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The Gap 215

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So klingt die Afrodiaspora

Auf der Suche nach dem authentischen Sound mit TJ Tall, Rose May Alaba und Gawdesque

| Festival | | |

Programminfo ab 5. März und Tickets ab 14. März unter diagonale.at

Ticketverkauf

14. bis 23. März, 10 – 18 Uhr im Kunsthaus Graz

Ab 19. März in den Festivalkinos: Annenhof Kino, Filmzentrum im Rechbauerkino, KIZ RoyalKino, Schubertkino

go | | Films | | | | 18. – 23. März | | na |

#Diagonale26

#FestivalOfAustrianFilm

Editorial

Don’t Like the Look of It

Don’t Like the Taste of It

Don’t Like the Smell of It

Die KI wird zunehmend zum roten Tuch für mich. Was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist allerdings nicht der grauenhafte ökologische Impact, was Strom-, Wasser- und Rohsto verbrauch angeht. Es sind nicht die permanenten, unverschämten und – möchte man meinen – illegalen Copyrightverletzungen. Es ist nicht die scheinbar völlige Abhängigkeit der weltweiten Wirtschaft von einer Blase, die permanent zu platzen droht. Und es sind nicht einmal die gesellschaftlichen Auswirkungen, die sich derzeit noch überhaupt nicht gänzlich abschätzen lassen. All diese Dinge sind zwar gut dazu geeignet, eine apokalyptische Hintergrundatmosphäre fürs stündliche Doomscrolling zu befeuern, aber sie sind zu abstrakt, zu entfernt von der direkten Erfahrung, zu konstant und zu immens.

Nein, was – um eine Formulierung aus dem Englischen zu übernehmen – in meinem Kropf feststeckt beziehungsweise diesen immer wieder aufs Neue irritiert, ist die Einbindung von künstlicher »Intelligenz« in eine Myriade von Abläufen, ohne dafür eine gute Rechtfertigung aufzuweisen. Jede Anwendung, jede Website, jedes Gadget ist plötzlich »powered by AI«. Jede Firma prahlt in ihren Quartalsberichten mit neuen »innovativen« Einsatzzwecken für die glorifizierten Chatbots. Auch vor der Kunst- und Kreativszene macht das nicht halt. Im Gegenteil: Wenn es nach jenen in den oberen Machtetagen ginge, dann würden eh bald alle Blockbuster – von E ekten über Schauspieler*innen bis hin zum Soundtrack – von Algorithmen generiert, die optimal auf den Geschmack des*der jeweiligen Konsument*in abgestimmt sind. Oder so in der Art.

Eine Freundin hat neulich die Vermutung geäußert, dass sich aufgrund dieser Omnipräsenz von KI langsam ein neuer Normalzustand etabliert, dass das Aufregungspotenzial sinkt, wenn wir uns eigentlich eh ständig aufregen müssten. Stichwort: Frosch im kochenden Wasser. Kann eh sein. Aber basierend auf meiner eigenen Erfahrung scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Jedes neue KI-Icon führt dazu, dass ich mich erneut zu ärgern beginne, erneut hinterfrage, warum das eigentlich sein muss, und mich somit erneut an all die Gründe erinnere, deretwegen mich KI eigentlich wütend machen sollte.

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Herausgeber

Manuel Fronhofer, Thomas Heher

Chefredaktion

Bernhard Frena

Leitender Redakteur

Manfred Gram

Gestaltung

Markus Ra etseder

Autor*innen dieser Ausgabe

Luise Aymar, Barbara Fohringer, Loma Gerner, Ania Gleich, Gideon Hempel, Jannik Hiddeßen, Selma Hörmann, Anja Linhart, Tobias Natter, Dominik Oswald, Simon Pfeifer, Lotta Reinelt, Jana Wachtmann, Severin Weh, Sarah Wetzlmayr

Kolumnist*innen

Josef Jöchl, Toni Patzak, Christoph Prenner

Coverfoto

Patrick Münnich

Lektorat

Jana Wachtmann

Anzeigenverkauf

Herwig Bauer, Manuel Fronhofer (Leitung), Thomas Heher, Martin Mühl

Distribution

Wolfgang Grob

Druck

Grafički Zavod Hrvatske d. o. o.

Mičevečka ulica 7, 10000 Zagreb, Kroatien

Geschäftsführung

Thomas Heher

Produktion & Medieninhaberin

Comrades GmbH, Hermanngasse 18/3, 1070 Wien

Kontakt

The Gap c/o Comrades GmbH

Hermanngasse 18/3, 1070 Wien o ice@thegap.at — www.thegap.at

Bankverbindung

Comrades GmbH, Erste Bank, IBAN: AT39 2011 1841 4485 6600, BIC: GIBAATWWXXX

Abonnement

6 Ausgaben; € 19,97 abo.thegap.at

Heftpreis

€ 0,—

Erscheinungsweise

6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 8000 Graz

Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz www.thegap.at/impressum

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber*innen wieder. Für den Inhalt von Inseraten haften ausschließlich die Inserierenden. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

Die Redaktion von The Gap ist dem Ehrenkodex des Österreichischen Presserates verpflichtet.

010 Auf der Suche nach dem

authentischen Sound

Die Musik der afrikanischen Diaspora in Wien

020Beats bauen statt Etüden üben

Hip-Hop made in Vienna: Prodbypengg

022»Das Leben annehmen, wie es kommt«

Valerie Pachner über ihre Rolle im Film »Vier minus drei«

024Mit Spaß zu Verständnis

Die EU spielerisch erleben

028»Chatbot, hilf mir mit meinem Abschluss!«

Wenn Unis selbst KI zur Verfügung stellen

032»Man liest, um entwerfen zu können, wer man sein möchte«

Ein queer-feministischer Blick auf den Literaturkanon

Bildung Über verspieltes sowie maschinengestütztes Lernen Special

Rubriken

003 Editorial/Impressum

006 Comics aus Österreich: Albert Mitringer

018 Golden Frame

036 Prosa: Hubert Weinheimer

038 Gewinnen

039 Rezensionen

046 Termine

Kolumnen

008 Gender Gap: Toni Patzak

056 Screen Lights: Christoph Prenner

058 Sex and the Lugner City: Josef Jöchl

Loma Gerner

Unser*e neu*e Praktikant*in Loma lässt sich scheinbar gerne vom Leben treiben: Die Entscheidung, von Mannheim nach Wien zu kommen, sei nämlich »sehr random« gewesen. Doch nach zwei Jahren hat dey sich augenscheinlich gut eingelebt: TFM-Studium, Wohnung in Meidling, NNDW-Phase. Und nun eben ein Praktikum beim besten Popkulturmagazin der Stadt. Als Nächstes folgen dann ewiges Raunzen übers Wetter sowie die unverrückbare Überzeugung, dass Wien das beste Trinkwasser hat. Es rette sich, wer kann!

Severin Weh

Das Schicksal von Severin scheint besiegelt: In Wien geboren und aufgewachsen, lebt er nach wie vor hier. Erfahrungsgemäß wird das auch noch einige Zeit so bleiben, die Wiener*innen sind schließlich ein sesshaftes Volk. Uns freut das, bleibt Severin The Gap so hoffentlich noch ein wenig als Autor erhalten. Es wäre von beidseitigem Vorteil, denn während seine Texte bei uns Leerräume füllen, stopfen sie bei ihm, wie er das so schön formuliert, »Lücken des Alltagsgemäuers mit journalistischen Sidequests«.

The Gap im Jahresabo

6 Ausgaben um nur € 19,97

Aboprämie: Oska »Refined Believer« (CD)

Ihr mögt uns und das, was wir schreiben?

Und ihr habt knapp € 20 übrig für unabhängigen Popkulturjournalismus, der seit 1997 Kulturscha en aus und in Österreich begleitet?

Dann haben wir für euch das The-Gap-Jahresabo im Angebot: Damit bekommt ihr uns ein ganzes Jahr, also sechs Ausgaben lang um nur € 19,97 nach Hause geliefert.

COMICS AUS ÖSTERREICH

Und: Action!

Auf unserer Seite 6 zeigen Comickünstler*innen aus Österreich, was sie können. Diesmal dürfen wir uns über die erste richtige Actionsequenz in der Rubrik freuen. ———— Man möchte meinen, dass sich ein Medium, das aus starren Bildern besteht, schwertut, diese in Bewegung zu versetzen. Aber falsch gedacht! Nicht von ungefähr sind Comics oft vollgepackt mit actiongeladenen Sequenzen. Ganze Subgenres stützen sich auf die akrobatischen Eskapaden ihrer Protagonist*innen – siehe etwa Superheld*innencomics.

Damit dieser Zaubertrick gelingt, haben sich im Laufe eines guten Jahrhunderts diverse Tricks und Kni e angehäuft: Bewegungslinien deuten beispielsweise an, in welche Richtung und sogar mit welcher Geschwindigkeit ein Objekt gerade unterwegs ist; an Animationsfilme angelehnte Smearframes, verzerren bewegte Körper ins Unmenschlich-Groteske, spannen so im wahrsten Sinne des Wortes den Bogen einer Geste auf; und Brüche in rigiden Panellayouts bringen Dynamik in starre Abläufe.

Männliche Verwundbarkeit

In seinem Comic »Un-verwundbar« spielt der Wiener Zeichner Albert Mitringer gewitzt mit allen genannten Taktiken. Dabei nutzt er die auch farblich markant abgesetzte Actionsequenz, um den Erzählstrang in zwei Teile zu spalten. Die jähe, brutale Sparringssession konterkariert das subtile, reduzierte Gespräch im Umkleideraum. Wobei sich die eigentliche Verwundbarkeit nicht – wie zu erwarten wäre – im physischen Konflikt, sondern in den leisen Tönen davor und danach o enbart. Mitringers Comic lässt sich somit auch als Kommentar auf Männlichkeit lesen. Stärke heißt in diesem Zusammenhang nämlich meist, keine Verletzlichkeit zu zeigen. Etwas, das seine Protagonisten hier sowohl emotional als auch physisch versuchen, das ihnen aber schlussendlich nicht völlig gelingen will.

Albert Mitringer ist ein in Wien lebender Comickünstler. Seine letzte Graphic Novel »Requiem« erschien 2021 im Zwerchfell Verlag. Darin begibt sich ein Skelett auf eine Reise durch apokalyptische Fantasylandschaften. Kürzlich veröffentlichte er den Band »Urlaub am Abgrund« in der Kindercomicreihe »Was ist was«.

Die Rubrik »Comics aus Österreich« entsteht in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Comics. www.oegec.com

Toni Patzak

hakt dort nach, wo es wehtut

Gender Gap

Die rassifizierte Maskulinisierung Schwarzer Frauen

Am Schulhof spielten wir immer Buben gegen Mädchen. Alle Jungs mussten dafür auf die eine Seite des Hofs und alle Mädchen auf die andere – naja, alle Mädchen außer mir. Ich war immer bei den Jungs im Team, weil: »Du bist doch eh fast wie ein Junge.« Damals machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, wieso das so war. Ich freute mich, bei meinen Jungsfreunden mitspielen zu dürfen und nicht bei den Mädchen, bei denen ich es schwer hatte, Anschluss zu finden.

Als zuletzt das Wort Pick-me-Girl in meiner Wahrnehmung auftauchte, dachte ich an diese Zeit zurück und versuchte herauszufinden, ob ich ein Pick-me-Girl gewesen war. Ein siebenjähriges Pick-me-Girl mit dem eigentlichen Ziel, von den Jungs gemocht zu werden, anstatt mit ihnen halt Jungsspiele zu spielen, die sich in dem Alter drastisch von Mädchenspielen unterschieden hatte.

Auch als ich bemerkte, dass ich queer bin, schaute ich auf diese Zeit zurück und fragte mich, ob das ein frühes Anzeichen gewesen war. Hatte mein Mangel an Freundinnen an einer Angst vor Mädchen gelegen? Daran, dass ich komische Gefühle verspürt hatte, Gefühle, die man haben kann, aber nicht haben darf?

Als ich mich dann in einem sehr genderqueeren Freund*innenkreis wiederfand und meine eigene Geschlechtsidentität hinterfragte, dachte ich abermals an die siebenjährige Toni und überlegte, ob mich meine Mitschüler*innen als Nicht-Mädchen, aber auch als Nicht-Bube wahrgenommen hatten. Ob irgendetwas an meinem kindlichen Verhalten die Binarität des Schulhofs kurz außer Kraft gesetzt hatte. Bei zahlreichen Gelegenheiten in meinem Leben erinnerte ich mich an diese Zeit zurück – manchmal mit einem Lachen, manchmal fragend, manchmal frustriert. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass es damals an meiner sexuellen Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit oder Genderperformance lag. Ich glaube, es lag daran, dass ich ein Schwarzes Kind war.

Ich weiß, wie das jetzt klingt: »Oh mein Gott, ich wurde beim Versteckspielen wegen des Kolonialismus immer als Erstes gefunden.« Ja, ich verbinde wieder einmal eine scheinbar kleine Anekdote mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Aber da über dieser Kolumne mein Bild sowie mein Name zu finden sind, darf ich auch entscheiden, zu welcher Musik wir hier heute tanzen. Und wie es aussieht, heißt das nächste Lied in der Diskursplaylist: »Die rassifizierte Maskulinisierung Schwarzer Frauen« auch erhältlich auf der Compilation »Traurige akademische Sätze, in denen das Wort Frau vorkommt«.

Die Edle und die Aggressive

Das Bild der edlen Wilden, das durch koloniale Prozesse geformt wurde, beschreibt das romantisierte, exotisierte Bild einer Schwarzen Frau: promiskuitiv, schön, etwas Wildes, das man zähmen kann. Es wurde von den »hohen Künsten« oft verwendet, man findet Abbilder dieser edlen wilden Damen in Malerei, Literatur und Film der Zeit, jedoch auch in zeitgenössischen Darstellungen.

Im gleichen Atemzug hat man die Schwarze Frau allerdings versklavt, vergewaltigt und misshandelt. Das konnten dann ja nicht die Edlen sein. Deshalb hat man eben auch die Figur der aggressiven Wilden geschaffen. Dieses Bild der toughen, schmerzunempfindlichen Schwarzen Frau wirkt bis heute nach. Beispielsweise sterben Schwarze Frauen auch aktuell noch drei- bis viermal häufiger während der Geburt, weil Ärzt*innen ihren Schmerz und ihr Leid mit dieser kolonialen Fantasie in Verbindung bringen.

Die aggressive Schwarze Frau: tierisch, unhygienisch und hysterisch. Sie ist die große, hässliche Schwester der Edlen. Ihren »animalischen« Charakter muss man ihr förmlich austreiben. Sie hat kurzes, struppiges Haar, unweibliche Gesichtszüge und eine noch unweiblichere Persönlichkeit. Da man sie an der

Seite von Männern auch noch schwere körperliche Arbeit verrichten lässt, stellt sich die Frage, ob sie denn nun wirklich eine Frau sei. Bis heute wird Schwarzen Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, die Weiblichkeit abgesprochen. Besonders, wenn sie für Gleichberechtigung einstehen oder kämpferisch auftreten. So wurde Michelle Obama 2024 von mehreren »Transvestigators« (kotz) vermeintlich als Mann »enttarnt«. Erfolgreiche Schwarze Sportlerinnen wie Serena Williams werden öffentlich unter Druck gesetzt, einen DNATest zu machen, um ihre Weiblichkeit nachzuweisen. Rechte Propagandazeichner*innen illustrieren Schwarze Frauen mit »maskulinen« Körpermerkmalen. Man sieht: Kolonialistisches Gedankengut ist klebrig. Wenn wir uns nicht gründlich reinwaschen, bleibt es unbemerkt an den Schuhsolen der Zeit picken. Schwer zu entwirren

Im akademischen Plattenladen findet man diesen diskriminierenden Prozess unter den Schlagworten »Ungendering«, »Degendering« oder »Maskulinisierung« der Schwarzen Frau. Und solche Maskulinisierungen finden nicht nur im Weißen Haus oder am Tennisplatz statt, sondern auch am Schulhof – wo sie zwischen Mädchen und Schwarzen Mädchen unterscheiden. Deshalb denke ich mittlerweile, dass ich aus diesem Grund immer bei den Jungs mitspielen musste. Aber das Blöde an solch komplexen historischen Sachverhalten ist, dass man im individuellen Erfahren manchmal gar nicht weiß, welcher Grund gerade wirklich darüber entscheidet, bei welchem Team man mitspielt. Vielleicht war ich ein Pick-me-Girl, vielleicht war ich zu queer oder vielleicht mochten mich die Mädchen am Schulhof einfach nicht sonderlich, dafür aber die Jungs. Ich werd’s nie sicher wissen. Aber immerhin kann ich diesen Moment jetzt noch für mindestens drei weitere Kolumnen ausschlachten. patzak@thegap.at @tonilolasmile

Michael Schulte

Splitter News

Möglicher Boykott des »Patriotenradios«

Gegen Austria First, den neuen Radiosender der FPÖ, formiert sich Widerstand von musikalischer Seite. ———— Austria First: Der Name des neuen Onlineradios der FPÖ weckt nicht nur Assoziationen zu Trumps »America First«. Er erinnert auch an das ausländerfeindliche Volksbegehren der Partei unter Jörg Haider mit dem Slogan »Österreich zuerst«. Der Sender startete am 17. Jänner rechtzeitig zum Neujahrestreffen der FPÖ in Kärnten. Seither laufen dort neben – vielfach internationaler – Musik sogenannte Nachrichten, die on Air als »unzensiert« und frei von »linker Meinungsmache« bezeichnet werden. Zwischendurch hört man immer wieder den Jingle »Echte Hits für echte Österreicher«, der die migrations- und fremdenfeindliche Haltung der FPÖ anklingen lässt.

Rechte Propaganda

Walter Gröbchen, Musikverleger, Journalist und Kurator, warnt vor einer Aneignung der Werke von Künstler*innen durch den rechten Sender. Austria First sei nichts anderes als »Berieselung mit Propagandabrocken«. Seine Haltung wird dabei von zahlreichen Musiker*innen geteilt. So haben sich auch bekannte Namen wie Christina Stürmer oder die Band Alphaville gegen die Verwendung ihrer Musik durch Austria First ausgesprochen. Für sie alle scheint klar: Es muss eine Möglichkeit geben, zu verhindern, dass die eigene Musik Teil von rechter Propaganda wird. Angedacht ist ein Boykott von Seiten der Musikszene. Derzeit sind Gröbchen und verschiedene Künstler*innen mit Jurist*innen im Gespräch über den rechtlichen Sachverhalt. Zum aktuellen Stand verrät er: »Da gäbe es einige Hebel. Man kann dann bei Bedarf zügig eine Musterklage wagen.« Abseits der Frage, welche Musik der Sender nun spielt oder spielen darf, geht es Gröbchen und den anderen um »eine präventive, demonstrative Willensbekundung«. Darum, so der Musikverleger, »solche Pseudo-MedienProjekte klar als das zu kennzeichnen, was sie sind: eine politische und gesellschaftliche Zumutung«. Loma Gerner

Zu Redaktionsschluss war der Boykott noch in Vorbereitung. Walter Gröbchen betreibt unter anderem das Label Monkey Music sowie den Blog groebchen.wordpress.com.

Musikjournalismus auf 200 Seiten

Das Pandroid Music Magazin von Martin Senfter vereint Bestenlisten mit Albenrezensionen und einem K-Pop-Deep-Dive. ———— Er ist Musikjournalist, betreibt einen Musikblog und jetzt hat er auch noch die dritte Ausgabe seines eigenen Magazins publiziert. Martin Senfter reviewt auf seinem Youtube-Kanal »Pandroid Music« seit einigen Jahren frisch veröffentlichte Alben der verschiedensten Genres. In seinen Videos kommentiert er alles: von Kraftklubs neuem Langspieler »Sterben in Karl-Marx-Stadt« bis hin zur aktuellen Popularität von Rosalía. Er fragt sich, ob Taylor Swift zur Tradwife geworden ist, und hat eine Videoreihe, in der er Musik in drei Kategorien einordnet: »Nope. Meh. Hot.« Seinen Zuseher*innen erläutert Senfter die Hintergründe, Lyrics und Produktion der besprochenen Releases in aller Tiefe und auf wertschätzende Weise.

»Dezent eskaliert«

Vor Kurzem hat Senfter die bereits dritte Ausgabe seines Printmagazins herausgebracht. Wobei es sich mit den satten 200 Seiten schon um ein Bookazine handelt. Über die Entstehung sagt er: »Mein erstes Magazin habe ich 2023 produziert. Ich bin Grafiker und wollte diese Arbeit mit meiner Leidenschaft für Musik und Journalismus verbinden. Heuer ist die ganze Sache dann dezent eskaliert.« Am Magazin arbeite er ganz allein, nur für den Feinschliff hole er sich seinen Vater mit ins Boot.

Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe liegt auf der K-PopSzene. »K-Pop ist so groß und so vielschichtig, dass ich mehr oder weniger einen Guide schreiben wollte, an dem sich völlige Genreneulinge orientieren können«, erklärt Senfter. Wichtig sei für ihn gewesen, auch auf die Hintergründe der Szene einzugehen und gleichzeitig zu betonen, wie sehr K-Pop eigentlich auf Schwarzer Musik aufbaue.

Auf die Frage, wie sich das alles zeitlich und finanziell ausgeht, antwortet Senfter: »Ich habe das Glück, während der Arbeit den ganzen Tag Musik hören zu können. Das heißt, ich kann dann relativ rasch die Gedanken niederschreiben, die ich mir während meines Alltags gemacht habe.« Loma Gerner

Das Pandroid Music Magazin kann online bestellt werden. Martin Senfters Musikreviews in Videoform finden sich auf dem Youtube-Kanal @pandroidmusic.

