The Gap 196

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AUSGABE DEZEMBER 2022 / J ÄNNER 2023 — THE GAP IST KOSTENLOS UND ERSCHEINT ZWEIMONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1052 WIEN, P.B.B. | MZ 18Z041505 M N ° 196 € 0,— Künstliche Kunst Der ambivalente Aufstieg KI-generierter Bilder
Generate person looking at smartphone by egon schiele
barracudamusic.at oeticket.com Medieninhaber: Barracuda Music GmbH, 1090 Wien Hersteller: Print Alliance HAV Produktions GmbH, 2540 Bad Vöslau Medieninhaber: Barracuda Music GmbH, 1090 Wien Hersteller: Print Alliance HAV Produktions GmbH, 2540 Bad Vöslau 14. Februar Wiener Stadthalle European & UK 2023 Tour SAMSMITHWORLD. COM @SAMSMITH GLORIA the tour 18. MAI 2023 WIENER STADTHAL LE WITH SPECIAL GUEST

Editorial Talkin’ ’bout my generation

Bevor ich in den weiteren Zeilen durch adjektivgeladene Beschreibungen versuche, Lust auf die Texte in dieser Ausgabe zu machen, etwas in eigener Sache: Die vorliegende Ausgabe markiert für mich die letzte als Chefredakteur. Die letzten zwei Jahre in dieser Position waren eine interessante Herausforderung und ich möchte mich besonders bei Herausgeber Manuel Fronhofer und Geschäftsführer Thomas Heher für ihr Vorschussvertrauen bedanken. Des Weiteren wäre diese Publikation nichts ohne die vielen idealistischen freien Autor*innen, die Ausgabe um Ausgabe zu dem machen, was The Gap ist – seit 25 Jahren. Und selbstverständlich gilt ein Herz-Emoji all jenen Menschen, die dieses Heft gelesen haben und zukünftig lesen werden.

Back to topic: Kunst oder Müll? Original oder Imitat? Wertvoll oder irrelevant? Fragen, die uns dieser Tage wieder öfters beschäftigen. Nicht nur, weil der Verkauf von Kunstwerken unter falscher Herkunftsbezeichnung in Österreich momentan zwischen Lausbubenstreich und schwerem Betrug debattiert wird, sondern auch, weil besonders Vertreter*innen der bildenden Künste derzeit auf die immer besser werdenden Bildgenerierungssoftwares blicken. Manchmal besorgt, manchmal voller Freude am innovativen Zuwachs an kreativen Möglichkeiten, manchmal irgendwas dazwischen. Darum dreht sich auch die Coverstory von Bernhard Frena, illustriert mit Generierungen von Alex Gotter. Ansonsten bietet dieses Jahresabschlussheft ein Fotospecial mit Analogfokus, einen Text zum österreichischen Indie-Musikbusiness rund um Voodoo Jürgens, eine Betrachtung des Kults um tote Frauen in der Musik, Albenbesprechungen, Terminankündigungen und die gewohnten Kolumnen.

Der Schluss dieses Editorials wurde von einer KI-Textgenerierungssoftware verfasst und von einem neuronalen Netzwerk übersetzt: Vielen Dank für die Lektüre dieses Magazins. Wenn es Ihnen gefällt und Sie es irgendwo kostenlos erhalten haben oder online lesen, ziehen Sie bitte ein Abonnement in Betracht. Es ist praktisch und kompakt und Sie können es überallhin mitnehmen. Es ist auch eine gute Möglichkeit, mit unserer Printausgabe bekannt zu werden, die immer bei unseren Vertriebspartnern und in ausgewählten Zeitungsläden erhältlich ist. Mit einem Print-Abonnement erhalten Sie sechs Magazine pro Jahr. (Klingt tatsächlich intelligent, Anm.)

Sandro Nicolussi

Chefredakteur • nicolussi@thegap.at

Web www.thegap.at

Facebook www.facebook.com / thegapmagazin Twitter @the_gap Instagram thegapmag Issuu the_gap

Herausgeber

Manuel Fronhofer, Thomas Heher

Chefredaktion Sandro Nicolussi

Leitender Redakteur Manfred Gram

Gestaltung Markus Raffetseder

Autor*innen dieser Ausgabe Hanna Begic, Barbara Fohringer, Bernhard Frena, Victor Cos Ortega, Dominik Oswald, Helena Peter, Werner Sturmberger, Jana Wachtmann, Maximilian Weissensteiner, Sarah Wetzlmayr

Kolumnist*innen

Josef Jöchl, Imoan Kinshasa, Christoph Prenner

Fotograf*innen dieser Ausgabe Alex Gotter, Alessandra Ljuboje

Coverbilder-Prompt Alex Gotter Lektorat Jana Wachtmann

Anzeigenverkauf Herwig Bauer, Manuel Fronhofer, Sarah Gerstmayer (Leitung), Thomas Heher, Martin Mühl

Distribution Andrea Pfeiffer

Druck

Grafički Zavod Hrvatske d. o. o. Mičevečka ulica 7, 10000 Zagreb, Kroatien Geschäftsführung Thomas Heher

Produktion & Medieninhaberin Comrades GmbH, Stauraczgasse 10/4, 1050 Wien

Kontakt

The Gap c/o Comrades GmbH Stauraczgasse 10/4, 1050 Wien office@thegap.at — www.thegap.at Bankverbindung

Comrades GmbH, Erste Bank, IBAN: AT39 2011 1841 4485 6600, BIC: GIBAATWWXXX

Abonnement

6 Ausgaben; Euro 21,— (aktuell: Euro 19,97) www.thegap.at/abo

Heftpreis Euro 0,—

Erscheinungsweise

6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1052 Wien

Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz www.thegap.at/impressum

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber*innen wieder. Für den Inhalt von Inseraten haften ausschließlich die Inserierenden. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmi gung der Geschäftsführung.

Daniel Nuderscher

010 Automatisierte Kreativarbeit Wenn der Computer malen lernt

020 In der Arbeit muss man alles geben Kunst und Sytem des Voodoo Jürgens

024 »Life imitates art and art imitates life« Der Kult um die tote Frau in der Musik

004
Magazin
020
Florian Lehner, Florian Moshammer, Marisa Vranješ, Jana Reininger, Alberta Sinani

Kolumnen

Alessandra Ljuboje

Wenn schon Fotospecial, dann gscheit: Für die Workstation zückte Alessandra, Gründerin des Atelier Analog in 1150, ihre Point-and-Shoot-Cam und porträ tierte auf Film. Die 35-jährige Wienerin arbeitete früher im Lomography-Labor, fokussiert (pun intended) aber mittler weile auf ihr Atelier, das ein 20-köpfiges Kollektiv, Workspaces und einen Ausstel lungsraum umfasst – öffentliche vegane Mittagsmenüs und monatlicher Kunst markt inklusive. Auch wer eine Hundesit terin braucht, ist bei Alessandra richtig.

Hanna Begic

Nur vier Jahre hat Hanna bisher in Wien verbracht und schon dürfen wir uns über ihren ersten Beitrag für The Gap freuen. Für diese Ausgabe hat sich die 23-Jährige mit dem Kult um die tote Frau in der Musik beschäftigt. Hanna, die ihre Platten am liebsten bei Galea Records in der Kaiserstraße diggt, ver kauft ansonsten Second-Hand-Bücher, organisiert Lesungen mit Freund*innen, findet Wortspiele im Alltagsgebrauch underappreciated (wer nicht?!) und bezeichnet sich selbst als richtig gut im Fingerknacksen.

KLEINE CREMA GANZ GROSS

Krä iger Geschmack und perfekte Crema mit unserem Caffè Crema Bio, herangewachsen in den besten Anbaugebieten, gehandelt nach Fairtrade-Regeln.

003 Editorial / Impressum 006 Charts 018 Golden Frame 034 Workstation: Cati Donner / Jonas Horak 038 Prosa: Iris Blauensteiner 040 Gewinnen 041 Rezensionen 046 Termine 009 Gender Gap: Imoan Kinshasa 054 Screen Lights: Christoph Prenner 058 Sex and the Lugner City: Josef Jöchl
038 047
Rubriken
JHORNIG COM

HELFEN SIE OBDACHLOSEN MENSCHEN & IHREN TIEREN: NEUNERHAUS.AT/ SPENDEN

JEDEN KANN ES EINMAL AUF DIE SCHNAUZE HAUEN.

Charts Nadine Weixler

TOP 10

Alltagsneurosen

spitzen

Schlafshirt unters Kopfkissen legen

Strunk bei Tomaten entfernen

Wollpullover entfusseln

Zwei bis drei Wecker stellen

Bettwäsche bügeln

Einmachgläser ansammeln

Mit den Balkonpflanzen sprechen

Kissen aufschlagen

Wäscheständer nach eigenem System behängen

TOP 03

Unterschätzte Interessensgebiete

Gartenbegrünung und Kräuterkunde

Dinosaurier Auch nicht schlecht: Sonntage, frisch bezogene Betten, Americano (Drink!) Nadine Weixler hat Fotografie studiert, ist bildende Künstlerin und seit 2021 Obfrau des Fotohof Salzburg. Chinesisches Tierkreiszeichen: Hase.

6 Ausgaben um nur € 19,97 Ihr mögt uns und das, was wir schreiben? Und ihr habt knapp € 20 übrig für unabhängigen Popkulturjournalismus, der seit 1997 Kulturschaffen aus und in Österreich begleitet?

Dann haben wir für euch das The Gap Jubiläumsabo im Angebot: Anlässlich unseres 25. Geburtstags bekommt ihr uns ein ganzes Jahr, also sechs Ausgaben lang um nur € 19,97 nach Hause geliefert.

Charts Georg Schlosser

ersten analogen Fotoautomaten Wiens.

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01 Stifte
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Chemische Elemente
01 Best
02 Crocs Hacks 03 Foxy Mary Competitions 04 Jerry Lewis Similar Artists 05 Toe Wrestling Contest 06 Bee-Wearing and Bee-Bearding Competitions 07 Best
08 WM
09 Sitting
10 Shitbox Rally TOP 03 Die blödesten Momente, ein Kameraklicken zu hören 01 Öffentliches Klo 01 Beim Nasenbohren 01 Wenn man den ganzen Burger in den Mund kriegen will
TOP 10 Competitions
Neckbeard
Pizzafaces
im Luftballonhochhalten
on an Ants’ Nest
Auch nicht schlecht Kommt eine Weggabelung, beschreite sie. Der Fotograf Georg Schlosser leitet das Team Fotoautomat Wien, das seit 2009 Vintage-Fotoautomaten baut und verleiht, unter anderem auch den
The
Gap Jubiläumsabo
Nähere Infos unter abo.thegap.at N 193 € 0,— Neo-Pronomen & Co Der Vielfalt gerecht werden The_Gap_193_Umschlag_Pack_BBA_mf.indd 26.05.22 N 194 € 0,— Von der Musik leben Wie steht es um die Branche? The_Gap_194_001-060_Umschlag_BBA_mf.indd OKTOBER THE GAP IST ERSCHEINT ZWEIMONATLICH. VERLAGSPOSTAMT WIEN, P.B.B. MZ 18Z041505 N 195 € 0,— Gegen das Humor-Patriarchat FLINTA erobern die Kabarettbühnen The_Gap_195_Umschlag.indd
Florian Lehner
& Die
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Voodoo Jürgens 07/12/22 Mi, 21.00 Uhr · Großer Saal
Ansa Panier Stehkonzert Plattenpräsentation»Wie die Nocht noch jung wor«

Splitter

Ö-Filmfestivals mit Fair-Pay-Entlohnungsziel

Die Interessensgruppe Österreichischer Filmfestivals einigte sich auf einen einheitlichen Gehaltskatalog und will weitere Schritte setzen. ———— Dass Filmfestivals selten ohne Förderungen der öffentli chen Hand auskommen, ist kein Geheimnis. Dass innerhalb des Kunst- und Kulturbetriebs die meisten Berufsgruppen und Jobs recht prekär entlohnt sind, ebenfalls nicht. Das Forum Öster reichischer Filmfestivals (FÖFF) nahm sich anlässlich seines zehnjährigen Bestehens der Problematik an und verabschiede te einen Katalog, nach dem zukünftig übergreifend gehandelt werden solle. Das Papier teilt Festivaljobs auf Basis der FairPay-Tabelle der IG Kultur in fünf Kategorien ein und legt ent sprechende Zielvorgaben für Gehälter fest. Dadurch werde eine Grundlage geschaffen, an der sich sowohl Förderinstitutionen als auch Filmfestivals selbst orientieren können sollen. Eine Idee, der sich immer mehr Interessensgemeinschaften anneh men, gibt es doch in den meisten Bereichen nach wie vor kaum einheitliche Informationen – geschweige denn Praxen – zu an gemessener Bezahlung.

Weitere Schritte geplant

Zweites AustrovinylPresswerk eröffnet

Austrovinyl eröffnete in Zusammenarbeit mit Napalm Records ein zweites Werk am bisherigen Standort Fehring. Das soll den Vinyl-Out put massiv vergrößern, aber nicht nur. ———— Österreichs einzige Plattenpresse ist nicht genug, im südoststeirischen 7.000-SeelenDorf Fehring wird nun anders aufgefahren. Nur einen halben Ki lometer Luftlinie von dem Ort, wo Peter Wendler, Johann Faus ter und Johann Koller 2017 Austrovinyl gründeten, entstand seit Februar diesen Jahres das Austrovinyl Werk 2. Es soll in den kommenden Jahren nicht nur die Produktion auf rund eine Million Schallplatten pro Jahr mehr als verdreifachen, sondern auch Schauraum, Café und Clubbereich einschließen. Profitieren soll von den gesteigerten Kapazitäten vor allem die heimische Musikszene, Auflagen ab einhundert Stück werden produziert. Wann die Nachwirkungen von Pandemie- und Vinylkrisenstaus allerdings wirklich merkbar auch für kleinere Acts wettgemacht werden können, steht in den Sternen. Die Auftragsbücher von Austrovinyl sind derzeit bis März 2023 dicht gefüllt. Der bisher größte Auftrag kam von der US-amerikanischen Band Five Finger Death Punch mit einer Auflage jenseits der 10.000 Stück.

Gläserne Manufaktur

Das Eisenerzer Schwermetall-Label Napalm Records (u. a. Alter Bridge, Jinjer und Hammerfall) mit Außenstellen in Berlin und den USA, sicherte sich für dieses Joint Venture 20 Prozent der Austro vinyl-Firmenanteile. Rund 3,5 Millionen Euro seien in das Projekt, an dem sich auch der Europäische Fond für Regionale Entwicklung beteiligte, geflossen. Die Investition zog eine Produktionshalle von über 800 Quadratmetern nach sich, die die erste gläserne Schall plattenmanufaktur Europas beherbergen wird. Ab dem kommen den Frühjahr sollen Vinyl-Liebhaber*innen dort bei Führungen die Produktion hautnah erleben können – auch von interessierten Reiseunternehmen ist bereits die Rede. Bereits eingeweiht ist der Veranstaltungsbereich mit seiner offiziellen Eröffnung am 11. No vember. Bisher aufgetreten sind etwa Yukno und Zinn bei einem Abendkassapreis von 12 bis 15 Euro. Sandro Nicolussi

Vinylbestellungen, Programmeinblicke und weitere Informationen sind unter www.austrovinyl.at zu finden.

Die Aufstellung diene in einem ersten Schritt vor allem als Tool für Festivals, um auf Finanzierungslücken aufmerksam zu ma chen, erläutert FÖFF-Sprecher Benjamin Gruber: »Schließlich sind die Förder- und Budgetniveaus bei Österreichs Filmfestivals weiterhin sehr unterschiedlich.« Nichtsdestotrotz gebe die Eini gung Anlass zur Hoffnung, dass ein verstärktes Bewusstsein für die geleistete Arbeit bei Festivals mittelfristig auch zu Änderungen in der Förder- und Entlohnungspraxis führe. Dem entgegen steht die Tätigkeitsbezogenheit der Entlohnungsgruppen: Beschäftig te der Gruppe eins, den sogenannten Tätigkeiten ohne besondere Vorkenntnisse, verdienen erst ab dem zwölften Dienstjahr den deutschen Mindeststundenlohn von zwölf Euro. Das sind etwa Fahrer*innen, Garderobenmitarbeiter*innen und Reinigungsper sonal. Ein struktureller Aspekt, der in weiteren Schritten wie der Erarbeitung eines Good-Practice-Modells für nachhaltige Filmfes tivals Beachtung finden könnte. Als erstes Filmfestival in Öster reich hat die Viennale, die am 1. November endete, beschlossen, ihre Mitarbeiter*innen komplett nach dem neuen Fair-Pay-Sche ma des FÖFF zu bezahlen.

Einen Überblick über die FÖFF-Mitglieder sowie den vergangenen Festivalreport gibt’s auf der Website www.film-festivals.at.

008 Viennale / Ale xi Pelekanos, Austrovinyl

beschäftigt sich hier mit den großen und kleinen Fragen zu Feminismus

Gender Gap Mach’s Maul auf!

Ich kann absolut verstehen, warum einige Men schen von mir und meiner Art genervt sind –ich kann anstrengend sein. Denn wenn etwas im Argen liegt, benenne ich es. Wenn wir ein Anatomiemuseum besuchen, das Artefakte aus der Kolonialgeschichte zeigt, dann spre che ich über das Grauen dieser Zeit und was dieses für mich konkret bedeutet. Während meine Kommiliton*innen versuchen, sich auf dem Farbschema für Hautfarben zu finden, das man damals verwendete, um Menschen zu kategorisieren. Kurz gesagt: Ich bin vermutlich eine Spaßbremse. I keep it real, wie es so schön heißt. Es nervt mich mittlerweile mehr, diese Ungerechtigkeiten unkommentiert stehen zu lassen, als durch das Ansprechen Ansehen zu verlieren. Ich will nicht, dass mein Umfeld ver gisst, dass es ein Privileg ist, nicht mit dieser Bürde leben zu müssen.

Keine Wahl

Andererseits ist es für mich echt lästig, mich mit Menschen abzugeben, die keinerlei Haltung haben – oder zumindest nicht, wenn es darauf ankommt. So ist es dann meist an den Betrof fenen selbst, gegen diskriminierendes Verhal ten einzustehen. Man fühlt sich sehr schnell allein und ausgeschlossen, wenn Umstehende so tun, als ginge sie Rassismus nichts an. Selbst verständlich gibt es Momente und Situationen, in denen man auf den Selbstschutz achten muss. Niemand verlangt, sich in eine Fetzerei mit 20 Faschos einzumischen, nur um dann ver mutlich selbst zu kassieren. Aber oft sind es lahme Ausreden, wenn man bedenkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht aussuchen kön nen, ob sie an solchen »Debatten« teilnehmen wollen oder nicht. Denn: Was sollen Menschen zu Selbstschutz und Selfcare sagen, die stän dig diesen Angriffen ausgesetzt sind?

Es kann nicht sein, dass nur von Diskrimi nierung betroffene Menschen etwas dagegen sagen und damit den Unmut vieler auf sich ziehen. In Erweiterung von Angela Davis’ be kanntem Zitat lässt sich sagen: Es reicht nicht, nur nicht diskriminierend zu sein. Es ist auch absolut notwendig, aktiv dagegen vorzuge hen, wenn vor den eigenen Augen Ungerech tigkeiten passieren. Solidarisches Verhalten muss aktiv antirassistisch sein! Es ist ziemlich verletzend zu sehen, wenn mir nahestehen de Personen rassistische Aussagen einfach ignorieren oder weglächeln. Man fühlt sich im Stich gelassen. Besonders wenn diese Men schen behaupten, gegen solche Aussagen zu sein. Antifa-Aufkleber auf dem Macbook und #feminist in der Instagram-Bio, aber im echten Leben schweigt man lieber.

Wer schweigt, stimmt zu. Solche Momente einfach durch Schockstarre passieren zu las sen, erzeugt in der Gesellschaft das Bild, dass es okay ist, Antisemitisches, Rassistisches, Sexistisches, Homo- sowie Transfeindliches oder sonstigen diskriminierenden Bullshit von sich zu geben. Und dabei ist es auch ab solut egal, ob betroffene Personen anwesend sind oder nicht. Wenn das der entscheidende Faktor ist, dann ist der vermeintliche Antiras sismus bloß eine Performance, keine echte Überzeugung, keine situationsunabhängige, aktive Haltung.

Natürlich macht man sich nicht beliebt, wenn man Menschen widerspricht. Aber die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir diskriminierende Aussagen nicht einfach so stehen ließen, als wären sie akzeptabel. Auch würde es mir persönlich widerstreben, mich mit ei ner derart zurückhaltenden Person zu umge ben. Das mag daran liegen, dass ich mich vor einem (unbewusst) toxischen Umfeld schüt

zen möchte. Es tut mir weh, wenn jemand in meiner Gegenwart auf andere eindrischt. Es bricht mir das Herz, dass es kaum jemanden zu interessieren scheint. Seien wir ehrlich: Die meisten haben Angst, weniger beliebt zu sein oder »Freund*innen« zu verlieren, wenn sie dagegenreden. Aber man kann den Zustand der Welt und der Gesellschaft nicht länger ignorieren. Wie unbekümmert äußern sich Menschen – wieder und nach wie vor – offen antisemitisch und rassistisch? Ein Produkt eurer Ignoranz.

