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Auch wenn sich die politische Situation für Cannabis in Deutschland bisher nicht groß verbessert hat, kommt man doch nicht daran vorbei, einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung festzustellen: Cannabis scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. In unserer Reihe „Cannabis im Alltag“ (in der Menschen aus allen Schichten und Lebenslagen offen über ihren Umgang mit Cannabis sprechen) haben wir uns diesmal mit einer lebenslustigen Rentnerin getroffen, die davon berichtet, wie sie mit 48 Jahren schließlich Gefallen an Marihuana fand. Mittlerweile kifft sie fast täglich, zieht selbst ein paar Pflanzen groß und hat trotzdem nicht das Gefühl, sich irgendwie verstecken zu müssen. Anschließend haben wir „auf der Piste“ mit einem Aktivsportler gesprochen, dem es gelungen ist, Familienleben, Beruf, Hanfgenuss und (s)ein von sportlichen Aktivitäten bestimmtes Leben erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Ein außergewöhnliches Beispiel für einen Menschen, der es geschafft hat, mit Cannabis seinen zuvor exzessiven Alkholkonsum unter Kontrolle zu bringen. Aber auch Freunde der Sortenvielfalt, Hobbygrower und Zuchtexperten kommen in unserer aktuellen Ausgabe auf ihre Kosten. Green Born Identity nimmt mit Atomical Haze von Paradise Seeds, Serious Seeds Biddy Early und Silver Kush von Reserva Privada diesmal gleich drei Top-Strains ausführlicher unter die Lupe und berichtet in „Growing in Balkonien“ auch davon, wie immer mehr Hanf auf Deutschlands Balkonen und Terrassen wächst und gedeiht und damit den Trend des Selbstanbaus fortsetzt. In der Kategorie „Politik und Gesellschaft“ äußert sich der US-amerikanische Politkritiker, Aktivist und Philosoph Noam Chomsky zur allgemeinen weltpolitischen Lage und etwas später gehen wir auch noch der Frage auf den Grund, ob wir bald alle von unbemannten fliegenden Drohnen unbemerkt aus der Luft ausspioniert werden. Doch das ist noch längst nicht alles, was Ihr im neuen Heft findet – lasst Euch überraschen und denkt daran: Es braucht viel mehr Leute mit Mut und gesundem Menschenverstand, die bereit sind, zu ihrem Umgang mit Cannabis in der Öffentlichkeit zu stehen und die sich für eine entsprechende Änderung der Gesetze stark machen. Dann wäre selbst eine Legalisierung gar kein allzu weit entferntes Ziel mehr – denn was die USA (zumindest in Washington und Colorado) können, dass schaffen wir doch auch! Eure thcene-Redaktion

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Medizin: Können Cannabinoide Krebs heilen? Text: Dr. Manuel Guzman

Cannabinoide, die aktiven Bestandteile von Cannabis, und ihre Abkömmlinge weisen bei KrebspatientInnen lindernde Eigenschaften auf, indem sie Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen verhindern und den Appetit steigern. Zudem hemmen diese Substanzen bei Labortieren – Mäusen und Ratten – das Wachstum von Tumorzellen. Allerdings gibt es zurzeit keine zuverlässigen Beweise, dass Cannabinoide – natürliche oder synthetische – wirksam Krebs beim Menschen heilen können, auch wenn in diesem Bereich geforscht wird. Verständliche Übersichten zu Cannabinoiden und Krebs – inklusive der Angabe wissenschaftlicher Quellen – finden sich auf der Internetseite von Cancer Research UK und auf der Internetseite des Nationalen Krebsinstituts der USA. Im Folgenden werden diese Informationen zusammengefasst und diskutiert. Was ist Krebs? Krebs ist ein in einem umfassenden Sinn verwendeter Begriff für Krankheiten, in denen sich Zellen ohne Kontrolle teilen und im Allgemeinen in andere Gewebe eindringen können. Krebs ist nicht nur eine, sondern viele Erkrankungen: Mehr als 100 verschiedene Krebsarten werden von der Weltgesundheitsorganisation hinsichtlich ihrer feingeweblichen Charakteristika beschrieben. Wahrscheinlich gibt es hunderte, wenn nicht tausende Krebsarten, wenn man sie hinsichtlich ihrer molekularen und genetischen Profile betrachtet. Was sind die häufigsten Krebsarten? Die meisten Krebsarten werden nach dem Organ oder den Zelltypen, in denen sie auftreten, benannt. Darüber hinaus werden Krebsarten im Allgemeinen in die folgenden Kategorien eingeteilt: – Karzinom: Krebs, der in der Haut oder in Geweben, die innere Organe auskleiden oder bedecken, auftritt. – Sarkom: Krebs, der in Knochen, Knorpeln, Fett, Muskulatur, Blutgefäßen oder anderen Binde- oder Stützgeweben auftritt. – Leukämie: Krebs, der in Blut bildenden Geweben wie dem Knochenmark auftritt und zur Produktion einer großen Zahl veränderter Blutzellen führt, die sich dann im Blut befinden. – Lymphom und Myelom: Krebs, der in den Zellen des Immunsystems auftritt. – Krebsarten des zentralen Nervensystems: Krebs, der in Geweben des Gehirns und des Rückenmarks auftritt.

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Hemmen Cannabinoide das Krebswachstum? Nahezu die gesamte Forschung zu Cannabinoiden und Krebszellen wurde bisher an Tiermodellen mit Krebszellen durchgeführt, die im Labor gezüchtet wurden. Viele wissenschaftliche Studien haben davon berichtet, dass verschiedene Cannabinoide (sowohl natürliche als auch synthetische) ein breites Spektrum an wachstumshemmenden Wirkungen auf Krebszellen ausüben. Dazu zählen: – Die Auslösung des Zelltodes durch einen Mechanismus, der als Apoptose bezeichnet wird. – Die Unterbrechung der Zellteilung. – Die Verhinderung der Bildung neuer Blutgefäße in Tumoren – der Vorgang der Bildung neuer Blutgefäße heißt Angiogenese. – Die Reduzierung der Möglichkeiten von Krebszellen, Tochtergeschwülste im Körper zu bilden, indem die Zellen davon abgehalten werden, sich zu bewegen oder in Nachbargewebe einzudringen. – Die Beschleunigung der zellinternen "Abfall-Ablagerungs-Maschine" – ein Prozess, der als Autophagie bezeichnet wird –, was zum Zelltod führen kann. Zusammengefasst sind Cannabinoide wirksame Substanzen, um zumindest einige Krebsarten bei Labortieren – Mäusen und Ratten – zu behandeln. Wie oben erwähnt, wurde nahezu die gesamte Forschung zur Untersuchung der Frage, ob Cannabinoide Krebs behandeln können, bisher im Labor durchgeführt. Es ist daher wichtig, sehr vorsichtig zu sein, wenn diese Ergebnisse auf PatientInnen übertragen werden sollen. Menschen sind wesentlich komplexer als eine Petrischale oder eine Maus. Anekdotische Ergebnisse zur Cannabisverwendung waren in der Geschichte hilfreich zur Vermittlung von Hinweisen auf biologische Prozesse, die vom Endocannabinoidsystem kontrolliert werden, sowie zum möglichen therapeutischen Nutzen von Cannabinoiden. Im konkreten Fall von Krebs gibt es Videos und Berichte im Internet, die argumentieren, dass Cannabis Krebs heilen kann. Diese anekdotischen Hinweise sind – zumindest bisher – extrem schwach und unklar. Hier einige Beispiele, die zur fehlenden Klarheit beitragen: – Wir wissen nicht, ob der (angenommene) Effekt von Cannabis auf einem Placebo-Effekt beruht. – Wir wissen nicht, ob der Tumor aus natürlichen/endogenen Gründen nicht mehr weiter wächst – einige Tumoren verschwinden spontan aufgrund der Abwehrkräfte des Körpers. – Wir wissen nicht, wie viele PatientInnen Cannabis verwendet und keinen therapeutischen Nutzen erzielt haben. Wir kennen daher nicht die (angenommene) Wirksamkeit einer Therapie auf Cannabisbasis. – Da die meisten PatientInnen vermutlich vor oder gleichzeitig mit der Cannabisverwendung eine Standardtherapie erhalten haben, wissen wir nicht, ob die (angenommene) Wirkung von Cannabis in der Tat – zumindest zum Teil – auf der Standardtherapie beruhte, möglicherweise durch Cannabis verstärkt wurde. Dafür haben wir zumindest keinen Beweis. – Wir kennen nicht die einzelnen Parameter des Tumorwachstums, die überwacht wurden, und wie lange der/die PatientIn überwacht wurde. Viele der möglichen nützlichen Wirkungen von Mitteln gegen Krebs (oder in diesem Fall von Cannabis) sind nur kurzzeitige Wirkungen. Was ist aber mit dem langzeitigen Überleben mit bzw. ohne Tumorwachstum? – Krebs ist eine sehr heterogene Krankheit mit unterschiedlichen Ausprägungen, und bisher hat niemand eine ausreichend große Zahl von PatientInnen mit einer bestimmten Krebserkrankung zusammengebracht, um die Auffassung unterstützen zu können, dass Cannabinoide bei dieser spezifischen Krebserkrankung wirksam sind.


