The Gap 126

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sa c h bu c h Clemens Apprich, Felix Stalder (Hg.) Vergessene Zukunft: Radikale Netzkulturen in Europa (Transcript)

Die Zukunft war schon mal spannender Vor etwa zehn Jahren war alles schon da, was das Netz heute ausmacht. Nicht so bunt, nicht so breitbandig wie heute, dafür war das Nachdenken über das Netz und seine Freiheitsverprechen viel radikaler. Rund um das Jahr 2000 war die Globalisierungskritik auf ihrem Höhepunkt, die Dotcom-Euphorie platzte mit lautem Knall und in Österreich schickte sich eine rechtskonservative Regierung an, das Land umzubauen. Wir erinnern uns: Hier die von Kanzler Schüssel abfällig als »Internetgeneration« abgestempelte Jugend und auf der anderen Seite eine neue Regierung, deren Kulturpolitik primär auf repräsentative und touristisch vermarktbare Projekte ausgerichtet war. Zu der Zeit trafen globale, europäische und nationale Entwicklungen zusammen, die Netzpioniere förmlich dazu aufforderten, in der dezentralen Infrastruktur des Netzes neue kulturelle und kommunikative Praktiken zu erproben und sie auch für Aktionen und Widerstand in der physischen Welt zu nutzen. Die Initiative (Public)Netbase war für einige Jahre (von 1994–2006) der heimische Knotenpunkt in einem globalen Netzwerk von Künstlern, Theoretikern und Aktivisten, der viel internationale Aufmerksamkeit bekam. Neben der theoretischen Arbeit und der künstlerischen Reflexion war es der Netbase immer ein besonderes Anliegen, auch im realen Raum präsent zu sein. Dieser Raum war vor allem das Wiener Museumsquartier vor seiner Wiedereröffnung im Jahr 2001. Dort wurden Veranstaltungen abgehalten und dort gab es auch eine entsprechende technische Infrastruktur für eine Vielzahl an Netzprojekten und Initiativen. Hier fanden Theorie und Praxis zueinander. Im Zuge der Neugestaltung des MQAreals und der Änderung der Schwerpunktsetzungen in der Kulturförderung kam die Netbase unter die Räder. In einigen aufsehenden Aktionen lieferte die Initiative bis zu ihrem endgültigen Aus noch einige wichtige Diskussionsbeiträge. Das Buch legt zwar einen klaren Schwerpunkt auf die Netbase, die Autoren besprechen aber auch andere Projekte aus Europa. Neben den Gastbeiträgen gibt es noch eine ganze Menge an Interviews und Originaldokumenten. Einige der Manifeste könnten durchaus auch aus der heutigen Zeit stammen. Da gibt es viele Forderungen wie etwa die nach Open Government Data oder nach einer gestärkten Internetkompetenz der Menschen, die nach wie vor nur ansatzweise erfüllt sind. Vor allem lädt das Buch aber zu einer Reflexion des Themenkomplexes Social Media ein. Die Basis für deren Funktionen war auch um die Jahrtausendwende schon vorhanden. Heute sind diese zentralisiert in der Hand weniger Plattformen bzw. US-amerikanischer Konzerne. Über mögliche Alternativen wird aber kaum mehr gesprochen. 08/10 werner reiter

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Barbara Blaha, Sylvia Kuba Das Ende der Krawattenpflicht 01 (Czernin) — »Der schlimmste Fehler von Frauen ist ihr Mangel an Größenwahn«, leiten die Autorinnen ihr Fazit ein. Also weiblichen Größenwahn hätscheln? Geht nicht, belegen die gut recherchierten Daten im Buch. Eingangs denkt die Leserin ob der bekannten Fakten genervt: »Nicht schon wieder …« Doch im Mittelteil wird das Buch seinem Untertitel gerecht: Handlungsanleitung, wie Politikerinnen in der Öffentlichkeit bestehen. Wie kommt eine Frau auf einen vorderen Listenplatz? Nicht nur die Quote ist ein Weg, auch Fragen wie etwa die Größe der Wahlkreise spielen eine Rolle. Auch Frauen, die in der Politik oben angekommen sind, haben es schwerer: Hillary Clinton oder Angela Merkel. Es gibt kaum Möglichkeiten, Weiblichkeit als Trumpf einzusetzen (»Frischer Wind«, »Herz« …), dafür aber viele Double Binds: Kompetenz wird angezweifelt, auch wenn sie gut belegt ist, gleichzeitig wird eine kompetente Frau als unweiblich denunziert. Diskussionen über ihr Aussehen verdrängen inhaltliche Positionen und wie sie es macht, ist es falsch. Fazit für die politische Frau: Gut sein, machen! Und ein Vorbild sein – öffentlich wie privat. 09/10 Juliane Alton Oliver Pfohlmann Robert Musil 02 (Rororo) — Robert Musils Leben und Werk in Kürze darzustellen gehört sicher zu den schwierigeren Aufgaben der Literaturwissenschaft. Oliver Pfohlmanns Monografie gelingt das Kunststück, die Komplexität von Musils Weltanschauung prägnant und präzise zu beschreiben, ohne unnötig zu vereinfachen. Während andere Bücher einen deutlichen Schwerpunkt auf den berühmten »Mann ohne Eigenschaften« legen, vernachlässigt Pfohlmann auch die unbekannteren Werke nicht und versucht etwa eine Rehabilitierung von Musils Rezensionen als »Höhepunkte der Literaturkritik des 20. Jahrhunderts«. Musil zählt zu den klügsten Autoren der Literaturgeschichte. Wer sich mit seinem geistreichen Werk beschäftigen will, findet hier den idealen Einstieg. 08/10 Christian Köllerer Christiane Rösinger Liebe wird oft überbewertet 03 (Fischer) — Rechtzeitig zu Frühlingsbeginn geht Christiane Rösinger in ein hartes Gericht mit den Paaren dieser Welt. Spätestens seit ihrer Zeit als Frontfrau der Lassie Singers weiß man, dass sich ihre Toleranz gegenüber »der niedrigsten Lebensform, die nur knapp über dem Pantoffeltierchen steht« in Grenzen hält, gab es den gleichnamigen Song doch schon vor fast einem Vierteljahrhundert. Die »Romantische Zweierbeziehung«, in Folge ganz pragmatisch als RZB tituliert, wird unter zahlreichen Aspekten betrachtet und entzaubert. Der Einfluss der Medien, der Ökonomie und des Kapitalismus auf Romantik und Entstehung von Beziehungen wird erörtert und psychologische Liebesund Bindungstheorien behandelt. Dabei bewegt sich die Lektüre irgendwo zwischen Tagebuch und selbsternanntem populärwissenschaftlichen Sachbuch. Der Rote Faden bleibt schon mal auf der Strecke und nicht selten würde man sich etwas mehr Tiefe wünschen. Rösinger formuliert wie gewohnt spitz, pointiert und kurzweilig. Allerdings fällt das Beziehungs-Bashing zeitweilig so polemisch aus, dass es schon wieder nervt. Pärchen sind scheiße, ja eh. Das Hauptanliegen der Single-Koryphäe ist, dass sich Alleinsein zu einem Beziehungsstatus etabliert, den es nicht zwangsläufig als möglichst schnell zu überbrücken gilt und der zudem keines Mitleids bedarf. Ein Tribut an Cliquen, Kreativität und Autonomie. 04/10 Anna Hoffer 067


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