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Birke Tegethoff Lauerscher Weg 70a 04249 Leipzig

Sich im Augenblick begegnen. Über die Wirkmechanismen der Clownerie für Menschen mit Demenz

Diplomarbeit im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialpädagogik Hochschule Merseburg (FH) Bei: Prof. Bettina Brandi und Prof. Dr. Gundula Barsch

Sommersemester 2009

1


Inhalt

Einleitung ......................................................................................................................... 5 1

2

3

Die kulturelle Verankerung clownesker Phänomene ............................................... 8 1.1

Der Clown als Freudenbringer und Heiler in den indianischen Kulturen ........ 8

1.2

Der Clown als Gegenteiler – humoreskes Aufbegehren gegen Macht und Tradition ............................................................................................................. 9

1.3

Die Kunst des Scheiterns auf den Wanderbühnen und im Zirkus.................. 10

Klinikclownerie ...................................................................................................... 12 2.1

Geschichte und Intention der Klinikclownerie............................................... 12

2.2

Organisation und Finanzierung ...................................................................... 13

2.3

Ausbildung ..................................................................................................... 13

2.4

Ausschnitte aus einem Clownsbesuch im Pflegeheim ................................... 15

Elemente der Clownerie für Menschen mit Demenz.............................................. 20 3.1 Clownsprinzipien............................................................................................ 20 3.1.1 Die rote Nase .......................................................................................... 20 3.1.2 Das „Im-Clown-Sein“ - Authentizität .................................................... 20 3.1.3 Die emotionale Echtheit und ihre Übertreibung..................................... 21 3.1.4 Das Scheitern.......................................................................................... 21 3.2 Clownstechniken ............................................................................................ 22 3.2.1 Improvisation.......................................................................................... 22 3.2.2 Pantomime.............................................................................................. 22 3.2.3 Das Spiel im Duo.................................................................................... 23 3.2.4 Das Spiel mit dem Status........................................................................ 23 3.2.5 Gromolo.................................................................................................. 24 3.3

4

Hilfsmittel....................................................................................................... 24

Demenz................................................................................................................... 27 4.1

Biomedizinisches Demenzmodell .................................................................. 27

4.2

Symptome und Schweregrade einer Demenz................................................. 28

4.3 Gedächtnisstörungen ...................................................................................... 29 4.3.1 Das Nutzen des autobiographischen Gedächtnisses............................... 30 4.4

Medikamentöse Behandlung .......................................................................... 30

4.5

Kritik am biomedizinischen Demenzmodell .................................................. 31

4.6

Der personzentrierte Ansatz ........................................................................... 33

2


5

Das subjektive Demenzerleben .............................................................................. 36 5.1 Selbstwahrnehmung der Betroffenen ............................................................. 36 5.1.1 Leichte Demenz...................................................................................... 37 5.1.2 Mittlere Demenz ..................................................................................... 37 5.1.3 Schwere Demenz .................................................................................... 38 5.2 Ursachen für auffälliges Verhalten................................................................. 39 5.2.1 Situative Verkennungen ......................................................................... 39 5.2.2 Fortlauftendenzen ................................................................................... 40 5.2.3 Innere Unruhe und Wandern .................................................................. 41 5.2.4 Apathie ................................................................................................... 42

6

7

Therapeutische Grundlage der Gericlownerie........................................................ 43 6.1

Validierender Umgang mit Menschen mit Demenz ....................................... 43

6.2

Therapeutischer Humor in der Altenpflege .................................................... 49

Aktivierende sozialpsychologische Methoden für Menschen mit Demenz ........... 51 7.1 Erinnerungspflege........................................................................................... 51 7.1.1 Überlegungen zum Umgang mit Verherrlichungen der NS-Zeit ........... 52 7.2

10-Minuten-Aktivierung................................................................................. 53

7.3

Tanz- und Bewegungsangebote...................................................................... 54

7.4

Wohltuende Berührungen und Nähe .............................................................. 55

7.5

Basale Stimulation®....................................................................................... 55

7.6

Biographieorientierte Musiktherapie.............................................................. 56

8

Stand der Forschung über die Clownerie für Menschen mit Demenz.................... 59

9

Empirische Studie über die Wirkmechanismen der Gericlownerie........................ 62 9.1

Forschungsfrage ............................................................................................. 62

9.2

Forschungsdesign ........................................................................................... 63

9.3 Thematischer Vergleich und Generalisierung ................................................ 65 9.3.1 Potentiale der inneren Grundhaltung...................................................... 65 9.3.2 Interaktionspotentiale ............................................................................. 67 9.3.3 Kommunikationspotentiale..................................................................... 71 9.3.4 Kontaktqualität ....................................................................................... 72 9.3.5 Identifikationspotentiale der Clownsfigur .............................................. 74 9.3.5 Kontaktgrenzen....................................................................................... 76

10

9.4

Zusammenfassung und theoretische Einbettung ............................................ 77

9.5

Rückbezug zur Forschungsfrage .................................................................... 81 Resümee ............................................................................................................ 82

Ausblick.......................................................................................................................... 83

3


Literaturverzeichnis ........................................................................................................ 84

Anhangsverzeichnis ......................................................................................................87 Anhang 1: Interviewleitfaden .................................................................................88 Anhang 2: Interview A …………………………………………………………...90 Anhang 3: Interview B ............................................................................................99 Anhang 4: Interview C ..........................................................................................112 Anhang 5: Interview E ..........................................................................................119 Anhang 6: Interview D .........................................................................................125 Anhang 7: Claudia Müller: Sendung M 19 – Das lange Interview ......................132

4


Einleitung Die Betreuung von alten Menschen mit einer dementiellen Symptomatik stellt die deutsche Versorgungslandschaft vor eine immer größer werdende Herausforderung. Viele Pflegeeinrichtungen sind den zusätzlichen Belastungen, die durch die betreuungsintensiveren Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz zustande kommen, nicht gewachsen. Bis zum Jahr 2050 wird mit einem Anstieg, von heute ca. 1,1 Million altersverwirrten Menschen, auf ca. 2,6 Millionen gerechnet. Um darauf adäquat reagieren zu können, bedarf es einer neuen Begleitkultur, die angemessen auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingehen und darüber den Pflegealltag erleichtern kann. Die Gericlownerie kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Die Gericlownerie ist eine relativ junge Bewegung, die sich aus der Klinikclownerie entwickelt hat. Die vorliegende Arbeit möchte dieses neu entstandene Arbeitsfeld näher beschreiben und untersuchen. Wenige Studien belegen, dass Clownsinterventionen die Lebensqualität von Menschen mit Demenz steigern, agitiertes Verhalten reduzieren und dass dadurch der Pflegealltag erleichtert werden kann. Es stellt sich die Frage: Was ist das Besondere an der Begegnung zwischen Clowns und Menschen mit Demenz? Welche besonderen Qualitäten und Eigenschaften der Firgur Clown kommen zum tragen? Literatur über die Clownerie mit alten Menschen und speziell für Menschen mit Demenz existiert bisher nur in einigen wenigen Fachartikeln, in Form von Kurzbeiträgen in Büchern über therapeutischen Humor und in Hochschulschriften. Daher gilt es im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit, angrenzende Wissensgebiete der Gericlownerie theoretisch aufzubereiten.

Zum Einstieg in die Thematik soll im ersten Kapitel ein geschichtlicher Abriss die kulturellen Wurzeln clownesker Phänomene beschreiben. Der Clown galt in vielen Kulturkreisen durch seine positive Lebenseinstellung als Heiler. Er ermöglichte als Gegenteiler einen Perspektivwechsel bzgl. bestehender Normen und Werte und scheiterte im Dienste der Menschen. In seiner unverblümten Echtheit und Naivität wies und weist er auf das Menschliche in einer rationalen Gesellschaft. Im zweiten und dritten Kapitel werden das Arbeitsfeld und die Techniken der Klinikund im Speziellen der Gericlownerie beschrieben. Seit Mitte der 80er Jahre arbeiten 5


Clowns in Institutionen des Gesundheitswesens, mit dem Ziel, durch Humor den Klinikalltag zu erleichtern und ggf. Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Anhand der Struktur des Clowns&Clowns e.V.1 in Leipzig, wird eine mögliche Organisationsform von Klinikclownvereinen beschrieben. Obwohl mittlerweile in fast jeder größeren Klinik in Deutschland Clowns zum festen Repertoire gehören, gibt es noch kein einheitliches Ausbildungssystem. Um einen Einblick in das breite Interaktionsspektrum der Gericlownerie zu geben, wird ein exemplarischer Clownsbesuch, in seinem typischen Verlauf, bildhaft dargestellt. Die verschiedenen Elemente der Gericlownerie, die sich aus der individuellen Clownspersönlichkeit und den, dem Clownsspiel zu Grunde liegenden Techniken und Hilfsmitteln speisen, werden im Anschluss erläutert. Kapitel

vier

befasst

sich

einleitend

mit

der

Demenzsymptomatik

aus

biomedizinischer Sicht und kritisiert deren einseitig defizitorientierte Perspektive. Tom Kitwood postuliert innerhalb seines personzentrierten Ansatzes, dass der dementielle Abbauprozess in einer engen Beziehung mit dem subjektiven Wohlbefinden Betroffener steht. Die Grundhaltung des personzentrierten Ansatzes ist ein Grundpfeiler der Gericlownerie und wird an dieser Stelle erläutert. Um empathisch mit Menschen mit Demenz in Kontakt treten zu können, ist es für die Gericlowns unerlässlich, sich in die Selbstwahrnehmung von Betroffenen hinein denken, bzw. empfinden zu können. Das fünfte Kapitel bereitet das subjektive Demenzerleben auf und gibt Erklärungsansätze für agitierte Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz. In Kapitel sechs und sieben werden verschiedene sozialpsychologische und aktivierende Methoden beschrieben, die in der Betreuung von Menschen mit Demenz zum Tragen kommen und die von den Gericlowns situativ und individuell angewendet werden. Da diese Methoden auch von Pflegekräften und Therapeuten erbracht werden, stellt sich im empirischen Teil dieser Arbeit die Frage, worin das besondere Potential der Gericlownerie liegt. In Kapitel sieben wird anhand von drei Studien der Stand der Forschung skizziert. Das Forschungsdesign und die qualitative Auswertung, sowie die theoretische Einbettung der Studienergebnisse aus den Interviews, bilden den Schwerpunkt von Kapitel acht. Zum Abschluss werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und resümiert. 1

www.clowns-und-clowns.de

6


Durch meine Mitgliedschaft im Clowns&Clowns e.V. in Leipzig, der sich auf die Arbeit in Pflegeeinrichtungen spezialisiert hat, bin ich auf die Gericlownerie aufmerksam geworden. Bei meiner Forschung wurde deutlich, dass die Wirksamkeit der Clownerie für Menschen mit Demenz nur zu einem Teil mit dem klassischen Bild des Clowns als Spassmacher in Verbindung steht. Von weitaus größerer Bedeutung sind die neugierig-herzliche Grundhaltung der Gericlowns und ihre Fähigkeit, flexibel individuelle Impulse von Menschen mit Demenz aufzugreifen und mit ihnen in einen wertschätzenden, erfüllenden Kontakt treten zu können. Die Praxisbeispiele in der vorliegenden Arbeit ziehe ich teils aus eigenen Erfahrungen, teils aus teilnehmenden Beobachtungen und im Großen aus den dem empirischen Teil dieser Arbeit zu Grunde liegenden Interviews. Belege aus den Interviews sind in den Fließtext eingearbeitet und werden durch einen anderen Schrifttyp optisch hervorgehoben.

Begriffsbestimmungen Rolf D. Hirsch prägte den Begriff Gericlown, um die Clownsarbeit für alte Menschen von der Klinikclownerie für Kinder abzugrenzen.2 Neben seiner Arbeit als Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie an den Rheinischen Kliniken in Bonn, gilt er als Humorexperte und ist Befürworter und Unterstützer der Clownerie in Alten- und Pflegeheimen.

Der Begriff Mensch mit Demenz wird bewusst in Anlehnung an Tom Kitwood’s personzentrierten Ansatz und die ‚Neue Kultur der Demenzpflege’ verwendet. Die biomedizinische Bezeichnung ‚Demenzkranker’ legt die Beeinträchtingungen und Funktionsstörungen Betroffener ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wohingegen der personzentrierte Ansatz im Menschen mit Demenz vielfältige Ressourcen und Potentiale sieht, glücklich zu leben.3

Und auch in dieser Arbeit wird, aufgrund der besseren Lesbarkeit, in den meisten Fällen die männliche Form verwendet, obgleich Menschen gleich welchen Geschlechts gemeint sind. Die Begriffe Clown und Gericlown werden, außer in dem Kapitel über die kulturelle Verankerung clownesker Phänomene, synonym verwendet.

2 3

vgl. Hirsch in Tackenberg / Abt-Zegelin 2000, S. 170 vgl. Wißmann 2004, S. 21

7


1 Die kulturelle Verankerung clownesker Phänomene Schließlich beschloß Gott, „durch Torheit die Welt zu erretten, als Er sie durch Weisheit nicht zu erneuern vermochte“ 1.

Kor. 1,21

Begibt man sich auf die Spurensuche nach dem Ursprung des Clowns, liegt es Nahe, seine Vorläufer in komischen Figuren und Schelmengestalten zu suchen, die rund um den Globus auftauchen. So verschieden diese auch in Erscheinung treten, so bergen alle die archetypische Essenz, dass sie Freude und Heilung bringen, bestehende Normen und Werte hinterfragen und den Menschen ihre eigenen Schwächen spiegeln.4 Im Folgenden wird die religiöse Eingebundenheit der Clowns, als Heiler und Freudenbringer exemplarisch anhand indianischer Kulturen skizziert und ihre Funktion als Gegenteiler zu bestehenden Machtverhältnissen durch die griechische Komödie, die indianischen Clowns und den europäischen Hofnarren gekennzeichnet. Auf den Wanderbühnen des Mittelalters und im Zirkus zeigt sich das Phänomen des Spiegelns und Scheiterns. Clowneske Figuren stellten überspitzt die Irren und Wirren menschlichen Lebens dar und gaben und geben den Zuschauern die Möglichkeit, über eigene Fehler zu lachen, ohne sich verletzt zu fühlen. Der Dumme August, mit dem der Clown geläufig assoziiert wird, birgt in sich die Prinzipien der Absichtslosigkeit, emotionaler Echtheit und der Naivität. Er ist zeitgeschichtlich eine relativ junge Figur, die ihren Ursprung im Zirkus hat.

1.1 Der Clown als Freudenbringer und Heiler in den indianischen Kulturen In den indianischen Kulturen folgten Frauen oder Männer durch eine göttliche Vision ihrer Berufung zum Clown. Durch diese Einweihung hatte der Clown „(…) jede Angst überwunden vor Schuld, Strafe und Isolation, wie auch vor Schmerzen, Krankheit und Tod.“5

Seine

Bestimmung war, das Volk von der Dunkelheit ans Licht zu führen, es in Notzeiten bei guter Laune zu halten,6 ihm als „Delightmaker“ Kraft, Inspiration und Gesundheit zu

4

vgl. von Barloewen 1981, S. 39-40 Fried / Keller 1996, S. 18 6 vgl. Klapps in Hirsch 2001, S. 193-194 5

8


geben. Die Hopi sahen eine Hauptursache für Krankheit und Tod im Kummer.7 Mit seiner positiven Lebenseinstellung konnte der Clown Krankheiten heilen. In manchen Stämmen galt er deshalb sogar als besserer Heiler als der Medizinmann. „Er (vermochte) ein Leiden bei der Wurzel zu packen, indem er den Kranken mit seiner Sorglosigkeit ansteckt(e).“,

8

oder

die vom Schamanen zubereitete Medizin dem Patienten selber mit dem Mund verabreichte.9 Die Clownsgestalten traten bei den Indianern sehr unterschiedlich in Erscheinung, jedoch war ihnen allen ihre Funktion als „Delightmaker“, als Freudenbringer gemeinsam.10

1.2 Der Clown als Gegenteiler – humoreskes Aufbegehren gegen Macht und Tradition Neben ihrer Rolle als Freudenbringer, erschienen Clowns in vielen Kulturkreisen als soziales Regulativ, als Gegenteiler und Widersacher zu etablierten Machtstrukturen und religiösen Dogmatismen. Im antiken Griechenland scheuten sich Komödianten nicht, „Erbarmungslos und ohne Respekt (...) Institutionen und Personen des öffentlichen Lebens der 11

Lächerlichkeit preis(zu)geben. Kein Thema, keine Person, keine Idee blieb da verschont.“

Auch die Häuptlinge und Schamanen der indianischen Völker hätten eine unantastbare Machtposition inne gehabt, wäre da nicht ihr Gegenteiler gewesen, der Trickster, der indianische Clown, der mit „Wonne und unvorstellbarer Dreistigkeit (...) an den Grundfesten der Stammesordnung (rüttelte) und durch seinen Unfug auf die Möglichkeit des AndersSeins inmitten aller Regelmäßigkeit (verwieß)“.

12

Der Gegenteiler eröffnet den Menschen durch

skuriles Verhalten und Tabubrüche einen Perspektivwechsel, er bietet dadurch Gelegenheit, festgefahrene Normen zu hinterfragen und die Entwicklung einer Gemeinschaft voranzubringen.13

An den fürstlichen Höfen des europäischen Mittelalters und der Renaissance findet sich das Phänomen des Gegenteilers in Form von Hofnarren. Zunächst war es Mode, Krüppel, Kleinwüchsige und Idioten am Hofe zu ‚halten’, um sich an ihrer Dummheit zu ergötzen und seine eigene Person durch ihren niedrigeren Status zu erhöhen. Im 7

Fried / Keller 1996, S. 18 ebd. 9 vgl. Fried / Keller 1996, S. 18 10 vgl. Barloewen 1981, S. 13 11 von dem Borne 1993, S. 16 12 Fried / Keller 1996, S. 16 13 vgl. Fried / Keller 1996, S. 15 8

9


Laufe der Zeit kamen die Hofnarren zunehmend aus Schauspielerkreisen. Sie genossen die Freiheiten ihrer Vorläufer, der ‚wirklichen Toren’ und hatten das Recht, sich freimütig zu äußern. Als fester Bestandteil des Lebens am Hofe kannte der Narr alle Ränke und Intrigen, diente als Unterhalter und war ein geschätzter Ratgeber des Fürsten. Durch den Schutz des Humors hatte der Hofnarr die Möglichkeit dem Herrscher den Spiegel der Wahrheit vors Gesicht zu halten. Seine privilegierte Stellung, als normaler Bürger an der Seite des Fürsten, konnte er geschickt nutzen, um als Sprachrohr des Volkes zu dienen.14

1.3 Die Kunst des Scheiterns auf den Wanderbühnen und im Zirkus Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstand in Italien die Comedia dell´ arte. Wandernde Komödianten spielten heitere Verwechslungsspiele mit typisierten Figuren, in denen sich die Zuschauer wiederentdecken konnten. Missverständnisse und Verwirrungen, die auf der Bühne mit spielerischem Witz dargeboten wurden, kannte das Publikum aus eigener Erfahrung. Sie boten ihm die Möglichkeit, über eigene Fehler zu lachen, ohne sich verletzt zu fühlen. Was bei der Commedia dell’ arte der bauernschlaue Arlecchino, war bei den englischen Wanderbühnen der Pickelhering oder in Deutschland und Österreich der Hanswurst im Bauerngewand.15 All diese Figuren gelten als Vorläufer des Dummen Augusts, eine Personnage, die in sich die Clownsprinzipien der Absichtslosigkeit, Emotionalität und Naivität vereint.

Die Geburt des Dummen Augusts, mit seiner roten Nase, wie wir ihn heute kennen, geht auf Tom Belling (1843-1900) zurück. Der Sohn einer Artistenfamilie wurde, da er an seinem Können zweifelte und seinen Auftritt verweigern wollte, vom Zirkusdirektor hinterrücks in die Manege gestossen, so dass er hinein taumelte und verdutzt hinfiel. Seine Absichtslosigkeit und Überraschung spiegelten sich in seinem Spiel. Das Publikum war von der Personnage entzückt und rief „Aujust, Aujust!“.16 Im Dummen August begegnet uns die Naivität, das spielende Kind, das „(…) nach Herzenslust irrt und fehlt, ohne unterzugehen. Es spottet der gültigen Ordnung, indem es schlicht um diese nicht weiß.“17

und

sich von der Weisheit seines Herzens leiten lässt.

14

vgl. Fried / Keller 1996, S. 27-30 vgl. von dem Borne 1996, S. 37-43, Barloewen 1981, S. 49 16 vgl. von dem Borne 1996 17 Fried / Keller 1996, S. 183 15

10


Dieser kurze Abriss über die kulturelle Verankerung clownesker Phänomene, des Freudebringens, Heilens, des Gegenteilers und Profischeiterers, bis hin zur Genese der wohl bekanntesten Figur, des naiven Dummen Augusts, versteht sich als Versuch, archetypische

Grundzüge

aufzuzeigen

und

erhebt

nicht

den

Anspruch

auf

Vollständigkeit. Barloewen stellt fest, dass sich der Clown jeglicher Klassifizierung entzieht, „(...) er windet sich aus jeder Festlegung, indem er immer wieder einen neuen Wesenszug preisgibt, der bisher unbekannt war, der sich nicht einfügt in das gewohnte Bild, (...) sich nicht einfangen lässt in die Enge rein ästhetischer Deutung.“18

Das Phänomen Clown steht immer in einer

dialektischen Beziehung zwischen Kultur und Gesellschaft, zwischen Mensch und Menschlichkeit. Clown sein ist „(...) die besondere Form der Rebellion, das Gebeugtsein und Scheitern, aber auch der Zauber, die Fähigkeit zum unmittelbaren Erlebnis, das Charisma der Intuition, die teilnehmende Ergriffenheit durch eine sanfte Vision.“19

Die archetypische Funktion des Clowns als Gegenteiler und Heiler hat in der Moderne immer mehr an Gewicht verloren.20 Der Clown zeigt sich kaum mehr mit seinen Ecken und Kanten, er wirkt domestiziert und fristet sein Dasein als Logo für Fastfoodketten und in zirzensischen Nummern. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts macht sich allerdings ein neuer Trend bemerkbar. Der Clown erobert ein neues Terrain. Er wird zum Gegenteiler einer institutionalisierten Gesellschaft. Er bringt als Klinikclown Freude und Menschlichkeit in Einrichtungen des Gesundheitswesens.

18

Barloewen 1981, S. 40 ebd. 20 vgl. Barloewen 1981, S. 70 19

11


2 Klinikclownerie Der wohl bekannteste Clown im klinischen Bereich ist der US-amerikanische Arzt Patch Adams. Er kritisierte schon während seines Studiums, Anfang der 70er Jahre, die professionelle Distanziertheit der Ärzte und propagiert noch heute eine humorvolle, menschliche Interaktion zwischen Medizinern und Patienten, um Selbstheilungskräfte im Menschen zu aktivieren.21 Die Idee, Clownerie für alte Menschen und insbesondere für Menschen mit Demenz anzubieten, geht auf die Klinikclownerie für Kinder zurück, die im Folgenden beschrieben wird. Die Organisation und Finanzierung der Klinikclownvereine, sowie die Ausbildung der Clowns bildet einen weiteren Schwerpunkt dieses Kapitels. Um einen Einblick in die Praxis zu geben, wird im Anschluss ein exemplarischer Clownsbesuch im Pflegeheim dargestellt.

2.1 Geschichte und Intention der Klinikclownerie Der erste Klinikclownverein wurde 1986 von Michael Christensen in New York City gegründet. Seitdem beglücken die mittlerweile 60 Clowns des „Big Apple Circus Clown Care Unit“ regelmäßig kranke Kinder in den Krankenhäusern. Christensens Mitclownin, Laura Fernandez, brachte die Idee nach Deutschland. Sie gründete 1993 in Wiesbaden den Clown-Doktoren e.V. Inzwischen gibt es in fast jeder größeren Stadt in Deutschland, aber auch weltweit Klinikclownvereine oder selbstständige Clowns, die ihre Dienstleistungen auf Kinderstationen anbieten. Die Clowns kommen entweder zu zweit oder alleine, sie arbeiten wahlweise nach dem New Yorker Vorbild als ClownDoktoren, die im Arztkittel auftreten und Seifenblasen als Medizin verschreiben, oder klassisch im Kostüm des Dummen August oder Weißclowns, um Freude in den Krankenhausalltag zu

bringen. Obwohl

die Wirksamkeit

der Clownerie in

Kinderkliniken noch wenig erforscht ist, gehören die Clowns in vielen Institutionen zum festen Repertoire. Sie bringen Farbtupfer in den grauen Klinikalltag, lenken vom Schmerz ab und versprühen Freude. Dabei gehe die Rolle der Klinikclowns weit über den Spaß hinaus, berichtet Christian Heek, Kulturreferent an der Universitätsklinik Münster. „Auf Krebsstationen und in der Kinderkardiolgie, auch in der Chirurgie können selbst die Eltern kaum helfen, da sie das Kind zu einer schmerzvollen Behandlung nötigen müssen.“22

In diesem

21

Trybek in ÖKZ 2004, S. 5-9 Heek zitiert in Geschi 1998, http://www.michaeltitze.de/content/de/print_medien/print_medien_071.html (25.04.2009)

22

12


Loyalitätskonflikt springt der Klinikclown ein. Er ist ein Verbündeter des Kindes in einer von Leid geprägten, institutionalisierten Umgebung.23

2.2 Organisation und Finanzierung Die meisten Klinik- bzw Gericlowns organisieren sich in Form von gemeinnützigen Vereinen. Auch der Clowns&Clowns e.V. arbeitet in dieser Organisationsform. Zwei Bürokräfte, die über eine Kommunal-Kombi und eine ABM Stelle finanziert werden, regeln die Koordination der Clownseinsätze und übernehmen die Zuarbeit der verschiedenen Arbeitsgemeinschaften (AG’s), in denen sich die Vereinsmitglieder engagieren. So hat der Clowns&Clowns e.V. u.a. folgende AG’s: Öffentlichkeitsarbeit, Trainingsplanung, Wissenschaft, Aquise und Sponsoring. Finanziert werden die Clownsinterventionen in der Regel von den Heimen selber oder in einigen Fällen von Sponsoren. Die wenigen Sponsorengelder, die der Verein beschaffen kann, werden für einmalige Heimspiele investiert, um die Clownsarbeit zu bewerben. Laufende Vereinskosten, wie bspw. das regelmäßige Training und spezielle Fortbildungen können teils aus den Mitgliedsbeiträgen finanziert werden, müssen aber auch teilweise von den Clowns aus privaten Mitteln erbracht werden.