Zusammengefasst ist es zwar möglich, dass Cannabiszubereitungen eine gewisse krebshemmende Aktivität bei einigen KrebspatientInnen aufweisen. Die anekdotischen Hinweise, die bisher vorliegen, sind jedoch sehr schwach und leider weit davon entfernt, die Annahme zu unterstützen, dass Cannabinoide wirksame Krebsmedikamente darstellen. Bisher wurden lediglich Ergebnisse einer klinischen Phase-I-Studie veröffentlicht, die untersucht hat, ob Cannabinoide Krebserkrankungen bei PatientInnen behandeln kann. Neun PatientInnen mit fortgeschrittenem Glioblastoma multiforme – ein aggressiver Hirntumor –, der zuvor auf eine Standardtherapie nicht angesprochen hatte, wurde hoch gereinigtes THC über einen Katheter direkt ins Gehirn verabreicht. Unter diesen Bedingungen war die Cannabinoid-Gabe sicher und konnte ohne relevante unerwünschte Nebenwirkungen erzielt werden. Auch wenn aus den Daten dieser kleinen PatientInnengruppe, die ohne Kontrollgruppe evaluiert wurde, keine statistisch signifikanten Schlussfolgerungen gezogen werden können, so kann doch gesagt werden, dass die Ergebnisse nahelegen, dass einige PatientInnen auf die THC-Therapie mit einer verringerten Wachstumsrate des Tumors ansprachen – zumindest zum Teil. Dies konnte mit bildgebenden Verfahren und der Analyse von Biomarkern nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse sind ermutigend und verstärken das Interesse an der möglichen Nutzung von Cannabinoiden in der Krebstherapie. Allerdings unterstreichen sie auch die Notwendigkeit für weitere Forschungen, die auf eine Optimierung der Cannabinoidverwendung hinsichtlich der Auswahl von PatientInnen, der Kombination mit anderen Krebsmedikamenten und der Nutzung anderer Wege der Einnahme abzielen. Insgesamt gibt es viele unbeantwortete Fragen im Zusammenhang mit dem Potenzial, Cannabinoide als Antikrebsmittel zu verwenden, und es ist notwendig und wünschenswert, dass umfangreiche klinische Studien durchgeführt werden, um bestimmen zu können, wie Cannabinoide jenseits ihrer lindernden Wirkungen bei der Behandlung von KrebspatientInnen eingesetzt werden können.

Tschechien legalisiert Cannabis als Medizin Text: Janika Takats 2011 wurde in Tschechien eine „Petition für medizinisches Cannabis“ gestartet, die in der Bevölkerung breite Unterstützung fand. Am 30.01.2013 wurde ein entsprechender Gesetzesentwurf, der die medizinische Versorgung von PatientInnen mit Cannabis zulässt, vom tschechischen Senat verabschiedet. Nun muss er nur noch vom Präsidenten unterschrieben werden, was allerdings eine reine Formsache ist. Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes ist vorerst nur der Import von Cannabis aus den Niederlanden und Israel gestattet. Erst im Jahr 2014 soll der Anbau in Tschechien erlaubt sein. Petr Kozák, Chefredakteur von Konoptikum, der tschechischen Schwesterzeitschrift des Hanf Journals, bezeichnete das Gesetz als „Schritt in die richtige Richtung“, mit dem allerdings noch „eine Menge ungelöster Probleme“ verbunden seien. So lege das Gesetz den Preis des medizinischen Cannabis nicht fest. Hinzu kommt, dass die Krankenkassen bisher eine Übernahme der Kosten ablehnen, da CannabisPräparate nicht zur Heilung beitragen würden, sondern lediglich Symptome lindern könnten. Auch soll der Anbau ab 2014 nicht den PatientInnen selbst gestattet werden. Die Anbaulizenzen sollen nur an einige wenige BewerberInnen vergeben werden. Cannabis-Präparate könnten zu Luxusmedikamenten werden, so die Befürchtung der sozialdemokratischen Senatorin Alena Gajdůšková. Patienten, denen nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, könnten daher weiterhin gezwungen sein, ihr Marihuana illegal anzubauen. Damit hätte das Gesetz seine Absicht, Cannabis-PatientInnen zu entkriminalisieren, verfehlt. Das neue Gesetz ist also ein wichtiger Meilenstein für Tschechien, bei dem jedoch noch viel Klärungsbedarf besteht.

Über den Autor Dr. Manuel Guzman ist Professor an der Abteilung für Biochemie und Molekulare Biologie an der Complutense-Universität Madrid. Er koordiniert die Gruppe zum Thema Cannabinoid-Signalgebung.

Der Fall Tschechien zeigt einmal mehr, dass es in praktisch allen Ländern, in denen medizinisches Cannabis auf dem Vormarsch ist, einfach um Hanfblüten geht – nur in Deutschland nicht. Hier wird mit allen Mitteln versucht, den Anbau zu verhindern und stattdessen Arzneimittel wie Sativex auf den Markt zu bringen.

(Quelle: Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, http://www.cannabis-med.org)

Im Januar 2010 wurde Cannabis in Tschechien entkriminalisiert. Die Bilanz ist durchaus positiv. (Quelle. http://hanfverband.de/)

Niederlande: Verwirrung nach Jahreswechsel Text: Stefan Müller Dachte man vor einigen Jahren an die Drogenpolitik der Niederlande, dann fiel einem vor allem das Wort "liberal" ein. Heute dürfte es wohl

Ende Dezember 2012 veröffentlichte das niederländische Nachrichtenmagazin nos.nl eine Karte, die die "freien" Gemeinden zeigen sollte. Leider wurden aber nicht alle aufgeführten Gemeinden bestätigt. Dann gab es eine Karte vom Amsterdam Herald, die aber auch nicht in jedem Fall zutrifft. Die größte Verwirrung dürfte wohl die kleine Gemeinde Venray (nahe Venlo) gestiftet haben. Hier ließ ein Coffeeshop gar keine AusländerInnen eintreten, der andere manche – manche aber auch nicht. Leser von www.keinwietpas.de konnten beides bestätigen. Telefonate mit vielen Coffeeshops zeichneten letztendlich ein ganz anderes Bild als die niederländischen Medien glauben ließen.

eher "Chaos" sein. 2012 hat sich bei unseren Nachbarn Einiges geändert: Der "Wietpas" wurde eingeführt, wieder abgeschafft und durch das so genannte "I-Kriterium" (Ingezetenen = Einwohner) ersetzt. Zunächst galt das für die "alten" Wietpas-Gemeinden, jedoch nicht für alle – einige Gemeinden haben den "Wietpas" mit registrierten Kunden vorerst beibehalten. Zum Jahreswechsel 2012/13 sollten dann alle Shops im Königreich für ausländische Gäste tabu sein. Doch einige Gemeinden kündigten bereits im Vorfeld an, dass es dort keine Diskriminierungen geben werde – mit dabei natürlich Amsterdam, Rotterdam und Haarlem, aber auch Grenzstädte wie Enschede oder Arnhem.