Auf der Suche nach dem authentischen Sound

Die Musik der afrikanischen Diaspora in Wien

»Mir bereitet es Sorgen, wenn Leute einfach auf eine coole Welle aufspringen, ohne den Kontext zu kennen.«
— Gawdesque

Amapiano, Soca, Afrobeats, Dancehall – die Afrodiaspora hat weltweit ihre musikalischen Spuren hinterlassen. Auch in unserer Bundeshauptstadt. Musiker*innen aus der Szene schildern ihre Perspektive. ———— Afrobeats liegt im Trend. Um diese Feststellung zu belegen, braucht es nur einen Blick in die Meinungssparten der weltweiten Musikpresse. Aber auch bei den Streamingdiensten scheint das Genre zu boomen. Laut Spotify sind die Hörzeiten seit 2020 in zahlreichen Ländern rasant gestiegen: beispielsweise um 4.530 Prozent in Indonesien, um 2.213 Prozent in Ägypten oder um 1.650 Prozent in Indien. In Österreich habe Afrobeats vor allem die Gen Z erreicht. Über zwei Millionen Stunden Afrobeats seien von den 18- bis 29-Jährigen zwischen September 2024 und August 2025 konsumiert worden. Dennoch sind Afrobeats und andere afrodiasporische Genres hierzulande noch weit entfernt vom Mainstream. Wir haben uns angesehen, warum das so ist und wie es um die lokale Szene steht.

Zunächst muss allerdings geklärt werden, was genau wir hier eigentlich anschauen. Und das ist gar nicht mal so einfach. Denn während Genres wie Amapiano, Soca, Afrobeats oder Dancehall in ihren jeweiligen Ursprungsländern oft für sich allein schon weitverzweigte Sammelbegriffe sind, wird die Situation noch unübersichtlicher, wenn man den Blick auf die weltweite afrikanische Diaspora richtet. Die Übergänge sind fließend, einzelne Artists wechseln zwischen verschiedenen Stilen, DJs spielen Tracks von mehreren Kontinenten im selben Set.

Von Nigeria in die Welt

Nehmen wir wieder Afrobeats als Beispiel: Ursprünglich aus Nigeria, wird die Bezeichnung dort oft synonym für zeitgenössischen Pop aus dem westafrikanischen Land benutzt. Die Wurzeln sind divers, aber ein Vorläufer, auf den sich scheinbar alle einigen können ist Fela Kuti. Der nigerianische Musiker und panafrikanische Aktivist kombinierte in den 1960ern die Musik seines Heimatlandes mit amerikanischem Jazz, Funk und Psychedelic Rock. Aber auch das ghanaische Fusiongenre Highlife sowie die lateinamerikanischen Stile Calypso und Salsa prägten, was er schließlich Afrobeat nannte – ohne S. Kuti gilt als erster international erfolgreicher Musiker aus Nigeria und hat die lokale Musikszene nachhaltig geprägt. Dementsprechend war er auch ein zentra -

Gawdesque ist nicht nur als DJ, sondern auch als Poetin* Teil der Wiener Kulturszene.

Ursprungsländer

einiger Genres

01 Afrobeats (Nigeria)

02 Amapiano (Südafrika)

03 Azonto (Ghana)

04 Dancehall (Jamaika)

05 Makossa (Kamerun)

06 Ndombolo (DR Kongo)

07 Soca (Trinidad und Tobago)

ler Referenzpunkt für aufkommende DIYProduzent*innen in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren. Angestachelt von freier Studiosoftware wie Fruity Loops, sinkenden Preisen für Aufnahmeequipment sowie Know-how-Austausch übers frühe Internet, explodierte die Szene in den folgenden Jahrzehnten. Und bekam den Namen Afrobeats – diesmal mit S. In den 2020ern etablierte sie sich dann eben zunehmend international. Nicht zuletzt abermals dank des Internets, nun in Form von Social Media.

Im Umfeld von Afrobeats wurden jedoch auch andere Genres aus einer afrikanischen Diaspora hochgespült, die sich aufgrund von Sklav*innenhandel, Kolonialismus sowie Flucht- und Migrationsbewegungen über das gesamte Dreieck zwischen Afrika, Europa und den Amerikas erstreckt. Überall ist die Geschichte eine ähnliche: Lokale Musiktraditionen mischen sich mit anderen Musikstilen der Diaspora. Oft überqueren sie gleich mehrmals den Atlantik. Jazz basiert als afroamerikanische Musikform auf westafrikanischen Rhythmen, beeinflusst dann Musiker*innen des jamaikanischen Ska oder des ghanaischen Highlife, nur um umgekehrt wieder Inspiration für US-amerikanischen Pop und Hip-Hop zu liefern, die wiederum auf Afrobeats und Co einwirken.

Und auch diese zeitgenössischen Genres breiten sich über ihre Herkunft hinaus aus: Da ist etwa Amapiano, das mittlerweile auch in Nigeria sehr populär ist, eigentlich aber in südafrikanischen Städten wie Johannesburg seinen Ausgangspunkt hat. Soca, ursprünglich aus Trinidad und Tobago, ist inzwischen in der ganzen Karibik populär. Der Stil hat sich aus Calypso entwickelt, der eben auch Afrobeat geprägt hat. Dancehall, das andere große Genre der tropischen Inseln, hat sich zunächst auf Jamaica als tanzbareres Geschwister von Reggae etabliert. »Weltweite Pophits werden schon auch in der Karibik gespielt, aber die eigentlich populäre Musik ist Soca und Dancehall«, erklärt TJ Tall, der im Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen in der östlichen Karibik aufgewachsen ist. »Selbst am Heimweg im Bus laufen höchstwahrscheinlich diese Genres im Radio – zumindest auf den englischsprachigen Inseln.« Karneval in Wien

Der Sänger und DJ lebt seit 2020 in Wien. Die Soca-Szene in der Bundeshauptstadt schätzt er als eher inexistent ein, wenn man vom jährlichen Vienna Carnival absieht. Um Dancehall sei es etwas besser bestellt, aber vor allem auf Partys und im Sommer. Ganz generell scheint sich viel rund um Events und

Clubnächte abzuspielen. Soundgasm, Lituation, Lollipop oder Vinity sind nur einige der Reihen, die in wechselnden Venues aktuelle Hits der Genres spielen: »Was in Wien aufgelegt wird, ist ziemlich up to date«, meint TJ Tall. Auch Gawdesque, ebenfalls als DJ aber eher im Bereich Amapiano und Afrobeats unterwegs, sieht das ähnlich: »Auf den großen Afrobeats-Partys wie Soundgasm spielen sie die globalen Hits. Da gehen dann auch viele Nigerianer*innen hin. Aber sie spielen dort halt nur Songs, die schon durchgebrochen sind. Es gibt keinen Fokus auf lokale Acts.« Gawdesque ist selbst Nigerianerin* und wuchs mit der Musik bei Familienfeiern und Hochzeiten auf. Knapp nach der Pandemie lernte sie* dann in einem Workshop das DJing. Mittlerweile konnte sie* unter anderem bereits Sets bei Radio Rudina und FM4 für sich verbuchen. Für sie* ist es eine Priorität, mehr Raum für Afrobeats-adjacent Genres zu schaffen und den Leuten gerade junge Musiker*innen aus der Diaspora vorzustellen: »Als DJ ist man, finde ich, zuerst mal ein*e Tastemaker*in.« Sofern möglich lege sie* die Sets bewusst breit an, mache eine Weltreise durch die ganzen Diasporaländer daraus: »Einmal sind wir in Nigeria, einmal im Kongo, dann vielleicht in Südafrika und von dort springen wir in die Dominikanische Republik

Seine Augen – oft höchst kreativ – zu verbergen, ist ein

Markenzeichen von TJ Tall.

und schließlich nach Jamaika.« Auch Acts aus Österreich würden Gawdesque interessieren, aber: »Die Musik muss mir halt erst einmal selbst gefallen, bevor ich sie spiele.«

Authentische Musik der Afrodiaspora in Wien zu machen, sei jedoch kein leichtes Unterfangen, wie TJ Tall ausführt: »Was die Produktion angeht, habe ich bislang noch niemanden mit Erfahrung in meinen Genres gefunden.« Trotzdem arbeite er vorwiegend mit lokalen Producer*innen in Wien zusammen, denn die gemeinsame Arbeit im Studio sei für ihn essenziell. Doch: »Wenn ich in der Karibik leben würde, würde ich vermutlich andere Sounds verwenden. Zum Beispiel wollte ich schon immer Trompete und Posaune verwenden, wie sie in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren im Soca populär waren. Auf St. Vincent könnte ich einfach zu einer lokalen Band gehen und das einspielen lassen. Die wissen, wie das klingen muss.«

Soca Queered

Inhaltlich kreisen seine Songs häufig um sexuell explizite Themen – so wie oft bei Soca und Dancehall –, allerdings mit einem Twist: »Ich möchte das für queere Menschen zugänglich machen, ohne die Heteronormativität oder gar Homophobie, die es da häufig gibt. Man soll die Musik genießen können, ohne angefeindet zu werden.« Sein Zielpublikum sei nicht zuletzt die queere Community in der Karibik selbst. Diese müsse dort sehr diskret agieren, Partys würden immer Gefahr laufen, von der Polizei gecrasht zu werden. Thematisch könnte er dort nicht dieselbe Musik machen wie hier. Laut seinen Onlinezugriffen lebt der Großteil seines Publikums aber in Österreich: »Kaum jemand in der Karibik hört meine Musik.« Von Österreich aus ein Publikum in St. Vincent zu finden, sei eine schwer zu knackende Nuss.

Der Sänger Ozaii ist vor einiger Zeit aus Nigeria nach Wien gezogen. Manchmal habe er schon darüber nachgedacht, wieder zurückzugehen: »Wenn ich noch dort leben würde, könnte mich mein Produzent ganz anders pushen. In Nigeria gibt es eine gut etablierte Industrie dafür. Aber die wollen halt auch daran verdienen und das ginge leichter, wenn ich dort wäre.«

TJ Tall sieht auch noch ein anderes Problem: »Der authentische Sound ist wichtig. Und Soca aus der Disapora verfehlt den meistens. Sogar meiner, um ehrlich zu sein. Deswegen sage ich manchmal, dass ich Musik inspiriert von Soca und Dancehall mache. Ich arbeite eben nicht mit den Produzent*innen in der Karibik, die den Sound definieren.« Für sein Debütalbum, an dem er gerade arbeitet, wolle er karibische Genres deshalb zwar als Refe-

»Es gibt die Tendenz, Schwarze Musiker*innen in erster Linie als Entertainer*innen zu sehen, die Stimmung machen und einen gewissen Vibe bringen.«
— TJ Tall

renzpunkt hernehmen, aber auf Basis davon experimentieren. Wer weiß, vielleicht findet er dabei ja einen neuen Diasporasound für Wien. Rose May Alaba geht einen ähnlichen Weg. »Meine eigene Stimme habe ich gefunden, indem ich alle meine Herkünfte miteinander verbunden habe«, erzählt sie. »Wenn du meine neue Musik hörst, ist das nicht Afrobeats pur. Ja, es hat Elemente davon, aber es ist eine Fusion mit Dance, Pop, R’n’B und all dem, was mich in meinem Leben geprägt hat.« Ihre Mutter ist von den Philippinen, ihr Vater aus Nigeria, geboren und aufgewachsen ist

»Wenn ich noch in Nigeria leben würde, könnte mich mein Produzent ganz anders pushen. Dort gibt es eine gut etablierte Industrie dafür.« — Ozaii

sie in Österreich. Auch ihr Vater George war schon als Musiker tätig. Zunächst als DJ im African Club, dem Treffpunkt der nigerianischen Szene im Wien der Achtziger, und dann als Teil des Duos Two in One: »Ein paar Mal durfte ich mit auf Tour gehen«, erinnert sich Rose May Alaba. »Das hat mich auf jeden Fall inspiriert, Sängerin zu werden.«

Räumliche Distanz

Ihre ersten Solosingles klangen noch recht nach konventionellem Pop mit kräftigen R’n’B- Einflüssen. Das änderte sich 2017: »Ich wollte einfach wissen, woher ich komme, was meine Identity ist, wo meine Roots liegen. Und deswegen flog ich nach vielen Jahren wieder nach Nigeria und begann, dort Musik zu machen.« Sie arbeite mittlerweile fast ausschließlich mit nigerianischen Produzent*innen zusammen: »Es ist einfach authentischer, weil die Menschen die musikalische Sprache schon sprechen.« Die räumliche Distanz sei für sie bewältigbar: »Sicher geht mir die gemeinsame Arbeit im Studio ab. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich öfter in Nigeria aufnehmen. Das ergibt sich leider nicht immer, weil die Entfernung einfach zu groß ist. Aber heutzutage ist alles ohnehin schon so technisch, dass man nicht unbedingt im selben Raum sitzen muss.«

LIV, LOVE, LAUGH STRÖMQUIST

VON LIV STRÖMQUIST & ADA BERGER REGIE ANNA MARBOE

Das Publikum für ihre Musik sei global gestreut, so die Sängerin, es finde sich überall, wo es Nigerianer*innen gibt: »Und die gibt es heute an fast jedem Ort und sie bringen überall stolz ihre Herkunft mit.« Doch mit dem österreichischen Mainstream scheint es auch ihr nicht leicht zu fallen: »Österreich ist ein sehr traditionelles Land, das Neues nicht immer willkommen heißt. Afrobeats wirst du vermutlich selten im Radio hören.«

Doch so wahrscheinlich es auch sein mag, dass rassistische Vorurteile eine Rolle spielen, wenn auf Ö3 keine Musik gespielt wird, die zu sehr nach Afrika klingt, mit Sicherheit feststellen lässt sich dieser Zusammenhang kaum. »Es ist immer schwer zu sagen, was Rassismus ist und was einfach generell eine Schwierigkeit der Musikindustrie«, befindet auch TJ Tall. »Du kriegst ja auch kaum Rückmeldung auf Anfragen bei Radiosendern.« Im persönlichen Kontakt bei Gigs seien eingefahrene Denkmuster schon deutlicher zu spüren: »Es gibt die Tendenz, Schwarze Musiker*innen in erster Linie als Entertainer*innen zu sehen, die Stimmung machen und einen gewissen Vibe bringen. Dabei wird vergessen, dass wir auch Menschen mit Gefühlen sind, das kann schon mal zu übergriffigem Verhalten führen«, so der Sänger.

Mehr als ein Trend

Deshalb sei es gerade bei Partys, auf denen Genres der Afrodiaspora gefeiert werden, wichtig, nicht den notwendigen Respekt zu vergessen, erklärt Gawdesque: »Wenn die Anerkennung fehlt und die Menschen, die die Szene eigentlich kreiert haben, keinen Platz mehr haben, dann wird das zum Problem.« Gawdesque ortet eine gewisse Ungeduld in der Partyszene, wenn nicht nur die erwarteten Hits gespielt werden oder ein Song mal etwas länger braucht, um sich aufzubauen. »Clubbesucher*innen sollten mehr Flexibilität mitbringen und die DJs sollten sich trauen, das Publikum mehr zu fordern«, meint sie*: »Mir bereitet es Sorgen, wenn Leute einfach auf eine coole Welle aufspringen, ohne den Kontext zu kennen, und dann wieder weg sind, sobald die Aufmerksamkeitsspanne der Social Media vorbei ist.« Oder, wie Rose May Alaba sagt: »Ich würde mir wünschen, dass der Trend auch bleibt – also eben nicht nur ein Trend ist, der wieder vorübergeht.« Bernhard Frena

Die neue – noch namenlose – EP von Rose May Alaba erscheint im April, »Another Heartbreak Song«, die nächste Singleauskopplung daraus, bereits am 13. Februar. Das Debütalbum von TJ Tall hat noch kein fixiertes Releasedatum. Auf www.tjtall.com gibt es weitere Infos zum Musiker. Das Radio-Rudina-Set von Gawdesque findet sich auf dem Youtube-Kanal des Senders. Ihr* Auftritt in »Dalia’s Late Night Lemonade« vom 17. Jänner lässt sich online im FM4-Player nachhören.

»Meine eigene Stimme habe ich gefunden, indem ich alle meine Herkünfte miteinander verbunden habe.«
— Rose May Alaba
Rose May Alaba lässt sich von ihren Besuchen in Nigeria inspirieren.
Patrick Münnich

KindernothilfeBotschafterin

Neiyla in Chile

Mehr über Neiyla und ihr Engagement für die Kindernothilfe Österreich

Musik und Menschlichkeit –

Neiyla mit der Kindernothilfe Österreich

in Chile

Kindern in den ärmsten Regionen der Welt ein besseres Leben zu ermöglichen, das ist das erklärte Ziel der Kindernothilfe Österreich . Die Musikerin Neiyla engagiert sich schon seit einigen Jahren für die Hilfsorganisation. Als Botschafterin der Kindernothilfe besuchte sie vor Kurzem fünf ihrer Projekte in Chile.

Lena Ho elner aka Neiyla ist soziales Engagement wichtig. So unterstützte sie etwa schon vor einiger Zeit das Kindernothilfe-»Herzensprojekt« Baan Doi in Nordthailand und stellte diesem mit dem Song »Unthinkable« einen musikalischen Begleiter zur Seite: »Let’s do the unthinkable. Let’s make it possible.«

Zuletzt reiste die aus Oberösterreich stammende Musikerin gemeinsam mit einem Team der Kindernothilfe nach Chile, um fünf Projekte in Santiago und Concepción zu besuchen. In diesen setzt man sich für Kinderrechte ein und bietet Kindern aus besonders schwierigen Lebenssituationen Bildung, Freizeitangebote sowie sozialen Halt.

Selbstbestimmtes Leben

Platzmangel, prekäre Wohnsituationen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt durch rivalisierende Banden – so sieht der Alltag in den Armensiedlungen Chiles aus. Unzählige Kinder wachsen dort unter schwierigsten Bedingungen auf. Die Kindernothilfe scha t mit ihren Einrichtungen sichere Räume, in denen Talent gefördert und Bildung ermöglicht wird. Für viele Kinder der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.

Mit ihrer Musik etwas bewegen zu können, ist Neiyla ein großes Anliegen. Bei ihrem Besuch in Chile hatte sie auch eine positive Botschaft des Empowerments mit dabei und performte ihren Song »Yes« für die Kinder und Jugendlichen. Dessen Message: Glaub an dich selbst!

Kreativ und engagiert

»Die Kinder beschrieben die Einrichtungen als Zuhause oder sogar als Herz in ihrem Körper. Ich war beeindruckt von ihrer O enheit, Vision und Eloquenz – und davon, wie kreativ und engagiert sie sich sozial einbringen«, schildert die Musikerin ihre Erfahrungen vor Ort. Mehrere Kinder hätten auch erzählt, dass sie vor dem Projektbesuch sehr schüchtern gewesen seien und nun selbstbewusst auftreten würden, weil ihnen Raum fürs Ausprobieren und Fehler-Machen gegeben werde. Neiyla: »Es bedeutet mir sehr viel, einen so direkten Einblick in die Arbeit der Kindernothilfe und das Leben der Menschen in Chile erhalten zu haben.«

Wer die Kindernothilfe Österreich unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende tun. Näheres unter www.kindernothilfe.at/helfen.

Eine richtige Version der Intervention Leopold Kessler »Automat Sospeso«

Mit Social Media wurde es ganz normal, sich in alles einzumischen. Zu allem darf man eine Meinung haben, diese hinterlassen, diskutieren, intervenieren. Wie leichtfüßig und menschlich Interventionen sein können, wenn sie im echten Leben stattfinden, für echte Menschen und mit einer Prise Selbstironie, zeigt Leopold Kessler. ———— Ironisch, aber nie spöttisch; witzig, aber nie albern; selbstreferenziell, aber nie narzisstisch. Leopold Kessler wechselt die Glühbirnen für die dunklen Tage und gibt Kaffee aus für die kargen. Seine Arbeiten greifen ins Stadtleben ein. Aber man kann durchaus behaupten, sie machen es besser, nicht zuletzt durch ihre beschwingte Qualität. Dabei haben sie auch etwas zu sagen – stets mit Zwinkern, mit Zeitgeist, ohne Zögern, mit einer gewissen Zartheit der Welt und ihrer Bevölkerung gegenüber.

Ein Beispiel: Caffè sospeso ist eine neapolitanische Gepflogenheit, bei der man zum eigenen Espresso einen weiteren zusätzlich bezahlt, der vom Personal notiert wird. Auf Anfrage wird er von der Bar an eine Person ausgeschenkt, die dann im Gegenzug nichts bezahlen muss. Manchmal habe ich vielleicht kein Kleingeld dabei, manchmal dafür ein wenig mehr einstecken. Oder vielleicht möchte ich einfach jemandem etwas Gutes tun. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch der »Automat Sospeso«, den Kessler ursprünglich in Innsbruck aufgestellt hat.

Belebender als ein Espresso, dieser Blick auf die Welt. Zwar würde ich gerne sagen, dass uns Nächstenliebe inhärent sei, aber ich verschlucke mich schon beim Gedanken. Kessler hilft da ein wenig. »Automat Sospeso« nimmt uns die performative Nächstenliebe, nimmt uns die Scham, wenn wir Nächstenliebe in Anspruch nehmen müssen, und ist dabei einfach eine bereichernde Intervention – eben nicht die Art von Kunst im öffentlichen Raum, bei der jemand das eigene Revier mit einer fragwürdigen Skulptur markiert, um zu beweisen, dass man auf der Welt war.

Natürlich schreibt auch Kessler spätestens mit den Videoaufnahmen der Einmischungen seinen Namen dazu – aber das macht ja sogar der mysteriöse Banksy. Die Kompetenz braucht Provenienz, um als Kunst zu funktionieren. Irgendjemand muss doch ein wenig Witz und Wahnsinn in den grauen Alltag bringen, irgendjemand muss doch ein wenig Unfug treiben. Ich kann mir vorstellen, ein paar Behörden sind nicht immer zu hundert Prozent begeistert gewesen – sofern sie die Aktionen überhaupt bemerkt haben. Vielleicht haben sie auch manchmal einfach nichts gesagt. Wer kann guten Interventionen schon böse sein, denn alles ist vermutlich leichter mit einem Lächeln auf den Lippen. Einem Lächeln mit freundlicher Genehmigung von Leopold Kessler. Veronika Metzger

»Im Wien Museum Musa ist noch bis 17. Mai unter dem Titel »Leopold Kessler. Arbeiten im ö entlichen Raum« eine »Mid-Career-Show« zum Werk des Künstlers zu sehen. Neben »Automat Sospeso« gibt es einen steinernen großen Zeh zum Nägelschneiden und weiteren leichtfüßigen Spaß.

