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W INT ER 2012

Koreanische Kultur und Kunst Spezial

Modegeschichten

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Der Dongdaemun Markt, das Mekka der „Fast Fashion“; Koreas führende Modemacher stoßen auf die Weltbühne vor; Seoul Style; Modestraßen in Seoul

ISSN 1975-0617

Jahrgang 7, Nr. 4

Leidenschaft für Mode: Korean Style


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Kim Woosang Zeon Nam-jin Ahn In-kyoung Anneliese Stern-Ko Bae Bien-u Elisabeth Chabanol Han Kyung-koo Kim Hwa-young Kim Moon-hwan Kim Young-na Koh Mi-seok Song Hye-jin Song Young-man Werner Sasse Lim Sun-kun Kim Sam Lee Duk-lim Kim Ji-hyun Kim’s Communication Associates

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Koreanische Kultur und Kunst Winter 2012 IMPRESSUM Herausgeber The Korea Foundation 2558 Nambusunhwan-ro, Seocho-gu, Seoul 137-863, Korea

Model in einem Cheollik . Diese Reinterpretation einer Amtsrobe für Beamte aus der mittleren JoseonZeit besticht durch eleganten Faltenwurf und Form. Das dramatische Styling dieses traditionellen Kleidungsstücks wird von der gewagten Pose und Frisur unterstrichen. Design von Lee Hye-soon, Model Noh Sun-mi, Make-up von Yoo Yanghee, Foto: Ogh Sang-sun © Damyeon Image Book

Detailansicht der traditionellen Ramie-Jacke Wonsam © Damyeon Image Book

Neue Herausforderungen Trotz des allgemeinen globalen Konjunkturrückgangs und politischer Unruhen in einigen Ländern konnte Korea im Jahr 2012 das Profil der koreanischen Kultur und Kunst auf der Weltbühne stärken. Die sog. „K-Kultur“ hat ihren bemerkenswerten Erfolgskurs fortsetzen können. Beispiele dafür sind die Ehrung des Außenseiter-Regisseurs Kim Ki-duk mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig und die Rekord-Ticketverkäufe der heimischen Filmindustrie. Das anhaltende K-Pop-Fieber brachte den kometenhaften Aufstieg eines weiteren Außenseiters der Kunstszene: Psy bringt schon seit Monaten die ganze Welt zum Rocken mit seinem witzigen Tanz-Musikvideo Gangnam Style , das auf YouTube alle bisherigen Anklickrekorde brach. Nicht weniger bedeutungsvoll ist, dass die Zahl der ausländischen Touristen 2012 erstmals die 10-Millionen-Besuchermarke durchbrochen hat. Zudem konnte Korea in diesem Jahr zum ersten Mal Nettogewinne im Kulturbereich einfahren.

Trotz dieser erstaunlichen Erfolge bestehen noch eine ganze Reihe Herausforderungen: Viele talentierte Filmemacher leiden unter einem feindlichen, nur am großen Geschäftemachen interessierten Marktumfeld, die hübschen Jungen- und Mädchen-Idole des K-Pop kämpfen damit, ihre künstlerische Dimension zu erweitern, und in der Tourismusindustrie bedarf es dringend eines Paradigmenwechsels, um Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Nichtsdestoweniger kann man sagen, dass Korea endlich einen spürbaren Beitrag zu Kultur und Kunst der Weltgemeinschaft geleistet hat. Jetzt ist es wichtig, eine klarer umrissene Identität und Originalität zu schaffen. In diesem Sinne steht auch KOREANA 2013 vor neuen Herausfoderungen. Ahn In-kyoung Chefredakteurin der deutschen Ausgabe


Spezial modegeschichten

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Spezial 1

Mode in Korea: Leidenschaft mit Stil

Yang Sun-hee

Spezial 2

Der Dongdaemun Markt, das Mekka der „Fast Fashion“

Koreas führende Modemacher stoßen auf die Weltbühne vor

Cho Se-kyung, Kim Yoon-soo

Spezial 4

Modestraßen in Seoul

Cho Yoon-jung

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Spezial 3

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Lee Jin-joo

INTERVIEW Lee Youn-taek: „Kultur-Guerillakämpfer“ des koreanischen Theaters Kim Moon-hwan KUNSTHANDWERKER

Kunstschmiedmeister Kim Kyk-chen: Holzmöbel mit „Juwelen“ beschlagen

Park Hyun-sook

KUNSTKRITIK

Multimedia-Künstlerin Kim Soo-ja: Das Leben mit dem Atem nähen Koh Mi-seok

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AUF DER WELTBÜHNE

Filmregisseur Kim Ki-duk: Ein Außenseiter gewinnt den Goldenen Löwen

Darcy Paquet

Den eigenen Weg gehen

Eine Suppenküche der blühenden Liebe

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Kim Hak-soon

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NEUERSCHEINUNG Jokbo – Einblicke in die koreanische Gesellschaft Werner Sasse

Korean Genealogical Records

Gugak-Archiv: Aufbewahrungsort traditioneller koreanischer Musik Joo Jae-keun

http://archive.gugak.go.kr/ArchivePortal/

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60 62 66 70

K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

BLICK AUS DER FERNE

Die vielen Facetten von Seoul

Peter Kujath

ENTERTAINMENT

„B-Klasse“ bringt die Welt zum Tanzen: Psys Gangnam Style

Lim Jin-mo

GOURMETFREUDEN

Die koreanische Tofu-Küche

Ye Jong-suk

LIFESTYLE

„Büchern lauschen“ – Festivals des Lesens

Lee Kwang-pyo

REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

Marsyas oder Pierrot Uh Soo-woong Das Grab von Katze und Schlange Sim Sang-dae

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Spezial 1

Mode in Korea: Leidenschaft mit Stil „W

arum sind alle Koreaner so gut gekleidet?“ – diese Frage wird mir von vielen koreanischen Freunden, die eine Zeit lang im Ausland gelebt haben, oder von Personen aus anderen Ländern oft gestellt. Für mich, die ich stets in Korea gelebt hatte, machte diese Frage zunächst wenig Sinn. Erst als ich vor einigen Jahren die Gelegenheit hatte, als Gastdozentin ein Jahr an einer Universität in New York zu lehren, fragte auch ich mich nach meiner Rückkehr beim Bummel durch die Straßen Seouls: „Wie kommt es, dass alle Koreaner so modisch gekleidet sind?“ Ich finde, dass Koreaner im Durchschnitt besser gekleidet sind als New Yorker. Aber Besondere Wertlegung auf die Kleidung, ein feines Gespür für Farben und nicht unbedingt deshalb, weil Koreaner einen ein Riesenmarkt, der von einem reichen Pool talentierter Designer mit besonders ausgeprägten Sinn für Mode besitstets neuen Trends gespeist wird - diese drei Elemente bestimmen das zen, sondern eher, weil sie stärker auf die überall gegenwärtige Notwendigkeit, gut Modebewusstsein in Korea. angezogen zu sein, achten müssen und vor Yang Sun-hee Leitartiklerin, Tageszeitung The JoongAng Ilbo dem Ausgehen entsprechend viel Mühe auf ihre Kleidung verwenden. Zu diesem soziokulturellen Aspekt kommt noch, dass die industrielle Entwicklung Koreas ihren Anfang u.a. in der Textil- und Bekleidungsindustrie nahm. Korea verfügt über eine entsprechend extensive und stabile Infrastruktur für Herstellung und Vertrieb von Bekleidung.

Bekleidungsindustrie als Sprungbrett der Wirtschaftsentwicklung Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der wirtschaftliche Aufstieg Koreas mit dem Erfolg der Bekleidungsindustrie begann. Daher gilt die Textil- und Bekleidungsindustrie als Lokomotive des Wirtschaftswachstums in Korea. Die moderne Industrie in Korea überhaupt nahm ihren Anfang mit der Textil- und Bekleidungsindustrie. Während heute Elektronikprodukte, Halbleiter und Schiffe den Hauptanteil des Exports stellen, waren es noch bis in die 1960er und 70er Jahre Frackhemden, Hosen, Röcke und Blusen für den amerikanischen und europäischen Markt. Da die Koreaner sich durch Fleiß und großes Fingergeschick auszeichneten, konnte sich die koreanische Textilindustrie international rasch einen Namen für Qualitätsprodukte machen. Obwohl heutzutage die Textilproduktion größtenteils nach China verlegt wurde, liegen Produktplanung und Vertrieb in vielen Fällen immer noch in der Hand koreanischer Unternehmen. Zu Beginn der Industrialisierung fertigten die koreanischen Firmen Bekleidung auf OEM-Auftragsbasis, weshalb man für diese Zeit kaum von einer eigenständigen koreanischen Modeindustrie sprechen kann. Der einheimische Modemarkt war bis Anfang der 1980er Jahre vielmehr grob in zwei Sektoren aufgeteilt: Private Damenschneidereien, in denen Damen der Oberschicht aus hochwertigen Stoffen aus eigenem Besitz Kleider anfertigen ließen, sei es nach Design-Vorlagen aus Modezeitschriften oder nach eigenem Geschmack. Der zweite Sektor waren „Markt-Kleider“, also Alltagsbekleidung aus Massenproduktion. Mit Beginn der 1980er Jahre profilierten sich dann eigenständige koreanische Marken, womit das Zeitalter der koreanischen Marken-Konfektionskleidung und Fashionindustrie regelrecht eingeläutet wurde. Seitdem hat sich die Modeindustrie Koreas in kürzester Zeit in atemberaubendem Tempo ent-

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Lee Hyun-yi (links), ein beliebtes koreanisches Model, das international aktiv ist, bei der Arbeit mit dem kanadischen Model Coco Rocha für den Modefotografen Steven Meisel, der die Fotos für die Werbekampagne 2012 des Shinsegae-Kaufhauses schoss. Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Korea ist das „Gelobte Land“ für Modemarken. Es ist ein großer Markt, den die CEOs der amerikanischen oder französischen Luxusmarken fast jedes Jahr zwecks Kunden- und Promotion-Studien aufsuchen. Einige internationale Kosmetikhersteller launchen ihre Produkte sogar zuerst auf dem koreanischen Markt, um sich ein Bild über das Marktpotential in anderen Ländern zu machen.

wickelt. Korea ist heute das „Gelobte Land“ für Modemarken. Es ist ein großer Markt, den die CEOs der amerikanischen oder französischen Luxusmarken fast jedes Jahr zwecks Kunden- und Promotion-Studien aufsuchen. Einige internationale Kosmetikhersteller launchen ihre Produkte sogar zuerst auf dem koreanischen Markt, um sich ein Bild über das Marktpotential in anderen Ländern zu machen. Denn die koreanischen Verbraucher gelten in allen Moderelevanten Bereichen im weitesten Sinne als „Fashion-Barometer“. Außerdem stoßen immer mehr koreanische Designer auf den amerikanischen und europäischen Markt vor.

Fashion-DNA Das besondere Interesse der Koreaner an stilvoller Kleidung reicht weit zurück. Während der Joseon-Zeit (1392-1910) war Korea ein Land der neo-konfuzianistischen Philosophen. Entsprechend strenge Vorschriften und Standards galten für fast jeden Lebensbereich. Der Status einer Person etwa wurde an folgenden Kriterien gemessen: Äußeres Erscheinungsbild, Ausdruck und Wortwahl, Schrift- und Schreibstil sowie Urteilskraft. Interessanterweise wird das äußere Erscheinungsbild an erster Stelle genannt. In alten koreanischen Texten wird bei der Beschreibung einer Person tatsächlich häufig zuerst erklärt, wie er aussieht und wie er angezogen ist. Das Aussehen eines Menschens ist jedoch in der Regel ein angeborenes und kein beliebig veränderbares, erworbenes Merkmal. Daher war es für die Koreaner in alter Zeit wichtig, sich gut zu kleiden, um einen würdevollen Eindruck zu machen. Laut historischen Aufzeichnungen wurde die Extravaganz, die Männer des öffentlichen Lebens zur Schau stellten, oft zu einem gesellschaftlichen Problem. Mitte der Joseon-Zeit ermahnte der König seine Gefolgsmänner sogar, sich bescheiden zu kleiden und verbot ihnen das Tragen von Schmuck wie z.B. Ohrringen. Aus einer anderen Aufzeichnung geht hervor, dass Männer aus adligem Hause ihr Gesicht zum Bleichen der Haut mit Wasser mit Reismehlbeimischung wuschen, eine Verschwendung, die entsprechend verboten wurde. In dieser Zeit hatten die Herren der Oberschicht bis zur Kopfbedeckung hin stets formell gekleidet zu sein, und das nicht nur, wenn sie zu Hause Gäste empfingen, sondern auch, wenn sie in ihrem Studierzimmer über den Büchern saßen oder Zeit mit

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ihrer Ehefrau verbrachten. (Damals waren in adligen Häusern die Gemächer des Hausherrn und die der Hausherrin streng getrennt.) In der Vergangenheit gab die Kleidung einer Person sofort Aufschluss über gesellschaftlichen Status, Geschlecht und Familienstand. Auch die jeweils vertretene Philosophie bzw. Weltanschauung wurde durch die Kleidung zum Ausdruck gebracht: Man versuchte nämlich anhand von Farben und Mustern die Prinzipien und den Ursprung des Universums darzustellen. Früher verbarg sich in der Kleidung ein heute längst vergessenes kompliziertes Regelwerk, so dass der Akt des Sich-Anziehens an sich bereits eine Art Ritual war. Mit der Zeit sind die traditionellen strengen Regeln und die Assoziationen, die mit einzelnen Bekleidungsstücken verbunden wurden, zwar weitgehend verloren gegangen, geblieben ist jedoch das scheinbar in der DNA verankerte Bewusstsein, dass man gut gekleidet zu sein hat, wenn man sich mit jemandem trifft oder wenn man ausgeht.

Farbe: Identität der koreanischen Mode Das Schlüsselwort der koreanischen Mode ist „Farbe“. Während der New York Fashion Week im September präsentierten fünf koreanische Designer die Gruppenschau Concept Korea mit dem Thema „Obangsaek“ (fünf Grundfarben: blau, weiß, rot, schwarz und gelb). Sie symbolisieren jeweils Osten, Westen, Süden, Norden sowie die Mitte. Diese aus China stammende, alte Farbphilosophie fand dann in Korea auf vielfältige Weise Ausdruck, und zwar nicht nur in der Bekleidung, sondern auch in vielen anderen Bereichen der Kultur und des Alltagslebens. Das heißt nicht, dass nur diese Farben für Kleidung verwendet worden wären. Aber es sind diese Grundfarben und ihre jeweilige Kombination, die für die vier wichtigsten Zeremonien im Lebenszyklus eines Menschen von hoher symbolischer Bedeutung waren, i.e. für die Zermonie zur Volljährigkeit, zur Hochzeit, zum Tode und zur Ahnenverehrung. Die Farben, die die alten Koreaner trugen, waren vielfältiger als nur diese Grundfarben und prachtvoll. Die Stoffe wurden mit natürlichen Farbstoffen, die aus Pflanzen und Früchten wie Indigopflanzen, Kakipflaumen usw. gewonnen wurden, gefärbt, wodurch sich besonders originäre Farbtöne ergaben. Die Farben signalisierten auch den gesellschaftlichen Status. Z.B. war anhand der Farbe am Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


ration, der südkoreanische Riese im Bereich Chemie- und TextilinÄrmelende oder der Brustschleife der traditionellen Frauentracht dustrie, wurden von Dongdaemun-Händlern gegründet und florierzu erkennen, ob die Trägerin ledig oder verheiratet war, oder ob sie ten, bis sie dann im Zuge der Asienkrise 1997 der Zwangsverwaleinen Sohn hatte. tung unterstellt bzw. umstrukturiert wurden. Aber auch landesweit Auch die Kombination der einzelnen Farben ist bemerkenswert. aktive Modeunternehmen wie die Nasan Group und die Fashion Dafür braucht man sich nur einmal die Kleider anzuschauen, die Group Hyungji wurden auf dem Dongdaemun Markt groß. Derzeit die Hauptdarstellerinnen in den koreanischen historischen TVgibt es zudem immer mehr Dongdaemun-Designer, die auf den Serien tragen. Oft lassen sich Farbkombinationen entdecken, die New Yorker Markt vorstoßen. man sich in anderen Ländern nicht ohne Weiteres vorstellen kann, Der Dongdaemun ist ein Fashion-Drehkreuz, das Großhändler wie z.B. eine Kombination aus gelbem Bolero-Oberteil mit blauaus den Nachbarländern wie Japan, China, Hongkong und Russoder purpurfarbigen Ärmelenden und rosafarbenem Rock, die aber land anzieht, die sich hier mit Waren eindecken. Mittlerweile gibt trotzdem harmonisch-elegant wirkt. Hier ist natürlich zu beachten, es viele koreanische Einkaufs-Malls dass diese TV-Garderobe zwar zum in China und Hongkong, die hauptTeil auf Basis historischer Quellensächlich Kleidung vom Dongdaeforschung geschneidert wurde, in mun Markt verkaufen. Zu nennen ist manchen Fällen hat aber auch der z.B das Einkaufszentrum neben der Kostüm-Designer seiner Fantasie Sogo Mall in Causeway Bay, Hongfreien Lauf gelassen. kong. Hier bieten mehr als 80% der Die Chinesen zogen es vor, ihrer rund 100 Modegeschäfte Fashion Kleidung durch farbenfrohe Stickeaus Korea an. Die Besitzer decken reien Pracht zu verleihen. Auch in sich im Schnitt ein- bis zweimal pro Korea war man natürlich mit der StiMonat auf dem Dongdaemun Markt ckerei vertraut, jedoch setzte man mit neuer Ware ein. stärker die sog. Jogakbo-Technik Der Dongdaemun Markt ist bekannt ein, bei der Stoffstücke in einer Art Präsentation koreanischer Modemarken auf der Schau K-Fashion für seine starke Design-Konkurrenz. Patchwork aneinandergenäht werSensation , die am 11. Okt. 2012 in New York stattfand. Ein Grund dafür ist, dass seit über den. Diese Technik fand auch für (Fotos mit freundlicher Genehmigung der Korea Fashion Association) zehn Jahren immer mehr junge Alltagsartikel wie Kleidung, Decken Designer, die in Mailand, Paris, usw. Verwendung. New York usw. Modedesign studiert haben, auf dem DongdaeZu Beginn des modernen Korea gelang es den koreanischen Desimun Markt Läden aufmachen, in denen sie ihre Kreationen anbiegnern, die die Mode des Westens studiert hatten, noch nicht, die ten. Der Markt bietet zudem ein voll integriertes Produktionssystraditionellen koreanischen Farbkombinationen mit der modernen tem, d.h. Stoffkauf, Zuschnitt und Fertigung des Produktes können westlichen Kleidung wirkungsvoll zu kombinieren. Daher war der an Ort und Stelle erledigt werden, so dass bis zu 1.000 Artikel pro traditionelle Sinn für Farben und Farbkombinationen lange Zeit aus Tag hergestellt werden können. Daher kommt es oft vor, dass ein der Alltagskleidung der Koreaner verschwunden. Jetzt versuchen Stück, das gestern noch angeboten wurde, heute nicht mehr zu finjunge, talentierte koreanische Designer, die koreatypischen Farben den ist. Der Lebenszyklus einzelner Designs ist also sehr kurz und mit den Formen der westlichen Kleidung in Einklang zu bringen. jederzeit kann man etwas Neues finden. Außerdem ist die Kleidung sehr preisgünstig. Wiege der „Fast Fashion“ Es dürfte zutreffen, dass die Mehrheit der gut gekleideten MenDie internationale Modewelt von heute wird von sog. Fast-Fashionschen in Korea ihr modisches Aussehen dem Dongdaemun Markt Marken wie ZARA und H&M angeführt. Korea besitzt jedoch schon zu danken haben. seit langem seine eigenen Quellen für Fast Fashion: nämlich die Jetzt visiert die koreanische Modeindustrie die nächsten Stufe an, riesigen Großhandelsmärkte wie den Dongdaemun Markt. i.e. die Eroberung des internationalen Modemarktes. In den letzten Der Dongdaemun Markt entwickelte sich in den Zeiten des rasanJahren haben koreanische Unternehmen eine Reihe von internatiten Wirtschaftsaufschwungs der 1960er und 70er Jahre zum Zenonalen Marken übernommen wie z.B. MCM, Mandarina Duck und trum für Textilien und Kleidung. Die ersten Unternehmer, die die Fila. Zudem arbeiten viele koreanische Modeschöpfer heutzutage Synthetikfaserindustrie in Korea zum Florieren brachten und ihre in den USA und Europa. Nachdem K-Pop und andere Genre der Firmen dann zu großen Konglomeraten entwickelten, hatten mit Koreawelle Hallyu ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben, ihrem Geschäft auf dem Dongdaemun Markt angefangen. Viele steht jetzt die koreanische Modeindustrie in den Startlöchern. führende Textilhersteller der Zeit wie z.B. Hanil Synthetic Fiber Co., Ltd. (damals der größte Nylonproduzent Koreas) und Kohap CorpoK o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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Spezial 2

Der Dongdaemun Markt, dasMekka der „Fast Fashion“ V

or einigen Monaten bin ich von Seoul auf die Insel Jeju-do vor der südwestlichen Küste der koreanischen Halbinsel umgezogen. Der Grund dafür war die Aufnahme meines ältesten Kindes in eine internationale Schule in der Jeju Global Education City. Zunächst hatte ich geglaubt, hier mangels Kaufhäusern und Shopping Malls meine chronische Kaufsucht heilen zu können. Aber diese Erwartung erwies sich schon bald als trügerisch. Die „Shopaholic-DNA“, die über 30 Jahre lang in mir gewirkt hatte, regte sich schon bald trotz aller guten Vorsätze ihres „Wirtes“ wieder. Voller geistiger Qualen erstellte ich lange Listen von Dingen, die einst in greifbarer Nähe gewesen waren, die es aber auf der Insel nicht gab. Ganz oben stand der Dongdaemun Markt. Der auf Kleidung und Textilien spezialisierte Dongdaemun Markt mag mit seiner Als Mode-Journalistin einer Tageszeitung 100-jährigen Geschichte alt sein, vibriert aber als Mekka der Fast Fashion vor war ich für die monatliche Mode-Kolumne jugendlicher Energie. Er ist eine Art Mode-Laboratorium für kreative und findige zuständig und besuchte den Dongdaemun Designer und ein Wunderland für jeden, der immer auf der Welle der neuesten Markt so regelmäßig wie eine Maus eine volle Scheune. Wenn ich bei FotoaufnahModetrends schwimmen möchte. men mit Profi-Models merkte, dass das Lee Jin-joo Reporterin, Tageszeitung The JoongAngIlbo | Fotos: Jun Ho-sung gewisse Extra am Outfit fehlte, lief ich zu dieser meiner alten Schatzinsel. Die dort entdeckten Schätze bereicherten auch meine persönliche Garderobe zu meinem Vorteil: Mein Paillettenkleid vom Dongdaemun war Blickfang in einem Club auf Ibiza in Spanien und der Monokini und das Designerkleid erregten Aufsehen in einem Hotel in Dubai. Dank des Dongdaemun Marktes konnte ich modisch und schick auftreten.

Der größte und einzige „Alles-in-einem-Markt“ Der Dongdamun Markt kann mit einem gigantischen Kraftwerk verglichen werden. Hier, mitten in der Megacity Seoul mit ihren über zehn Millionen Einwohnern, werden nämlich die neuesten und heißesten Modeartikel entworfen, produziert und vertrieben. Diese Dynamik hat die Koreaner, die davor nur begrenzte Erfahrungen im Modebereich hatten, innerhalb kurzer Zeit in die Modespitze der Welt katapultiert. Bereits Paik Nam June, Pionier der Videokunst, bemerkte einmal treffend: „Für mich findet sich das Potential und die Lebenskraft der Koreaner auf den Märkten am Namdaemun (Südtor) und Dongdaemun (Osttor). Die Wettbewerbsfähigkeit der Weltwirtschaft stützt sich auf ein freies Marktsystem und Distribution. Der Namdaemun Markt und der Dongdaemun Markt haben die Antworten darauf bereits vor 100 Jahren gefunden.“ Unter „Dongdaemun Markt“ vesteht man ein ganzes Viertel verschiedener Märkte, die sich zwischen dem Gwangjang Markt an der Straße Jongno 5-ga und dem Jonghap Markt an der Straße Cheonggye 8-ga befinden. Hier sind rund 40 kommerziell genutzte Gebäude mit rund 35.000 Bekleidungsgeschäften und etwa 20.000 Produktionsstätten angesiedelt. In diesem „Fashion Valley“, in dem etwa 150.000

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Shopper kommen aus dem Doota, einer Landmarke der Dongdaemun Fashion Town, die zur Sondertouristenzone Seouls bestimmt wurde.


Menschen arbeiten, gehen Tag für Tag gut eine Million Menschen aus und ein. Nach Angaben der Korea International Trade Association verzeichnet der Markt einen Tagesumsatz von 50 Mrd. Won (rd. 35 Mio. Euro) bzw. einen Jahresumsatz von 10 Bio. Won (rd. 7 Mrd. Euro). Der Dongdaemun Markt ist auch das Mekka der „Fast Fashion“ in Korea. Nach 2000 haben internationale SPA-Marken (SPA: Specialty retailers of Private label Apparel) wie Zara oder Mango weltweit den sog. Fast Fashion Trend eingeführt, d.h. drei oder vier Mal pro Monat werden neue Produkte herausgebracht. Der Dongdaemun Markt hat jedoch bereits vor Jahrzehnten die Fast-FashionKernstrategie „Größeres Produktsortiment, begrenzte Menge“ angewandt. Der Markt konnte nicht nur mit Materialien aller Art aufwarten, sondern auch mit gelernten, billigen Arbeitskräften. Damit war und ist der Dongdaemun Fabrik und Markt zugleich. Shin Yong-nam, Repräsentant von Dongta.com (www.dongta.com), einer Community-Webseite, auf der die Groß- und Einzelhändler des Dongdaemun Marktes Informationen über Existenzgründung, Stellensuche und -angebote, Geschäft und Produktionsstätten austauschen, bezeichnet diesen Markt als „weltweit größten und einzigen Alles-in-einem-Markt“.

„Bis 5 Uhr morgens offen!“ Der Dongdaemun Markt hat in den 100 Jahren seines Bestehens einen Ruf als auf Bekleidung spezialisierter Markt erworben.

Das heutige Dongdaemun-Marktviertel entwickelte sich aus dem Gwangjang Markt, der 1905 von dem Textilhändler Park Seungjik als Einzelhandelsmarkt ins Leben gerufen wurde. Park gründete später die Doosan Gruppe, eine der heute zehn mächtigsten Konglomerate in Korea. Die Doosan Gruppe, die die koreanische Ausgabe von Vogue herausgibt und das experimentelle Einkaufszentrum Doota (Abkürzung von „Doosan Tower“) betreibt, hat also im Dongdaemun ihre Wurzeln. Nach dem Koreakrieg (1950-1953) erweiterte sich das ursprüngliche Marktviertel um den Pyeonghwa Markt, der von Flüchtlingen aus dem Norden gegründet wurde. Im Zuge der Industrialisierung des Landes in den 1960er und 70er Jahren wuchs der Dongdamun Markt – neben dem Namdaemun Markt – zu einem der beiden größten Großhandelsmärkte für Bekleidung und Textilien in Korea. Während auf dem Namdaemun Markt damals handgenähte, qualitativ hochwertige Bekleidung hergestellt und verkauft wurde, wurde auf dem Dongdaemun Markt billigere und minderwertigere Ware angeboten. In Kellerlöchern, in denen kaum je ein Sonnenstrahl drang, oder in Räumen unter dem Dach saßen die Näherinnen an den Maschinen und arbeiteten für einen Tageslohn, für den man gerade mal eine Tasse Kaffee bekam, bis ihre Nasen vor Erschöpfung zu bluten begannen. Vor diesem Hintergrund kam es zu einem der tragischsten Ereignisse in der Geschichte der koreanischen Arbeiterbewegung: Jeon Tae-il, ein 22-jähriger Schneider vom Pyeonghwa Markt, setzte sich 1970 aus Protest gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen


in Brand — eine Verzweiflungstat, die die Aufmerksamkeit auf die Lage der koreanischen Arbeiter lenkte und sie schließlich verbessern half. Die Kleider „made in Dongdaemun“ verkauften sich gut im In- und Ausland. Als der Markt sich als Zentrum von Produktion und Export in Asien etablierte, betrug der Zyklus eines Designs vom Dongdaemun nur einen Tag. Stellte ein weltbekannter Designer in Übersee seine neueste Kollektion vor, war der neue Stil mit Sicherheit ein paar Tage später auf dem Dongdaemun zu finden. In den frühen 1990er Jahren gelang es der damals eröffneten Einkaufshalle Art Plaza durch frühere Öffnungszeiten und den Einsatz von Mietbussen, die die Einzelhändler aus dem ganzen Land bequem zum Markt brachten, die Vorherrschaft des Namdaemun Marktes zu brechen. Mit der Eröffnung von Mega-Einzelhändler-Kaufhäusern wie Migliore (1998) und Doota (1999) wurde das Dongdaemun-Viertel zur konkurrenzlosen Fashion Town. Der Dongdaemun Markt unterteilt sich in zwei Zonen: eine Großhandelszone im Osten, in der sich traditionelle Freiluft-Märkte und die Einkaufszentren Designer’s Club und U:US befinden, und eine Einzelhandelszone im Westen mit Migliore und Doota im Zentrum. Auf dem Markt existieren also zwei völlig heterogene Parallelwelten. Während die Großhandelszone das „Wunderland der Imitate“ ist, werden in der Einzelhandelszone echte Luxusartikel und Original-Designermarken gehandelt. Die traditionellen Märkte öffnen frühmorgens und schließen abends zwischen 18.00 und 20.00 Uhr.

Der Großhandelsbereich ist von 21.00 bis 06.00 Uhr am nächsten Morgen offen und die Einzelhandelsläden von 10.00 bis 05.00 Uhr am nächsten Morgen. Die Hollywood-Schauspielerin Jessica Alba twitterte von ihrem Korea-Besuch im Frühjahr: „Spät abends einkaufen in Seoul. Bis 5 Uhr morgens offen! (Late night shopping in Seoul. Open until 5 am!)“ Um die Millenniumwende profilierten sich junge, von der weltweiten Wirtschaftsflaute gebeutelte Designer und risikofreudige Einzelhändler als neue treibende Kräfte auf dem Dongdaemun Markt. Im Gegensatz zu den etablierten Modemarken des Landes, bei denen Jungdesigner bis zu zehn Lehrjahre hinter sich bringen müssen, bevor sie sich mit eigenen Designs entfalten können, war der berufliche Einstieg auf dem Dongdaemun viel einfacher und Entscheidungen konnten unmittelbarer getroffen, schneller umgesetzt und sofort anhand der Reaktion des Marktes überprüft werden. Daher wurde der Dongdaemun Markt zu einem „Versuchslaboratorium“, in dem junge Designer mit neuen Mode-Ideen experimentieren konnten. Es war auch um diese Zeit, als sich herumsprach, dass Designer mit Auslandsabschluss zum Dongdaemun strömten. Die Medien berichteten, dass Designer wie Kim Ho-won, der das italienische

Doota, das von 10.00 bis 05.00 Uhr am nächsten Morgen geöffnet hat, zieht täglich rd. 50.000 Besucher an.