Jetzt, wo das Jahr 2013 noch jung ist, weiß niemand Genaueres. Die Macher von keinwietpas.de bitten daher um die Zustellung von bestätigten Shops und listen die Ergebnisse auf ihrer Website (aufgrund der ungeklärten Situation ist aber alles noch eine Baustelle). Die Verwirrung ist also gigantisch. Es bleibt zu hoffen, dass im Laufe der kommenden Monate Klarheit geschaffen werden kann. Darüber hinaus werden in den kommenden Wochen auch noch die Urteilsverkündigungen zweier Gerichtsverfahren erwartet, die alles wieder verändern könnten... Mehr Infos unter: www.keinwietpas.de (Quelle. http://hanfverband.de/)

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Studie: "Drogenpolitik in Portugal – Die Vorteile einer Entkriminalisierung des Drogenkonsums" Text: Maximilian Plenert Vor mehr als zehn Jahren setzte Portugal in der Drogenpolitik nicht länger auf eine strafrechtliche Verfolgung von DrogenkonsumentInnen. Leider ist dieser Paradigmenwechsel und seine positiven Effekte – wie beispielsweise eine rapide fallende HIVNeuinfektionsrate – in Deutschland quasi unbekannt. Die beiden Artikel "Das normalisierte Drogenparadies am Ende Europas" (http://www.heise.de/tp/artikel/34/34857/1.html) und "Portugals Entkriminalisierung von Drogen zeigt Erfolg" (http://www.news.ch/Portugals+Entkriminalisierung+von+Drogen+zeigt+Erfolg/501361/detail.htm) sind bis heute die einzigen uns bekannten deutschsprachigen Zeitungsartikel zu diesem Thema. DIE LINKE im Bundestag hat im letzten Jahr die Studie „Drug Policy in Portugal – The Benefits of Decriminalizing Drug Use“ der Open Society Foundation übersetzen lassen. Diese analysiert die Veränderungen der letzten Jahre in Portugal und kommt dabei zu interessanten Ergebnissen. Die deutsche und englische Version der Studie gibt es auf der Website der DIE LINKE-Bundestagsfraktion.

Jahresrückblick aus den USA: NORML’s Top 10 Events that Shaped Marijuana Policy Text: Maximilian Plenert Paul Armentano, stellvertretender Geschäftsführer von NORML (National Organization for the Reform of Marijuana Laws) hat einen drogenpolitischen Jahresrückblick aus US-amerikanischer Sicht erstellt. In seiner Liste der zehn wichtigsten Ereignisse im Jahr 2012 steht natürlich die Legalisierung von Cannabis in Colorado und Washington an erster Stelle. In Connecticut und Massachusetts wurde der Einsatz von Cannabis als Medizin legalisiert, damit sind es inzwischen 18 von 50 USStaaten. Am 1. April 2013 tritt zudem ein Gesetz in Rhode Island in Kraft, das den Besitz von Cannabis (bis zu einer Unze) zur Ordnungswidrigkeit herabstuft. Rhode Island ist bereits der 15. US-Staat mit einer solchen Regelung. Armentano weist auf Umfragen hin, nach denen eine Mehrheit der BürgerInnen eine Legalisierung von Cannabis befürwortet; mehr als zwei Drittel sind zudem für Cannabis als Medizin und gegen die Einmischung der Bundesregierung beim Thema Cannabis auf Bundesstaatenebene. Ferner erwähnt er Studien, die zeigen, dass KonsumentInnen von Cannabis ihre Lungen nicht schädigen, seltener an Typ 2 Diabetes erkranken und dass Cannabis PatientInnen mit therapieresistenter Multipler Sklerose hilft. Den gesamten Jahresrückblick mit weiterführenden Links findet ihr hier:

Mehr Infos unter: http://www.linksfraktion.de/im-wortlaut/drogenpolitik-portugal-abkehr-repression/

http://stopthedrugwar.org/chronicle/2012/dec/19/top_drug_policy_stories_2012

(Quelle. http://hanfverband.de/)

(Quelle. http://hanfverband.de/)

Legal Highs – Kräutermischungen können Arzneimittel sein Text: Georg Wurth

überwiegend als Joint konsumiert. Das Landgericht Nürnberg-Fürth verurteilte den Einzelhändler wegen unerlaubten Inverkehrbringens bedenklicher Arzneimittel zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Hinsichtlich der Einstufung als Arzneimittel blieb die gegen das Urteil eingelegte Revision vor dem Oberlandesgericht Nürnberg für den Headshop-Betreiber erfolglos: Die RichterInnen orientierten sich für ihre Entscheidung an einem Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahre 2009, wonach das Arzneimittelgesetz auf Stoffe anwendbar ist, deren Zweckbestimmung sich auf Beeinflussung der Beschaffenheit, des Zustandes oder der Funktionen des Körpers oder seelischer Zustände bei Einnahme oder Anwendung am Körper richtet. Entscheidend für die Einordnung soll dabei die Zweckbestimmung unter Beachtung der objektiven Verkehrsanschauung sein.

Nürnberg/Berlin. So genannte Kräutermischungen – auch „Legal Highs“ genannt –, die mit Zusätzen synthetisch hergestellter Cannabinoide versehen sind, können in den Anwendungsbereich des Arzneimittelgesetzes (AMG) fallen. Das hat das Oberlandesgericht Nürnberg in einem Urteil festgestellt. Jedenfalls dann, wenn sie von einer Vielzahl von KonsumentInnen erworben werden, um eine halluzinogene Wirkung zu erzielen. Im konkreten Fall verkaufte der Angeklagte in seinem Headshop neben Textilien, Raucherzubehör, Süß- und Tabakwaren auch in größerem Umfang so genannte „Kräutermischungen“, die mit synthetisch hergestellten Cannabinoiden – hier mit den Wirkstoffen JWH-210 bzw. JWH-081 – versehen waren. Diese auch Legal Highs genannten Kräutermischungen werden wegen ihrer berauschenden Wirkung

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Wenn die Zweckbestimmung bei neuartigen Substanzen aber (noch) nicht beurteilt werden kann, darf aus Sicht des Bundesgerichtshofs auf subjektive Kriterien zurückgegriffen werden. So hielten es auch die RichterInnen des Oberlandesgerichts, die die Kräutermischungen als Arzneimittel im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 2a AMG ansahen. Sie seien „zum menschlichen Konsum bestimmt und werden von den Käufern regelmäßig als Joint konsumiert, die eine ähnliche Wirkung erwarten, wie sie THC hervorruft, allenfalls in abweichendem (höherem) Maße“, heißt es im Urteil. Weil sie außerdem zu Orientierungslosigkeit, Panikattacken, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit führen können, stuften die RichterInnen sie auch als bedenkliche Arzneimittel im Sinne von § 5 AMG ein. (Quelle. http://hanfverband.de/)


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Hattest du schon etwas über Cannabis gehört, bevor du selbst anfingst, das Kraut zu rauchen? Ein wenig. Ich komme ja aus dem Osten Deutschlands und da war Cannabis auch schon lange vor der Wende etwas, worüber – meist im Zusammenhang mit Woodstock oder der 68er-Bewegung – durchaus mal gesprochen wurde. Insofern wusste ich zumindest schon, dass es diese Pflanze gibt, allerdings konnte ich damals noch keine eigenen Erfahrungen sammeln. Aber wie gesagt: Wir haben trotzdem eine ganze Menge mitgekriegt, da Radio- und Fernseh-Wellen ja nicht vor der Mauer Halt machten. Und so wusste ich dann auch schon damals, dass Cannabis nicht nur berauschen kann, sondern auch eine vielfältige Nutzpflanze ist. Wie ich dann bei eigenen Recherchen feststellte, fand man die Pflanze auch in DDR-Publikationen oder Lexika. Besonders interessant fand ich den mir damals ja noch völlig unbekannten berauschenden Effekt, den weibliche Hanfblüten verursachen – obwohl ich in Drogenfragen eigentlich ein eher vorsichtiger Mensch bin. Wie wahrscheinlich die Meisten, die in der DDR aufgewachsen sind.

