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FrÜ h jah r 2013

Koreanische Kultur und Kunst

Spezial sum mjer l. 26 n o .8,2 Nr. 1 FrÜh ah r2012 2013 voJahrgang

Seoul Seoul: sein Ursprung und seine Zukunft; Seoul, mein Seoul – gestern und heute; Gangnam: wo ich geboren und aufgewachsen bin; Mein Seoul: sechs heiße Ecken

ISSN 1975-0617

Jahrgang 8, Nr. 1

Seoul im Fokus Erinnerungen einer Stadt Gestern und heute


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Kim Woosang Zeon Nam-jin Ahn In-kyoung Anneliese Stern-Ko Bae Bien-u Elisabeth Chabanol Han Kyung-koo Kim Hwa-young Kim Moon-hwan Kim Young-na Koh Mi-seok Song Hye-jin Song Young-man Werner Sasse Lim Sun-kun Kim Sam Lee Duk-lim Kim Ji-hyun Kim’s Communication Associates

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Koreanische Kultur und Kunst Frühjahr 2013 IMPRESSUM Herausgeber The Korea Foundation 2558 Nambusunhwan-ro, Seocho-gu, Seoul 137-863, Korea

Das Titelbild zeigt Park Nung-saengs Gemälde Bungee Jumping , Tusche und Acrylfarbe auf Leinwand, 90cm x 72,7cm (2010). Der Springer blickt auf die Stadt Seoul, Koreas Hauptstadt seit 1394, und heute eine der größten Metropolen der Welt.

Der Berg Nam-san in Seoul; auf dem Gipfel der N Seoul Tower, ein Fernsehturm mit einem Observatorium. Der über eine Million Quadratmeter umfassende Grüngürtel entlang der Hänge des Nam-san bildet den größten Stadtpark Seouls und bietet den Bürgern Ruhe und Entspannung.© Suh Heun-gang

Geschichten über Seoul Die Verfasser der Spezial-Beiträge der vorliegenden Koreana-Ausgabe, die unter dem Thema „Seoul im Fokus“ steht, kommen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und haben unterschiedliche Hintergründe. Jeder erzählt seine eigene, persönliche Geschichte von Seoul, das bereits mehr als 600 Jahre lang die Hauptstadt Koreas ist. Der Leser erhält auf diese Weise einen zeitlich gefächerten Blick auf Seoul, gewürzt mit persönlichen Erinnerungen, die in die lange Geschichte der Stadt eingewoben sind. Aufgrund der bereits allseits bekannten Thematik war es für die Redakteure und Autoren der einzelnen Beiträge eine besondere Herausforderung, über Seoul zu berichten. Es scheint aber ein lohnenswerter Ansatz zu sein, auf die Entwicklungsgeschichte der Stadt als Spiegel der rasanten Modernisierung Koreas im letzten Jahrhundert zurückzublicken,

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wobei diese Entwicklung sowohl von bedauerlichen Verlusten als auch von atemberaubenden Fortschritten geprägt war. Breite und Tiefe der Beiträge mögen vielleicht nicht unbedingt zufriedenstellend sein, bieten aber den Lesern hoffentlich erweiterte Möglichkeiten, Seouls versteckte Schätze zu erkunden, sei es nun das traditionelle Erbe der Stadt oder Viertel, in denen das Leben tobt. Diese Spezial-Serie über Seoul hat ihr grundsätzliches Ziel erreicht, wenn sie deutlich machen hilft, was im Zuge der unendlichen Transformationen der Stadt von einer alten Hauptstadt zu einer brodelnden, modernen Megalopolis gut gelaufen und was falsch gelaufen ist – und was man in Bezug auf die künftige Entwicklung im Auge behalten sollte. Ahn In-kyoung Chefredakteurin der deutschen Ausgabe


Spezial SEOUL im fokus

04 10 16 24

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Spezial 1

Seoul: sein Ursprung und seine Zukunft

Choi Jong-hyun

Spezial 2

Seoul, mein Seoul – gestern und heute

Kim Hwa-young

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Spezial 3

Gangnam: wo ich geboren und aufgewachsen bin

Baek Yeong-ok

Spezial 4

Mein Seoul: sechs heiße Ecken

Daniel Tudor

30

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KUNSTKRITIK Goryeo-Seladon: subtile Eleganz Soyoung Lee AUF DER WELTBÜHNE

Dominic Pangborns „Zufälliges Glück“

Maya West

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42 46 50

KUNSTHANDWERKER

Kim Deok-hwan Meister der Blattvergoldung, Familientradition in fünfter Generation

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Park Hyun-sook

verliebt in korea

Korea – gesehen durch die Linse der Poesie

Charles La Shure

unterwegs

Dem Tee verfallen

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Park Nam-joon

56

neuerscheinung K-Lit-Kompilation in koreanischer und englischer Sprache Jeon Seung-hee

Zweisprachige Ausgabe: Moderne koreanische Literatur Duette, durchdrungen von Gayageum und Buk Jeon Ji-young

Kim Hae-sooks Gayageum Sanjo der Choi Ok-sam-Schule

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BLICK AUS DER FERNE

Zufluchtsort Nam-san

Peter Simon Altmann

62

60 62 66 K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

ENTERTAINMENT

Das Vorlesende Radio . Ein wagemutiges Experiment

Lim Jong-uhp

GOURMETFREUDEN

Weibliche Krabben im Frühling, männliche Krabben im Herbst

Ye Jong-suk

REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

Verstörende Einsichten ins menschliche Sein Uh Soo-woong Das Haus der Familie jenes Mannes Pak Wanso

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>> Spezial 1 SEOUL im fokus

Seoul

sein Ursprung und seine Zukunft Um eine Stadt zu verstehen, bedarf es einer diachronischen Sicht. Wenn man Seoul betrachtet, muss man entsprechend vor 1394 zur端ckgehen, als es unter dem alten Namen Hanyang zur Hauptstadt des Joseon-Reiches (1392-1910) wurde, und auch die folgenden f端nf Jahrhunderte bis zum Ende des Joseon-Reichs und die Zeit danach bis heute miteinbeziehen. Choi Jong-hyun Direktor des Tongui Urban Research Institute | Fotos: Suh Heun-gang

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W

ann und wie begann Seoul zu entstehen? Selbst die Einwohner von Seoul, einer Metropole von heute mehr als zehn Mio. Menschen, haben wenig Ahnung von ihren Anfängen in Zeit und Raum. Gangbuk, der nördlich des Han-Flusses gelegene Stadtteil, ist die historische, auf ein stolzes Erbe von 600 Jahren zurückblickende Altstadt, während Gangnam, das Seoul südlich des Han-Flusses, der ganzen Welt durch Psys Gangnam Style vorgestellt wurde. Aber die Identität von Seoul als Ganzes ist damit noch nicht klar erfasst. Vergangenheit und Gegenwart der Stadt sind nicht deutlich zu umreißen und auch die Zukunft dieser sich im ständigen Wandel befindenden Metropole kann - wie im Falle aller heute existierenden Städte der Welt nicht klar skizziert werden. Wenn dem so ist, müssen wir zum Ausgangspunkt zurückgehen. Ein Blick auf Seoul und die Gegebenheiten seines Umfeldes zu der Zeit, als es als Stadt auf der Bühne der Geschichte erschien, wird all denjenigen, die im Seoul von heute oder morgen leben oder es besuchen, Stoff für einige interessante Denkübungen bieten. Begeben wir uns auf eine Reise in Raum und Zeit, um nach der Urform von Seoul zu suchen.

Seoul in seiner Urform Das Alter von Seoul wird normalerweise auf ca. 600 Jahre angesetzt. Das basiert auf der Berechnung, dass Yi Seong-gye, der das Joseon-Reich 1392 gründete und als König Taejo regierte (reg. 1392-1398), zwei Jahre nach der Reichsgründung die Hauptstadt von Gaegyeong (heute Gae­ seong/Kaesong in Nordkorea) nach Hanyang verlegte. Zu dieser Zeit wurde „Hanyang“ in „Hanseong“ umbenannt und 1945, gleich nach der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft, wurde in einer weiteren Umbenennung aus Hanseong „Seoul“. Seitdem Yi Seong-gye die Stadt zur Hauptstadt machte, hat sie unter allen folgenden Herrschern oder Regierungen ihre Rolle als Hauptstadt nie verloren. Das macht Seoul unter den Hauptstädten der Welt zu einer mit der längsten Geschichte als solche. Aber eins wird bei dieser Berechnung übersehen: Yi Seong-gye hat keine Stadt namens Han­ seong auf dem Areal von Hanyang aus dem Nichts gegründet. Unter den Vierteln des alten Stadtzentrums des Seoul von heute war das Gebiet nördlich des Flusses Cheonggye-cheon schon Ende der Goryeo-Zeit (918-1392) dicht besiedelt. Das Herrscherhaus von Goryeo hatte bereits 1067 ein Gebiet im Nordwesten der Stadt als Namgyeong, i.e. Südliche Hauptstadt, designiert. Zusammen mit der Westlichen Hauptstadt Seogyeong (bzw. Pyeongyang/Pjöngjang) und der Mittleren Hauptstadt Gaeseong wurde Hanyang damit zu einer der drei Hauptstädte des Goryeo-Reiches, was ein effektives Regieren ermöglichen sollte. Wenn eine Stadt auf diese Weise zu einer regionalen Basis wurde, baute man auf alle Fälle einen Haeng-gung. Ein Haeng-gung war ein Sonderpalast, in dem der König auf seinen häufigen Reisen durchs Land weilte, d.h. er war das Zentrum der jeweiligen Region. Dieser Sonderpalast der Südlichen Hauptstadt Namgyeong wurde 1104 in der nordwestlichen Ecke des heute noch erhaltenen Königspalasts der Joseon-Zeit Gyeongbok-gung fertiggestellt. Er hatte auf einem kleinen Hügel gelegen, der sich hinter dem Nordtor des Gyeongbok-gung befindet. In dem Geschichtsbuch Goryeosa (Geschichte von Goryeo) aus der frühen Joseon-Zeit heißt es, dass König Sukjong (reg. 1095-1105) im August 1104 nach Namgyeong kam und ihm von allen Hofbeamten im Yeonheung-jeon, der neu errichteten Haupthalle des Sonderpalastes, zur Fertigstellung des Palastbaus gratuliert wurde. Man beachte den Zeitpunkt und den Ort: Der Standort der Haupthalle Yeonheung-jeon, wo König Sukjong seinen Vasallen eine Audienz gab, ist der Ursprungsort des heutigen Seoul, und der Blick auf die neue Stadt, der sich Sukjong von seinem Sitz aus in Richtung Süden bot, ist derselbe Blick, den wir auf das Seoul von heute haben. Joseon-Gründer Yi Seong-gye ließ nur

Ein im Westen gelegener Teil der Seouler Festungsmauer am Berg Inwang-san; am Fuße des Berges befinden sich zahlreiche Wohnhochhaus-Komplexe. Der N Seoul Tower ist ganz oben links hinter diesem Hochhauswald zu sehen.

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Alte Verkehrswege, die durch die stete Nutzung von Menschen 400m südwestlich des Yeonheung-jeon das Geunjeong-jeon, die über Hunderte von Jahren auf natürliche Weise entstanden sind, Thronhalle des Gyeongbok-gung, errichten und schloss das ganze verschwinden nicht einfach über Nacht. Es sind zähe VerbindunGelände des Sonderpalastes in das Areal des neuen Königspalasgen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. tes Gyeongbok-gung ein. Der Gyeongbok-gung, der Hauptpalast Neben den alten Wegen, die sich je nach den topographischen des Joseon-Reiches, wurde damit Erbe des Sonderpalastes von Gegebenheiten winden und schlängeln, entstehen manchmal auch Goryeos Südlicher Hauptstadt Namgyeong. neue, gerade Straßen. Je weiter sich Hoch- und Tiefbautechniken Es ist mit Recht anzunehmen, dass eine der regionalen Hauptstädentwickeln, desto häufiger wird dem so sein. Aber verschwinden te von Goryeo und die zentrale Hauptstadt von Joseon nicht von deshalb die alten Straßen? Kleine Tante-Emma-Lädchen, schmutgleicher Größenordnung sein konnten. So wie das Palastgelände zig und heruntergekommen, drücken sich an diesen alten Straßen, erweitert wurde, so umfasste auch die Joseon-Hauptstadt Hanweil sie an den großen Straßen nicht überleben können, aber die seong sowohl das Gebiet von Goryeos Südlicher Hauptstadt Namalten Straßen lassen sich nicht so leicht ausradieren. Wir erkennen gyeong, als auch das ganze als Hanyang-bu bekannte Gebiet. Das sie nur nicht. Gebiet, das heutzutage „Innerhalb der vier Stadttore“ genannt wird, Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, warum wir uns die geht auf diese Zeit zurück. Auch die Festungsmauern um Seoul, die alten Straßen, die von Gaegyeong nach Namgyeong führten, nicht jetzt mit dem Ziel der Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes leicht vorstellen können: Die Teilung des der UNESCO restauriert werden, beruhen Landes hat Gaeseong von Seoul abgeauf dieser Basis. schnitten, so dass die alten Straßen nicht Es gibt einen stichhaltigen Grund dafür, mehr in voller Länge abzufahren sind. warum die Entstehung von Seoul in seiGaegyeong Jangdan Das sind die Narben, die eine von Gewalt ner Urform um ca. 300 Jahre vorverlegt geprägte internationale Politik in den Strukwerden sollte: Unter geographischem Cheonggyo-Station Tongpa-Station turen unseres Landes und unserer Städte Gesichtspunkt bildete sich Seoul nämhinterlassen hat. Dass mit Einzug südkorelich gerade zu dieser Zeit zwischen seinen Paju Yangju anischer Fabriken in den Gaeseong-Indusbeiden Wächterbergen, dem Bugak-san Pass Hyeeum-ryeong Byeokjitriekomplex in Nordkorea ein minimaler im Norden und dem Nam-san im Süden, Station Verkehr ermöglicht wurde, ist nur wie ein heraus. Das Areal von Hanseong in der Goyang Nogyang-Station Nadelloch in einer großen Mauer. Jo­seon-Zeit mit diesen beiden, sich gegenNowon-Station Anhand alter Aufzeichnungen und Feldforüber liegenden Bergen sowie dem NakYeongseo-Station Namgyeong-Station schung in Regionen, zu denen der Zugang san (auch Tarak-san) im Osten und dem Gaegyeong Namgyeong erlaubt ist, lassen sich Vermutungen über Inwang-san im Westen ist flächenmäßig Namgyeong die alten Straßen zwischen Gaegyeong und fast identisch mit dem Areal von Nam­ Pass Namtae-ryeong Gwacheon Namgyeong anstellen, auf denen die Mengyeong und Hanseong-bu zusammengeschen vor 900 Jahren reisten. Es gab zwei nommen. Und daran änderte sich auch in Hauptstraßen: Wenn ein Hofbeamter der den fünf Jahrhunderten der Joseon-Zeit Goryeo-Zeit in der Südlichen Hauptstadt Namgyeong zu tun hatte, nichts. Seoul expandierte erst während der japanischen Kolonialwäre er bestimmt über die Cheonggyo-Station (Station meint hier herrschaft (1910-1945) über die ursprünglichen Festungsmauern einen Ort zum Wechseln oder Ausruhenlassen der Pferde) östlich hinaus nach Osten und Westen und erst nach den 1970er Jahren von Gaegyeong gereist und hätte den Imjin-Fluss an der Tongpabreitete sich die Stadt in das Gebiet südlich des Han-Flusses aus. Station (heute Dongpa) in Jangdan überquert, von wo aus er nach Paju weitergereist wäre. Bis hierhin sind die zwei möglichen RouDer Weg nach Seoul ten dieselben. Denken wir einmal nach: Wenn das Herrscherhaus von Goryeo in Hatte der Beamte es eilig, hätte er sich in Paju nach Süden Hanyang-bu Namgyeong als neue Südliche Hauptstadt und Regigewandt, den Pass Hyeeum-ryeong überquert, und wäre über onalstützpunkt errichten ließ, hätte man dann nicht auch neue die Stationen Byeokji (heute Byeokje) in Goyang und die Station Straßen von der Mittleren Hauptstadt Gaegyeong nach der SüdliYeongseo im Viertel Nokbeon-dong in Seoul weitergereist. Ab der chen Hauptstadt Namgyeong anlegen lassen? Oder vielleicht ließ Kreuzung am Yujin-Einkaufszentrum im Viertel Hongje-dong hätte man die bestehenden schmalen Straßen verbreitern? Unabhäner sich in östliche Richtung gehalten und wäre dem Fluss entlang gig davon, ob die Straßen zwischen den beiden Hauptstädten neu nach Segeomjeong gereist, wo er am Hügel beim Tor Jaha-mun angelegt oder nur verbreitert wurden, wären diese Straßen wohl (heute im Viertel Cheongun-dong) tief Atem geholt und die Südlidie Vorläufer der Straßen, die heute Seoul mit den umliegenden che Hauptstadt Namgyeong betreten hätte. Diese Route war eine Regionen verbinden.

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Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Der Berg Bukhan-san, gesehen von Paju, nördlich von Seoul, in der Provinz Gyeonggi-do © Hwang Heun-man

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Es gibt noch einen wichtigen Grund, warum wir uns die alten Straßen, die von Gaegyeong nach Namgyeong führten, nicht leicht vorstellen können: Die Teilung des Landes hat Gaeseong von Seoul abgeschnitten, so dass die alten Straßen nicht mehr in voller Länge abzufahren sind. Das sind die Narben, die eine von Gewalt geprägte internationale Politik in den Strukturen unseres Landes und unserer Städte hinterlassen hat.

Abkürzung, die über eine ganze Reihe gefährlicher Bergpässe führte, aber den Reiter auf einem schnellen Pferd innerhalb eines Tages nach Namgyeong brachte. Normalerweise wählte man jedoch eine Route über ebeneres Terrain, die zu Fuß drei oder vier Tage beanspruchte. Wenn man in Paju in Richtung Osten ging, konnte man an den Stationen Nokyang in Yangju und Nowon im heutigen Seoul vorbei bis zur Station Namgyeong vor dem Seouler Osttor Dongdae-mun kommen - und das auf relativ ebener Strecke, die kaum über Hügel führte. Der Hofbeamte hätte sich in der Station Namgyeong eine Nacht ausgeruht, gebadet, seine Amtsrobe in Ordnung gebracht, die notwendigen Dokumente noch einmal geprüft und wäre dann frühmorgens schnurstracks den Cheongye-cheon entlang zum Sonderpalast in Namgyeong geeilt. Während der Goryeo-Zeit gab es die heutige Straße Jong-ro nämlich noch nicht. Von den beiden Routen führte die erste direkt aus dem Norden nach Seoul, während man über die zweite von Osten nach Seoul gelangte. Welche Strecke hätten wohl Reisende aus der südlichen Region des Reiches nach Seoul genommen? Es ist nicht sicher,

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wann diese Straße entstand, aber ab Mitte der Joseon-Zeit etablierte sich eine Route, die über den Pass Namtae-ryeong in Gwacheon führte und bei der man an der Station Sapyeong-won (heute Hangangjin) den Han-Fluss überquerte. Zu beachten ist, dass Seoul-Reisende in der Goryeo- oder JoseonZeit die Stadt von folgenden Punkten aus mit bloßem Auge sehen konnten: Hyeeum-ryeong im Norden, Namtae-ryeong im Süden und Namgyeong-Station im Osten. Der Hyeeum-Pass markiert die Grenze zwischen den heutigen Städten Goyang und Paju. Der Namtae-Pass ist die Grenze zwischen der Stadt Gwacheon und dem Seouler Viertel Sadang-dong. Und die Namgyeong-Station befindet sich heutzutage auf einem Hügel im Viertel Sinseol-dong, Bezirk Dongdaemun-gu, wo die Daegwang-Oberschule steht. Auch heute noch kann man von den Gipfeln der Pässe Hyeum-ryeong und Namtae-ryeong den Berg Bukhan-san sehen. Das ist gerade der Ort, an dem der Reisende einen Seufzer der Erleichterung ausstößt: „Ah, endlich in Seoul!“ Die ehemalige Namgyeong-Station, die in die Richtung des Osttores Dongdae-mun blickt, ist die visuelle und psychologische Grenze der Hauptstadtregion Seoul. Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Der Königspalast Gyeongbok-gung in Sejong-ro im Zentrum von Seoul; hinter der Thronhalle Geunjeong-jeon ist der Berg Bugak-san zu sehen, und im Westen, linker Hand, der Inwang-san.

Von Ausweitung zu Koexistenz Auf diese Weise haben wir die raum-zeitliche Sphäre Seouls ziemlich ausgeweitet. Diese Ausweitung umfasst zum einen die Ursprünge Seouls, die nach dem Allgemeinwissen auf das Jahr 1394 zurückgehen, als Yi Seong-gye, der Gründer des Joseon-Reiches, Hanseong zur neuen Hauptstadt erklärte. In zeitlicher Hinsicht haben wir die Ursprünge Seouls 300 Jahre weiter zurückverfolgt. Räumlich sind wir den alten Straßen, die aufgrund der Teilung des Landes in Vergessenheit geraten sind, gefolgt und haben so die visuelle und psychologische Grenze Seouls wiedergefunden. Hoffentlich entsteht hier kein Missverständnis: Dieser Versuch entspringt keinerlei klassizistischen Neigungen, die alles Alte vorbehaltlos für gut halten. Wenn ich diesen Ansatz forcieren wollte, hätte ich die Ursprünge Seouls bis 18 v. Chr. zurückverfolgen können, als die Festung Hanamwirye-seong zur Hauptstadt des Baekje-Reiches (18 v. Chr. – 660 n. Chr.) wurde. Aber diese Festung lag südlich des Han-Flusses, also in einem Gebiet, das heute zwar verwaltungstechnisch zu Seoul gehört, aber in keinerlei Beziehung zu dem Namgyeong und Hanyang der Goryeo-Zeit oder dem K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Hanseong der Joseon-Zeit steht. Das Baekje-Reich, bedrängt vom nördlichen Goguryeo-Reich (37 v. Chr. – 668 n. Chr.), verlegte 475 seine Hauptstadt nach Ungjin (heute Gongju), so dass das alte Festungsgebiet gut 1.500 Jahre lang ungenutzter Boden bzw. teilweise bestelltes Land war, bevor es 1963 ins Stadtgebiet Seoul eingegliedert wurde. Hier kann man also unmöglich nach dem Ursprung Seouls suchen. In räumlicher Hinsicht gilt dasselbe: Meine Aussage, dass man das Territorium Seouls in Richtung Norden bis zum Pass Hyeeumryeong in Goyang ausweiten könne, sollte bitte nicht als Aufforderung zur administrativen Vergrößerung Seouls missverstanden werden. Ich bin vielmehr der Meinung, dass ein Weg gefunden werden muss, der es ermöglicht, dass die Regionen nördlich von Seoul wie Gogyang, Paju oder Yangju in ihrer Verbundenheit mit der Hauptstadt horizontal koexistieren können. Das wird an dem Tag möglich werden, an dem die beiden Straßen von Gaegyeong nach Namgyeong wieder vollkommen wiederhergestellt werden. Das wäre ein Hinweis, den die Vergangenheit von Seoul an die Zukunft der Stadt weitergeben könnte.

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>> Spezial 2 SEOUL im fokus

Seoul, mein Seoul

gestern und heute So wie die Erde in ihren Schicht für Schicht abgelagerten Straten die langen Erinnerungen der Erdkrustenbewegungen in sich trägt, so prägt sich auch die Geschichte der inneren Veränderungen, die eine Stadt im Laufe der Zeit durchlebt, tief in die Erinnerungen ihrer Bewohner ein. Bei dem Versuch, eine Stadt als Lebensraum zu entziffern, kann es daher auch eine Hilfe sein, die archäologischen Erfahrungen und Erinnerungen eines Individuums, die tief im gegenwärtigen Erscheinungsbild dieser Stadt verborgen sind, zu entschlüsseln.

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Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Arts

Ko re a n Cu l tu re & A rts


A

n einem Februartag im Jahr 1955 wanderte ich, der ich gerade die Volksschule in meinem tief in den Bergen im Südosten der koreanischen Halbinsel gelegenen Heimatdorf abgeschlossen hatte, alleine die 18km lange, unbefestigte Straße entlang in das Städtchen Youngju. Dort stieg ich zum ersten Mal in meinem Leben in einen Zug in die 250km entfernte Hauptstadt Seoul. Seit dem Waffenstillstandsabkommen, das den dreijährigen Koreakrieg beendet hatte, waren anderthalb Jahre vergangen. Ich war damals ein Junge von 13 Jahren. Im Zug traf ich zufällig einem Chili-Händler, der wissen wollte, wohin ich kleines Kind denn alleine mit dem Zug wollte. Ich antwortete stolz, dass ich nach Seoul reise, um die Aufnahmeprüfung für die Kyunggi-Mittelschule zu machen, und dass mein Vater, der Vizepräsident der Papierfabrik Donggwang AG, mich vor dem Jungang-Kino am Bahnhof Cheongnyangni abholen würde. Das war der genaue Wortlaut, den mir Großmutter eingebläut hatte.