Steht ein!

Diskriminierende Aussagen relativieren, das können die meisten dagegen sehr gut. Und ohne Zögern wird erklärt, dass Typ X halt nun mal den Hitlergruß macht, wenn er besoffen ist, und das mit dem N-Wort nicht so ernst meint. Das wurde ein Leben lang trainiert, daher funk tioniert dieser Move, ohne überhaupt darüber nachdenken zu müssen.

Ich bin es leid, Gruppen, Räume, Veran staltungen und Partys zu verlassen, weil sich jemand danebenbenimmt und niemand auch nur ein Wort dazu verliert. In diesen Räumen fühle ich mich nicht willkommen. Wenn jemand findet, es gibt viel zu viele Schwarze Menschen in Österreich und dass das aufhö ren muss – wie kann ich mich in der Gegen wart eines solchen Menschen noch wohlfüh len? Wie kann ich mich sicher fühlen, wenn die Umstehenden nur peinlich berührt weg schauen?

Findet endlich euer Rückgrat und macht das Maul auf, wenn ihr etwas seht, dass ge gen eure angeblichen Werte geht. Betroffene brauchen keine Lippenbekenntnisse, sondern Menschen, die für sie ein- und aufstehen.

Roman Strazanec 009

Automatisierte Kreativarbeit Wenn der Computer malen lernt

Geradezu erstaunlich sind die Bilder, die die neueste Generation von Tools wie Dall-E 2 her vorbringt. Sie scheinen von Bildern, die von Menschen gezeichnet, fotografiert und konzi piert worden sind, kaum mehr unterscheidbar. Was läuft da hinter den Kulissen ab? Was be deutet das alles für die Kreativbranche? Und welche Konsequenzen sollen wir daraus zie hen? ———— Illustrator*innen, Grafiker*innen, Fotograf*innen und Künstler*innen kosten Geld. Das ist eine lästige Tatsache, müssen alle diese Menschen sich doch in der Re gel ihr Leben finanzieren können. Manch gewinnorientierte*r Manager*in mag sich da denken, wie schön es doch wäre, wenn sich auch Kreativarbeit – so wie bereits vie le manuell-monotone Jobs – automatisieren ließe. Wenn statt einem Menschen eine App die nächste Werbekampagne, das neue Logo oder das Cover für das kommende Magazin ausspucken würde. Was sich noch vor we nigen Jahren nach einem kapitalistischen Fiebertraum angehört hat, ist mittlerweile nahezu Realität. Aktuelle Tools wie Dall-E 2, Midjourney oder Stable Diffusion sind zwar

offiziell noch in aktiver Entwicklung, liefern allerdings bereits jetzt Ergebnisse, die für vie le Verwendungszwecke adäquater Ersatz für menschliche Handarbeit sein können. Und die Entwicklung schreitet rasant voran: Die Ergebnisse werden besser, der Zugang einfa cher, die Möglichkeiten vielfältiger.

Geld für Rechenzeit

Hinter dem bekanntesten Tool Dall-E 2 steht die Firma Open AI. Der Name täuscht, denn offen ist das Unternehmen schon seit einiger Zeit nicht mehr. Ursprünglich als gemeinnüt ziges Labor zur Erforschung von künstlicher Intelligenz gegründet, ist die Firma mittler weile im Kern ein profitorientiertes Unter nehmen. Zu den primären Geldgeber*innen zählen Elon Musk und Microsoft. Dall-E 2 läuft derzeit ausschließlich über Rechenzen tren von Open AI. Entsprechend kann die Fir ma bestimmen, wer Zugang hat, und sich die benötigte Rechenzeit bezahlen lassen.

Auch der größte Konkurrent Midjourney läuft nicht lokal auf dem eigenen Rechner, sondern im Netz. Nach einer Testphase muss

010
»a close portrait of a man in an alley by night smoking bokeh graflex«
011 Special Fotografie

hier ein monatliches Abo abgeschlossen wer den, um weiterhin Bilder generieren zu kön nen. Stable Diffusion hingegen ist eine der we nigen Implementierungen, deren Code völlig frei und offen verfügbar ist. Zudem läuft das Tool auch auf Heimrechnern. Dies erfordert allerdings ein gewisses Maß an Know-how und Rechenleistung. Deshalb gibt es auch hier Lösungen, die Stable Diffusion auf Servern von Rechenzentren, etwa bei Google, laufen lassen – wiederum gegen Bezahlung, versteht sich. Bei allen Varianten halten sich die Prei se für kleinere Experimente in Grenzen. Wer die Tools im großen Stil nutzen möchte, darf jedoch nach einer Zeit merklich in die Geld tasche greifen. Nur eben nicht ganz so wie für Menschen, die eine ähnliche Arbeit verrich ten würden.

Kreative Prompts

Völlig ohne Menschen kommt der Prozess aber noch nicht aus, denn irgendjemand muss die Tools noch immer entwickeln und an wenden. Zweiteres ist in der Praxis zunächst recht trivial. Jedes Tool bietet die Möglich keit, einen Text, den sogenannten »Prompt«, einzugeben. Dieser Prompt beschreibt, was

generiert werden soll. Das kann recht einfach und allgemein sein oder höchst spezifisch. Für das Cover dieses Magazins war das etwa schlicht »Person looking at smartphone by Egon Schiele«. Zu wissen, welcher Prompt bei welchem Tool die besten Ergebnisse er zielt, ist die größte Schwierigkeit und erfor dert mitunter noch Geschick. Dann beginnt die Bildgenerierung. Schrittweise werden Bilder sichtbar, zunächst verschwommen, dann immer klarer.

Wie das genau funktioniert, ist im Kasten auf Seite 16 nachlesbar. Meistens generiert das Tool gleich mehrere Varianten. Die Tref ferquote ist noch nicht so exakt, dass nicht die eine oder andere Niete dabei wäre. Die ferti gen Bilder lassen sich direkt exportieren, als Ausgangspunkt für neue Varianten verwen den oder mit weiteren Tools adaptieren. Der zeit kann es noch einige Versuche benötigen, bis das Ergebnis den Vorstellungen entspricht.

Naive Computer

Das liegt unter anderem daran, dass Dall-E und Co wortwörtlich nicht wissen, was sie tun. Wenn sie die Aufgabe bekommen, eine Hand zu zeichnen, dann haben sie kein Kon

zept davon, was das ist. Sie wissen nicht, was die Funktion oder Anatomie einer Hand ist. Bekannt ist den Tools ledig lich, dass der Textprompt »Hand« mit einer bestimmten Anordnung von Pixeln korreliert. Aus diesem Grund ist es nicht ungewöhnlich, in AI-Bildergebnissen Hände mit sieben Fin gern zu finden, die sich wie weiche Nudeln verformen und an denen Gegenstände schein bar schwerelos kleben.

Die bildgenerierenden Tools sind in die sem Sinne naiv. Sie sind darauf getrimmt, wie visuelle Strukturen beschaffen sind, nicht dar auf, was sie abbilden oder bedeuten. Diese Ei genheit zeigt, dass die Bezeichnung als künst liche Intelligenz diese Programme eigentlich überbewertet. Sie sind weder intelligent noch lernen bzw. malen sie. Diese Begriffe evozie ren Bilder der menschlichen Äquivalente dieser komplexen kreativ-handwerklichen Tätigkeiten und Fähigkeiten.

Worin Computer aber tatsächlich reüs sieren, ist eine Eigenschaft: repetitive Tätig keiten immer und immer wieder auszuführen. Und das extrem schnell und extrem häufig. Training ist nichts als endlose Parameteran

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Special Fotografie
»stock market crash, photorealistic, stock photo, over-the-shoulder shot, medium shot«

passung auf Basis eines vorgegebenen Korpus an Bildern. Bildgenerierung nichts anderes als mechanische Anwendung dieser ange passten Parameter. Dall-E, Midjourney und Stable Diffusion malen keine Bilder, sie for men visuelle Strukturen aus anderen Bildern nach. Sie sind nicht kreativ, sie sind imitativ.

Bilder-Bias

Insofern sind die Ergebnisse immer von diesem Trainingskorpus abhängig. Sicher, über diverse Tricks und Kniffe können Programmierer*innen verbessernd eingrei fen. Doch jede Tendenz, jedes Vorurteil des Korpus bzw. der Code-Urheber*innen, drückt sich im Tool und dessen Ergebnissen aus. So werden etwa aus »doctors« überwiegend wei ße Männer. Mittlerweile lässt sich der Korpus bei manchen Tools auch anhand von eigenen Bildern trainieren, doch es werden zahlreiche hochgeladene Bilder benötigt, um brauchbare Trainingsergebnisse zu erzielen.

Auch wenn etwa bei Dall-E nicht gänz lich klar ist, woher die Programmierer*innen die Trainingsbilder genommen haben: Bei der benötigten Menge an Bildern war wohl nicht immer völlige Sorgfalt im Spiel. Nicht umsonst schleicht sich etwa bei Dall-E gerne die gestellte, übertriebene, anästhetische Äs thetik von Stock-Fotografie ein. Open AI gibt nicht öffentlich bekannt, welche Bilder Teil des Trainingskorpus sind. Es lassen sich hier nur Vermutungen anstellen, dass die Firma unter anderem einfach die Rechte für ganze Kataloge von Stock-Fotografie bei Onlinepor talen aufgekauft haben könnte.

Copyright mit Fragezeichen

Anders sieht dies bei der Open-Source-Kon kurrenz Stable Diffusion aus. Hier wurde eine Bild-Text-Datenbank namens LAION mit insgesamt fünf Milliarden Bildern eingesetzt. Diese Bilder bezieht LAION einfach direkt aus dem Internet. Die deutschen Ersteller*innen

Prompt: Alex Gotter
presents Live im Volkstheater! u.v.m. 03.+04.12.22 MICHAEL GIRA (Swans) TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD ANIKA ZOLA JESUS (mit Streichquartett) DLINA VOLNY V°T//music powered by
»Worin Computer aber tatsächlich reüssieren, ist eine Eigenschaft: repetitive Tätigkeiten immer und immer wieder auszuführen. Und das extrem schnell und extrem häufig.«

der Datenbank berufen sich darauf, dass sie nicht die Bilder selbst, sondern nur Links und Metadaten weitergeben. Stability AI, die Firma hinter Stable Diffusion, schiebt den Ball zurück an LAION und merkt an, dass die Datenbank unter »Beachtung von deutschem Recht« erstellt worden sei. Außerdem lerne dieses Modell aus prinzipiellen Zusammen hängen und die Ergebnisse seien somit keine »direkten Kopien eines einzelnen Werkes«.

Bezüglich Copyright der entstehenden Bilder hält sich Stability AI aber dann doch bedeckt und nennt es »komplex« und »ab hängig von der jeweiligen Judikatur«. Open AI und Midjourney sind da deutlicher und versprechen volle kommerzielle Nutzungs rechte für alle generierten Bilder. Erste Ver fahren im Bereich Urheber*innenrecht laufen

schon. Im Februar lehnte die US-amerikani sche Copyright-Behörde etwa ab, dass der Bildgenerator der Firma Creativity Machine selbst Autor eines Bildes sein könne. Begrün dung war, dass die notwendige »menschliche Autor*innenschaft« fehle. Es scheint, als wäre sich die Rechtsprechung selbst noch nicht ganz sicher, wie sie mit dieser neuen Proble matik umgehen soll.

Angst und Chancen

Ähnliche Ambivalenz herrscht vielerorts auch bei Künstler*innen. CNN etwa berichtete von Künstler*innen wie Erin Hanson, deren Stil Stable Diffusion so gut kopiert, dass sie die generierten Bilder nach eigenen Angaben einfach in ihr Œuvre aufnehmen könnte. Das Online-Magazin Kotaku berichtete wieder

um von Designer*innen wie Jon Juárez, der im Web Imitationen seines Stils entdeckt hat – die Tools hatten sogar seine verwaschene Unterschrift nachgeahmt. Freigegeben hat ten beide ihre Bilder allerdings nie für diese Verwendung, wie unzählige andere lebende Künstler*innen wurden sie einfach Teil von enormen Trainingsdatenbanken wie LAION. Aber selbst, wenn die Urheber*innen der Trainingsbilder die Rechte verkauft oder Bil der frei zur Verfügung gestellt haben, bleibt fraglich, ob sie mit solch einer Verwendung rechnen konnten. Selbst vor wenigen Jahren hatten vermutlich noch wenige Leute eine Vorstellung davon, wie rasant die eigenen Bilder plötzlich dazu eingespannt werden könnten, die persönliche Lebensgrundlage zu eliminieren.

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Prompt: Alex Gotter »black and white photography of brutalist church in the middle of nowhere, fine art photography, high detail, high resolution, 4k«
Special Fotografie
»Letzten Endes sind Dall-E und Co To ols, die auch neue künstlerische Chancen eröffnen.«

Offensichtlich sehen aber nicht alle diese Entwicklung so schwarz. Der Dienst Midjour ney etwa läuft live über die Chatplattform Discord. Wer nicht extra für Privatsphäre zahlt, dessen generierte Bilder sind für alle gerade mit dem Tool arbeitenden Menschen einsehbar. Und es ist schon erstaunlich, was da so generiert wird an Stilen und Sujets. Wie detailliert und geschickt Prompts formuliert werden und wie exakt Menschen bereits jetzt mit diesen Werkzeugen umzugehen verstehen.

Denn letzten Endes sind Dall-E und Co Tools, die auch neue künstlerische Chan cen eröffnen. Etwa einen gesamten Comic zu erschaffen, wie »Goats« von Elvis Deane, der akribisch jedes einzelne Panel von Mid journey generieren ließ. Die Ästhetik wirkt träumerisch und verunsichernd. Dass die AI nicht immer weiß, wie sie anatomisch kor rekte Menschen und Ziegen zeichnen soll geschweige denn Mensch-Ziege-Hybride –trägt zur unbequemen Atmosphäre bei. Hier scheint AI keine Abkürzung zu sein, sondern ein neuer Weg, kreative Ideen umzusetzen. Und manchmal sind auch Ausflüchte durch Software-Unterstützung willkommen, wie ein*e anonyme*r Künstler*in gegenüber Ko taku anmerkt: »Mach nur, AI, lerne ganz ge

bitter-süßer Beziehungsfilm über die Vereinbarkeit von
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KÖPFEN« die Fortsetzung der KULTSERIE
MARKO DORINGER MEIN ABER UND WENN Ab 30.12.2022 österreichweit im Kino! MuseumsQuartier Museumsplatz 1 A-1070 Wien www.mumok.at Herman Prigann, Begegnung, 1979 (Detail), Erworben 1982, Foto: Lena Deinhardstein / mumok, © Bildrecht, Wien 2022 DASTIERINDIR 22.9.2022–26.2.2023 »stealing, screen printing, 4k«
Ein
Beruf und Liebe.
Nach
MIT
von

nau so zu malen wie ich! Dann kann ich es nur noch ein bisschen adaptieren, abgeben und ein Nickerchen machen. Weil die Welt stinkt und jeder Tag ist die Hölle.«

Was sich anhand von künstlicher Intelli genz jedenfalls zeigt, ist, wie überholt nicht nur das geltende Urheber*innenrecht, sondern die gesamten Konzepte von Urheber*innenschaft prinzipiell sind. Denn wer ist etwa Urheber*in von unserem Cover? Die Programmierer*innen, die das Werkzeug gebaut haben? Egon Schiele oder die Fotograf*innen der Person, mit deren Bildern das Tool trainiert wurde? Unser Foto graf Alex Gotter, der den Prompt entwickelt und das Tool verwendet hat? Das Werkzeug selbst, dessen Netzwerk aus Parametern für Menschen kaum noch nachvollziehbar ist? Wo sitzt hier die kreative Energie? Wer leistet die Arbeit? Wo lässt sich Originalität verorten? Und wie unterscheidet sich das eigentlich von konventioneller Kreativarbeit, bei der wir auch ständig andere Menschen kopieren, von ihnen lernen und ihre Arbeit für uns adaptieren?

Wie aus Rauschen Bilder werden

Machine Learning? Artificial Neural Networks? Diffusion Models? Wer verstehen möchte, wie Dall-E und Co aus Prompts Bilder machen, ist mit einer Reihe nebulöser Begriffe konfrontiert. Hier eine kurze Einführung in die Mechanik hinter den Kulissen.

Computer sind lästige Geräte. Damit sie machen, was wir wollen, muss ihnen erstmal ein*e Programmierer*in Schritt für Schritt vorschreiben, was sie tun sollen, wenn sie Befehl X bekommen. Machine Learning ist der Versuch, einen Teil dieser Arbeit an den Computer auszula gern. Statt Schritt-für-Schritt-Anweisungen zu geben, wird ein grobes Framework erstellt und dieses Framework dann automatisch immer mehr verfeinert, bis es das gewünschte Ergebnis erzielt.

Dass Plattformen wie Dall-E, Midjourney oder Stable Diffusion zukünftig einen Platz in der Generierung von visuellen Inhalten einnehmen werden, scheint unvermeidlich. Wie üblich lässt sich die Uhr auch hier nicht zurückdrehen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen werden. Ob wir es als Anlass da für nehmen, längst fällige Änderungen etwa am Urheber*innenrecht oder in der Bewer tung und Entlohnung von (Kreativ-)Arbeit anzugehen. Ob wir die Chancen darin se hen, diese neuen Tools für neue Formen von Kunst und für künstlerischen Ausdruck von Menschen, die derzeit noch keine Kunst ma chen, zu verwenden. Oder ob wir uns damit zufriedengeben, sie in die übliche Verwer tungsspirale neoliberaler Technikanbetung einzugliedern.

Dall-E 2 ist zugänglich auf www.openai.com/ dall-e-2, Midjourney auf www.midjourney.com und der Code von Stable Diffusion auf www.github.com/CompVis/stable-diffusion.

Artificial Neural Networks sind Teil dieser Frameworks. Sie be stehen aus einer Reihe von Knotenpunkten, genannt Neuronen, und Verbindungen zwischen diesen Neuronen. Jede Verbindung hat ein zugehöriges Gewicht, das bestimmt, wie stark zwei Neuronen mitei nander verbunden sind. Beim Training von neuronalen Netzwerken passiert im Grunde nichts anderes als das stufenweise, automatische Anpassen Zigtausender dieser Gewichte in einem System von mathe matischen Formeln.

Bei Dall-E, Midjourney und Stable Diffusion basiert dieses Trai ning auf Diffusion Models. Zunächst wird ein Korpus von Bildern mit dazugehörigen Textbeschreibungen erstellt. Dann werden die Bilder schrittweise mit zufälligem Rauschen versehen. Das neuronale Netz werk kriegt dann das verrauschte Bild vorgelegt und soll – etwas vereinfacht – für jedes Pixel bestimmen, ob es wahrscheinlicher Rau schen oder Bild ist. Dieser Output wird schließlich mit dem Original bild verglichen und es werden die Parameter entsprechend ange passt. Das geschieht alles automatisch, tausende Male für Tausende von Parametern und Tausende von Bildern. Ziel ist es, am Ende ein Netzwerk zu haben, das so gut darin ist, Rauschen zu entfernen, dass es selbst bei einem Bild, das nur noch aus Rauschen besteht, allein anhand einer Textbeschreibung bestimmen kann, wie dieses fiktive Bild ausgesehen haben könnte.

Bernhard Frena
Special Fotografie
»Jede Tendenz, jedes Vorurteil des Korpus bzw. der Code-Urheber*innen, drückt sich im Tool und dessen Ergebnissen aus.«
Prompt: Alex Gotter
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der kultüröffner

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018 Golden Frame
Zeitgenössische Kunst im angemessenen Rahmen

della Focolaccia«

In Millionen von Jahren entstanden und in wenigen Jahrhunderten verbraucht. Nicht von Öl ist hier die Rede, sondern von Marmor. Doch wie das schwarze, so ist auch das »weiße Gold« bei Weitem nicht so makellos wie seine Farbe. Gerade deshalb inspiriert es weiterhin, etwa den Künstler Primož Bizjak. ———— Selten liegen Schönheit und Zerstörung so nah beieinander wie in den Apuanischen Alpen. Seit Tausenden von Jahren wird hier Bergbau betrieben. Die Ligurer der Eisenzeit nutzten die Vor kommen von Steinen und Erzen, später die Römer der Kaiserzeit. Die Renaissance brachte der kleinen Stadt Carrara großen Ruhm. Von hier stammte der Stein, aus dem der große Michelangelo seine Figuren schlug. Michelangelo kam selbst, um sich seine Marmorblöcke auszusuchen.