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Instituto Marangoni absolviert hatte und Chefdesigner der Marke El Canto war, und Jeong Hye-seon, die am Central Saint Martins College of Arts and Design in London studiert und bei Paul Smith und Kenzo gearbeitet hatte, zum Dongdaemun kamen. Der Dongdaemun Markt wurde zu einem „Inkubator“ unternehmerischer Jungdesigner, ähnlich wie die Garage von Steve Jobs im Silicon Valley zum Sprungbrett für IT-Existenzgründer wurde. Hinter dem Erfolg standen smarte, junge Konsumenten, die genau wussten, was sie wollten. Die Kaufhäuser Migliore und Doota wurden zu Landmarken des Dongdaemun, indem sie in Konkurrenz miteinander Events nach dem Geschmack von Teens und Twens veranstalteten, sei es B-Boy Wettbewerbe oder Rockkonzerte.

Designer- und Marken-Inkubator Es gäbe keinen Grund, extra zum Dongdamun Markt zu gehen, wenn es dort nur Kleidung gäbe, wie man sie auch in anderen Shopping-Vierteln Seouls wie Myeong-dong oder Itaewon finden könnte. Das bedeutet, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Dongdaemun unmittelbar von seinen originären Designs abhängt. Von den rund 150.000 Erwerbstätigen, die ihren Lebensunterhalt auf dem Dongdaemun Markt verdienen, sind etwa 10.000 professionelle Designer mit mehr oder weniger Berufserfahrung oder Studienhintergrund. Nicht zu vergessen die Ladenbesitzer, die aufgrund langjähriger Erfahrungen auf dem Markt ein Auge für DesignTrends entwickelt haben. Jeder von ihnen bestellt jede Woche fünf bis sechs neue Designs, was bedeutet, dass täglich 20.000 bis

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1. Ein Wagen saust tief in der Nacht am hell erleuchteten Designer’s Club vorbei. 2. Die Gassen hinter Designer’s Club sind voller Großhandelsläden.

30.000 neue Designs auf den Markt gebracht werden. Rein mengenmäßig ist der Dongdaemun damit schon ohne jede Konkurrenz. Das Seoul Fashion Center, eine der Stadt Seoul unterstellte Institution, hilft jungen Designern mit Kursen für Existenzgründung auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Doota wählt jedes Jahr im Rahmen der Ausschreibung „Doota Venture Designer Conference (DVDC)“ Designer mit Potential aus. Die Preisträger erhalten im Rahmen dieses Marken-Inkubationsprogramms die Gelegenheit, ein Jahr lang im Untergeschoss mietfrei den sog. Dooche Shop für junge Designer zu benutzen. Als Erfolgsbeispiel ist die Marke Cres E Dim von Kim Hong-beom zu nennen. Kim Hong-beom war DVDC-Preisträger des Jahres 2008 und wurde im September 2012 als einer der fünf Designer gewählt, die gemeinsam mit den koreanischen Top-Designern Lie Sang-bong und Son Jung-wan die Show Concept Korea , seit 2010 ein fester Bestandteil der New York Fashion Week , gestalteten. Kims erster Shop war der Dooche-Shop im Untergeschoss, aber jetzt präsentiert er seine Kollektion in bester Lage, nämlich auf großzügiger Fläche im Erdgeschoss direkt neben der Rolltreppe, wo stets reger Publikumsverkehr herrscht. Er hat sich also in den drei Jahren nach der Gründung seiner eigenen Marke zu einem viel beachteten Designer entwickelt. Kim zog die Aufmerksamkeit Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


„Wie bei Martin Margiela beruht die Identität meiner Marke auf Avantgarde, aber meine Modelle sind gleichzeitig alltagstauglich. Auf dem Dongdaemun kann man viel durch Experimentieren lernen.“ durch seinen raffinierten, an den belgischen Designer Dries Van Noten erinnernden Einsatz von Farbblöcken auf sich. Er gesteht, am Anfang hin und gerissen gewesen zu sein zwischen seinen eigenen Design-Vorstellungen und Designs, die eine breitere Masse ansprechen können. Kim Sun-ho, bekannt für seine Herrenmodemarke Ground wave , hat im Erdgeschoss von Doota die Damenboutique Zazous eröffnet. Nachdem er auf der Seoul Collection Fashion Show mit einem grauen, an ein buddhistisches Mönchsgewand erinnernden Steppmantel für Furore gesorgt hatte, bot man ihm Verkaufsfläche im vierten Stock in der Herrenabteilung an. Seine Antwort war jedoch, dass er sich lieber in der Damenmode versuchen wolle. Er erklärte: „Wie bei Martin Margiela beruht die Identität meiner Marke auf Avantgarde, aber meine Modelle sind gleichzeitig alltagstauglich. Auf dem Dongdaemun Markt kann man viel durch Experimentieren lernen.“ Darüber hinaus ist der Dongdaemun auch ein Zuhause der großen Namen der Seoul Fashion Week wie Choi Bum-suk (General Idea ) und Lee Doii (Dol Dol Dol ). Neue Partner: Onlineläden Der Dongdaemun Markt, der sogar die große Asienkrise im Jahre 1997 gut überstanden hatte, wurde durch die jüngste weltweite Rezession ins Schwanken gebracht. Außerdem erschienen um 2005 SPA-Marken mit globalen Marketingstrategien auf dem koreanischen Modemarkt, was das gesamte Umfeld der heimischen Modebranche veränderte: Günstige Kleidung guter Qualität, eine der Hauptstärken des Dongdaemun, verlor strategisch gesehen an Überzeugungskraft . Zudem sind billige Arbeitskräfte, die in den 1960er und 1970er Jahren den kometenhaften Aufstieg des Dongdaemun ermöglicht hatten, heutzutage nur noch in China oder in einigen südostasiatischen Ländern zu finden. Kern-Arbeitskräfte wie Schneider, Patterndesigner und Näher sind längst in andere Branchen abgewandert. Laut der Korean Apparel Industry Association sind 85% der Beschäftigten in den Bekleidungsfabriken Seouls in ihren 40er oder 50er Jahren. Während das Angebot an Designern, die an der Spitze der Modepyramide stehen, übermäßig groß ist, bröckelt die Basis in K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

der Produktion immer weiter ab und besteht fast nur noch aus älteren Fabrikarbeiterinnen. Von diesem Arbeitskräfteschwund im Herstellungsbereich sind Japan und Taiwan schon längst betroffen. Eine Säule des Alles-in-einem-Marktes Dongdaemun, der Planung, Produktion und Vertrieb vor Ort vereinigt, ist also am Zusammenbrechen. Die Stadt Seoul versucht zwar mit dem Projekt „Dongdaemun Meisterschule“, durch das gezielt Meister herangezogen werden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, aber solche Anstrengungen alleine dürften kaum ausreichen. Der Rückgang des Dongdaemun wurde auch durch den spekulationsbasierten Bau von immer mehr Geschäftshochhäusern beschleunigt: Das Angebot an Gewerbe-Immobilien stieg und damit auch der Anteil an leer stehenden Verkaufsräumen. Laut dem Bezirksamt von Jung-gu beträgt die durchschnittliche Leerstandsrate auf dem Dongdaemun Markt fast 30%. Vor allem die nach 2005 gebauten Shopping Center sind mit 63% hart getroffen und erinnern mehr an Gespensterhäuser. Mangels Mieteinnahmen suchte man nach alternativen Nutzungszwecken und gestaltete sogar einige Stockwerke zu Businesshotels um. Vor diesem Hintergrund wurden Anstrengungen unternommen, neben dem Inlandsmarkt den Exportmarkt zu erweitern und neben dem OfflineMarkt den Online-Markt zu erschließen. Im April 2012 zog Doota im 2 Tagesdurchschnitt 50.000 Kunden an, darunter etwa 10.000 ausländische Touristen. Diese Touristen stellen zwar nur 20% der Kundschaft, generieren aber gut 50% des Gesamtumsatzes, wobei die Chinesen mit 70% davon an erster Stelle liegen. Die Forderung, den Dongdaemun Markt zu einer eigenständigen Marke zu machen und zu einer Drehscheibe ersten Ranges für Logistik, Finanzen und Entertainment in Nordostasien zu entwickeln, gewinnt damit immer stärker an Überzeugungskraft. Die Online-Läden, die einst aufgrund ihrer Billigstrategie als Feinde des Dongdaemun betrachtet wurden, sind nun wichtige Partner geworden. Etwa 70 bis 80% der Bekleidung, die über die bekanntesten koreanischen Shopping-Webseiten wie Auction und Gmarket verkauft werden, stammt vom Dongdaemun. Sogar Großhänd-

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ler verkaufen heute nicht selten Artikel außerhalb der jeweiligen Saison online. Auch große Kaufhäuser und Homeshopping-Anbieter haben ihre Türen gegenüber dem Dongdaemun geöffnet. Z.B. hat der Online-Frühmarkt von Shinsegae Mall seine Zeiten auf die Großhandelsläden des Dongdaemun abgestimmt. Hyundai Home Shopping unterhält ein Team von Modestylisten, die gezielt Produkte auf dem Dongdaemun auswählen, die dann innerhalb einer Woche in jeden Ort der Welt geliefert werden können. Florierende Online-Modegeschäfte wie Style Nanda tragen ebenfalls zur Internationalisierung des Dongdaemun Marktes bei. Die Erfolgsgeschichte einer Teenagerin mit dem Spitznamen „400 Mio.Mädchen“, die durch den Verkauf von 10.000-Won-Billigkleidern (10,000 Won = rd. 7 Euro) via Internet Riesengewinne von rund 400 Mio. Won (280.000 Euro) machte, führte dazu, dass viele eingetragene Online-Unternehmer ihren Geschäftsradius bis nach China, Japan und in die USA erweiterten.

Phantasmagorie Dongdaemun Das Modeviertel „Dongdaemun Fashion Town“ wurde 2002 zur Sondertouristenzone der Stadt Seoul bestimmt und reihte sich damit neben die Viertel Itaewon und Namdaemun/Myeong-dong. Doch auch schon lange davor zählte das Viertel zu den beliebtesten Touristenzielen, zu dem sich etwa die Hälfte aller Seoul-Besucher aufmachte. In dieser Gegend mit ihrem Nebeneinander von traditionellen Märkten und ultramodernen Einkaufshochhäusern spiegelt sich die moderne Geschichte Koreas wider. Es ist ein Ort,

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Junge Leute beim Shoppen bei 2nd G , einem Herrenmode-Laden im 4. Stock von Doota

an dem sich Zeit und Raum von gestern und heute überschneiden und damit für den Besucher vielleicht von ähnlicher Exotik wie der Große Basar in Istanbul. Das Einkaufen hier ist immer noch ein spannendes Spiel und Abenteuer. An vielen Stellen ist es sehr eng und unbequem, aber durch den Markt zu streifen, weckt Erinnerungen an die heimelig-engen Gassen der Kindheit. Die schmalen Durchgänge zwischen den als „Hühnerkäfigen“ bekannten, eng an eng gedrängten Lädchen, und die alten Gebäude, in denen ständig irgendwo irgendetwas renoviert oder repariert wird – all das besitzt eine ganz eigentümliche und einzigartige Atmosphäre und Anziehungskraft. Zwar gilt mittlerweile in den meisten Läden, darunter auch im Kaufhaus Doota, ein Festpreissystem, aber Handeln ist nach wie vor in vielen Fällen möglich. Es macht großen Spaß, die Kleidungsstücke, die wie gerahmte Bilder an der Wand hängen, anzuprobieren und VintageStücke auf Wühltischen zu Schleuderpreisen zu erstehen. Zwischendurch kann man die Befriedigung, ein Designerstück aus einer limitierten Kollektion ergattert zu haben, bei einem Kaffee in einem Paul Bassett Bistro oder in dem Kaffeehaus FIKA à la Schwedenstil genießen. Die Nacht auf dem Dongdaemun Markt ist immer noch sehr aufregend.

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Dongdaemun Markt bei Nacht

Es war einige Tage vor dem Chuseok-Erntedankfest Ende September. Über dem Dongdaemun Markt lag abends gegen 10 Uhr Hard Rock in der Luft. Auf der Freilichtbühne vor dem Einkaufszentrum Doota war gerade ein Rockkonzert in vollem Gange. Die Hälfte des Publikums bestand aus ausländischen Touristen mit Einkaufstüten in der Hand. Harumi Chiba (33) und Yukiko Yamashita (32) aus Japan meinten zufrieden, dass sie bei ihrem ersten Besuch in Seoul viel Spaß hätten. Chiba erzählte, dass sie im dritten Stock von Doota für nur 140.000 Won (rd. 100 Euro) ein Paar rote Pumps gekauft hätte. Die Japanerinnen zogen – jede mit einer Flasche Wasser von einem der Straßenimbisse in der Hand – zum Kwanghee Markt auf der gegenüber liegenden Straßenseite los, um Lederjacken zu kaufen. In dem Gebäude herrschte wegen Erweiterungsarbeiten einiges Chaos. Der Zugang zur Rolltreppe war mit Band, auf dem „Außer Betrieb“ stand, abgesperrt, so dass wir die Treppe in den zweiten Stock nehmen mussten. Dort angelangt, eröffnete sich eine völlig andere Welt: Überall hingen schimmernde Pelzmäntel und feine Jederjacken, die geradewegs aus der neuesten Kollektion eines weltbekannten Designers zu stammen schienen. Auf jedem Kleiderbügel hing ein Stück im Rock-chic-Stil von Neil Barrett oder Balenciaga. Es waren Kopien dieser Designermarken, die scherzhaft als „Kwang-Barrett“ oder „Kwangciaga“ bezeichnet werden. Dazu Fake-Jacketts von Haider Ackermann, die nur den wenigen mit der Marke Vertrauten etwas sagen. Yamashita machte zwei Mal die Runde durch die rund 130 Läden und kaufte schließlich für 2,7 Mio. Won (rund 1.900 Euro) einen schlichten, kurzen Mantel in Beige. Die Korridore des Kwanghee Marktes waren so gut wie leer. Baek K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

Won-guk (55), Besitzer von Bethel, eines Pelz- und Lederwarenladens von der Größe fünf normaler Geschäftsflächen, seufzte bei der Erinnerung an die Zeiten vor zehn Jahren, als die Kunden sich dermaßen in den Gängen drängten, dass sie dauernd aneinander stießen, und fügte hinzu: „Hochwertige Pelzmäntel, die zwischen 1,5 und 3 Mio. Won (zwischen 1.000 und 2.000 Euro) kosten, werden heute nur noch von chinesischen Touristen gekauft.“ Gegen ein Uhr nachts habe noch eine Frau namens S. Oyun (48), die in der Mongolei ein Geschäft für koreanische Artikel und ein Motel führt, einen Pelzmantel gekauft. Als ich das Gebäude verlassen wollte, begegnete ich zwei Russinnen, Mutter und Tochter in kakifarbigen T-Shirts im Militär-Look. Die Tochter, Anna Wingo (31), ist Englischlehrerin in einem Kindergarten. Sie lebt schon seit neun Jahren in Korea und kennt sich in den Einkaufsvierteln wie Itaewon oder der Untergrund-Mall am Gangnam Express Bus Terminal sehr gut aus. Die Mutter, Elena Korsakova (51), liebt die Verkaufsstände in den Hintergassen des Dongdaemun. Hier findet man trotz der strengen Kontrollen der Regierung immer noch die berühmten Fakes. Danach ging ich zu Designer‘s Club. Es war halb drei in der Nacht und die Flure waren voller Stapel fest aneinander geschnürter Plastiktüten, die auf den Versand zu den Einzelhändern im ganzen Land warteten. Vor dem Gebäude standen Händler aus dem Lande herum, die ihren Einkauf erledigt hatten. Ihre riesigen Taschen, so groß wie sie selbst, waren allerdings nur halb voll. Ich ging bis Doota zu Fuß und nahm dort ein Taxi. Allmählich gingen in den hell erleuchteten Gebäuden die Lichter eins nach dem anderen aus. Auch über den Dongdaemun Markt senkte sich schließlich die Nacht.

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Spezial 3

Koreas führende Modemacher stoßen auf die Weltbühne vor Cho Se-kyung Mode-Contenthersteller Kim Yoon-soo Mode-Journalist

„Mode ist meine Leidenschaft“ Choi Bum-suk, Creative Director, General Idea

Cho Se-kyung: Sie haben mit dem Verkauf von Kleidern an einem Stück Mauer vor der Hongik Universität begonnen und sind jetzt einer der gefragtesten Designer für Herrenmode in Südkorea, eine Art Symbol für eine sich der Herausforderung stellende Jugend. Die Lebensgeschichte des Designers Choi Bum-suk sorgt stets für Gesprächsstoff. Choi Bum-suk: Ich denke, das hat damit zu tun, dass ich von Kindheit an von Mode besessen war und diesen Weg konsequent weitergegangen bin. Anstatt in der Schule zu lernen, habe ich auf der Straße Klamotten verkauft. Als ich mir dafür am Anfang einen Platz an einer Mauer lieh, träumte ich von einem Laden mit Dach. Bald wurde der Traum wahr, und als ich auf dem Dongdaemun Markt T-Shirts verkaufte, träumte ich davon, selber zu designen, und so bin ich Designer geworden. Natürlich war das alles nicht einfach und lief nicht glatt, aber dass ich heute bin, was ich bin, war wohl deshalb möglich, weil ich jedes Mal, wenn ich von etwas träumte, ohne jedes Zögern auf diesen Traum hingearbeitet habe. Cho: Haben Sie gegen vorgefasste Meinungen zu kämpfen, weil Sie nie eine formale Ausbildung zum Designer durchlaufen haben? Choi: Ich habe nur einen Mittelschulabschluss. Doch wenn mein Vater sagt, „Hätte ich dich auf die Oberschule und die Universität geschickt, wärst du heute noch erfolgreicher“, dann entgegne ich: „Nein, dann würde es den Designer Choi Bum-suk heute nicht geben“. Für mich war die Zeit, als ich unter freiem Himmel verkaufte, quasi die Mittelschule, die Zeit auf dem Dongdaemun Markt die Oberschule und mein Eintritt in die Seoul Collection als Designer wie der Beginn einer Hochschulausbildung. Selbst diejenigen, die mir gegenüber voreingenommen waren, haben mich anerkannt, sobald sie meine Designs mit eigenen Augen gesehen haben. Cho: Als Seouler Stardesigner haben Sie viele gute Angebote bekommen, auf denen Sie sich leicht hätten ausruhen können. Doch Sie haben sich für New York entschieden und dafür sogar das Risiko finanzieller Nachteile in Kauf genommen. Was war der Grund dafür? Choi: Ich habe die Grenzen des Seouler Marktes gespürt und wollte mehr Menschen meine Mode tragen sehen. Und wenn ich schon damit anfange, dann wollte ich es auch in die Riege der ganz Großen schaffen. Als ich mir die anderen Designermarken anschaute, dachte ich, dass ich schnell aufholen könnte. Also bin ich nach New York gegangen. Die Konkurrenz stellte sich dann jedoch als außerordentlich stark heraus und überstieg meine Kräfte. Das Ganze verschlang auch viel Geld, aber da ich es als eine Art Prüfung für mich angesehen habe, dachte ich, dass ich dabei nicht wirklich etwas zu verlieren hätte. Die erste Saison war natürlich ein Desaster. Meine Show in einer kleinen Galerie in Downtown New York zog kaum Besucher an, geschweige denn Journalisten. Doch heute lassen sich zu jeder meiner General-Idea-Kollektionen Kritiken auf GQ.com finden und die Modetrend-Webseite WGSN wählte sie sogar unter die fünf besten New Yorker Kollektionen. Cho: Was würden Sie denjenigen raten, die ein zweiter Choi Bum-suk werden wollen? Choi: Es ist gefährlich, nur auf sein eigenes Glück zu vertrauen. Man muss optimistisch und rea-

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„Für mich war die Zeit, als ich unter freiem Himmel verkaufte, quasi die Mittelschule, die Zeit auf dem Dongdaemun Markt die Oberschule, und mein Eintritt in die Seoul Collection als Designer wie der

Beginn einer Hochschulausbildung.“

listisch zugleich sein. Man kann zwar denken, dass irgend jemand einem schon helfen wird, aber man muss sich bewusst sein, dass das Risiko umso größer wird, je mehr man von anderen abhängt. Als ich Probleme hatte, Design- und Business-Aspekt meiner Arbeit unter einen Hut zu bekommen, tauchten Investoren auf. Ich vertraute ihnen und weitete meine Geschäfte aus, doch was übrig blieb, war ein Haufen Schulden.

Koreanische Avantgarde und Doota Kim Sun-ho , Mode-Designer und Creative Director, Groundwave

Cho Se-kyung: Sie haben gute Kritiken für Ihre Kollektion erhalten. Heißt das, Designer Choi Bum-suk dass es in Zukunft für Sie jetzt einfacher sein wird? Kim Sun-ho: Es sind jetzt drei Jahre vergangen, aber noch immer fühle ich mich wie auf einer Achterbahn. Ich glaube, ich bewege mich immer in die selbe Richtung, aber jede Saison reagieren die Einkäufer unterschiedlich. Es ist zwar auch vorgekommen, dass ein Stil, von dem ich glaubte, dass er sich gut verkaufen lassen würde, tatsächlich erfolgreich war, aber es gab auch den umgekehrten Fall. Ich brauche noch etwas mehr Erfahrung. Cho: In Korea gibt es ein breites Spektrum an Herrenmode-Designern. Es gibt Designer, die sich auf Anzüge spezialisieren und eine Zeit lang gab es auch Designer, die das Konzept der Outdoor-Kleidung anwendeten. Groundwave lässt sich jedoch in keine Kategorie einordnen, sondern scheint eher an das Feingefühl der Käufer zu appellieren. Kim: Das hat wohl damit zu tun, dass ich keine vorgefertigte Meinung habe, wie Herrenmode auszusehen hat. Ich halte mich zwar an die grundlegenden Regeln, verleihe meinen Designs aber gern noch einen gewissen Kniff. Es ist zwar nicht meine Absicht, aber ich bekomme oft zu hören, dass meine Kleidung wie Unisex-Mode aussehe. Cho: Und die asiatische Note ist stark ausgeprägt. Kim: Interessant, dass Sie das erwähnen. Ich denke, dass meine Arbeiten sehr modern sind, aber die Kritiker beschreiben sie K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

immer als religiös und orientalisch. Es scheint, dass die von mir verwendeten Materialien diesen Effekt erzeugen. Cho: Stimmt. Die Stoffe sind sehr beeindruckend. Ich denke da an die beiden Outfits, die im Herbst 2012 während der Pariser Modenschauen im Rahmen des von der Stadt Seoul geförderten Global-Fashion-Projekts 10 Soul’s Seoul präsentiert wurden. Die Linien waren zwar modern, strahlten aber gleichzeitig auch Religiösität und einen Hauch Asien aus. Als ob Räucherstäbchen angezündet worden wären. Kim: Ich suche immer nach möglichst unterschiedlichen Stoffen. Dabei bin ich auch auf Steppstoffe gestoßen. Bei Steppstoffen kann man innen und außen unterschiedliche Materialien verwenden. Bei Kleidung im westlichen Stil entsteht so ein überaus moderner Look. Ein anderes, mit traditionellen Methoden hergestelltes Material, das ebenso einen modernen Touch hat, ist Hanji, das traditionelle koreanische Papier aus der Rinde des Maulbeerbaums. Als ich für meine Herbst-Winter-Kollektion im letzten Jahr Hanji-Stoffe verwendete, sprachen die Kritiken wieder von Religiösität und Orientalität. Cho: Selbst die einzelnen Fasern im Hanji waren deutlich zu sehen, weshalb ich mich zunächst fragte „Was ist denn das?“ Kim: In Daegu gibt es Leute, die Hanji-Stoffe entwickeln und herstellen. Hanji kann Feuchtigkeit abtransportieren. Die Sommer in Korea sind sehr schwül-heiß und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Mit dieser Tatsache im Hinterkopf haben sie fünf Jahre lang mit Hanji-Stoffen experimentiert. Doch sie hatten Schwierigkeiten mit der Kommerzialisierung ihres Produkts und gerade da haben wir uns getroffen. Wie Sie sagten, bleiben die Fasern sichtbar, gleichzeitig ist der Stoff weich. Ich habe die Möglichkeiten dieses hochwertigen Stoffes erkannt und für meine Kollektion genutzt. Cho: Suchen Sie bewusst nach ausgefallenen Stoffen? Kim: Es ist sehr schwer für neue Designer, sich gute Stoffe frühzeitig zu sichern. Die produzierte Menge ist so beschränkt, dass selbst, wenn einem ein Stoff gefällt, nicht einmal eine Bestellung dafür angenommen wird. Auf der anderen Seite ist die Hanji-Herstellung ein kleiner und sehr spezieller Geschäftszweig, so dass

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„Ich denke, dass meine Arbeiten sehr modern sind,

aber die Kritiker beschreiben sie immer als religiös und orientalisch.“

wir wieder gut zueinander gepasst bestimmte Linie ergibt. Die Eleganz haben. ist eine ganz andere als bei körperbeCho: Diese Art von Herausforderung tonenden Schnitten. Das gilt auch für hat bestimmt geholfen, Groundwave die Kragen- und Ärmellinien. Diesen besonderen Charme wollte ich durch von anderen Marken abzuheben. die Neuinterpretation des Hanbok im Kim: So ist es. Ich bin jemand, der alles Couture-Stil vermitteln. selber in Angriff nehmen und erleben Was auf mich die größte Faszination muss. Auch bei meinem Debüt habe ausübte, war die Unterwäsche. Das ich die Initiative ergriffen und die von wunderschöne Styling-Erlebnis der mir entworfenen Designs auf einer Schichtung verschiedenartigster Slips, Paris-Trade-Show vorgestellt. DasselUnterhosen, Pumphosen und Unterröbe gilt auch für die Eröffnung meines cken übereinander hat mich stets verPop-up-Stores im Galleria-Kaufhaus, zückt. Dazu können traditionelle Stofwas für einen Newcomer schon eine fe wie Baumwolle, Hanfleinen, Seide ziemlich ungewöhnliche Aktion war. und Gaze je nach Verwendungsart Ich wollte eine Beurteilung über meine entweder vollkommen edel oder ganz Designs haben und deshalb habe schlicht wirken. Als ich in diesem Jahr ich herumtelefoniert, mich mit Leudie London Fashion Week besuchten getroffen und so schließlich den Durchbruch geschafft.. te, entdeckte ich in einer Boutique in Cho: Haben Sie etwas Neues in PlaDover Street Market eine Ausgabe nung? des britischen Textil-Magazins SelKim: Für die Seoul Frühjahr/Sommervedore , auf dessen Cover sich ein von Kollektion 2013 habe ich mehr eine mir gestyltes Hanbok-Foto befand. Da Gesteppter Trenchcoat, von Kim Sun-ho für Groundwave entworfen Präsentation als eine Runway-Show wurde mir bewusst, dass die Globaligeliefert. Ich habe stets bedauert, dass mit 10 Minuten Show schon sierung des Hanbok nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen alles gelaufen ist, und hätte gerne noch mehr Menschen meine wird. Kreationen vorgestellt und Feedback erhalten. Das hat mich aber Kim: Sie sind für Ihr Engagement bekannt, die Schönheit des Hanauch auf neue Ideen und Methoden gebracht: Ich verkaufe eine bok durch Ausstellungen und Magazin-Beiträge zu promoten. Linie für Damenmode jetzt auch im Kaufhaus Doota auf dem DongSeo: Ich war zuständig für das Styling der Londoner Ausstellung daemun Markt. Auf der internationalen Bühne präsentiere ich Baeja : The Beauty of Korea , die von der Arumjigi Culture Keepers Avantgarde-Fashion koreanischen Stils, in Doota experimentiere Foundation, einer Non-profit-Organisation zur Bewahrung der traich jedoch mit Mode für den koreanischen Massenmarkt. ditionellen koreanischen Kultur, organisiert wurde. Die Ausstellung war den Baeja, den traditionellen koreanischen Westen, gewidmet. Präsentiert wurden Baeja von Altmeistern ihres Faches, moderne Hanbok: endlose Quelle der Inspiration Versionen junger Designer sowie Baeja von Designerin Jin Te-ok, Seo Young-hee, Stylistin die das Traditionelle und Moderne in einem vereinigt. Meine Idee Kim Yoon-soo: Was war für Sie der Auslöser, Hanbok-Stylistin zu war es, ein Baby-Baeja als eine Art Kronleuchter in den Eingangswerden? bereich zu hängen. Auf der vor kurzem veranstalteten InternationaSeo Young-hee: Als ich an einer Fotostrecke für Vogue Korea len Kunstmesse Korea (KIAF) hat das Koreanische Amt für Kulturerbe eine Ausstellung abgehalten, auf denen Gemeinschaftsarbeiarbeitete, wollte ich Fotos kreieren, die man so in der Vogue Franten von modernen Designern und Anwärtern auf den Titel „Träger ce oder der Vogue Italy nicht zu sehen bekommt. Daher begann des Immateriellen Kulturerbes“ gezeigt wurden. Zusammen mit ich, mit traditioneller koreanischer Kleidung zu arbeiten. Der HanKünstlern aus den Bereichen Stickerei und Näharbeit stellte ich bok hat einen ganz flachen Schnitt, wodurch sich beim Tragen eine

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„Unterwäsche übte auf mich die größte Faszination aus. Das wunderschöne Styling-Erlebnis der Schichtung verschiedenartigster Slips, Unterhosen,