Als 13-jähriger Schüler in Seoul Als ich nach endlosen Stunden Zugfahrt nach Sonnenuntergang endlich am Bahnhof ankam, war – aus welchem Grund auch immer – mein Vater nicht zu sehen. Der Chili-Verkäufer, der Mitleid mit mir hatte, bot mir an, bei ihm zu übernachten, da es schon spät war. Er versprach, mich am nächsten Morgen zur Firma meines Vaters zu bringen. Keine Angst kennend, folgte ich ihm. Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich mit der Straßenbahn. Es war aufregend! Aber die Hauptstadt Seoul, die aus dem Fenster zu sehen war, lag nach dem Krieg in Trümmern. Der Ort, zu dem mich der Chili-Verkäufer brachte, waren Schlafbaracken für Yeot-Verkäufer (Yeot: Toffee auf Getreidebasis) in einer Hüttensiedlung am Fuße des Yeongcheon-Hügels, für die man quer durch die Stadtmitte bis hin zum nordwestlichen Stadtrand fahren musste. Der Hof war voll von den Karren der Yeot-Verkäufer. In einem großen Raum lagen die Yeot-Verkäufer entweder hier und da auf dem Boden ausgestreckt, wo sie ohne Decken und nur mit einem Holzkissen unter dem Kopf schliefen, oder sie zogen Yeot von den Sirupklumpen, die an Stäben an der Wand hingen, und erzählten von den Runden, die sie tagsüber gemacht hatten. Es war ein äußerst fremdes Bild für mich. Zum Glück war der Raum mit Ondol-Bodenheizung, dessen Boden fast ganz aus gestampften Lehm bestand, sehr warm, da die ganze Zeit über die Yeot-Zutaten in einem Kessel auf dem Herd, von dem die Wärme in die Heizschächte geleitet wurde, kochten. Überdies war die Übernachtung dank des Chili-Händlers umsonst. Am nächsten Tag fand der Chili-Händler ohne Schwierigkeiten das berühmte Jungang-Kino in der Straße Eulji-ro. In dem kleinen Gebäude auf der gegenüber liegenden Straßenseite befand sich im Erdgeschoss ein Café namens Dalnara (Mondland) und im ersten Stock war das Schild „Donggwang AG“ zu sehen. Aber im Zimmer selbst gab es nur einen kleinen Stahltisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch stand ein schmutziger Aschenbecher, den man aus einer Blechdose geschnitten hatte. Ich war überrascht und enttäuscht. Mein Vater bedankte sich bei dem Chili-Händler. Erst viel später fand ich heraus, dass Vaters Firma im Krieg durch die Bombenangriffe völlig zerstört worden war und nur noch dem Namen nach existierte. Vater war bankrott gegangen. Das kleine, zweistöckige Gebäude stand trotz all der Veränderungen, die Seoul durchmachte, noch bis vor kurzem, also an die 50 Jahre, dickköpfig gegenüber dem Jungang-Kino. Mit der Fertigstellung eines äußerst hohen, hochmodernen Glasgebäudes an dieser Stelle verschwanden im vergangenen Sommer schlussendlich die letzten Spuren meiner ersten Reise nach Seoul. Wandel der Wahrzeichen Vater ging mit mir zur Kyunggi-Mittelschule, der „besten Mittelschule in ganz Korea“, um den Aufnahmeantrag zu stellen. Aber diese Schule, die während des Krieges nach Busan umgesiedelt worden und erst vor kurzer Zeit wieder nach Seoul zurückgezogen war, bestand nur aus ein paar Bretterbuden, die auf einem freien Grundstück neben der Deoksu-Grundschule im Viertel Jeong-dong hastig zusammengebaut worden waren. Heutzutage befinden sich dort das Redaktionsgebäude der Chosun Ilbo, der am meisten gelesenen

Die Brücke Supyo-gyo wurde 1420 über den Cheonggye-cheon gebaut und 1959, als der Fluss zubetoniert wurde, an den Eingang des Jangchungdan-Parks verlegt. K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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Die Kompassnadel in meinem Herzen ist immer noch auf die Seouler Altstadt nördlich des Han-Flusses gerichtet: auf das Seoul, das mich bei meiner Ankunft begrüßte, wo ich in die Mittel- und Oberschule ging, die Universität besuchte und Freunde kennen lernte, und wo ich 30 Jahre lang als Universitätsprofessor tätig war. Tageszeitung Koreas, und die Chosun Ilbo Kunstgalerie. Die Kyunggi-Oberschule war provisorisch in dem Zeltlager untergebracht, das man auf einem leeren Grundstück – bekannt als „Platz, wo das Postamt niederbrannte“ – an der Straße Sejong-ro eingerichtet hatte, da das eigentliche Schulgebäude von den amerikanischen Truppen genutzt wurde. Später wurde an der Stelle des einstigen Zeltlagers die moderne Bürgerhalle gebaut, die allerdings 1972 einem Brand zum Opfer fiel. Heute steht dort das berühmte Kunst- und Kulturzentrum Sejong Center for the Performing Arts. Die Kyunggi-Mittelschule zog sechs Monate später in das neue Gebäude, das man auf dem Grundstück hinter dem alten Schulgebäude im Viertel Hwa-dong gebaut hatte. Zwei Jahre später räumten die amerikanischen Truppen das Oberschulgebäude, so dass ich nach dem Abschluss der Mittelschule in dem traditionsreichen Gebäude der Kyunggi-Oberschule lernen konnte. Zwischen meiner Schule und der Residenz des Präsidenten Gyeongmudae (das heutige Cheong Wa Dae; das Blaue Haus) und dem Königspalast Gyeongbok-gung befand sich das große Hauptstadt-Lazarett. Auf dem Grundstück dieses Militärkrankenhauses, in dem der bei einem Attentat verwundete Präsident Park Chung-hee im Oktober 1979 seinen Schussverletzungen erlag, wird zurzeit das Koreanische Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst gebaut. Die Kyunggi-Oberschule, die erste öffentliche Oberschule Koreas, siedelte in den 1970er Jahren in den Stadtteil südlich des Han-Flusses und das Schulgebäude, in dem ich lernte, wurde zur Jeongdok-Stadtbibliothek. Ein Freund meines Vaters, der von meinem Eintritt in die Mittelschule gehört hatte, ging zum HwasinKaufhaus an der Ecke von Jong-ro 1-ga und kaufte mir das erste Paar Lederschuhe meines Lebens. Auch Schul­uniform, Schultasche und Mütze besorgten wir immer im fünften Stock dieses Kaufhauses. Als Schüler gingen wir oft zum Spaß nach der Schule dorthin, um mit dem Aufzug hinauf- und hinunterzufahren oder uns die prächtigen Auslagen anzusehen. Dieses Kaufhaus, das von Bak Heung-sik, dem damals reichsten Mann Koreas, eröffnet wurde, war neben dem Kapitol auf dem Gelände des Palastes Gyeongbok-gung, dem Seouler Rathaus, dem Bahnhof Seoul, dem Hotel Bando, dem Kaufhaus Midopa und dem Kaufhaus Donghwa (heute Shinsegae) eines der wenigen Wahrzeichen von Seoul, die alle kannten. Es war eine Zeit, als sich jeder in Seoul am Kapitol (Gebäude auf dem Gelände des Königspalastes Gyeongbok-

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1. Das Kaufhaus Hwasin in Jong-ro 1-ga war eins der berühmten Wahrzeichen des modernen Seoul. 2. Ein Bauer beim Pflügen in der Nähe des neu gebauten ApartmentKomplexes Hyundai. (Foto:Jeon Min-jo)

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gung, in dem sich während der Kolonialherrschaft das japanische Generalgouvernement befand. Es wurde 1995 abgerissen und der alte Königspalast restauriert, so dass der Blick auf den dahinter liegenden schönen Berg Bukhan-san wieder frei wurde.) und am Kaufhaus Hwasin orientierte. Im Frühling 1961, als ich in die Universität eintrat, kaufte Vater mir in diesem Kaufhaus eine Leder-Aktentasche. Nach dem Abriss des Kaufhauses steht an dieser Stelle nun ein neues Gebäude, das Samsung gehört und damit dem reichsten Mann im Korea von heute. In dieses als „Jongro Tower“ bekannte Gebäude habe ich allerdings noch nie einen Fuß gesetzt. Während der Mittelschulzeit lebte ich bei meinen Großeltern mütterlicherseits, die in einem Haus im japanischen Stil in Chungmu-ro 4-ga südlich des alten Stadtkerns wohnten. Da Chungmu-ro eine Straße war, in der während der japanischen Kolonialherrschaft viele Japaner wohnten, gab es dort zahlreiche Häuser im japanischen Stil. Um in die Schule zu kommen, musste ich bis Eulji-ro 4-ga laufen, von dort mit der Straßenbahn bis zum Kaufhaus Hwasin fahren, von wo aus ich wieder ein ganzes Stück zu laufen hatte. Mein Taschengeld reichte gerade für die Straßenbahnkarten für einen Monat. Aber oft zog ich es vor, eine Stunde zu Fuß zur Schule zu laufen und mit dem gesparten Geld an den Imbissständen in den Gassen geröstete Süßkartoffeln oder Pulppang, Teigwaffeln mit einer Füllung aus roter Bohnenpaste, zu kaufen. Durch diese Gassen zogen alle möglichen Verkäufer: tagsüber Tofu-Verkäufer, die mit ihren Glocken läuteten, und Yeot-Verkäufer, die laut riesengroße Metallscheren klappern ließen; nachts lockten die lauten Rufe „Reiskuchen und Memilmuk“ (Buchweizen-Gelee). Mitten durch Seoul floss der Cheonggye-cheon in west-östlicher Richtung, in den Abwässer aller Art geleitet wurden, so dass aus diesem pechschwarzen Abwasserkanal ein übler Gestank hochstieg. Den Fluss säumten die grob zusammengezimmerten Hütten der Armen. Mein Schulweg führte über Steinbrücken wie die Gwang-gyo oder die Supyo-gyo, die sich über den Cheonggye-cheon erstreckten. Im April 1960, meinem letzten Oberschuljahr, kam es zu massiven Demonstrationen von Oberschülern und Studenten gegen die Diktatur und den Wahlbetrug von Präsident Rhee Syngman (Yi Seung-man), bei denen

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unzählige Menschen durch die Pistolenkugeln der Polizei getötet wurden. Auch mein bester Freund, der in der Klasse neben mir saß und von dem ich mich kurz zuvor noch in einer der Gassen hinter der Schule verabschiedet hatte, kam so ums Leben. Im April des darauf folgenden Jahres, dem Jahr nach der Ausrufung der Zweiten Republik, schrieb ich mich an der Seoul Nationaluniversität ein. Die im Viertel Dongsung-dong gelegene Hochschule übernahm die traditionsreichen Gebäude der Kaiserlichen Universität Keijõ (Gyeongseong Universität), die während der japanischen Kolonialherrschaft von den Besatzern gegründet worden war. Vor dem Haupttor floss ein Bächlein und im Hof stand eine Rosskastanie, die ein japanischer Professor für Französische Literatur während der Besatzungszeit aus der Provence mitgebracht und gepflanzt haben soll. Es soll der erste Kastanienbaum in Korea gewesen sein und er wurde liebevoll „Marronnier“ genannt. Präsident Park Chung-hee, der im Mai 1961 durch einen Putsch an die Macht kam, führte im folgenden Jahr den ersten Fünfjahresplan ein. Ich schloss in Dongsung-dong, also an der Seoul Nationaluniversität, mein Bachelor- und Masterstudium ab. Im Herbst 1967, noch während des Masterstudiums, bekam ich meine erste Stelle und wurde Angestellter der Hanil-Bank. Das zweistöckige Bankgebäude in Euljiro Ipgu (Anfang der Straße Eulji-ro), wo ich Import und Export-bezogene Dokumente bearbeitete, und auch das Hotel Bando nebenan, in dem General Hodge von den amerikanischen Streitkräften nach der Befreiung Koreas von der Kolonialherrschaft sein Büro hatte, gibt es nicht mehr. Heute stehen dort das Kaufhaus Lotte und das Lotte Hotel. 1969, nach Abschluss meines Masterstudiums, ging ich nach Frankreich, wo ich mein Studium fortsetzte. Oberschülerinnen säubern im Rahmen ihres freiwilligen sozialen Engagements den Rasen im Palast Deoksu-gung.

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Die Verwandlung in eine Mega-Metropole Als ich im Sommer 1974 mit meinem Doktortitel nach Korea zurückkam, erlebte Seoul gerade rasante Veränderungen. Kurz nach meiner Rückkehr verfolgte ich im Fernsehen die Live-Übertragung der Feier zum Unabhängigkeitstag am 15. August und sah, wie die damalige First Lady Yuk Young-soo erschossen wurde. (Die Präsidententochter Park Geun-hye, die damals in Frankreich studierte und sofort nach Korea zurückgerufen wurde, ging später in die Politik und wurde im Dezember 2012 zur Präsidentin gewählt.) Jedenfalls konnte Präsident Park Chung-hee aufgrund dieses tragischen Vorfalls nicht an der Eröffnungsfeier der U-Bahnlinie 1 teilnehmen. Aber dadurch prägte sich das Eröffnungsdatum der allerersten U-Bahnlinie von Seoul für immer in mein Gedächtnis ein. Mit der Eröffnung der U-Bahn begann Seoul sich in eine Metropole von 13 Mio. Einwohnern zu verwandeln, die sich über den Han-Fluss nach Süden erstreckte. Im Herbst 1975 siedelte die Seoul Nationaluniversität von Dongsung-dong in einen neuen, äußerst weitläufigen Campus am Fuße des Berges Gwanak-san im Südwesten Seouls um. An der Stelle der Vorlesungssäle und des Labors, die tief in die Erinnerungen meiner jungen Tage eingeprägt sind, steht nun ein Theater. Aus dem Uni-Sportplatz wurde eine Vergnügungsstraße und das Hauptgebäude der Universität wurde zum Sitz der Korea Culture and Arts Foundation (heute Arts Council Korea). Aber sogar diese Anstalt soll bald in eine andere Provinz umziehen. Vom alten Garten der Universität ist nur noch der Name „Marronnier Park“ geblieben, der die vagen Erinnerungen an die Vergangenheit zurückbringt. Am 21. August 1976 wurde ein 7.790.000m2 großes Areal östlich von Yeongdeungpo, das die heutigen Viertel Banpo-dong, Apgujeong-dong, Cheongdam-dong, Dogok-dong usw. umfasst, zum Städtischen Entwicklungsgroßraum bestimmt, womit der Bau einer riesigen Neustadt auf den Weg gebracht wurde. Diese Gegend bestand einst aus Hügeln und Feldern, in die ich als Student oft Ausflüge gemacht hatte. Viele Freunde von mir wurden Angestellte in Handelsfirmen und arbeiteten fleißig. Einige, die finanziell besser gestellt waren, prahlten damit, dass sie in den Banpo-Apartments in Gangnam, die zu dieser Zeit aus dem Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Boden sprossen, wohnten. Es waren die ersten großen WohnhochhausKomplexe, die südlich des Han-Flusses gebaut wurden. Im Herbst des Jahres meiner Rückkehr nach Korea begann ich an der Korea Universität als Professor für Französische Literatur zu lehren. Diese geschichtsträchtige Privatuniversität hat ihren Sitz damals wie heute im Viertel Anam-dong im nordöstlichen Seoul. 1976 wurde die 1,2km lange Cheonggye-Hochstraße, die das Viertel Majang-dong in der Nähe der Korea Universität und den Namsan-Tunnel Nr. 1 verband, über dem zubetonierten Fluss Cheonggye-cheon mit seinen Abwässern und Baracken errichtet und verband den Teil östlich und westlich des Stadtkerns. Nach der Arbeit fuhr ich oft mit Freunden zum Trinken ins Stadtzentrum, das über die Hochstraße in nur zehn Autominuten zu erreichen war. Diese funktionstechnisch optimale, aber äußerst unansehnliche Hochstraße verwandelte das Kerngebiet der Hauptstadt in einen Slum und verschandelte das Gesicht der Stadt, weshalb sie 2006 abgerissen wurde. Der schöne Cheonggye-cheon wurde renaturiert und führt heute klares Wasser. Ich schlendere gerne auf den Spazierwegen entlang des Flusses.

Im Norden und im Süden des Han-gang Anfang der 1980er Jahre kaufte ich eine Wohnung in einem der neuen Apartment-Komplexe, die auf den weiten Ebenen von Gangnam aus dem Boden gestampft wurden, und zog dorthin um. Ich entschied mich für dieses Apartment, weil ich von dort über die neu gebaute Brücke Seonggsudaegyo direkt nach Norden in Richtung Korea Universität fahren konnte. 15 Jahre später stürzte die Seongsu-daegyo eines Tages unter der Last des rasant zunehmenden Großstadtverkehrs ein, eine Katastrophe, die zahlreiche Opfer forderte. Im Juli 1997 wurde eine neue, robustere Seongsu-Brücke fertiggestellt. Gleich nach dem Ende des Koreakrieges begannen sich illegal gebaute Hüttenviertel entlang des HanFlusses in der Mitte von Seoul und am Fuße des Berges Nam-san unkontrollierbar auszubreiten. Ende der 1980er Jahre wurden diese Behausungen geräumt und an ihrer Stelle Wohnhochhäuser gebaut. 1986 zog ich nach Oksu-dong, ein Viertel, das seinen Namen dem reinen Quellwasser verdankt, das die reich bewaldeten Hänge des Nam-san herunterfließen soll. Dort wohne ich auch heute noch. Von 1955, als ich als 13-Jähriger am Bahnhof Cheongnyangni ankam, bis heute - also sechs Jahre nach meiner Emeritierung - sind bereits 57 Jahre vergangen. In dieser Zeit stieg die Einwohnerzahl von Seoul von 1,57 Mio. auf über 10 Mio. an. Die Volksschule, die ich in meinem Dorf tief in den Bergen besuchte, wurde im Zuge der Landflucht geschlossen und steht heute leer. Aus meiner Mittel- und Oberschule wurde eine städtische Bibliothek und wo ich einst die Universität besuchte, erstreckt sich heute ein Vergnügungsviertel um den Marronnier Park. Alles ist in die Neustadt südlich des Han-gang umgezogen. Darüber hinaus wurde Sejong City, die neue Verwaltungshauptstadt Koreas, weit südlich von Seoul errichtet. Vielleicht zog das Trauma, nicht in den Süden flüchten zu können, als 1950 mit Beginn des Koreakrieges die Sprengung der Hangang-Brücke viele dazu zwang, unter feindlicher Herrschaft in Seoul auszuharren, die Menschen in das Gebiet südlich des Flusses. Aber die Kompassnadel in meinem Herzen ist immer noch auf die Seouler Altstadt nördlich des Han-Flusses gerichtet: auf das Seoul, das mich bei meiner Ankunft begrüßte, wo ich in die Mittel- und Oberschule ging, die Universität besuchte und Freunde kennen lernte, und wo ich 30 Jahre lang als Universitätsprofessor tätig war. Auch heute noch spaziere ich gemächlich am Han-Fluss entlang und blicke manchmal auf die andere Flussseite mit den teuren Apartments in Apgujeong-dong. Aber schon bald richte ich meinen Blick wieder auf das funkelnde Wasser des Han-gang und lasse all meine Gedanken mit ihm wegfließen. Das Leben fließt und verändert sich wie das Wasser des Flusses. Ich weiß, dass Seoul eine Stadt ist, die durch die Sedimente des endlosen Flusses unseres Lebens entstand. K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Die Hochstraße über dem Cheonggye-cheon, die von Osten und Westen her Zugang zur Stadtmitte bot, wurde 2006, im Rahmen der Renaturierung des Flusses, abgerissen.

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>> Spezial 3 SEOUL im fokus

Gangnam:

wo ich geboren und aufgewachsen bin Wo liegt Gangnam? Eines steht fest: Das echte Gangnam findet sich nicht in Psys Song Gangnam Style . Aber wo dann? Und wie sieht es aus? Baek Yeong-ok Schriftstellerin | Fotos: Ahn Hong-beom, Suh Heun-gang

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Der Fluss Han-gang durchschneidet Seoul in der Mitte; das mittlerweile ber端hmte Gebiet Gangnam liegt s端dlich des Flusses. Ko re a n Cu l tu re & A rts


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m Herbst 2012 war ich in Brooklyn, New York. Es war zufälligerweise zu dem Zeitpunkt, als Psys Gangnam Style an Beliebtheit gewann und es auf Platz 2 der Billboard Charts schaffte. Während ich zwischen Brooklyn und Manhattan pendelte, konnte ich Psys Popularität nicht nur in den Nachrichten, sondern auch im Alltagsleben hautnah erleben. Das sah etwa so aus: Beim Einkaufen im Supermarkt C-Town um die Ecke hörte ich Psys Song im Radio spielen. Auf dem Nachhauseweg – Einkaufskorb in der Hand – plärrte er aus dem Cabrio eines jungen Amerikaners. Und auch noch im Oktober, als ich die Fenster zum Wäschetrocknen offen stehen hatte, tönte aus vorbeifahrenden Autos laut Gangnam Style zu mir herauf. Das Interessanteste passierte im M&M-Shop am Times Square, der kurz vor Halloween besonders voll war. Im Laden, in dem chaotisches Gedränge herrschte, lief Moonwalker von Michael Jackson. Plötzlich stoppte die Musik und Psys Song war zu hören. Und da sah ich etwas wirklich Unglaubliches: Einige Leute begannen leicht mit den Schultern zu schwingen und wenigstens fünf, sechs ahm-

ten den Pferdetanz nach. Weiße, Schwarze, Asiaten – Hautfarbe und Rasse spielten keine Rolle: Sie tanzten auf der Rolltreppe ins Erdgeschoss, vor der Freiheitsstatue aus M&M-Schokolade und vor der Spider-Man-Maske mit dem Stück Schokolade im Mund. Schon auf den ersten Blick war zu sehen, dass alle – die rechte Hand schwingend und die Hüfte rollend – einen Heidenspaß hatten.

Definition von Gangnam An diesem Tag sah ich auf der Werbeleinwand von LG U+ auf dem Times Square Psy ganze zehn Minuten lang seinen berühmten Pferdetanz tanzen. Und das umgeben von jungen Spaniern, die auf ein Autogramm von Ricky Martin nach seinem Auftritt in Evita warteten. Auch Carlos oder Pedro, die auf die Leinwand schauten, kannten den Namen des südkoreanischen Rappers ganz genau. Da war auch klar, dass ein Freund neben mir die Frage stellen musste: „Was ist denn eigentlich Gangnam Style?“ „Sieht man in Gangnam oft solch lustige Typen?“ Ich schaute zu Alma aus Istanbul und begann von Gangnam zu erzählen. Wenn ich zurückblicke,

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dann ist Gangnam für mich der Ort, an dem ich meine Kindheit verbrachte. Aber mir wurde auch bewusst, dass sich das Gangnam von heute und das Gangnam von damals doch ein wenig unterscheiden. Die koreanische Wikipedia definiert Gangnam wie folgt: „Gangnam bezeichnet das Gebiet südlich des Han-Flusses in Seoul, Südkorea. Laut einer Untersuchung von 2007 stand dieses Gebiet im weltweiten Miet-Ranking auf Platz 10. Außerdem wird Gangnam von den Eltern für die Bildung ihrer Kinder bevorzugt, da es hier viele Elite-Oberschulen, die hohe Universitäts-Aufnahmeraten für ihre Absolventen vorweisen können, und viele private Lerninstitute gibt. Das Wort „Gangnam“ an sich steht zwar für den gesamten Stadtteil südlich des Han-Flusses, aber normalerweise referiert man damit nur auf die im Osten gelegenen Stadtbezirke Gangnam-gu und Songpa-gu sowie Seocho-gu in der Mitte. Bevor sich die Bezeichnung „Gangnam“ durchsetzte, wurde das Gebiet allgemein „Yeongdong“ genannt, was für „südlich von Yeongdeungpo“ steht. Im engen Sinne gehören zu Gangnam also nur die städtischen Verwaltungseinheiten Gangnam-gu, Seocho-gu und Songpa-gu, manchmal zählt man auch Gangdong-gu hinzu. Daneben versteht man unter „Gangnam“ auch die U-Bahn-Station Gangnam (Linie 2) und die Kreuzung an der Gangnam-Station sowie das blühende Geschäftsviertel, das darum herum entstanden ist“. Eigentlich meinte „Gangnam“ für mich nur einige Stationen der Seouler Metro. Geboren wurde ich im Viertel um das Seoul Express Bus Terminal, das an der U-Bahnlinie 3 liegt, meine Mittelschule befand sich nahe der Seolleung Station der Linie 2, und als Studentin hatte ich Dates in der Nähe der Gangnam- und der Apgujeong-Station. Die Gegend um diese Stationen war Gangnam für

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Die U-Bahnstation Gangnam, Linie 2 der Metro Seoul, soll die geschäftigste Station in ganz Seoul sein.

mich. Um genauer zu sein, waren die mittlerweile verschwundene New York Bakery neben der Gangnam-Station oder McDonald’s in Apgujeong-dong für mich Gangnam.