2.3 Ausbildung Es gibt keine einheitliche Ausbildung zum Gericlown. Daher obliegt es den einzelnen Clownsvereinen und selbstständigen Clowns, ihre Professionalität und Qualifizierung zu gewährleisten.24 In der Regel haben Gericlowns Vorerfahrungen im künstlerischen Bereich, sei es im Schauspiel oder der Musik, bestenfalls haben sie eine schulische Clownsausbildung genossen. In Deutschland gibt es zahlreiche Clownsschulen, darunter jedoch nur drei staatlich anerkannte. Das sind die „Schule für Clowns“ in Mainz,25 die „Schule für Tanz, Clown und Theater“ (TuT) in Hannover26 und die „Tamala Clown Akademie“ in Konstanz.27 Die Clownschule TuT bietet, im Rahmen von Wochenendseminaren, eine Zusatzqualifikation zur Klinikclownerie an. Allerdings beschränkt sich diese 23

vgl Meincke 2000; vgl. Döhring, Renz 2003 Döhring / Renz 2003, S. 127 25 www.clownschule.de 26 www.tut-hannover.de 27 www.tamala-center.de 24

13


Maßnahme auf Clownerie in Krankenhäusern. Der Ausbildungsplan geht nicht speziell auf die Arbeit mit Menschen mit Demenz ein.28

Um die Qualität der Clownsarbeit in Institutionen des Gesundheitswesesn zu sichern, hat die Tamala Clownschule in Konstanz einen eigenen Lehrplan entwickelt und sich das Berufsbild Gesundheit!Clown® patentieren lassen. Seit 2004 besteht hier die Möglichkeit, im Rahmen einer zweijährigen, berufsbegleitenden Ausbildung, staatlich anerkannter Gesundheit!Clown® zu werden. Im ersten Ausbildungsjahr liegt der Schwerpunkt in der Arbeit an der eigenen Clownspersönlichkeit. Im zweiten Jahr werden

Fertigkeiten

zur

Clownerie

mit

Menschen

in

Behindertenheimen und Altenheimen in Theorie und Praxis geschult.

Krankenhäusern, 29

Zur Fortbildung und für den beruflichen Austausch der Klinikclowns dient der Verein „Buntes Bundes Bündnis – Clowns in Kliniken und Seniorenheimen e.V.“, der 2002 gegründet wurde. Von hier aus werden regelmäßig, alle eineinhalb Jahre Treffen organisiert, auf denen engagierte Klinikclowns sich im Rahmen von Workshops und Fachvorträgen weiterbilden können.30

Seit 2004 gibt es in Deutschland einen Dachverband „Clowns für Kinder im Krankenhaus e.V.“. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht den Erfahrungsaustausch zwischen den Vereinen anzuregen und gemeinsame Aktionen, sowie eine breite Öffentlichkeitsarbeit zu organisieren.31

Der Clowns&Clowns e.V. regelt die Aus- und Weiterbildung seiner Clowns intern, durch wöchentliches, gemeinsames Training, Fortbildungen in den einzelnen therapeutischen Bereichen,32 gemeinsame fachlich angeleitete Workshops33 und regelmäßige Supervisionen der eigenen Arbeit. Neue Clowns können sich nach einer etwa einjährigen Trainingsphase, bei den erfahrenen Clownspaaren einen ersten Eindruck verschaffen, indem sie bei deren Clownsvisiten zunächst in Zivil mitlaufen. 28

vgl. http://www.tut-hannover.de/tut/tut_menu_cl/kursdetail.php?kursnr=cl07fb01os vgl. http://www.tamala-center.de/clownschule/pdf/Narr_Trickster_09-12_Ausbildungsinfo.pdf 30 www.bububue.de 31 www.dachverband-clowns.de 32 bspw. Validation, das therapeutische Spiel mit Puppen, Volkslieder und Schlager (biographieorientierte Musiktherapie), Möglichkeiten ses „sich einschwingens“ auf Menschen mit Demenz in nachgestellten Situationen, u.v.m. 33 z.B. bei Laura Fernandez 29

14


Daran schließt sich eine Phase an, in der sie als sogenannter „Drittclown“ in den Heimen mitspielen dürfen. Erst wenn alle erfahrenen Clowns zustimmen, wird der bzw. die Neue als „spielender Clown“ in das Team integriert.

Im Gegensatz zur Clownerie mit kranken Kindern, die wie ein Buschfeuer Deutschland erobert hat, ist die Clownerie mit alten Menschen noch relativ jung und wenig verbreitet. Dies hängt sicherlich mit dem unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellenwert von Kindern und alten Menschen zusammen. In der Regel ist es schwieriger Sponsoren für Altenheimspiele zu finden.34 Das ist sehr bedauerlich, da gerade alte Menschen

in

Institutionen

mit vielfältigen Problemen, wie Multimorbidität,

Depressionen und Vereinsamung zu kämpfen haben. Hirsch stellt dahingehend fest, dass „(...) es ein Qualitätsmerkmal eines deutschen Altenheims sein muss, dass ein Clown kommt.“35

2.4 Ausschnitte aus einem Clownsbesuch im Pflegeheim „Es sind vor allem kleine Dinge bei alten Menschen, ganz kleine Momente der Wachheit, die Clowns bewirken können und die wichtig sind.“36

Um einen bildhaften Eindruck der Gericlownerie zu geben, werden im Folgenden Szenen einer teilnehmenden Beobachtung vom 19.02. 2009 im Pflegeheim ‚An der Weißen Elster’ in Leipzig geschildert. Bei einem Clownsbesuch ergeben sich in der Regel zwei unterschiedliche Spielsituationen. Begegnungen auf den Zimmern und solche in den Aufenthaltsräumen. Das Spiel auf den Zimmern, deren Bewohner meistens wegen ihrer schlechten körperlichen oder seelischen Verfassung im Bett liegen, ist zarter und ruhiger, als das Spiel in den Aufenthaltsräumen der Pflegeheime. Hier kann es ruhig mal deftiger zugehen. Im Schnitt dauert eine Begegnung fünf bis

34

vgl. Avellis 2002, S. 30 Hirsch zitiert in Wengel: Humor kann heilen: Ein Interview mit dem Altersforscher Prof. Rolf Dieter Hirsch. Verschriftlichtes Interview bei Planet Wissen, http://www.planetwissen.de/pw/Artikel,,,,,,,12535DE10C1113EDE0440003BA5E0905,,,,,,,,,,,,,,,.html (29.03.2009) 36 ebd. 35

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zehn Minuten, dann müssen die Clowns weiterziehen. Die ausgewählten Szenen sollen einen Einblick in das breit gefächerte Interaktionsspektrum der Begegnungen geben:

Die beiden Spielerinnen des Clowns&Clowns e.V. treffen sich um 13:30 Uhr im Büro der Heimleiterin und besprechen mit ihr die aktuelle Situation auf den drei Pflegestationen. Sie rät den Spielerinnen heute im Erdgeschoß zu beginnen, da sich die Bewohner dort besonders auf den Clownsbesuch freuen. Zimmer für Zimmer gehen sie die drei Etagen des Pflegeheimes durch und werden ausführlich über Verfassung und Bedürfnisse einzelner Bewohner informiert. Nach der Übergabe ziehen die Spielerinnen im Beschäftigungsraum im Souterrain ihre Clownskostüme an. Dabei gehen sie nochmal die Informationen über die Bewohner durch. Die Spielerinnen haben im Vorfeld abgesprochen, heute mit dem Thema Märchen zu arbeiten. Sie haben dafür beim letzten Clownstraining die Lieder ‚Hänsel und Gretel’ und ‚Dornröschen war ein schönes Kind’ einstudiert und Szenen dazu improvisiert. Die Beiden haben besondere Requisiten mitgebracht, die zu verschiedenen Märchen passen: eine silberne Kugel, ein Netz, eine rote Kappe und einen Handspiegel. Alle Gegenstände landen im großen Clownskoffer. Außerdem haben sie bunte, selbstklebende Glitzersteine in verschiedenen Formen zum Verschenken dabei. Nachdem die zwei sich geschminkt haben, setzen sie ihre Nasen auf und springen in ihre Clownscharaktere. Begeistert stehen sich nun Wilma und Jacky Puff gegenüber, sie begrüssen sich, bewegen sich durch den Raum und fallen sich bei jedem Aufeinandertreffen wieder in die Arme, als ob sie sich nicht kurz zuvor gesehen hätten. Beim Betrachten der Requisiten entspinnt sich ein kurzer Streit, wer die schöne rote Kappe aufsetzen und das Rotkäppchen sein darf. Schnell ist klar, das Wilma das Sagen hat. Sie wird das Heimspiel im Hochstatus begehen. Für Jacky Puff ist das in Ordnung, weil Wilma mit der Kappe ‚sooo gut aussieht’ und sich sowieso besser auskennt. Es ist nun 15:00 Uhr. Nach dem Warm-up ziehen die beiden Clowns los, mit dem Fahrstuhl hinauf ins erste Abenteuer.

Begegnung mit dem Pflegepersonal: Auf dem Flur der Pflegestation ist kein Mensch zu sehen. Wilma und Jacky Puff beschließen ersteinmal zum Schwesternzimmer zu gehen und ‚Hallo’ zu sagen. Die beiden Pflegekräfte werden herzlich begrüsst. Wilma klebt beiden ein rotes Glitzerherz auf ihre weißen Kittel, da sich beide „wirklich einen Orden verdient haben“, da sie 16


„soviel Herz haben“ und „jeden Tag soviel Gutes tun“. Nun wissen auch die Pflegekräfte, dass heute wieder Clownstag ist. Die Clowns verabschieden sich und ziehen weiter durch die Zimmer der Pflegestation.

Begegnungen auf den Zimmern: Vorsichtig klopft Wilma an Frau B’s Tür, öffnet dieselbe einen spaltbreit und sagt: „Hallo Frau B, ich bin’s, die Wilma. Dürfen wir reinkommen?“ Frau B ist seit einigen Jahren blind. Sie liegt in ihrem Bett und döst. Sie erkennt offensichtlich Wilmas Stimme und antwortet: „Ach, die Clowns, kommt rein.“ Wilma geht begeistert mit den Worten: „Na, meine Sonne, wie geht es dir?“ auf Frau B zu und sitzt schon auf ihrer Bettkante. Jacky Puff und ich folgen ihr langsam in den Raum. Da Wilma Frau B schon länger kennt, hält Jacky sich zurück und lässt Wilma den Vortritt. Frau B antwortet: „Ach ja, die Schmerzen sind heute sehr stark.“ Wilma: „Hm, das ist aber gar nicht schön.“ Sie hält dabei Frau B’s Hand. „Aber weißt du, ich habe Besuch mitgebracht. Heute ist Jacky mit mir unterwegs. Die hat auch eine rote Nase und wunderschöne Zöpfe.“ Sie winkt Jacky zu sich ans Bett und signalisiert ihr, sich zu Frau B herabzubeugen. Jacky sagt: „Hallo, Frau B, fühl mal!“ und führt die Hände der Frau zu ihren Haaren. Frau B befühlt die beiden Zöpfe. Ein Lächeln umspielt ihr vom Schmerz gezeichnetes Gesicht. Sie betastet ausgiebig Jackys Haare und befindet: „Die sind schön weich!“. Auch ich werde Frau B, als teilnehmende Beobachterin, vorgestellt. Auch meine Zöpfe darf sie befühlen. Wilma: „Weißt du, wir haben heute Märchen mitgebracht!“ Jacky: „Ja genau, einen ganzen Koffer voll!“ Sie reicht Wilma eine silberne Metallkugel aus ihrem Clownskoffer. Wilma: „Frau B, ich gebe dir jetzt einen Gegenstand und du musst raten, zu welchem Märchen der gehört.“ Sie legt vorsichtig die Kugel in Frau B’s Hände. Neugierig lächelnd befühlt Frau B die Kugel und antwortet: „Das Mädchen mit der Kugel.“ Wilma: „Genau, das war der Froschkönig.“. Sie reicht Frau B ein kleines Netz. Eifrig betastet die blinde Frau das löchrige Gewebe und antwortet: „Der Fischer und seine Fru!“. Jacky Puff rezitiert: „Mene Fru die Ilse Bill...“ - „... will nicht so wie ich es will!“, ergänzt Frau B. Die Clowns sind begeistert, wie schlau Frau B ist. Sie errät alle Märchen! Zum Abschied singen sie gemeinsam ‚Dat Du min Leevsten bist’, verabschieden sich und versprechen das nächste Mal wiederzukommen.

Vor einer weiteren Tür halten die Clowns inne. Sie vergegenwärtigen sich die Vorabinformationen der Heimleiterin. Hier wohnt eine Frau, die seit einigen Wochen 17


im Sterben liegt, aber laut Heimleiterin nicht loslassen könne. Diesmal geht Jacky Puff vor. Sie klopft an, keine Reaktion. Sie betritt das Zimmer und nähert sich vorsichtig der im Bett vor sich hindämmernden Frau. „Hallo, ich wollte Dich mal besuchen kommen.“ Sanft streichelt sie über die Hand der Frau, nimmt sie in ihre und beginnt ruhig zu erzählen. Draußen sei es grau und unangenehm kalt, aber sie habe schon erste Schneeglöckchen gesehen. Bald sei der Winter vorbei und dann käme der Frühling. Die Frau zeigt keine Reaktion. Jacky und Wilma schauen sich kurz an. Wilma schlägt vor, für die Frau ‚Sah ein Knab ein Röslein steh’n’ zu singen. Während des Singens taucht die Frau aus ihrer Versenkung auf. Sie neigt ihren Kopf in Jackies Richtung und beginnt unverständlich zu raunen, will irgendetwas mitteilen, dessen Sinn verschlossen bleibt. Tränen fließen über ihr Gesicht. Die Clownin hält weiterhin ihre Hand, sie spürt die Verzweiflung der Dame und streichelt ihr tröstend über den Kopf, bis sie einen tiefen Atemzug der Erleichterung an ihr wahrnehmen kann. Alles ist gesagt, die Gefühle ausgedrückt, sie schläft wieder ein. Die Clowns ziehen sich leise zurück. Im Hinausgehen wischt Jacky Puff sich eine Träne aus dem Gesicht, atmet kräftig durch, um sich zu sammeln und weiter geht es.

Begegnungen im Aufenthaltsraum: Mit eingehakten Armen, im gleichen Schrittempo ein Lied trällernd, gehen die Zwei den Flur entlang. Für die Spielerinnen ist dies ein Moment, in dem sie wieder Kraft schöpfen können. Im Aufenthaltsraum wollen sie nochmal alles geben. Von hinten sehen die Beiden sehr lustig aus. Wilma mit ihrem dicken Hintern (der mit Kissen aufgemöbelt ist) und Jacky Puff mit ihren Taucherflossen an den Füßen. Mittlerweile ist es ca. 17:30 Uhr, kurz vor dem Abendbrot. Die Seniorinnen und Senioren sitzen im Aufenthaltsraum schon an ihren Plätzen. Wilma sieht viele bekannte Gesichter und geht überschwänglich auf die Leute zu. „Na, mein Gutster!“ oder „Hallo, meine Sonne!“, tönt sie, schüttelt Hände, umarmt einige und verweilt bei jedem für ein Schwätzchen. Jacky Puff war noch nicht so oft hier. Etwas zurückhaltender, aber freundlich und offen, geht sie auf die Menschen zu und stellt sich vor. Nicht zuletzt ihre Taucherflossen geben Anlass für Scherzereien. Aber was ist das? Ein Lächeln! Nie zuvor hat Jacky Puff so ein bezauberndes Lächeln gesehen. Sofort holt sie ihre ‚Kamera’ (ein selbst gebasteltes Requisit) aus dem Clownskoffer, um Fotos zu machen. Wie aus einer Polaroid-Kamera zaubert die Clownin ein gelbes Zettelchen mit einem „Oh, leider verrutschtem“ Smily-Gesicht hervor. Die fotografierte Dame freut sich 18


offensichtlich über das Geschenk und dem damit verbundenem Kompliment. Wilma findet das Foto auch sehr schön, aber jetzt sei es Zeit für ein Spiel. „Kennt ihr das Lied vom Dornröschen?“ fragt sie in die Runde. Einige nicken. „Au ja, Dornröschen!“ steigt Jacky Puff ein. Sofort richten die beiden Clowns BewohnerInnen, die in Rollstühlen sitzen, zur Mitte des Raumes aus, damit auch jeder am Geschehen teilhaben kann. Eine Pflegekraft und mobilere SeniorInnen beteiligen sich an dem traditionellen Kreistanz. Jacky ist das Dornröschen in der Mitte des Reigens. Bei der Strophe ‚Da kam ein junger Prinz vorbei’ betritt zufällig ein älterer Herr, in Begleitung einer Pflegerin den Raum und wird direkt von Jacky als ihr Prinz identifiziert. Sich der Geschwindigkeit des Mannes anpassend, tanzt sie mit ihm bis das Lied zu Ende ist. Zur Belohnung bekommt Jacky von ihm einen Kuss auf die Wange. „Oh, wie schön, jetzt brauche ich aber noch einen Kuss, zum Ausgleich, auf der anderen Seite!“ Jetzt erkennt sie ihn wieder. „Du hast doch so über meinen Watschelgang gelacht.“ Sie berichtet Wilma, wie sie beim letzten Besuch von den anderen Clowns genötigt wurde, mit ihren Taucherflossen hin und her zu sprinten. Um es zu verdeutlichen, macht sie es gleich mal vor, patsch, patsch, quer durch den Raum. Der alte Herr und viele andere amüsieren sich köstlich. Manche SeniorInnen scheinen nicht wirklich zu verstehen, was da vor sich geht, aber an ihren gelösten Gesichtern kann man erkennen, dass sie offensichtlich in der heiteren Atmosphäre baden.

Es ist 18:00 Uhr. Zurück in der Umkleide fallen sich die beiden Spielerinnen in die Arme. Drei Stunden volle Konzentration und Durchlässigkeit sind sehr anstrengend. Hier ist der Raum für die Menschen hinter den Clowns Erlebtes abzustreifen und gute als auch schwierige Situationen zu reflektieren.

19


3 Elemente der Clownerie für Menschen mit Demenz Jeder Clown ist individuell, da er sich aus der Persönlichkeit und den Lebenserfahrungen des Spielers generiert. Allerdings liegen der Clownerie Prinzipien und Arbeitstechniken zu Grunde, die an dieser Stelle, im Hinblick auf die Clownerie in Pflegeheimen, erläutert werden sollen. Außerdem benutzen die Gericlowns einige Hilfsmittel bei ihren Heimspielen, die im Anschluß beschrieben werden.

3.1 Clownsprinzipien „Der wichtigste Charakterzug des Clowns ist die Güte, er darf niemals auf Kosten anderer Lachen erwecken.“ Oleg Popov

3.1.1 Die rote Nase Das markanteste Merkmal des Clowns ist seine rote Nase, die kleinste Maske der Welt. Der Zauber der Nase liegt darin, dass mit ihrem Aufsetzen eine Verwandlung geschieht, sie entlockt „dem Individuum seine Verletzlichkeit und Naivität“.37 Der innere Clown, der auch mit dem inneren Kind verglichen werden kann, und in jedem Menschen verborgen liegt, darf nun gelebt werden. Der Gegenteiler erwacht. Anerzogene Normen und

Begrenzungen

gesellschaftlicher

Etikette

verlieren

ihre

Gültigkeit.

Das

Menschliche im Menschen kommt zum Vorschein.

3.1.2 Das „Im-Clown-Sein“ - Authentizität Den inneren Clown kann man nicht schauspielern, er würde unecht wirken und direkt vom Publikum entlarvt werden.38 Die Clownspersönlichkeit muss erweckt werden und im Erleben wachsen. Das kann nur im Spiel geschehen, in der Begegnung und der Konfrontation. Das „Im-Clown-Sein“ ist ein Prozeß, es ist ein Idealzustand, der angestrebt wird. Gelingt es diesen Zustand zu erreichen „(...) ist der Clown immer menschlich: lächerlich, spontan und logischerweise ehrlich und aufrichtig (...)“.39

Im Bereich der Gericlownerie ist der Spieler jedoch nicht immer im Clown. Er agiert auf zwei Ebenen. Die Figur des Clowns begibt sich auf die Gefühlsebene, will spielen, auf Entdeckungsreise gehen. Sie muss bereit sein, sich zu öffnen, durchlässig zu sein

37

Lecoq 2003, S. 200 Lecoq 2003, S. 199 39 Meincke 2000, S. 75 38

20


und sich wirklich auf den Menschen gegenüber einzulassen. Daneben muss der Spieler die Situation überblicken, für sich und sein Gegenüber Sorge tragen und ggf. das Clownsspiel regulieren.40

3.1.3 Die emotionale Echtheit und ihre Übertreibung Der Clown ist immer offen für das, was um ihn herum geschieht. Er ist neugierig, fröhlich und kann im nächsten Augenblick zutiefst traurig sein. Sein Spiel wird zum Wechselspiel mit den Gefühlen und Reaktionen des Gegenübers. Er hat die Freiheit dumm und konzeptlos zu sein und aus dem Bauch heraus zu reagieren. Die naive Grundhaltung ermöglicht es dem Clown, Dinge in ihrer Einfachheit zu sehen, zu verstehen und voller Mitgefühl zu reagieren. „Wo der Clown in seiner reinen Absichtslosigkeit erscheint, berührt er die Herzen der Menschen“.41

Dadurch wirkt der Clown befreiend, „(...)er

verhilft zu einer seelichen Öffnung, die sich Menschen sonst nicht erlauben“.42

Sein tiefstes

Bestreben liegt darin, den Menschen Freude zu bringen.

3.1.4 Das Scheitern Die Komik des Clowns liegt nicht in der Aneinanderreihung von Gags, sondern in der Preisgabe seiner eigenen Lächerlichkeit.43 Er gibt alles, um ein Ziel zu verfolgen und scheitert im Dienste des Publikums.44 In einer allzu perfektionistischen, kontrollierten Gesellschaft ist es äußerst befreiend, an seiner statt, den Clown Scheitern zu sehen, denn „Wir alle sind Clowns, wir alle halten uns für schön, intelligent und stark, während doch jeder von uns seine Schwäche und Lächerlichkeit hat, die, wenn sie zum Ausdruck kommen, zum Lachen sind.“45

Das Scheitern macht den Clown auch deswegen sympathisch, weil es ihn

nicht hindern wird, immer wieder aufzustehen und einen neuen Versuch zu starten. In seiner Fehlerhaftigkeit wird er zum Verbündeten für den Menschen mit Demenz.

40

vgl. Jansen in Hirsch 2001, S. 177 von dem Borne 1993, S. 9 42 von dem Borne 1993, S. 12 43 vgl. Lecoq 2003, S. 199 44 vgl. von dem Borne 1993, S. 102 45 Lecoq 2000, S. 199 41

21


3.2 Clownstechniken 3.2.1 Improvisation Kernelement der Clownerie ist die Improvisation. Die Kunst der Improvisation liegt darin, ohne vorgefertigten Handlungsplan und ohne festen Text, aus dem Stehgreif, ein Stück entstehen zu lassen. Alle Aktionen entwickeln sich frei und spontan zwischen den beteiligten Spielern und dem Publikum. Sie greifen Impulse des Augenblicks auf und folgen dem Strom ihrer Assoziationen.46 Der Gericlown muss sich bei seiner Arbeit in Pflegeeinrichtungen auf immer neue Menschen und Situationen einstellen und spontan improvisieren können. Er achtet mit äußerster Sensibilität darauf, welche Impulse er in Form von Körperhaltung, Bedürfnissen und Handlungen, an den Menschen wahrnehmen kann und integriert diese in sein Spiel.47 Dabei sind es Kleinigkeiten, die ein Spiel mit dem Menschen mit Demenz eröffnen. Es kann ein Geräusch sein, ein Bild oder persönlicher Gegenstand der eine Erinnerung auslöst.48 Jeder Moment, jedes Zimmer ist ein neuer Schritt ins Unbekannte.

3.2.2 Pantomime Clowns gründen ihre Komik in starkem Maß auf den körperlichen Ausdruck. Die Pantomime ist ein wesentliches Element der Clownerie.49 „Der Genius des Clowns liegt in seiner Fähigkeit, durch Beherrschung seiner Körpermechanik psychische Zustände auszudrücken.“50

Das

Spiegeln der Körperhaltung oder der Bewegung eines Menschen mit Demenz, ermöglicht dem Gericlown, sich in dessen Stimmung zu versetzen und darüber einen Kontakt herzustellen.51 Mimik und Gestik sind Elemente einer Ursprache52 die noch lange von Menschen mit Demenz verstanden wird. Der Gericlown nutzt eine klare Körpersprache, um nonverbal mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren.

