ hat sie nach etwa

Spielmaterial.

dann jene Gesellschaft, in die er ohnehin im-

zweieinhalb pausenlosen Stunden ihren Platz

Der Hitlergruß verliert in der ewigen

mer schon meinte zu gehören: die Klassiker.

im Parkett verlassen, um ihren Sohn von der

Wiederholung seinen ursprünglichen Sinn. Er

Die Antike aber ist für Hacks, was der

ersten Reihe aus zu bitten, die Performance

wird wahrhaft sinn-los, und gerade das ver-

Mistkäfer für Trygaios ist: ein Vehikel der Fort-

zu beenden. Der holt sie daraufhin auf die

leiht dem wüsten Treiben auf der Bühne wie-

bewegung. Der wissenschaftliche Sozialis-

Bühne und bindet sie stattdessen noch in das

der einen Sinn. Meeses „Diktatur der Kunst“

mus, schreibt der Autor in „Über Hacks und

Geschehen ein. Aus der Rammstein-Zeile

ist, auch wenn die sich ständig wiederholen-

die Welt“, habe „seit ein paar Parteitagen

„Hier kommt die Sonne“ wurde „Hier kommt

den Satzfetzen des Abends das gelegentlich

praktisch das Zeitalter eröffnet, wo Tugend

die Mutterrrr …“. Wieder und wieder hat

anzudeuten scheinen, kein Angriff auf die

sättigt. Nach seinen Berechnungen ziehen

Meese diesen Satz intoniert und dabei sehr

Demokratie. Sie erweist sich im Lauf dieser

wir am Seil, und aus dem Brunnen steigen

zum Missfallen der Mutter reflexartig den

Performance, die sich vom „Lolita“-Stoff

der Frieden und, endlich versöhnt, die

rechten Arm in die Höhe gestreckt.

ebenso radikal löst wie von allem anderen,

Schwestern Produktivität und Genuß. Aus

Im Prinzip verlief also alles in erwart-

vielmehr als grandioser Rettungs- und Reini-

dem Brunnen steigen der Frieden und das

baren Bahnen. Jonathan Meese hat mit dieser

gungsversuch. Ganz zu Beginn des Abends,

Glück.“ Wie gut, dass Schulze diese allzu vor-

variablen Bühnen-Aktion seinen „Diktatur der

während das Publikum noch in den Saal

hersehbare Didaktik überaus virtuos durchein­

Kunst“-Kosmos nicht verlassen. Dennoch

kommt, steht Bernhard Schütz auf der Vor-

anderwirbelt. //

geht von dieser Performance, die Meese und

derbühne und singt Heinrich-Heine-Ver­ to­

seine sechs Mitstreiter Maximilian Brauer,

nungen von Robert Schumann. Wobei, „sin-

Henning Nass, Uwe Schmieder, Bernhard

gen“ trifft es eigentlich nicht, Schütz krächzt

Schütz, Lilith Stangenberg und Anke Zillich

und spricht diese Lieder, dass jede zuckrige

in jeder weiteren Vorstellung aus dem Stegreif

Schönheit von ihnen abfällt. Was bleibt, ist

wieder neu und anders erfinden werden,

eine Härte und Radikalität, die für Meese

etwas Welterschütterndes oder zumindest ­

Grundbedingung der Kunst ist.

Gunnar Decker

DORTMUND Ein deutscher Exorzismus SCHAUSPIEL DORTMUND: „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer selbst!“ von Jonathan Meese Regie und Ausstattung Jonathan Meese

Natürlich hebt Jonathan Meese immer wieder den ausgestreckten rechten Arm zum Gruß. Natürlich streift sich das Enfant terrible der Kunst- und Performance-Welt mehrmals eine schwarze Uniformjacke mit Hakenkreuz-Binde über. Natürlich brüllt er ständig Sätze heraus, in denen vom Deutschsein und vom Führer, vom Ende der Demokratie und von Richard Wagner die Rede ist. Und natürlich bekommt auch die neunzigjährige Mutter des Künstlers ihren großen Auftritt, zunächst nur

Alte, böse Lieder – In Jonathan Meeses „Lolita“-Bearbeitung werden Nazi-Symboliken durch den Fleischwolf der Erzkunst gedreht. Foto Jan Bauer . Net / Courtesy Johnathan Meese . Com

Theatererschütterndes aus. „Das Theaterz

Eines dieser Schumann-Lieder ist eine

der Zukunft kennt keine Ideologie!“, heißt es

Bearbeitung von „Die alten, bösen Lieder“, in

in einem handschriftlichen Manifest des Erz-

dem sich auch die Zeile „Holt einen großen

Provokateurs, das auf allen Sitzen im Dort-

Sarg“ findet. Eben solch ein großer Sarg ist

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/ 44 /

auftritt

/ TdZ April 2020  /

Meeses Inszenierung. Er und das Ensemble

lich Mächtigen hilflos ausgeliefert ist, auch

men, gehörte eine homophobe Parole, groß an

tragen in ihr alles zu Grabe, was die Demokra-

wenn sie gelegentlich sprachlos wird ob deren

eine Wand gepinselt, zum Ersten, was sie sah.

tie und die Kunst, die Welt und Deutschland

Niedertracht: Ein schwaches Opfer ist sie nie.

Die Kleinstadt unterhalb der Wartburg liegt in

vergiftet. Den in Sätzen wie „Ich bin unheil-

Selbstbewusst erhebt sie ihre Stimme – und

Thüringen, wo bei der letzten Landtagswahl

bar deutsch“ beschworenen Nationalismus

was bei Schiller nur die Hoffnung auf ein bes-

fast ein Viertel der Wähler für die in Teilen

ebenso wie die Lauheit und das Mitläufertum

seres, ein gerechteres Leben im Jenseits ist,

rechtsextreme AfD des Faschisten Björn H ­ öcke

repräsentativer Demokratien. In Meeses Kunst-

verkündet sie als ein Ziel, für das es zu

stimmte. Im 36-köpfigen Stadtrat sitzen ne-

Kosmos gibt es keinen Kompromiss. Das

kämpfen gilt: „Wenn die Schranken des ­

ben vier ­AfDlern auch noch vier Abgeordnete

­Theater paktiert, wie er es in seinem Manifest

­Unterschieds einstürzen, wenn Menschen nur

der NPD. Als an einer Schule die „NSU-Mono-

verkündet, „niemals mit dem Publikum!“.

Menschen sind.“

loge“ der Bühne für Menschenrechte gezeigt

Die Künstler genießen absolute Freiheit. Die-

Zu erleben ist diese Luise am Landes-

se Freiheit ist zugleich ein Geschenk und eine

theater in Eisenach, wo Christine Hofer, die

Bürde, die alle auf der Bühne mit größtem

Leiterin der Kinder- und Jugendtheatersparte,

Das ist das Klima, in dem Hofer Thea-

Einsatz tragen.

den Schiller-Klassiker in einer auf zwei Stun-

ter macht. Und in dem sie der schleichenden

wurden, ging das nur unter P ­ olizeischutz, weil vor der Tür Neonazis aufmarschierten.

So entsteht ein vielstimmiges Happe-

den verdichteten Fassung für ein junges Pub-

Normalisierung extrem rechten Gedankenguts,

ning-Gesamtkunstwerk, das sich auch die

likum auf die Bühne gebracht hat. Verkörpert

die sie in der Stadt beobachtet, etwas entge-

Freiheit nimmt, alle herkömmlichen Erwar-

wird sie von einer Schauspielerin, die auch

gensetzen will. Aber wie geht das, wenn die

tungen an das Theater zu unterlaufen. Jen-

ganz persönlich für die Vision einer Welt ohne

Erfahrung lehrt, dass Stücke etwa über ein

seits der von Mutter Meese verlesenen In-

Schubladendenken und scheinbar natürliche

schwules Coming-out oder über die national-

haltsangabe bleibt von der Handlung des

Grenzziehungen steht: Oska Melina Borcher-

sozialistische Verfolgung der Sinti und Roma

„Lolita“-Romans nichts mehr übrig. Trotzdem

ding, als Mann geboren, lebt zwischen den

gar nicht erst ein Publikum finden? „Es ist

ist Nabokovs Geist präsent, wenn Lilith Stan-

Geschlechtern und nennt sich selbst gender-

hier unheimlich wichtig, Sehgewohnheiten zu

genberg all die Namen der weiblichen Holly-

neutral „Actor*“. Wenn Borcherding, wie

durchbrechen“, sagt Hofer. Wie mit der Luise

wood-Stars aufzählt, die mit Lolita-Rollen

­zumeist und wie nun auch als Luise in Eise-

von Oska Melina Borcherding.

berühmt geworden sind, oder wenn Uwe

nach, eine Frauenrolle spielt, dann ist sie auf

In Hofers Inszenierung ist sie nicht die

Schmieder als Schmetterlingsjäger auftritt

der Bühne eine Frau. Kein Mann in Frauen-

einzige starke Frau: Auch Lady Milford (Cons-

und sich so vor dem berühmten Autor ver-

kleidern, sondern eine Frau. Und das mit der

tanze Aimée Feulner), obgleich sie als Mätresse

beugt. Diese kleinen, eher leisen und beiläu-

allergrößten Selbstverständlichkeit und, ja:

figen Momente des Abends akzentuieren auf

Natürlichkeit.

wundervolle Weise Meeses grelle Aktionen

In Eisenach ist das eine Provokation.

und Provokationen. In ihnen offenbart sich

Als Regisseurin Hofer vor knapp zwei Jahren

eine Poesie, die all „die alten, bösen Lieder“

hierherkam, um am Landestheater die Lei-

auslöscht und sie durch neue, heilende Ge-

tung des Jungen Schauspiels zu überneh-

sänge ersetzt. // Sascha Westphal

EISENACH Starke Frauen, eitle Gockel LANDESTHEATER EISENACH: „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller Regie Christine Hofer Ausstattung Dirk Seesemann

Du bist blass, Luise? Iwo. Diese Luise, ungebändigtes Blondhaar und Lederjacke überm pinkfarbenen Rock, ist tough. Auch wenn sie, wie es Friedrich Schillers stürmendes und drängendes Ränkespiel „Kabale und Liebe“ nun einmal vorsieht, den Intrigen der männ-

Welt ohne Schubladen – „Kabale und Liebe“ (hier mit Oska Melina Borcherding und Chris­toph Rabeneck) in der Regie von Christine Hofer. Foto Tobias Kromke flashlight tk


auftritt

/ TdZ  April 2020  /

des Herzogs auf die Strategie der vermeint­

samt Kontaktlinsen und einer Nasen-Schön-

lichen Anpassung und Unterwerfung setzt,

heits-OP ein adretter junger Mann. Der ge-

weiß, was sie will. Die Männer dagegen sind

meine Clou am Ende: Das Ganze stellt sich

Karikaturen – Luises Geliebter Ferdinand

als Kunstprojekt Evelyns heraus – die Er-

(Christoph Rabeneck), der sich mit Pathos

schaffung eines neuen Adams als soziales

und nacktem Oberkörper in seinen großen

Experiment mit den Mitteln der Manipulation.

Gefühlen suhlt, nicht anders als die Strippen-

Auf den Vorwurf, die Beziehung missbraucht

zieher bei Hofe, die die Liebe des Präsiden-

zu haben, antwortet Evelyn nur kühl, es wäre

tensohns zur Bürgerstochter hintertreiben:

ja auch zu Adams Vorteil gewesen und er

Sekretär Wurm (Michael Naroditski) scheint

habe alles freiwillig gemacht.

stets neue Rekorde im breitbeinigen Sitzen

Neil LaButes „Das Maß der Dinge“ aus

aufstellen zu wollen, Hofmarschall von Kalb

dem Jahr 2001 (von ihm selbst dann auch

(Roman Kimmich) übt vorm Spiegel Kopula­

mit der Besetzung der Londoner Urauffüh-

tionsposen. Eitle Gockel, gefährlich und mit-

rung in Amerika verfilmt) hat in Zeiten digita-

leiderregend zugleich.

ler Selbstinszenierungen in den sozialen

„Alles, was subtil ist, findet nicht statt“,

­Medien und sogar im Kontext von #metoo (vor

dick auftragen also, um überhaupt gehört zu

zwanzig Jahren hielt man diese zielgerichtete

werden: Was Regisseurin Hofer zuvor über

Unterwerfung eines Sexpartners für eine

den Kampf gegen rechts gesagt hat, passt

­Exzentrik an einer amerikanischen Kunstuni-

auch auf ihre Inszenierung. Am Ende, nach

versität) nicht an Brisanz verloren, eher noch

dem Gifttod der beiden Liebenden, erscheint

zugelegt. Das hat Stefan Neugebauer, der In-

auf einem der verschiebbaren Spiegel-Holz-

tendant des kleinen Theaters Naumburg, gut

Elemente, aus denen das Bühnenbild be-

erkannt und das Stück mit seinem nur vier-

steht, Wort für Wort das Fazit, formuliert als

köpfigen Ensemble effektiv auf die Bühne

Aufforderung zum Weiterdenken: „Wie kann

gebracht.

Liebe, Sex und Machtmissbrauch – Neil LaButes „Das Maß der Dinge“ (hier mit Pia Koch und Jörg Vogel) in der Regie von Stefan Neugebauer. Foto Torsten Biel

ich schuldlos in einer Welt leben, die von

Dort sitzt zu Beginn Jörg Vogel als ver-

Schuld schon verseucht ist?“ Dass es den-

meintlich unbeobachtete Saalaufsicht und

noch auch zarte Momente gibt, liegt wieder-

fummelt sich mit einem Kamm durch die

um an Oska Melina Borcherding. Gleich zu

­fettigen Haare, bis dieser ihm hinten in den

und zwar zwischen allen vier Figuren, die als

Beginn singt Luise, sich selbst am Klavier

Kragen rutscht. Das hat pantomimische

College-Kids freilich einen Tick zu alt besetzt

begleitend, ihrem Ferdinand mit glocken­

­Mister-Bean-Komik und setzt einen schönen

sind. Aber das lassen die Schauspieler

klarer Stimme eine ihm gewidmete Version

Ausgangspunkt für diesen linkischen Adam,

schnell vergessen. Das Geflecht in diesem

von Grönemeyers „Männer“. Leise, neckend

der ja während der folgenden knapp zwei

Grundmodell eines modernen Dramas (zwei

und sehr verliebt. //

Stunden mit seinen mehrschichtigen Ver-

Paare, wechselnde Allianzen, viele Konflikte),

wandlungskurven zu spielen ist. Pia Koch tritt

dem Jenny (Maribel Dente) und Phillip (Anto-

in einem modischen Overall auf und macht

nio Gerolamo Fancellu) eine dritte und vierte

als Evelyn in ihrer herausfordernden Art klar,

Ebene geben, erhält so die nötige Dynamik

wer in dieser Beziehungsanbahnung die Hosen

für die Geschichte von Adam und Evelyn, die

anhat. Ihre Telefonnummer sprüht sie Adam

mit einer effektvoll gesetzten Pause vor Eve-

in seinen Bundeswehrparka, heute noch un-

lyns zynischer Projektpräsentation noch ge-

cooler als zu den Zeiten, da Jugendliche so

steigert wird. Doch gerade vor der Pause

Joachim F. Tornau

NAUMBURG Der neue Adam

etwas tatsächlich angezogen haben. Rainer Holzapfels Bühne in dem studiokleinen Theater

THEATER NAUMBURG: „Das Maß der Dinge“ von Neil LaBute Regie Stefan Neugebauer Ausstattung Rainer Holzapfel

ist eine von Lamellen durchbrochene Front, die auch als Projektionsfläche dient und die Idee verfolgt, ein Bild hinter dem Bild entstehen zu lassen. Davor ein Laufsteg ins Publikum, auf dem zunächst das zweite Paar, Jenny und Phillip, die Freunde Adams, sitzen.

In einem amerikanischen College-Städtchen

Die vielen Szenenwechsel des Stücks werden

trifft die selbstbewusste Kunststudentin Evelyn

auf der Lamellenwand eingeblendet, und die

auf den verdrucksten, schlecht gekleideten

melancholische Zwischenmusik dazu kommt

und außerdem auch finanziell geplagten Adam,

von Radiohead, wie LaBute selbst nun auch

Aufsichtskraft in einer Kunstausstellung. Die

schon ein Klassiker.

beiden kommen trotzdem zusammen, und

Neugebauers Regie lotet das Manipula-

aus Adam wird dank Fitness, neuer Klamotten

tive zwischenmenschlicher Beziehungen aus –

Mainzer Str. 5 · 80804 München Tel. +49 (0)89 36101947 info@theaterstueckverlag.de www.theaterstueckverlag.de

nominiert für den Jugendstückepreis des Heidelberger Stückemarkts

Milan Gather

ASTRONAUTEN (1 D/H; 12+)

in diesem KUSS – Hessische KJT-Woche Frühjahr ein- Heidelberger Stückemarkt geladen zu Ruhrfestspiele Recklinghausen

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auftritt

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stimmt das Tempo nicht ganz, wenn der nun

lung bedeutete. Möglich ist das zwar noch

Cowboy im wilden Osten. Die Rede des

schon fast fertige Adam, dessen unsichere

immer, aber allein dafür müssten Berge von

Häuptlings Seattle, ein beeindruckendes

Getriebenheit bei Jörg Vogel in jedem Ver-

Ideologie beiseite geräumt werden, die auf

­Manifest eines besiegten Volks, das zugleich

wandlungsschritt wunderbar erkennbar bleibt,

den Gehirnen der Lebenden lasten. Heiner

die Endlichkeit der Ordnung der Sieger vor-

in ein neues Verhältnis zu seinen alten Freun-

Müllers „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf

wegnimmt, findet sich neben späten Müller-

den stolpert.

dem Lande“ schildert die Bodenreform in

Texten ins Stück eingefügt. Der von Magdale-

Die große Entzauberungsrede Evelyns

der DDR, die Vollkollektivierung wirft ihren

na Musial entworfene Bühnenraum wirkt wie

akzentuiert die eiskalt erfolgreiche Durchfüh-

Schatten schon voraus. Enteignung der Groß-

die Front einer dreischiffigen Basilika – mit

rung ihres Designs. Die Selbstoptimierung

grundbesitzer, Stärkung der Produzenten –

drei nebeneinanderliegenden, antikisierend

muss bei schlappen Männern eben selbstver-

ein klassisch sozialdemokratisches Programm

gerahmten Durchgängen. Auf der Fassade ist

ständlich zum Ziel haben, die sexuelle Lust

der Umverteilung. Am Deutschen Theater in

eine Szene mit Engeln wie aus dem Paradies-

auf ihre Optimierer zu steigern – der Beweis

Berlin versuchten sich kürzlich Jürgen Kuttner

garten zu sehen, an der Rückwand des Innen-

allein reicht, Adams Verlobungsring gibt Eve-

und Tom Kühnel an dem Stück, in Schwerin

raums hingegen ein Acker mit Bäuerinnen,

lyn am Ende wieder zurück. Themen wie die

führte nun Milan Peschel Regie. Immer diese

die Rücken zum Betrachter – prosaisch und

Wahrheit der Kunst und ihre Grenzen, die ja

Widersprüche: Die alten Verhältnisse sind ­

sozialrealistisch. Der Weg ins Paradies, er

auch in dieser gendergeswitchten „My Fair

zwar geschwächt, aber nicht über­ wunden.

führt über die Bearbeitung des Bodens. Leider

Lady“ für heute stecken, interessieren hier

Und die neuen noch nicht hergestellt. Ihnen

nimmt diese Konstruktion der Bühne einer-

weniger. Dafür wird die für Adam am Ende

den Weg zu bereiten, ist die wahre Maul-

seits die Tiefe, andererseits entfernt es die

wichtigste Frage, ob es nicht doch einen ein-

wurfsarbeit der Politik. Der eifrigste Wühler

Schauspieler manches Mal von den Zuschau-

zigen echten Moment in dieser Beziehung

im Erdreich ist der Parteisoldat Flint mit

ern, wenn sie im Zwischenraum verschwin-

gegeben habe, mit aller Deutlichkeit ins Pub-

­seinem Fahrrad. „Zwei Hände sind zu w ­ enig“,

den. Nicht einfach, sich vor einem solchen

likum gegeben.

klagt er, zudem werden seine Botschaften

Kasten zu behaupten. Als Kontrast zu dem

Das Theater bietet die Inszenierung

nicht von allen gerne gehört. Marko Dyrlich

ruralen Ambiente ist das 13-köpfige Ensemble

ausdrücklich auch für Jugendliche an. Das

gibt den Flint als einen Arbeiter im Groben,

in Kostüme wie Kreuzberger Hipster geklei-

passt – denn man kann sich die angeregtes-

der sich mit aufgerissenen Augen, wedelnden

det, die Hosen skinny, die Shirts retro, die

ten Diskussionen dazu vorstellen. //

Armen und lautem Geschrei durchzusetzen

Kleider vintage und die Stiefel wuchtig.

Thomas Irmer

SCHWERIN Der letzte Cowboy der Partei MECKLENBURGISCHES STAATSTHEATER: „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ von Heiner Müller Regie Milan Peschel Ausstattung Magdalena Musial

LPG, FDJ, MAS? Junkerland in Bauernhand, August Bebel, Karl Marx? Den jüngeren Besuchern im E-Werk, der Nebenspielstätte des Schweriner Theaters, steht die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Wie fern scheinen die Zeiten, als Geschichte noch Veränderung der Gesellschaft und nicht nur ihrer Vorstel-

Der Weg ins Paradies führt über die Bearbei­ tung des Bodens – Milan Peschels Insze­nie­ rung von Heiner Müllers „Die Umsied­lerin oder Das Leben auf dem Lande“. Foto Silke Winkler

versucht. Keiner für die Zwischentöne.

Der zweieinhalbstündige Abend ist

Die Atmosphäre des einsamen Kämp-

mehr eine Aneinanderreihung szenischer Ein-

fers wird unterstützt durch die eingespielte

fälle als eine in sich stimmige Inszenierung.

Musik, verzerrte Gitarre mit viel Hall. Wie mit

Die Entwicklung der Figuren mit ihren Antrie-

Neil Youngs Soundtrack zu Jim Jarmuschs

ben und Konflikten tritt hinter die Produktion

„Dead Man“ wird der Typus einer Figur ver­

von Bildern zurück. Diese setzen sich nicht

abschiedet: der Parteifunktionär als letzter

zu ­einem Ganzen zusammen. Ebenfalls verlo-


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ren geht die Komik des Textes. „Die Umsiedlerin“ zeigt große gesellschaftliche Wider-

STUTTGART

sprüche in Bewegung, die mit einer großen poetischen Lust bewältigt werden – das macht das Stück bis heute unübertroffen. Die Haltung des Dichters zeigt sich in der gewitzten

Heißt das, wir können jetzt weinen?

Hand­habung der Figuren und ihrer Rede. In manchen Momenten, insbesondere zwischen dem FDJler Siegfried (Johannes Hegemann) und seiner Geliebten Schmulka (Stella Hinrichs), scheint sie auf. Als die zwei sehnlich erwarteten Traktoren aus der Sowjetunion kom-

Suizid-Party zwischen sanfter Ironie und lähmender Todesangst – Noah Haidles „Weltwärts“ in der Regie von Burkhard C. Kosminski. Foto David Baltzer

aus. Der 1978 in Michigan geborene US-­

SCHAUSPIEL STUTTGART: „Weltwärts“ von Noah Haidle (UA) Regie Burkhard C. Kosminski Bühne Florian Etti Kostüme Lydia Kirchleitner

Dramatiker verlegt das Sujet in eine ganz ­normal verrückte Familie. Eine heikle Balance: Er spielt mit der Scheinheiligkeit mancher Euphemismen, lässt aber auch das Tröstliche darin gelten.

men, hat er nur Augen für die Maschinen.

Ähnlich erfolgreich wie vor Jahren der

Und sie nur für die Traktoristen. Szenen­

ebenfalls aus Michigan stammende Autor

applaus gibt es für Robert Höller und Frank

Gibt es einen guten Tod? Anna leidet an einer

Neil LaBute ist derzeit auch Noah Haidle

Wiegard, die sich wie zwei Hamburger Hafen-

unheilbaren Motoneuron-Krankheit und will

hierzulande unterwegs. Seit 2009 sind seine

lotsen innerhalb von Sekunden jeweils zwei

aus dem Leben scheiden. Alles ist vorberei-

Stücke über Alltagsheldinnen, die im Schei-

Bier in die Kehle schütten. Große Leistungen

tet, der begleitete Suizid soll als Gartenparty

tern noch Hoffnung vermitteln, auf deutsch­

soll man würdigen. Die Kollision der Leiber

mit Freunden gefeiert werden. Was letzte

sprachigen Bühnen präsent. 2017 erhielt

und der Politik macht „Die Umsiedlerin“ zu

Worte betrifft, wird Anna von ihrer sieben­

Haidle durch prominente Darstellerinnen wie

einer ­außergewöhnlichen Komödie. Insbeson-

jährigen, superaltklugen Tochter Rose ge-

Maria Furtwängler („Alles muss glänzen“ in

dere, weil Müllers Ironie keine romantische

coacht – wie wär’s mit „Bis später“? Auch

Berlin) und Ulrike Folkerts („Für immer

ist. Das Politische wird nicht verworfen, son-

Dorothy, Annas Mutter, Geburts- und Sterbe-

schön“ in Mannheim) weiteren Schub. Sein

dern realisiert sich in der Bewegung der Ein-

helferin zugleich, hat elegante Profirhetorik

Stil: well-made plays, pointenreiche Plots,

zelnen, und die List der Vernunft ist ihr

parat, will „den Tod choreografieren“. Anna

große Fallhöhe von flapsig bis tragisch und

Zurücktreten. Insoweit die Eigentumsfrage ­

sieht es so: „Das hier ist meine Transmigra­

pfiffige, schlagfertige Dialoge.

künftig wieder gesellschaftlich zu verhandeln

tionszeremonie.“ Wenn sie dann kratzend auf

Auch „Weltwärts“ ist so gebaut. Dass

ist, interessiert auch der Stoff. Fürs Theater

der Geige dilettiert und der böse, nicht einge-

das Bundesverfassungsgericht drei Tage vor

aber ist vor allem das poetische Verfahren von

ladene Nachbar „Herrgott, nimm Unterricht!“

der Uraufführung per Urteil das Recht auf

Bedeutung. Und davon hätte man durchaus

dazwischenblökt, wird klar: In Noah Haidles

selbstbestimmtes Sterben stärkte, verschaff-

mehr sehen dürfen. //

neuem Stück „Weltwärts“ schließt das Thema

te dem Stück zusätzlich Aufmerksamkeit. In

Sterbehilfe auch schwärzesten Humor nicht

der Regie des Stuttgarter Schauspielinten-

Jakob Hayner


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auftritt

danten Burkhard C. Kosminski – ein Freund des Autorentheaters, der schon in Mannheim Haidle als Hausautor inszenierte – wirken die Menschen ganz klein und winzig. Denn hinter der Partyrunde türmt sich eine riesige weiße Wand in die Höhe, mit einer Art Himmelstür, auf die verwischte Lebensrückblenden projiziert werden. Doch in Kosminskis behut­ samem Zugriff kommt der funkelnde Witz bei Haidle nur schwer in die Gänge, manch böse Pointe geht im spürbaren Respekt vor dem Thema unter. Selbst die Regieidee, einen Dialog zwischen Anna und ihrer Schwester ­ durch Farbbeutel-Werfen und LuftgewehrBallern aufzurauen, hilft da nicht weiter. Erst allmählich kann sich der quirlige Text freier, unbelasteter entfalten. Etwa dadurch, dass die Regie das Geplauder im Angesicht des Todes auch mal wegrückt und per Drehbühne langsam um die eigene Achse rotieren lässt: ein milder, verzeihender Blick auf all die ­Bemühungen und Verkrampfungen der Gäste bei Annas Suizidfeier. Randfiguren bringen zusätzlich Drive. Etwa Onkel Buddy, der als Hobbymime im Krishna-Look mit pathos­ bebenden Bhagavad-Gita-Rezitationen nervt und dem Elmar Roloff dennoch eine Art ­Würde belässt. Oder Annas drogengefährdete Schwester Baby, die auf Wunsch die QueenSchnulze „Save Me“ anstimmt, was bei Josephine Köhler erstaunlich unpeinlich rüberkommt. Oder der fiese, ausgegrenzte Nachbar Kevin, der dann doch mitfeiern darf und den Klaus Rodewald als Katalysator-Figur aufwertet: „Heißt das, wir können jetzt weinen?“ Haidle versucht erst gar nicht, eine womöglich papierne Thesendebatte zum Thema loszutreten. Sein Text kommt weder exaltiert noch allzu tiefschürfend daher. Eher wie eine Family Soap im Broadway-Sound – mit gelegentlichen Ausrastern Richtung Comic, Kitsch

WIESBADEN

und Groteske. Immerhin gelingt es, ein schweres Thema leicht zu erzählen und so etwas

wie

gemeinschaftsstiftendes

Self-­

Die eiserne Lady

Brutal, drastisch und wenig subtil – „Wassa Schelesnowa“ von Maxim Gorki (hier mit Christina Tzatzaraki und Paul Simon) in der Regie von Evgeny Titov. Foto Karl und Monika Forster

Empowerment zu verströmen. Letztlich groovt sich auch die Regie auf diesen Tonfall ein und schafft es, Haidles Suizidparty zwischen sanfter Ironie und lähmender Todesangst, zwischen befreiendem Witz und berührender Verzweiflung hindurchzumanövrieren. Wenn

HESSISCHES STAATSTHEATER: „Wassa Schelesnowa“ von Maxim Gorki Regie Evgeny Titov Bühne Duri Bischoff, Florian Schaaf Kostüme Eva Dessecker

Anna den tödlichen Cocktail trinkt, bewegt

Berlin mit Corinna Harfouch in der Titelrolle (Regie Stephan Kimmig) oder 2015 am Wiener Burgtheater (Regie Andreas Kriegenburg). Der Regisseur Evgeny Titov, der hier und da für Begeisterung sorgte und im vergangenen

sich endlich die riesige weiße Himmelswand.