Apartmenthäuser und Jamsu-Brücke Meine erste Erinnerung an Gangnam ist an den Wohnkomplex mit fünfstöckigen Apartmenthäusern, wo ich lebte. Als diese Siedlung später im Rahmen der Stadtsanierung in einen Wohnkomplex mit fast 30-stöckigen Apartments verwandelt wurde, fühlte ich mich meines Heimatorts beraubt. „Heimatort“ sieht in der Erinnerung der Asphalt-Kinder, die zwischen den 1970er und 1980er Jahren in Seoul geboren wurden, so aus: fünf- oder zwölfstöckige Wohnhochhäuser. Unzählige Kirsch- und Gingkobäume an den Straßen zwischen den Hochhäusern und dem Park am Han-Fluss. Spielplätze zwischen den Bäumen, die mit den Jahren voller und voller wurden. Dicht an dicht geklebte Flyer auf den Leitungsmasten und ätzender Rauch aus den Mopeds der Lieferanten der chinesischen Restaurants, die durch das Viertel flitzten. Viele betrachten Beton nur als ein kaltes Symbol der Industrialisierung. Insbesondere meine Generation, die in den Wohnhochhäusern von Gangnam geboren und aufgewachsen ist, bezeichnet man als „trockene Generation“, weil wir keine Erinnerungen an das Spielen im Dreck haben. Aber Beton hat seinen Ursprung in Stein, der wiederum auf Dreck, i.e. Erde, zurückgeht. Also ist es unmöglich, nicht auch schöne, warme Erinnerungen an Beton zu haben. Wenn Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


ich auf die 1980er Jahre zurückblicke, sauste ich immer fünf Stockwerke die Treppen hoch oder runter oder fuhr mit Freunden im Aufzug in den zwölften Stock. Ich erinnere mich auch ganz genau an die Rückenansicht der Maler, die an unglaublich langen Seilen hingen, wenn die Wohnhochhäuser mit Namen wie „Hansin“ oder „Jugong“ alle drei oder vier Jahre in anderen Farben gestrichen wurden. Besonders genau erinnere ich mich an die Spazierwege auf der befestigten Uferpromenade des Han-Flusses, die seit der Regierung Chun Doo-hwan (1980-1988) gut instand gehalten wurde. Über den Han-gang führen zwar mehrere Brücken, die die Viertel nördlich und südlich des Flusses verbinden, aber meine Lieblingsbrücke war die Jamsu-Brücke direkt unter der Banpo-Brücke, die Banpo-dong im Stadtbezirk Seocho-gu und Seobinggo-dong in Yongsan-gu verbindet. Ich war fest davon überzeugt, dass es auf der ganzen Welt keine zweite Brücke dieser Art gäbe: Diese eigenartige Brücke verschwindet bei starkem Regen ihrem Namen entsprechend – Jamsu bedeutet „ins Wasser tauchen“ – unweigerlich im Wasser! Als ich mit 21 an der Universität eine Literatur-Veranstaltung besuchte, schrieb ich sogar eine Geschichte über die Jamsu-Brücke. Diese Brücke ist so voller Poesie, dass sie an Tagen, an denen der Himmel seine Schleusen öffnet, verschwindet – so, als ob alles nur ein Trugbild gewesen wäre – und ihre tief liegende und massige Gestalt wieder zeigt, sobald der Guss vorbei ist. Am liebsten war mir ihr Anblick kurz vor der Überschwemmung, wenn die Brücke für den Verkehr gesperrt war: In dem Moment schien ich an der Grenze zwischen Realität und Irrealität zu stehen. Heutzutage schweben zwar dank des „Hang-gang RenaissanceProjekts“ gewaltige Konstruktionen wie „Seoul Floating Island“ auf dem Fluss, aber damals schwammen nur Treibholzstücke oder Wasserpflanzen darauf. Das waren Landschaftsszenen, die die

halb die Jajangmyeon (Nudeln mit schwarzer Bohnenpastensoße) vom Chinesischen Restaurant „Daraeseong“ oder die Grillhähnchen mit Knoblauch von „Banpo Chicken“ Spezialitäten waren, die man nur in Banpo kosten konnte. Da ich damals noch jung war, wusste ich nicht, dass Banpo Chicken sich abends in ein Bierlokal verwandelte, in dem Literaten wie der Kritiker Kim Hyeon oder der Dichter Hwang Ji-u bei einem Bier vom Fass bis in die frühen Morgenstunden über Gedichte und Romane diskutierten. Manchmal steigt die Erinnerung an die Nachmittage, an denen ich mit meinem Vater dort vorbeiging und wir uns unterhielten, in mir auf. Ihm war damals die Bezeichnung „Abteilung für Kreatives Schreiben“, von dem seine 16-jährige Tochter sprach, die wild entschlossen war, Schriftstellerin zu werden, zu fremd, so dass er nebenbei bemerkte, wie es denn mit Literaturwissenschaft des Koreanischen oder Englischen wäre. Im Laufe der Zeit begann ich, wenn ich dort saß, an das Algonquin Hotel in New York zu denken, wo sich in den 1920er Jahren die amerikanischen Nachkriegsschriftsteller trafen, um über Literatur zu diskutieren. Und ich dachte auch an die Katze Mathilda, die in der Hotellobby lebte. Vielleicht hing das mit der schwachen Kindheitserinnerung zusammen, dass es damals noch viele Geschäfte gab, die Katzen hielten, um Mäuse zu fangen. Als kleines Mädchen wunderte ich mich immer, warum alle Katzen „Nabi“ (Schmetterling) gerufen wurden: Warum heißen alle Katzen „Nabi“? Und warum heißen alle Hündchen „Merry“?

Die vielen Gesichter von Gangnam Interessanterweise gab es zu meiner Oberschulzeit die Bezeichnung „Banpo-Landei“. Es war die Zeit, als Apgujeong-dong am repräsentativsten mit Yu Has Gedicht An windigen Tagen muss man nach Apgujeong-dong gehen beschrieben wurde. Für den in Gangnam geborenen Dichter Yu Ha war ApguIn den 1990er Jahren war das Seouler Stadtviertel Apgujeong-dong voller jeong-dong ursprünglich ein „Raum modebewusster junger Leute. Es waren Trendsetter wie die Hipsters in der Kindheit voller Birnbäume“, aber in seinen Gedichten wurde es New York. Sie trugen weiße, hohe Sneakers von Nicoboco oder Nike und zu einer Brutstätte der Begierde. 1993, als Yu Ha einen Film mit dem Hiphop-Jeans und summten die neuesten Hits von Deux oder Seo Taiji, die obigen Gedicht-Titel herausbrachte, begann ich mit dem Studium. aus ihren Sony-Ohrhörern dröhnten, vor sich hin. Schon die Inhaltsangabe dieses Films verrät die Atmosphäre in Natur in ihren Launen je nach Jahreszeit und Wasserstand erzeugApgujeong-dong in den frühen 1990er Jahren: „Eine junge Seele, te. Hunderte von Fotos hätte ich geschossen, wenn ich damals nur die davon träumt, ein zweiter Woody Allen zu werden, kommt nach eine digitale Kamera gehabt hätte! Apgujeong-dong, wo ausländische Autos, Designer-Kleidung und In den 1980er Jahren, als das Wort „Franchise“ in Korea noch Instant-Liebe regieren. Yeong-hun, dessen einziges Mittel, sich unbekannt war, gab es in Banpo, wo ich wohnte, eine breite Paletsein tägliches Brot zu verdienen, eine 8mm-Kamera ist, entdeckt te verschiedener Bäckereien, Buchhandlungen, Kleiderläden und Hye-jin in einem roten Cabrio und verliebt sich auf den ersten Blick Restaurants. Damals war es noch unvorstellbar, dass es in einer in sie. Er hofft, dass sie in seinem Film die Hauptrolle übernimmt, anderen Gegend quasi identische Geschäfte geben könnte, wesaber sie visiert den Sprung in die High Society an.“ Es waren die K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

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Zeiten, als von Hyundai gebaute Apartmenthäuser für Reichtum standen und die Bezeichnung „Apgujeong-Orange“ aufkam, mit der man eine Gruppe Konsum-orientierter junger Leute bezeichnete, die sich um einen Kern von Personen, die in den USA studiert hatten, sammelten. Es mag lächerlich scheinen, aber etwas später kam die Bezeichnung „Banpo-Kkingkkang“ (Zwergpomeranze) als Parodie für die Apgujeong-Orange der ärmeren Schicht auf. In den 1990er Jahren war Apgujeong-dong voller modebewusster junger Leute. Es waren Trendsetter wie die Hipsters in New York. Sie trugen weiße, hohe Sneakers von Nicoboco oder Nike und Hiphop-Jeans und summten die neuesten Hits von Deux oder Seo Taiji, die aus ihren Sony-Ohrhörern dröhnten, vor sich hin. Sie verabscheuten die Melodramatik von Musikballaden und schrien verzweifelt nach der Gruppe Cool. Es waren Freigeister bekannt als „Generation X“. Ab Mitte der 1990er Jahre und mit der Millenniumwende verlagerte sich das Zentrum von Gangnam allmächlich nach Cheongdamdong. Nach der Eröffnung des Café de Flore entstanden in Cheongdam-dong, einem noblen Wohnviertel, immer mehr Geschäfte, die von Leuten betrieben wurden, die Fashion oder Kochkunst in New York oder Paris gelernt hatten. Einige Galerien erschienen und Fusion-Restaurants wie Xian oder das traditionelle französische Restaurant Palais de Gaumont. Die Tatsache, dass es in Cheongdam-dong keine U-Bahn-Station gab, verriet den Charakter dieser Gegend: Isoliert wie eine Insel, war das Viertel nur mit dem Wagen zu erreichen. Tagsüber sah man auf den Straßen Valet-ParkingBedienstete, die feiner als die Passanten herausgeputzt waren. Einige Jahre nach der Jahrtausendwende, als ich bei Harper’s Bazaar arbeitete, verlagerte sich das Zentrum von Gangnam erneut, diesmal nach Garosu-gil (wörtlich: Straße mit Bäumen am Straßenrand) in Sinsa-dong. Das geschah, als sich herumzusprechen begann, dass es in dieser ruhigen, baumgesäumten Straße Läden mit unverwechselbar eigenem Charakter gebe. Designer-Boutiquen etablierten sich. Im Vergleich zu Choengdam-dong war Garuso-gil dank der U-Bahn-Station Sinsa verkehrsmäßig besser erreichbar. Mittlerweile wurden die Betreiber der alten Geschäfte entlang der Hauptstraße durch explodierende Mieten in die Seitengassen verdrängt: Von den Läden, die 2007 Garosu-gil säumten, waren Ende

2012 nur noch weniger als 10% übrig. Ich erfuhr erst später, dass diese Betreiber die Seitengassen in einer absichtlichen Falschinterpretation „Serosu-gil“ nennen: „Garo (eigentlich: Straßenrand)“ in Garosu-gil lautet gleich wie „garo“ mit der Bedeutung „waagerecht“, „sero“ in Serosu-gil meint „senkrecht“. An den Standorten der alten Geschäfte öffneten große Franchise-Shops wie ZARA oder FOREVER 21. Dieses Phänomen, das weltweit zu beobachten ist, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Auch die besten Geschäftsviertel in Manhattan oder Paris werden auf diese Weise von solchen multinationalen Fast-Fashion Franchise-Shops überschwemmt. Einige Künstler, die diese Realität ebenso traurig finden, verlegen ihre eigenen, innovativen Zeitschriften, um Garosugil zu schützen. Und in einigen Läden finden auch immer noch Indie-Konzerte statt. Augenfällig ist, dass der Charme von Sinsadong in den kleinen Seitengassen zu finden ist, die die Gegend wie Kapillargefäße durchziehen: Dort locken immer noch Cafés und Restaurants mit frischem Duft und auch Kleiderlädchen und andere Miniläden florieren noch.

Das echte Gangnam, das man sich anschauen sollte Es ist schwer, „Gangnam Style“ zu definieren. Damit kann nämlich vieles gemeint sein: Die berühmte „Lerninstitut-Straße“ in Daechidong mit ihrem legendären „Chimabbaram“ (wörtl.: Rock-Wind), mit dem die ehrgeizigen Helikopter-Mütter ihre Sprösslinge in die Elite-Universitäten des Landes „blasen“ möchten. Oder auch ein Geschäftsviertel wie Garosu-gil, das Mekka der neuesten Trends. Oder aber die teuren Wohnimmobilien in Apartment-Komplexen wie Tower Palace oder Hyundai I-Park in Samseong-dong. Sicher ist aber, dass Psys „Gangam Style“ nicht der Style von Gangnam ist. Sein Gangnam Style besingt nicht das Gangnam im gewöhnlichen Sinne. In seinem Song gibt es nur einen Schürzenjäger-Oppa (kor.: älterer Bruder), der wild darauf ist, mit einer sexy Frau eine heiße Nacht zu verbringen, und seinen lächerlichen Pferdetanz tanzt. Er behauptet zwar, dass er Gangnam Style verkörpere, aber alle Nomen, die man gängigerweise mit Gangnam verbindet, fehlen in dem Lied. Der Song schockt in der Hinsicht, dass Bedeutung auf ganzer Linie zerstört wird. Viele dürften, bewusst oder unbewusst, eine Art Schadenfreude empfinden, wenn Psy den Pferdetanz tanzt und Gangnam sarkastisch aufs Korn nimmt. Ich habe zwar meine Kindheit in Gangnam verbracht, aber ich wohne nicht mehr dort. Realistisch gesehen ist es wegen der überhöhten Immobilienpreise und der hoffnungslos verstopften Straßen. In Gangnam mögen zwar alle guten Dinge konzentriert sein, aber

1. Garosu-gil in Sinsa-dong; dieses Gebiet – wunderschön im Herbst, wenn die Ginkgo-Bäume sich golden färben – ist ein heißes Pflaster voller trendy Cafés, Kunstgalerien und Boutiquen. 2. Jahrelang war die New York Bakery ein beliebter Treffpunkt vor der Station Gangnam. Die steigenden Mietpreise zwangen die Bäckerei zu schließen. 2012 eröffnete hier die koreanische Fast Fashion Marke 8 Seconds.

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ich habe kaum Grund, dort jemanden zu treffen. Das Gangnam der 1990er Jahre, als ich vor der New York Bakery auf meine Freunde wartete, hat in meiner Erinnerung einen besonderen Platz. Anfang der 1990er, als ich noch in der Mittelschule war, war das einzige private Lerninstitut im Viertel Daechi-dong das Hanguk Hagwon. Daher kommt mir die Umgebung der U-Bahn-Station Seolleung mit ihrer unglaublich hohen Anzahl privater Lerninstitute heute fremd vor. Es ist wahr, dass sich Gangnam zu Spitzenniveau entwickelt hat. Wer jedoch das wahre Seoul erleben möchte, der muss nach Gangbuk nördlich des Han-Flusses gehen. Es ist wie in New York: In Manhattan drängen sich die neuesten Restaurants, Geschäfte und Galerien, aber Brooklyn mit seinen vielen mittellosen Künstlern etabliert sich als Ort mit einer eigenen heißen Kulturszene. Nichtsdestoweniger gehe ich nach Garosu-gil mit seinen vielen Geschäften, wenn ausländische Freunde nach Korea kommen. An dieser Stelle möchte ich den Architekten Oh Yeong-uk zitieren, der in Trotzdem mag ich Seoul meiner Meinung nach treffend formuliert: „Was ich ausländischen Freunden, die nach Seoul kommen, zeigen möchte, ist das alltägliche Bild der Stadt. Ich möchte ihnen Erinnerungen an das ungeschminkte Seoul schenken, an alte Dinge, in die die Spuren des Alltags eingraviert sind, und die sich so nicht im Königspalast Changdeok-gung oder im Freiluftmuseum Namsan Hanok-Dorf mit seinen traditionellen Häusern finden lassen. Unter all den ausländischen Besuchern, mit denen ich durch Seoul gelaufen bin, hat ein Spanier den beeindruckendsten Kommentar abgegeben: 'Das Interessanteste in Korea sind die blauen Schaumstoff-Schützer, die an den Autotüren kleben. Ich kapiere einfach K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

nicht, warum alle so tolle Autos mit solch scheußlichen Dingern an den Türen fahren.' Er wird auf seinen Reisen durch die Welt sicherlich überall von den blauen Schaumstoff-Schützern erzählen. Jawohl, genau das ist es, was ich zeigen möchte: Blaue Schaumstoff-Schutzteile an den Autos, die Darth Vader-Masken, die koreanische Frauen mittleren Alters als Sonnenschutz beim Spazieren und Wandern tragen, die Radiosendungen, die in den Stadtbussen laufen – möglichst die, bei denen Hörer an Singwettbewerben teilnehmen, Taxifahrer, die um Mitternacht die Kundschaft selektiv nach Fahrtziel kutschieren, Etablissements, die mit HerrenfriseurSchildern auf erotische Dienstleistungen hinweisen, Kirchenkreuze mit rotem Neonlicht, und Mädchen, die sich bei Promotionsveranstaltungen zu Geschäftseröffnungen die müde Seele zur plärrenden Musik aus dem Leibe tanzen.“ Was ich meinen Freunden in Gangnam zeigen möchte, sind genau solche Dinge: Die dicht an dicht gedrängten Büros der Immobilienmakler in den Einzelhandels-Einkaufszentren jedes ApartmentWohnkomplexes; Daechi-dong bei Nacht mit seinen Straßen voll von den gelben Bussen der privaten Lerninstitute; Menschenmengen, die am Wochenende am helllichten Tag quasi in GruppentanzFormation die Straße überqueren; die Seitengassen in Sinsa-dong, die, wenn man mit Freunden vom Trinken kommt, von Flyern mit Werbung für Clubs übersät sind; die einsamen Schaufensterpuppen in den prächtigen Luxusläden, die man sieht, wenn man alleine durch die Straßen von Cheongdam-dong schlendert… Wenn Sie das wirkliche Gangnam erleben möchten, dann sind das die Dinge, die Sie sehen sollten.

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Gupabal

Villa Seokpajeong Berg Bugak-san

Internationaler Flughafen Incheon

Bukchon Hanok-Dorf

Seochon

Berg Inwang-san

Digital Media City

Dongnim-mun (Bogen der Unabhängigkeit)

Gwanghwa-mun Postamt Sejong Center for the Performing Arts (Sejong Center der Darstellenden Künste)

Hongik Universität

Sungnye-mun (Südtor)

Myeongdong Kathedrale Bahnhof Seoul

Parlament

Fluss Han-gang Internationaler Flughafen Gimpo

Boramae Park

Seoul Nationaluniversität

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Bosingak Glocken pavillon


Berg Bukhan-san

Taereung Training Center

Jeongneung Bahnhof Cheongnyangni

Berg Nak-san

Konfuzianische Akademie Seonggyungwan Insa-dong

Dongdae-mun (Osttor)

Namsan Hanok-Dorf

Sheraton Walker Hill Hotel

Berg Nam-san

Kinderpark

N Seoul Tower

Garosu-gil

Express Bus Terminal

Gangnam Station

COEX (Convention and Exhibition Center)

Yangjae B端rgerwald

Seoul Arts Center (Seoul Kunst-Center)

23 Illustration en: Jeong Ji-ho


>> Spezial 4 SEOUL im fokus

Mein Seoul: sechs Heiße Ecken Seoul hat kein Wahrzeichen vergleichbar etwa mit dem Eiffelturm oder dem Central Park. Es ist eher eine auf praktische Nutzung und Funktionalität ausgerichtete Hauptstadt als eine schöne Stadt. Aber seit meinem ersten Besuch im Jahr 2002 fühle ich mich zu dieser Stadt hingezogen. Daniel Tudor Seoul-Korrespondent, The Economist | Fotos: Ahn Hong-beom, Suh Heun-gang

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ür die rund zehn Millionen Seouler ist die Stadt ein Ort, an dem sie ihr Glück suchen, in Büros malochen, Kunst schaffen, studieren oder wie die Verrückten feiern. Jede Art von menschlicher Aktivität findet sich hier und deshalb dürften nur wirklich übersättigt-abgestumpfte Individuen nichts finden, was ihnen an Seoul gefallen könnte. Weil Seoul alles bietet und alles ist, ist es nicht ganz einfach zu etikettieren. Ein Architekt erzählte mir einmal, dass Seoul eigentlich aus zwei Städten bestehe, Gangbuk („nördlich des Flusses“) und Gangnam („südlich des Flusses“). Gangnam ist dank des Eroberungszuges des Helden Psy jetzt weltweit als Kernstadt der koreanischen Neureichen bekannt geworden. Mit seinen breiten Straßen und seinem globalistischen Diktat des „Hochhäuser-ismus“ unterscheidet es sich auch architektonisch radikal vom nördlich des Han-Flusses gelegenen Teil der Stadt. Meiner Meinung nach ist Seoul jedoch nicht in zwei Städte geteilt, sondern wenigstens in zehn. Es ist quasi eine Metropole aus „Dörfern“, von denen jedes einem eigenen Zweck dient und nach einem bestimmten Regelwerk funktioniert. Ich möchte Ihnen einige meiner Lieblingsdörfer vorstellen.

Die Straßen vor der Hongik Universität sind voller Studenten aus der Kunst-Fakultät der Hongdae und aus anderen Hochschulen in der Nähe.

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Hongdae Im nordwestlichen Teil von Seoul befindet sich ein Viertel, dessen Name eine andere Bezeichnung für „Partys feiern“ geworden ist. Bei meinem ersten Aufenthalt in Seoul bin ich viel zu oft dorthin gegangen und habe mich viel zu sehr ausgelebt. Aber das wahre Herz von Hongdae hat wenig gemein mit Clubbing und Zwei-für-einen-Tequila-Schuss. Fundament dieses Viertels ist die Kultur und das wiederum ist Resultat der hohen Anzahl von Kunststudenten von der in der Nähe gelegenen Hongik Universität (und der ebenfalls nicht so weit entfernten Universitäten Yonsei, Sogang und Ewha). Und auch diejenigen, die es noch nicht auf die Kunsthochschule geschafft haben, kommen hierher, um tagsüber ihr Können und Wissen in einem der privaten Lerninstute zu verbessern und sich abends ins Hongdae-Nachtleben zu stürzen. Ihre Kleider kaufen sie in Second-hand-Läden, bei einem Latte sinnieren sie über die Welt – natürlich in Cafés, die keiner Kette angehören – und lauschen, wenn die Indie-Bands ihrer Freunde in den lokalen Musik-Bars spielen. Solche Gruppen spielen aufs Geratewohl. Aber gerade darum geht es: Die Hongdae-Musik ist das genaue Gegenstück des sorgfältig orchestrierten K-Pop, für den Korea bekannter geworden ist. Und die guten Bands sind fast perfekt. Einige meiner Lieblingsbands stammen aus der hiesigen Indie-Szene. Third Line Butterfly, die es bereits seit 1999 gibt, hat vor kurzem mit Dreamtalk ihr viertes Album herausgebracht. Band-Leader Sung Ki-wan, der nicht nur Gitarrist, sondern auch Dichter ist und einen Musikhochschulabschluss hat, ist oft in einer abgedrehten Hongdae-Bar zu finden, wo er inmitten seiner Anhänger Hof hält. Für mich ist Hongdae jetzt zu einem Platz des Arbeitens geworden. Vielleicht weil ich, der ewige Wandergeselle, es mir jetzt anmaße, ein Verfasser von hochgeistigeren Texten zu sein, fällt mir kein besserer Ort ein als ein Café, wo ich mich auf der Suche nach der treffendsten Formulierung am Kinn kratzen und in die Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


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Leere starren kann. Und da bin ich nicht der einzige: Der Anblick des im Café festgenagelten coolen Kollegen mit dem MacBook vor der Nase, der an einem Drehbuch arbeitet, ist für mich nur allzu amüsant-bekannt. Es wird aber nicht ewig so bleiben. Hongdae erfährt eine schnelle Kommerzialisierung und damit steigen die Mieten in ungemütliche Höhen für Studenten und damit für diejenigen, die Hongdae zu dem gemacht haben, was es ist. Im letzten Jahr waren die Bewohner von Hongdae geschockt, als die symbolträchtige Richemont-Bäckerei schloss und einem der von der Lotte-Gruppe betriebenen Angel-in-Us Ketten-Cafés den Platz räumen musste. Die Künstlerszene beginnt Hongdae langsam zu verlassen und zieht in Viertel wie Mullae-dong, ein heruntergekommenes Industriegebiet ein Stück weiter weg an der Seoul Metro Linie Nr. 2. Künstlerkollektive ziehen dort in verlassene Gebäude ein und bringen damit eine Bewegung ins Rollen, die meiner Meinung nach eines Tages in einem „neuen Hongdae“ münden wird. Tatsächlich war auch Hongdae einst ein solches Viertel: Vor 20 Jahren hatten steigende Mieten junge Leute, künstlerisch Begabte und bankrotte Existenzen aus dem Nachbarviertel Sinchon nach Hongdae verdrängt.

Hyehwa-dong Auch das ist ein Studentenviertel, jedoch eine Nummer schicker als Hongdae. Hyehwa-dong ist Heimat des unabhängigen Theaters in Seoul, wo fröhlich-enthusiatische junge Leute herumlaufen, um Tickets für ihr neuestes Stück zu verkaufen. Auch Straßenkunst steht hoch im Kurs. Oft trifft man auf überraschend professionelle Straßenkünstler, die einen charmant um etwas Kleingeld bringen. Das Beste an Hyehwa-dong ist, dass hier einige tolle Trekking-Pfade beginnen. Das Gelände der Sung­ kyunkwan Universität an sich ist schon beeindruckend — insbesondere wegen Myeongnyundang, der alten konfuzinistischen Schule — , aber wenn man erst einmal das Hintertor erreicht hat, ist man wirklich schon in den Bergen. Hier sollte man sich auf den Wanderweg zum Berg Bugak-san machen, einem der Hauptgipfel von Seoul. Diese Route war einst verbotenes Terrain, da man direkt auf den Präsidentensitz Cheong Wa Dae (Blaues

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Haus) herabblicken konnte. 1969 kam ein nordkoreanisches Killerkommando, das auf den damaligen Präsidenten Park Chung-hee angesetzt war, über den Berg. Der Anschlag konnte vereitelt werden, aber bis heute sind noch die Einschusslöcher in einem Baum zu sehen, wo das nordkoreanische Kommando auf südkoreanische Einheiten traf. Der Blick vom Gipfel ist so beeindruckend, wie man es sich nur vorstellen kann, aber der Abstieg ist noch besser. Er führt nach Buam-dong, ein eher unauffälliges, schönes Viertel, in dem der Urbanismus noch nicht richtig Fuß fassen konnte. Es bietet eine ideale Atmosphäre für einen Schluck Makgeolli (nicht-destillierter Reiswein) nach anstrengendem Trekking.

Dongmyo Dongmyo ist ein konfuzianistischer Schrein aus dem 17. Jahrhundert, der auf die Forderung Chinas für den großen chinesischen General Guãn Yu ˇ (160?-219 n. Chr.) gebaut wurde. Aber es ist weniger der DongmyoSchrein, der interessant ist: In den Straßen und Gassen der Umgebung verkaufen alte Männer in baufälligen Standbuden allerlei verrückte Dinge. Wer immer schon mal über den Preis eines gebrauchten Quad, eines rostigen Saxophones, eines Porträts eines der alten koreanischen Militärdiktatoren oder einer antiken Schreibmaschine handeln wollte, für den ist Dongmyo genau das Richtige. Da das Durchschnittsalter des durchschnittlichen Käufers und Händlers in Dongmyo irgendwo jenseits von 60 zu liegen scheint, bekommt man einen Eindruck davon, wie Korea vor dem „Wunder am Han-Fluss“ gewesen sein muss. Es ist ein unkultivierter Ort, an dem sich die Leute den Weg freischreien und freirempeln — aber es ist auch ein Ort voller Freundlichkeit und Lebendigkeit. An provisorischen Imbissen am Straßenrand werden die Sojabohnenpastensuppe Doenjang-jjigae und Nudelgerichte für Preise verkauft, die jedem aus Gangnam direkt lächerlich niedrig erscheinen müssen. Dongmyo-Besucher können die kurze Strecke bis zum Dongdaemun (Osttor), das für seine Nachtmärkte und Fast Fashion bekannt ist, zu Fuß zurücklegen. Das Dongdaemun-Viertel hat aber noch eine andere Seite: Es ist Zuhause für Immigranten-Gemeinden aus Russland und Zentralasien und dem indischen SubK o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

1. Eine Szene aus dem Musical Late Night Restaurant (Spätrestaurant ) im DongSoong Art Center; TheaterLiebhaber kommen in den Theatern in Hyehwa-dong und im benachbarten Dongsung-dong, wo enthusiastische Jung-Schauspieler auftreten, auf ihre Kosten. 2. Ein Trödelladen in Dongmyo; die Straßen und Gassen rund um den konfuzianistischen Schrein aus dem 17. Jh. sind voller KuriositätenLäden, die allerlei schrullige Dinge anbieten.

