Spielzeit 2025/26
OCEANE
Ein Sommerstück für Musik von Detlev Glanert



„Wie wenig wissen wir doch von der menschlichen Natur.“
Madame Louise
OCEANE
Ein Sommerstück für Musik in zwei Akten von Detlev Glanert
Libretto von Hans-Ulrich Treichel frei nach „Oceane von Parceval“ von Theodor Fontane
Die Uraufführung fand am 28. April 2019 an der Deutschen Oper Berlin statt.
Besetzung
Oceane von Parceval, Antje Bornemeier eine junge Frau
Martin von Dircksen, Sotiris Charalampous Forstwirtschaftler und Gutsbesitzer
Dr. Albert Felgentreu, Maciej Kozłowski sein Freund, Privatdozent
Kristina, Gesellschafterin von Oceane Yuko Kakuta
Pastor Baltzer
Thomas Rettensteiner
Madame Louise, Hotelbesitzerin Kadi Jürgens
Hausdiener Georg, genannt Schorsch Alexandru Constantinescu
Ein Fischer / Ein Kellner
Sven Dathe* / Nils Schmid*
Gäste des Hotels / Stimme des Meeres Opernchor des Theaters Vorpommern
Philharmonisches Orchester Vorpommern
* Statisterie des Theaters Vorpommern
Premiere in Stralsund am 07. Februar 2026
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden und 15 Minuten, Pause nach dem ersten Akt Aufführungsrechte: Boosey & Hawkes, Bote & Bock GmbH, Berlin
Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne & Kostüme
Licht
GMD Florian Csizmadia
Jan-Richard Kehl
Andreas Wilkens
Kirsten Heitmann
Video Eva Humburg
Chor
Choreografische Mitarbeit
Dramaturgie
Musikalische Assistenz
Regieassistenz & Abendspielleitung
Inspizienz
Jörg Pitschmann
Stefano Fossat
Katja Pfeifer
David Behnke, Yoshihiro Horie
Saskia Becker
Lisa Henningsohn
Ausstattungsleiterin Eva Humburg Technischer Direktor Christof Schaaf Bühnentechnische Einrichtung Andreas Flemming Toneinrichtung Samuel Zinnecker Leitung Bühnentechnik Michael Schmidt Leitung Beleuchtung Kirsten Heitmann
Leitung Ton Daniel Kelm Requisite Christian Porm (Leitung), Maximilian Roth, Isabel Stelzig Bühne & Werkstätten: Produktionsleiterin Eva Humburg Tischlerei Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration Paul Gebler, Janet Hellmuth Kostüm & Werkstätten: Leitung
Angela Sulek Gewandmeisterinnen Annegret Päßler, Carola Bartsch Modisterei
Elke Kricheldorf Assistentinnen Finja Stagge, Maisa Franco Ankleiderinnen Ute Schröder, Petra Hardt Maske Tali Rabea Breuer, Jill Dahm, Philipp Gielow, Antje Kwiatkowski, Kateryna Maliarchuk, Bea Ortlieb, Ilka Stelter