Pumphosen und Unterröcken übereinander hat mich stets verzückt.“

über die Anfänge. feine, durchsichtige Jeogori-BoleroYoon Won-jeong: 1999 eröffneWesten aus, die in Schichten überten wir unser Studio und unseren einander drapiert waren. Mit CoverLaden in der Rodeo-Straße, der Designs für oFK: The Magazine of Mode-Straße des Seouler SüdvierKorean Culture und für das Magazin tels Apgujeong-dong. Zu Beginn Sulhwasoo experimentiere ich mit haben wir 15 Outfits entworfen und Obangsaek (die fünf Grundfarben) ausgestellt, und wenn sie sich versowie mit Formen und Linien des kauften, haben wir neue gefertigt. Hanbok. Der Hanbok ist eine Quelle Damals frequentierten viele aus endloser Inspirationen für mich. der Fashion-Industrie diese Straße, Kim: Was planen Sie für die im Untergeschoss des Gebäudes Zukunft? hatte die Vogue ihr In-House-Studio Seo: Stylisten haben unterschiedliund ein Stockwerk über uns lagen che Spezialgebiete. Ich gestalte den die Büros der zu jener Zeit größten Hintergrund für Fotoaufnahmen. und berühmtesten Fashion-WerDurch diese Arbeit konnte ich meibeagentur. So bekamen viele vom nen Horizont erweitern und meinen Fach unsere Mode zu sehen und Blick schärfen und habe viele wundie Mund-zu-Mund-Propaganda tat derbare Dinge im In- und Ausland dann ihr Übriges. kennen gelernt. Während meiner Cho: Sie haben in New York stuStudienzeit wollte ich immer einen diert, in Seoul Ihre Marke gegrünLaden für Handarbeiten eröffnen, det und sind nach deren Etabliedoch jetzt ist dieser Traum größer rung wieder zurück nach New York geworden: Im ersten Stock möchte Die Stylistin Seo Young-hee bei einem Shooting für Vogue Korea gegangen, um bei den dortigen Kolich eine Galerie für Stoffe und Stilektionen mitzumischen. Gab es dafür einen besonderen Grund? ckereien einrichten. Ein Traum von mir wäre es, Britartist Tracey Yoon: Nach drei Jahren bei den Seouler Modeschauen standen Emin einzuladen und ihre Stoffe auszustellen. Außerdem möchwir vor der Entscheidung, eine zweite Marke zu schaffen oder es te ich die Arbeiten koreanischer Stickerei- und Näharbeitskünstbei den Fashion Shows in New York zu versuchen. Die Wahl fiel ler zeigen. Im Erdgeschoss möchte ich verschiedene Textilien wie schließlich auf New York. Von Anfang an zeigten Einkäufer von Baumwollstoffe von koreanischen Künstlern, Leinensorten aus Neiman Marcus oder anderen berühmten Kaufhäusern Interesanderen Ländern und Stoffe für Stickarbeiten zum Verkauf anbiese an unserer Mode. Es gab aber ein Problem: Ihnen gefielen die ten. Mein Traum-Handarbeitsladen soll einen koreanischen, aber Designs, aber nicht die Preise. Wir konnten nicht einfach mit dem gleichzeitig auch exotischen Flair ausströmen, der einem als angePreis heruntergehen und so war es schwierig, einen Kompronehmer Duft entgegenschlägt, sobald man die Tür öffnet. miss zu finden. Diese New-York-Erfahrung überzeugte uns, es mit einer zweiten Marke zu versuchen. Wir waren sicher, dass es New York und Seoul nicht nur in New York, sondern auf den Märkten der ganzen Welt Yoon Won-jeong, Mode-Designer und Debb Creative Director; DEBB, Andy & Debb eine große Nachfrage nach modernen Designs gab. Nach unserer Rückkehr haben wir DEBB gegründet. Marken-Konzept und PräCho Se-kyung: Andy & Debb erschien Ende der 1990er, einer Zeit, dominiert von Röcken im H-Linien-Schnitt, Ferragamo Vara Flats, sentation orientierten sich an unseren Erfahrungen aus New York. Strasshaarspangen und den Farben Schwarz und Weiß. Die konDie ganze Kollektion ließen wir in Seoul fertigen und hielten in New tinuierlich gewachsene Marke Andy & Debb repräsentiert den York unsere Shows ab, ein System, unter dem vieles, das wir gerne „Gangnam Style“, also ein minimalistisches, figurbetontes Design gemacht hätten, nicht möglich war. Auch bei den Show-Räumen in einer schlicht gehaltenen Farbpalette. Erzählen Sie bitte etwas gab es viele Einschränkungen. Mit der Rückkehr nach Seoul waren K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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„Koreanische Designer haben nicht genügend Verkaufsmöglichkeiten für ihre Mode. Durch Online Stores und Multi Brand Stores wurden zwar neue Absatzwege geschaffen, aber das reicht noch nicht aus. Es ist schon lange her,

dass ausländische Import-Marken die Luxus-Abteilungen in den Kaufhäusern übernommen haben.“

Yoon: Es wird allmählich besuns aber wieder mehr Freiheiten ser, das steht fest. Auch die Stadt gegeben. Seoul hat durch PromotionsverCho: Dass koreanische Designer anstaltungen zur Bekanntmatrotz dieses Wissens Unsumchung koreanischer Designer men investieren, um an die Türen im Ausland einiges an Erfahrung ausländischer Märkte anzuklopgewinnen und so mehr positive fen, hängt mit dem VetriebssysErgebnisse erzielen können. Von tem im Inland zusammen. Muss Jahr zu Jahr werden immer mehr der Designer nicht für zu viele wichtige Einkäufer und MedienBereiche die Verantwortung vertreter zur Seoul Collection einübernehmen? Yoon: Koreanische Designer geladen. Wenn die Seouler Modehaben nicht genügend Verkaufsshow terminlich in Abstimmung möglichkeiten für ihre Mode. mit den vier wichtigsten Fashion Durch Online Stores und Multi Weeks, also mit New York, LonBrand Stores wurden zwar neue don, Mailand und Paris, abgeAbsatzwege geschaffen, aber das halten wird, dürfte das Interesreicht noch nicht aus. Es ist schon se steigen. Momentan findet sie lange her, dass ausländische einige Wochen nach den HauptImport-Marken die Luxus-AbteiModeschauen statt und da ist die lungen in den Kaufhäusern überLuft dann schon etwas raus. nommen haben. Ich dürfte wahrscheinlich zur letzten Generation Eine Asiatin auf den koreanischer Designer gehören, Das Designer-Ehepaar Yoon Won-jeong (links außen) und Kim Seok-won, Laufstegen der Welt das für Andy & Debb entwirft die dort noch einen Laden hat. Lee Hyun-yi, Fashion Model Für Jungdesigner ist die Situation noch schwieriger. Sie müssen nicht nur bestellte Ware produzieCho Se-kyung: In den letzten Jahren ist der asiatische Einfluss in ren, sondern auch einschätzen können, welche Stücke der Kollekder weltweiten Fashion-Szene merklich gestiegen. Designer wie tion sich gut verkaufen lassen, und auch diese fertigen lassen. Für Alexander Wang, Phillip Lim oder Thakoon konnten sich behaupjedes Stück auf Lager müssen sie die Verantwortung tragen. ten und asiatische Models sind im Gegensatz zu früher regelmäßig Cho: Gibt es keine Möglichkeit, diesen Teufelskreis zu durchbreauf den Runways oder in der Werbung zu sehen. Auch Ihr Erfolg chen? als Model ist beeindruckend. Wie sind Sie Model geworden? Yoon: Der heimische Markt muss sich weiter öffnen. Das Lee Hyun-yi: Mein Debüt hatte ich 2005 im Rahmen des SuperGeschäftsmodell ist zu koreanisch geprägt. Selbst wenn Einkäumodel Contest des TV-Senders SBS. Es war die Zeit, als koreanifer aus dem Ausland kommen, hapert es mit der Verständigung. sche Models wie Song Kyung-ah und Han Hye-jin immer aktiver Es ist auch ein Problem, dass die wirklich großen Einkäufer der in der ausländischen Modeszene wurden, so dass es im Inland Fashionwelt gar nicht erst nach Seoul kommen. nur noch wenige Top-Models gab. Außerdem suchte man nach Cho: Die Kollektionen sind das Herzstück des Fashion Business. neuen Gesichtern. Daher konnte ich ohne die übliche NewcomerFür jede Saison entwerfen die Designer neue Mode, die EinkäuVorlaufzeit sofort mit Fotoshoots für die großen Modemagazine fer an der Fashion-Front sondieren die neuesten Designs und die wie Vogue , Elle oder Harper’s Bazaar beginnen und mir so einen Mode-Journalisten informieren die Öffentlichkeit über die aktuNamen machen. Im Januar 2008 bekam ich dann einen Anruf aus ellen Trends nach den Shows. Doch die Seoul Collection ist noch New York von jemandem, der die Sedcard meiner Agentur gesezu sehr reine Show und zu wenig Bühne für reale Geschäftsabhen hatte, und meine internationale Karriere begann. Ich habe jetzt schlüsse. schon vier Saisons auf ausländischen Laufstegen hinter mir.

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„Es gab Zeiten, da bin ich bei einer Probe am frühen Morgen in Baumwoll-Sample-Outfits gelaufen. Heute sind die Modelle und auch die Art, wie die Designer sie präsentieren, von hoher Perfektion,

so dass meiner Meinung nach die Seoul Collection internationales Niveau erreicht hat.“

der Bühne, deshalb bin ich Model Cho: Sie waren ein Top-Model in geworden. Deswegen macht es Korea, im Ausland mussten Sie mir auch jetzt noch mehr Spaß, aber wieder von vorne anfangen. auf dem Laufsteg zu stehen als Was war das Schwierigste für Fotoshoots zu machen. Die LaufSie? stege in Paris, Mailand, London Lee: Ich habe mich immer wieund New York sind noch mal der gefragt, warum ich nur ins von ganz anderen Dimensionen, Ausland gegangen bin. Es gab so angefangen bei der Größenordviele Dinge, die nicht allein durch nung. Es war sehr aufregend, entsprechende Anstrengungen mich dort präsentieren zu könzu lösen waren. Man sagt zwar, nen. Ich gehe nicht mehr jede dass die Zahl der asiatischen Saison ins Ausland, aber mein Models gestiegen sei, aber noch Vertrag mit meiner ausländiimmer sind kaukasische Models schen Agentur läuft nach wie das Maß aller Dinge, für andere vor und es gibt Kunden aus dem gibt es kaum Raum. Während der Werbebereich, die jede Saison Pariser Modeshows erhielt ich nach mir fragen. einmal einen Anruf von meiner Cho: Warum besteht Ihrer MeiAgentur und ging zum Casting für nung nach im Ausland immer eine bestimmte Marke. Fast zwei noch Nachfrage nach dem Model Stunden lang ließ man mich im Lee Hyun-yi? Stehen warten. Als die Wartezeit Lee: Ich denke, es liegt an meifür die Models noch länger wurde, nem Look. Asiatische Models kam endlich ein Verantwortlicher Das Model Lee Hyun-yi (vorne rechts) ist in der weltweiten Werbekampagne der Luxusmarke Brunello Cucinelli zu sehen. werden gerne in einen Topf der Marke, blickte mich nur eingeworfen, aber jedes Model hat mal an und meinte: „Keine Asiaseine distinktiven Charakteristika. Um mit den Worten des Fototen“. 20 bis 30 Minuten Wartezeit sind ja keine Seltenheit und auch grafen Steven Meisel zu sprechen, habe ich „einen edlen Gesichtsvöllig okay, wenn es zu einem Casting kommt. Aber dauernd auf ausdruck, den man bei anderen asiatischen Models so nicht findiese Weise abgelehnt zu werden ist schon sehr frustrierend und det“. ermüdend. Cho: Haben Sie während Ihrer 7-jährigen Zeit als Model irgendCho: Wie man hört, sollen einige Designer jetzt ganz speziell nach welche Veränderungen in der Seouler Modewelt ausmachen könIhnen fragen. nen? Lee: Jean Paul Gaultier hat mir zu einigen wichtigen Einsätzen verLee: Natürlich. Noch zu Beginn meiner Karriere kam es bei den holfen. Er hat mich nicht nur für seine eigenen Shows eingesetzt, Seouler Modeschauen immer wieder mal vor, dass die Kleidung, sondern auch für Hermes, als er dort Creative Director war. Außerdie am Abend gezeigt werden sollte, am Morgen noch nicht fertig dem habe ich in den letzten Saisons durchgängig für Werbekampawar. Es gab Zeiten, da bin ich bei einer Probe am frühen Morgen in gnen von Brunello Cucinelli gearbeitet. Baumwoll-Sample-Outfits gelaufen. Wenn ich die fertigen Kleider Cho: Man sagt, dass es für ein asiatisches Model schwierig sei, dann einige Stunden später erhielt, waren sie oft schlampig gearmehr als drei Saisons zu überleben. Sie waren vier Saisons lang beitet und unbequem zu tragen. Heute sind die Modelle und auch international aktiv und verbringen Ihre Zeit nun überwiegend in die Art, wie die Designer sie präsentieren, von hoher Perfektion, Seoul. Bereuen Sie etwas? so dass meiner Meinung nach die Seoul Collection internationales Lee: Es war nicht so, dass ich von Anfang an unbedingt ins Ausland gewollt hätte. Diese Tür hat sich wie von selbst geöffnet und Niveau erreicht hat. ich habe diese Zeit so gut es ging genossen. Ich stehe gerne auf K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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Spezial 4

Modestraßen in Seoul

Von Myeong-dong, dem einstigen Modezentrum der Hauptstadt Seoul und dem heutigen Shopping-Viertel für Touristen, über Garosu-gil mit seinen trendy Boutiquen, bis Hongdae, dem Mekka des kreativen jugendlichen Geistes und Stils vor der für Kunst und Design bekannten Hongik Universität: Seoul ist voll von Schöpfern und Konsumenten von neuen Modestilen. Cho Yoon-jung Übersetzerin; Professorin an der Graduate School of Translation and Interpretation, Ewha Womans University Fotos: Ahn Hong-beom


E

s gibt ein bekanntes Foto des Fotografen Lim Eung-sik (19122001), der als Pionier der koreanischen Realismus-Fotografie gilt. Das Foto zeigt eine ältere Frau in einem traditionellen Hanbok mit Blumenmuster und dahinter eine langsam schreitende junge Frau in weißen Heißen Höschen. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1954, als Korea alle Anstrengungen dafür einsetzte, sich aus den Trümmern des Koreakrieges (1950-1953) zu befreien, und das im Süden des Han-Flusses liegende Viertel Gangnam zum größten Teil aus Reis- und Ackerfeldern bestand. In den 1960er Jahren begann sich Myeong-dong als bestes und einziges Modezentrzum in Korea zu profilieren. Frauen aus wohlhabenden Familien gingen nach Myeong-dong, um sich Kostüme schneidern oder sich im Friseursalon mit der Brennschere Locken legen zu lassen. Kamen sie dann frisch gestylt aus den Friseursalons, waren manchmal ihre spitzen Schreie zu hören, wenn ihnen Bettler ihre schwarzen Hände entgegenstreckten und die Damen um ihre feinen Kleider fürchteten.

Myeong-dong im Wandel der Zeiten Über mehrere Jahrzehnte war Myeong-dong das repräsentativste Einkaufszentrum für die verschiedensten Modeartikel. In den 1970er und 1980er Jahren waren es Schuhgeschäfte mit Verkäufern, die wie Kellner gekleidet waren, und Geschäften, die auf Maßanfertigungen für Damen spezialisiert waren. In den 1990er Jahren eroberten dann koreanische Modemarken wie Time, Mine, System, Deco, Chatelaine und Non No dieses Viertel. Heute ist Myeongdong ein Mekka der Fast Fashion mit ausländischen Marken wie H&M oder koreanischen Marken wie Eight Seconds , aber auch Läden mit Fast Fashion vom Dongdaemun Markt, wo ein sehr kurzer Produktionszyklus vorherrscht und die Reaktion der Verbraucher unmittelbar in die Produktion einfließt. Heuzutage fallen allerdings weniger die Boutiquen als die Niedrigpreis-Kosmetikläden ins Auge. Diese Kosmetikgeschäfte, die die Hauptstraße von Myeong-dong säumen, sind die neuen, wahren Herrscher des Viertels. Das Marketing ist auf junge Leute ausgerichtet und viele Kosmetikmarken werben mit bekannten männlichen Sängern oder Schauspielern, um die Aufmerksamkeit der Damen zu erregen: The Face Shop mit Kim Hyun-joong, Etude mit der Gruppe Shinee, Tony Moly mit der Gruppe JYJ, Missha mit TVXQ und Nature Republic mit Jang Geun-suk. Der Einsatz von männlichen Models für Damen-Kosmetika ist ein Novum. Vor den Läden versuchen junge Verkäuferinnen japanische und chinesische Touristen in die Kosmetikgeschäfte zu locken, in den Läden drücken sie ihnen Pröbchen in die Hand. Kaufen die Touristen wider Erwarten nichts, nehmen die Verkäuferinnen die Pröbchen geschickt wieder an sich, oft sehr zum Erstaunen der Touristen.

Ein Kleiderladen+Café am Eingang von Garosu-gil. Die offene Struktur, die zum Betrachten der Straßenszene einlädt, bringt die Atmosphäre der Gegend gut zum Ausdruck.

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Allerdings hat Myeong-dong im Seouler Altkern das Zepter als Mode-Mekka schon längst an das südlich des Han-Flusses gelegene Neustadtviertel Gangnam übergeben. Anfangs konzentrierten sich die Modegeschäfte dort auf den Bezirk Apgujeong-dong, doch dann entwickelte sich das Viertel um die Straße Garosu-gil zum Modezentrum. Und auch nördlich des Han-Flusses profilierten sich trendy Viertel, so z.B. Itaewon und Hongdae, das Viertel vor der Hongik Universität im Stadtteil Sinchon. Doch Myeong-dong, das im wahrsten Sinne im Herzen Seouls liegt, ist immer noch das Viertel mit dem höchsten Bargeldfluss, den höchsten Immobilienpreisen und Mieten sowie dem dichtesten Passantenaufkommen.

Diese Allee ist den ganzen Tag über voller Passanten. Andere Modestraßen in Seoul erwachen erst zur Mittagszeit, während die Vormittage meist ruhig sind. Aber die Trend-Allee Garosu-gil wird bereits vormittags von jungen Müttern mit Kinderwagen aufgesucht, die in den Kaffeehäusern einen gemütlichen Morgenkaffee genießen und zusehen, wie ein Fotograf das Model eines unbekannten Online-Geschäfts aufnimmt, das sich – in einer Hand eine Tasse Kaffee, in der anderen eine modische Riesentasche – in Pose wirft. Im Laufe des Tages wird die Menge jünger: Nachmittags erscheinen Schüler und Studenten, Mitarbeiter von Werbeagenturen, Medienanstalten oder der Modeindustrie, junge Frauen, die wie Models von Online-Geschäften aussehen, und Einkäufer aus ganz Garosu-gil: die Straße der neuesten Trends Das Viertel um die Straße Garosu-gil ist das trendbewussteste in Seoul und bringen die Gegend in Schwung. Derzeit gibt es immer Seoul. Garosu-gil übernahm diesen mehr ausländische Touristen, die Titel vom benachbarten Apgujeongwegen des Songs Gangnam Style dong, als dort die Modegeschäft-KonGarosu-gil besuchen, um herauszufinzentration überhand nahm und die den, was es mit dem Titel auf sich hat Immobilienpreise zum Explodieren und Modeartikel im Gangnam-Stil zu brachte, so dass die Fashion-Trendkaufen. setter nach Garosu-gil abwanderten. Garosu-gil war eigentlich für seine „Garuso-gil“ klingt auf Koreanisch viel Jungdesigner-Mode und Importartikel romantischer als die direkte Übersetunter Zollverschluss bekannt. Heute zung „Baum-gesäumte-Straße“. Es ist ist es eine Mischung aus Newcomerin der Tat eine schöne, romantische Designer-Aspiranten und etablierten Allee und dazu noch eine Modestraße, Namen wie Kate Spade , aus Fast-Fadie Trends bestimmt. shion-Läden wie Zara und Forever 21 „Garosu-gil“ meint die lediglich 700 und exklusiveren Dongdamun-Waren Meter lange Straße zwischen der sowie sog. „Multimodegeschäften“ wie U-Bahnstation Sinsa der Linie 3 und A-Land , das originelle Produkte wie der Hyundai High School. Entlang pinkfarbige T-Shirts mit grünen Katzen dieser nur zweispurigen, von hohen auf dem Rücken oder Herren-Loafer Bäumen gesäumten Straße reihen aus buntgefärbten Peddigrohr anbiesich kleine Geschäfte und Kaffeehäutet. Originelles und Populäres, Hoch3 ser mit fremdländischem Flair aneinpreisiges und Billiges – hier findet man 1. Der Dosan Park mit der Statue des Unabhängigkeitskämpfers ander. Der Gesamteindruck ist ein alles. Eigentlich kann man all das, was An Chang-ho ist beliebte Kulisse für Filme oder Hochzeitsfotos. 2. Touristen drängen sich um Choi Si-won, Patchwork aus weißen oder hellfarbiin Garosu-gil angeboten wird, auch in ein Mitglied von Super Junior , der sich in Garosu-gil zeigte, gen Shop-Fassaden, blauen Markisen, der Seouler Innenstadt kaufen. Alles, wo öfters Stars zu sehen sind. schwarzem Holzbalkenwerk und engwas in Garosu-gil angeboten wird, ist 3. Touristen bei einer Pause beim Einkaufsbummel. lischen Namen, wobei allerdings jeder auch in anderen Vierteln Seouls zu Laden seine ganz besonderen Charakteristika aufweist. Läuft man finden. „Gangnam Style“ meint dann wohl, verschiedene normale in Richtung Apgujeong-dong, entdeckt man einen kleinen, roten Modeartikel individuell-originell zu kombinieren und mit selbstbeLaden mit T-Shirts im Punk-Stil, auf der anderen Seite befindet wusster Nonchalance zu tragen. sich das Kaffeehaus+Modegeschäft Around the Corner mit seinem Abends füllt sich die Gegend mit schicken jungen Menschen. Die roten Holzrahmenwerk und seiner offenen wandlosen Struktur, aus den Geschäften erklingende Musik wird lauter und auf der sowie das zweistöckige Kaffeehaus CoffeeSmith mit seinem weitStraße erscheinen junge Männer in engen Anzügen oder in knieläufigen Innenraum, der ebenfalls ganz ohne Wände auszukomlangen Hosen mit T-Shirts und junge Frauen, die nach dem neuesmen scheint. Nicht zu vergessen den Laden der koreanischen Fastten Trend kurze Glockenröcke und seidene Oberteile oder RöhrenFashion-Modemarke Eight Seconds , der sich unerwarteterweise jeans, Killer Heels und kleine Taschen tragen. Es ist eine eindeutig im britischen Tudor-Stil präsentiert. coole Gegend mit feinerem Publikum, auf Koreanisch „ein Ort mit K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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die Geschäfte von Ann Demeulemeester , von Paul Smith – in einem modernen weißen Gebäude mit besonders eleganter Linienführung – , und der Flagship Store von Marc Jacobs , dessen Treppe am Eingang rechts und links von zwei imposanten steinernen Figuren des löwenartigen koreanischen Mythos-Wesens Haetae flankiert wird. Zwischen diesen Modesalons finden sich kleinere Geschäfte und Restaurants wie C.P Company , Vecchia & Nuovo , Artisee und My Ssongk , Gorilla in the Kitchen , das Restaurant des Schauspielers Bae Yong-jun, sowie mehrere Friseur- und Kosmetiksalons, die von Stars frequentiert werden, sowie kleine Cafés. Die Flagship Stores in dieser Gegend sind eigentlich nie überlaufen. Diese exklusive Ruhe war sogar der Grund, warum sich die Luxusmarken für dieses Viertel als Standort entschieden haben. Boutiquen von Luxusmarken im wahrsten Sinne des Wortes wollen nämlich ihrer wohlhabenden Kundschaft ihre hochwertigen Artikel in einem ruhigen Ambiente anbieten. Nach Aussagen eines Vertreters der Industrie werden die meisten Luxusmarken in Kaufhäusern verkauft. Die Flagship Stores dienen hauptsächlich der Präsentation. Erklingt auf der Straße das Schnurren einer LimouDosan Park und Cheongdam-dong: sine oder fährt ein schwarzer Van Zentrum der Highend Fashion mit einem prominenten Sänger oder Das Problem mit der Modestraße am Schauspieler vor, bedeutet das KundDosan Park ist, dass der Park selbst schaft für den Laden. Nur sehr seldas Augenfälligste in dieser Gegend ten sieht man hier filmähnliche Szeist. Das ist völlig natürlich für die meisnen von vornehmen Schönheiten mit ten Besucher der Gegend. Aber nicht mehreren Einkaufstaschen über den für die, die erwarten, dass sich in dieSchultern. sem Viertel ein Zentrum der Highend Zu sehen sind hingegen die Bewohner Fashion befindet. des Viertels, die nach einer KaffeepauDas Viertel um den Dosan Park ist 1 se im Café oder einem Spaziergang im relativ ruhig und unterscheidet sich 1. Die Hauptstraße in Cheongdam-dong wird gesäumt von Park gemächlich die Straße entlang damit von den gängigen Modezentren. Flagship-Läden internationaler Luxusmarken. schlendern, junge Lieferburschen in Es besteht aus der T-förmig verlaufen2. Die Gegend um den Dosan Park mit ihren Flagship-Läden von Luxusmarken Shorts und Jacken, die auf Motorräden breiten Straße vor dem Hauptein3. Der Andy & Debb Laden in Apgujeong-dong dern vorbeiflitzen, ältere Haustür-zugang des Parks und einer Reihe von Haustür-Zusteller, die am Ende des Seitenstraßen, wobei das östliche Ende Parks ihre Pakete sortieren, und junge Angestellte, die während der Straße am Viertel Apgujeong-dong mündet. Die Geschäfte hier der Mittagspause im Café noch Geschäftliches erledigen. Wähsind bescheidener im Vergleich zu den Boutiquen koreanischer rend am westlichen Ende der Straße die Statue von Rick Owens Designer entlang der luxuriösen Cheongdam-dong Hauptstraße steht, befindet sich im Dosan Park die in Richtung Hauptstraße bliund den ihnen gegenüber liegenden Geschäften für ausländische ckende Statue des Unabhängigkeitskämpfers An Chang-ho (1878Luxusmarken. 1938), der auch unter dem Schriftstellernamen Dosan bekannt ist. Das Viertel am Dosan Park kann nur mit einer beschränkten Zahl Eine auf den ersten Blick seltsam anmutende Konstellation, aber von Flagship Stores aufwarten: Hermes mit seiner gold-orangetrotzdem scheinen diese beiden Statuen die jeweiligen Enden der nen Fassade, Ralph Lauren mit seinem neutralen, klassischen Stil, Straße zu verknüpfen. Unter der Statue von An Chang-ho ist zu und Rick Owens , in dessen Schaufenster sich nur der aus einer lesen: „Junge Menschen von Korea! Lasst uns große Stärke aufBetonsäule herausragende Torso des Designers mit seinen langen, bauen!“ im Wind wehenden Haaren befindet. In den Seitenstraßen liegen hervorragender Wasserqualität“. Die Luft ist schwanger von allen Hoffnungen und Wünschen der jungen Generation: ein besserer Job, ein schnelleres Auto oder sogar eine Starkarriere. Natürlich sind viele von ihnen aus dem Gangnam-Viertel, aber auch nicht wenige kommen aus anderen Teilen Seouls, um die besondere Atmosphäre von Garosu-gil zu genießen. Die Mädchen, die am Straßenrand Fake-Taschen verkaufen, oder die gut aussehenden Studenten, die an ihren rollenden Straßenständen preiswerte Ohrringe anbieten, sind nicht viel anders als junge, potentielle Filmstars irgendwo auf der Welt, die sich erst einmal als Kellner verdingen müssen, nicht anders als junge Menschen, die versuchen, ihre herrlichen Zukunftsträume zu verwirklichen. Als eine vornehme Dame in klassischem Polka-Dot-Kleid, großer Sonnenbrille und Diamantohrringen sich an einem Straßenstand eine Fake-Straußenledertasche anschaut, flüstert die junge Verkäuferin: „Schau mal die! Von Kopf bis Fuß in echte Luxusmarken gekleidet und es macht ihr nichts, dass das ein Fake ist. Das ist echter Luxusstil. So will ich auch eines Tages werden!“

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Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Alles, was in Garosugil angeboten wird, ist auch in anderen Vierteln Seouls zu finden. „Gangnam Style“ meint dann wohl, verschiedene normale Modeartikel individuell-originell zu kombinieren und mit selbstbewusster Nonchalance zu tragen.

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A

m Tag scheinen die weißen Brautkleider im gleißenden Sonnenlicht und Staub der sechsspurigen, verkehrsreichen Straße zu verschwimmen. Die Hochzeitsstraße Ahyeon-dong, die sich von der U-Bahnstation Ahyeon bis zur Station Ewha Womans University erstreckt, ist tagsüber eine Straße wie jede andere in Seoul. Doch abends, wenn die Schaufenster erleuchtet sind und die Brautkleider im Licht glitzern, verwandelt sie sich in langes Band Weiße und Helle, das hier und da von den farbenfrohen Schaufenstern der Hanbok-Läden (Hanbok: traditionelle koreanische Tracht) unterbrochen ist . Die Geschichte der Hochzeitsstraße Ahyeon-dong reicht bis zum Jahr 1969 zurück, als in der Nähe der Ahyeondong-Überführung das Geschäft Sijip Ganeunnal (Hochzeitstag) eröffnet wurde. Mit der zunehmenden Verbreitung von Hochzeiten westlichen Stils zog dieses Geschäft immer mehr Kunden an, v.a. Studentinnen oder Absolventinnen von den Universitäten in der Umgebung wie Ewha, Yonsei und Sogang. Es entstanden weitere Brautkleidergeschäfte, so dass sich schließlich eine Art Hochzeitsstraße herausbildete. Ihre Glanzzeit erlebte die Straße in den 1980er und 1990er Jahren, als die rund 200 dort ansässigen Geschäfte über die Hälfte des landesweiten Bedarfs an Hochzeitskleidern abdeckten. Heutzutage hat sich die Situation geändert. Mit der steigenden Zahl von Brautmode-Boutiquen im wohlhabenden Seouler Südviertel Gangnam und dem Aufkommen von professionellen Hochzeitsplanern mussten viele Läden in Ahyeon-dong schließen. Trotzdem ist die Hochzeitsstraße Ahyeon-dong in puncto ausgestellte Brautkleiderzahl immer noch unumstrittene Nr. 1. Die Mapo Wedding Town Association setzt sich dafür ein, der Straße durch z.B. Online-Marketing und Modernisierung zu einer zweiten Blüte zu verhelfen. Es scheint, dass die Hochzeitsstraße sich derzeit in einer Transformationsphase befindet. Neben Geschäften im Stil der 1980er Jahre – verziert mit kitschigen Schlosstürmchen –, die Kleider in Pink, Weiß und Purpur anbieten, gibt es heute auch elegante, modische Geschäfte mit Kleidern in monotonen Farben und minimalistischem Schnitt. Während in einem Schaufenster Konzertkleider in schreiendem Gelb, Blau und Grün und ein weißes Kleid mit reichlich Rüschen präsentiert werden, wirbt ein anderer Laden mit einem einzigen Dress: ein eng geschnittenes, dezentes Modell in Creme mit einem Oberteil aus luxuriöser Spitze. Wenn die künftigen Bräute, die meist mit ihren Müttern, Schwestern oder Freundinnen durch die Hochzeitsstraße gehen, nichts nach ihrem Geschmack finden, stöhnen sie und verziehen das Gesicht. Finden sie dann doch das Kleid ihrer Träume, seufzen sie vor Erleichterung. Schließlich braucht jede Braut ja nur ein einziges Hochzeitskleid.