46

vgl. Fried /Keller 1996, S. 35-45 vgl. Lecoq 2003, S. 202 48 vgl. Jansen in Hirsch 2001, S. 185 49 vgl. Barloewen 1981, S. 152 50 Barloewen 1981, S. 93 51 vgl. Validationstechniken, Kapitel 6 52 vgl. von Barloewen 1981, S. 94 47

22


3.2.3 Das Spiel im Duo Die Clowns des Clowns&Clowns e.V. gehen prinzipiell zu zweit in die Heime. Das Spiel im Duo bietet verschiedenen Vorteile. Zum Einen muss der Mensch mit Demenz sich dadurch nicht zwangsläufig am Clownsspiel beteiligen. Er kann auch einfach nur zuschauen, was die zwei Clowns so treiben. Das nimmt ihm den Druck, etwas erfüllen zu müssen. Er hat außerdem die Alternative, nach Sympathie zu entscheiden, welchem Clown er sich zuwenden möchte. Prinzipiell ist es von Vorteil in männlich/weiblicher Besetzung in die Heime zu gehen, um dem Menschen mit Demenz auch hier Wahlmöglichkeiten zu lassen. Das Spiel im Duo ist auch für die Spieler selbst von Vorteil, „um sich halt gegenseitig immer wieder erstens neue Spielimpulse zu geben, zweitens sich in Situationen zu helfen, wenn einer vielleicht nicht weiter kommt oder nicht weiß, was er machen soll, dass der andere das irgendwie ausgleichen kann oder eine gute Idee hat. Es ist halt schon sehr bereichernd und 53

eigentlich auch unbedingt notwendig (...).“,

um eine gute Qualität der Clownsarbeit zu

gewährleisten.

3.2.4 Das Spiel mit dem Status Das klassisch zirzensische Clownspaar besteht aus dem Dummen August und dem Weißclown. Fried und Keller schreiben, bezugnehmend auf Freud’s Modell der menschlichen Psyche, dem August die Seite der Trieb- und Naturhaftigkeit, also dem Es zu, während der Weißclown die Rolle des Über-Ich einnimmt.54 Im Spiel der Gericlowns tauchen der Weißclown und sein Pendant nicht in Reinform auf. Statusunterschiede kristallisieren sich eher als Kind-Erwachsenen Beziehung, kleine Schwester – großer Bruder oder ganz clownesk in dumm und noch dümmer heraus. Aus Sicht der Clowns bietet das Spiel mit dem Status die Chance, dass ein Clown sich auf Kosten des dümmeren, mit dem Menschen mit Demenz amüsieren und verbünden kann.55 Clownin Lolle Rosso sieht im Spiel mit dem Status „(...) eine schöne Spielmöglichkeit. Ich erinnere mich an ein Spiel mit Wilma, wo wir es sehr konsequent durchgezogen haben, also ich hatte den Tiefstatus und sie den Hochstatus und sie hat mir das Leben total schwer gemacht. Ich musste die ganze Zeit irgendwelche Blätter [Herbstlaub; B.T.] aufsammeln, die sie verstreut hatte. Es war ein wunderschönes Spiel, weil es tatsächlich die Heimbewohner total zum ‚mit an dieser Situation teilnehmen’ animiert hat, da ihre Kommentare

53

Clownin Mona Sesam in Müller: Sendung M 19 – das lange Interview, Z. 347-350 (Anhang 7) vgl. Fried / Keller 1996, S. 205 55 vgl. Jansen, in: Wißmann 2004, S. 183-184 54

23


zu zu machen und „Ob ich das jetzt wirklich machen muss oder nicht“ und „Ob das jetzt fies ist oder nicht“. Das bietet schon ein schönes Grundschema.“

56

Der Clown kann Menschen mit Demenz zudem durch seinen niedrigen Status symbolisch in einen Hochstatus bringen. Die Fehlerhaftigkeit der Gericlowns gibt Betroffenen Gelegenheit Kompetenz-Gefühle zu entwickeln, „(...) wenn wir als Clowns kommen und eigentlich nochmal weiter unter ihnen ankommen, ist das für sie glaube ich einfach erfrischend, dass sie mal endlich wieder diejenigen sein können, die uns erzählen, wie etwas richtig geht und wie wir die Sachen falsch machen, also, dass sie einfach auch mal wieder in der Rolle sind, die sie vielleicht eher umgekehrt erleben im Alltag.“

57

3.2.5 Gromolo Clowns haben die Möglichkeit auf Sprache zu verzichten und stattdessen das ihnen ureigene Gromolo zu verwenden, um ihrem Gefühlserleben Nachdruck zu verleihen. Gromolo ist eine Aneinandereihung von Lauten, kann ein Raunen, Brummen und Zischen sein.58 Gromolo oder eine Fantasiesprache können eingesetzt werden, um mit Menschen mit Demenz, die unter dem Verlust ihrer Sprache leiden, in Kontakt zu treten. Dadurch „dass der Clown ja auch manchmal das brabbelt, was ihm in den Sinn 59

kommt“,

kann er quasi aus dem Bauch heraus, auf das Kommunikationsangebot vom

Menschen mit Demenz reagieren.60

3.3 Hilfsmittel Die Gericlowns kommen nie mit leeren Händen in die Heime. Sie haben mindestens einen Korb oder Koffer voller Überraschungen dabei. Sie bringen in Form von kleinen Geschichten Leben in den Heimalltag, haben dazu passende Requisiten dabei, können viele alte Lieder und Schlager, arbeiten mit Therapiepuppen und überraschen gerne mit kleinen Geschenken.

56

Interview A, Z. 380-386 (Anhang 2) Interview A, Z. 89-93 58 Sehr schön zu hören in Gardi Hutter’s Clownsstück „Die tapfere Hanna“. 59 Interview E, Z. 126-127 60 vgl. ebd. 57

24


Kleine Geschichten oder Themen Grundsätzlich wird bei den Heimspielen improvisiert. Dennoch hat es sich als hilfreich erwiesen, kleine Geschichten zu bestimmten Lebensthemen mit ins Heim zu bringen, auf die die Clowns immer wieder zurückgreifen können. Die Themenwahl orientiert sich oft an Jahreszeiten oder Festlichkeiten. Aber auch Themen, die die alten Menschen aus ihrer Kindheit, Jugend und ihrem jungen Erwachsenenalter kennen, werden verwendet. Geschichten über die erste Liebe, Freundschaft, bis hin zum Heiraten wirken erfrischend und animieren zum Mitmachen und Erinnern.

Requisiten Passend zu den Themen werden Requisiten mitgebracht. Das können jahreszeitliche Pflanzen z.B. Fliederblüten sein, um den Frühling mit ins Pflegeheim zu bringen. Die Clowns können ein Heimspiel aber auch im Hochzeitskleid begehen und das alte Spiel um Liebe und Eifersucht aufleben lassen. Der Fantasie und dem Ideenreichtum der Clowns sind hier keine Grenzen gesetzt. Clownin Trulla hat bspw. immer ihren Puschel dabei „ (...) das ist ein Straußenfederpuschel, so ein ganz alter, womit man so Staub wischt damit. Der wird auch manchmal lebendig und daraus wird auch immer so ein clowneskes Spiel, weil der mich dann immer kitzelt überall und die Leute ihn aber auch streicheln können oder er über die Haut fährt. Also, es ist einfach ein schönes Element, womit man ganz viele Sachen machen kann.“

61

Musik Ein guter Gericlown verfügt über ein Repertoire an alten Volksliedern und beliebten Schlagern, die gemeinsam gesungen oder aber auch vortragen werden. Dabei sind insbesondere Schlager zwischen 1920 und 1950 für Menschen mit Demenz relevant.62 Sehr schön ist auch, wenn der Clown ein Instrument spielen kann. Auf die Bedeutung von Musik wird in Kapitel sieben näher eingegegangen.

Puppen Puppen können helfen, mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren und zu interagieren. Eine 12-wöchige Studie des Newcastle General Hospitals ergab, dass Alzheimerpatienten, denen eine Puppe oder ein Stofftier zur Verfügung gestellt wurde, weniger zu agitiertem Verhalten neigten, kommunikativer wurden und sich weniger in 61 62

Interview E, Z. 337-341 (Anhang 5) vgl. Gümme 1998, S. 79

25


sich selbst zurückzogen.63 Nicht selten sehen Frauen mit Demenz in der Puppe ein reales Baby, dass sie stundenlang in den Armen wiegen können. Puppen bieten den Gericlowns die Möglichkeit, eine vorsichtige Kontaktaufnahme anzubahnen.

Geschenke Kleine Geschenke erhellen den Alltag. Die Clowns verschenken gerne Kleinigkeiten, um den Menschen mit Demenz, aber auch dem Pflegepersonal Wertschätzung entgegen zu bringen. Das kann ein mitgebrachter Wildblumenstrauß für den Aufenthaltsraum sein oder kleine Glitzeraufkleber, die auf Rollstühlen und Betten einen Clownsgruß hinterlassen. Clownin Wilma „(...) liebt es Geschenke zu machen. Eigentlich versucht sie fast immer was da zu lassen, dass die Leute eine Erinnerung haben oder dass einfach was Schönes dageblieben ist, auch wenn sie so dement sind, dass sie es vielleicht nicht mehr so bewusst wahrnehmen, aber dass irgendwie was Schönes dableibt.“

64

Gericlowns verfügen über ein großes Repertoire an Fähigkeiten, Requisiten und Ideen, um in einen freudvollen Kontakt mit Menschen mit Demenz zu treten. Um herauszufinden, warum sich gerade der Clown insbesondere für den Kontakt mit Menschen mit Demenz eignet, gilt es im nächsten Kapitel das Phänomen Demenz näher zu beleuchten.

63 64

http://www.aerztlichepraxis.de/artikel_neurologie_alzheimer_alzheimer_1152614401.htm Interview D, Z. 174-177 (Anhang 6)

26


4 Demenz Insgesamt sind ca. 60% der Bewohner in Alten- und Pflegeheimen von einer Demenz betroffen. Davon leiden ca. 22% an einer leichten, 36% an einer mittleren und 42% an einer schweren Demenz. Prognostiziert wird ein Anstieg der Demenzerkrankungen in der Deutschland, der heute bei ca. einer Million liegt, auf ca. 2,6 Millionen im Jahr 2050.65 Das biomedizinische Demenzmodell erklärt einseitig und defizitorientiert Ursachen und Auswirkungen dementieller Erkrankungen, das Erleben Betroffener jedoch nur unzulänglich. Im Folgenden wird auf das biomedizinische Modell der Demenz eingegangen und eine Kritik daran angebracht. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wird eine veränderte Sicht auf das Phänomen Demenz gefordert. Der personzentrierte Ansatz stellt den Menschen mit Demenz mit seinen individuellen Bedürfnissen in das Zentrum einer neuen Kultur der Demenzpflege.

4.1 Biomedizinisches Demenzmodell Unter dem Begriff „Demenz“ werden verschiedene degenerative Hirnerkrankungen zusammengefasst, bei denen ein Absterben der Nervenzellen zum Abbau kognitiver Funktionen führt. Bei der Demenz vom Typ Alzheimer, von der ca. 60% aller Menschen mit Demenz betroffen sind, entstehen Eiweißablagerungen (Plaques) und Verklebungen von Nervenbündeln (Neurofibrillen) im Gehirn. Durch mangelhafte Durchblutung kommt es bei 10-20% der Betroffenen zu einer vaskulären Demenz. 1015% leiden an der Lewy-Körperchen-Erkrankung, bei der Einschlußkörperchen im Inneren

der

Nervenzellen

die

Übertragung

der

Reize

beeinträchtigen.

Die

fortschreitende Degeneration des vorderen Hirnbereichs führt bei 15% der Betroffenen zu einer frontotemporalen Demenz. Auf Grund der vielfältigen Erkrankungsformen spricht man auch vom Demenz-Syndrom. Entsprechend der Version des ICD-1066 von 2009 wird dieses wie folgt definiert: „Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf. Dieses Syndrom kommt bei

65 66

vgl. http://www.deutsche-alzheimer.de/index.php?id=37&no_cache=1&file=7&uid=224 ICD 10 = Internationale Klassifikation von Krankheiten, 10. Revision

27


Alzheimer-Krankheit, bei zerebrovaskulären Störungen und bei anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn betreffen.“67

4.2 Symptome und Schweregrade einer Demenz Je nachdem, wie ausgeprägt die Symptome und wie fortgeschritten der Krankheitsverlauf ist, werden nach ICD-10 Demenzen in verschiedene Schweregrade eingeteilt. In der folgenden Tabelle findet sich eine knappe Auflistung gängiger Symptome.68

Tabelle 1: Demenzen – Verlauf nach ICD-10 Schweregrad Störungsbereich Nach ICD-10 Leicht Kognitiv

Mittel

Schwer

67 68

Symptome / Ausmaß der Beeinträchtigung Abnahme von Gedächtnis, Denkvermögen und Informationsverarbeitung. Das Lernen neuer Informationen ist erschwert. Wortfindungs- und Benennungsstörungen

Alltag

Das tägliche Leben ist beinträchtigt, komplizierte Aufgaben können nicht mehr erfüllt werden. Eine Selbstversorgung ist noch möglich.

nicht-kognitiv

Gelegentlich emotional gereizt / weniger belastbar. Angst und Depressionen können auftreten. Neue Informationen werden nur gelegentlich und kurz behalten. Vergisst wichtige Dinge des Alltags (Adresse, Telefonnummer, Namen von Angehörigen). Ausgeprägte räumliche Orientierungsstörung. Die Sprache enthält Floskeln und wird inhaltsarm.

Kognitiv

Alltag

Stark eingeschränkte Selbstversorgung. Nur noch einfache Tätigkeiten möglich.

nicht-kognitiv

Unruhe, Umkehr des Tag-/Nachtrhythmus, Weglaufen, Angst und Aggression. Wahnhafte Überzeugungen (bestohlen oder vom Partner betrogen zu werden) möglich. Harninkontinenz kann auftreten. Nur noch Fragmente von früher Gelerntem. Neue Informationen werden nicht behalten/Verwandte nicht erkannt. Erfassen des Wesentlichen/kritisches Denken: nicht mehr möglich. Räumliche Orientierung aufgehoben. Zunehmend Verlust der Sprachfähigkeit.

Kognitiv

Alltag

Die Körperpflege wird nicht mehr geleistet. Vollständig von Betreuung abhängig.

nicht-kognitiv

Im späten Verlauf: körperliche Störungen (Geh-/Schluckstörung, Inkontinenz). Bettlägerigkeit kann eintreten. Unruhe, Umkehr Tag-/Nachtrhythmus häufig. Enthemmung z.B. übermäßige Nahrungsaufnahme möglich.

www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2009/block-f00-f09.htm (20.03.2009) entnommen aus: Wächtler 2003, S. 2

28


Bei der Stadieneinteilung ist zu beachten, dass der Übergang zwischen den Phasen nicht linear verläuft, sondern stark von der Tagesverfassung Betroffener abhängig ist. „Eine 90-Jährige Frau kann um sieben Uhr morgens voll orientiert sein und sich bestens zurechtfinden, um halb neun meint sie vielleicht, dass sich ein Mann unter ihrem Bett versteckt (...) und um halb drei Uhr Nachmittags will sie dringend zu ihren kleinen Kindern nach Hause gehen (...).“69

So ist es

möglich, dass Menschen mit Demenz, abhängig von inneren und äußeren Einflüssen, zwischen den Stadien wechseln und nicht pauschal einsortiert werden können.

4.3 Gedächtnisstörungen Allen

Demenzformen

gemein

ist

der

zunehmende

Abbau

wichtiger

Gedächtnisfunktionen. Bei einer leichten Demenz verliert sich die Fähigkeit neue Informationen vom Kurzeit- in das Langzeitgedächtnis zu übertragen. Man wird vergesslich, kann sich in neuen Situationen schwer orientieren, verliert öfter den Gesprächsfaden und kann sich an jüngere Ereignisse nicht mehr erinnern. 70 Während der mittleren bis schweren Demenz kommt es zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses. Betroffene vergessen schon nach wenigen Sekunden die unmittelbare Vergangenheit. Menschen mit Demenz im mittleren und schweren Stadium sind „(..) überwiegend mit der Deutung ihrer aktuellen Situation beschäftigt.“71 Zudem

gehen

biographische

Erinnerungen

aus

dem

Langzeitgedächtnis,

in

chronologisch umgekehrter Reihenfolge, verloren. Nach und nach verlöschen Ereignisse aus vergangenen Lebensabschnitten, bis nur noch Erinnerungen aus frühen Lebensphasen präsent sind. Erfahrungen aus dem semantischen Gedächtnis, in dem instrumentale Fähigkeiten und angelerntes Wissen abgespeichert sind, verschwinden im Verlauf der Demenz vollständig.72

69

Kojer 2002, S.122 vgl. Buissen 2003, S. 26-35 71 Wojnar 2007, S. 61 72 vgl. Buissen 2003, S. 35-48 70

29


4.3.1 Das Nutzen des autobiographischen Gedächtnisses „Und bleibt uns auch nur eine einzige gute Erinnerung im Herzen, so kann uns das einmal zur Rettung dienen.“ F.M. Dostojewski

Ein für die Arbeit mit Menschen mit Demenz wichtiger Bereich des Langzeitgedächtnisses ist das episodische, bzw. autobiographische Gedächtnis.73 Erinnerungen, die sehr ereignisreich und mit starken Emotionen verbunden sind, prägen sich tief in das autobiographische Gedächtnis ein. „Die ersten Einblicke in die Welt der Erwachsenen, das Einschulen, das Erleben des eigenen Versagens und der kleinen Triumphe, die erste Liebe, Schritte der Unabhängigkeit, wichtige Prüfungen, Heirat, Geburt der Kinder, beruflicher Erfolg und Misserfolge gehören zu den Meilensteinen des Lebensweges und des episodischen Gedächtnisses.“74

Individuell bedeutsame Erinnerungen aus dem autobiographischen Gedächtnis können zwar von Menschen mit Demenz nicht bewusst abgerufen werden, bleiben aber im Verlauf der Erkrankung lange erhalten und können von Begleitenden aktiviert werden, um ein positives Ich-Erleben der Betroffenen zu fördern. Grümme (1998) spricht in diesem Zusammenhang von Erinnerungsinseln.75 Das Phänomen der Erinnerungsinseln wird in einigen nicht-medikamentösen Behandlungsansätzen genutzt, um Menschen mit Demenz emotional zu aktivieren. Dazu zählen auch einige der von den Gericlowns verwendeten sozialpsychologischen und aktivierenden Methoden, die in Kapitel sieben näher erläutert werden.

4.4 Medikamentöse Behandlung Eine Heilung dementieller Erkrankungen ist derzeit nicht möglich. Allerdings kann die Verschlechterung kognitiver Fähigkeiten, bei beginnender Demenz, durch eine frühe Behandlung mit bspw. Antidementiva bis zu einem Jahr hinausgezögert werden. Möglichkeiten medikamentöser Therapien und sogar Versuche, einen Impfstoff gegen Alzheimer zu finden, werden rege erforscht.76

Nicht unüblich ist die medikamentöse Behandlung dementieller Begleitsymptome (im Folgenden agitiertes Verhalten), wie Depressionen, Angstzustände, innere Unruhe, 73

vgl. Schönknecht in: Reader zum 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag 2008, S. 47-54 Wojnar 2007, S. 53 75 vgl.Grümme 1998, S. 39 76 vgl. Kieslich 2008, S. 58-64 und vgl. Wojnar 2007, S. 30-45 74

30


zielloses Umherlaufen, aggressives Verhalten, Schlaflosigkeit, Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen. Oft wird agitiertes Verhalten mit Psychopharmaka behandelt.77 Leider werden diese Medikamente häufig von Hochbetagten schlecht vertragen, da ihr Stoffwechsel herabgesetzt ist und sie eine niedrigere Dosierung brauchen als jüngere Menschen. Die Verabreichung von Beruhigungsmitteln geht zudem mit einer Beeinträchtigung motorischer und kognitiver Fähigkeiten einher, was zu vermehrten Stürzen und zu erhöhter Desorientierung führen kann. Vor der Gabe von Stimmungsaufhellern oder Beruhigungsmitteln sollte immer abgeklärt werden, ob das agitierte Verhalten nicht möglicherweise durch eine Umgebung oder einen Umgang ausgelöst wurden, die dem dementiell Erkrankten nicht gerecht werden.78

4.5 Kritik am biomedizinischen Demenzmodell Schon Alois Allzheimer gab 1911 zu bedenken, dass die Abbauprozesse im Gehirn „nicht die Ursache der senilen Demenz, sondern nur eine Begleiterscheinung (...) sind.“79

Dem

amerikanischen Altersforscher Snowdon gelang es 2002 in einem Forschungsprojekt, das als „Nonnenstudie“ bekannt wurde, nachzuweisen, dass Proteinablagerungen im Gehirn kognitive Fähigkeiten nicht zwingend beeinflussen.80 Er hatte Zugang zu einem Studienkollektiv von 600 Nonnen des Ordens „Katholische Schwestern von Notre Dame“ erhalten. Mit den Nonnen, von denen die älteste 107 Jahre alt wurde, wurden noch zu Lebzeiten regelmäßig kognitive Tests durchgeführt und nach ihrem Ableben, pathologische Untersuchungen an ihren Gehirnen vorgenommen.

„Schwester Matthia zum Beispiel leistete mit 104 Jahren immer noch ihr tägliches Arbeitspensum, schien geistig rege und wach. Als sie mit 105 starb, zeigte ihr Gehirn allerdings schon deutliche Spuren von Alzheimer – ohne dass man ihr zu Lebzeiten etwas angemerkt hätte. (...) Besonders eklatant ist der Fall von Schwester Bernadette: Sie starb 85-jährig an einem Herzanfall. Kurz zuvor hatten die Forscher mit ihr Tests durchgeführt. Dabei schnitt sie weit überdurchschnittlich ab. Bis ins hohe Alter schien sie über eine scharfe Intelligenz und über ein vorzügliches Gedächtnis zu verfügen. Doch als die Wissenschaftler den Schädel von Schwester Berndette öffneten, trauten sie ihren Augen

77

vgl. Martin / Schelling 2005, S. 123-125 ebd. 79 Alzheimer: Über eigenartige Krankheitsfälle des späteren Alters. In: Zeitschrift für die gesamte Psychiatrie und Neurologie ,1911; 4:356-5. Zitiert nach Wißmann / Gronemeyer 2008, S. 26 80 vgl. Martin / Schelling 2005, S. 16 78

31


nicht: Ihr Gehirn war von Alzheimer-Plaques geradezu übersäht. Nach der offiziellen Klassifizierung hatte ihr Gehirn den Demenzgrad 6 erreicht – das absolute Alzheimer-Endstadium.“81

Nach den Kriterien des ICD-10 wäre Schwester Bernadette kerngesund gewesen. Nach dem pathologischen Befund schwer krank. Welcher Stellenwert kommt nun der Diagnose Demenz zu? Die große Bedeutung psychosozialer Aspekte auf das Fortschreiten der dementiellen Erkrankung, wird bei der Betrachtung eines typischen Verlaufs der Alzheimer-Demenz (Abbildung 1) ersichtlich. Schönknecht verdeutlichte in seinem Vortrag „Konzept und Anwendung von Gedächtnis“, auf dem 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag 2008 in Leipzig, dass einschneidende Erlebnisse, wie die Diagnose einer Demenz und der Verlust der Selbstständigkeit, zu einem eklatanten Abfall kognitiver Fähigkeiten führt.82

Abbildung 1: Verlauf der Alzheimer-Demenz

Quelle: Schönknecht 2008: Konzept und Anwendung des Gedächtnisses. In: Reader zum 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag 2008, S. 53

81

www.daserste.de/wwiewissen/beitrag_dyn~uid,hh7buo0y2p0ydczt~cm.asp (13.05.2009) Der Mini-Mental State Test (vertikale Achse) ist ein Screeningverfahren, um kognitive Fähigkeiten zu prüfen und wird u.a. bei der Demenzdiagnostik angewandt. Vgl. Martin / Schelling 2005, S. 23 82

32


Die Ergebnisse der Nonnenstudie, als auch der Einfluss psychosozialer Aspekte auf kognitive Fähigkeiten, legen nahe, dass dem Wohlbefinden an Demenz erkrankter Menschen ein größerer Stellenwert zugesprochen werden sollte. Eine reizarme, eher verwahrende Umgebung, mit wenig menschlicher Ansprache, aber auch Stress durch zuviele äußere Reize, bspw. durch morgendliche Pflegehandlungen im Minutentakt, können eine Verschlechterung der Demenzsymptomatik bewirken.

4.6 Der personzentrierte Ansatz „Look at the person, not at the diagnosis“ Tom Kitwood

Bereits Mitte der 80er Jahre hat Tom Kitwood, der Begründer des personzentrierten Ansatzes innerhalb der Demenzpflege, die Hypothese aufgestellt, dass dementielle Abbauprozesse in Wechselwirkung mit sozialpsychologischen Faktoren stehen.83 Er bezeichnet dies als die Dialektik der Demenz. Daher rückt er das subjektive Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz ins Zentrum der Aufmerksamkeit.84 Die Bemühungen eines personzentrierten Umgangs gehen dahin, Menschen mit Demenz durch wertschätzende zwischenmenschliche Interaktionen ein größtmögliches Wohlergehen zu ermöglichen und sie in ihrem Personsein zu fördern. Nach Kitwood geht subjektive Lebensqualität für Menschen mit Demenz mit besonderen psychischen Grundbedürfnissen einher. Er nennt in diesem Zusammenhang das Bedürfnis nach Liebe, Trost, Identität, Beschäftigung, Einbeziehung und Bindung.85

Liebe und Trost Das Bedürfnis nach Liebe und Trost entsteht durch die vielfältigen Probleme und kognitiven Irritationen mit denen Menschen mit Demenz konfrontiert sind. Liebe und Trost beinhaltet Nähe, Beistand, Geborgenheit und Fürsorge.