Jahr glücklos für die erkrankte Mateja

Ein Teil von ihr senkt sich herab und legt sich

Dieses Stück ist etwas aus der Mode geraten,

Koležnik bei den Salzburger Festspielen ein-

wie ein schützender Ring um die Menschen. //

neuere Schauspielführer widmen ihm kaum

sprang, inszeniert das müde gewordene Gorki-

mehr einen Satz. Gespielt wird es hier und da

Stück nun in Wiesbaden. Dort hat er 2018

trotzdem, wie 2014 am Deutschen Theater

schon Molières Komödie „Der eingebildete

Otto Paul Burkhardt


auftritt

/ TdZ  April 2020  /

Kranke“ als düstere Parabel in Szene gesetzt.

zimmer stirbt, ordnet die Unternehmerin Was-

logische Struktur der Figuren übersetzt Titov

Auch „Wassa Schelesnowa“ begreift er als

sa Schelesnowa ihre Zukunft neu. Ihr stets zu

in eindeutige Bewegungen und Körperhaltun-

ausweglos schwarze Geschichte. Leslie Mal-

Diensten ist der Verwalter Michailo Wassiljew,

gen. Das ist weit entfernt von feiner Figuren-

ton, die sich lange nicht auf dem Theater bli-

gespielt vom ebenso aufrecht in die Szenerie

zeichnung, sondern meist dick aufgetragen.

cken ließ, übernimmt bei ihm die exaltierte

ragenden Rainer Kühn. Schon körperlich set-

Ohne Feingespür bleibt auch der Musik­

Ti­ ­ telrolle. Sie ist eine kerzengerade Wassa

zen sich die beiden ab vom ­gekrümmten Rest

einsatz. Die Untermalung macht stets klar,

­Sche­lesnowa, eine wahrhaft eiserne Lady, die

um sie herum. Vor allem von Wassas buckli-

wann es spannend, traurig oder geheimnisvoll

andere eiskalt abserviert und sich wie ein

gem Sohn Pawel, als der Linus Schütz tierisch

zu werden droht, ganz nach Art unsubtiler

Ausrufungszeichen ins Bild schiebt.

gebückt durch die K ­ ulissen turnt. Doch auch

Filmmusik. Das passt zu den die Inszenierung

Das Stück, gezeigt wird die erste, vom

Sohn Semjon, den Paul Simon wie aufgezogen

zu Anfang strukturierenden Blacks, die Film-

Regisseur überarbeitete und neu übersetzte

spielt, fällt in Wiesbaden aus der Rolle, ist voll-

schnitte simulieren. Das beleuchtete Glas

Fassung aus dem Jahr 1910, spielt im vor­

kommen übertriebener Springinsfeld, wie

Wasser am Schluss des Abends wirkt in

revolutionären Russland, und die Familie, die

überhaupt alle Figuren bis ins Karikatureske

­diesem Kontext wie ein Hitchcock-Zitat.

Gorki vorführt, ist durch und durch dekadent.

überzeichnet sind. Ihr Chargieren scheint kein

Hier ist sich, wie leider wohl fast überall, je-

Ver­sehen zu sein.

Ansonsten inszeniert Titov das Ganze mit einigem Wumms. Einmal krachen tote

der selbst der Nächste. Mit zuweilen deftiger

Besonders eindrücklich gelingt es der

Tauben aus dem Schnürboden, einmal ver­

Fäkalsprache bugsiert Titov das Stück in eine

Schauspielerin Christina Tzatzaraki, in der

gewaltigen welche mit großem Getöse eine

zeitlos unheilvolle Gegenwart. Dabei befreit

Rolle der Schwiegertochter Natalja auf­

Frau mit einer Flasche. Titov hievt das Stück

er die Figuren aus ihrem realistischen Korsett

zutrumpfen. Herausgeputzt wie die Gothic-

auf eine brutalere, drastischere Ebene. Ver­

und verfrachtet sie in ein Psychothriller-­

Version von Kohlhiesels Tochter überzeugt sie

loren gehen die Ambivalenzen, die Gorki sei-

Horror-Setting, das so düster daherkommt wie

mit dramatischer Präsenz. In einer der über-

nem Personal eingeschrieben hat. In Wies­ba­

die Rachefantasien seiner Bewohner. Flam-

raschendsten Szenen balgt sie sich mit ihrer

den sind es ziemlich eindimensionale Typen,

mend rot tapezierte Wände, waldgrüner Bo-

Schwägerin Anna (Sybille Weiser) auf dem

egal ob laut oder leise. „Du bist zu einfach

den, dunkles Holz und Räume, die sich ge-

Kanapee in einen sonderbaren Lust-Neid-

gestrickt“, herrscht Wassa Schelesenowa ein-

spenstisch verdoppeln. Fast alle Figuren

Kampf hinein, der die beiden brutal ineinan-

mal ihre Tochter Anna an. Das wiederum

tragen Schwarz, und richtig hell wird es auf

der verhakt. Ein extrem körperliches Spiel

muss sich auch dieser Abend sagen lassen. //

der Bühne nie. Während ihr Mann im Neben-

zeichnet den ganzen Abend aus, die psycho-

Shirin Sojitrawalla

MASTER DRAMA TURGIE Der im Rahmen der Hessischen Theaterakademie angebotene wissenschaftlich-künstlerische und theaterpraktische Studiengang

vergibt zum Wintersemester 2020 /21 neue Studienplätze. Näheres zu Bewerbungsvoraussetzungen, Profil, Kooperationspartnern und Dozierenden unter: www.dramaturginfrankfurt.de Bewerbungsschluss: 31. Mai 2020

I NTE R NATIO NAL MASTER C O M PA R AT I V E D R A M AT U R G Y AND PERFORMANCE RESEARCH

This new study programme is being offered together with four European Partner Universities and Theatre Academies. Students absolve an internship at a theatre institution and two semesters of their studies abroad and are awarded a double degree. More information: www.dramaturginfrankfurt.de — Application deadline: May 31, 2020.

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stück

/ TdZ April 2020  /

Lagerbildung, wohin man auch blickt Oliver Bukowski über sein neuestes Stück „Der Sohn“ im Gespräch mit Gunnar Decker

Oliver Bukowski, Ihr Stück „Der Sohn“ ist – wie

könntet zumindest akzeptieren, dass es in neun

mache, ist er bloß ein Nazi. Man könnte anneh-

auch schon eine Reihe früherer Arbeiten – in der

von zehn Fällen nicht nur um ein Entweder-oder

men, dass dieser Gesellschaft ein paar Vermitt-

Lausitz angesiedelt und blickt auf eine Familie:

geht. So blöd sich das auch twittert.“ Sollte die

lungsglieder abhandengekommen sind?

den arbeitslosen Bergmann Thomas Walter,

neuerdings oft wie selbstverständlich als „alte

Richtig, zwischen den Generationen, zwischen

­Mitte fünfzig, seine Frau Anja und die beiden

weiße Männer“ denunzierte Generation von

Linken und Rechten, im Binnenverhältnis der

Kinder Finn und Tine, beide 16 Jahre alt, aber in

­Thomas öfter mal so polemisch kontern und ein

Linken oder innerhalb der Generationen: La-

ihrer pubertären Protesthaltung völlig gegen-

Mehr an Lebens-, also auch an Untergangs­

gerbildungen, wohin man auch blickt. Nur die

sätzlich eingestellt. Ein Riss zwischen den Ge-

erfahrung ins Spiel bringen?

Rechten scheinen sich einig. Prinzipiell und

nerationen zeigt sich, aber auch ein völliges

Bestimmt, aber diese alten weißen Männer

sogar individuell. Mit einem Portfolio ver-

Unverständnis der beiden Kinder füreinander.

haben in der Vergangenheit eben zu viel ver-

schiedener Verhaltensangebote sorgen sie

Liegt da immer noch der lange Schatten jener

masselt, um noch gehört zu werden – jeden-

­dafür, dass – von moderat bis hart – „für je-

Verwerfungen über uns, wie sie mit der Wende

falls ist das ein Punkt, in dem man sich in

den was dabei ist“. Uns sollte schlecht vor

entstanden, oder sind mittlerweile auch ganz

den jungen Generationen einig ist. Glaubt

Angst werden, wenn wir das sehen, und wir

andere Zentrifugalkräfte am Werk, die die Men-

man einigen Texten der Generationstheorie,

sollten uns schleunigst dagegen zusammen-

schen immer wieder zu Randfiguren der Ge-

scheint gerade die jüngste Protestgeneration

tun, statt Klassenkampf und Identitätspolitik

schichte machen?

nicht mehr von Älteren lernen zu wollen. Ge-

gegeneinander auszuspielen und uns damit

Sowohl als auch. Gerade der Teil der Genera-

hört jemand wie Thomas nicht dazu, will aber

das letzte bisschen Kraft und Attraktivität zu

tion Wende, der zu Hause blieb und deshalb

trotzdem zu ihnen sprechen, dann hat er zwei

nehmen. Aber uns scheint jede Fähigkeit zum

eben nicht zu „Wende-Gewinnern“ wurde,

Möglichkeiten: Loben und zustimmen oder

dialektischen Denken verlassen zu haben,

scheint sich nun endgültig zu einer Art verlo-

zustimmen und loben. Kritisiert er, dann wird

denn sonst hätten wir unseren Kindern ir-

renen Generation zu entwickeln. Diese Men-

man ihm vielleicht sogar noch zuhören und

gendwie vermittelt, dass wir uns gleichen,

schen wurden nach der Wende noch ganz

kurz nachdenken, sich aber bald abwenden:

eben weil wir besonders sind. Wie sehr wir,

klassisch arbeitslos und begehrten traditionell

Typisch alter weißer Sack. Das ist nun nicht

die Eltern, versagt haben, ist umgekehrt

klassenkämpferisch dagegen auf, sind nun

so neu und beklagenswert. Geschichtlich war

­proportional daran abzulesen, wir sehr sich

aber zu alt, um noch auf die modernen Markt-

es in der Moderne fast immer so, dass eine

unsere Kinder nur noch in extrem individua-

anforderungen umzulernen. Ein Elon Musk

Generation die andere ablöst, ohne ihr noch

listischen Positionen gefallen und in ihnen

braucht in seinen menschenleer roboterisier-

sonderlich zuhören zu wollen. Und ganz so

vereinsamen.

ten Hallen keinen Arbeiter am Band. Sie

konsequent hören die jungen und jüngsten

Was ich meine: Haben wir einen Ge-

­stehen also da, beharren auf ihrer Position,

Protestlerinnen und Protestler ja gar nicht

genstand oder ein Thema, kümmern wir uns

nicht gebraucht, nicht anerkannt und unge-

weg. Sie bedienen sich wissenschaftlicher Er-

eher um die Feinabstimmung unserer Diffe-

recht behandelt zu werden, während ihre Kin-

kenntnisse auch älterer weißer Männer und

renzen und deren Außenwirkung als um das

der rechts und links an ihnen vorbeiziehen.

Frauen und verweisen bei jeder Gelegenheit

Thema selbst. Die Frage ist nicht mehr „Wie

darauf. Das, was sie nicht mehr hören wollen,

wehre ich mich dagegen?“, sondern „Wie

Ich lese das Stück auch als eine befremdliche

ist das Geschwafel von Ideologen oder Men-

sehe ich dabei aus?“, „Wie“ und – vor allem:

Reaktion auf eine Veränderung, die mit uns, den

schen mit vielen guten Ratschlägen.

„Als was ‚komme ich rüber‘?“. Wer ständig

Jungen wie den Alten, in den letzten Jahren vor

von Shitstorms bedroht ist, muss sich das

sich gegangen ist. Die Wiederkehr von Feind­

Die Wut des Sohnes Finn ist geschichtlich kon-

wohl fragen, aber dadurch wird bald aus einer

bildern sogar in der eigenen Familie, ein Unwil-

ditioniert, wenn er zum Vater sagt: „Erst habt ihr

Haltung das Posing eines Models. Ab da

len – oder auch die Unfähigkeit –, Widersprüche

euch das ganze Land wegnehmen lassen, dann

­verliert sich dann der Protestanlass und alles

überhaupt auszuhalten, vom Brückenbauen gar

das Revier und den Job und jetzt machen sie

gehorcht den Gesetzen von Mode und Marke-

nicht zu reden. Sie lassen es den sozialen und

euch zu Bittstellern oder jagen euch in alle

ting. Wie jeder Influencer und jede Influence-

moralischen Verlierer des Stücks, den Vater

Richtungen auseinander.“ Keine ganz falsche

rin weiß: Was alt ist, ist alt, ist einfach nur

Thomas, sagen: „Es heißt ja, die Alten haben zu

Einschätzung, sollte man meinen – in den Augen

alt. Was soll uns da klassisch linkes oder

bewahren und die Jungen sollen einreißen, aber

seiner Schwester Tine, die für ihn eine „bis zum

auch nur liberal-humanitäres Gedankengut?

was verdammich hat euch Bande so neun-

Hirntod korrekte, dauerklugscheißende Youtube-

Müssen wir dazu die Faust ballen und Käppis

malschlau, kalt und brutal gemacht? … Ihr

Bitch“ ist, die auf Sorbisch und Fridays for Future

mit Roten Sternen tragen?


oliver bukowski_der sohn

/ TdZ  April 2020  /

sehen Sie die Trumps und superreichen

Das gilt nicht nur für die so gern verteufelten Medien. Ob im Theater, in der Kunst und Literatur, in der Politik oder sogar auf der ­ Straße: Alle Wut, die Trauer und das Aufbrüllen des Protestes werden herablassend befragt: „Und? War’s das? Fällt euch nichts Neues ein?“ „Nicht neu zu sein“ wirft Finn der Schwester vor, und für die Schwester ist nichts älter und verrotteter als ein Nazi wie Finn. Das Branding sitzt, Ende der Debatte. Dazu müssen die Rechten den Linken noch nicht einmal die Kategorien rauben. Die Identitären Kubitschek und Sellner sind zwar mächtig stolz darauf, uns auch noch mittels eines linksrevolutionären Antonio Gramsci begrifflich zu enteignen, aber, im Ernst, mobilisiert ein Wort wie „Kulturrevolution“ ­ überhaupt noch jemanden? Nicht genügend

Oliver Bukowski, geboren 1961 in Cottbus, studierte Philosophie und ist seit 1989 als Theater-, Hörspiel- und Drehbuchautor tätig. Mit „London – L. Ä. – Lübbenau“ ­gelang ihm 1993 der Durchbruch als Dramatiker. Bukowski hat zahlreiche Preise und Förderungen erhalten, unter anderem den Mülheimer Dramatikerpreis (1999). In den vergangenen Jahren wurden seine ­Stücke wie „Birkenbiegen“ (2016), „Verzicht auf zusätzliche Beleuchtung“ (2018) und „Wer seid ihr“ (2019) auf die Bühne gebracht. Die an der Neuen Bühne Senftenberg für Ende März geplante Ur­ auf­ führung seines neuesten Stücks „Der Sohn“, das den Stückewettbewerb Lau­ sitzen 2019 gewann, entfiel aufgrund der Corona-Pandemie. Aktuelle Infos unter theater-senftenberg.de Foto Karoline Bofinger

­Figuren dieser Welt? Oder kleiner gedacht, in Deutschland: Die Haltung des siegreichen Westens gegenüber dem Osten ist wohl mehr genervt zu nennen als von Würde durchglüht. Aber Sie haben recht, es geht im M ­ oment tatsächlich um so etwas wie Würde. Deren erste und zweite Vorstufe vielleicht. Und zwar nicht nur für Ostlerin und Ostler, sondern für alle, die sich sozial ungerecht behandelt fühlen und/oder es wirklich sind. Es geht, auch wenn man es schon nicht mehr hören kann, noch immer um die Frage, ob ich ein Opfer bin, und wenn ja, wie lange noch. Wenn Stufe 1 hieß, mutig den Mund aufzumachen und sich offen in seiner Situation zu zeigen, so dürfte es jetzt an der Zeit sein, den nächsten Schritt zu nehmen. E ­inen schwierig analytischen: Ich habe herauszufinden, wer an meiner Lage

Neuheitswert, wir gähnen und lehnen uns

schuld ist, ohne mir platt und plump Böse-

­zurück. Derweil suppt und metastasiert etwas sehr Altes und Überkommenes ungestört

lust, Demütigung, Scheitern bis hin zum Unter-

wichte („die da oben“) zurechtzuzimmern

­weiter: der Faschismus.

gang) machen. Sollten wir also – um nicht vom

oder mir devot alles selbst zuzuschreiben.

fatalen Stolz zu reden – so etwas wie die Würde

Dann daraus schließen, was ich wie zu tun

Es ist nicht Ihr erstes Stück über Verlierer. Na-

des Verlierers neu entdecken?

gedenke, und einen ersten tatsächlichen

türlich sind in der Geschichte die Verlierer die

Bisschen zynisch, nicht? Wir haben ja noch

Schritt in diese Richtung gehen, und schon

Einzigen, die wirklich echte Erfahrungen (Ver-

nicht mal die Würde des Gewinners, oder wie

könnten wir wieder über Würde sprechen. //

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stück

/ TdZ April 2020  /

Oliver Bukowski

Der Sohn Personen FINN Walter, 16 – der Sohn THOMAS Walter, Mitte 50 – Vater ANJA Walter, Ende 40 – Mutter TINE Walter, 16 – Finns Schwester, sie ist YoutubeAktivistin und trägt gern eine modernisierte SorbenTracht – sie ist stolz, einer Minderheit anzugehören. FRAU MARKWART, Ende 50 – Lehrerin Finns MARTIN, Ende 50 – Wachmann und SecurityKollege des Vaters HERR DR. JAN BREMER, Ende 50 – der Hausarzt und Freund der Familie (MARTIN und JAN BREMER gern als Doppelbesetzung.)

1 Haus- und „Familien“-Arzt Dr. Jan Bremer untersucht Finn. Während er ihm in die Augen schaut: BREMER: … Survival of the Fittest heißt nicht, dass die Stärksten überleben, sondern die Angepasstesten. FINN: Hab ich schon anders gehört. BREMER: Die Kumpels? FINN: Wie du das sagst! Da hört man immer gleich die Anführungszeichen. „Kumpels“, aka Vollpfosten. BREMER: Tut mir leid. Also, deine Freunde, deine Buddies, Homies … FINN: … Lass gut sein, Doc. Wird nicht besser. BREMER: So alt bin ich? FINN: So alt bist du. Kurze Stille. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Bremer untersucht weiter. FINN: Deine Evolution ist nich so der Punk, wie? (Frustriert) „Angepasst“, „Angepasst“ – ja, Scheiße, woran denn? „Man gebe mir einen Punkt, an den ich mich anpassen kann, und ich …“ Ja was? Geh mit der Welt angeln? Mach auf Sorbisch Friday-forFuture und werde ’ne politisch bis zum Hirntod

korrekte, dauerklugscheißende Youtube-Bitch wie meine Schwester? Oder müde wie Vadder und hysterisch wie Mutter? BREMER: Was ist das Problem? FINN: Alles murkelig, alles kleen und verschissen. Ich hab mal gelesen: „Das Leben ist: Geboren werden, Flecke uffm Sofa machen, sterben.“ BREMER: Du willst die Welt verändern, und die will nicht, die blöde Kuh. FINN: Quatsch. Schweigen. FINN: Aber bissel was reißen wäre schon nicht schlecht. Jedenfalls will ich nich wie Vadda am Ende (Bricht ab) Na, egal. BREMER: Was ist mit Vater? FINN: Nüscht, Mann! Überhaupt nüscht, das isset ja! Der war so’n Honk von Ingenieur, so’n Vieh in der Grube. Der konnte ’n T-Träger auf eener Schulter schleppen und jetzt zuckter schon, wenn die Flur-Tür knallt. BREMER: Für ne Depression kann niemand was. FINN: Nee, aber dagegen. Er könnte sich wenigstens wehren! BREMER: Du schämst dich? Finn schweigt BREMER: Das kann nicht wahr sein, du schämst dich für ihn? Finn, der Mann kann nichts dafür. Wie ihm geht es jetzt vielen im Revier. Wenn hier überhaupt jemand schuld hat, dann … FINN: … is ja gut! Is das hier ’n Verhör, oder was? Drehst du mir gleich die Lampe ins Gesicht? Schweigen. BREMER: Vielleicht dann doch Seite an Seite mit deiner Schwester. Ich meine, die wehren sich und haben die ganz großen Themen auf’m Plakat. FINN: Einen Scheiß! BREMER: Oh, wir sind aber heute ein sehr wilder junger Mann. FINN: Nee, aber ich kann nicht ständig alles verquatschen. Und ich hab auch noch lange keene Haltung, nur weil ich auf angemeldeten und polizeilich abgesicherten Demos ’n Schild hochhalte

und Workshops veranstalte „Die Zukunft der Welt von 17.00 – 18.30 Uhr, Zelt 4“. Und dann hocken die Sitzsäcke da und überlegen die Hälfte der Zeit, wie se sich ansprechen sollen. Und, überhaupt, was ist das denn für ne Sorte Zukunft?: Tofu und Bahnfahren. Viel mehr fällt denen nicht ein. Und alles so milde, alles so therapeutisch, als wenn einer der Irrenarzt des anderen is. Reden die mit mir, hab ich nach drei Minuten immer das Gefühl, warm angepullert zu werden. Oder Psychopathen, ja, oder ich denke, mitm Psychopathen zu quatschen. Kennste das? So viel Mitgefühl und Verständnis Verständnis Verständnis im Blick, dass de weeßt: Gleich reißter das Maul auf und beißt dir ins Gesicht. Oder der Bauch platzt und so ne Riesenameise kommt raus, oder was das immer is. Kennste das? BREMER: (Hat das Tattoo entdeckt) Was soll das! FINN: Was? BREMER: „Mich fickt das Leben jeden Tag“ FINN: Tattoo. BREMER: Weiß Mutti davon? FINN: Nee. Meine Sache. Seit Null Uhr Nullnull bin ich sechzehn. Und bitte nicht „Mutti“ oder ich will die Kotzschale. Aber wenn Frau „Mutti“ Mutter nichts davon erfahren würde, wäre ich dir trotzdem sehr, sehr dankbar, lieber Onkeldoc Bremer. Sehen wir’s als mein Geburtstagsgeschenk? BREMER: Ich wollte dir was zum Führerschein dazugeben. FINN: (Pfeift durch die Zähne) Hm. Wird zwar nicht leicht, aber ich glaube, ich komme damit klar, wenn’s diesmal ein Geschenk mehr wird. BREMER: (Lacht knapp) Idiot. Im Ernst: Warst du besoffen? FINN: Nein. BREMER: Bekifft? Meth? FINN: Saufe und kiffe nicht. Null Meth. BREMER: Finn, bitte! Ich untersuche gerade deine Haut! FINN: Und in der kann man das lesen? BREMER: Wie fett gedruckt. Die plakatiert das geradezu.

THEATER WINKELWIESE SWISS CONNECTION (Uraufführung) Zürich - Prishtina von Jeton Neziraj / Regie: Manuel Bürgin 24. April – 15. Mai 2020 www.winkelwiese.ch

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FINN: Die Sau! (Lacht und zieht sich die Jacke an) Ja, ich feiere ab und zu mal, irgendwann will man ja was spüren. BREMER: Und dazu brauchst du chemische Hilfe? FINN: Jede, die ich kriege kann. BREMER: Sei nicht so ein Lappen! Ein einfaches Mann gegen Mann und du spürst mehr als … FINN: … hau ab mit deinem Prügelklub, hau ab mit deiner drecks Gesundheit! BREMER: Wir trainieren Montag und Mittwoch ab 17.00 Uhr. Ich schreibs dir aufs Rezept. FINN: Schnaffte. Sind wir hier fertig? BREMER: Nein. FINN: Nich? Für ’ne einfache Fahrtauglichkeit? Bremer setzt sich auf seinen rollenden Bürostuhl und rückt für Finn einen anderen Stuhl hin. Er klopft einladend auf die Sitzfläche. Finn sieht es, und kann es kaum glauben. FINN: Was wird das? Bremer klopft wieder. FINN: Mein linker, linker Platz ist leer? Du klopfst auf den Stuhl, als wäre ich drei oder hätte nicht alle Tassen im Schrank. Krieg ich ’n Lutscher, wenn ich mich da hinsetze? Muss ich auf’n Schoß? BREMER: Mann, Finn, nun nimm doch mal die Fäuste runter! Ich will nur mit dir reden. Ich muss mit dir reden. FINN: Das musst du, ja? BREMER: Ja. FINN: Krebs, Aids, Ebola? BREMER: Was? Nein! FINN: Ich bin nicht fahrtauglich. BREMER: Doch! Nur … FINN: … nur mit Brille, ich wusste es! Ich krieg Fielmann, und muss mich sofort ins Schwert stürzen. BREMER: Nein! Du bist fahrtauglich, aber … FINN: … Yippie! Was war das nur wieder für ’n schönes Gespräch, lieber Onkel! Ich könnte ja noch ewig mit dir plaudern, aber jetzt, (sieht auf die Uhr) ohweh, jetzt muss ich, wie sagt ihr?, jetzt muss ich mich „sputen“. Bye, bye, bis die Tage! Finn ist schon fast aus der Tür. Bremer erwischt ihn aber noch, und hindert ihn körperlich an der Flucht. Finn sieht verblüfft auf die Faust an seinem Arm. BREMER: (Sehr ernst und bestimmt) Setz dich hin! FINN: Sonst Waterboarding und Stubenarrest. BREMER: Das ist hier nicht der gespielte Witz, Finn. Es geht um dich und deine Freunde. FINN: Meine Freunde? Lieber Onkel Bremer, du bist – wie sag ichs jetzt, räusper, räusper – du bist zwar mein Patenonkel und seit dem Pleistozän der Medizinmann der Familie, aber meine Freunde sind meine Freunde und gehen dich nüscht an.

BREMER: Mehr, als du denkst. FINN: Na, hoppla. Du arbeitest also doch für meine Mutter. BREMER: Nein. Im Gegenteil. FINN: (Misstrauisch) Im Gegenteil? Ich weeß nich, aber das klingt nun noch schräger. BREMER: Bitte, Finn, setz’ dich hin und hör mir zu. Nur fünf Minuten. Finn sieht ihn skeptisch an, setzt sich aber. Sieht auf die Uhr. FINN: Ok. Zeit läuft!

2 Der Vater im Tagebau. Grubenhelm unter dem Arm, bester Anzug, eine lächerliche Schnittblume in der Hand. THOMAS: Na? So, Neumi. Also das ist doch so: Zwanzig Zentimeter, na gut, sagen wir fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig Zentimeter Ablagerungen, Sedimente. Nicht mehr als (zeigt an seinem Unterarm) von hier bis hier. Nicht mehr, wirklich nicht. Paar tausend Jahre unter Sand, Druck, Dreck und Wetter und in diesen fünfundzwanzig Zentimetern (zeigt an seinem Unterarm) ist ALLES! Und wenn ich sage Alles, meine ich alles. Also Türme, der Eiffelturm, jede Sorte Türme, all unsere Häuser und Klitschen, inklusive jede Sorte Ämter und Regierungsgebäude. Brücken, Kirchen, Fußballstadien, dein ganzes dämliches Energie-Stadion, Neumann. Autobahnen, Fabriken, diese Start-ups, was du willst. Aber auch Viecher. Tatsache. Viecher jede Sorte, Kuhherden, Schafe, sämtliche Schweine, Elefanten auch wir. Wir sogenannten Menschen. Alles, alles nur noch ’ne hauchfeine Spur in den fünfundzwanzig Zentimetern Sediment. Das ist, was nach paar tausend Jahren von uns und unserer gesamten Geschichte übrig bleibt. Fünfundzwanzig Zentimeter Dreck in Schichten, die alles, Neumann, komplett alles, enthalten. Tja. Warum erzähl ich das jetzt. Weiß auch nicht. Beruhigt. Ist dann nicht so schlimm, wenn du … Alles ist dann nicht so … so wichtig. Wie gesagt: fünfundzwanzig Zentimeter gepresster Abraum. Du, ich, wir alle. Na ja … Legt die Blume nieder. Finn (vom Vater unbemerkt auf) FINN: Was wird das? Redest jetzt schon mit Toten? THOMAS: (Erschrickt) Junge! FINN: Blümchen. Da wird sich Onkel Neumi aber freuen. ’n ganzes Leben nur Sixpacks und Kumpel-

tod, aber nachdem er vom Bagger gehuppt ist, setzt es Blümchen. Kriegter auch noch ’n Teddy und so’n kleenes Holzkreuz? THOMAS: Finn, ich wollte fünf Minuten allein sein, fünf Minuten! Wirklich, ich komm gleich. Geh schon mal vor. Finn bleibt, wo er ist. Sieht seinen Vater an. THOMAS: Was ist? FINN: Willst Neumi hinterher. THOMAS: Hinterher? FINN: „Hinterher?“ Stell dich nicht blöde. Kabel um’n Hals und runter vom Band. THOMAS: Wie kommste denn auf so was? Seh’ ich so aus? FINN: Ab und zu. THOMAS: Was?! Wann denn? FINN: Keine Ahnung. Morgens nach’m Klo. Oder wenn du mit der Zahnseide rummachst. Und wenn du die Balkonpflanzen gießt. Da ganz besonders. Balkonpflanzen scheinen dich fertig zu machen. Oder wenn du Baumarktwerbung kuckst und denkst, dass dich keiner sieht. THOMAS: Baumarktwerbung? Ich kucke doch keine Baumarktwerbung. FINN: Die mit dem fetten, nackten Mann, der den Berg runterrutscht und so lacht. THOMAS: Das ist Baumarktwerbung? FINN: Ja. THOMAS: Finn, jedenfalls … Mann, Junge, ich lasse mich gerade umschulen. FINN: Und? THOMAS: Denk nach: Suizid und Umschulung, wie passt denn das zusammen. FINN: Sehr gut. Sehr gut passt das zusammen. „Suizid und Umschulung“ wird gerade der Hit im Revier. Onkel Neumi sollte Landschaftsgärtner werden. THOMAS: Ich will mich jedenfalls nicht umbringen. FINN: Gut. THOMAS: Gut. FINN: Falls doch, krache ich dir ’n pinkes Holzkreuz hin und pinkel gegen. THOMAS: Abgemacht. FINN: Und Bärchen. Pinkes Holzkreuz mit KlebeSmileys und Bärchen. Und dein Namen falsch geschrieben. Tomy. Wie die Mayonnaise-Firma. ­ „Tomy, hier kommt der Genuß“ Thomas sieht ihn an. Ruhig und auch ein wenig ergriffen. Finn hat immer mehr mit den Tränen zu kämpfen. FINN: Das singe ich dann. Oder ich singe „Glück auf, Glück auf der Steiger kommt“ und pisse gegen. Thomas lächelt und umarmt ihn. FINN: (Tränenerstickt) Meine ich ernst! THOMAS: Keine Frage. …

Künstlerbörse Thun 17.4.2020

Bitte nicht schütteln!