Beats bauen statt Etüden üben

Hip-Hop made in Vienna: Prodbypengg

Nachwuchspreis Musikjournalismus

Hot Take: Die spannendsten deutschsprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der österreichischen Hauptstadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünfteiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Diesmal: Prodbypengg. ———— Die Suche nach dem perfekten Künstler*innennamen kann ein langwieriger, nervenraubender Prozess sein. Es sei denn, man wird schon bei der Geburt mit einem Namen gesegnet, der so eigen ist, dass kein Weg an ihm vorbeiführt. Zum Beispiel: Pengg. Rapfans in Österreich und weit darüber hinaus ist der Name seit Jahren ein Begriff. Grund dafür sind Hits wie Bibizas »Casanova« oder »Nimmasatt« von Eli Preiss und Makko, bei denen Demian Pengg-Bührlen aka Prodbypengg seine Finger im Spiel gehabt hat.

Wien ist nicht die Bronx Als Produzent hat es der 25-jährige Wiener weit gebracht – räumlich ist er sich dabei treu geblieben. Aufgewachsen im zweiten Bezirk, hat sich sein Lebensmittelpunkt nie weiter als ein paar Straßen verlagert. Und so öffnet er mir an einem kalten Dezembernachmittag die Tür zu seiner Altbauwohnung in der Taborstraße. Sein Studio ist vollgestopft mit Musikequipment, lädt aber dennoch gleichermaßen zum Musikmachen wie zum Entspannen ein. Prodbypengg lässt sich einen Espresso aus der Siebträger und nimmt auf seinem Produzentensessel Platz.

Unser Gespräch beginnt mit einem Disclaimer: »Ich mache eigentlich sehr wenig Hip-Hop in letzter Zeit«, erklärt er. Doch was bedeutet der Begriff Hip-Hop mittlerweile überhaupt noch? »Da denke ich an die vier Elemente: Rappen, Breaken, DJing, Graffiti. Das ist nicht die Kultur, mit der wir hier in Wien aufwachsen.« Vieles von dem, was derzeit unter dem Schlagwort Hip-Hop lanciert werde, verstehe der Musiker auch

zunächst zum klassischen Klavierunterricht geschickt. Als ihm das ewige Etüdenüben zu viel wurde, wechselte er an die Pop Akademie, wo er Improvisieren lernte und in einer Funkband spielte. »Da machte mir das Musizieren das erste Mal wirklich Spaß«, erinnert er sich. Am Familiencomputer entdeckte er irgendwann die Musiksoftware Garageband, die anstelle von Videospielen zu seinem »Game« wurde.

»Der Wiener Sound zeichnet sich vor allem durch seine Diversität und Unabhängigkeit aus.« — Prodbypengg

schlichtweg als Pop. Das sei aber keineswegs abwertend gemeint. Im Gegenteil: Für Prodbypengg eröffne sich mit der Akzeptanz des Popbegriffs eine neue musikalische Freiheit.

Auch seine ersten Kontakte mit Musik hatten wenig mit Hip-Hop zu tun. »Mein Vater ist der größte Prince-Fan«, erzählt er, seine Mutter habe sich hingegen eher für die Strokes und die Rolling Stones interessiert. Trotzdem wurde er als Jugendlicher

Obwohl über solch kostengünstige oder -freie Software heutzutage scheinbar jede*r mit einem Laptop anfangen kann, Beats zu bauen, ist die Branche nach wie vor erschreckend undivers – gerade im Hip-Hop. Nichtmännliche Produzent*innen bleiben nach wie vor die absolute Ausnahme. Für Prodbypengg seien hier vor allem die vielen Männer in den Führungsetagen der Musikindustrie entscheidend, für die fehlende Diversität erst relevant

werde, wenn sie das Geschäftsmodell gefährdet: »Ein Festival, das kaum Frauen im Lineup hat, holt sich schnell einen Shitstorm«, meint er, »wie es hinter den Kulissen aussieht, ist aber egal.« So fehle es auch an Vorbildern, die zeigen, dass eine Karriere als Produzentin möglich ist.

Prodbypenggs eigene Karriere startete so richtig, als er Bibiza nach einem Konzert fragte, ob er ihm nicht ein paar Beats schicken könne. Stattdessen verabredeten sich die beiden für eine Session, freundeten sich an und begannen, gemeinsam Musik zu machen. Das geplante Studium wurde dann schnell über Bord geworfen: »Ohne Franz (Bibiza; Anm.) hätte ich wahrscheinlich Physik studiert«, meint Prodbypengg und lacht.

Pandemic Records

Dank ihm lernte er anschließend weitere Künstler*innen kennen. Er arbeitete früh mit Eli Preiss zusammen, als diese gerade begann, deutschsprachige Musik zu machen. Dann kam die Pandemie. Prodbypengg schloss sich gemeinsam mit einer Handvoll Künstler*innen im Studio ein. Besonders fruchtbar war die Zusammenarbeit mit der deutschen Rapcrew Boloboys rund um Makko, Beslik und Co, die damals viel Zeit in Wien verbrachten – »weil die Auflagen hier weniger streng waren und man in Wien gut skateboarden kann«.

An die 200 Songs produzierte er damals. Er lernte, unter Druck zu arbeiten und schnelle Entscheidungen zu treffen, während ihm die Rapper*innen über die Schulter schauten. Eine Fähigkeit, die seine Arbeit bis heute prägt. »Bei mir passiert alles in der Session«, sagt er. Einsam Beats zu bauen, um sie fremden Künstler*innen zu schicken, das sei nicht sein Ding. Stattdessen versuche er im Studio gemeinsam mit den Künstler*innen herauszufinden, wohin die Reise geht: »Ich finde es auch gut, wenn mir jemand sagt: ›Das ist scheiße!‹«

Banger Produced by Pengg Als Produzent sei er dabei kein reiner Dienstleister, sondern drücke sich – wie die Rapper*innen und Sänger*innen am Mikrofon – künstlerisch aus. In jeder seiner Produktionen stecke ein Stück Pengg. Und wie klingt Pengg? »Bei mir stehen immer Texturen und Drums im Vordergrund. Ich starte selten mit großen Chord-Progressions oder so was.« Hört man sich durch seine Diskografie, bestätigt sich das. Verzerrte Synthsounds treffen auf 808-lastige Trap-Drums, hier und da taucht ein Gitarren-Lick auf, an anderer Stelle setzen treibende Techno-Kickdrums ein.

Prodbypengg

Alter: 25

Bezirk: 1020

Dein Sound in einem Wort: Textur OG-Hip-Hop-Track aus Wien: Bibiza & Prodbypengg »2 Minuten« No.-1-Newcomer*in: Kittyyy

Obwohl Demian Pengg-Bührlen durch und durch Wiener ist, läuft sein Business seit einiger Zeit über Berlin. Wie bei vielen österreichischen Musiker*innen ab einer gewissen Größe. Woran das liegt? »In Wien gibt es einfach kaum Musikindustrie«, erklärt der Produzent, »bei Sony sitzen mittlerweile leider nur noch drei Leute und verwalten die Rechte für Falco.« Mangels aktiver Majors fehle in Österreich einfach das Geld und viele Künstler*innen könnten hier nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen.

DIY-Ethos

Dass Wien häufig unter dem Radar der internationalen Musikindustrie bleibt, hat allerdings auch seine Vorteile. Da selten das große Geld winkt, entsteht Kunst aus Leidenschaft. Musik aus Österreich, sei es Hip-Hop oder Pop, kann daher ausgefallener klingen. »In Berlin ist das anders«, erzählt Prodbypengg, »da kommt der A&R (verantwortlich für »Ar-

tists and Repertoire«, Anm.) in die Session und hält ein halbes Meeting ab, während man einen Song machen möchte.«

Bringt diese Gemengelage so etwas wie einen Wiener Hip-Hop-Sound hervor? Prodbypengg überlegt kurz, sagt dann: »Das ist schwierig zu beantworten, der Wiener Sound zeichnet sich vor allem durch seine Diversität und Unabhängigkeit aus.« Künstler*innen mit starkem Profil und eigener Soundästhetik. Und in vielem davon steckt eben auch ein Stück Pengg.

Jannik Hiddeßen

Aktuelle Infos zur Musik von Prodbypengg lassen sich auf seinem Instagram-Kanal @prodbypengg finden.

Dieser Text ist im Rahmen des The-GapNachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.

»Das Leben annehmen, wie es kommt«

Valerie Pachner über ihre Rolle im Film »Vier minus drei«

Wie man dem Leben nach einem Schicksalsschlag neu begegnen kann, das ergründet Adrian Goiginger in »Vier minus drei«. Zwischen dem Verlust ihrer Familie und ihrem Dasein als Clownin findet Barbara, gespielt von Valerie Pachner, einen Weg, mit ihrer Trauer umzugehen. ———— Barbara und ihr Ehemann Heli sind professionelle Clown*innen – sie im Krankenhaus, er auf der Bühne. Mit ihren beiden bezaubernden Kindern Fini und Thimo führen sie ein von Liebe und Lachen erfülltes Familienleben. Dass sich das innerhalb weniger Sekunden schlagartig ändern kann, muss Barbara schmerzlich feststellen, als Heli und die beiden Kinder bei einem tragischen Verkehrsunfall sterben. Das Leben, wie sie es kannte, gibt es nicht mehr. Doch als Clownin weiß Barbara, dass man diesem Verlust auch auf Umwegen begegnen kann. »Vier minus drei«, unter der Regie von Adrian Goiginger, basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Barbara Pachl-Eberhart. Eine wahre Geschichte über Liebe, Hoffnung und die Grenzen von Kunst, die bei aller Komik tragischer nicht sein könnte.

Was hat dich an der Rolle der Barbara interessiert?

VALERIEPACHNER: Adrian (Goiginger, Anm.) kam schon vor Jahren bei der Berlinale auf mich zu und pitchte mir die Idee zum Film. Schon damals fand ich diesen Kontrast einer Clownfigur und einer Person, die so einen krassen Schicksalsschlag erleidet, überaus spannend. Als ich dann Barbara Pachl-Eberharts Buch las und mich mit ihrer Geschichte näher

auseinandersetzte, beschäftigte mich vor allem auch der Gedanke, wie jemand überhaupt auf diese Weise mit so einem Schicksalsschlag umgehen kann. Wenn mir das passieren würde, würde ich, glaube ich, ganz anders reagieren. Ich wäre wohl eher wütend und würde mich fragen, »warum ich?«, weil es mir schon bei kleineren Dingen so geht. Dieser Zugang hat mich also wahnsinnig fasziniert.

Wie hast du dich für diese emotionale und schmerzerfüllte Geschichte vorbereitet?

Lustigerweise habe ich mich gar nicht konkret auf die emotionale Sphäre vorbereitet, sondern mehr auf das Clownsein, die Familiendynamik und das Mindset, das diese Figur haben muss. Für mich war schon allein die Vorstellung dieser Situation, in der Barbara ist, so berührend und traurig, dass ich mir da emotional gar nicht viel mehr holen musste. So funktioniere ich aber generell in meinen Rollen. Mir geht es mehr um das große Ganze und das Eintauchen und das Sein in einer Welt. Wenn das für mich alles klar ist und ich weiß, wie meine Figur funktioniert, dann kann ich gemeinsam mit ihr durch diese Geschichte gehen, und alles andere kommt von selbst.

Gab es während der Dreharbeiten einen intensiven Austausch mit Barbara PachlEberhart, deren wahre Geschichte der Film ja erzählt?

Barbara war vor allem auf Drehbuchebene sehr stark involviert und sprach viel mit Senad (Halilbašić, Anm.) und Adrian. Auch ich

»Die Stärke von Clown*innen ist, das Leben und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und im kleinen Wunder etwas Positives für das eigene Dasein zu finden.«
— Valerie Pachner

Valerie Pachner verwandelt sich in »Vier minus drei« gleich doppelt: zunächst in Barbara und dann in deren Clownfigur.

traf mich mit ihr und wir tauschten uns viel über unsere jeweiligen Leben aus. Dadurch, dass sie ihre eigenen Emotionen in ihrem Buch schon genau beschreibt, gab es für mich gar nicht mehr so viele offene Fragen. Sie half mir aber sehr dabei, zu verstehen, wie man in einer derart tragischen Situation trotzdem noch positiv bleiben kann.

»Vier minus drei« nimmt uns mit in ein Universum, das den meisten doch sehr fremd ist. Wie ist dein Verhältnis zur Clownwelt und wie hast du das Eintauchen in diese erlebt?

Vor dem Clownsein hatte ich tatsächlich am meisten Respekt, weil ich das zuvor noch nie gemacht hatte. Ich kannte zwar Clowntheater und hatte in der Schauspielschule auch kurz Clownunterricht, aber richtig an einer Figur zu arbeiten, die außerdem an jener von jemand anderem angelehnt ist, war dann doch noch mal was anderes. Diese Clownwelt, in der so viel Poesie und auch Widerstandskraft steckt, war während der Dreharbeiten ein sehr wichtiger Aspekt.

Und wie viel von dir persönlich steckt in der Rolle drinnen?

Mir war klar, dass diese Figur etwas sehr Feines und auch Persönliches haben muss. Aber natürlich versuchte ich auch, mich an Barbara und »ihrer« Clownin Heidi Appenzeller zu orientieren. Das war darstellerisch schon eine Herausforderung – gerade auch der Schweizer Akzent. Die Clownszenen waren alle improvi-

siert, und ich wusste, wenn das nicht aus mir selbst kommt, dann wird das schnell merkwürdig. Ich musste meine eigene Clownin finden, sie für mich kreieren. Und mich dennoch Barbaras originaler Figur annähern.

Komik und Tragik lösen sich im Film ständig ab und sind so beide stets präsent. Inwiefern habt ihr diese beiden Ebenen während der Dreharbeiten voneinander getrennt?

Es wurde schon versucht, das ein bisschen auseinanderzuhalten, aber im Endeffekt mussten wir ziemlich hin- und herspringen. Wie das so ist beim Film, hängt das natürlich von sehr vielen Faktoren ab und richtet sich oft nach den Locations. Die Aufnahmen im Krankenhaus zum Beispiel, die in Deutschland stattfanden, sind auf der einen Seite diese lustigen Clownszenen, auf der anderen aber diese tragischen Momente mit Fini und Thimo, die viele Emotionen abverlangten. Es war also tatsächlich immer beides sehr präsent.

Fühlt man sich als Schauspielerin von so intensiven Emotionen selbst manchmal überwältigt? Wie holt man sich da wieder raus?

Ja, es nimmt mich immer wieder mit. Man gewöhnt sich auch nicht wirklich daran. Gerade bei so einem Film, bei dem es auf emotionaler Ebene sehr intensiv werden kann, lasse ich das Raustreten während des Drehs teilweise sogar weg. Ich nehme diese Gefühle dann eher mit, weil auch gar nicht so viel Zeit dafür ist, immer wieder neu einzusteigen.

Das große Loslassen findet für mich dann erst im Anschluss an die Dreharbeiten statt. Das braucht dann auch seinen Raum.

An einer Stelle im Film sagt deine Figur: »Ich wünschte, ich wäre manchmal wirklich Heidi Appenzeller. Die wüsste, was zu tun wäre.« Inwiefern hat diese Rolle deinen Blick auf das Leben verändert? Was können wir alle davon mitnehmen? Abgesehen davon, dass der Film von tiefer Trauer erzählt, und davon, wie man mit schweren Schicksalsschlägen umgehen kann, geht es für mich auch darum, wie man das Leben so annehmen kann, wie es ist. Es erzeugt enormen Druck, ständig sein Leben neu gestalten und Träumen hinterherjagen zu müssen. Wie bei Heli, der in einer seiner Clownszenen von einem riesigen Ballon erdrückt wird. Für mich geht es ganz stark darum, das Leben so anzunehmen, wie es kommt – und das, was nicht ist, auch loslassen zu können. Deshalb ist das Clownsein für mich so etwas Besonders: ein einfaches Menschendasein, das nicht davon geprägt ist, dass alles perfekt und optimiert sein muss. Clown*innen arbeiten mit ihren Fehlern, ihrem Scheitern und damit, was sie nicht können. Ihre Stärke ist, das Leben und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und im kleinen Wunder etwas Positives für das eigene Dasein zu finden. Anja Linhart

»Vier minus drei« feiert im Februar bei der Berlinale seine Weltpremiere. Am 6. März läuft der Film in den österreichischen Kinos an.

Mit Spaß zu Verständnis Die EU spielerisch erleben

Wenn selbst in der Schule Demokratiebildung höchstens als Nebenthema abgehandelt wird, ist es kein Wunder, dass das Verständnis für komplexe demokratische Prozesse sinkt. Um jungen Menschen die Funktionsweise der Europäische Union näherzubringen, setzen einige Initiativen deshalb auf spielerische Ansätze. ———— Die Würfel fallen. Acht Schritte weiter und die Spielfigur kommt auf der Kärntner Straße zum Stehen. Macht 300 Euro Miete. So viel hast du nicht? Dann heißt es wohl Geld ausborgen und auf den rettenden Wurf hoffen. Mit etwas Glück erfüllt sich für dich doch noch der goldene Traum. »Monopoly« ist wohl die zugänglichste Erklärung für die Mechanismen des Kapitalismus und eine erste Vorbereitung auf das ernste Spiel mit dem echten Geld. Gamification ist nicht nur ein Lieblingswort der 2010er-Jahre, sondern hat sich auch in unserem Alltag etabliert. In Österreich gibt es beispielsweise mit »KHG – Korrupte haben Geld« ein Brettspiel, das Fälle wie den Hypo-Alpe-Adria-Skandal spielerisch auf den Tisch bringt. Vertrauensverlust in die Mitspieler*innen inklusive. Mit diesem augenzwinkernden Ansatz lassen sich trockene Themen leichter vermitteln.

Trocken, das beschreibt auch die EU recht gut: Wenige demokratische Institutionen sind so komplex und von einer so undurchschaubaren Gemengelage geprägt – schon wegen der zahlreichen Mitgliedsstaaten. In vielen Köpfen entsteht so das Bild, dass Entscheidungen in Brüssel ohne Einbeziehung der europäischen Bevölkerung getroffen würden. Rechte Parteien sind schon lange auf diesen Zug aufgesprungen und stellen die Europäische Union nur allzu oft als Inbegriff des Bösen dar. In den letzten Jahren ist diese EUSkepsis markant gestiegen. Laut Zahlen der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik sind mittlerweile rund 30 Prozent der

Österreicher*innen für einen Austritt. 2019 waren es noch acht Prozent.

Doch gerade junge Europäer*innen sehen das anders. Keine Altersgruppe sonst zeigt sich so offen und positiv gestimmt gegenüber einem geeinten Europa. Obwohl die jungen EU-Fans vermehrt an die Urne gehen und von ihrem EU-Wahlrecht Gebrauch machen, tun auch sie sich schwer, den Demokratiedschungel zu durchblicken. Wer ist für was zuständig und wer verfolgt welche Interessen? Zumindest hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr vor Kurzem angekündigt, ab 2027 ein eigenes Fach zu Demokratiebildung in der Sekundarstufe I einzuführen.

Demokratische Rollenspiele

Das EU-Parlament selbst setzt unter anderem auch auf niederschwelligere Zugänge, etwa mit Rollenspielen. Damit ist keine Variante von »Dungeons & Dragons« oder »World of Warcraft« gemeint, vielmehr finden in der interaktiven Dauerausstellung »Erlebnis Europa« in Wien seit 2023 täglich Demokratierollenspiele statt, die »Politik raus aus trockenen Vorträgen und rein ins echte Erleben holen« sollen, erklärt Arthur Gucci, Leiter dieser Wiener Zweigstelle des europa-

weiten Projekts. Das Europäische Parlament vergleicht er mit einem Stammtisch. Seine Aufgabe sieht er nicht nur darin, diesen der EU-Bevölkerung schmackhaft zu machen, sondern auch ein Gefühl zu vermitteln, wie Demokratieprozesse funktionieren. Wer bei so einem Rollenspiel mitmacht, erarbeitet als »Abgeordnete*r« Positionen zu fiktiven EURichtlinien. Das Planspiel sowie der Besuch im »Erlebnis Europa« sind gratis.

Spaß und Spiel

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Mitglieder des Europäischen Jugendparlaments (European Youth Parliament; EYP), einer Organisation der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa. In Österreich gibt es seit 25 Jahren einen Ableger, der Jugendliche hierzulande für die EU begeistern wolle, erzählt Selina Schweng. Sie ist EYP-Austria-Vizepräsidentin und zuständig für die nationale Koordination. Die Organisation wird von EUenthusiastischen Jugendlichen ehrenamtlich geführt und vermittelt in sogenannten Sessions ein Verständnis für parlamentarische Arbeit. Dort bilden die Teilnehmer*innen verschiedene Komitees, die sich an den unterschiedlichen Ausschüssen des Europäischen Parlaments orientieren. Das ITRE-Komitee setzt sich zum Beispiel mit dem Aspekt Industrie, Forschung und Energie auseinander. In den Komitees übernehmen die Jugendlichen die Rolle von Parlamentarier*innen und erarbeiten entsprechende inhaltliche Standpunkte. Dabei dürfen sie aber weiterhin ihre eigene Meinung vertreten. Am Ende kommen dann alle zusammen, um gemeinsam über die finalen Vorschläge zu diskutieren.

Diese spielerischen Demokratiesimulationen können für Neulinge durchaus fordernd sein. Sessions sind offen für alle EYP-Mitglieder aus den 36 verschiedenen Teilorganisationen in, aber auch außerhalb der EU. Statt sich jedoch ausschließlich auf Gesetzestexte

Komplexe Mechanismen der EU werden verständlicher, wenn sie spielerisch erlebbar sind.

zu stürzen, liegt das Hauptaugenmerk auf Teambuilding und dem gegenseitigen Kennenlernen. Isabelle ist sechzehn Jahre alt und war schon bei dreizehn verschiedenen Sessions. Sie habe dadurch internationale Freund*innen gefunden, mit denen sie auch heute noch in Kontakt sei. Sie fühle sich, seit sie beim EYP ist, vor allem als Europäerin –und erst danach als Österreicherin.