Hochzeitsstraße Ahyeon-dong

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gen veranstaltet. An einer Seite des Spielplatzes reihen sich mit Hongdae: Zentrum der urbanen Subkultur behördlicher Genehmigung rollende Verkaufsstände aneinander, Auf der nördlichen Seite des Han-Flusses liegt das Viertel Hongdas bunte Warenangebot beschienen von Glühbirnen: Handygedae. Wenn die Nacht hereinbricht, ergießen sich aus Ausgang 9 der häuse, Haarbänder, Ohrringe, Socken, Schals und manchmal auch U-Bahnstation so viele Menschen, dass man sich fragt, ob in der alkoholfreie, pastellfarbige Getränke in Plastiktüten. Gegend ein Mega-Event stattfindet. Das Event ist Hongdae an sich Geht man vom Spielplatz aus in die Seitenstraße, tut sich ein mit seinem bunten Gemisch an Shops, Cafés, Bars und Galerien, Anblick auf, der an die Beatles erinnert. Man glaubt, ihren Song die alle mehr oder weniger von der Musik der Indie-Bands und der „Little boxes on the hillside…” zu hören. Es gibt zwar keinen Hügel, Kunst, die Hongdae berühmt gemacht haben, beeinflusst werden. aber die Läden am Ende der als „Parkplatz-Straße“ (Juchajang-gil) Das Viertel wird nicht nur von der Jugend frequentiert. Die sog. bekannten Straße erinnern an aufeinander gestapelte Schachteln, „Hongdae-Kultur“ hat sich Anfang der 1990er entwickelt, als hier von denen die unterste und die oberste jeweils zu anderen GebäuKünstler — Die meisten waren Absolventen der als Kunsthochden zu gehören scheinen. Einige Shops liegen im Untergeschoss, schule bekannten Hongik Universität — und unabhängige Musiker so dass man eine Trepzusammenkamen. Techno pe hinuntersteigen muss, Bars und Live Rock Cafés andere befinden sich in den mit Namen wie Drug und oberen Etagen, d.h. man Baljeonso (Kraftwerk), aus muss Treppen hochsteigen. denen ohrenbetäubende Jede dieser Schachteln ist Musik erklingt und wo man gefüllt mit der Mode der heifast vergeblich nach Sitzßesten, populärsten Trends, gelegenheiten sucht, zogen mit Taschen, Socken, Menschen aus ganz Seoul T-Shirts, Haarschmuck und an. Die Gründer und Stammeinige davon sind sogar auf kunden dieser Bars sind Artikel wie Schnürsenkel heute in ihren 40ern, aber ihr spezialisiert. Zwischen den Geist ist immer noch zu spüModeläden gibt es Shops, in ren. denen Wahrsager mit TarotHeute gilt Hongdae als Ort, karten oder nach traditionelin dem die urbane Subkultur ler Art anhand der exakten deutlicher präsent ist als in 2 Geburtsdaten einen Blick anderen Vierteln von Seoul. in die Zukunft werfen, des Die Gegend ist bei den Män1. Kleider werden in einem Laden in der Hochzeitsstraße Ahyeon-dong in Form gebracht. weiteren Tätowierungs- und nern besonders beliebt und 2.Juchajang-gil (Parkplatz-Straße) in Hongdae ist ein Mekka der Straßenmode von Seoul. Piercing-Studios, in denen führend in Sachen Herrenman sich nicht nur Ohrlömode. Teenager in Röhcher stechen lassen kann. renjeans und khakifarbenen Jacken laufen mit Gitarren auf dem Die Parkplatz-Straße ist auf beiden Seiten von Geschäften Rücken durch die Straßen, die Augen halb verdeckt von langen gesäumt, dazwischen parken Fahrzeuge. Die Shops hier verkauPonyfransen. Dazu alte und junge Rocker in schwarzen Stiefeln, fen hochwertigere Artikel wie die Kreationen von Jungdesignern karierten Hemden und Lederwesten. Gelegentlich trifft man auch oder in einigen Fällen auch importierte Modemarken. Bei dem groPunks mit leuchtend rot oder gelb gefärbten Mohawk-Frisuren, ßen weißen Gebäude mit einer Glaswand handelt es sich um das seltener junge Leute im Grunge-Look – ein etwas ungewöhnlicher Prince Edward , ein Noraebang (koreanisches Karaoke). Von der Anblick in einer Stadt, die für ihre durchweg gut gekleideten und Straße aus ist zu sehen, wie die Gäste dort sich vornehm geben, gepflegten Einwohner bekannt ist. Dann gibt es auch noch trendisich wie Stars aufplustern oder vor Emotionen triefend ins Mikroge Jungs in Caprihosen und Cardigans, ihr Haar zu einer Art Knofon schreien. In Seitengassen gibt es Lädchen wie My Brown Bag ten auf dem Kopf zusammengebunden, wie ihn ihre Vorfahren vor und Carrie’s Closet und Restaurants mit Namen wie Bap (Reis), Sul Hunderten von Jahren trugen. (Alkohol) oder Dalbit doeji (Schwein im Mondlicht; spezialisiert auf Die Menschenmasse strömt an Starbucks und anderen großen, gegrillten Schweinebauch). Im Vergleich zu z.B. Gopchang jeongol internationalen Kaffeeketten-Läden vorbei zum Spielplatz direkt (Rinderdarm-Hot-Pot), bei dem es sich in Wirklichkeit um ein gegenüber dem Haupteingang der Hongik Universität, der LandBierlokal handelt, halten diese Restaurants mit ihren eindeutigen marke des Viertels. Auf diesem Spielplatz schlägt am Wochenende Bezeichnungen auch das, was ihr Name verspricht. ein Flohmarkt seine Zelte auf und oft werden Spontan-AufführunK o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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INTERVIEW

Lee Youn-taek „Kultur-Guerillakämpfer“ des koreanischen Theaters

Lee Youn-taek, eine der Schlüsselfiguren der koreanischen Theaterlandschaft, versucht durch seine vielseitigen Aktivitäten als Dramatiker, Regisseur und Schauspieldozent, ausländische Theaterstücke für die koreanische Bühne in lokalisierter Form zu adaptieren sowie traditionelle koreanische Werke in eine modernisierte Fassung zu bringen. Er ist derzeit Kunstdirektor des am 13. September eröffneten 2012 Gedenkfestivals zum 100. Todesjahr von Strindberg , das noch bis Januar 2013 in vier Theatern, darunter auch im Guerilla Theater, läuft. Kim Moon-hwan Theaterkritiker | Fotos: Ahn Hong-beom

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ür mein Interview mit Theatermacher Lee habe ich sein Guerilla Theater im Seouler Stadtviertel Hyehwa-dong aufgesucht. Der etwas ungewöhnliche Name erklärt sich durch den Spitznamen „Kultur-Guerillakämpfer“, mit dem die Medien Lee Youn-taek gerne titulieren. Um zu verstehen, warum er so genannt wird, muss man sich etwas mit seiner Lebensgeschichte befassen.

Ein Guerillakämpfer für die Darstellenden Künste Der 1952 in Busan geborene Theatermacher Lee Youn-taek hat zwar eine Eliteoberschule besucht, aber anders als seine Mitschüler, die an renommierten Universitäten studierten, nahm er ein zweijähriges Studium am Seoul Institute of Arts (Junior College für Kunst) auf, was damals für einen Eliteoberschulabsolventen ungewöhnlich war. Aber er brachte dieses Studium auch nicht zu Ende. Danach versuchte er sich in seiner Heimatstadt Busan mit einem kleinen Theater, das jedoch schon bald wieder schließen musste. Um sich finanziell über Wasser zu halten, arbeitete er in allen möglichen Jobs und Städten, so z.B. bei der Post der Stadt Busan, danach in anderen Städten der Region wie Masan, Miryang und Chungmu. Die Wende kam erst 1979, als er 27 war: Mit der Veröffentlichung seiner Poesie in einer Literaturzeitschrift begann seine schriftstellerische Karriere und in den folgenden Jahren konnte man Lees Gedichte und Kritiken in einigen Literaturzeitschriften von und für Gleichgesinnte finden. In dieser Zeit arbeitete er sieben Jahre lang als Journalist für die Tageszeitung Busan Ilbo und brachte nebenbei einen Gedichtband und eine Sammlung kritischer Essays heraus. Als die kleinen Theaterbühnen in Busan Mitte der 1980er Jahre eine nach der anderen schlossen, hängte Lee seinen Journalistenjob 1986 an den Nagel und eröffnete ein eigenes Theater. Zunächst präsentierte er eine Reihe von Situationstheaterstücken, wandte sich dann aber allmählich dem Experimentiertheater zu und adaptierte die traditionellen koreanischen Darstellenden Künste (Yeonhi) für die moderne Bühne. Diesen Versuch bezeichnete er einmal in Anspielung auf die kulturelle Hegemoniestellung der Hauptstadt als „Angriff auf Seoul“. In späteren Jahren schrieb er auch Drehbücher für TV-Serien und Filme und verfilmte zum Teil sogar seine Theaterstücke. Die Medien bezeichneten diesen vielseitigen und rebellischen Künstler als „Kultur-Guerillakämpfer“, ein Spitzname, der ihm durchaus zu gefallen scheint, denn sonst hätte er sein Theater kaum

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Lee Youn-taek gibt den Schauspielern im Seongbyeok (Festung) Freilichttheater im Miryang Theaerdorf Anweisungen.

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Eine Szene aus Ogu (A Hilarious Mourning) , geschrieben und unter der Regie von Lee Youn-taek aufgeführt (oben) und August Strindbergs Ein Traumspiel , das von Lee für ein lokales Theaterfestival zum Gedenken des 100. Todestages des schwedischen Schriftstellers inszeniert wurde (unten). Lee sucht weiterhin nach Wegen, die traditionellen Darstellenden Künste Koreas mit zeitgenössischen Avantgarde-Experimenten zu verbinden.

danach benannt. Lee möchte den Sinngehalt des Wortes „Guerillakämpfer“ um eine noch aktivere Dimension erweitern: Neben „Avantgarde“ legt er in seinem Schaffen auch großen Wert auf „Dekonstruktion und Rekonstruktion“. Er erklärt, dass er als selbstreflektierender Modernist durch seine Gedichte und Kritiken seinen starken Willen, mit der Kultur des vergangenen Zeitalters bzw. der institutionalisierten Mainstream-Kultur zu brechen, durchgesetzt habe. Er kritisiert auch stark, dass Busan zwar allgemein als zweitwichtigste Stadt Koreas bezeichnet wird, aber in kultureller Hinsicht fast als hinterwäldlerisch betrachtet werde, da die Hauptstadt Seoul das Kultur-Zepter fest in der Hand halte. Er versucht deshalb aber nicht etwa, die Kultur des Zentrums nachzuahmen, sondern beharrt auf der Bewahrung des originären Charakters der Lokalkultur. In diesem Sinne streben seine Werke danach, den Ursprungsformen und Wurzeln der traditionellen koreanischen Kultur Ausdruck zu verleihen. Gleichzeitig sucht er nach Verknüpfungspunkten zwischen traditionellen Darstellungsformen und avantgardistischer Experimentierkunst, damit das Traditionelle im wahrsten Sinne des Wortes lebendig wird. Er bemüht sich zudem um Populärtheater, das an die traditionellen Darstellenden Künste Koreas erinnert, von denen sich die Intellektuellen abgewandt hatten. In Bezug auf sein Engagement für Musicals, Tanz und Festivals verbindet Lee Youn-taek sein Interesse für den Bereich, der mit dem Begriff „Populärtheater“ bezeichnet werden kann, mit seinen Kindheitserfahrungen. Als Mittelschüler lebte er in einem armseligen Viertel, das im Rahmen der Stadtsanierungspläne für den Abriss bestimmt war. Lee, der als einziger in diesem Viertel eine Elitemittelschule besuchte, gab den anderen Kindern Nachhilfeunterricht und scharte sie um sich, um mit ihnen Theaterstücke einzuüben und aufzuführen. In diesem Kontext ist auch Lees besonderes Interesse an der Theaterpädagogik von Berthold Brecht und seinen Nachfolgern Heine Müller sowie Tadeusz Kantor zu verstehen. Lee definiert sich selbst als „Theaterstück-Stilist“, aber auch als eine Art modifizierter Marxist. Zudem sei er in seinem Denken von Nietzsche geprägt oder im aktiven Sinne ein Anarchist. Er hat Brechts Mutter Courage und ihre Kinder durch kreativen Einbezug der Traditionen der koreanischen Darstellenden Künste (Yeonhui) in neuer Form auf die Bühne gebracht. In ähnlicher Weise bearbeitete er Umarła Klasa (Die tote Klasse ) von Kantor und inszenierte das Stück unter Verwendung zahlreicher traditioneller Elemente unter dem Titel Heojaebi-Noreum (Das Vogelscheuchen-Spiel ; 1994) neu. Dass er seine Theatertruppe Yeonhuidan georipae (Straßentheatertruppe) nannte, ist im selben Kontext zu verstehen. Lee arbeitete den Ogu-Gut, ein schamanistisches Exorzismus-Ritual, das der Seele des Verstorbenen den Übergang ins Jenseits erleichtert, in sein Bühnenstück Ogu (A Hilarious Mourning) (1989) ein, wobei er bei Kostüm und Maske sogar vor der Darstellung übertrieben großer Sexualorgane, die an die Werke des slowakischen Pantomimenkünstlers Milan

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Lee Yun-taek hat eine aufgegebene Grundschule gemietet und zum Theaterdorf umgestaltet. Hier wohnen und üben Schauspieler und Theatermitarbeiter gemeinsam. Basierend auf Lees These, dass „ein Kollektiv, das keine Individualität erlaubt, keine Gemeinschaft ist“, betrachtet er dieses Dorf als ideale Theatergemeinschaft.

Sládek erinnern, nicht zurückschreckte. 2009 gestaltete er für die Aufführung von Wonjeon Yuseo (Eine Ballade aus uralter Zeit) die Bühne als Müllhaufen, was eindeutig auf Kantors legendäres Bühnendesign zurückgeht. In seinen Schriften über „das Verpacken“ erläuterte Kantor seine Bühnenanweisungen, die auf Heideggers Unterscheidung von „Ding“ und „Objekt“ (Subjekt-Objekt-Spaltung) beruhen. Nach Ansicht des avantgardistischen polnischen Theaterregisseurs spiegelt die Bühne das Ritual des Verpackens wider, also des kreativen Prozesses des Faltens, Zusammenbindens und Verschließens. Die tatsächliche Komposition dieser Handlungen, die jedem Akt des Verpackens gemeinsam sind, zeigt, wie das Ding – im Sinne von Heidegger im Gegensatz zum Objekt – als Handlung verstanden werden kann.

Sesshaftigkeit vs. Wanderleben Der Stil des Theaters à la Lee Youn-taek wird auch noch einmal dadurch belegt, dass er als Standort für seine Künstlergruppe Miryang in der Provinz Gyeongsangnam-do gewählt hat, also weit weg von Seoul. Dort hat er eine aufgrund des Bevölkerungsrückgangs geschlossene Grundschule gemietet und ein Theaterdorf eingerichtet. Hier wohnen und üben Schauspieler und Theatermitarbeiter gemeinsam und veranstalten den ganzen Sommer über Festivals. Basierend auf Lees These, dass „ein Kollektiv, das keine Individualität erlaubt, keine Gemeinschaft ist“, betrachtet er dieses Dorf als ideale Theatergemeinschaft. Dass Lee trotz seiner Erfahrungen mit dem Film das Theater bevorzugt, beruht auf seiner festen Überzeugung, dass dem Theater die Kraft innewohne, aus fremden Menschen eine Gemeinschaft zu bilden. Meine Frage, ob sein Miryang Theaterdorf das avantgardistische Théâtre du Soleil , das Ariane Mnouchkine in Frankreich geschaffen hat (1964), zum Vorbild genommen habe, wurde von Lee vehement verneint. Lee verweist darauf, dass die Mitglieder dieses französischen Theaterkollektivs nicht zusammen wohnen und als Elitetruppe stark von der Regierung unterstützt werden, womit sie eher als Vertreter der Kulturhegemonie zu betrachten seien. Suche man nach vergleichbaren Beispielen im Ausland, wären eher Peter Schumanns Truppe Bread and Dolls in den USA oder Dario Fos Compagnia Dario–Fo Franca in Italien zu nennen. Ich hätte hier gerne nachgehakt, ob das Theaterdorf in Miryang nicht auch eine Art halböffentliche Einrichtung sei, deren laufende Betriebskosten und Veranstaltungen von der Kommunalregierung subventioniert würden, doch Lee vergleicht das Dorf bzw. die Theatergruppe immer gern mit Namsadang Pae, also der modernen Version der alten koreanischen Wanderbühne mit ihren Schaupielern, Schaustellern und Gauklern. Sesshaftigkeit und Wanderleben? Diese beiden Begriffe schließen einander aus, stellen aber genau das von Lee Youn-taek angestrebte Ideal dar. Er hofft nämlich, dass das Dorf zu einem lebendigen Museum der Theaterkunst wird. Sesshaftig-

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keit setze Umherziehen voraus. Nur so könne man vermeiden, zu einem leblosen Artefakt zu verkommen. In diesem Sinne sind Lee und seine Theatertruppe landstreichende Künstlernomaden. Das von Lee Youn-taek verfasste und inszenierte Werk Ogu (A Hilarious Mourning) wurde 1990 zum Tokyo International Theatre Festival eingeladen, womit Lees Wanderleben begann. Danach wurden seine Werke fast jedes Jahr auf den Bühnen verschiedener Länder aufgeführt: Ogu 1991 auf dem Festival Theater der Welt in Essen, The Family Start on a Way 1992 im La MaMa Experimental Theatre in New York, Hamlet 1996 auf dem International Theatre Festival im russischen Rostov, Ogu und Hamlet 1998 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, Mother 1999 im Taganka Theatre in Russland und Mutter Courage und ihre Kinder 2000 im japanischen TogaSanbo Theater. Nach einer kurzen Pause wurde Mutter Courage im Jahr 2007 erneut in Japan aufgeführt, und zwar auf dem Spring Arts Festival Shizuoka , während Hamlet auf dem 2010 International Shakespeare Festival in Rumänien vorgestellt wurde.

Theater: ein ernstes Spiel Auch während Lee mit seiner Straßentheatertruppe durch die Welt reist, was für koreanische Theatertruppen nicht so üblich ist, lässt er nie in seinem Streben nach, nach den ursprünglichen Wurzeln seiner Theaterkunst zu suchen. Nach der Aufführung von Hamlet in Rostov im Jahre 1996 besuchte er den Baikalsee, dessen Landschaft ihn bis ins Innerste erschütterte, so, als ob er den Ursprung des Seins entdeckt hätte. Besonders beeindruckten ihn die hier und da verstreuten Steingräber, die ihn an die traditionellen schamanistischen Schreine in Korea erinnerten, so dass er die Wurzeln der traditionellen Kultur Koreas gefunden zu haben glaubte. Da musste er an die Teilung der koreanischen Halbinsel denken und konnte die durch die ideologische Konfrontation bewirkte kulturelle Isolation nur bedauern.

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Lee Youn-taek ist dieses Jahr 60 Jahre alt geworden. Früher wurde man mit 60 als alter Mensch betrachtet, was dank der gestiegenen Lebenserwartung heutzutage nicht mehr der Fall ist. Und das ist schon gar nicht der Fall bei Lee Youn-taek: Er fühlt sein Herz immer noch höher schlagen, wenn er die Gedichte von Guillaume Apollinaire, Paul Valéry und Gottfried Benn liest oder der Musik von Dmitri Schostakowitsch lauscht. Zudem strebt er Realismus in der Form von Postmodernismus an. Er kann sich noch sehr gut an Yu Deok-hyeong erinnern, eine legendäre Figur des modernen koreanischen Theaters, die Lee in seinen ersten Jahren stark beeinflusste. Yu Deok-hyeong, der in den USA Beleuchtung und Regie studiert hatte, hielt nach seiner Rückkehr Anfang der 1970er Jahre als erster in Korea eine Präsentation für Theateregisseure ab. Lee lernte von Yu Deok-hyeong die „Verkörperlichung des Skripts“, d.h. ihm wurde die enge Verbindung zwischen Sprache und Körpersprache bewusst. Yu Deok-hyeong hatte in Korea das Theater Artauds eingeführt. (Der französiche Dramatiker Antonin Artaud legte nicht nur Wert auf den Dialog, sondern auch auf die Gesamtwirkung der Bühne und beeinflusste später das Avantgarde Theater stark.) Daher weisen die Werke von Lee Youn-taek eine zwar indirekte, aber wahrnehmbare Artaudsche Note auf. Lee Youn-taek erwähnt in diesem Zusammenhang auch das Living Theatre , eine 1947 in New York gegründete Theater-

Ko re a n Cu l tu re & A rts


gruppe, die in den 1950er und 1960er Jahren innovative Experimentaltheaterstücke mit radikal-pazifistischen Themen aufführte. Jedoch distanziert er sich von seinem einstigen Lehrer Oh Tae-seok, der eigentlich in puncto Interessen und Stil Lee ähnelt. Lee Youn-taek hat nicht nur als Dramatiker und Regisseur gearbeitet, sondern legt auch als Schauspieldozent eine unvergleichliche Leidenschaft an den Tag. Neben seiner Theatertruppe gründete er 1994 das Uri Theatre Institute und versucht, die Schauspielkunstheorien zu systematisieren. Er führte auch Workshops im Ausland durch, so z.B. in Deutschland und Japan. Ein Ergebnis all dieser Bemühungen ist sein jüngst veröffentlichtes Buch zu den Theorien der Schauspielkunst Seele und Stoff . Für ihn ist Theater ein ernstes Spiel, das auf einer erneuerten Einstellung zu Leben, Spannung, Vorstellungskraft und Vitalität beruht. Er entdeckte die Bedeutung des Ausdrucks „tief Atem holen“ neu: Die Wendung bezieht sich auf eine Pause, die man inmitten der Gedanken und Tätigkeiten des Alltags zum Abschalten einlegt. Lee betont gegenüber den Schauspielern, dass sie eine dritte Art von Atem beachten sollen, der sich zwischen einfachem, unbewusstem Einatmen und Ausatmen befindet. Sie können ihn dadurch spüren, dass sie sich durch die Lektüre humanwissenschaftlicher Werke quasi mit ihren innersten Gefühlen vermischen. „Da beginnt der Mensch damit, unabhängig von der äußeren Realität, sich und die Welt zu spüren und zu betrachten. Erst dann wird der Mensch zum wahren Subjekt seines Lebens und zu einem Objekt, das im Zentrum der Welt steht.“ Seine reichhaltigen Erfahrungen hat Lee auch weitergegeben, so z.B. als Gastprofessor für Schauspielkunst für Theater, Film und Fernsehen an der Sungkyunkwan Universität, Kunstdirektor der National Drama Company of Korea, Professor für Theater an der Dongguk Universität und Professor für Schauspielerei und Musical an der Youngsan Universität. Wovon träumt Lee wohl im Moment? Vor kurzem hat er das Theaterdorf in

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Miryang verlassen und sich in der zu Gimhae gehörigen Ortschaft Doyo niedergelassen, wo er eine Zeit lang nicht als Dramatiker und Regisseur, sondern als Dichter und Schriftsteller arbeiten möchte. Neben dem Dichten plant er, die klassischen griechischen Theaterstücke sowie die Geschichte des koreanischen Theaters neu zu schreiben. Ein weiterer Traum ist, auf dieser Basis ein Theaterstück für Kinder zu schreiben. Lee hat nämlich an der Korea National Open University einen Abschluss in Grundschulpädagogik gemacht. Seine Neigung zum Kindertheater steht auch mit seinem Interesse an der Geschichte in Verbindung. Denn er will weder historische Werke präsentieren, die seine persönlichen Interpretationen oder seinen persönlichen Stil widerspiegeln, noch Geschichten um des Geschichtenerzählens willen auf die Bühne bringen, sondern Sozialdramen schaffen, die als Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen und sozialen Belange des Zeitalters fungieren. Möge er mit seiner unerschöpflichen Energie und Leidenschaft als Guerillakämpfer noch deutlichere Spuren in der Geschichte des modernen koreanischen Theaters hinterlassen.

1. Theaterkritiker Kim Moon-hwan (rechts) beim Interview mit Youn-taek in dessen Guerilla Theater im Seouler Innenstadtviertel Hyehwa-dong. 2. Eine Freilichtaufführung im Miryang Theaterdorf

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KUNSTHANDWERKER


Kunstschmiedmeister Kim Kyk-chen

Holzmöbel mit „Juwelen“ beschlagen Wenn Möbel das „Gesicht eines Raumes“ darstellen, dann sind dekorative Metallbeschläge quasi der „Gesichtsausdruck eines Möbelstücks“. In der südlichen Hafenstadt Tongyeong, der Heimat des traditionellen Kunsthandwerks, setzt Kim Kyk-chen (Kim Geuk-cheon) in vierter Generation das Kunsthandwerk der Herstellung von Zier-Metallbeschlägen aus Zinn-Nickel-Legierung fort - eine Welt, die noch einmal anders ist als die der Möbeltischlerei, für die seine Dekors verwendet werden. Park Hyun-sook freie Schriftstellerin | Fotos: Ahn Hong-beom

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n einem traditionellen koreanischen Hanok-Haus waren die Wohnbereiche von männlichen und weiblichen Familienmitgliedern deutlich voneinander getrennt, was auf den lange währenden Einfluss der konfuzianistischen Philosophie mit ihrer strikten Unterscheidung zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist. Die Möbel in den Herrengemächern waren nach dem Vorbild des bescheidenen Charakters eines Seonbi, eines konfuzianistischen Gelehrten, schlicht und einfach gehalten, während die Möbel der Frauengemächer prachtvoll und elegant waren. Das Hauptelement, das die von der Ästhetik der Schlichtheit und präzisen Proportionierung geprägten Holzmöbel zum Leben erweckt, ist Duseok: dekorative Metallbeschläge (auch als Jangseok bekannt). Duseok sind traditionelle Schmiedekunstdekorationen, die Funktionalität und Schönheit traditioneller koreanischer Kunsthandwerksprodukte aus Holz, hier vor allem Holzmöbel, vervollkommnen. Je nach Metallart und Legierungszusammensetzung lassen sich verschiedene Metallbeschläge unterscheiden: Beschläge aus Zinn und Nickel (Baekdong), die wie Raureif auf Baumzweigen silbern glänzen, Messingbeschläge (Hwangdong), die einen satten Goldton aufweisen, schwarze Eisenbeschläge (Musoe) und gelbe Zinnbeschläge (Juseok). Die Metallbeschläge sind nicht rein dekorativ, sondern auch funktional. So gibt es Scharniere, die Deckel und Grundkörper oder linke und rechte Seite miteinander verbinden (Gyeongcheop), Eckverstärkungen, wo drei Seiten aufeinander treffen (Gwissagae), Klammern zur Befestigung der rechtwinkligen Verbindungsstelle von zwei Seiten (Geomeolsoe), Griffe zur Öffnung von Schubladen oder Türen (Deulsoe), sowie Platten, die zum Schutz von Möbeln an der Tür und unter dem Schloss angebracht werden (JamulsoeApbatang). Möbel für Männer sind mit praktischen Beschlägen versehen, während die Möbelbeschläge für Frauen nicht nur funktional, sondern auch dekorativ sind. Ende der Joseon-Zeit (1392-1910) erreichte die dekorative Ästhetik der Beschläge von Holzmöbeln ihren Höhepunkt, wobei dieses Handwerk in den südöstlichen Regionen Koreas, hier vor allem in Tongyeong in der Provinz Gyeongsamnam-do, besonders hoch entwickelt war. Tongyeong gilt auch als Mekka von Najeonchilgi, traditionellen koreanischen Perlmutt-Intarsien von Turbanschnecken oder Seeohrenschalen auf schwarz lackierten Möbeln. Die mit diesen Perlmutt-Lackarbeiten verzierten Möbel sind von so prächtiger Schönheit, dass sie als repräsentativste traditionelle Möbel für Frauengemächer gelten. Die silbernen Beschläge aus Zinn-Nickel-Legierung bringen die prachtvollen Muster wie Schmetterlinge, Blumen, Kraniche, Wolken, Vögel und Pflaumen hervorragend zur Geltung. K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

Kunsthandwerksmeister Kim Kyk-chen unterhält einen Familienbetrieb zur Fertigung von Möbel-Dekorbeschlägen aus Zinn-Nickel-Legierungen. Über vier Generation hat die Familie herausragede Kunstschmiede hervorgebracht, die besonders für ihre Fertigkeit in der Herstellung von Scharnieren in Schmetterlingsform berühmt sind.

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1. Kim prüft, ob die Metalloberfläche gleichmäßig eben und sorgfältig geglättet wurde, um den Silberglanz zur Geltung zu bringen. 2. Ein Truhengriff in Fledermausform. Die ausgebreiteten Flügel sind in Form von zwei zueinander gerichteten Karauschen gehalten.