INHALT
Vorbemerkung
Nicht alles ist, wie es scheint. Manch scheinbare Gefühlskälte hat eine leidenschaftliche Vorgeschichte.
1. Akt
Ein Strandhotel an der Ostsee. Die Vorbereitungen für das letzte Fest der Saison sind in vollem Gange. Während Hausdiener Schorsch bemüht ist, die Fassade zu wahren, seine eigene ebenso wie die des Hotels, flüchtet sich die Hotelbesitzerin Madame Louise in Träumereien von ihrem Sehnsuchtsort – Paris. Da erscheinen auch schon die Gäste, unter ihnen Pastor Baltzer, Martin von Dircksen, Albert Felgentreu und Kristina, die Gesellschafterin der Oceane von Parceval. Es wird viel gemunkelt über die rätselhafte Oceane: Sie sei reich, aber nachlässig, schön, aber unnahbar. Während Pastor Baltzer der versammelten Gesellschaft eine sittenstrenge Tischrede hält, blicken Martin und Albert eher dem ungezwungenen Teil des Festes entgegen. Albert gedenkt, den Abend mit Kristina zu verbringen, während Martin fasziniert ist von dem plötzlichen Erscheinen Oceanes. Diese verweigert sich den gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Festlichkeit und lebt sich in einem ekstatischen Tanz aus. Gleichermaßen verstört wie von den eigenen Fantasien eingeholt,
wenden sich die Hotelgäste – allen voran Pastor Baltzer – gegen Oceane. Selbst Martin missversteht sie, auch dann noch, als sie sich seinen
Annäherungsversuchen lautstark widersetzt. Der Abend endet in der Katastrophe. Der Sommer ist vorbei. Der Herbst bricht mit schweren Stürmen herein.
2. Akt
Ein ertrunkener Fischer wird an Land gespült. Während Oceane scheinbar ungerührt das Bild des Fischers am Strand in sich aufnimmt, schürt Pastor Baltzer die Angst vor allem Fremden und so vor Oceane.
Ein Picknick am Strand soll Kristina und Albert sowie Martin und Oceane Gelegenheit bieten, sich in Zweisamkeit zu üben. Und während die Hotelgäste abreisebereit auf die Fähre warten, geben Kristina und Albert tatsächlich ihre Verlobung bekannt. Das freudige Ereignis wird zum Anlass genommen, auf die beiden anzustoßen, eine letzte Flasche Champagner zu öffnen, bevor das marode Hotel womöglich für
immer seine Pforten schließen muss. Noch bleibt Madame Louise eine letzte Hoffnung: Ein Privatkredit der vermögenden Oceane könnte noch alles zum Guten wenden. Oceane und Martin erscheinen. Auch Martin verkündet seine Verlobung mit Oceane. Doch die Braut schweigt und mit ihr zunächst alle Anwesenden. Nun schlägt den beiden offene Ablehnung entgegen. Lange genug hat man hinter vorgehaltener Hand getuschelt, jetzt bricht die Aggression gegenüber Oceane offen aus: „Sie spricht nicht. Sie ist krank. Sie steckt uns an mit der Krankheit Tod.“
Oceane schweigt und doch hat sie das letzte Wort.



DETLEV GLANERT
stammt gebürtig aus Hamburg und ist bekennender Opernkomponist. Er studierte bei Diether de la Motte, Günter Friedrichs und Frank Michael Beyer sowie vier Jahre bei Hans Werner Henze Komposition. Sein musikalischer Weg führte ihn weiter zu den legendären Sommerkursen nach Tanglewood, wo er Unterricht von Oliver Knussen erhielt. Es folgten zahlreiche Stipendien, Kurse und Workshops, die ihn unter anderem nach Istanbul, Aspen (USA), Genua, Rom und Montepulciano in Italien führten – ein Land, dass im Laufe der Jahre, die er dort lebte, zu einer zweiten Heimat wurde. Neben zahlreichen Orchester- und Kammermusikwerken sind es vor allem seine Opernkompositionen, die Glanert international bekannt machten und ihm zahlreiche Auszeichnungen einbrachten. So erhielt er 1993 den Rolf-Liebermann-Opernpreis für „Der Spiegel des großen Kaisers“, 2001 den Bayerischen Opernpreis für „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Als „Composer in Residence“ wirkte er 2003 in Mannheim, 2005 in Sapporo und arbeitete 2008/09 mit dem WDR-Sinfonieorchester in Köln zusammen. Die 2019 komponierte „Oceane“ ist seine vierzehnte Oper. Für dieses Werk erhielt Glanert noch im Kompositionsjahr den Oper!Award. 2020 wurde er dafür mit dem OPUS KLASSIK ausgezeichnet und als „Komponist des Jahres“ geehrt.
„Die Zukunft des Hotels ist mehr als ungewiss.“ Madame Louise

„Wir müssen freilich achtsam sein. Denn geschenkt sind uns Ordnung und Wohlstand nicht.“ Pastor Baltzer
„Ich
habe getanzt. Ich flog. Ein Blatt im Sturm. Ein Sandkorn im Wind. Umhergewirbelt. Ohne Furcht. Zwischen Wellen und Wolkengebirgen. Bis sie mich jagten.“ Oceane