83

Auch wenn in der Fachliteratur Tom Kitwood als der Begründer des personzentrierten Ansatzes betitelt wird, möchte ich an dieser Stelle richtig stellen, dass der personzentrierte Ansatz seinen Ursprung in der von Carl Rogers entwickelten klientenzentrierten Therapie hat. Die Idee wurde von Kitwood aufgegriffen und auf die Begleitung von Menschen mit Demenz ausgeweitet. 84 vgl. Morton 2002, S. 138-139 85 vgl. Kitwood 2008, S. 121-125

33


Identität Menschen mit Demenz sind durch kognitive Einbußen in ihrer Kommunikation und Interaktion mit der Umwelt stark eingeschränkt. Sie neigen dazu, sich immer mehr in ihrer inneren Welt zu isolieren. Sie brauchen wertschätzende Kontakte und positive Erlebnisse mit anderen Menschen, um sich nicht zu verlieren. Ziel des personzentrierten Ansatzes ist es, Betroffenen das Erleben der eigenen Identität im Kontakt mit anderen Menschen zu ermöglichen und ihnen so die Chance zu geben, sich als Person erfahren zu können.

Beschäftigung Alltagshandlungen selber verrichten zu können, anderen zu helfen oder kreativ etwas erschaffen zu können, fördert ein positives Ich-Erleben und gibt dem Tag Struktur. Etwas zu tun zu haben ist das Gegenteil von Apathie und Nicht-mehr-gebrauchtwerden. Alle Handlungen von Menschen mit Demenz haben einen ihnen inneliegenden Sinn und sollten, solange sie nicht selbst- oder fremdgefährdend sind, unterstützt werden.

Einbeziehung und Bindung Menschen sind soziale Wesen. Gerade Menschen mit Demenz brauchen beständig Nähe zu anderen Menschen. Sind erst einmal die Beschränkungen gängiger Umgangsformen mit der Abnahme kognitiver Fähigkeiten gefallen, werden körperliche Nähe und das Gefühl der Geborgenheit immer existentieller. Alleinsein verstärkt das Gefühl der Isolation und macht Angst.

Mit dem Fortschreiten der Demenz und dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses zerfällt die Wahrnehmung von Menschen mit Demenz in Augenblicke und damit einhergehend auch ihre Fähigkeit, durch gezielte Kontaktaufnahmen zu anderen, sich selbst als Person innerhalb eines sozialen Gefüges zu erfahren. Nach Buber kann „Das (Selbst-)Sein von Person (...) einzig erfahren und verstanden werden, wo, wann und insofern ein Mensch einem anderen als unverwechselbarem einmaligen Du begegnet, (...)“86

oder verknappt ausgedrückt,

ein Ich-bin kann nur in einer konkreten Interaktion mit einem Du erfahren werden. „Ohne die fördernde Kraft der Intersubjektivität kann also die „Subjektivität“ nicht aufrechterhalten werden. Unsere zutiefst soziale Natur führt dazu, daß die Entfremdung von unseren Mitmenschen früher 86

Buber zitiert in Rogers 1995, S. 110

34


oder später unweigerlich zur Selbstentfremdung führt.“87

Menschen mit Demenz in ihrem

Personsein zu fördern heißt, mit ihnen in einen wertschätzenden Kontakt zu treten, ihre emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen und sie in ihrer Subjektivität zu fördern.

Remenz Praktiker belegen, dass in familiären, personzentrierten Betreuungsformen, wie bspw. Dementen WG’s, Menschen mit Demenz kognitive Fähigkeiten lange erhalten, bzw. zurück gewinnen können. Heinisch berichtet: „Stark beeindruckt hat mich die Entwicklung einer Bewohnerin, die bettlägerig war, als sie bei uns einzog. Sie wurde über eine Magensonde ernährt und reagierte kaum, wenn man sie ansprach. Heute sitzt sie erzählend und lachend am Tisch und beißt genüsslich in ihr Butterbrot. (...) Ich erlebte, dass die alten Menschen nicht zwangsläufig abbauen müssen, sondern bei guter Betreuung aktiv in der Gemeinschaft leben können.“88

Kitwood bezeichnet dieses Phänomen innerhalb seines ganzheitlichen Demenzmodells als Remenz.89 „In einem optimalen Kontext von Pflege wird jedes Fortschreiten der neurologischen Beeinträchtigung (NB), das bei einer nichtunterstützenden Sozialpsychologie potentiell extrem schädigend sein kann, durch positive Arbeit an der Person (PA) kompensiert.“90 Wo

bei der De-menz

Ressourcen verloren gehen, werden sie bei der Re-menz zurückgewonnen. Mit seiner Remenz-Theorie stellt Kitwood nicht die Existenz neuropathologischer Prozesse in Frage, belegt allerdings die Wirksamkeit personenzentrierter Pflege und Begleitung.91

Um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern fordert Kitwood eine ‚Neue Kultur’ der Demenzpflege, eine Pflegekultur, die ihre „(...) Verpflichtung gegenüber den Bedürfnissen von Menschen, statt gegenüber institutionellen Plänen (...)“92

sieht. Der

93

aktuelle Pflegenotstand, der in einigen Büchern, der Tagespresse und Fachwelt immer stärker kritisiert wird, führt aus personzentrierter Sicht zwangsläufig zu einer Verschlimmerung dementieller Symptomatik. „Fließbandpflege“ im Minutentakt verhindert ein Eingehen auf die von Kitwood benannten Grundbedürfnisse von Menschen mit Demenz, sie werden stattdessen, (...) dem reibungslosen Ablauf des Systems untergeordnet.“94

Solange Demenz einseitig biomedizinisch, als ein unausweichlicher

87

Morton 2002, S. 163 Heinisch 2008, S. 163 89 vgl. Kitwood 2008, S. 149-150 90 Kitwood 2008, S. 103 91 vgl. Morton 2002, S. 127 92 Kitwood 2008, S.129 93 Breitscheidel 2005, Heinisch 2008 94 vgl. Brief der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), zitiert aus Heinisch 2008, S. 200 88

35


hirnorganischer Abbau kognitiver Fähigkeiten betrachtet wird, der mit der Auslöschung der Persönlichkeit endet, wird die Förderung subjektiver Lebensqualität von Menschen mit Demenz durch sozialpsychologische Interaktionsformen hinten angestellt und stattdessen weiterhin das Heilversprechen in pharmakologischen Maßnahmen gesucht werden.

5 Das subjektive Demenzerleben Da Grundkenntnisse über das Selbsterleben von Menschen mit Demenz für die Arbeit von Clowns in Pflegeheimen unerlässlich sind, liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels auf der Wahrnehmung von Menschen mit Demenz und sucht Erklärungen für auffällige Verhaltensweisen. Darüber hinaus soll anhand einiger Beispiele aus den Interviews aufgezeigt werden, wie es den Gericlowns gelingen kann, individuell auf agitiertes Verhalten zu reagieren.

5.1 Selbstwahrnehmung der Betroffenen Für eine empathische Begegnung und einen befriedigenden Umgang mit Menschen mit Demenz ist es unerlässlich, sich in ihre Welt hinein denken und empfinden zu können. Im Vordergrund stehen hier also Fragen nach dem Erleben der Betroffenen, nach ihren existentiellen Nöten und den Ursachen für ihr oft unverständliches Verhalten. Wojnar (2007) hat versucht, auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen als Neurologe und Psychiater und anhand seiner zahlreichen Kontakte zu hunderten von Betroffenen, die Wahrnehmung von Menschen mit Demenz zu ergründen. Betroffene könnten glücklich leben, wenn es der Umwelt gelänge, adäquat auf ihre Bedürfnisse und Verhaltensweisen zu reagieren.95 Die hier beschriebenen Erklärungsansätze zur Selbstwahrnehmung sind seinem Buch „Die Welt der Demenzkranken“ entnommen. Da subjektives Erleben sehr vielfältig ist, können die folgenden Erklärungsansätze nur als ein kleiner Einblick in die Selbstwahrnehmung von Menschen mit Demenz betrachtet werden.

95

vgl Wojnar 2007, S. 7-9

36


5.1.1 Leichte Demenz Die beginnende bis leichte Demenz ist für die Betroffenen wohl die schlimmste Phase der Erkrankung. Sie sind sich des Verlustes ihrer kognitiven Fähigkeiten voll bewusst, wollen es meist nicht wahrhaben und versuchen die Symptome vor Anderen zu verbergen. Aus Angst aufzufallen entwickeln sie vielfältige Strategien, um den Gedächtnisverlust zu überbrücken: Sie machen Notizen zu Telefonaten, notieren Wegbeschreibungen, versehen Fotos mit Kommentaren, fangen an, Sachen zu horten u.v.m.. Da das Kurzeitgedächtnis nachlässt, fällt es ihnen immer schwerer Alltagsgesprächen zu folgen. Um sich nicht zu verlaufen oder vor Freunden bloßzustellen, schränken sie ihren Bewegungsradius ein und isolieren sich in ihrer immer kleiner werdenden Welt. In ihrem Kampf um Integrität beginnen sie, nahe stehende Personen für eigene Ausfälle zu beschuldigen. Das Verlegen von Gegenständen, das Aussperren aus der eigenen Wohnung oder das Verwechseln von Terminen wird als Schikane empfunden. Oft neigen Menschen in dieser Phase zu Stimmungsschwankungen, aggressiven Verhaltensweisen und zu Depressionen. Für Begleitende gilt, die Fehlhandlungen der Betroffenen nicht persönlich zu nehmen, denn Menschen in dieser Phase kämpfen darum, ihre bröckelnde Fassade aufrecht zu erhalten. Den Gericlown lehnen Menschen mit leichter Demenz oftmals ab, da sie sich als erwachsene Personen nicht ernst genommen fühlen.96 Es ist wichtig, sie in ihrem positiven Selbstempfinden zu unterstützen, Erfolgserlebnisse zu fördern und sie kognitiv nicht zu überfordern. 97

5.1.2 Mittlere Demenz Die Phase der mittleren Demenz ist geprägt von erheblichen Veränderungen der Wahrnehmung, des Denkens und des Verhaltens. Zunehmende Störungen der Gedächtnisfunktionen reißen immer größere Lücken in das Weltbild. Schon nach wenigen Sekunden vergessen Betroffene Ereignisse, die kurz zuvor geschehen sind. So könnte ein Mensch mit Demenz direkt nach Beendigung des Frühstückes bemängeln, dass er noch nichts gegessen habe und nun gerne frühstücken wolle. Sein Leben zerfällt in Augenblicke. Lange Sätze werden nicht mehr verstanden, können beunruhigend wirken und den Betroffenen verunsichern. Logisches Argumentieren von Seiten der begleitenden Menschen ist zwecklos. Bei einer längeren Frage, wie bspw.: „Möchten 96 97

vgl. Interview E, Z. 183-204 vgl. Wojnar 2007., S. 55-60

37


Sie heute einen Tee oder doch lieber einen Kaffee trinken?“, würde der Mensch mit Demenz höchstwahrscheinlich: „Einen Kaffee.“ antworten, da er den Anfang des Fragesatzes schon vergessen hat. Besser ist es, Erklärungen zu verdeutlichen, indem man auf Dinge zeigt, oder bspw. bei der Frage: „Wo ist mein Zimmer?“, den Menschen dort hin begleitet.

Die Selbstwahrnehmung von Menschen mit Demenz ist in dieser Phase von Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis geprägt. Meist handelt es sich um emotional bedeutende,

intensiv

erlebte

Ereignisse

aus

Kindheit,

Jugend

und

jungem

Erwachsenenalter. Beobachtungen sprechen dafür, dass diese Erinnerungen für die Betroffenen Realitätscharakter haben und oftmals passend zur momentanen Stimmung oder Situation auftauchen. Die Betroffenen leben in den Bildern einer bestimmten Lebensperiode und verhalten sich entsprechend. Sie können sich jung, gesund und leistungsfähig fühlen und erkennen dann häufig ihr eigenens Spiegelbild nicht mehr. Sie können aber auch in erschreckenden Erinnerungen verhaftet sein. In ihrer Vorstellung leben wichtige Bezugspersonen aus vergangenen Lebensabschnitten wieder auf, während aktuelle nicht mehr erkannt werden. Für nahe Angehörige ist diese als Verlust empfundene Phase schwer zu verkraften, während die Betroffenen nun in eine Welt eintauchen, in denen ihre Gedächtnisstörungen „nicht mehr existieren“ und sie davon überzeugt sind, weitgehend selbstständig und sinnig handeln zu können.

5.1.3 Schwere Demenz Durch zunehmende Störungen des Schlaf- und Wachrhythmus, sieht man Menschen im schweren Stadium der Demenz tagsüber in den Pflegestationen häufig vor sich hin dösen. Ob sie dabei weiterhin in ihrer traumähnlichen Welt leben ist ungewiss. Trotz des nun fast vollständigen Sprachverlustes verhalten sie sich wie normal kommunizierende

Menschen.

Sätze

behalten

ihre

Sprachmelodie

und

sind

gefühlsbetont. Obwohl ihr Sprechen oft nur noch aus Lauten bzw. Raunen besteht, entsteht im Gespräch mit ihnen der Eindruck, dass sie in ihrer Vorstellung ganze Geschichten erzählen. Auf Aussagen wie „Ich kann dich nicht verstehen“, können sie mit Wut und Verzweiflung reagieren. Die Funktion von Gebrauchsgegenständen und Handlungsabläufen verliert zunehmend an Bedeutung. So könnte ein Mensch mit Demenz vor einem gefüllten 38


Teller sitzen und verhungern, weil er nicht mehr weiß, dass die gelben Würfel vor ihm Kartoffeln sind. Auch einfache Bewegungsabläufe werden vergessen. Nicht selten kann man bspw. beobachten, wie Betroffene vor einem Stuhl stehen und sich nicht setzen können, da sie den Bewegungsablauf nicht erinnern. Schließlich verlernen sie zu Laufen, da die Koordination einzelner Körperteile nicht mehr funktioniert.98

5.2 Ursachen für auffälliges Verhalten Das Verhalten von Menschen mit Demenz im mittleren und schwerem Stadium weicht, mit zunehmenden kognitiven Störungen, immer mehr vom gewohnten Bild ab. Ihre Handlungen erscheinen sinnlos, zufällig und unberechenbar. Für begleitende Personen ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die seltsamen Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz immer einen ihnen inneliegenden Sinn haben, sie sind laut Müller-Hegl „(...) Ausdruck der Erkrankung, zugleich auch Selbsterhaltungsversuch, zugleich auch Kommunikationsversuch und zugleich auch phantasievolles Anpassungsverhalten an eine Welt, die für diesen Mensch immer unverständlicher wird.“99

Vielleicht

ist es nicht immer einfach, den verrückten Handlungen Bedeutung beizumessen. Im Folgenden werden einige mögliche Gründe für auffällige Verhaltensweisen, wie situative Verkennungen, Fortlauftendenzen, innere Unruhe und Apathie näher beleuchtet und anhand einiger Zitate aus den Interviews Potentiale der Gericlownerie aufgezeigt, agitierten Verhaltensweisen zu begegnen.

5.2.1 Situative Verkennungen Halluzinationen

oder

situative

Verkennungen

können

durch

verminderte

Sehleistungen ausgelöst werden. Eine Trübung der Linsen, eine falsche Brille, eine zu geringe Beleuchtung oder stark gemusterte Tapeten können optische Täuschungen hervorrufen, denen ein Mensch mit Demenz kognitiv nichts entgegenzusetzen hat. Clownin Trulla erzählt von einem Heim, in dem „(...)ein Teppich ist, der ist grün mit Blümchen drauf und die Leute erkennen das als Wiese und dann hat auch jemand schon mal 100

da drauf gepullert, weil er dachte "In der Natur kann ich das ja wohl machen!"

.

Wojnar

98

vgl. ebd., S. 69-91 Müller-Hergl, in HAGE 2003, S. 31 100 Interview E, Z. 113-115 99

39


berichtet von einer Frau mit Demenz, die sich nicht mehr in ihr eigenes Zimmer traute, nachdem ihre Tochter ihr eine neue Sofagarnitur hineingestellt hatte. Sie weigerte sich ohne Begleitung den Raum zu betreten, „wirkt(e) sehr ängstlich, (wollte) sich nicht hinsetzen und klagt(e) über ‚schreckliche Biester’.“

Als schon eine Behandlung mit Neuroleptika erwogen

wird, beobachtet eine Pflegerin zufällig, „wie Frau T. mit zwei Bananen in der Hand vorsichtig die Tür zu ihrem Zimmer öffnet, die Bananen auf das Sofa wirft und wegläuft.“101

Das beunruhigende

Muster auf dem Sofa wurde mit einem Tuch abgedeckt und Frau T.’s Angstsymptome verschwanden.

Insbesondere schwerhörige Menschen mit Demenz neigen zu Missinterpretationen von Situationen. Sie können verschiedene Geräuschquellen schwer identifizieren und selektieren. Sie fühlen sich durch Fetzen fremder Gespräche oder Stimmen aus dem Radio angesprochen und antworten. Das übt großen Stress auf sie aus und kann zu Wahnvorstellungen und Aggressionen führen.102 Beim Clownsbesuch ist es daher wichtig, für eine reizarme Umgebung zu sorgen. D.h., dass bei den Besuchen in den Räumen, auf höfliche Anfrage, Fernseher und Radios ausgeschaltet werden. Beim Verlassen der Zimmer werden die Geräte auf Wunsch wieder eingeschaltet.

5.2.2 Fortlauftendenzen Nicht selten wollen Menschen mit Demenz nach Hause, obwohl sie, örtlich betrachtet, im Pflegeheim zu Hause sind. Der Wunsch nach Hause zu wollen, kann als eine existentielle Suche nach dem Gefühl „bei sich“ zu sein, gedeutet werden.103 Diese Bei-sich-Sein impliziert Geborgenheit und Angenommensein und darüber etwas Vertrautes zu finden, während sich die Welt um einen herum in ihre Bestandteile auflöst.104 Clown Kaspar Knilch erzählte im Interview von einer Begegnung mit einem Mann, im Aufenthaltsraum einer Pflegestation, in der es dem Clown gelang, den Mann emotional nach Hause zu bringen. „Der saß sehr unglücklich rum und hat auch geweint. (...) und er wollte nach Hause und dann sind wir einfach diesen Gang immer entlang spaziert und er hat mir auf dem Weg dann erzählt, wie es aussieht zu Hause und wo das ist (...) Und dann hat er festgestellt, dass er seinen Schlüssel garnicht dabei hat und dass er auch kein Geld hat, um jetzt hier das Restaurant zu bezahlen. Also, da gab's halt im Aufenthaltsraum Kaffee und

101

vgl. Wojnar 2007, S. 107 vgl. Wojnar 2007, S. 108 103 vgl. Wojnar 2007, S. 81-82 104 vgl. Baer 2007, S. 78 102

40


Kuchen. Wir haben uns die ganze Zeit so hin und her bewegt und dann wurde die Entspannung immer größer, also "Ach so, hier braucht man kein Geld in dem Restaurant, aha! Ah, das ist ja interessant!" Und mit dem Schlüssel, das wurde dann auch nicht mehr so wichtig. Also, diese Funktionieren-Geschichten (...) Und dann haben wir uns so ein bisschen weiter dieses Heim angeguckt, sind so rumgelaufen und dann fand er es auch irgendwann ganz nett da. (...) den Menschen, denen wir dann begegnet sind, haben wir immer schön "Guten Tag" gesagt und haben uns vorgestellt und dann stellte er auch fest, „dass es eigentlich ein ganz nettes Restaurant ist." Und dann haben wir noch zwei andere alte Männer getroffen und haben uns dann eben zum Skat spielen verabredet (...). Es ging halt überhaupt nicht, also, jetzt als funktionierendes Spiel. Es wusste keiner mehr, wie irgendwelche Regeln gingen. Das Wort Skat war allen noch ein Begriff und dass man dann Karten in der Hand hat. (...) Also, es war so eine entspannte, alberne Atmosphäre dann an diesem Skattisch. (...) und dann haben sie sich immer gegenseitig auch immer mal angeguckt und haben dann auch so vor sich hingekichert, irgendwie "He, he ,he, wir spielen jetzt Skat!" haben sie dann auch so kichernd der Clownskollegin erzählt. Und dann hatten die so ihren Tisch da in der Ecke und dann bin ich irgendwann weitergegangen und habe die weiter spielen lassen und das war eigentlich eine 105

ganz schöne Sequenz.

5.2.3 Innere Unruhe und Wandern Die Demenz wird von Betroffenen als existentielle Krise erlebt. Das Nicht-mehrwissen, wo, wie, warum oder wer man ist, verursacht großen psychischen Stress und führt zu einem hohen körperlichen Erregungszustand. Dies zeigt sich in einer permanenten Körperspannung oder in dem typischen Wanderverhalten von Menschen mit Demenz.106 Eine 90 jährige Frau kann auf ihren täglichen Wanderungen durch die Pflegestation bis zu 42 km zurücklegen.107 Die Bewegung kann helfen, inneren Stress abzubauen. Clownin Lolle Rosso berichtet von einer Begegnung mit einer typischen Wandererin, die „(...) war immer unruhig und ist eigentlich fast immer die ganze Zeit den Gang 108

hin und her gewandert. Eher langsam bedächtig aber schon die ganze Zeit unterwegs.

.

Gericlowns greifen solche Impulse auf, um mit den Menschen in Kontakt zu treten. „(...) das ist ja nichts anderes, als diesen Zustand der Frau für sich anzunehmen und sie zu spiegeln und mit ihrer Energie so mitzugehen, dass sie darin nicht mehr alleine ist, sondern zusammen das zu machen.“

Die Methode des Spiegelns ist eine von den in Kapitel sechs

beschriebenen Validationstechniken. Darüber hinaus versucht die Gericlownin „(...) dann

105

Interview B, Z. 268-297 vgl. Baer 2007, S. 70-79 107 vgl. Wojnar 2007, S. 84 108 Interview A, Z. 242-243 106

41


109

da noch was mit reinzugeben, wie bspw. Musik oder so.

(...) dann sind wir zusammen die

Gänge hoch und runter und haben 'Das Wandern ist des Müllers Lust' gesungen. Dann weiß ich noch, dass es angefangen hat, dass immer wenn ich gekommen bin, ist sie gleich zu mir gekommen, in einer Tanzhaltung und ich habe angefangen irgendwas zu singen und wir haben dazu zusammen getanzt und sie hat mir dabei ganz tief in die Augen geschaut, also fast wie ein 110

verliebter Blick, wie als wäre es so wie auf einem Ball früher.

5.2.4 Apathie Nicht selten reagieren Menschen mit Demenz mit einem inneren Rückzug auf die für sie nicht mehr verständliche Welt. Von Apathie sind ca. 50-70% der Menschen mit Demenz betroffen.111 Eine anregungsarme Umgebung, mit wenig kommunikativen und interaktiven Angeboten, verstärkt apathische Verhaltensweisen. Gerade die stillen, in sich zurückgezogenen Menschen werden häufig vom Pflegepersonal übersehen, da sie den reibungslosen Pflegealltag nicht stören. Viele Menschen mit Demenz sind oft über Stunden völlig allein und isoliert.112 Den Gericlowns gelingt es, auch diese Menschen zu erreichen und mit ihnen schöne Momente zu erleben, wie Clownin Trulla zu erzählen weiß: „Eine Frau, die saß auf der Couch und hat eigentlich so ein bisschen geschlafen und immer mal den Kopf gehoben und war aber immer so für sich alleine und hat sich nie so-. Also, ich habe sie schon mehrmals angetroffen und man wusste einfach, dass sie nicht mit den anderen groß in Kontakt kommt. Dann habe ich mich halt neben sie gesetzt und habe halt ganz leise angefangen zu Singen und dann ist sie irgendwann munterer geworden, der Blick hat sich geklärt und hat mir zugehört und dann habe ich mich ein bisschen an sie angelehnt und es war einfach eine schöne Zweisamkeits-Athmosphäre "Wir sitzen zusammen auf der Couch, 113

kuscheln uns aneinander und ich singe dir noch ein Lied vor."

„(...) ich war halt so sensibel

dafür und hatte das Gefühl, wenn ich jetzt dieses Lied singe, dann könnte es auch für sie so ein schöner Moment sein, so einer, der sie durchstrahlt.“

Auffällige

Verhaltensweisen

von

114

Menschen

mit

Demenz,

wie

situative

Verkennungen, Fortlauftendenzen, innere Unruhe, Wandern und Apathie können von Gericlowns situativ und individuell aufgegriffen werden. Durch ein empathisches Eingehen auf die jeweiligen Stimmungen und Emotionen, gelingt es den Clowns,

109

ebd., Z. 261-262 ebd., Z. 225-229 111 vgl. Kitwood 2008, S. 229 112 vgl. Müller-Hergl, in HAGE 2003, S. 33 113 Interview E, Z. 297-304 114 Interview E, Z. 314-316 110

42


positive Kontakt- und Interaktionsangebote zu machen und Menschen mit Demenz in ihrem Person-Sein zu fördern.