ich Vitaminpräparate oder andere frei verkäufliche Pillen und versuchte herauszufinden, ob diese eine nachweisliche Wirkung auf mich haben. Später experimentierte ich dann auch recht intensiv mit Schlafund Beruhigungsmitteln – von Baldrian bis Faustan. Man konnte sich das ja alles verhältnismäßig leicht verschreiben lassen und so hatte ich immer ein gut gefülltes Arzneischränkchen. Als ich mal nach Hause kam und feststellen musste, dass die Badewanne übergelaufen war und eine Riesensauerei verursacht hatte, holte ich mir direkt ein paar Faustan-Tabletten und spülte sie mit einem ordentlichen Schluck Wodka herunter. Kurz darauf war ich ruhig und machte mich ans Aufwischen. Insofern habe ich Psychopharmaka eigentlich nie zu Rauschzwecken konsumiert, sondern immer nur als Medizin. Welche anderen Drogen hast du selbst ausprobiert? Und welche davon konsumierst du noch heute?

Ja, obwohl wir ja schon 1988 nach Westberlin zogen, nachdem unser Ausreiseantrag bewilligt worden war. Aber da begann ich ja nicht sofort damit, die hier verbreiteten illegalen Drogen zu erforschen – in dem Wohnheim hat man da ja eh noch nicht so viel mitgekriegt. 1989 habe ich dann angefangen, als Krankenschwester in einem Westberliner Krankenhaus zu arbeiten und fand dort in einer Kollegin eine gute Freundin, die mich dann auch mal mit in die damalige Bhagwan-Diskothek am Kurfürstendamm nahm. Dort wurde auch viel gekifft und meine Freundin fragte mich ständig: „Da ist es wieder – riechst du das nicht?“ Aber irgendwie tat sich meine Nase damals noch schwer – ich roch einfach nichts oder konnte den Geruch damals einfach noch nicht richtig einordnen. Dabei wurde damals ja fast ausschließlich Haschisch geraucht, was ja deutlicher und intensiver als Gras riecht.

Alkohol, Nikotin und Koffein gab es ja auch schon in der DDR, und diese drei legalen Drogen konsumiere ich nun schon die längste Zeit. Alkohol weniger regelmäßig, aber Zigaretten und Kaffee genehmige ich mir nach wie vor täglich. So wie auch Cannabis. Andere illegale Drogen wie LSD, Kokain oder Pilze habe ich selbst nie angefasst. Davor habe ich nach wie vor einen Heidenrespekt – ja regelrecht Schiss. Ich kann mich noch an Diskussionen mit ein paar Freunden erinnern, die selbst auch Pilze und Ähnliches nahmen, aber trotz vieler abgefahrener Erfahrungsberichte saß ich immer nur da und dachte mir – nein, das willst du ganz bestimmt nicht nehmen. Irgendwie hatten sich Angst und Respekt dadurch noch vergrößert. Selbst bei Cannabis habe ich ja sehr lange mit mir gerungen, bis ich es dann doch ausprobiert habe. Und klar, vielleicht würden mir Pilze oder andere Drogen ja auch gut gefallen, wenn ich sie denn mal nehmen würde – aber vielleicht ahne ich das ja irgendwie innerlich und sage mir daher: Dann probierst du es lieber gar nicht erst. Und bei manchen Drogen wie Kokain ist das ja auch eine Geldfrage – da bleibe ich dann doch lieber gleich bei Kaffee, Kippen und Cannabis und führe mich nicht in Versuchung.

Wann und wie kam es dann zu deiner ersten eigenen Cannabiskonsumerfahrung?

Konntest du mit deiner Familie eigentlich immer ganz offen über deinen Cannabiskonsum sprechen?

Als wir 1988 nach Westberlin kamen, war ich 38 – es hat also immerhin zehn Jahre gedauert, bis ich mich dann selbst mal getraut habe. Aber besser mit 48 als nie. Als verantwortungsbewusste Mutter wollte ich zunächst mit Drogen aller Art lieber nichts zu tun haben. Mit der Zeit kriegte ich aber mit, dass Cannabis keine besonders gefährliche Droge ist, da auch meine Kinder gelegentlich kifften, ohne danach zu paranoiden Drogenzombies zu mutieren. Zu der Zeit habe ich mich natürlich auch mit der einschlägigen Fachliteratur zum Thema beschäftigt – aber auch Romane wie „Grün ist die Hoffnung“ von T.C. Boyle habe ich bald regelrecht verschlungen und liebe sie noch heute. Als mein Mann dann auch mal Cannabis ausprobieren wollte, ließ ich mich schließlich auch selbst auf diesen ganz besonderen Selbstversuch ein.

Ja, das Gespräch wurde allerdings von meinem Sohn eröffnet, der ja schon vor mir mit dem Kiffen angefangen hatte und über seine eigenen Erfahrungen mit Cannabis sprach – da war er 18 Jahre alt und fand das Ganze gar nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Und als dann auch mein Mann und ich gelegentlich kifften, hat er uns manchmal sogar etwas besorgt. Wir hätten sonst auch gar nicht gewusst, wo man so etwas herkriegt – legal gibt’s das ja nur in Holland und das liegt nicht gerade um die Ecke. Deshalb begannen wir schon früh damit, Samen in die Erde zu drücken und es selbst wachsen zu lassen. Allerdings wussten wir dann immer erst nach einem guten halben Jahr, ob die Ernte zu gebrauchen war. Meist wusste das dann auch gleich die ganze Familie. Selbst meine Mutter war eingeweiht, nachdem sie bemerkt hatte, wie in einem Schrank in unserem Gästezimmer das Licht immer selbstständig an- oder ausging. Damals fragte sie mich, was das sei – und fügte aber auch gleich hinzu, dass sie in unserem Gästezimmer immer so prima schlafen könne. Eigentlich hat sie auch nichts mit Drogen am Hut, aber nachdem sie wusste, was da in der kleinen Kiste, die immer bei uns auf dem Tisch stand, drin war, erklärte sie immer gerne schelmisch: „Ich weiß, was da drin ist – da ist Joint drin...“ Daraufhin entgegnete ich dann immer: „Ja, Omi – da hast du völlig recht!“ Allerdings habe ich ihr damals nicht auf die Nase gebunden, dass auch ihre Enkel kiffen – sonst hätte sie sich womöglich gleich wieder unnötige Sorgen gemacht. Aber ich glaube, inzwischen hat sie das selbst irgendwie mitgekriegt, da meine Kinder bei Besuchen so ganz ohne Unrechtsbewusstsein auch mal einen rauchen. Mach’ ich ja auch, wenn ich bei ihr zu Besuch bin.

Dann ist dir Cannabis auch erst nach dem Mauerfall persönlich begegnet?