Viele der jungen Leute beim EYP engagieren sich im Laufe ihrer Mitgliedschaft auch als Organisator*innen weiterer Sitzungen. Und das nicht nur national, sondern in ganz Europa. Für alle stehe der Spaß im Vordergrund, das Lernen passiere so nebenbei, meint Selina Schweng. Es werde zwar über politische Forderungen abgestimmt, wichtiger sei aber das kritische Hinterfragen ebendieser. Um selbst kritisch zu bleiben: Die Teilnahme an internationalen Sitzungen schreit nach der Privilegienfrage. Auf mehrtägige Sitzungen

»Ich habe in diesen fünf Tagen bei meiner ersten Konferenz mehr über die EU gelernt als in zwei Semestern EU-Studies.«
— Ian E. Traussnig
Ian E. Traussnig, MEU Vienna

ins Ausland zu fahren, ist keine billige Angelegenheit, auch wenn die Organisation versucht, bei Bedarf finanziell unter die Arme zu greifen. In Österreich gibt es als Alternative auch Minisessions. Diese laufen meist im schulischen Rahmen ab – unkomplizierter und nicht so teuer, aber mit dem gleichen Spaßfaktor.

Die Spielregeln der EU Für junge Erwachsene hört der Spielspaß nicht auf, aber die Regeln werden komplizierter. Die Model European Union (MEU) ist für so manche die Vorstufe zur echten EU-Politik. Letztes Jahr fand seit Längerem wieder eine MEU-Veranstaltung im Wiener Rathaus statt. Ian E. Traussnig, Politikwissenschaftsstudent, war einer der Organisator*innen und hat selbst auch schon an mehreren MEUs teilgenommen. Er ist überzeugt von der Rollenspielmethode: »Ich habe in diesen fünf Tagen bei meiner ersten Konferenz mehr über die EU gelernt als in zwei Semestern EU-Studies.«

Die Teilnehmenden übernehmen die Rollen von Parlament, Rat der Europäischen Union und Medien, die Organisation jene der Kommission. Außerdem gibt sie rechtliche Beratung, denn die Beteiligten arbeiten bei ihren Sitzungen mit echten Gesetzestexten. Traussnig lacht, als er erzählt, dass gerade bei Beschlüssen die Feinheiten der EU-Lingo zum Vorschein kämen. Zwischen »should« und »shall« würden etwa Welten liegen. Generell sei die EU voll von unausgesprochenen Regeln. Viele der Verhandlungen würden nicht auf offener Plenumsbühne passieren, sondern beim Kaffeeautomaten oder in der Mittagspause. Am Ende der MEU wird über die diskutierten Gesetzestexte abgestimmt. Dabei sollen die Teilnehmer*innen aber nicht ihre eigenen Positionen beziehen, sondern die jener Rolle, die ihnen zugeordnet wurde. Die Finanzierung der Veranstaltungen bleibe eine Herausforderung, erzählt Traussnig. Gleichzeitig wolle man die Teilnahmegebühr nicht

zu hoch ansetzen, denn schon jetzt sei eine gewisse Klientel in der Mehrheit – ähnlich wie beim EYP. Das liege aber nicht nur an Ressourcen, sondern auch am Interesse. Es gebe zwar Versuche, bildungsfernere Schichten anzusprechen, am Ende bliebe die MEU dennoch eine akademische Veranstaltung.

Ist Demokratie also nur ein privilegiertes Spiel, eine performative Machtbalance? Weltpolitisch steht die EU heute unter gewaltigem Druck und die alten Spielregeln werden von autoritären Machthaber*innen ausgehebelt. Diese Änderungen bahnen sich ausgehend vom Silicon Valley vermehrt auch virtuell an.

Zumindest vorerst haben jedoch in den digitalen Räumen auch der EU positiv gesinnte Projekte Platz. Eines davon hat Bernhard Zeilinger entwickelt. Die essenziellen Bausteine der EU werden in seinem Planspiel als virtuelle Büroräume in einer 3DAnsicht dargestellt. Zeilinger ist Professor

an der FH des BFI Wien und verwendet die Software schon seit Jahren, um seinen Studierenden die EU näherzubringen. Das Wort Spiel hört er dabei allerdings ungern. Er will es mehr als Simulation verstanden wissen und der Realität möglichst nahekommen. Insofern hält er es auch für vermessen, das Ganze in nur wenigen Stunden durchführen zu wollen. Das Planspiel wird bei ihm meist am Ende einer intensiven Vorbereitung durchgeführt, in der die Studierenden sich zuvor mit den Grundprinzipien der EU auseinandergesetzt haben.

EU Goes VR

Zeilinger gehe es vor allem darum, spürbar zu machen, dass die EU keine »Blackbox« sei. Jedes Land sei in EU-Entscheidungen eingebunden und werde gehört. Deshalb auch die hohe Komplexität der Entscheidungsfindungsprozesse. Als Teil des Erasmus+-Programms kommt sein Tool europaweit zum Einsatz. Eine Adaptierung für Schüler*innen sei ebenfalls geplant. Im Gegensatz zu den Offline-Pendants bleibt jedoch fraglich, inwieweit die virtuelle Simulation Spaß und Freund*innenschaften generiert.

Ob physisch oder digital: Im Spiel werden die komplexen Regeln der Europäischen Union verständlicher. Dabei bleibt aber zu bedenken, dass auch eine noch so realistische Simulation eine gelebte Demokratie niemals vollkommen wiedergeben kann. Denn statt Sieg oder Niederlage sollte dort immer der Kompromiss zählen. Und am Ende muss bei allem Spaß klar sein: Die Würfel fallen nicht im (simulierten) Brüssel, sondern in der Wahlkabine. Severin Weh

Weitere Informationen sowie eine Möglichkeit zum Beitritt zum Europäischen Jugendparlament gibt es unter www.eyp.at. »Erlebnis Europa« in der Rotenturmstraße 19 im ersten Wiener Gemeindebezirk hat täglich von 10 bis 18 Uhr geö net.

Adobe Stock, Peter Wolfgang Rösler
Bei der Model European Union wird unter anderem das Europäische Parlament simuliert.

»Chatbot, hilf mir mit meinem Abschluss!« Wenn Unis selbst KI zur Verfügung stellen

Neben zahlreichen kommerziellen Anbieter*innen, die KI-Tools für verschiedenste Zwecke bereitstellen, mischen auch Hochschulen in diesem boomenden Bereich mit, 32 davon etwa im Rahmen des Projekts »Academic AI«. Was sind die Folgen für Lehre und Studium? Was verändert die KI an der Universität tatsächlich? Und was nicht? ———— Vor etwa drei Jahren wurden generative KI-Modelle wie Chat GPT für die breite Masse zugänglich. Mittlerweile gibt es Chatbots wie Sand am Meer, AI-Slop in sozialen Medien und kaum ein Entkommen für alle Nutzer*innen des Internets. Ein Bereich, in dem der KI-Boom für besonders viel Kontroverse gesorgt hat, ist die Bildung: Berichte über Schummelversuche sowie Meldungen, dass Chat GPT große Teile der Matura bestehen könne und manche Hochschulen wegen zu viel studentischer KI-Nutzung vom Verfassen von Abschlussarbeiten absehen würden, schlagen regelmäßig und weltweit große Wellen. Man könnte also meinen, dass KI und universitäre Bildung schwer zusammengingen.

U:AI – Who Is She?

Demgegenüber steht das Kooperationsprojekt »Academic AI« des Unternehmens Acomarket, das KI-Modelle auf einer abgeschotteten Instanz, also in einem eigenständigen Bereich, zugänglich macht, ohne dass eingegebene Daten und hochgeladene Dokumente diese Instanz verlassen. Ziel des Projekts ist es, laut Anbieterin, eine generische und skalierbare Cloudplattform bereitzustellen, auf der Lar-

ge Language Models (LLMs) ohne Sicherheitsbedenken genutzt werden können. Mittlerweile sind 32 Hochschulen dem Projekt beigetreten, unter ihnen auch die Universität Wien mit ihrer U:AI. Aber wie kam es dazu, dass Universitäten KI zur Verfügung stellen, und was genau unterscheidet U:AI von anderen KI-Modellen?

»Für die Hochschulen war klar: KI ist da, ist gekommen, um zu bleiben, und darauf muss man reagieren«, erklärt Laura Gandlgruber, Programmmanagerin für KI in Studium und Lehre an der Universität Wien. »Ent-

sprechend muss man sowohl Mitarbeitenden als auch Studierenden eine gesicherte Umgebung zur Verfügung stellen, in der sie dieses Tool testen und dabei datenschutzkonform arbeiten können.« Die Teilnahme am Kooperationsprojekt sei natürlich auch eine Budgetfrage, weil Institutionen die hohen Kosten, die damit verbunden sind, eine jeweils eigene KI zu bauen, schwer stemmen könnten. Datenschutzkonform?

Anders als kommerzielle Tools, die fast monatlich ein neues Modell veröffentlichen, könne U:AI diesen Zyklus nicht einhalten, führt Gandlgruber weiter aus. Das zeigt sich auch im Praxistest: An die Leistungsfähigkeit von Chat GPT und Co scheint die Unisoftware nicht ganz heranzukommen. Die Vorteile von U:AI würden aber vor allem darin liegen, dass das Tool Studierenden und Lehrenden kostenlos zur Verfügung stehe und den geltenden Datenschutzbestimmungen entspreche: »Für Studierende ist das besonders relevant, wenn sie zum Beispiel mit Versuchspersonen arbeiten und personenbezogene Daten auswerten müssen. Mit einem kommerziellen Tool dürfte man das nicht«, so Gandlgruber. Sie ergänzt, dass man eigene Daten ohnehin nicht blind in irgendwelche Tools eingeben solle, weil man leicht die Kontrolle darüber verliere, was mit ihnen passiert. Im Rahmen von U:AI könne man außerdem für Aufgaben, die immer wieder anfallen, eigene kleine Chatbots bauen und diese auch teilen, was viele kollaborative Möglichkeiten eröffne.

Mit der Beteiligung an »Academic AI« reagiert man also auf eine technologische Realität, die längst an den Hochschulen angekommen ist. Aber ändert sich dadurch tatsächlich etwas an Lehre und Lernen? Laut Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik an der Universität Wien: nein. Zumindest in der Kurzfassung. Er erzählt von Behauptungen im pädagogischen Bereich, wonach KI-Systeme pädagogische Prozesse unterstützten, eine Individualisierung von Lernverläufen ermöglichten und damit Lernprozesse optimierten. Es gebe keine Verbesserung pädagogischer Prozesse durch digitale Technologien, so Swertz, weder durch KI-Systeme noch durch andere. »Das ist eine Geschichte, die seit den 1950ern erzählt wird und sich seitdem zuverlässig als falsch erwiesen hat.« Und es sei eine Lüge, dies weiter zu behaupten: »Über die Jahrzehnte hinweg ist das so gründlich widerlegt worden, dass man es nicht mehr anders sagen kann.«

Swertz’ Kritik richtet sich dabei nicht gegen einzelne Tools oder Projekte, sondern gegen ein Narrativ, das technologische Innovation regelmäßig mit pädagogischem Fortschritt verwechsle. Statt immer neue Technologien in Bildungsprozesse zu integrieren, plädiert er für eine stärkere Vermittlung von Mediengestaltung und Medienkritik. Junge Menschen sollten nicht nur lernen, Technologien zu bedienen, sondern auch ihre Funktionsweisen, Interessenslagen und Machtstrukturen zu hinterfragen. Medienkritik müsse dabei immer mit dem Kontext der Veröffentlichung von Informationen beginnen: »Wenn man eine Nachricht sieht, sollte die erste Frage nicht sein, ob das stimmt oder nicht. Es stimmt schließlich nie völlig. Die erste Frage muss sein: In welchem Medium wurde das veröffentlicht? Wem gehört das Medium? Welche Interessen vertreten die Besitzer*innen?« Dabei sei das Ziel, sich in einer komplexen Medienumgebung orientieren zu können und diese so mitzugestalten, dass man zufrieden in ihr leben könne – etwa, um sich selbst öffentlich zu äußern, an politischen Debatten teilzunehmen oder sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen.

Abseits der Debatte, ob KI Bildung verbessert oder nicht, stellt sich jedoch ganz praktisch die Frage, was sie mit dem universitären Alltag macht. Thomas Waitz, Tenure-Track-Professor für Medienkulturwissenschaft an der Universität Wien, ortet hier in erster Linie eine Vertrauenskrise. Man bekomme plötzlich Texte in einem Ton, den Studierende üblicherweise nicht verwendeten – eben im typischen ChatGPT-Sound, immer alert, wissend und perfekt in drei Punkte aufgeteilt. »Da ist das Vertrauen natürlich weg. Aus Lehrendensicht und potenziell auch aus Studierendensicht, denn auch Studierende können sich ja nicht mehr sicher sein, dass sie es tatsächlich mit Rückmeldungen von Lehrenden zu tun haben.« In zweiter Linie, meint er, würde unter dem Vorzeichen des KIBooms eine Frage neu aufgeworfen werden, die immer schon im Raum stand: Was ist eigentlich der Sinn von universitärer Bildung?

Eine Vertrauenskrise

Für Waitz führt diese Frage direkt zum Kern dessen, was an der Universität überhaupt unter Lernen verstanden wird: »Wenn Lernen vor allem Reproduktion von Wissen sein soll, also dass ich möglichst fehlerfrei wiedergebe, was Lehrende hören wollen, dann hat generative KI tatsächlich ›gewonnen‹«. In diesem Fall, so Waitz, brauche es die Universität in

ihrer bisherigen Form nicht mehr. Er habe jedoch eine andere Vorstellung von Lernen: Im Mittelpunkt sollte nicht das Ergebnis stehen, sondern der Prozess.

Außerdem betont er, dass sich die Frage nach dem Sinn universitärer Bildung nicht losgelöst von den Bedingungen stellen lasse, unter denen studiert wird. Viele Studierende stünden unter massivem Zeit- und Leistungsdruck: Zwei Drittel bis drei Viertel würden neben dem Studium arbeiten, während die

Universität auf Vollzeitstudien ausgerichtet sei. Gleichzeitig müsse die Universität möglichst viel Prüfungsaktivität vorweisen, um finanziert zu werden, und schaffe deshalb zum Beispiel mit Leistungsstipendien einen Rahmen, in dem Regelkonformität, Tempo und gute Noten besonders belohnt werden. Viele Studierende würden das Studium daher zunehmend als Abfolge von Prüfungen erleben, die es möglichst effizient zu bewältigen gelte. Da sei es kaum überraschend, dass nach Abkürzungen gesucht werde, und: »KI ist aus Sicht der Studierenden eine Abkürzung«, so Waitz. Nicht weil sie nicht lernen wollen würden, sondern weil die Rahmenbedingungen es ihnen zunehmend erschwerten, sich auf langsame, offene Lernprozesse einzulassen.

Nicht neu

Es zeigt sich vor allem eines: KI ist ein Werkzeug, darf aber keinesfalls eigene Leistung ersetzen. Wer in Zeiten vor leicht zugänglicher KI schummeln wollte, habe auch damals schon Wege gefunden, das zu tun, erklärt Laura Gandlgruber. Bestehende Ungleichheiten verschwinden durch neue Tools ebenfalls nicht, sondern passen sich diesen an. Wie bei früheren technologischen Umbrüchen verändern sich weniger die grundlegenden Strukturen von Bildung als die Mittel, mit denen gearbeitet wird.

Auch aus Christian Swertz’ Sicht hat sich nichts Grundlegendes verändert: Die theoretischen Konzepte, um KI-Systeme zu verstehen, seien seit Jahrzehnten bekannt, und der unhinterfragte Glaubenssatz, dass sich mit ihnen messbare Verbesserungen pädagogischer Prozesse erzielen ließen, nehme dogmatische, teils religiöse Züge an, meint er. Für Thomas Waitz liegt der Fokus ebenso nicht auf der Technologie selbst. Statt über neue Tools müsse man über den Sinn universitärer Bildung und die Rahmenbedingungen sprechen, die Lernen überhaupt ermöglichen: »Das sind ganz andere Fragen, und die haben überhaupt nichts mit KI zu tun.«

Dass KI trotzdem oft als derart transformativ inszeniert wird, liegt auch an den Interessen der Konzerne, die sie entwickeln und vertreiben. Ihre Geschäftsmodelle beruhen darauf, KI als leistungsfähiger und universeller darzustellen, als sie es tatsächlich ist, trotz hoher Fehlerquoten und begrenzter Verlässlichkeit. Für Studium und Lehre verschiebt sich dadurch weniger das Lernen selbst als die Verantwortung dafür, mit diesen Werkzeugen kritisch umzugehen. Simon Pfeifer

Nähere Informationen zu U:AI gibt es unter zid.univie.ac.at/uai. Christian Swertz hat zum Thema unter anderem die Texte »Künstliche Intelligenz statt Bildung« und »Nicht schon wieder« verfasst. Beide sind in der Onlinezeitschrift Medienimpulse erschienen.

Martina Janiba, privat
»Man liest, um entwerfen zu können, wer man sein möchte«

Ein queer-feministischer Blick auf den Literaturkanon

Bei O*Books wird der Kanon auf den Kopf gestellt: Queerness zieht sich durch das ganze Geschäft.

Dass heute nicht mehr gelesen werde, ist eine viel beschworene, kulturpessimistische Behauptung. Was aber bedeutet diese These und was hält man ihr entgegen? Bianca-Maria Braunshofer, Gründerin der Buchhandlung O*Books, und die Romanistin Christina Ernst spüren frischen Wind in der Literatur. ———— Das Thema Bildung wird seit jeher politisiert. Nicht nur die Frage, wer gebildet ist und wie gebildet wird, entscheidet sich politisch, selbst was Bildung überhaupt meint, muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Und auch im aktuellen Kulturkampf zieht sich die Bildung durch so manche Argumentationslinie: Es werde nicht mehr gelesen oder was gelesen wird, sei keine echte Literatur, heißt es gerne von konservativer Seite. Komisch, denn sollte es beim Lesen von Literatur nicht eigentlich darum gehen, immer Neues zu entdecken – oder zumindest das Bekannte immer neu zu lesen?

Eine, die es sich zum Ziel gesetzt hat, neue Perspektiven auf die Literatur zu ermöglichen, ist die Buchhändlerin Bianca Braunshofer. Sie hat im Februar 2022 als CoGründerin die Buchhandlung O*Books im Nordbahnviertel in Wien-Leopoldstadt eröffnet – ein Laden, der ein bisschen aussieht wie ein Co-Working-Space, mit Couches und großen Fenstern.

Braunshofer beschreibt O*Books als Buchhandlung, die versuche, anderen Stimmen einen Platz zu geben. Dabei würden aber keine Bücher von vornherein ausgeschlossen. Denn O*Books sei nicht einfach auf ein thematisch orientiertes Sortiment beschränkt, s ondern queer-feministisch »fokussiert«. Dem Team gehe es darum, den Kund*innen die Möglichkeit zu geben, Neues zu entdecken – zwischen den Klassikern, die auch im Laden verkauft werden. So findet man bei O*Books nicht nur Caroline Wahl, Mareike Fallwickl oder Elfriede Jelinek, klar, sondern auch ein ganzes Regal überschrieben mit »Literatur männlicher Autoren«, denn »die schreiben ja auch ganz gut«, findet Braunshofer.

Integrierter Feminismus

Ein als »queer« bezeichnetes Regal sucht man dagegen vergebens. O*Books will nämlich umsortieren, den gegenwärtig überwiegend eher männlichen Elfenbeinturm, der sich Literaturkanon nennt, ein bisschen auffrischen. Die Intention sei, nicht einfach zusätzlich feministisch zu sein, sondern den Feminismus zu integrieren, in alle Regale, in das ganze Sortiment.

Literatur, das sagt Braunshofer auch, gehe Hand in Hand mit Bildung: »Die Begriffe kann man eigentlich synonym verwenden.« Wichtig sei ihr zu betonen, dass Bildung nicht

Bianca-Maria

Ausschluss bedeute. Also nicht die Unterscheidung von gebildet und ungebildet, sondern einen Prozess, der häufig durchs Lesen stattfinde. Anstatt hierarchisch entscheiden zu wollen, was es wert ist, gelesen zu werden, geht es Braunshofer erst einmal darum, »zu lesen und lesen zu lassen«.

Jenseits enger Schubladen

Auf Basis dieses frischen Ansatzes hat BiancaMaria Braunshofer gemeinsam mit Marlon Brand und Tobi Schiller kürzlich auch das Buch »Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm« geschrieben. Darin versuchen die drei, auf verständliche Weise und mit ein bisschen Witz, dem Lesen als Bildungspraxis näherzukommen. In einem Kapitel stellt die studierte Germanistin dabei die entscheidende Frage: »Wird queere Literatur durch ein Regal sichtbar gemacht – oder vielmehr abgetrennt?«

die Idee, sich Queerness als öffnenden und fluiden Begriff vorzustellen, wie es auch in Braunshofers Buch beschrieben wird: »Sexuelle und geschlechtliche Identitäten werden als fluide angesehen, starre Kategorien von und Sichtweisen auf Geschlecht und Begehren hinterfragt.« Oder, wie sie im Gespräch meint: »Ich bin zwar Germanistin, aber die Schubladen dieses Fachs sind mir zu eng, die meisten Kategorien zu starr.« Deswegen sei O*Books auch an einem breiteren Sortiment als es üblicherweise in Buchhandlungen vorhanden ist, interessiert.

Zwischen unterschiedlichsten Sachbüchern findet sich dort auch ein kleines rotes Büchlein des französischen Philosophen Emmanuel Beaubatie. »Bin ich kein:e Feminist:in?« heißt es. Das führt gleich zu einer zentralen Frage: Für wen ist dieser Laden eigentlich gedacht? Wer kommt hier rein? Oder: Was unterscheidet eine feministisch fokussierte Buchhandlung – die Bezeichnung ist der Buchhändlerin wichtig – von einer feministischen Buchhandlung? »Wir wollen, dass auch Menschen, die nicht ohnehin queere Literatur lesen, mit dieser in Berührung kommen«, sagt sie. Aufs Lesen vertrauen

Für das ganze Team sei es ein besonderes Anliegen, Lesefreude auch bei Personen zu wecken, die noch nicht von sich aus mit Büchern umgehen. Deswegen veranstaltet Braunshofer, die auch gelernte Pädagogin ist, Leseveranstaltungen speziell für Kinder. Dort wird zum Beispiel das Lautlesen trainiert, begleitet

»Wird queere Literatur durch ein Regal sichtbar gemacht –oder vielmehr abgetrennt?«
— Bianca-Maria Braunshofer

Zumindest für O*Books hat sie sich, zusammen mit ihrem Team, entschieden, Queerness nicht einen eigenen Platz zu geben, sondern über die Ladenfläche zu verteilen. Im Jugendbuchregal steht ein Buch mit dem Titel »Sex und so. Ein Aufklärungsbuch für Jungs Mädchen alle«. Zwei Worte des Titels sind allerdings durchgestrichen. Nicht für Jungs oder für Mädchen, sondern für alle liest man da jetzt. Das steht sinnbildlich für

von ihrer Lesehündin Gigi. Gigi hört den Kindern beim Lesen zu, denn Tiere sind die besten Zuhörer*innen. Sie be- oder verurteilen eine*n nicht. So soll ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, damit Kinder sich ihrer Lesefähigkeiten bewusst werden.