Theater Marie

Vorarlberger Landestheater Bregenz 7x ab 21.3.2020

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So, nu aber gut. Geh du schon mal vor, ich komm gleich. Büfett ist eröffnet. Das war das Stichwort für die nächste Szene: alles kommt und umringt den Vater. Finn wischt sich verstohlen das Gesicht

3 Die ganze Familie und Bremer feiert Thomas’ Abschied aus der Kohle. Er trägt seinen Grubenhelm, Tine hat ihn ihm im Vorbeitanzen übergestülpt, und steht mit einem Sektglas ratlos in der Mitte. Wie immer nutzt Tine in auf Fashion/ Pornstyle gedrehte Sorbinnentracht (Minderheit!) die Situation für einen ihrer Youtube-Beiträge: sie singt und animiert alle, noch einmal „Der Steiger kommt“ (für den Anlass von ihr korrigiert: „Der Steiger GEHT“) zu singen, während sie sich gleichzeitig über einen Steadycam-Arm filmt. Sie kommt an Finn vorbei. TINE: Was los, hat der Idiot geheult? Filmt ihren Bruder, der tritt nach ihr. Sie weicht elegant aus. THOMAS: Er ist kein Idiot. TINE: Der Idiot hat geheult. Ihr Vater will den Helm abnehmen. TINE: Auflassen! Lass den Helm auf! FINN: Merkste noch was, er will den scheiß Helm nicht! Er will ihn nicht! Tine singt und animiert ungerührt weiter zum Singen und Mitklatschen. Finn verweigert. Schließlich Schluss mit der Strophe und allgemeiner Applaus. TINE: Vati, ich bin stolz auf dich. So stolz. Auch ökologisch. FINN: (stöhnt) Oh, man... TINE: Was denn? Stimmt doch. Es gibt zig Stu­ dien … FINN: … Halt die Klappe. Einfach mal Schnauze, ja. TINE: (zur Mutter) Du hörst, wie dein Sohn mit mir spricht? ANJA: Ja. Na ja. TINE: … Mit deiner Tochter, einer Frau! FINN: Du bist nüscht besseres, nur weil du Titten hast und länger im Bad brauchst. Bremer lacht auf. THOMAS: (Leise durch die Zähne) Vorsicht! TINE: Länger im Bad? Du liebes bisschen, so jung und schon so klischee-verkeimt. Und du lachst, Onkeldoc Bremer? Du lachst da? BREMER: (Eilig) Kein bisschen. Kein bisschen. FINN: Und zack, wieder ’n Satz Eier geschrumpft. TINE: Eier sind out, kleiner Mann. Auslaufende Serie. Sei froh, dass du noch keine hast. FINN: Fotze.

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ANJA: Finn! TINE: Lass ihn. Unter Stress setzt das Hirn aus und sie werden fäkal. FINN: Stress? Wieso sollte ich Stress haben? TINE: Weil du Angst hast, Finn, Todesangst. Du spürst, dass du in einer Zeit lebst, die komplett gegen dich läuft. You’re white, hetero, cis, able-bodied Man. Du bist der eklige, alte, weiße Mann in jung, der Saurier nach dem Kometeneinschlag, und ich bin...? Naha? FINN: Was weeß ich. Ne Influencer-Nutte, die auf Minderheit macht? TINE: Ich bin der Komet, mein Junge, der Komet! Finn lacht. Bremer lacht mit. FINN: Echt? Der Komet? Stell das Youtube und du gehst viral, wo de hingehörst: ins nächste schwarze Loch. THOMAS: Leeeeute! Wie wärs, wenn ihr euch heute mal vertragen würdet. FINN: Bitte nicht. TINE: Lass ihn sabbeln, Paps, ich bin jedenfalls stolz auf dich. (Selfie-Video mit Vater und Tagebau. Sie brüllt kämpferisch) Seht her, Gemeinde! Das ist das Ende des fossilen Kapitalismus!!! My Daddy kills it for us! FINN: Klar, jetzt auch noch die Greta-Nummer. Kapiers, du blöde Nuss: Er ist kein Öko-Held. Er hat nicht gekündigt oder sich vorn Bagger geschmissen, er wurde entlassen. Gefeuert! ANJA: Finn! FINN: Stimmt doch. THOMAS: Ja. Stimmt. Kurz betretenes Schweigen, Anja reicht es. ANJA: In dieser sogenannten Familie herrscht so viel Anteilnahme und Empathie wie in einem SACK RATTEN! Hier, dieser Mann (zerrt Thomas in den Vordergrund), euer Vater, steht vor der vielleicht größten Zäsur seines Lebens. Jahre, Jahrzehnte, fast ein halbes Jahrhundert Arbeitsleben geht zu Ende und er muss im hohen Alter … BREMER: … Na, na! … ANJA: … Für den Markt zu alt, für die Rente zu jung - er muss in genau diesem Alter noch mal neu anfangen. Vollkommen neu. Studium weg, sein Ingenieurs-Diplom lächerlich, die ganze Berufserfahrung für den Eimer. Er fängt bei Null an, und zwar als Null! … Hö, hö! Allgemeines Protestgemurmel. ANJA: Jawohl! Als Null! Keine Augenwischerei: er ist Lehrling, Sprutz, Anfänger. Er muss sich komplett, wie heißt es, „neu erfinden“ und dazu braucht er nicht euren Knatsch und Zank, da braucht er … Was? Was brauchst du da, Thomas?

HAUPTSACHE FREI #6 DAS FESTIVAL DER DARSTELLENDEN KÜNSTE HAMBURGS FLINN WORKS UND ASEDEVA MAJI MAJI FLAVA KAINKOLLEKTIV, ZORA SNAKE UND NJARA RASOLOMANANA IST DAS EIN MENSCH? EINE CYBORG OPERA

THOMAS: Wie? ANJA: Was dir jetzt gut tun könnte. THOMAS: (Ratlos.) Ja, pff, wenn du vielleicht von den Schnittchen … ANJA: … MUT UND ZUSPRUCH braucht euer Vater! Zuspruch und Trost und nicht eure Ego Show. IST DAS KLAR?! Bremer applaudiert. BREMER: Jawoll, Anja! Die Pranke der Löwin zur rechten Zeit. Trost und Zuspruch braucht der Mann. Trost und Zuspruch und vielleicht … Hebt ein seltsames Rohr an die Lippen und brüllt hindurch: laienhaftes Hirschröhren. Alle sehen ihn befremdet an. TINE: Isn das jetze? BREMER: Ein Hirsch. Also im Prinzip. FINN: Und was soll uns der Hirsch, der PrinzipHirsch? THOMAS: (Zu Bremer:) Jan, lustig, vielen Dank. Aber das war doch mehr nur so’n Gedanke. Ich bin mir nicht sicher, ob das was für mich … ANJA: … was denn für ein Gedanke? Wieso hast du Gedanken, und ich weiß nichts davon?!? BREMER: Dein Mann hat überlegt … also, wir haben bei einem Bier mal ein paar Optionen seiner beruflichen Zukunft hier in der Region durchgespielt und da … TINE: … Hirsch? FINN: Na heja, Tine, wenn er sich in seinem Körper nicht wohl … TINE: … Leck mich! THOMAS: Natur-Ranger. Ranger der Naturwacht. Anja lacht laut auf, schlägt sich aber sofort die Hand auf den Mund. ANJA: Entschuldige. Gibt’s das wirklich? „NaturRanger“? FINN: Cool! Ranger. TINE: Peinlich. Wie der Marlboro-Mann. THOMAS: Ich rauche nicht, ich führe Leute durch die einheimische Flora und Fauna und … und so. BREMER: Doch nicht übel. Den ganzen Tag an der frischen Luft. Bitteschön. Er gibt ihm die Hirsch-Tröte. THOMAS: (Unsicher) Danke. Er beäugt die Tröte skeptisch, setzt sie dann probehalber an den Mund und produziert „seinen ersten Hirsch“, ein erbärmliches Geräusch. TINE: Und auf so was hören die anderen Hirsche und kommen dann? BREMER: Na, muss man üben. Sicherlich. THOMAS: Ja. Sicherlich. Das heißt … ich nicht. Ich hab mich gewissermaßen schon entschieden. Jobmäßig jetzt. Hab sogar schon probe-gearbeitet.

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KA STEREO AKT / ZIMMERTHEATER TÜBINGEN EUROPEAN FREAKS HOFMANN / VAN BEBBER / RODRIGO / HUBER ALL WATCHED OVER BY MACHINES OF LOVING GRACE KLANGFEST MUSIK FÜR KINDER – AUFREGEND ANDERS BRANKO ŠIMIĆ INFARKT GLOBAL – 20HUSINO20

URG


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ANJA: (Entrüstet:) Du hast …?! Und wieso weiß ich …?! Verdammte Scheiße, sind wir überhaupt noch verheiratet oder biste da auch schon anderweitig „auf Probe“! THOMAS: Ich wollte es erstmal für mich selbst testen. Martin hat mich untergebracht. FINN: Aber Martin arbeitet bei der Sicherheit. Security. Der steht vor Kaufland und macht den Muttis die Türen auf und zu. THOMAS: Ja. ANJA: Was „ja“? THOMAS: Ja. Schweigen. Alle sehen ihn an. Thomas sieht in sein Glas.

Kaserne

4 Dunkel, nur noch das Licht starker Taschenlampen – wie Flakscheinwerfer nach oben gerichtet. Dazu rhythmisch der Chor aller. Frontal vor dem Chor ist Tines Kamera aufgebaut. Tine will, dass die Aktion1 ein klickreiches Protestvideo wird. CHOR: ELON MUSK, ELON MUSK, ELON MUSK, ELON MUSK Tine vor die Kamera. TINE: Lisson, Elon, wir haben hier alles, was du brauchst: Land, kluge Leute, Wasser, Autobahnen und vor allem Platz, sehr viel Raum – für uns und solche wie dich. Chor auf ihr Zeichen: CHOR: ELON, ELON, ELON! TINE: Wir kommen aus der Energie und wollen in die Energie. Wir werden lernen, wie man deine Batterien baut. Lernen, wie du denkst (Englisch natürlich auch); wir werden kapieren, dass unsere Welt nicht an der Ortsausfahrt Peitz endet sondern vielleicht erst auf dem Mars. Und wir können, wenn man uns lässt, arbeiten, sehr hart arbeiten. Komm her und siehs dir an! Chor auf ihr Zeichen: CHOR: ELON, ELON, ELON! TINE: Und, Elon, vielleicht hast du gehört, dass wir, na ja, so Faschisten sind. Was soll ich sagen: ’n paar von uns haben tatsächlich so’n Hau in die Richtung. Aber sie haben den, weilse eben nicht mehr wissen, wohin mit sich und ob sie überhaupt noch wer will und gut leiden kann. Alles nur ’ne blöde Kreuzung aus Wünschen und Angst. Haben die erstmal wieder ’n Job, dann – escht, Alda, isch schwör! – hört das schlagartig auf. Und bei wem nicht, den ersäufen wir dann gemeinsam in der Spree, okay? Also, Elon, Tegel raus, Stadtautobahn und dann die A 13 immer gerade aus. Kannste gar nicht verfehlen. Come on, Boy, wir warten und hau’n schon mal Kohle uffn

Fr 3.4. Bukahara Fr 3.4. & Sa 4.4. Eugénie Rebetez Nous trois Fr 10.4. Juana Molina

Grill. We wanna start a barbeque with you! Mach hinne! Chor auf ihr Zeichen, sie dirigiert mit beiden Armen: CHOR: ELON, ELON, ELON MUSK! ELON, ELON, ELON MUSK! (usf.) Nur Finn steigt aus. Er wirft sich vor dem Chor auf die Knie und persifliert die Götzenanbetung FINN: (Keucht verzückt:) ELON, ELON, KOMM HERNIEDER. FÜHRE UND ERLEUCHTE UNS PER BATTERIESTROM, GROSSER ELON. UNSERE ERSTGEBORENEN WERDEN DEINEN NAMEN TRAGEN. OH, ERLÖSE UNS, DU ELON ALLER ELÖNNER! – der Chor, peinlich berührt, verstummt. Finn steht auf, klopft sich ab und geht. TINE: Arschloch. THOMAS: Na ja. ANJA: Was hatter denn schon wieder? War doch schön. TINE: „Schön“, Mutter, „SCHÖN“? Diese unsere Querstrich meine Aktion war nicht „schön“, sie war Protest, Widerstand, Aufschrei, Notruf. Sie war letzter Aufruf, unser aller allerletztes Mayday! ANJA: Oder so. Wer kriegtn jetzt die Taschenlampen? Soll ich se wieder inne Tüte? Tine starrt ihre Mutter an, Bremer kichert unterdrückt. ANJA: (Verständnislos) Was denn? Thomas lächelt und nimmt sie in den Arm, Tine sammelt wütend die Taschenlampen in die Baumarkt-Tüte.

5 Thomas sitzt, Anja steht daneben. ANJA: Komm jetzt! THOMAS: Gleich. Geh du schon mal vor. Ich … guck hier noch’n bisschen. ANJA: Guck hier noch’n bisschen? Was kuckste denn? Setzt sich neben ihn. Sieht in seine Richtung. ANJA: Da ist nüscht, da ist Acker, Abraum und der Wendehammer für die Müllkutschen. Gar nüscht Kuckenswertes ist da. THOMAS: Ich … kuck einfach so. ANJA: Aha. THOMAS: Ja. ANJA: Is dir irgendwas? Der Rücken, die Pumpe? Soll ich Bremer anrufen? THOMAS: „Rücken“, „Pumpe“ – du redest mit mir, als ob ich schlagartig vergreist wäre. Als ob ich’n Rollator bräuchte. ANJA: Dann steh uff! THOMAS: Ja doch! Bleibt sitzen. Anja sieht ihn von der Seite an, Thomas vermeidet den Blickkontakt.

THOMAS: Momentchen, Momentchen. ANJA: Thomas, du machst mir langsam Angst mit deinen Momentchen. Du stehst jetzt sofort auf, oder ich ruf den Bremer an. THOMAS: Bitte, Anja, nur’n bisschen noch. Geht gleich wieder. Anja sieht ihn an, Thomas senkt den Blick. ANJA: Du kannst nicht, hm? Du kannst nicht aufstehen. Thomas schweigt. ANJA: Thomas, wenn man ne Depression kriegt, dann gibt es manchmal so … THOMAS: … HAB ICH NICH! Keine Depression! Kei-ne Depression, klar?! Anja ist erschrocken über seine heftige Reaktion. Sieht ihn an. ANJA: Klar. Schweigen. Sie sitzen nebeneinander. Zeit vergeht. Anja hakt sich bei ihm unter und schmiegt sich an ihn an. ANJA: Sitzen wir eben einfach da. Ooch schön. Man kann ja auch einfach mal da sitzen. So nebenander. Haben wir lange nicht mehr gemacht. THOMAS: Ja. Sie sitzen und schweigen. THOMAS: Danke.

6 Bremer und Finn vor dem Kick-Box-Training. Sie ziehen sich noch an (Bremer u.a. die Trainings-„Pfoten“), dehnen sich, bereiten sich vor. Zwischen und in den Dialogen sogar asiatische Begrüßungs- und Besinnungsrituale. BREMER: … das ist nicht Handauflegen, Eso oder Tanz ums Feuer, das ist in randomisierten Kon­ trollstudien zigfach durchgeprüfte Erkenntnis. Ich hab dir’n Buch auf den Spind gelegt, lies! Der Mann bekam dafür den Nobelpreis. Und nein, es geht nicht um “bissel schick Laberdischwätz“, wie du so straßenköterhaft dazwischen bellst, es geht um Leben und Tod, Finn! Um Leben und Tod! Beispiel? FINN: Beispiel. BREMER: Ich kriege einen Notfall rein. Kind im Koma, CT und MRT zeigen eine beträchtliche Raumforderung: Hirntumor. Der Hirndruck steigt, die Geschwulst beginnt schon, Vitalfunktionen zu sabotieren; es muss sofort operiert werden. Gute Nachricht: das Ding liegt nicht mal schlecht, es kann also gut und rückstandslos entfernt werden, aber klar, ein gewisses Risiko bleibt. Ich berate die Eltern, ein junges Pärchen, sie müssen der OP zustimmen. Ich sage „Zu 90% wird ihr Kind leben.“ Was passiert?

Mi 22.4. Kadiatou Diallo mit Stacy Hardy & Edwin Ramirez KIN-SHIP-ING – Künstlerische Praxis als Beziehungsspinnerei

Sa 25.4. & So 26.4. Steps: Compagnie Tabea Martin Premiere: Nothing Left

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FINN: Ab in den OP. BREMER: So ist es. Was aber, wenn ich sage „Es ist zu 10 Prozent wahrscheinlich, dass Ihr Kind stirbt“? Finn stutzt. FINN: Scheiße. BREMER: Genau. Die Eltern verweigern oder zögern zu lange, das Kind stirbt. Leben und Tod. FINN: Bescheuert. BREMER: Nein, Sprache. FINN: Trotzdem bescheuert. BREMER: Vielleicht. Aber so sind wir nun mal, so ist der Mensch. Und doppelt so, wenn er Angst hat. Lass den anderen die Paragraphen, Verordnungen, die durchnummerierten Argumente. Wir von „Land & Leute“ e.V., … FINN: … Bekloppter Name. Klingt wie Reiseführer oder Heimatfilm. BREMER: Eben. Ein Name wie Urlaub und Zuhause. Altbekannt, nicht zu grell, nicht zu politisch. Noch nicht. „Links blinken, rechts fahren“ hieß es ­früher. FINN: Ich bin in keinem Verein, der so heißt, wie die Schlüpper meiner Eltern aussehen. BREMER: Finn, man kann die Herde mit Knüppeln auf Richtung prügeln oder Verbote kläffen und sie wie’n Hirtenhund vor sich her jagen. Das geht ’ne Weile gut, dann gibt’s Ärger. Will man die Schafe führen, wirklich führen, ist es besser wie ein Schaf auszusehen und zu klingen. FINN: Mäh. Die „Pfote“ trifft ihn hart am Kopf. BREMER: Komm mir nicht bescheuert, Kamerad! Ich weiß, du bist es noch nicht gewohnt, aber ich nehme dich ernst, also du mich bitte auch. FINN: Sorry. BREMER: Es heißt wieder Ja, einfach Ja. FINN: Jadoch! BREMER: Gut. (Setzt fort) Es ist eine vorpolitische, vorrevolutio­ näre Strategie, Finn. Wir glühen den Tag X vor, wie ihr vielleicht formulieren würdet. Wir schenken die Besserwisserattitüde, die Verbote und Moralapostelei der Gegenseite und erzeugen derweil Bilder, Finn, Mind Bombs! Niemand mag Klugscheißer und Oberlehrer, jeder will sich, wie sagt sogar die Volksfloskel: „ein eigenes Bild machen.“ Wir helfen dabei. Und dazu braucht es Farben, nicht Zahlen. FINN: Aber 10 Prozent. 10 Prozent tote Kinder oder so. In deinem Beispiel hast du doch selber mit Zahlen rumgemacht. BREMER: Die Zahlen waren egal, sie besagten ja dasselbe. Nicht egal war, dass ich von Kindern sprach und zwar mit Worten wie „leben“ und „sterben“. FINN: Die Farben? BREMER: Die Farben. Los jetzt! Er tatscht ihm mit der „Pfote“ (Handschuh zum Schlagtraining) hart ins Gesicht. Finn nimmt den Schlag, reagiert aber sofort mit einem harten Fußtritt gegen Bremers Deckung. Sie kämpfen. Schwere, klatschende Schläge.

7 Projekttage des ortsansässigen Gymnasiums zum Thema „Zukunft der Region“. Tine trägt weiterhin ihre Sorbinnen-Tracht und singt zu Lichtshow und harten Beats eine Adaption des DDR-beliebten Kinderliedes „Unsere Heimat“. TINE: (Singt/ rappt aufwendig)

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Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, Unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald. Unsere Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld, Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde Und die Fische im Fluß sind die Heimat. Und wir lieben die Heimat, die schöne Und wir schützen sie, weil sie nur unzerstört, Meiner und deiner Zukunft gehört. TOD DEM FOSSILEN KAPITALISMUS! Und nebenher, ihr rechten Stupids, Energie-Fans und AfD-Gesindel: Wir sind zwar zwar ne Minderheit, aber die Fremden und fucking Zugewanderten seid ihr! Denn - aufgepasst, Arschgeigen! – wir waren vor euch da, VOR EUCH! Und zwar 1400 Jahre! Check it out: EIN-TAUSEND-VIERHUNDERT! Wir habens einfach drauf. Zeigt mit beiden Händen den Mittelfinger. Großer Applaus (vom Band). Lehrerin Markwart auf. Sie leitet und moderiert die Veranstaltung. FRAU MARKWART: Danke, Tine, das war … war dein Beitrag. Danke. Projekttage zum Thema „Zukunft der Region“. Wie siehts aus, was ist der Stand, was können wir tun, was müssen wir lassen – das sind unsere Fragen. Nach Tines Auftritt jetzt noch vor der Mittagspause ein weiterer Beitrag aus der Familie Walter. Ihr Bruder Finn hat – und Sie hören meine Stimme bei dieser Anmoderation womöglich ein wenig ­beben – Finn Walter hat von sich aus und FREI­ WILLIG zum Thema gearbeitet (Gejohle, Pfiffe. Markwart wartet lächelnd ab.) Ja, nicht wahr. Freuen wir uns auf seinen Beitrag. Bitte Finn! Sofort wird es dunkel und Heavy-Metal-Riffs krachen. Eine Großprojektion Finn ebenfalls in SorbinnenTracht, aber mit Conchita-Wurst-Bart. Eine MonsterStimme mit viel Hall: STIMME VOM BAND: HEY, FOLKS! SAY HELLO TO CONCHITA GRÜTZWURST! Der Film bricht ab, das Licht geht an, Frau Markwart schreitet ein. FRAU MARKWART: STOP! Stopstopstop! Finn, ich hatte Sie gewarnt. Ich lasse nicht zu, dass Sie den Ernst unseres Anliegens mit... FINN: … „Ernst unseres Anliegens“ und Sie würgen mich ab, aber meine verblödete Schwester darf ihren Andrea-Berg-Scheiß singen? TINE: (Von unten:) Das war ironisch, du Sack! Das ist Protest! FINN: Ah ja, der Freitagsprotest für den gepflegten Spaziergang mit freigeschalteten Ampeln und Bullen-Eskorte. Ihr habt recht, Glückwunsch, ihr habt ja so was von recht! Man kann ja gar nicht mehr recht haben, als ihr recht habt. Und alle wissen das. Alle stimmen euch zu und finden euch toll, alle finden euch so so niedlich und gut und richtig. Noch nie wurden Revolutionäre so makellos süß gefunden. Glückwunsch, ihr seid so gefährlich und revolutionär wie ’n Welpenvideo. FRAU MARKWART: Erstens, ist Ihre Schwester nicht verblödet … FINN: … und ob! Gucken Sie mal ihren Blog. FRAU MARKWART: … Und zweitens, ziehen Sie hier ins Lächerliche, was für die Menschen … FINN … ich zieh nüscht ins Lächerliche! Conchita ist Region, Conchita ist Tradition und Zeitbezug, Conchita ist meinetwegen Diversity wie’n Kultur­ amtsklo und fett Transgender. Thema voll erwischt,

würd ich sagen. Außerdem is se ne Kunstfigur, und Kunst kann machen, wasse will. Überhaupt: Erst ausreden lassen, dann urteilen, verehrte Frau Markwart. Wer hupt denn das andauernd? FRAU MARKWART: Ich hupe nicht! Ich pflege nicht zu hupen! FINN: Ziehe Hupe zurück. Kann ich weiter­ machen? Frau Markwart kämpft mit sich. FINN: Darf ich? Frau Markwart schwankt aber weiß noch immer nicht. FINN: Bitte. Finn und „Bitte“?: Großes Hallo im Publikum, aber Finn lässt seine Fans mit einer beiläufigen Handbewegung wieder verstummen. FINN: Drei Minuten. FRAU MARKWART: Keine Conchita mehr? FINN: Null Conchita. FRAU MARKWART: In Ordnung. Aber wenn ich auch nur ein Bild oder eine Silbe … FINN: … reißense mir den Hintern auf, alles klar. FRAU MARKWART: Ich reiße nicht … Ich pflege nicht, zu …! (Gibt auf.) Egal. Fahren Sie fort. Bitte. FINN: Danke. Die Frage war „Hat unsere Region eine Zukunft“ und meint genauer „Hat unsere Region nach der Kohle eine Zukunft“, also dann, wenn alle Blöcke abgeschaltet wurden. Die Antwort is: NEIN. Das hier wird nicht „Europas größte künstliche Seenplatte“, weil uns ganz simpel das Grundwasser dazu fehlt und wir es nicht schaffen, die Böden und Ufer sicher zu kriegen. Das hier wird ’n Land der Penner, Rentner und Wölfe. Warum? Es heißt doch, die „Wirtschaft kommt, die Wirtschaft wird kommen.“ Einen Scheiß wird die! In den Neunzigern war zigmal mehr Geld dafür da, Unternehmen in die Gegend zu locken. Und kein Aas kam. Warum solltense jetzt kommen, warum? Wegen ’n paar Eiermalern? Weil meine Schwester und paar hundert Zombies sich peinliche Kostüme anziehen und auf Minderheit machen? Weil wir so schicke Radwege haben? WHO THE FUCK WANTS US?! Schnallt es endlich: Kein Beamter, kein Manager, Wissenschaftler, Politiker, Startup-Nerd und nicht mal die, die hier schon leben und noch jung sind kein Mensch, der noch irgendwas zu verlieren hat, will hier leben, keiner! Packt euern Kram, haut ab, solange ihr noch könnt! Frauen und Kinder zuerst – ach, die sind ja schon. Die sind ja längst weg, die lungern schon in der Schweiz, in Österreich, in Niederbayern! Na dann mal Finger aus’m Arsch und hinterher! Alles klar? FRAU MARKWART: Wars das, Finn? FINN: Ja, das wars. Und zwar für uns alle. Das ganze Revier. FRAU MARKWART: Gut. FINN: Gut? FRAU MARKWART: Mittach.

8 Martin und Thomas. KAUFLAND, die Bude mit dem Geldautomaten der Sparkasse. Man öffnet und schließt hin und wieder devot eine Tür für die Kunden, schweigt im übrigen nebeneinander her. Dann endlich doch: THOMAS: Grilletta! MARTIN: Wat? THOMAS: Bitte? MARTIN: Du hast Grilletta gesagt. THOMAS: Ja.


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MARTIN: Grilletta is unser Safe-Word, für wenn det Jelaber dem een oder andern zu vülle wird. THOMAS: Ja und? MARTIN: Ich tat aber gar nüscht sagn. THOMAS: Nicht? MARTIN: Nö. Schweigen. Thomas ist ehrlich beunruhigt. MARTIN: Jetzt denkste bestimmt, jetz is soweit. Jetzt hab ich nich mehr alle Latten am Zaun, denkste jetzt. THOMAS: Denke ich nicht. Schweigen THOMAS: Doch. Denke ich. MARTIN: Is aber nich. THOMAS: Weil? MARTIN: Weil es manchmal innerlich so’n Rämmidämmi gibt, dass man nicht mehr genau weeß, ob das nun schon fertig in die Außenwelt hineingesagt wurde, oder ob das noch arscheinwärts köchelt. Passiert mir ooch immer wieder mal. Das heißt, seit 95. Da hab ich kapiert: die einzige ­Sicherheit, die se uns geben, ist die Unsicherheit. (Lacht) Und jetzt bin ich bei die Sicherheit. Securitiy. Ist das nicht … na, wie heeßt das? THOMAS: Paradox? MARTIN: Nee, das andere. THOMAS: Dialektisch? MARTIN: Jenau. Dialektisch und krisenfest. THOMAS: Aber du hörst Stimmen. MARTIN: Gleich knallts! NEE, höre ich nicht, Mann! Ich bin nich reif für die Klapper, ich höre meine eigene Stimme! Das innerliche Geplapper aufm Lokalsender sozusagen. Nur eben dass es manchmal so laut blökt, dass ick gloobe, es käm’ schon von außen. Jemand schreit mir an, oder so. Je mehr Innen, desto weniger Außen. Und um­ gekehrt. Meine Formel. Hab ick mir selber zurechtjelegt. THOMAS: Teufelskerl. MARTIN: (Beleidigt und wütend) Verarsch mir nich schon wieder! Ja, ick hab nich studiert und bin nirgendwo nich ne Konyphere, aber ich mach mir ooch meine Gedanken, ja?! THOMAS: Entschuldige, ich wollte nicht … MARTIN: … Ich kann ooch denken, ja?! Vielleicht im begrenzten Umfang, aber ich kann denken! THOMAS: Selbstverständlich. Ein paar Sekunden angespanntes Schweigen. THOMAS: Deine Formel – also der Innendruck verhält sich umgekehrt proportional zum Außendruck – ist sehr in Ordnung. Mein Problem: Was ist, wenn Außen- UND Innendruck steigen? MARTIN: Anja? THOMAS: Auch. Aber es sind nicht immer nur die Frauen.