„Endlich nach Hause. Es kommt Schlechtwetter.“ Die Gäste


DIE OPER, DAS MEER UND DIE LITERATUR
Detlev Glanert im Gespräch mit der Dramaturgin Katja Pfeifer
Die Oper „Oceane“ basiert inhaltlich auf dem Romanfragment „Oceane von Parceval“ Theodor Fontanes. Sie trägt das Meer bereits im Titel. Welches Meer schwebte Ihnen da vor? Ich musste natürlich an die Ostsee denken, das ist ja meine erste Meereserfahrung überhaupt. Es birgt für mich bis heute einen Zauber, sich an diese ungeheure Weite und Horizontbläue zu erinnern, und das ist zu Klängen geworden. Die gesamte Partitur wurde entwickelt aus der Sicht eines Naturereignisses, nämlich der des Meeres. Das Meer ist die allwissende Instanz, die beobachtet, was die Menschen in „Oceane“ so tun und treiben, und deren Handeln auch mit ironischen Kommentaren versieht. Wir Zuschauenden sehen alles quasi durch die Augen eines imaginären Wesens namens Meer. Das war meine Grundvoraussetzung für das Komponieren. Alles, was tönt, ist im Grunde das Meer. Es ist vielleicht eine Spur dunkler, es ist vielleicht etwas norddeutscher, es ist eben mein Meer.
Ganz bewusst wollte ich diese Oper mit einem Sonnenaufgang über dem Meer beginnen. Während die Handlung schon einsetzt, ist da dieses langsame Werden am Horizont, die
treibenden Wolkenformationen und die sich ständig ändernden Farben –das hat mich schon als Kind sehr beeindruckt, das wollte ich musikalisch schildern.
„Oceane“ trägt den bemerkenswerten Untertitel „Ein Sommerstück für Musik“. Worauf beziehen Sie sich damit?
Das Wort „Sommerstück“ wollte ich unbedingt drin haben und beziehe mich dabei auf Christa Wolfs gleichnamige Erzählung. Auch da zerbricht was. Es ist eine vergleichbare Situation. Die Leute kommen zusammen im Sommer an diesem einen Ort, von dem sie nicht weg wollen oder können und das führt zur Katastrophe. Auch schwingt bei dem Wort „Sommerstück“ schon ein bisschen das „Seestück“ mit, also die Gemäldeform, die das Meer auf die Leinwand bringt.
Und dann ist die Oper jahreszeitlich so verortet, dass sie genau den Wechsel vom Sommer zum Herbst markiert. Der erste Akt spielt am letzten Tag des Sommers, der zweite am ersten des Herbstes. Das Gewitter, der Meeressturm im ersten Akt, der scheidet diese Jahreszeiten. Und das ist viel-

leicht auch der Punkt, den Fontane in seinem Fragment so ungeheuer diskret umschreibt, wenn er Oceane schildert. Es ist der Bruchpunkt dieser Figur: Sie möchte so gerne fühlen und Liebeserlebnisse haben, aber sie fühlt in dem Moment, wo sie etwas riskiert, dass sie das nicht kann. Wenn sie im zweiten Akt versucht, Martin zu küssen, spürt sie, während sie ihn küsst, dass sie nichts spürt. Und während sie nichts fühlt, denkt Martin, sie wären verlobt. Das ist der Moment, in dem sie die Entscheidung trifft, ins Meer zu gehen. Diesen Vorgang beschreibt das der Szene folgende Zwischen-
spiel, das so todtraurig ist. So traurige Musik in Dur (!) habe ich noch nie zuvor komponiert.
Dieses innerlich ganz starke Gefühlsleben gepaart mit dem Unvermögen, es ausdrücken zu können, das muss einen Menschen innerlich zerreißen. Da gibt es dieses berühmte Gedicht von Georg Heym „Der Tod der Liebenden“. Das Setting ist zwar bei Heym ein etwas anderes, aber da gibt es diese Strophen, die es so genau anfangen:
Wir werden immer beieinander bleiben
Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben, Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.
Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab, Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich In seinem Mantel in das dunkle Grab, Wo viele schlafen schon im stillen Reich.
Deshalb ist der Tod für Oceane am Ende etwas Schönes, etwas Friedliches. Sie geht nach Hause.