6 Therapeutische Grundlage der Gericlownerie Basis für die Gericlownerie ist der weiter oben beschriebene personzentrierte Ansatz. Ein Grundelement der personzentrierten Arbeit ist die Validation.115 Die Validation ist eine von Feil (1985) entwickelte Methode, um mit altersverwirrten Menschen wertschätzend in Kommunikation zu treten und in Kontakt zu bleiben. Die Validation wurde von Richards (1999) und van der Kooij (2001) aufgegriffen und erweitert. Der validierende Umgang wird vom Bundesministerium für Gesundheit als Basis für die Arbeit und Kommunikation mit Menschen mit Demenz empfohlen.116 Neben der Validation sind der Humor und gemeinsames Lachen wichtige Eckpfeiler der Clownerie für Menschen mit Demenz. Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Humor- bzw. Lachforschung als eigenständiger Wissenschaftszweig etabliert. Die Gelotologie117 (von griechisch gelos = Lachen) liefert Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass sich das Lachen und der Humor gesundheitsfördernd auf Geist und Körper auswirken.118 Da die Gericlowns in ihren Interaktionen den Menschen mit Demenz immer wertschätzend und humorvoll begegnen, werden im Folgenden Feils Konzept der Validation und der therapeutische Humor beleuchtet.

6.1 Validierender Umgang mit Menschen mit Demenz Grundlage für alle Clownsinterventionen mit Menschen mit Demenz ist der validierende Umgang. Validation bedeutet übersetzt Wertschätzen. Das ist in erster Linie eine innere Grundhaltung, die nicht nur für die Arbeit in Pflegeheimen wünschenswert

ist.

Die

validierende

Haltung

ist

gekennzeichnet

durch

115

vgl. Kitwood 2008, S. 135 vgl. BmfG 2007, S. 87-91 117 Die Gelotologie als Wissenschaftszweig geht zurück auf den US-Amerikaner Wilhelm F. Fry, der 1964 in Palo Alto das erste Humorinstitut gründete, um dort die physiologischen Wirkungen des Lachens zu erforschen. 118 vgl. Bischofberger 2008, S. 53 116

43


Einfühlungsvermögen in die Situation der Betroffenen und Akzeptanz ihrer Sinnwelten. Validationsanwender orientieren sich an den Emotionen, sowie den inneren Beweggründen für das gelebte Verhalten von Menschen mit Demenz. Die im Folgenden beschriebenen Validationstechniken119 bieten Möglichkeiten, sich mit einer verstehenden, wertschätzenden Grundhaltung, verbal und nonverbal, in die innere Welt von Menschen mit Demenz zu begeben. Dadurch kann es gelingen, Brücken zu ihnen zu bauen und ihnen Selbstsicherheit, Lebensfreude und Würde zurück zu geben.120

Ausgangspunkt für alle Techniken ist, dass die validierende Person sich vor dem Kontakt ihrer eigenen Emotionen bewusst ist und sich sammelt. Feil spricht hier vom Zentrieren. Nur in einer ausgeglichenen, ruhigen Grundstimmung ist es möglich, dem Gegenüber ausreichend Respekt und Wertschätzung, sowie das Gefühl des Angenommenseins zu vermitteln.

6.1.1 Verbale Techniken Einige Techniken beziehen sich auf verbale Kommunikationsformen. Da ein komplizierter Sprachgebrauch desorientierte Menschen verunsichern kann, ist die Basis hierfür, eindeutige, nicht wertende Worte zu verwenden, um Vertrauen herzustellen. Da die sprachlichen Fähigkeiten mit dem Fortschreiten der Demenz nachlassen, kommen die im Folgenden beschriebenen explorierenden Fragetechniken meist nur in dem frühen und mittleren Stadium der Demenz zum Tragen.

Mit Hilfe einfach strukturierter W-Fragen können Fakten exploriert werden. Offene Fragen nach dem Wer, Was, Wo, Wann und Wie geben desorientierten Menschen den nötigen Raum, sich und ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen.121

Beispiel: Eine desorientierte Frau schaut die Pflegekraft böse an, als diese das Zimmer betritt und sagt „Sie trauen sich hier noch rein? Jedes Mal wenn sie kommen, ist mein Geld weg!“ Statt sich persönlich angegriffen zu fühlen, reagiert die Pflegekraft validierend. Sie will der Frau helfen ihrer Wut, der darunter liegenden Sorge und ihrer Verzweiflung Worte zu geben. 119

Um den Textfluss nicht zu unterbrechen, sind die einzelnen Techniken kursiv hervorgehoben. vgl. Kojer 2002, S. 121 121 vgl. Klerk-Rubin 2006, S. 54 120

44


Mögliche W-Fragen sind in diesem Fall: Wieviel Geld ist weggekommen? Wie oft ist das schon passiert?122

Warum-Fragen sollten prinzipiell nicht gestellt werden. Die Beantwortung von kausalen Zusammenhängen erfordert eine hohe kognitive Leistung. Das kann Menschen mit Demenz überfordern und stark verunsichern.

Betroffene fühlen sich wahrgenommen und bestätigt, wenn ihre Aussagen paraphrasiert werden. Das Wiederholen wirkt vertrauensstiftend. In dem oben genannten Beispiel wäre eine wiederholende Antwort der Pflegekraft: „Sie sind wütend, weil ihnen Geld fehlt.“,123

um der betroffenen Person zu zeigen, dass sie in ihrer Not

verstanden wird. Zwei Fragetechniken, die nur in der ersten Phase sinnvoll sind, dienen dem Finden individueller Lösungsstrategien. Fragen nach dem Gegenteil können eingesetzt werden, wenn ein desorientierter Mensch fälschlicher Weise glaubt, ihm würde Unrecht angetan. Die Anregung, sich Momente zu vergegenwärtigen, in denen die negativen Erlebnisse ausbleiben, bietet die Möglichkeit, schlechte Gefühle zu relativieren und sich wieder in eine bessere Grundstimmung zu versetzen. Fragen die Erinnerungen wachrufen, können genutzt werden, um alte Copingstrategien zu aktivieren. Mitunter kann es sinnvoll sein Extreme einzusetzen. Manche Gefühle wollen ausgedrückt und Problemlagen artikuliert werden. Die Frage: „Wann ist das Gefühl (o.ä.) am schlimmsten?“ eröffnet dem Betroffenen Raum, Psychohygiene zu betreiben.

Wenn die Bedeutung mancher Worte für Menschen mit Demenz verloren geht, kann dies mit der Technik der Mehrdeutigkeit kompensiert werden. Wird bspw. das Wort „Strand“ nicht mehr verstanden, können Assoziationen wie „Sand“, „Sonne“, „Meer“, und „Brise“ dem desorientierten Menschen helfen, den gemeinten Sinn zu erfassen. Zudem können Wortfindungsstörungen bzw. -Neuschöpfungen mit vagen Fürwörtern, wie zum Beispiel „er“, „sie“, „es“ oder „etwas“, überbrückt werden, um mit dem betroffenen Menschen in kommunikativem Fluss zu bleiben. Eine mögliche Situation wäre: „Patient:’Flu Flu ist nicht nach Hause gekommen.’ VA:’Glauben Sie, ihm ist etwas passiert?’“124

122

vgl. Kojer 2002, S. 124 vgl. Kojer 2002, S. 124 124 Feil 1999, S. 71 123

45


Eine weitere verbale Technik ist, sich an die Tonlage und Sprechgeschwindigkeit der zu validierenden Person anzupassen. Hierbei können ruhig auch scheinbar sinnentleerte Worthülsen oder sich wiederholende Sätze aufgegriffen werden. Das Aufgreifen von Sprachmelodie und Rhythmus bietet zum Einen die Möglichkeit, sich auf das energetische Niveau seines Gegenübers einzuschwingen. Darüber hinaus kann der Gericlown über eine „rein stimmliche Kommunikation im Prinzip über Rhythmus und Töne“125 mit Menschen mit Demenz, die unter dem Verlust ihrer vollen Sprachfähigkeit leiden, in einen befriedigenden, kommunikativen Austausch treten. Solche „Putzgespräche“ erhalten den zwischenmenschlichen Kontakt aufrecht und signalisieren dem Menschen, dass er noch Anteil an einem gemeinsamen Alltagserleben haben kann.126

6.1.2 Nonverbale Techniken Für jede Kontaktaufnahme und den Erhalt ist es grundlegend, einen offenen, warmen Blickkontakt herzustellen. Clownin Trulla stellt fest: „ manchmal braucht’s gar nicht mehr als das, sich irgendwie in die Augen zu schauen und dann einfach diesen intensiven Kontakt zu haben.“

127

Bestenfalls geschieht dies auf Augenhöhe. Das Bedürfnis nach Körperkontakt

wird mit fortschreitender Demenz für desorientierte Menschen immer elementarer. „Das ist auch etwas, was wir viel machen. Körperkontakt, Streicheln oder mit einer Feder so leicht berühren, gerade wenn Menschen im Bett liegen und nicht mehr so aufnahmefähig sind.“

128

Bei

Berührungen und Umarmungen sind natürlich die individuellen Grenzen zu wahren. Gerade Menschen in der ersten Phase der Demenz, die bemüht sind, ihre bröckelnde Fassade aufrechtzuerhalten, reagieren eher ablehnend auf Körperkontakt. Berührungen sollten daher bewusst und langsam angebahnt werden.

Das Spiegeln von Bewegungen und Gefühlen beinhaltet, sich dem Körperrhytmus und –Tonus des Betroffenen anzupassen. Innerhalb der Interviews erklärt eine Gericlownin: „(...) das Spiegeln ist tatsächlich was, das wir sehr viel benutzen (...)“129 „(...) das ist ja nichts anderes als diesen Zustand der Frau für sich anzunehmen und sie zu spiegeln und mit ihrer Energie so mitzugehen, dass sie darin nicht mehr alleine ist, sondern zusammen das zu machen.“

130

Das Spiegeln kann in einfachen Bewegungsmustern wie Gehen erfolgen,

125

Interview C, Z. 191-192 vgl. Wojnar 2007, S. 90-91 127 Interview E, Z. 329-330 128 Interview A, Z. 446-448 129 Interview A, Z. 451-452 130 Interview A, Z. 259-261 126

46


bis hin zum Zerknüllen von Papierservietten. Oftmals ergeben sich daraus, insbesondere bei biographischen Vorkenntnissen, Sinnzusammenhänge zum Verhalten der Person. So kann bspw. das Tippen auf dem Tisch, als die Arbeit an einer imaginären Schreibmaschine verstanden werden. Durch das sanfte Aufgreifen der Bewegungsfolge wird der Betroffene auf seine Spiegelung aufmerksam und taucht evtl. aus seiner Versenkung auf. Ein Wir-Gefühl kann entstehen.

Die meisten Menschen bevorzugen ein bestimmtes Sinnesorgan, den Geruchs-, Geschmacks- oder Gehörsinn, haben eine Vorliebe für Visuelles oder den Tastsinn. Gelingt es der validierenden Person durch aufmerksames Hinhören oder Beobachten individuelle Neigungen herauszufinden, kann dieser Zugang gezielt genutzt werden.131

Feil empfielt zudem den Einsatz von Musik, auf den in Kapitel sieben näher eingegangen wird. Interviewübergreifend ergibt sich, dass auch die Gericlowns eine besondere Wirkkraft im Einsatz von Musik sehen, „Ich würde Musik an die erste Stelle stellen, alte Schlager, Kinderlieder, einfach deswegen, weil es fast immer funktioniert, dass sie mitsingen oder wenn sie nicht mehr mitsingen können, man zumindest merkt, dass es sie anrührt.“

132

6.1.3 Das Prinzip ‚Suchend Reagieren’ nach van der Kooij Van der Kooij greift Feils validierende Grundhaltung und Techniken auf und integriert diese Ideen Mitte der 90er Jahre in ihr Konzept der Erlebnisorientierten Pflege. Im Gegensatz zu Feil’s Ansatz, in dem der Validationanwender dem Menschen mit Demenz in seine Gefühlswelt folgt, empfielt van der Kooij mitunter Grenzen zu setzen. Grundannahme ist, dass es für einen desorientierten Menschen nicht immer förderlich ist, mit seinen teils heftigen Emotionen mitzugehen.133 In manchen Situationen kann es sinnvoller sein, ein Gegengewicht zu zu bilden. Van der Kooij nennt dieses Prinzip ‚Suchend reagieren’.134 Clownin Mona Sesam beschreibt eine Begegnung mit einem Mann im fortgeschrittenen Stadium der Demenz, der nicht mehr Sprechen konnte und aggessiv schreiend mit seinem Rollstuhl den Gang der Pflegestation hoch und runter fuhr „(...) er 131

vgl. Feil 1999, S. 44 Interview A, Z. 443-445 133 vgl. BmfG 2007, S. 89-90 134 vgl. BmfG 2007, S. 89-90 132

47


ist die ganze Zeit immer an uns vorbei und hat immer dann ganz laut "Uah, uah, uah, uah!" gebrüllt.“

135

Die Clownin nimmt validierend Kontakt zu dem Mann auf, indem sie seinen

emotionalen Ausdruck verbal und nonverbal spiegelt. „(...) dann bin ich mit ihm den Gang rauf und runter gelaufen. Und dann hat er halt immer "Uah!" [gebrüllt; B.T.] und ich habe dann immer geantwortet "Uah!" (...) und dann irgendwann habe ich gemerkt, dass er sich auf mich eintaktet, dass er mir antwortet oder sogar mit mir zusammen brüllt.“

136

Nachdem der Kontakt

hergestellt ist, versucht die Clownin seine heftigen Emotionen zu kanalisieren „(...) Und dann habe ich halt ganz langsam den Rhythmus verändert. (...) und irgendwann habe ich angefangen zu singen und dann hat er auch einfach mitgesungen.“

137

„Dann ist er irgendwann

ganz friedich alleine den Gang rauf und runter (...). Das war für mich total berührend. (...) Es war schön zu merken, wie er auf diesen Rhythmus mit einsteigt. Also, wie wir plötzlich wirklich kommuniziert haben. Also, jenseits von allen sprachlichen Sätzen und sonst was oder Konventionen, aber wir haben halt trotzdem kommuniziert und das war schön.“

138

Van der Kooij ergänzt die Validationstechniken zudem um den Punkt der Intuition, als individuellen Maßstab für gelingende Interaktionen.139 Die begleitende Person solle sich während der Begegnung mit Menschen mit Demenz stets bewusst sein, ob sich der Kontakt gut anfühlt oder nicht. Wenn Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz nicht mehr in der Lage sind ihre Bedürfnisse klar zu äußern, müssen Begleitende Handlungsentscheidungen quasi aus dem Bauch heraus treffen, um mit ihnen auch weiterhin befriedigende Kontakte gestalten zu können.

Auch die Gericlowns versuchen „(...) zu erfühlen oder rauszubekommen, was sie [Menschen mit Demenz; B.T.] sich wünschen und das dann halt auch zu geben. (...) es ist nicht für jede Situation gewährleistet, dass man das schafft, aber es gibt auf jeden Fall, glaube ich viele Situationen, wo es gelingt und jemand ganz erfüllt ist hinterher von dem Besuch oder es 140

zumindest sagt oder mitteilt oder sonst irgendwie zeigt.

Wann welche Technik am sinnvollsten einzusetzen ist, kann nur im Augenblick entschieden werden. Der validierende Umgang erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Klarheit, um zu erspüren, welche Technik sich im Moment eignet, um einen befriedigenden Kontakt herzustellen.141 135

Interview C, Z. 175-176 Interview C, Z. 179-186 137 ebd. 138 Interview C, Z. 192-196 139 vgl. BmfG 2007, S. 89-90 140 Interview C, Z. 45-49 141 vgl. Morton 2002, S. 88 136

48


6.2 Therapeutischer Humor in der Altenpflege „Das Lachen gehört neben der Bewegung und Musik zu den wichtigsten therapeutischen Mitteln einer guten Betreuung Demenzkranker.“142

Robinson lieferte Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts mit ihrer umfassenden Forschungsarbeit zum Thema Humor im Gesundheits- und Pflegebereich, eine wissenschaftliche Basis zur Integration humorvoller Arbeitsansätze. Sie schreibt dem Humor in der Pflege drei wesentliche Funktionen zu: Humor kann die Kommunikation erleichtern, er kann befriedigende soziale Verbindungen schaffen und auf psychologischer Ebene den Menschen bei der Bewältigung von schwierigen Situationen helfen.143

Im Bereich der Altenpflege wird seit einigen Jahren vermehrt eine konzeptionelle Einbindung von Humor gefordert,144 da „Therapeutischer Humor durch Pflegende oder durch humoristische Professionelle (...) die Gesundheit (fördert), (...) Ängste (abbaut) und (...) somit letzlich die 145

Tätigkeit der Pflegenden (erleichtert).“

Menschen mit Demenz haben feine Antennen für

warmherzigen Humor. Sie spüren Freundlichkeit und fühlen sich bestätigt, wenn sie angelächelt werden.146 Ein humorvoller Umgang kann deeskalierend wirken und fördert das

Wohlbefinden.

entwickelte

„Humor

Die schweizer Pflegewissenschaftlerin als

Pflegekonzept“,

um

dessen

Iren

positive

Bischofberger Effekte

dem

Pflegepersonal, den Bewohnern und deren Angehörigen verfügbar zu machen.147 Das Flüchtige einer humorvollen Situation dürfe nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern müsse gezielt geschult und im Pflegealltag etabliert werden.148

Ein humorvoller Umgang in Pflegeeinrichtungen ist ein hohes und anstrebenswertes Ziel. Allerdings bezeichnet Müller-Hergl die Situation, in der sich Pflegende hierzulande befinden, eher als verzweifelt. „Und das ist nicht nur eine oberflächliche Verzweiflung, sondern eine, die sehr tief geht. Die Menschen, die dort arbeiten, gehen teilweise geschädigt aus diesem Beruf heraus.“149

In der Regel ist das Pflegepersonal in deutschen

142

Wojnar in Hirsch 2001, S. 182 vgl. Robinson 2002, S. 46 ff. 144 Hirsch 2001, Robinson 2002, Wojnar 2007, Bischofberger 2008, Rösner 2007 145 Gardemann in Robinson 2002, S. XVIII 146 vgl. Wojnar 2007, S. 66 147 vgl. Bischofberger 2008 148 vgl. Bischofberger in Hirsch 2001, S. 163-178 149 Müller-Hergl in HAGE 2003, S. 25 143

49


Einrichtungen mit der Grundpflege und Pflegedokumentation völlig ausgelastet und hat wenig Zeit auf individuelle Bedürfnisse von Menschen mit Demenz einzugehen.150 Daher erinnern manche Aufenthaltsräume häufig an einen Wartesaal. Die Bewohner sitzen auf Sofas oder an Tischen und warten auf das nächste Essen. Es finden nur wenige Gespräche statt und in einer Ecke dudelt das Radio.151

Wenn dann die Gericlowns kommen, kann sich so eine Atmosphäre schlagartig ändern. Clownin Lolle Rosso berichtet von einer Situation in einem Aufenthaltsraum „(...) da waren zwei Männer, die beide sehr energetisch sind. Also, der eine der will immer, dass wir sofort immer wie Karneval etwas aufziehen, der will immer sofort, dass irgendwas passiert, fängt immer gleich an zu klatschen und will-, der hört manchmal garnicht mehr auf zu singen. Und dann haben wir halt gesagt (...) "Habt ihr irgendwie ein Lied, dass ihr zusammen mit uns singen wollt?" Und dann meinte dieser Mensch "Alle Vögel sind schon da, aber auf sächsisch!" Und dann hat er zusammen mit uns und dem ganzen Aufenthaltsraum und ein Pfleger hat auch noch ganz viel mitgemacht, lauthals auf sächsisch 'Alle Vögel sind schon da' vorgesungen. (...) es war ein totaler Gaudi (...) ein totaler Lacher für alle, die da waren.“

152

„Es war eine ganz

locker-gelöste Stimmung und es kam ein Gefühl von Gemeinsamkeit auf, was mir oft fehlt, wenn ich in die Räume reinkomme, dass da dann oft jeder für sich so sitzt und wenig Gespräche stattfinden unter den Heimbewohnern und durch das gemeinsame Singen und Lachen war gleich so ein Wir-Gefühl da.“

153

Die Gericlowns können dabei helfen Lachen und Humor in die Pflegeheime zu bringen. Die Clownsinterventionen bieten zudem dem Pflegepersonal Gelegenheit ‚ihre’ Bewohner einmal in einem anderen Kontext erleben zu können und eventuell Seiten an ihnen zu entdecken, die ohne den Clown nicht zum Vorschein gekommen wären. Neben der Validation und der humorvollen Grundhaltung, bedienen Gericlowns, flexibel und individuell, weitere sozialpsychologische aktivierende Methoden, die in der Begleitung von Menschen mit Demenz Anwendung finden.

150

Das ist sehr bedauerlich und ich würde mir wünschen, dass dem Personal mehr Zeit für persönliche Kontakte zu ihren Bewohnern zur Verfügung stehen würde. 151 vgl. Müller-Hergl in HAGE 2003, S. 40-42 152 Interview A, Z.120-130 153 Interview A, Z. 196-199

50


7 Aktivierende sozialpsychologische Methoden für Menschen mit Demenz „Die Kunst einer guten Betreuung besteht in der Fähigkeit, den Tag mit vielen schönen Augenblicken zu füllen (...)“154

Im Verlauf der Demenzerkrankung verliert sich die Fähigkeit, Kontakt zu anderen Menschen herzustellen und mit ihnen in einer gemeinsamen Wahrnehmung zu interagieren. Der Mensch mit Demenz zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Die Altenpflege begegnet dem mit verschiedenen aktivierenden sozialpsychologischen Methoden. Die Gericlowns greifen einige dieser Techniken flexibel auf. Dazu zählen die Erinnerungspflege, die 10-Minuten-Aktivierung, Tanz- und Bewegungsangebote, Berührungen und Körperkontakt, die Basale Stimulation® und Elemente aus der biographieorientierten Musiktherapie.

7.1 Erinnerungspflege Ein wichtiger Stützpfeiler in der stationären Altenpflege ist die Biographiearbeit. Informationen zu Familie, Beruf, aber auch wichtige lebensgeschichtliche Ereignisse werden archiviert, geben Einblick in persönliche Vorlieben und Abneigungen und können in der Betreuung bedacht werden. Das Wissen über wichtige Lebensereignisse bietet die Chance, sonderliche Verhaltensweisen von verwirrten alten Menschen nachvollziehen und adäquat darauf reagieren zu können. Neben der strukturierten Biographiearbeit empfiehlt die Expertengruppe des BmfG die Erinnerungspflege,155 als gezielte Aktivität, aber auch als alltäglichen Bestandteil in die Betreuung von Menschen mit Demenz zu integrieren. Lebensgeschichtliche Ereignisse zu erinnern und zu erzählen, wirkt identitätsstiftend, stärkt die Kommunikation, das Zugehörigkeitsgefühl und erhöht damit das Selbstwertgefühl. Die Gericlowns nutzen bei ihren Heimspielen laut Clownin Lolle „Eigentlich alles, was anknüpft an früher, altes Spielzeug, wir hatten mal ein altes Telefon dabei, alte Alltagsgegenstände. Auch einfach, weil es Menschen, die noch recht fit sind, ein Anlass für ein Gesprächseinstieg

ist

und

da

ganz

spannende

Sachen

kommen.“

156

Ziel

der

154

Wojnar 2007, S. 62 Mit dem Begriff „Erinnerungspflege“ wird bewusst eine Abgrenzung zur strukturierten Biographiearbeit, als auch zu der Therapieform „Erinnerungsarbeit“ gezogen. (vgl. BmfG 2006, S. 93) 156 Interview A, Z. 448-451 155

51


Erinnerungspflege ist es, positive Emotionen, wie bspw. gemeinsame Freude erleben oder in melancholischen Erinnerungen schwelgen, zu fördern.157

7.1.1 Überlegungen zum Umgang mit Verherrlichungen der NS-Zeit Für die meisten Menschen gehört die Jugend und das junge Erwachsenenalter zu den am intensivsten gelebten und somit bedeutsamsten Lebensphasen. Diese Lebensspanne wurde bei den heute 80-90jährigen maßgeblich durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Die Mitgliedschaft bspw. im Bund Deutscher Mädel oder der Hitler Jugend wurde von vielen als positiv erlebt.158 Werden Erinnerungen aus dieser Zeit aktiviert, lösen sie wohlmöglich positive Gefühle und einen Hauch von Ich-Identität aus. In solchen Momenten kann es zu ungefilterten kriegsverherrlichenden und antisemitischen Äußerungen kommen.159 Wie soll ein Gericlown damit umgehen, wenn ein Mensch mit Demenz schwärmerisch in seine nationalsozialistisch geprägte Jugendzeit eintaucht? Fest steht, dass Menschen mit Demenz nicht mehr in der Lage sind, die Zeit der Hitler Diktatur zu reflektieren, unabhängig davon, ob sie es je getan haben. In welcher Weise ein Gericlown mit Verherlichungen des Nationalsozialismus umgeht, muss jeder selbst entscheiden. Eine Möglichkeit wäre, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, indem bspw. nationalsozialistisch geprägtes Liedgut gemieden wird oder aber, dass der Clown Gegeninterventionen startet, die vom Thema ablenken.

157

vgl. BmfG 2006, S. 93-101 vgl. Grümme 1998, S. 49 159 vgl. Däbritz in Altenpflege April 2007, S. 30-32 158

52


7.2 10-Minuten-Aktivierung Es sind vor allem kleine Dinge bei alten Menschen, ganz kleine Momente der Wachheit, die Clowns bewirken können und die wichtig sind. R. D. Hirsch 160.