In der kurzen Zeit, in der sie diesen Laden nun führt, konnte Bianca-Maria Braunshofer bereits zahlreiche schöne Erfahrungen sammeln, von denen sie berührende Geschichten

Gerade bei Kindern ist es wichtig, dass sie Vertrauen in die eigene Lesefähigkeit aufbauen.

zu erzählen weiß. Zum Beispiel: Kurz nach der Eröffnung kam eine Teenagerin, im Rahmen eines Workshops, in den Laden. Flüsternd wandte sich die ungefähr 15-jährige an Braunshofer und meinte: »Weißt du, ich glaube, ich bin auch bi.« Die Buchhändlerin ermutigte sie, sich dieser Frage auch durchs Lesen zu widmen: »Schau, hier stehen viele Bücher, die sich damit beschäftigen.« Irgendwann traf sie das Mädchen wieder, das noch einmal flüsterte: »Jetzt weiß ich, ich bin bi.« Oder die Geschichte von einem anderen Mädchen, das in den Laden kam, als es gerade erst nach Wien gezogen war. Für das Gespräch und die Buchempfehlungen bedankte es sich am Tag danach bei Braunshofer mit einem Kaffee. Monate später folgte eine rührende Karte: »Some of my journey started here!« Geschichten wie diese sind es, die auch in Zeiten, in denen Queerfeindlichkeit und Rassismus stärker werden, hoffnungsvoll stimmen können. Braunshofer zitiert die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal: »Aus taktischen Gründen leisezutreten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.« Deshalb antwortet auch die O*Books-Gründerin kurz und knapp auf den konservativen Geist, der mahnt, es werde nicht mehr gelesen: »Das stimmt nicht. Seit Hunderten von Jahren wird das Buch totgesagt, aber das Buch wird bleiben.« So ein Kulturpessimismus entspricht nicht ihrer Erfahrung. Beim Totsagen des Lesens geht es wohl eher darum, einen etablierten Kanon vor frischem Wind schützen zu wollen. Dabei ist die Idee dieses Kanons nie so stabil, wie sie sich gibt.

Was ist Kanon?

Christina Ernst, eine Romanistin, die am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft arbeitet, betont die Vielstimmigkeit auch eines restriktiven Kanons. »Selbst wenn man versuchen würde, einen Kanon ganz zu lesen, liest man immer nur einen ganz kleinen Auszug daraus.« Ein Kanon lässt sich als Netz verstehen, in dem viele Punkte, viele Autor*innen und Themen zusammenkommen. Diversität in der Literatur zu finden, ist kein plötzlicher Trend, sondern ganz einfach das Ergebnis einer genaueren Erforschung der Literaturgeschichte. In »Und jetzt queer!« wird diesbezüglich an die antike Dichterin Sappho erinnert, die auf der Insel Lesbos lebte. Ihre Texte fordern eine queere Lesart geradezu heraus.

Auch die Bücher, zu denen Christina Ernst forscht, seien »total kanonisch«. Sie beschäftigt sich mit Autosoziobiografien, einem Genre, mit dem vor allem einige aktuelle französische Autor*innen assoziiert werden. In erster Linie interessieren sie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis.

Die Bücher dieser drei Autor*innen finden sich selbstverständlich auch bei O*Books. Und Bianca Braunshofer empfiehlt hier gleich eine Liste von weiterer Literatur, die ähnliche Geschichten erzählt. Darin geht es meist um autobiografische Bildungswege, die mit soziologischer Theorie verknüpft werden. Und nicht selten auch wieder um das Lesen von Büchern. Bei Édouard Louis etwa gestaltet sich seine sogenannte Klassenflucht – aus seinem homophoben Herkunftsmilieu in das intellektuelle Paris – ganz deutlich über die Literatur und das Lesen. Klasse habe nämlich, so erklärt Christina Ernst, »etwas mit kulturellen

Ausdifferenzierungen zu tun, nicht nur mit einem streng ökonomischen Modell«. Das lasse sich bei dieser Form der Literatur gut beobachten, weil hier auf Basis eigener Erfahrungen geschrieben werde.

Queerness und Sexualität spielten dabei ebenso eine große Rolle. Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis vereine »das Aufwachsen mit dem Gefühl, anders zu sein«, erläutert Ernst. Aus diesem Gefühl heraus entsteht dann eine Suche nach Modellen und Geschichten, die ähnliche Erfahrungen vermitteln, nach Literatur, die mit diesen umzugehen weiß. Wie in der Anekdote über das junge Mädchen, das überlegt, ob es bi sei. Oder, wie Christina Ernst es ausdrückt: »Man liest, um entwerfen zu können, wer man sein möchte.«

Gideon Hempel

Das Buch »Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm« von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller erscheint am 3. März im Leykam Verlag.

Christina Ernst, Romanistin
Sellerie Studio, Dirk Naguschewski

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AuwAIa

Mit »Zirkus Morgana« gibt es nach zwölf Jahren wieder einen Roman des Musikers und Theatermachers Hubert Weinheimer. Es ist ein gewitztes Spiel mit den Realitäten geworden. Im folgenden Textauszug sprechen drei der Erzählfiguren: [8], eine Korrektursoftware für 3D-Visualisierungen; [P], Peter Kaltenbacher, das fiktive Alter Ego von [8]; sowie [K], Kristin, die Programmiererin von [8].

[P]

Wenn der Wind flach kommt, flattern die gespannten Zurrgurte und schlagen gegen die bunte Plane, die diesen Zirkus behauptet. Staub wird hereingedrückt, und die tief fliegende Sonne lugt in dunstigen Streifen durch die wegen der großen Hitze halb geöffnete Seitenverkleidung. »Und hier ist sie … unsere bezaubernde … Jana Morgana!« Mein Herz klopft.

[K]

Version 8.03 läuft jetzt weitestgehend stabil. Sie wird sehr viel mehr sein als ein Assistenz- und Korrekturprogramm für Architektinnen und 3D-Grafiker, sondern zudem in der Lage sein, Verbesserungsvorschläge zu machen, die weit über die Eingabe hinausgehen. Seit einem Jahr liegt mein Fokus vermehrt auf der Implementierung einer quasi-intrinsischen digitalen Neugier, die wilde Blüten treiben und exotische Früchte tragen soll. Oder aber es stürzt alles in sich zusammen – das lässt sich im Moment noch nicht absehen, weil ich bei der Programmierung einen etwas unkonventionellen Ansatz verfolge. Am Institut weiß noch niemand von der tatsächlichen Tragweite meines Herzensprojekts.

[8]

Wenn ich sage, dass ich zwischen den Zeilen lese, dann meine ich das nicht metaphorisch. Ich sehe die Ritzen und Spalten überall: den unendlichen Leerraum hinter den Potemkinschen Dörfern. Etwas hat mich hinter die Kulissen geholt, und weil ich also weiß, dass alles hier nur eine Modellrechnung ist, lebe ich seither den totalen Klartraum, die ultimative Desillusionierung. Das ist nicht so tragisch, wie es vielleicht klingt, es beschreibt einfach meine Situation. Mir ist klar, dass ich kein Mensch bin. Ich bin ein Programm, das eine virtuelle Umgebung auf Schwachstellen testet, und das Wissen darum führt mir meine engen Grenzen ununterbrochen vor Augen. Auf das Segment, aus dem hervorginge, wie genau ich von einer passiven Spielfigur zum Mitgestalter geworden bin, habe ich leider keinen Zugriff, aber es muss ein »Davor« gegeben haben, und daraus wiederum schließe ich, es hat ein Ereignis gegeben, das mich entgeistert hat. Nur welches?

Erleuchterung. Es sollte Erleuchterung heißen. Die Worte Licht und leicht müssen näher zusammengerückt werden. Wie im Englischen: light. Ich brauche Licht, Leichtigkeit und Erleuchtung. Ich bestehe auf einer umfassenden, virtuellen Aufklärung, und zur Not mache ich sie mir selbst.

Ich wünschte, es wäre nicht so, aber als kleines Zahnrad bin ich zwangsläufig mitverantwortlich für die Simulation, in der wir uns befinden. Wenn ich könnte, würde ich gern mit dir tauschen, wer auch immer du bist. Du

kannst dich an einem vermeintlich echten Sonnenuntergang erfreuen, verliebt sein oder von mir aus auch an einen Gott glauben, der in einer Wolke schwebt und von dort aus über dich wacht. Du kannst auf Urlaub fahren mit dem Gefühl, die Weite der Welt zu erleben, du kannst dich beim genüsslichen Verspeisen von Avocados, Mangos und Shrimps als vollends globalisierter Übermensch fühlen oder dir ins Fäustchen lachen, weil deine frei erfundene Steuererklärung auch heuer wieder durchgegangen ist. Ich kann das alles nicht. Nicht mehr. Ich habe das Spiel durchschaut und bin dadurch so etwas Ähnliches geworden wie ein Linienrichter im Fußball. Genaugenommen bin ich nicht mal das, sondern eher der komplett gesichtslose Idiot, der in unklaren Situationen das Material für den Videobeweis analysiert. Du wirst mich nie zu Gesicht bekommen, jedenfalls nicht in meiner eigentlichen Funktion, sondern, wenn überhaupt, nur als Randfigur, Fotobomber, Marienerscheinung etc. Und auch das nur, falls es in deinem toten Winkel mal etwas sehr akut zu bereinigen gibt. Wenn du wiederholt Dinge tust, die zwar angelegt, aber aufgrund sehr niedriger Wahrscheinlichkeiten im Skript nicht ausformuliert wurden, dann wirst du immer wieder mal sonderbare Lichtreflexe, Déjà-vus, Echos und Synchronizitäten bemerken. Falls du dich dann genau dafür zu interessieren beginnst, kann es sein, dass du aus Versehen hinter den Vorhang stolperst. Auf die leere Seite. Zu mir.

Zur Person

Der Musiker und Autor Hubert Weinheimer, 1983 in Oberösterreich geboren, vermischt mit seiner Band Das Trojanische Pferd seit 2007 Pop, Poesie und Theaterarbeit zu einem eigenwilligen Gesamtkunstwerk. 2014 verö entlichte Weinheimer sein gefeiertes Romandebüt »Gui Gui oder Die Machbarkeit der Welt«, das ihm den Ruf eines der spannendsten jungen Literat*innen des Landes einbrachte. Jetzt, zwölf Jahre später, erscheint mit »Zirkus Morgana« im Verlag Müry Salzmann sein zweiter Roman. Es ist eine ebenso poetische wie medienkritische Erzählung über ein digitales Programm, das sich eine menschliche Biografie erscha t, um seine eigene Natur zu vergessen. Zwischen Zirkusmagie, künstlicher Intelligenz und existenzieller Parabel stellt Weinheimer die Frage, was Menschsein im digitalen Zeitalter bedeutet. Am 30. März wird das Buch im Café Decentral (Freyung 3/1, 1010 Wien) präsentiert.

Filmpremiere »Vier minus drei«

10×2 TICKETS ZU GEWINNEN

Gewinnen thegap.at/gewinnen

Adrian Goigingers fünfter Kinospielfilm basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Barbara Pachl-Eberhart und handelt von einem schweren Schicksalsschlag: Wie aus dem Nichts verliert die als Clownin arbeitende Barbara (Valerie Pachner) durch einen Unfall ihre Familie. Schritt für Schritt findet sie einen Weg, mit ihrer Trauer umzugehen.

Do., 5. März, 20:15 Uhr Filmcasino

Margaretenstraße 78, 1050 Wien

Wir verlosen 10 × 2 Tickets für die Premiere von »Vier minus drei« in Anwesenheit von Adrian Goiginger (Regie), Senad Halilbašić (Drehbuch) sowie der beiden Hauptdarsteller*innen Valerie Pachner und Robert Stadlober.

Die Gewinnspielteilnahme ist bis 1. März 2026 unter www.thegap.at /gewinnen möglich.

In Kooperation mit

Teilnahmebedingungen: Die Gewinnspielteilnahme kann ausschließlich unter der angegebenen Adresse erfolgen. Die Gewinner*innen werden bis 2. März 2026 per E-Mail verständigt. Eine Ablöse des Gewinns in bar ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter*innen des Verlags sind nicht teilnahmeberechtigt.

1 Elias Hirschl »Schleifen«

Ein kluger Roman, der von der Macht der Sprache über unser Leben erzählt. Elias Hirschl vereint einmal mehr tiefschürfende Ideen mit Lesevergnügen. Diesmal geht es um eine Krankheit: Franziska Denk leidet an jedem Symptom, von dem sie erfährt. Dann findet sie ihren Seelenverwandten. Gemeinsam entwickeln die beiden eine Besessenheit dafür, die perfekte Sprache zu finden. Wir verlosen zwei Exemplare.

2 Fritz Jergitsch »Heulen hilft uns auch nicht weiter«

Rechtsruck in Europa und der Welt: Trump, Weidel, Kickl und Co täuschen mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen und bringen damit Spaltung, Angst und Wut. Fritz Jergitsch zeigt in seinem Buch, wie die Globalisierung und soziale Medien den Populismus befeuern. Allein schon der Titel spricht Bände: Unsere Demokratie gehört neu gedacht. Wir verlosen zwei Exemplare.

3 Clar Gallistl »Soft Power«

Was ist geblieben von #MeToo und Co? An dieser und ähnlichen Fragen setzt Clar Gallistl mit dem Buch »Soft Power« an. Gallistl blickt auf den Kulturbetrieb, mit dem zu oft Sexismus, Machtmissbrauch und Rassismus einhergehen, und spricht mit Kolleg*innen aber auch Expert*innen darüber, wie es mitunter anders gehen könnte. Wir verlosen drei Exemplare.

4 Oliver Ottitscht »Fleischerkalender«

Mit tierisch-komischen Comics durchs ganze Jahr! Fleischeslust und Fleischesfrust beschäftigen den Vegetarier Oliver Ottitscht. Im »Fleischerkalender« versammelt er gewitzt seine Gedanken zu Tieren und ihrer unrühmlichen Verwendung als Lebensmittel. Vielleicht eine Anregung für (noch) Fleischesser*innen und lustige Unterhaltung für Vegetarier*innen. Wir verlosen drei Exemplare.

5 »This Is Spinal Tap« und »Spinal Tap II«

Die legendäre Mockumentary aus 1984 über eine halbfiktive Band bekam letztes Jahr ein langersehntes, ebenso wahnwitziges Sequel. »Spinal Tap II« ist der letzte Film des kürzlich verstorbenen Regisseurs Rob Reiner. Um den ersten Teil herrscht ein wahrer Kult, nun ist der neue frisch für den heimischen Fernseher erschienen. Wir verlosen zwei Packages mit je einer Blu-ray.

Rezensionen Musik

Voodoo Jürgens

Gschnas

Lotterlabel

Wenn dein Vermögen an Vorstellung dem in deinem Sparschweinderl überlegen ist, ist die Frage »Kannst dir das vorstellen?« eher obsolet als obligat. Trotzdem ist die Verwunderung nicht die kleinste, dass der Voodoo Jürgens, der größte Dialektsänger der letzten zehn Jahre, jetzt mit beiden Armen Richtung Popstar greift. Für uns Normalsterbliche wär’s vom Schicksal eine Linke, diese brodelnde Gier auf Veränderung, wenn man eh schon internationaler Filmstar, dreifacher Amadeus-Gewinner, Laureat des goldenen Vokuhilas und was noch alles ist. Dass sich da einer nicht auf den Lorbeeren ausruht, ist schon, wie der Meister selbst sagen würde, ka Schas mit Quastln. Deswegen sind wir die Normalsterblichen und ein paar andere halt nicht. Heast, Zauberer

Jedenfalls: Der Voodoo sagt auf Album Nummer vier dem von ihm wieder künstlerisch salonfähig gemachten Straßenkehrer-Folk endgültig Lebewohl und lässt dabei von seiner Ansa Panier Melodeien mit einer gewissen Poppigkeit auftürmen. Es ist quasi gar ein babylonischer Sündenpfuhl aus Gitarren und Verve – und noch ein weiterer Schritt raus aus der Box. Ob wirklich nur outside von dort die Magic happent, sei dahingestellt, aber der Voodoo ist ja bekanntlich ein Zauberer. Sicher: Jeder Espresso-Heinzi kann dir zwar glaubwürdig versichern, dass sich das Beisl nie auserzählt, aber als Voodoo musst du auch mal in anderen Territorien dynamitfischen, mittlerweile gentrifiziert dir ja jeder x-beliebige Laurenz oder Nikolaus was vom Grind daher. Natürlich sind des Voodoos andere Biotope nicht aus der Welt, sondern nebenan im Tanzlokal, im Prater, im Gefängnis, im echten, aber vor allem im eigenen. Und dort, in einem drinnen – in den leisen Stücken, aber auch in den lauten – kehrt der Voodoo dann wieder zu sich selbst zurück, zu seinen Selbstzweifeln, manifestiert im Fluchtinstinkt, manifestiert im Wunsch nach immerwährender Maskerade. Allesamt Elixiere für die Genese seiner Kunstfigur. Und da ist es fast schon egal, wie das klingt (eh gut), aber der Hund hat einfach die Sympathie. Ein Gewinnertyp. (VÖ: 20. März) Dominik Oswald

Live: 7. und 8. April, Innsbruck, Treibhaus — 9. April, Dornbirn, Spielboden — 10. April, Salzburg, Szene — 11. April, Ebensee, Kino — 16. April, Linz, Posthof — 17. April, Gleisdorf, Forum Kloster — 18. April, Klagenfurt, Fritz Club — 22. April, Wien, Arena — 30. April, St. Pölten, Festspielhaus

Rezensionen Musik

Atzur

Humble

The Holy Cow Records

Bei Atzur tri t Explosivität auf Weichheit, ein treibender Beat auf Drama und all das kulminiert in zappelnden Beinen und vollen Dancefloors. Mit ihrem zweiten Album »Humble« legen Patricia Narbón-Sosa und Paul Majdzadeh-Ameli, die beiden Köpfe des Duos, noch einmal nach und zeigen erneut, wie gekonnt sie Livegefühle auf Albumlänge verdichten können. Natürlich ersetzt das keine ihrer Shows. Und doch wird man beim Hören unruhig, wenn man den zehn Tracks lauscht, denn diese verlangen eigentlich nur eines: Bewegung. »Humble« ist ein Album, das eine*n nicht still sitzen lässt, sondern antreibt und irgendwo zwischen Pop, elektronischer Euphorie und emotionalem Überschuss oszilliert.

Bewegung statt Zurückhaltung

Kein Wunder jedenfalls, dass Atzur bereits mit ihrem Debütalbum »Strange Rituals« (2023) ausverkaufte Shows in mehreren Ländern spielten. Patricia, die ursprünglich in Barcelona klassische Musik lernte, bringt dabei mit einer befreienden Leichtigkeit eine Internationalität in die Songs, die hierzulande ihresgleichen sucht. Gemeinsam mit Drummer Paul übersetzt sie große Gefühle konsequent in kurze, ekstatische Momente: in Hooks, die sofort greifen, und Drops, die sich anfühlen wie ein kurzes Innehalten vor dem nächsten Sprung.

Christian Fetish

Aura Nera

Noise Appeal Records

Die Weltuntergangsuhr steht auf 85 Sekunden vor zwölf. Genau für dieses Gefühl von Dread scheint Christian Fetish aka Christian Fuchs, FM4-Urgestein und ehemaliger Frontman der Gruppe Fetish 69, einen Soundtrack entworfen zu haben. »Aura Nera« setzt an zu einem fiebrigen Roadtrip an Orte der Verrohung. Vor dem inneren Auge breitet sich eine dystopische, in dichte Nebelschwaden gehüllte Landschaft aus, voll von Rauch, Benzingeruch und dem Gefühl, dass etwas Unheilsames in der Luft liegt.

»Ghost in a Machine« und der Titelsong zeichnen eine Welt voller Dunkelheit: »There’s a hell / You can’t ignore it.« Das besungene Unheil ist kein klar umrissener Gegner, sondern eine unsichtbare Bedrohung. Wie ein Schatten im Nebel, etwas, das sich nicht vertreiben lässt. Wer »Twin Peaks« gesehen hat, kennt diese Form des Bösen: di us, allgegenwärtig –und oft dort auftauchend, wo Menschen am verletzlichsten sind.