NACHDENKEN
ÜBER OCEANE VON
PARCEVAL
Am Anfang steht ein Fabelwesen –halb Mensch, halb Fisch, im Wasser lebend, schön, verführerisch – unmenschlich. Die Melusine, Meerfrau, Loreley verführt die meist männlichen Menschen, ohne selbst Liebe zu empfinden, und stürzt die Umgarnten anschließend ins nasse Verderben –von Alters her.
Im 19. Jahrhundert wandelt sich der Blick auf die mythische Meerfrau entscheidend. Aus der berechnenden Nixe wird die Sehnende. Aus der Gefühlskälte ein Mangel. Sie wird nicht mehr als autarkes Wesen erkannt, sondern daran gemessen, was ihr zum Menschsein fehlt. Die Meerfrau – jetzt Undine, Rusalka, den lille Havfrue, viel später auch Arielle genannt, empfindet dieses Manko, verleugnet die Natur ihrer Existenz und strebt von nun an danach, ganz menschlich werden zu wollen und lieben zu können. Ein Unterfangen, das in jeder einzelnen literarischen Betrachtung scheitert, ja scheitern muss. Denn in der Negierung ihres Wesenszuges negiert sie sich selbst.
1881
Theodor Fontanes literarisches Interesse an dem Motiv der Meerfrau
war groß. Allein drei Romanentwürfe zeugen von seiner intensiven Beschäftigung mit dem Stoff, in seinem 1897 erschienenen Werk „Der Stechlin“ materialisiert sich Melusine schließlich als Grafentochter. Möglicherweise hat diese scheinbar so gefühlskalte, in jedem Fall aber emotional unangepasste Frau ihr Vorbild in Fontanes Tochter Martha. Martha, genannt Mete, schritt ebenso unangepasst wie manche von Fontanes Frauenfiguren – deren Inspirationsquelle sie zu sein scheint – durch das Leben, und setzte diesem schließlich 1917 ein Ende.
In Fontanes 1881 skizziertem Romanfragment „Oceane von Parceval“ trägt die Titelfigur ihre (außer)gesellschaftliche Sonderstellung gleich doppelt im Namen: „Oceane“, die Meergeborene, deren Element die Natur, das Wasser, nicht aber der gesellschaftliche Konsens ist, und „Parceval“, ein Name, der auf den weltentrückten, nach Erlösung suchenden „Parzival“ aus Wolfram von Eschenbachs Versroman verweist. Diese Oceane sieht sich einer in ihren traditionellen Werten und Regeln schier erstarrten Jahrhundertwendegesellschaft gegenüber, einer Gemeinschaft, die