Da Menschen mit Demenz sich im Schnitt nicht länger als 20 Minuten auf eine Sache konzentrieren können, sind viele der in der stationären Altenhilfe gängigen Beschäftigungsangebote für sie gar nicht oder nur begrenzt nutzbar.161 Um Pflegenden und Bewohnern mit Demenz eine einfache, den Rahmenbedingungen angepasste Kommunikations- und Beschäftigungsplattform zu bieten, entwickelte SchmidtHackenberg die 10-Minuten-Aktivierung. Kernpunkt der Methode ist das Nutzen von Schlüsselreizen, sogenannter „Trigger“, die Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wecken. Dies können alte Gebrauchsgegenstände, Fotos, Naturmaterialen u.v.m. sein. Die

10-Minuten-Aktivierung

benötigt

eine

einmalige

Vorbereitungszeit.

Die

Materialien werden nach Themen in Schuhkartons sortiert, beschriftet und in Regalen aufbewahrt. Eine kurze Anleitung mit Gesprächsanregungen, gymnastischen Übungen und Liederbeispielen ermöglicht den Pflegekräften eine einfache und schnelle Handhabung.162 Ziel der 10-Minuten-Aktivierung ist es, vor sich hindämmernde Menschen mit Demenz körperlich, emotional und kognitiv zu aktivieren und einen kommunikativen Zugang zu ihnen zu schaffen.163

Analog zur 10-Minuten-Aktivierung verfügen die Gericlowns über einen großen Fundus an Gegenständen die sie, laut Clownin Mona Sesam und wie unter Punkt 3.2 beschrieben, „(...) mithaben oder mitbringen oder was in unsere Werkzeugkiste gehört (...)“.164 Dabei finden die Requisiten flexibel Anwendung. Ob oder welche Objekte ins Spiel gebracht werden hängt von den Impulsen ab, die sie an den Bewohnern wahrnehmen können; „es hängt sehr davon ab, wer da ist und was grade für eine Atmosphäre dort ist und was für eine Stimmung, wie wir darauf reagieren und was wir dann auspacken von dem was wir 165

dabei haben (...)“.

Die Gericlowns sind in der Lage „auf Situationen auf so vielfältige

160

Hirsch zitiert in Steger: Die Arbeit des Gesundheit!Clown® im Alten- und Pflegebereich. http://www.clownundtheater.ch/pdf/Konzept%20gross%20oktober%202008.pdf (12.05.2009) 161 vgl. Menker / Waterboer 2006, S. 727 162 vgl. Arndt in Altenpflege 2/2008, S. 48-49 163 vgl. Sadowsky: 10-Minuten-Aktivierung: Einführung und Umsetzung in der Pflege, in Reader zum 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag in Leipzig 2008, S. 69-98 164 Mona Sesam in Müller: Das lange Interview, Z. 307-308 165 Mona Sesam in Müller: Das lange Interview, Z. 114-116

53


Weise reagieren zu können und etwas besonderes mitzubringen in diesen Alltag und dadurch einen besonderen Moment schaffen zu können.“

166

7.3 Tanz- und Bewegungsangebote Der Aufenthalt in Pflegeheimen birgt die Gefahr körperlicher Passivität. Alltagshandlungen, wie bspw. Essen zubereiten, Putzen, Spazieren gehen, Gärtnern oder Einkaufen, die einen Großteil der Bewegung ausgemacht haben, werden nun teils von Pflegekräften übernommen und sind teils auf Grund kognitiver und motorischer Einbußen nicht mehr möglich. Die stationäre Altenhilfe begegnet dem mit verschiedenen Bewegungsangeboten, bspw. Gymnastikgruppen oder Seniorentanz, die zu bestimmten Terminen, in der Regel ein bis zwei Mal wöchentlich, angeboten werden.167 Allerdings versuchen Menschen mit Demenz häufig sich diesen Pflichtveranstaltungen zu entziehen.168 „Die Gestaltung von Bewegungsangeboten für Menschen mit Demenz zeigt sich anspruchsvoll, da der Kontext der Interventionen besonders motivierend und ‚fesselnd’ sein sollte, um die Konzentrations- und Merkfähigkeitseinbußen der Demenzbetroffenen zu kompensieren.“169

Individuell ansprechende Clownsinterventionen können dies leisten. Gerne lassen sich Menschen mit Demenz auf ein kleines Tänzchen mit den Clowns ein oder sie folgen ihnen auf ihrer Reise durch die Zimmer der Pflegestation. Clownin Wilma berichtet: „In einem Aufenthaltsraum saß ein Mann so ganz alleine. Und das finde ich immer so schlimm, wenn die so vom Kaffeetrinken bis aufs Abendbrot dann einfach nur da sitzen und warten. Und so schien es mir bei ihm auch, er wartete einfach nur, dass die Zeit vergeht. Ich bin rein zu ihm, so von der Tür aus, er saß ziemlich weit hinten im Sessel und da habe ich angefangen zu singen 'Liebling, mein Herz lässt dich grüssen' und dann habe ich ihm so meine Arme entgegengehalten und die Hände und er griff dann auch die Hände. Dann haben wir ein bisschen hin und her uns gewiegt, weil ich es auch wichtig finde, dass die Leute sich ein bisschen betätigen dabei. Und dann stand er auf und tanzte ein bisschen dabei, also, von einem Bein aufs andere mit mir.“

170

Nach dem Tänzchen vereinbarte die Clownin mit dem

Mann auf sein Zimmer zu gehen. „Und da war die Pfeffer Liese noch mit und da haben wir gesagt "Na, dann gehen wir doch mal in dein Zimmer!" Und dann mussten wir einen ziemlich langen Gang lang gehen mit ihm und wir haben uns rechts und links so eingehakt und haben gesungen „Ein Freund ein guter Freund“, dazu kann man so schön laufen. Und wir sind an 166

Interview A, Z. 467-468 vgl. Sadowsky: 10-Minuten-Aktivierung: Einführung und Umsetzung in der Pflege, in Reader zum 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag in Leipzig 2008, S. 69-98 168 vgl. Wojnar 2007, S. 150 169 vgl. BmfG 2006, S. 116 170 Interview D, Z. 179-186 167

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seiner Tür angekommen, da bleibt er auf einmal stehen und sagt "Jetzt habe ich meinen Rollator vergessen! Ich kann doch ohne Rollator garnicht laufen!" Und da meinte die Pfeffer Liese "Das macht nichts. Da hole ich den!" Und sie ging dann zurück und holte den Rollator und er stand wirklich richtig glücklich in dem Türrahmen, schaute mich an, so ungefähr "Es ist ein 171

Wunder passiert!" So glücklich war er darüber.

7.4 Wohltuende Berührungen und Nähe Berührt werden und körperliche Nähe sind ein menschliches Grundbedürfnis, das uns von der Geburt bis zum Tod begleitet und individuell verschieden ausgeprägt ist. Im Rahmen der täglichen Pflegehandlungen erleben Menschen mit Demenz zahlreiche Berührungen. Diese Form von Körperkontakt ist an dieser Stelle nicht gemeint. Mit dem fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten wird das Bedürfnis nach körperlicher Nähe für Menschen mit Demenz immer essentieller.172 „Wie oft werden denn die Leute in den Heimen denn mal noch gestreichelt oder einfach mal richtig umarmt? Aber so, dass man tief den Anderen einatmet dabei. (...) also mein Clown z.B., der macht auch keinen Unterschied. Der kann das mit jedem, der liebt einfach alle und würde gerne jeden drücken und er fragt natürlich vorher, ob er es darf, aber ich habe noch niemanden getroffen, der dann sagt 173

"Ne, will ich nicht!" sondern, die sagen alle "Oh ja!" und dann kann das ewig anhalten.

Wohltuende Berührungen, wie Streicheln, in den Arm genommen werden, sich gemeinsam hin und her wiegen oder einfach das Halten einer Hand, vermitteln Geborgenheit und Nähe, stärken das Person-Sein und sind somit ein entscheidender Faktor für Wohlbefinden und Lebensqualität.174

7.5 Basale Stimulation® Die Basale Stimulation ist ein von Fröhlich entwickeltes Konzept, um Menschen mit einer beeinträchtigten Wahrnehmung, Bewegung oder Kommunikation, über ihre verschiedenen Sinnesorgane, mit Hilfe gezielter personenbezogener Angebote anzuregen und zu aktivieren. Ursprünglich wurde das Konzept für die Früh- und Wahrnehmungsförderung von geistig schwer behinderten Kindern entwickelt und in den

171

Interview D, Z. 190-197 vgl. Hoffmann, in chrismon 11/2008, S. 48-53 173 Interview D, Z. 318-323 174 vgl. BmfG 2006, S. 103 172

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80er Jahren von Bienstein und Fröhlich auf die Pflegepraxis übertragen.175 Gerade Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz liegen häufig reglos im Bett und leiden unter dem Verlust sensorischer Reize. Sie sind auf Kontakt- und Wahrnehmungsangebote von Außen angewiesen, die ihnen ein Bewusstsein des eigenen Körpers und der Umwelt vermitteln. Nicht alle Techniken176 der Basalen Stimulation kommen für die Arbeit der Gericlowns in Frage, aber oftmals gelingt es, Menschen in verschiedenen Stadien der Demenz über ihre Sinnesorgane zu erreichen. Das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten ist für viele Menschen mit bestimmten Erinnerungen verbunden. So kann bspw. das Riechen von Kölnisch Wasser Jugendbilder wecken und zum Erzählen anregen oder das Betrachten und Befühlen einer mitgebrachten Kastanienblüte Orientierung im Jahreslauf verschaffen. Clownin Trulla findet, dass „(...) es eigentlich immer ganz schön (ist), Sachen von draußen mitzubringen, gerade im Sommer, so Blumen oder Laub, so dass man einfach nochmal an natürliche Sachen erinnert wird, wie was damals gerochen hat.“

177

Dem Ideenreichtum der

Clowns sind hier keine Grenzen gesetzt und sie sind immer zu neuen Überraschungen bereit.

7.6 Biographieorientierte Musiktherapie „Musik ist der Dosenöffner der Seele“ Henry Miller

Eine besondere Qualität der Musik liegt darin, dass sie Menschen mit Demenz bis ins schwere Stadium emotional erreichen und berühren kann. Bedeutungsvolle Schlager und Lieder aus Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter, die mit positiven Erinnerungen belegt sind, erwecken Betroffene förmlich zum Leben.178 Das kann so weit reichen, dass Menschen mit eingeschränkter oder verlorener Sprachfähigkeit ganze Lieder, Strophe für Strophe mitsingen. Clownin Wilma meint dazu: „Selbst wenn sie schon tief in der Demenz drinne sind, gibt es trotzdem den Moment „Aha, das Kinderlied ‚Hänschen klein’ oder ‚Kommt ein Vogel geflogen’.“ Das habe ich festgestellt, Leute, die sich überhaupt nicht mehr äußern können, die garnicht mehr sprechen, weil sie, wie Wilma sagt „Alle Worte sind schon gesagt worden!"-. Aber wenn Wilma dann anfängt „Kommt ein Vogel 175

vgl. Menker / Waterboer 2006, S. 263-264 bspw. Ganzkörpereinreibungen, Lagerungstechniken etc., vgl. Menker / Waterboer 2006, S. 531 177 Interview E, Z. 345-347 178 vgl. Grümme 1998, S. 76 176

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geflogen“ zu singen, da gibts Leute, die bewegen ihre Lippen und du siehst, die sprechen die Worte mit, auch wenn du sie nicht hörst.“

179

Das Singen war in der Generation von Menschen mit Demenz, die jetzt in den Pflegeheimen wohnt, fester Bestandteil alltäglicher Aktivitäten. „Es wurde zu allen Tageszeiten, zu Hause, in der Kinderstube, in der Schule, in der Kirche, bei der Arbeit, im gesellschaftlichen Leben und in Vereinen gesungen.“180

Das Volkslied ‚Der Mai ist gekommen’

bspw. wurde häufig im Musikunterricht der Volksschulen gesungen und hat sich damals tief ins Gedächtnis eingeprägt. Es wird daher auch im fortgeschrittenen Stadium der Demenz von vielen erinnert und gerne mitgesungen.181 Schlager wie bspw. ‚Oh, Donna Clara’ oder ‚In einer kleinen Konditorei’ verbinden Menschen mit Demenz oft mit dem jungen Erwachsenenalter und der ersten Liebe. Diese Melodien wurden auf Tanzveranstaltungen gespielt und können emotional bedeutsame Erinnerungen wecken,182 „(...) und [sie; B.T.] landen dann in so einem Tanzambiente, was offensichtlich interessanter ist, als der normale Aufenthaltsraum. Es kommen dann auch viele Sprüche aus dieser Jung-Mädchen-Zeit.“

183

Gerne lassen sich Menschen mit Demenz beim Hören und

Singen biographisch bedeutsamer Lieder von den Gericlowns zu einem Tänzchen animieren.

Durch

regelmäßige

sozialpsychologische

Interventionen

können

agitierte

Verhaltensweisen und in geringem Maße auch kognitive Einbußen von Menschen mit Demenz aufgefangen werden. Daher sollte den nicht-medikamentösen Therapien ein ebenso hoher Stellenwert eingeräumt werden, wie der medikamentösen Behandlung von Menschen mit Demenz. „Während die Versuche, die kognitiven Defizite pharmakotherapeutisch oder durch Übungsprogramme [bspw. Gedächtnis- und Realitätsorientierungstraining; B.T.] positiv zu beeinflussen – zumindest bei fortgeschrittener Demenz – bisher eher wenig erfolgreich waren, sind psychosoziale Interventionen nach internationalen Erfahrungen, aber auch nach deutschen Studien und eigenen Beobachtungen (PKH Merkhausen), häufig erfolgreich und führen – wenn auch nicht zur Heilung – doch zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität dieser Patienten.“184

179

Interview D, Z. 284-289 Grümme 1998, S. 81 181 vgl. ebd., S. 46 182 vgl. ebd., S. 47 183 Interview B, Z. 606-607 184 Wächtler, Mittelstein, Stuwe, Wojnar in Hirsch 1995, S. 212-213 180

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Die in diesem Kapitel beschriebenen aktivierende sozialpsychologische Methoden werden von den Gericlowns situativ und individuell angewendet. Die Clowns bringen das Leben von Draußen in Form von kleinen Geschichten mit, lassen sich gerne Erlebnisse von früher erzählen, sie tanzen mit den Bewohnern und haben keine Scheu auch mal jemanden in den Arm zu nehmen. Am liebsten jedoch singen sie für und mit Menschen mit Demenz.

Abbildung 2: Methodologie der Gericlowns

58


8 Stand der Forschung über die Clownerie für Menschen mit Demenz Der Anstieg von Menschen mit dementiellen Symptomen in deutschen Alten- und Pflegeheimen hat in den letzten Jahren zu einer großen Herausforderung der Versorgungslandschaft geführt. Viele Heime sind den zusätzlichen Belastungen, die die intensivere Begleitung von Menschen mit Demenz erfordert, nicht gewachsen. Gründe dafür sind einerseits der akute Fachkräftemangel, andererseits fehlende Kompetenzen im Umgang mit desorientierten Menschen. Agitiertes Verhalten, wie zielloses Umherwandern, Aggressivität, Schreien oder Apathie, wird als belastend empfunden, da Pflegekräfte in ihrem straffen Arbeitspensum nicht adäquat darauf reagieren können.185 Anhand dreier Studien soll gezeigt weren, dass regelmäßige Clownsbesuche zu einer Reduktion agitierten Verhaltens führen und darüber den Pflegealltag erleichtern können. Die Nachhaltigkeit der Wirkung von Clownsinterventionen ist bislang noch nicht erforscht, wird allerdings von einer Heimleiterin bestätigt, die sich in einem Radiointerview positiv äußerte.

Garms-Homolová und Kiki (2003) untersuchten in einer 22 wöchigen prospektiven Kontrollgruppenuntersuchung, ob eine regelmäßige „Clownssprechstunde“ zu einer Reduktion von agitiertem Verhalten führen kann. Die Clownsbesuche fanden wöchentlich in einem Wohnbereich statt, in dem überwiegend Menschen mit Demenz lebten und in dem von den Pflegekräften, auf Grund knapper personeller Ressourcen, nur eine Grund- und Behandlungspflege erbracht wurde. Gemessen wurden auffällige Verhaltensweisen pro Bewohner in Minuten. Zu Beginn der Untersuchung zeigte die Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe relativ häufig agitiertes Verhalten. Die Verhaltensauffäligkeiten reduzierten sich im intervenierten Wohnbereich, vom ersten bis zum dritten Messzeitpunkt, um kontinuierlich 40 Minuten pro Bewohner. Die erhebliche Reduzierung von agitiertem Verhalten durch die Clownssprechstunde verhalf dem Pflegepersonal zu einer deutlichen Arbeitserleichterung, da zusätzliche Arbeiten (wie bspw. Aufräumen, Putzen, Schlichten von Konflikten) wegfielen.186

185 186

vgl. BmfG 2007 vgl. Rösner 2007, S. 30-31

59


Hirsch (2000) untersuchte zwei Jahre lang eine regelmäßig wöchentlich stattfindende Clownsintervention in einem Pflegeheim, in dem überwiegend Menschen mit Demenz lebten. Befragt wurden die Mitarbeiterinnen zu Beginn, nach einem Jahr und zum Abschluss der Intervention, zu Akzeptanz und Meinung bezüglich der Effektivität der Clownsarbeit. Zu Beginn befürwortete ein Großteil der Mitarbeiter den Besuch des Gericlowns, da sie der Meinung waren, dass Humor für Menschen mit Demenz grundsätzlich wichtig sei. Gleichzeitig befürchteten ca. 60%, dass der Clownsbesuch auch negative Wirkungen auf die Bewohner haben könnte. Nach einem Jahr waren ca. 72% der Ansicht, dass der Clown einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz habe. Die generalisierende Frage „Sind Sie der Meinung, dass in jedes Pflegeheim ein Clown kontinuierlich kommen sollte?“ beantworteten bei der Erstuntersuchung 54% und bei der Zweituntersuchung schon 69% positiv. Nach Abschluss des Projektes waren alle Mitarbeiter der Meinung, dass das Kommen eines Clowns sinnvoll ist, da er das Wohlbefinden der Bewohner steigert und somit zu einer Verbesserung des Arbeitsklimas beiträgt.187

Im Rahmen ihrer Bachelorthesis untersuchten Klein und Christoph (2008) anhand von sechs Clownsinterventionen in einem Pflegeheim die Wirkung der Clownsarbeit auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz. Der Schwerpunkt der Studie lag auf teilnehmenden Beobachtungen der Begegnungen zwischen zwei Clowns und Menschen mit Demenz. Zudem wurden Pflegende und Angehörige befragt. Die Studienergebnisse belegen, dass die Clownsinterventionen in den meisten Fällen positive Auswirkungen auf die physische, psychische und soziale Befindlichkeit der Bewohner hat. In diesem Zusammenhang nennen Klein und Christoph: „ -

187

positive Aktivierung bzw. Entspannung

-

gesteigerte Aufmerksamkeit

-

aufgehellte Stimmung sowie vermehrtes Lächeln oder Lachen

-

Momente der Entlastung und Zufriedenheit

-

Authentisches Zeigen von Emotionen

-

Erhöhte Selbstwirksamkeit

-

Erhöhte Kontakt- und Redefreudigkeit“188

vgl. Hirsch in ProAlter 3/2007, S. 60-65

60


Sie bescheinigen den Clowns zudem eine hohe Flexibilität innerhalb der Interaktionen mit Menschen mit Demenz, was ihnen einen leichteren Zugang zu ihnen ermöglicht. Sie beobachteten, „(...) dass die Clowns durch den großen Handlungsspielraum die Bedürfnisse der Bewohner fantasievoll aufgreifen, spiegeln und beantworten konnten (z.B. durch spontane Rollenspiele, Improvisationen, Wortneuschöpfungen).“189

Klein und Christoph vermuten,

dass es den Clowns durch ihrer Personnage „(...) möglich war, auf die Impulse der Seniorinnen (z.B. präsente Themen, besondere Anliegen) authentischer und wertfreier zu reagieren (...)“190

als es

Menschen ohne Clownsrolle möglich ist.

In einem Radiointerview bestärkt Frau Schüler, die Leiterin des Pflegeheims, an dem die Studie durchgeführt wurde, die Nachhaltigkeit positiver Wirkungen der Clownsarbeit.

Sie

stellt

fest,

dass

Menschen

mit

Demenz

nach

den

Clownsinterventionen im Pflegealltag aufnahmebereiter auf Ansprache reagieren und kooperativer sind. Menschen, die meist vor sich hin dämmern, haben öfter die Augen geöffnet und nehmen mehr am Wohnbereichsleben teil. Langfristig verändert sich auch die Stimmung im Wohnbereich, was sich durch mehr Lebhaftigkeit bemerkbar macht, Gespräche werden häufiger.191 Auf die Frage, welchen Stellenwert die Clownsbesuche im Wochenablauf des Pflegeheimes hätten, antwortet Frau Schüler: „Die Clownbesuche sind bei uns einmal im Monat und das ist ganz eindeutig auf die finanzielle Situation zurückzuführen. Wir können, wir haben da sehr beschränkte Mittel und ich bin froh, dass wir das einmal im Monat machen, wenn es nach mir ginge, wäre es einmal in der Woche und ich denke, dass wäre auch die angemessene Häufigkeit, einmal pro Woche so etwas, dann ist die Wirkung sehr viel stärker, denn was Sie vorhin sagten, diese Effekte der erhöhten Aufmerksamkeit etc., die halten ja dann nicht an, das flacht ja dann wieder ab und um das auf einen gleichen Level zu halten, wäre es schon sehr schön, dass regelmäßig in kürzeren Abständen anbieten zu können.“192

Pflegekräfte sind mit den herausfordernden Verhaltensweisen desorientierter Menschen häufig überfordert. Erste Forschungsarbeiten belegen, dass sich regelmäßige Clownsinterventionen positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirken, agitiertes Verhalten reduzieren und somit den Pflegealltag erleichtern.

188

vgl. Klein / Christoph 2008, S. 114 vgl. Klein / Christoph 2008, S. 119 190 ebd. 191 vgl. Schüler in Müller: M 19 – Das lange Interview, Z. 164-179 (Transkription im Anhang 7) 191 vgl. Flick 1995, S 192 Schüler in Müller: M 19 – Das lange Interview, Z. 184-190 189

61


9 Empirische Studie über die Wirkmechanismen der Gericlownerie Häufig stehen Außenstehende der Clownerie für Menschen mit Demenz kritisch gegenüber. Clowns, dass ist doch nur etwas für Kinder, was soll das nutzen? Das mag damit zusammenhängen, dass der Clown geläufig mit dem Spassmacher aus dem Zirkus in Zusammenhang gebracht wird. Der empirische Teil dieser Arbeit will dem besonderen Potential der Gericlownerie auf die Spur kommen. Im Folgenden werden das Forschungsdesign und das der Auswertung zu Grunde liegende Analyseverfahren dokumentiert. Den Hauptteil dieses Kapitels bilden der thematische Vergleich und die Generalisierung der Aussagen der Interviewpartner. Im anschließenden Abschnitt werden die Studienergebnisse zusammengefasst und theoretisch eingebettet. Zum Abschluss wird ein Rückbezug zur Forschungshypothese hergestellt.

9.1 Forschungsfrage Erste Studien belegen die positiven Wirkungen der Clownerie für und mit Menschen mit Demenz. Wie weiter oben erläutert, sind folgende Effekte zu verbuchen: •

Regelmäßige Clownsinterventionen führen zu einer Reduktion agitierten Verhaltens (Garms-Homolová / Kiki 2003)

Regelmäßige Clownsbesuche steigern die Lebensqualität von Menschen mit Demenz (Klein / Christoph 2008),

Regelmäßige Clownsinterventionen erleichtern den Pflegealltag (Hirsch 2000)

Die in Kapitel sieben beschriebenen sozialpsychologischen Methoden zur Aktivierung von Menschen mit Demenz, die von den Clowns flexibel verwendet werden, könnten ihren Teil dazu beitragen, dass die Clownsinterventionen gute Wirkung zeigen. Da diese Interaktionsangebote aber auch von Pflegenden und Therapeuten erbracht werden, stellt sich die Frage:

Welche besonderen Qualitäten und Eigenschaften der Gericlowns kommen in der Begegnung mit Menschen mit Demenz zum Tragen?

62


Um eine Diskussionsgrundlage zu haben, wird aus der Leitfrage folgende Hypothese generiert:

Die Gericlowns finden einen Zugang zu Menschen mit Demenz, der in dieser spezifischen Art nur in der Clownsrolle möglich ist.

9.2 Forschungsdesign Qualitative Forschung will Lebenswelten und Interaktionen von innen heraus, aus der Sicht der Handelnden beschreiben.193 Da Menschen mit Demenz durch kognitive Einschränkungen nur bedingt befragt werden können, orientiert sich die vorliegende Forschungsarbeit am Handeln und Erleben der Gericlowns. Sie sind im Kontext der Clownerie für und mit Menschen mit Demenz Experten,194 ihr Wissen soll innerhalb von Leitfadeninterviews in den Forschungsprozess einbezogen werden. Der theoretische Teil dieser Arbeit diente somit u.a. zur Einarbeitung in das Expertenwissen der Gericlowns.

Die

Grundlage

für

den

empirischen

Forschungsteil

bilden

Experteninterviews, die mit fünf Gericlowns des Clowns&Clowns e.V. in Leipzig geführt wurden.195

Ein teilstandardisierter Interviewleitfaden soll sicherstellen, dass bestimmte Themenbereiche

in

allen

Interviews

angesprochen

werden

und

somit

eine

Vergleichbarkeit der Aussagen untereinander möglich ist.196 Dies gilt vor allem für den ersten und dritten Teil des Interviews.