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Seoul ist quasi eine Metropole aus „Dörfern“, von denen jedes einem eigenen Zweck dient und nach einem bestimmten Regelwerk funktioniert. Diese Dörfer haben abgesehen von der Tatsache, dass sie alle durch die Seoul Metro verbunden sind, nicht besonders viel gemeinsam. Aber gerade das gefällt mir. kontinent. Wer ein reichhaltiges Angebot internationaler Küchen zu vernünftigen Preisen sucht, der ist hier an der richtigen Adresse.

Yeouido Yeouido ist das Finanzviertel Seouls, ein ernsthafter Ort voller Stress-Verrückter in Anzügen und hoher Baukonstrukte aus Glas und Stahl. Ich gehe manchmal für Treffen dorthin oder wenn ich mich an meine eigene harte Zeit als Angestellter einer dort angesiedelten Investment-Firma erinnern möchte. Aber es gibt auch noch ein anderes Yeouido: Da es sich um eine Insel im Han-Fluss handelt, ist es einer der besten Orte in der Stadt für einen romantischen Uferspaziergang am Abend. Wer gerne Rollschuh läuft, dem sei der Yeouido Park empfohlen, eine langgestreckte, schmale Fläche, die die Insel in zwei Teile zu schneiden scheint. An der Stelle des Parks gab es früher ein von den japanischen Besatzern gebautes Flugfeld, das später vom amerikanischen Militär genutzt wurde. Gegenüber dem Park liegt das imposante Kuppelgebäude der Nationalversammlung, in dem seit 1975 die koreanischen Parlamentarier tagen. Die Gegend um das Parlament ist, wen sollte es wundern, ein guter Platz, um sich alle Arten von Demonstrationen anzuschauen. Das Hauptquartier der regierenden Saenuri-Partei liegt nur ein kurzes Stück die Straße hinunter, so dass der Verkehr oft von Demonstranten, die sich gegen eine augenscheinliche Ungerechtigkeit wehren, blockiert wird. Wenn ich mich mit politischer Berichterstattung zu befassen habe, sitze ich öfters am Fenster eines nahe gelegenen Cafés, um beim Arbeiten etwas Hintergründe zu sammeln. Chungmuro und Myeong-dong Bei meinem ersten Aufenthalt in Seoul wohnte ich in einem im zweiten Stock gelegenen kleinen Apartment im Viertel Chungmu-ro. Chungmuro wird wegen einiger Filmstudios in der Nähe manchmal auch das „Hollywood Koreas“ genannt. Ehrlich gesagt, ist es überhaupt nicht besonders glamourös. Aber was es besitzt, das ist ein Park, der zum Nam-san hochführt, dem Berg, der sich mitten im Herzen von Seoul erhebt. Im Winter 2004 hatte ich einen Monat lang für eine Prüfung zu lernen. Um mich etwas abzulenken, stieg ich jeden Morgen auf den Nam-san und genoss von dort aus den Blick über die ganze Stadt. Nur ein Stückchen entfernt von Chungmu-ro befindet sich Myeong-dong, das berühmte Einkaufsviertel, das heutzutage ein Muss für jeden Touristen aus Japan oder China ist. Immer wenn ich einen ordentlichen Schub von neonbeleuchteter Zehn-Leute-pro-Quadratfuß-Verrücktheit brauche, stürze ich mich ins Gewühl von Myeong-dong und hoffe, halbwegs unversehrt irgendwo neben dem Lotte Hotel in Mugyo-dong wieder herauszukommen. Mugyo-dong an sich ist auch interessant, und zwar hauptsächlich wegen des Stücks, wo Straßenessen angeboten wird und es Pojangmacha gibt, zeltartige Imbiss-Bars, die in den Sommermonaten zu meinen Lieblingsplätzen gehören. Die Stadt Seoul hat eine ganze Straße gesperrt und zur „Essenskulturzone“ erklärt, aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen: Es ist nach wie vor Mugyo-dong im authentischen Gewand. Gangnam U-Bahnstation Auch wenn ich nicht wirklich „Gangnam Style“ bin, geriete ich doch in Erklärungsnot, wenn ich die Gegend um die U-Bahnstation Gangnam nicht auch als Teil „meines Seouls“ betrachten würde. Ich habe einmal in Samseong-dong in der Nähe des COEX-Komplexes (Convention and Exhibition Center) gearbeitet und immer, wenn meine Kollegen und ich etwas Dampf ablassen wollten, machten wir uns auf, um in Gangnam

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Samgyeopsal (gegrillter Schweinebauch) zu essen und Soju (Reisschnaps) zu trinken. Danach kann es eine Runde Karaoke im „Luxus-Noraebang“ geben, wo es sogar gratis Eiscreme zur Kühlung der überbeanspruchten Stimmbänder gibt. Heutzutage gibt es noch einen weiteren Grund, an der Station Gangnam auszusteigen: Bam-gwa Eumak sai (wörtlich: Zwischen der Nacht und der Musik) ist ein Club, der Popmusik der alten Schule aus den 1980er und 1990er Jahren spielt. Korea scheint erst jetzt, nach Jahren mit nur fest auf die Zukunft gerichtetem Blick, die Nostalgie zu entdecken, weshalb solche Clubs aufmachen. Die Leute in ihren Dreißigern, die hierher strömen, können jeden Song, den der DJ auflegt, mit Kindheitserinnerungen verbinden, was für eine freundliche, amüsante Atmosphäre sorgt. Als Brite, der seine Jugend in Manchester verbracht hat, werde ich bei Namis Hit Bingeul Bingeul aus dem Jahr 1984 zwar von keinem atavistischen Schlag getroffen, aber ich bin gerne unter denen, denen es so ergeht. Wenn ich mir diesen kurzen Überblick anschaue, wird klar, dass diese Dörfer abgesehen von der Tatsache, dass sie alle durch die Seoul Metro verbunden sind, nicht besonders viel gemeinsam haben. Aber gerade das gefällt mir. Ich kann Seoul nicht in eine Definition pressen und ich bleibe gerade deshalb in diese Stadt verliebt. Seoul verfügt über die Fähigkeit, alles Mögliche für alle möglichen Menschen zu sein. Nun, was ist es für Sie? K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Radfahrer bei einer Rast im Flusspark gegenüber von Yeouido, dem Finanzviertel Seouls.

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KUNSTKRITIK

Goryeo-Seladon Subtile Eleganz Die Sonderausstellung Das Beste unter dem Himmel: Koreanisches Seladon (The Best Under Heaven,

Celadons of Korea ), die vom 16. Oktober bis 16. Dezember 2012 im Koreanischen Nationalmuseum zu sehen war, basierte auf der seit den 1990er Jahren zunehmenden Menge an Forschungsarbeiten zu dem Thema. Die in die vier Themenbereiche „Chronologie“, „Verwendungszweck“, „Einlegearbeiten“ und „Meisterwerke“ unterteilte Ausstellung bot vielfältige Möglichkeiten, das Seladon der Goreyo-Zeit, das die Blüte der koreanischen Keramikkunst darstellt, verstehen zu lernen. Soyoung Lee Kuratorin, Metropolitan Museum of Art, New York City | Fotos: National Museum of Korea

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ie universal ist der Reiz von Goryeo-Seladon? Um diese Frage zu beantworten, könnte man G. St. G. M. Gompertz, den renommierten britischen Gelehrten, Förderer und Sammler koreanischer Keramik, zitieren, der in seinem Monumentalwerk Korean Celadon and Other Wares of the Koryo Period (Koreanisches Seladon und andere Keramikwaren der Koryo-Zeit) (1963) bemerkte: „Es ist schwer jemandem, der noch keine Bekanntschaft mit koreanischem Seladon gemacht hat, zu erklären, worin genau sein Reiz besteht... Es heißt, dass koreanische Keramik 'auf einen wartet'. Ihr besonderer Reiz scheint aus der Subtilität von Form, Linienführung, Farbe und aus der Beschaulichkeit, die sie ausstrahlt, zu bestehen.“ Subtile Eleganz und keine auffällige Pracht charakterisieren die Ästhetik des Goryeo-Seladon.

Frühe westliche Aufnahme Mehr als ein halbes Jahrhundert vor Gompertzs Bemerkungen hatten die ersten westlichen Entdecker und Bewunderer Ostasiens schon damit begonnen, Seladon, diese distinktive Verkörperung der koreanischen Kunst, zu entdecken. Die große Mehrheit war jedoch mit koreanischer Kultur und Geschichte nicht vertraut und hatte das Land nie besucht. Die meisten lernten Goryeo-Seladon

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über japanische Gelehrte, Händler und Sammler kennen. So war Yamanaka Sadajiro (1866-1936), der Läden in New York und Boston besaß, eine der einflussreichsten Personen in Bezug auf die amerikanischen Sammlungen koreanischer Kunst vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert. In den Vereinigten Staaten gehörten wohlbekannte Befürworter und Sammler japanischer Kunst wie Sylvester Morse (1838-1925) und Charles Lang Freer (1854-1919) zu den ersten, die GoryeoSeladon „entdeckten“. Ihre Sammlungen befinden sich heutzutage im Museum of Fine Arts in Boston und in den beiden Galerien der Smithonian Institution: der Freer Gallery of Art und der Arthur M. Sackler Gallery in Washington, D.C. Unter den frühen Sammlern war Freer recht stark auf Goryeo-Seladon fixiert. Seine Sammlung umfasste mehr als einhundert Stücke, von denen die meisten von Yamanaka in New York stammten. Auch Liebhaber chinesischen Porzellans begannen eine Wertschätzung für Goryeo-Seladon zu entwickeln. Für Europa ist z.B. George Eumoforpoulos (1863-1929) zu nennen, dessen Keramiksammlung heute zwischen dem British Museum und dem Victoria and Albert Museum aufgeteilt ist, und für Amerika Charles Bain Hoyt (1889-1949), dessen Sammlung ans Museum of Fine Arts in Boston ging. Andere, eher eklektische Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


1. Seladon-Kanne in Form eines DrachenKarpfens. Punkte und Linien aus weißem Ton akzentuieren die Flossen und das Schwanzende. Höhe: 24,4cm, Körper-Durchmesser: 13,5cm. Aus der Sammlung des Koreanischen Nationalmuseums. 2. Seladon-Wassertropfer in Mädchen-Gestalt. Der Kopfteil dient als Verschluss; das Wasser kommt aus der Öffnung der Flasche, die das Mädchen in den Händen hält. Aus der Sammlung des Museums für Orientalische Keramik, Osaka, Japan. K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

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Sammler, deren Hauptinteresse auf europäischer Kunst lag, versuchten sich ebenfalls mit koreanischem Seladon. In ungewöhnlichen Fällen machte auch der eine oder andere, der in Korea gelebt hatte oder gereist war, koreanische Keramik, darunter Seladon, zu seiner Hauptleidenschaft. Ab dem 20. Jahrhundert hat ein verschlungenes Netzwerk von Kunstsammlern, Händlern und Museumskuratoren dazu beigetragen, eine bedeutende Sammlung von Goryeo-Seladon im Westen zusammenzutragen, wobei sich eine zunehmende Wertschätzung dieser Kunst herausgebildet hat.

Das Beste unter dem Himmel Heutzutage gehört Goryeo-Seladon immer noch zu den anerkanntesten Kategorien koreanischer Kunst und ist in den Museen Europas und Nordamerikas auch optisch am präsentesten. Besucher dieser Museen wären von der Breite und Tiefe der SeladonKunst beeindruckt gewesen, die das Koreanische Nationalmuseum in seiner jüngsten Ausstellung und seinem Begleitkatalog Das Beste unter dem Himmel: Koreanisches Seladon – eine der bislang umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Genre – vorstellte. Diese Ausstellung wurde zwar durch Exponate aus ausgewählten Museen in Korea und Japan ergänzt, stütze sich aber vornehmlich auf Seladon aus dem Besitz des Nationalmuseums. Es wurden gezeigt: repräsentative Objekte wie eine Gruppe von Bisaek(jadegrünen)-Stücken, die aus dem Grab von König Injong (reg. 1122-1146) stammen sollen und wegen ihrer zurückhaltenden Linienführung und gedämpften Farbskala bemerkenswert sind; bekannte Meisterwerke wie ein Räuchergefäß in Löwenge-

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stalt, dessen Löwenfigur mit ihrer glänzenden, grünen Glasur eine gewinnende Kombination aus Würde und Charme darstellt; eine Maebyeong-Vase – wohl eins der berühmtesten Exponate mit Einlege-Dekor –, deren ganzer Körper mit einem Dekor aus Federwölkchen und fliegenden Kranichen verziert ist, und deren Schulterbordüre an Textildesign (Klöppelspitzenarbeit) erinnert; eine Weinkanne in Kalebassenform mit Verschluss und Untersatz, auf der die lebendigen Knabenfiguren mit dem Rhythmus der schwingenden, durch kupferrote Ausbrüche akzentuierten Weinranken korrespondieren. Außer den genannten Seladon-Arbeiten waren auch gewöhnlichere Stück wie die Folgenden zu sehen: eine blumenförmige Dose mit Deckel in einem Kupferrotton, der technisch schwer erfolgreich zu gewinnen ist und die Blume besonders lebendig wirken lässt; eine Lohan Statue, die deutlich daran erinnert, dass Goryeo ein buddhistisches Reich war, und die idiosynkratischen und ausdrucksstarken Eigenschaften eines Lohan oder Arhat, eines vollendeten buddhistischen Heiligen, einfängt; Stücke mit Beschreibungen wie „Schale“, die vielleicht nicht zu den hochwertigsten Seladon-Arbeiten gehören mögen, aber wegen der auf ihre Verwendung als taoistisches Ritualgeschirr hinweisenden Inschriften bemerkenswert sind.

Wichtige Ausstellungen in Amerika und Europa Einige der jüngst in Seoul ausgestellten Exponate waren bereits im Westen zu sehen. Besonders erinnernswert ist 5.000 Years of Korean Art (5.000 Jahre koreanischer Kunst), eine groß angelegte, von der koreanischen Regierung (zusammen mit dem NationalKorean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


1. Seladon-Räuchergefäß mit Deckel in Löwengestalt. Vor der Entwicklung fortgeschrittener Seladon-Fertigungstechniken, die zur Schaffung elaborierter Stücke mit Tier-Skulpturen führen, wurden Räuchergefäße meist aus Metall gearbeitet. 12. Jh.; Höhe: 21,1cm. Aus der Sammlung des Koreanischen Nationalmuseums. 2. Seladon-Kundika mit neun Drachenköpfen. Diese Flasche weist eine feine Gravurtechnik und den wertvollen jadegrünen Bisaek-Farbton aus dem goldenen Zeitalter des Goryeo-Seladon auf. Höhe: 33,5cm. Aus der Sammlung des Museums Yamato Bunkakan, Nara, Japan. K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

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1. Seladon-Maebyeong mit eingelegtem Wolken- und Kranich-Dekor. Die in Schwarz und Weiß eingelegten Kraniche innerhalb der Kreise fliegen aufwärts, die Kraniche außerhalb der Kreise abwärts. 12. Jh. Höhe: 42,1cm, Basis-Durchmesser: 17cm. Aus der Sammlung des Kansong Kunstmuseums, Seoul. 2. Seladon-Kanne in Form eines Unsterblichen. Das Wasser wird durch die Öffnung im Vorderteil des Kopfstücks eingefüllt und fließt durch die Öffnung im nach vorne gehaltenen Pfirsich hinaus. Erste Hälfte 13. Jh. Höhe: 28,0cm, Basis-Durchmesser: 11,6cm. Aus der Sammlung des Koreanischen Nationalmuseums. Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


„Kunstpuristen sind vielleicht stärker beeindruckt von den bekannten perlengrünen Seladon-Keramiken, von sinnlich geformten Flaschen bis hin zu ganz einfachen Dachziegeln, die zeigen, warum die Koreaner als die besten Töpfer in Ostasien gelten.“ museum) auf den Weg gebrachte Wanderausstellung, die von 1979 bis 1981 in verschiedenen amerikanischen Museen zu sehen war. Diese Ausstellung, die für viele einer Offenbarung gleichkam, trug dazu bei, Korea im Bewusstsein der Besucher als Bestandteil der ostasiatischen Kulturen zu verankern. Gezeigt wurden einige der anspruchsvollsten Beispiele von Goryeo-Seladon, darunter auch Exponate aus Das Beste unter dem Himmel wie die MaebyeongVase mit eingelegtem Päonien-Dekor und aufgemalter Kupfer-Dekoration. In einer Besprechung der Ausstellung, die die Zeitschrift People im Jahr 1979 brachte, heißt es: „Kunstpuristen sind vielleicht stärker beeindruckt von den bekannten perlengrünen Seladon-Keramiken, von sinnlich geformten Flaschen bis hin zu alles andere als einfachen Dachziegeln, die zeigen, warum die Koreaner als die besten Töpfer in Ostasien gelten.“ 1984 wurden die Exponate in London unter dem Titel Treasures from Korea: Art Through 5,000 Years (Kunstschätze aus Korea: 5.000 Jahre der Kunst) ausgestellt. Einige der Stücke aus japanischen Sammlungen, die im Rahmen von Das Beste unter dem Himmel gezeigt wurden, sind auch im Westen bekannt, insbesondere die Exponate aus der berühmten Ataka-Sammlung im Museum für Orientalische Keramik in Osaka. Die berühmten Wassertropfer in Gestalt eines Jungen und eines Mädchens, die zu den herausragendsten Beispielen für GoryeoSeladon gehören, sind delikat und betörend zugleich. Jede Einzelheit – vom Gesichtsausdruck der Figuren über die Falten und kleinen Muster auf ihren Gewändern bis hin zum verfeinerten SeladonFarbton – verrät die meisterhafte Hand des Töpfers. Dieses Paar und andere superbe Stücke aus der Ataka-Sammlung wurden in Museen in den Vereinigten Staaten gezeigt, zuletzt 2002 im Metropolitan Museum of Art. Was den Zeitraum vor den 1980er Jahren betrifft, so fand in den USA 1968 eine bahnbrechende Präsentation koreanischer Keramik unter dem Titel The Art of the Korean Potter (Die Kunst des koreanischen Töpfers) statt, die von Robert P. Griffing, Jr. organisiert und in der Asia House Gallery der Asia Society in New York gezeigt wurde. Alle Exponate stammten aus 27 großen amerikanischen Museen und Privatsammlungen, darunter dem Art Institute of Chicago, der Avery Brundage Foundation in San Francisco, dem Brooklyn Museum, dem Cleveland Museum of Art, der Honolulu Academy of Arts, dem Philadelphia Museum of Art, dem Metropolitan Museum of Art und dem Museum of Fine Arts, Boston. Zu K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

diesem Zeitpunkt existierten bereits bedeutende Sammlungen von GoryeoSeladon in den USA. Aber anders als heute gab es kaum Ausstellungsräume, die exklusiv der koreanischen Kunst gewidmet waren, und die meisten Objekte wurden der Öffentlichkeit nie auf eine sinnvoll-eingängige Weise vorgestellt. Diese Ausstellung präsentierte dem Publi2 kum jedoch eine beeindruckende Sammlung von Goryeo-Seladon, die von amerikanischen Sammlern und Kuratoren zusammengetragen und in ihrem Wert gewürdigt wurde.

Neues Verständnis Was die frühen westlichen Bewunderer von Goryeo-Seladon fesselte, findet auch heute noch Anklang bei Kunstliebhabern: die Schönheit der zarten jadegrünen Glasur, der Sinn für Laune und Verspieltheit in Form oder Design und die innovativen Einlege-Dekore. Was heute anders ist, ist der Kontext: Ein besseres Verständnis der Geschichte und Ästhetik des koreanischen Seladon, ja, der koreanischen Kunst allgemein, hat zu einer neuen und nuancierteren Wertschätzung geführt. Zweifelsohne hat dazu auch beigetragen, dass Seladon-Stücke häufiger zu sehen sind. Die wachsende Liste von der koreanischen Kunst gewidmeten Galerien in den Museen rund um die Welt bedeutet auch, dass es mehr ständige Ausstellungen von Goryeo-Seladon gibt, an denen sich die Besucher erfreuen können. Wiederholtes Sehen schafft Bekanntheit und auch oft Zuneigung. Ein tieferes Verständnis über Herstellungsprozess und Verwendungszweck hilft dabei, die Geschichte der Exponate zu rekonstruieren. Ironischerweise könnte die 'beschauliche' Natur von Goryeo-Seladon einen verlockenden Reiz auf den Betrachter des 21. Jahrhunderts ausüben, vermittelt es doch in der Welt der grellen Lichter und Kakophonie ein Gefühl des Mysteriösen.

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AUF DER WELTBÜHNE

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Dominic Pangborns „Zufälliges Glück“

Dominic Pangborn, ein in Detroit ansässiger Künstler, Graphikdesigner, Unternehmer und Philantrop, nimmt mit der Zeitschrift Koreana in der Hand Platz, um über die Einstellung und Philosophie zu sprechen, die einem zehnjährigen, gemischtrassigen Adoptivkind, das frühreif war und es nicht einfach im Leben hatte, in verschiedenen Bereichen, die Kunst und Design miteinander verbinden, internationale Erfolge brachten. Maya West Freiberufliche Schriftstellerin und Übersetzerin; University of Michigan M.F.A. | Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Pangborn Design

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eden Samstag um 19.10 Uhr strahlt der koreanische TV-Sender KBS1 die Dokumentationssendung Zeitalter des internationalen Erfolgs aus, in der Erfolgsgeschichten von Koreanern in aller Welt berichtet werden. Im Herbst 2011 handelte eine dieser Erfolgsgeschichten von Dominic Pangborn, einem in Michigan ansässigen Künstler und Designer, der als koreanisches Adoptivkind nach Amerika gekommen ist. „Es war verrückt“, erinnert sich Pangborn, als wir uns für unser Interview in dem schön ausgestatteten Hauptquartier von Pangborn Design in Detroit treffen. „Nach der Ausstrahlung der Sendung erhielt ich über Nacht an die zweitausend Facebook-Anfragen.“ Hat er denn alle 2.000 angenommen? „Natürlich!“, erwidert er mit einem Lächeln. „Und ich habe mir jedes einzelne Profil meiner neuen Freunde angeschaut.“ Wie lange hat er dafür gebraucht? „Nun, da ich nicht gerade viel schlafe, nur ein paar Tage. Auf viele von den Anfragen habe ich morgens um vier oder fünf geantwortet. “

Eine Erfolgsgeschichte Pangborn, der jetzt in seinen Sechzigern ist, könnte selbst mit seinem silbernen Haarschopf noch als 45-Jähriger durchgehen. Vital – so ließe sich sein Äußeres wohl am besten beschreiben. „Ich erledige alles sehr, sehr schnell“, sagt er. „Bei mir dreht sich alles um Geschwindigkeit. “ Tatsächlich scheint sein Gefühl für Geschwindigkeit, für Schwungkraft, schon seit langem ein bestimmendes Charakteristikum von Pangborns Leben und Berufslaufbahn zu sein. Als Fünfzehnjähriger, der noch ein bisschen unsicher im Englischen war, schaffte er es in Jackson, Michigan, innerhalb von wenigen Monaten nach Arbeitsbeginn zum Manager des örtlichen McDonald’s. „Ich habe wirklich Respekt für McDonald’s, wissen Sie“, fügt er hinzu. „Ich finde es genial, dass man nach vier Wochen Training, und das mit nur ein paar Stunden pro Woche, aus einemTeenanger einen Manager machen kann. “ Als er danach in die Großstadt ging und an der renommierten Chicago Academy of Fine Arts sein Kunststudium aufnahm, konnte Pangborn in einem kleinen Design-Studio für drei Dollar die Stunde eine Lehre machen. Und auch da bewegten sich die Dinge schnell: „Zwölf Monate, nachdem ich angefangen hatte, kam mein Boss zu mir und fragte: Hast du’s schon gehört? Du bist jetzt mein Boss.“ Pangborn lächelt. „Natürlich hatte er gekündigt. “ Drei Jahre später, als Pangborn sein Studium mit einem Abschluss in Graphikdesign beendete, betrat er den Arbeitsmarkt nicht nur mit drei Jahren Berufserfahrung als Chefdesigner einer Firma, sondern auch als Verkaufsleiter. Was als Nullachtfünfzehn-Lehre begonnen hatte, hatte sich zu einem allumfassenden Probelauf für Aufbau und Management einer eigenen Firma entwickelt. Genau das tat er auch: 1979 gründetet Dominic Pangborn Pangborn Design Ltd. Dabei war er zu der Zeit noch in seinen Zwanzigern, hatte in der Zwischenzeit geheiratet, war nach Detroit gezogen und hatte das Angebot, leitender Stellvertretender Direktor einer viel größeren Designfirma zu werden, abgelehnt. Aber das war nur der Anfang. Heute ist Pangborn Design eine florierende Firma mit jahrzentelanger Erfahrung nicht nur in Graphikdesign, sondern auch in Verpackungsdesign, Produktdesign und Marketing. Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte: Seitdem sich Pangborn vor mehreren Jahrzenten als junger Mann in Detroit niedergelassen hat, spielt er eine wichtige Rolle im Gemeinschaftsleben der Stadt: Er war in an die 50 verschiedenen Vorständen und Räten aktiv und unterhält Verbindungen zu verschiedenen wohltätigen Organisationen. „Ich war selber überrascht“, erklärt er, als er mein Erstaunen angesichts der Zahl 50 bemerkt. „Aber diese Zahl hat mir mein Mitarbeiter, der alles zusammengezählt hat, genannt. Fünfzig!“ Pangborn ist auch in Sachen Bildung aktiv und reist oft umher, um vor Schülern und Studenten zu sprechen. Die Kammer der Region Detroit hat ihn mit dem „Emerging Global Leader Award“, einem Preis für aufstrebende internationale Führungspersönlichkeiten, geehrt. Und wahrhaftig ist – wenn auch in weniger offiziellem Rahmen – Pangborn so etwas wie ein Wegbereiter für die aufkeimende kulturelle Renaissance, die jetzt (neben niedrigen Mieten) mittellose Künstler aus anderen Teilen des Landes nach Detroit zieht. Als er das riesige weiße Gebäude im Rivertown Warehouse District, das Hauptquartier seiner Firma werden sollte, entdeckte, stand alles einen Meter unter Wasser und K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

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1. Designer, Künstler und Unternehmer Dominic Pangborn in seinem Detroiter Studio. 2. Pangborn setzte in den frühen 1980ern mit seinen Krawatten Zeichen in der internationalen Modewelt – was ihm den Spitznamen „The Tie Guy” (der Krawattenmann) einbrachte.