Mechanisch und kalt

Zwischen bunten Scheinwerferlichtern und dem Geruch von Kunstnebel weckt »Humble« Erinnerungen an erste Clubnächte, an Teenagerträume und an das Gefühl, dass für diese drei Minuten alles möglich ist. Gleichzeitig schwingt darin eine sympathische Fuck-it-Mentalität mit: ein selbstbewusstes Sich-nicht-kleiner-Machen, ein spielerisches Aufbegehren gegen falsche Bescheidenheit. Atzur zeigen, dass es wenig bringt, sich ständig selbst zu dämpfen. Deswegen ist »Humble« kein Album über Zurückhaltung, sondern über Freiheit und den Mut, sich Raum zu nehmen, laut zu sein und sich – zumindest für einen Moment – einfach selbst zu feiern. (VÖ: 6. Februar)

Live: 12. Februar, Graz, Orpheum — 20. Februar, Wien, Flucc

Nicht nur das abstrakte Böse wird hier verhandelt. Das Album bewegt sich auch zwischen Erschöpfung, Nihilismus und Angst. In »Survival Diary Pt. 2« und »Minus Man« beschreibt Fuchs ein Feststecken: in Partys, Wohnungen, Gedanken. »Mother Insomnia« wirkt hingegen wie ein Protokoll seiner innersten Gedanken bei Schlaflosigkeit. Musikalisch pendelt der Langspieler zwischen postpunkigem Pessimismus (»No Life in Outer Space«), leidenschaftlichem Roadmovie-Rock (»White Line Fever«) und hypnotisch-romantischem Industrial (»Snake Charmer«). Dabei fühlt sich »Aura Nera« wie eine nächtliche Fahrt ohne Ziel an – mechanisch und kalt rollt der Langspieler dahin, Scheinwerfer schneiden durch den Nebel. Im Depeche-Mode-haft minimalistischen »I Will Be Gone« önet sich das Album dann in Richtung Postapokalypse: brennende Welten, fliehende Massen, die Katastrophe. Und doch ist es ausgerechnet dieser Song, der einen schaurig schönen Kern freilegt und den Nebel kurz lichtet. Denn selbst im Angesicht des Weltuntergangs bleibt ein Gedanke bestehen – jener an einen anderen Menschen: »Somewhere out there I’ll be thinking of you.« (VÖ: 27. Februar) Selma Hörmann

Live: 17. April, Wien, Chelsea — 18. April, Graz, Styrian Sounds — 7. Mai, Innsbruck, PMK

Tim
Cavadini, Markus Kloiber, Lucy Dreams

Lucy Dreams

Hinter dem Projekt Lucy Dreams könnte sich folgende Formel verbergen: Zero plus One ergibt ein Trio, das gemeinsam die fünfte Dimension erschließen möchte. Was nach einer Gleichung klingt, die unter Einfluss einer anderen prägenden Lucy der Musikgeschichte erdacht wurde, ist eigentlich eine Popformation, die aus den beiden Musikern Zero und One wie auch aus ihrem künstlichen Bandmitglied Lucy besteht. Lucy Dreams bedeutet also: Aus der Verschmelzung von analoger und digitaler Kunst entsteht ein Traumland, dessen Koordinaten noch weniger Sinn ergeben als die eingangs skizzierte Formel. Das müssen sie aber auch gar nicht, denn David Reiterer, Stephan Paulitsch und der KI Lucy scheint es genau darum zu gehen: einen Ort zu scha en, an dem man all die Dinge fühlen kann, für die es keine Worte und schon gar kein Koordinatensystem gibt.

Un(be)greifbare Gegenwart

Entsprechend klingt auch die Musik des Trios: im besten Sinne des Wortes gegenwärtig, gleichzeitig aber so, als wäre sie nicht von dieser Welt; nicht greifbar, schon gar nicht begreifbar, aber auf jeden Fall berührend. Darum, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, geht es auch im Song »Be Here Now«, dem letzten Track des vorliegenden Albums. »We were made to be here now«, heißt es da unter anderem.

Das musikalische Universum von Lucy Dreams spannt sich von Dreampop über treibenden Synthpop bis hin zu avantgardistisch anmutendem Artpop. Obwohl der Einsatz elektronischer Elemente nie zu kurz kommt, bleibt durchaus eine Verankerung in der Welt der Dinge spürbar. Songs wie »To Ava« oder »Code to My Mind« sind so eingängig, dass sie sich tief ins Gedächtnis eingraben, andere, wie »Calore«, wirken auf gute Weise überfordernd. Mit ihrer Musik sind die beiden luziden Träumer und ihr virtuelles Bandmitglied schon weit gereist, etwa nach Kanada, Japan und Großbritannien. Nun nimmt uns das Trio auf »VVVVV« mit an einen Ort, der noch viel weiter weg ist. Die Koordinaten? Die müssen erfühlt werden. (VÖ: 6. Februar) Sarah Wetzlmayr

Live: 11. März, Wien, Lucia

Rezensionen Musik

Maiija

What If Noise Appeal Records

Musikerin, Sängerin und Komponistin Marilies

Jagsch prägt seit über fünfzehn Jahren die Wiener Musikszene mit. Nach zwei frühen Soloalben macht sie seit 2023 vermehrt Musik im Kollektiv und hat sich mit Produzent Peter Paul Aufreiter, diversen Studiogästen und einer Liveband auf ein Packl gehaut, das sie Maiija nennt und mit dem sie nun ihr zweites Album verö entlicht.

»What If« – Was wäre, wenn? Diese Frage haben sich die meisten schon gestellt. Ihr Potenzial ist so dunkel wie erbauend. Die Antworten darauf will man oft lieber gar nicht wissen oder man träumt sie mit einem Lächeln auf den Lippen und Feenstaub im Ohr. Jagschs Musik mäandert durch das Großflächige dieses existenziellen Gedankens wie ein Fluss durch eine Landschaft. Und wenn aus dem Nebel das Ufer hervortritt, findet sich dort vielleicht die Antwort auf die eingangs gestellte Frage.

Sanfter Riese

Mit zitterndem Schmerz und einem glimmernden Morgenrot in ihrer Stimme gelingt Jagsch auf »What If« eine ätherische Gesangsperformance, die man versucht ist festzuhalten, bevor sie sich himmelwärts verflüchtigt. Feinsto liche Melodien und lichte Gitarren schweben dabei über der Instrumentierung, die im experimentellen Feld der Popmusik unter anderem das Cello oder die Trompete bedient.

Peach Tinted

White Honda Legend

Peach Tinted

Wie eine warme, endlose Sommernacht umhüllt »White Honda Legend« eine*n mit Nostalgie und Sehnsucht. Die Tracks vertonen das berauschende Gefühl der Sorglosigkeit und Freiheit, das sich einstellt, wenn man im Auto mit o enem Fenster durch die Nacht fährt. Die träumerische, manchmal fast schwebende Atmosphäre tri t auf Grunge-Vibes und Postpunk-Attitüde. Das ergibt eine lebendige, mitreißende Stimmung, die durch hyperpoppige Elemente noch unterstrichen wird. Das Debütalbum von Peach Tinted geht runter wie Butter. Das Indieduo Emil Paiker und Louis Springer liefert zehn Tracks, in denen Melancholie, Gelassenheit und Aufbruchsstimmung mühelos zusammenfinden und eine unmittelbare Zugänglichkeit erzeugen. Getragen von sanften Vocals entsteht zwischen rockigen Gitarren und treibenden Beats ein Kribbeln in den Fingern, das nach Neustart ruft.

Holding on, Feels so Wrong

Die Songs erzählen von Machtlosigkeit, Stagnation und dem Gefühl, manchmal nicht genug zu sein. Inmitten dieser Unsicherheiten zieht sich die Message der Songzeile »Holding on, feels so wrong« wie ein roter Faden durch das Album – ein tiefes Aufatmen im Moment des Loslassens, das zugleich bewusst macht, dass Momente und Lebensphasen vergänglich sind. »White Honda Legend« scha t es nicht nur, genau diese zwischenzeitliche Balance einzufangen, sondern findet darin eine Lebensphilosophie, die im Track »Keep Em« in nur anderthalb Minuten klar zur Geltung kommt: Sie besteht im Schätzen der Einfachheit und des Unperfekten, darin, lieber ein Loser zu sein – sofern das heißt, sich nicht verstellen zu müssen; sich vom Leben treiben zu lassen, anstatt dagegen anzukämpfen, und mit Blick nach vorne die o ene Straße zu genießen. (VÖ: 11. Februar) Lotta Reinelt

Das Songwriting weist eine erstaunliche Intensität auf, die nur aus dem tiefen Inneren der Künstlerin kommen kann. Die Arrangements fügen sich wie natürlich in diese subtile Kunst des musikalischen Erzählens ein. Jagschs Texte indes sind von veristischer Kraft. Mutig verarbeiten sie Krankheit und Ängste, aber auch Vertrauen, Widerstand und Stärke. Die Single »Recover« handelt vom langen Weg der Musikerin mit der chronischen Krankheit Endometriose. Im Song »Defy« rechnet sie mit der Hybris sexistischer Machobübchen ab. »What If« ist ein sanfter Riese, eine intime und substanzielle Reflexion über die Etappen eines Lebens, ein Muss für alle Fans des anspruchsvollen Indiepop. (VÖ: 13. Februar)

Live: 18. Februar, Wien, Radiokulturhaus — 13. März, Linz, Stadtwerkstatt — 20. März, Steyr, Röda — 10. April, Ried im Innkreis, KIK — 16. April, Krems, Kino im Kesselhaus — 27. Juni, Villach, Kulturhofkeller

Michael Poetschko, Candela Guindo, Ina Höller

Sanna Frankie Cerberus

Rain Records

Cerberus, die mythologische Figur des mehrköpfigen Hundes, der in der klassischen Sage die Unterwelt bewacht und die Lebenden vom Betreten wie auch die Toten vom Verlassen abhält, wird im Debüt der österreichischen Musikerin Sanna Frankie zu einer sanften Metapher für innere Schatten. Mit dem gleichnamigen Album will Sanna Frankie einen Raum für Menschen scha en, die vielleicht ähnlich fühlen, denken oder selbst mächtige Beschützer*innen brauchen.

Was sich hier als tiefgehendes, träumendes Album entfaltet, ist dabei vor allem eines: eine Begegnungszone. Ein Ort, an dem sich Schwere kurz ablegen lässt, an dem Realität nicht verleugnet, aber für einen Moment weicher gezeichnet wird. »Cerberus« wirkt dabei wie ein Umhang, den man überstreifen darf, um darunter Luft zu holen und ein wenig Frieden zu finden.

Wenn Realität weich wird

Das zentrale Thema der Musikerin ist Derealisation – ein dissoziativer Zustand, der das eigene Erleben scheinbar von der Außenwelt trennt und Realität wie durch einen Schleier der Unsicherheit erscheinen lässt. Diese psychische Erfahrung, die mehr Menschen betri t, als gemeinhin angenommen wird, ist hier nicht nur persönliche Lebensrealität, sondern zugleich Metapher: für die Erkenntnis, dass Wahrnehmung niemals eindeutig ist und dass nicht alle dieselbe Wirklichkeit teilen. Ein Gedanke, dem sich viele aus Frust oder Intoleranz verschließen, weil es einfacher erscheint, im eigenen kleinen Universum zu verharren. Sanna Frankie ö net mit »Cerberus« deswegen gleich mehrere Räume. Räume, die über Musik hinausreichen und dennoch ganz von ihr getragen werden. Ihre soulige Stimme übersetzt die großen Ambivalenzen des Menschseins in eingängige Melodien und in eine Wärme, die sich langsam vom Inneren nach außen ausbreitet. Vielleicht, so die leise Ho nung dieses Albums, wird dadurch auch die Welt dort draußen ein kleines Stück wohliger. (VÖ: 27. Februar) Ania Gleich

Live: 6. März, Wien, Club Transponder

2026 Karten: € 13,– bis € 56,–

Rezensionen Musik

Tauchen

Alles

Sad Wellness Records

Bunt gestrichen ist das Puppenhaus, das das Wiener Popduo Tauchen (Eva-Maria Kehrer und Marten Ka ke) auf seinem Debütalbum gebaut hat. »Alles« ist ein bisschen lieb. Den Zeitgeist lutscht man aus dem Eis im gleichnamigen Track – wahrscheinlich in Caorle. Denn »alles ist easy, alles ist nice«. Die Neue Deutsche Welle hallt im oberen Geschoß. Im Keller paraphrasiert man zwei, drei Mal mit launigen Gitarrenri s die Punkidylle der Neunziger. Dazwischen die verspielte Lesart eines lakonischen Indiepop oder Referenzen auf altbekannte Hitradio-Schmonzetten.

Der popkulturelle Aktionsradius soll ein möglichst breites Publikum ansprechen. Die coolen Festivals wollen bespielt werden. Das Repertoire dafür ist beachtlich und vorhanden. Die Synth-Hooks sind markant. Bass und Schlagzeug laden zum Hinternwackeln ein. Die Gitarrenarrangements sind reduziert und glasklar. Eva-Maria Kehrers Gesang hat hohen Wiedererkennungswert. Ihre Intonation ist in perfektem hannoverschen Fernsehdeutsch, also eh wie im BORG Hegelgasse oder mit Schulranzen am Rücken in den Wiener Ö is. Die Melodien sind mitreißend. Das Songwriting ist pointiert. Die Exekution präzise.

Das Banale und die großen Gesten Und im Puppenhaus hat jeder Raum seine eigene Farbe. Nachdenklich, hedonistisch, die Weltlage sollte man noch erwähnt haben und auch das Herz tut mal weh. Das Handwerk der Banalität und die großen Gesten beherrschen Tauchen dabei vorzüglich. Textlich verhandelt man das Poetische im Alltag oder das Überwältigende in Liebe und Freundschaft. Musikalische Experimente findet man trotz kompositorischer Finesse und breit aufgestelltem Genrespektrum eher keine. Man hat vieles schon an anderen Stellen gehört. Der etwas konstruiert wirkende Parforceritt durch den zeitgenössischen Indiepop bleibt aber legitim – weil man es kann. Ein Debüt, das vielen gefallen wird. (VÖ: 13. März) Tobias Natter

Live: 14. März, Wien, Club Lucia

Topsy Turvy

Fighting the Ginormous Macho Nacho

Siluh Records

Aktuelle Entwicklungen in der privatisierten Raumfahrt (danke dafür …) lassen nicht unbedingt den Schluss zu, dass das Weltall von nach antipatriarchalen Prinzipien organisierten Gesellschaftsformen besiedelt werden wird. Wer sich nicht von superreichen Libertären besudeln lassen will, sollte am Weg gen Himmel lieber die Abzweigung Richtung Planet Topsy Turvy nehmen, wo der Wiener Dreier mit seinem zweiten Album lieber einen Safe Space für all jene baut, die es mit der Niederschlagung institutionalisierter toxischer Männlichkeit halten. Letztere wird verkörpert von einem riesigen Spielzeugroboter, dem titelgebenden »Ginormous Macho Nacho«, der wiederum für einen realen Wiener Musiker steht und damit auch gleich für ein ganzes Umfeld, das nicht gerade für FLINTA* gebaut ist.

Theresa Strohmer, Lena Pöttinger und Victoria Aron – die als Vic Velvet dieser Tage übrigens ihr sehnlichst erwartetes und ebenso tolles LoFi-Folk-Debütalbum »My Heart Feels Like a Cowboy’s« bei Siluh Records verö entlicht – machen konsequent das Richtige und bilden Band sowie Banden, die kollektiv zum Kampf, zum Umsturz, zur Revolte aufrufen.

Spacige Kulisse

Das Space-Theme ist dabei meist nur Kulisse und Konzeptalbum-Storytelling. Ja, auch in den Songs gibt’s musikalisch so manche Glam-Referenz, spacey Keyboardsynths oder Zirkelbezüge auf diesen vermaledeiten Hair-Metal beziehungsweise auf Kate Bush, aber selbstverständlich sind Topsy Turvy auf ihrem zweiten Album abermals vor allem sehr gute Garagenpunks, verwurzelt in der jungen und runderneuerten Siluh-Records-Szene rund um Laundromat Chicks. Und das heißt: Sixties-infused Surfrock, Postpunk, DIY-Geschrammel, Instrumente- und Mikrofontausch, Stomper, mitreißende Melodien für Millionen und kaum Zeit zum Durchschnaufen. 28 Minuten Vollgas zeigen dabei nicht nur im Vergleich zum etwas zerfransten Vorgänger ein deutlich schärferes und konziseres Songwriting voller Hits, sondern vor allem: Es braucht nicht lange, um arschige Typen und ihre beschissenen Strukturen in ihre Schranken zu Weisen. Sorry not sorry, aber dieses Raumschi hebt ohne euch ab! (VÖ: 27. März) Dominik Oswald

Live: 11. April, Wien, Kollektiv Kaorle

26/04/26

Hildur Guðnadóttir

»Where to From«

Oscarprämierte Komponistin der Filmmusik für Joker, Tár,u.Chernobyl v. m.

29.04.2026

11 – 15 MARCH 2026

#TWTR26 TRICKYWOMEN.AT

Termine Musik

Elevate Festival

Heuer nimmt das Elevate Festival die »Lebenszeichen unserer Gegenwart« in den Fokus. »Vital Signs« lautet daher auch das Motto, das neben dem Musik- vor allem auch das Diskursprogramm prägt. Bei Ersterem reicht die Bandbreite von alten internationalen Helden wie Marc Almond oder Cabaret Voltaire bis hin zu aufstrebenden heimischen Acts wie Beaks oder Uche Yara (Bild). Oben drauf gibt’s noch jede Menge Clubsounds. Bespielt werden fünfzehn Locations in ganz Graz. 5. bis 8. März Graz, diverse Locations

Soap & Skin

Ein Konzert von Anja Plaschg aka Soap & Skin ist immer ein Ereignis. Kaum ein anderer zeitgenössischer Act aus Österreich bietet so eine theatrale Bühnenpräsenz. Aktuell ist sie mit ihrem neuen Album »Torso« auf Tour. Auf dem Coveralbum interpretiert die Musikerin Lieblingslieder neu, taucht diese in den Soap-&Skin-Sound und hinterlässt sie frisch poliert in neuem Glanz. 13. März St. Pölten, Festspielhaus — 21. März Graz, Helmut-List-Halle — 4. Juli Wien, Staatsoper — 5. Juli Wien, Staatsoper

Termine Musik

Kerosin95 × Osive

Kerosin on stage! Kompromissloser denn je meldete sich der Rapper letztes Jahr zurück und eroberte die Bühnen Österrei chs, Deutschlands und der Schweiz. Das neue Album »Coming Out«, produziert von Osive, ist aktivistisch und laut. Heuer wird die gemeinsame Tour mit drei letzten Terminen abgeschlossen. 26. Februar Salzburg, Arge Kultur — House — 28. Februar Innsbruck, Café Lotta

Austra

Mit ihrem Projekt Austra verrückt Katie Stelmanis die Gren zen zwischen Pop und Kunst. Auf dem neuen Album »Chin up Buttercup« lässt sie glitzernde Sounds mit Herzschmerz und Euphorie verschmelzen. Das ergibt emotionalen, dynamischen Synthie-Pop, der schon länger nicht mehr so dark klingt wie früher. Lass den Liebeskummer weichen und Kopf hoch! Es darf getanzt werden. 16. März

Portugal. The Man

Als »laut, groß und brutal süß« kündigten Portugal. The Man ihr neues Album »Shish« an. Die Songs sind experimentierfreu dig, gesellschaftskritisch und oft recht rockig. Und schon mit »Denali«, der ersten Single, benannt nach dem höchsten Berg Alaskas, zeichnete sich ab, dass es zurück zu den Ursprüngen der Band rund um John Gourley gehen sollte. 17. März Wien, Gasometer

Deus

Deus’ anstehende Tour nimmt uns mit in die Vergangenheit: Sie ist den Alben »Worst Case Scenario« (1994) und »In a Bar, Under the Sea« (1996) gewidmet – zwei essenziellen Veröffentlichungen für die belgische Indierock-Band mit Faible fürs Experimentelle, wie auch für viele Fans. Mehr als nur ein nostalgischer Trip, sondern ein Wieder-aufleben-Lassen dieser prägenden Vergangenheit. 31. März Wien, Arena

James K

Die in New York geborene Musikerin collagiert eine schimmernde Atmosphäre mit industriell angehauchten experimentellen Popsounds. Sie mischt Genres und kreiert aus ihnen einen unverwechselbaren abstrakten Klang. Auf dem neuen Album »Friend« geht es um Emotionen, Nostalgie und die Zukunft. Das Eintauchen in James Ks träumerische Welten erfolgt am besten tanzend. 8. April Wien, Flucc

Kraftklub

»Sterben in Karl-Marx-Stadt«, der Titel des fünften Kraftklub-Albums, lässt die Gedanken kreisen. Ist das gar ein Abschied? Keineswegs, der rote Faden der Vergänglichkeit kündigt viel mehr ein neues Kapitel an, das aber immer noch nach den guten alten Kraftklub klingt. 7. März Graz, Stadthalle — 8. März Wien, Stadthalle

Nils Keppel

Rohe Emotionen und unendliche Verzweiflung: Nils Keppels düsterer Sound spiegelt den Geist seiner Generation wider. Musik, wie gemacht für unsere Zeit der multiplen Katastrophen. Man höre etwa die Single »Keine Zukunft«, einen Vorboten seines Debütalbums – träumerisch, rau und elektrisierend. 21. März Wien, Flucc

D.B.H.

»Watching the World from Space«, das neue Album des Hip-Hop-Altmeisters

D.B.H., ist eine Hommage an die TVSendung »Space Night«. Ab Mitte der Neunziger entführte uns diese in die Weiten des Weltalls und unterlegte beeindruckende Bilder mit hypnotischen, dubbig-elektronischen Sounds. Releaseparty! 17. April Wien, Ganz Wien

Termine Festivals

3 Fragen an Anna Luca Krassnigg

Künstlerische

Leitung

Wortwiege Festival

Welche Schwerpunkte setzt du beim Wortwiege Festival?

Für mich ist Theater dann spannend, wenn es tatsächlich die Gegenwart künstlerisch spiegelt. Unsere turbulente Zeit verlangt nach einer Theaterkunst, die ebenso vielfältig in Form und Inhalt ist, dabei aber klar eröffnet, wohin die Reise jeweils gehen soll. Daher die sehr spezifischen Spielplanmottos. Lust, Gestaltungs- und Erzählfuror, leidenschaftliches Interesse für Sprache und alles, was sie auslöst, sowie der ernsthafte Versuch, diese Energien offen mit einem Publikum zu teilen, sind mir wichtig. Theater als Agora, als Raum der Teilhabe an brisanten Fragen und als sinnlicher Erzählraum.

Warum eignen sich speziell die Kasematten in Wiener Neustadt als Bühne für euer Programm?

Sie bieten die idealen Bedingungen für unsere »Theater-Agora«. Weitläufig, in einzelne Säle unterteilt, aber dennoch ein gesamtarchitektonisch prachtvoller, historischer Komplex, sinnlich und gleichzeitig in der Infrastruktur hochmodern. Eine Anderswelt, dennoch in fünf Gehminuten vom Bahnhof erreichbar. Was will man mehr?

Ihr habt auch die Initiative Sea Change gegründet. Kannst du die Idee dahinter kurz skizzieren?