Und wie war das dann für dich? Da ich anfangs noch unheimlich aufgeregt war, habe ich mich nur ganz langsam an meine psychoaktive Schwelle herangetastet – und als ich dann schließlich etwas merkte, fand ich es einfach nur schön. Ich weiß noch, wie wir zwei hier saßen und uns interessiert beäugten, um zu sehen, ob und wenn, bei wem es nun wie stark anfängt zu wirken. Jedenfalls erlebte ich dabei zum ersten Mal dieses schöne Körpergefühl, das so ganz anders war als ich es mir vorgestellt hatte. Allerdings habe ich auch einige Leute aus unserem Bekanntenkreis erlebt, die das dann auch mal ausprobierten und gar nicht darauf klarkamen – bis hin zum völligen Absturz. Das hatte ich nie – vielleicht, weil ich immer recht vorsichtig war. Auf mich hatte Cannabis von Anfang an eine durchweg positive Wirkung: Es verstand, mich fast schlagartig zu beruhigen und half mir, aufs Angenehmste zu entspannen. Besser als alle pharmakologischen Beruhigungsmittel, die ich kannte. Hattest du davon viele ausprobiert? In der DDR war ich schon in jungen Jahren immer sehr an medizinischen Selbsttests interessiert – meine Ausbildung zur Krankenschwester kam dieser Neigung auch häufig entgegen. Anfangs nahm

Wo siehst du trotz deiner guten Erfahrungen auch Gefahren im Umgang mit Cannabis? Ich würde es beispielsweise nie Kindern oder Jugendlichen empfehlen – am besten sollte man seine erste Cannabiserfahrung erst mit 21 oder älter machen. Ich glaube, bei Jugendlichen wirkt Cannabis auch ganz anders als bei mir und meiner Meinung nach kann übermäßiger Cannabiskonsum Jugendlichen, die noch in der Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung sind, psychisch durchaus schaden. Wobei ich

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ganz bewusst „kann“ sage – denn es muss nicht zwangsläufig dazu kommen. Ansonsten schadet Cannabis eigentlich keinem, wenn man es denn mit Bedacht und auf vernünftige Weise konsumiert. Natürlich ist die Konsumform Rauchen ganz grundsätzlich schädlich für die Lunge – Cannabis zu essen oder mit einem Vaporizer zu inhalieren ist meiner Meinung nach jedoch gesundheitlich weitgehend unbedenklich. Wie hat sich dein Konsumverhalten dann im Laufe der Zeit entwickelt? Ende der 90er Jahre sind ja viele nach Holland gefahren, um sich dort in den Coffee-Shops einzudecken, und mit der Zeit kannte man dann auch in Berlin ein paar Leute, wo man sich immer mal ein wenig Rauchkraut besorgen konnte. So wurde auch mein Konsum regelmäßiger und ich stellte fest, dass mir Cannabis ganz effektiv dabei half, nach einem anstrengenden Tag im Krankenhaus schlagartig entspannen zu können. Mit dem Renteneintritt hat sich auf jeden Fall etwas geändert, da ich nun nicht mehr wie gerädert nach Hause komme – plötzlich wirkte Cannabis ganz anders auf mich. Während es mich früher schnell ruhig und entspannt werden ließ, regt es mich heute eher an – aber nicht im Sinne von aufgekratzt sein. Eher im Sinne von innerer Stärke und Unternehmungslust. Vielleicht hat das ja auch etwas mit meinem veränderten Hormonhaushalt nach den Wechseljahren zu tun. Wieviel rauchst du gegenwärtig im Durchschnitt? Normalerweise rauche ich abends schon so meine fünf bis sechs Zigaretten, in die ich auch immer ein kleines bisschen Cannabis reinmische. Das Gras wird trotzdem immer schnell alle, aber ich glaube, das liegt eher daran, dass mein Mann seine Joints immer mit mehr Gras als Tabak baut. Mir reicht die Wirkung aber auch so, verteilt auf kleine Portionen, völlig aus und so baut inzwischen jeder für sich seine Rauchgeräte – nicht mehr so wie früher, wo die Tüten noch kreisten. So etwas kommt heutzutage eigentlich nur noch vor, wenn wir gerade mal Besuch haben, der auch gerne kifft.

Hattest du auch schon mal Ärger mit der Polizei wegen Cannabis? Zum Glück gar nicht – aber ich habe immer noch große Angst davor. Besonders, wenn ich von meinem Dealer mit dem Gras im Auto nach Hause fahre, fühle ich mich wie in einem Krimi. Aber dann sage ich mir immer: Wer soll dich denn anhalten? Und selbst wenn – dann wird man mich ja sicherlich nicht gleich des Kiffens verdächtigen. Aber das eine ist Kopf-, das andere Bauch-Sache. Besonders kribbelig zeigte sich mein Bauch immer zu Beginn einer Urlaubsreise – da ich im Urlaub nicht auf das liebgewonnene Entspannungs-Plus verzichten wollte, nahm ich auch immer ein paar Gramm Haschisch oder Gras mit, welche ich stets in erprobten Verstecken im Frachtgepäck verstaute und so in das jeweilige Urlaubsland schmuggelte. Dann scheinst du deine Angst aber soweit im Griff zu haben, dass sie dich nicht davon abhält, gewisse Risiken einzugehen – denn du ziehst ja auch jedes Jahr ein-zwei Hanfpflanzen hoch. Für die Selbstversorgung reichen die ja eh nicht, in gewisser Weise sind sie ja eher ein zusätzlicher Risikofaktor... Kann schon sein, aber ich finde diese Pflanze einfach wunderschön – ich bin ja eh eine große Pflanzenliebhaberin und mir wird nachgesagt, dass ich einen grünen Daumen habe. Nicht nur hier in der Wohnung, auch auf unserem Dachgarten gehören fast alle Pflanzen mir. Natürlich habe ich mir wegen der Cannabispflanzen auch schon mal Sorgen gemacht – vor allem, wenn ich sie im Sommer mit auf dem Dach stehen habe. Aber dann sage ich mir immer: Was soll schon passieren – aus den zwei Pflänzchen, die da inmitten meines kleinen Dschungels wachsen, wird dir schon keiner einen Strick drehen. Irgendwann habe ich dann auch mal über Google-Maps das Sattelitenfoto von unserem Haus angeschaut und so nah wie möglich herangezoomt. Da war nur eine Menge Grün zu sehen – aber zum Glück keine charakteristischen Hanfblätter. Kannst du dir im Augenblick ein zukünftiges Szenario vorstellen, welches dazu führen könnte, dass du mit dem Kiffen aufhörst?

In welchen Situationen bist du lieber völlig nüchtern? Zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin – heutzutage fahre ich nur noch nüchtern selber, auch wenn das früher auch mal anders war. Wenn man jünger ist, traut man sich wahrscheinlich einfach mehr zu, aber inzwischen lehne ich wirklich alle Rauschmittel hinter dem Lenkrad ab – ich finde, diese Verantwortung hat man der Gesellschaft gegenüber. Schließlich ist man ja nicht alleine auf der Straße. Ansonsten gehe ich inzwischen auch nicht mehr gerne in die Öffentlichkeit, wenn ich gekifft habe. Ich weiß noch, wie ich mal in der Schweiz schon zur Mittagszeit einen kiffte und danach durch Bern geschlendert bin – irgendwie kam ich mir total verstrahlt vor, was dazu führte, dass ich den Tag gar nicht richtig genießen konnte. Auch beim Einkaufen bin ich inzwischen lieber nüchtern, da ich dann besser behalten kann, was im Kühlschrank fehlt oder wie meine EC-KartenNummer lautet. Insofern hat sich das bei mir ganz automatisch so ergeben, dass ich erst abends oder am späten Nachmittag die erste kleine Tüte zünde. Außer, wenn ich abends noch irgendwohin unter Menschen gehe – dann bleibe ich auch lieber nüchtern. Hast du – als du noch als Krankenschwester gearbeitet hast – auch mal während der Arbeitszeit gekifft? Nein, nie – das hätte ich mir auch gar nicht erlauben können. Aber einmal kam es zu einer Verquickung unglücklicher Umstände: Ich hatte Freitag-, Samstag- und Sonntagnacht Bereitschaft und rechnete nach meinen Erfahrungen nicht damit, tatsächlich einen Anruf zu kriegen. Also kiffte ich abends wie sonst auch, und prompt kam ein Auftrag für einen Einsatz. Ich trank dann erstmal ein großes Glas Möhrensaft und zum Glück hat mir dann auch keiner angemerkt, dass ich unter THC-Einfluss stand – ich glaube, ich selbst habe dabei am meisten gelitten. Irgendwie war leicht berauscht arbeiten gleichzeitig unangenehm und schön. Psychisch unangenehm, aber körperlich schön. Ganz seltsam. Zum Glück habe ich auf Arbeit immer ein großes Geheimnis um meinen Feierabendkonsum gemacht – dort wusste kaum jemand, dass ich selbst ganz gerne kiffe. Nur ein paar Arbeitskollegen, mit denen ich mich angefreundet hatte, wussten davon und behielten es auch immer für sich.