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das Dach war eingebrochen. Er kaufte es trotzdem und verwandelte es unter Einsatz beträchtlicher Investitionen und Renovierungsarbeiten in den luftigen Studio- und Galerie-Raum von heute. Entlang der Wand des gut geordneten, hellen Raumes, in den wir uns für unser Gespräch gesetzt haben, ziehen die ausgestellten farbenfrohen, von Pangborn entworfenen Krawatten und Schals den Blick auf sich. Es waren diese kühnen Designs, mit denen Pangborn international ein Zeichen setzte und die ihn in den frühen 1980er Jahren zu einem Namen in der Modewelt machten. Sein Auge für Farben und Muster sorgte dafür, dass seine Artikel schon bald in den Schaukästen von gehobenen Einzelhändlern wie Saks Fifth Avenue und Nordstrom zu sehen waren. Selbst heute noch, 30 Jahre später, machen Pangborn Accessoires einen beachtlichen Teil des Firmenumsatzes aus. Fragt man nach seinem Erfolg in der Modebranche und seinem bekannten Spitznamen „The Tie Guy“ (der Krawattenmann), wehrt Pangborn leichthin ab: „Das war doch alles nur Zufall. Ich habe es aus reinem Spaß ausprobiert und es hat geklappt.“ Er lehnt sich zurück und meint: „Falls ich mal ein Buch über mein Leben schreiben sollte, nähme ich als Titel ‚Zufälliges Glück‘.“

Glückliche Zufälle „Nun, es fängt schon damit an, dass ich ein Kind des Zufalls war“, fährt Pangborn mit einem etwas kläglichen Lächeln fort. „Ich hoffe, es war ein glücklicher Zufall. Es war eine Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau, einem amerikanischen Soldaten und meiner Mutter. Ich weiß nicht, wie diese Begegnung war und es ist mir auch egal. Ich bin nur froh, dass es sie gab.“ 1952 als Jeong Seong-hun in der Provinz Chungcheong-do geboren, verbrachte Dominic Pangborn die ersten zehn Jahre seines Lebens in mancher Hinsicht isoliert von der Welt. In der Gemeinschaft seines kleinen Dorfes, die vielleicht aus einem Dutzend Familien bestand, war seine Gemischtrassigkeit selten ein Thema. „Wir lebten abgeschieden, wie einer dieser versteckten Stämme, und wir kümmerten uns umeinander“, erklärt er. „Es war wie ein Clan-Netzwerk. Wir waren der Jeong-Clan und im nächsten Dorf lebten der KimClan und der Park-Clan.“ Kann es wirklich sein, dass er nie gehänselt wurde? „Ein paar Mal schon. Von den Kims, soweit ich mich erinnere. Es gab zwei Kim-Jungs, die einfach meinen Schneid hassten und die mich ,Miguk-nom‘ nannten. Das bedeutet ,amerikanischer Bastard‘.“ Achselzuckend fügt er hinzu: „Mir hat das wirklich nichts ausgemacht. Meiner Mutter hat das wahrscheinlich mehr Sorgen bereitet als mir.“ Es waren wohl solche Bedenken, die Pangborns Mutter 1962 an die Möglichkeit denken ließen, ihren Sohn zur Adoption freizugeben. Frühreif, wie er war, gehörte Seong-hun immer zu den Besten in der Dorfschule und wurde regelmäßig zum Klassensprecher gewählt – eine Ehre, die nur dem Spitzenschüler zukam. Es war zum Teil dieses Potential, das die Aufmerksamkeit eines amerikanischen katholischen Missionars auf sich zog, der der Mutter dann folgenden Vorschlag unterbreitete: Er würde den kleinen Seong-hun mit nach

1. Kim Ki-duk (left) poses after winning the Best Director award at the Venice Film Festival in 2004 for “3-Iron” with Alejandro Amenábar, a Spanish film director, who received the Grand Prix of the Jury for “The Sea Inside.” 2. Scene from “Spring, Summer, Fall, Winter . . . and Spring,” a film that marked a new phase in Kim’s career. 3. Poster for “The Bow” (2005) 4. Poster for “3-Iron” (2004)

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Amerika nehmen und ihn in einer guten Familie unterbringen, die ihm alle Möglichkeiten bieten könne. Auf diese Weise könnte das Stigma, das gemischtrassigen Kindern im Korea der Zeit anhing, und die damit einhergehenden Probleme vermieden werden. Pangborns Mutter überließ die Entscheidung ihrem Sohn: Er konnte gehen oder bleiben, ganz wie er wollte. Im Alter von zehn Jahren entschied sich der Junge, der außer seinem Dorf nichts von der Welt kannte und kein Wort Englisch sprach, zu gehen. Die Pangborns hatten bereits elf eigene Kinder, als sie Dominic bei sich aufnahmen. Eine ganze Lebensspanne später ist Pangborn immer noch ein Sohn, der für die Anstrengungen und Sorgen seiner Eltern dankbar ist. Zwei oder drei Mal pro Monat besucht er seine 91-jährige Adoptivmutter in Jackson. Damals jedoch war der Wechsel von einer Welt in die andere schwierig. Er formuliert es so:„Mit einem Schlag wurde aus einem klugen, ein dummer Junge. Ich konnte nicht lesen, ich konnte nicht sprechen. Ich konnte rein gar nichts verstehen. Ich war ein Schwachsinniger geworden.“ Er erzählt, dass er ein halbes Jahr zurückgestellt wurde und die vierte Klasse noch einmal machen musste, eine Erinnerung, die immer noch schmerzt. „Es kam mir wie noch ein Rückschlag mehr vor.“ 3 Diese Rückschläge erwiesen sich aber rückblickend gesehen als glückliche Umstände, denn sie halfen, seinen Notendurchschnitt nach oben zu bringen. In seinem zweiten Jahr an der High School belegte Pangborn seinen ersten richtigen Kunstunterricht. „Ich dachte, jeder kann doch zeichnen! Jeder kann malen!“ Es war gerade in diesem Unterricht, dass Pangborn das Ausmaß seines künstlerischen Talentes bewusst wurde. Und einige Jahre später, während seiner ersten Woche an der Chicago Academy of Fine Arts, erkannte er, dass das Englisch seiner amerikanischen Kommilitonen in keinster Weise besser war als sein eigenes. „Ich verstand besser als sie, was die Lehrer sagten.“ Während der unglaublich produktiven Karriere, die dieser ersten Bewusstwerdung folgte, wurde Dominic Pangborn immer wieder gefragt, woher er seine Inspirationen bekomme. Und er antwortet immer, dass alles aus Korea stamme. „Sie müssen wissen“, erzählt er, „dass damals, in den Fünfzigern, ein großer Teil des Landes noch völlig ausgebombt war, aber – wow – es war großartig! Daher kommt Kreativität. Denn wenn man nichts hat, dann muss man nachdenken, dann muss man Dinge erfinden. Man kann nicht einfach losziehen und dies und das kaufen. Man rollt Murmeln aus dem Lehm am Fluss. Man überlegt sich, wie man eine Öllampe für Mutter basteln kann. Diese Erinnerungen sind deutlicher als das, was gestern geschah.“

1. All Good Things (Alle guten Dinge) (2010), 30 x 60 x 10 cm, 3D-Kunst auf Aluminum, verschiedene Medien. Pangborn hat jedes einzelne Element dieser optischen Täuschung von Hand aus dünnen Aluminiumfolien gestaltet. 2-3. Pangborns Design-Ausflüge in den Bereich Küchenutensilien umfassen moderne und eher tradtionelle Tee-Service.

Hundert Pfeile Plötzlich schaltet Pangborn die Deckenbeleuchtung aus und der höhlenartige Studio-Anbau ist in fast völlige Dunkelheit getaucht. Das schwache Wintersonnenlicht, das durch einige hohe Fenster hereinfällt, verblasst bereits, als aus dem Nachmittag Abend wird. Überall um mich herum beginnen Gemälde zu glänzen. Blumen und Schmetterlinge kommen an Stellen hervor, wo es zuvor nichts gegeben hatte. Auf meinen Ausruf des Erstaunens hin lacht Pangborn erfreut – es ist ein deutliches Kinderkichern. Von dem Moment an, als er mich auf eine Besichtigungstour durch seine Arbeitsräume mitnimmt, ist es einfacher, sich den kleinen Jungen vorzustellen, der am Fluss Murmeln aus Lehm rollt: Die Jahre fallen völlig von ihm ab und seine Augen leuchten, sein Benehmen hat etwas Spielerisches. Eins ist offensichtlich: Dominic Pangborn liebt das, was er tut. Bis noch vor fünf Jahren war Kunst meist nur ein Hobby für Pangborn. Sein Geschäft war das Design. Angesichts des tiefgreifenden Wandels, der den Graphikdesign-Markt mit der Verbreitung von DIY-Vorlagen und Computerprogrammen erfasste, dachte Pangborn, dass es an der Zeit für einen neuen Richtungswechsel sei – und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Es ist keine 2

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1. Pangborns Wurzeln im Graphik-Design sind in seinen diversen Accessoires noch offensichtlich. 2. Lisa’s Garden (Lisas Garten) (2005), 60 x 90 cm, Öl auf Leinwand. Zeitgenössische Öl- und Acryl-Malereien gehören zu den jüngeren von Pangborns Werken.

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Übertreibung zu sagen, dass Pangborns Gemälde, von denen viele von der in Michigan ansässigen Park West Gallery vertrieben werden, ein Riesenhit sind. Ein Rundblick durch sein Studio verrät warum. Seine Werke, die so gut wie jede Stilrichtung der Malerei und unterschiedliche Medien abdecken (darunter auch Skulpturen und sogar die schönen Teppiche unter meinen Füßen), geben Aufschluss über das bemerkenswerte Gleichgewicht zwischen erstaunlichem künstlerischen Talent und beeindruckendem Geschäftssinn. Seine Kunst sucht anzusprechen, zu gefallen, nicht anzugeben oder einzuschüchtern. In einer Serie von 3D-Arbeiten versucht Pangborn z.B. die Illusion eines zurückweichenden Galerie-Korridors zu schaffen, indem er geschickt verschiedene Winkel manipuliert: ein optischer Trick, der ein Gefühl des Hineingezogenwerdens vermittelt. (Ein 12-Meter-Auftragsversion dieses Werks hängt in Marlins Ballpark in Miami.) In ähnlicher Weise sind die leuchtenden Schmetterlinge und Blumen, die durch die Kombination eines durchsichtigen, nachtleuchtenden Mediums mit Farbe entstanden, wie ein Augenzwinkern Pangborns in Richtung Käufer: eine Methode, Kontakt herzustellen. „Wissen Sie, ich mache immer eine Sache zu einer Zeit“, erzählt er, als ich mein Erstaunen über die schiere Anzahl der unterschiedlichsten Projekte um uns herum zum Ausdruck bringe. „Oder besser gesagt, mehrere Sachen zu einer Zeit. Wenn man hundert Pfeile auf ein Ziel abschießt, dann werden wenigstens eine Handvoll das Ziel treffen. Und wer weiß? Vielleicht trifft einer ja auch ins Schwarze.“ Das ist eine Lebensphilosophie des unerbittlichen Optimismus, der ungebrochenen Energie. „Es gibt eine unglaubliche Anzahl von Jammerern da draußen“, erklärt Pangborn. „Meine Antwort ist: Wenn du glaubst, dass du es besser kannst, dann tu´s doch einfach!“ Bis zu einem gewissen Grade erstreckt sich diese Haltung auch auf die immer noch anhaltende Debatte über internationale Adoptionen in Korea, ein Thema, das Pangborn sehr am Herzen liegt. Für ihn bedeuten weniger Möglichkeiten für internationale Adoptionen (und Förderung von Inlandsadoptionen), dass Kindern die Chance genommen wird, zu tun, was er selbst getan hat: voranzukommen und es besser zu machen. Diese Aussage aus dem Munde eines Adoptivkindes, das in Korea sogar eine Familie hatte (einschließlich Geschwister, mit denen er jetzt wieder Kontakt hat), ist besonders interessant, zumal, positive Einstellung hin oder her, auch Pangborns eigene Erfahrungen alles andere als schmerzlos waren. Als er z.B. in den frühen 1980er Jahren, als er meinte, genügend Geld gespart zu haben, um seiner Familie wirklich helfen zu können, zum ersten Mal nach Korea zurückkehrte, musste er feststellen, dass er fünf Jahre zu spät kam. Seine Mutter war verschieden, ohne dass er davon erfahren hatte. „Ich liebe meine Mutter“, erklärt er. „Und ich wünsche... nun, wünschen können wir alle viele Dinge. Aber wissen Sie was? Eltern, dass sind auch die Menschen, die einen großziehen. Mit der Adoption habe ich keine Mutter verloren. Ich habe eine Mutter und einen Vater gewonnen.“ „Ich verwende oft das Wort ,Evolution‘. Das ist es, um das es in meinem Leben wirklich geht. Ich lasse die Dinge gerne so fließen, wie sie fließen, und ich bleibe immer flexibel, so dass ich, wenn ich schnell eine Kehrtwende machen muss, das auch schnell kann. Wenn ich beim Autofahren eine rote Ampel sehe, schwenke ich gleich ab und fahre drumherum – und, wissen Sie, ich hatte noch immer Glück!“ „Ich kann alles in etwas Positives verwandeln“, sagt er und lächelt wieder. Nun, es ist kaum zu bestreiten, dass er genau das getan hat.

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„Wissen Sie, ich mache immer eine Sache zu einer Zeit. Oder besser gesagt, mehrere Sachen zu einer Zeit. Wenn man hundert Pfeile auf ein Ziel abschießt, dann werden wenigstens eine Handvoll das Ziel treffen. Und wer weiß? Vielleicht trifft einer ja auch ins Schwarze. “

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KUNSTHANDWERKER

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m nördlichen Teil von Seoul gibt es einige Viertel, in denen man die Tradition noch hautnah in Augenschein nehmen und spüren kann. Eins der repräsentativsten davon ist Bukchon (Nördliches Dorf), wo sich die Werkstätten von Meistern, in denen das Familienhandwerk schon seit Generationen weitergegeben wird, dicht an dicht drängen. Kumbakyeon (Geumbakyeon: Blattgold-Fest), die Werkstatt von Kim Deok-hwan, liegt in Gahoe-dong, einer Gegend mit besonders hoher Konzentration von traditionellen, ziegelgedeckten Hanok-Häusern innerhalb von Bukchon.

Fünf Generationen Vergoldermeister Bei „Blattgold“ handelt es sich um hauchdünne Folien, die durch das Schlagen von Gold hergestellt werden, und „Blattvergoldung“ bezeichnet das Anbringen des Blattgoldes auf den zu dekorierenden Gegenstand, wobei im Koreanischen beides als „Geumbak“ bezeichnet wird. Das älteste Blattgold-bezogene Dokument geht auf die Vierte Dynastie des alten Ägypten (2613-2494 v. Chr.) zurück, auf das sog. „Goldene Zeitalter“ des Alten Königreiches. In Korea geht aus dem Samguksagi (Geschichte der Drei Königreiche) (1145) hervor, dass während der Herrschaft von König Heungdeok (reg. 826-836) im Vereinten SillaReich (676-935) die verschiedenen Arten von Blattgold-Dekorationen auf der Kleidung den gesellschaftlichen Status des Trägers verrieten. Das Haupttor von Kumbakyeon, einem ㄷ-förmigen, schlichten Hanok-Haus, führt auf den Hof, wo überall verstreut mit Blattgold verzierte Werke ausgestellt sind, sei es die Holzveranden entlang oder am Schuppentor. Blattgold-Dekorationen in Form von Pfingstrosen auf blauseidenen Lesezeichen, Drachen auf Handyhüllen und Pflaumenblüten auf Fliegen verleihen Alltagsgegenständen eine elegante Note. Aber die goldenen Stücke scheinen im Vergleich mit dem durchdringenden Blick von Kim Deok-hwan, Träger des „Wichtigen Immateriellen Kulturgutes Nr. 119“ für den Bereich der Blattvergoldung, ihren Glanz zu verlieren. Der 79-jährige Künstler sagt, dass er diesen scharfen Blick gewann, weil er sein Leben lang den glänzenden Schein von Blattgold vor Augen hatte. Heutzutage gilt die Blattvergoldung als ein einfaches Handwerk, bei dem Blattgoldmuster auf Textilien angebracht werden, aber das traditionelle Vergolder-Handwerk umfasst mehrere recht komplizierte und anstrengende Arbeitsprozesse. Am Hof der Joseon-Zeit (1392-1910) wurde jeder einzelne Prozess von einem speziellen Handwerker übernommen: das Schmelzen des Goldes, die Verarbeitung zu glatten, dünnen Folien, das Gravieren der Muster in Holzblöcke, die Herstellung von Fischleim, das Anbringen des Blattgoldes auf den Textilien usw. „Zurzeit verwende ich fabrikgefertigte Goldfolie und führe dann die übrigen Prozesse selbst durch. Am

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1. Goldene Drachen-Insignien auf dem Brustteil des Zeremonialgewands einer Königin, angebracht von Kim Deokhwan. 2. Kim beim Nachbessern eines mit Goldornamenten geschmückten Stoffs.

Kim Deok-hwan

Meister der Blattvergoldung, Familientradition in fünfter Generation Kumbakyeon, im Seouler Hanok-Viertel Bukchon gelegen, heißt die Werkstatt von Meister Kim Deok-hwan, der die Blattvergoldung als Familienhandwerk fortsetzt. Wurden früher hauptsächlich zeremonielle Hofgewänder mit Blattgold verziert, so dekoriert man heutzutage auch Handyhüllen oder Fliegen mit goldenen Mustern. Die Werkstatt steht Besuchern offen. Park Hyun-sook Freie Schriftstellerin | Fotos: Suh Heun-gang K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

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schwierigsten war früher, den in Hanji (traditionelles koreanisches Papier aus der Rinde des Maulbeerbaums) gewickelten Klumpen puren Goldes mehrere Tage und Nächte lang zu schlagen, so dass Goldfolien entstanden, die so fein waren, dass sie schon von einem Atemhauch weggeweht werden konnten. Diese Arbeit mache ich jetzt nicht mehr.“ In jungen Jahren hatte Meister Kim großes Interesse an der Maschinenmontage und wollte Ingenieur werden. Aber als er sah, dass sein alter Vater zu schwach für die Arbeit geworden war, betrachtete er die Weiterführung des Familienhandwerks als sein Schicksal. Er sagt: „Wenn ich eine Applikationsarbeit, an der ich mit Leib und Seele gesessen habe, beende, erfüllt mich eine unermessliche Freude, die nur mir allein gehört. Niemand kann diese Freude nachvollziehen.“ Zurzeit helfen ihm zwar sein Sohn Kim Gi-ho (45), der das Handwerk bereits seit über zehn Jahren ausübt, und seine Frau Park Su-yeong (45), aber der Meister legt die Blöcke zur Blatt„Wenn ich eine Applikationsarbeit, an der ich mit Leib und Seele vergoldung nicht aus der Hand. Die Familie von Meister Kim begann 1856, gesessen habe, beende, erfüllt mich eine unernessliche Freude, die während der Herrschaft von König Cheolnur mir allein gehört. Niemand kann diese Freude nachvollziehen.“ jong (reg. 1849-1863), mit der Blattvergoldung. Sein Urgroßvater Kim Wan-hyeong war ein niederrangiger Beamter, der am Hof für Beschaffungsdienste verantwortlich war und zu dessen diesem Jahr 156 Jahre lang ausgeübt wird, wird von Meister Kim Pflichten auch die Einführung von mit Goldfäden durchwirkten Seian seinen Sohn Kim Gi-ho weitergegeben. denbrokaten für Zeremonialgewänder aus China gehörte. Aber er hatte häufig Schwierigkeiten, die Gewänder rechtzeitig für die HofBedeutung von Dekorblöcken und Leim zeremonien bereit zu stellen, weshalb er als Alternative die ZereIn der Zeit des Vereinigten Silla-Reichs (676-935) und in der monialgewänder mit Blattgold verzierte. Auf diese Weise wurden Go­ryeo-Zeit (918-1392), als die buddhistische Kultur sich zu hoher Gewänder aus importierten Goldbrokatseiden durch Gewänder mit Blüte entwickelte, wurden buddhistische Malereien und Sutren mit Blattgolddekor ersetzt. Weil Gold die Autorität der Königsfamilie Gold- und Silberpulvern dekoriert und auch die Mönchsgewänder symbolisierte, fand die Blattvergoldung ausschließlich im Königsblattvergoldet. Aber in der Joseon-Zeit (1392-1910), als der Budpalast statt. Entsprechend schlugen Kim Won-sun, der Großvater dhismus unterdrückt und der Konfuzianismus als Herrschaftsideovon Kim Deok-hwan, und Kim Gyeong-ryong, sein Vater, den Weg logie propagiert wurde, verloren die Tempel ihre goldene Pracht als höfische Vergoldermeister ein. Das Familienhandwerk, das in und Gold war ausschließlich den Angehörigen der Königsfami-

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1. Das prächtige, rote Zeremonialgewand einer Königin mit aufwändigen BlattgoldMustern, die von Kim nach den Vorlagen von Motiven auf Relikten aus der Spätzeit des koreanischen Joseon-Reiches geschaffen wurden. 2. Holzblock mit eingravierten, in den Wolken fliegenden Chinesischen Wundervögeln (oben) und der Abdruck davon (unten).

lie vorbehalten. Aber sogar die königliche Familie verwendete für ihre Alltagskleidung kein Blattgold. Darüber hinaus spiegelten die Blattgold-Muster der Zeremonialgewänder die strikte Hierarchie innerhalb der Königsfamilie wider: Prinzessinnen waren nur Blumenmuster erlaubt, die Königin durfte Blumen- und Bonghwang (Chinesischer Wundervogel)-Muster tragen und die Königinmutter Blumen-, Bonghwang-, und Drachenmuster. Die Muster, die den hochwohlgeborenen Status signalisierten, wie Schriftzeichen, Blumen, Früchte, Vögel, Insekten, Tiere und geometrische Formen, wurden in Holzblöcke graviert, die dann zur Blattvergoldung verwendet wurden. „Wir haben mehr als 800 gravierte Holzblöcke, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Für die Blöcke wird nur das Holz des Nashi-Birnbaums (Pyrus pyrifolia) verwendet und sie werden mit äußerster Sorgfalt behandelt, damit die aufwändigen Muster keinen Schaden nehmen. Während des Koreakriegs gaben meine Eltern den Gedanken an Flucht auf, nur um die Blöcke zu schützen.“ Das Vergolden besteht grob gesehen aus folgenden Arbeitsschritten: Zuerst wird das Muster auf Papier gezeichnet und zum Gravieren auf den Holzblock geklebt. Nach der Gravur wird der Holzblock mit dem ebenfalls handgefertigten Leim bestrichen und auf den Stoff gepresst. Bevor der Leim auf dem Stoff völlig angetrocknet ist, wird die Goldfolie aufgelegt. Abschließend wird das so applizierte Blattgold-Muster getrocknet und mit dem letzten Schliff versehen. Was auf den ersten Blick einfach aussieht, setzt in Wirklichkeit nicht nur große handwerkliche Geschicklichkeit, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Beschaffenheit von Stoff, Gold und Leim voraus. Die wichtigste Voraussetzung für ein gelungenes Resultat ist jedoch ein perfekt gravierter Holzblock. An zweiter Stelle kommt der Leim. Welche Art von Leim in welcher Konzentration zu verwenden ist, hängt von der Dicke des Stoffes und den verwendeten Färbemitteln ab. Für die Konzentration des Leims muss auch das Wetter an dem Tag, an dem das Blattgold angebracht wird, K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

bedacht werden. Meister Kim, der 1954 mit dem Vergolder-Handwerk begann, geht nun schon fast 60 Jahre lang mit Leim um, und entwickelte auf der Grundlage des Verständnisses für den traditionellen Fischleim, der hauptsächlich aus Fischblasen gemacht wurde, einen neuen Leim auf Basis von Pflanzenöl und Kiefernharz, für den er zehn Jahre lang Experimente durchführte.