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Berühmte Kunstschmiedemeister-Familie in Tongyeong Kim Kyk-chen (62), Träger des „Wichtigen Immateriellen Kulturgutes Nr. 64 (Duseokjang: dekorative Metallbeschläge)“, stammt aus einer für Möbel-Metallbeschläge berühmten Meisterfamilie und wuchs in dieses Traditionshandwerk hinein. Sein Urgroßvater Kim Bo-ik arbeitete als Metallkunsthandwerker in den Zwölf Handwerksstätten des Joseon-Reiches. Als das Marine-Hauptquartier, dem die Seestreitkräfte der drei Provinzen Chungcheong-do, Jeolla-do und Gyeongsang-do unterstanden, 1604 nach Tongyeong verlegt wurde, wurden diese Zwölf Handwerksstätten zur Herstellung von Militärbedarf eingerichtet. Sie zogen erfahrene Kunsthandwerker aus dem ganzen Land an, die Möbel, Kleider, Ornamente und dergleichen herstellten. Bis auf den heutigen Tag produzieren diese Werkstätten noch hochwertige Produkte, wenn auch in stark reduzierter Anzahl. Kim Chun-guk, Kim Kyk-chens Großvater, war in der Schmiedekunst dermaßen talentiert, dass die von ihm hergestellten Metallbeschläge als „Chun-guks Werke“ landesweit bekannt waren. Sein Vater Kim Deok-ryong hielt den Familiennamen hoch, indem er stabile und gleichzeitig hochdekorative silberne Beschläge aus Zinn-Nickel-Legierung herstellte. Aufgrund seiner hervorragenden Fertigkeiten wurde er 1980 als Träger des „Immateriellen Kulturgutes“ für den Bereich der Metallbeschläge anerkannt. „Die Damen, die meinen Vater mit der Herstellung von Metallbeschlägen beauftragten, suchten ihn so häufig auf, dass sie ihre Gummischuhe abliefen. Allein für einen dreistöckigen Schrank werden 300 bis 350 Metallbeschläge gebraucht. Von der Bearbeitung der Materialien bis zur Herstellung der Beschläge muss man sechs Monate bis ein Jahr lang warten. Damen aus adligen Familien war daher kein Einsatz für diese eleganten Möbel-Dekorationen zu viel und sie scheuten sich nicht, den Meister so oft persönlich aufzusuchen und zu drängen, dass sie sechs Paar Gummischuhe abtrugen, bis sie endlich die gewünschten Möbelbeschläge bekamen.“ Das handwerkliche Geschick seines Vaters war so außerordentlich, dass man ohne Übertreibung sagen kann, er handhabte Eisen wie Reisteig. Seine Arbeiten waren so dekorativ, dass nicht nur Privat-

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kunden, sondern auch die Möbelhersteller in Tongyeong ständig mit Aufträgen an ihn herantraten. Kim Kyk-chen fing im Alter von 25 Jahren, gleich nach dem Wehrdienst, damit an, in der Werkstatt seines Vaters das Kunstschmiedehandwerk der Metallbeschläge zu lernen. Damals lernten 20 Lehrlinge in der Werkstatt seines Vaters. Er verwendete ohne jede Hast auf jeden Herstellungsschritt und jedes Detail die größte Aufmerksamkeit, auch wenn er dafür wegen der großen Auftragsmenge viele Nächte durcharbeiten musste. „Mein Vater war wirklich ein optimistischer Mensch und sagte nie etwas Verletzendes. Er hielt mich und die anderen Lehrlinge in der Werkstatt davon ab, die Arbeit zu überhasten. Wir sollten uns vielmehr Zeit nehmen, um das gewünschte Resultat ohne Korrekturen zu erreichen. Wenn man seine Arbeiten ständig korrigiert, weist das auf mangelnde Fertigkeiten hin, wodurch letztendlich Schönheit und Funktionalität eines Stückes beeinträchtigt werden. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Worte meines Vaters, dass man auch bei der Herstellung eines kleinen Stücks alle Arbeitsschritte hingebungsvoll und präzise erledigen sollte.“

Auch die Legierung ist ein Arbeitsschritt Für Metallbeschläge benutzt Kim Kyk-chen eine Legierung von 70 Prozent Zinn und 30 Prozent Nickel. Heutzutage sind hochwertige Legierungen aus Fabrikproduktion erhältlich, aber in der Vergangenheit mussten die Handwerker sich auch um die Legierung kümmern. „Zu viel Zinn führt dazu, dass die Farben der Metallbeschläge verblassen, zu viel Nickel macht sie leicht zerbrechlich. Deshalb ist die Beibehaltung der Ratio 7:3 wichtig. Eine Legierung aus Zinn und Nickel entsprach vom Stellenwert her etwa einer Jahresernte in der Landwirtschaft. Deshalb haben wir in den 1970er und 1980er Jahren, als mein Vater noch lebte, zum Beginn der Legierungsarbeit ein Ritual abgehalten und um Erfolg gebetet. Weil man bei der Legierung von Metallen extrem hoher Hitze ausgesetzt ist, wurde diese Arbeit entweder im Spätherbst oder im Winter gemacht.“ Auch heute noch erledigt Meister Kim für besondere Aufträge die Legierungsarbeit höchstpersönlich. Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


2 © Suh Heun-gang

„Flüssige Legierungen werden in einem Graphit-Tiegel bei 1.300 Grad verschmolzen und anschließend in eine Gussform gegossen, so dass Stangen aus Nickel-Zinn-Legierung entstehen. Der Anblick dieser Metallstangen-Stapel erfüllt mich mit so viel Zufriedenheit wie einen Bauer der Anblick der Ernte in der Scheune. Wie man mit Reis aus dem Vorratsraum gekochten Reis, Reiskuchen u.ä zubereitet, hole ich je nach Möbelstück die passende Menge von Metallstangen aus dem Lager, bringe sie zum Schmelzen und schlage sie, damit sie dünn werden.“ Zur Herstellung einer Platte aus einer Nickel-Zinn-Legierung wird zunächst die Dicke je nach Verwendungszweck und Muster bestimmt. Die Stangen werden bei einer Temperatur von 1.300 Grad 20 bis 50 Mal gebrannt und mehrere tausend Mal mit einem Hammer geschlagen. Zwar ist Meister Kim schon fast 40 Jahre K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

lang in diesem Handwerk tätig, aber jedes Mal, wenn er das Metall schlägt, wird sein Kopf völlig frei von weltlichen Gedanken und die Erwartung eines neuen Metallbeschlags lässt sein Herz höher schlagen. Die Oberfläche der Platte, die gleichmäßig in eine Dicke von 0,5-1 Millimeter gebracht wurde, wird nochmals geglättet, um den für die Zinn-Nickel-Legierung einzigartigen silbernen Glanz zu erhalten. Anhand eines auf der Rückseite angebrachten Musters wird die Platte mit einem Häckselmesser geschnitten und die Oberfläche wird ausgemeißelt, um dem Muster Tiefe zu verleihen. Danach werden auf der Vorderseite Muster eingraviert. Um diese Muster noch elaborierter zu gestalten, werden sie manchmal mit Kupfergold oder Kupfersilber ausgefüllt. Anschließend werden Löcher für die Nägel gebohrt, die Außenfläche wird mit einer Feile bearbeitet und dann mit einem Lappen, der mit feinen Tonpulvern

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„Damen aus adligen Familien war kein Einsatz für elegante Möbel-Dekorationen zu viel und sie scheuten sich nicht, den Meister so oft persönlich aufzusuchen und zu drängen, dass sie sechs Paar Gummischuhe abtrugen, bis sie endlich die gewünschten Möbelbeschläge bekamen.“

bestäubt ist, poliert. Auf diese Weise erhalten die Zinn-Nickel-Legierungen einen eleganten silbernen Glanz. Die Metallbeschläge aus Zinn-Nickel-Legierung gerieten im Zuge der Industrialisierung Koreas fast außer Gebrauch. „Seit der Generation meines Urgroßvaters hat meine Familie ZinnNickel-Legierungen verwendet. Aber in den 1970er Jahren wurden landesweit in den Haushalten Kohle-Briketts zum Heizen eingesetzt. Durch das emittierte Gas verblasste jedoch die Farbe der Metallbeschläge. Daher wurden Zinn-Nickel-Legierungen stufenweise durch Edelstahl ersetzt, der resistenter gegen Kohlenmonoxid ist. Aber seit den 1990er Jahren, als Kohle-Briketts als Heizmittel allmählich verschwanden, kamen Zinn-Nickel-Legierungen wieder zum Einsatz. Sie besitzen einen tiefen silbernen Glanz, den Edelstahl nie erreichen kann. In Tongyeong, wo die Spuren von Admiral Yi Sun-sin (1545-1598), der in der Weltgeschichte der Seeschlachten eine herausragende Stellung einnimmt, zu finden sind, befindet sich die Werkstatt von Meister Kim. Sie liegt gerade gegenüber dem Chungnyeol-Schrein, der zum Gedenken an die Loyalität von Admiral Yi errichtet wurde. In der bescheidenen, nur drei Pyeong (rund 10 Quadratmeter) großen Werkstatt stellt Meister Kim bereits 37 Jahre lang MöbelMetallbeschläge her, genau wie es sein Vater getan hat, bis er im Alter von 80 Jahren verstarb. Im Arbeitsraum, voll von zahlreichen Werkzeugen und Mustern, die über hundert Jahre lang weitergegeben wurden, sind die tiefen Wurzeln dieser Meisterfamilie zu erkennen. In Zukunft soll sein jüngerer Sohn Jin-hwan, der nach dem Kunsthandwerk-Studium in die Fußstapfen seines Vaters trat, die Familientradition fortführen.

Symbolik von verschiedenen Mustern Möbel mit stabilen und schönen Metallbeschlägen erhellen Zimmer. Seit alters her werden Metallbeschläge von hoher Qualität der feinen Maserung des Holzes entsprechend angebracht. Die Metallbeschläge mögen zwar zart wie Blütenblätter wirken, sie sind aber so stabil, dass sie erhalten bleiben, selbst wenn der Schrank auseinander fällt. Wie ein Schmuckdesigner aus Rohsteinen schöne Juwelen macht, verziert ein Kunstschmiedmeister Metallbeschläge mit verschiedenen Mustern. Es gibt rund 2.000 Muster, seien es Tiere (Schmetterling, Fledermaus und Karausche), Pflanzen und 1

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1. Ein Möbelbeschlag in Form eines exquisit gearbeiteten Chrysanthemen-Sträußchens. Die Beschläge mögen zwar zerbrechlich aussehen, sind aber immer noch intakt, wenn das Möbelstück nach langjähriger Beanspruchung schon auseinander zu fallen droht. 2. Eine hohe Holztruhe, verziert mit verschiedenen funktionalen Metallbeschlägen wie Türscharnieren, Türverschlüssen,schützenden Eckenverstärkungen und Schubladengriffen in Schmetterlingsform.

Blumen (Chrysantheme, Narzisse und Lotosblume) oder Schriftzeichen oder geometrische Formen. „Metallkunsthandwerker gravieren Muster mit symbolischer Bedeutung ein. Blumen und Schmetterlinge verkörpern die Harmonie in der Ehe, und Fledermäuse stehen für Fruchtbarkeit und Glück. Möbel, die von Frauen benutzt wurden, oder Reistruhen wurden mit einem Schloss in Karausche-Form versehen. Da Karauschen im Wasser leben, galten sie als Tiere, die gegen Feuer schützen können. Darüber hinaus schlafen sie mit offenen Augen, weshalb man dachte, dass sie das Eigentum bewachten. Weil Karauschen viele Eier legen, wurden sie mit Fruchtbarkeit assoziiert, und ihr kleiner Mund erinnert einen an einen Geldbeutel mit einer kleinen Öffnung, d.h. das Vermögen kann nicht so leicht verschwinden. Die Möbel in den Herrengemächern wurden häufig mit Bambusmustern verziert, die konfuzianische Werte wie Loyalität und kindliche Pietät, die Tugenden eines Gunja, eines edlen Gentleman, und Treue symbolisieren.“ Metallbeschläge in Form von Schmetterlingen, die für gute Nachrichten stehen, sind eines der repräsentativsten Produkte von Tongyeong und die Familie von Meister Kim ist besonders für ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung der Schmetterling-Beschläge berühmt. Immer, wenn Meister Kim Metallbeschläge in Schmetterlingsform, vor allem in Form des Schwalbenschwanzes, herstellt, erinnert er sich an seinen Vater. „Die an einem Möbelstück angebrachten SchwalbenschwanzBeschläge sind sehr schön. Beim Auf- und Zumachen der Tür scheinen die Schmetterlinge mit den Flügeln zu schlagen. Mein Vater war ein großartiger Mann. Obwohl er stark beschäftigt war, bewahrte er immer Gelassenheit. Er sang auch sehr schön. Von Kopf bis Fuß war er stets schick angezogen. Als ich nach seinem Tod die Hinterlassenschaften aussortierte, beeindruckte mich sein Schuh-Sortiment in den unterschiedlichsten Farben und Designs.“ Ein alter buddhistischer Spruch besagt, dass innerhalb eines Senfsamens der Berg Sumeru (Sumi-san) ist. Das bedeutet, dass in einem winzigen Senfsamenkorn der große Berg Sumeru steckt. Auch wenn der Meister in einer engen Werkstatt kleine Möbelbeschläge herstellt, scheint er glücklich zu sein, da eben in diesen kleinen Beschlägen die große, schöne Welt zur Schau gestellt wird.

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KUNSTKRITIK

Multimedia-Künstlerin Kim Soo-ja: Das Leben mit dem Atem nähen

Die Künstlerin Kim Soo-ja, deren weltweit präsentierte Werke verschiedene Genres wie Konzeptkunst, Installationskunst und Performancekunst verbinden, hat nach langem wieder einmal eine Solo-Ausstellung in Korea abgehalten, die unter dem Titel To Breathe stand. Die Ausstellung fokussierte auf Themen wie Bottari und Needle , die sie unablässig erforscht hat. Koh Mi-seok Editorial-Verfasserin, Tageszeitung The Dong-a Ilbo Fotos: Kukje Gallery, Kimsooja Studio

1. Die Multimedien-Künstlerin Kim Soo-ja ist allgemein als „die Bottari-Künstlerin” bekannt. 2-3 Szenen aus Thread Routes, Teil 1 (2010) 4. Szene aus Thread Routes, Teil 2 (2011) 5. Szene aus Mumbai: A Laundry Field (2008) 1

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ie Multimedia-Künstlerin Kim Soo-ja wird auch die „Bottari-Künstlerin“ genannt. Grund dafür ist ihr Werk Cities on the Move — 2727km Bottari Truck, mit dem sie auf der Biennale in Venedig 1997 die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt auf sich zog. Das Video-Kunstwerk dokumentiert die elftägige Reise, die Kim mit einem blauen Lastwagen voller Bottari durch einige Dörfer ihrer Kindheit machte. Bottari sind Gepäck-Bündel, die in einem großen Tuch eingeschlagen sind. Kims Tücher sind aus mehreren traditionellen Stoffstücken zusammengenäht. Dieses Werk, das die Künstlerin hoch oben auf einem Bottari-Stapel vor dem Hintergrund der vorbeiziehenden Landschaft zeigt, thematisiert das Schicksal des zum Nomadenleben verdammten modernen Menschen und arbeitet den Begriff der Migration heraus. 2007 produzierte sie eine ähnliche Performance, wobei sie diesmal mit ihrem Bottari Truck durch verschiedene Pariser Viertel mit einem hohem Einwandereranteil fuhr. Als dann diese Werke auf der internationalen Bühne vorgestellt wurden, übernahm die ausländische Kunstszene einfach das koreanische Wort Bottari . In ihren Videos zeigt Kim nur ihren Rücken. Dahinter steht der Gedanke, dass die Hinteransicht im Gegensatz zur Vorderansicht, die man ausschmücken kann, ein ehrlicheres Bild abgibt. Ähnliches gilt für Kims Werk A Needle Woman (1999-2001). In acht Weltstädten wie Shanghai, Neu Delhi und Kairo steht sie schwarzgekleidet inmitten der Massen, bewegungslos und hoch aufgerichtet. Dem Betrachter wird lediglich der Blick auf den Rücken der Künstlerin und den seitlich an ihr vorbeiströmenden Menschenmassen gewährt. Das Werk ist eine Metapher für Kims Reise, bei der sie selber die Rolle einer Nadel einnimmt, die die verschiedenen Städte und Menschen zu einem Ganzen verbindet. Die Ausstellung To Breathe , die vom 29. August bis 10. Oktober 2012 in der Kukje Gallery in Seoul zu sehen war, hatte den Charakter einer „Interim-Retrospektive“ über alle wesentlichen Themen, mit denen Kim sich im Laufe der Jahre beschäftigt hat. Vorgestellt wurden 12 Videoarbeiten, darunter die neuen 16-mm-Dokumentarfilme Thread Routes 1&2 und Mumbai: A Laundry Field. Die Künstlerin erklärt: „Ich wollte nichts Gekünsteltes darstellen, sondern das Vorhandene aufzeigen, wie es ist, und darin neue Bedeutungen und Sichtweisen erkennbar machen. So kam ich auf die Videoarbeit. “

Dem Faden folgend Von dem Zeitpunkt an, an dem der Mensch nackt zur Welt gekom-

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men ist, lebt er bis zu dem Tag, an dem er im Sarg zur letzten Ruhe gebettet wird, mit Stoffen. Demnach führen die Spuren der Fäden, aus denen Stoffe bestehen, zu den Spuren des Lebens. Thread Routes 1&2 (insgesamt sind sechs Teile geplant) blickt zurück auf das vom Menschen angehäufte Leben und seine Kulturgeschichte, wobei die für die verschiedenen Regionen typischen Traditionen wie Spinnen oder Spitzenherstellung beleuchtet werden. Schauplatz des ersten Teils ist Peru, der zweite bringt Szenen aus europäischen Ländern wie Belgien und Kroatien. Die Filme mit einer Länge von mehr als zwanzig Minuten kommen gänzlich ohne Handlung aus und bestechen durch ihren poetischen und meditativen Charakter. In Peru folgt auf eine Szene, die eine Frau beim Garnspulen zeigt, der Schwenk vom Berg herunter ins Dorf auf Ackerland, der die Verbindung von Weben und Feldarbeit bewusst macht. Die charakteristischen Stoff-bezogenen Kulturen und Gebräuche der einzelnen Regionen wurden in faszinierenden Bildern eingefangen. Das Spinnen und Spitzenhäkeln der Frauen stehen in perfekter Harmonie mit der natürlichen Umgebung und der lokalen Architektur. Die einzigartige Natur des Machu Picchu spiegelt sich eindrucksvoll in den Mustern der einheimischen Kleidung wider, wohingegen die Muster der sakralen Spitzenkunst Europas mit der Struktur der mit menschlichen Gebeinen verzierten Kirchen eine Harmonie bilden. In den Filmszenen überschneidet sich der Fluss der Natur und der Fluss des Körperlichen, was bewusst macht, dass auch der Mensch letztendlich nur ein Teil der Natur ist. Thread Routes , bei dem die Stoffmotive wie Faden oder Spitze zu den grundlegenden Fragen über Leben und Tod erweitert werden, zeigt die herausstechenden Fähigkeiten der Künstlerin, solche Themen sowohl unter mikroskopischen als auch unter makroskopischen Aspekten zu behandeln. Ahn So-yeon, Vize-Kuratorin des Leeum: Samsung Museum of Art PLATEAU, lobt Kim als Künstlerin, die „Mikroskop und Teleskop gleichermaßen versiert zu nutzen weiß“.

Von einem Waschplatz in Mumbai bis zum Strand von Nigerien Kim Soo-ja sagt: „Meine Interessen sind breit gefächert und ich bin für alles offen. Man kann nicht sagen, dass ich besonders die Natur oder die Großstädte bevorzugen würde. Ich würde überall hingehen, solange es sich um einen Ort handelt, der mir Rohmaterial für meine Fragen und Antworten in Bezug auf meine Erkundung der Welt liefert.“

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Mumbai: A Laundry Field thematisiert auf vier Bildschirmen gleichzeitig und untermalt von vier Audio-Kanälen menschliche Dramen, wie sie sich in den Slums von Mumbai abspielen. In Szenen, die an öffentlichen Orten verrichtete, sehr private Tätigkeiten wie Schlafen, Kochen, oder SichWaschen einfangen, oder Menschen zeigen, die wie Gepäckstücke aus den Türen von überfüllten Zügen hängen, ist der warme Blick der Künstlerin auf diese Menschen, die ein hartes Leben führen, spürbar.

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Mumbai: A Laundry Field , ein Film, der von 2007-2008 in einem Slum von Mumbai produziert wurde, ist ein prächtiges Duett von Farben und Geräuschen. Das menschliche Drama in den Slums entfaltet sich gleichzeitig auf vier Bildschirmen, unterstützt von vier Audio-Kanälen. In Szenen, die an öffentlichen Orten verrichtete, sehr private Tätigkeiten wie Schlafen, Kochen, oder SichWaschen einfangen, oder Menschen zeigen, die wie Gepäckstücke aus den Türen von überfüllten Zügen hängen, ist der warme Blick der Künstlerin auf diese Menschen, die ein hartes Leben führen, spürbar. Das in Grönland aufgenommene dreiteilige Werk Mirror of Water, Mirror of Air, Mirror of Wind erforscht die Möglichkeiten der konventionellen Malerei nicht auf einer Leinwand, sondern mittels

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visueller Medien. Im titelgebenden Werk der Ausstellung To Breathe: Invisible Mirror / Invisible Needle werden digitale Farbabstraktionen als visueller Atem interpretiert. Auf dem Bildschirm sind keine Bilder zu sehen, lediglich die Farben verändern sich langsam, und der Atem der Künstlerin, wie etwas Visuelles, erfüllt den Bildschirm. Premiere hatte dieses Werk 2006 in einer Oper in Venedig. Bottari-Alfa Beach wurde 2001 an einem Strand von Nigerien, der als Umschlagsplatz für Sklaven in die Geschichte eingegangen ist, aufgenommen. In dem Film haben Himmel und Meer ihren Platz getauscht: eine Metapher für den Orientierungsverlust und die Verzweiflung, den diese Menschen, der heimatlichen Erde entwurzelt und in die Sklaverei verkauft, empfunden haben müssen. Die Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Künstlerin bezeichnet den Horizont, den sie dort sah, als „die traurigste und schockierendste Linie, die sie je gesehen habe“.

Ausstellung auf der Biennale von Gwangju Auch der Film An Album: Hudson Guild , der bei der Themenausstellung Round Table der Biennale von Gwangju (7. Sept. - 11. Nov. 2012) unabhängig von der Solo-Ausstellung vorgestellt wurde, ist beeindruckend. Das Werk, inspiriert von der schmerzvollen Sehnsucht nach dem Vater, der nach einem Hirnschaden zunächst das Gedächtnis verlor und dann verstarb, lässt einen über die Einsamkeit alter Menschen und die Existenz an sich nachdenken. In dem ca. 31-minütigen Werk werden der Reihe nach 60- bis 80-jährige Menschen mit Migrationshintergrund porträtiert, die ihm Seniorenzentrum Hudson Guild in New York leben. Jedes Mal, wenn die Künstlerin mit leiser Stimme die Namen der mit dem Rücken zum Zuschauer sitzenden Protagonisten wie „Marina” oder „Peter” aufruft, drehen sich diese langsam in Richtung Kamera um. Die ganz individuellen Gesichter voller Falten und Furchen, die das Leben geschlagen hat, erscheinen und blicken den Betrachter für einen Moment an, bevor sie dann wieder im Hintergrund verschwinden. Wie ein in die Gegenwart transferiertes Gruppenporträt von Rembrandt, das Leben und Geisteszustand der Protagonisten vollkommen aufgesogen hat, ist das Video von einer stillen Trauer durchdrungen. Der schlichte Akt des Aufrufens der Namen erinnert an den Ruf an der Schwelle zwischen Leben und Tod und lässt die Schwere des Hier und Jetzt, in dem wir leben, nur zu spürbar werden. Das Nomadenleben der Kim Soo-ja Während die Familie in Korea zurückbleibt, hält sich die Künstlerin fünf Monate im Jahr in New York und den Rest in anderen Ecken der Welt auf. Ihr Terminplan, ausgefüllt mit 20 bis 30 internationalen Ausstellungen pro Jahr, lässt sie hektisch alleine herumreisen, doch trotzdem strahlt ihr Gesicht stets Gelassenheit und Ausgeglichenheit aus. Kunst ist für sie kein Mittel, Reichtum oder Ruhm zu gewinnen, man spürt, dass es ihr einzig und allein um die Liebe zur Arbeit geht. Die 55-jährige Künstlerin wurde in Daegu geboren und begann nach dem Abschluss ihres Malerei-Studiums an der Hongik Universität in Seoul als Malerin zu arbeiten. 1983, als sie ihrer Mutter beim gemeinsamen Deckennähen gegenüber saß, wurde ihr plötzlich schlagartig der ambivalente Charakter der Nadel bewusst: Eine Nadel ist ein Mittel zum Verletzen und zum Heilen. Von dem Zeitpunkt an verwandelte sie sich in eine Priesterin des Heilrituals. Die aus alten Decken gefertigten Bottari-Tücher wurden zu ihrer neuen Leinwand und ihr Körper zu Nadel und Faden, der die Welt zusammenhält. Durch ihre Arbeiten und Performances, in denen sich ihr Interesse an Migration und kulturellen Zusammenstößen widerspiegelt, hat Kim unübersehbare Spuren in der Kunstwelt hinterlassen. K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

2 1. Szene aus Mumbai: A Laundry Field (2008) 2. Szene aus Cities on the Move -2727 km Bottari Truck , ein Werk, mit dem sich Kim Soo-ja in der internationalen Kunstwelt etablierte.

Die Kunstkritikerin Rosa Martinez kommentiert dazu: „Mit ihren Werken aus den letzten 30 Jahren strebt Kim Soo-ja eine neue Form der plastischen Annäherung zwischen Ost und West an und hat einen Raum der Schönheit, Heilung und Erkenntnis geschaffen.“ Tatsächlich reißen sich Kunstmuseen und Aussteller auf der ganzen Welt um sie. Mit Arbeiten wie Bottari Truck oder A Needle Woman spricht sie wichtige Themen der heutigen Generation wie Migration, Vertreibung, Krieg, kulturelle Zusammenstöße oder unterschiedliche Identitäten an. Sie sagt, dass „die Betrachter durch den Realismus ihrer Werke dazu kommen, ein Interesse an diesen Themen zu entwickeln und anfangen, sich darüber Gedanken zu machen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass meine Werke erfolgreich sind.“ Ihre Interessen, die von Bottari bis zur Nadel und nun bis zum Faden reichen, sind Ausdruck einer Reflexion, die immer tiefer in den Ursprung des Lebens dringt. Dies ist auch der Traum einer Künstlerin, die danach strebt, eine Einheit von Leben, Kunst und Welt zu schaffen. Ihre Offenheit, die sie sich durch ihr Nomadenleben aneignete, sind Quelle für die ruhigen, lyrischen Bilder ihrer Video-Arbeiten, mit denen sie die Zuschauer in ihren Bann zieht. In den Ausstellungsräumen der Künstlerin verlieren sich die Betrachter in den Aufnahmen und reflektieren über den Zusammenhang zwischen Natur und Erde, Ost und West, Innen und Außen, Sesshaftigkeit und Migration, Yin und Yang sowie Raum und Zeit. Ihre Werke, die die unterschiedlichen Traditionen und Kulturen, die sie im Alltag entdeckt, zu universalen Werten der Menschheit sublimieren, schenken uns die wertvolle Gelegenheit, auf das Wesen des Menschen und auf die Essenz des Lebens zu treffen.

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AUF DER WELTBÜHNE

Regisseur Kim Ki-duk mit dem Goldenen Löwen, eine Auszeichnung für den besten Film bei den Filmfestspielen in Venedig 2012.


Filmregisseur Kim Ki-duk

Ein Außenseiter gewinnt den Goldenen Löwen

Der Filmregisseur Kim Ki-duk, bekannt für die Hartnäckigkeit, mit der er seine Vorstellungen von „Film“ verfolgt, wurde 2012 bei den 69. Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. In der 16-jährigen Karriere des Autodidakten bedachte man ihn immer wieder mit Etiketten wie „unbequem“, „grausam“ oder „provokativ“. Doch nun wurde er auf einem der drei größten Filmfestspiele der Welt mit dem Hauptpreis geehrt, was ihn, wenn auch unerwartet, zum Aushängeschild des koreanischen Films gemacht hat. Darcy Paquet Filmkritiker | Fotos: Finecut Co

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ch traf Kim Ki-duk zum ersten Mal im Januar 2002 für ein Interview in einem kleinen Café im Seouler Stadtviertel Insa-dong. Sein siebter Film Bad Guy , der die Geschichte eines Mannes erzählt, der eine Studentin aus der Mittelschicht zur Prostitution zwingt, hatte gerade Premiere gefeiert und sollte auf der 52. Berlinale im Wettbewerb laufen. Der kontroverse Film erregte viel Aufsehen und hatte bei den Zuschauern für extreme Reaktionen gesorgt, dennoch waren die Einspielergebnisse für eine Kim-Ki-duk-Produktion ausnahmsweise relativ gut. Trotz der Kälte trug der Regisseur unter seinem Mantel lediglich ein T-Shirt und eine Baseballkappe – sein Markenzeichen – bedeckte die kurz geschorenen Haare.