Mit der detaillierten Handarbeit war es ab dem 19. Jahrhundert erst einmal vorbei. Von nun an ging es ganzen Gipfeln an den Kragen. Das geht bis heute so. Längst wird mit den Erzeugnissen des Bergbaus aber nicht mehr nur gebaut. Jenen 25 Prozent des verkauften Marmors, die in der Bauindustrie als Bodenplatten und Fassadenschmuck Verwendung finden, stehen 75 Prozent entgegen, die zu Staub zermahlen werden und als Calciumcarbonat-Pulver in der Herstellung von Glas, Pa pier oder Zahnpasta Verwendung finden. Nur ein halbes Prozent wird letztendlich bildhauerisch verarbeitet. Das wäre lamentabel, aber noch lange nicht gefährlich. Es ist der große Anteil an Abfall, der schließlich zum Problem wird. Die Mengen an heute anfallendem Schutt ohne Verwendungszweck sind riesig und nicht mit denen der letzten Jahrhunderte vergleichbar.

Kein Zweck bedeutet nicht, keine Nebenwirkungen: Substanzen wie Thallium, toxisch bis tödlich, gelangen durch die immensen Dimensionen des Abbaus ver mehrt ins Grundwasser; Feinstaub lässt Wasserquellen verstopfen und legt sich wie ein Leichentuch über Mikrosysteme der Natur, gefährdet so Mensch, Tier und Umwelt. »Marmettola« heißt ein gefürchtetes Gemisch aus Marmorstaub, Schlämmen und Ölen. Eigentlich Sondermüll, wird es nicht immer entsprechend entsorgt. Denn der Bergbau ist nicht nur ein schmutziges Handwerk, sondern auch ein schmutziges Geschäft. Und ist mit der Mafia genauso verbandelt wie mit zwei felhaften Investor*innen aus Nahost. Die ansässige Bevölkerung zieht daraus eher wenig wirtschaftlichen Gewinn. Im Gegenteil, stemmt doch gerade sie viele der in direkt anfallenden Kosten – zum Beispiel für die Instandhaltung von Infrastruktur. Und sie ist es schließlich auch, die unter den prekären Arbeitsbedingungen und vergifteten Böden zu leiden hat.

Von all diesen Opfern zeigt Primož Bizjaks Foto auf den ersten Blick nicht viel. Schroff geformtes Geröll, weiches Licht, eine zeit- und ortlose Szenerie voller Ele ganz, eingefangen in großem Detail. Keine menschlichen Spuren lassen sich aus machen. Etwas fehlt. Der Stein, der hier mal stand. Er hat uns viel gegeben: Häuser, Wohlstand, Kunst – allein sein Fehlen ist sein Zeuge. Vielleicht ist es Zeit, ihm etwas zurückzugeben. Zu allererst eine Würdigung.

Victor

Primož Bizjak, geboren 1976 in Šempeter pri Gorici in Slovenien, arbeitet mit rein analoger Fotografie und langen Belichtungszeiten. Sie erlauben ihm, dem schwachen Licht der Nacht Fotografien abzuringen. Solche sonst unsichtbaren Ansichten zeigen auch die Bilder der »Alpi Apuane«-Serie, Blicke ins Innere der Erde und hinter die Kulissen der Bildhauerei. Ein Beispiel seiner Arbeit ist zurzeit in der Galerie Gregor Podnar in Wien zu sehen.

019 Primož Bizjak »Passo della Focolaccia«, aus der Serie »Alpi Apuane«, 2017; Foto: Galerie Gregor Podnar, Wien
Weißes Gold Primož Bizjak »Passo
2010
Entertainment / Giganten
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Film / Alesssio Maximilian Schr oder Voodoo Jürgens: vom Strizzi zum Arbeitgeber?

In der Arbeit muss man alles geben Kunst und System des Voodoo Jürgens

»It’s Your Voodoo Working« ist ein Soul-Klassiker der 1960er. Im Wien der 2020er arbeitet ein ganz anderer Voodoo an seiner Karriere als Multitalent. ———— Wenn du Mitte Oktober im 22er-Jahr versuchst, den Voodoo Jürgens un ter der Woche zu erreichen, brauchst du zwar nicht gleich einen Vormerkschein (Datum: Mai 2018), aber zumindest ein bisschen ein Glück musst du schon haben. Aber nicht, dass du jetzt glaubst, Künstler, faule Sau, restfett – was weiß ich. Oder sogar noch schlimmer: Nine-to-five-Job, Spießbürgertum, kapitalisti sche Selbstaufgabe im Brotjob. Nein – und da haut’s dir die Pappalatur aufs Trottoir: Film dreh, große Produktion, gleichzeitiges Feilen an der eigenen Legende. Denk an die Panzer knacker, so wird da gefeilt, quasi raus aus dem Gefängnis der singulären Wahrnehmung.

»Du bist doch nur neidig«

»Rickerl« heißt der Streifen, der den Voodoo Jürgens gerade so einnimmt und der nächs ten Herbst in die Kinos kommen soll, insze niert vom Goiginger Adrian, den nicht nur die Filmstudierenden und Schreiberlinge kennen dürften. Spätestens seit seinem Großwerk »Die beste aller Welten« kennt man ihn auch bei der Berlinale, der Diagonale und all den anderen -alen, die da was zum Mitreden ha ben. Und natürlich jetzt die am Voodoo Jür gens Geschulten gleich: »Rickerl? Den kenn’ ich doch aus der ›Gitti‹-Nummer.« Jein, kurze Antwort, oder wie der Voodoo es tatsächlich gesagt hat, lange Antwort: »Die Idee war, aus den Liedern, die teilweise eh schon recht bild

reich sind, eine Geschichte zu knüpfen. Das ist jetzt nicht eins zu eins der Rickerl aus ›Git ti‹, aber so ein paar Situationen aus den Lie dern haben wir im Film aufgegriffen und eben etwas Neues daraus gesponnen.« Man kann auch sagen: Da brennt sich also gerade nicht unbedingt die Lebensgeschichte vom Voodoo Jürgens ins Trägermaterial, sondern quasi das Sammelsurium an Ideen und G’schichten aus dem ersten Album »Ansa Woar«.

Diesem definitiven Stück Album, das 2016 die österreichische Musikszene und vor allem natürlich das Leben des David Öllerer so ver ändert hat, schätzomativ um 180 Grad, aber eh nicht ganz ohne das empfohlene Vorheizen, das es braucht, wenn der Braten in der Röhre richtig durch werden soll. Die G’schichten kennt ma eh: vom Konditorlehrling zum Friedhofsgärtner, vom Sänger der Eternias zum Solomusikanten, Hut geld, weltberühmt in Österreich. Da ist das Filmische schon der nächste Schritt. Interessiert hat sich der Voo doo Jürgens immer schon für die Kamera, bei Musikvideos ist irgendwann der Bogen an Möglichkeiten überspannt, sind in Österreich die Möglichkeiten begrenzt. »Leiwanderwei se hat es sich dann so ergeben, dass – dadurch dass man mehr in der Öffentlichkeit steht –solche Sachen mehr zur Sprache gekommen sind«, erzählt der Meister, der nächstes Jahr schon vom 40er einkassiert wird – oder auch erst, weil alte Seele. Mit »solche Sachen« ist natürlich der Film gemeint. Begonnen hat al

les gleich beim Tatort »Her mit der Marie!«, beim vielleicht legendärsten Ösi-Tatort der letzten 20 Jahre. Damals musste er sich nur selbst – beziehungsweise seine Kunstfigur –spielen. Bei »Another Coin for the Merry-goround« von Hannes Starz aus dem 21er-Jahr war das schon anspruchsvoller, das Schlüpfen in eine Rolle, das In-ihr-Bleiben, das Verkör pern – im Christlichen würde man sagen: die Menschwerdung. Das ist beim »Rickerl« jetzt nicht so das Ding gewesen, aber puh, die Text menge! Da muss das ganze Buch, bei dem der Voodoo Jürgens natürlich beteiligt war, weil ohne ihn keine G’schicht, einmal in den Hip

Bon Jovi bin i ned.« — Voodoo Jürgens

pocampus gepickt werden wie sonst nur die 40er auf die versifften Beisl-Tischtücher.

Wir dürfen also als vermerkt voraussetzen: Der Hund hat ein’ Stress. Weil nicht nur das Fil mische jetzt ordentlich Zeit einnimmt, die man gar nicht mehr ausgeben kann. Auch so eine ko mische Redewendung, das Einnehmen der Zeit, jedenfalls: Auch das dritte Album erscheint jetzt dann. Wenn man gemein ist, könnte man sagen passend zum Feiertagsgeschäft, aber ich glaub, das ist eher nur Zufall, einem Voodoo Jürgens

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»Na,

unterstellt man da nichts. »Wie die Nocht noch jung wor« heißt das wieder sehr schöne Ding, es folgt auf eben »Ansa Woar« und »’S klane Glücksspiel« aus dem Herbst von 2019; damals natürlich Lobeshymnen, Charts, Erfolg an allen Ecken und Enden, Amadeus, falls das zählt, und dann die Pandemie.

Ein freies Leben nach der Verstopfung

Während andere Musikschaffende in dem Zeitraum Output-Durchfall kriegen (deshalb also das viele Klopapier!), ist es beim Voodoo Jürgens eher die Verstopfung. Da hilft kein Rizinusöl, weil sowas auch psychisch was mit einem macht. Da braucht es dann so Lichtbli cke wie jenen am Ende des Lockdown-Tun nels, wo dann auch wieder was geht. Ein paar Fetzen Text, ein paar Noten Melodie, die halb wegs etwas taugen, nimmt er aus der Isolation mit ins Studio. Der Albumprozess als solches nimmt mit Ende des zweiten Lockdowns Fahrt auf. Sein erster Ansprechpartner ist der Schweighart David, der Drummer seiner Ansa Panier, der Kapelle, mit der der Voodoo durch die deutschsprachigen Städte von Bühne zu Bühne zieht. Am Land kennt man das nur, wenn die Blaskapelle von Haus zu Haus zieht, um zum nächsten Bockbieranstich einzula den, ein Schnapserl in jeder Auffahrt, Prost, Mahlzeit! Einschub Ende. Jedenfalls treffen sie sich beim Fuzzman im Studio und probie ren herum, »dann kommt die ganze Panier dazu, dann dreht sich noch einmal das ganze Stück, bis man es halt irgendwann aufnimmt«, erklärt Voodoo die letzten Schritte. Das kann ganz schön chaotisch sein bei sechs Leuten, die Bock auf Musizieren haben, da muss man dann schon auch reduzieren.

Siaßes Obst

Und, ja, aufgenommen hat man, sonst würdest du das jetzt hier und heute auch nicht lesen. »Wie die Nocht noch jung wor« ist ein, so kann man das durchaus sagen, klassisches VoodooJürgens-Album geworden. Da hat einer seinen Stil gefunden und perfektioniert. Ganz ehrlich, so etwas ist mir persönlich lieber als jemand, der sich immer selbst neu erfindet, das ist im mer so anbiedernd, aber hier natürlich keine Gefahr: Die G’schichten sind natürlich neu, sie sind teilweise ein bisschen anders erzählt, da gibt’s auch pandemie- und einsamkeitsbedingt eher mehr Stücke aus der Ich-Perspektive als früher, also aus der Perspektive der Kunstfi gur. Es ist da kompliziert, sag ich einmal, aufs Textliche kommen wir eh noch zu sprechen, keine Sorge – aber musikalisch ist das schon ziemlich routiniert das Ganze.

Dass du von der Ansa Panier auch einen Jazz, eine Rockmusik und auch das Folki ge, dieses Americana-Ding, haben kannst, macht die Sache echt sehr rund, das ist schon ziemlich super all das, auch wenn’s einmal schneller zur Sache geht, aber natürlich ge nauso bei den L’Amour-Hatschern, wovon

es wieder ein paar gibt. Aber, und die Musik des Voodoo Jürgens wird immer daran be messen, das Textliche ist wieder das, worauf es ankommt. Dem Tullner wird ja schon eine Relevanz für die ureigene Wiener Sprache und deren Erhalt angedichtet – dass da die eigene Poesie Schritt halten muss, schon ein Stress. Aber das tut sie. Etwa beim wunder baren »Federkleid« über die Vergänglichkeit der Liebe – graue Pandemie, sag ich ja –, wo es schön heißt: »Des Obst wird immer siaßer, bis es owefållt vom Ståmm.«

eher über die Geschichte zu schaffen, dass man ein Mitgefühl für die Person entwickeln kann. Mein Punkt ist nicht, dass ich der gro ße Weltverbesserer bin.« Ich sage: Jedes biss chen Weltverbessern zählt. Im ganz großen Sinne gilt das auch für die Schlussnummer, das überraschend instrumentale »Odessa«, das dem Posaunisten der Ansa Panier, dem Andrej Prozorov, gewidmet ist, der eben aus der Ukraine kommt und sein ganzes Leid in diesen Trauermarsch bläst.

Der Gegensatz dazu: das obligatorische Hörspiel. Dieses Mal hören wir von einem Paar und seiner ersten eigenen Wohnung in der »Lassalle Strossn«. Weil der Voodoo Jür gens ja ein Universalkünstler ist – Film, Musik, Bildende –, hat er natürlich auch einen Gusto auf ein ganzes Hörspiel, aber Labels heutzu tage sind da eher satt. Vielleicht noch Ö1, aber was man da so hört …

Das »System« Voodoo Jürgens

Ohnehin ist die Zweierbeziehung das zen trale Thema, aber nicht ganz gewollt. »Immer, wenn man sich so ein Schema, nach dem des abrennen muss, auferlegt, funktioniert das nicht gut. Das ist mir eher erst im Nachhinein aufge fallen, dass das etwas ist, was sich in fast jeder Nummer durchzieht, aber eher unbewusst.«

Aber, am wichtigsten, und das ist ja auch die Kernkompetenz dieses G’schichtldruckers, sind seine Figuren und deren Erlebnisse. Meistens werden da aus Gesprächsfetzen Ausgangslagen: Etwa wenn es beim auch sehr guten »Stöckelschuach« um die Vertreibung von Sexarbeit und Drogenszene an den Stadt rand geht, in menschenverachtend schiache und kalte Gewerbegebiete, um das fehlen de Dulden – allein der Begriff schon! – von Menschen. Oder wenn’s in »Zuckerbäcker« um das Gedankenexperiment geht, was aus dem Öllerer David geworden wäre, wenn er bei seiner Konditorlehre geblieben wäre; kontrafaktische Geschichte, also schwer zu sagen, aber definitiv ein Ausgebeuteter.

Du merkst, da ist eine Solidarisierung da, etwas, so hätte man früher gesagt, So zialdemokratisches. Auf Nachfrage heißt es: »Solidarisieren ist es auf jeden Fall. Mir taugt’s, wenn eine Geschichte immer recht neutral hingestellt wird, also gar nicht so extrem draufzeigt und klarmacht. Also das

Wir wissen: Der Weg war nicht immer vor gezeichnet für den Öllerer David, wir haben es schon erwähnt. Und als Künstler willst du natürlich immer davon leben, nicht, weil du faul bist, vielleicht auch, aber vor allem: weil das eben dein Leben ist. Vom Leben le ben ist schon besser als fürs Leben arbeiten. Tatsächlich kommt mit der Entwicklung der Figur Voodoo Jürgens auch das Finanzielle in einer Menge, dass es sich ausgeht. Wie lan ge die Figur überlebt, ist aber noch nicht fix: »Ich verwende den Namen, wenn ich in der Öffentlichkeit auftrete. Mir ist es immer recht gewesen, wenn man ein Pseudonym hat. Ich such mir für jede Geschichte ein neues Pseu donym aus. Es war eh ein Thema, ob man das im Film übernimmt oder nicht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bei mir schon Sinn macht. Ich empfinde es nicht so, dass das jetzt eine Falle ist, in die ich reingekommen bin, und dass ich jemand bin, der immer den Voodoo Jürgens runterreißen muss. Das kann in alle Richtungen gehen!«

Für das Finanzielle heißt das zusammen gefasst: Seit 2016 kann er von der Musik le ben. Wenn du für wenig Gage oder auch ein mal nur für ein Körberlgeld spielst, aber das dafür viermal in der Woche, und noch dazu solo unterwegs bist, kannst du dir schon was ersparen – oder zumindest damit auskom men. Wenn dann noch die Band dazukommt, das war quasi mit dem ersten Album, sind das schon zwei Paar Schuhe. »Alles durch sechs teilen ist schon was anderes. Da müssen die Konzerte größer werden«, weiß Voodoo Jür gens, der aber betont, dass es nie darum ging, davon leben zu können. »Wenn’s geht, ist es schön.« Denk ich mir.

Stefan Redelsteiner, vielleicht der Zampa no der österreichischen alternativen Popmusik – Der Nino aus Wien, Wanda – du kennst ihn, ist einer der vielen Menschen im Hintergrund des »Systems« Voodoo Jürgens und weiß wohl am besten, warum dieser von der Musik leben

oder

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2010 Entertainment / Giganten
Stefan Redelsteiner,
Film / Alesssio Maximilian Schr Stefan

kann, wenngleich der Hauptgrund recht banal ist: »Weil er verdammt gute Musik macht, die die Leute hören wollen.« Weil es so einfach dann natürlich doch nicht ist, rechnet uns Ste fan Redelsteiner auch noch einmal die Haupt einnahmequellen vor: »Live mit Abstand, so wie bei den meisten erfolgreichen Künstler*innen seines Genres. Schauspielen ist in den letz ten ein, zwei Jahren aber zur Nummer-zweiEinnahmequelle avanciert. Mal sehen, wo der Weg da noch hingeht. Mit etwas Abstand dann Songwriting-Tantiemen. Der Verkauf von Ton trägern oder Streams ist jedoch de facto ein Nullsummenspiel. Das, was man verdient, wirft man gleich in die nächste Produktion.« Heißt also: Selbst für Leute, die sich mit ihren Alben 21 Wochen in den österreichischen Charts halten können, ist das Album nur Werbung für die Tour. Auch wenn Voodoo Jürgens selbst das nicht hundertprozentig so sieht: »Wenn man eine Platte hat, muss sie raus und unter die Leute.«

Wenn wir jetzt auch noch einen Blick ins Detaillierte werfen, weil dieses ganze Thema »How to Be a Band« ist nicht gerade eines der unspannendsten, können wir festhalten: Voo doo Jürgens ist Freiberufler, genauso wie die Band. Es gäbe ja auch diese Möglichkeit: Beim Jon Bon Jovi etwa ist das so, er ist der CEO und die anderen, auch der Richie Sambora, man glaubt es kaum, sind seine Angestellten, die ihr Gehalt bekommen. »Na, Bon Jovi bin i ned«, heißt es vom Voodoo. Und weiter: »Wir teilen das schon so auf, dass es für alle passt, dass es sich für alle ausgeht«.

Es muss sich nicht nur für die Band aus gehen, sondern auch für alle im Hintergrund, über die Stefan Redelsteiner sehr ausführlich

plaudert und die er auch auflistet: »Da wäre mal Herwig Zamernik (alias Fuzzman, Anm.) zu nennen, mit dem ich gemeinsam das Lot terlabel bin. Er und Wolfgang Möstl (alias Wolfgang Lehmann, aber in dieser Funktion un ter ersterem Namen, Anm.) sind Voodoos Pro duzenten. Dann ganz nah dran an Voodoo ist unser Angestellter Mike Kanduth, wie auch

alle weiteren Partner wie die Booking-Agen turen Spoon und DQ – auf Rechnung arbeiten.

Und – da bin ich nicht neidisch – Burnout-Alarm bei der Arbeit, die jetzt ansteht. Die Tour nämlich, quasi die Cashcow, steht schon in der Melkmaschine, Schatzi, bring das Melkfett! Ab Anfang Dezember geht’s los, über Feldkirchen und Großwarasdorf bis nach Zürich, St. Gallen, rauf an die Nord- und Ostsee, Ruhrpott, weitere deutsche Gegenden, Bodensee, überall. Obwohl allerorts Konzerte wegen schleppender Ticketverkäufe abgesagt werden müssen, keine Spur von Angst vor ei ner Absagenflut bei Voodoo Jürgens: »Meine Erfahrung ist, dass zum Konzert eh Leute gekommen sind, aber die Ticketverkäufe vor her einfach weniger sind.« Also eher spontan dann. Muss man sich auch leisten können.