Mein Vater war ein Künstler, ich bin nur ein Techniker Sein Vater Kim Gyeong-ryong war ein wortkarger Mann, der statt ausführlicher Erklärungen über seine Arbeit den Jungen zuschauen und helfen ließ, wodurch dieser sich die notwendigen Fertigkeiten auf natürliche Weise aneignete. „Mein Vater besaß nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch ein geniales Talent für Bildhauerei“, erinnert sich Meister Kim. „Ohne Entwürfe gravierte er Hunderte von Mustern in Holzblöcke ein. Und obwohl er improvisierte, stand immer jedes Muster in perfekter Proportion zum jeweiligen Holzblock, die ja alle unterschiedlich groß waren. Er besaß die Fähigkeit, das Bild in seinem Kopf haargenau ins Holz zu ritzen.“ Die Erinnerung an den Genius seines Vaters treibt Meister Kim dazu an, das Kunsthandwerk der Vergoldung weiter zu verfeinern. Aber er wehrt einen Vergleich ab: „Mein Vater war ein Künstler, ich bin nur ein Techniker.“ Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Joseon-Reich zu Ende ging und Korea unter japanischer Kolonialherrschaft stand, verbreitete sich mit Blattgold verzierte Kleidung auf die adlige YangbanOberschicht außerhalb des Königshofes und auch Normalbürger gingen dazu über, bei feierlichen Anlässen wie Hochzeiten oder der Feier des 60. Geburtstags Festtagskleidung mit Golddekor zu tragen. Selbst heutzutage noch trägt man bei feierlichen Anlässen mit Goldmustern geschmückte Hanbok. Meister Kim sagt: „Diejenigen, die aufwuchsen, als man noch tagtäglich Hanbok trug, vergessen die Schönheit von Blattgold nicht. Blattgold ist mehr als nur prächtige Dekoration. Früher verzierten die Großmütter den Hanbok, den ihre Enkelkinder zur Feier ihres ersten Geburtstags trugen, mit Blattgold. Blattgold, das sorgfältig aufgetragen wurde, verliert seine Form und seinen Glanz ein Leben lang nicht.“

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verliebt in korea

Korea – gesehen durch die Linse der Poesie Professor Mahmoud Ahmed Abdul Ghaffars Korea-Reise geht auf die späten 1990er Jahre zurück, als er an der Universität Kairo Arabisch als Fremdsprache für ausländische Studierende unterrichtete. Die koreanischen Studenten, die bei ihm gelernt hatten, erzählten nach ihrer Rückkehr von dem begabten jungen Arabischlehrer. Das führte ihn schließlich 2006 nach Korea, wo er die koreanische Sprache und Lyrik zu studieren begann. Charles La Shure Professor an der Graduate School of Interpretation and Translation, Hankuk University of Foreign Studies I Fotos: Ahn Hong-beom

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ir trafen Professor Mahmoud Ahmed Abdul Ghaffar in einem Restaurant im Herzen Seouls, das ägyptische Gerichte anbietet – ein Stück Geschmack der Heimat fern der Heimat. „Sie können mich einfach Mahmoud nennen“, sagte er und erklärte, dass arabische Namen einem anderen Schema folgen als westliche Namen. „Ghaffar“ ist einer der 99 Bezeichnungen für Gott (wörtliche Bedeutung: Vergebung) und „Abdul“ bedeutet „Sklave von“. Seine Studenten nennen ihn oft „Professor Ghaffar“, woraufhin er sie mit einem Lachen aufklärt: „Bitte nein, ich bin doch nicht Gott! “ Professor Mahmoud studierte Lyrik an der Universität Kairo und schloss als Jahrgangsbester ab. In Ägypten werden die besten Studenten eines Jahrgangs von der jeweiligen Abteilung als Assistenz-Lehrkräfte übernommen. Sie beginnen dann mit einem M.A.-Aufbaustudium, gefolgt von einem Promotionsstudium. Im Rahmen dieses Systems wurde Professor Mahmoud von der Universität Kairo in der Abteilung für Arabische Sprache und Literatur angestellt, wo er Lyrik unterrichtete. Das war der erste Schritt auf dem Weg, der ihn schließlich nach Korea brachte.

Gewöhnung an eine andere Kultur 1998 begann Professor Mahmoud damit, Arabisch als Fremdsprache für ausländische Studenten zu unterrichten. „Ich suchte nach neuen Unterrichtsmethoden“, erzählt er. „Die meisten Lehrbücher ließen die Lernenden einfach nur lesen und wiederholen. Ich verwendete einige Methoden aus dem Englisch-Fremdsprachenunterricht für den Arabisch-Unterricht. Ich hatte Erfolg damit, denke ich.“ Dem scheint auch so gewesen zu sein, denn seine koreanischen Studenten erzählten nach ihrer Rückkehr von dem begabten jungen Arabischlehrer. Drei Jahre später wurde er von der Chosun Universität in Gwangju kontaktiert, die ihm eine Lektorenstelle für Arabisch als Fremdsprache und ein Stipendium für sein Doktorstudium anbot. Das Doktorstudium sollte allerdings an der Myongji Universität in Seoul absolviert werden, da es an der Chosun Universität keinen Professor für Arabisch gab, der ihm mit Rat und Tat zur Seite hätte stehen können. Er kam 2006 in Korea an und kehrt im Juli diesen Jahres nach Ägypten zurück. Das Leben in Korea ist nicht einfach für Professor Mahmoud. Für ihn als Moslem stellen die Ernährungsvorschriften — insbesondere das Verbot des Alkoholgenusses — eine gewisse Herausforderung in Bezug auf die Integration in die koreani-

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sche Gesellschaft dar. Auch brauchte er eine Weile, um sich an die Unterschiede zwischen der arabischen und der koreanischen Kultur zu gewöhnen. Die Menschen des arabischen Kulturkreises seien eher offen, sagt er. „Aber in Korea sind es meist nur Taxifahrer, mit denen man sich schon mal unterhalten kann.“ Doch er gibt auch zu, ein eher häuslicher Mensch zu sein: „Solange ich meine Bücher, Musik und Essen habe, bin ich gerne zu Hause. Manchmal gehe ich raus, um einzukaufen, aber ich kümmere mich nicht um das, was draußen vor sich geht.“ Trotz der Schwierigkeiten, sich an die koreanische Kultur und Gesellschaft zu gewöhnen, hat er fleißig studiert. Der erste Schritt war natürlich das Erlernen der koreanischen Sprache. Das war eine weitere Herausforderung, da Arabisch und Koreanisch zwei sehr unterschiedliche Sprachen sind. Er kämpft immer noch mit dem Koreanischen und wünscht sich, mehr Gelegenheiten zum

Üben seiner Sprachfertigkeiten zu haben. Er klagt darüber, dass es den Koreanern anscheinend schwer fällt, ihre Erwartungen an Nicht-Muttersprachler realistisch anzupassen: „Hat man einmal einen Koreaner mit Annyeonghaseyo gegrüßt, fängt er gleich an, über Politik oder Wirtschaft zu sprechen. Wenn man dann aufhört, zu antworten, wird aber nicht etwa ein leichteres Thema gewählt, sondern das Gespräch wird einfach abgebrochen.“ Trotzdem hat er nicht aufgegeben und nach drei Jahren verfügte er über genügend Koreanischkenntnisse, um die koreanische Lyrik zu studieren.

Koreanische Lyrik der arabischen Welt näher bringen Bevor er nach Korea kam, besuchte Professor Mahmoud die Bibliothek der American University in Kairo, wo er einige Bände koreanischer Lyrik in englischer Übersetzung fand. Er verliebte sich in das Werk des Dichters Ko Un, den er als einen Künstler, der Gen-

Professor Mahmoud Ahmed Abdul Ghaffar, der Gedichtsammlungen von zwei modernen koreanischen Dichtern ins Arabische übertragen hat, unterrichtet zurzeit Arabische Literatur an der Chosun Universität. Im Sommer wird Professor Mahmoud nach Ägypten zurückkehren, wo er weiterhin koreanische Literatur studieren und sie in der arabischen Welt vorstellen möchte.

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regrenzen überschreitet, beschreibt. „Ko Un ist mehr als nur ein Dichter. Er ist ein Schriftsteller, der seine Erzählungen im lyrischen Stil schreibt.“ Aber das ist nicht seine einzige Grenzüberschreitung: „Ko Un sagte, dass er an der Grenze zwischen Nord und Süd steht“, erklärt Professor Mahmoud. „Politisch gesehen sind es zwei Staaten, aber die (Süd)Koreaner erkennen die Teilung nicht an, weil das Volk im Norden und Süden ein Volk ist.“ Als es um ein Thema für seine Dissertation ging, wählte er Ko Uns Gedicht Norden und Süden als einen Untersuchungsgegenstand. Der zweite war Kim Kwang-kyus Reise nach Seoul. Er verglich diese beiden Werke mit Arbeiten ägyptischer Dichter in Bezug auf die für Orte verwendeten Bilder, insbesondere die Bilder, die für „Heimat(ort)“ bzw. Land im Gegensatz zu „Stadt“ standen. Er fand heraus, dass die Bilder für Heimat bzw. Heimatort, die in der modernen ägyptischen und koreanischen Lyrik verwendet werden, fast identisch sind. „Wenn ich über einen bestimmten Dichter schrieb“, erinnert er sich, „musste ich innehalten und mich fragen,

me. „Der historische Hintergrund, die derzeitige Situation, sogar die Bewegungen in der Literatur sind fast identisch. Was momentan in Ägypten geschieht, gleicht fast völlig dem, was vor 40 Jahren in Korea geschah.“ Er betrachtet die in Korea in den letzten Jahrzehnten gemachten Fortschritte dabei nicht nur in puncto Dichtung, sondern auch in puncto Politik als hoffnungsvolle Zeichen: „Ich glaube an ein besseres Morgen“, sagt er. Professor Mahmouds Studien erschöpften sich aber natürlich nicht in der Lektüre und Analyse koreanischer Lyrik: Er übersetzte auch die von ihm untersuchten Werke. Es ist schon schwierig genug, Poesie in der Muttersprache zu lesen: „Die Fertigkeit in Poesie-Lektüre meint die Fähigkeit, die Lücken zwischen dem Gegebenen und dem Fehlenden zu ergänzen. Beim Lesen wird so Bedeutung geschaffen. In einem Gedicht gibt es nicht so etwas wie eine einzige Bedeutung. Je mehr man liest, desto mehr Lücken kann man korrekt füllen und desto näher kommt man an etwas Bedeutendes heran.“ Wie kann man beim Übersetzen in eine andere Sprache das gegebene Gesagte und das fehlende Ungesagte erhalten Er fand heraus, dass die Bilder für die Heimat, die in der modernen ägyptischen und wiedergeben? Professor Mahmoud unterscheidet zwiund koreanischen Lyrik verwendet werden, fast identisch sind. „Wenn ich über schen zwei Übersetzungsstilen: einen bestimmten Dichter schrieb“, erinnert er sich, „musste ich innehalten und einem hermeneutischeren Stil, bei dem der Übersetzer quasi mich fragen, über wen ich denn eigentlich am Schreiben war: über einen korea- seine Interpretation des Werkes übersetzt, und einem Stil, nischen Dichter oder einen ägyptischen Dichter.“ der sich getreuer an das Original hält und damit dem Leser die Interpretation überlässt. Er strebt nach der letzten Variante und über wen ich denn eigentlich am Schreiben war: über einen koreabeschreibt seine diesbezüglichen Anstrengungen mit folgendem nischen Dichter oder einen ägyptischen Dichter?“ Vergleich: „Es ist wie Kräuter ins Essen zu geben, um es schmackBei den für Städte verwendeten Bildern gab es jedoch große Unterhafter zu machen. Man muss die ursprünglichen Grundzutaten schiede. Es war gerade die Darstellung der Stadt in der modernen noch herausschmecken können. Wenn nachgefragt wird, woraus Dichtung gewesen, die ihn überhaupt auf diese akademische Fährdas Gericht zubereitet wurde, hat man versagt.“ te der Untersuchung gebracht hatte. Ägypten blickt auf eine lange Um sicherzustellen, dass er den Geist des Originaltextes trotz der Geschichte der Kolonisierung durch westliche Mächte zurück, arabischen Note, die er der Übersetzung beimischte, noch erhalten die die Stadt zu einem Symbol der Zerstörung der Menschlichkeit blieb, arbeitete er eng mit seinem koreanischen Berater zusammen, gemacht hat. Dabei hat die westliche Dichtung wie z.B. T. S. Eliots einem Professor, der Arabisch fließend beherrscht. Die Arbeit beanGedicht The Waste Land (Das wüste Land), von dem es mehr als 15 spruchte vier Jahre, aber Professor Mahmoud ist mit dem Ergebnis Übersetzungen ins Arabische gibt, ihre Spuren in den von den arazufrieden. Und das darf er auch sein, denn mit seiner Übersetzung bischen Dichtern verwendeten Bildern hinterlassen. „In der westhat er Geschichte geschreiben: Es ist die erste Übersetzung korelichen Dichtung wie z.B. der Lyrik von T. S. Eliot oder sogar schon anischer Lyrik ins Arabische, die von einem arabischen Mutterdavor Walt Whitman wird die Stadt als Raum ohne jeden Glauben sprachler gemacht wurde, und damit ein wichtiger Schritt auf dem an irgendetwas beschrieben. Und ägyptische Dichter bezeichnen Weg, die koreanische Literatur der arabischen Welt vorzustellen. Kairo – obwohl es Tausende von Moscheen gibt – als Stadt ohne Professor Mahmoud hat bereits damit begonnen, seine Studien Glauben. Ich wollte herausfinden, ob auch die koreanische Dichmoderner koreanischer Lyrik auszuweiten. Im Dezember 2012 vertung von den westlichen Darstellungen der Stadt beeinflusst ist.“ öffentlichte er einen Aufsatz, in dem er moderne Schriftstellerinnen Die Antwort, zumindest was die Poesie von Kim Kwang-kyu betrifft, in Korea und Ägypten vergleicht. Der Hauptunterschied liegt nach ist Nein, was Professor Mahmoud Hoffnung für die Zukunft der seiner Analyse in der Freiheit, die ihnen in ihren schriftstellerischen ägyptischen Dichtung gibt. „Die Parallelen zwischen Korea und Werken erlaubt ist. Obwohl Frauen in Ägypten gesellschaftlich Ägypten sind einfach unglaublich“, berichtet er mit lebhafter Stim-

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gesehen über viel mehr Freiheit als in anderen arabischen Ländern, insbesondere den Golfstaaten, verfügen, erstreckt sich diese Freiheit nicht auf das literarische Schaffen. „In jüngster Zeit genießen koreanische Schriftstellerinnen mehr Freiheit als ihre arabischen Kolleginnen und können über alle möglichen Themen schreiben. Arabische Schriftstellerinnen haben manchmal Angst, sich mit Themen wie Sex oder Paarproblemen zu befassen. Es könnte sie ihre Ehe kosten, denn der Ehemann würde darin keine Fiktion sehen, sondern ein Urteil über ihn selbst.“ Entsprechend heiraten viele arabische Schriftstellerinnen nicht oder sind geschieden.

Korea-Welle Hallyu an ägyptischen Küsten Die ägyptische bzw. arabische Expat-Gemeinde in Korea mag zwar unter den ausländischen Kulturgruppen in Korea zahlenmä-

Professor Mahmoud mit Oberschülern, die die Chosun Universität besuchten.

ßig nicht besonders hervorstechen, die Beziehungen zwischen der arabischen Welt und Korea lassen sich aber weit in die Geschichte zurückverfolgen. Professor Mahmoud verweist auf einen Text aus dem 9. Jahrhundert, der von dem arabischen Geographen Ibn Khordadbeh verfasst wurde: Das Buch der Straßen und Königreiche beschreibt das koreanische Silla-Reich (618-935) als ein Königreich, das von den Arabern gerne besucht wurde und wo sie sich gerne aufhielten. In der modernen Zeit war Korea bei den Ägyptern bis zu den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988 und später der Fußballweltmeisterschaft 2002 kaum bekannt. Die KoreaWelle Hallyu ist aber mit Sicherheit nicht an den Küsten Ägyptens vorbeigeschwappt, denn die koreanischen TV-Serien sind bei jungen Ägyptern sehr beliebt. Und auf dem ägyptischen Markt sind koreanische Produkte stark präsent: „Autos von Hyundai, Daewoo und Kia belegen in Ägypten die ersten drei Plätze“, sagt Professor K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Mahmoud und fügt hinzu, dass auch Elektronik von Samsung und LG als qualitativ hochwertig bekannt sei. Professor Mahmoud lächelt bei dem Gedanken daran, wie beliebt Korea über Nacht geworden ist. „Heutzutage wollen so viele junge Leute nach Korea, sei es zum Studieren oder Arbeiten. Es gibt so viele Korea-verrückte junge Leute!“ Er erzählt, dass einige ägyptische Mädchen sogar davon reden, einen koreanischen Mann heiraten zu wollen, da ihnen die romantischen Helden der TV-Soaps den Kopf verdreht haben. Er schüttelt lächelnd den Kopf. „Sie wollen nicht zuhören, wenn man ihnen zu erklären versucht, dass das tatsächliche Leben anders ist.“ Umgekehrt ist er aber auch überrascht, wie viel die Koreaner über Ägypten wissen. Natürlich kennt jeder das alte Ägypten und seine Monumente wie die Pyramiden. „Und ich habe auch ein paar Leute getroffen, die nicht wissen, dass Ägypten ein modernes Land ist. Sie sehen uns nur auf Kamelen reiten“, lacht er. Aber er hat auch viele Koreaner kennen gelernt, die gut über das moderne Ägypten informiert sind. „Es freut mich, wenn jemand mein Land kennt und sich etwas dafür interessiert. Ich bin allen Ägyptern dankbar, die das Land zu einem besondern Land, einem großen Land gemacht haben.“ Während unserer Unterhaltung erklärt Professor Mahmoud eine arabische Wendung, die die Offenheit der arabischen Kultur demonstriert. „Das einfachste aller Essen ist Brot und Salz. Arme Menschen, die sonst nichts zu essen haben, tunken Brot in etwas Salz und essen es. Daher lautet eine bekannte Wendung bei uns: Zwischen uns ist Brot und Salz. Das gemeinsame Essen von Brot und Salz schafft Blutsbande und symbolisiert, dass der andere jetzt Teil der Familie ist.“ Brot steht in der arabischen Kultur für Leben. Brot miteinander zu teilen bedeutet daher, das Leben miteinander zu teilen. Wenn man ihn so reden hört, wird deutlich, dass er dasselbe für Korea empfindet. Auch wenn er im Juli nach Ägypten zurückkehrt, wird er seine enge Verbundenheit mit Korea weiter pflegen. Er wird nicht nur sein Studium der koreanischen Lyrik fortsetzen, sondern hofft auch darauf, an der Kairo Universität eine Abteilung für koreanische Sprache und Literatur einzurichten. „An der Kairo Universität gibt es schon seit über 50 Jahren eine japanische Abteilung und seit acht Jahren eine chinesische – insgesamt sind es 14 Sprachabteilungen – daher dürfte eine koreanische Abteilung willkommen sein.“ Er hofft, dass seine Bemühungen die Beziehungen zwischen beiden Nationen und Kulturen stärken helfen. Und er weiß, dass Korea in seinem Herzen bleiben wird.

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unterwegs

Dem Tee verfallen Ich begann mit der Teeherstellung, indem ich hier und da bei Teefeldbesitzern nachfragte, ob ich Teeblätter pflücken dürfe. So kam ich schließlich zum Teefeld meiner Träume. Während ich mich um die Teepflanzen kümmere, ist ihr berauschender Duft mein ständiger Begleiter. Park Nam-joon Dichter | Fotos: Lee Chang-su, Ahn Hong-beom, Suh Heun-gang 1

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1. Terrassenartig angelegte Teefelder winden sich um die Hänge eines Hügels in Boseong. 2. Trekker stoßen auf ein wildes Teefeld in Hwagae, Kreis Hadong.

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ft habe ich Teefelder besucht. Zu vielen bin ich gewandert: zu den vergleichsweise großen Plantagen ganz im Süden des Landes wie die auf der Insel Jeju-do, nach Boseong in den südwestlichen Ebenen oder Hadong am Saum des Gebirges Jiri-san, aber auch zu den kleinen, wilden Teefeldern von Sunchang auf den Bergkämmen im Südwesten oder bei Gimhae im Südosten und zu den beschaulichen Feldern um die buddhistischen Tempel. Ob ich in einem Teefeld saß oder seinen Anblick von fern genoss – ich geriet unweigerlich ins Schwärmen und träumte davon, dass es irgendwann auch mir möglich sein würde, meinen eigenen Tee herzustellen und ihn meinen Gästen anzubieten. Und unversehens sollte dieser Traum wahr werden.

Das Teefeld meiner Träume Eine schicksalhafte Fügung hatte mich in die Ortschaft Agyang, Kreis Hadong in der Provinz Gyeongsangnam-do an den Fuß des Gebirges Jiri-san ziehen lassen. Im Frühling sind die mit niedrigen Mauern gesäumten Gassen Agyangs mit dem frischen Duft gerösteten Tees erfüllt. Nach einer frischen Ernte lud man mich hier und da ein, den Tee zu probieren. Natürlich beinhalteten solche Einladungen auch immer die unausgesprochene Bitte der Besitzer, ein Urteil über den Geschmack abzugeben. Auf diese Weise lernte ich die einzelnen TeeHersteller kennen. Und während ich sie bei ihrer Arbeit unterstützte, eignete ich mir auf ganz natürliche Weise Wissen über die einzelnen Schritte der Grüntee-Produktion an. An einem Frühlingstag im dritten Jahr, das ich in Agyang lebte, habe ich mich eigenhändig in der Teeherstellung versucht. Seitdem gehört diese Tätigkeit zu den größten Freuden meines Lebens. Womit sonst könnte man das Glücksgefühl vergleichen, das einen die ganze über Zeit begleitet, vom Blätterpflücken bis hin zum spannungsvollen Moment des Genießens des Aromas der ersten Schale Tee? Doch ein eigenes Feld besaß ich nicht. Ich fragte hier und da bei Teefeldbesitzern nach, ob ich Blätter pflücken dürfte, und begann so meine eigene Teeproduktion. Dies schien jemandem zu Ohren gekommen zu sein: Eines Tages wurde ich von ihm angesprochen, ob ich keine Lust hätte, mir das Teefeld neben seinem Haus anzusehen und es bei Gefallen zu bestellen, da er selber keinen Tee anbaue. Es war ein Zahnarzt mit einer Praxis in Hadong, der sich in Agyang Land - zu dem auch das Teefeld gehörte - gekauft und dort gebaut

1. Das Quellwasser in der Einsiedelei Ilji-am des Tempels Daeheung-sa in Haenam, das von dem Ehrwürdigen Mönch Choui für die Tee-Zubereitung verwendet wurde. 2. Ullim sanbang auf der Insel Jin-do, wo der berühmte Tee-Meister und Maler Heo Ryeon seine späten Jahre verbrachte.

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hatte. Neben seinem Haus wucherten am Bach entlang den Berghang hinauf zwischen Felsbrocken oder im Schatten von Pflaumenbäumen über zwei Meter hohe Teepflanzen. Es sah nach Wildwuchs aus, denn man habe sich über zehn Jahre lang nicht darum gekümmert, so der Besitzer. Als ich mich umsah, erklangen in meinem Inneren wie kleine Glockenschläge folgende Worte: „Das ist das Teefeld meiner Träume! Jetzt kann ich Teeblätter pflücken, ohne mich um die Blicke des Eigentümers kümmern zu müssen!“ Ein Liedchen pfeifend, machte ich mich auf meinem gelben Motorroller auf zur Arbeit. Und während ich alleine den Tee pflückte, entschwand ich in eine andere, meditative Welt der Stille. Von meinen Händen, die pflückten, von meinem Hemdkragen, an den die Blätter streiften, und auch vom Frühlingswind, der die Blätter tanzen ließ, breitete sich wie Nebel der frische Teeduft aus. K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Die Herstellung fermentierten Tees Jedoch war die Teeherstellung selbst alles andere als leicht. Es war harte Arbeit. Ich besaß keinen gusseisernen Kessel für das Rösten des Grüntees, weshalb ich diese Arbeit für gewöhnlich bei einem Freund im Nachbardorf erledigte. Anfangs stellte ich nur Grüntee her, doch heute mache ich nur noch am ersten Erntetag einer Saison Grüntee und danach ausschließlich fermentierten Tee. Dieser scheint meinem Körper besser zu bekommen und auch meine Gäste favorisieren die fermentierte Variante. Von dem selbst gerösteten Tee verteilte ich immer etwas unter meinen Freunden und Bekannten, die Tee mögen. Als ein befreundetes Ehepaar davon erfuhr, dass ich den Tee selber hergestellt hatte, wollten sie es auch einmal versuchen. Am Tag vor der Ernte kamen sie aus Jeonju in der Provinz Jeollabuk-do angereist und übernachteten bei mir. Am nächsten Tag machten wir uns frühmorgens zum Teefeld auf und pflückten die Blätter. Mit anderen zusammen zu arbeiten, war wieder eine neue Erfahrung für mich. Sie waren so eifrig mit Pflücken beschäftigt, dass ich sie manchmal mehrmals rufen musste, damit sie eine Pause machten und einen Imbiss zu sich nahmen. Der klare, erfrischende Duft, den ein jedes der gepflückten Blätter verströmte, hatte sie alle

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1. Dasan chodang, das Haus, in dem der berühmte Gelehrten-Beamte und Teekenner Jeong Yak-yong 18 Jahre lang im Exil lebte. 2. Frische Teeblätter werden in einem großen Kessel geröstet: Der Geschmack hängt vom Rösten und Rollen ab.

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Was soll es auch schon Besonderes anzubieten geben in einem kleinen Haus im Bergtal? Besuchern sage ich: „Kommen Sie herein und trinken Sie eine Schale Tee. Möchten Sie Grüntee oder lieber fermentierten Tee?“

Anstrengung und Hunger vergessen lassen, sagten sie. Es muss sich das Bild eines Schulausflugs geboten haben: Während wir uns an den Snacks labten, erzählten wir wie Kinder einander von dem freudigen Gefühl, das das Ernten der Blätter uns bereitete. Anders als Grüntee, der noch am Tag der Ernte geröstet und getrocknet wird, bedarf es bei fermentiertem Tee für den richtigen Geschmack zusätzlicher Arbeitsschritte und entsprechend mehr Zeit. Jeder hat seine eigene Methode. Meine spezielle Methode der Herstellung fermentierten Tees sieht in etwa folgendermaßen aus: Nach dem Pflücken werden die Blätter zunächst einen Tag im Schatten gelagert, bevor sie am Folgetag zum Welken dünn im Sonnenschein ausgestreut werden. Je nach Stärke der Sonnenstrahlen werden sie eine halbe bis zu einer vollen Stunde welken gelassen, bevor sie zum Weiterwelken wieder in den Schatten gebracht werden. Wenn sich die Blätter bei festen Griff weich an die Hand schmiegen ohne zu bröseln, beginne ich mit dem sogenannten Rollen. Ähnlich wie beim Rösten des Grüntees im Kessel werden die Blätter dabei immer und immer wieder vermischt und untergehoben, vergleichbar mit dem Wäschewaschen per Hand. Danach werden die Blätter erneut zum Trocknen in den Schatten gestreut. Dieser Prozess wird bis zum Abend drei bis fünf Mal wiederholt. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie schön sich die grünen Blätter langsam braun verfärben und was für einen herrlichen Duft sie dabei verströmen. Die so behandelten Blätter fülle ich in Tonkrüge und bringe sie in einen Raum mit heiß beheiztem Ondol-Boden, wobei ich die Krüge zur Erhöhung der Innentemperatur zusätzlich in Decken einhülle. Für den Oxidationsprozess benötigen die Blätter viel Sauerstoff. Deshalb muss der Deckel der Krüge einmal pro Stunde gelüpft und die Blätter gut durchgemischt werden. Nach 20 bis 24 Stunden Fermentierung werden die Blätter aus den Krügen genommen und erneut

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im Schatten getrocknet. Sind sie gut getrocknet, kommen sie wieder in die Krüge, wobei sie tagsüber der Sonne ausgesetzt und nachts an der heißesten Stelle des bodenbeheizten Zimmers gelagert werden. Dieser Prozess wird zehn Tage lang wiederholt. Die Teeblätter in den Krügen reifen vor sich hin. Berührt man den Krug mit der Hand, spürt man, wie sehr ihn die Sonnenstrahlen tagsüber aufgeheizt haben. Ich hebe den Deckel an und atme den Duft ein. Ah! Ein süßes Aroma macht sich im Vorgarten breit. Die Sonne geht unter. Ich bringe die sonnengewärmten Krüge zurück ins Haus.