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Nein, sowas kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen. Außer vielleicht im Urlaub für ein paar Wochen, falls wir mal in ein Land fahren sollten, in dem die dort geltenden Drogengesetze erschreckend brutal sind. Wie zum Beispiel die Vereinigten Arabischen Emirate oder Thailand. Aber das wäre dann ja auch nur eine Rauchpause – keine dauerhafte Abstinenz. Solange ich von meinem Arzt keine unmissverständliche Anordnung kriege, aus gesundheitlichen Gründen die Raucherei aufzugeben, wüsste ich nicht, warum ich mir Cannabis nicht gönnen sollte. Denn für mich ist das ja nicht nur eine Freizeitdroge, sondern in gewisser Weise auch meine Medizin. Glücklicherweise wird in Deutschland mittlerweile auch Cannabis als Medizin immer mehr akzeptiert – wahrscheinlich könnte ich mir meine Blüten auch verschreiben lassen, einen Arzt hätte ich sogar, der mir das empfehlen würde. Aber damit wäre ich dann ja irgendwie als Kifferin aktenkundig, müsste mich durch einen Papierkrieg kämpfen und würde mir dann eh nicht die überteuerten Blüten aus der Apotheke holen, da ich eine vergleichbare Qualität auch bei meinem Dealer für den halben Preis kriege. Also lass ich es lieber gleich. Denn wie gesagt: Was kann schon passieren? Ich habe ja nie mehr als eine geringfügige Menge im Haus. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass du doch mal irgendwie mit ein paar Gramm Cannabis in der Tasche erwischt wirst und schließlich vor der Frage stündest: Kiffen oder Führerschein? Wie würdest du dich entscheiden? Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Und ich will sie mir auch gar nicht stellen. Auf so etwas wie eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung hätte ich schon mal gar keine Lust. Aber ich glaube nicht, dass ich für den Führerschein auf Cannabis verzichten würde. Denn am Nachmittag oder Abend eines jeden Tages freue ich mich schon immer, wenn ich – gemütlich auf dem Sofa lümmelnd – weiß, dass ich sie jetzt wieder ganz entspannt genießen kann: meine tägliche Portion Glück.


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Atomical Haze, nur als feminisiertes Saatgut erhältlich, erschien Ende 2010 auf dem Markt und erregte schnell das Interesse von The Doc, der zwei spezielle Cannabis-Vorlieben hat: Kush und Haze. Er saugt neue Sorten auf diesen Gebieten wie ein Schwamm auf und versucht, sie so schnell wie möglich an den Start zu bringen. Mit Paradise-Sorten hat er stets exzellente Erfahrungen gemacht und erwartete, dass sich auch Atomical Haze als Spitzensorte erweisen würde. Sie ist eine exotische 80:20 Sativa/Indica-Hybride, die aus drei genetischen Komponenten besteht: Original Haze x Indian Sativa x Afghani Indica. Luc berichtet: „Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht umwerfend und von höchster Güte, dank einer glücklichen Genkombination. Die AtomicalHaze-Pflanzen können recht hoch werden, aber nicht so hoch und auch nicht so endlos blühend wie eine klassische Haze. Sie sind gut proportioniert und bilden mittelgroße Blätter und große Buds, die sich zahlreich an den vielen Zweigen befinden. Das Ernten ist, als wenn man Früchte von einem Baum pflückt, genauso einfach. Die

Blüte einleitete. In dieser einen vegetativen Woche wurden die Sämlinge mit zwei TLC-150-Lampen beleuchtet. Mit Beginn der Blütephase pflanzte The Doc die fünf Pflanzen in 11-Liter-Töpfe um, befüllt mit Plagron Standard Mix-Erde, und stellte sie in den Blüteraum, der mit zwei GIB Lighting 600-W-HPS und einer 400-Watt-Osram Son-T Plus HPS bestückt war. In diesem Raum befanden sich bereits Pflanzen zweier Indica-Sorten, die schon einige Wochen vegetativ gewachsen waren. Nach einer Woche in der Blüte zeigten alle fünf Atomical-Haze-Pflanzen ein sehr kompaktes und einheitliches Wachstum. Eine Woche später waren sie ungefähr 10 cm hoch, bei 5-6 Internodien. The Doc berichtet: „Sehr hübsche Pflanzen mit hellgrünen Blättern. Die ersten echten Laubblätter sind sehr groß, und es gibt schon etliche Seitenverzweigungsansätze. Zwei der Pflanzen haben etwas breitere Blätter als die anderen. Es ist noch keine Vorblüte erkennbar, was mich einmal mehr in dem Glauben bestätigt, dass Cannabispflanzen in den ersten 2-3 Wochen ihres Lebens eine natürliche

Sativa/Haze-Genetik ist in dieser Kreuzung dominant. Sie verleiht den Pflanzen ein Aroma der allerhöchsten Kategorie. Beim Inhalieren ist die aromatische Note typisch süß-sauer, dem Geschmack von Kiwis ähnelnd, mit einem feinen Haze-Bouquet, das nach dem Ausatmen auf der Zunge verbleibt. Man sollte die Pflanzen von Beginn an der Blütephase aussetzen; wenn man sie aber erst vegetativ wachsen lässt, kann man weniger, aber dafür größere Pflanzen kultivieren und mit Herunterbinden höhenmäßig in den Griff kriegen. Das stark erhebende High hält Dich lange wach, es ist also allgemein eher für tagsüber geeignet. Atomical Haze lässt Dich fröhlich pfeifen und Du hörst gar nicht mehr auf damit.“

Blüteblockade haben, um die Erzielung einer gewissen Mindestgröße zu gewährleisten.“

Mit einer Blütezeit von nur neun Wochen gehört Atomical Haze zu den Schnellblühern unter den Haze-Sorten. Unter natürlichem Licht erreicht sie gegen Ende Oktober (in nördlichen Breitengraden) die Reife . Für eine Indoor-Kultur mit Atomical Haze empfiehlt Luc Folgendes: „Für eine normale Endhöhe sollte man die Pflanzen direkt nach der Keimung in die Blüte schicken, oder aber – wenn man sie zunächst eine Weile vegetativ wachsen lässt – weniger, aber dafür größere Pflanzen (in größeren Töpfen) kultivieren. Dann ist es auch sinnvoll, die Pflanzen im Verlaufe der Kultur herunterzubinden, damit sie flacher und kompakter wachsen. Der THC-Gehalt von Atomical Haze beträgt zwischen 15-18 %. Indoors sollte sie Erträge von bis zu 450 Gramm pro Quadratmeter leisten können und outdoors sogar bis zu 700 Gramm pro Pflanze, sie ist also auch eine sehr ertragsstarke Sorte.“ The Doc setzte ein 5er-Päckchen feminisierter Atomical-Haze-Samen zur Keimung an. In weniger als drei Tagen erreichten die fünf Keimlinge die Oberfläche der Jiffy Pots. Eine durchgängig dermaßen schnelle Keimung hatte The Doc bis dato nur selten erlebt. Er folgte der Empfehlung von Luc, die Blüte sehr früh einzuleiten, ließ aber zumindest eine Wachstumswoche nach der Keimung verstreichen, bevor er durch Umstellung der Lichtperiode von 18/6 auf 12/12 die