Wobei: Wenn man verdammt gute Musik macht, die die Leute hören wollen, kann man sich alles leisten. Dominik Oswald

Flo Seyser von Euroteuro. Beide machen viel im Bereich Tourmanagement, sind aber auch – speziell im Fall von Mike – für die täglichen Wehwehchen von Voodoo und Band wichtige Ansprechpartner. Ich selbst seh’ mich neben administrativen Sachen sowie der PromoArbeit und PR vor allem für die mittel- bis langfristige strategische Planung zuständig. Zudem wird das Schauspielen ein immer größerer Faktor für Voodoo, und da bin ich sein Agent.« Also tatsächlich eine ganz schö ne Menge an Hälsen, die hier zu füttern sind. Wobei einige davon – etwa Möstl, Seyser und

Viel zu tun also für den Voodoo Jürgens: Im Herbst 2023 erscheint der Film »Rickerl«, am 2. Dezember 2022 beim Lotterlabel das dritte Album »Wie die Nocht noch jung wor«. Am selben Tag ist auch Tourstart: 2. Dezember, Feldkirchen, Kulturforum Amthof — 3. Dezember, Großwarasdorf, KUGA — 4. Dezem ber, Salzburg, Rockhouse — 7. Dezember, Wien, Konzerthaus — 9. Dezember, Dornbirn, Spielboden — 10. und 11. Dezember, Innsbruck, Treibhaus — 14. Dezember, Graz, Orpheum — 15. Dezember, Linz, Posthof — 16. Dezember, Ebensee, Kino — 17. Dezember, Weyer, Bert holdsaal — 12. Jänner, Wiener Neustadt, Kase matten — 13. Jänner, St. Pölten, Festspielhaus.

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Voodoo Jürgens in »Rickerl«, dem neuen Film von Adrian Goiginger
»Das, was man verdient, wirft man gleich in die nächste Produktion.«
— Stefan Redelsteiner über Albumverkäufe

»Life imitates art and art imitates life« Der Kult um die tote Frau in der Musik

Schwappt frauen feindliche Gewalt von der Kunst in die Realität?

Adobe Stock

Die Kunstgattung Musik ist wie vie les im Patriarchat übersättigt von Misogynie – mal sehr unterschwel lig, mal in your face. Wie häufig sind frauenfeindliche Songtexte und haben sie ei nen Einfluss darauf, wie wir als Gesellschaft mit Femiziden umgehen? ———— Die weiblich gelesene Person ist häufig das Augenmerk der hohen Künste – und das seit eh und je. Gera de in Österreich ist das Feminine oft Objekt literarischer, musikalischer und malerischer Werke. Ob Klimt, Zweig oder Bilderbuch –alle haben die Frau als eine Figur im Schau bild ihrer Ideale fixiert.

Spätestens seit Laura Mulveys feminis tischer Filmtheorie »Visuelle Lust und nar ratives Kino« (1975) gibt es einen Begriff für diese Fixation aus männlicher Perspektive: Male Gaze. It’s a man’s world – und zwar wortwörtlich. Wir bewegen uns bekanntlich in patriarchalen Systemen. Vieles wird aus einer männlichen und heteronormativen Perspektive erzählt. Was außerhalb dieses Blickfeldes steht, wird ausgelassen oder gar bewusst gestrichen. Bestes Beispiel dafür: die Originalfassung der österreichischen Bun deshymne. Als einer Zeile auch große Töchter hinzugefügt wurde, war man(n) empört. In den letzten Jahren wird das vielgeliebte Ös terreich auch als Land der Femizide tituliert. Inwiefern hat das auch was mit ebenjener Kunst und Kultur zu tun?

David Bowie: Das Musikvideo zu »Jump They Say« zeigt den auf ein Auto gestürzten Mu siker. Eine Hommage an das berühmte Bild.

Im Bereich der Rockmusik stammt die ultimative Erkundung des Motivs der toten Frau von Nick Cave. »Ich habe immer schon gerne Songs über tote Frauen geschrieben«, gestand er 1986 in einem Interview. »Das hat immer noch etwas Mysteriöses, auch für mich.«

Der Dead-Girl-Kult

Die Frau muss schön und still sein. Schwei gen bedeutet Schönheit und umgekehrt. »Wir haben in sehr vielen Strukturen noch immer eine weibliche und männliche Hierarchie«, sagt die Musikwissenschaftlerin Irene Suchy zu genderspezifischer Musik in Österreich. »Diese Strukturen wurden vor allem durch den Austrofaschismus zementiert, auch im Musikleben. Denken wir an die Reichsmusik kammer, die nationalsozialistisch-konforme Musik förderte. Frauen war vieles verwehrt, vor allem die hohe symphonische Musik. Es blieben ihnen jedoch die Kinderlieder. Genau solche Diskrepanzen sind heute noch zu be obachten und zu spüren.«

Im Buch »Lust am Töten: Eine feminis tische Analyse von Sexualmorden« meinen Deborah Cameron und Elizabeth Frazer, dass »ein ultimativer existentialistischer Blick auf [die Gewalt] von Sexualmördern« diese als

Rigide Geschlechterrollen dominieren noch immer unser Weltbild. Ein ikonisches Foto der Neuzeit trägt den Titel »The Most Beautiful Suicide« und zeigt die Leiche von Evelyn McHale. Es entstand, kurz nachdem sie von einer Aussichtsplattform des Empire State Buildings gesprungen und auf einem Autodach gelandet war. Das Foto diente unter anderem Andy Warhol als Inspirationsquelle, der den Selbstmord Evelyn McHales in sei nem Werk »Suicide (Fallen Body)« aufgriff. In der Musik wurde das Motiv des »schönen Suizids« auch mehrfach wiedergegeben. Un ter anderem von Pearl Jam, Radiohead – und

»die ultimativen Rebellen, die Erotizismus in seiner reinsten Form ausüben«, offenbare. Mord sei in dem Sinne der absolute Ausdruck der Leidenschaft, ein Liebesbeweis. Siehe: »Alles aus Liebe« von den Toten Hosen.

Mord als Konsequenz von Besitzdenken und Kontrollanspruch. Der Mörder kontrol liert die Sterblichkeit und die Unsterblichkeit. Die tote Frau stellt keine Bedrohung für das fetischisierte Bild der Weiblichkeit des Male Gaze dar. Das Idealbild der Frau bleibt still und friert ein. Der Liebhaber bleibt jedoch als heroische Figur zurück und tritt durch den Tod der Frau

10/ 11 2022 —1 / 5 2023 Einstweilen wird es Mittag Arts of the Working Class AUSLÄNDER bare minimum collective Linda Bilda Eva Egermann Lamin Fofana Adelita Husni-Bey Problem Collective Bassem Saad Vina Yun in Zusammenarbeit mit Tine Fetz, Patu, Moshtari Hilal und Sunanda Mesquita …
in den Vordergrund.
Sprachrohr
unterdrückte
unterdrückende Gruppen.«
»Kunst ist ein
–sowohl für
als auch fü r
— Theresa Ziegler

Dieses Leitmotiv der schönen toten Frau zieht sich durch jede Epoche der Musikge schichte. Irene Suchy: »Die klassische Mu sik ist voll mit der Pretty-Dead-Girl-Trope und das vollkommen unreflektiert. Ein gu tes Beispiel dafür ist das von Franz Schubert vertonte Volkslied Heidenröslein mit dem Text: ›Und der wilde Knabe brach’s Rös lein auf der Heiden / Röslein wehrte sich und stach / Ha lf ihm doch kein Weh und Ach / Musst’ es eben leiden.‹«

Nicht nur volkstümliche Lieder sind von misogynen bis mörderischen Inhalten durchtränkt: »Auch die Opernbühne ist voll von vergewaltigten und ermordeten Frauen.« Tosca wird vergewaltigt. Gilda wird in »Rigo letto« vergewaltigt, ermordet und ihr Vater bekommt ihre Überreste in einem Sack zu rück. Pamina muss etliche Proben bestehen, die sie gar nichts angehen. »Wenn ich einen Mann will, muss ich doch nicht durchs Feu er laufen«, meint Suchy. Für sie ist klar: Viele Frauen können sich nicht mit morbiden Mu sikstücken identifizieren, in denen sie ständig selbst die Opfer sind.

Kunst wörtlich nehmen?

Auch in der Musiklandschaft des deutschspra chigen Raumes wird der weiblich gelesenen Person oft wenig Respekt entgegengebracht. Zwar spiegeln sich in den meisten Liedern nicht dieselben Mordlüste und Gedanken wie bei Nick Cave und Co wider, jedoch ist ein Übermaß an misogynen Texten auszumachen. Einen der größten Skandale des deutschspra chigen Pops hat Falco ausgelöst. Im Text von »Jeanny (Part 1)« wird Gewalt an Frauen nie explizit erwähnt, liest man allerdings zwi schen den Zeilen, lässt sich die vermeintliche Perspektive eines Vergewaltigers und Ver schleppers gegenüber seinem Opfer (das im Wahn getötet wird) erkennen.

Auch in den letzten Jahren tauchen im mer wieder deutsche Songtexte auf, die von toten Frauen handeln. In dem Lied »Leich in da Donau« von Seiler und Speer geht es um den Leichnam eines unbekannten Mäd chens, das nachts in der Donau treibt. Die Zeilen »Sie is jo söwa schuid / Wos gehtsn a so spät no leischn / Weu nur da Tod is sicher« suggerieren, dass die leblose Frau im Wasser für ihr Schicksal selbst verantwortlich ist. In der vorletzten Strophe heißt es noch: »Jetzt foah i ham zu meiner Frau / Druck ihr a Bus sal auf die Stirn / Und putz mei Woffn.« Eine Anspielung darauf, dass Gefahren überall lau ern, auch im eigenen Heim, wenn nicht gar innerhalb der Ehe.

Aber wie viel Ernst und wie viel Satire, wenn nicht Alter Ego, steckt hinter solchen Zeilen? Kunst muss nicht für bare Münze genommen werden. Sie zeigt auf, sensibili siert ihre Rezipient*innen. Klarerweise lässt sich aus dem Text von Seiler und Speer nicht schließen, dass diese Wasserleichen goutieren, jedoch lässt sich eine typisch männliche Er

zählperspektive herauslesen. Um es deutlich auszudrücken: Spät draußen zu sein und ei nen Rock zu tragen, wie es im Songtext heißt, sollten keine Gründe dafür sein, tot in der Donau zu enden. Musiker*innen, die sich als weiblich identifizieren, produzieren solche Stücke weniger oft. Auch mit der klaren Be nennung der Waffe im Text wird eine Drastik transportiert, die erahnen lässt, wie sich die Handlung noch entwickeln wird.

»Für mich ist die Musik das Zentrum der Gesellschaft und der Gesellschaftspolitik. Wir haben mit der Musik etwas in der Hand, das weit über die bildende Kunst hinausgeht. Ein

Kummer von Kraftklub seine Exfreundin als »Hure« bezeichnen, rennen Von Wegen Lisbeth für eine »Bitch« den ganzen Weg allein. »Misogynie comes in all shapes and sizes. Es wäre viel zu verkürzt zu sagen, dass Deutschrap das misogyne Musikgenre schlechthin ist. Man muss es viel nuancierter sehen. Frauenfeindlichkeit zieht sich durch viele Schichten, da wir alle mit misogynen Vorstellungen aufgewachsen sind, die tief in uns verankert sind«, sagt Musikjournalistin Theresa Ziegler dazu. Es existiere ein gewis ses Klima des Hasses, um Machtpositionen und Strukturen aufrechtzuerhalten. Diese Narrative werden auch durch frauenfeindli che Lyrics reproduziert.

»Kunst ist ein Sprachrohr – sowohl für unterdrückte als auch für unterdrücken de Gruppen. Als Konsument*in wiederum braucht man eine riesige Portion an Selbst reflexion, um misogyne Songtexte nicht zu internalisieren. Life imitates art and art imi tates life, dabei wird vor allem von margina lisierten Artists oft ein Umkehreffekt ange wendet, um gewisse Dinge aufzuzeigen – to make a point with art«, so Ziegler weiter. Oft verstecken sich männliche Musiker hinter einer Kunstfigur, die sie von ihrer eigenen Person und Ansichten trennen. Aber kann das künstlerische Alter Ego im Land der to ten Töchter als Entschuldigung für reprodu zierte Misogynie gelten?

Wir wissen: Österreich ist a man’s world. Die Musikindustrie ist dabei keine Ausnahme. Von den Chefetagen der Labels bis hin zu den Songwritern, die über »Bitches«, »Huren« und Leichen in der Donau schreiben. Wo bleibt der Space für FLINTA*-Musik?

»Stirb,

Patriarchat, stirb!«

»Es beginnt schon beim Soundcheck mit viel Mansplaining«, erzählen Margarete Wagen hofer und Lili Kaufmann von der Band Zinn über ihre Erfahrungen in der Branche. »Von uns wird erwartet, dass wir uns eh nicht mit Technik und Instrumenten auskennen, ob wohl wir schon jahrelang als Musiker*innen tätig sind. Uns wird gesagt, wir müssen lauter singen, wir müssen wie ein Mann singen. In der Berichterstattung wird oft über die Out fits gesprochen. Wir wurden sogar beim Pop fest ausgebuht.«

Tool, mit dem wir etwas verändern können und aufregen können«, erläutert Musikwis senschaftlerin Suchy. Musik soll für Aufruhr sorgen, jedoch kann das auch nach hinten losgehen. Vor allem, wenn man(n) lapidarnormalisierend über Frauenmorde singt.

Die Liedtexte, die sich explizit den Tod der Frau herbeiwünschen, sind in der Un terzahl, jedoch ist Misogynie in der deutsch sprachigen Musikszene en masse vorhanden. Während Faber sein Liebesobjekt und Felix

Nach dem Motto: Was Falco, Wanda, Voo doo Jürgens können, können wir schon lange, singen Zinn über das Morbide, das Schiache im Leben – ohne das weiblich gelesene Men schen ins Gras beißen müssen. Was bei Zinn aber schon sterben soll, ist das Patriarchat und dessen Unterstützer. »Bashing ist eine so lidarische Therapie. Die brachiale Art soll als Warnung und Drohung gelten, ganz im Sinne von: ›Nehmt ihr uns eine, antworten wir alle.‹ Hier liegt wohl der Unterschied zwischen der Gewalt in unseren Texten, die an Männer beziehungsweise das Patriarchat gerichtet ist, und der Gewalt an Frauen in Texten, die

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Oskar Fischer, Andreas Schlager, Flo L. (@flo_ki) Theresa Ziegler, Musikjournalistin Irene Suchy, Musikwissenschaftlerin

von Männern vorgetragen werden«, erklärt die Band, der einmal sogar von einem Ethik professor vorgeworfen wurde, dass sie durch ihre Texte »junge Mädchen vom Feminismus abschrecken« würde. Auslöser für diesen Vor wurf war ihr Text »Stirb, Patriarchat, stirb!«, der sich am Patriarchat und all dessen Ver bündeten durch explizit gewaltvolle Sprache für dessen Opfer rächt.

Wenn man durch Nachrichtenseiten scrollt, poppen die Zahlen im Zweiwochen takt auf: 28, 29, 30. So viele Femizide zählt Österreich mittlerweile laut der Statistik der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser allein in diesem Jahr. Nach Angaben der APA zählt Österreich zu den EU-Ländern, in denen mehr als 50 Prozent der Mordopfer weiblich gelesen sind. Auch das Bundeskriminalamt erhebt Statistiken zu Femiziden – mit rassis

tischem Anstrich: Bei näherer Betrachtung der Statistik springen sofort eine Reihe von Nationalflaggen ins Auge. Erst in der nächs ten Zeile wird erläutert, dass zwei Drittel der Tatverdächtigen österreichische Staatsbürger sind. Also: ein heimisches Problem.

Es wäre zu drastisch, zu behaupten, dass misogyne Texte und vor allem Texte, die von Frauenmorden handeln, einen festzumachen den Einfluss auf unser kollektives Bewusst sein und auf die derzeitige frauenfeindliche Lage haben. Dafür sind die Wechselwirkun gen zu komplex. Aber wie ein feministischer Slogan so schön sagt: »The pen is a metapho rical penis.« So auch die Kunst und damit die Musik. Wer als männlich gelesen wird, gibt in der Regel (noch) den Ton an. Hanna Begic

Zum Thema Musikgeschichte aus feministischer Perspektive gibt es vielfältige Literatur. Etwa »These Girls, too: Feministische Musikgeschichten« von Juliane Streich, erschienen 2022 im Ventil Verlag.

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Zinn, Band

Das könnt ihr euch schenken Weihnachtstipps für Fortgeschrittene

Ob man Xmas als Fest des Konsums oder als Fest der Liebe feiert, ändert selten etwas an der Tatsache, dass man die Menschen in seinem Leben, die einem wichtig sind, beschenken möchte. Und da soll das auserwählte Präsent natürlich sitzen und mindestens für Freude, wenn nicht sogar für ein mächtiges »Oho!« sorgen. Welche Finessen das Schenken heuer so hergibt, haben wir auf den folgenden Seiten für euch zusammengestellt.

Ein echter Burgenländer

Der szigeti grüner veltliner brut g. u. burgenland überzeugt mit intensiven Golden-Delicious-Noten, einem Hauch von Mandarine und feinen, typischen Anklängen von weißem Pfeffer. Durchaus verdient konnte sich dieser Sekt unter mehr als 7.000 Einreichungen beim Wettbewerb Salon Österreichischer Wein durchsetzen. Trocken, mit lebendig-spritziger Säure, leicht cremiger Textur und einem animierenden fruchtig-würzigen Abgang, wird er alle begeistern, die einen echten Burgenländer genießen wollen. € 11,90 www.szigeti.at

Robust, elegant, vielseitig

Vor Kurzem präsentierte breitling das jüngste Mitglied der Chronomat-Familie: die chronomat automatic gmt 40. Ihr Name geht zurück auf die Greenwich Mean Time, die alte internationale Standardzeit, und verrät, dass es sich bei dieser Uhr um eine Hommage an die Weltreise handelt. Das spiegelt sich auch in ihrem Ziffernblatt wider, das zwei Zeitzonen gleichzeitig anzeigt. Die legere Ästhetik dieser Allzweck-Sportuhr werden aber nicht nur Vielreisende zu schätzen wissen. € 5.550,–www.breitling.com

Für einen festlichen Look

Die neue Weihnachtskollektion von catrice heißt nicht ohne Grund sparks of joy: Alles glitzert und glänzt, dass es eine wahre Freude ist. Für spezielle Christmas-Vibes sorgt dabei das Packaging, das sich teils auch als Weihnachtsdeko wiederverwenden lässt. Die limitierte Edition umfasst eine Eyeshadow-Palette mit zwölf unterschiedlichen Shades, BlushSticks und Lippenstifte in jeweils zwei Farben sowie drei Nagellacke mit intensivem Farbfinish. Beautiful moments sind garantiert. Im Handel seit Anfang November. www.catrice.eu

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SALON SIEGER –SEKT AUSTRIA 2022 www.szigeti.at PREMIUM SEKT VON SZIGETI.