Trunken vom Duft des Tees Während der ganzen Tee-Saison, bin ich regelrecht trunken vom Aroma des Tees. Das frischgrüne Aroma beim Pflücken zaubert ein Lächeln auf meine Lippen, der aufsteigende Duft beim Rösten und das sich ausbreitende Aroma beim Fermentieren heben mich in die Lüfte empor. Ich bin dem Tee hoffnungslos verfallen. Was soll es auch schon Besonderes anzubieten geben in einem kleinen Haus im Bergtal? Besuchern sage ich: „Kommen Sie herein und trinken Sie eine Schale Tee. Möchten Sie Grüntee oder lieber fermentierten Tee?“ Der Winter ist gewichen und der Frühling ist da. Die zartgrünen Teeblätter werden mich begrüßen: „Wir sind’s, wir sind hier!“ Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


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neuerscheinung

K-Lit-Kompilation in koreanischer und englischer Sprache

Zweisprachige Ausgabe: Moderne koreanische Literatur The Wounded (Yi Cheong-jun, übersetzt von Jennifer Lee, 141 Seiten, 6.000 Won/7 US-Dollar) und 14 andere Werke, Seoul: Asia Publishers (2012)

Das Interesse des Auslands an Korea ist in letzter Zeit sichtlich gewachsen. Dieser Trend spiegelt sich sowohl in der Zunahme der in Korea studierenden ausländischen Studenten, als auch in der weltweit sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach dem Studiengang Koreastudien sowie Koreanisch-Sprachkursen wider. Angesichts dieses steigenden Interesses an der koranischen Geschichte und Kultur sind Medien für die effektive Vermittlung eines tieferen Verständnisses von Korea notwendig. Und in dieser Hinsicht bieten sich wohl literarische Texte als ideale Lehrmaterialien über Korea an. Ein Beispiel dafür ist Als Mutter verschwand von Shin Kyung-sook, das mittlerweile in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wurde und nicht nur als literarisches Werk an die Emotionen von Lesern in aller Welt rühren konnte, sondern auch einen großen Beitrag dazu leistete, Korea bekannter zu machen. Im Juli 2012 kam Asia Publi­ shers (www.bookasia.org), Herausgeber von Asia, des ersten koreanisch-englischen Fachmagazins für asiatische Literatur, dem Ruf der Zeit nach und brachte den ersten, 15 Erzählungen umfassenden Band der Serie Zweisprachige Ausgabe: Moderne koreanische Literatur auf den Markt. An dem Projekt beteiligten sich Autoritäten der koreanischen Literaturwelt wie der Autor Bang Hyun-seok oder der Kritiker Lee Kyung-jae sowie David R. McCann, Professor am KoreaInstitut der Harvard-Universität, und der renommierte Übersetzer koreanischer Literatur Bruce Fulton, Professor an der Universität von British Columbia in Kanada. Resultat von über fünf Jahren Arbeit war eine Auswahl von 100 Kurzgeschichten und Erzählungen, die als repräsentativ für die moderne koreanische Literatur gelten und in puncto Thema und Länge die ausländische Leserschaft ansprechen können. Der erste Band umfasst 15 Werke namhafter Autoren der Zeit nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft 1945 wie z.B. Pak Wan-so ˇ (Pak Wanso), Oh Jung-hee oder Yi Cheongjun. Die Bände zwei und drei, die bis Mitte 2013 erscheinen sollen, werden neben Werken älterer Autoren wie Yi Mun-yol auch die jüngerer Autoren wie Kim Ae-ran, Pak Min-gyu oder Kim Yo ˇn-su (Kim Yeon-su) vorstellen. Besonderes Charakteristikum ist dabei die Unterteilung der Werke in Themengebiete, die von Teilung Koreas und Industrialisierung über Frauen, Freiheit, Leben in Seoul, Liebe und Beziehung bis hin zu Avantgarde, Tradition und Diaspora reichen. Die künftigen Bände werden aber auch eine beträchtliche Zahl von Erzählungen aus der Zeit vor der Befreiung 1945 beinhalten. Die Autorin dieses Textes, selbst als Mitglied

der Redaktionsleitung an Übersetzen und Lektorat des vorliegenden Bandes beteiligt, kann guten Gewissens behaupten, dass auf Übersetzung und Korrekturlesen besondere Sorgfalt und Aufwand verwendet wurden, u.a. wurde durch Gespräche zwischen Autor und Übersetzer für Genauigkeit und guten Stil gesorgt. Das Buch wird nicht nur in Korea verkauft, sondern ist über Amazon oder Aladin USA auch im Ausland erhältlich. 2012 wurde es von der Harvard- und der Washington-Universität als Lehrmaterial gewählt und für 2013 planen weitere renommierte Universitäten wie die Columbia-Universität seinen Einsatz. Professor Theodore Hughes von der Columbia-Universität sagt: „Ich sehe diese zweisprachige Serie als eine wertvolle Bereicherung an, sowohl für Literaturliebhaber als auch für alle Studenten, die etwas über Korea, die Sprache oder die Kultur lernen wollen.“ Und auch in anderen Kulturkreisen wird das Buch als Lehrwerk für koreanische Sprache und Kultur begrüßt. Die Serie Zweisprachige Ausgabe: Moderne koreanische Literatur ist ein erster, groß angelegter Versuch für eine kleine Sprache, durch Original und Übersetzung eine tiefgreifendere Kommunikation mit der Welt zu schaffen. Bisher haben Länder in Afrika und Asien mit „kleinen“ Sprachen, darunter auch Korea, versucht, durch Übersetzungen auf den Märkten der größeren Sprachräume Fuß zu fassen. Doch es gab noch keinen Versuch dieser Größenordnung, zwei Sprachen in einem Werk gegenüber zu stellen und so für Kommunikation in beide Richtungen zu sorgen. In dieser Hinsicht kann diese Serie als der erste Schritt zur echten Globalisierung bezeichnet werden, bei der alle Länder und Kulturen unabhängig von ihrer Größe repräsentiert werden. Entsprechend groß waren die Schwierigkeiten. Speziell im Falle der Romanisierung, besonders bei koreanischen Eigennamen, stehen zurzeit drei verschiedene Schreibweisen, die alle ihre Vor- und Nachteile aufweisen, zur Verfügung. Beim ersten Band wurde aus praktischen Gründen auf eine diesbezügliche Vereinheitlichung der einzelnen Werke verzichtet. Doch ab Band zwei will man sich bei Eigennamen von Personen nach der in den USA und Europa standardmäßig gebräuchlichen McCune-Reischauer-Transliteration und für Ortsnamen nach der von der koreanischen Regierung vorgegebenen Schreibweise richten. Man hofft, durch eine noch eingehendere Befassung mit dem Problem durch Herausgeber, aber auch durch Wissenschaftswelt und Regierung, einen verbesserten Romanisierungsstandard zu schaffen und so zur Internationalisierung der koreanischen Literatur beizutragen. Jeon Seung-hee Research Associate, Korea Institute, Harvard University


Duette, durchdrungen von Gayageum und Buk

Kim Hae-sooks Gayageum Sanjo der Choi Ok-sam-Schule Gayageum (zwölfsaitige Wölbbrettzither): Kim Hae-sook, Buk (Faßtrommel): Yoon Ho-se, Paris: OCORA Radio France CD (45:10 Minuten; 24, 43 US-Dollar)

Sanjo ist ein traditionelles koreanisches Musikgenre, bei der eine Soloinstrument-Darbietung durch PercussionBegleitung ergänzt wird. Sanjo, dessen Ursprünge mehr als 100 Jahre zurückreichen, fußt auf den Musiktraditionen der südwestlichen Region des Landes und erlebte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine beachtliche Entwicklung. Bedenkt man, dass die Grundlagen für die traditionelle Musik im 17. und 18. Jahrhundert geschaffen wurden, dann ist Sanjo ein relativ junges Genre. Den Grund dafür erklärt Kim Hae-sook, Professorin und Gayageum-Virtuosin, in der Vorstellung ihrer jüngsten CD mit OCORA Radio France wie folgt: „Im Zuge des Wandels in den musikalischen Traditionen Koreas begannen die Musiker, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, wodurch neue Genres entstanden und talentierte Musiker von virtuosem Können auf die Bühne traten. Auf dieser Grundlage entwickelte sich der epische Sologesang Pansori, der es verstand, das Publikum zum Lachen und zum Weinen zu bringen, was ihn sehr beliebt machte. Am Ende dieser Strömung stand das Sanjo als neues solistisches Musikgenre. Sanjo wird auch „Pansori ohne Worte“ genannt. Und tatsächlich hat das Sanjo musikalische Ausdrucksweisen des Pansori adaptiert und transformiert, und improvisierte Sanjo-Aufführungen setzten sich im Laufe von Generationen als Standard durch. So ist das Sanjo die Verdichtung einer langen Tradition koreanischer Musik in Form von Instrumenten-Solos, hervorgerufen durch Veränderungen in den Strömungen der Musikgeschichte.“ Sanjo wurde zunächst für die zwölfsaitige Wölbbrettzither Gayageum entwickelt, wodurch diesem Instrument neue Beachtung zuteil wurde. Das neue Genre erweiterte sich später auf Blasinstrumente wie die Große Bambusflöte Daegeum und die Koreanische Bambusoboe Piri sowie auf diverse Saiteninstrumente wie die sechssaitige Zither Geomungo oder die mit einem Holzstab gestrichene, große siebensaitige Zither Ajaeng. Neuerdings werden auch mit Klavier und Gitarre Experimente durchgeführt. Sanjo kann als ein Duett mit einem Percussion-Instrument - meist Eieruhrtrommel Janggu oder Fasstrommel Buk - bezeichnet werden, wobei die Trommel den konventionellen musikalischen Rahmen vorgibt.

Die Sanjo-Melodien spiegeln Geschichte und Leben des koreanischen Volkes wider. Der Musiker wiederholt nicht einfach vom Lehrer Gelerntes, sondern schafft seine eigenen Improvisationen und Interpretationen. Viele bekannte traditionelle Musiker des 20. Jahrhunderts entwickelten ihren eigenen, unverwechselbaren und unnachahmlichen Sanjo-Stil. Diesen gaben sie an ihre Schüler weiter, die auf dieser Grundlage wiederum ihre eigenen Musikwelten schufen. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelten sich verschiedene Sanjo-Schulen, die nach berühmten Sanjo-Spielern der Geschichte benannt wurden, wie z. B. die Kim-Juk-pa(1911-1989)-Schule für Gayageum-Sanjo oder die Han-Gapdeuk(1919-1987)-Schule für GeomungoSanjo. Für jedes Instrument existieren derzeitig verschiedene Sanjo-Schulen auf der koreanischen Halbinsel, wobei in den meisten Fällen das Gayageum bevorzugt wird. Bei dem auf dieser CD von Kim Haesuk gespielten Sanjo handelt es sich um ein Gayageum-Sanjo der Choi-Ok-sam (1905-1956)-Schule, das von Ham Dongjeongwol (19171995) bearbeitet und weiterentwickelt wurde. Kim Hae-suk wiederum lernte von Ham Dongjeongwol das GayageumSpiel und tat sich bereits in ihren Zwanzigern durch außergewöhnliches Können hervor. Auch unter Musikern der gleichen Generation sticht sie durch ihr exzellentes, selbstbewusstes Gayageum-Spiel hervor und ist auch als Theoretikerin für traditionelle koreanische Musik bekannt. Nach Jongmyo Jeryeak (Traditionelle Musik für die königlichen Ahnenrituale am Königsschrein Jongmyo) ist diese Aufnahme der zweite Teil eines 2010 gestarteten Projekts für koreanische Musik des öffentlich-rechtlichen Hörfunksenders Radio France. Die 45-minütige Aufnahme, bei der Kim Hae-suk von Buk-Spieler Yoon Ho-se begleitet wird, bietet die Gelegenheit, die Essenz traditioneller koreanischer Musik aus dem 20. Jahrhundert zu erleben. Es wird empfohlen, das Album bis zum Ende zu hören, denn die Geschichten, die die Vortragenden erzählen, gleichen epischen Gedichten, in denen sich ihre Lebensweisen und Lebenshaltung verbergen. Jeon Ji-young Musikkritiker


BLICK AUS DER FERNE

Zufluchtsort Nam-san Ohne den Stadtberg Namsan wäre mir das Leben in Seoul vielleicht unerträglich gewesen. Immer, wenn mir die Megalopolis zusetzte oder ich mit meiner koreanischen Freundin gestritten hatte, flüchtete ich auf den verschiedensten Wegen zum Gipfel des Nam-san hinauf. Peter Simon Altmann Schriftsteller

Wenn ich mich heute an mein Leben in Seoul vor mehr als vier Jahren zurückerinnere, erscheint es mir als das Leben eines anderen Menschen. Nach Korea hatte mich die Liebe gebracht, und nachdem meine koreanische Freundin in unsanfter Weise mit mir Schluss gemacht hat, weil ihre Eltern eine Beziehung mit einem älteren Ausländer nie akzeptiert hätten, musste ich mich verwandeln, um nicht zu Grunde zu gehen. Wäre ich der Gleiche geblieben, würde ich wahrscheinlich jetzt dem Alkohol oder anderen Drogen verfallen sein oder vielleicht gar nicht mehr leben. Welche qualvollen Schmerzen mir die Trennung bereitet hatte, lässt sich in meiner Kurzgeschichte Zerrissene Herzen nachlesen, und die ganze Tragödie dieser verbotenen Liebe habe ich ferner als Seitenthema in meinem Roman Der Zurückgekehrte verarbeitet. Da ich von den Eltern meiner koreanischen Freundin auf Grund veralteter Moralvorstellungen des Konfuzianismus abgelehnt worden bin, werde ich der koreanischen Gesellschaft wohl immer mit zwiespältigen Gefühlen gegenüberstehen, und dass die Frauen in Korea sich nach wie vor nicht wirklich frei fühlen können, ist ja nicht nur die Meinung eines Europäers, sondern wird von vielen einheimischen Autorinnen und Autoren vertreten. Aber ich verbinde auch viele glückliche Erlebnisse mit Korea. Auf Grund der Berge, die sich innerhalb der Stadt erheben, ist Seoul für mich die angenehmste Megalopolis, in der ich bisher gelebt habe. Der deutsche Geograph Siegfried Genthe konnte bei seiner Reise im Jahre 1901 auf Grund dieser Lage die koreanische Hauptstadt sogar mit meiner Geburtsstadt Salzburg vergleichen. Im Gegensatz zur Mozartstadt hat sich Seoul jedoch im Laufe der letzten hundert Jahre fundamental verändert, aber die Stadtberge bieten einem noch immer Erholung vom stressigen Alltag. Bei meinen mehrmonatigen Aufenthalten hatte ich mir jedenfalls immer bewusst ein Apartment in der Nähe des Nam-san gewählt, und es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht den Berg mit dem Fernsehturm erklomm. Die Eintragung vom 7. Oktober meines Tagebuchs, das ich damals 2008 während meines ersten langen Korea-Aufenthaltes geführt hatte, lautet sogar: „Als ich nach Hause hin abstieg, hörte ich um sechs Uhr unten in der Stadt, quasi im Tal, eine Glocke läuten, und für einen kurzen Moment wähnte ich

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mich, auf dem Mönchsberg in Salzburg zu sein“, oder jene vom 14. Oktober: „Da mir der Kopf weh tat, empfand ich zum ersten Mal den Verkehr und die Menschenmassen als unerträglich, daher ich am Nachmittag wieder auf den Nam-san flüchtete“, oder jene vom 6. November: „Immer wieder: Der Blick auf die Berge beruhigt das Gemüt, selbst wenn man sich in einer Zehn-Millionen-Stadt befindet“. Ich erinnere mich noch, dass ich bei meinen Wanderungen auf dem Nam-san viele Blinde spazierengehen gesehen habe. Sie wurden mit Autos hergebracht, danach machten sie sich alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen mit ihren langen, weißen Stöcken auf den Weg. Ich sah täglich ein bis zwei Dutzend von ihnen. Und dann fällt mir noch der Verkaufsstand auf dem Gipfel des Nam-san in unmittelbarer Nähe zum Fernsehturm ein, wo gekochte Seidenraupen feilgeboten wurden. Allein deren Geruch mir aber schon meinen europäischen Magen immer umzudrehen gedroht hatte. Einmal sah ich einen chinesischen Touristen, der sich gleich einen ganzen Becher voll dieser Insekten gekauft hatte. Und lange bevor es in Salzburg unter Liebenden beim Makartsteg Mode geworden ist, Vorhangschlösser zu befestigen, habe ich diesen Brauch schon auf dem Nam-san bei den Zäunen der Aussichtsplattform am Fuße des Fernsehturms gesehen. Bei den Eisengeländern war eine solche Vielzahl von Schlössern gehangen, dass für neue kein Platz mehr vorhanden zu sein schien. In unseren Breiten war es unter Liebespaaren bisher Usus gewesen, die Namen mit oder ohne Herz in eine hölzerne Parkbank oder in die Rinde eines Baumes zu schnitzen. Vielleicht war es ja ein koreanisches Pärchen gewesen, das während seiner Europareise in Salzburg zum ersten Mal ein Vorhangschloss mit Datum und Namen beim Makartsteg befestigt hatte. Auf manchen Schlössern bei der Plattform auf dem Nam-san waren sogar kleine Fotos der sich ewige Liebe Schwörenden geklebt. Ich hatte es jedenfalls verabsäumt, meine Liebe in solch einer Weise zu demonstrieren. Ein Fehler vielleicht. Da sich aber letztendlich die koreanischen Familienbande als stärker erwiesen haben beziehungsweise meine Freundin nicht den Mut aufgebracht hatte, sich gegen den Willen ihrer Eltern zu entscheiden, hätte wahrscheinlich auch ein Vorhangschloss nicht viel genützt.

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ENTERTAINMENT

Das Vorlesende Radio Ein wagemutiges Experiment Eine koreanische Radiosendung hat sich in besonderer Weise auf Hörbücher eingelassen: Von Montag bis Freitag ist ganze elf Stunden lang Das Vorlesende Radio des UKW-Kanals Educational Broadcasting System (EBS) auf Sendung. Und das im März immerhin schon ein ganzes Jahr. Lim Jong-uhp Staff-Reporter, Tageszeitung The Hankyoreh

Ursprünglich fokussierte das EBS-Programm 21 Stunden pro Tag auf Fremdsprachenunterricht, v.a. mit Sendungen zur Förderung der Hör-, Lese- und Sprechfertigkeiten für Englisch. Die Einschaltquoten waren mit nur 1,5 bis 2,0% vergleichsweise niedrig, dafür aber die Treue der Englisch lernenden Hörer außergewöhnlich hoch. Im März 2012 beschloss die Rundfunkanstalt dann, elf Stunden der Sendezeit mit dem Vorlesen von Büchern zu füllen. Bedenkt man, dass Hörbuchsendungen im Fernsehen oder bei anderen Radiosendern maximal 15 Minuten pro Tag bzw. 50 Minuten pro Woche ausmachen, war das ein revolutionärer Schritt. Die ersten Hörer-Reaktionen waren gespalten und reichten von „innovativ“ bis zu „hirnverbrannt“.

Sie lesen nicht? Dann sollen sie hören! Laut einer Studie des koreanischen Ministeriums für Kultur, Sport und Tourismus und des Verbandes koreanischer Verleger sank die Zahl verkaufter Bücher 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 8,5%, 2011 wurde ein Rückgang um 7,8% verzeichnet. Für 2012 werden fast 10% prognostiziert. Und auch die Zahl der kleinen Buchhandlungen ist in den letzten 8 Jahren um 29,3% gesunken. Gründe hierfür sind Internet-Buchläden, die sich nicht mehr am bislang gängigen Festpreissystem für Bücher orientieren, und eine Leserschaft, die vermehrt zu den meist stark reduzierten Ratgebern für ein glückliches und erfolgreiches Leben tendiert, wodurch der Vielfalt auf dem Büchermarkt das Fundament entzogen wird. Zudem hat die Universitätsaufnahmeprüfung, die stark auf Auswendiglernen und standardisierten Antworten basiert, die koreanischen Schüler von der Buchlektüre entfernt. Und auch das von Internet und Smartphones beherrschte Umfeld dürfte stark zur Abnahme der Leserzahlen beitragen. Paradoxerweise verdankt Das Vorlesende Radio seine Geburt der allgemeinen Büchermuffeligkeit der Zeit. „Angesichts der rapide sinkenden Radio-Einschaltquoten haben wir nach einem Ausweg gesucht und sind zu dem Konsens gekommen, durch Geschichten die Gemüter bewegen zu wollen. Die meisten Radiosender greifen dafür schon auf Alltagsgeschichten wie Geschehen aus dem Hörer-Alltag zurück. Unsere Wahl fiel jedoch auf Bücher, und um uns abzuheben, schufen wir die Marke Das Vorlesende Radio . Wir fanden, dass die die Emotionen ansprechende Medien Radio und Buch eine gute Verbindung sind“, erklärt Kim June-bum, Produktionsmanager bei EBS. Das Original so lesen wie es ist Von Montag bis Freitag beginnt Das Vorlesende Radio um 10 Uhr

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mit Märchen für Erwachsene und schließt um 23 Uhr mit Britische und amerikanische Literatur . Dazwischen gibt es Sendeteile wie Gedicht-Konzert, Essay-Konzert, Erzählungen, Prominente (oder Hörer) lesen vor‚ Klassiker-Lektüre oder Buch-Café . Samstags werden in einer Direktübertragung von 10 Uhr bis 20 Uhr Hörerbriefe vorgelesen und sonntags zur gleichen Zeit die unter der Woche vorgestellten Originalwerke in Kurzfassungen erneut ausgestrahlt. Die Auswahl orientiert sich an der Liste der von den Hörern bereits gelesenen Bücher oder zumindest bekannter Titel, was die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Hörer so eher in den Bann ziehen lassen, erhöht. Bislang gesendet wurden Erzählungen und Romane von Autoren, die in der modernen und zeitgenössischen Literaturgeschichte Koreas Erwähnung finden, Werke von Bestseller-Autoren aus den vorderen Regalen der Buchhandlungen und Meisterwerke bekannter ausländischer Schriftsteller wie Henrik Ibsen und O. Henry. Ebenfalls zu hören waren Fortsetzungsromane wie Wenn Wellen zum Meer gehören von Kim Yeon-su oder Das Rauschen der Stromschnellen von Hwang Sokyong, die noch nicht in Buchform erschienen sind. Prinzipiell hält man sich beim Vorlesen genau an das Original. Bei dialogreichen Romanen sorgt der Vorleser durch entsprechendes Voice-acting für die nötige Dramatik. Als Moderatoren oder Sprecher fungieren EBS-Ansager, Theaterschauspieler, Synchronsprecher, Sänger, Schriftsteller oder Gagwomen. Da der Grad des Gefesseltseins der Zuhörer stark davon abhängt, mit wie viel Sensibilität und Geschick der Vorleser die Besonderheiten eines Werkes herauszuarbeiten vermag, ist das Produktionsteam äußerst vorsichtig bei der Sprecherauswahl, zumal eine Sendung von 20 Minuten bis zu zwei Stunden dauern kann. Experten gehen davon aus, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Hörers für einen vorgelesenen Text höchstens 15 bis 20 Minuten beträgt. Doch von Seiten des Radiosenders EBS sieht man auch bei ein bis zwei Stunden keine Probleme. Man sei mit dieser Länge sogar erfolgreich, hieß es. Son Hee-joon, zuständig für die Zweistundensendung Buch-Café , meint: „Ich hatte zunächst Sorge, dass das Echo schwach sein würde, aber ich stellte fest, dass sich die Hörer dermaßen in die Geschichten vertieften, dass sie sich mit den Hauptcharakteren identifizierten.“ Das Produktionsteam hat anhand der Ergebnisse und des Hörer­ echos des letzten Jahres festgestellt, dass die stabilen Einschaltquoten auf eine geistig stark interessierte und zur Einsamkeit neigende Hörerschaft zurückzuführen sind. So komme es immer wieder vor, dass Hörer, die man bereits via Schwarzes Brett im K o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

Internet oder aus der Hörer-Ecke im Morgenprogramm kenne, im Abendprogramm wieder anzutreffen seien. Produktionstechnisch gesehen habe es sich als effektiv erwiesen, der jeweiligen Lesung des Tages eine Zusammenfassung der letzten Lesung voranzuschicken, Online-Hörermeinungen vorzulesen oder Quizfragen zu den Werken zu stellen und korrekte Antworten mit kleinen Preisen zu honorieren. Ein Hörer ist der Meinung, dass durch Das Vorlesende Radio eine neue Form des Buchlesens durch Hören geschaffen wurde: „Beim Lesen kann man jederzeit zurückblättern, wenn man etwas nicht verstanden hat. Bei Radiohören geht ein verpasster Moment für immer verloren. Deshalb muss man mit voller Konzentration zuhören. Das könnte man als aktives Leseverhalten bezeichnen.“

„Vorlesende Taxis“ auf den Straßen Seouls Das Vorlesende Radio lässt sich auch im Internet oder per Handy empfangen, wenn man das Programm EBS bandi herunterlädt (http://home.ebs.co.kr/bandi). Die Internetseite (http://www.ebs. co.kr/index.jsp) ist eine Art kostenloses Audiobook zum Nachhören verpasster Sendungen. Im Zuge der Programmänderungen im Frühling dieses Jahres startet EBS ein neues Experiment: Die Zehnstunden-Livesendung am Samstag soll nicht mehr mit Hörerbriefen, sondern mit selbst verfassten kreativen Werken gefüllt werden. Die vorgestellten Arbeiten sollen in Buchform veröffentlicht werden, so dass das Programm zum Sprungbrett für Schriftsteller aus dem breiten Publikum werden könnte. Des Weiteren sollen koreanische Klassiker wie Die Geschichte von Hong Gil-dong, Die Geschichte von Chunhyang oder Die Geschichte von Sim Cheong zeitgemäß aufgearbeitet und in Fremdsprachen zur Verfügung gestellt werden, um auch Nicht-Koreanern Einblick in die koreanischen Klassiker zu geben. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob Das Vorlesende Radio Erfolg oder Flop ist. Auch gibt es bislang keine augenscheinlichen Erfolgsindikatoren wie das Hochschnellen der Einschaltquoten oder die Entwicklung eines der vorgelesenen Werke zum Bestseller. Ermutigend ist jedoch, dass bereits einige Taxis das Programm den ganzen Tag laufen lassen und darauf mit dem Sticker Vorlesendes Taxi hinweisen. Am 20. September 2012 feierten Taxifahrer aus dem Raum Seoul, die dank EBS beim Fahren Bücher vorgelesen bekommen, den Zusammenschluss der Vorlesenden Taxis. Auch heute noch lauschen sie zusammen mit ihren Passagieren auf ihren Fahrten durch die Stadt den Geschichten aus dem Radio.