Drei Wochen nach Einleitung der Blüte jedoch zeigten sich die ersten weiblichen Vorblüten und die Pflanzen streckten sich nun natürlich deutlich und verstärkten ihr Seitenverzweigungswachstum. Zu diesem Zeitpunkt maßen die fünf Pflanzen 15-20 cm und wuchsen noch sehr einheitlich. Nach vier Blütewochen notierte The Doc: „Wow, innerhalb von einer Woche haben die Pflanzen ihre Höhe nun verdoppeln können, sie sind nun 35-50 cm hoch! Es hat sich herausgestellt, dass es wohl zwei leicht verschiedene Phänotypen geben wird: Drei der Pflanzen sind eindeutig auf der Sativa-Seite angesiedelt, während die anderen beiden auch einen gewissen Indica-Touch aufweisen. Sie wachsen etwas flacher und kompakter als der reine Sativa-Phänotyp und haben breitere Blätter.“ Als fünf Blütewochen ins Land gegangen waren, konnte The Doc an den fünf Pflanzen die ersten knubbeligen Blütenröschen entlang der Zweige sehen. Die drei Pflanzen vom Sativa-Phäno streckten sich weiterhin stark und waren nun bei einer Höhe von 90-100 cm angelangt, die anderen beiden bei 60-70 cm. Eine Woche später berichtete The Doc: „Die Blüte hat nun voll eingesetzt, die Buds sind emsig dabei, an Größe und Gewicht zuzulegen. Der Streckungseffekt scheint in naher Zukunft zum Erliegen zu kommen. Ich vermute, dass die offizielle Blütedauer von neun Wochen überschritten wird, aber wenn dies so sein wird, liegt es an der erwähnten Blüteblockade in den ersten Wochen unter 12/12. Ich habe einige der großen Laubblätter entfernt, um auch den mittleren und unteren Zweigen und Buds einen guten Zugang zum Licht zu verschaffen und ihre Blüte anzuspornen.“ Nach sieben Blütewochen hatten die fünf Pflanzen bereits zahlreiche kompakte Buds gebildet, inklusive sehr stattlicher Top-Colas, deren Länge und Harzigkeit sich absolut hitverdächtig entwickelte. An den

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Blütenkelchen und auch Blütenblättern hatte sich schon jede Menge glitzernder Harzdrüsen gebildet, die einen starken süß-fruchtigen, aber auch leicht hazigen Duft verbreiteten. Die Pflanzen maßen nun zwischen 80-125 cm und der Streckungseffekt war offenkundig zum Erliegen gekommen. Eine Woche später vermeldete The Doc: „Die Pflanzen sehen nun schon sehr attraktiv aus, aber ich glaube, dass sie wenigstens noch zwei Wochen bis zur Reife blühen werden, es sind noch nicht sonderlich viele Narben verwelkt, die Blüte hält momentan noch sehr stark an .“ Als neun Blütewochen vorüber waren, fuhr er fort: „Jetzt hat sich das Tempo der Narbenwelke deutlich erhöht, bei den meisten Pflanzen ist etwas mehr als die Hälfte der Narben bräunlich-orange verwelkt. Es ist sehr eindrucksvoll, wie fett und dicht die Atomical-Haze-Buds mittlerweile geworden sind, ich richte mich auf einen hohen Blütenertrag ein. Aber es wird noch mindestens eine Woche bis zur Ernte dauern, bei einigen Pflanzen wohl auch noch etwas länger. Man muss bei solch großen und dichten Buds übrigens besonders gut aufpassen in Sachen ausreichender Belüftung und niedriger Luftfeuchtigkeit, ansonsten droht Schimmelgefahr.“

brationen sowohl im Kopf als auch Körper, es war ein kristallklares, stark stimulierendes Sativa Up-High, das für Stunden auf hohem Level performte. Wenn ich auf einer Party gewesen wäre, hätte ich wohl leicht meinen Rekord im Dauertanzen brechen können!“, berichtete The Doc. Die Buds der Pflanzen vom Phäno mit etwas Indica-Einschlag lieferten ein ebenfalls extrem potentes, in der Wirkungsweise aber komplexeres High, mit ähnlich stark pulsierendem, anregendem Sativa Body-Flash, gleichzeitig aber auch einem gepflegten, wattig dämpfenden Indica-Stone im Kopf, was er anfangs als etwas irritierend empfand. The Doc fühlte sich ganz schön „verstrahlt“, ein Gefühl, das zum radioaktiven Sortennamen Atomical Haze natürlich sehr gut passte... aber bald, als er sich daran gewöhnt hatte, auf viel Gegenliebe beim Doc stieß. Er begrüßte es, dass ihm Atomical Haze zwei solch hochwertige Phänotypen geliefert hatte und genoss deren variierendes High. Der Geschmack war bei allen fünf Pflanzen indessen mehr oder weniger gleich, vordergründig sehr süß und fruchtig, aber auch mit leicht säuerlichem Unterton und einer im Mund verbleibenden feinen Haze-Note nach dem Ausatmen des Rauches.

Die beiden Pflanzen des Phänos mit leichten Indica-Ansätzen – deutlich kürzer gewachsen und mit einem etwas geringeren Blüten/BlätterVerhältnis (das aber immer noch hoch und attraktiv war) – konnte The Doc nach zehn Blütewochen ernten. Die anderen drei folgten fünf

Das Schlussfazit des Docs zu Atomical Haze fiel dann auch sehr euphorisch aus: „Sie ist eine weitere faszinierende Haze-Sorte mit bestechenden Eigenschaften aus dem Hause Paradise Seeds“, bilanzierte er.

Tage später, also nach 75 Blütetagen. Alle fünf Pflanzen waren am Ende wie erwartet äußerst harzig geworden („wie eigentlich alle Sorten von Paradise Seeds, die ich in den letzten zehn Jahren angebaut habe“, merkte The Doc an) und hatten ein hochintensives, extrem süßes und fruchtiges Aroma produziert, dem jene gewisse leichte Haze-Note bis zum Schluss der Kultur erhalten geblieben war. Auch hatten die Atomical-Haze-Pflanzen keine einzige männliche Blüte hervorgebracht, den Femi-Test also tadellos bestanden. Nachdem er all jene voluminösen, dicht-harten und harztriefenden Buds geerntet hatte, unterzog The Doc sie seiner üblichen gut dreiwöchigen Trocknungsprozedur inkl. leichter Fermentation zur Aromavollendung. Dann stand wieder eines der beliebtesten Rituale beim Growing an: Das Wiegen der getrockneten Buds. Das prächtige Ergebnis war ein Gesamtertrag von 358 Gramm, was einem Durchschnittsertrag pro Pflanze von 71,6 g entsprach und für eine Mostly-Sativa-Sorte, die fast direkt nach der Keimung in Blüte geschickt worden war, nach Meinung des Docs eine großartige Leistung war. Er dachte allerdings, dass es in seinem Fall, mit seinem recht hohen und äußerst intensiv beleuchteten Grow-Raum, besser gewesen wäre, sie noch ca. zwei Wochen länger in der vegetativen Phase zu belassen. Dann wären sie insgesamt größer geworden und hätten leicht einen dreistelligen Durchschnittsertrag abgeworfen, schätzte er.