Mehr als eine Brille

Die fauna audiobrille ist ein österreichisches Designerstück, das sich sehen und hören lassen kann. Ob für Musik, Telefonate, Videocalls oder Sprachassistent*in: Die Audiobrille bietet ein völlig neues Hörerlebnis. Durch die Open-Ear-Technologie bleiben die Ohren offen für die Umgebung – für mehr Freiheit, Flexibilität und Komfort. Mit den USound-MEMS-Lautsprechern in den Touch-Interface-Bügeln bleibt das Design schlank und bietet erstklassigen, kristallklaren Sound. Lade-Etui inklusive. Black-Friday- und Weihnachtsrabatte auf der Website. € 249,–www.wearfauna.com

Feiertagsprogramm vom Feinsten

Von Weihnachtsklassikern wie »Single Bells« und »MA 2412« über das neueste Highlight »Schrille Nacht« bis hin zu Streaming-Neustarts wie »Rotzbub – Der Deix Film«, neuen »Landkrimis« oder weiteren Teilen von »Vienna Blood«: flimmit hat das beste Programm für die Feiertage. Und auch heuer sorgt der digitale FlimmitAdventkalender wieder für die passende Einstimmung auf die Weihnachtszeit – mit Gewinnspielen, Streamingtipps und mehr. Apropos: Das flimmit-jahresabo eignet sich perfekt als Geschenk. € 39,99 www.flimmit.at

Escape Room 2.0 verschenken

Mehr als 25 verschiedene vr-escape-room-aben teuer erwarten euch bei virtual escape in Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck. Ob Dschungel, Pyramide, Horror oder »Alice im Wunderland«, hier ist für jeden etwas dabei und dank Virtual Reality fühlt es sich an, als wäre man mit seinem Team tatsächlich vor Ort und mitten drin. Als Held*innen dieser Geschichten könnt ihr aufregende Erfahrungen sammeln, die im echten Leben zu gefährlich oder gar unmöglich wären. Ideal zum Verschenken –in Form eines Gutscheins. € 25,–www.virtual-escape.at

365 Tage Kunst

Das mumok im Museumsquartier Wien ist seit seiner Eröffnung Pilgerstätte für alle, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren. Der markante dunkelgraue Basaltquader beherbergt eine umfangreiche Sammlung mit Hauptwerken der Klassischen Moderne, der Pop Art, des Fluxus und des Wiener Aktionismus sowie aktueller Film- und Medienkunst. Besitzer*innen einer jahreskar te genießen freien Eintritt für sämtliche Ausstellungen und Veranstaltungen sowie weitere Vorteile! ab € 19,— www.mumok.at/de/jahreskarte

Meisterhaft anstoßen

Die streng limitierten Design-Shotgläser von jägermeister präsentieren sich in eiskalter Frost-Optik und machen damit klar: Für den höchsten Genuss serviert man den legendären Kräuterlikör am besten eiskalt und frisch aus dem Gefrierfach bei - 18 Grad. In zwei Varianten erhältlich gibt’s die Gläser – jeweils im Duo – als Add-on zur 0,7-Liter-Flasche Jägermeister. Die limited edition ist aktuell im teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandel und im Jägermeister-Onlineshop erhältlich. www.jagermeister.at

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#öffiliebe

Zitroniges Weihnachten

Wer seinem Gin & Tonic einen zitronigen Twist geben möchte, wird die Neuheit aus dem Hause bombay sapphire definitiv feiern. Die lebhaften Wacholdernoten des typischen London Dry Gin und der Geschmack frisch gepresster Zitronen machen den Premium-Gin bombay citron pressé zum fruchtig erfrischenden Genuss. Inspiriert vom Cocktail-Klassiker Tom Collins wird das Thema flavoured Gin aufs nächste Level gehievt – und das ganz ohne Zuckerzusatz. € 23,99 www.bombaysapphire.com

Die espressotasse aus der bau.ArtKollektion der wiener linien überzeugt nicht nur durch ein von den Otto-Wagner-Stationen inspiriertes, einzigartiges Design, sondern auch durch einen besonderen Reliefdruck, der das Kachelmotiv am Teller sogar spürbar macht. Neben der Tasse gibt es auch noch ein Sockenset sowie ein Hamamtuch made in Austria. Alle Produkte sind unter shop.wienerlinien.at erhältlich. € 29,90

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Leuchtende Bauchtasche

Auf Festivals wurden schon viele gute Ideen geboren, an die wenigsten konnte sich am Tag danach noch jemand erinnern. Nicht so im Falle der leuchtenden Taschen von nebulite. Mit ihnen bist du nicht nur in einer Menschenmenge leicht zu finden, sondern etwa auch als Radfahrer*in im Straßenverkehr bestens zu sehen. Die bauchtasche 2+ – mit leuchtender Vorder-, Ober- und Innenseite – ist neu im Sortiment und strahlt dank Hochleistungs-LEDs in mehr als vier Milliarden verschiedenen Farbtönen und diversen animierten Farbverläufen. € 89,–www.nebulite.berlin

Stylishe Pistenkombi

Wer auf der Piste nichts falsch machen möchte, greift am besten zu Produkten von atomic. Der four amid steht für einen kom plett neuen Ansatz beim Design von Freeskiund All-Mountain-Helmen – mit bis zu 40 % höherem Aufprallschutz, als es die Industrie-Sicherheitsnorm verlangt. Die perfekte Ergänzung in Sachen Skibrille ist die four q stereo. Sie zeichnet sich durch ein bis zu 20 % größeres Sichtfeld und beschlagfreies Sehen ohne Brechungen und Reflexionen aus. Helm € 129,99 / Brille € 199,99 www.atomic.com

Schöner schreiben

Sieht nicht nur super aus, sondern liegt auch gut in der Hand: die grip edition von faber castell. Für das besonders angenehme Schreibgefühl sorgt die Soft-Griffzone. Beim Füller sind überdies Tinte und Feder ideal aufeinander abgestimmt, um ein weiches und leichtes Schreiben zu gewährleisten. Und beim Kugelschreiber sorgt die ergonomische Dreikantform für ermüdungsfreien Langzeiteinsatz. Als Geschenkset samt hochwertigem Metalletui in den Farben Berry und Mistletoe erhältlich. € 35,–www.faber-castell.at

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GOT WHAT,S HOT

J U K . A T

Weil’s in Erinnerung bleiben soll

Mit jollydays ist es ganz einfach, zu Weihnachten Erinnerungen an wundervolle Momente zu verschenken. Indoor-Skydiving, Escape-Room oder Kunstfrühstück – du kannst aus über 6.000 Erlebnissen auswählen oder mit vorgefertigten Boxen eine Auswahl an Erlebnissen verschenken. Bei Jollydays findest du garantiert für jede*n das passende Geschenk. Mit dem Code XMAS2022 sparst du € 20,— auf deinen Weihnachtseinkauf (gültig bis 8. Dezember 2022; Kategorien: Lifestyle, Kultur, Gourmet; Mindestbestellwert: € 99,—). jollydays.com

Österreichischen Film streamen

Der kino vod club lädt mit seinen Programm-Specials, Festival-Kooperationen und Kuratierungen von Filmschaffenden in die weite Welt des österreichischen Films ein – vom Kassenschlager bis zur kleinen alternativen Filmproduktion. Von jedem Stream geht dabei ein Drittel des Erlöses an dein Lieblingskino. Mit einem gutschein des Streaming-Portals verschenkst du also nicht nur eine Auswahl aus mehr als 500 Filmen, sondern unterstützt auch die heimische Kinolandschaft. Win-win! € 4,90 pro Film www.vodclub.online

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Mit Skincare zu Selfcare

Nimm dir eine Auszeit aus deinem stressigen Alltag und tu dir selbst etwas Gutes – mit einer Pflege, die genau zu dir und deiner Haut passt. junglück steht für reine, natürliche und 100 % vegane Hautpflege. Alle Produkte werden in nachhaltige Braunglasflaschen abgefüllt und kommen ganz ohne Mikroplastik, Parabene und Silikone aus. Für jeden Hauttyp, jedes Alter und jedes Geschlecht. Verschenke Wohlfühlzeit für deine Lieben und spare jetzt auf www.junglueck.de mit dem Code JUNGGAP15.*

Duftende Beauty-Treats

Die Trend-Edition cookies for santa von essence hat ein paar echte Treats zu bieten. Und alle – vom Gingerbread Lip Balm über die Cozy Socks bis hin zum Cleansing Pad in Keksform – sorgen für Weihnachtsstimmung.

Die Beauty-Produkte der limitierten Kollektion verleihen dir den ultimativen Xmas-Glow. Als süße Eyecatcher gibt’s außerdem ein Set mit Lebkuchenmann-Armband und -Ohrsteckern. Für die nächste Weihnachtsparty bist du damit perfekt ausgerüstet. Im Handel ab Mitte November. www.essence.eu

Beste Festival-Experience

Mit dem waves festival verbindet uns von The Gap eine lange gemeinsame Geschichte. Keine Frage also, dass wir euch das Showcase-Festival gerne ans Herz legen. Da das WUK umbaubedingt 2023 nicht zur Verfügung steht, verlagert sich das Treiben dieses Mal auf die Ausgehmeile entlang des Gürtels. Von 7. bis 9. September könnt ihr dort mit nur einem Ticket von Bühne zu Bühne ziehen und neue Lieblingsmusik entdecken. Super günstige und streng limitierte early-bird-festivalpässe sind ab sofort erhältlich. ab € 20,— www.wavesvienna.com

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Ein Sextoy in Grün

Warum gerade bei Sexspielzeug auf Nachhaltigkeit verzichten? Eben. Der premium eco von womanizer ist komplett in seine Einzelteile zerlegsowie recycelbar und besteht aus biologisch abbaubarem Biolene-Material. Für jedes verkaufte Exemplar wird außerdem ein Baum gepflanzt. Das kleine grüne Orgasmuswunder arbeitet mit der patentierten Pleasure-AirTechnologie und stimuliert die Klitoris punktgenau ohne Berührung. Umweltfreundlich zu sein, hat sich noch nie so gut angefühlt. € 189 www.orion.at

Exklusive Überraschung

Der erste Sekt mit Schmuck im Korken! Verwöhne deine Liebsten mit dieser originellen Geschenkidee. Es sprudelt und glitzert, denn in jedem Sektkorken verbirgt sich ein exklusives jewel surprise-Schmuckstück aus 925 Sterling Silber – auf Wunsch auch vergoldet. Kombiniere jedes der verfügbaren Flaschenlabels mit deinem Lieblings-Schmuckdesign. Erhalte 20 % Rabatt mit dem Code GAP20JS ( gültig bis 31. Jänner 2022; nicht mit anderen Rabatten oder Aktionen kombinierbar). www.jewelsurprise.com

Anmeldeformular online ausfüllen https://indies.at/beitritt Mehr Infos auf indies.at DER VTMÖ: Die lautstarke Vertretung für alle unabhängigen Labels, MusikproduzentInnen, Musikverlage. JETZT MITGLIED WERDEN! » Fortbildung, Beratung, Rabatte und Konditionen für Mitglieder » Vernetzung national und international » Verwertungsgesellschaften: Beratung und Problemlösung Die jedes Jahr kündbare Mitgliedschaft kostet (je nach Labelgröße) ab € 90,- pro Jahr Gemeinsam unabhängig

Workstation Menschen am Arbeitsplatz

Cati Donner

Fotolaborantin

»For the love of grain«, so heißt es bei Plusfoto, einem kleinen Film- und Fotolabor in Wilhelmsburg. Die pittoreske Gemeinde mit rund 7.000 Einwohner*innen liegt südlich von St. Pölten im Mostviertel und ist auf den ersten Blick ein eher ungewöhnlicher Standort für hippe Analogfotografie. Doch die Zeit gibt dem Familienbetrieb recht: Vor vier Jahren übernahm Cati Donner das Mini-Lab von ihrem Vater. Dieser hatte es zur Jahrtausendwende gegründet, zuvor war er als Vertriebsleiter für Entwicklungsgeräte tätig gewesen. Und auch Catis Mutter und ihr Großvater füllten die Familienarchive mit Bildmaterial. Zu ihrem Arbeitsplatz pendelt die 37-Jährige aus Wien – meist mit dem Zug. Im Laden gibt es neben Passfotos auch unbelichtete Analogfilme zu kaufen, Hauptgeschäft sind aber Entwicklungen und Scans. Ihre Kund*innen schicken dafür Filme aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. »Am meisten freut es mich, wenn Leute, die uns ansonsten Filme aus der Ferne schicken, in der Nähe von Wien sind und bei uns auf einen Besuch vorbeischauen.«

Special
Fotografie

Hinter den Kulissen analoger Fotografie

Jonas Horak

Feinmechaniker

Mitte Oktober steckte der Leica-Classics-Store in der Wiener Westbahnstraße – er liegt direkt neben dem bekannten Fotografie-Schauplatz Westlicht – noch in einer Renovierungsphase. In der staubgeschützten Werkstatt tut Jonas Horak sein Werkl. Auf dem Seziertisch vor ihm liegen bereits servicebereite Kamerain nereien. Der 24-Jährige schloss vor vier Jahren die Meisterprüfung an der letzten Uhrmacher*innenschule Österreichs, der Fachschule für Präzisions- und Uhrentechnik, Uhrenservice und Restauration an der HTL Karlstein ab. Seither arbeitet er als Kamera-Feinmechaniker an jenem Standort, an dem sich auch das welt weit größte Ersatzteillager für historische Leica-Kameras befindet. Dementsprechend dicht ist die Auftrags lage, die Werkstatt ständig voll. Bis zu 500 Kameras und Objektive repariert Jonas, der auch selbst analog fotografiert, im Jahr. »Und ich befürchte, es werden immer mehr, weil ich durch gesammelte Erfahrung mit den Reparaturen schneller vorankomme«, meint er lachend.

Special Fotografie

OBER-, UNTER-, ZWISCHENTÖNE

Vor gut zehn Jahren hat Iris Blauensteiner zum ersten Mal die Literatur-Doppelseite in The Gap gestaltet. Mittlerweile hat die Filmemacherin und Autorin ihren zweiten Roman »Atemhaut« veröffentlicht. Eine kleine Leseprobe.

ATEMHAUT (Auszug aus dem Roman)

Du stolzierst im Neonlicht. Mit weitem Blick nimmst du die Wege, die Hindernisse, die enormen und die geringsten Bewegungen wahr. Es scheint dir, als stö ben deine Knochen auseinander wie in einem luftlee ren Raum, kein Druck hält deinen Körper zusammen. Die Wangen locker, der Kiefer fällt, dein Mund klappt beinahe auf. Die Schultern liegen am Brustkorb. Du fühlst die Oberschenkelmuskelfasern, trittst in siche ren Schritten auf breiten Sohlen. Die Fäuste lösen sich und in den Fingern sammelt sich die Kraft. So gehst du zwischen den Greifarmen und Laufbändern, den Wä gen und Gabelstaplern, den Kollegen und Kolleginnen an den Geräten und den Waren hindurch, die sich zu den perfekten Uhrzeiten an den vorgesehenen Stellen im System befinden. Du bist überzeugt, dass dich jeder sieht, dass du auffällst. An deiner pfeilgeraden Wirbel säule ist der kräftige Rest montiert, sie ist ein Gerüst für das ideale Modell. Du fühlst ein Kraftfeld um dich, das wie ein Magnet Partikel anzieht und aufnimmt. Du dehnst dich aus. Du bist eine Sonne, die es schafft, aus voller Kraft zu strahlen. Ausatmen und vertrauen, dass der nächste Atemzug kommen wird. Das ist dein Raum. Der Raum ist Teil von dir. Das ist dein Körper. Dein Kör per gehört zur Maschine. Du empfindest deine Struk tur darin deutlich. Die Maschine arbeitet, Tag für Tag. Und dennoch, was ist das? Du fühlst einen zusätzlichen Herzschlag, aus dem Takt.

Listen schieben dich durchs Leben, Zahlen laufen aus der stotternden Druckermaschine, Bestellscheine fahren entlang ihrer Perforierungen durch die Räder. Tabellen, schwarze Schrift. Die Scannercodes zeigen, was geholt,

was eingelagert, was nachbestellt werden muss, wel che Plätze voll, welche Plätze frei sind. Das System des Warenlagers leistet viel, es läuft sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden, es dirigiert die Lagerarbeiter. Doch seine Einzelteile setzen ständig unerwartet aus und müssen repariert werden. Eine kurze Störung und der gesamte Ablauf ist außer Kontrolle, aber ihr Arbeiter habt Ideen, wie dennoch der Betrieb in der Halle aufrecht bleibt, und am Ende fallen die Pakete immer reihenweise in die Container.

Ihr zählt die Sekunden und verliert die Tage. Das rote Licht des Scanners trifft den Barcode. Artikel einge lagert. Fehler. Nicht eingelagert. Wenn du auf die Displays schaust, wirken die Prozesse glatt.

Das Regalsystem ist das Zentrum, zu erreichen über vier Ebenen, verbunden durch Aufzüge und Treppen bie tet es Zugang zu zwei Millionen Artikeln. Das Gerät zeigt, welche Gänge du ansteuern, welcher Regalnummer du folgen musst, auf welchem Brett und an welcher Position die gesuchte Ware zu finden ist. Auf dem Weg weichst du den Stapelwagen aus, die die Artikel einlagern. Gang C105, H457, N56, fünfzehn Kilometer pro Schicht. Packlisten, Transportarten, Waren, Menge, Masse, Wert.

Deine Hände folgen fremden Befehlen, der Rest dei nes Körpers ferngesteuert, oft läufst du ihnen in den Gän gen hinterher und sie ziehen dich.

Wenn du nicht weißt, wo du bist, schaust du auf dei ne Hände. Haben sie Schrammen und feine Härchen? Kannst du die Finger ausstrecken? Lassen sie sich wirr bewegen? Werfen sie Schatten? Deine Hände, Handflä chen, Handrücken, du drehst sie. Check: zehn Finger. Sie

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PROSA — IRIS BLAUENSTEINERĆ

sind dein Anker, du streichst über Oberflächen, spürst Metallgestänge, Perforierungen, Karton, Blaumannstoff an deiner Haut.

Handschuhe an. Du trennst die verhedderten Pakete mit dem Stanleymesser.

»Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie. Mit Ende des Monats müssen wir uns voneinander trennen. Wir möchten uns herzlich bei Ihnen für Ihre Arbeit bedanken«, sind die Worte der Abteilungsleiterin. Du kannst nicht glauben, was du hörst, es dringt nicht ganz zu dir durch. Du möchtest wie so oft auf Pause drücken. Du umklammerst deine Brust fest, du versuchst, deinen Atem zu regulieren. Du zählst die Dauer der Atemzüge. Eins, zwei, drei, vier, fünf, eins, zwei, drei, vier, fünf, eins, zwei, drei, vier, fünf. Du hältst nicht durch. Die Pausen nach dem Ausatmen sind Löcher, durch die das Chaos in dich dringt. Dein Herzschlag klingt nach Baustellenlärm.

Du siehst dein Leben wie Tetris. Tektonische Platten an Vorhaben, die sich stündlich verschieben und gegen einander krachen. Sich nicht entscheiden können, immer wieder neu wählen, immer wieder alle Ausgänge durch spielen und einen der Wege einschlagen. Termine, Orte, Menschen, Gedanken rechtzeitig in die richtige Positi on balancieren, und sind sie mal da, fallen die nächsten Steine herunter. Und so fallen sie und fallen und bald ziehen die synthetischen Töne des Tetris-Liedes dich in ihre Endlosschleife. Es scheint niemals eine Lösung zu geben, das Ende führt wieder zum Beginn. Du hast keine Lust mehr zu spielen und dann scheiterst du am Level und bleibst einfach immer im ersten Level oder vielleicht

Zur Person

Iris Blauensteiner, geboren 1986, arbeitet als Autorin und Filmemacherin. Ihr aktueller, zwei ter Roman »Atemhaut« (Kremayr & Scheriau) landete auf der Longlist für den Österreichi schen Buchpreis 2022. Die Story um Edin, der seinen Job in einem Logistikunternehmen verliert und diese Tatsache aus Scham vor seiner Freundin geheim hält, spielt um die Jahr tausendwende. Zwischen Existenzangst und Balkankriegstrauma flüchtet der junge Mann in die Welt der Ego-Shooter. Blauensteiner gewährt einen sensiblen, höchst zeitlosen Blick in ein brüchiges Innenleben, zu dem Klangkünstlerin Rojin Sharafi einen passenden Soundtrack komponiert hat. www.irisblauensteiner.com

kommst du auch mal bis zum dritten, aber weiter nicht, weil es kein Gewinnen gibt, immer nur noch mehr Steine in schwierigeren Formen.

Was sind deine Kraft, dein Können wert? Was bist du wert? Wer bist du, wenn du deine Kraft nicht gibst, nicht geben kannst, weil sie an keinem Ort benötigt wird? Wenn es niemanden gibt, der sie will? Was ist, wenn du diese Kraft nicht mehr hast? Was bist du ohne die Arbeit? Wie wirst du leben? Wo darin ist Vanessa?

Wie wären deine Wege verlaufen, hättest du andere Abzweigungen gewählt? Versionen deines Ichs warten auf ungegangenen Pfaden. An allen Straßen, an Kreuzungen rufen sie durcheinander.

Vanessa raucht am Fenster. Die Sonne ist hell. Ihre Wimpern wachsen an einem Auge nur bis zur Hälfte des Lids. Sie äschert vorsichtig in einen kleinen Aschenbecher. Jetzt dreht sie sich um zu dir.

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Marisa Vranješ

Filmpremiere Ninjababy (OmU)

25�2 TICKETS ZU GEWINNEN

Als die 23-jährige Rakel Monate nach einem OneNight-Stand bemerkt, dass sie schwanger ist, steht ihre Welt plötzlich Kopf. Anders als ihr Freund (nicht der Vater), kann sie sich nämlich ganz und gar nicht vorstellen, ein Kind zu bekommen. Und dann klettert auch noch das gezeichnete Ninjababy aus ihrem Notizbuch, um sie daran zu erinnern, was für ein schlechter Mensch sie ist …

Di., 6. Dezember, 20 Uhr Votiv Kino Währinger Str. 12, 1090 Wien

Wir verlosen 25 � 2 Tickets für die Kinostartpremiere von »Ninjababy«. Der Film wird in norwegischer Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Die Gewinnspielteilnahme ist bis 4. Dezember unter www.thegap.at / gewinnen möglich.

In Kooperation mit

Teilnahmebedingungen: Die Gewinnspielteilnahme kann ausschließlich unter der an gegebenen Adresse erfolgen. Die Gewinner*innen werden bis 5. Dezember 2022 per E-Mail verständigt. Eine Ablöse des Gewinns in bar ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter*innen des Verlags sind nicht teilnahmeberechtigt.

Gewinnen thegap.at/gewinnen

1 »Corsage«

Für immer die schöne junge Kaiserin? Regisseurin Marie Kreutzer zer legt den gern gepflegten Sisi-Mythos und lässt Kaiserin Elisabeth (Vicky Krieps) – als wissbegierige, lebenshungrige Frau – gegen die höfische Bevormundung aufbegehren. Ein Film über die Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung. Wir verlosen zwei DVDs und zwei Blu-Rays.