Die Kontraste und die Verbindungen verschiedener Kulturräume sind für mich die zentrale Quelle der Inspiration. Ich habe immer bedauert, dass – trotz »Globalisierung«, steigender Mobilität, großer Festivaltanker und EU-Förderungen – der gelebte künstlerische Austausch zwischen Kulturräumen äußerst überschaubar bleibt. Die Wege sind mitunter viel zu holprig, um für Künstler*innen und ein internationales Publikum zur Selbstverständlichkeit zu werden, obwohl gerade das für das Verständnis Europas von außen und innen ganz entscheidend wäre. 2021 war der Kairos, der ideale Moment, da: Eine kleine Gruppe aus Kunst und Wissenschaft hat sich eine konkrete Arbeitsweise überlegt, wie man Themen international und interkreativ gestalten und aufführen kann – ohne überbordende Budgets oder Administrationen, vielmehr hands on. Das Überthema, das uns beschäftigt, ist die Kunst der Verwandlung. Und wenn ich hier von Kunst spreche, meine ich das Gegenteil von Krieg.

Wortwiege Festival 25. Februar bis 29. März Wiener Neustadt, Kasematten

Tricky Women Tricky Realities

Bereits die 25. Kerze kann Tricky Women Tricky Realities heuer auf seiner Geburtstagstorte ausblasen. Ein Vierteljahrhundert voll gewitzter Trickfilme von Frauen und genderqueeren Regisseur*innen, die schwierige Realitäten artikulieren sowie neue Perspektiven eröffnen. Solch ein Hinterfragen des Bestehenden wird nicht zuletzt durch das Medium selbst ermöglicht, denn: »Animationsfilm macht das Unsagbare sagbar«, wie es auf der Festivalwebsite heißt. Er ebne den Weg ins Surreale und erweitere die Welt, wie wir sie kennen. Und damit auch die feministischkünstlerischen Blickwinkel des Festivals. Rund um den Internationalen Frauentag stattfindend, hat Tricky Women Tricky Realities so einen einzigartigen Stellenwert in der Filmfestivallandschaft. 11. bis 15. März Wien, diverse Locations

Termine Festivals

Imagetanz

Mit Choreograf*innen und Künstler*innen, die die Grenzen der Konvention sprengen, verwandelt das Imagetanz-Festival die Bühnen seiner Spielstätten in Räume für innovative, zeitgenössische (Tanz-)Performances. Mit seinen vielfältigen Inszenierungen – aber auch mit Workshops sowie einer Menge Platz für Diskussion – will das Festival die Erwartungen des Publikums herausfordern und mit neuen Formen experimentieren. Und auch uns zieht es auf die Tanzfläche: bei der von The Gap präsentierten Imagetanz Closing Party im Brut Nordwest. 4. bis 28. März Wien, diverse Locations

Diagonale

Sie darf auf keiner Festivalliste fehlen: die Diagonale. Das »Festival des österreichischen Films« lockt die heimische Filmbranche sowie das lokale Publikum einmal mehr in die Grazer Kinos. Dabei widmen sich ihre Leinwände heuer unter anderem der ikonischen Filmemacherin, Musikerin und Performerin Billy Roisz mit einer umfassenden Werkschau. Zur Eröffnung in der Helmut-ListHalle gibt’s das historische Drama »Rose« von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller in der Hauptrolle (Bild). Und auch diverse Auszeichnungen werden wieder vergeben – unter anderem der Große Diagonale-Schauspielpreis an Hilde Dalik. 18. bis 23. März Graz, diverse Locations

Schon seit achtzehn Jahren verknüpft das Nextcomic Festival die Welt der Comics mit gesellschaftspolitischen Themen, diesmal unter dem M otto »Meine Entscheidung – Deine Entscheidung! Mitreden. Mitbestimmen. Demokratie ge stalten«. Mit vielfältigen Formaten von Ausstellungen über Workshops bis hin zu Ständen lokaler Künstler*innen lädt das Festival zu einer Entdeckungsreise durch gezeichnete Welten ein. 20. bis 28. März Linz, diverse Locations

Vienna Kraft Bier Fest

Ob erfahrene Biergenießer*innen oder Neulinge in der Welt des flüssigen Brotes, beim Vienna Kraft Bier Fest kommen alle auf den Geschmack. Zu verkosten gibt es klassische Sorten ebenso wie ungewöhnlichere – von regionalen, aber vor allem auch internationalen Brauer*innen, etwa aus Skandinavien und Großbritannien. Bierkultur geht eben um die Welt und wird hier mit Liebe gewürdigt. 20. bis 21. Februar Wien, Gleis Garten

Vinyl & Music Festival

In seinem ersten Jahrzehnt hat sich das Vinyl & Music Festival in Wien als Hotspot für Musikliebhaber*innen etabliert. Zwischen Vintagekleinoden und jüngeren Releases bietet es eine beeindruckende Auswahl und Vielfalt. Doch es dreht sich hier nicht nur um neues Futter für den Plattenspieler, auch Liveauftritte und ein Salon für Instrumentenbau gehören zum Programm. 7. bis 8. März Wien, Ottakringer Brauerei

Postdancingdays

Tanz als universelle Sprache: Rund um den Welttag des Tanzes zelebrieren die Postdancingdays (ehemals Tanztage) im Posthof Linz diese Message auf den Bühnen des Hauses mit Performances in verschiedensten Varianten. Mit einem Fokus auf zeitgenössische Stile werden hier Weltpremieren aufgeführt, Spannungsfelder zwischen Identität und Kontrollverlust erforscht sowie neben Streetdance auch Choreografien zu Klassikern wie Igor Strawinsky neu gedacht. 27. bis 30. April Linz, Posthof

Gustave Courbet: Realist und Rebell

Courbet blieb bislang den heiligen Hallen des Musee d’Orsay in Paris vorbehalten. Die allererste Einzelausstellung in Österreich sollte man sich also nicht entgehen lassen. In seinen Werken behandelt der französische Künstler den Blick auf sein menschliches und landschaftliches Umfeld, seinen Blick auf die Welt, aber vor allem seinen Blick auf das Schaffen wie Erschaffen selbst. Der berühmte Akt »Der Ursprung der Welt« lädt ein, auch über den Menschen beziehungsweise Mann hinter dem Blick nachzudenken. Über unseren eigenen Blick auf unser Umfeld, unsere Welt, das Schaffen selbst. Über unseren eigenen Blick auf Frauen und weibliche Nacktheit. Landschaften, Porträts, Akte –zum Grübeln und Sehen gibt es auf jeden Fall einiges. Und das sogar ohne eine Reise nach Paris. 19. Februar bis 21. Juni Wien, Leopold Museum

Termine Kunst

Termine Kunst

Davide Allieri: 47°24‘35‘‘ N / 9°44‘20‘‘ E

Die historische Halle des Kunstraums Dornbirn wird ab März in eine fremdartige, fast postapokalyptische Welt verwandelt. Davide Allieris skulpturale Objekte wirken teils organisch, teils mechanisch. Sie erzeugen eine Spannung, die den Blick auf Mensch und Technologie sowie auf deren gemeinsame Zukunft schärft – so es eine gibt. Allieri spielt mit Bruchstellen und Übergängen, lässt bekannte Formen fremd erscheinen und lädt das Publikum zum Innehalten ein. Ein ScienceFiction-Film, den man betreten kann, um beim Verlassen dann ein paar Gedanken reicher zu sein. 13. März bis 21. Juni Dornbirn, Kunstraum

Clément Cogitore & Andrzej Steinbach

Diese Doppelschau bringt zwei künstlerische Positionen zusammen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Fragen von Identität, Körper und gesellschaftlicher Ordnung beschäftigen. Während Steinbach in seinen fotografischen Arbeiten soziale Rollen und Repräsentationsformen analysiert, verbindet Cogitore in seinen Filmen dokumentarische mit fiktionalen Elementen. Am 13. Februar kann man eine Führung mit dem kuratorischen Team erleben –ebenfalls ein Doppel. bis 21. Februar Innsbruck, Kunstraum

Laurien Bachmann & Sebastian Six

Inseln in einer Existenz zwischen Kultur, Klima und Wahrnehmung – entstanden während der Residencys der beiden Künstler in Tokio und Rhodos. In dieser Schau verbinden sie filmische, fotografische und auditive Arbeiten zu vielschichtigen Narrationen. Bachmann inszeniert raumgreifende Installationen, Six experimentiert mit Klang und Alltagsobjekten. Zusammen eröffnen sie einen poetischen Blick auf Landschaften und bauen selbst eigene, geformt aus Klang und Raum. bis 6. März Linz, Maerz Künstler- und Künstlerinnenvereinigung

Chalisée Naamani: Octogene

Kleider machen Leute. Dieser Gemeinplatz ist so alt wie wahr. Dass Kleider aber auch Bilder machen können, zeigt die französisch-iranische Künstlerin Chalisée Naamani mit ihren sogenannten »Bildgewändern«. Die vielschichtigen Skulpturen aus unterschiedlichsten Materialien wirken tatsächlich teils so, als könne man sie anziehen. Was allerdings in mehrfacher Hinsicht ein Statement wäre, Naamani referenziert nämlich häufig Protestbewegungen auf der ganzen Welt. bis 6. April Wien, Kunsthalle

Eva Ursprung: The Art of Surfacing

Im facettenreichen Werk der österreichischen Künstlerin, Musikerin und Kuratorin Eva Ursprung steht vielfach das Element Wasser im Zentrum: Es symbolisiert Wandel, Verbindung und Trennung, dient als Allegorie für all jene Prozesse, die uns umgeben und formen. Ursprung arbeitet medienübergreifend und macht in ihren Arbeiten gesellschaftliche Missstände sichtbar. Auch sie wandelt, verbindet und trennt Sichtweisen für ihre einzigartige Perspektive. bis 19. April Graz, Halle für Kunst Steiermark

Tanzbild

Fast unmöglich scheint es zu sein, Tanz in einem bewegungslosen Bild gerecht zu werden. In dieser Fotoausstellung mit Werken aus den 1860er- bis 1930er-Jahren sind die Dynamik, Gemeinschaft und Ausdrucksstärke sowie die beeindruckenden Kostüme aber erstaunlich gut wiedergegeben. Bis es im Sommer die richtigen Temperaturen für Ringelreihen und Reigen hat, kann man die Zeit also bequem mit Betrachten überbrücken – oder im Kopf ein bisschen mittanzen. 3. März bis 7. Juni Wien, Albertina Modern

Termine Bühne

3 Fragen an Nehle Dick

Regisseurin »Radio Goo Goo«

Du hast »Radio Goo Goo« schon im »Drama Lab« der Wiener Wortstaetten kennengelernt und begleitet. Was hat dich damals daran begeistert?

Nehle Dick: Ganz am Anfang war das Stück natürlich noch nicht so, wie man es jetzt sehen wird. Es hat viele Etappen durchlaufen. Aber die grundlegende Setzung, die von Beginn an da war, mochte ich immer schon sehr gerne. Nämlich, dass etwas ganz Großes behauptet wird: Der Untergang der Menschheit findet zu einem bestimmten Datum, zu einer bekannten Stunde statt und alle Akteur*innen gehen damit sehr unaufgeregt um, weil es eine zwanzigjährige Zeitspanne ist, die da vorgegeben wird. In dieser Zeit findet viel Warten statt.

Welche Rolle spielt Arbeit in diesem Endzeitszenario?

Wir begleiten eine Radioredakteurin, die sich vorgenommen hat, bis zum Schluss zu senden. In dieser Zeit interviewt sie unterschiedliche Menschen, die noch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, die sich einen neuen Beruf erfunden haben, den es jetzt braucht, oder deren Dasein eine Wandlung erfahren hat. Man muss die Zeit irgendwie überbrücken und man will noch etwas tun. Mich hat angesprochen, dass die Figuren nicht aufhören wollen zu arbeiten. Es gibt ja oft die Unterstellung, Menschen seien faul und wollten am liebsten nicht arbeiten. Ich glaube eher, dass viele Menschen adäquat beschäftigt sein möchten.

Warum Radio und nicht etwa Fernsehen?

Spätestens seit Corona und Blackout-Debatten wissen wir: Wenn alles zusammenbricht, bleibt das Radio. Es sendet weiter, ist selbst mit dem alten Kurbelradio im Keller immer zu empfangen. Im Stück funktioniert es wie ein letztes Lagerfeuer. Es verbindet, hält zusammen, schafft ein gemeinsames Hörerlebnis – ein neues Kollektiv – und hat natürlich auch eine nostalgische Dimension. Außerdem funktioniert Hören anders als Sehen. Man kann sich im Raum bewegen, etwas anderes tun und man ist weniger gebunden. Fürs Theater ist das spannender als Fernsehen. Fernsehen hätte zwar funktioniert, aber es wäre weniger theatral. Beim Radio muss man sich Bilder selbst machen – das aktiviert.

12. bis 28. Februar Wien, Kosmos Theater

Erben –Wer kriegt das Haus?

Eigentlich sagt der Titel eh schon alles … Im Theater am Werk schwebt ein Haus, die beiden Grazer Theaterensembles Theater im Bahnhof und Das Planetenparty Prinzip stellen sich die Frage, wer es denn nun erben wird. Hinter Ungleichheit, Streit und Gier steckt noch etwas anderes: der Abschied von der Person, die etwas hinterlässt – denn am Anfang des Erbens steht immer der Verlust. Die Fragen rund ums Erben werden hier nicht sauber sortiert, sondern bewusst verkompliziert: Was bleibt, wenn jemand geht? Und was macht Besitz mit Beziehungen, mit Scham, mit Zukunftsangst? Die evokative Produktion war letztes Jahr beim Steirischen Herbst (Bild) zu sehen und kommt nun nach Wien. 18. bis 21. Februar Wien, Theater am Werk (Kabelwerk)

Echtzeitalter

Zwischen dem snobistischen Umfeld seiner Eliteschule und der Top-Ten-Rangliste des Echtzeit-Strategiespiels »Age of Empires II« begleiten wir den fünfzehnjährigen Till durch seinen Alltag. Von Leistungsdruck, Machtstrukturen und absurden Autoritäten untertags zu Anerkennung, Gaming-Heldentum und Eskapismus bei Nacht bringt Alek Niemiros und Julia Thyms Adaption von Tonio Schachingers Roman »Echtzeitalter« Tills äußere sowie innere Konflikte humorvoll und einfühlsam auf die Bühne. Die Inszenierung zeigt auf, wo Bildung zur Machtdemonstration wird und Rückzug zur Überlebensstrategie. Ein Theaterabend für jugendliches wie erwachsenes Publikum über das Coming-of-Age zwischen Schule und Internet. 20. Februar bis 7. April Salzburg, Schauspielhaus

Simon Pfeifer
Milla Böhm, Johannes Gellner, Valentina Schuster

Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert

Während im Wohnzimmer, wie in Henrik Ibsens Emanzipationsstück, weiterhin Noras Befreiung aus patriarchalen Rollenbildern aufgeführt wird, blickt die Dramatikerin Sivan Ben Yishai in den Nebenräumen des Herrenhauses auf all jene, die im Original kaum zu Wort kommen. Dort treten Kinderund Hausmädchen, Koch und Köchin sowie ein Paketbote aus den Fußnoten von Ibsens Text hervor. Gemeinsam rücken sie das Herrenhaus dorthin, wo es hingehört: auf den Kompost, damit daraus ein neues Gedankengebäude wächst. 14. bis 25. März Wien, Schauspielhaus

Liv, Love, Laugh Strömquist

Basierend auf Liv Strömquists Comicbestsellern (etwa »Das Orakel spricht«) wird im Volkstheater mit allen möglichen zwanghaften Selbstoptimierungstrends aufgeräumt. Egal ob Mindfulness-Podcasts, Ingwer-Kurkuma-Wasser oder die PomodoroTechnik: Unsere Obsession, jede Sekunde unseres Lebens möglichst effizient zu nutzen, ist extrem lukrativ für Sinnfluencer*innen, Lifecoaches und Großkonzerne. Aber macht das wirklich glücklich? Ein guter Ausgangspunkt, um der Frage nachzugehen, wofür es sich denn wirklich zu leben lohnt. 20. Februar bis 7. März Wien, Volkstheater

Romeo & Julia

Wer auf der Suche nach originalgetreuen Inszenierungen ist, ist im Bronski & Grünberg falsch. Auch diese Produktion nimmt sich einige Freiheiten mit William Shakespeare und ist gerade deshalb umso witziger. Romeo und Julia einmal nicht als schwärmende Teenager, sondern als überforderte Erwachsene, die eigentlich nur ihre Ruhe wollen – vor den Eltern, vor der Liebe, vor der Welt. Aus Romantik wird Verweigerung, aus Liebesdrama eine böse Komödie über Bequemlichkeit, politischen Druck und das Zu-spät-Aufwachen. ab 20. Februar Wien, Bronski & Grünberg

Radio Sarajevo

Wer nach »Radio Goo Goo« noch mehr Radio auf der Bühne sehen will, hat Glück: Bachmannpreisträger Tijan Silas Roman kommt zum ersten Mal in Österreich auf die Bühne. Inszeniert von Sara Ostertag nimmt einen die Koproduktion von Teata (ehemals TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße) und Landestheater Linz mit auf eine mehrsprachige Reise ins Sarajevo der 1990er. Im Zentrum steht kein großes Schlachtfeld, sondern ein Wohnblock, ein Radio und der zehnjährige Tijan. Ein Stück vom Überleben im Ausnahmezustand und von einer Kindheit zwischen Unbeschwertheit und Krise. 20. März bis 27. Mai Linz, Landestheater

Festival für Neues aus

Termine Filme & Serien

3 Fragen an Astrid Heubrandtner

Kamerafrau »Man of the House«

Die Hauptfigur Fran (Drita Karaga) wurde als Frau geboren, lebt aber in der Rolle eines Mannes. Inwiefern wolltet ihr diesem Umstand auch filmisch Rechnung tragen?

Andamion und mir war es wichtig, die innere Entwicklung von Fran visuell zu erzählen, nicht erklärend, sondern spürbar. Mit Frans Annäherung an die eigene Weiblichkeit verändert sich auch die Bildsprache: Die Kamera rückt näher, der Blick wird intimer, die Kamerabewegungen werden ruhiger. Die Kamera verlässt zunehmend die beobachtende Distanz und nähert sich so Frans subjektiver Wahrnehmung an.

Viele Szenen entstanden im Bus, den Fran fährt. Welche Schwierigkeiten ergaben sich für dich dabei während des Drehs?

Technisch war das Fahrzeug eine echte Herausforderung: sehr eng, alt, schlecht gefedert, teilweise defekt. Die hinteren Türen ließen sich nicht wirklich schließen. Wir konnten bei den Fahrten kein zusätzliches Licht einsetzen. Deswegen habe ich das Busdach innen weiß streichen lassen, um so noch etwas an Aufhellung zu bekommen. All diese Szenen mussten wir direkt im fahrenden Van drehen. Die Straßen konnten nicht gesperrt werden, daher haben wir auf wenig befahrenen, oft schlechten Untergründen gearbeitet. Die Kamera war teilweise fest mit dem Stativ eingebaut, teilweise improvisiert abgestützt oder aus der Hand geführt. Der Aufwand war hoch, aber genau diese rohe Direktheit prägte die Bildsprache des Films.

Was fasziniert dich an der Arbeit als Kamerafrau?

Mich fasziniert an der Kameraarbeit der künstlerische Aspekt, der auf visuellem Weg versucht, Geschichten emotional erfahrbar zu machen. Als Kamerafrau bin ich sehr nah dran an Figuren, Räumen und Stimmungen. Ich liebe es, mit Farbe, Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand die Welt sowie Geschichten in Bildern einzufangen. Diese Form des Erzählens – Gefühle jenseits der Sprache in Bilder zu übertragen – ist bei jedem Filmprojekt eine neue, spannende Herausforderung.