MARTIN: Es sind immer nur die Frauen. THOMAS: Grilletta! MARTIN: Du redst nicht so gerne über die Weiber, wie? THOMAS: Grilletta! MARTIN: Ja, ja, schon gut! THOMAS: Danke. Finn noch immer im Sorbinnen-Outfit, jetzt aber verdreckt und blutbeschmiert. Martin „öffnet“ ihm. Thomas ist in Gedanken und tut es mechanisch. Er erkennt den Sohn (noch) nicht … FINN: Danke, die Herren. MARTIN: Schön Juten Nabend ooch. (Zu Thomas:) Gesehn? THOMAS: Was denn? MARTIN: Ne Transe im Sorbenlook. Jetzt hackts. Den Schwuletten ist nüscht mehr heilig. THOMAS: Und dir sind die Sorben heilig, oder was. MARTIN: Nee, aber … Du weeßt schon. THOMAS: Nee, weeß ich eben nicht. Red nicht so ne Nazi-Scheiße. Finn kommt aus der Sparkassenbude, geht ein paar Schritte, kehrt um und steht wieder vor den Securities. THOMAS: Ja? Was können wir für Sie tun? FINN: Einfach Ihren Job machen. Halten Sie mir die Tür auf. THOMAS: Aber das ist nicht unser … (Ungläubig:) Finn? FINN: Tür auf! THOMAS: Du hastse wohl nicht alle! FINN: (Zu Thomas) Bin ich als dein Sohn weniger wert als andere? THOMAS: Was? Nein, natürlich nicht. FINN: Dann halt mir die Tür auf. THOMAS: Einen Scheißdreck werd’ ich. MARTIN: Ich mach schon, ich mach schon. Keen Ärger hier, Leute. Ich brauch den Job. THOMAS: Das wirst du nicht tun! Du hältst dem halben Hahn nicht die Tür! (Zu Finn) Überhaupt, wie siehstn du aus? Blutest du, soll ich dir ’n Arzt rufen? FINN: Den Geschäftsführer. MARTIN: (Jault auf) Ah nee, bitte, Leute. Ich bitte euch. THOMAS: (Zu Finn) Finn, ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber du hörst jetzt mal sofort auf, dich wie ein größenwahnsinniger, besoffener … FINN: … HALT MIR DIE SCHEISS TÜR AUF, HALT SIE AUF!! Thomas klatscht ihm im ersten Reflex eine. THOMAS: Tut mir leid, ich … Was grinst du? MARTIN: (Stöhnt resigniert) Wachmann schlägt schwule Sorbin.

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THOMAS: Quatsch, wer sagt’n so was? MARTIN: Fünf Überwachungskameras sagen das. Thomas starrt seinen Sohn an. Der grinst und macht einen Hofknicks und tänzelt davon.

9 Leise indische Musik im Hintergrund, Frau Markwart und Anja frontal. Anja betrachtet die Bilder auf Markwarts Handy. Frau Markwart hat eigentlich gesagt, was sie sagen wollte, aber Anja (im Sari) reagiert kaum. Frau Markwart nimmt sicherheitshalber ihre Tasche vor die Brust. FRAU MARKWART: … Tja, äh, wie gesagt: vielleicht sehe ich das auch zu … Aber ich wollte frühzeitig … Sie verstehen? Anja starrt nur und blättert in dem Handy. Zeigt auf ein Bild. ANJA: Er trägt Tracht, Sorbinnen-Tracht? Das is doch ’n Scherz, oder? Fasching, ’n blöder Teeny-Ulk … Markwart seufzt und veneint mitfühlend. ANJA: Und was soll das hier heißen? (Hält sich das Handy dicht vor die Augen) „Wir sind rund genug?“ FRAU MARKWART: „Bunt“, nicht „rund“. Die ethnopluralistische Pose. ANJA: Ethnoplural… aber das ist doch gut, oder? Multikulti und so. Markwart schüttelt wieder den Kopf. Bedauernd. ANJA: Nicht? Nicht gut? FRAU MARKWART: Sie kapern unsere Begriffe. Ne besonders fiese Methode. ANJA: Mein Sohn ist nicht „besonders fies.“ FRAU MARKWART: Nein, sicher nicht. ANJA: Überhaupt. Woher haben Sie das Zeug? Ich meine, das ist doch privat.

HAUS DER ANTIKÖRPER VON MARIE BUES, NICKI LISZTA, U.A. TANZ, PERFORMANCE, KONZERT PREMIERE: 18.04.2020

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FRAU MARKWART: Ein Teil stammt von Web­ sites, aber das meiste hat er mir selbst geschickt. Das heißt, er hat es seinen Freunden gepostet. Vielleicht hat er es ja vergessen, aber er hat mir mal ne Freundschaftsanfrage geschickt. ANJA: Schön blöd. Oh, entschuldigen Sie, ich ­wollte damit nicht … FRAU MARKWART: Schon gut. Anja blättert sich weiter durch Markwarts Handy. FRAU MARKWART: Ich meine, ich kann natürlich nicht ausschließen, dass die allgemeine politische Lage und deren landläufige Berichterstattung mich selbst etwas übersensibilisieren – Anja starrt. FRAU MARKWART: Weil, da ist jetzt – Sie verstehen – einfach zu oft was passiert, weil keiner reagierte, und ich will nicht … Anja gibt Markwart das Handy zurück. ANJA: … Probieren Sie. MARKWART: Bitte? Anja reicht der Markwart ein Getränk. Die nimmt das Glas zögerlich, probiert dann aber. ANJA: Und? FRAU MARKWART: Also, naja, ja. ANJA: Ehrlich! FRAU MARKWART: Interessant. ANJA: Also widerlich. FRAU MARKWART: Genau. Widerlich. ANJA: Ayurvedische Gewürzmilch. Ich trainiere noch. Ich trage einen Sari, was hier so höllisch stinkt sind Räucherstäbchen und meine ebenso hoch-ayurvedische Linsensuppe auf dem Herd. Der Fleck auf meiner Stirn – der „Bindi“, wie wir unter uns Senftenberger2 Inderinnen sagen – ist Hackfleisch. Ich hatte auf die Schnelle nichts anderes bei der Hand, wollte aber nicht respektlos kochen. Möchten Sie auch einen Klecks unter den Haaransatz? Nein? Wie gesagt, ich trainiere noch. Meine Tochter Tine, Sie kennen und fürchten Sie sicher, sagt, dass ich nicht trainiere, sondern andere Kulturen bestehle – und das auch noch beschissen. Selbst eine heilige Kuh würde mich nicht als Inderin akzeptieren. Warum also tue ich mir das an? Warum so wenig Selbstachtung? Weil das Heideschlösschen sich anschickt, im Alter ein ayurvedischer Wellnesstempel mit MichelinStern zu werden und – vielleicht, vielleicht – noch jemanden braucht, um den Berlinern die Selbstheilungskräfte in die Schwarten zu massieren. Oder ihnen die Handtücher nachzutragen. Oder sie ihnen mit meinem Körper anzuwärmen. Egal. Und warum ist mir das schon wieder egal? Warum klinge ich so endverbittert Ü50? Weil mein Mann klimabedingt gefeuert wurde und nun ohne richti-

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gen Job am Rande der Depression segelt. Ach was „segelt“, er kriecht dahin, er wird immer stiller. Was eigentlich nicht so unangenehm wäre, wenn nicht gleichzeitig sein Verlangen verstummen würde. Kurz: Er kriegt keinen mehr hoch. Bin ich zu direkt? Sorry, aber ich habe keine Zeit mehr für Umwege, ich trainiere ayurvedische Gewürzmilch, um weiter den Kredit auf unsere idiotisch an­ gekaufte Eigentumswohnung abbezahlen zu können. Ja, ja, „Betongold“, Altersversicherung, einzig ­sichere Wertanlage. Aber wir stehen jetzt mit den Füßen in zwei Eimern von diesem Betongold, als wären wir in ’nem miesen Mafia-Film. Und ich habe keine Zeit mehr, weil ich was tun muss, wenn ich nicht ungevögelt und unbeplaudert alt werden will. Und, liebe Frau Markwart, ich war bei jeder Elternversammlung, bin im Elternaktiv aktiv, habe eine dauerprotestierende, dauerstreikende, dauerrechthabende Fridays-for-Future-Aktivistin zur Tochter und gefährlich appropriate Linsensuppe auf dem Herd. Mit einem Satz: Frau Markwart, ICH HABE KEINE ZEIT DAFÜR, NUN AUCH NOCH EINEN NAZI ZUM SOHN HABEN ZU MÜSSEN, EINFACH KEINE ZEIT!!! Ist das klar? Bricht in Tränen aus. FRAU MARKWART: Nu nu. ANJA: Nichts „nu nu“. Fällt Ihnen nichts Besseres ein, mich zu beruhigen? Ich meine, Sie kümmern sich den ganzen Tag um unsere Kinder, da kann man doch ein paar Skills verlangen. Markwart holt einen Flachmann hervor und reicht ihn Anja. Anja ist verblüfft. ANJA: Und den haben Sie einfach so einstecken? FRAU MARKWART: (Zuckt mit den Schultern.) Ich kümmere mich den ganzen Tag um Ihre Kinder. Anja lacht auf. Man grinst sich an. Anja trinkt, verzieht das Gesicht. ANJA: Warte! Sie hat die Idee, den Fusel in die Gewürzmilch zu geben und probiert. Es schmeckt ihr halbwegs. Sie bietet das Getränk der Markwart an. ANJA: Und? Frau Markwart nickt anerkennend. FRAU MARKWART: Nicht schlecht. Jetzt noch das i-Tüpfelchen Hackfleisch auf die Stirn und – Ohmmmm – rings ruht alles in Frieden. Anja lacht, wird aber gleich wieder ernst. ANJA: Welche Passwörter hat so’n junger Nazi eigentlich, was meinen Sie? „88“? „Sieg heil“? „Dem-Morgenrot-entgegen“? FRAU MARKWART: Das mit dem Morgenrot war unser. ANJA: Richtig.

FRAU MARKWART: Was haben Sie vor? Wollen Sie Finns Computer hacken? ANJA: Und sein Zimmer erkennungsdienstlich durchwühlen, seine Post, Tweets und seine Tagebücher lesen, tags Drohnen und Detektive hinter ihm herjagen und ihn nachts mit’m Babyphone verdrahten. FRAU MARKWART: Zu übergriffig. ANJA: Unbedingt! Ich kann gar nicht übergriffig genug sein. Ich will wissen, was er sagt und denkt, wer dahinter steht, mit wem er abhängt. Jede einzelne Fresse. FRAU MARKWART: Wir treiben ihn damit nur vor uns her und noch tiefer hinein. ANJA: Was schlagen Sie vor? Reden? Ich denke, das werden Sie versucht haben. FRAU MARKWART: Stunden und Tage. ANJA: Und? Frau Markwart schweigt und nippt an ihrem Glas. FRAU MARKWART: Vielleicht doch 88? Oder Schäferhund? ANJA: Was „Schäferhund“? FRAU MARKWART: Das Passwort. ANJA: Schäferhund? Machen Sie sich nicht lächerlich. Mein Sohn ist Nazi, kein Idiot. Gott, was für’n Satz! Hab ich den jetzt gesagt? Mann, helfen Sie mir! Was macht man denn bei so was? Was kann ich tun, bitte mal erstens, zweitens, drittens! Was würden Sie tun? FRAU MARKWART: Ich, na ja. Ich … Frau Markwart verstummt und sieht sie hilflos an.

10 Anja hat Finns Zimmer durchsucht, eine EnergieCottbus-Ku-Klux-Klan-Maske gefunden und sie sich aufgesetzt, um darunter ungestört und ungesehen zu weinen. In ihrem Kummer isst/ frisst sie dabei auch noch Chips (was durch die Maske immer wieder problematisch wird). Tine sitzt bei ihr, streichelt ­ ­hilflos ihren Unterarm und versucht, die Mutter zu beruhigen. TINE: … Mann, Mutti, das is’n Mann, ’n Idiot. Und ’n junger Mann, also doppelt Idiot. Hormone, Testos­ teron, Fußball und Pornhub – das ist alles in seinem Blut, das rauscht ihm durch die blöde Birne. Der kann gerade nüscht dafür. ANJA: (Kläglich) Nein. TINE: Um den Typen zu resozialisieren, sehe ich im Moment nur drei Wege: Erstens, der Junge muss endlich mal vögeln. Zweitens, er muss die Richtige vögeln. Drittens … Fällt mir jetzt nicht ein. Ist aber nach Erstens und Zweetens sowieso er­ ledigt.


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ANJA: Was? Was denn für vögeln, wie redest du denn mit mir? Das sind doch … sind doch keine Themen für ein Gespräch zwischen Mutter und … TINE: … Schon gut, ich hab nur versucht, mit­ zudenken. Aber wirklich, Mutti, du musst nich weenen, ja? Finn ist ein Arsch, aber so’n Arsch nu auch wieder nich. Komm, setz das Ding ab. Ich hab dich oft genug heulen sehen. ANJA: Hast du nicht! TINE: Gut, hab ich nicht. Aber seit ich zwölf bin, weiß ich, wie man aussieht, wenn einem der Mascara über die Backen läuft. ANJA: Du sollst mich so nicht sehen, ich bin deine Mutter. TINE: Ich bin hart im Nehmen. Anja zögert, zieht dann aber doch die Maske vom Kopf. TINE: (Erschrickt) Holy Shit! Setz das Ding wieder auf! Anja jault auf und setzt die Maske wieder auf. Thomas auf. THOMAS: Was soll das? Was hast du da auf dem Kopf? TINE: Ku-Klux-Klan. Tach, Paps. THOMAS: Das sehe ich. Aber wieso hat sie das auf dem Kopf? TINE: Sie hat Finns Zimmer durchschnüffelt wie die Stasi und dann das Ding gefunden. ANJA: Nicht wie die Stasi. TINE: Nicht wie die Stasi. Einfach nur geschnüffelt. Ganz normal. THOMAS: Ja und? Und deshalb hat sie jetzt …??? TINE: … Mann, sie flennt. Sie weint, weil sie ’n Nazi geboren hat. Sie überlegt, ob sie ihn noch zur Adoption freigeben oder noch reklamieren kann. ANJA: Tu ich nicht! TINE: Tut sie nicht. THOMAS: Und jetzt? Wo ist Finn? TINE: In seinem Zimmer. Sie hat ihn geknebelt und mit Kabelbinder an die Heizung gefesselt. ANJA: Hab ich nicht! Ich hab ihn nur in sein Zimmer gesperrt. Einstweilen. TINE: Wie Josef Fritzl in Österreich, einstweilen. ANJA: Was sollen diese idiotischen Sprüche! TINE: Wie du meinst: Sohn weggesperrt, ganz ­normal. THOMAS: (Zu Anja) Du hast ihn also wirklich ….?! Anja setzt die Mütze ab und faltet sie zusammen. Sie ist jetzt sehr ruhig und gefasst. ANJA: Ja, ich hab ihn eingesperrt. Ich wusste mir im ersten Augenblick nicht anders zu helfen. THOMAS: Du kannst ihn doch nicht einfach einsperren! ANJA: Doch. Also die Tür mit dem Bosch-­ Akkuschrauber, den ich dir zu Weihnachten …

Tine kichert. THOMAS: … nicht technisch. Darum geht es nicht. Außerdem kommt er problemlos nach draußen und kann Hilfe rufen. Er hat Handy, Laptop, PC und … ANJA: ... Rooter abgeklemmt, Handy mit dem Zimmermannshammer, den ich dir zu Ostern... TINE: … (Raunt begeistert) Genial! So viel kriminelle Energie kurz vor der Menopause! Was ist mit seinem Tablet, hat er noch sein Tablet? THOMAS: ... DU KANNST IHN NICHT EINSPERREN. Er ist dein Sohn! ANJA: Aber er will nicht aufhören, sich unmöglich zu benehmen. THOMAS: Wie benimmt er sich denn? ANJA: Unmöglich. Hörst du mir nicht zu? TINE: Ja Mann, Vaddi, sooo blöde ist das Alles nun wieder auch nicht. Vielleicht tut die kurze Sippenhaft in der Sippenhaft deinem Sohn ganz gut? Is wie’n Reset: der ganze scheiß Typ wird mal runtergefahren. Dann Neustart und zack, ist er wieder, wie ihr ihn kennt und haben wollt: süß, doof und abwaschbar. THOMAS: Die Schule, seine Freunde – man wird ihn vermissen. ANJA: Bremer diagnostiziert ihm was Ansteckendes. Tropisches Gelbfieber oder so. TINE: Spinnst du? Spricht sich das rum, bin ich erledigt. Niemand liked die Cholera. THOMAS: Spricht sich das rum, kann ich nicht mehr zur Arbeit. ANJA: Welche Arbeit? Du bist Security. TINE: Das war jetzt gemein. ANJA: „Gemein“, „Gemein“ – gemein ist, dass ich mit diesem ganzen Dreck allein bin. Miete, Dispo, Nazis und dazu ’n Mann, der es zu Hause gerade noch schafft, sich vom Klo aufs Sofa zu schleppen. Das ist gemein! TINE: HE! ANJA: Halt die Klappe! Du kannst nicht mal dein Zimmer machen oder mitn Müll runter, du kannst immer nur die Welt retten. TINE: Aha. ANJA: Ja aha. TINE: Liebe Mutti, wenn ich nicht die Welt rette, hast du bald nichts mehr zu putzen. Was hätte dein Leben dann noch für einen Sinn? Anja erstarrt. ANJA: Was?! Was sagst du da? THOMAS: (Beschwichtigend) Ey, Leute … ANJA: Du halt dich raus! (Zu Tine) Der Sinn meines Lebens ist also das Putzen, sagst du? TINE: Okay, war eins zu krass. Ich nehms zurück. Tut mir leid, Mutti, wirklich. Es. Tut. Mir. Leid!

CORA FROST, DIE RABTALDIRNDLN + JULIA GRÄFNER

ICH, TATORTKOMMISSARINNEN PERFORMANCE APRIL 05 06 20.15 UHR

THOMAS: Sie meints nicht so. ANJA: Bitte, Thomas: Tu, was du immer tust: Halt dich raus! TINE: Aber ich meins wirklich nicht so. Anja sieht sie an, ihre Stimmung schlägt bedrohlich um: sie lächelt plötzlich. ANJA: (Lächelt) Nee, nee, schon gut. Du hast recht. TINE: (Ängstlich und schnell) Hab ich nicht. Bitte. Ich bin jung und blöd und größenwahnsinnig, ich kann gar nicht recht haben, ich kann nur so tun. Wenn wir recht haben, dann ist es doch immer nur ne Selfie-Pose, sagst du doch immer. Bitte, Mutti, ich habs nicht so gemeint, nur hör auf, so zu lächeln! Bitte! ANJA: Ich lächele? TINE: Oder was das da ist. THOMAS: Anja? Geht’s dir gut? ANJA: Er hat auch gelächelt. THOMAS: Wer? Wer hat gelächelt. ANJA: Finn. Als ich ihn eingesperrt habe, hat er sich nicht gewehrt. Er hat nicht mal was gesagt. Nur gelächelt. So klinisch freundlich. Wie wenn man ’ne sabbernde und randalierende Irre ruhigspritzen will. (Zu Tine) Ihr scheiß Kinder seht uns ziemlich genau, wie? Hört auf damit, sonst werden wir nie Freunde! TINE: Wir sehen euch genau? Ja, was denn! Ihr gebt nicht allzuviel her, was man sich genau ansehen will. Jedenfalls bist du für mich weder wahnsinnig noch Putze. ANJA: Du liegst aber vollkommen richtig. Ich, wir – also dieser arme, vom Burnout zerschredderte Mann da und ich – wir schuften wie die Idioten, um uns ’ne Wohnung und haufenweise Dinge anzuschaffen, die ich dann (Lacht) putze. Ich putze sie! (Lacht) Putzputz putze! (Lacht zunehmend irre) Pitzpatzputz … Pitzepatzeputze … Putzpitzpatz … Putzpitzpatz … (usf.) Beginnt tänzelnd die Wohnung zu verwüsten. Thomas und Anja in Sorge. TINE: Tu was, Paps! Tu was! ANJA: Ich putze, weil ich bin so erzogen. Konditioniert. Abgerichtet. Wie heißt das jetzt, Tine? Wie sagt ihr immer? TINE: (Zuckt mit den Schultern) Gender? ANJA: Genau. Gender, ich bin Gender-Ost. Gender East. Bonjour, Monsieur, I am really original EastGerman-Gender, Sie können mit mir machen, was Sie wollen. Darf ich runter auf die Knie und vor Ihnen herwischen? (Singt) Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, Dann bleibe ich zu Haus Ich binde eine Schürze um Und feg die Stube aus.3 … (beliebig so weiter)

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TINE: PAPS, MANN! Endlich handelt Thomas. Er stoppt seine Frau, indem er auch was auf den Boden schmettert. Tine hält inne und sieht ihn interessiert an. Er verbeugt sich und fordert sie zum Tanz. Anja schmiegt sich sofort an. Die Eltern tanzen, Tine starrt sie an. TINE: Ihr tanzt? Ihr könnt doch jetzt nicht tanzen! Keine Reaktion. TINE: Ich … Also ich geh dann mal mitn Müll runter. Obwohl, Moment mal … Sie holt das Smartphone aus der Tasche, zieht das Hand-Teleskop aus und fertigt eins ihrer Youtube-­ Videos:

11 Das Video. Sie nutzt die weltvergessen tanzenden ­Eltern als Hintergrund. TINE: Da bin ich wieder, liebe Gemeinde. Heute mal mitten aus dem Herzen des Wahnsinns. Ja, ihr Lieben, es ist so weit, auch meine Familie wurde geschluckt. Hier zu meinen Füßen Müll, Randale, Favela (Zeigt) – ich stehe quasi bis zur Hüfte in der Unterschicht –, hinter mir zwei welke weiße Menschen (Zeigt), wie zwei Trostpflaster aneinander geklebt und ohne erkennbare Reflexe. (Demons­ triert: Wedelt mit der Hand vor den Gesichtern ihrer Eltern) Dieses Paar trauriger Zellhaufen – formerly known as meine Eltern – ist nicht etwa breit oder hat sich mit Meth oder Fusel die Lichter ausgeschossen (was man in hier in der Gegend gern praktiziert), es verlor den Bezug zur Wirklichkeit durch, na ja, die Wirklichkeit selber, will ich mal sagen. Die Realität zeigte meinen alten Herrschaften, dass sie nicht mehr willkommen sind, und also, Umkehrschluss, wollen die nun auch nicht mehr. Geh kacken, Realität, verpiss dich!, sagen sie sich und klammern sich aneinander wie Äffchen wenns donnert. Seht sie euch an. Schweigt und betrachtet gemeinsam mit ihrer Community die Eltern ein paar pietätvolle und traurige Sekunden lang. Thomas und Anja haben mittlerweile aufgehört zu tanzen und putzen nun einträchtig die Wohnung – sie lächeln sich dabei hin und wieder an. TINE: Seht sie euch an und begreift, dass wir von diesen Menschen, dieser Generation, nichts mehr zu erwarten haben. Sie werden uns nicht anführen, sie werden uns nicht helfen oder auch nur beraten. Sie werden uns zum Geburtstag und zu Weihnachten nie das Richtige schenken, ja, sie werden uns nicht einmal verstehen, nicht wissen, wovon wir reden und was wir wollen. Und sie tun von sich aus nichts. Echt! Nix, Null, Nada, Niente! Sie erfinden nichts mehr, hauen keinen Pflock in den

Dreck, sie lassen passieren. Und es passiert und passiert mit ihnen. Sie weinen in ihre analogen Familienalben und rascheln mit dem Seidenpapier. Sie blinkern mit den Augen und wimmern und blöken vor lauter Angst Nazi-Schweinkram oder wundern sich über Nazi-Söhne, aber es hört nicht auf zu passieren. Es passiert, bis endlich dann – ganz bald – kein Aas mehr weiß, was ein Ossi ist oder war. Ein Tier oder was, ein niederer Nager? Arme Mutti, armer Vati, sag ich für heute und winke euch aus dem Katastrophengebiet. (Winkt) Ab in die Sonne, ihr lovely Scheißerchen, Tschüssssiiii!

12 Der Schrei eines Irren: Finn. Er steht halbnackt mit blutigem Lambda-Zeichen auf der Brust im Fenster seines Zimmers. Hinter ihm schon Rauch und Flammen. FINN: (Brüllt, lacht, brüllt) SEID BEREIT/ IMMER BEREIT GREAT AGAIN VORWÄRTS IMMER/ RÜCKWÄRTS NIMMER SEI EIN EHRENMANN/ RETTE DIE ERDE, MANN WIR SIND DAS PACK WIR SIND DAS PACK ALLAHU AKBAR ALLAHU AKBAR ALLES MÜLLER, ODER WAS? (Singt) WIR GEBEN IHRER ZUKUNFT EIN ZUHAUSE (Wieder Sprache) WIR SCHAFFEN DAS WIR SCHAFFEN DAS SO GEHT BANK HEUTE AL­ LAHU AKBAR VOLLENDET VEREDELTER ­SPITZENKAFFEE SO GEHT BANK HEUTE EAT PUSSY, NOT ANIMAL KLIMA HOCH, KOHLE RUNTER PAPA, WENN ICH GROSS BIN, MÖCHTE ICH AUCH EIN SPIESSER SEIN BRILLE: FIELMANN DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH SO WERTVOLL WIE EIN KLEINES STEAK (Skandiert rhythmisch) WEHRT EUCH! WEHRT EUCH! WEHRT EUCH! WEHRT … … sein Vater taucht hinter ihm auf und reißt ihn ins Zimmer zurück. Nur noch die Flammen, der Rauch und Finns brüllendes Gelächter dann: PAUSE.

13 Klinik. Vater und Sohn im selben Zimmer. Bremer zu Besuch. Gerade zur Tür rein. BREMER: (Lacht verlegen) Na, was macht ihr denn für Sachen. TINE: Ich glaubs nich. BREMER: Bitte?

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TINE: Dass dieser bescheuerte Satz noch im Umlauf is. THOMAS: Och, ist doch keine so schlechte Frage. Na, was machen wir denn für Sachen? Finn! Wir sind quasi obdachlos. ANJA: Ich bin schuld. Ich bin schuld. FINN: Quatsch! ANJA: Aber … Aber du kannst doch nicht so … so verzweifelt sein. TINE: Der Idiot hat die Bude doch nicht angezündet, weil er verzweifelt ist! THOMAS: Und warum dann?! Finn schweigt, Bremer hüstelt, Anja weint. BREMER: Sollte ich euch vielleicht doch ausein­ anderlegen lassen? TINE: Jute Idee, Onkeldoc Bremer, weil die Family ja noch nicht genug demoliert ist. Anja jault auf. BREMER: Es sieht jedenfalls gut aus, wisst ihr ja bestimmt schon. Aber ich hab noch mal von Kollege zu Kollege mit den Ärzten geredet. Euch hats nicht sonderlich schwer erwischt, Glück im Unglück, wie man so … TINE: … gleich knallts. BREMER: Jedenfalls: Heilung braucht Ruhe. TINE: „Hoilung broacht Ruhe“ – Is jetzt wirklich Tag des Abreißkalenders? Der braucht keene Ruhe, der braucht ’n Arzt, der ihn festschnallt und sediert, der braucht ’n Irrenarzt! THOMAS: Tine, bitte. BREMER: Auch das. Auch psychologische Betreuung. FINN: WAS?! BREMER: Nur zur Sicherheit. Womöglich irgendwelche traumatischen Erfahrungen, die da im Hintergrund mitschwingen. TINE: Da schwingt nüscht, er is’n Psycho und aus die Maus. THOMAS: TINE, HÖR AUF! MACH MICH NICHT WILD! TINE: (Prustet vergnügt) Wild, Paps. Wirklich? ANJA: Was denn für traumatische Erfahrungen? Ich war doch da, hab ihm doch immer vorgelesen, Timur und sein Trupp, Drei kleine Schweine, Wie der Maulwurf Mäuslein rettete, wir warn im Plänterwald, auf Usedom, Italien und Dingens, na, da wo du die Calamari nicht so vertragen hast … TINE: Was weeß ich, Spremberg? ANJA: Ja, nur mit Palmen. FINN: Pasadena. ANJA: Genau. Und wir haben in Prerow sogar zwischen den Dünen gezeltet, zwischen den Dünen! Und ich war bei allen Spielen der C-Jugend dabei,

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im Shirt, im Shirt! Und ich hab … Finn, du hattest es doch … (kläglich) gut? THOMAS: Ja, Anja. Er hatte es gut. TINE: Nu ja, Gemeinde, mal bissel Wasser in den Wein: ihn einzusperren und die Schlüssel runterzuschlucken war vielleicht doch bissi, naja, pädagogisch suboptimal. ANJA: (aufgeregt) Ich hab ihn nicht runtergeschluckt! Ich kann so große Sachen gar nicht schlucken. Da! (Zeigt ihren Rachen). Ich muss sogar die Pille teilen. Sogar die M&Ms. Da! (zeigt) TINE: Schon gut, Mutti, war gerade mehr metaphorisch. FINN: Lass sie da raus. Die kann nichts dafür, gar nichts! ANJA: ABER WER DANN, FINN?! WER DANN?! Sie wollen uns verhören, Junge! So richtig, richtig mit Verhör. Ich bin noch nie verhört worden. Mein Gott, was zieht man denn da an? Weint, schluchzt. Bremer tritt an sie heran und legt tröstend eine Hand auf ihre Schulter. BREMER: Keine Sorge, Anja, das ist so gut wie erledigt. Die Sprachregelung ist „Unfall“. Wir hatten einen Unfall. Und zwar mit einer Kerze. FINN: Und zwar mit einer Kerze? BREMER: Und zwar mit einem Stövchen. FINN: Was zum Geier ist ein Stövchen? ANJA: Was zum Warmhalten von Tee, mein Schatz. FINN: Tee? ANJA: Ein Getränk. TINE: (Prustet) Ich liebe diese Sippe. Leute, wir sind unterstes Mittagsfernsehn, ist euch das eigentlich klar? THOMAS: Halt doch ein Mal den Mund, bitte. Nur ein Mal! Anja fasst und strafft sich. ANJA: Jedenfalls … Ich geh dann mal die Schwester nach ner Vase fragen. THOMAS: Hast du schon. ANJA: Was denn? THOMAS: Die Schwester nach ’ner Vase gefragt. Zwei Mal. ANJA: Und? Hatte ich Erfolg? ALLE: JA! ANJA: Na bitte. Setzt sich stolz. Tine tritt an Finns Bett. FINN: Hau ab! TINE: Hau ab? Hau ab, sagst du Arschloch zu mir?!? Einen Dreck werd’ ich tun! Erst will ich mal paar Antworten. Was sollte die Show auf’m Fensterbrett? Kleine Performance für den NazischweineVerein, paar Klicks generieren? „Sieg heil, ich brenne für die Sache“, oder so?