2

»Utopische Entwürfe«

Zum 40. Geburtstag des WUK machen sich diverse Menschen aus des sen Umfeld Gedanken zum Thema Utopie. Während das Kulturzentrum in Wien-Währing gerade von einem Baugerüst verstellt ist, lässt sich in dieser Publikation also über »Gelebte Visionen zu Gesellschaft und WUK« lesen – und über die Zukunft sinnieren. Wir verlosen drei Exemplare.

3

»ASH – Austrian Superheroes Special 2022«

Weiter geht’s mit den Abenteuern von Captain Austria, Furie, Donau weibchen und Bürokrat. Das aktuelle Special schließt nahtlos an die Ge schehnisse des bisher letzten regulären Bandes der Reihe an. Serviert werden spannende Geschichten, umgesetzt in unterschiedlichen hoch wertigen Comicstilen. Wir verlosen drei Exemplare.

4 »Nope«

Mit »Get Out« und »Us« hat sich Jordan Peele einen Namen als Regisseur von subtilen Horrorfilmen gemacht, in denen schwarze Protagonist*innen um ihr Leben kämpfen. Mit »Nope« bleibt er dem Genre treu, wirft aber auch Western sowie Science-Fiction in den Mix – und eine Annäherung an das schwarze Erbe Hollywoods. Wir verlosen drei DVDs.

5 »Kick Ass«

Ein stinknormaler Teenager mit Superheldenambitionen will in New York für Recht und Ordnung sorgen – und wird dabei, als er auf das VaterTochter-Gespann Big Daddy und Hit-Girl trifft, in eine größere Auseinan dersetzung hineingezogen. Die Comicverfilmung aus 2010 ist erstmals im Format 4K Ultra HD erhältlich. Wir verlosen vier Exemplare.

6 »Don’t Worry Darling«

Olivia Wildes zweite Regiearbeit (nach der Highschool-Komödie »Book smart«) hat bei seiner Premiere in Venedig vor allem wegen einer Person für besonderes Aufsehen gesorgt: Popstar Harry Styles, der in diesem Psychothriller in seiner ersten Hauptrolle an der Seite von Florence Pugh zu sehen ist. Wir verlosen zwei DVDs und zwei Blu-Rays.

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Motlys / Filmladen, Marylise Vigneau LIEBE IST Eine KLEBRIGE SACHE EIN FILM VON YNGVILD SVE FLIKKE

Rezensionen Musik

Clara Luzia Howl at the Moon, Gaze at the Stars!

»Scheiße plus X« lautet die Formel, mit der die Journalis tin Ronja von Wurmb-Seibel an ihre Arbeit herangeht. Das bedeutet, dass sie Probleme und Missstände zwar aufde cken möchte, gleichzeitig aber auch neue Perspektiven und Lösungsansätze mitliefern will. Angesichts der Fülle an gegenwärtigen Krisen fiele man sonst einfach in einen Zustand der Ohnmacht und der Apathie, so Wurmb-Seibel. Bei Clara Luzia besteht dieses X in der marginalen Rolle, die der Mensch in der Erdge schichte spielt. Darin steckt zwar keine Lösung zur Rettung der Menschheit im Angesicht der Klimakrise, dafür so etwas wie ein erlösendes Moment – wenn auch natürlich nicht im biblischen Sinne. Zeilen wie »We’re so small and vincible / After all I know we’ll be outlived / And that is the greatest gift« spenden eher Trost, als im lichterloh brennenden Feuer der Existenzängste zu stochern. Sie treffen einen schon seit längerer Zeit schmerzenden Nerv im Rücken, der wie mit einer feinen Akupunkturnadel auf eine Weise ange pikst wird, die einen dazu bringt, sich wieder etwas aufzurichten, anstatt sich – all die großen Krisen vor der Nase – noch mehr zu krümmen.

»Es geht um alles und um uns alle«, schreibt die Musikerin und Sänge rin über ihren Song »The Greatest Gift« – und im mehrdeutigen ersten Teil des Satzes steckt durchaus eine Dringlichkeit. In den Liedern auf »Howl at the Moon, Gaze at the Stars!« ist ein Ansingen gegen die Apathie spürbar, das sich unter anderem in der Hinwendung zur Natur äußert. »A storm is raging in my head / My senses revel in the pouring rain«, singt Clara Luzia in »This Feeling’s Got No Name«. Es bewegt sich etwas – nicht nur auf musikalischer Ebene, wenn sich einzelne Passagen oder ganze Lieder bis zur Hymne aufschwingen oder wie in »Clouds« das Tempo ordentlich angezogen wird. Songzeilen wie »A single ray of light can lighten up a room / Oh, baby look at you / That’s exactly what you do« aus dem Song »Clouds« lassen außerdem vermuten: All die Scheiße ist dann ertragbar, wenn das X für die Liebe steht.

(VÖ: 20.

Live: 28. April, Innsbruck, Treibhaus — 29. April, Dornbirn, Spielboden — 4. Mai, Salzburg, ARGE Kultur — 5. Mai, Ried im Innkreis, KIK

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Rezensionen Musik

Producer from Vienna — Columbia

Der Albumtitel hat etwas Bescheidenes. In Wahrheit ist Matthias Oldofredi, der sich hinter dem Künstlernamen Filous verbirgt, nämlich nicht einfach ein – oder gar irgendein – Produzent aus Wien, nein, sondern ein wirk lich erfolgreicher, auf den auch internationale Stars wie The Kooks (hier mit »Hey Love« vertreten) oder Daði Freyr (»Sabada«) vertrauen. In den Songs, die der vorliegende Longplayer nun zusammenfasst, zeigt sich Filous’ spezielle Handschrift: Bestens vertraut mit dem aktuellen Sound der Pop-Charts, würzt er seine Produktionen gerne mit menschenfreundlichen Gitarren, nostalgischen Synths, einer feinen Prise Humor und dieser ganz besonderen, geradezu unverschäm ten Leichtigkeit eines waschechten Filous. Hier geht niemand ohne Lä cheln im Gesicht wieder raus – es ist schließlich Pop. Weshalb bei den Texten auch das Zwischenmenschliche deutlich im Vordergrund steht.

Das Wienerische an diesem Spitzbub hört man besonders in den In strumentals, etwa dem heurigentauglichen »Danube« oder »Schönbrunn«, für das er sich offenbar von den herübergewehten Geräuschen des in der Nähe seines Studios befindlichen Tiergartens inspirieren ließ; Filous be treibt in Hietzing nämlich – gemeinsam mit seinem Bruder und Manager Elias Oldofredi sowie Julian Le Play – die Villa Lala, eine zum SongwritingHub umfunktionierte ehemalige Botschaftsvilla. Letztlich handelt es sich bei diesen Interludes aber »nur« um humorvolle Fingerübungen. Während die vertretenen Kollabos den Anspruch haben, potenzielle Hits zu sein. Nicht mehr, nicht weniger. Und wie oft sich das aus geht, ist mehr als beachtlich. Man höre etwa »Trying Not to Think about You« mit Nina Chuba oder »Emb rasse Moi« mit Clementine oder … Wer von »A Produ cer from Vienna« keinen Ohrwurm mitnimmt, werfe den ersten Stein! Filous? The Producer from Vienna. (VÖ: 9. Dezember)

Lukas

Lauermann

Interploitation — Col Legno

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Der Äther war lange Zeit jener Ort, an dem die Beschaf fenheit von Licht – Teilchen oder Welle – verhandelt wurde. Für den Cellisten Lukas Lauermann ist er Forum, Arena und Leinwand zugleich. Auf dem Album »Inter ploitation« stellt er in neun Stücken die Frage nach den Verflechtungen von Interferenz, Intervention und Exploi tation. Seine Musik ist dabei Ausgangspunkt und Endprodukt zugleich. Nicht zuletzt deshalb, weil Lauermann auf diesem Album die von ihm stammende Filmmusik zu Robert Schabus Dokumentation »Alpenland« … ja, was eigentlich? Seziert, erforscht, zerlegt und wieder zusammensetzt, ent- und zurechtrückt. Oder prosaisch und technisch: samplet, sequen ziert und verfremdet. Der Film selbst thematisiert die kulturelle Über formung der Natur – ein Wechselspiel, dem auch Lauermann auf seinem Album nachspürt.

Auf seinem vorliegenden dritten Soloalbum spielt Lauermann erst mals nicht das Cello – oder mit diesem –, sondern alleinig mit bereits existierendem Material. Der wiedererkennbare Klang seines Lieblings instruments geht dabei zwar oftmals verloren, nicht aber Lauermanns intuitives Gespür für ambige Stimmungen – besonders eindringlich im Song »Ence«, bei dem das Cello nur mehr hinter perkussiven Scharren und Schaben und im besten Sinne anrührend sphärischen Orgellinien er ahnbar ist. Was und wie viel bleibt übrig, wenn man vom Musikinstrument wahlweise Musik oder Instrument abzieht? Im Äther prallen Magie und Maschine, analog und digital, Remix und Original aufeinander – mal als intensive Auseinandersetzung, mal als nuanciertes Argument. Fast schon beiläufig entstehen so epische wie intime Klanggemälde, die eindringlich vermitteln, dass die Grenzen zwischen Geräusch und Musik an einem Horizont verschwinden, der Stück für Stück erschlossen werden will. (VÖ: 11. November)

Live: 24. November, Linz, Stadtwerkstatt — 25. November, Innsbruck, P.M.K. — 26. November, Wolfsberg, Container 25 — 4. Dezember, Wien, Hamakom — 10. Dezember, Villach, Kulturhof — 13. Dezember, Wien, Konzerthaus

Flo Moshammer, Lukas Lauermann / Julia Haimburger
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Filous
JOB S IMMO

Rezensionen Musik

Mira Lu Kovacs & Clemens Wenger

Sad Songs to Cry to — Ink Music

Acht Grad und Bodennebel, gefühlt drei Stunden Licht pro Tag, und dann haben nicht einmal die Punschstän de geöffnet. Wenn die letzten warmen Herbsttage dem schneelosen Wintergrau endgültig gewichen sind, aber die Weihnachtszeit noch nicht angebrochen ist, gibt man sich dem Selbstmitleid besonders gern hin. Mit »Sad Songs to Cry to« fällt zumindest die Romantisierung dieser vorweihnacht lichen Niedergeschlagenheit leichter und hie und da stellt sich vielleicht sogar so etwas wie melancholische Zufriedenheit ein. Mira Lu Kovacs, die zuletzt mit ihrem Solodebüt aufhorchen hat lassen, und Clemens Wen ger, den man von 5/8erl in Ehr’n kennt, kleiden auf diesem gemeinsamen Album Klassiker des Pop und Jazz neu ein. Und die verwendete Garde robe ist – passend zum Veröffentlichungsdatum – eher winterlich. Das Duo schafft es dabei, zehn Lieder aus den unterschiedlichsten Ecken zu einem musikalisch wie thematisch homogenen Album zu vereinen: vom Kunstlied aus den 1930er-Jahren über Jazzklassiker bis hin zu Folk- und Rockballaden aus den 1980ern. Darunter mischen sich mit »That’s What Happiness Is«, der Vertonung eines Gedichts von Fernando Pessoa, und »Fort von hier« auch zwei Eigenkompositionen. Man hat den Eindruck, ei nem eigentümlichen Dialog zwischen den Jahrzehnten und Genres der Musikgeschichte zuzuhören. Scheinbare Gegensätze ergänzen einander dank der reduzierten Arrangements, die auf Wengers warmen Klavierhar monien und Kovacs’ ruhigem Gesang fußen.

Wengers fließenden Klavierläufe erzeugen Ruhe, während Kovacs’ unverstellter, klarer Ton selbst dem STS-Gassenhauer »Kalt und kälter« eine sinnliche Note verleiht. Schöne Einfachheit, aber irgendwie nicht viel mehr. Wenn Kovacs beim Refrain des Ton-SteineScherben-Klassikers die dritte Wiederholung der Zeile »Halt dich an deiner Liebe fest« haucht, sehnt man sich doch nach Rio Reisers dreckigem Gesang. Die reduzierten Arrangements, die andernorts durch schlichte Eleganz strahlen, wirken hier eher pathe tisch. (VÖ: 2. Dezember)

Phal:Angst Whiteout — Noise Appeal

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Wenn die Düsterheit in mehrfacher Wortbedeutung drau ßen omnipräsent ist, holt man sie sich am besten auch noch mit rein, um nicht permanent anstrengenden Stim mungswechseln ausgesetzt zu sein. So kommt die neue Platte von Phal:Angst gerade zur richtigen Zeit. »White out« ist ein Album, für das man sich Zeit nehmen darf. Die acht Nummern ziehen sich gut in die Länge und überwinden teilweise den Aufbau klassischer Songstrukturen. Die Gitarrenflächen sind einneh mend, die Einspieler von Vocal-Samples machen neugierig und auch dass der Schreigesang teils etwas im Hintergrund bleibt, tut der Qualität kei nen Abbruch. Es stellt sich einzig die Frage, wie der Release wohl klingen würde, hätte man die Drums sorgfältiger platziert (oder ganz weggelas sen). Diese wirken wegen ihres lauten, präsenten Mixes in fast jedem der Originaltracks draufgepflastert und stören stellenweise. Dabei hätten es die enthaltenen Remixes so gut vorgemacht.

16 Jahre und jetzt eben fünf Alben besteht das Quartett schon, in Bandjahren also zwei bis drei Leben – vor allem wenn die Rede von DIYKontexten ist, wie sie Phal:Angst seither meistens bespielten und sogar infrastrukturell ermöglichten. Das merkt man spätestens dann, wenn man sich die mitgelieferten Bandfotos anschaut, die gleichermaßen Selbst ironie und Wurschtigkeit transportieren: Was ist sympathischer als eine Düsterband, die sich für die Releaseporträts nicht mit ausgefahrenem Mittelfinger vor einer brutalistischen Kirche, sondern mit ein paar Schwe chater-Dosen am Wiener Gürtel platziert?

Das geduldige Bandbestehen offenbart sich auch in deren Kontaktbuch: Mit Remixes von Brian Williams aka Lustmord und Jarboe Deveraux (Swans) befindet sich die Handschrift zweier Künstler*innen auf dem Album, die ihre ersten Releases in den Schwarzen Szenen der frühen 80er-Jahre hatten. »What a time to be alive«, um die Tracklist zu zitieren. Regisseur Paul Poet attestiert in den Liner Notes eine stilistische Kombination aus Mogwai, Nine Inch Nails und Godspeed You! Black Emperor. Warum also so kurz vorm Jahresende noch mal neue Vergleiche anstellen, wenn diese einfach unterstrichen werden können? (VÖ: 13. Jänner)

Mani Froh, Kurt-Prinz, Max Hofstetter
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Must have!

Sachen, die den Alltag schöner machen

100 % plant based

Mit den Premium-Sugos von inzersdorfer steht im Handumdrehen eine warme Mahlzeit mit hochwertigen Zutaten auf dem Tisch. Neu im Angebot: pure green veganes sugo bolognese. 100 % pflanzlich, natürlich ohne Konservierungsstoffe, Palmöl, Farbstoffe und künstliche Aromen. www.inzersdorfer.at

Spitting Ibex E.G.O.

Spitting Records

Spitting Ibex haben sich sich für »E.G.O.« auf die Suche nach dem eigenen Selbst begeben. Und das war, weiß Gott, keine vergebene Liebesmüh’. Wirklich jeden Win kel des seelischen Innenlebens haben sie durchkämmt. Den mutigen Schritt gewagt – hinaus into the unknown. Von dort zurückgekehrt ist eine Band, die nach über ei ner Dekade leidenschaftlicher Arbeit den kreativen Faden nicht verliert. Genauer gesagt hat der spuckende Steinbock alles Erlebte der letzten Jahre verarbeitet und ein neues Zeitalter eingeläutet. Dieses kollektive Transzendieren der gewohnten Bahnen hat sich in einem neuen Sound niedergeschlagen. Zwar sind die Grundfarben aus Funk, Rock und Elec tro stets präsent, aber in einer noch nie dagewesenen Form. Alles ist zu gunsten einer dichten dystopischen Atmosphäre verschmolzen. Aus Wut, Trauer, Liebe und auch Hoffnung formt sich das Songwriting, das präzise durchdacht ist. Jeder Song für sich ist ein Kapitel dieser einzigartigen Space Opera. Spitting Ibex haben sich auf die gemeinsame Mission ein geschworen. Die Liebe für ausgefeilte Arrangements scheint einmal mehr durch, wirkt aber noch zielgerichteter. Nicht zuletzt wegen der Stimme von Sängerin Aunty gleitet man gemächlich in eine andere Welt hinüber.

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Alternative Wien-Postkarten

bussi, wien, das junge Postkartenlabel aus Meidling, legt den Fokus auf alternative Ansichten der Hauptstadt, abseits der üblichen Motive. Im Mittelpunkt stehen jene Ecken Wiens, deren Charme sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Als Fünfer- oder Zehnerset erhältlich. www.bussiwien.at

Bereits die erste Single »Kingdom of Devotion« zeigt, wie fantasievoll die Band Soundlandschaften ausmalen kann. Die eingänge Gitarrenme lodie erfüllt die ruhige Weite des Raums. Die Stimme beginnt zunächst ganz leise, bricht aber dann voll auf und verschmilzt mit der Musik. Klei ne Details verleihen dem Track seine sphärische Tiefe. Die Unterwasser welt im Video passt hervorragend dazu. Die neue Single »Ego« gibt ei nen Einblick in die seelischen Facetten der Truppe. Düster, sperrig, aber rhythmisch druckvoll entfaltet sich der Sound. Und Aunty flüstert uns leise ins Ohr: »You’re my ego.« Spitting Ibex ist mit »E.G.O.« ein beson deres Album gelungen. Eines, das für sie als auch für die Fans kathartische Wirkung haben wird. Und die Band umso mehr zu sich selbst hat finden lassen. (VÖ: 18. November)

Live: 15. Dezember, Wien, Arena — 17. Dezember, Graz, Dom im Berg — 3. März, Salzburg, Jazzit

Made in the Alps

Die Traditionen und Geschichten der Alpen prägen die Mützen von riggler – behutsam, nachhaltig und wohlbedacht. Dieses schicke Modell namens cohen besticht mit einem Materialmix aus angenehmer Merinowolle und recyceltem Polyester. In drei smoothen Farbstellungen erhätlich. www.riggler.eu

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Termine Musik

Desertshore Festival

Das »Festival für abenteuerliche Musik und Gedanken«, benannt nach dem dritten Studioalbum von Nico, be spielt das gesamte Volkstheater mit Konzerten, Talks und Performances. Zu den Highlights zählen der düstere Pop von Zola Jesus (Bild), die mit einem Streichquartett auftreten wird, sowie das gemeinsame Projekt des italienischen Komponisten Teho Teardo und von Blixa Bargeld, der heuer bereits mit seiner Stammband, den Einstürzenden Neubauten, live für Furore sorgen konnte. 3. und 4. Dezember Wien, Volkstheater

Porridge Radio

Das erste Wien-Konzert von Porridge Radio hat dank Corona diverse Verschiebungen hinter sich. Nach dem gefeierten »Every Bad«, mit dem die Band um Dana Margolin 2020 auf der Bildfläche aufgetaucht ist, ist mit »Waterslide, Diving Board, Ladder to the Sky« inzwischen sogar ein neues Album erschienen. Der Indie-Rock darauf ist immer noch von Emotionalität geprägt. Er verarbeitet Enttäuschung und Verzweiflung, die Liebe und das Leben. Weniger Lo-Fi vielleicht, aber nicht weniger intensiv. 10. Dezember Wien, Flex

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DOPPELFINGER © Sophie Löw ���+++++++++++++++++++++++++++++++++ ���+++++++++++++++++++++++++++++++++ ���+++++++++++++++++++++++++++++++++
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Termine Musik

W. Lehmann & P. Stickney

Für die Reihe »Solo Together« lädt das Radiokulturhaus zwei Künstler*innen zu einem gemeinsamen Abend, der nach den jeweiligen Solo-Performances in einem »Together« mündet. Die ses Mal mit Musiker und Produzent Wolf Lehmann aka Wolfgang Möstl (u. a. Mile Me Deaf, Voyage Futur) sowie Theremin-Virtuosin Pamelia Stickney, die etwa schon mit Yoko Ono oder David Byrne Musik gemacht hat. 12. Dezember Wien, Radiokulturhaus

Moderat

Modeselektor (also Gernot Bronsert und Sebastian Szary) und Apparat (Sascha Ring) haben wieder gemeinsame Sache ge macht. Ihr viertes Album unter dem Namen Moderat heißt »More D4ta«. Es vereint gekonnt wie eh und je wummernde Bässe mit melancholischen Melodien und landet damit irgendwo zwischen Klangskulptur, Techno und Pop. Und live ist die Band ohnehin eine Bank. 12. Dezember Wien, Gasometer

Florence Arman

Der in Wien lebenden britischen Musikerin wird aus gutem Grund eine große Zukunft vorhergesagt – auch international. Entwaffnender Humor und emotionale Authentizität prägen ihre lupenreinen, aber keineswegs platten Popsongs. Ihre In spiration bezieht sie dafür aus jenen Situationen, die eher nicht so nach Plan verlaufen. Nach »Out of the Blue« soll bald eine zweite EP folgen. 20. Jänner Wien, Konzerthaus