Der Provokateur „Auf Filmfestivals im Ausland ziehen meine Filme großes Interesse auf sich, aber es ist das erste Mal, dass jetzt einer auch in Korea beliebt ist.“ Kim war bereits dafür bekannt, sich mit koreanischen Filmkritikern in aller Öffentlichkeit Wortgefechte zu liefern, und diese hatten ihn auch schon als „Monster“ oder „Taugenichts“ bezeichnet. Doch der Mensch, den ich dann traf, bestach durch Würde und Eloquenz. „In Korea stempeln die Kritiker meine Filme als schlecht oder gefährlich ab, weshalb nicht viele Menschen in die Kinos kommen, um sie zu sehen. Bei den Filmfestspielen im Ausland wird der Fokus jedoch darauf gelegt, was ich mit meinen Filmen über die Gesellschaft sagen möchte. Sie werden nicht einfach als ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ gebrandmarkt.“ Im Verlauf des Interviews kamen wir auf seine Lebensgeschichte zu sprechen, die sich so sehr von der anderer berühmter Regisseure in Korea unterscheidet. In armen Verhältnissen aufgewachsen, verließ er schon mit 16 Jahren die Schule und arbeitete eine Zeit lang in Fabriken im Cheonggyecheon-Viertel in Seoul. In seinen zwanziger Jahren absolvierte er seinen Militärdienst bei der Marine und half auch in einer Kirchengemeinde für Sehbehinderte mit. Sein Interesse an der Malerei bewog ihn schließlich dazu, 1990 von seinem Ersparten nach Paris zu fliegen und dort zwei Jahre lang seinen Lebensunterhalt als Straßenmaler zu bestreiten. Hier kam Kim Ki-duk das erste Mal mit dem Film in Berührung. „Den ersten Film meines Lebens sah ich mit 33 Jahren in Paris. Ich war vorher nie ins Kino gegangen, weil ich in Korea immer nur gearbeitet hatte.“ Filme wie Das Schweigen der Lämmer oder Die Liebenden von Pont-Neuf hinterließen einen tiefen Eindruck bei Kim Ki-duk und er beschloss, Filmregisseur zu werden. Kurz nach seiner Rückkehr nach Korea gewann er bei einem Wettbewerb der Koreanischen Filmförderung einen Preis für sein Drehbuch. Damit hatte er einen Fuß in der Branche und 1997 drehte er seinen ersten Low-Budget-Film Crocodile mit Jo Jae-hyun in der Hauptrolle. In den folgenden 12 Jahren führte er bei 15 Filmen Regie und erlangte internationales Ansehen, und das, ohne je eine richtige Ausbildung in diesem Bereich durchlaufen zu haben. Wir unterhielten uns auch darüber, was seine Filme von denen anderer Regisseure unterscheidet. Neben der kreativen visuellen Ästhetik und einem hohen Grad an Perfektion sind seine Filme für ihren provokativen Gehalt bekannt. K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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„Filme dienen mir als Mittel, den Zuschauer zu entführen und in meine Welt zu ziehen. Natürlich will ich damit niemanden angreifen. Was ich zeigen möchte, sind wirkliche Probleme in unserer Gesellschaft.“ Kim Ki-duk gab zu, dass es seine Absicht ist, den Zuschauern ab und zu Unbehagen zu bereiten. Damit will er ihre Aufmerksamkeit auf einen Teil der Gesellschaft lenken, vor dem sie am liebsten die Augen verschließen. „Wenn sie die Welt der Prostituierten und Gangster sehen, sagen sie, dass sei menschlicher Kehricht, den es zu beseitigen gilt. Dabei sind auch das Menschen, die Respekt verdienen.“ Er fuhr fort, dass in Korea viele aus der Mittel- und Oberschicht die unteren Schichten verachten, und während er dies sagte, bemerkte ich mit Erstaunen, wie seine Stimme brüchiger wurde und zu zittern begann. Dieses Thema war zweifelsohne für ihn von großer Bedeutung und eine der treibenden Kräfte hinter seiner Kreativität. „Filme dienen mir als Mittel, den Zuschauer zu entführen und in meine Welt zu ziehen. Natürlich will ich damit niemanden angreifen. Was ich zeigen möchte, sind wirkliche Probleme in unserer Gesellschaft. Wenn sich die Mainstream-Gesellschaft von der Klasse der Menschen, die ich in meinen Filmen darstelle, distanziert, werden sich die Konflikte nur vertiefen. Mit meinen Filmen möchte ich beiden Seiten dazu verhelfen, einander besser zu verstehen.“

Der Philosoph Mit den Jahren verändern sich auch Künstler und gewinnen an Reife. In einigen Fällen verläuft dieser Wandel besonders dramatisch. Ein Grund, warum es dem Regisseur Kim Ki-duk gelingt, die Phantasie so vieler Filmfans im Ausland zu beflügeln, ist, dass er durch seine Filme gezeigt hat, welch erstaunliche Veränderungen er selbst durchgemacht hat. Als er, der namenlose Autodidakt 1996 seinen ersten Film drehte, geschah dies im vollen Bewusstsein, ein Außenseiter in der Filmwelt und in der koreanischen Gesellschaft generell zu sein. In Werken wie Die Insel (2000), der so brutal ist, dass bei der Vorführung auf den Filmfestspielen in Venedig eine Journalistin in Ohnmacht fiel, oder Address Unknown über Probleme in einer Gemeinschaft am Rande der US-amerikanischen Militärbasis nutzte Kim Ki-duk die Darstellung von exzessiver Gewalt und Brutalität als Mittel, um die Zuschauer zu schocken und aus ihrer bequemen Selbstzufriedenheit herauszuholen. Der Filmkritiker Steve Choe erklärt: „Die gewalttätigen Szenen zielen darauf ab, den Zuschauer zum Nachdenken darüber zu bringen, warum sie überhaupt ins Kino gehen, und ihren bequemen Kulturgeschmack zu erschüttern.“ Der französische Filmkritiker Cédric Lagrandré sagt: „In den Filmen von Kim Ki-duk sprechen die Menschen nicht miteinander, sie schlagen sich. Beziehungen sind immer frontal, direkt, dekodiert und werden nie durch Sprache als Medium, das die Gewalt neutralisieren könnte, geführt.“ Doch im Laufe der Zeit begann Kim Ki-duk, sich zu verändern. Der Film Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling (2003) , der das Leben eines buddhistischen Mönches in vier Stufen beschreibt, stellt eine Zäsur im Schaffen Kim Ki-duks dar. Dabei ist die Tatsache, dass der Film, dem ein wunderschöner, abgelegener See als Kulisse dient, fast ohne Gewalt auskommt, noch nicht alles: Kim kommunizierte plötzlich auf eine gänzlich andere Art mit dem Publikum. Die Provokationen, die Bestandteil seiner ersten Werke gewesen waren, wichen einer anderen, etwas weicheren Form der Provokation, die den Zuschauer dazu zu überreden versuchte, die Welt aus einem ande-

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2 1. Kim Ki-duk (links) posiert für eine Aufnahme, nachdem er bei den Filmfestspielen in Venedig 2004 für 3-Iron (Leere Häuser) mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Daneben Alejandro Amenábar, ein spanischer Regisseur, der für The Sea Inside (Das Meer in mir) den Großen Preis der Jury erhielt. 2. Szene aus Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling , ein Film, der eine Wende in Kims Laufbahn markiert. 3. Poster für The Bow (Der Bogen) (2005) 4. Poster für 3-Iron (Leere Häuser) (2004) Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


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ren Blickwinkel zu betrachten. Dass Kim nicht durch Gewalt, sondern durch einen überraschend künstlerischen Touch die Zuschauer dazu brachte, die Sichtweise eines anderen zu übernehmen, stellte die Erwartungen des Publikums auf den Kopf. 3-Iron (Leere Häuser, 2004) ist einer von Kim Ki-duks anerkanntesten Filmen. Ungeachtet der kurzen Drehzeit von gerade einmal 10 Tagen, wurde der Film von ausländischen Kritikern mit überschwenglichem Lob überhäuft und gewann bei den 61. Filmfestspielen von Venedig den Preis für den besten Regisseur. Die Geschichte handelt von einem Mann, der in vorrübergehend leer stehende Wohnungen einbricht. Anstatt jedoch etwas zu stehlen, lebt er eine Weile dort und repariert sogar defekte Haushaltsgeräte. Eines Tages trifft er auf eine Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen wird. Es entwickelt sich eine Beziehung, in der die beiden gemeinsam dieser ungewöhnlichen Form der Lebensgestaltung nachgehen. Viele Zuschauer empfanden diesen Film wie eine Einladung in eine spannende, neue Welt, die von ganz eigenen Regeln beherrscht wird. Gegen Ende wird der Film sehr experimentell und fragt, welche Verbindung ein solches Leben zur Realität hat. Hier wird Kim Kiduk zum Philosophen, der bedeutungsvolle Fragen in Bezug auf Leben und Moral stellt, die den Zuschauer dazu bewegen, selber ein Urteil zu fällen. Kim Ki-duk konnte auf Filmfestspielen im Ausland große Erfolge feiern und 3-Iron sowie Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling waren in Europa, Nordamerika und Japan auch an den Kinokassen erfolgreich. In Korea bot sich ein ganz anderes Bild: Für Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling wurden gerade einmal 55.000 Karten verkauft, während sich die Gesamteinnahmen in den USA auf mehr als zwei Millionen Dollar beliefen – zu jener Zeit ein Rekordeinspielergebnis für einen koreanischen Film. 3-Iron gewann bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis für den besten Regisseur, in Korea verkauften sich gerade einmal 95.000 Karten. Zwei Jahre zuvor war Oasis (2002) von Lee Chang-dong, der in Venedig mit dem gleichen Preis ausgezeichnet worden war und entsprechend Aufsehen erregt hatte, zum Kassenschlager geworden und hatte mehr als das Zehnfache eingespielt. Ohne Zweifel nagte es an Kim Ki-duk, dass ihm die Anerkennung im eigenen Land verwehrt blieb. So gab er vor der Premiere seines 13. Films Tim e (2006) die Erklärung ab, keine Filme mehr für koreanischen Kinos freizugeben, wenn der Ticketverkauf für Time unter der 200.000-Marke bleiben würde. Time verkaufte zwar nicht einmal 30.000 Karten, doch Kim Ki-duk machte letztendlich seine Drohung nicht wahr. Wie dem auch sei: Klar ist jedenfalls, dass zwischen dem koreanischen Publikum und dem Filmschaffen Kim Ki-duks nach wie vor nicht geklärte Differenzen bestehen. Zum Teil könnte das an seinem Image liegen, denn den meisten ist Kim mehr für sein kämpferisches Wesen als für seine Filme bekannt. Auch scheint seine Porträtierung der koreanischen Gesellschaft in Korea eher Befremden hervorzurufen, während das ausländischen Publikum von seiner Kreativität fasziniert ist. Nach wie vor haben es der Regisseur und das koreanische Publikum nicht geschafft, zueinander zu finden.

Die Rückkehr Von 2008 bis 2011 war Kim Ki-duk von der Bildfläche verschwunden. Eine Schaffenskrise durchleidend und im Glauben, von der koreanischen Filmindustrie verraten worden zu sein, hatte er sich an einen abgelegenen Ort zurückgezogen und beinahe jegliche Kommunikation mit der Außenwelt eingestellt. Es wurde so ruhig um ihn, dass man vom Ende seines Lebens als Filmemacher zu reden begann. Doch dann erschien er 2011 mit der autobiografischen Dokumentation Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers bei den Filmfestspielen in Cannes. In diesem außergewöhnlichen Film lässt er seinen Gedanken und seiner Unzufriedenheit freien Lauf. Man spürt, dass Kim Ki-duk seine Zeit damit verbracht hatte, über die Zukunft und die Bedeutung seines Filmschaffens nachzudenken. Der Dokumentarfilm, Produkt der filmischen Verarbeitung seiner Qualen, gewann in Cannes den

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Preis Un Certain Regard (dt. „Ein gewisser Blick“) . Ende 2011 traf ich Kim Ki-duk auf dem Internationalen Filmfestival von San Sebastián in Spanien wieder, wo er sein experimentelles Werk Amen (2011) vorstellte. Ich erschrak über sein völlig verändertes Aussehen: Seine Haare waren lang und grau geworden und er trug eine moderne Variante der traditionellen koreanischen Tracht Hanbok. Ansonsten wirkte er richtig glücklich, wie jemand, dem eine große Last von den Schultern genommen wurde. Nach wie vor stand er der koreanischen Mainstream-Filmindustrie kritisch gegenüber („Die großen Distributoren haben einfach kein Interesse an der Produktion kreativer Filme.“), doch er schien seinen Platz in der koreanischen Gesellschaft und seine Beziehung zum koreanischen Publikum akzeptiert zu haben. Aber nicht nur das: Seine Leidenschaft für das Filmemachen war neu entfacht worden. „Kim Ki-duks Kopf ist bereits voll von Plänen für einen neuen Film”, ließ einer seiner Co-Produzenten verlauten. Als sich Kim Ki-duk mit Pieta (2012) auf dem diesjährigen Filmfestival in Venedig präsentierte, war ihm ein begeisterter Empfang von Seiten der Kritiker gewiss und dieses Mal gewann er sogar den Goldenen Löwen. Für jeden Regisseur auf der Welt ist dieser Preis die höchste Ehrung. Darüber hinaus ist es in der koreanischen Filmgeschichte das erste Mal, dass der Hauptpreis der drei großen Filmfestivals in Cannes, Venedig und Berlin an einen Koreaner ging. Nach seiner Krise als Fil-

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memacher vor einigen Jahren ist Kim Ki-duk wieder auferstanden und hat die höchsten Höhen der Ehre erklommen. Neuerdings scheint Kim Ki-duk dem koreanischen Publikum etwas offener gegenüber zu treten. Noch vor seiner Teilnahme in Venedig stimmte er erstmalig zu, dass seine Filme im Fernsehen gezeigt werden dürfen, und die Offenheit und Freundlichkeit, die er an den Tag legte, bewirkte bei vielen Koreanern eine Korrektur des bis dahin gehegten Negativ-Images. Dazu enthält Pieta trotz einiger brutaler und heikler Szenen wichtige Anknüpfungspunkte, über die das Publikum auf emotionaler Ebene erreicht werden kann. In diesem Film verschmelzen der provokante Stil aus Kims Anfangszeit mit der philosophisch-meditativen Dimension von 3-Iron . Die schauspielerische Leistung von Cho Min-soo in der weiblichen Hauptrolle erntete begeisterte Kritiken und auch die Koreaner, die Kims Filmen sonst ablehnend gegenüber standen, waren stolz auf die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen. Es ist von besonderer Bedeutung, dass der Außenseiter Kim Ki-duk, der kompromisslos seinen Vorstellungen von „Film“ folgte und sich dem Mainstream widersetzte, nun in der Geschichte des koreanischen Films derjenige ist, der mit dem Preis der Preise ausgezeichnet wurde. Sicherlich werden sich in Zukunft auch andere koreanische Regisseure einen Namen machen, aber jetzt ist es gerade Kim Ki-duk, der, wenn auch unerwartet, zum Aushängeschild des koreanischen Films wurde. Bei jeder Filmpreisverleihung spielen auch unabwägbare Faktoren eine gewisse Rolle, sei es die jeweilige Zusammensetzung der Jury oder die unvermeidlichen Kompromisse bei der Abstimmung. Wenn die Jury 2004 eine andere gewesen wäre, hätte Kim Ki-duk mit 3-Iron womöglich damals schon den Goldenen Löwen holen können. Aber es ist wohl passender, dass er gerade jetzt, auf der derzeitigen Stufe seines Schaffens, diese Ehrung erhalten hat. Seine Filme sind zwar immer noch von gewohnter Schärfe, dennoch scheint Kim am Ende Frieden mit sich und seiner Heimat geschlossen zu haben.

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1-3. Szenen aus Pieta . Die Schauspielerin Cho Min-soo hat genau so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie der Regisseur Kim Ki-duk. 4. Ein Poster-Bild von Pieta h채ngt in der Seouler Kathedrale der Anglikanischen Kirche in Korea, wo am 19. September 2012 ein Produktions-Briefing stattfand. (Foto mit freundlicher Genehmigung von NEW)

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Den eigenen Weg gehen

Eine Suppenküche der blühenden Liebe „Mindeulle-Nudelrestaurant“ - das steht zwar ganz eindeutig auf dem Schild des Restaurants, doch auf der Speisekarte sucht man vergeblich nach Nudelgerichten. Serviert wird vielmehr ein Essen im Cafeteria-Stil: Reis und sieben bis acht großzügig bemessene Beilagen. Bezahlt wird mit einem „Danke für das gute Essen“. Gäste, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, werden von Seo Yeong-nam, dem Betreiber der Suppenküche, gleich am Eingang in Empfang genommen, zu einem Platz geführt und gegebenenfalls auch gefüttert. Kim Hak-soon Journalist I Fotos: Ahn Hong-beom

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uf den ersten Blick scheint das Mindeulle-Nudelrestaurant eine typische Suppenküche für Obdachlose und Notleidende zu sein. Aber in Bezug auf Führungsstil und Philosophie bestehen Unterschiede wie Tag und Nacht. So wird auch einem Gast, der mehrmals am Tag vorbeischaut, die Tür nicht vor der Nase zugeschlagen. Tatsächlich gibt es welche, die fünf Mal am Tag eine volle Mahlzeit zu sich nehmen. Einer soll sogar sieben Mal gekommen sein. Jemand, der ständig von Hunger geplagt wird, braucht nur aus der Tür zu sein und hat gleich wieder Hunger. Im Mindeulle können sich die Obdachlosen aus Seoul und Umgebung so viel auf den Teller laden, wie sie essen wollen.

Alle Gäste sind VIPs In diesem Restaurant gilt das Prinzip „Wer zuerst kommt, wird zuerst bewirtet“ nicht. Bei besonders hohem Menschenandrang bekommt nicht der erste in der Schlange zuerst etwas zu Essen, sondern derjenige, der vor Hunger das Schlangestehen nicht aushalten kann. Auf einer Tafel an der Wand stehen die Namen der Stammgäste. Seo Yeong-nam lässt sie sich willkommen fühlen, indem er genau notiert, wer wie viel Reis isst, wer welche Suppe mag und ob er mehr Brühe oder mehr Einlagen bevorzugt. In den Notizen sind auch die Vergangenheit der Gäste, ihre gegenwärtige Situation und ihre Hoffnungen für die Zukunft vermerkt. Jeder seiner 400 bis 500 Gäste pro Tag ist für Seo ein VIP in dem Sinne, dass er ein hoher, von Gott gesandter Gast ist. Ein Spruch an der Wand gibt Auskunft darüber, warum er dieses Restaurant betreibt: „Freiheit von Besitztum; Freude an der Gemeinschaft mit den Armen; Engagement für eine bessere Welt.“ Der 58-jährige Seo Yeong-nam, einst katholischer Ordensmönch, heute wieder Laienbruder, achtet auf die kleinsten Details, an die

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sonst kaum jemand denkt, seitdem er das Mindeulle-Nudelrestaurant (Mindeulle: Löwenzahn) am 1. April 2003 auf dem Hwadogogae-Hügel in Incheon, einem typischen Armenviertel, eröffnete. Da er das Negativ1 image einer kostenlosen Suppenküche vermeiden wollte, hielt er sich - obwohl das für eine Suppenküche nicht notwendig gewesen wäre - streng an die für das Gaststättengewerbe gültigen Vorschriften und ließ sich ein Gesundheitsattest vom zuständigen Gesundheitsamt sowie einen Gewerbeschein ausstellen. Er machte sogar einen dreimonatigen Kochlehrgang, um ein entsprechendes Zertifikat zu erhalten. Auf ein recyceltes Schild schrieb er den Namen des Restaurants in unauffälligem Blassgelb und nahm so Rücksicht auf das Selbstwertgefühl seiner Gäste. Als er die Suppenküche auf dem engen Raum von gerade mal 9,9m2 aufmachte, hatte er angesichts seines beschränkten Budgets von 3 Mio. Won (rund 2.100 Euro) ursprünglich geplant, ein einfachste Nudeln-in-Brühe-Gericht anzubieten. Doch als er hörte, dass man nach einer Schüssel Nudeln in Brühe schnell wieder Hunger bekommt, entschied er sich für Reis und Beilagen. Bei dem Namen „Mindeulle-Nudelrestaurant“ blieb er jedoch. Er soll ihn stets daran erinnern, die Suppenküche solange weiterzuführen, bis die Gäste so gut genährt sind, dass sie wieder Lust auf Nudeln bekommen

Vier Prinzipien Bei der Eröffnung des Restaurants gelobte Seo Yeong-nam vier Dinge: keine Unterstützung von der Regierung annehmen; keine Spendenaktionen auf den Weg bringen; keine Gelder von wohlwollend-herablassenden Reichen annehmen; keine UnterstützerOrganisation gründen. Bei staatlicher Unterstützung hätte er sich nach der unrealistischen Regelung richten müssen, nur eine MahlKorean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


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zeit pro Tag und Person anzubieten und die Reisration auf 155g zu beschränken. Seiner Meinung nach zeugen solche Beschränkungen von Herzlosigkeit. Deshalb denkt er auch nicht daran Regeln zu befolgen, die es hungrigen Menschen unmöglich machen, sich satt zu essen. Stattdessen betreibt er sein Restaurant mit Hilfe von Kleinspenden, die ihn aus jedem Winkel des Landes erreichen, und mit der Unterstützung freiwilliger Helfer. Er vertritt die Auffassung, dass weder offizielle Unterstützer-Organisationen noch das Geld von Reichen zu dem guten Zweck, den er verfolgt, passen würden. „Viele denken, dass Obdachlose faul sind und deshalb dauernd um die Suppenküchen herumlungern. Wenn aber die Essensmarken für 17.00 Uhr ab 12 Uhr ausgeteilt werden, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in der Nähe zu bleiben und sich anzustellen. Wie sollen sie da noch etwas anderes machen können?” Am meisten liegt Herrn Seo das Selbstwertgefühl seiner Gäste am Herzen. Von ihm würde man nie Sprüche mit religiösen oder moralischen Prediger-Untertönen hören wie „Man muss fleißig sein Leben leben“. Einmal erschien ein betrunkener junger Mann. Seo zeigte jedoch keinerlei Unmut darüber, sondern begrüßte ihn nur noch freundlicher. Wer will, bekommt auch schon mal eine Zigarette nach dem Essen. Unter den „VIPs“, die zu Seo kommen, sind alle Altersklassen vertreten, von Teenagern bis Senioren in ihren 80ern oder 90ern. War die Suppenküche früher schon mit sechs Gästen voll, so bietet sie heute Raum für 24 Gäste. Ermöglicht wurde dies durch die Anmietung des Nachbarhauses. Und auch die Zahl der Spender und freiwilligen Helfer ist stark gestiegen. Darunter gibt zwar auch welche, die finanzielle Unterstützung leisten, doch die meisten spenK o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

1. Namenszug an der Wand des Mindeulle-Nudelrestaurants 2. Seo Yeong-nam (Mitte), der Betreiber der Suppenküche, und freiwillige Helfer bei der Ausgabe von Essen für ihre „Gäste“.

den Naturalien. Auch die Menschen aus der Nachbarschaft leisten unablässig Hilfe, indem sie Reis, Chinakohl-Kimchi, KkagdugiRettich-Kimchi, Zucchini, Gurken, Fleisch, gesalzene Makrelen u.ä. vorbeibringen. Und der Vermieter des Hauses spendet ein Drittel der Monatsmiete. „Wenn ich auf den Markt gehe, steckt mir manchmal eine alte Straßenhändlerin einige Schachteln Sojabohnensprossen zu. Ein andermal gibt mir ein Obdachloser das Geld, das er sich mit Altpapiersammeln verdient hat. Oder Firmenangestellte und Gewerbetreibende nehmen sich einen Tag frei und helfen. Auf diese Weise läuft die Suppenküche.“ Auch während des Interviews schaut eine 78-jährige alte Frau vorbei und übergibt Seo eine Plastiktüte mit Krebsen und Muscheln, die sie eigenhändig auf der benachbarten Insel Deogjeok-do gesammelt hat. Mittlerweile sind es 20 Personen, die freiwillig regelmäßig helfen, und wenn es mal zu wenige Helfer gibt, springen die Gäste ein, die bereits mit dem Essen fertig sind. Es gab auch Zeiten, in denen Reis übrig war, so dass 1.000 20-kg-Säcke an die notleidenden Bewohner des Viertels verteilt werden konnten. Seo Yeong-nams größte Stützen sind seine Frau, die auf den katholischen Taufnamen Veronika hört, und seine Tochter Monika, die ein Urlaubssemester an der Graduiertenschule genommen hat. Seine Frau, die einen Kleiderladen in der Untergrund-Einkaufspassage von Dong-Incheon betreibt, überlässt ihre ganzen Einnahmen dem Mindeulle-Restaurant.

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Einrichtungen für Kinder Das Mindeulle-Nudelrestaurant sorgt nicht nur für das leibliche Wohl. Für diejenigen Obdachlosen, die fest entschlossen sind, wieder auf eigenen Füßen stehen zu wollen, wird Unterkunft geboten und sogar alltägliche Bedarfsgegenstände und Kleidung bereitgestellt. Alleine, aber doch zusammen, leben mehr als zwanzig solcher Personen in loser Gemeinschaft in Mietunterkünften. In der Umgebung der Suppenküche gibt es sechs, sieben solcher Mindeulle-Häuser. Vor kurzem sind einige, die den Sprung in die Eigenständigkeit geschafft haben, ausgezogen. Dank gestiegener Spenden konnten vor vier Jahren nur rund 150m vom Mindeulle-Nudelrestaurant entfernt die „Mindeulle-Traumküche für Kinder“, der „Mindeulle-Traumlernraum“ sowie die „Mindeulle-Chaekdeulle-Bücherei“ eröffnet werden. Wie die Namen schon verraten, sind diese Räumlichkeiten Kindern vorbehalten. Kinder aus dem Viertel, die aus finanziellen Gründen nach Schulschluss kein privates Nachhilfe-Institut besuchen können oder für die keine Betreuung nach der Schule zur Verfügung steht, können hier jederzeit vorbeikommen, lesen, lernen oder Hausaufgaben machen. Auch Imbisse und Abendessen werden angeboten. Im Erdgeschoss befindet sich die rund 36m2 große Traumküche und im zweiten Stock der etwa gleich große Traumlernraum. Seo Yeong-nam erklärt: „Für die Kinder wäre es wohl kaum angenehm gewesen, zusammen mit den Erwachsenen im MindeulleNudelrestaurant zu essen, deshalb habe ich die Kinder-Traumküche eingerichtet. Fürs Erdgeschoss muss ich zwar Miete zahlen, aber den zweiten Stock konnte ich umsonst bekommen. Ein Bekannter aus dem Baugewerbe hat den Speiseraum kostenlos renoviert. Auch die Tische wurden gespendet. Und eine Gruppe freiwilliger Helfer hat die Feuerversicherung übernommen.“ Im Durchschnitt besuchen über hundert Schüler pro Tag die Kinder-Traumküche und den Lernraum. Es sind überwiegend Grundschüler des Viertels, die aus finanzschwachen Familien kommen, und die nach Schulschluss nicht wissen, wo sie essen oder lernen sollen. Die Traumküche ist von 13.00 bis 18.00 Uhr geöffnet und kann jederzeit in Anspruch genommen werden. Natürlich kostenlos. Damit die Kinder sich nicht zu schämen brauchen, weil sie hier

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essen, hat Seo Faltwände vor die Fenster gestellt, die vor neugierigen Blicken schützen. Im Lernraum im zweiten Stock sind die Bücherregale vollgestellt mit Hunderten von Biografien oder Kinderbüchern, die Sponsoren oder Verlage gespendet haben. Hauptverantwortliche für diesen Raum ist die Tochter Monika.

Hoffnung geben Durch seinen ständigen Kontakt mit Obdachlosen kam Seo Yeongnam der Gedanke, das das, was diese Menschen wirklich brauchen, ein Umfeld ist, dass ihrem Leben Zweck und Sinn gibt. „Ihnen Hoffnung zu geben ist das Allerwichtigste.“ Deshalb hat er vor zwei Jahren im benachbarten Viertel Inhyeon-dong einen Kulturraum für Obdachlose, das MindeulleHoffnungscenter, gegründet. Den Bau des Zentrums hat die Katholische Diözese Incheon mit 320 Mio. Won (rund 228.000 Euro) unterstützt. Hinzu kamen viele andere helfende Hände, darunter auch der Architekt Lee Il-hoon, ein langjähriger Freund von Seo, der die Renovierungsarbeiten übernahm. Im Erdgeschoss befindet sich ein Raum, wo sich Besucher die Füße mit warmem Wasser waschen können, dazu ein InfoRaum mit modernsten Computern, eine Bibliothek und ein Filmvorführraum. Im ersten Stock gibt es einen Raum zum Wäschewaschen, einen Duschraum, einen Schlafraum und einen Freizeitraum. Für die Obdachlosen liegt nach dem Duschen bequeme Kleidung bereit, die sie tragen können, während sie auf ihre 1 Wäsche im Trockner warten. In der Zeit können sie auch einen Mittagsschlaf halten oder sich beim Fernsehen ausruhen. Um diese Einrichtung benutzen zu können, brauchen sie lediglich eine Mitgliedskarte mit grundlegenden Angaben zur Person auszufüllen. Jeder Obdachlose, der ein Buch liest und seine Eindrücke in einer kleinen schriftlichen Rezension festhält, wird mit 3.000 Won (rund 2,1 Euro) und einem Paar Strümpfe belohnt. Diese kleine Summe ist für sie von großem Wert. Eine weitere Einrichtung ist die Mindeulle-Praxis, die seit 2010 von sechs Ärzten des Inha-Universitätskrankenhauses aus eigenen privaten Mitteln als Projekt der freiwilligen Sozialhilfe finanziert wird. Pro Tag wird die Praxis von über hundert chronisch Kranken aufgesucht. Im nahe gelegenen Mindeulle-Laden werden zudem Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


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Kleidung, Schuhe, Taschen usw. kostenlos an Obdachlose oder Bedürftige aus der Nachbarschaft verteilt. 2011 startete Seo ein Auslandshilfe-Projekt, das Kinder in einem Armenviertel in Payatas, Quezon City, auf den Philippinen mit Kleidung und anderen lebensnotwendigen Dingen unterstützt. Das Mindeulle-Nudelrestaurant hat auch am Wochenende von 10.00 bis17.00 Uhr seine Türen geöffnet, nur Donnerstag und Freitag sind Ruhetage. An diesen Tagen tut Herr Seo das, was er schon als Mönch gemacht hat: Er betätigt sich als Seelsorger für Gefängnisinsassen. Seo sucht Gefängnisse im ganzen Land auf, hört sich

1. Seo Yeong-nam lehnt sich an die Wand des Mindeulle-Nudelresturants. Er hilft seinen „Gästen“, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. 2. Kinder verbringen die Zeit im Mindeulle-Traumlernraum, nachdem sie in der Mindeulle-Traumküche für Kinder zu Abend gegessen haben.

terbewegung in den USA, in den 1930er Jahren für die Opfer der Großen Depression in New York einrichtete, als Vorbild für das Mindeulle-Nudelrestaurant diente. Die von Jim Forest verfasste Biographie All Is Grace: A Biography of Dorothy Day (2011) hatte entscheidenden Einfluss auf das Leben von Herrn Seo. In schwierigen Zeiten findet Seo Yeong„Viele denken, dass Obdachlose faul sind und deshalb dauernd um die nam immer Kraft in dem Gedicht Liebe von Kim Nam-ju, das an der Wand Suppenküchen herumlungern. Wenn aber die Essensmarken für 17.00 hängt: „Nur die Liebe / weiß den Winter zu besiegen / und auf den Frühling zu Uhr ab 12 Uhr ausgeteilt werden, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als warten. / Nur die Liebe / weiß unfruchtbaren Boden umzugraben, / die eigenen in der Nähe zu bleiben und sich anzustellen. Wie sollen sie da noch Knochen zu zermahlen und die Asche zu verstreuen. / Sie weiß, für tausend Jahre etwas anderes machen können?” /auf dem Frühlingshügel / einen Baum zu pflanzen. / Und auf dem abgeernteten Feld / weiß nur die Liebe, die Nöte der Langzeitinsassen und der zum Tode Verurteilten an und gibt ihnen manchmal auch Taschengeld. Auch seine Frau und / die Liebe der Menschen, / einen Apfel in zwei Hälften zu spalten / Tochter helfen mit, indem sie mit den Insassen Briefe austauschen. und zu teilen.“ Als Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz für die HunDas Mindeulle-Nudelrestaurant, bei dem Liebe wie eine Blume gernden und Benachteiligten wurde Seo 2011 von der koreanierblüht, nein, bei dem Liebe wie die Sporen einer Pusteblume im schen Regierung der Seongyu-Zivil-Verdienstorden verliehen. Wind verteilt wird, mag einen an den folgenden Vers der Bibel erinEs heißt, dass das heute noch betriebene House of hospitality, das nern: „Wär' auch dein erstes Glück gering gewesen, / gewaltig groß Dorothy Day (1897-1980), die Begründerin der Katholischen Arbeistellt er es wieder her.“ (Ijob 8:7) K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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Korean Genealogical Records Von Chung Seung-mo, übersetzt von Lee Kyong-hee, Seoul: Ehwa Womans University Press (2012), 160 Seiten, 15.000 Won

Korean Genealogical Records , verfasst von einem renommierten Wissenschaftler der koreanischen Volksgeschichte, beschäftigt sich mit dem Stammbuch Jokbo, das während der Joseon-Zeit (1392-1910) eins der wichtigsten Instrumente zur Schaffung einer rigiden patrilinearen Klassengesellschaft war. Diese genealogischen Aufzeichnungen sind die besten Quellen, um nachzuvollziehen, wie das konfuzianisch geprägte Herrschaftssystem der Zeit die Unterdrückung der Frau förderte und Probleme in Bezug auf Adoption und soziale Schichtung innerhalb der Clans schuf. Die Übersetzung des koreanischen Originals Hangukui jokbo ist nicht immer einfach zu lesen: Zu viele Texte werden nur mit Titel erwähnt und viele Autorennamen nur beiläufig erwähnt, was für den ausländischen Leser wenig Sinn macht. Abgesehen von den Namen und den sich wiederholenden Beschreibungen erhält der Leser aber viele Informationen über den Aufbau eines Jokbo und die soziale Funktion dieser Genealogie. Das Buch konzentriert sich auf Aufzeichnungen, die nach dem 15. Jhdt. geschrieben wurden. Frühere Aufzeichnungen werden nur kurz gestreift, da nur wenige Quellen aus der Zeit vor dem 15. Jhdt. erhalten sind. Daher fehlt es an Informationen darüber, wie es dazu kam, dass sich eine Gesellschaft, die Söhne und Töchter ursprünglich gleich behandelte, zu einer Gesellschaft entwickelte, in der in den folgenden fünf Jahrhunderten mehr und mehr der Mann dominierte. In den insgesamt vier Kapiteln des Buches werden die gesellschaftliche Bedeutung und die Funktion des Jokbo behandelt: Beschrieben wird die historische Entwicklung, wie die chinesische Form der Clan-Genealogien allmählich übernommen wurde, und die Geschichte des Aufzeichnungsprozesse, d.h. wer die Jokbo wie und warum verfasste. Es wird auch erklärt, warum so viele gefälschte Jokbo existierten und was für eine Rolle sie in der Gesellschaft Joseons spielten. Zudem erfährt der Leser, wie ein Jokbo zu lesen ist und wie seine Bedeutung analysiert werden kann. Fotos und Illustrationen verschiedener Jokbo-Formen erleichtern das Textverständnis. Bedauerlicherweise lassen Übersetzung und Lektorierung zu wünschen übrig. Spezielle alte sino-koreanische Termini wie Titel oder Ränge bedürfen näherer Erklärungen und Interpretation, und die Begriffe sind nicht einheitlich übersetzt. Auch dürfte sich mancher Leser darüber wundern, warum ein Familienregister, das bis zum 16. Ur-Ur-Großvater väterlicherseits und mütterlicherseits zurückreicht, als „Diagramm der acht Ur-Ur-Großväter“ bezeichnet wird. Auch der Index weist Schwächen auf und lässt wissenschaftliche Prinzipien vermissen. Abgesehen von solchen Unzulänglichkeiten handelt es sich aber um eine längst überfällige englischspachige Vorstellung eines wichtigen Aspekts der koreanischen Sozialgeschichte, der bis heute immer noch bis zu einem gewissen Grad die gesellschaftlichen Beziehungen und das Bewusstsein der Koreaner beeinflusst. Werner Sasse Koreanist und Maler