FINN: Du hastse doch nicht alle! TINE: Und wieso ist das Ding schon im Netz und geht viral? Du bist sogar schon in der Zeitung. Wer hat das gefilmt und wer hat das reingestellt, wer, du Sack, wer? FINN: WEESS ICH DOCH NICHT! Hau ab!! Gibt’s hier nicht so’n roten Knopp, wo paar Pfleger kommen und die Irre an den Haaren rausschleifen? BREMER: Tine, wirklich, ihr könnt das alles ­später … ANJA: … Tine, bitte! Anja nimmt Tine, Tine beherrscht sich mühsam. Zeigt mit zwei Fingern auf ihren Bruder. TINE: (Durch die Zähne) Ich krieg dich, Brüderchen! Ich krieg dich! Solche wie du gehören zwangseingewiesen! Sediert und fixiert und … BREMER: … Ja, ja, später, alles später. (Schiebt Mutter und Tochter zur Tür und aus dem Raum) Wir lassen die Beiden jetzt mal ausschlafen. Dreht sich noch einmal zu Thomas um. BREMER: Und, Tom, wegen der Wohnung mach dir keine Sorgen. Fürs Erste kriecht ihr bei mir im Verein unter, ja? THOMAS: Und das geht? BREMER: Kein Problem. Wir kümmern uns. THOMAS: Danke. Bremer nickt, Blickkontakt mit Finn, dann geht er. Vater und Sohn mit sich allein. Schweigen. Dann quält Thomas sich aus seinem Bett, schleppt sich mit dem Tropfständer zu Finn und setzt sich zu ihm aufs Bett. FINN: Was wird das? So’n Vater-Sohn-Gespräch? THOMAS: Und was wenn? Finn schweigt bockig. Thomas legt ihm die Hand auf den Arm. THOMAS: Vielleicht ist dir ja nur alles ’n bisschen zu viel geworden. FINN: Zu viel? Zu WENIG, Mann! Das ist alles, alles scheißnochmal ZU WENIG! Der Vater sieht ihn an. Lichtwechsel.

14 Vater und Sohn. THOMAS: Zu wenig? FINN: Guck dich doch mal an. Du lässt dir von Mutter schon ’n handgedengelten Wochendosierer für deine Tabletten schenken, trägst Schnippsgummiband gegen Panik-Attacken ums Hand­ gelenk und riechst an Nüssen! An Nüssen, Paps, kleinen blöden Nüssen. Du hasst Nüsse! THOMAS: Eine Achtsamkeits-Übung.

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FINN: Aha, „achtsam“, wen achten wir denn? Dich selbst? Lohnt sich das noch, oder sitzt du schon wie Ferdinand der Stier auf der Wiese und „achtest“ nur noch Pusteblümchen? Mann, du hattest mal ’n SRs6300 unter dir, zweihundervierzigtausend Tonnen Abraum pro Tag, zweihundertvierzigtausend! ICH BIN BERGMANN, WER IST MEHR?! – wo isn das, wo isn das hin? THOMAS: Ich bin kein Bergmann mehr. FINN: Und was bist du jetzt? THOMAS: Ich … Muss abbrechen, schlucken, Gummiband am Hand­ gelenk schnippsen und sich die Augen trocknen. Finn ist verächtlich, fast angewidert. FINN: (Leise zu sich) Nicht. Bitte. Nicht auch noch das. THOMAS: Schon gut. Geht gleich wieder. (Lacht knapp) Es heißt ja, die Alten haben zu bewahren und die Jungen sollen einreißen und zerstören, aber was verdammich hat euch Bande so neunmalschlau, kalt und brutal gemacht? Für Tine ­arbeitete ich ein ganzes Arbeitsleben lang als Massenmörder, und du siehst mich an, als wäre ich irgendwas, was man sich sofort mit’m Stock aus der Schuhsohle kratzen muss. FINN: Wir sollen dich trösten? THOMAS: Was ja auch zu peinlich wäre. Richtig menschlich, kotz. Aber nein, keine Umstände, der Fall liegt komplizierter. FINN: „Kompliziert“ und „komplex“, klar. Die Buzzwords. Eure Joker auf alle Fragen. THOMAS: Und ihr habt die Antworten, ich weiß. Sämtliche Antworten. Knapp und klar, sodass sie

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euch aufs Plakat und das T-Shirt passen. Aber manchmal, mein lieber Sohn, manchmal ist es eben nicht damit getan, auf die Straße zu gehen und bissel was zu rufen. Ihr seid alt genug, um das endlich mal zu begreifen. Ihr könntet zumindest akzeptieren, dass es in neun von zehn Fällen nicht nur Entweder/ Oder geht. So blöd sich das auch twittert. FINN: Akzeptiert. Dreht sich auf die Seite, weg vom Vater. THOMAS: Das wars? Dreht sich noch einmal zurück. FINN: Gut, wie du willst: das Entweder-OderSpielchen: Also entweder ihr baggert unsere Vergangenheit – unsere „Heimat“, wie Tine plärren würde – also entweder ihr baggert uns unsere Heimat unterm Hintern weg, oder ihr verscherbelt ­unsere Zukunft an den Meistbietenden. Entweder/ Oder, lieg ich richtig? In etwa? THOMAS: In etwa. Was schlägst du vor? FINN: Vielleicht ’n bisschen Rückgrat für den Anfang. Erst habt ihr euch das ganze Land wegnehmen lassen, dann das Revier und den Job und jetzt machen sie euch zu Bittstellern oder jagen euch in alle Richtungen auseinander. THOMAS: Also doch Sieg Heil, die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen? Finn schweigt einen Moment und sieht ihn ruhig an. FINN: Gegenfrage. Was vermisst du eigentlich an der Grube? Früh um viere raus, die Baracken im Nebel, vorm Spind bis in die Eingeweide friern, die großen Vaterländischen Winter mit vereisten Gleisen und erfrorenen Pfoten, Frost bis zur Blick­ starre, dann der Schlamm im Herbst, die perverse Hitze ohne Luft und Schatten in den Sommern, den feinen Kohlestaub, den du nicht mehr aus den Poren geschruppt kriegst, nicht mehr aus den Schleimhäuten, aus den Augenwinkeln, aus Nase und Ohren, sogar zwischen deinen Zähnen: alles Kohle Kohle Kohle, was vermisst du? Ich kann mich noch gut erinnern, dass du jeden Tag geflucht hast: Zuscheißen das Loch und Tropical ­Island drüber. Ich meine, dann wäre doch jetzt alles tutti. Du könntest innerlich unter Palmen liegen, stattdessen hockst du im Stuhlkreis der ambulanten Tagestherapie. Was vermisst du an der Grube so sehr, dass du Kerl von nem Kerl die Nummer deines Therapeuten auf Platz 1 deines Kurzwahlspeichers setzen musst? THOMAS: Tja, gute Frage. FINN: Die beste. THOMAS: Na ja, hm. Vielleicht … Man war wer. Für andere, für sich selber. Und das hat nicht mal was mit Geld zu tun. Auch, ja, aber nicht nur.

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­ ieses „Ich bin Bergmann, wer ist mehr“ stimmt D schon. Ich wusste, dass ich was wert bin und wo ich hingehörte. FINN: Siehste. THOMAS: Was „siehste“? FINN: Geht mir nicht anders. Ich bin da, wo ich was wert bin und wo ich hingehöre. THOMAS: Is doch jetzt nicht wahr! Du vergleichst die mit …? Tine, warum gehst du nicht zu Tines Truppen? FINN: (Lacht) Nicht dein Ernst! Selbst du kannst keinen Satz zu ihr sagen, ohne zwei Mal korrigiert zu werden. Außerdem bin ich für die wohl kaum was wert. Du auch nicht. Wir sind Männer, wir habens vergeigt und uns erstmal ganz weit hinten anzustellen. Thomas wird in seiner Hilflosigkeit energisch: THOMAS: Schluss jetzt! Finn, du bist noch keine achtzehn; ich verbiete dir, da weiter hin zu gehen. Verstanden? Ich ver-biete es dir! Ab sofort hast du keinen Kontakt mehr zu diesen … diesen Leuten. FINN: (Lacht auf) Klar, Vati. Aber klar. THOMAS: (Erstaunt) Klar? FINN: Jawohl! Ey, Sir!: Ab soforrrrt keinen Kontakt mehr. Kann ich jetzt schlafen? Ich brauche nämlich Ruhe, sagt der Arzt. Dreht sich endgültig auf die Seite und von ihm weg. THOMAS: Ja. Sicher. Entschuldige. Er sieht noch einen Moment ratlos auf den Rücken seines Sohnes. Steht dann auf und schlurft zu seinem eigenen Bett. Auch da sitzt er einen Moment, blickt noch einmal zu Finn. THOMAS: Gute Nacht. FINN: Gute Nacht. Dunkel.

15 Die Markwart in Bremers Praxis. Sie lässt sich untersuchen. Er hört sie gerade ab, findet nichts. BREMER: Übel sagen Sie? FRAU MARKWART: Kotzübel. BREMER: Morgens? FRAU MARKWART: Morgens, mittags, abends. Wann Sie wollen. BREMER: (Lacht) Wann ich will. FRAU MARKWART: Ja, lustig, nicht wahr. Bremer hat die Untersuchung beendet. BREMER: Tja, körperlich ist alles insoweit in ­Ordnung. Noch. Aber ich schreibe Ihnen mal was auf, was …

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FRAU MARKWART: … Sagen Sie, geht’s den ­ rzten eigentlich schlecht? Ich meine, hier in der Ä Gegend? BREMER: Bitte? FRAU MARKWART: Ob es den Ärzten hier schlecht geht. Mal nur so interessehalber. BREMER: Nö. Eigentlich nicht. Kann man nicht sagen. Uns geht’s hier nicht anders als anderswo. (Zurück in den ärztlichen Tonfall) Also ich schreibe Ihnen dann mal … FRAU MARKWART: … und der Hippokratische Eid. Gilt der noch? Bremer legt den Stift weg und sieht sie an. BREMER: Was wollen Sie? FRAU MARKWART: Was gegen meine Übelkeit. BREMER: Vielleicht sollten Sie einfach etwas weniger trinken. FRAU MARKWART: Das diagnostizieren Sie? BREMER: Das rieche ich. FRAU MARKWART: Weniger trinken. Ja. Ich fürchte nur, dass das nicht hilft. Im Gegenteil. Ich war gestern bei Land & Leute e.V. und habe Ihren Vortrag gehört und da ließen Sie mir, wie soll ich sagen, keine andere Wahl. Lacht, holt ihren Flachmann raus, prostet ihm zu und nimmt einen Hieb. BREMER: Frau Markwart, das ist hier nicht der Ort für politische … FRAU MARKWART: … alles gut, voll ausstudiert, promoviert, schicke Praxis mit Hockney-Repros an der Wand, vor der Tür einen nagelneuen Tesla (hebt den Daumen) Vorbildlich!, das Eigenheim ein Wassergrundstück, haben Sie auch ein Boot? Klar, bestimmt haben Sie auch ein Boot. Aber immer noch, IMMER NOCH, quengeln und klagen und jammern Sie, wie dreckig es Ihnen geht, wie schlecht der Staat, das ganze böse Land zu Ihnen ist. Kriegen Sie den Hals nicht voll, Herr Dr. Bremer? Reichts denn nie? (Bremer schreibt) Was schreiben Sie da? BREMER: Die Adresse eines Kollegen, ein Suchttherapeut. Guter Mann. Die Markwart reißt ihm Papier und Stift aus der Hand und wirft ihm den Stift ins Gesicht. Und baut sich dicht vor ihm auf. FRAU MARKWART: Da! Da ist sie wieder! Diese ölige, verlogene Fürsorge! Ich brauche keine Therapie, ich brauche … (Wird laut und eindringlich:) Junge, du bist Arzt! Arzt! Du hast den Hippokratischen Eid geschworen „ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht“, noch ein Begriff? Zweitausend Jahre alte Worte: BEWAHREN VOR SCHADEN UND WILLKÜRLICHEM UNRECHT.

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Du kannst dich nicht mit denen abgeben, das geht einfach nicht. DU. KANNST. KEIN. NAZI SEIN, du nicht! Kapierst du das nicht? Sie hat im Rhythmus der Silben in der Praxis randaliert, Dinge auf den Boden geschleudert usw. Jetzt sackt sie erschöpft auf den Stuhl. Leise, sehr leise und verzweifelt: FRAU MARKWART: (Verzweifelt) Das kann doch alles nicht … Hilfe, mein Gott. Hil-fe! BREMER: Wenn Sie jetzt bitte gehen würden. FRAU MARKWART: („Erwacht“) Wie? Ja. Selbstverständlich. Gleich sofort. Nur noch: Könnten Sie vielleicht wenigstens die Familie Walter da rauslassen? Ich hab den Finn in der Klasse und … BREMER: … Die Lehrerin. Sie sind das? FRAU MARKWART: Ich bin das, ja. Und Finn, also … Bitte, er ist doch noch ’n Kind bitte! BREMER: Er ist fast volljährig. Und die Walters sind, soweit ich weiß, auch nicht geistesschwach oder entmündigt. Sie machen sich ihr eigenes Bild, ihre eigene Meinung. Wir leben in einer Demokratie, Frau Markwart. (Lacht wie über einen Witz) Einer Demokratie. Und, liebe Frau Markwart, selbst Ihnen dürfte doch nicht entgangen sein, dass Sie mit Ihrer ich sag mal DDR-antifalinksfossilen Haltung selbst in Ihrem eigenen Lehrerzimmer so langsam sehr allein dastehen. Oder wollen wir mal einen Blick in die Mitgliederlisten des Vereins werfen? Oh, nein! Darf ich ­Ihnen nicht zeigen. Datenschutz! (Lacht) Ihr Linken denkt auch an alles. Die Markwart nickt in sich hinein. Sie hat nichts anderes erwartet. FRAU MARKWART: Also nicht. BREMER: Frau Markwart, bitte! (Weist auf die Tür) Das Wartezimmer ist voll. Andere wollen auch. FRAU MARKWART: Ja. Entschuldigen Sie. Sie steht auf, und richtet sich sachlich die Kleidung. Bremer sieht ihr mit verschränkten Armen dabei zu. FRAU MARKWART: Also ich geh dann mal. ­Schönen Tag noch. BREMER: Prösterchen. Er grinst sie an. Sie hält inne, macht sogar einen Schritt auf ihn zu, sie hat den Impuls, ihn zu schlagen. Geht dann aber nur. (Oder schlägt sie ihn doch?)

16 Die Markwart trinkt eine riesige Flasche Wasser, stopft sich Brötchen in den Mund, operiert mit Rachenspray – alles, um für Anja nüchtern zu werden. Anja kommt und stürmt sofort auf sie zu.

FRAU MARKWART: Danke, vielen Dank, dass Sie die Zeit gefunden … ANJA: (wütend) … ich habe überhaupt nichts gefunden. Ich habe Ihnen schon am Telefon gesagt, dass ich Ihnen nichts mehr zu sagen habe. Gar nichts! FRAU MARKWART: Bitte, Frau Walter, ich … ANJA: … Lassen Sie mich und meine Familie mit Ihrer Paranoia in Ruhe. Mein Sohn mag zwar nicht in Ihr Geschichtsbild passen, aber diese Hetze! ICH HABE FINN EINGESPERRT, FRAU MARKWART, EINGESPERRT! Da sehen Sie, wohin das führt. Den eigenen Sohn, weil ich dachte … weil ich Ihnen glaubte … weil … Er ist kein, Nazi, bitte. (Schluchzt) Er ist keiner. Nicht mehr. Er ist viel zu klug dafür. Die Zipfelmützen und Fan-Schals sind im Müll. Nirgendwo Leder oder schwarze Shirts mit komischen Buchstaben oder so Zeugs. Wirklich! Glauben Sie mir, ich lege ihm jeden Tag die Sachen raus. Bricht wieder in Tränen aus. Die Markwart will trösten, weiß aber nicht, wie. Fast hätte sie ihr wieder vom Flachmann angeboten. Sie nimmt Anja vorsichtig in den Arm. FRAU MARKWART: „… und die Kapitäne grüßen sich von den Brücken aus zu“ ANJA: (Kläglich) Was? FRAU MARKWART: Ein Spruch. Ihr Hausarzt zitierte ihn in einem Vortrag. Stellen Sie sich einen Konvoi von Schiffen vor. Viele verschiedene, sehr verschiedene. Ein mächtiges Kreuzfahrtschiff für den sogenannten Normalbürger, eins aus Stahl und Kanonen für die, die es härter brauchen, aber auch ein paar sehr elegante mit Segeln, Abenteueroder Expeditionsschiffe für die Entdecker, für die Klugen, die mehr als nur Frühstücksbüfetts oder dumpfes Geballer wollen. ANJA: Was denn für Schiffe? FRAU MARKWART: Sehr verschiedene eben. Man denkt, und das soll man denken, sie hätten nichts miteinander zu tun. Aber sie sind ein und derselbe Konvoi, eine Mannschaft. Und die Kapitäne grüßen sich von den Brücken aus zu. Sie wollen nur nicht, dass wir es sehen. Anja starrt sie verständnislos an. ANJA: Aha. FRAU MARKWART: Ja. ANJA: Haben Sie getrunken? FRAU MARKWART: Verstehen Sie nicht? Ihr Hausarzt will sagen, dass sie alles im Angebot haben. Für jeden genau sein Schiff. Auch für die Jungen und Klugen, auch für die Finns. Anja stößt sie weg und brüllt. ANJA: Er ist KEIN NAZI! FRAU MARKWART: Bitte, Frau Walter, Sie müssen ihn da rausholen. Weg von diesem Mann, weg

von Bremer! Bit-te! Tun Sie es für sich, für Ihre Familie, tun Sie es für Finn! ANJA: Und nun auch noch der Hausarzt, ja? Der Einzige, der sich um uns kümmert, ist nun auch noch auf Ihrer schwarzen Liste. Markwart, Sie linksvernagelte, versoffene … (sucht nach dem heftigsten Schimpfwort) … OSTLERIN! Hauen Sie ab! Lassen Sie uns in Ruhe oder ich zeige Sie an, haben Sie verstanden? Ich knall Ihnen den Pelz voll Prozesse, ist das klar?! FRAU MARKWART: Ja. ANJA: Ich zeig Sie an, das mach ich! Das mach ich wirklich! FRAU MARKWART: (Müde) Ja. Anja weiß nicht recht, wie sie aus der Situation kommen und sich verabschieden soll. ANJA: Also dann ist ja … Äh … Ja. Geht mit knallenden Absätzen davon. Frau Markwart wirkt plötzlich sehr alt. Sie setzt sich vorn auf den Bühnenrand (oder auf eine Bank), starrt ein paar nachdenkliche Sekunden vor sich hin und holt dann den Flachmann raus. Security Martin kommt und stellt ein erstes Warnhütchen auf. Er rückt es nahezu künstlerisch zurecht. Man lächelt sich freundlich an.

17 Frau Markwart trinkt vor sich hin (lallt schon leicht), während hinter ihr Security Martin weiter Warnhütchen (Leitkegel) aufstellt und Absperrband zieht. Dann wird er fertig und ist mit sich sehr zufrieden. Er setzt sich – in angemessener Entfernung – zur Markwart, holt die Tupperware raus und geht in die Pause. FRAU MARKWART: Bin im Urlaub. MARTIN: Klasse. FRAU MARKWART: Na ja, wurde beurlaubt. MARTIN: Scheißdreck. FRAU MARKWART: Ja. Essen, Trinken, Schweigen. Plötzlich fällt Martin was ein und er lacht auf. MARTIN: Aproporz: Neulich hab ick auch sone Schote mitm Penner erlebt. Sprem (Spremberger Straße – OB), Fussgängertunnel, also eigentlich mehr so Nähe Alte Jenny Marx, die Buchhandlung, also da, wodawo der Springbrunnen … FRAU MARKWART: … Kenn ich, aber Zwischenfrage: Sie sehen mich an, und Ihnen kommen Bilder von einem Obdachlosen in den Kopf? Martin weiß nicht, was sie meint. MARTIN: (Unsicher) Jaaa? FRAU MARKWART: Schon gut. Weiter! Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Also was war da in der Nähe der alten Jenny Marx?

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18 MARTIN: (Begeistert) Ja, Tatsache! Die wolln komm. MARTIN: ’n Penner. ’n deutscher Penner. Sitzt da Tine, wieder im Sorbinnen-Outfit, tanzt wie eine FunFRAU MARKWART: Und da störe ich. Störe das und hält sein leeren Kaffebecher hoch, aber keen kenmarie vor den Demonstrierenden auf. Sie skandiert Bild. Ich: Bildstörung Frühstücksfernsehen. HuAas schmeißt wat rin. Aber denn, pass uff!, denn Sprechchor, winkt ins Publikum und filmt sich dabei sch, husch, zurück ins Studio, die Alte verzerrt uns kommt so’n Dingens, na, so’n Syrer eben. Also so (ihre Bilder bitte parallel auf die Leinwand.) das Bild? Ausländer. Und der kuckt zwar, aber looft vorbei, Vorn angekommen stoppt sie mit einer Handbewegung Martin lacht über den vermeintlichen Witz. Dann aber denne, denn machter kehrt und kommt zuden Lärm und beginnt ihre Schlussrede/ Youtube. plötzlich dienstlich ernst: rück zu dem Penner. Dem deutschen Penner. TINE: Liebe Mutti, lieber Paps, liebe Oma und Opa, MARTIN: Ja. Kommt zurück und – jetzt halter feste! – schmeißt liebe Alle – na, sagen wir: – liebe Alle-über-FünfFRAU MARKWART: Ja? dem Penner ne Mark in den Becher. Vastehsse? undzwanzig, so siehts aus. Das Wetter vergiftet, MARTIN: Ja. Der syrische Syrer schmeißt dem deutschen Penner das Wasser voll Plaste, überall kommen Nazis und Frau Markwart sieht den Mann an. Lacht knapp und ne Mark in den Becher. Verrückt, wa? Total verperverse Narzissten an die Macht. Das Wohnen, fassungslos, fängt sich dann aber wieder. Trinkt einen kehrte Welt. Energie Bus&Bahn, die Information – alles, was mächtigen Schluck, schraubt die Flasche zu. Die Markwart glaubt, sich verhört zu haben, aber wichtig ist, wenn ein Land gut und halbwegs FRAU MARKWART: Wissen Sie wat? (Lacht): Martin strahlt und mampft seine Stullen aus der Tupmenschlich funktionieren soll, wurde an die WirtStimmt! Sie haben recht: ich kann hier nicht bleiperware. Die Markwart entscheidet sich, nichts zu saschaft verscherbelt, aber – bis auf ne Handvoll Leuben. Wirklich nicht. gen und einen Hieb aus der Flasche zu nehmen. te – werden wir trotzdem arm sterben. Der SoziaSie steht auf, lacht, und torkelt davon. Dabei immer MARTIN: Sie können hier nicht bleiben. lismus ist an bornierten alten weißen Männern wieder, als wolle sie sich selbst amüsieren: „… kann FRAU MARKWART: Bitte? Aber ich konnte doch verreckt, die sogenannte Soziale Marktwirtschaft hier nicht bleiben“ (lacht) „kann hier nicht bleiben“ die ganze Zeit. Sie haben sich sogar neben mich auch. Aus Religionen sind Kampfbegriffe geworUsw. gesetzt und sich mit mir unterhalten. den, auf den Meeren ersaufen die Leute mitsamt Martin sieht ihr nach, schüttelt besorgt den Kopf, MARTIN: Da hatte ick Pause. Ein berührendes ihren Kindern und wir lassen es zu. Die Familien seufzt, packt die Tupperware zusammen und steht FRAU MARKWART: Und jetzt? Dokument deutschim Eimer, die Geschlechter verfeindet – ja, gibt’s dann dienstlich auf. Er stellt sich hinter die AbsperrunMARTIN: Hab ick wieder Dienst. denn irgendwas, was ihr NICHT vermasselt habt? gen, richtet seinen Anzug und holt ein Fähnchen aus deutscher Trennung FRAU MARKWART: Und? IRGENDWAS?!? Ich meine, jeder macht mal Fehder Innentasche. Er ist winkbereit. Sobald das so ist: MARTIN: Sie können hier nicht bleiben. Buchpremiere ler, aber doch nicht gleich alle! überlaut Demonstrationslärm, Sprechchöre „KLIMA Pause. Frau Markwart starrt ihn an. DraegerKOHLE und RUNTER“ u.ä., Video-Projektion Aber, ist, wie’s is, wir MARTIN: Mir persönlich is wurscht, ickmit habLea HOCH, BUCHPREMIEREokAM Aok, M Schwamm 1 19.6.2011, 9.6.201drüber. 1, 11 11EsUHR Thomas Thieme müssen sehen, wie wir damit klarkommen. Nein, einer Demonstration – dabei (Nähe Schlussapplaus) nüscht jegen Sie. Aber is Klima-Freitach und die Hans-Ulrich Müller-Schwefe PRAG QUADRIENNALE, GOETHE-INSTITUT PR AProduktions­ G QU ADRIENNAL , GOE THE-INSTITUT Neuhardenberg und Susan Todd (Hg.) und die janzeSchloss nicht ihr:LE Wir! Ihr lasst jetzt mal schön die Pfoten vielleicht sogar Aufmarsch des ganzen Kleenen mitte Spruchbänder LaufISBN 978-3-942449-02-1 26. Juni 2011, 17 Uhr weg und uns machen, ja? Packt uns vielleicht teams mit Fähnchen. kundschaft346 hinter die Absperrungen und so. DiesSeiten 25,00 € / 41,90 CHF noch Rucksack, mal solln ooch wieder Kameras mit bei sein. Früh48 4 8 EURO 8 82 2 CHF ISBN 9 978-3-942449-03-8 78paar -3-94Stullen 2449-0in 3-8den THEA THEATER AT TER DERzahlt ZEITdie Flatweiter und dieTHEATERDERZEIT.DE ersten Mieten, aber stücksfernsehen. PORTOFREI IM BUCHHANDEL / / rates POR TOFRE EI UNTER THEA AT TERDERZEIT .DE dann haut ab, macht einfach den Weg frei, ja? Vertraut FRAU MARKWART: Frühstücksfernsehen.

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uns, Leute. Wirklich, wir machen das und holen uns da raus. Glück auf den Weg uns allen, Glück auf! Jubel, Sprechchöre, Musik will einsetzen, aber Tine gebietet noch mal Ruhe. Warte. Noch schnell mit aufs Bild? Klardoch, gerne. Sie dreht sich um und fotografiert sich mit dem aktuellen Publikum im Hintergrund – das Bild erscheint auf der Leinwand. Beifall, Fahnenschwenken, Schluss­ applaus. Ende Dann aber doch nicht. Alle kommen auf die Bühne, Thomas sorgt für Ruhe für den folgenden Nachtrag:

19 Kiss Off Alle zum Publikum: THOMAS: Hier war eigentlich Schluss mit dem Stück. Sein Entwurf hatte einen Preis gewonnen, es wurde geschrieben und war so Mitte des vergangenen Jahres fertig. ANJA: Aber wie das manchmal so ist, ist das manchmal. Gerade noch flehten wir im Text den amerikanischen Wirtschaftsmogul Elon Musk an, da erschien er tatsächlich. TINE: So wirksam kann Theater sein. BREMER: (genervt) Tine, Mann! TINE: Sag ja nur. FINN: Jedenfalls stieg Gott herab, nahm einen deutschen Fernsehpreis entgegen und äußerte bei der Gelegenheit, dass er ein Werk, eine GigaFactory, in die Brandenburger Pampa krachen

will. Und zwar schneller noch als der verschissene Flug­hafen, an dem das Land schon ewig pfuschte. BREMER: Und genau so geschah es dann auch. Also jetzt Werk, nicht Flughafen. THOMAS: Arbeit. Ar-beit! BREMER: Zehntausendfach. ANJA: Mit einem Schlag wurde alles anders. FRAU MARKWART: Wieder anerkannt und zu ­etwas nütze, wurden die Ostler nun plötzlich wieder so, wie sie eigentlich waren: großzügig, warmherzig … ANJA: … offen und gastfreundlich … BREMER: … klug und … TINE: … gendersensibel … FINN: (stöhnt) Oh, man. TINE: Wat denn?! FINN: Schon gut. Ich liebe dich. THOMAS: Nirgendwo gab es noch Nazis. Keinen einzigen. BREMER: Ich lernte auf Zahnarzt um, bleachte Zähne im Akkord auf Hollywood-Weiß und spendete das Geld syrischen Flüchtlingen. FINN: Und ich begann Gedichte zur Gitarre zu schreiben und züchtete in der Freizeit Welpen. FRAU MARKWART: Wie gesagt: Wir – Sie alle! – waren mit einem Mal heiter, entspannt … BREMER (als MARTIN): … und keen bisschen Angst und immer jut durchjeschlafen. Austherapiert und ausjefrühstückt … ANJA: … regelrecht knuffig, wie der Psychologe sagt. FRAU MARKWART: Wir redeten zwar jetzt mit leicht amerikanischem Akzent …

FINN: … aber, so what, auch verdammt lässig. BREMER: So war das, schrieben die Geschichts­ bücher. So wurden die Ossis wieder, wie sie mal waren. FRAU MARKWART: Und dafür danken wir euch, denn es war knapp. In letzter Minute. Kurz bevor wir in Kälte, Gehässigkeit und braunem Dreck versunken wären. Dankeschön, dass ihr jetzt seid, wie ihr seid. DANKE! Alle verneigen sich vor dem Publikum und applaudieren ihm zu. Ende

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Nicht Tines Idee. Tatsächlich hielten im Oktober 2018 am Lausitzring etwa 500 Demonstranten Taschenlampen in den Himmel, um vor Tesla für sich und die Region zu werben: https://www.lr-online.de/lausitz/senftenberg/ lausitzer-machen-licht-auf-dem-lausitzring-­fuertesla_aid-33850409 Je nach Aufführungsort https://www.golyr.de/kinderlieder-ddr/songtext-wenn-mutti-frueh-zur-arbeit-geht-451410. html

Copyright © Gustav Kiepenheuer Bühnen­ vertriebs-GmbH, Berlin 2019 Alle Rechte vorbehalten.