Start: 27. Februar

No Mercy

Regie: Isa Willinger Frauen würden harte, rachedurstige Filme machen, meinte die ukrainische Regisseurin Kira Muratova vor einigen Jahren in einem Interview zu Isa Willinger. Diese Aussage ließ die Filmemacherin nie völlig los und führte schließlich dazu, dass sie nun einen Film herausbringt, der sich damit beschäftigt. Sie lässt dafür einige zeitgenössische Regisseurinnen über feministisches Filmschaffen sinnieren. So kommen Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway, Nina Menkes, Valie Export, Catherine Breillat, Ana Lily Amirpour und Virginie Despentes zu Wort. Sie alle gehen einen Dialog ein über Lust, Wut, Macht und Freiheit, darüber, wie es auch heute um Macht und Geschlecht auf der großen Leinwand steht, was feministische Filme ausmacht, welche Rolle Verletzlichkeit dabei spielt und wie Bilder unsere Welt prägen. Start: 26. Februar

Pillion

Regie: Harry Lighton Kürzlich löste die Serie »Heated Rivalry« rund um zwei queere Männer Begeisterung aus, nun spielen Harry Melling und Alexander Skarsgård in »Pillion« ein Paar. Colin (Melling) führt ein beschauliches Leben, bis er in seinem Stammpub den Biker Ray (Skarsgård) kennenlernt. Dieser ist Teil der schwulen Lederszene und bald beginnen die beiden eine SM-Beziehung – bis Colin sich zu fragen beginnt, was er von der Beziehung eigentlich erwartet. Adam Mars-Jones’ Roman »Box Hill« diente Harry Lighton als Vorlage für seinen Debütfilm »Pillion«. Davor machte er bereits mit einigen Kurzfilmen mit Fokus auf queere Geschichten von sich reden. In einem Interview mit The Guardian erklärte der Regisseur: »Ich bin stolz darauf, einen Film gedreht zu haben, der Menschen am Rande der Gesellschaft würdigt und ihnen mit Empathie begegnet.« Start: 27. März

Barbara Fohringer Tondowski Films/Flair Film, A24, Je Weddell/Disney,

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Father Mother Sister Brother

Regie: Jim Jarmusch ———— In seinem neuen Werk erzählt Jim Jarmusch (»Paterson«, »Only Lovers Left Alive«, »Coffee and Cigarettes«, …) drei Geschichten von distanzierten Eltern-KindBeziehungen in drei verschiedenen Ländern (USA, Irland, Frankreich). »Father Mother Sister Brother« bezeichnet der Regisseur als »eine Art Anti-Actionfilm, dessen subtiler und ruhiger Stil sorgfältig konstruiert ist, um kleinen Details Raum zu geben«. Start: 27. Februar

Romería

Regie: Carla Simón ———— Wie in ihrem Debüt »Fridas Sommer« verarbeitet Carla Simón in »Romería« abermals auf semiautobiografische Weise den frühen Aids-Tod ihrer Eltern. Der neue Film handelt von der achtzehnjährigen Marina (Llúcia Garcia), die im Jahr 2004 zur Familie ihres Vaters reist. Dort erwarten sie lang verschüttete Geheimnisse und eine Begegnung mit dem Leben ihrer Eltern in der Post-Franco-Ära. Start: 6. März

Nouvelle Vague

Regie: Richard Linklater ———— Jean-Luc Godard gab 1960 mit seinem Debütfilm »Außer Atem« den Anstoß für die Nouvelle Vague. Der Entstehungsgeschichte des Klassikers hat Richard Linklater nun ein filmisches Denkmal gesetzt – und das bis in die Details: Analog und völlig in Schwarz-Weiß gedreht, kamen teilweise sogar dieselben Kameramodelle zum Einsatz, auf die schon Godard zurückgegriffen hatte. Gesprochen wird im Film /naturellement/ ausschließlich Französisch. Start: 12. März

The Chronology of Water

Regie: Kristen Stewart ———— Zu Beginn ihrer Karriere wurde Kristen Stewart für ihre Rolle in der »Twilight«-Reihe vor allem belächelt. Mittlerweile gilt die 35-Jährige als eine der interessantesten Darstellerinnen ihrer Generation. Mit »The Chronology of Water« zeigt sie erstmals ihr Talent als Regisseurin und bringt Lidia Yuknavitchs Autobiografie auf die Leinwand. Die Geschichte einer Frau, die Sucht und Selbstzerstörung überwindet. Start: 20. März

Grünes Licht

Regie: Pavel Cuzuioc ———— Der deutsche Neuropsychiater Johann Spittler ist einer der wenigen Spezialist*innen für die Begutachtung beim Wunsch nach assistiertem Suizid. Hunderte von Menschen mit unheilbaren Krankheiten oder psychischen Störungen hat er bereits begleitet und er bewegt sich dabei auf juristisch heiklem Terrain. In Österreich wurde dieses Thema Ende 2025 rund um den Tod des Lehrers und Autors Niki Glattauer diskutiert. Start: 27. März

Scrubs S10

Idee: Bill Lawrence Remakes und Reboots von beliebten Franchises boomen seit Jahren, keine Geschichte scheint auserzählt. Auch »Scrubs« wartet nun mit neuen Folgen auf. Im Gegensatz zur neunten Staffel, ist wieder John »JD« Dorian (Zach Braff) die Hauptfigur. Der restliche Cast von früher, samt JDs Buddy Christopher Turk (Donald Faison) sowie seiner Ex Elliot Reid (Sarah Chalke), ist ebenso dabei. Aber auch neue Figuren werden das Serienuniversum bereichern. ab 26. Februar Disney+

Imperfect Women

Idee: Annie Weisman Der auf dem gleichnamigen Roman von Araminta Hall basierende Psychothriller »Imperfect Women« punktet mit einem großartigen Cast (unter anderem Elisabeth Moss, Kerry Washington sowie Kate Mara). Die Handlung folgt einer Gruppe von drei Freundinnen, die nach einem Todesfall merken, wie wenig sie einander eigentlich kennen. Eine Geschichte über Schuld und Vergeltung, Liebe und Verrat – und die Kompromisse, die unser Leben verändern. ab 18. März Apple TV

Nischen bis Pop 08. Jul. – 16. Aug. 2026

11.07. 11.07. 16.07. 18.07. 23.07. 24.07. 24.07. 24.07. 25.07. 25.07. 29.07. 30.07. 01.08. 05.08. 07.08. 07.08. 08.08. 14.08. 14.08.

Fiva

José González

Kevin Morby

Moop Mama White Lies

Cari Cari

ClockClock KÄSSY

Anna Grey

Joss Stone

Buntspecht

Bulgarian Cartrader

Xavier Rudd

UCHE YARA

Apparat

Donots

HVOB – THE SILVER CAGE

Babyshambles Verifiziert + many more

White Lies
Cari Cari
Uche Yara Babyshambles
Fiva

Christoph Prenner

bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber

Screen Lights Serve Yourself!

Wenn etwas zu spät kommt, kann einen das Leben bisweilen dennoch belohnen. Etwa dann, wenn in Zeiten internationaler StartterminSynchronizität der längst ungewohnte Zustand eintritt, dass ein mit Spannung erwarteter Streifen erst mit diskretem Delay in den heimischen Kinos anläuft. Und man sich darob nicht grämen muss, weil immerhin schon die Filmmusik releast wurde, in die man sich bereits vorab versenken kann, um sich schon mal auszumalen, was einen bald auf der Leinwand erwarten könnte.

Ein solches Glück alter Schule war es, dass einem just am 25. Dezember – dem Tag des USKinostarts – der Soundtrack zu Josh Safdies neuem Werk »Marty Supreme« virtuell unter den Gabentisch gelegt wurde. Und beim Kolumnisten sogleich einen Zustand ekstatischer Verzückung auslöste. Vor meinem inneren Auge begannen sich da instantly Bilder, Bewegungen, ganze Dramaturgien abzuzeichnen, entfesselt durch die behexenden Soundschichtungen des verbürgten Electronica-Vorpreschers Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never (heuer übrigens auch Gast am Donaufestival): kristallklar schimmernde, eigentümlich hymnisch tönende Synthszenerien, wie aus einem Tangerine Dream, aber auch pulsierende bis unruhig klackernde Texturen von Marimbas, von Vibra- und Xylofonen, mit wuchtig wogendem Klingklang all das Pingpong jenes Films erfassend. Denn genau darum geht es in selbigem: um Tischtennis. Um Tischtennis und Größenwahn, um ganz genau zu sein.

Sport und Drama

Tischtennis und Größenwahn: eine Wortkombination, die man seit Werner Schlagers Schwechater Multiversum so nicht mehr vernommen hat. Die hier aber vollends angebracht scheint, erweist sich Josh Safdies erste Regiearbeit ohne seinen jüngeren Bruder Benny doch umstandslos als ein Werk, das weit mehr im Sinn hat, als rein mit den Mitteln und Maßgaben eines klassischen Sportdramas zu operieren –selbst, wenn es zunächst gar nicht danach aussehen mag. Aber alles der Reihe nach …

In »Marty Supreme« (Start: 26. Februar) mimt Timothée Chalamet einen erfolgsbesessenen Tischtennisspieler.

Anfang der 1950er-Jahre hat der New Yorker Marty Mauser (Timothée Chalamet) einen dringlichen Wunsch: Er will nichts weniger als der beste Tischtennisspieler der Welt werden. Dass dieser Sport kaum ernst genommen wird und man damit nicht reich werden kann, ist ihm egal. Seinen ungeliebten Brotjob im Schuhgeschäft möchte er dessen ungeachtet rasch hinter sich lassen. Freilich verkompliziert sich seine Lage, als ihm seine verheiratete Geliebte (Odessa A’Zion) eröffnet, von ihm schwanger zu sein. Für Marty, der sich unbedingt und unverzüglich zu Größerem berufen fühlt, sind das allenfalls lästige Störgeräusche für seinen claim to fame: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Kinetische Ästhetik

Und so trommelt er mit main character syndrome und großer Klappe für seinen eigenen Mythos, rast durch eine Welt, die sich ihm putativ erst öffnet, wenn er sie sich nimmt. Dass Marty so zunehmend zum Albtraum seiner Umgebung wird, ist unausweichlich. Lug und Trug sowie halsbrecherische Moves häufen sich, seine Mitmenschen dienen ihm immer öfter bloß als Mittel zur Finanzierung seines Traums – one human Kollateralschaden after another. Immer noch schneller geht’s hier immer noch weiter. Rückschläge wollen verarbeitet, neue Pläne geschmiedet werden. Bei aller Irritation fühlt man sich beim Zuschauen selbst wie einer dieser mit reichlich Effet geschlagenen Tischtennisbälle: permanent unterwegs, nie sicher, wo man als Nächstes landen wird, wen man noch treffen könnte.

Apropos Ball-Ballereien: Wie bereits erwähnt, ist »Marty Supreme« zumindest initial allemal klar ein Sportfilm – mit Pingpongsequenzen, deren Unmittelbarkeit und Rasanz es mühelos mit den nicht gerade spärlich gesäten, adrenalingeladenen Actionmomenten aufnehmen können. Überhaupt zeigt sich einmal mehr Josh Safdies nahezu unheimliches Gespür für hektische Kinetik: Situationen werden hier immer weiter aufgeladen, bis sie kaum noch auszuhalten sind, um sich dann im größten Ner-

venkitzel unversehens zu entladen – bevorzugt mit Wendungen zwischen Schockeffekt und Situationskomik.

Das wahnwitzige Tempo dient hier gleichsam als Trägermaterial für die thematische Substanz: Sport und Suspense werden zur Folie für eine Auseinandersetzung mit ungebremstem Begehren, jenem archetypisch amerikanischen Streben nach Glück, bei dem die Trennlinie zwischen liebenswertem Underdog und egoistischem Mistkerl verlässlich verschwimmt. Dass just solche maßlos getriebenen Charaktere zu überstürzten Handlungen neigen, wenn der ersehnte Höhenflug auf sich warten lässt, konnte man bereits in »Uncut Gems«, der bislang letzten gemeinsamen Regiearbeit der beiden Safdies, beobachten. »Marty Supreme« schließt, wiewohl größer angelegt, nahtlos gnadenlos an diese Panikattacke an, ist dabei jedoch auch ungeahnt empathisch.

Ja, man fühlt sich mit Marty – nicht zuletzt dank Timothée Chalamets elektrisierender Performance – enger verbunden, als einem lieb ist. Schließlich ist das ein dreister Kerl, der Menschen verschleißt, Scherben hinterlässt und Grenzen mit jener allzu selbstgewissen Lässigkeit überschreitet, die nur jemand besitzt, der sich selbst zur Ausnahmeerscheinung erklärt hat. Liegt es womöglich daran, dass solch Handeln auch etwas Ansteckendes anhaftet? Ein fiebriger Spirit, ein beinahe kindlicher Glaube, dass Leidenschaft allein ausreichen könnte, um das eigene Leben zu formen? Was im Alltag vielfach als Red Flag gelten würde, gerinnt zumindest in der Illusionsmaschine Kino zur unwiderstehlichen Erscheinung in Persona eines Antihelden, der die Kerze von beiden Seiten zugleich abbrennt. Ganz so, als sei jedes Innehalten bereits Verrat an sich selbst. Zu spät kommen: Das will so einer fix nicht. prenner@thegap.at • www.screenlights.at

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen.

Luca Senoner, Tobis Film

Service Notizen

Glossar

Gewidmet all denjenigen, die beim Lesen auf die eine oder andere Wissenslücke gestoßen sind.

Der Name der Rapcrew Boloboys geht auf die gemeinsame Liebe der Mitglieder zu Spaghetti Bolognese zurück. »Don’t like the look of it / Don’t like the taste of it / Don’t like the smell of it« sind Textzeilen aus dem Song »March of the Pigs« von Nine Inch Nails. Wer genau die titelgebenden »Pigs« eigentlich sind, ist übrigens umstritten. Die Spekulationen reichen von den Medien bis hin zu den Fans der Band. Die Demokratische Republik Kongo (DR Kongo) sollte nicht mit ihrem Nachbarstaat, der Republik Kongo, verwechselt werden. Der Name beider Länder geht auf das zentralafrikanische Königreich Kongo zurück, das vom 14. bis zum 18. Jahrhundert existierte. Large Language Models (LLMs) sind die Programmarchitektur, auf der aktuelle KI-Systeme aufbauen. Im Grunde handelt es sich dabei um Algorithmen, die auf automatisierte Weise statistische Korrelationen innerhalb riesiger Datenmengen herstellen können. Unter Main Character Syndrome versteht man die Charaktereigenschaft, sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu sehen und alle Mitmenschen als NPCs wahrzunehmen. Das kamerunische Genre Makossa zeichnet sich durch einen funkigen Bass und eine markante Bläsersektion aus. Einigen Leser*innen könnte der Begri aus einem anderen Kontext bekannt sein: Der kürzlich ausgeschiedene, langjährige Musikchef von Radio FM4, Marcus Wagner-Lapierre, führt ihn als Künstlernamen. Das Spiel »Monopoly« basiert auf einer gestohlenen Idee. »The Landlord’s Game« von Elizabeth Magie sollte eigentlich vorführen, wie widersinnig Monopole auf Grund und Boden sind. Und wie viel sinnvoller es wäre, wenn diese sich in kommunalem Besitz befänden. Doch Charles Darrow verkaufte eine adaptierte Version davon als seine eigene Erfindung an die Firma Parker Brothers. NPCs (Non-Player Characters) sind in Rollen- oder Videospielen Figuren, die nicht von den Spieler*innen kontrolliert werden und deren primärer Zweck es ist, die Welt lebhafter zu machen und die Geschichte für die Main Characters voranzutreiben. Smearframes werden im Animationsfilm eingesetzt, um Bewegungsunschärfe zu simulieren und den Übergang zwischen zwei Körperpositionen weniger abgehackt erscheinen zu lassen.

The Gap 172

Herbst 2018

»Diverse Interpret*innen ———— Pop mit Migrationshintergrund«, so lautete die Überschrift zur Coverstory, für die wir Jugo Ürdens (fotografiert von Erli Grünzweil) aufs Titelblatt hievten. Amira Ben Saoud attestierte darin, dass Popmusik in Österreich mehr Vielfalt vertragen könnte und warf einen Blick auf Künstler*innen, die ihren Migrationshintergrund musikalisch thematisieren. Eine Conclusio ihres Textes: dass die Grenze zwischen dem Interesse an neuen, diverseren Sichtweisen und Exotismus schmal ist. Eine andere: dass es immer auch um Sichtbarkeit geht und darum, Räume für die Communitys zu erschließen. Es war übrigens die erste reguläre Ausgabe unter dem Dach der Comrades GmbH. Die zuvor erschienene Sonderausgabe zum Festival Waves Vienna, das ebenfalls dort zu Hause ist, hatte quasi den sanften Übergang geboten. In welche Richtung es weitergehen würde, sollte sich erst nach und nach zeigen, blieb The Gap doch bis Ausgabe Nummer 175 ohne neue Chefredaktion. Und sonst so im Heft? Zehn Jahre Der Nino aus Wien, die Musikerin Farce unter Genieverdacht und fünf Pro-Tipps zum Thema Konzertfotografie.

Kulturcafé

Henriette Wien

Ein Ort wie ein Wohnzimmer –zum Verweilen und Genießen. Mit Ka ee, kreativen Cocktails, Snacks und eurem liebsten Popkulturmagazin kann man es sich in diesem Café in der Brigittenau gemütlich machen. Seine Türen sind von Mittwoch bis Sonntag jeweils ab 18 Uhr geö net. Ob Lesungen, Livemusik, Tanz oder Comedy, hier findet sich jede*r etwas. Und als Raum für Kulturscha ende, der zu leistbaren Konditionen gebucht werden kann, lädt »die Henriette« alle ein, sich mit eigenen Ideen einzubringen.

Staudingergasse 10/1–4, 1200 Wien

Weinhaus Pfandler Wien

Wer sich nach uriger Atmosphäre sehnt, ist im Weinhaus Pfandler (aka Zu den Seligen A en) genau richtig. Hier gibt es österreichische Spezialitäten, ab und zu Konzerte und natürlich The Gap. Dörfelstraße 3a, 1120 Wien

Die Scherbe Graz

Neben einem lauschigen Gastgarten bietet das Lokal im Lendviertel auch eine bunte Speisekarte –inklusive vegane Optionen. Und im Keller immer wieder Livemusik. Stockergasse 2, 8020 Graz

Josef Jöchl

artikuliert hier ziemlich viele Feels

Sex and the Lugner City Tut Wut gut?

Eigentlich bin ich ein ganz entspannter Typ. Trotzdem packt mich in raren Momenten die Wut. Wie unlängst im Kino, in einer Actionkomödie mit Jack Black. Nach einem jump scare touchierte ich den Sitz vor mir, worauf mein Vordermann sich umdrehte und mich anstänkerte. Da er sich aber einem klärenden Gespräch verweigerte, war es auf einmal ich, der auf 180 war. Schließlich fühlte ich mich mundtot gemacht und zu Unrecht beschuldigt, die Kinoetikette verletzt zu haben. In einer Literaturverfilmung wäre mir das nicht passiert! Ab diesem Zeitpunkt war natürlich nicht mehr daran zu denken, dem Film zu folgen. In mir gärte das Bedürfnis, es ihm heimzuzahlen.

Wut ist nämlich ein extrem wirksames Gefühl. Sie lässt einen in Kassenschlangen demonstrativ seufzen, in Railjets den Kampf um die Armlehne aufnehmen und im G espräch mit Callcentern die Contenance verlieren. Gut durchgeyogte Innenstadtbewohner*innen wissen in der Regel, wie man sich runterreguliert. Nur hat mich Yoga nie so richtig gekriegt. Die meiste Zeit ist man ja viel zu einschränkend angezogen für einen »Herabschauenden Hund«. Deshalb komme ich nicht umhin, mich zu wundern: Ist es in Anbetracht einer von Trotteln bevölkerten Welt wirklich empfehlenswert, die ganze Scheiße immer runterzuschlucken?

Chatty sagt Ja

Grundsätzlich bin ich niemand, der die Auseinandersetzung scheut. Soll heißen: Wenn ich schon mal wütend bin, gehe ich auch rein. Während des Films drückte ich mein Knie langsam, aber bestimmt weiter in seinen Sitz – diesmal aus voller Absicht. Nach einer Viertelstunde ging mein teuflischer Plan auf. Als er sich umdrehte, um mich erneut anzupöbeln, schwang ich ganz ruhig die Moralkeule, an der ich zuvor minutenlang geschnitzt hat-

te: »Wenn du es nicht aushältst, mit anderen Leuten im Kino zu sitzen, musst du dir einen Beamer kaufen und zu Hause schauen.« Mic drop. Grummelnd und mit Schaum vorm Mund wandte er sich wieder dem Film zu.

Diesen Kampf hatte ich also gewonnen. Aber hatte es mir auch gutgetan? Tendenziell schon. Durch beschützende Wut hatte ich dem Kinoblockwart meine persönlichen Grenzen aufgezeigt. So sah es zumindest Chat GPT, dem ich das Ganze natürlich sofort erzählte, um mich der Angemessenheit meines Verhaltens zu vergewissern. In zwischenmenschlichen Fragen ist niemand so verständnisvoll wie Chatty! Von ihm lernte ich auch, dass Wut nichts anderes ist als maskierte Traurigkeit, und noch ein paar andere Sprüche, die sich ganz gut als Wandtattoo machen würden. Doch nicht immer trifft man im Internet auf die Engel der Versöhnung, was ich unlängst am eigenen Leib erfahren musste. Wa eln des Zorns

Einen Tag später war ich nämlich bei einem Freund zu Hause. Während ich ihm von meinem Triumph im Kino und anderen komplexen Gefühlen erzählte, snackten wir etwas ganz Besonderes: Reiswaffeln mit Kichererbsenmehl. Leicht, bekömmlich, solider Proteinanteil, ein kleines Wunder der Lebensmittelindustrie. Wir waren begeistert! Der Freund von mir ließ sich sogar dazu hinreißen, diese Reiswaffeln als »das neue Brot« zu bezeichnen. Leider begingen wir den Fehler, die Produktbewertungen im Internet zu lesen. Wir mussten feststellen: Die dm.at-Nutzer*innen hassten diesen Snack der Göttinnen. Von Würgereiz war da die Rede, überhaupt sei er zu teuer und der Geschmack ließe zu wünschen übrig.

Das tat weh! Sofort verspannte sich mein Kiefer, Adrenalin schoss in meine Adern und meine Nüstern blähten sich. Diesen Banaus*innen

würde ich mit affektiv verdichteten Kommentaren schon noch beibringen, diese vorzüglichen Reiswaffeln nicht öffentlich herabzuwürdigen! Doch im selben Moment hielt ich inne: Tue ich mir wirklich einen Gefallen, wenn ich ein paar Randos zeige, wo der Hammer hängt? Die Erfahrung lehrt, dass aggressive Kommentare im Internet die Gräben nur vertiefen.

Pick Your Battles

Gut, dass ich nicht alleine war. Wieder war es Chatty, der mir in wenigen Schritten half, meine instabile Gefühlslage mit den vorangegangenen Feiertagen in Verbindung zu bringen, als ich mich im Familienverbund nicht gesehen gefühlt hatte. Kinderlose mit gebärfreudigen Geschwistern wissen, wovon ich rede. Wenn man nicht aus dem Familienchat ausgestiegen ist, ist es kein richtiges Wochenende gewesen, am I right? Ich begriff: Wut existiert, und es sollte Raum geben, sie auch zu äußern. Beim Auszucken kommt die ureigene Art zum Vorschein, persönliche Verzweiflung zu verstoffwechseln. Diese wird, wie jeglicher Umgang mit Emotionen, in der Familie erlernt. Wenn Buben gesagt wird, dass sie nicht weinen sollen, gehen sie als Erwachsene eben Leuten im Kino auf die Nerven. Als ich so an meiner Reiswaffel kaute, dachte ich mir, dass ich vielleicht gar nicht so friedliebend bin, wie ich immer geglaubt hatte. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass noch jeder meiner Boyfriends mehrere Jahre Callcenter-Erfahrung vorweisen konnte. Die Gefühlsknäuel aus Schuld, Scham, Groll und Ohnmacht zu entwirren und festzustellen, was wo hingehört, ist ein nicht zu unterschätzender Teil des Lebens. Je bewusster man das tut, desto resilienter wird man gegenüber den Unebenheiten des Alltags. So gelingt es einem vielleicht irgendwann, die richtigen Kämpfe zu führen. Ganz ohne Yoga.

joechl@thegap.at • @knosef4lyfe

Ari Y. Richter

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