Leftovers

Die Band gehöre an die Spitze der Charts, meint Kollege Dominik Oswald in seiner Rezension des Leftovers-Debütalbums – und die Regler in den Zehner-Bereich. Schließlich ist auf »Krach« der Name Programm. Die vier Musiker*innen, alle Anfang 20, setzen auf einen widerborstigen Noiserock, der ungefiltert von Liebe, Drogen und anderen (un-)lustigen Dingen handelt. 9. Februar Salzburg, Rockhouse — 11. Februar Vöcklabruck, OKH

Algiers

In ihren Texten explizit politisch, führen Algiers auf der musika lischen Ebene Gospel, Soul, Hip-Hop und Punk zusammen. Für das formidable neue Album »Shook« hat das Quartett aus Atlanta, Georgia, zahlreiche Gleichgesinnte ins Studio geholt – von Zack de la Rocha (Rage Against the Machine) über Samuel T. Herring (Future Islands) bis hin zu Jae Matthews (Boy Harsher). 21. Februar Wien, Flex — 22. Februar Linz, Posthof

highlights

Sohn

Toph Taylor, gebürtiger Londoner mit Wien-Vergangenheit – aktuell lebt er in Katalanien –, hat sich fünf Jahre für das neue Sohn-Album Zeit genom men. Auf »Trust« verwebt er Analoges und Elektronik zu meist intimen Kom positionen. 4. Dezember Wien, WUK — 5. Dezember Linz, Posthof — 6. De zember Salzburg, Rockhouse

Thirsty Eyes

Wenn der Blues wieder mal verrückt spielt, kann die Wiener Band Thirsty Eyes nicht weit sein, um ihm mit rum pelnden Schunklern und Punk-Attitüde den Teufel auszutreiben. Die Songs ihres (späten) Debütalbums »A Certain Regard« gibt’s nun endlich wieder mal live zu hören. Im Vorprogramm: Jaguar No Me. 5. Dezember Wien, Rhiz

Tape Moon

Psychedelic Pop, der Experiment und Ambient gleichermaßen umarmt und sich die eine oder andere Eigenwillig keit erlaubt – das gibt‘s bei Michael Naphegyis Soloprojekt Tape Moon zu hören – etwa auf dem 2021 erschie nenen Debütalbum »Absent«. Den Support-Act gibt Slacker-Pop-Pro Nichi Mlebom. 12. Jänner Wien, Chelsea

01.12. Wir Staatskünstler 02.12. Ferdinand fka Left Boy 03.12. 21. Österreichische TheatersportMeisterschaften 05.12. SOHN 06.12. Stick To Your Guns 09.12. Andreas Vitásek 10.12. Clara Frühstück & Oliver Welter 15.12. Jakob Busch / Bärenheld 15.12. Voodoo Jürgens 16.12. Saltatio Mortis 17.12. Marco Pogo 21.12. Ginevra Nervi / Anna Bassy 22.12. Fiva 05.01. Leonhardsberger & Schmid 14.01. Franz Schuh 16.01. Alfred Dorfer 18.01. maschek 19.01. Molden Strauss Pixner Petrova Randi 20.01. Malarina 21.01. Grissemann & Dolezal 26.01. Christoph Fritz 27.01. Thomas Bernhard Machine 28.01. Betterov 28.01. Luise Kinseher 18.02. Kruder & Dorfmeister www.posthof.at

POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstraße 43, A – 4020 Linz Info + Tickets: 0732 / 78 18 00 kassa@posthof.at | www.posthof.at Weiterer VVK: LIVA Servicecenter im Brucknerhaus, Thalia Linz, oeticket und alle oberösterreichi schen Raiffeisenbanken.

Manuel Fronhofer, Jana Wachtmann Shervin Lainez, Matilda Hill Jenkins, Beate Lehmann, Sophie Thun / Mads Westrup , Birgit Kaulfuss, Florian Moshammer, Kasper Hiroshi Langeder, Matador Records Bild: Vanja Pandurevic

Termine Festivals

3 Fragen an Carla Lehner Festivalleitung

This Human World

Du hast vor Kurzem die künstlerische Leitung von This Human World übernommen. Wie sieht deine persönliche Geschichte mit dem Festival aus?

Meine Begeisterung für Film habe ich 2018 ent deckt, während meines ersten Jahres bei This Human World. Während meiner Studienzeit habe ich mich schon immer für gesellschaftspolitische Themen und deren Einbettung in Kunst und Kultur interessiert. Be sonders fasziniert hat mich die nähere Auseinander setzung mit dem Medium Film, da es so vielfältig ist – an der Schnittstelle von Kunst, Geschichte, Politik und Wissenschaft. Film ermöglicht einen Zugang zu Geschichten, die sonst womöglich ungesehen oder unerzählt bleiben würden. This Human World ist als ständig wachsende Plattform eine weiterführende In formationsquelle und bietet die Möglichkeit, Lebens realitäten zu zeigen, die im öffentlichen Geschehen in den Hintergrund gedrängt werden.

Welchen Anspruch hast du als Festivalleiterin an This Human World?

Auch wenn wir als Festival natürlich einen cine astischen und künstlerischen Anspruch haben, ste hen die Geschichten, die Protagonist*innen und die Filmemacher*innen im Vordergrund. Film hat das rie sige Potenzial, neue Zugänge zu schaffen, daher ha ben wir uns bemüht, ein Programm zusammenzustel len, das verschiedene Möglichkeiten des Storytellings aufzeigt. Wir versuchen, das Festival als Plattform zu nutzen, um Bewusstsein zu schaffen und Raum für Austausch und Diskussion zu geben.

Wir leben aktuell in einer Zeit multipler Krisen. Inwiefern bilden sich diese im Programm ab?

Mit der Programmierung versuchen wir, die Krisen und Ungerechtigkeiten, mit denen wir täg lich konfrontiert sind, aufzuzeigen und sie in einem kritischen und breiten Kontext zu beleuchten. Ei nen iranischen Film als Eröffnungsfilm zu zeigen, ist auch eine politische Entscheidung. Die Situation im Iran erschüttert uns enorm und ich sehe es als unsere Aufgabe, auf genau solche fundamentalen Menschenrechtsverletzungen, wie sie derzeit an der iranischen Bevölkerung begangen werden, aufmerksam zu machen.

This Human World 1. bis 11. Dezember Wien, diverse Locations

Feminist Futures Festival

Angelegt als eine Reise durch verschiedene Teile Europas, findet das Feminist Futures Festival nach Berlin und Warschau nun auch in Salzburg statt. Erst- und einmalig, wie es heißt. Es handelt sich dabei um ein Projekt des europäischen Netzwerks APAP, kurz für Advancing Performing Arts Project, das von elf Kulturorganisationen, darunter die Szene Salzburg, getragen wird. Das Programm wurde nach feministischen Prinzipien erstellt und soll so gängige Hierarchien infrage stellen und Diversität fördern. Zu sehen sind künstlerische Beiträge von: Buren, Axel Brom / Claudia Heu, Harun Morrison, Milla Koistinen, Muna Mussie, Ana Dubljević / Kasia Kania / Marja Christians, Anne Lise Le Gac, Jule Flierl (Bild) sowie Sergiu Matis. 25. November bis 2. Dezember Salzburg, diverse Locations

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Termine Festivals

Der Februar des neuen Jahres hat gleich zwei Aus gaben von Veggie Planet zu bieten. Die Messe für den plant-based Lifestyle hat es sich zum Ziel ge setzt, die Vielfalt veganer Küche aufzuzeigen. Bei Kochshows können sich die Besucher*innen von Profis inspirieren lassen. Der vegane Lebensstil wird aber auch jenseits von Food abgebildet – in weiteren Schwerpunkten wie Fashion und Beauty. 4. und 5. Februar Graz, Seifenfabrik — 25. und 26. Februar Salzburg, Congress

Transition Film Festival

Zum allerletzten Mal hat das Queer Minorities Film Festival heuer stattgefunden. Nach zehn ereignisreichen Jahren heißt es also Abschied nehmen. Das Loslas sen erleichtern könnte die Transition-Online-Schiene auf der Streamingplatt form Kino VOD Club, die noch bis 4. Dezember zu sehen ist. Gezeigt werden sechs queere Filmhighlights aus dem diesjährigen Festivalprogramm. Etwa Manfred Rotts Doku »Rainbow Migrants« (Bild), die drei Menschen porträtiert, die wegen ihrer sexuellen Orientierung aus Subsahara-Afrika flüchten mussten und nun in Paris auf Asyl hoffen. bis 4. Dezember Kino VOD Club

Hong Sangsoo – Neue Werke

Im zweiten Teil der Hong-Sangsoo-Retrospektive im Filmmuseum werden die jüngeren Arbeiten des südkoreanischen Regisseurs gezeigt. Im Vergleich zu den älteren setzt er bei diesen zusehends auf Reduktion und Minimalismus, arbeitet mit weniger Einstellungen und immer kleineren Teams. Eine Entwicklung, die durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wird. So übernahm er etwa bei »Walk Up« (2022) neben Regie und Drehbuch auch Produktion, Kamera, Schnitt und Musik. Seinen unverwechselbaren Stil, seine eigene filmische Sprache hat sich Hong Sangsoo dabei erhalten. 1. Dezember bis 9. Jänner Wien, Filmmuseum

Roboexotica

Seit 1999 mixen und servieren beim »Festival für Cocktail-Robotik« maschinelle Barkeeper die Drinks. Und auch wenn dabei nicht immer alles im Glas landet: Ein kleines Rauscherl samt an geregter Diskussion rund um Technologie, Wis senschaft und deren Präsentation respektive Vermarkt ung ist dabei locker drin – schließlich haben die guten Menschen von Monochrom und Shifz hier ihre Finger im Spiel. 1. bis 4. Dezember Wien, Freiraum Q21 / Museumsquartier

Feschmarkt

Das Marktfestival präsentiert bereits seit über zehn Jahren junges Design und holt die Kreativszene aus den Ateliers und Werkstätten zu seinen Events. Jede Menge schöne Dinge aus den Bereichen Kunst, Mode, Kosmetik, Möbel, Kids, Sport, Papeterie, Vin tage, Schmuck, Delikatessen und Food werden da bei feilgeboten. Im Dezember macht der Feschmarkt – zum bereits 15. Mal – in Vorarlberg Station. 9. bis 11. Dezember Feldkirch, Pförtnerhaus

Motzart Festival

Mit pandemiebedingter Verspätung feiert die Salzburger Kabarettinstitution im Jänner ihren 40. Geburtstag. Acht Salzburg-Premieren stehen dabei auf dem Programm. Etwa Tereza Hossa und Lena Johanna Hödl mit »Therapie Hossa & Hödl«, Marco Pogo mit »Gschichtldrucker«, The-Gap-Kolumnist Josef Jöchl mit »Die kleine Schwester von Nett« oder Christoph Grissemann, Manfred Engelmayr und David Reumüller mit »Thomas Bernhard Ma chine«. 21. bis 28. Jänner Salzburg, ARGE Kultur

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Manuel Fronhofer, Jana Wachtmann Adrian Haim, Caroline Böttcher, Transition Film Festival, Filmmuseum

Boghiguian: Period of Change

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Schach wird auch das »Spiel der Könige« genannt. Solche Könige –und auch Regentinnen sind mit von der Partie: Marie Antoinette und ihre Mutter Maria Theresia. Sie und weitere historische Persönlichkeiten besetzen die weißen und schwarzen Quadrate, Kästchen des Lebens. Manchmal schweben sie auch über ihnen, guillotinengeisterhaft, aufgehängt, puppenartig. Sie erinnern an Scheidepunkte der Geschichte, Momente des Widerstands, Episoden der Loslösung von der Geschichtsschreibung von oben. Es ist keine friedliche Welt, die hier beschworen wird. Und sie bleibt oft unklar schemenhaft: Wer spielt welche Farbe? Was verbirgt sich auf der Vorderseite einer Silhouette? Alle haben sie die Vergangenheit geprägt oder geschrieben. Eine Gruppe ist dabei sich zu erheben: Demonstrant*innen. bis 22. Jänner Bregenz, Kunsthaus

Termine Kunst

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Termine Kunst

Die Psyche der Erde ist ein …

… leuchtender Pudding. In Wien machte sich Stefanie Winter mit ihrer Performance truppe Salon Hybrid einst auf die Suche nach dem Nabel der Welt – und fand ihn hinter der Seestadt begraben. Jetzt geht es von Wien aus nach Salzburg – vom Nabel zum Kopf, vom Körper zum psychischen Inneren. Ewig ist die Frage nach dem Leben und was wir daraus machen. Der Weg führt über eine Höhle. Ist sie Ende oder Ausgangspunkt? Jedenfalls dient sie als vielgeschichteter Projektions raum zwischen zerebraler Schaltstätte, platonischer Bühne und – zurück auf Start – Mutterleib. bis 16. Dezember Salzburg, Fünfzigzwanzig

Europas beste Bauten

In Zeiten eines Gebots zum Sparen von Energie, während Lebensraum durch steigende Meerespegel oder schwindende Leerflächen verloren geht, und in dem Jahr, in dem ein »Marshallplan des 21. Jahrhunderts« (Olaf Scholz) ausge rufen wird, erklärt es sich von selbst, wie wichtig es ist, dafür architektonische Lösungen zu finden. Die besten solcher Lösungen aus den vergangenen zwei Jahren, nominiert für bzw. prämiert mit dem EU Mies Award, werden hier ge meinsam präsentiert. Was form follows function alles können muss – und bieten kann. bis 23. Jänner Wien, Architekturzentrum

Franz West

Franz West genügt, es braucht nicht extra einen Titel. Wenige haben das Faulsein so für sich genutzt wie der Wiener Philosoph des Müßiggangs, der heuer 75 Jahre alt geworden wäre. Ob Sofa oder »Sitzwurst«, ohne Gemütlichkeit geht nichts. Und natürlich ohne Schmäh auch nicht – West kratzt immer an der Grenze zum Vulgären, ist häufiger jedoch einfach zum Lachen. Seine Möbel- und »Passstücke«, seine »informellen« Skulpturen und Collagen bewahren uns davor, uns selbst zu ernst zu nehmen. bis 23. Dezember Wien, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

Mit Geschichte spielen

Wie und was wir spielen, erlaubt einiges an Rückschlüssen über uns Menschen. Grund genug, die Spielzeuge der letzten Generationen genauer unter die Lupe zu nehmen. Gerade weil die oft exotischen, wenn nicht fantastischen Welten der Ritter und Indianer, Piraten und Prinzessinnen teils horrende Implikationen und Falsch vorstellungen transportieren. Spielerisch-aufklärerisch schafft die begleitende Ausstellung »Geschichte erleben« im Spielzeugmuseum einen Raum zum Eintau chen in vergangene Welten. bis 12. Februar Salzburg, Museum Neue Residenz

The Taste of Water

Wasser als Motiv. Wasser als Basis von Leben. Wasser als Streitpunkt und Gut. Wasser als Grenze, Wasser als Verbindungsglied. Wasser fließt. Wasser ver gisst nicht. Wasser ist nie zweimal dasselbe. Eine Ausstellung zu dem, was die Erde zur Erde macht. Eine Ausstellung, die selbst so sein will, wie Wasser ist. Vielfältig, veränderlich, verbindend. Wasser kann man hören. Wasser kann man anfassen. Wasser bewegt sich in Filmen und steht still auf Fotografien. Wasser schmeckt. Was-ser, Waaas-ssser, Wasser! bis 5. März Wien, Exhibit Galerie

Mixed up with Others …

… Before We Even Begin. Nach einer Ausstellung zum Thema »Kollaborationen« legt das Mumok mit dem Thema »Kontaminationen« nach: Gezeigt wird eine Ausstellung zur Mischform. Es geht dabei nicht um die Frage nach der Grenze zwischen Kunst und Natur, sondern um Grenzüberschreitungen der visuellen Kultur und ihre Normen. Die negativ behaftete Idee der Kontamination wird positiv gewendet, der Idee von Reinheit entgegengearbeitet und stattdessen die fruchtbare Begegnung gesucht. bis 10. April Wien, Mumok

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Victor Cos Ortega Anna Boghiguian »Dive into the Dark Dive Box«, 2022, Ausstellungsansicht 3. Obergeschoß, Kunsthaus Bregenz, Foto: Markus Tretter; Stephanie Winter, Myr Muratet, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman / kunst -dokumentation.com, Salzburg Museum, Angela Anderson, Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová

Termine Filme & Serien

3 Fragen an Peter Hengl

Regisseur und Drehbuchautor von »Family Dinner«

Ja, das sollte es. Ich mag Horror, es ist einfach ein tolles Genre, bei dem sich vor allem junge Film schaffende ausprobieren können. Mit kleinen Mit teln kann man viel erreichen, das ist sehr reizvoll. In der Geschichte befinden sich viele Einflüsse, wie etwa meine österreichische Herkunft und meine Kindheitsträume. Es stecken viele Jahre Entwick lungsarbeit in diesem Film, das Buch und die Fi nanzierung haben Zeit gebraucht. Vor allem Letz teres war eine Herausforderung, weil Erstlingsfilme schwer zu finanzieren sind.

Dein Film ist inhaltlich durch die verschiedenen Familienkonstellationen geprägt. Wir sehen nur vier Darsteller*innen, ähnlich wie in einem Kammerspiel, und viele der Szenen – vor allem im Haus – drängen diese nahezu in Konflikte.

Absolut. Es war mir sehr wichtig, eine Ge schichte zu erzählen, in der die vier Figuren einan der ausgeliefert sind. Mit einer gewissen Künst lichkeit und einer bestimmten Ästhetik wollte ich von einer hermetischen Welt erzählen, aus der es kein Entkommen gibt. Es wird zwar immer von Wien gesprochen, man spürt das aber im Film gar nicht. Man hat das Gefühl, dass nur das Haus existiert. Daraus ergibt sich dieses Gefühl, ausgeliefert zu sein und diese Enge zu spüren, was auch stark mit Kamera und Bildgestaltung zusammenhängt.

Weitere Themen sind Strenge und Disziplin, aber auch der Zusammenhang zwischen Genuss und Disziplin. Das zeigt alleine schon der Fokus aufs Essen und das Thema Abnehmen.

Serviam – Ich will dienen

Regie: Ruth Mader Während in Ruth Maders letztem Film »Life Guidance« die Hauptfigur an Selbstoptimierung sowie dem System an sich zweifelte, begibt sich die Regisseurin und Drehbuchautorin nun in ein katholisches Mädcheninternat. Hier gehen die Kinder betuchter Eltern zur Schule und hier möchte die Ordens schwester (Maria Dragus) mit strengen Methoden den Glauben der Kinder aufrecht erhalten. Eine Notwendigkeit, denkt sie, schließlich stehen die oberen Stockwerke des Internats bereits leer. Von ihr ermutigt, ist die zwölfjährige Martha (Sophia Gómez-Schreiber) bereit, sich für die Sünden der Welt zu opfern. Ruth Mader war selbst in einem Internat, gedreht wurde u. a. in ihrer alten Schule; die Geschichte ist aber frei erfunden. »Serviam« ist ein Thriller über Fanatismus, in dem vor allem Maria Dragus überzeugt. Start: 2. Dezember

»Family Dinner« Start: 27. Jänner

Vera

Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel Bereits 2015 haben Tizza Covi und Rainer Frimmel ihre Protagonistin Vera (Vera Gemma) kennengelernt. In ihrem neuen Film steht die italienische Schauspielerin im Mittelpunkt: Ihr Vater war der berühmte Giuli ano Gemma, ebenfalls Schauspieler. Sie selbst wuchs auf Filmsets auf. Ein glamou röses Leben, von Anfang an. Mittlerweile ist sie älter geworden und weiterhin auf der Suche nach Erfolg. In »Vera« spielt sie sich selbst, eine Frau auf der Suche – zwischen Schönheits-OPs, High Society und unglücklichen Beziehungen. Sie verletzt bei einem Autounfall einen neunjährigen Buben und freundet sich mit diesem und seinem Vater an. Covi und Frimmel präsentieren abermals ein intimes Porträt zwischen Fakt und Fiktion und zugleich eine Milieustudie. Ein Film über Italiens Filmlandschaft, Schönheit und die Suche nach sich selbst. Start: 6. Jänner

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Capra Film, Epo-Film, Vento Film / La Biennale di Vene zia, Netflix, HBO »Family Dinner« ist dein erster Langfilm. Wie bist du auf die Geschichte gekommen? Sollte es von Anfang an ein Horrorfilm werden?
Für mich ist »Family Dinner« bis zu einem ge wissen Grad ein Coming-of-Age-Film. Es geht sehr um den Umgang mit Vorbildern und Autoritäten, um junge Menschen, die sich orientieren müssen und sich fragen, wem sie Glauben schenken. Auch Kör perbilder sind Thema. Ich wollte jedoch nicht, dass der Film zu didaktisch wird. Es hat sich dann aber alles organisch ergeben: die Fragen nach Körperbil dern und dem Selbstbild in der Gesellschaft – auch im Zusammenhang mit Gesundheit und Aussehen.