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Magazin Wahlkampf im Riesenrad Staunen, Schreck und Attraktionen – Unter den neuen Künstlerischen Leitern Tom Kühnel und Jürgen Kuttner wird das Brechtfestival in Augsburg zum Spektakel  Mehrfachbelichtung eines Künstlers Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist eine ästhetische und durchaus politische Hommage  Geschichten vom Herrn H. Heul leise, Lars  Auf unermüdlicher Suche nach dem Wesen des Menschen und der Welt In Erinnerung an die Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin Getrud-Elisabeth Zillmer  Volker, ahoi In Gedenken an den Schauspieler Volker Spengler  Bücher Byung-Chul Han, Herbert Köfer, Gunnar Decker, Samuel Beckett


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/ TdZ  April 2020  /

Wahlkampf im Riesenrad Staunen, Schreck und Attraktionen – Unter den neuen Künstlerischen Leitern Tom Kühnel und Jürgen Kuttner wird das Brechtfestival in Augsburg zum Spektakel Reges Treiben, chaotische Szenen,

Koproduktion „Švejk/ Schwejk“ nach

das ist normalerweise der Bühne vor-

Jaroslav Hašek, Bertolt Brecht und

behalten. Nicht so beim diesjährigen

Petra Hůlová der Städtischen Bühnen

Brechtfestival in Augsburg, das unter

Prag und des Staatstheaters Augs-

den neuen Künstlerischen Leitern

burg in der Regie von Armin Petras

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zu

verschnitt Brechts Versuch, Hašeks

einem

einem

Figur eines skurrilen Kriegssaboteurs

Volksfest als sozialem Laboratorium,

gegen die Szenerie des National­

das samt Riesenrad und Dutzenden

sozialismus zu kontrastieren, mit der

Inszenierungen zugleich eine Hom-

Nachkriegsrezeption von Švejk in Jaros-

mage an den Augsburger Plärrer

lav ­Ha­šeks Geburtslands Tschechien.­­

­darstellte, Schwabens größten Jahr-

Da­bei zeigte die Inszenierung immer

markt, bei dem sich Jung und Alt

wieder bewusst Grenzen auf, etwa

tummeln und den auch Brecht ge-

die Unmöglichkeit, den Nationalsozia­

liebt haben soll.

lismus zu verlachen, oder den Stan­

Spektakel

wurde,

de­ sdünkel der sogenannten Hoch­

An zwei Abenden mit dem

kultur, die lieber an Normen klebt, als

­Titel „Spektakel I und II“ wurde das Festivalgelände zu einer einzigen Szenerie – und das Publikum war plötzlich mittendrin. An die Hand gab es einen Spielplan, der zum Stadtplan des Festivalgeländes wur-

Entstanden im World Wide Web – Den „Horatier“ von Heiner Müller probten das Augsburger Kollektiv theter und die New Yorker Regis­seu­rin Alice Bever via Skype. Links: „Švejk/Schwejk“ in der Regie v­ on Armin Petras (hier mit Eva Salzmannová). Fotos Christian Menkel / Jan-Pieter Fuhr

Neues zu ermöglichen. Milan Peschel und J­ ohann Jürgens brachten in ihrer fiesen szenischen Behauptung aus „Fatzer“ und „Baal“ Momente des „bösen Brecht“ zum Vorschein und das Publikum in erschrockenes Staunen.

de, auf welchem man sich treiben

Und immer wieder entstand

ließ oder zielstrebig versuchte, ans Ziel zu gelangen. Ziele aber gab es zuhauf, und

Auftrag“ vom Schauspiel Hannover in der Re-

Verwirrung. Bereits der Festivalflyer erzeugte

so traten die Pläne oft in den Hintergrund,

gie der Festivalleiter; Lars Eidinger bot eine

einen Bedeutungsschleier, der zu produktiven

wenn der Zufall einen in die nächste Attrak­

gewaltige Interpretation von Brechts „Haus-

Missverständnissen führte: Zu sehen ist eine

tion verschlug. Durch labyrinthische Gänge

postille“ dar; Alice Bever inszenierte zusam-

Frau mit mehreren Waffen in der Hand, neben

zwischen Bühne, Umkleiden und Lagerhallen

men mit der Augsburger Off-Gruppe theter

ihr der Ausspruch: „Er ist vernünftig, jeder

schlängelte sich das Publikum, nur um am

Heiner Müllers „Horatier“ – und zwar via

versteht ihn.“ Oberbürgermeister Kurt Gribl

Popcornstand hängen zu bleiben und sich

Skype-Konferenz. Besonders das Gastspiel

indes wusste, hier ist Brecht gemeint, und

dann doch in ein ganz anderes Lehrstück

von Müllers „Auftrag“ entfaltete dabei das

lieferte bei seiner Eröffnungsrede seine ganz

­katapultieren zu lassen. Vieles wirkte improvi-

Paradigma des Festivals: Zirkusschildern

eigene Interpretation von Brechts „Lob des

siert, und doch vermutete man einen Master-

ähnlich, prangten über der Bühne die For­

Kommunismus“, aus dem das Zitat stammt.

plan hinter dem Geschehen, was zugleich für

derungen der Französischen Revolution. Die

Ähnlich wirkten die Widersacher des amtie-

Verwirrung sorgte und allerhand Spontanität

Szenen hingegen wirkten clownesk, sodass

renden OB, die sich darauf einließen – am

bei den Besuchern gebar.

das Spiel einen fruchtbaren Abstand zum

15. März war schließlich Oberbürgermeister-

Kühnel und Kuttner müssen für dieses

Text gewann, der zumeist aus dem Off gespro-

wahl in Augsburg –, im Riesenrad Brecht zu

Konzept eines produktiven Chaos bereits im

chen wurde, und zwar durch Heiner Müller

rezitieren, als würden sie Aufstieg und Fall

Vorfeld zu faszinieren vermocht haben, denn

selbst, der diesen vor Jahrzenten aufgezeich-

selbst spielen wollen. Mit Fug und Recht kön-

sie konnten viele Künstlerinnen und Künstler

net hatte.

nen sich die Leiter dieses Festivals auf Brecht

gewinnen – darunter nicht wenige sehr be-

Ebenso kraftvoll wirkte Brechts Lehr-

berufen, insbesondere auf das Böse des

kannte Gesichter. Große Produktionen fügten

stück „Der Jasager“, aufgeführt von Schüle-

Autors, das Heiner Müller einmal dessen ­

sich so mit kleineren Ad-hoc-Stücken zu

rinnen und Schülern eines Augsburger Gym-

„Substanz“ nannte. Und so dürfte es auch im

einem spannungsreichen Bild zusammen. ­

nasiums, auf das als Gegenpart Brechts

nächsten Jahr wieder heißen: Manege frei,

Corinna Harfouch überzeugte in einer zirzen-

„Neinsager“ folgte, gespielt von deren Eltern –

das Theater theatert alles ein. //

sischen Inszenierung von Heiner Müllers „Der

ein generationenübergreifender Dialog. Die

Chris Weinhold

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/ TdZ April 2020  /

Mehrfachbelichtung eines Künstlers Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist eine ästhetische und durchaus politische Hommage „Die Frage eines Aktionisten ist natürlich:

die deutsche Film- und Theaterwelt zwei

treibenden Schnitten Material aus vier Jahr-

Wie komme ich zurück ins Bild?“, sagt Chris-

Jahrzehnte lang zuverlässig verstörten, aber

zehnten, einiges davon noch unveröffentlicht.

toph Schlingensief irgendwann in Bettina

auch in einem Archiv an privaten 8-mm-­­

Nur latent chronologisch, bezieht sie das

Böhlers großartigem Dokumentarfilm „Schlin-

Fil­ men und Videos, unzähligen Interview-,

­heterogene Bildmaterial eher assoziativ auf­

gensief – In das Schweigen hineinschreien“,

Fern­seh- und Theateraufzeichnungen. Beides

einander, lässt es sich gegenseitig unterbre-

der eigentlich im April in den Kinos anlaufen

hat ­Bettina Böhler in ihrem Debütfilm zu e­ inem

chen, bespiegeln. So stehen hier Aufnahmen

sollte (die aber wegen des Coronavirus ge-

ruhelosen Porträt eines ruhelosen Künstlers

von Schlingensiefs erstem Film, einem „Re-

schlossen sind). Und diese Frage gilt nicht

montiert. Es ist eine wilde und ­ humorvolle

volutionsfilm“, den er als Steppke im Urlaub

nur für den Aktionskünstler Schlingensief,

Hommage, zehn Jahre nach Schlingensiefs

mit den Eltern auf einem Hof im Sauerland

sondern auch für den Menschen, der, wie er

Tod und zu seinem sechzigsten Geburtstag.

gedreht hat, unmittelbar neben denen der

sagt, die verflixte An­ gewohnheit habe, die

Böhler war bis dato als eine der gefrag-

Welt als Film zu betrachten, und das Echo

testen Cutterinnen des deutschen Kinos

seiner eigenen Schöpfung sei.

bekannt, hat mit Valeska Grisebach, Oskar ­

Das gestalterische Prinzip folgt Schlin-

­Inszenierung „Rocky Dutschke“ an der Ber­ liner Volksbühne 1996.

Schlingensiefs obsessives Ineinander-

Roehler oder Christian Petzold gearbeitet –

gensiefs eigener filmästhetischer „Urszene“,

setzen von Weltbild und Bildwelt, seit frühes-

und mit Schlingensief an seinen Filmen „Die

die hier auch zu sehen ist: Bei einem Strand-

ten Kindheitstagen bis hinein in seine töd­

120 Tage von Bottrop“ sowie „Terror 2000“.

liche Krebserkrankung, ob als Film- und

Nicht

Theaterregisseur, Privatperson oder Aktions-

­sondern auch aus einem tiefen Verständnis

künstler, resultierte schließlich in jenem un-

für Schlingensiefs impulsives, von Irritation,

orthodoxen Œuvre von Filmen, Theaterinsze-

Spontanität

nierungen, Aktionen und Installationen, die

Agens heraus, montierte Böhler in vorwärts-

nur

aus

und

dieser

Arbeitserfahrung,

Unordnung

gespeistem

Ein obsessives Ineinandersetzen von Weltbild und Bildwelt – Szenen aus Bettina Böhlers Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“. Foto Filmgalerie 451


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/ TdZ  April 2020  /

GESCHICHTEN VOM HERRN H.

urlaub in Kindheitstagen hatte sein Vater aus Versehen einen Film doppelt belichtet, sodass über die nackten Bäuche von Mutter und

Heul leise, Lars

Sohn plötzlich Menschen liefen. Diese Mehrfachbelichtung – „Bilder, die da nicht reingehören“ – hat Schlingensiefs Werk bis zuletzt

Die Berlinale: roter Teppich, Promitrubel und

Es ist ein Vorurteil von mir, dass vor allem

geprägt. Wie das weiße Kaninchen, das man

Mediengewusel. Vor einer Stellwand mit

Leute mit Eigentumswohnung und gut ge-

hier in einem privaten Video durch die Apo-

Werbung für einen verbrecherischen Auto-

fülltem Bankkonto sich bei jeder Gelegen-

theke von Schlingensiefs Vater hoppeln sieht,

mobilkonzern und ein skandalumwittertes

heit für ihre leeren Reden gegen den Hass

eigentlich nicht reingehört – der erwachsene

Kosmetikimperium sitzt Lars Eidinger. Auf

von ihresgleichen beklatschen lassen. Wenn

Sohn steht da, schaut ihm nach, lächelt.

der Berlinale ist er in zwei Hauptrollen zu

wir das Politische nur mit emotionalen oder

Bettina Böhlers Entscheidung, einzig

sehen, als KZ-Kommandant und als Star-

psychologischen Begriffen beschreiben, be-

Christoph Schlingensief im O-Ton zu Wort

schauspieler an der Berliner Schaubühne.

greifen wir das Wichtigste nicht, nämlich

kommen zu lassen, ist dabei Gold wert. Kom-

An eben jener Schaubühne fei-

warum das so ist und welche

piliert aus Interviews, Recherchereisen oder

erte er kurz zuvor Premiere mit

zugrundeliegenden Konflikte das

Bühnensituationen. So entsteht ein sehr

einem neuen Stück – einzige

ausdrückt. Wer gegen das Gift

energetischer Monolog, der aus der moment-

und damit Hauptrolle: er selbst.

und gegen den Hass redet, stellt

haften Reflexion in selbstkritische Analysen

Zur Pressekonferenz ist er ohne

sich meist auch gegen die so­

findet, im Sprechdenken künstlerische Ideen

seine 550-Euro-Designertasche

genannte Spaltung der Gesell-

weitertreibt und den ernsthaften Kern seiner

im Aldi-Look gekommen, mit der

schaft. Noch so eine Hohlphrase.

oft als nur provokativ wahrgenommenen poli-

er sich vor einem Obdachlosen-

Die Gesellschaft ist gespalten

tischen Aktionen und Inszenierungen heraus-

lager hatte ablichten lassen. Ist

(siehe oben: Interessen!). Bes-

schält. Die Bilder von „100 Jahre CDU – Spiel

die Welt für ihn nichts weiter

ser wäre, alle Beteiligten würden

ohne Grenzen“, von seinem Nazi-Aussteiger-

als eine Kulisse für seine Auf-

das erkennen. Die Spaltung zu

Projekt „Hamlet“, der Wende-Groteske „Das

tritte? „Unsere Gesellschaft“, so sagt Eidin-

verdrängen, ist das Problem – sie kehrt näm-

deutsche Kettensägenmassaker“, seiner Par­

ger, sei „dermaßen vergiftet von Hass und

lich in entstellter Form wieder. Sie zu ver-

teigründung von „Chance 2000“ oder von der

Missgunst“, doch er kämpfe wacker dagegen

drängen und zugleich auszunutzen – als Ent-

Big-Brother-artigen Abschiebung von Asyl­an­

an und trage „die Liebe in die Welt“. Wäh-

stelltes –, ist das Programm der Rechten.

ten bei „Ausländer raus!“ stellen zudem

rend dieser Ansprache kullern ihm die Trä-

Und mit netten Reden oder Tränen für die

­Fragen an die Gegenwart: Denn alle heutigen

nen über die Wangen. Ist das der echte Lars

Liebe sind die nun leider nicht aufzuhalten.

gesellschaftspolitischen Probleme waren für

Eidinger? Oder spielt er nur? Aber wen –

Ein weiteres Vorurteil von mir ist, dass

ihn vor zwanzig Jahren schon akut. Schlin-

den KZ-Kommandanten oder den Star-

die erbaulichen Reden gegen den Hass vor

gensief, dem gerne das Image eines beschä-

schauspieler? Ich bin verwirrt.

allem der eigenen Heiligsprechung dienen.

digten Künstlers verpasst wurde, erklärte

Insbesondere verwirrend finde ich die

Als ich kürzlich bei einer Premiere in einem

­seine manische Auseinandersetzung mit der

Aussage, unsere Gesellschaft sei vergiftet

großen Berliner Theater war, machte das

deutschen Geschichte – „Jetzt klinge ich

(hört man zurzeit ja öfter). Wer macht denn

Ensemble etwas, das keineswegs falsch ist

schon wieder wie’n Esoteriker“ – allerdings

so etwas, eine Gesellschaft vergiften? Und

und trotzdem falsch wirkte. In den Schluss-

damit, Dinge zu verarbeiten, die schon vor

vor allem: Welche Gesellschaft lässt denn

applaus wurden Rosen im Gedenken an die

uns in unsere Zellen gelangt sind. Er war also

so etwas Blödes mit sich machen, sich ein-

Ermordeten von Hanau niedergelegt. Noch

eher ein Epigenetiker, der die Methylketten

fach vergiften zu lassen, wenn es ihr vorher

bevor die Ansage aus dem Mikrofon verklun-

der Geschichts-DNA abschritt. Und hat in das

offenbar so viel besser ging? Zunächst:

gen war, plärrte jemand „Bravo!“ durch den

Schweigen der deutschen Wohlstandsgesell-

Was wir Gesellschaft nennen, braucht zur

Saal, der Rest ging im donnernden Applaus

schaft hineingeschrien.

Beschreibung ein paar bessere Begriffe als

unter. Ich bin vielleicht sehr empfindlich,

dieses wirre Yin-und-Yang- oder Detox-­

aber wenn das Umbringen von Menschen

lerisch und politisch renitenten Weg Christoph

Gefasel, mit dem man sich offenbar in Char­

gerade wieder in Mode kommt (es hatte ne-

Schlingensiefs – vom pubertierenden Filme­

lottenburg die Welt erklärt. Gesellschaft ist

benher nie aufgehört), muss man sich nicht

macher mit „Tatort“-Ambition zum Experimen-

nichts Reines und Unschuldiges, das von

gegenseitig beklatschen und Bravo zurufen,

talfilmer und schließlich zu einem den künst-

ein paar Bösewichten vergiftet wird. Sie be-

Rosen hin oder her. Aber was soll denn die

lerischen wie politischen Diskurs prägenden

steht aus widerstreitenden Interessen. Und

Kunst mit ihren Mitteln gegen die Gewalt

Regisseur, der, angekommen bei den Bay­

die müssen benannt und verhandelt wer-

machen? Nix, wenn Sie mich fragen. Oder

reuther Festspielen und der Biennale in Vene-

den. Ich weiß, das klingt viel weniger auf­

wollen Sie Morde noch bedichten? Die Ge-

dig, schon wieder entflieht in sein Operndorf

regend als ein Lars-Eidinger-Dramolett über

sellschaft muss verändert werden. Das er-

Afrika. Der Film wurde nun in den Kategorien

Liebe und Hass. Nur verschwimmt hinterm

fordert andere und geeignetere Mittel als

„Dokumentarfilm“ und „Schnitt“ für den Deut­

Tränenschleier der Blick für die Wirklich-

die der Kunst. Weinen kann man auch allein

schen Filmpreis nominiert, der am 24. April

keit.

zu Hause. //

Bettina Böhlers Film zeichnet den künst-

vergeben wird. //

Anja Nioduschewski

Jakob Hayner

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/ TdZ April 2020  /

Auf unermüdlicher Suche nach dem Wesen des Menschen und der Welt In Erinnerung an die Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin Gertrud-Elisabeth Zillmer

Ausbildungsmethode

heit die ehemalige Schauspielerin, Dozentin

Studioinszenierungen prägte sie entschei­

(Premiere 3. Oktober 1980) war Gertrud-­

und Regisseurin Gertrud-Elisabeth Zillmer im

dend den künstlerischen Werdegang vieler

Elisabeth Zillmer auf besondere Weise be­

Alter von 92 Jahren in Stralsund verstorben.

bekannter Schauspielerinnen und Schauspie-

teiligt. In dem Stück wurden über zwanzig

1927 im Saarland geboren, wo ihr Va-

ler, Regisseurinnen und Regisseure der deut-

Studentinnen und Studenten des ersten

ter als Brauereimeister in Walsheim arbeitete,

schen Theater- und Filmlandschaft. Thomas

Studienjahres der Staatlichen Schauspiel­

zog sie mit ihrer Familie nach der „Arisie-

Ostermeier berichtet in dem bei Theater der

schule Berlin eingesetzt. Gertrud-Elisabeth

rung“ der Brauerei durch die Nationalsozia-

Zeit erschienenen Interviewband „backstage“:

Zillmer bereitete sie (zu ihnen gehörten im

listen nach Eisenach. Sehr früh ging sie nach

„Sie kam vom Berliner Ensemble, hatte bei

ersten Jahrgang unter anderem Kirsten Block,

Berlin und ließ sich von Lilly Ackermann zur

Brecht gespielt, sie hat die Ernst Busch in

Matthias Brenner, Thomas Rühmann und

Schauspielerin ausbilden. In der Nähe der

den siebziger und achtziger Jahren maßgeb-

Thomas Harms) mit intensiven Proben auf die

Gedächtniskirche wohnend, erlebte sie die

lich geprägt … Von ihr hab ich Beobachten,

eigentlichen Theaterproben vor. Mit insgesamt

Bombardierungen der Stadt. Nach der Flucht

Beschreiben und eine unglaubliche Lust am

vier Generationen von Studierenden probte

aus dem brennenden Berlin kehrte sie, auf

Spielen vermittelt bekommen.“ 1984 wurde

Zillmer für die Aufführung, die 250 Vorstel-

strapaziösen Wegen und zum Teil zu Fuß,

Gertrud-Elisabeth Zillmer zur Professorin er-

lungen erreichte.

nach Eisenach zurück und begab sich nach

nannt. Ihre Arbeitsweise als Schauspiellehre-

Seit den 1970er Jahren, bis weit in

Kriegsende auf die Suche nach einem Enga-

rin hat unter anderem Andres Veiel in seinem

den Ruhestand hinein war Gertrud-Elisabeth

gement. Über Frankfurt am Main, wo sie

Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ festgehal-

Zillmer auch eine gefragte Dozentin und

kein Aufenthaltsrecht von den Amerikanern

ten. Der 2004 veröffentlichte Film beobach-

­Regisseurin in Schweden und Finnland. Sie

erhielt, Weimar und Potsdam kam sie erneut

tet über sieben Jahre vier Schauspielstuden-

bildete an den Hochschulen in Helsinki und

nach Berlin und wurde von Bertolt Brecht als

tinnen und -studenten an der HFS, darunter

Malmö Generationen von Schauspielern, Re-

Schauspielerin an das Berliner Ensemble ver-

Constanze Becker.

gisseuren und Dozenten aus und inszenierte

pflichtet. Bald darauf begann sie auch als

und

in

zahlreichen

Christoph Schroth) am Berliner Ensemble

Am 7. Februar 2020 ist nach langer Krank-

Über drei Jahrzehnte war Gertrud-­ mehrfach am Theater Västerås, unter ande-

Theaterpädagogin zu arbeiten, zunächst an

Elisabeth Zillmer als Regisseurin an Theatern

der 1954 gegründeten Deutschen Hochschule

wirksam, darunter als Oberspielleiterin am

Gertrud-Elisabeth Zillmer ruhte sich

für Filmkunst im Potsdam-Babelsberg, ab

Theater Greifswald sowie, in enger Zusam-

nie aus, weder auf Methoden noch Erfolgen.

1965 an der Staatlichen Schauspielschule

menarbeit mit Intendant und Schauspiel­

Sie war immer auf der Suche, gemeinsam mit

Berlin, der späteren Hochschule für Schau-

direktor Christoph Schroth, am Mecklen­

allen an einer Aufführung Beteiligten. Sie lud

spielkunst „Ernst Busch“ (HFS). Mit ihrer

burgischen Staatstheater Schwerin und am

sie ein mitzuwirken, mit Klugheit, Tempera-

analytischen, auf Genauigkeit und hohe Ener-

Staatstheater Cottbus. Hier entstanden er-

ment, Strenge, Humor, manchmal auch über-

getik in der gestischen Umsetzung bedachten

folgreiche Inszenierungen wie „Sizwe Bansi

raschenden Ankündigungen wie: „Ich reise

ist tot“ von Athol Fugard, Lessings „Minna

ab!“, immer aber mit einer unerschöpflichen

von Barnhelm“, „Das Nest des Auerhahns“

Leidenschaft und Liebe für das Theater und

von Viktor Rosow, Gerhart Hauptmanns „Der

das Spiel: „Am Ende sollte das Spiel“,

Biberpelz“, „Mutters Courage“ von George

schrieb sie einst, „ein Mittel sein, Wesent­

Tabori oder „La Bohème“ von Puccini. An der

liches über den Menschen und über die Welt

Inszenierung des Stücks „Blaue Pferde auf

auszusagen und sich dadurch selbst zu reali-

rotem Gras“ von Michail Schatrow (Regie

sieren.“ //

Prägte den Werdegang vieler bekannter Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure – GertrudElisabeth Zillmer (1927 – 2020). Foto Malmö Theatre Academy

rem eine umjubelte „Dreigroschenoper“.

Gisela Kahl und Anu Saari


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/ TdZ  April 2020  /

Meine

erste

leibhaftige

Volker, ahoi

Volker-

Spengler-Erfahrung fand im Sommer 1988 in einem besseren ita­ lienischen Restaurant in Berlin statt. Volker wollte dem Veranstalter eines Heiner-Müller-Events das Video seiner legendären Bremer „Quartett“-

Band“ produziert. Die Rolle, die er gerne gespielt hätte, zu der es aber nie kam, heißt Falstaff.

In Gedenken an den Schauspieler Volker Spengler

Nietzsche sagt irgendwo, er besäße Ohren hinter den Ohren. Dieses Ohren-Double besaß auch Volker. Die Pointen, Lachsalven, Anekdoten, das

Aufführung mit Traute Hoess nur für

Erzählen von scheinbar beiläu­ figen

eintausend D-Mark aushändigen.

und wahllosen Erinnerungen transpor-

Seine Forderung spickte er mehrfach

tierten immer einen weit über das Ge-

und lautstark mit der Anrede „Du

schilderte hinausgehenden Sinn, der

Kulturnutte“. Ein paar Plätze weiter

sich auf die situativ verhandelten Pro-

am gleichen Tisch erklärte Einar

bleme bezog. Saßen wir zu zweit zu-

Schleef derweil einem mittlerweile

sammen, und hatte er mich genügend

von der Bildfläche verschwundenen

mit seiner Lieblingsdisziplin Theater-

sakkotragenden Regisseur, dass ihn

geschichte gequält: „Wie heißt die

­seine Windjacke nur 3 D-Mark 95

und die Figur aus der ‚Braut von

gekostet hätte. Bei Woolworth. Dann

Messina‘? und so weiter, ging es – ­

setzte Volker seine Kanonade fort,

René Pollesch möge verzeihen – ums

während sein Ge­sprächs­partner im-

Eigentliche. „Wie kommt es, dass

mer mehr in sich zusammensackte,

Schauspieler, auch wenn sie zig Rollen

was der anwesende Heiner Müller

gespielt haben, nichts dazulernen?“,

mit „Angst essen Seele auf“ kom-

wollte er zum Beispiel wissen. Das

mentierte.

Grundproblem des Theaters schien

Irgendwann in der Spielzeit

ihm, dass neunzig Prozent der Betei-

1998/99 kamen wir auch außerhalb

ligten Kleinbürger seien. Lichtgrana-

des Backstage-Bereichs zusammen.

ten, wie sie sonst im Diskurs des Be-

Düsseldorf

sein

triebs kaum zu finden sind. Mit Verweis

Schauspielhaus den 100. Geburts-

auf Therese Giehse weigerte er sich,

tag von Gustaf Gründgens ­ feierte.

Interviews zu geben. Gerade derjeni-

Als mir Karl Kneidl mit­teilte, dass

ge, der wie kein anderer für Rausch

Peter Palitzsch und Volker gerne et-

und Tabuverletzungen stand, zeigte

was zusammen erarbeiten würden,

dem Getöse der Medien seine Grenzen

erwartete,

dass

auf. Aus dieser Unbestechlichkeit re-

kam es zum Gründgens-JubiläumProjekt „Alles Theater“. Der VolkerGründgens schwamm in einer braunen Brühe und bespritzte ab und an das Publikum. Zwar überzeugte

„Ich kann Macht von Ohnmacht unterscheiden“ – Volker Spengler (1939 – 2020) in „Meine Schneekönigin“ in der Regie von Frank Castorf an der Volksbühne in Berlin 2004.

sultierte seine Position der Größe.

Foto David Baltzer

Schigolchs aus Wedekinds „Lulu“ an.