Der erste Teil umfasst vier Fragekategorien zu clownsspezifischen Zugangswegen und Kontaktmöglichkeiten zu Menschen mit Demenz: Kategorie A fragt nach der Clownspersönlichkeit, ihrer inneren Grundhaltung, ihren besonderen Qualitäten und Eigenschaften und deren Nutzen oder Hemmnisse für den Kontakt mit Menschen mit Demenz. Kategorie B untersucht, ob es ein verbindendes Element zwischen Clowns und Menschen mit Demenz gibt. 193

vgl. Flick 1995, S. 14 vgl. Flick 2002, S. 139 195 Der Interviewleitfaden befindet sich im Anhang 1 196 vgl. Flick 1995, S. 114 194

63


In Kategorie C stellt sich die Frage, ob die Personnage Clown besondere Möglichkeiten für den Kontakt eröffnet, die den Spielern in zivil nicht möglich wären. In Kategorie D wird untersucht, wie sich die Gericlowns auf jeden neuen Kontakt vorbereiten und wo ihre Kontaktgrenzen liegen.

Der zweite narrative Teil soll, durch die offene Fragestellung nach starken Momenten, innerhalb verschiedener Begegnungen zwischen Clowns und Menschen mit Demenz, eine Stehgreiferzählung generieren,197 um „(...) einen umfassenderen und in sich strukturierten

Zugang

zur

Erfahrungswelt

des

Interviewpartners.“198

zu

eröffnen.

Die

Erfahrungsberichte liefern, neben einem anschaulichen Einblick in die Clownsarbeit, Belege für die Verwendung verschiedener sozialpsychologischer und aktivierender Methoden, die in den Fließtext der vorliegenden Arbeit eingearbeitet wurden. Um „(...) die fundierende Logik des Entscheidens und der Routinen des Expertenhandelns“199 zu vertiefen, folgt der freien Erzählung ein vertiefender Nachfrageteil.200

Im Rahmen zweier standardisierter Abschlussfragen soll im dritten Teil des Interviews

herausgefunden

werden,

welche Prioritäten

die SpielerInnen den

verschiedenen Handlungsmöglichkeiten der Gericlowns zuordnen und worin für sie persönlich das Potential der Gericlownerie liegt.

Die Auswahl der InterviewpartnerInnen erfolgte im Hinblick auf KompetenzKriterien.201 Konkret waren es diejenigen Mitglieder des Clowns&Clowns e.V., die auf eine längere Erfahrung zurückblicken können und somit über einen großen Fundus an erlebten Begegungen mit Menschen mit Demenz verfügen. Die Clownsnamen der SpielerInnen durfte ich für die Arbeit verwenden, ansonsten wurden die Interviews anonymisiert und die Aufnahmen gelöscht.

Das Ziel von qualitativen Inhaltsanalysen ist die systematische und nachvollziehbare Bearbeitung von Kommunikation, in diesem Fall der transkribierten Interviews. Meuser und Nagel empfehlen für die Auswertung von Experteninterviews ein fünfstufiges 197

vgl. Riemann in Bohnsack 2003, S. 121 Flick 1995, S. 115 199 Meuser und Nagel in Bohnsack 2003, S. 58 200 vgl. Lamnek 1995, S. 369 201 vgl. Honer in Bohnsack 2003, S. 95 198

64


Analyseverfahren, das in dieser Arbeit zur Anwendung kommt.202 In einem ersten Schritt werden die transkribierten Interviews paraphrasiert, um das Material zu verdichten und übersichtlicher zu gestalten. Dann werden einzelne Aussagen innerhalb der Interviews inhaltlich nach Themen sortiert. Erst im dritten Arbeitsgang wird ein thematischer Vergleich zwischen den Interviews erstellt, um individuell-gemeinsame Wissensbestände der Befragten herauszukristallisieren.203 Dies ist die Grundlage für den vierten Arbeitsschritt, der Konzeptualisierung und Begriffsbildung, hier wird „das Besondere des gemeinsam geteilten Wissens von ExpertInnen verdichtet und explizit gemacht.“204

Im

letzten Arbeitsschritt werden die aufbereiteten Ergebnisse generalisiert und in entsprechende Theorien eingebettet.

9.3 Thematischer Vergleich und Generalisierung Innerhalb des Auswertungsverfahrens ergeben sich interviewübergreifend, bezogen auf die besonderen Qualitäten und Eigenschaften der Gericlowns, folgende Themengebiete:

- Potentiale der inneren Grundhaltung der Clowns - Interaktionspotentiale - Kommunikationspotentiale - Kontaktqualität - Identifikationspotentiale der Clownsfigur - Kontaktgrenzen

9.3.1 Potentiale der inneren Grundhaltung Die innere Grundhaltung der Gericlowns wird interviewübergreifend als fröhlich, neugierig, offen, naiv und warmherzig beschrieben. In der Regel sind Gericlowns sehr kontaktfreudig. Sie haben ein „fröhliches und energetisches Gemüt“205 und ein „ganz großes

202

vgl. Mayring 2002, S. 114-121 vgl. Meuser / Nagel in Bohnsack 2003, S. 58 204 Meuser / Nagel, zitiert in Mayer 2008, S. 54 205 Interview A, Z. 3 203

65


Interesse an allem, was sie so umgibt.“

206

Die Clownsfigur „hat immer viel Lust rumzulaufen

und alles zu sehen und will immer sofort überall reingucken, in alle Zimmer und alle Gänge und will alle Leute kennenlernen, denen sie begegnet.“

207

Clowns sind neugierige und kontaktfreudige Wesen.

Die Kontaktaufnahme geschieht mit einer Absichtslosigkeit, d.h. „die Dinge so zu sehen, wie sie wohl ein Kind das erste Mal sieht.“

208

Im Zusammenhang mit der Naivität

liegt ein Potential der Clownsfigur darin, dass sie „ganz offen ihre Gefühle zeigt“209 und darüber die Menschen mit Demenz „dazu einläd auch irgendwie offen zu sein.“210 Die emotionale Echtheit der Clowns geht zudem einher mit einer tiefen Empathie, wie die eines Kindes, dass „die Welt neu entdeckt und sich spontan auf Gefühle und Emotionen einlässt.“

211

Interviewübergreifend zeichnet sich das Phänomen ab, dass die Spieler während des Im-Clown-Seins

Menschen

mit

Demenz

nicht

nach

ihren

körperlichen

Beeinträchtigungen bewerten, sie begegnen ihnen mit einer nicht-wertenden Offenheit. Der Clown „merkt eigentlich garnicht, dass die dement sind.“212 und geht unbefangen auf sie zu. Selbst unangenehme Gerüche werden vom Clown nicht wahrgenommen213 und bilden dadurch „keine großen Hemmschwellen.“214

Der Clown reagiert auf unkonventionelle Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz „eigentlich neugierig und nicht entsetzt und er setzt keine Wertmaßstäbe (...) sondern er nimmt das einfach so an“

215

und hat die Möglichkeit, „damit spielerisch umzugehen.“216

Dabei gehen die Clowns mit einer maximalen Toleranz auf Menschen mit Demenz zu und das „ohne Vorbehalte“.217 Der Clown beurteilt Menschen mit Demenz nicht nach einer konventionellen Ethik oder Moral. „Für ihn gibt es nicht gut und böse oder schlecht

206

Interview E, Z. 4 Interview C, Z. 3-5 208 Interview A, Z. 355-356 209 Interview A, Z. 8-9 210 Interview A, Z. 108-109 211 Interview C, Z. 63-64 212 Interview B, Z. 24 213 vgl. Interview A, Z. 101;vgl. Interview C, Z. 79 214 Interview E, Z. 71 215 Interview C, Z. 71-72 216 Interview C, Z 82-83 217 Interview E, Z. 4 207

66


oder falsch und richtig. Er nimmt die Menschen, wie sie sind.“

218

Laut einer Interviewpartnerin ist es „dieses immer Offene und immer auf jemanden zu 219

gehende und egal was der sagt, positiv Aufnehmende“,

was im Kontakt mit Menschen mit

Demenz gut wirkt. Durch die empathische Grundhaltung und die neugierige, nichtwertende Kontaktfreude der Clowns spüren Menschen mit Demenz, dass sie mit ihnen die Möglichkeit haben, gemeinsam etwas „Schönes und Interessantes“220 erleben zu können.

Durch die empathische, akzeptierende Grundhaltung und die emotionale Echtheit der Gericlowns werden Menschen mit Demenz dazu eingeladen, sich zu öffnen.

9.3.2 Interaktionspotentiale Die Intention der Gericlownerie liegt darin, individuelle Kontaktangebote zu schaffen, um Menschen mit Demenz zu aktivieren. Mitentscheidend für jede gelingende Interaktion ist die Art der Kontaktanbahnung. Ein bestimmender Faktor bei den Gericlowns ist, dass sie ein wirkliches Interesse an ihrem Gegenüber haben und mit „einem ganz herzlichen, warmen Gefühl“

221

auf die Menschen zugehen. Das „erste Gefühl 222

was [bei den Clowns; B.T.] einfach da ist, ist die Zuneigung“.

In Verbindung mit der

gericlownstypischen Kontaktfreude, begeben sie sich von hier aus auf die Suche, um im Menschen mit Demenz „eine Tür zu finden, eine die vielleicht angelehnt ist“223 und über diesen Zugang ein individuelles Kontaktangebot zu gestalten.

Gericlowns suchen individuelle Kontaktmöglichkeiten.

Ein Kernelement der Gericlownerie ist, wie weiter oben beschrieben, die Improvisation. Die Improvisation erfordert vom Spieler ein hohes Maß an Spontanität. Der Clown versucht das aufzunehmen, was er in Form von Impulsen an Menschen mit 218

Interview D, Z. 307-308 Interview C, Z. 320-321 220 Interview C, Z. 325 221 Interview E, Z. 14-15 222 Interview E, Z. 238-239 223 Interview B, Z. 482 219

67


Demenz wahrnehmen kann, „geht halt einfach mit und lässt sich von der Situation auch einfach weiterleiten.“

224

Eine Maxime der Improvisation ist, alle Spielvorgaben

anzunehmen, um den Spielfluss nicht zu unterbrechen. Kommen starke Impulse vom Menschen mit Demenz, braucht der Gericlown nur aufzugreifen, was er angeboten bekommt. Ein spontanes Spiel entsteht „und das macht dann einfach total viel Spaß.“225. Aber auch zarte Impulse von in-sich-versunkenen Menschen versucht der Gericlown wahrzunehmen

„und

aus

ganz

kleinen

Details

etwas

herauszuholen“

226

.

Seine

Improvisationsfähigkeit begründet sich dann eher auf „einer starken Sensibilität“.227 Generell lässt der Clown sich in der Begegnung vom psychischen und physischen Zustand der Menschen leiten.228 Eine Interviewpartnerin sieht eine besondere Wirkkraft der Clownsfigur darin, dass sie in ihrer „Improvisationsfähigkeit, sehr individuell auf die Menschen eingehen kann und dadurch ein ganz sensibler Kontakt möglich ist.“

229

Durch das individuelle anknüpfen an

vorhandene Fähigkeiten, werden Menschen mit Demenz vom Clown in ihren persönlichen Ressourcen gestärkt.230

Gericlowns greifen individuelle Impulse auf und stärken innerhalb der Interaktionen Ressourcen von Menschen mit Demenz.

Das Scheitern der Clowns bietet Gelegenheiten, in denen Menschen mit Demenz Kompetenz-Gefühle entwickeln können. Dadurch, „dass der Clown nicht so perfekt ist und viele Fehler macht, und auch viele Sachen einfach vergisst und stolpert und einfach auch einen 231

ganz tiefen Status einnimmt“,

gibt er Menschen mit Demenz die Gelegenheit „dass sie

mal endlich wieder diejenigen sein können, die uns erzählen, wie etwas richtig geht und wie wir 232

die Sachen falsch machen“.

Gericlowns eröffnen Menschen mit Demenz, bezogen auf

ihr Selbstwertgefühl, einen Perspektivwechsel, da die Clowns von ihrer Natur her 233

„verbesserungswürdige Wesen (sind) oder welche die noch was lernen können“.

Gerne

224

Interview A, Z. 308-309 Interview A, Z. 179-180 226 Interview A, Z. 69 227 Interview E, Z. 310 228 vgl. Interview A, Z. 322-326 229 Interview A, Z. 458-459 230 vgl. Interview D, Z. 45-47 231 Interview A, Z. 84-86 232 Interview A, Z. 90-93 233 Interview C, Z. 283-284 225

68


knüpfen sie an den Erfahrungsschatz von Menschen mit Demenz an und lassen sich von ihnen etwas erzählen. Oder die Clowns haben vielleicht einen Liedertext vergessen, den der Mensch mit Demenz problemlos wiedergeben kann.234

Der Kontakt mit den Gericlowns bietet Menschen mit Demenz Gelegenheiten Kompetenzen zeigen zu können.

Interviewübergreifend

sehen

die

Befragten

eine

besondere

Wirkkraft

der

Gericlownerie darin, dass der Clownskontakt zu Menschen mit Demenz nicht durch sozialisatorische Verhaltensregeln gehemmt wird. Die Clownsrolle bietet „viel größere 235

Freiheiten“,

sich Menschen zu nähern und eröffnet Interaktionsmöglichkeiten, die die

Spieler „als Privatperson nie tun“236 würden. „Es sind einfach viele Barrieren (...), wie zum Beispiel einfach mal ein Lied zu singen und sie aufzufordern zu Tanzen (...), das ist alles nur möglich als Clown.“

237

Dem Clown ist nichts peinlich, weil er sich selbst nicht so wichtig

nimmt; „wenn jemand sofort lacht, dann kann ich auch gleich lachen, egal ob ich weiß warum, ob es jetzt lustig gemeint ist oder nicht, also mein Clown findet es dann auf jeden Fall lustig.“

238

Die individuellen Kontaktmöglichkeiten der Gericlowns werden nicht durch gesellschaftliche Verhaltensregeln beschränkt.

Clowns und Menschen mit Demenz gleichen sich an dem Punkt, dass sie beide den Anforderungen, „die eine Gesellschaft, die auf Leistungsfähigkeit und Kontrolle basiert“,239 nicht genügen. An dieser Stelle ist eine Begegnung auf Augenhöhe möglich, „wie wenn Kinder sich auf einem Erwachsenen-Fest treffen, die mit diesen ganzen Konventionen nicht so viel anfangen können und dann so nebenan mal ein bisschen spielen gehen.“

240

Dadurch

gelingt es den Gericlowns schnell eine nahe Beziehung aufzubauen und mit Menschen mit Demenz auf einer vertrauensvollen, spielerischen Ebene zu interagieren.241 Selbst

234

vgl. Clownin Mona Sesam in Müller: M 19 - Das lange Interview, Z. 472-479 Interview D, Z. 121 236 Interview C, Z. 92 237 Interview E, Z. 138-141 238 Interview C, Z. 95-97 239 Interview B, Z. 618-619 240 Interview B, Z. 634-635 241 vgl. Interview E, Z. 352-360 235

69


unkonventionelle Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz bieten für die Clowns schöne Gelegenheiten, „Kontakt aufzunehmen, weil wir da so diese gleichen Fantasiewelten haben, die gleiche Verrücktheit.“

242

Ein Interviewpartner bezeichnet das Mitgehen in die

Erlebniswelt von Menschen mit Demenz als die „Technik, sich einfach mal auf diese Welt einzulassen“

243

. Das Eintauchen in eine gemeinsame Imagination bzw. Interaktion bietet

eine Vielzahl von Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten.

Gericlowns lassen sich auf gemeinsame Erlebniswelten mit Menschen mit Demenz ein.

Die innere Grundhaltung der Clowns und die darin transportierte Freiheit, konzeptlos sein zu dürfen, nimmt Menschen mit Demenz die Last, innerhalb ‚richtiger’ gesellschaftlicher Verhaltensregeln funktonieren zu müssen. Ein Interviewpartner beschreibt den konventionellen Druck, dem Menschen mit Demenz ausgesetzt sind wie folgt: „Jetzt kommt jemand in mein Zimmer, ähm, dem muss man eigentlich etwas anbieten, irgendeine- es heißt ja Besuch, was heißt das denn, da gibt's doch irgendein Verfahren für? (...) Beim Clown ist halt klar: Jetzt kommt der Clown zu Besuch. Na gut, da muss ich jetzt nichts 244

machen, der macht das ja auch alles verkehrt, (...) der guckt nicht kritisch".

Nach Meinung einer anderen Interviewpartnerin haben Menschen mit Demenz in der Regel Angst davor, durch unkonventionelle Verhaltensweisen aufzufallen. Sie können sich nicht erlauben „einfach so zu sein, wie sie sich jetzt grad fühlen oder was sie gerade tun möchten, weil sie irgendwo, so ein anderes Stückchen von ihnen immer sagt "Ich muss 245

vernünftig sein!"

Sie halten sich an einer auferlegten, konventionellen Fassade fest, um

nicht durch demenztypische Verhaltensweisen aufzufallen und als ‚dement’ entlarvt zu werden.

Wenn der Begegnungsrahmen es zulässt und Menschen mit Demenz sich nicht einer wertenden Beobachtung ausgesetzt fühlen, können sie mit dem Clown „Gefallen am Verrücktsein haben“

246

und eine wahre Spielfreude entwickeln.247 Der Gericlown gibt

Menschen mit Demenz durch seine clowneske Haltung und durch die, in seiner 242

Interview E, Z. 116-117 Interview B, Z. 354-355 244 Interview B, Z. 622-639 245 Interview E, Z. 90-91 246 Interview D, Z. 83 247 vgl. Interview D, Z. 89-113 243

70


Figürlichkeit transportierten Symbolik, den ‚Freischein’, sich unkonventionell verhalten zu dürfen.248 An diesem Punkt werden Clowns und Menschen mit Demenz zu Verbündeten.249

Der Gericlown weckt den Clown im Menschen mit Demenz. Sie können sich auf einer Ebene begegnen und werden zu Verbündeten.

Manchmal nutzt ein Bewohner die Gelegenheit und begleitet die Clowns bei ihren Besuchen durch die Zimmern der Pflegestation, „kommt halt einfach mit“(...) will einfach mit uns zusammen sein.“

250

Diese Personen werden dann von den Clowns in die

Interaktionen mit einbezogen und „in gewisser Weise der Spielmittelpunkt.“251 Der Clownsbesuch kann für sie dadurch zu einem ereignisreichen Nachmittag werden, an dem sie in freundschaftlichen Kontakt mit den Clowns, gemeinsam Zeit verbringen. 252

„Ja, jetzt sind meine Freunde da und jetzt machen wir was zusammen!",

Darüber hinaus können die Gericlowns auch die Heimbewohner untereinander verbinden. „(...) wir haben auch mit allen zusammen getanzt und dann haben wir auch die Leute selbst zusammengeführt, dass die dann selber miteinander getanzt haben und einfach so diese Stille aufgebrochen haben und es halt ein reger Nachmittag wurde.“

253

Die Atmosphäre

auf der Station kann durch die Interaktionen mit den Gericlowns „kontaktreicher und sehr viel fröhlicher“

254

werden.

Gericlowns schaffen soziale Verbindungen mit und zwischen den Heimbewohnern.

9.3.3 Kommunikationspotentiale Gericlowns können durch ihren pantomimischen Ausdruck auch nonverbal mit Menschen mit Demenz kommunizieren. „Als Clown brauche ich die Sprache nicht als 248

vgl. Interview B, Z. 641-643 vgl. Interview B, Z. 130-133 250 Interview C, Z. 227-229 251 Interview E, Z. 276 252 Interview C, Z. 223-224 253 Interview E, Z. 231-233 254 Interview E, Z. 253 249

71


Brücke. Also, diese Frau hat mir körperlich ganz genau gezeigt, was sie wollte. Also, wenn sie zu mir gekommen ist, war es eindeutig, ob sie jetzt laufen wollte oder mit mir tanzen oder ob ich gehen sollte. Also, dass was sie sprachlich hätte ausdrücken können in dieser Situation, dass hat sie mir in ihren Körpergesten ganz klar gezeigt. Für meinen Clown ist es nicht wichtig, ob ein Gespräch zustande kommt oder nicht.“

255

Gericlowns können körpersprachlich mit Menschen mit Demenz kommunizieren.

Wenn dem Menschen mit Demenz nur noch wenige Worte oder leere Phrasen zur Verfügung stehen, kann der Clown diesen Sprachverlust durch das ihm eigene, eingangs beschriebene Gromolo, ausgleichen. Eine Interviewpartnerin berichtet von einer Begegnung mit einer Frau, der nur noch wenige Worte zu Verfügung standen: „(...) die Frau mit dem "ganz, ganz, ganz, ganz", die kann das, glaube ich, noch erfassen. (...) intuitiv zumindest. Und dann kann man noch reden, weil, ich glaube, es ist wichtig- allein die Stimmlage oder dass man überhaupt was erzählt und dass das halt noch erfasst wird. Und egal was jetzt der Inhalt davon ist, aber wenn man halt etwas total lustig findet und es dann auch lustig rüberbringt, dann ist es auch trotzdem lustig, auch wenn die Leute eigentlich [kognitiv; B.T.] nicht verstehen, was man gesagt hat. Und dann kann man Sprache trotzdem anwenden und auch etwas mit Inhalt erzählen, auch wenn die Person das jetzt nicht, also nur intuitiv erfasst oder als Stimmung erfasst.“

256

Gericlowns können sich auf kognitiv sinnentleerte aber emotional tragende Gespräche einlassen.

9.3.4 Kontaktqualität Laut einer Interviewpartnerin liegt eine Kontaktqualität der Gericlowns darin, dass ihr Handeln nicht zweckgerichtet ist. Sie fallen im Pflegealltag aus dem Rahmen. Sie haben die Freiheit, „nicht pflegen zu müssen, nicht darauf achten zu müssen, dass der 257

Bewohner richtig isst, richtig gewaschen ist“.

Dadurch kommt es nicht zu unangenehmen

Situationen, in denen der Clown „den Bewohner jemals zu etwas zwingen muss.“258

255

Interview A, Z. 268-273 Interview C, Z. 338-345 (Anhang 4) 257 Interview A, Z. 462-463 258 Interview A, Z. 465 256

72


Die

Interaktionsangebote

der

Gericlowns

verfolgen

keinen

vorgefertigten

Handlungsplan, wie es für einige andere Beschäftigungsangebote, wie bspw. Seniorenymnastik, zutrifft. Der Clown ist nicht „jemand, der kommt und eine Verbesserung vor hat, sondern einfach wie jemand, der kommt und wirklich einen besucht und was lernen möchte oder der einfach da ist.“

259

In diesem Einfach-da-Sein oder, wie eine Interviewpartnerin es nannte, „Für-den 260

Augenblick-zugewandt-Sein“,

liegt ein weiteres Potential der Gericlownerie. Der Clown

muss gar nicht viel machen, er kann „auch einfach nur neben den Leuten sitzen bleiben und 261

die Leute würden sich wohl fühlen“.

Er kann dem Menschen mit Demenz signalisieren

262

und ihm in einer „Zweisamkeits-Athmosphäre“263 Ruhe

„Ich bin jetzt da und nur für dich!“

übermitteln. Gericlowns können mit Menschen mit Demenz nicht-funktional Sein.

Um die Kontaktqualität der Gericlownerie eingehender zu beschreiben, müsste vorweg eine gemeinsame Sprache für Kontaktintensitäten gefunden werden. Innerhalb der Interviews erwies es sich an einigen Stellen als schwierig, das was zwischen den Menschen passiert bzw. schwingt, in Worte zu fassen. Schließlich kam es zu Wortneuschöpfungen

wie

„von

schönen

Momenten

durchstrahlt

sein“,

„Zweisamkeitsathmosphäre“ oder „Zuneigungsflirt“, um die Kontaktqualität annähernd beschreiben zu können. Mehrmals fielen innerhalb der Interviews die Begriffe ‚flirten’ und ‚Freunde’. „Eine Begegnung, Berührung, die könnte irgendwie wie Flirten sein“

264

oder die Form einer

Beziehung ausfüllen, wie man sie mit einem vertrauten Menschen hat,265 „wie so ein alter 266

Freund. (...) der jetzt endlich gekommen ist und ihn hier ausfindig gemacht hat“.

Die Clowns

begegnen Menschen mit Demenz in einer warmen Freundschaftlichkeit und umschwärmen sie gerne mit einem „Zuneigungs-Flirt“267. Dabei nimmt der Clown die Menschen in ihrer Schönheit wahr, ohne dass sie dafür irgendeine Leistung bringen 259

Interview C, Z. 293-295 Interview D, Z. 315-316 261 Interview E, Z. 62-63 262 Interview D, Z. 34 263 Interview E, Z. 303 264 Interview B, Z. 77 265 vgl. Interview B, Z. 680-681 266 Interview B, Z. 360-363 267 vgl. Interview E, Z. 80 260

73


müssen.268 Er kann ihnen signalisieren „Ich komme in Liebe zu euch (...) Nimm dir ruhig. Nimm was du brauchst, jetzt hier von mir.“

269

Die Gericlowns gehen mit Menschen mit Demenz in einen intensiven liebevollfreundschaftlichen Kontakt.