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NEUERSCHEINUNG

Jokbo – Einblicke in die koreanische Gesellschaft

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Gugak-Archiv: Aufbewahrungsort traditioneller koreanischer Musik http://archive.gugak.go.kr/ArchivePortal/ Koreas Geschichte der nationalen Musikinstitute reicht bis ins 7. Jhdt. zurück und dürfte damit eine der längsten der Welt sein. Im Samguk Sagi (Geschichte der Drei Königreiche) wird das Eumseongseo erwähnt, ein im Jahr 651 vom Silla-Königreich gegründetes Institut. Das Gegenstück der Goryeo-Zeit war das Daeakseo und das der Joseon-Zeit das Jangagwon . Diese nationalen Einrichtungen waren für die zahlreichen offiziellen Musik- und Tanzaufführungen am Hof verantwortlich, darunter auch für die großen und kleinen Ahnenrituale. Das Nationale Gugak Center, das als moderne Version dieses Erbe fortführt, setzt sich heute dafür ein, traditionelle Musik, Tanz und Darstellende Künste sowie die in diesen Kunstformen wurzelnden kreativen Werke zu archivieren, konservieren und verwenden, womit die Arbeit, umfassende Einsichten in die koreanischen Musiktraditionen zu gewinnen und deren Neuschaffung anzuregen, weitergeführt wird. Jedes Jahr entstehen mehr als 3.000 Archivarbeiten als Resultate von Aufführungen, Bildungsarbeiten und Forschungen, die in die Sammlung des Gugak Centers aufgenommen werden. Das Archivierungsprojekt wurde 2007 ins Leben gerufen, um alle Aufnahmen und Dokumente zu sammeln, systematisch zu ordnen, zu konservieren, zur Anwendung zu bringen sowie die Urheberrechte zu verwalten. Bislang umfasst das Archiv 180.000 Arbeiten (ca. 30.000 davon digital). Rund 120.000 archivierte Objekte stammen aus privaten Quellen im In- und Ausland. Im Juli 2012 wurde auf Grundlage der Ergebnisse fünfjähriger Arbeit die GugakArchiv-Homepage (www.archive.gugak.go.kr) ins Leben gerufen, die Zugang zu rund 70.000 Materialien bietet, darunter ca. 2.000 Film- und Tondokumente, die frei heruntergealden und abgespielt werden können. Für den Rest muss aus Urheberrechtsgründen das Archiv (telefonisch) kontaktiert werden. Auf der Webseite finden sich auch Raritäten wie die von 1966 bis 1981 gesammelten GugakFilm- und Tonaufnahmen des Anthropologie-Professors Robert Garfias von der University of California, Irvine. Das Gugak-Archiv erachtet es als besonders wichtig, vertrauenswürdige Materialien zusammenzustellen. Dafür plant es, Zusammenarbeit und Austausch mit anderen Instituten auszuweiten und private Sammlungen aufzunehmen. Parallel dazu ist man bemüht, noch mehr Material öffentlich zugänglich zu machen. Dringlichste Aufgabe ist dabei, multilinguale Dienste zur Verfügung zu stellen, um interessierten, Koreanisch-unkundigen Wissenschaftlern und Forschern den Material-Zugang zu erleichtern. Joo Jae-keun Senior Researcher, National Gugak Center

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BLICK AUS DER FERNE

Die vielen Facetten von Seoul Peter Kujath ARD Hörfunk-Korrespondent für Ostasien

E

s ist zwar schon ein paar Jahre her, und ich muss zugeben, dass sich diese Begebenheit seitdem nicht wiederholt hat, aber die spontane Umarmung eines älteren Mannes am Flughafen Gimpo, der nichts weiter sagte als „Herzlich willkommen in Korea“, bleibt für mich prägend, was meine Beziehung zu diesem Land angeht. Es ist eine große Offenheit, die mir entgegenschlägt, wenn ich von Tokio kommend in Seoul lande. Wenn ich mir vor Augen führe, wie real die Bedrohung durch Nordkorea gerade in den vergangenen fünf Jahren geworden ist, erstaunt mich das umso mehr. Mit kleinen Einschränkungen galt diese Offenheit auch für die Zeiten, als in der koreanischen Hauptstadt der G20-Gipfel stattfand oder knapp anderthalb Jahre später der Nukleargipfel mit beinahe 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Die Sicherheitsvorkehrungen und die damit verbundenen Einschränkungen waren zwar außerordentlich, aber die Freundlichkeit der vielen, freiwilligen Helfer und eine gewisse Flexibilität machten die Unannehmlichkeiten wieder wett. Beide Veranstaltungen, die im COEX, dem gigantischen Einkaufs- und Tagungszentrum im Seouler Südviertel, abgehalten wurden, sind Ausdruck des modernen Korea, das sich als Teil der hochindustrialisierten Welt sieht und in vielen Feldern eine Führungsrolle einnehmen möchte und in einigen diese auch schon erreicht hat. War lange Zeit Japan das Vorbild, das es einzuholen galt, sieht man sich mittlerweile eher in Konkurrenz zum aufstrebenden China, der zweitgrößten und in 2030 voraussichtlich größten Wirtschaftsmacht der Welt. Es ist diese Fixierung auf die Nummer 1 in der Staatengemeinschaft wie der südkoreanischen Gesellschaft selbst, die das Land vorantreibt, und zugleich eine Seitwärts-Bewegung bereits als Rückschritt erscheinen lässt. Der Sohn kann nicht einfach das Restaurant seines Vaters übernehmen, sondern muss daraus zumindest eine

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erfolgreiche Restaurant-Kette machen. Sind die Eltern Lehrer, so muss die Tochter Professorin werden. Der Erfolg als Triebfeder ist wichtig, hat aber auch seine Schattenseiten. Das übertriebene Leistungsdenken an Schulen und beim Auswahlverfahren für die begehrten Hochschulen in Seoul fordert regelmäßig seine Opfer. Die Betonung der Moderne, des Neuen ist eng verbunden mit dem wirtschaftlichen Aufstieg, der dem Alten, Traditionellen im Stadtbild von Seoul kaum Überlebenschancen gelassen hat. Die Hochhäuser und ihre glitzernde Welt wie im Stadtteil Gangnam hatten Vorrang. Das vielgerühmte Projekt des damaligen Oberbürgermeisters Lee Myung-bak, der 2005 den Cheonggyecheon-Fluss aus seinem Betongrab befreite und in ein schmales, grünes Band der Erholung verwandelte, war ein erster Schritt, auch andere Faktoren zu berücksichtigen. Wann immer ich während meiner Aufenthalte in Seoul Zeit habe, gehe ich zum Cheonggyecheon und bin froh zu sehen, dass die tiefer gelegte Promenade mit ihrem stellenweise üppigen Grün tatsächlich von den Menschen in Seoul angenommen wird. In den vergangenen Jahren hat sich auch eine Bewegung entwickelt, die sich um den Erhalt der traditionellen HanokHäuser nicht nur in den ausgewiesenen Museumsvierteln kümmert. Robert Fouser, ein Amerikaner, der an der renommierten Seoul Nationaluniversität als Professor tätig ist, zeigte mir bei einem Spaziergang durch den Stadtteil Jong-ro die schon fast vergessenen Schätze. „Die Idee ist, dass Hanok-Häuser einen Teil der Marke Seoul darstellen könnten“, erläuterte mir Prof. Fouser. Mittlerweile geht es auch um die Frage der Identität und der Lebensqualität in der Metropolregion Seoul, die allein fast die Hälfte der südkoreanischen Einwohner beherbergt. In Anlehnung an seinen erfolgreichen Vorgänger versuchte Oberbürgermeister Oh Se-hoon mit seiner Design-Offensive, Seoul einen ande-

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ren Anstrich zu verpassen. Oh Se-hoon ist allerdings schon nicht mehr im Amt. Aber einige seiner Ideen, wie die vielleicht trivial anmutende Verbesserung der Bürgersteige, hätten durchaus ihre Berechtigung, auch jetzt noch umgesetzt zu werden. Vielleicht würde das die Autofahrer davon abhalten, den Fußgängerweg als Abkürzung oder Parkplatz zu missbrauchen. Kehren wir zurück nach Jong-ro. Mittlerweile gibt es eine kleine, finanzkräftige Mittelschicht in Seoul vor allem aus den kreativen Berufen, die wieder in einem traditionellen, koreanischen Haus leben möchte. Dazu gehören auch einige Ausländer wie Robert Fouser. Er hat mit gleichgesinnten Koreanern eine Nachbarschaftsvereinigung gegründet, die sich dafür einsetzt, den ursprünglichen Charakter der jeweiligen Gegend aufrechtzuerhalten. Das Beispiel, das ich mir anschauen konnte, wurde gerade renoviert. Das einstöckige Hanok wirkt mit seinen abgeschlossenen Außenmauern wie eine kleine Festung. Die Zimmer liegen L-förmig angeordnet um den winzigen Innenhof. Das Haus selbst ist eine Holzkonstruktion. „Das schwierigste ist, genügend Platz zu schaffen“, erläuterte mir ein Handwerker. „Denn traditionell haben sich die Toilette und das Bad außerhalb befunden. Die Küche war zudem nur zum Hof hin offen und etwas niedriger gesetzt“, führte er seine Erklärungen fort. Wenn ich das Geld hätte – eine solch fachgerechte Sanierung ist teuer – könnte ich mir gut vorstellen, in einem Hanok zu wohnen. Sie wirken wie kleine Oasen im geschäftigen Leben der Großstadt. In Bezug auf die alten, traditionellen Gebäude hat sich bei der Stadtverwaltung mittlerweile eine gewisse Sensibilität eingestellt. Schwieriger verhält es sich mit Bauten aus der Zeit der japanischen Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945. Auch diese Häuser haben durchaus historischen Wert und einen eigenen Charme, aber ihre Existenz erinnert nun ein-

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mal an die Epoche der Unterdrückung. Es gibt daher nur vereinzelt Leute, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Begeben wir uns wieder über den Han-Fluss auf die südliche Seite von Seoul – dorthin, wo auch das COEX steht und viele andere Attraktionen des Stadtteils Gangnam. Der südkoreanische Rapper Psy hat den Namen dieser Gegend – YouTube sei Dank – in der Welt bekannt gemacht. Angesichts des Erfolgs – sein Video ist das am häufigsten angeklickte auf der Internet-Plattform – ist Psy auch offiziell zu Ehren gekommen. Dabei wird gerne unterschlagen, dass er für sein erstes Album 2001 eine Geldstrafe zu zahlen hatte wegen „unangemessenen Inhalts“ und der Verkauf des 2. Albums an Minderjährige verboten wurde. Aber das gehört angesichts seines aktuellen Erfolgs der Vergangenheit an. In Gangnam links und rechts von der U-Bahn Station Seolleung stehen Mediensäulen, die 2009 eingeweiht, noch nichts von ihrem Charme verloren haben. Die Informationen in verschiedenen Sprachen zeigen, dass Seoul zu einem internationalen Reiseziel geworden ist. Wann immer möglich, nutze ich die Gelegenheit, meiner Frau einen Gruß direkt von einer dieser Mediensäulen nach Tokio zu schicken. Das glitzernde Leben entlang dieser Straße ist ebenso faszinierend wie die Ruhe, die von einem Hanok oder den traditionellen Tempeln ausgeht. Und beides gehört für mich zur südkoreanischen Hauptstadt. Auch wenn ich in den fünf Jahren meiner Zeit als ARD-Korrespondent für Ostasien oft in Seoul war, bleiben noch immer viele weiße Flecken auf meinem gedanklichen Stadtplan. Da ich gerne jogge, möchte ich einmal an dem Dong-A-Marathon in Seoul teilnehmen. Denn 42 Kilometer durch die Stadt zu rennen ist Sightseeing der ganz eigenen Art. Und die wahrscheinlichen Anfeuerungsrufe der Seouler motivieren mich schon jetzt, auch wenn ich sicher nicht den 1. Platz anstrebe.

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ENTERTAINMENT

Ein Flashmob von Tausenden begeisterter Fans von Psy und Gangnam Style auf dem Place du Trocadero vor dem Eiffelturm in Paris am 16. November 2012.

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ch kann es immer noch nicht fassen, dass ich jetzt, 12 Jahre nach meinem Debüt als Rapper, das große Los gezogen habe. Wie einige Netizens so treffend formulierten, wurde ich quasi einfach auf den ausländischen Markt katapultiert, ohne diesen Markt jemals ernsthaft ins Visier genommen zu haben. Und weil ich das nicht hatte, kam ich auch noch nicht dazu, diesen Erfolg zu analysieren.“ Das sagte Psy auf einer Pressekonferenz Ende September, als er sich ungeachtet der Aufrufe von koreanischen Hardcore-Netizens, „so lange in den USA zu bleiben, bis er die Spitze der Billboard Charts erklommen habe“, kurz in Korea aufhielt, um Terminverpflichtungen, darunter auch die Teilnahme an Universitätsfestivals, wahrzunehmen. In einem Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen, erklärte er: „Wenn wir ein ausgefallenes Video aus dem Ausland sehen, zeigen wir es ja auch herum. Diesen Nerv scheine ich getroffen zu haben. Es hat alles damit angefangen, dass mein Musikvideo witzig ist. Eigentlich bin ich ja Musiker, weshalb die Tatsache, dass mein Erfolg auf Witzigsein basiert, schon wieder ein Witz ist. Aber das ist auch wieder verständlich. Denn alle Menschen auf der Welt mögen doch etwas, was zum Lachen bringt.“

Ein Sänger-Songwriter mit vielen Hits Psy gehört in Korea zu den etablierten Sängern, dessen Name den meisten Koreanern geläufig ist. Angefangen mit Bird , einem Song, der 2001 für einige Sensation gesorgt hatte, zählen zu seinen weiteren Hits Champion, Entertainer, We Are the One oder Right Now. Gangnam Style stammt aus seinem bislang sechsten Album. Einst hatte er zwar für Negativschlagzeilen gesorgt, weil er Marihuana geraucht hatte, und statt des obligatorischen rund zweijährigen Militärdienstes einen Ersatzdienst in der Verteidigungsindustrie leistete, was zu Vorwürfen, sich diese Begünstigung erschlichen zu haben, führte. Aber dank seines unverwechselbaren, individuellen Musikstils konnte Psy alle Rückschläge überwinden. Auch als Texteschreiber und Komponist machte er sich einen Namen, so z.B. durch Hits wie Aesongi (Milchbart) von der Sängerin Lexi, Because You're My Girl von Lee Seung-gi oder Na ireon saramiya (Ich bin so einer) von DJ DOC. Psys Spezialgebiet ist Tanzmusik. Die mitreißenden Rhythmen seiner Stücke bringen

„B-Klasse“ bringt die Welt zum Tanzen

Psys Gangnam Style

Am 24. November 2012, viereinhalb Monate nach seiner Veröffentlichung in Korea, wurde Gangam Style , das Musikvideo des koreanischen Rappers Psy, mit über 820 Millionen Aufrufen auf YouTube zum meistgesehendsten Video aller Zeiten. Gangnam

Style ist zu einer weltweiten Sensation geworden und machte seinem Schöpfer Psy über Nacht weltweit berühmt. Psy sagt, er hat den großen Durchbruch durch seinen unverwechselbaren Stil erreicht und ohne jegliche Ambitionen, auf der Weltbühne Anerkennung zu finden. Wer ist er, dieser Rapper Psy? Und welche Botschaft will er mit Gangnam Style vermitteln? Lim Jin-mo Popmusik-Kritiker, Professor für Kultur-Kommunikation, Kyung Hee Cyber University

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die Leute unweigerlich zum Tanzen. Dabei sind seine Texte stets unkonventionell und humorvoll. Auf der Bühne lässt er jedes Tröpfchen seiner schier unendlichen Energie in den Tanz fließen. Seine Leidenschaft und totale Hingabe springt auf die Zuschauer über, was auch der Grund dafür sein dürfte, dass Psy mit einer Reihe von Preisen im Bereich Performance ausgezeichnet wurde. Auch im Musikvideo Gangnam Style kann man sich von seiner überschäumenden Energie und Leidenschaft, mit der er das Publikum infiziert, überzeugen. Doch vor allen Dingen ist Gangnam Style ein musikalischer Erfolg und ein Triumph von Psys kreativer Musikalität. Die elektronische Musik mit ihren sich ständig wiederholenden Rhythmen versetzt einen nahezu in Trance und macht süchtig nach mehr. Zu dieser ekstatischen Atmosphäre gesellt sich ein treffend pointierter Humor, eine gelungene Mischung also, die die Menschen in aller Welt in ihren Bann zieht. Mit Textzeilen wie „Eine Frau, die die Haare löst, wenn sie spürt, dass der Punkt gekommen ist “ oder „Ein Kerl, dessen Gesinnung härter ist als seine Muskeln“ wird auf erfrischende Weise eine Jugend beschrieben, die ein freies Leben führt, sich aber durchaus auch ihre Gedanken macht. Beachtenswert ist auch, dass der Titel Gangnam Style den Fans die Möglichkeit bietet, ihren eigenen Style zu kreieren. Dieses Meisterstück des Branding erlaubt unendliche Variationen, so dass es bereits London Style, New York Style, Pervert Style, Police Style oder auch Augschburg Style gibt.

Mehr als Pferdetanz Psy ist anders als die jungen Stars, die bisher für das globale Phänomen K-Pop gesorgt haben. Der Pferdetanz des 36-Jährigen, der alles andere als elegant ist, unterscheidet sich vollkommen von den perfekt choreographierten und in ihren Bewegungen synchronisierten sexy Tänzen der ausnahmslos attraktiven Mitglieder von K-Pop-Gruppen. Der Tanz ist das genaue Gegenteil von Glanz und Glamour, nämlich lustig und abgedreht. Psy meint dazu: „Ich habe ausländische Journalisten mal danach gefragt, warum mein Song von Tag zu Tag beliebter wird. Sie meinten, ich verströme den Charme von Austin Powers, der Figur aus dem gleichnamigen B-Comedy-Film. Um ehrlich zu sein, mag ich diese Kategorie. Ich scheine ein geborener B-Klässler zu sein.“ K-Pop-Künstler haben bisher durchaus gezielt an der Tür des amerikanischen Marktes angeklopft und auch gewisse Erfolge erzielt. Diese Erfolge lagen jedoch eher am Marketing und ihrem unermüdlichen Einsatz zur Steigerung der Popularität. Aber wie die Formulierung der Netizens „Psy wurde einfach auf den ausländischen Markt katapultiert“ zum Ausdruck bringt, ist sein Erfolg weniger dem Einsatz seiner Management-Agentur oder dem des Künstlers selbst zu verdanken, sondern vielmehr dem amerikanischen Markt, der von sich aus auf Psy aufmerksam wurde. Entscheidend war der Moment, als der amerikanische Fernsehsender CNN Gangnam Style als „Must See“-Video empfahl. So war K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

es letztendlich eine Kombination aus Psys Musikalität und dieses Urteils aus den USA, die zur Sensation führte. Die Begeisterung erinnert an den Hit Macarena von 1996 des bereits etwas in die Jahre gekommenen Duos Los del Rio , das damals die Welt zum Tanzen brachte. Beiden Hits ist übrigens gemein, dass es sich um Tanzmusik handelt. Damit wurde erneut die Kraft dieser Musikrichtung, die die Massen bewegt und die Menschen in Begeisterung versetzt, unter Beweis gestellt.

Die feine Gesellschaft auf den Arm nehmen Gangnam Style ist mittlerweile mehr als nur ein rein musikalisches Phänomen. Es hat sich zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt, das in vielen Teilen des Globalen Dorfes für Aufregung sorgt. Was für eine Botschaft verbirgt sich denn nun in diesem Song? In seinem Musikvideo wirkt Psy mit seiner enthusiatischen Darbietung wie jemand, der zu klein geraten ist, dem etwas zu fehlen scheint, irgendwie wie ein Wrack. Es fehlt ihm an Schick und Eleganz der Gangnam-Leute, die er personifiziert. Nach seiner eigenen Aussage sieht er sich eher als B-Klässler und Nebendarsteller, der so um Rang 20 anzusiedeln wäre. Er ist ein Clown. Doch er schwört darauf, Stil zu besitzen, den Stil des Seouler Stadtviertels Gangnam, des Beverly Hills Koreas. Das Ganze wirkt in seiner Absurdität urkomisch. Es ist gerade dieses Paradoxon, das für Komik sorgt und wie eine Bombe beim breiten Publikum einschlägt. Hätte irgendein gut aussehender Schauspieler wie Jang Dong-gun oder Kang Dong-won Gangnam Style aufgeführt und sich dabei authentisch und elegant gegeben, hätte dies anstatt Sympathie wohl eher Ablehnung hervorgerufen. Da es sich hier aber nicht um A-Klasse, sondern um B-Klasse, nicht um erstklassig, sondern um zweit- oder drittklassig, nicht um Haupdarsteller, sondern um Nebendarsteller, nicht um Oberklasse, sondern um Unterklasse handelt, werden Empathie und Zuneigung ausgelöst. Hierin sehen die Zuschauer eine subtile und zugleich erfrischend kritische Parodie einer Gesellschaft, in der die Privilegierten das Sagen haben, die da oben an der Spitze, dieses eine Prozent der Welt, die Oberklasse, die Coolen. Verschiedene Medien wie die Financial Times haben bereits solche Analysen vorgelegt. Doch es ist wiederum ein interessantes Paradoxon, dass Psy selber aus einer wohlhabenden GangnamFamilie stammt. Da fallen einem die Worte von Charlie Chaplin, des größten Komikers aller Zeiten, ein: „Mir bleibt nur eine, genau eine Existenz, und das ist die des Komikers. Dass ich ein Komiker bin, erhebt mich weit über das Niveau jeden Politikers.“ Nach langem ist mal wieder ein aufregendes, erfreuliches Stück Popmusik gelungen, an dem niemand vorbeikommt. So wie wir uns über die Sprache und Gestik eines Clowns lustig machen und gleichzeitig einen Geschmack von der Erbärmlichkeit des Lebens bekommen, tanzen wir wie wild zu Gangnam Style und empfinden ein wenig das in diesem Song versteckte spöttische Augenzwinkern nach.

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GOURMETFREUDEN

Die koreanische Tofu-Küche Schon seit langem ist Tofu, auf Koreanisch Dubu , ein fester Bestandteil der koreanischen Küche. Jetzt rückt Tofu als gesundes Nahrungsmittel ins Bewusstein der Weltbürger. Ye Jong-suk Professor für Marketing an der Hanyang University, Food-Kolumnist Fotos: Ahn Hong-beom

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„G

ute Beilagen sind Tofu, Gurken, Ingwer sowie Gemüse- und Wurzelgerichte. Ein vornehmes Treffen ist es, wenn ein Ehepaar, seine Kinder und Enkelkinder zusammenkommen“. Diese Passage findet sich im Spätwerk von Kim Jeong-hui (1786-1856; Schriftstellername: Chusa) des berühmtesten Kalligraphen und Epigrafikers der Joseon-Zeit (13921910). Sie weist gut auf den Stellenwert hin, den Tofu in der koreanischen Esskultur einnimmt.

„Käse, der nicht dick macht“ Unter Asiaten gilt Tofu schon seit langem als wichtige Nährstoffquelle. Mit dem seit Ende des 20. Jahrhunderts steigendem Gesundheitsbewusstsein gewinnt jetzt Tofu weit über Asien hinaus an Aufmerksamkeit. So haben in westlichen Industrienationen wie den USA die Besorgnis über die Gesundheitsrisiken, die der übermäßige Konsum von kalorien- und fettreichen tierischen Nahrungsmitteln mit sich bringt, und das da­raus resultierende Bedürfnis nach gesunder Ernährung Tofu ins Rampenlicht des Interesses gerückt. Tofu wird hergestellt, indem man Sojamilch mit einem Gerinnungsmittel versetzt und die so entstandene feste Masse zu Blöcken formt. Damit ähnelt die Herstellungsmethode stark der von Käse, allerdings gilt Tofu als deutlich gesünder. Tofu weist den Vorteil auf, dass die Nährstoffe der Sojabohnen erhalten bleiben, während er sich gleichzeitig besser als die Bohnen verdauen lässt. Man spricht daher von einem gesunden „Käse, der nicht dick macht“, weshalb sich Tofu auch als Diätprodukt wachsender Beliebtheit erfreut. Durch einen CNN-Beitrag wurde gar einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht, dass Hillary Clinton zur Amtszeit ihres Mannes als Präsident der Vereinigten Staaten Tofuspeisen im Weißen Haus servieren ließ, um die gesunde Ernährung ihres Gatten zu unterstützen. Mittlerweile ist Tofu sowohl in den USA als auch in Europa im Supermarkt erhältlich und auch immer mehr Restaurants führen Tofugerichte auf ihren Speisekarten.

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1. Weicher Tofu, „Sundubu“ genannt, kann als Appetizer oder Imbiss gegessen werden. 2. Tofu aus der Packung, in mundgerechte Stücke geschnitten und mit Chilistreifen garniert

Geschichte des Tofu Historische Aufzeichnungen wie das chinesischen Medizinbuch Boncho Gangmok (Chinesisch: Bencao Gangmu; Handbuch der Materia Medica) oder koreanische Enzyklopädien wie Myeongmul Giryak und Jaemulbo verweisen allesamt darauf, dass Tofu vor 2000 Jahren erstmals von Liu An (179-122 v. Chr.), dem König von Huai-nan, hergestellt wurde. Natürlich gibt es auch andere Theorien. So behauptet z.B. der japanische Esskulturforscher Shinoda Osamu (1899-1970) unter Bezugnahme auf den Beitrag Dubugo (Über Tofu) aus der von der chinesischen Schriftstellerin Lin Haiyin (1918-2001) veröffentlichten Essaysammlung Chinas Tofu , dass Tofu in zahlreichen Werken der Sui-Dynastie (581-618) und der Tang-Dynastie (618-907) überhaupt nicht erwähnt werde. Erst zu Beginn der Song-Dynastie (960-1279) sei in dem Werk Cheongirok (Chinesisch: Qingyilu ; Untersuchung diverser Kuriositäten) des Gelehrten Tao Gu (903-970) ein Tofu-Beleg zu finden. Im Gegensatz dazu werden in dem ethymologischen Werk Aeongakbi (Falscher Gebrauch von Standard-Vokabular) von Jeong Yak-yong (1762-1836) alte chinesische Schriften zitiert, aus denen hervorgeht, dass Tofu sogar schon vor der Herrschaft von Liu An gegessen wurde. Die in der chinesischen Provinz Anhui gelegene Stadt Huai-nan feiert alljährlich am 15. September im großen Stil das Tofu-Kulturfestival, um der historischen Errungenschaft Liu Ans zu gedenken. In Korea wird Tofu erstmals Ende der Goryeo-Zeit (918-1392) erwähnt, und zwar in der Gedichtsammlung Mogeunjip (Gesammelte Werke von Mogeun) von Yi Saek (1328-1396): „Gemüsesuppe täglich gegessen, verliert an Geschmack. / Tofu regt den Appetit wieder an. / Er ist ideal für die Zahnlosen. / Es gibt nichts Besseres für die Stärkung eines alten Körpers“. In Korea wurden Tofu-Gerichte hauptächlich in den buddhistischen Tempeln des Landes entwickelt, wo Tofu nach dem entsprechenden chinesischen Schriftzeichen als „Po“ bekannt war. Schon seit alter Zeit sind Joposa , wörtlich „Tempel für die Tofu-Herstellung“, in der Nähe von Königsgräbern zu finden, da diese K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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Tempel für die Zubereitung von Ritualspeisen zuständig waren. Bestätigt wird dies z.B. von einer Passage aus Jeong Yak-jongs Gyeongse Yupyo (Entwurf für gutes Regieren): „Nur für die Tempel, die die Festungen in den Namhan- und Bukhan-Bergen schützen, und die Tempel, die Tofu für die Königsgräber herstellen, ist eine Steuerbefreiung angemessen, nicht aber für die übrigen Tempel.” Deshalb wurden die schon seit alter Zeit berühmten Tofu-Sorten nach Tempeln benannt, so z.B. der BongseonsaTofu oder der Yeondosa-Tofu. Das hohe Niveau der koreanischen Tofu-Zubereitungstechniken war wohl sogar in China, der Heimat des Tofu, bekannt. Im Sejong Sillok , den Annalen der Regierungszeit von König Sejong (1397-1450), findet sich folgendes Lob des Ming-Kaisers: „Die Frauen, die Ihr mir vor einiger Zeit gesandt habt, sind flink und geschickt in der Zubereitung der Speisen und wissen alles harmonisch aufeinander abzustimmen und schön anzurichten, wobei sie sich in der Herstellung von Tofu ganz besonders hervortun.“ In Japan scheint Tofu über Korea eingeführt worden zu sein. In dem Buch Joseon Sangsik Mundab (Dialog über das Allgemeinwissen von Joseon) von Choe Nam-son (1890-1975) werden zwei Erklärungsmöglichkeiten dafür gegeben, wie der Tofu nach Japan kam: Nach der einen Erklärung soll ein japanischer General während des Imjinwaeran (1592-1598) (Invasionskrieg des nach alter Zeitrechnung als Imjin bezeichneten Jahres 1592) die Tofu-Herstellung in Korea gelernt und später in seiner Heimat eingeführt haben. Nach der anderen soll der Koreaner Bak Ho-in, der während des Imjinwaeran als Kriegsgefangener nach Japan verschleppt wurde, in der heutigen Präfektur Kochi, der Heimat der modernen Tofu-Produktion in Japan, nach koreanischer Methode Tofu hergestellt haben. Allerdings wird auch behauptet, dass es Tofu bereits zur HeianZeit (794-1192) in Japan gegeben habe.

Dubu-kimchi, Dubu-jeon Für die häufig auf koreanischen Esstischen zu findenden Suppen und Eintopfgerichte ist Tofu eine überaus wichti-

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1. Tofu aus der Packung, in Scheiben geschnitten und gut abgetropft, wird in der Pfanne goldbraun gebraten. 2. Scharfer Meeresfrüchte-Eintopf mit weichem Tofu 3. Tofu-Steak, serviert im Kongdu, einem Fusion Restaurant im Stadtmuseum Seoul. 4. Tofu-Kimchi ist in Lokalen eine beliebte Beilage zu alkoholischen Getränken.