Einmal rief der ZDF-Theaterkanal an. Man bot ihm die Rolle des verrotteten

die „grelle politische Revue“ den

Soweit ein stimmiges Angebot. Als die

Spiegel, aber ansonsten schäumte

Frage auf das Honorar kam, erhielt er

Düsseldorf. Ein ­ höherer Angestellter des

Zeile aus den „Bakchen“, wo er als Thebens

zur Antwort: „Wir sind klein, aber oho!“ Da­

­Theaters warf mir vor, dass man angesichts

Stadtgründer Kadmos besetzt war. Theodoros

rauf Volker: „Wissen Sie, jeden Morgen muss

dieses Spektakels glauben müsse, unsere

Terzopoulos führte Regie. Nichts ahnend,

ich scheißen und dafür brauche ich Schei-

­Eltern und Großeltern wären alle wahnsinnig

dass sie ihren eigenen Sohn zerfleischte,

ne!“ Dann legte er auf.

gewesen. Tatsächlich hatten wir nicht die

glaubt Agaue (Marianne Hoika), mit dem

Mit 14 Jahren brannte er durch und

­Absicht, dem Dritten Reich und seinen An-

Kopf eines von den Bacchantinnen zerris­

heuerte auf einem Frachtschiff an, das in

hängern geistige Gesundheit zu bescheinigen.

senen Löwenjungen heimzukehren. Vater

­internationalen Gewässern unterwegs war. Im

Als Nächstes spielte Volker den Galilei,

Kadmos-Spengler fordert sie auf, das Haupt

symbolischen Feld brillierte er bei Fassbin-

Regie führte Klaus Emmerich. Volker, halb-

genauer zu betrachten, und schließt den

der, arbeitete an den Frankfurter Bühnen,

nackt in der Bühnenmitte hinter einem Hau-

­Appell an die Mutter mit den Worten: „Die

anschließend am Berliner Ensemble. Nach

fen von Papieren verschanzt, war die Sonne,

Mühe lohnt!“ Volker war der Schauspieler,

der Düsseldorfer Episode fand er mit der Ber-

um die sich alles drehte. „Ich kann Macht

der dem Abgrund dieser Zeile und ihrer Unge-

liner Volksbühne bei Schlingensief, Pollesch

von Ohnmacht unterscheiden!“, lautete sein

heuerlichkeit eine geradezu zeitlose Wucht

und Castorf seinen Heimathafen. Am 8. Fe­

Lieblingssatz aus dem Brechtstück, den er

und Präsenz verleihen konnte, indem er jede

bruar 2020, kurz vor seinem 81. Geburtstag,

bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein-

Zutat wegließ. Irgendwo dazwischen hatten

ging die abenteuerliche Reise des Volker

brachte. Weitaus monströser aber war eine

wir mit Palitzsch und Volker noch „Das letzte

Spengler zu Ende. Ahoi. //

Frank Raddatz

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Die Tyrannei der Formlosigkeit

Verarmung. Der Narzissmus verdrängt den Eros aus der Kultur, auch die Kunst wird zum

Es gehört zu den Paradoxien des Spätkapita-

Diskurs – eine Entwicklung vom Katholischen

lismus, dass sich die Menschen zwar perma-

zum Protestantischen.

nent miteinander vernetzen, sich einander übereinander informieren und miteinander

„Die theatralische Darstellung weicht der pornografischen Ausstellung des Privaten“, beklagt Byung-Chul Han – Dries Verhoevens provokante Performance „Wanna Play?“, in der Chats der Sex-Dating-App Grindr öffentlich gemacht werden. Foto dpa

kommunizieren, und doch weniger als je miteinander zu tun haben. Der Philosoph ­ ­Byung-Chul Han bringt diesen Befund mit der Erosion einer spezifischen Kulturtechnik zusammen, dem Ritual. „Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart“ ist ein knapp über einhundert Seiten umfassen-

Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart. Ullstein Verlag, Berlin 2019, 128 S., 20 EUR.

Han zugleich verteufelt. Fragwürdig ist ebenfalls sein Aufgreifen des alten romantischen Schlachtrufs von der „Wiederverzauberung der Welt“. Nicht nur, dass die Mythologisierung der Wirklichkeit ästhetisch wie politisch regressiv zu begreifen wäre, zudem vollzieht sie sich schon. Was sonst wäre die Beschwö-

der, ausgesprochen pointierter Essay. Han kontrastiert das Ritual mit der Gegenwart.

rung der Pseudogemeinschaften wie Volk und

Während ersteres eine Gemeinschaft ohne

„Die theatralische Darstellung weicht der

Nation? Auch die Dialektik zwischen Indivi-

Kommunikation gestiftet habe, hätten wir

pornografischen Ausstellung des Privaten“, ­

duen und Kollektiv bleibt bei Han unbeach-

nun Kommunikation ohne Gemeinschaft, wie

schreibt Han. Das Spiel werde profanisiert,

tet. Denn das Problem gegenwärtig ist nicht,

er mehrfach betont. Das Ritual ist eine durch

als Gamification noch unters Bestehende un-

dass alle Individuen wären, sondern dass sie

Wiederholung strukturierte symbolische Ver-

terworfen. Wahres Spiel ist aber ein Folgen

es unter Bedingungen, die das systematisch

mittlung, die zur Form wird. Ohne das breitet

selbstgegebener Regeln – wie im Ritual. Als

verhindern, zwanghaft probieren und behaup-

sich das narzisstische Selbst aus, form- und

eine Folge der Formlosigkeit begreift Han den

ten. Da hilft dann auch kein Ritual mehr. //

distanzlose Affektkommunikation herrscht

Moralismus, als Pendant zu der damit einher-

vor. Was Han beschreibt, ist der gesellschaft-

gehenden Verrohung. Die Moral werde vom

liche Wandel der Subjektwerdung. Welche

Neoliberalismus ausgebeutet. Überhaupt sei

Mittel stehen dem Einzelnen bereit, sich in

es der Zwang zur Produktion und Verwertung,

der Kultur zu bewegen? In der nach Authen­

der die Formwerdung des gemeinschaftlichen

Im Frühjahr 1937 ging Herbert Köfer mit 16

tizität heischenden Performancegesellschaft

Lebens verhindert. Seine Beschreibung der

Jahren an die Schauspielschule des Deut-

sehr wenige, wenn man Han fragt, der sich

Gegenwart ist durchaus anregend. Doch un-

schen Theaters Berlin. Mit 19 nahm er sein

damit an ältere Analysen wie „Die Tyrannei

terschlägt Han beispielsweise die soziale

erstes Engagement am Stadttheater Brieg im

der Intimität“ von Richard Sennett und „Das

Funktion des Rituals, es ist ihm nur als ästhe-

tiefsten Schlesien an, in der Hoffnung, dass

Zeitalter des Narzissmus“ von Christopher

tisches Phänomen von Interesse. Als solches

die Wehrmacht ihn dort nicht suchen würde.

Lasch anschließt. Vor allem die mediale

lässt es sich aber überhaupt erst unter dem

Aber schon nach einem Jahr wurde er einbe-

­Ausbreitung des Ichs ist ein Symptom seiner

Blick der westlichen Moderne begreifen, die

rufen, und nach drei Jahren Krieg kam er in

Jakob Hayner

Köfers Komödiantenleben


bücher

/ TdZ  April 2020  /

britische Kriegsgefangenschaft, wo er seine erste Theatergruppe gründete. Nach der Entlassung tingelte er durch Berliner Kleinkunstbühnen und Kabaretts, bis ihn Wolfgang Langhoff 1950 ans Deutsche Theater engagierte. Dort blieb er nur für eine Spielzeit, denn 1951 begann der Aufbau des Fern­ sehens der DDR, das Köfer einlud, sein erster Nachrichtensprecher zu werden. Nach ein paar Tagen sagte dessen Intendant kopfschüttelnd: „Herbert, du sprichst die Nachrichten nicht, du spielst sie!“ So kam Köfer zum Schauspieler-Ensemble des DFF und war dort als einer der beliebtesten Komödianten neben Rolf Herricht und Agnes Kraus in Fernsehserien wie „Maxe Baumann“ oder „Geschichten übern Gartenzaun“ zu sehen. Nach 1990 musste er mit 69 Jahren noch einmal neu anfangen und gründete nach Gastspielen am Theater am Kurfürstendamm und an der Comödie Dresden sein zweites Theater: Köfers Komödienbühne. Damit zog er 15 Jahre lang durch die Lande und spielte nebenbei im „Jedermann“ am Berliner Dom und im Fernsehen. Mit 96 Jahren wurde er als „ältester aktiver Schauspieler“ ins „Guinness-Buch der Rekorde“ eingetragen – da hatte er schon seine eigene Homepage und einen YouTubeKanal. Herbert Köfer hat in über dreihundert Film-und Fernsehproduktionen mitgewirkt,

BÜCHER AUS DER REDAKTION Gunnar Decker Ernst Barlach – Der Schwebende Eine Biographie Er zählt zu den großen deutschen Künstlern der Moderne: Ernst Barlach schuf welt­ bekannte Skulpturen und blieb rätselhaft, seine Schöpfungen wirken erdschwer und schwebend zugleich. Gunnar Decker zeichnet das faszinierende Porträt des Mannes, der ebenso Archaiker wie Avantgardist war und dessen Leben wie kaum ein zweites die Verheißungen und Abgründe des 20. Jahrhunderts widerspiegelte. Es beschreibt das Drama eines Einzelgängers, der den Krieg hasste und sich zeitweilig zu Hitler bekannte – und dessen Existenz schließlich von den Nationalsozialisten zerstört wurde, die ihn als „artfremden Künstler“ brandmarkten. (Aus der Verlagsvorschau) Gunnar Decker: Ernst Barlach – Der Schwebende. Eine Biographie, Siedler Verlag, München 2019, 432 S. 28 EUR.

Doyle, der sein Grab öffnen und seine Über­ reste fleddern will. All das wird immer wieder unterbrochen von makabren Prozessionen surrealer Figuren und einem U-Boot voller armer Seelen, das sich langsam der Küste nähert. Der Text ist eine Zitaten-Symphonie von Gesängen aus Ovids „Metamorphosen“ bis zu zeitgenössischen Gassenhauern, ein Triptychon wie von Hieronymus Bosch, James Ensor und Odilon Redon ausgeführt und ein absurder Dreiakter über Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies und das Jüngste Gericht. Charles Prentice hatte „Echos Knochen“ nach eingehender und verzweifelter Lektüre abgelehnt. Und vermutlich hatte er recht mit seiner Befürchtung. Sie hätte auch gutwillige Leser überfordert, er selber empfand sie als „Schlag auf den Kopf“. Beckett reagierte mit höflichem Schulterzucken und steckte den Text in eine Manuskriptmappe, in der ihn sein Herausgeber Mark Nixon achtzig Jahre später wiederfand und veröffentlichte. Dass das Nachwort des Übersetzers Chris Hirte und die Anmerkungen Nixons fast so lang geworden sind wie die Erzählung, hätte Beckett sicherlich erheitert. Für ihn blieb die Gestalt des Belacqua aus Dantes „Purgatorium“ zeit­ lebens eine wichtige Bezugsfigur, deren Schatten noch später in den Romanen „Murphy“ und „Molloy“ umgehen sollte. Aber rechtfer-

und obwohl er vor allem als Komödiant

tigt das eine so aufwendige Edition und Über-

gefragt war, zeigte er in den DEFA-Filmen ­

setzung? Durchaus, denn die Dialoge des Tex-

„Nackt unter Wölfen“, „Krupp und Krause“

Echos aus dem Jenseits

oder „Die Rote Kapelle“, dass er auch andere

tes enthalten im Kern schon die Dramaturgie der späteren Stücke Becketts und sind so ab-

Rollenfächer souverän beherrscht. Er stand

„Die Toten sterben unsanft, im Jenseits gelten

surd komisch und tiefsinnig wie jene zwischen

mit Curt Bois, Otto Sander, Inge Keller und

sie als Eindringlinge, sie müssen sich begnü-

Wladimir und Estragon in „Warten auf Godot“.

Angelica Domröse und vielen anderen promi-

gen mit dem, was sie dort vorfinden, den Gru-

Chris Hirte ist es gelungen, dieses frü-

nenten Darstellern aus Ost und West vor Ka-

ben und Löchern ganz unten im Dreck, bis die

he Meisterwerk in ein märchenhaft funkeln-

mera und Publikum und kann davon sehr

Zeit gekommen ist, daß dem Grundherrn aus

des Deutsch zu übertragen, das die polypho-

unterhaltsam erzählen. Das gelingt ihm nach

langer Duldung eine Fürsorgepflicht für sie er-

ne Komposition Becketts zum Klingen bringt.

zwei Autobiografien auch in diesem im Eulen-

wächst.“ Mit diesem Präludium beginnt Sa-

Seine Übersetzung erschafft eine Zwischen-

spiegel Verlag erschienenen Anekdoten-Buch

muel Becketts Erzählung „Echos Knochen“,

welt, in der die philosophischen Fugen der

„99 und kein bisschen leise“ mit Berliner

die er im Herbst 1933 als „Anhängsel“ zu sei-

Prosa von den Scherzos der Dialoge begleitet

Witz und Leichtigkeit. Bleibt nur der Wunsch,

nem bereits abgeschlossenen Erzählband

werden. Am Ende summt man unwillkürlich

dass Herbert Köfer seinen 100. Geburtstag

„Mehr Prügel als Flügel“ schrieb, weil der

mit und stimmt in den Schlusssatz der Erzäh-

im nächsten Jahr in einem neuen Stück auf

seinem Verleger Charles Prentice zu schmal ­

lung nach einem Motiv der Brüder Grimm ein:

Holger Teschke

erschien. Darin lässt Beckett seinen Protago-

„So geht es zu in der Welt.“ // Holger Teschke

dem Theater feiern kann. //

nisten Belacqua, der in der Erzählung „Bammel“ schon gestorben war, aus dem Jenseits zurückkehren und auf seinem Läuterungsweg einer Reihe grotesker Gestalten begegnen. Zu Herbert Köfer: 99 und kein bisschen leise. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2020, 176 S., 14,99 EUR.

ihnen gehören Miss Zaborovna Privet, die Bel­ acqua zu Sex mit kubanischem Rum einlädt, der kinderlose Lord Gall of Wormwood, der ihn um einen Liebesdienst zur Aufrechterhaltung seiner Erbfolge bittet, sowie der Totengräber

Samuel Beckett: Echos Knochen. Hg. von Mark Nixon, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 123 S., 24 EUR.

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aktuell

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Meldungen

/ TdZ April 2020  /

Die Ausbreitung des Coronavirus hat nun auch in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu flächendeckenden Theater­

­■ Der Vertrag von Christian Firmbach, Generalintendant am Oldenburgischen Staatstheater, wird vorzeitig um drei weitere Jahre bis Ende der Spielzeit 2026/27 verlängert. Das entschied nach einem entsprechenden Vor­ schlag des Verwaltungsausschusses Mitte März der Niedersächsische Kulturminister Björn Thümler. Er verbinde einen „hohen künstlerischen Anspruch und eine große Breitenwirkung in allen Sparten in heraus­ ­ ragender Weise“, begründete Thümler seine Entscheidung. Christian Firmbach ist seit 2014 Generalintendant des Oldenburgischen Staats­­theaters.

schließungen g­ eführt, wie auch zur Absage zahlreicher Festivals, darunter das Berliner Theatertreffen, das Theatertreffen der Jungen, das Festival Radikal Jung in München und der Heidelberger Stückemarkt. Kulturstaatsministerin ­Monika Grütters setzte sich derweil für eine Unterstützung von Kultureinrichtungen und Künst­lern ein, die wegen der Aufführungsausfälle mit finanziellen Einbußen rechnen müssen. Auch der Deutsche Kulturrat macht sich große Sorgen um freiberufliche Künstlerinnen und Künstler bezüglich ihrer existenziellen Lage in Zeiten der Corona-Pandemie. Daher fordert er einen Notfallfonds von Bund und Ländern,

Patricia Nickel-Dönicke. Foto Isabel Machado Rios

mit dem rasch und unbürokratisch Betroffenen, deren Einnahmen durch den Ausfall von Aufführungen, Tagungen, Veranstal­ tungen usw. wegfallen, geholfen wird. Das Aktionsbündnis Darstellende Künste unterstützt die Forderung und appelliert an die Bundes­regierung und die Vertreter der Länder, nicht nur die Wirtschaft, das heißt ­Unternehmen und Firmen zu unterstützen, sondern auch die Kunstschaffenden zu beachten, die nicht auf finanzielle Rücklagen zugreifen können. Eine Solidaritätsinitia­tive von R ­ amona Mosse vom Bard College Berlin und der Redaktion von nachtkritik.de hat sich derweil unter #meine­kartemeinebühne gegründet. Die Initiative ruft all diejenigen auf, „die ein Ticket für eine dieser vielen jetzt ausfallenden Vorstellungen besitzen und ­■ Patricia Nickel-Dönicke wird ab der Spielzeit 2020/21 als neue Schauspieldirektorin und Chefdramaturgin die künstlerische Leitung der Schauspielsparte im Staatstheater Kassel übernehmen. Die gebürtige Potsdamerin teile mit dem dortigen Intendanten Florian Lutz ein „starkes Interesse an innovativen spartenübergreifenden Formaten“ und setze sich für „die Öffnung des Stadttheaters hin zu einer diversen Stadtgesellschaft“ ein, so das Theater. Nickel-Dönicke studierte in Marburg Neuere deutsche Literatur und Medien sowie Politikwissenschaft. Sie arbeitete im Verlagswesen, in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit, als Regieassistentin bei verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen sowie als ­Redakteurin bei literaturkritik.de. Nach ihrem Master in Dramaturgie in Frankfurt am Main war sie unter anderem am Theater Osna-

denen es finanziell möglich ist, auf eine Rückerstattung zu verzichten.“ Täglich aktuelle Informa­tionen sammelt derzeit das Internetportal nachtkritik.de. Der Verband der Gründer und Selbständigen Deutschland e. V. erklärt auf seiner W ­ ebsite vgsd.de, wie auch Selbständige und Frei­ berufler bei Quaran­ täne entschädigt werden können. Aktuelle Informationen gibt es darüber hinaus auf der Website des ­ ­ Deut-­­ schen Bühnenvereins buehnenverein.de, des Bundesverbands freie Darstellende Künste darstellende-kuenste.de sowie des Bun­ des­ verbands Schauspiel bffs.de. In Öster­r­eich informiert das Bundes­ minis­ terium Kunst, Kultur,

öffentlicher

Dienst

und

Sport

bmkoes.gv.at über Maßnahmen im Kultursektor, in der Schweiz das Bundesamt für Kultur bak.admin.ch.

brück, am Theater Heidelberg, am Staats­ theater Mainz und am Theater Oberhausen tätig. 2019 wurde sie mit dem Künstlerinnenpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

■ Stefan Rosinski, Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, wird nach einer

Nichtverlängerung

seines

Vertrags

durch den Aufsichtsrat das Haus im Sommer 2021 verlassen. Vorausgegangen war ein jahrelanges Zerwürfnis zwischen der Geschäfts­ leitung und den Intendanten der Oper, Florian Lutz, und des Schauspiels, Matthias Brenner. Lutz wird zur Spielzeit 2021/2022 als Intendant ans Staatstheater Kassel wechseln, Brenner wird weiterhin Intendant des Schauspiels in Halle bleiben. Da keine Auflösung der „Betriebsklimakatastrophe“, wie der Theaterstreit in Halle in einem offenen Brief des Schauspielensembles genannt wird, in Sicht ist, wurde Rosinskis Vertrag nicht verlängert. Für die Stelle des Opernintendanten wurde inzwischen der britische Regisseur Walter Sutcliffe ausgewählt, vermeldete MDR Kultur.

■ Norbert Palz wird zum 1. April neuer Präsidenten der Universität der Künste (UdK) Berlin. Als Professor für Digitales und Experimentelles Entwerfen im Studiengang Architektur forschte und lehrte er zuvor bereits im Kontext von Kunst, Architektur und Technologie und war seit 2018 Erster Vizepräsident der Universität. In seiner fünfjährigen Amtszeit habe er sich unter anderem das Ziel gesetzt, „die Kultur des künstlerischen Austauschs über die einzelnen Fakultätsgrenzen hinweg zu befördern und neue Formen künstlerischen Arbeitens experimentell zu untersuchen“, so die Pressemitteilung der UdK Berlin. Dabei sei es ihm wichtig, den technologischen Wandel und seinen Einfluss auf die Entwicklung künstlerischer Hochschulen im Blick zu behalten.

■ Die Leiterin des Berliner Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer erhält den Berliner Frauen­ preis 2020. Übergeben wurde die Auszeichnung am 6. März durch Berlins Gleichstellungssenatorin Dilek Kalayci. Büdenhölzer hatte eine 50-Prozent-Quote für die 10erAuswahl des Theatertreffens 2020 eingeführt, die dieses Jahr mit sechs von Frauen stammenden Inszenierungen sogar hätte überboten werden können. Sie wird nun für ihr Engagement „für eine angemessene Repräsentation und Sichtbarkeit von Frauen und ihrer Arbeit“ im Kulturbereich geehrt, heißt es in


aktuell

Yvonne Büdenhölzer. Foto Christoph Neumann

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einem Preisgeld von 12  000 Euro dotiert

Brechts Filmschaffen etablierte er sich eben-

­(Stipendien inbegriffen). Der erste Preis umfasst

falls als Filmwissenschaftler, arbeitete als

die Uraufführung des ausgezeichneten Stücks

Filmredakteur und bei der Zeitschrift Deut-

im Grips-Theater in der Spielzeit 2021/2022.

sche Filmkunst. 1990 wurde er Abteilungs-

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leiter (Film) im Kulturministerium und Mit­

■ In Leipzig bieten die Schaubühne Lindenfels,

arbeiter im Filmreferat des Bundes, dem

die Residenz im Schauspiel Leipzig und das LOFFT

Beauftragten der Bundesregierung für Kultur

Performancekünstler*innen, die in der Stadt

und Medien.

wirken, sechs Koproduktionsplätze für die SpielUlay. Foto Hans Peters

zeit 2020/21 an. Bewerbungen für das Programm, das jeweils eine Probenresidenz und einen Finanzierungszuschuss in Höhe von 5000 Euro beinhaltet, sind bis zum 17. April möglich. Ziel der Förderung ist die Unterstützung der Leipziger Performance-Szene, Vernetzung unter den verschiedenen Künstler*innen und die Vertiefung der individuellen Arbeits­ weisen. Im Sommer 2021 werden die entstander Pressemitteilung der Senatsverwaltung

denen Arbeiten während eines Festivals gezeigt.

für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Der

Die Produktionen sollten „eine Echtzeitbegeg-

Berliner Frauenpreis wird seit 1987 an Frauen

nung mit dem Publikum im geteilten Raum“

vergeben, die sich für die Gleichberechtigung

beinhalten, heißt es in der Pressemitteilung.

der Geschlechter einsetzen, und ist neben

Weitere Informationen unter: schaubuehne.

5000 Euro auch mit einer Skulptur der

com, lofft.de und schauspiel-leipzig.de

­Bühnenplastikerin Esther Janshen dotiert.

■ Das Theaterfestival Favoriten, das vom 10. ■ Den alle zwei Jahre verliehenen Jugend­

bis 20. September in Dortmund stattfinden

■ Der Performancekünstler Ulay, geboren als

theaterpreis Baden-Württemberg erhalten 2020

wird, sucht Projekte von Theaterkünstler*innen

Frank Uwe Laysiepen, ist am 2. März im Alter

die Autor*innen Rabiah Hussain sowie Jan

aus Nordrhein-Westfalen, die sich unter dem

von 76 Jahren in Slowenien verstorben. Der

­Sobrie und Raven Ruëll für ihre Texte „Ab-

Thema „While we are working (at)“ mit der Ar-

1943 in Solingen Geborene wurde vor allem

sprung“ beziehungsweise „Wutschweiger“.

beit in den Künsten auseinandersetzen. „Was

durch seine langjährige Zusammenarbeit und

Der Preis zeichnet Stücke für das professio-

ist Arbeit an der Kunst – oder ist künstlerisches

Partnerschaft mit der Extrem-Performance-

nelle deutschsprachige Kinder- und Jugend-

Tun das Andere der Arbeit? Und wie kann das

Künstlerin Marina Abramović bekannt. Bei

theater aus, die nicht älter als zwei Jahre und

gelingen: Sorge, Streik und Solidarität als Per-

ihrem ersten gemeinsamen Auftritt auf der

zum Zeitpunkt der Einsendung noch nicht zur

formance? Oder: Lässt sich proben ohne pro-

Biennale von Venedig 1976 prallten Ulay

Uraufführung oder zur deutschsprachigen

duktiv zu sein – und ist das dann schon Ar-

und Abramović für 58 Minuten mit ihren

Erstaufführung angenommen worden sind.

beit?“ sind Fragen, die dabei künstlerisch in

nackten Körpern aufeinander. Zu ihren ge-

Dieses Jahr wurde der Stückepreis gleich zwei-

formal oder thematisch heraus­ragenden Arbei-

meinsamen Arbeiten gehört auch „The Other:

mal vergeben. Jedes Stück erhält 5000 Euro,

ten erforscht werden können. Eingereicht wer-

Rest Energy“ von 1980, in der Ulay vier

wobei jeweils 1500 Euro an die Über­

den können Produktionen, die geplant oder

­Minuten lang mit einem gespannten Pfeil auf

setzer*innen ausgezahlt werden. Das Projekt-

bereits realisiert sind und einen Spieltermin bis

das Herz seiner Partnerin zielte. Anerkennung

stipendium im Wert von 5000 Euro gewinnt

spätestens zum 31. März ­haben. Die Bewer-

fand er unter anderem auch durch seine Pola-

Christina Kettering gemeinsam mit dem Jun-

bungen werden laufend gesichtet. Weitere In-

roid-Collagen, bei der er Transvestiten, Ob-

gen Theater Baden-Baden. Ein Förderpreis

formationen unter: favoriten-festival.de

dachlose, Abhängige und Randfiguren des Amsterdamer Stadtlebens abbildete. Diese

wurde dieses Jahr nicht vergeben.

■ Am 21. Februar verstarb der Berliner

kann man, nun postum, noch bis April 2021

■ Fabienne Dür, Clara Leinemann, Manuel

Publizist und Kritiker Wolfgang Gersch im ­

in einer großen Solo-Ausstellung im Stedelijk-

­Ostwald, Kirsten Reinhardt und Vera Schindler

­Alter von 84 Jahren. Gersch war durch seine

Museum in Amsterdam betrachten.

sind die fünf nominierten Autorinnen und

Kritiken in der Ostberliner Zeitung Tribüne

­Autoren, die zur Teilnahme am Berliner Kinder-

eine prägende Stimme in der Theaterszene

theaterpreis 2021 ausgewählt wurden. Der

der DDR. Er studierte sowohl Dramaturgie an

­Berliner Kindertheaterpreis ist ein vom Grips-­

der Filmhochschule Babelsberg in Potsdam

Theater und der GASAG ausgelobter För­­der­

als auch Theaterwissenschaft an der Hum-

preis. Ein Jahr lang werden die Autor*innen

boldt-Universität in Berlin, an der er später

vom Grips-Theater in ihrem Schreibprozess

auch promovierte. Durch seine zahlreichen

begleitet. Insgesamt ist die Auszeichnung mit

Publikationen und Arbeiten über Bertolt

TdZ ONLINE EXTRA Täglich neue Meldungen finden Sie unter www.theaterderzeit.de

www


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aktuell

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Premieren Aalen Theater der Stadt A. Beermann/F. Dücker: Hard Drive (I. Gatterburg/S. Kubat, 24.04.); R. Tritt/n. M. Rhue: Die Welle (A. Klaws, 30.04.) Annaberg-Buchholz Eduard-vonWinterstein-Theater A. Tschechow: Der Kirschgarten (M. Nagatis, 05.04.); T. Pigor: Cinderella (A. Ingenhaag, 26.04.) Baden-Baden Theater E. Kästner: Die Konferenz der Tiere (S. J. Steinfelder, 30.04.) Basel Theater A. Tschechow: Der Kirschgarten (J. Hölscher, 23.04.) Bautzen Deutsch-Sorbisches Volks­ ­theater F. Holtkamp: Jaja z kraja (Landeier) (R. Vogtenhuber, 18.04.); n. O. Preußler: Mały nykus (Der ­kleine Wassermann) (T. Thomaschke, 28.04.) Berlin BrotfabrikBühne A. Berrini: M_a_c_h_t (A. Berrini, 02.04., UA); M. Jurk: Zwei Lose Ufer (Die Spalter, 17.04., UA) Deutsches Theater R. Pollesch: Number Four (R. Pollesch, 24.04., UA); N. Stockmann: Das Herz der Krake (N. Schlocker, 28.04., UA); n. K. Köth: Die härteste Tochter Deutschlands (S. Kurze, 30.04.) ­Theater an der Parkaue O. Preußler: Krabat (S. Serzin, 22.04.) Bonn Theater W. Lotz: Das Ende von Iflingen (C. v. Rad, 23.04.); S. Solberg: Babel Bonn (S. Solberg, 24.04.) Brandenburg an der Havel Brandenburger Theater F. Richter: Verletzte Jugend (S. Drotleff, 18.04.) Bremen shakespeare company G. v. Dyk: Der Nibelungen Wut – Furor Teutonicus (J. Schall, 09.04., UA) Theater B. Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe (A. Zandwijk, 09.04.); C. Renziehau­ sen/N. Forstmann: Like a Virgin (C. Renzie­ hausen/N. Forstmann, 11.04.); A. Stelling: Schäfchen im Trockenen (N. Mattenklotz, 17.04.); H. v. Kleist/E. Maci/R. Meyer: Die Marquise von O. … – Faster, Pussycat! Kill! Kill! (E. Jach, 30.04.)

April 2020

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Theater der Zeit Zeitschrift für Theater und Politik

Dessau Anhaltisches Theater O. Preußler: Die kleine Hexe (J. Schlachter, 19.04.) Detmold Landestheater W. Gom­ browicz: Yvonne, Prinzessin von Burgund (J. Steinbach, 25.04.); D. Glattauer: Die Wunderübung (K. Trosits, 30.04.) Dortmund Theater n. M. Decar: Tausend Deutsche Diskotheken (B. Gabriel, 18.04.); A. Siegrot: Silber Tripel oder Mathildes Tauchgang in die Welt der Zahlen (J. Weißert, 24.04., UA) Dresden Theater Junge Genera­ tion T. Freyer/n. J. Burger: Gertrude (J. Gehler, 25.04.) Erlangen Theater J. Neumann: Drei Mal die Welt (D. v. Gunten, 24.04.); S. Mrożek: Auf hoher See (E. Hannemann, 25.04.)

Essen Grillo Theater B. Brecht: Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und reich gesellt sich gern (H. Schmidt-Rahmer, 25.04.) Schauspiel. H. v. Kleist/C. Fromm: Die Marquise von O… (C. Fromm, 24.04.) Frankfurt am Main Schauspiel D. Loher: Das Leben auf der Praça Roosevelt (S. Wolff, 24.04.); T. Müller/All Our Futures: Fliegende Autos (J. Glause, 25.04., UA) Göttingen Deutsches Theater n. R. Menasse: Die Hauptstadt (N. Ritter, 18.04.); S. Hill/S. Mallatratt: Die Frau in Schwarz (G. Münzel, 19.04.) Junges Theater D. Jacobs/M. Netenjakob: Extrawurst (N. Dietrich, 17.04.) Graz Schauspielhaus T. Köck: dritte republik (eine vermessung).