Auch die körperliche Zuwendung wäre den Spielern in zivil durch gesellschaftliche Konventionen erschwert, „also der stark körperliche Kontakt wäre nicht da, auch nicht gleich der warme Kontakt. (...) "Man kann doch nicht so nah an den Menschen herangehen!", dieses Sozialisations-Ding ist da. Und das kann der Clown halt super gut.“

270

In der Clownsrolle fällt

es den Spielern „leicht in Körperkontakt zu kommen“.271 Sie können für Menschen mit Demenz einfach „Mal-so-da-sein und den anderen berühren oder drücken.“272 Der Gericlown lässt sich hier von seiner Emotionalität leiten, er geht offen auf die Menschen zu, küsst Hände und Wangen und nimmt sie in den Arm.273 Tendenziell sind dies Kontaktangebote, die gerne von Menschen mit Demenz angenommen werden.274

Gericlowns geben körperliche Nähe und Geborgenheit.

9.3.5 Identifikationspotentiale der Clownsfigur Die Haupterkennungsmerkmale des Clowns sind seine rote Nase, das geschminkte Gesicht und das Clownskostüm. Durch sein eindeutiges Erscheinungsbild kann der Gericlown leicht von Menschen mit Demenz erkannt und von anderen Personen abgegrenzt werden. Die Clownsmaskerade gibt dem Spieler eine andere Präsenz, als er sie als Privatperson hat.275 Seine Kostümierung strahlt etwas Spielerisches aus. Dies kann im Menschen mit Demenz, laut einer Interviewpartnerin, verschiedene positive

268

vgl. Interview B, Z. 83-84 Interview D, Z. 298-302 270 Interview E, Z. 134-138 271 Interview A, Z. 103 272 Interview D, Z. 317-318 273 Interview E, Z. 76 274 vgl. Interview D, Z. 318-323 275 vgl. Interview E, Z. 32-33 269

74


Assoziationen wecken.276 In zivil „laufe ich an den Leuten vorüber und ich bin einer von vielen. Und als Clown werde ich sofort erkannt, und es wird gegrüßt, oder mir wird gewunken, und es wird gelacht, oder es passiert irgendeine Reaktion.“

277

Zudem kommen Menschen mit Demenz nicht in Verlegenheit, das auffällig geschminkte Clownsgesicht innerhalb ihrer sozialen Bezüge einsortieren zu müssen.278 Sie müssen nicht darüber nachdenken, woher sie dieses ‚vertraute’ Gesicht kennen.

Durch seine Maskerade kann der Clown leicht als solcher von Menschen mit Demenz identifiziert werden.

Der Clown ist eine Figur, die viele Menschen aus ihrer Kindheit kennen. Dies bietet die Chance, dass die Gericlowns auch von Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz noch als solche identifiziert werden können. Einige Interviewpartner geben an, dass sie auch von schwer dementen Menschen als Clowns erkannt und mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht werden. „Also, es gab eine Frau, die ist inzwischen gestorben, die war in einer fortgeschrittenen Demenz (...) Wenn wir kamen, war es eigentlich immer so, dass sie sich sehr gefreut hat. Also, sie kannte mich dann auch oder uns Clowns, ich weiß nicht, ob sie uns so sehr unterschieden hat, aber kannte uns Clowns sehr gut und hatte einen ganz positiven Bezug zu uns“

279

Offensichtlich können Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz die verschiedenen Clowns nicht auseinander halten. Sie freuen sich über „alle, die mit so einem Kostüm und roter Nase kommen. Es ist glaube ich nicht unbedingt clownsabhängig.“

280

Im Gegensatz dazu sind sie anscheinend dennoch in der Lage, den Gericlown klar von anderen Personen abzugrenzen und darüber hinaus, mit dem Erkennen der Clownsfigur, gemeinsame positive Erlebnisse zu erinnern. „Für mich ist es so eine Freude, dass sie uns als Clowns zumindest wiedererkennt und mit uns was verbindet und das gemeinsame Tanzen anscheinend auf irgendeine Art in Erinnerung bleibt, so dass sie weiß "Aha, da ist jemand, der tanzt mit mir." (...) also bei den Pflegern hat sie das nicht unbedingt so gemacht, da war schon ein Unterschied da.“ (...) gekommen, in einer Tanzhaltung“

281

Auf die Clownin hingegen „ist sie gleich zu

282

276

vgl. Interview C, Z. 274-275 Interview C, Z. 103-104 278 vgl. Interview B, Z. 673-675 279 Interview A, Z. 219-224 280 Interview C, Z. 264-265 281 Interview A, Z. 284-287 282 Interview A, Z. 227 277

75


Auch

für

Menschen

im

fortgeschrittenen

Stadium

der

Demenz

kann

die

Clownsmaskerade eine klare Symbolik transportieren. Positive Clownsinterventionen können erinnert werden.

Diese Beobachtung bietet einen interessanten Aspekt für weitere Forschungen über die Wirkmechanismen der Gericlownerie.

9.3.5 Kontaktgrenzen Das Kontaktgrenzen nicht zum Potential der Gericlownerie zählen, ist evident. Um aber ein umfassendes Bild der Clownsarbeit zu zeichnen, werden abschließend noch schwierige Spielsituationen skizziert. Schwierig sind interviewübergreifend solche Momente, in denen die Spieler aus ihrer Clownsrolle herausgerissen werden. Dazu zählen psychisch belastende Situationen, in denen Menschen starke Schmerzen haben oder aber „der Zustand in einem Heim oder eine Situation einfach so leidvoll ist, dass mir manchmal auch einfach nichts mehr einfällt, also, dass ich merke, das erschlägt mich jetzt eher so emotional, dass da keine Leichtigkeit, kein Spiel erstmal kommt“

283

Zudem können

Gericlowns keine pflegerischen Hilfen leisten, da ihnen hierfür die fachliche Kompetenz fehlt.284 Es fällt außerdem schwer im Clown zu bleiben, wenn der Spieler „einen Anker in Richtung Gesellschaft“

285

bekommt, bspw. dadurch, dass Außenstehende die Person hinter

dem Clown ansprechen oder er sich einer rationalen Beobachtung ausgesetzt fühlt: „dann ist es halt sehr schwer frei zu bleiben und trotzdem sein Spiel zu spielen, wie man es sonst auch spielt. Das merke ich dann auch, dass dann oft allein die Gegenwart von anderen Leuten die Lockerheit aus dem Spiel heraus nimmt und auch die Freiheit ein bisschen.“

286

„Weil

ich dann auch denke, ich muss mich den Beobachtern neutral oder irgendwie, in Anführungsstrichen 'normal' gegenüber verhalten und das ist dann entweder nicht machbar oder es zieht mich halt aus der Rolle raus und ich kann dann den Menschen, die ich besuche, auch nicht mehr als Clown begegnen.“

287

283

Interview A, Z. 368-371 vgl. Interview E, Z. 159 285 Interview B, Z. 529 286 Interview C, Z. 143-146 287 Interview C, Z. 152-155 284

76


Um schwierige Situationen aufzufangen und während des gesamten Heimspiels ImClown sein zu können, ist für alle Befragten der Kontakt zum Clownspartner unerlässlich.288

9.4 Zusammenfassung und theoretische Einbettung Clowns sind sehr neugierige und kontaktfreudige Wesen. Ihre innere Grundhaltung ist von Empathie, Akzeptanz und emotionaler Echtheit gekennzeichnet. Dies sind Eigenschaften, die Rogers (1957) im Rahmen der klientenzentrierten, bzw. personzentrierten Psychotherapie, als entscheidende Grundbedingungen für einen gelingenden therapeutischen Prozess deklariert hat.289 Die Qualität einer Beziehung ist dementsprechend wichtiger als jede Methode, die angewendet wird.290 Menschen mit Demenz können sehr wohl emotionale Echtheit von einer aufgesetzten „Designeremotionalität“ unterscheiden.291 Sie verfügen, trotz kognitiver Einbußen, über ihre volle seelische Empfindsamkeit.292 Durch die empathische, akzeptierende Grundhaltung und die emotionale Kongruenz der Gericlowns werden Menschen mit Demenz dazu eingeladen, sich zu öffnen.

Mit dem Fortschreiten der dementiellen Erkrankung reduzieren sich die Möglichkeiten, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen und sich als Person innerhalb einer Ich-Du-Begegnung zu erfahren.293 Ein besonderes Potential der Gericlownerie liegt darin, dass die Clowns mit einer großen Kontaktfreude auf Menschen mit Demenz zugehen und situativ individuelle Kontaktmöglichkeiten suchen. Laut

Baer

bedarf

es

„einer

besonderen

Wahrnehmung

und

auch

besonderer

Interaktionsmöglichkeiten, um mit an Demenz Erkrankten Resonanz herzustellen und Räume der Begegnung zu schaffen (...).“294

Ein starres methodologisches Vorgehen würde hierbei die

Gefahr bergen, dass auf individuelle Begegnungsmomente nicht spontan eingegangen werden

kann.295

Die Gericlowns verfügen über ein großes Repertoire an

sozialpsychologischen und aktivierenden Methoden. Sie greifen flexibel Impulse von 288

vgl. Interview A, Z. 349; Interview B, Z. 160-163; Interview C, Z. 114-121; Interview E, Z. 179-187 vgl. Rogers 1995, S. 165-184 290 vgl. ebd. 291 vgl. Müller-Hergl in Kitwood 2008, S. 224 292 vgl. Baer 2007, S. 96 293 vgl. Baer 2007, S. 118; vgl. Punkt 4.6 der vorliegenden Arbeit 294 Baer 2007, S. 118 295 vgl. Wißmann 2004, S. 46-49 289

77


Menschen mit Demenz auf und stärken innerhalb der Interaktionen individuelle Ressourcen. Durch die Fehlerhaftigkeit der Clowns und ihr Bestreben an die Wissensschätze alter Menschen anzuknüpfen, bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, in denen Menschen mit Demenz Kompetenz-Gefühle entwickeln können.

Mit

dem

Verlust

der

Sprache

erschweren

sich

die

Möglichkeiten

der

Kontaktaufnahme auf beiden Seiten.296 Müller-Hergl gibt zu bedenken, dass Pflegende „(...) den Kontakt zu Menschen desto mehr (vermeiden), je schwerer die Demenz und damit die Kommunikationsprobleme ausgeprägt sind (vgl. Gröning: Pflege ist eine „Vermeidungsbeziehung“).“297

Obwohl Menschen im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr in der Lage, sind sinnig strukturierte Sätze zu bilden bzw. verstehen zu können, bleibt das Bedürfnis mit anderen in verbalen Austausch zu treten. Ein Dialog kann dementsprechend aus sinnentleerten Worthülsen oder ritualisierten Floskeln, wie bspw. ‚Guten Morgen’ oder ‚Halleluja’ bestehen. Laut Wojnar wäre es an diesem Punkt „(...) grausam, aus falsch verstandener Rücksicht oder eigener Hilflosigkeit, auf Gespräche mit ihnen zu verzichten (...)“298

Gericlowns greifen Wortspielereien gerne auf und können sich auf, vielleicht kognitiv sinnentleerte, aber emotional tragende, Gespräche mit Menschen mit Demenz einlassen. Indikatoren um den kommunikativen Sinngehalt intuitiv zu erfassen sind der Klang und der Rhythmus der Sprache, sowie die Körperhaltung.299 Wenn diese letzten verbalen Kommunikationsmöglichkeiten der Erkrankung zum Opfer fallen, werden rein körpersprachliche Zugänge zu Betroffenen unerlässlich.300 Denn die Fähigkeit, angeborene Gesten der Zuneigung oder Ablehnung intuitiv zu verstehen, bleibt auch im fortgeschrittenen Stadium der Demenz erhalten.301 Körpersprachlich transportierte Emotionen und Informationen werden dementsprechend zum wichtigsten Kommunikationsmittel.302 Ein besonderes Wirkpotential der Gericlownerie liegt dementsprechend in ihrem starken körperlichen Ausdruck. Der Clown nutzt sein pantomimisches Können, um mit Menschen mit Demenz nonverbal zu kommunizieren.

296

vgl. Wißmann 2004, S. 51 Müller-Hergl in HAGE 2003, S. 30 298 Wojnar 2007, S. 89 299 vgl. Wojnar 2007, S. 90 300 vgl. Wißmann 2004, S. 50 301 vgl. ebd. 302 vgl. Wojnar in Hirsch 2001, S. 182 297

78


Im Gegensatz zur Clownsrolle orientiert sich das Handeln der Spieler als NormalPerson an sozialisatorischen Verhaltensregeln. Die Gesellschaft in der wir leben „(...) bestimmt lautstark, was als normal zu gelten habe, und stempelt rasch eine Minderheit als verrückt ab, um sich der aggressiven ‚Normalität’ der Mehrheit zu vergewissern.“303

In dieser Begrenztheit

entziehen sich die Handlungen, Gefühlsregungen und Reaktionen von Menschen mit Demenz häufig einer uns vertrauten Logik. Der Clown hingegen „(...) sucht keine Bewährung innerhalb der enggesteckten Grenzen dieser Normen, keinen bußfertigen Frieden, sondern menschliche Würde in einer Welt jenseits aller quantifizierbaren Werte.“304

Er begegnet der

Wahrnehmung von Menschen mit Demenz mit einer nicht-wertenden Offenheit und Neugier. In seiner Improvisationsfähigkeit kann sich der Gericlown flexibel auf gemeinsame Erlebniswelten mit Menschen mit Demenz einlassen. Dadurch profitieren sie in hohem Maße vom Clownsspiel, denn sie „(...) sehen im Clown einen Ihresgleichen – einen, dem sie sich auf Anhieb verbunden fühlen.“305

Er gibt ihnen den ‚Freischein’ nicht nach

gesellschaftlichen Verhaltensregeln funktionieren zu müssen.

Durch seine Maskerade kann der Clown leicht als solcher von Menschen mit Demenz identifiziert und von anderen Besuchern abgegrenzt werden. Das bunte Clownskostüm und die klassische rote Nase transportieren eine klare Symbolik. Sie signalisieren dem Menschen mit Demenz „Wir zwei können uns jetzt hier verabschieden, aus dem üblichen Angestrengten. (...) Und wenn das Clown ist, dann werde ich als Clown 306

wahrgenommen."

Der Gericlown freut sich über den Clown im Menschen mit Demenz.

Sie können sich auf einer spielerischen, unkonventionellen Ebene begegnen und werden darin zu Verbündeten. Auch für Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz ist die Clownsmaskerade von Vorteil. Schwer demente Menschen widmen im Kontakt mit anderen Personen dem Gesicht und der Augenpartie ihres Gegenübers nur flüchtig ihre Aufmerksamkeit.307 Sie haben in diesem kurzen Moment die Chance, intuitiv die emotionale Gestimmtheit des Anderen zu erfassen.308 Das freundlich geschminkte Clownsgesicht, mit seiner roten Nase und den warmen Augen, hat eine starke Präsenz und Aussagekraft. Die kommunikative Kraft der Clownsmimik ermöglicht Menschen

303

Barloewen 1981, S. 136 ebd. 305 Hirsch zitiert in Steger: Die Arbeit des Gesundheit!Clown® im Alten- und Pflegebereich. http://www.clownundtheater.ch/pdf/Konzept%20gross%20oktober%202008.pdf (12.05.2009) 306 Interview B, Z. 655-658 307 vgl. Wojnar 2007, S. 85 308 vgl. ebd. 304

79


mit Demenz, direkt Vertrauen zu schöpfen und sich in langen intensiven Blickkontakten zu baden.

Sich als Teil einer Gemeinschaft erleben zu können, ist ein elementarer Aspekt von Lebensqualität.309 Denn es liegt in der Natur des Menschen, „daß er unheilbar sozial ist; (...) , er

hat

ein

tiefes

Bedürfnis

nach

Beziehungen.“310

Viele Bewohner in deutschen

Pflegeeinrichtungen leiden unter Vereinsamung.311 Dabei ist es (hoffentlich!) selten so, dass sie tatsächlich physisch alleine sind, da die „(...) Angst vor dem Verlust der Gruppe bzw. dem Ausschluss aus der Gemeinschaft (...) zu den frühesten und bedrohlichsten Empfindungen des Menschen (gehören).“312

Den Gericlowns gelingt es schnell, mit Menschen mit Demenz in

einen nahen Kontakt zu kommen. Sie schaffen gesellige Verbindungen mit und zwischen den Heimbewohnern. Das Bedürfnis nach menschlicher Nähe steigert sich in dem Maße, in dem die Demenzerkrankung immer mehr als psychische Krise erlebt wird.313 In diesem Zusammenhang werden nährende Kontakte für Menschen mit Demenz immer essentieller. Baer und Frick-Baer (2001) prägen den Begriff der Resonanz, um in der Verschiedenartigkeit von Kontaktarten, solche von besonderer Qualität zu definieren. Der Kontakt zwischen einem Fahrgast und einem Kontrolleur sei von anderer Qualität, als der Kontakt zwischen frisch Verliebten. Letztere haben Resonanz. „Resonanz existiert dann, wenn zwischen zwei Menschen etwas hin- und zurückschwingt und damit der Kontakt eine besondere Wechselwirkung und Intensität erreicht.“314

Der Clown liebt es, mit Menschen mit Demenz in Resonanz zu treten. Er baut eine Form von Liebesbeziehung zu jedem Menschen auf.315 Er kann sich mit Menschen mit Demenz in einer ‚Zweisamkeitsathmosphäre’ von schönen Momenten durchstrahlen lassen,316 er kann mit ihnen Momente der Stille, des Nichts-Tuns genießen und ihnen signalisieren „Ich bin jetzt da und nur für dich.“317 Darüber hinaus geben die Gericlowns Menschen mit Demenz auch körperliche Nähe und Geborgenheit und „damit bekommen 318

sie auch Sachen, die den Menschen sonst nicht erfüllt werden“.

309

vgl. Müller-Hergl in HAGE 2003, S. 33 Rogers 1995, S. 260 311 vgl. Baer 2007, S. 108 312 Wojnar 2007, S. 81 313 vgl. Baer 2007, S. 137 314 Baer / Frick-Baer zitiert in Baer 2007, S. 136 315 vgl. Interview B, Z. 147-149 316 vgl. Interview E, Z. 309-317 317 Interview D, Z. 34 318 Interview D, Z. 323-324 310

80


9.5 Rückbezug zur Forschungsfrage Bezogen auf die Forschungshypothese zeigen die Studienergebnisse, dass die Clownsrolle weit über die Funktion eines Spaßmachers hinausgeht. Der Humor des Gericlowns offenbart sich in seiner fröhlichen Grundstimmung, in seiner Liebe zum Menschen und seiner daraus resultierenden Kontaktfreude. Der Clown greift authentisch lebensbejahende Impulse von Menschen mit Demenz auf und hilft eine humorvolle Atmosphäre zu verbreiten. Die Symbolik der Clownsfigur hat in dem Sinne eine besondere Wirkkraft, als dass sie Menschen mit Demenz den Druck nimmt, nach gesellschaftlichen Verhaltensregeln funktionieren zu müssen und sie in ihrer Person vom Clown absolut bejaht werden.

In der Rolle des Gericlowns eröffnet sich auch für die Spieler ein größerer Handlungsspielraum und dementsprechend breitgefächerte Zugangswege und intensive Begegnungsmomente mit Menschen mit Demenz. Durch das Eintauchen in die Clownsrolle und das Einnehmen einer nicht-wertenden, empathischen Grundhaltung, können Gericlowns vorurteilsfrei auf individuelle Verhaltensweisen und Erlebniswelten von Menschen mit Demenz eingehen. In ihrer Improvisationsfähigkeit können Clowns spontan Impulse aufgreifen und in eine kreative Interaktion umsetzen. Das Interaktionspektrum der Gericlowns reicht dabei

vom

gemeinsamen

Einfach-Sein-Können

bis

hin

zum

Slapstick

im

Aufenthaltsraum. Eine besondere Wirkraft der Gericlownerie liegt darin, dass die Spieler, während sie im Clown sind, in ihren Kontaktmöglichkeiten nicht durch konventionelle Schranken eingeschränkt werden. Sie sind im Moment der Begegnung emotional voll und ganz da und schaffen intensive Kontakte mit großer Resonanz.

81


10

Resümee In der vorliegenden Arbeit wurde die kulturelle Verankerung clownesker Phänomene

skizziert. Der Clown war und ist fester Bestandteil in vielen Kulturen. Die Figur des Clowns vertritt, durch ihre Naivität und emotionale Echtheit, das Menschliche im Menschen innerhalb einer rationalen Gesellschaft. Die Gericlownerie ist eine junge Bewegung, die sich aus der Klinikclownerie für Kinder entwickelt hat. Die Gericlowns des Clowns&Clowns e.V. garantieren eine hohe Qualität ihrer Arbeit durch wöchentliches Training, durch die Vertiefung verschiedener sozialpsychologischer Methoden innerhalb der Trainingseinheiten, durch externe Fortbildungen und durch regelmäßige Supervisionen. Ca. 60 % der Bewohner in deutschen Pflegeeinrichtungen sind von einer Demenz betroffen. Die Demenzerkrankung geht mit einer Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten einher, in deren Folge sich die Wahrnehmung von Menschen mit Demenz gravierend verändert und sich die Fähigkeit, Kontakte zu anderen Menschen aufzubauen, verliert. Sie gleiten ab in eine soziale Deprivation. Im Rahmen einer personzentrierten Betreuung wird Menschen mit Demenz die Möglichkeiten gegeben, sich selbst, innerhalb einer wertschätzenden Begegnung, als Person erleben zu können. Innerhalb der Arbeit konnte belegt werden, dass eine besondere Qualität der Gericlownerie darin liegt, dass die Clowns individuell und situativ sozialpsychologische und aktivierende Therapieformen bedienen. Dazu zählen, neben dem personzentrierten Ansatz,

der

validierende

Umgang,

eine

humorvolle

Grundhaltung,

die

Erinnerungspflege, die 10-Minuten-Aktivierung, Tanz- und Bewegungstherapie, Berührungen und Körperkontakt, Basale Stimulation® und die biographieorientierte Musiktherapie. Die Betreuungsintensiveren Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz überlastet zunehmend die deutschen Pflegelandschaft. Erste Studien belegen, dass regelmäßige Clowninterventionen agitierte Verhaltensweisen reduzieren, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz steigern und darüber der Pflegealltag erleichtert wird. Anhand von ExpertenInnenterviews konnte nachgewiesen werden, dass die Arbeit der Gericlowns weit über die Funktion eines Spaßmachers hinaus geht. Die besondere Wirkraft der Clownsrolle liegt in ihrer emotionalen Echtheit, der empathischen Grundhaltung und der daraus resultierenden akzeptierenden und wertschätzenden Einstellung gegenüber Menschen mit Demenz. Gericlowns können durch ihren großen

82


Handlungsspielraum

individuell

auf

Menschen

mit

Demenz

eingehen

und

Begegnungsräume mit großer Resonanz schaffen.

Ausblick Um den personzentrierten Ansatz weiter zu entwickeln und ihn in die deutsche Pflegelandschaft zu implementieren, wurde auf der Fachtagung „Werkstatt Demenz“, im September 2003, in Berlin, die Erklärung „Für eine Neue Kultur in der Begleitung von Menschen mit Demenz“ erlassen.319 Diese ‚Neue Kultur’ beinhaltet eine Abkehr vom biomedizinischen Demenzmodell, in dem Betroffene nach Pflegestufen kategorisiert werden, hin zu einem Denken und Handeln, welches das subjektive Erleben von Menschen mit Demenz und sozialpsychologische Faktoren in den Mittelpunkt stellt. „Denn wie eine Demenz sich entwickelt, wird in gravierendem Ausmaß vom sozialpsychologischen Umfeld, von der Art der Kommunikation und Interaktion, sowie vom Milieu beeinflusst.“320

Eine grundlegende Forderung ist daher, die Rahmenbedingungen für die

Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz in Deutschland wesentlich zu verbessern. Einerseits braucht es dafür kleinere Betreuungssettings, wie bspw. Dementen WG’s. Andererseits ist dafür eine neue Begleitkultur erforderlich, deren Maxime es ist, kontinuierlich „Brücken zur Welt von Menschen mit Demenz zu bauen“,321 um sie in ihrem Person-Sein zu stärken. Die Gericlownerie kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

319

vgl. Wißmann 2004, S. 250-252 Wißmann 2004, S. 250 321 vgl. Wißmann 2004, S. 251 320

83


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Geschi, Andereas: Clowns machen mobil – Zirkus auf der Krankenstation soll den Heilungsprozeß fördern, in: Süddeutsche Zeitung, 20.05.1998; aufgerufen unter: http://www.michael-titze.de/content/de/print_medien/print_medien_071.html (25.04.2009) Oberender, Peter: Gesundheitspolitische und sozioökonomische Bedeutung von Demenzen. http://www.kompetenznetzdemenzen.de/media/dateien_allg/1_Gesundheitspolitische_Bedeutung_Presseworkshop _KNDem_Oberender.pdf (02.02.2009) Reader zum 4. Gerontopsychiatrischen Fachtag 2008, 15.10.2008, http://www.pflegevernetzung.de/reader_fachtag2008.pdf, (23.11.2008) Steger, Rahel: Die Arbeit des Gesundheit!Clown® im Alten- und Pflegebereich. http://www.clownundtheater.ch/pdf/Konzept%20gross%20oktober%202008.pdf, (12.05.2009) Wengel, Andrea: Humor kann heilen: Ein Interview mit dem Altersforscher Prof. Rolf Dieter Hirsch. http://www.planetwissen.de/pw/Artikel,,,,,,,12535DE10C1113EDE0440003BA5E0905,,,,,,,,,,,,,,,.html (29.03.2009)

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Sich im Augenblick begegnen  
Sich im Augenblick begegnen  

Über die Wirkmechanismen der Clownerie für Menschen mit Demenz Clownsdiplom Birke Tegethoff 2009

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