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GOURMETFREUDEN

Weibliche Krabben im Fr체hling, m채nnliche Krabben im Herbst

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Koreatypische Blaukrabben-Gerichte sind Krabben-Eintopf/Suppe (Kkotgetang ) und marinierte rohe Krabben (Gejang ). Insbesondere Gejang gilt bei den Koreanern als sog. „Reisdieb“, da das Gericht als Beilage zu Reis so appetitanregend ist, dass man unwillkürlich viel Reis isst . Ye Jong-suk Professor für Marketing an der Hanyang University, Food-Kolumnist | Fotos: Ahn Hong-beom

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rabben sind bei vielen Menschen rund um den Globus beliebt: Liegt ein Land am Meer, gibt es oft auch Krabben und die meisten Einheimischen essen gerne Krabben-Gerichte. Ähnlich dem Hafenviertel Fisherman's Wharf in San Francisco oder der Meerenge Lei Yue Mun in Hongkong lassen sich überall in solchen Küstenstädten ein, zwei Orte finden, die berühmt für ihre Meeresprodukte sind. Häufig sind in den dortigen Geschäften und Restaurants regelrechte Stapel von in den nahen Gewässern gefangenen Krabben zu sehen. Vor allem in Japan, wo Krabben besonders gerne gegessen werden, kann man bei einem Gang durch die Straßen einer großen Stadt leicht auf riesige Plastik-Krabben treffen, die als Aushängeschilder über auf Krabbengerichte spezialisierten Restaurants hängen. Wenn es um Krabben geht, dann gibt es aber weltweit wohl kaum Menschen, die der Krabbe so sehr verfallen sind wie die Koreaner.

Kkotgetang und Gejang Die Liebe der Koreaner zu Krabben zieht sich durch die ganze Geschichte. Der gelehrte Hofbeamte Kim Jong-jik (1431-1492) pries den Geschmack der Krabbe bereits zu Beginn der Jeoson-Zeit (1392-1910): „Durchschneide die Krabbenscheren; die Stäbchen folgen dem weißen Fleisch. / Zerteile den Bauch; die Fülle des goldenen Inneren offenbart sich.“ Und auch der aus der gleichen Zeit stammende Seo Geojeong (1420-1488), ebenfalls Gelehrter im Dienste des Hofes, sang das Hohelied der Krabbe: „Der chinesische Einsiedler-Gelehrte Su Dongpo soll Krabben über alle Maßen geliebt haben. Und auch ich könnte in diesen Jahren für Krabben sterben“. Die Koreaner sind also unvergleichlich leidenschaftliche Krabben-Genießer, was sich auch in der Vielfalt der Rezepte widerspiegelt. So finden sich bereits in dem Ende des 19. Jahrunderts verfassten Kochbuch Siuijeonseo (Handbuch des rechten Kochens) zahlreiche Zubereitungsmöglichkeiten für Krabben wie gebratene Krabben (Ge-gui), fritierte Krabben (Ge-ganlab/Ge-jeonya), marinierte Krabben (Ge-jeot), gedämpfte Krabben (Ge-jjim), Krabben-Eintopf (Ge-tang) oder getrocknetes Krabbenfleisch (Ge-po). Und auch der 1908 veröffentlichte Haushaltsratgeber für Frauen Gyuhap chongseo (Enzyklopädie für Frauen) beschäftigt sich eingehend mit Krabben. Es wird erklärt, wie man sie züchtet und Lebendtiere hält, welche Gerichte, ernährungswissenschaftlich gesehen, gut zu Krabben passen und welche man meiden sollte, zu welcher Jahreszeit Krabben am besten schmecken, wie man giftige Krabben erkennt oder wie man Krabben mit besonders prall-saftigem Fleisch zieht: Den Krabben wird ein Spezialfutter verabreicht, das die Innereien, die für den Geschmack von Gejang entscheidend sind, größer und saftiger macht. Der in Korea lebende britische Food-Kolumnist Tim Alper äußerte sich zu der Vielfalt der Zubereitungsmöglichkeiten wie folgt: „Während im Westen Krabben in der Regel nur einfach geköchelt werden, haben die Koreaner einzigartige Gerichte wie Kkotgetang oder Gejang entwickelt. Zusammen mit dem thailändischen Krabben-Currygericht Poo pad pong würde ich sie zu den drei besten Krabben-Gerichten auf dem Erdball wählen.“ Alper zeigte sich verwundert über den Geschmack von Gejang: „Es ist erstaunlich weich und von einer Tiefe, die den Gaumen auf hinreißende Art und Weise umschmeichelt. Die Idee, lebende Krabben in Sojasoße einge-

Für Krabben-Eintopf (Kkotgyetang) , zubereitet mit frischen, eierbeladenen Krabben-Weibchen: Einige Löffel Sojabohnenpaste und Chilipulver mit Wasser vermischen und zusammen mit Krabben und Rettich kurz aufkochen. Danach die Krabben vom Rückenpanzer befreien und in beim Essen gut zu handhabende Stücke schneiden. Anschließend zusammen mit reichlich Zwiebeln, roten und grünen Chilischoten sowie Speisechrysanthemen köcheln lassen.

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1. Gejang (oder Kejang ), roh eingelegte Krabben, ein koreatypisches Gericht, wird zubereitet, indem man Sojasoße zusammen mit anderen Würzzutaten wie Zwiebeln, ganzen Chilischoten und Knoblauch kocht. Gejang muss man vor dem Genuss hinreichend durchziehen lassen. 2. Im Frühjahr und Herbst werden frische Krabben direkt aus dem Meer auf den Märkten in der Stadt angeboten.

legt aufzubewahren, scheint einleuchtend leicht, aber das Resultat ist schlichtweg überwältigend.“

„Sie schmeckt süß“ Weltweit existieren mehr als 4.500 Krabbenarten, davon rund 180 in koreanischen Gewässern. Darunter wiederum ist die Blaukrabbe bei den Koreanern am beliebtesten. Blaukrabben-Saison ist zweimal pro Jahr: Im Frühling sind die vor dem Ablaichen reichlich mit Eiern beladenen Weibchen besonders schmackhaft, im Herbst sind es die Männchen, die mit der aufkommenden Kälte an Fleisch zugelegt haben. Männchen und Weibchen lassen sich in der Regel anhand der Form ihrer Bauchklappe unterscheiden: Die des Männchens ist dreieckig-spitz, die des Weibchens hingegen rundlich-breit. Es gibt im Koreanischen verschiedene Bezeichnungen für Blaukrabbe. Sie ist im englischsprachigen Raum auch als swimming crab, Schwimmkrabbe, bekannt. In der 1814 von Jeong Yak-jeon verfassten Abhandlung über Meerestiere Jasaneobo (Handbuch der Meeresbiologie) heißt es: „Für gewöhnlich sind Krabben hervorragende Krabbeltiere und können nicht gut schwimmen, nur diese Krabbe vermag es, sich mit ihren fächerartig ausgebreiteten Beinen auch im Wasser gut fortzubewegen. Schwimmt sie im Meer, soll das ein Zeichen für aufkommende Starkwinde sein. Sie schmeckt süß.“ Doch auch während der Krabben-Saison können die Koreaner nicht immer reichlich Blaukrabben genießen. Die Versorgung mit Blaukrabben steht nämlich in enger Beziehung zur jeweiligen politischen Situation auf der koreanischen Halbinsel, wo sich Nord- und Südkorea gegenüberstehen. Mehr als die Hälfte der landesweiten Fangmenge Südkoreas kommt aus fünf im Westmeer gelegenen Inseln, die zu den Landkreisen Ongijin-gun und Ganghwa-gun der Stadt Incheon gehören. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zu Nordkorea ist es ein Gebiet ständiger militärischer Spannungen. Wenn es zu Provokationen des Nordens kommt, gilt absolutes Fischfangverbot, so dass Blaukrabben eine Weile schwer aufzutreiben sind. Auch zur Zeit des Bombardements der Insel Yeonpyeong-do im Jahre 2010 wurden alle Fischerei-Aktivitäten in dieser Region verboten, was die Blaukrabben-Preise in die Höhe schießen ließ, so dass sich der einfache Bürger nur die Finger danach lecken konnte. Eine überaus bedauerliche Situation, wie sie nur in einem geteilten Land wie Korea möglich ist. „Frische“ heißt das Zauberwort Krabben genießt man am besten dort, wo sie gefangen werden. Lange Transportwege gehen auf Kosten der Frische und durch den erlittenen Stress verlieren die Krabben leicht an Fleisch und Geschmack. Das beste Gericht, das man mit frischen Krabben mit starkem süßen

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Das beste Gericht, das man mit frischen Krabben mit starkem süßen Geschmack und wenig Fischgeruch zubereiten kann, ist Eintopf oder Suppe, weshalb man Krabben aus dem Westmeer nach dem Fangen auf diese Weise an Ort und Stelle zubereitet. Geschmack und wenig Fischgeruch zubereiten kann, ist Eintopf oder Suppe, weshalb man Krabben aus dem Westmeer nach dem Fangen auf diese Weise an Ort und Stelle zubereitet. Ein altes Rezept aus dem Kochbuch Siuijeonseo zur Herstellung von Krabben-Suppe lautet wie folgt: „Für die Brühe werden sowohl die gelben als auch die schwarzen Eingeweideteile der Krabbe verwendet. Die gelben Eingeweide vermischt man zunächst mit Ei und schmeckt sie mit salzigem Sesamöl ab. Die Brühe wird dann unter Zugabe von Pfeffer, Lauch und Ingwer gekocht. Nachdem sie hinreichend geköchelt hat, wird noch ein Ei hineingeschlagen.“ Diese Anweisungen legen nahe, dass für diese Art von Kkotgetang nur die Innereien der Krabbe verwendet wurden. Vermutlich war diese Zubereitungsweise für die adligen Yangban gedacht, um ihnen ein vornehmes Speisen zu ermöglichen. Jedoch ist es für die Koreaner von heute keine Etiketteverstoß, wenn sie genussvoll das weiße Fleisch aus den Schalen heraussaugen. Für heutzutage gegessenen Krabben-Eintopf einige Löffel Sojabohnenpaste und Chilipulver mit Wasser vermischen und zusammen mit Krabben und Rettich kurz aufkochen. Danach die Krabben vom Rückenpanzer befreien und in beim Essen gut zu handhabende Stücke schneiden. Anschließend zusammen mit reichlich Zwiebeln, roten und grünen Chilischoten sowie Speisechrysanthemen köcheln lassen. Stadtviertel in Seoul, die sich einen Namen für ihre Krabben-Gerichte gemacht haben, sind u.a. das Sinsadong-Viertel mit der Sojasoßen-Gejang -Gasse und das Majangdong-Viertel mit der Blaukrabben-Gasse. Heutzutage kann man sich auch fangfrische Krabben in eisgekühlten, versiegelten Verpackungen per Lieferdienst ins Haus zustellen lassen. So ist es möglich, zur Saison im Frühling oder Herbst sich einfach eine Box direkt aus dem Fanggebiet zu bestellen und die Krabben zu dämpfen, als Krabben-Eintopf zu genießen oder sie für den späteren Verzehr in Sojasoße einzulegen. Schnelllieferdienste direkt aus den Fanggebieten machen es zudem möglich, auf den Fischmärkten der Städte frische Krabben entweder in der Box oder einzeln nach Gewicht zu erstehen. 1

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REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

Rezension

Verstörende Einsichten ins menschliche Sein Uh Soo-woong Journalist für Kunst und Kultur, Tageszeitung The Chosun Ilbo

Der 22. Januar 2013 war der zweite Todestag der Schriftstellerin Pak Wanso (1931-2011). Um diese Zeit telefonierte ich nach einigen Monaten noch einmal mit ihrer ältesten Tochter Ho Weon-suk. Sie kümmert sich jetzt um das adrette und gepflegte Wohnhaus ihrer Mutter im Viertel Achiul in der Stadt Guri östlich von Seoul. Es ist das Haus, auf das sich der folgende Satz der Erzählung bezieht: „Auch ich habe vor geraumer Zeit das jahrelange Leben in einer Hochhauswohnung aufgegeben und bin in ein frei stehendes Haus umgezogen.” Pak Wanso ist eine Schriftstellerin, die die koreanischen Leser über den Beinamen „Schriftstellerin der Nation“ hinaus noch gerne mit weiteren Attributen versehen würden. Nach dem Dichter Jang Seokju ist Pak der „Urquell der maternalistischen Literatur Koreas“. Die koreanischen Erzählungen waren in ihrer Geschichte lange Zeit größtenteils paternalistisch geprägt. Paks Erzählungen jedoch handeln von der Frau, die in einer paternalistischen Gesellschaft zur Entfremdung verdammt ist. Sie erzählt eher von der Tochter als vom Sohn, eher von der Mutter als vom Vater, eher von der Ehefrau als vom Ehemann. In Korea gibt es zwar viele Schriftstellerinnen, die ähnliche Sujets behandeln, aber die Geschichten, die aus Paks Vorstellungswelt flossen, sind quasi gertenschlank und üppig zugleich. Besonders ihre Einsichten in das Menschenleben grenzen ans Furchterregende. Das schonungslose Bloßlegen des Trugs des kleinbürgerlichen Glücks oder die Enthüllung der Scheinheiligkeit und Duplizität des Menschen ist ihre Spezialität. Die Erzählung Das Haus der Familie jenes Mannes ist ein reizvolles Beispiel für das Eingeständnis, dass die Autorin selbst ihr eigenes Ich nicht vor diesem scharfen Blick zu schützen vermag. Diese Erzählung wurde in der Sommerausgabe 2002 der vierteljährlich erscheinenden Literaturzeitschrift Munhakgwa Sahoe (Literature & Society) veröffentlicht. Damals war die Autorin siebzig Jahre alt. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie erfrischend und erfreulich es war, als die siebzigjährige Schriftstellerin sich Schulter an Schulter an die produktiven jungen Kollegen reihte, was in koreanischen Literaturkreisen, in denen viele Schriftsteller bereits früh die Feder aus der Hand legen, eine Seltenheit ist. Die Spezial-Beiträge der vorliegenden Ausgabe von Koreana

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beschäftigen sich mit Aspekten Seouls, die selbst die Koreaner nicht gut kennen. Die Erzählung Das Haus der Families jenes Mannes kann als eine modernologische Studie in Form einer Erzählung gelesen werden, die moderne gesellschaftliche Phänomene in und um das Viertel Donam-dong unter die Lupe nimmt. Unter der Oberfläche der Geschichte brodeln körperliche Begierden und einschneidende Kritik. Es ist eine beißende Anklage, die sich gegen sinnliche Begierde und Schuldbewusstein einer Frau, die Tabus zu brechen droht, richtet und auch gegen das trügerische Bewusstsein des Menschen, einschließlich dessen der Autorin selbst. Die Handlung spielt vor dem in Trümmern liegenden Seoul um das Jahr 1950. Die Geschichte beginnt damit, dass die mittlerweile zur Großmutter gewordene Ich-Erzählerin zum Fluss Angamnae im Viertel Donam-dong kommt, wo in ihren jungen Jahren „jener Mann“ gelebt hatte. Auch die Erzählerin hatte damals dort gelebt. Es ist ein ihr vertrautes Viertel, über das sie sagt: „Ich kannte die Gegend bestens.“ Zu ihrer Oberschulzeit zieht die Familie einer entfernten Verwandten ihrer Mutter in das Viertel, und zwar in ein vornehmes, ziegelgedecktes Hanok-Haus mit Bogentor. In dieser noblen Familie gibt es einen etwa gleichaltrigen Oberschüler. Da in der damaligen, sehr stark vom Konfuzianismus geprägten Zeit eine noch rigorose Trennung zwischen den Geschlechtern herrschte, bleibt der Kontakt minimal, bis sich die beiden nach einigen Jahren als junge Erwachsene wiedersehen. Die Erzählerin, mittlerweile Studentin, jobbt im US-Stützpunkt, um Geld zu verdienen, und trifft eines Abends in der Straßenbahn zufällig den jungen Mann wieder, mit dem sie dann ins Gespräch kommt. Zwischen den beiden beginnen sich Gefühle zu entwickeln. Sie werden ein Paar, das durch alle Ecken Seouls streift und einen glücklichen Winter verlebt. Aber er ist arbeitslos und sie hat eine fünfköpfige Familie zu ernähren, da bei ihr zu Hause nur noch Frauen und Kinder übrig geblieben sind. Alle Männer der Familie waren nämlich an die Front geschickt worden, wo sie den Tod fanden. Das körperliche Verlangen und die Leidenschaft der Liebe lassen sich aber nicht einfach unterdrücken. Und trotz allen Verantwortungsbewusstseins für den Lebensunterhalt der Familie kann die Protagonistin die sich in ihr aufbäumende Leidenschaft kaum zähmen. Die junge Frau, die der Krieg plötzlich zur alleinigen Ernährerin Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Pak Wanso Pak Wanso ist der „Urquell der maternalistischen Literatur“ Koreas. In Korea gibt es zwar viele Schriftstellerinnen, die ähnliche Sujets behandeln, aber die Geschichten, die aus Paks Vorstellungswelt flossen, sind quasi gertenschlank und üppig zugleich. Besonders ihre Einsichten in das Menschenleben grenzen ans Furchterregende. Die Erzählung Das Haus der Families jenes Mannes (2007 in der Erzählsammlung Nette Bok-hui erschienen) ist ein reizvolles Beispiel für das Eingeständnis, dass die Autorin selbst ihr eigenes Ich nicht vor diesem scharfen Blick zu schützen vermag. der Familie gemacht hat, fühlt sich angesichts des Verlangens, das sich in ihrer Brust regt, schuldig. In der Erzählung heißt es an einer Stelle: „Als der Mai kam, brach der ganze Garten der Herrengemächer in Blüten aller Art aus. Ich hatte nicht gewusst, dass es so viele verschiedene blühende Gewächse gab. Angefangen von intensiv duftendem weißen Flieder über feuerrote Azaleen, kokett verführerischen Oleander, Granatapfelbäumen, deren Blüten an die Laternen in Rotlichtvierteln erinnerten, bis hin zu den atemberaubenden Gardenien – aus allen sprudelten Blüten hervor – unzähmbar wie rebellisches, hemmungsloses Geflirte.“ Das Aufeinandertreffen von Leidenschaft und Schuldbewusstsein ist einer der herausragendsten Aspekte dieser Erzählung. Einen ausländischen Leser, der mit der koreanischen Geschichte nicht vertraut ist, könnte dies ahnen lassen, woher das Gefühl des „Han“ (Groll, Gram) herrührt, das die heute über 60-jährigen Koreaner in sich tragen. Wie in der Erzählung beschrieben, stellte der als Bruderkrieg bekannte Koreakrieg die Welt auf den Kopf und machte aus Familienmitgliedern Feinde. Die traurige Zeit, in der die südkoreanische Nationalarmee und die nordkoreanische Volksarmee im ständigen Schlagabtausch auf dem Vormarsch bzw. auf dem Rückzug waren, hat nicht nur die Welt auf den Kopf gestellt, sondern auch das Innere der Individuen. Die Ich-Erzählerin, die unter Schuldgefühlen ihre Leidenschaft aufflammen lässt, verrät am Ende der Geschichte den Mann. Und diese Stelle stellt den Moment dar, in dem sich die Erzählung Das Haus der Families jenes Mannes die Universalität sichert, die der Weltliteratur zukommt. Der wahre Grund, warum die ErzähleK o r e a n a ı F r ü h j a h r 2 013

rin sich selbst betrügt, um den Mann zu verraten, liegt darin, dass sie eine spießbürgerliche, realistische Konservative ist. Sie hat das Herz einer Vogelmutter, die in einem – mochte es auch klein sein – stabilen und sicheren Nest Küken ausbrüten und zufrieden leben will. Hier kommt die verstörende Einsicht in das menschliche Leben zum Tragen. Bei der Lektüre der von Paks autobiographischen, (chronikartigen) Aufzeichnungen fiel mir folgende Passage auf: „Ich begann mich zu langweilen, als ich schließlich auch das jüngste Kind so weit aufgezogen hatte, dass ich mich nicht mehr um alles kümmern musste. Ein Gefühl der Langeweile – zu einem überwältigenden Unglück geworden – überfiel mich plötzlich. Die Kinder waren nicht länger Kinder, die mich rund um die Uhr brauchten. Die Erkenntnis, dass sowohl meine Kinder als auch mein Mann draußen mehr zu tun hatten als zu Hause und dass das immer mehr und mehr der Fall sein würde, dass aber mir nichts anderes blieb, als mich um sie zu kümmern und auf sie zu warten, und dass auch das mit jedem Tag weniger werden würde, ließen mich elend und bemitleidenswert fühlen. Mir kam der Gedanke, dass auch ich etwas Eigenes zu tun haben sollte. Es war klar, dass unser Zuhause schließlich zur Hölle werden würde, wenn eine solch tatkräftige Frau wie ich all ihre Energie und Leidenschaft nur in die Familie fließen ließe.“ Ich liebe dieses ehrliche und egoistische Geständnis der Schriftstellerin Pak Wanso. Der Mensch ist schließlich ein Wesen, das eine solche Grenze überwinden kann, auch wenn es diesbezüglich graduelle Unterschiede geben mag. Möge ihre Seele in Frieden ruhen.

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IMpressionen

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m labyrinthischen alten Stadtkern von Seoul, einer Metropole mit über 10 Mio. Einwohnern, sind die Wege am Fluss Cheonggye-cheon die einzige Oase, wo man lange in seine Gedanken versunken spazieren gehen kann, ohne ständig durch Hindernisse wie Autos, Ampeln und Kreuzungen gestört zu werden. Die ruhigen Spazierwege, die sich 10,8km entlang des von Westen nach Osten verlaufenden Wasserwegs erstrecken und von hohen Uferbefestigungen geschützt werden, gleichen einem Zaubergarten, in dem man für kurze Zeit der Hektik der Stadt entfliehen, und – wenn einem wieder der Sinn danach steht – sofort ins dynamische Stadtleben zurückkehren kann. Seoul, das 1394, zwei Jahre nach der Gründung des Joseon-Reichs, zur Hauptstadt Koreas wurde, wurde auf der weiten Ebene zwischen einem hohen Berg im Norden und einem etwas niedrigeren Berg im Süden gebaut. Der Cheonggye-cheon ist ein Wasserlauf im Zentrum Seouls, der – gespeist von 30 Zuflüssen aus den Bergen im Norden und Süden – zunächst in westöstlicher Richtung fließt, bevor er seinen Lauf nach Süden ändert und in den Han-Fluss mündet. Dieses natürliche Gewässer führte normalerweise kaum Wasser, aber in der Regenzeit ergossen sich die Zuflüsse in den Cheonggye-cheon, wodurch es im Nu zu Überschwemmungen kam, die die anliegenden Häuser unter Wasser setzten. Der Cheonggye-cheon spiegelt in der über 600-jährigen Geschichte der Hauptstadt die moderne Geschichte mit ihren dramatischen Veränderungen der letzten 60 Jahre wider. Mit dem Ende des Koreakriegs im Jahre 1953 entstanden den Fluss entlang ganze Armenviertel voller Bretterbuden, die die Flüchtlinge errichteten. Unmengen von Abwässern und Abfällen verwandelten den Fluss in eine schwarze, stinkende Kloake. 1958 begann man mit der Zubetonierung des Choenggye-cheon, um die hässliche Realität zumindest provisorisch zu verbergen. Im Zuge der anschließenden Industrialisierung herrschte in Seoul hektische Betriebsamkeit und alles musste schnell schnell gehen. Daher begann man 1967 damit, über dem zubetonierten Flusslauf eine 5,65km lange und 16m breite Hochstraße zu errichten, die es ermöglichte, Seoul innerhalb von zehn Minuten zu durchqueren. Die Zubetonierung aller Strecken und der Bau der Stadtautobahn nahmen circa 20 Jahre in Anspruch. Im 21. Jahrhundert blickte man der hässlichen und gefährlichen Realität endlich ins Gesicht. Man erkannte, dass Seoul nur atmen kann, wenn der Cheonggye-cheon renaturiert wird. 2003 machte man sich daran, den Fluss von seiner Betondecke zu befreien, die Hochstraße abzureißen und 22 Brücken über den Fluss zu bauen. Im Oktober 2005 begann der Cheonggye-cheon wieder klares Wasser zu führen. Es war, als wäre in den letzten 600 Jahren ununterbrochen so klares Wasser im Flussbett geflossen. Die Gesichter der Menschen, die heute am Ufer stehen, verströmen ein Gefühl der Befreiung vom grauen Dunkel der Vergangenheit.

Cheonggye-cheon: ein Fluss mit den Erinnerungen von 600 Jahren Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Arts

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KOREANA - Spring 2013 (German)  

KOREANA - Spring 2013 (German)