Teil Drei der Kronlandsaga (A. Vulesica, 17.04.) Greifswald Theater Vorpommern J. M. Jakobsen: Das Abendland (D. Löschner, 11.04.); R. Tritt / n. M. Rhue u. R. Jones: Die Welle (S. Kuhnert, 24.04.) Halberstadt Nordharzer Städtebundtheater M. Herl: Waldweiberwildwechsel (D. Theuring, 30.04.) Halle Neues Theater G. Hauptmann: Der Biberpelz (U. Arnold, 18.04.); S. Seidel: Vier Sterne (D. Rahnefeld, 29.04., UA) Thalia Theater L. Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen (S. L. Awe, 02.04.) Heilbronn Theater W. Lotz: Die lächerliche Finsternis (H. Münster, 25.04.) Ingolstadt Stadttheater H. Mel­ ville: Moby Dick (M. Naujoks, 24.04.); E. Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang (J. Schölch, 24.04.) Klagenfurt Stadttheater J. W. v. Goethe: Faust (M. Štorman, 09.04.) Köln Comedia Theater K. Grønskag: Satelliten am Nachthimmel (L. Halfen, 19.04.) Schauspiel G. Grass: Die Blechtrommel (M. Schleef, 30.04.) Landshut kleines theater – Kammerspiele L. Hübner/S. Nemitz: Furor (M. Eberth, 10.04.); Landestheater Niederbayern M. Rinke: Westend (H. O. Karbus, 24.04.) Leipzig Cammerspiele A. Wozasek: It’s a man’s wor(l)d (Thea­terp raktischeKulturinstitutfürgenaueresWollen.zfu, 09.04., UA) Schau­ spiel n. F. Kafka: Das Schloss (P. Preuss, 25.04.); Euripides: Medea (M. Bothe, 29.04.) Theater der Jungen Welt T. Brasch/n. H. C. Andersen: Der Schweinehirt (P. Oehme, 18.04.) Theatrium K. Fischer: Das Blaue vom Himmel – eine Dystopie? (K. Fischer, 24.04., UA) Linz Landestheater P. Wüllen­ weber: Die Weiße Rose (H. Leutgöb, 17.04.); F. Zeller: Gespräche mit Astronauten (A. Marboe, 18.04.)


aktuell

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Žic: Die Gastfremden (C. Rast, 23.04., UA) Stendal Theater der Altmark J. Gehle: Wende.Punkte (J. Gehle, 03.04., UA) Stralsund Theater Vorpommern H. Ibsen: Nora (R. Göber, 04.04.) Stuttgart Schauspiel T. Melle: Die Lage (T. Lanik, 24.04., UA) Schau­ spielbühnen in Stuttgart C. Gol­ doni: Der Diener zweier Herren (F. Braband, 24.04.) Tübingen Landestheater F. Wedekind: Lulu (C. Roos, 18.04.) Zimmertheater H. Zufall: Freund Hein. Ein theatraler Trauerzug (H. Zufall, 25.04., UA) Ulm Theater H. v. Kleist: Der zerbrochne Krug (J. Brandis, 23.04.); n. M. Ende: Der satanarchäo­ lü­ genialkohöllische Wunschpunsch (C. Van Kerckhoven, 23.04.) Wien brut Nesterval: Der KreiskyTest (Herr Finnland, 15.04., UA) Burgtheater T. Ö. Arnarsson/M. Torfason: Peer Gynt (T. Ö. Arnarsson, 23.04.); E. Placey: Mädchen wie die (M. Stadler, 26.04. TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße S. Drexler/M. Merz: Fahrenheit 451 (S. Drexler, 25.04.) Zwickau Theater n. M. Shelley: Frankenstein – Das Monster in uns (T. Esser, 29.04.)

SHAKESPEARE FESTIVAL 14. Mai bis 13. Juni 2020 in Neuss PROGRAMM GLOBE 14./15. Mai Romeo and Juliet

Midsummer Scene Festival, Dubrovnik, Kroatien

Jetzt Karten sichern!

16./17. Mai Singing Shakespeare’s Sonnets – The Best Of Caroll Vanwelden

17. Mai „Der süße Geschmack von Freiheit“ Norbert Kentrup liest aus seiner Autobiografie

18. Mai Shakespeare and the Globe Lecture Patrick Spottiswoode

19. Mai Das Wintermärchen Bremer Shakespeare Company

21./22. Mai Volpone

Von Stefan Zweig und Ben Jonson, Volkstheater München

23./24. Mai The Comedy of Errors The HandleBards, London

25./26. Mai Ein Sommernachtstraum

Veronica Ferres mit den Solisten der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg

27./28. Mai Coriolanus

Eine deutsch-türkische Koproduktion Tiyatro Bereze, Istanbul, Bremer Shakespeare Company

29. Mai Schade, dass sie eine Hure war

Von John Ford, Rheinisches Landestheater Neuss

30./31. Mai, 1. Juni Shakespeare in Love

Romantische Komödie nach dem Drehbuch von Marc Norman und Tom Stoppard, Rheinisches Landestheater Neuss

2. Juni Leben Eduards des Zweiten von England

Von Bertolt Brecht nach Christopher Marlowe, Neues Globe Theater Potsdam

3./4. Juni Macbeth

The HandleBards, London

FESTIVALS Berlin English Theatre Expo Festival. A Showcase of Wahlberliner (19.04.–25.04.) Radialsystem ID Festival: Absurd (24.04.– 26.04.)

PROGRAMM RHEINISCHES LANDESTHEATER Complete Works: Table Top Shakespeare Forced Entertainment, Sheffield

5. Juni Romeo and Juliet, King John, Coriolanus, As You Like It 6. Juni Julius Caesar, The Merry Wives of Windsor, All’s Well That Ends Well, Antony and Cleopatra 7. Juni A Midsummer Night’s Dream, Pericles, The Two Gentlemen of Verona, Hamlet 8. Juni Othello, Love’s Labour’s Lost, Cymbeline, Twelfth Night 9. Juni Titus Andronicus, The Comedy of Errors, The Merchant of Venice, Macbeth 10. Juni Richard II, Henry IV Part 1, Henry IV Part 2, Henry V 11. Juni Henry VI Part 1, Henry VI Part 2, Henry VI Part 3, Richard III 12. Juni Much Ado About Nothing, The Winter’s Tale, Troilus and Cressida, King Lear 30. 13. Juni The Taming of the Shrew, Timon of SHAKE SPE ARE Athens, Measure for Measure, The Tempest FE STIVAL

15. Mai: 15 Uhr, Schülerkontingent Schulvorstellung (weitere Informationen unter Allgemeinbedingungen Eintrittskarten) // 19. Mai: eingeschränkter Kartenverkauf

Lübeck Theater F. Heinrich: Frerk, Du Zwerg! (K. Ötting, 29.04.) München Kammerspiele Mal – Embriaguez Divina (M. M. Freitas, 24.04., UA); Oracle (S. Ken­ nedy/M. Selg, 26.04., UA) Residenztheater G. Ringsgwandl: Lola M. (G. Ringsgwandl, 25.04., UA) Münster Theater P. Lund/W. Böhmer: Leben ohne Chris (M. Michel, 19.04.); E. Künneke: Der Prinz von Homburg (U. Peters, 25.04.) Wolfgang Borchert Theater L. Vekemans: Momentum (T. Weidner, 23.04.) Parchim Mecklenburgisches Staats ­theater Ö. Horváth: Jugend ohne Gott (B. S. Henne, 04.04.); R. Cooney/J. Chapman: Un dat an‘n Hochtiedsmorgen (M. Ohnoutka, 28.04.) Pforzheim Theater n. G. Haupt­ mann/ E. Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang (H. Hametner, 18.04.) Potsdam Hans Otto Theater W. Mouawad: Vögel (B. Jahnke, 24.04.); R. Schimmelpfennig: Die Biene im Kopf (A. Wilke, 30.04.) Reutlingen Theater Die Tonne Partizipatives Jugendprojekt: Kann ich mal kurz mit dir sprechen? (M. Schneider/S. Omlor, 23.04., UA) Rostock Volkstheater Stückentwicklung d. Offenen Bühne: Endlich. Der Weg allen Fleisches (C. Lange, 11.04.); M.-U. Kling: QualityLand (L. S. Langhoff, 24.04.); J. Kander/F. Ebb/J. Masteroff: Cabaret (D. Pfluger, 25.04.) Rudolstadt Theater n. L. Carroll: Alice im Wunderland (F. Dumke, 02.04.) Saarbrücken Saarländisches Staats­ theater P. Shaffer: Amadeus (M. Schacher­ maier, 07.02.); n. G. Büchner/ C. Hei­den/n. L. Weidig: Schinderei (M. Pick/S. Reiser, 03.04.); H. Ibsen: Nora oder Ein Puppenhau (S. Khodadadian, 04.04.); R. Krichel­ dorf/n. F. S. Fitzgerald: Der große Gatsby (B. Bruinier, 17.04.) Schwerin Mecklenburgisches Staats­ theater P. Wegenroth/n. M. Barrie: Peter Pan – ein musikalischer (Psycho-)Trip nach Neverland und zurück (P. Wegenroth, 04.04., UA); Ö. v. H ­ orváth: Jugend ohne Gott (B. S. Henne, 04.04.); B. Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder (S. Kühnert, 17.04.) St. Gallen Theater n. Aischylos: Die Orestie (M. Pfaff, 18.04.); I.

Programmbroschüre kostenlos anfordern: tdz@shakespeare-festival.de Info- und Kartentelefon: 02131 526 99 99 9 (Mo.–Fr. 8–20 Uhr, Sa. 9–18 Uhr, So. und Feiertage 10–16 Uhr) www.shakespeare-festival.de

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/ TdZ April 2020  /

An der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist ab dem 1. Oktober 2020 eine zunächst auf 3 Jahre nach § 2 Abs. 1 Wissenschaftszeitvertragsgesetz befristete Stelle

An der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist ab dem 1. Oktober 2020 eine Stelle

Künstlerische*r Mitarbeiter*in (m/w/d) Bühnen- und Kostümbild

Künstlerische*r Mitarbeiter*in (m/w/d) Bühnen- und Kostümbild – Schwerpunkt CAD – Kurse und Bühnentechnik

zu besetzen. Zu den Aufgaben gehören insbesondere die eigene Qualifizierung und die teilweise selbstständige Lehre im Modul 1 (Grundlagen) des Studiengangs Bühnen- und Kostümbild: • Einführungen in Szenografie und Kostümbild und in interdisziplinäres Arbeiten • Betreuung des Diskursformates • Vermittlung fachbezogener Fähigkeiten und von Grundkenntnissen digitalen Entwerfens Darüber hinaus wird die Mitwirkung an der Abnahme von Prüfungen, Studienberatung, Organisationsaufgaben im Studiengang, Mitarbeit in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung, die Pflege des Erscheinungsbildes des Studiengangs und der Absolvent*innenplattform sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Studiengängen und Lehrgebieten der Hochschule für Bildende Künste Dresden, anderen Hochschulen und Personen sowie Institutionen im In- und Ausland erwartet. Voraussetzungen: • abgeschlossenes Hochschulstudium im entsprechenden künstlerischen Fachgebiet • Berufserfahrung im Theaterbereich • pädagogische Eignung • Bereitschaft zur eigenen Qualifizierung und • Teamfähigkeit, die sich insbesondere in der Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den anderen Lehrenden und Mitarbeiter*innen manifestiert Wir bieten Ihnen die Möglichkeit zur eigenen Qualifizierung, insbesondere in der Lehre und künstlerischen Praxis. Wir schließen mit Ihnen eine entsprechende Vereinbarung ab. Mindestens ein Drittel Ihrer Arbeitszeit wird Ihnen zur eigenen künstlerischen Qualifizierung im Rahmen der Dienstaufgaben belassen. Je nach Qualifizierungsziel und der Erfüllung persönlicher Voraussetzungen ist eine Anschlussbefristung von bis zu 3 weiteren Jahren zulässig. Weitere Aufgaben sowie Anforderungen dieser Stelle ergeben sich aus § 71 SächsHSFG sowie der Sächsischen Dienstaufgabenverordnung an den Hochschulen in der jeweils geltenden Fassung. Die Hochschule für Bildende Künste Dresden strebt eine Erhöhung des Anteils von Frauen in Forschung, künstlerischer Praxis und Lehre an und ersucht deshalb Frauen mit spezifischem Tätigkeitsfeld nachdrücklich, sich zu bewerben. Schwerbehinderte Bewerber*innen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt. Ihre aussagefähigen und vollständigen Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf, Zeugnisse, Darstellung des künstlerischen Entwicklungsweges und geeigneten Arbeitsproben) senden Sie bitte unter Angabe der Kennzahl II/62.1 bis zum 30. April 2020 (Posteingang bei der Hochschule) an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Referat Personalangelegenheiten, Güntzstraße 34, 01307 Dresden. Die Rücksendung der Unterlagen erfolgt nur bei gleichzeitiger Übersendung eines ausreichend frankierten Rückumschlags. Andernfalls werden sie nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens nach den Vorgaben des Datenschutzes vernichtet.

unbefristet zu besetzen. Zu den Aufgaben gehören insbesondere: • Anleitung und Vermittlung fachtechnischer Grundlagen • Spezifik unterschiedlicher Bühnen- und Aufführungsstätten • Anfertigung von technischen Zeichnungen • Durchführung von CAD-Kursen in allen Semestern • Werkstattplanung, Konstruktion und Werkstoffkunde für Bauten in Theorie und Projektpraxis • Projektplanung und -betreuung im Labortheater und in externen Spielstätten • Planung und Betreuung von technisch-künstlerischen Abläufen auf der Bühne und in Projekten Darüber hinaus wird die Mitwirkung an der Abnahme von Prüfungen, Studienberatung, Organisationsaufgaben im Studiengang, Mitarbeit in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung, die Pflege des Erscheinungsbildes des Studiengangs sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Studiengängen und Lehrgebieten der Hochschule für Bildende Künste Dresden, anderen Hochschulen und Personen sowie Institutionen im In- und Ausland erwartet. Anforderungen an diese Stelle: • mindestens ein abgeschlossenes Fachhochschulstudium als Bachelor of Engineering für Bühnen- oder Veranstaltungstechnik oder vergleichbarer Hochschulabschluss • Berufserfahrung im Theaterbereich • sehr gute Kenntnisse in Bühnentechnik, technischen Zeichnungen, entsprechend digitale Darstellungsformen, CAD und Werkstoffe • pädagogische Eignung • Teamfähigkeit, die sich insbesondere in der Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den anderen Lehrenden und Mitarbeiter*innen manifestiert • Erwartet wird der Qualifikationsnachweis als Verantwortliche*r für Veranstaltungstechnik. Sofern dieser nicht vorliegt, ist er im Zuge einer Weiterqualifizierung zu erbringen. Weitere Aufgaben sowie Anforderungen dieser Stelle ergeben sich aus § 71 SächsHSFG sowie der Sächsischen Dienstaufgabenverordnung an den Hochschulen in der jeweils geltenden Fassung. Die Hochschule für Bildende Künste Dresden strebt eine Erhöhung des Anteils von Frauen in Forschung, künstlerischer Praxis und Lehre an und ersucht deshalb Frauen mit spezifischem Tätigkeitsfeld nachdrücklich, sich zu bewerben. Schwerbehinderte Bewerber*innen werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt. Ihre aussagefähigen und vollständigen Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf, Zeugnisse, Darstellung des künstlerischen Entwicklungsweges und geeigneten Arbeitsproben) senden Sie bitte unter Angabe der Kennzahl II/62.2 bis zum 30. April 2020 (Posteingang bei der Hochschule) an die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Referat Personalangelegenheiten, Güntzstraße 34, 01307 Dresden. Die Rücksendung der Unterlagen erfolgt nur bei gleichzeitiger Übersendung eines ausreichend frankierten Rückumschlags. Andernfalls werden sie nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens nach den Vorgaben des Datenschutzes vernichtet.

(0,5 Stelle – E 13 TV-L)

(0,5 Stelle – bis E 13 TV-L)


impressum/vorschau

AUTORINNEN UND AUTOREN April 2020 Margarete Affenzeller, Theaterredakteurin, Wien Michael Bartsch, freier Journalist und Autor, Dresden Bodo Blitz, Kritiker, Freiburg Otto Paul Burkhardt, Theater- und Musikkritiker, Tübingen Friederike Felbeck, Kulturjournalistin, Düsseldorf, Thomas Irmer, freier Autor, Berlin Gisela Kahl, Dramaturgin, Dresden Felix Meyer-Christian, Regisseur und Autor, Berlin Philipp Oswalt, Architekt, Berlin Massimo Perinelli, Historiker, Berlin Frank Raddatz, Dramaturg und Autor, Berlin Kathrin Röggla, Schriftstellerin, Berlin Anu Saari, Regisseurin, Berlin Theresa Schütz, Theaterwissenschaftlerin, Berlin Shirin Sojitrawalla, Theaterkritikerin, Wiesbaden Holger Teschke, Regisseur und Schriftsteller, Berlin Joachim F. Tornau, freier Journalist, Kassel Chris Weinhold, freier Autor, Leipzig Sascha Westphal, freier Film- und Theaterkritiker, Dortmund Erik Zielke, Lektor, Berlin TdZ ONLINE EXTRA Viten, Porträtfotos und Bibliografien unserer Autorinnen und Autoren finden Sie unter www.theaterderzeit.de/2020/04

www

IMPRESSUM Theater der Zeit Die Zeitschrift für Theater und Politik 1946 gegründet von Fritz Erpenbeck und Bruno Henschel 1993 neubegründet von Friedrich Dieckmann, Martin Linzer, Harald Müller und Frank Raddatz Herausgeber Harald Müller

Vorschau

Corona Eben noch feierte Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Giovanni Boccaccios „Decamerone“ am Deutschen Theater Berlin Premiere, ein Abend, der von jungen Leuten erzählt, die sich aus Angst vor der Pest auf ein Landgut zurückziehen – und schon ­stehen wir selbst kurz vor der Isolation. Seit Mitte März sind ­aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus die meisten Theater und Opern geschlossen. Wie gehen Häuser in Deutschland, ­Österreich und der Schweiz mit der Situation um? Wie existen­z­iell trifft es freie Künstlerinnen und Künstler? Wir tragen zusammen, was sich in den vergangenen Wochen ereignet hat. Theater der Zeit-Redakteur Gunnar Decker denkt zudem in geistesgeschicht­ licher Perspektive über das Zusammenspiel von Kunst und Krankheit, Angst und Hysterie nach.

Thomas Köck. Foto Max Zerrahn

Chefredaktion Dorte Lena Eilers (V.i.S.d.P.) +49 (0) 30.44 35 28 5-17 Redaktion Anja Nioduschewski +49 (0) 30.44 35 28 5-18, redaktion@theaterderzeit.de Dr. Gunnar Decker, Jakob Hayner Mitarbeit Annette Dörner, Claudia Jürgens, Eva Merkel (Korrektur), Anneke Neuhaus (Hospitanz) Verlag: Theater der Zeit GmbH Programm und Geschäftsführung Harald Müller +49 (0) 30.44 35 28 5-20, h.mueller@theaterderzeit.de, Paul Tischler +49 (0) 30.44 35 28 5-21, p.tischler@theaterderzeit.de Verlagsbeirat Kathrin Tiedemann, Prof. Dr. Matthias Warstat Anzeigen +49 (0) 30.44 35 28 5-20, anzeigen@theaterderzeit.de Gestaltung Gudrun Hommers Bildbearbeitung Holger Herschel Abo / Vertrieb Paula Perschke +49 (0) 30.44 35 28 5-12, abo-vertrieb@theaterderzeit.de Einzelpreis € 8,50 Jahresabonnement € 85,– (Print) / € 75,– (Digital) / 10 Ausgaben + 1 Arbeitsbuch Preis gültig innerhalb Deutschlands inkl. Versand. Für Lieferungen außerhalb Deutschlands wird zzgl. ein Versandkostenanteil von EUR 25,– berechnet. 20 % Reduzierung des Jahresabonnements für Studierende, Rentner, Arbeitslose bei Vorlage eines gültigen Nachweises. Alle Rechte bei den Autoren und der Redaktion. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. Für unaufgefordert eingesandte Bücher, Fotos und Manuskripte übernimmt die Redaktion keine Haftung. Bei Nichtlieferung infolge höherer Gewalt oder infolge von Störungen des Arbeitsfriedens bestehen keine Ansprüche gegen die Herausgeber. Druck: PIEREG Druckcenter Berlin GmbH 75. Jahrgang. Heft Nr. 4, April 2020. ISSN-Nr. 0040-5418 Redaktionsschluss für dieses Heft: 05.03.2020 Redaktionsanschrift Winsstraße 72, D-10405 Berlin Tel +49 (0) 30.44 35 28 5-0 / Fax +49 (0) 30.44 35 28 5-44

www.theaterderzeit.de Folgen Sie Theater der Zeit auf Twitter und Facebook: www.twitter.com/theaterderzeit www.facebook.com/theaterderzeit

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Boccaccios „Decamerone“ am Deutschen Theater in Berlin. Foto Arno Declair

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Stück Hat das Ende vielleicht schon stattgefunden? Nicht auszuschließen. In Ole Hübners und Thomas Köcks erster gemeinsamer Oper „Opera, Opera, Opera! Revenants and Revolution“, die im Mai auf der Münchener Biennale uraufgeführt werden wird, blicken ein Chor und ein Cyborg aus der Zukunft auf weit entfernte Vergangenheiten. Wer waren wir damals? Als Masse, als Chor, als politisches Menschengeflecht? Völliges Blackout. Bis die Erinnerung nach und nach wieder einsetzt. Wir drucken Thomas Köcks Libretto und sprechen mit ihm, dem Komponisten Ole Hübner und Uraufführungsregisseur Michael von zur Mühlen über das Schreiben und Komponieren für das Musiktheater und die Selbstabschaffung der Spezies Mensch. Die nächste Ausgabe von Theater der Zeit erscheint am 1. Mai 2020.


Was macht das Theater, Kornelia Kilga? Kornelia Kilga, das Koproduktionshaus Brut,

Eine Alternative ist das nicht, eine Ergänzung

­Ankerplatz der freien Theaterschaffenden in Wien,

kann es sein. Es mangelt eklatant an Res-

hat seinen zentralen Standort im Künstlerhaus

sourcen, sowohl für die Produktion als auch

verloren. Wie konnte das passieren?

für die Präsentation.

In der Theaterszene wusste lange Zeit niemand, dass ein Verlust des Hauses droht. Es

Die Kulturpolitik argumentiert mit der notwen­

wurde zu Beginn der Sanierungsphase vor

digen Dezentralisierung der Kultur.

drei Jahren ja der Erhalt zugesagt. Erst Ende

Investitionen in dezentrale Standorte sind

2019 ließ Albertina-Direktor Klaus Albrecht

eine Aufgabe, der sich die Sozialdemokratie

Schröder plötzlich verlauten, dass er diesen

richtigerweise annimmt. Das soll gemacht

Raum für sein Museum beanspruche. Davor

werden. Aber Dezentralisierung bedeutet

wurde offenbar in alter sozialdemokratischer

nicht, dass man die experimentelle Kunst aus

Tradition hinter verschlossenen Türen verhan-

dem Zentrum an die Peripherie drängt. Das

delt, mit einem für die freie Szene schlechten

sind zwei Felder der Politik, die man nicht

Ergebnis.

gegeneinander ausspielen sollte.

Warum wurde der Mietvertrag aufgelöst?

Wie ist Ihre jetzige konkrete Arbeitssituation?

Das ist nicht ganz klar. Der Mietvertrag wurde

In einem Monat beginnen wir mit den Proben

zurückgegeben oder aufgelöst, auf wessen

für ein großes Theaterstück, für das wir heute

Betreiben auch immer. Die Verantwortlichen der Stadt haben sich hinsichtlich des Erhalts des gesamten Künstlerhauses als von Künstlerinnen und Künstlern geführtes Haus mehr oder weniger tot gestellt, der Verlust des ­Theaters kam in der Folge. Es gab über die Jahre viele Möglichkeiten, ein Haus von dieser Dimension und in dieser Lage zu erhalten. Es fehlte der politische Wille. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) würde nun sagen, dass ihr nicht der Wille, sondern das Geld fehlt. Man kann politische Entscheidungen nicht immer auf Geldfragen reduzieren. Eine Sozial­ demokratie, die sich die Sorge um nicht-­

Das Koproduktionhaus Brut in Wien hat nach der Spielstätte im Konzerthaus 2015 nun auch den zweiten innerstädtischen Standort im Künstlerhaus am Karlsplatz verloren. Nach dem Schachzug eines Investors und Kunstmäzens, der den angestammten Theaterraum einem benachbarten Museum überlässt, ist die freie Szene ohne fixes Haus. Dagegen wehrt sich die Plattform Wiener Perspektive, zu der auch Kornelia Kilga gehört. Kilga ist Produzentin der Wiener Gruppe toxic dreams und betrachtet den Verdrängungsprozess aus dem Zentrum als inakzeptable Entwicklung und vermisst eine klare politische Willensbekundung. Foto privat

noch keinen Spielort haben. Ich habe Verpflichtungen mit allen Beteiligten, Verträge mit Verlagen. Das Verschwinden des Brut hat auch einen Ansturm auf die noch verbliebenen Spielstätten ausgelöst. Das WUK (Werkstätten und Kultur) etwa ist nun völlig überbucht. Die Leitungsstruktur des Brut ähnelt einem ­Intendantenmodell. Soll die freie Szene so organisiert sein beziehungsweise bleiben? Es gibt viele künstlergeführte Konzepte für so ein Haus, aber vonseiten der Politik fehlt das Vertrauen in die Expertise der Künstlerschaft. Entscheidungsfindungsprozesse können offenbar nur hierarchisch top-down gedacht werden. Rückblickend können wir sagen, dass die

profitorientierte Ressourcen stets auf die Fah-

Einführung des kuratorialen oder Intendanten-

nen heftet, muss auch über zeitgenössische

systems Mitte der 2000er Jahre für die Künst-

Kunst nachdenken, Visionen entwickeln.

lerinnen und Künstler der freien Szene, für die Was hätte die Politik im Fall des Brut machen

Kunst selbst und auch hinsichtlich des Publi-

Gegen solche Verdrängungsprozesse, wie sie

müssen?

kums langfristig eine Schwächung bedeutete.

die Gentrifizierung vielerorten auslöst, scheint

Ich hätte mir ein klares Bekenntnis zum Er-

Der Verlust des Künstlerhauses ist jetzt das

die Politik machtlos zu sein.

halt des Theaterstandortes erhofft und zudem

„Sahnehäubchen“ oben drauf.

Scheinbar. Das Credo lautet: Das Zentrum

transparente Entscheidungsfindungsprozesse.

überlassen wir Touristen und Investoren. Es

Es gibt bisher nur das Narrativ des Investors,

Was tun? Gibt es andere Räume?

ist ein beinharter Verdrängungsprozess. Die

ein anderes Narrativ wurde gar nie entwickelt,

Mir fällt keiner ein. Aber es gibt viele Leer-

freie Szene muss sich dann mit Zwischennut-

obwohl es entwickelt werden hätte können!

stände. Wir und auch andere Gruppen haben

zungen begnügen, in Gebäuden ebendieser

Es ist zum Beispiel unklar, ob und wie weit

der Stadt schon mehrfach Konzepte vor­

Investoren, für die die Kunst, die dort statt­

das Theater überhaupt saniert hat werden

gelegt. Darauf wurde nie reagiert. Eine Groß-

findet, auch noch einen wertsteigernden Ef-

müssen – es hatte zuvor ja alle Konzessio-

stadt wie Wien braucht einen großen, stolzen,

fekt hat. Es ist absurd! Dafür gibt es in Wien

nen.

multifunktionalen, multiperspektivischen Raum für die darstellende Kunst im Zentrum. Dafür

viele Beispiele. Sie alle gingen durch Investorenhände und fungieren nun als kommerzielle

Als neues Quartier werden die Räumlichkeiten

ist die Politik verantwortlich, da können wir

„Eventlocation“ mit Abendmietpreisen von

des Atelier Augarten diskutiert. Eine Alternative

nicht auf Investoren zählen. //

Tausenden Euros.

zum Künstlerhaus?

Die Fragen stellte Margarete Affenzeller


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flausenbanden.de

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München, 19. März 2020

Liebe Gäste des Münchner Volkstheaters, eigentlich sollten Sie sie hier eine Anzeige unseres Festivals RADIKAL JUNG sehen. Leider mußten wir auch dieses Festival absagen. Der Spielbetrieb ist vorerst bis zum 19. April eingestellt. Wenn wir wieder aufmachen, haben Sie sie mit dem THEATERSCHECK des Volkstheaters eine hervorragende Möglichkeit uns zu optimalen Konditionen* zu besuchen. Wir hoffen, daß wir uns alle bald bei bester Gesundheit wiedersehen und freuen uns, dann wieder für Sie sie spielen zu dürfen. *DER THEATERSCHECK ÜBERTRAGBAR / 3 JAHRE GÜLTIG + MVV / FÜR ALLE STÜCKE / BIS ZU 40 % GÜNSTIGER 10 ODER 6 SCHECKS ERHÄLTLICH AN DER TAGESKASSE .

www.muenchner-volkstheater.de

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Theater der Zeit – 04/2020  

Die Coronavirus-Pandemie hat das öffentliche Leben in zahlreichen Ländern weltweit zum Stillstand gebracht. Shutdown. Geschlossen sind auch...

Theater der Zeit – 04/2020  

Die Coronavirus-Pandemie hat das öffentliche Leben in zahlreichen Ländern weltweit zum Stillstand gebracht. Shutdown. Geschlossen sind auch...

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