umso mehr an ihren Gepflogenheiten, Traditionen festhält, als sich ihr Wertesystem und das Kaiserreich des 19. Jahrhunderts zu zersetzen beginnt. Hier bestimmt der Blick zurück und die Suche nach (materieller) Sicherheit im Vergangenen das Handeln, mehr noch: Es ist der Kitt, der ein ganzes ins Wanken geratenes Gesellschaftssystem zusammenhält. Dort hinein gerät Oceane, die nichts von Systemen wissen will, von Gesellschaften, von Sicherheiten. Sie ist der Natur in weit größerem Maße verbunden als der Gesellschaft, und doch sucht sie Anschluss, denn auch sie ist ein Mensch.
„Es giebt Unglückliche, die statt des Gefühls nur die Sehnsucht nach diesem Gefühl haben und diese Sehnsucht macht sie reizend und tragisch.“
2019
Detlev Glanert und Hans-Ulrich Treichel greifen Fontanes „Oceane“Skizze auf und adaptieren sie 2019 für die Opernbühne. Das Fragmentarische der Vorlage gereicht dabei durchaus zum Vorteil, lässt es doch genügend Raum nicht nur für eine
operngerechte szenische Umsetzung, sondern auch für eine gedankliche Weiterreise ins 21. Jahrhundert. Der vielsagende Name „Oceane von Parceval“ wird bei Glanert zu Musik, „zu einem Grundmotiv, das aus dem Namen abgeleitet ist. Das ist sozusagen die ‚idée fixe‘, die konstitutiv ist“, so der Komponist. Diese Idee zieht sich – wie Oceane – durch die gesamte Oper, musikalisch flankiert von mehreren harmonischen Feldern, die ganz klassisch zur Charakterisierung der unterschiedlichen Figuren dienen: Die koloraturselige, leichtfüßige Kristina findet ihr instrumentales Pendant in der Piccoloflöte, deren Klang vom Glockenhellen schnell ins Hysterische umschwingen kann, gerade so wie Kristinas vergnüglicher Plauderton sich im Laufe der Oper ins Boshafte verzerrt. Martin von Dircksens Auftritte haben musikalisch etwas Heldenhaftes, Fanfarisches, geprägt von Quartsprüngen. Doch verbergen diese klaren „Ansagen“ ein gutes Maß an Naivität und Unsicherheit. Der bedrohliche Unterton in Pastor Baltzers Predigten gründet in der musikalischen Basis, die einen tiefen, aber nie festen Grund bietet. Wie musikalischer Treibsand changiert der Grundton, weicht immer wieder in Sekundschwingungen von der gewünschten harmonischen Sicherheit ab. In dem durchaus klassischen Umgang mit den musikalischen
Charakterisierungen schwingt immer der unbedingte Wille zur Verständlichkeit mit. Glanert komponiert für die Bühne, für das Publikum, für das unmittelbare Erleben der Musik, die sich daher nicht nur intellektuell entschlüsselbar, sondern auch ganz direkt erfahrbar gibt.
„Ich glaube immer noch daran und bin überzeugt davon, dass Musik Emotionen transportiert. Sie bleibt ein Spiel im intellektuellen Sinn, aber ein Spiel, das ganz viel mit uns, mit unserem menschlichen Dasein zu tun hat. Wenn wir Musik spielen, handeln wir wie Kinder, wenn auch intellektuelle Kinder. Und was verhandeln wir dabei? Wir verhandeln uns selbst. Und das ist das Beste, was Kunst kann.“
Detlev Glanert
2026
„Die große Stärke dieser Oper sehe ich in ihrer parabelhaften Aktualität. Hier werden die für uns aktuell maßgeblichen menschlichen Themen aufgegriffen: Gesellschaftliches Leben zwischen Zusammenhalt und Ausgrenzung und die Verantwortung jedes Einzelnen für die Umwelt, den Planeten und die Zukunft. Und das mit Worten und einer Musik, die unmittelbar, stark und geradezu körperlich spürbar sind.“
Jan-Richard Kehl
Der gesellschaftliche Wandel schreitet fort. Die Reaktionen auf Veränderungen sind im Grunde immer ähnlich – sie waren es 1881, 2019 und sind es heute. Aus Furcht vor dem Unbekannten wendet man den Blick zurück, beruft sich auf alte Werte, wohl wissend, dass dies eine Schutzbehauptung ist und den unabänderlichen Wandel nicht aufhalten, sondern nur verzögern kann. Eine Person stellt sich dieser Tatsache: Oceane. Sie hat gesellschaftlich nicht viel zu verlieren, denn sie ist kein Teil der kleinen Inselgemeinschaft. Ihre Suche nach Bindung und Akzeptanz waren wiederholt zum Scheitern verurteilt. Ihr Außenseitertum hat sich manifestiert. Sprachlos steht sie dem Phänomen der allgemeinen Selbstverleugnung gegenüber. Denn hier hat jede*r zwei Gesichter: Madame Louise, die von vergangenen, nie stattgefunden habenden Zeiten träumt und in ihrem einsamen Sehnen Oceane nicht unähnlich ist, ihr Angestellter Schorsch, der einer längst untergegangenen Spezies von Dienerschaft angehört und sich dessen in jedem Moment bewusst ist – traurig, traurig. Kristina und Albert Felgentreu – zwei, die hoch hinaus wollen, von Karrieren, Erfolg und Unabhängigkeit träumen, sich aber selbst noch nicht gefunden haben. Martin, der nur scheinbar unbeschwert durch das Leben tändelt, aber auf der Suche nach sich selbst
nicht vermag, die Last gesellschaftlicher Konventionen abzuschütteln. Und schließlich Pastor Baltzer, der sittenstrenge Moralapostel, der seine ureigensten Bedürfnisse mehr oder weniger erfolgreich unterdrückt. Er erkennt die Provokation, die das bloße Erscheinen Oceanes mit sich bringt und die sein Weltbild zu erschüttern droht. Ein Weltbild, das auch ohne Oceanes Zutun bereits gefährlich ins Wanken geraten ist, an dem er aber trotz besseren Wissens festhält, festhalten muss, denn den größeren Schritt des Selbsteingeständnisses wagt er nicht. Oceane selbst kommt nicht zu Wort, will auch irgendwann nicht mehr sprechen.
Das Interesse der Gesellschaft gilt gar nicht ihr. Sie sehen in der Fremden nur eine Projektionsfläche für die eigenen unterdrückten Sehnsüchte und Ängste. Oceane wird nicht gehört. Wozu dann etwas sagen? Die Braut schweigt. Doch sie hat eine Stimme. Die Stimme des Meeres, die ihr die eigene gesellschaftliche Maske klar vor Augen führt. Sie gehört nicht hierher – nicht in diese Gesellschaft. Bleibt die bange Frage: Wie müsste eine Gesellschaft aussehen, in der auch Oceane leben könnte?
Mehr noch: in der wir uns gestatten würden, die Existenz unserer eigenen inneren Oceane zuzugestehen?
„Doch vergesst nicht, dass ihr mich gerufen habt in die Welt, dass euch geträumt hat von mir, der anderen, dem anderen, von eurem Geist und nicht von eurer Gestalt, der Unbekannten, die auf euren Hochzeiten den Klageruf anstimmt, auf nassen Füßen kommt und von deren Kuss ihr zu sterben fürchtet,
so wie ihr zu sterben wünscht und nie mehr sterbt: ordnungslos, hingerissen und von höchster Vernunft.“
Ingeborg Bachmann