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Dubu-kimchi , ein Gericht, für das dicke, warme Tofuscheiben zusammen mit pfannengerührtem Kimchi und Schweinefleisch serviert werden, ist eine repräsentative Beilage für alkoholische Getränke. Tofu wird auch in Sojasoßen-Marinade geschmort oder in der Pfanne gebraten und mit einer Dippsoße gereicht. ge Zutat. Der weiche Sundubu und sogar selbst die Biji , die bei der Tofu-Herstellung anfallenden Reste, sind hervorragende Zutaten für Eintopfgerichte, d.h. Tofu ist seit jeher einer der Haupt-Proteinliferanten für die Koreaner. Dubu-kimchi , ein Gericht, für das dicke, warme Tofuscheiben zusammen mit pfannengerührtem Kimchi und Schweinefleisch serviert werden, ist eine repräsentative Beilage für alkoholische Getränke. Tofu wird auch in Sojasoßen-Marinade geschmort oder kommt in Hot-Pot-Gerichte. Dubu-buchim ist eine ausgezeichnete und leicht zuzubereitende Beilage zum Reis. Dazu wird eine Packung Tofu, wie sie in jedem Supermarkt zu haben ist, in mundgerechte Scheiben geschnitten, von der überschüssigen Flüssigkeit befreit, in Öl goldbraun gebraten und anschließend mit gewürzter Sojasoße zum Dippen serviert. Für Dubu-jeon , das auch auf die Ahnenverehrungstafel kommt, werden großzügig geschnittene Rechtecken festen Tofus zunächst leicht gesalzen und nach dem Abtropfen und Trockentupfen mit Mehl bestäubt, in geschlagener Eimasse gewendet und in Öl in der Pfanne goldbraun gebraten. Im Restaurant Baengnyeonok („Hundert-Jahre-Haus“) im Seouler Stadtviertel Seocho-dong kann man die ganze Bandbreite der am häufigsten gegessenen Tofu-Gerichte probieren, wie z.B. Eintopf mit weichem, weißen Sundubu (wörtlich: reiner Tofu), der zusammen mit einer Würzsoße gegessen wird, scharfen, roten Sundubu-Eintopf bis hin zu Dubu-Jeongol (Tofu-Hot-Pot). Im Fusion-Restaurant Kongdu, das sich im Erdgeschoss des Stadtmuseums Seoul (Seoul Museum of History) in Jong-ro befindet, kann man Tofu-Gerichte im neuen Gewand westlichen Stils kennen lernen. K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

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LIFESTYLE

„Büchern lauschen“ – Festivals des Lesens

Das Paju Booksori Festival 2012 ist eine von der Buch- und Verlagsstadt Paju organisierte Veranstaltung zur Aktivierung der Kommunikation mit den Lesern. Daneben finden im Herbst landesweit verschiedene Buchfestivals wie das Seoul WoW Book Festival vor der Hongik Universität in Seoul statt. Lee Kwang-pyo Journalist, Leiter der Abteilung für Managementstrategie, Channel A | Fotos: Ahn Hong-beom

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as zur Stadt Paju in der Provinz Gyeonggi-do gehörige Munbal-dong im Norden Seouls ist innerhalb einer Fahrstunde am Han-Fluss entlang zu erreichen. Hier findet sich der im Jahre 2007 errichtete Verlagskomplex: Auf einem 875.000 Quadratmeter großen Gelände gibt es etwa 250 Verlage mit 8.000 Beschäftigten, die einen Jahresumsatz von rund 860 Mio. Euro erwirtschaften. Bis 2014 soll sich die Fläche des Komplexes auf 1,56 Mio. Quadratmeter erweitern und weitere 300 Verlage sollen hier einziehen. Der Charme der Buchstadt Paju liegt in der einzigartig ruhigen und entspannten Atmosphäre, die das Cluster der Wissen und Bildung vermittelnden Verlage ausströmt. Dieser Reiz wird erhöht durch die architektonisch distinktiven Verlagsgebäude, von denen jedes eine eigene stilvolle Eleganz ausstrahlt. Und mitten in dieser „Stadt“ steht ein altes Sarangchae (eigenständiges Gebäude eines traditionellen Hanok-Anwesens das vom Hausherren genutzt wurde), das aus Jeongeup, Provinz Jeollabuk-do, hierher gebracht und restauriert wurde. Dazu schlängelt sich ein Flüsschen durch Schilfrohr und Silberfahnengräser und ein Hotel steht für Tagungen und Übernachtungen bereit.

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„Ein Asien durch Bücher“ Während des Booksori Festivals – „Booksori“ ist eine Zusammensetzung aus „book“ (engl.: Buch), und „Sori“ (korean.: Klang) – wimmelte die Verlagsstadt Paju derart von Menschen, dass Parkplatzmangel herrschte und die Passanten aneinander stießen. Aber dieses Gewusel war gut, bedeutete es doch, dass Menschen und Bücher auf gleichem Raum im Gleichklang atmeten. Paju Booksori , das dieses Jahr zum zweiten Mal veranstaltet wurde, macht sich als größtes Buchfestival in Asien einen Namen. Das Thema des diesjährigen Festivals war „Ein Asien durch Bücher“. Vom 15. bis zum 23. September 2012 wurden in den rund 100 Verlagsgebäuden und auf verschiedenen Freiluft-Bühnen des Paju-Komplexes etwa 130 Programmpunkte wie Ausstellungen, Vorträge, Gespräche mit Autoren, Gedichtlesungen, Konzerte und Bücherverkauf zu ermäßigten Preisen geboten. Das neuntägige Buchfestival zog rund 450.000 Besucher an. Während des Festivals wurde das Welt-Buchdorf-Symposium (World Booktown Symposium) veranstaltet, um engere Beziehungen unter den Buchdörfern der Welt zu schaffen. Highlights waren Vorträge von J. M. G. Le Clézio (geb. 1940), dem französischen Nobelpreisträger für Literatur 2008, und dem japanischen Schriftsteller Sato Kenichi (geb. 1968), der für seine historischen Romane bekannt ist. Das Festival gedachte auch des 250. Geburtstags von Jeong Yakyong (1762-1836), eines der repräsentativsten Joseon-Gelehrten der im 18. Jahrhundert aufgekommenen Pragmatischen Lehre (Silhak), der unter dem Schriftstellernamen „Dasan“ bekannt ist. In diesem Kontext fanden verschiedene Vorträge und Seminare statt wie z.B. der Gedenkvortrag zum Dasan-Tag (Commemora-

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tive lecture, 'A day of Dasan') , der Jeongs Leben und Philosophie neu beleuchtete und Anlass bot, sich tiefer mit diesem Gelehrten ausein­anderzusetzen. Die Ausstellung Hangeul-Nadeuri (Hangeul-Ausflug) 569 , die anlässlich des 569. Jahrestags der Entwicklung des koreanischen Alphabets Hangeul (im Jahr 1443 erschaffen) einen Einblick in die Bedeutung der koreanischen Schrift vermittelte, wurde vor allem von Familien besucht. Das originäre und auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhende Alphabet Hangeul ist das einzige der zahlreichen Alphabete der Welt, dessen Schöpfer (König Sejong der Große) bekannt ist. Nicht nur in den in Hangeul verfassten Briefen und genealogischen Aufzeichnungen, sondern auch an materiellen Artefakten wie mit Hangeul-Zeichen versehenen Alltagsgegenständen – Stoffsocken, Amuletten, Puderdosen und Tabakpfeifen – waren die Spuren von Hangeul, das mehr als 500 Jahre lang das Leben des koreanischen Volks begleitete, zu erkennen. Auch die Veranstaltung Kim Sowol Literatur-Tag (A day of So-Wol) zog große Aufmerksamkeit auf sich. Kim Sowol (1902–1934) gehört zu den beliebtesten Lyrikern in Korea. In dieser Gedenkveranstaltung zu seinem 110. Geburtstag lasen berühmte zeitgenössische Dichter wie Kim Nam-jo und Sin Dal-ja in Verlagshäusern und Buchhandlungen Kim Sowols Gedichte vor und im Rahmen eines Konzerts wurden musikalische Interpretationen seiner Poesie geboten. 1. Ein Kind betrachtet auf dem Festival Paju Booksori 2012 in der Buchstadt Paju eine Großskulptur in Buchform. 2. Ein Geschichtenerzähl-Event beim Seoul WoW Book Festival neben der Hongik Universität. 3. Kinderbuchfiguren werden lebendig auf dem Seoul WoW Book Festival .

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Beim Rezitieren repräsentativer Werke von Kim wie Azaleen und Sanyuhwa (Blumen in den Bergen) stimmte das Publikum mit ein: „Blumen blühen in den Bergen, / Blumen blühen. / Im Herbst, im Frühling, im Sommer / blühen Blumen. // Die in den Bergen, /in den Bergen / blühenden Blumen / blühen jede weit weg für sich allein (…)“ „Willst du gehen, meines Anblicks überdrüssig, / lasse ich sacht dich los, / ohne ein Wort. // Arme voller Azaleen / gepflückt vom Yak-Berg in Yongbyeon / werde ich dir auf den Weg streuen. “

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Die Augen schließend, rezitierte die Angestellte Han Seo-yeong, die mit einem Freund diese Veranstaltung besuchte, diese Zeilen und sagte dann leise, als wollte sie das Echo des Gefühls bewahren: „ Auf diese Weise Sowol zu treffen! Was für ein herrlicher Herbsttag ist das!“ Auch die Werkstatt für den Druck mit beweglichen Lettern kam bei den Besuchern gut an. Weil der Handsatz in den 1980er Jahren

presse, die die einzelnen Buchseiten ausspuckt: Die Besucher wurden unwillkürlich von der Geschichte der beweglichen Lettern und der Erinnerung an Bücher gefesselt. Liebevoll strichen sie über die Seiten einer mit beweglichen Bleilettern gedruckten Gedichtsammlung und ertasteten jede Erhebung und Vertiefung der einzelnen Lettern. Sie sagten einstimmig: „Wenn man mit den Fingern über eine Seite streicht, ist der Abdruck der Lettern auf dem Papier zu spüren. Dieses distinktive Gefühl, das Vom 15. bis zum 23. September 2012 wurden in den rund 100 Verlagsgeman beim Umblättern hat, ist der bäuden und auf verschiedenen Freiluft-Bühnen des Paju-Komplexes etwa einzigartige Reiz von im Handsatz gedruckten Büchern.“ 130 Programmpunkte geboten wie Ausstellungen, Vorträge, Gespräche mit So wurden die Besucher des Booksori Festivals von Büchern, von Autoren, Gedichtlesungen, Konzerte und Bücherverkauf zu ermäßigten Prei- beweglichen Lettern und von der Literatur fasziniert. sen. Das neuntägige Buchfestival zog rund 450.000 Besucher an.

durch computerisierte Setzmethoden verdrängt wurde, waren viele erstaunt, dass es noch einen Ort gibt, an dem jedes Schriftzeichen manuell gesetzt wird. Zwar gibt es noch auf dem Land Werkstätten, in denen z.B. für Visitenkarten Drucksätze mit beweglichen Lettern verwendet werden, aber die Werkstatt in Paju ist die einzige, die noch ganze Bücher mit manuell gefertigten Drucksätzen druckt. Alte Druckgieß- und Buchdruckmaschinen wurden angeschafft und Schriftsetzer angeworben, die in andere Branchen abgewandert waren, weil ihr Können nicht länger gefragt war. 2007 öffnete diese traditionelle Schriftsetzerei dann ihre Tore und bietet seitdem den Besuchern das besondere Erlebnis des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Dicht aneinander gereihte bewegliche Bleilettern, Setzer, die zwischen den Druckplatten hin und her laufen um Schrifttypen auszuwählen, der Geruch des Schmieröls und der Tinte der Drucker-

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Vom Verlagskomplex zum Komplex der Kultur und Kunst Die meisten Menschen, die in die Buchstadt Paju kommen, haben in irgendeiner Form mit der Verlagsindustrie zu tun. Daher war es nur natürlich, dass die Verleger sich der Notwendigkeit bewusst wurden, dieses Viertel für das allgemeine Publikum, also die Bücher-Konsumenten, attraktiv zu gestalten, um die Verlagskultur anzukurbeln. Das heißt, die Buchstadt sollte sich von einem reinen Verlagskomplex in einen Raum verwandeln, den auch die Leser gerne aufsuchen, um Bücher zu genießen. Daher wurde 2011 das Projekt Straße der Buchhandlungen in Angriff genommen, in dessen Rahmen die Erdgeschosse von rund 100 Gebäuden in Buchhandlungen umgewandelt werden. Die Zahl der Räumlichkeiten, wo die Leser zusammenkommen und sich unterhalten oder auch einfach nur Tee trinken können, steigt ebenfalls an. Song Yeong-man vom Verlag Hyohyung Publishing Co., der dieses Projekt leitet, sagt: „Die Erdgeschoss-Buchhandlungen Korean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


1. Das Buch-Café Olive Tree gehört zu den rund 100 „Erdgeschoss-Buchläden, die im Rahmen des Projekts Straße der Buchhandlungen in Paju von den Verlagen im Erdgeschoss ihrer Gebäude eingerichtet werden. 2. Der Straßenbuchladen , ein Event im Rahmen des Seoul WoW Book Festivals , ist besonders bei jungen Leuten beliebt.

verkaufen nicht nur Bücher. Nach Abschluss des Projekts werden diese Buchhandlungen ein breites Repertoire an Bücher-bezogenen Inhalten anbieten. Die Verlagsgebäude wurden flächenmäßig sehr großzügig konzipiert, so dass es noch ungenutzte Räumlichkeiten gibt, die zu Kunstgalerien, Museen oder Konzerthallen entwickelt werden können.“ Zuversichtlich setzt er hinzu: „Das bedeutet, dass wir einen Kunst- und Kulturkomplex schaffen werden. “ Auch das Paju Booksori Festival entsprang diesem Kontext. Es ist ein Festival des Miteinander von Autoren, Verlegern und Lesern, was auch dieses Jahr wieder sehr gut zum Ausdruck kam. Ein repräsentatives Beispiel dafür ist JISIK NANJANG: A playful knowledge place (Ein Tummelplatz des Wissens) , der in rund 100 Verlagsgebäuden stattfand. Die Besucher konnten sich Autorenvorträge anhören und eine Tour durch die architektonisch interessanten Verlagsgebäude machen. Der Architekt Seo Hyeon, Autor von Architektur hören wie Musik, betrachten wie Kunst und Professor an der Hanyang Universität, kommentierte: „Die Veranstaltungen waren angenehm und unterhaltsam. Es war für mich als Autor eine sehr lohnenswerte Erfahrung, im Gebäude des Verlags, der mein Buch herausgebracht hat, bei einer Tasse Tee über Architektur und mein Buch sprechen zu können. Es war zudem eine wertvolle Gelegenheit, den Lesern durch das Buch näherzukommen.“ Wenn das Projekt Straße der Buchhandlungen abgeschlossen ist, werden die Leser im Paju Verlagskomplex unabhängig von speziellen Festivalzeiten vielfältige Gelegenheiten haben, über Bücher zu kommunizieren. Eine gute Nachricht für alle, die Bücher lieben oder eine Liebe dafür entwickeln möchten.

WoW Book Festival Buchfestivals finden nicht nur in der Buchstadt Paju statt. Sobald mit dem Herbst die „Lesesaison“ beginnt, werden überall im ganzen Land Buchfestivals veranstaltet. Die Koreanische Nationalbibliothek (The National Library of Korea), die Nationalbibliothek für Kinder und Jugendliche (The National Library of Children & Young Adults) und öffentliche Bibliotheken in den einzelnen Regionen K o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

richten eine breite Palette von Lesefestivals aus. In der Nationalen Digitalbibliothek wird ein „Digitales Buchfestival“ veranstaltet und auch historische und kulturelle Orte wie der Platz vor dem Seouler Rathaus oder der Palast Deoksu-gung werden zu Buchfestivalstätten umfunktioniert. Diese Veranstaltungen bieten eine große Programm2 vielfalt wie Gespräche mit Autoren, Seminaren, bei denen Verleger und Buchhändler über die Entwicklung der Buchkultur diskutieren können, Bücher-Vorlesen von Eltern für ihre Kinder, Quiz zu Büchern über bestimmte Themen, Diskussionsrunden usw. Nicht zu vergessen die herabgesetzten Preise! Viele Buchliebhaber nehmen die Discount-Aktion wahr, um sich mit Büchern aus ihrem Interessensbereich einzudecken. Das ist auch leicht möglich, da ein Lieferservice, der den Bücherstapel bis zur Haustür bringt, zum Angebot gehört. Das WoW Book Festival , das jeden September (18.-23. September) entlang der Straße vor der Hongik Universität im Seouler Stadtteil Mapo-gu in Seoul stattfindet, ist ein typisches Beispiel für ein Herbst-Buchfestival. Die Gegend um die für Kunst und Design bekannte Hongik Universität ist berühmt für ihre junge Kultur und künstlerische Aktitvitäten. Hier sind auch viele Verlage angesiedelt, was das Viertel zusammen mit der Buchstadt Paju zu den bedeutendsten seiner Art in Korea macht. Während das Booksori Festival in Paju meist von Familien besucht wird, erfreut sich das WoW Book Festival vor allem bei jungen Menschen großer Beliebtheit. Zu den Events gehören der Straßenbuchladen , wo Verlage Bücher zu reduzierten Preisen anbieten, und der WoW Buchmarkt , wo der Normalverbraucher Bücher verkaufen und kaufen kann, Treffen mit Autoren u.ä. Obwohl die Welt mittlerweile digitalisiert ist und Printmedien von Videomedien überholt wurden, empfinden die Koreaner tief in ihrem Herzen nach wie vor eine vertrauensvolle Zuneigung und Verehrung gegenüber Büchern. Das könnte vom Stolz der Koreaner auf ihre alte und traditionsreiche Druckkultur herrühren: Zu nennen sind das Mugujeonggwang daedaranigyeong (Reines Licht Dharani-Sutra) , das heutzutage älteste noch erhaltene, mit Holzdruckstöcken gedruckte Dokument (ca. Anfang des 8. Jahrhunderts), und das Jikji simgyeong (Die Anthologie der Zen-Lehren großer buddhistischer Mönche) , das weltweit älteste, mit beweglichen Lettern aus Metall gedruckte Werk (1377). Wenn man unter dem Herbsthimmel im fröhlichen Treiben der Buchfestivals steht, überkommt einen die unerschütterliche Gewissheit, dass das gedruckte Buch in alle Ewigkeit bestehen bleiben wird.

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REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

Rezension

Marsyas oder Pierrot Uh Soo-woong Journalist für Kunst und Kultur, Tageszeitung The Chosun Ilbo

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ie aus der chinesischen Antike stammende Redewendung Gi un saeng dong (氣韻生動, Qi yun sheng dong) bedeutet „die vitale Energie, die allen Entitäten des Universums innewohnt“, wird aber auch auf hervorragende künstlerische Werke angewendet, die von besonderer ästhetischer Sublimität sind. Sie scheint auch ein sehr geeignetes Attribut für den Schriftsteller Sim Sang-dae zu sein, ganz abgesehen davon, dass die Redewendung voll auf die ästhetizistisch anmutende Erzählung Das Grab von Katze und Schlange zutrifft. Will man Sim Sang-dae vorstellen, muss man auch seinen Schriftstellernamen „Marsyas Sim“ nennen. Im griechischen MarsyasMythos spottet der Marsyas, den Apollon für seinen Versuch, sich über das Göttliche erheben zu wollen, bei lebendigem Leibe häuten ließ, auch noch im Angesicht des Todes über die Kunst der Götter und befürwortet damit die der Menschen. Auf Sims Schriftstellernamen, den er aus Stolz auf seine Kunst für sich in Anspruch nahm, reagierten die Literaturkreise mit Jubel und Hohn zugleich. Sims Sinn für Humor und seine Weltanschauung sei an folgendem Geschehnis illustriert: Im Jahr 2012 erhielt er für seine Erzählung Der Knopf den 6. Kim Yu-Jeong Literaturpreis. Dieser Preis wurde zum Gedenken an Kim Yu-jeong gestiftet, einen Pionier der modernen Erzählung in Korea (1908-1937), der mit 29 Jahren verstarb. Seit seinem Debüt im Jahr 1990 wurde Sim kaum mit Auszeichnungen bedacht. Der Kim Yu-jeong Literaturpreis war für ihn erst der zweite Preis nach seiner Ehrung mit dem Preis für Moderne Literatur für seine Kurzgeschichte Schönheit im Jahr 2001. In seiner Ansprache nach der Entgegennahme des Preises ließ er sich voller Witz und Eloquenz über die „drei notwendige Bedingungen für das Leben eines Prosaschriftstellers“ aus: unerwiderte Liebe, Armut und Krankheit. Seine Worte könnten für die jungen Schriftsteller und Leser von heute, die nur auf ihre eigene innere Welt fixiert sind, interessante Denkanstöße geben, weshalb sie hier trotz ihrer Länge zitiert werden sollen. Zuerst, unerwiderte Liebe. Als Beispiel führte Sim den verzweifelten

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Kim Yu-jeong an, der seine unerwiderte Liebe zu der Meistersängerin und Gisaeng (professionelle Unterhalterin) Bak Rok-ju in zahlreichen Liebesbriefen Ausdruck verlieh und fragte: „Welch inbrünstiger und eindringlicher Sätze bedurfte er, wie sehr trieb es ihn, seinen Gefühlen noch besser Ausdruck zu verleihen, um die Frau, die seine Liebe verschmähte, mit der ganzen Tiefe seiner Leidenschaft anzuflehen?“ Deshalb „schuldet Kim einen großen Teil seines Schaffens dieser Frau“. Sim meinte, eine unglückliche Liebe sei eine Voraussetzung, auf die die Schriftsteller von heute, deren Herz nie durch eine unerwiderte Liebe gebrochen wurde oder die nie den Schmerz einer Scheidung durchlitten haben, neidisch sein müssten. Für Armut und Krankheit gelte dasselbe. Sim zitierte die Bemerkung eines Netizens, der Schriftsteller und Entertainer vergleicht. Der Netizen bemerkte spöttisch: „Die Erzählungen von heute sind wirklich langweilig und armselig. Die Musiker und Entertainer nehmen schon mal Rauschgift. Warum gibt es unter den Schrifstellern keinen, der mal Drogen probiert?“ Sim kommentierte scherzhaft: „Es gibt da etwas Wichtiges, was der Netizen übersieht. Nämlich: Woher sollen Schriftsteller das Geld für Drogen nehmen?“ Dann zitierte er Kim Yu-jeongs Brief an seinen Busenfreund An Hoenam, Sohn des Prosaschriftstellers An Guk-seon (1878-1926), den Kim kurz vor seinem Tod durch Lungentuberkulose verfasste. Seinen Freund An um Geld bittend schrieb er: „Mit dem Geld werde ich zuerst dreißig Hühnchen kochen und verschlingen. Nur das kann mir wieder Lebenskraft geben.“ Sim Sang-dae jobbte in seinen 20ern auch einmal in einem öffentlichen Badehaus in der Stadt Chuncheon als Ttaemiri, d.h. er schrubbte Besucher im Herren-Saunabereich. Da kam es einmal zu einem Streit mit dem für die Umkleideräume zuständigen Alten über das Saubermachen des Saunabereichs. Dem Alten war der Anblick des jungen Ttaemiri, der, wenn gerade niemand geschrubbt werden wollte, auf dem geheizten Boden des Umkleideraums lag und die gesammelten Werke von Choi In-Hun oder Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit verschlang, sicherKorean i s ch e Ku l tu r u n d Ku n s t


Sim Sang-dae Die Erzählung Das Grab von Katze und Schlange ist das Debütwerk von Sim Sang-dae (geb. 1960) und hat ihm die Beinamen „der nach Schönheit Gierende“ oder „der Ästhetizist“ eingebracht. lich ein Dorn im Auge. Sim meinte: „Ich möchte die Ehre meiner Auszeichnung gerne mit dem Großväterchen aus dem Umkleideraum teilen.“ Wenn ein armseliges Leben zur Kunst werden kann und das Leben an einem gewissen Punkt Kunst wird, dann ist der erste Name, der mir fürs 21. Jahrhundert in Korea einfällt, Sim Sang-dae. Seine entschlossene Haltung, sich selbst in bitterster Armut nicht auf andere, sondern nur auf sich selbst zu stützen, und sein Selbstwertgefühl, das durch nichts zu erschüttern ist, aber nicht, weil Politik, Wirtschaft oder gesellschaftliche Belange und Beziehungen unbedeutend wären, sondern weil das Schreiben etwas allzu Großartiges ist: Diese Entschlossenheit und dieses Selbstwertgefühl stecken als eine Art Extravaganz des Geistes und Energie der Seele in seinen Werken. Sein Debütwerk Das Grab von Katze und Schlange ist sozusagen der erste Schrei des Ästhetizisten Sim. Im Folgenden einige Stellen aus der Erzählung: „Die Katze springt behende herunter und beißt in den Nacken des Alten. Die Zähne der Katze graben sich tief in sein Fleisch. Die scharfen Krallen stechen wie Bohrer rechts und links in die Schultern des Alten. Torkelnd greift er in die Ranken. Knotige Hände reißen durch die Luft. Die Finger bohren sich erbarmungslos in die beiden Augen der Katze. Rostrote Trauben platzen. BlumenK o r e a n a ı W i n t e r 2 0 12

blätter werden unter den Füßen zerquetscht. Aber die Katze bleibt unerbitterlich am Nacken des Alten kleben. Zusammenfallend und auferstehend, verfaulend und keimend, alles, was Schatten hat, windet sich und heult an diesem Ende zwischen Licht und Schatten. Die Alte packt ein Messer. [...] Das schwach gewordene Licht beginnt rasch an den westlichen Himmel gedrängt zu werden. Am Rande dieses Himmels, an dem elende Verzweiflung und Chaos in allen Schattierungen vermischt sind, glüht die Abenddämmerung prächtiger als jedes Blumenbeet.“ Durch diese Erzählung zeigt der Autor, dass Schönheit die Essenz des Lebens ist, zum Wesen des Lebens an sich gehört, und dass nach Schönheit zu gieren bedeutet, sein Leben aufrichtig-tüchtig zu leben. Diesem übertriebenen Selbstwertgefühl liegt sein unendlicher Glaube an die Kunst zugrunde. Vor zehn Jahren erlebte ich einmal zusammen mit Sim den Sonnenaufgang in einer von Schriftstellern und Künstlern frequentierten Kneipe in Insa-dong, in der sich auch wildfremde Menschen gleich anfreunden können. Auf einer Holzplattform in der Kneipe wachten wir im Morgengrauen noch halb verkatert auf. Nach Sims Überzeugung, die damals wie heute gleich ist, ist der Künstler ein Pierrot. Ein Schriftsteller dürfe auf keinen Fall seinen Stolz und seinen Humor verlieren. Er ist nicht jemand, der den Leser etwas lehrt, sondern jemand, dessen ganzes Leben und Sein etwas zeigt. Und dann fügte er wie eine Ausrede hinzu: „Meine Frivolitäten sind nur ein Mittel, meine Schwäche zu überspielen. Wer nicht hin und wieder etwas frivol sein kann, der hat keine Chance, jemals seinem wahren Ich zu begegnen.“ In der profanen Welt ist Sim ein hoffnungsloser Lebemann, der nicht den Ruf der Billigkeit oder die Kritik der Wankelmütigkeit fürchtet. Aber in seinen literarischen Werken hat er kein einziges Mal Nachgiebigkeit gezeigt. Das Grab von Katze und Schlange ist eine fazinierende Erzählung, die einen Blick auf die literarischen Wurzeln des standhafen Marsyas Sim und des Meisters der Ästethik Sim Sang-dae erlaubt.

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IMpressionen

So wie die erste Erinnerung beim Geborenwerden aus dem Mutterleib Dunkelheit ist, so bleibt auch der Ursprung der Koreaner im tiefen Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit verborgen. Koreanische Geschichtsbücher beginnen meist mit dem Satz: „Ab wann die ersten Menschen auf der Geschichtsbühne namens Korea gelebt haben, lässt sich nicht erschließen.“ Dieses urzeitliche Dunkel nennen wir Mythos. In dieser Dunkelheit des Mythos steht weit, weit weg auf dem hohen Berg ein geheimnisvoller majestätischer Baum mit einem Ast voller grüner Blätter. Hwanung, der Sohn des Himmelsherrschers Hwanin, stieg vom Himmel auf die Erde herab und ließ sich neben diesem Baum nieder. Ein Bär, der ein Mensch werden wollte, aß auf Hwanungs Anweisung hundert Tage lang nur Knoblauch und Beifuß. Dann wurde aus dem Bären Ungnyeo, die Bärenfrau. Hwanung und Ungnyeo heirateten und bekamen einen Sohn, Dangun Wanggeom, der Gojoseon (Alt-Joseon; 2333-108 v. Chr.), das erste Reich auf der koreanischen Halbinsel, gründete. Seine Nachfahren verließen den Berg und machten sich zu einer langen Reise auf. Sie gingen und gingen in Richtung Sonnenaufgang. Die Sonne ging auf und unter. Bei Sonnenuntergang ging das alte Jahr zu Ende und bei Sonnenaufgang begann ein neues Jahr. Deshalb bedeutet das koreanische Wort „Hae“ gleichzeitig „Sonne“ und „Jahr“. Manchmal flogen sie auf dem Rücken von Schmetterlingen. In der Abenddämmerung krochen sie zum Schlafen in Blumen. Behandelten die Blumen sie unfreundlich, ruhten sie sich auf den Blättern aus. Manchmal ritten sie auf dem Rücken der Mutter, manchmal marschierten sie an der Hand der Vaters. Wenn eine Generation endete, begann die nächste, gefolgt von der übernächsten. Und stets folgten sie der Sonne. Schließlich erreichten sie einen Ort, von wo aus sie nicht weitergehen konnten. Am Ende der Welt, am Anfang der Geschichte, lag das „Land der Morgenstille“. Vor ihnen erstreckte sich das offene Meer mit seinem nackten Gesicht, das Meer beim Erwachen der Welt. Am Ende dieses Meeres ging die erste Sonne auf. Hier beendeten die Koreaner ihre Wanderung. Weil die Koreaner diese Urerinnerung an die zum ersten Mal aufgegangene Sonne nicht vergessen können, reisen sie gegen Jahresende mit dem Zug zur östlichsten Küste der koreanischen Halbinsel. Dort warten sie in der Dunkelheit mit angehaltenem Atem auf den Sonnenaufgang. Die Menschen des „Landes der Morgenstille“ wissen, dass die Sonne, die an der Küste vor Jeongdongjin genau östlich von Seoul aufgeht, die erste Sonne der Welt ist. Denn sie glauben fest daran, dass es die Sonne ist, die immer wieder ein neues Jahr aufgehen lässt, an dem Meer des immer wiederkehrenden Aufbruchs, an einem Ort tief in ihrem Herzen.

Jeongdongjin, wo die Sonne immer wieder neu aufgeht Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Arts Fotos: Ahn Hong-beom


KOREANA - Winter 2012 (German)