Medusa

Regie: Anita Rocha da Silveira ———— Frauen müssen schön und gefügig sein, das ist zumindest die Meinung von Mariana (Mariana Oliveira) und ihren Freundinnen. Sie alle gehören einer Religionsgemeinschaft an, die eher einer Sekte gleicht: Tagsüber wird gebetet, nachts greifen sie Frauen an, die sich ihrer Ansicht nach unmoralisch verhalten. Die Brasilianerin Anita Rocha da Silveira lässt Coming-of-Age, Horror und Feminismus aufeinandertreffen. Start: 1. Dezember

Schächten

Regie: Thomas Roth ———— Der Holocaust-Überlebende Victor Dessauer versucht die NSPeiniger seiner Eltern einer gerechten Strafe zuzuführen. Als der SS-Unterscharführer Kurt Gogl freigesprochen wird, beschließt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. »Der Film sollte auch eine Geschichte der österreichischen Vergangenheit sein, die bis heute untrennbar – und aktueller denn je – mit der Gegenwart verbunden ist«, so Roth. Start: 2. Dezember

Mein Wenn und Aber

Regie: Marko Doringer ———— Die Frage, ob und wann man Nachwuchs bekommt, stellen sich Menschen Tag für Tag. Gerade seit der Corona-Pandemie ist vieles unsicher geworden, wohl auch die Familienplanung. In Marko Doringers drittem Film begleitet er Paare, die gerade in dieser Situ ation sind, und verhandelt dabei zugleich seine eigene. Der Regisseur und Produzent hat bisher einige Dokus realisiert – etwa »Voices Of(f)« und »Mein halbes Leben«. Start: 30. Dezember

Coupez! – Final Cut of the Dead

Regie: Michel Hazanavicius ———— In diesem absurd-komischen Remake des japanischen Films »One Cut of the Dead« wird ein Filmteam, das einen Low-Budget-Horrorfilm drehen möchte, von Untoten überfallen. Für Michel Hazanavicius ist es der achte Kinofilm, er ver fasste auch das Drehbuch. Vor der Kamera steht u. a. seine Frau Bérénice Bejo. Seine Tochter Simone gibt ihr Debüt als Schauspielerin. Start: 13. Jänner

Babylon – Rausch der Ekstase

Regie: Damien Chazelle ———— Viele Stars (Margot Robbie, Brad Pitt, Diego Calva), gleich mehrere Jahrzehnte Filmgeschichte sowie drei Stunden Spielzeit hat »Babylon« zu bieten. Damien Chazelle erzählt vom Übergang vom Stumm- zum Tonfilm in Hollywood. Er habe einen spektakulären Film voller Extravaganz und Hedonismus machen wollen, der die damalige Zeit reflektiere, so der Regisseur. Start: 19. Jänner

Copenhagen Cowboy

Idee: Nicolas Winding Refn Miu ist ihr ganzes Leben unterdrückt worden und streift nun durch die Unterwelt Kopenhagens. Ihr Ziel: Rache. Sie trifft auf ihre Erzfeindin Rakel – und die beiden begeben sich auf eine Odyssee durch das Natürliche und Übernatürliche. Die Vergangenheit verändert und bestimmt schließ lich ihre Zukunft – während die zwei Frauen ent decken, dass sie nicht alleine sind. Nach 15 Jah ren in Hollywood kehrt Refn nach Kopenhagen zurück. Start: 8. Dezember Netflix

The Last of Us

Idee: Craig Mazin, Neil Druckmann Ba sierend auf dem gleichnamigen Computerspiel folgt diese Serie dem Schmuggler Joel (Pedro Pascal). Seine Aufgabe: Die Teenagerin Ellie (Bella Ramsey) sicher durch die USA zu gelei ten – und das 20 Jahre nach der Zerstörung der modernen Zivilisation. Beide brauchen einander, um zu überleben. Das Spiel gewann über 200 Awards. Für den Soundtrack der Serie zeich nete – wie beim Game – Gustavo Santaolalla verantwortlich. Start: 16. Jänner Sky

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Christoph Prenner

bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber

Screen Lights Auseinandergehen ist schwer

Ein einleitendes Eingeständnis: Hier wird zu gegebenermaßen ganz gern mal ein ziemlich weiter Bogen aufgespannt, um darunter dann zumeist wohlgesonnene Worte über einen Film oder eine Serie platzieren zu können. Hier und heute soll das anders sein, soll sofort mit der Tür ins Haus gefallen werden. Hier und heute will gleich von Beginn weg nur über – Stand Anfang November – einen der größten Filme der Spielzeit 2022 geschwärmt werden. Und dafür wird nun einmal jedes verfügbare Zei chen benötigt.

Groß ist »The Banshees of Inisherin« frei lich nur, was seine Qualität anbelangt; die Welt hingegen, in der die neue Arbeit von Martin McDonagh (Drehbuch-Oscar für den Kon sens-Hit »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«) angesiedelt ist, könnte überschau barer kaum sein. Und doch ereignet sich auf der so abgelegenen wie ausgedachten Insel Inisherin vorm irischen Festland eines Tages im Jahre 1923 etwas von ungeheurer Tragwei te – jedenfalls für den Milchbauern Pádraic Súilleabháin (Colin Farrell). Ein einziger Satz ist es, der sein gesamtes beschauliches bis heriges Leben komplett auf den Kopf stellt: »I just don’t like you no more« – entsprungen dem Munde seines Herzensmenschen, des Pub- und sowieso best Buddys Colm Doher ty (Brendan Gleeson). Der stämmige, selten fidele Fiedler hat nämlich genug von seinem Kumpel mit dem eher schlichten Gemüt und der gemeinsamen Gesprächsroutine bei zwei, drei, vier Bieren. Einfach so.

Wenig scharfsinnig

Anstatt sich Pádraics wenig scharfsinniges Geschnatter – etwa über die Ausscheidungen seiner Viecher – zu geben, will sich der von ei ner Sinnkrise heimgesuchte Colm lieber seiner Kompositionskunst widmen. Womöglich kann er seiner Nachwelt ja so noch etwas von Ge

wicht und Wert hinterlassen. Man kann schließ lich nie wissen, wann die letzte Stund auf dem Erdenrund schlagen wird.

Nicht nur aus der heimischen Popkultur wissen wir gleichwohl: Auseinandergehen ist schwer. Besonders, wenn man sich nach der Aufkündigung der Beziehung immer noch tag täglich über den Weg laufen muss. Und der eine Sturschädel eben partout nicht billigen mag, was sich der andere Sturschädel in ebenjenen gesetzt hat. Selbstredend steht da die Eskala tion stets im dürftig beleuchteten Raum – und so es ist keine Frage, ob, sondern wann und vor allem wie dieser Zeitlupenzerfall der Freund schaft in einem größeren Unglück kulminieren wird. Weil auf jede Aktion des einen zwangs läufig die Reaktion des anderen folgen muss.

Aus dem Ruder laufend Wenn Colm etwa droht, sich für jede weitere von Pádraics versuchten Kontaktaufnahmen selbst einen seiner Finger abzuschneiden, sollte man besser davon ausgehen, dass er das fucking genauso meint. Und so beobachtet man mit Staunen, wie die Situation in schick salhafter wie unbedingt auch hochkomischer Weise immer mehr aus dem Ruder läuft – nicht nur für die beiden sich beefenden Buddys, son dern gleich für das halbe Dorf, von Pádraics vernunftbegabterer Schwester Siobhán (Ker ry Condon) über den bedauernswerten Poli zistensohn Dominic (Barry Keoghan) bis hin zur unheilverheißenden Dorfältesten, die einer jener mythischen Banshee-Geisterfrauen aus dem Titel am nächsten kommt. Und da haben wir noch gar kein Wort über das Los des süßen Zwergesels der Súilleabháins verloren …

Wie schon in ihrer ersten und bisher ein zigen, mit einigem Recht unvermindert kultisch verehrten Zusammenarbeit »Brügge sehen ... und sterben« versteht es die kongeniale Dreierbande McDonagh, Farrell und Gleeson, eine

zunächst aufs Allerwesentlichste reduzierte Prämisse mit fortwährendem, konzentriertem Anziehen der Stellschrauben so subtil wie scho nungslos auf die Spitze zu treiben, dass man so wie die zentralen Streithansln bald nicht mehr so recht weiß, wie es so weit kommen konnte. Warum plötzlich die eigene kleine Welt bis zum Horizont in Flammen steht.

Pointiert und pointenreich führen uns McDonagh und Co vor Augen, wie jedes wei tere, sofort auf die Waagschale gelegte Wort unvermeidbar weitere Wellen der Missgunst zeitigt – nicht von ungefähr spielt sich das Geschehen vor dem Hintergrund des sich zeitgleich drüben auf dem irischen Festland zutragenden Bürgerkriegs ab, der langjährig Befreundete über Nacht zu erbitterten Ge genübern werden ließ.

Auch abseits der passgenauen politischen Allegorie hat diese wunderliche wie wunder volle, Herzen wärmende wie brechende Tra gikomödie noch viel und vor allem viel von Belang zu sagen – über Männlichkeit und Me lancholie, Stolz und Starrsinn, das unwägbare Wesen des Menschen im Allgemeinen und den unschätzbaren Wert von Freundschaft im Speziellen. Über den Trost, der sich aus dem Zusammenhalt und die Angst, die sich aus der Ungewissheit nährt. Mehr zu sagen sogar, als einem während oder direkt nach dem Schauen bewusst ist. »The Banshees of Inisherin« ist ein Film, der es nicht bloß anregt, sondern nachge rade einfordert: das retrospektive Reflektieren, Räsonieren, Diskutieren. Am besten mit den eigenen Herzensmenschen – im Beisl, bei zwei, drei, vier Bieren.

prenner@thegap.at • @prennero

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen.

054 Luca Senoner, Searchlight Pictures / 20 th Century Studios
Beefende Buddys: Brendan Gleeson und Colin Farrell in »The Banshees of Inisherin«
10 Ausgaben um € 63,Mit dem -Weihnachts-Abo: 1 2 Ein Jahr lang entschleunigender Lesegenuss mit dem vielfach preisgekrönten Magazin für Politik und Gesellschaft. Zusätzlich erhalten Sie eines von drei Geschenken: hochwertiges SiebdruckDATUM-T-Shirt Kaffeeselektion Schwarze Magie DATUM-Buch „Wo sind wir hier eigentlich?“ Schenken Sie Entschleunigung! Jetzt bestellen: oderdatum.at/weihnachten 01/361 70 70-588

Termine Bühne

Ephigenie

Opferbereitschaft, Sanftmut, Duldsamkeit, Vermittlungsfähigkeit: Mit die sen vor Klischee triefenden Zuordnungen von Weiblichkeit sind Mädchen und Frauen auch heute noch konfrontiert. Angelika Messner überprüft mit der Uraufführung ihrer Neufassung frei von Johann Wolfgang von Goethes »Iphigenie auf Tauris« die anspruchsvolle Rollenzuweisung der Iphigenie, die frau in innere Nöte bringt. Sie verlegt die klassische Handlung ins Rotlicht milieu: Iphigenie wurde als Mädchen von ihrem Vater verkauft und landete in einem Bordell. Der Text bekommt in der Sprache des Blankverses eine sog hafte Rhythmisierung. Als musikalische Weiterführung kommen verdichtende Sprechgesangtexte hinzu, die vom Jazz-Tubisten Jon Sass live auf der Bühne begleitet werden. bis 17. Dezember Wien, Das TAG

Humane Methods #1: Dissolution

Grenzen der Livekünste durcheinanderzuwirbeln – das ist die Mission von Fronte Vacuo. Marco Don narumma, Margherita Pevere und Andrea Familari arbeiten international als Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Das kollektive Experiment »Humane Methods« umfasst dabei sechs non-language-based Performance-Produktionen und überspannt zwei ge samte Spielzeiten. Es beginnt mit einer Performance und interaktiver KI-Medieninstallation zu Intimität, Zuwendung und Abstoßung auf der Suche nach posthumaner Empathie. 24. und 25. November Wien, Volkstheater

Jede(r).Now

»Jedermann« ist zweifellos ein Stück österreichischer Kultur, zumindest hört man im Jahrestakt davon – ob man will oder nicht. Und »Apocalypse Now« vermittelt ein Gefühl, mit dem sich wohl immer mehr Menschen identifizieren können. Also: Warum die beiden nicht zu einem neuen Stück verschneiden? In dem Mashup von Hugo von Hofmannsthals »Jedermann« und Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now« geht das Bernhard Ensemble im Angesicht des Todes auf einen existenziellen Trip durch die eigene Seele. bis 10. Dezember Wien, Off Theater

Faarm Animaal

In Zeiten der Krise wird George Orwells Werk gerne (fehl-)zitiert. Nicht so hier. Für Regisseur Tomas Schweigen und das gesamte Ensemble des Schauspielhaus Wien bietet George Orwells politische Fabel »Farm der Tiere« die Grundlage für einen unheimlichen, schwarzhumorigen Meta-Ritt durch diverse Wahrnehmungs- und Bedeutungsebenen: tierische Perspektiven, menschliche Blickwinkel – und die Frage, wohin das alles führt. Der Abend bestehend aus einem zwanzigminütigen Kurzfilm und einer siebzigminütigen Theaterperformance. bis 10. Dezember Wien, Schauspielhaus

Anastasia

Nach der Oktoberrevolution wird die Familie des letzten russischen Zaren Ni kolaus II. durch einen Anschlag der Bolschewiki ermordet. Der Legende nach überlebt durch einen Zufall als einziges Familienmitglied die jüngste Tochter Anastasia. Ihre Großmutter, Großfürstin Maria Fjodorowna, verspricht demjeni gen eine hohe Belohnung, der Anastasia findet. Die Betrüger Dimitry und Vlad versuchen, sich das Geld mit einem Double der Zarentochter zu erschleichen. Die unter Amnesie leidende Straßenkehrerin Anya kommt ihnen wie gerufen, denn sie sieht Anastasia zum Verwechseln ähnlich. Der Zeichentrickfilm von 1997 wurde in ein Musical übersetzt, das Jung und Alt ansprechen soll. Am Broadway über 800 Mal gezeigt – und nun erstmals auf einer österreichischen Bühne zu sehen. bis 22. März Linz, Landestheater

Am Sand

Die junge Liedermacherin Anna Mabo soll einen Text für das Rabenhof Theater schreiben – doch das ist leichter gesagt als getan. Tausend Ideen, alles möglich, aber nix ist fix. Auf der Suche nach der »million dollar idea« lässt Mabo ihre Fantasie schweifen, erzählt von Ängsten und Sehnsüchten, von langweiligen Insta-Storys und PC-Psychotherapeut*innen, sinniert über Zukunftspessimismus und Wohlstandsverwahrlosung und besingt Matrosen, Cowboys sowie einen Boxer, der lieber Opernsänger wäre. bis 21. Jänner Wien, Rabenhof Theater

056
Sandro Nicolussi Anna Stoecher Fuchs, Reinhard Winkler
Menschen. Geschichten. Perspektiven. DiePresse.com/amSonntag Sehen Sie die Welt aus verschiedenen Blickrichtungen. 6 Monate lesen. Nur zwei Monate bezahlen

Sex and the Lugner City Unter dem Milky Way

In Sachen Liebe greife ich nach den Sternen. Oder, unlängst im Spar, nach Tofu, Soja-Schnet zel und Oreos. Zwischen den Gängen hatte ich einen besonders süßen Veganer entdeckt, der rein optisch keine Zweifel an seiner Ernährungsweise ließ. Er trug einfach die größten Tunnel-Ohrringe, die ich je gesehen habe. Wenn ich süße Veganer entdecke, passiert etwas mit mir. Augenblicklich verwandle ich mich selbst in einen Veganer. In erster Linie begreife ich mich nämlich nicht als Flexitarier, sondern als Sexytarier. Unauffällig legte ich eine Packung Buttermilch zurück ins Kühlregal und fortan ausschließlich tierleidfreie Produkte in meinen Einkaufswagen, den ich mit gespielter Abscheu an der Fleischtheke vorbeirollte.

Wenige Minuten später präsentierte ich ihm meine Beute auf dem Kassenband, doch der vegane Hottie würdigte sie keines Blickes. Noch während ich meinen ethisch einwand freien Einkauf bezahlte, fiel er in die Arme einer jungen Frau, die auf seine Hunde aufgepasst hatte. Mit ihm wäre ich also eh nicht in der BioKiste gelandet. Manche Sterne sind eben zu weit entfernt. Trotzdem stellte ich mein Flirt Game in Frage. Auf einmal schien es so un wahrscheinlich, dass ein Love Interest auf mich aufmerksam würde, nur weil ich was Ähnliches esse. Ich konnte nicht anders, als mich zu wun dern: Wie spricht man eigentlich jemanden an?

Wie spricht man jemanden an?

Eine kurze Internet-Recherche bestätigte mei ne Vermutungen: überhaupt nicht. Niemals. Un ter keinen Umständen sollte man jemanden an sprechen. Seriously, wie soll das funktionieren? Mit einer Pick-up-Line? Bist du ein Wi-Fi? Weil ich fühle eine Connection. Bist du verwandt mit Jean-Claude van Damme? Weil van Damme bist

du sexy. Fühl’ mal mein T-Shirt? Weißt du, wo raus es gemacht ist? Boyfriend Material. No pick-up lines, ever – meine Meinung. Reden ist in den allermeisten Fällen pein lich. Wenn du einem potenziellen Polarstern IRL begegnest, solltest du nicht zu viel ma chen. Vielleicht mal kurz in seine Richtung s c hauen und dann irgendwie seinen InstaHandle rausfinden. Denn die mittlerweile ein zig vertretbare Art, jemanden kennenzulernen, ist Instagram. Dort kannst du ihn auschecken und dann, wenn es passt, einen Quick React auf eine Story abfeuern.

Aber, wichtig: nicht durchdrehen und gleich sein ganzes Profil durchliken. Das kommt eher needy rüber. Nur hin und wieder etwas liken und dann irgendwann den Chat auf ein cooles Gesprächsthema lenken, wie zum Beispiel »Midnights« von Taylor Swift. Dann über der Frage bonden, welchen Track man gerade am härtesten fühlt, und so hat man dann jemanden kennengelernt. Funktioniert vielleicht nicht in 100 Prozent aller Fälle, aber das war bis vor Kurzem mein Approach. Bis mich mein Real Life vor eine Herausforderung stellte.

He’s a 10, but … he’s a 10!

Es war eine sternenklare Nacht. Ein Freund hatte mich zu einem Dinner eingeladen. Mir ge genüber saß ein absoluter Cutie, der mir noch nie begegnet war. Süßes Lächeln, angenehme Präsenz, eine glasklare Zehn. Ich war komplett überfordert. Sofort fiel ich in alte Verhaltens muster zurück und begann exakt gleich zu essen wie das Objekt meiner Begierde. Sekun dengleich stach ich meine Gabel in dasselbe Gemüsestück wie er. Nahezu synchron tunkten wir die Bissen unserer Spinatknödel in zerlas sene Margarine. Parallel hoben wir unsere Glä

ser mittelpreisigen Weißweins. Es war mir ein starkes Bedürfnis ihn anzusprechen, doch wie sollte ich das anstellen?

Als ich eine rauchen ging, kam er mit auf die Terrasse, um mir Gesellschaft zu leisten. Unter freiem Himmel gab er sich als Astrophy siker zu erkennen. Was sollte ich darauf sagen? Worüber reden? Panisch suchte ich die wenigen Informationen über das Weltall zusammen, die mir ohne Google zur Verfügung standen. An gestrengt presste ich ein paar Fragen heraus. »What’s your research about?« und »What’s dri ving innovation in the field of astrophysics?«, hörte ich mich selber sagen und starrte dabei auf meine Füße.

Doch dann passierte, was immer passiert, wenn jemand über seine Forschung spricht: In meinem Kopf begann eine Mariachi-Band zu spielen. Leise hörte ich den Cutie etwas von Sternendynamik und dunkler Materie erzählen, während sich Bläser und Rhythmusfraktion zu Höchstleistungen antrieben. Erst nach der Zi garette verstummte die Musik und er zeigte mir endlich den Großen Wagen, den Großen Bären, den Löwen, den Fliegenden Fisch, den Fuhr mann, das Füchslein und das Haar der Berenike. Wir haben uns dann noch ganz nett unterhalten. Er ernährt sich außerdem vegan.

joechl@thegap.at • @knosef4lyfe

Josef Jöchl ist Comedian. Sein aktuelles Pro gramm heißt »Die kleine Schwester von Nett«. Aktuelle Termine findest du auf www.knosef.at.

058 Ari Y. Richter

UNTERHALTUNG WANN UND WO SIE WOLLEN.

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