Impressum

Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH
Stralsund – Greifswald – Putbus
Spielzeit 2025/26
Geschäftsführung: André Kretzschmar
Künstlerischer Leiter: Rolf C. Hemke
Redaktion: Katja Pfeifer Gestaltung: ÖA / Pawlitzky
1. Auflage: 500
Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de
Textnachweise: So nicht anders vermerkt, handelt es sich bei den Texten um Originalbeiträge von Katja Pfeifer für dieses Heft. Das Interview mit Detlev Glanert fand am 21. Januar 2026 in Stralsund statt. Weitere Quellen: Theodor Fontane: Fragmente. Erzählungen, Impressionen, Essays. Hg. v. Christine Hehle und Hanna Delf von Wolzogen. Band 1. Berlin/Boston 2016; Ingeborg Bachmann: Undine geht. In: Marcel Reich-Ranicki (Hg): Verteifdigung der Zukunft. Deutsche Geschichten 1960-1980. München 1995; Die Zitate auf den Seiten 10/11 entstammen folgenden Quellen: Thomas Gerlach: Von unten nagt das Meer. Rügen zwischen Klimawandel und Tourismus: https://taz.de/Ruegen-zwischen-Klimawandel-und-Tourismus/!5098081/; Daniel Mullis: Ungehorsamer Klimaprotest: https://www.prif.org/fileadmin/Daten/Publikationen/PRIF_Spotlights/2023/Spotlight_1_2023_barrierefrei.pdf; Rede Mark Carneys in Davos am 20.1.2026 in Davos: https://www.youtube.com/watch?v=2lLrpAkEKg; Judith N. Shklar, Hannes Bajohr (Hg): Über Ungerechtigkeit. Erkundungen zu einem moralischen Gefühl. Berlin 2021; Uwe Scheffler: Diskriminierung von sozialen Randgruppen durch das kriminalsoziologische Konzept abweichenden Verhaltens? Probleme und Alternativen. In: Joerden, J.C. (Hg) Diskriminierung Anti-diskriminierung. Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Ethik an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Berlin, Heidelberg 1996; Hans Magnus Enzensberger: Der Untergang der Titanic. Frankfurt a. M. 1978. Bildnachweise: Die Szenenfotos stammen von Peter van Heesen und entstanden auf der Klavierhauptprobe am 30.1.2026
Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die Universitäts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-Rügen
Es wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.