KULTIVIERUNGSDATEN Genetik: Atomical Haze (Original Haze x Indian sativa x Afghani indica, 80 % Indica / 20 % Sativa) Wachstumsphase: Eine eine Woche nach der Keimung Blütephase: 70-75 Tage, allgemein 63 Tage Medium: Plagron Standard Mix mit 5 % Blähton und Hornspänen, 11Liter-Töpfe pH: 6,0-6,5 EC: Wachstum: 1,2-1,6 mS, Blüte: 1,6-2,0 mS Beleuchtung: Wachstumswoche: 2x TLC- 150-Leuchte, Blüte: 2 x GIB Lighting 600-W-HPS + 1x 400- W Osram Son T plus Temperatur: Wachstum: 40-60 %, Blüte: höchstens 50 % Luftfeuchtigkeit: von Hand Bewässerung: HeSi Blühkomplex, ab der 4. Blütewoche HeSi Phosphor Plus Düngung Wachstum: 40-60 % Blüte: höchstens 50 %

Das High der Atomical Haze nahm im Sturm vollständig Besitz von The Doc und lieferte ihm ein weiteres fantastisches Erlebnis mächtiger Sativa-Power, gepaart mit einem exquisiten Geschmack. „Der Turn kam über mich wie ein Schnellzug, bewirkte super-kribbelige Vi-

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Zusatzmittel: Nitrozyme, HeSi SuperVit und Wurzelkomplex, Enzyme Höhe: 80-125 cm Ertrag: Im im Durchschnitt 71,6 6 g


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Das fängt schon bei den Töpfen an. Topfkultur indoors ist relativ unproblematisch – aufgrund kontrollierter, konstanter äußerer Bedingungen und einer vergleichsweise kurzen Kulturzeit. Hanfpflanzen in Töpfen unter natürlichem Licht draußen anzubauen, stellt den Grower bei der Planung der Kultur dagegen meist vor deutlich mehr Fragen. Material und Medium müssen geeignet sein, den direkt einwirkenden Naturgewalten zu trotzen: Heiß und lang brennt auf dem Balkon die Sonne auf die Töpfe, ungehindert kann der Regen auf ungeschützten Balkonen große Wassermengen auf die Pflanzen und das Topfmedium niederprasseln lassen, ungebremst fegt der Wind durch den Pflanzenbestand und droht, die Pflanzen zu kippen. Töpfe und Erde müssen für diese und andere besondere Anforderungen gewappnet sein.

Die Auswahl des Topfes Während im Indoor-Bereich in der Regel Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) als Topfmaterialien zum Einsatz kommen, gibt es für den Balkon-Anbau eine Alternative: Den guten alten Tontopf. Er gewinnt hier gegenüber Kunststoff insgesamt den Eigenschaftsvergleich, wie folgende Übersicht zeigt:

Das hohe Gewicht sorgt für große Standstabilität; große, schwere Tontöpfe trotzen auch starkem Wind, selbst wenn die Pflanzen ziemlich groß und hoch sind. An den Tonwänden kommt es bei längerer Kultur zwar oft zu Salzablagerungen und Algenbildung, was aber keinerlei negative Auswirkungen auf die Pflanzen hat. Man muss wegen der Verdunstung durch die Topfwände auch etwas öfter gießen als bei Kunststofftöpfen, aber große erwachsene Pflanzen, die täglich stundenlang der knallenden Sommersonne ausgesetzt sind, müssen ohnehin praktisch jeden Tag gegossen oder aber mit einem

automatischen Bewässerungssystem ausgestattet werden. Im Gegensatz zu großen Töpfen haben Balkonkästen für Hanfpflanzen und deren Wurzelwerk definitiv zu wenig Tiefe und Volumen. Es würde dabei viel verschenkt, die Pflanzen blieben weit unter ihrem Ertragspotenzial, da die Wurzeln in ihrem Wachstum stark limitiert würden. Und das ständige Gießen wäre ein Horror... es sei denn, man baut „späte Damen“ an, kleine weibliche Stecklinge, die erst im Spätsommer eingepflanzt werden. Grundsätzlich werden großzügig bemessene Behältnisse benötigt, mindestens 15 Liter Volumen sind bei einer langen Sommerkultur (Start: Anfang Mai bis Mitte Juni) angesagt; bei meterhohen, reich verzweigenden Pflanzen besser noch mehr – 20-30 Liter, auch wegen der Standsicherheit. Wenn man sich für Kunststofftöpfe entscheidet, sollte man zu weißen Varianten greifen, da sich schwarze Töpfe bekanntlich in der Sonne stark aufheizen und dann zu große Hitze im Wurzelbereich herrscht.

Das Medium Balkonpflanzen stehen deutlich länger in ihren Töpfen als IndoorPflanzen, etwa ein halbes Jahr bei voller Sommerkultur. Das muss man bei der Zusammensetzung des Mediums berücksichtigen. Längere Wachstumszeit bedeutet auch mehr Zeit für Schadorganismen, ihre zerstörerische Wirkung anzusetzen. Speziell bodenbürtige Pilze bedrohen die Cannabispflanzen, besonders, wenn das Medium oft sehr nass ist. Hanfpflanzen sind eigentlich sehr widerstandsfähig, aber eines können sie nicht gut vertragen: Staunässe und damit luftabgeschlossene Wurzeln. Deshalb muss man bei der Mischung des Mediums eine optimale Durchlüftung und Drainage des Bodens sicherstellen – besonders, wenn es direkt auf die Töpfe regnet. Während es im Indoor-Bereich genügt, ausreichend torfhaltige Erde zu verwenden, sind für die Balkonkultur weitere Zuschlagstoffe zur Verbesserung des Lufthaushaltes wichtig. Mikroorganismen tragen mit ihrer Zersetzungsarbeit wesentlich zu einer luftigen Krümelstruktur bei. Sie sind reichlich im Kompost enthalten – der Kompost selbst ist bei optimaler Herstellung in seiner Struktur bereits locker und luftig, außerdem bringt er einiges an Nährstoffen ein. Daher ist eine Kompostzugabe von etwa 1/3 des Topfvolumens eine gute Sache. Sand ist ebenfalls gut zur Belüftung geeignet, da er das Grobporenvolumen des Mediums erhöht, was für bessere Durchlüftung und Wasserführung sorgt. Auch sein hohes Gewicht spricht für die Verwendung, zu etwa 10 %. Verwendet man handelsüblichen Vogelsand (empfohlen wegen der Reinheit), ist auf den Kalkgehalt und damit steigenden pH-Wert zu achten. Perlite (aus Vulkangestein) ist ein weiterer guter und oft in Erdmischungen verwendeter Auflockerer und mit einem Anteil von ebenfalls 10 % beizugeben. Dann noch standardmäßige Grow-Erde oder aber herkömmliche Blumenerde zu ca. 50 % – fertig ist das Balkon-Medium.


Alternativ zu Sand oder Perlite sind auch Kokosfasern als Strukturverbesserer sehr geeignet. Natürlich kann man noch organische Zuschlagstoffe zur Nährstoffverbesserung beifügen, wie z. B. Hornspäne (Stickstoff) und Gesteinsmehl, das ein besonders wertvoller Zuschlagstoff ist. Für eine gute Enddrainage am Topfboden ist es unerlässlich, unter die Bodenmischung eine ca. 2 cm dicke Schicht aus Hydroton-Steinen oder Seramis-Granulat aufzubringen. Außerdem müssen die Töpfe natürlich ausreichend Löcher im Boden aufweisen, damit überschüssiges Wasser ungehindert abfließen kann. Organische Düngung empfiehlt sich für eine Balkon-Kultur ganz besonders, weil die Überdüngungsgefahr weitaus geringer als mit Mineraldünger ist und es nicht zur Ablagerung von Nährsalzen an der Bodenoberfläche und den Seitenwänden kommt. Von Blaukorn-Einsatz (Dünger mit Depot/Langzeitwirkung) ist eher abzuraten, da man nie weiß, wann die Nährstoffe in welchen Mengen freigesetzt werden (weil witterungsabhängig) und wann der Nährstoffvorrat aufgebraucht ist. Besser kontrolliert und organisch mit der Gießkanne düngen, am besten im Wechsel klares Wasser und Düngerlösung. Niemals durch die Sonne ausgetrocknete Erde mit Düngerlösung gießen, sondern mit klarem Wasser – andernfalls können die Wurzeln verbrennen.

Bewässerung Oft stellt sich ein großes Problem: Was tun, wenn man verreist und keiner da ist, um die Pflanzen zu versorgen? Meist geht es wohl nur um ein paar Tage, denn hingebungsvolle Grower verreisen im Som-

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mer nicht wochenlang. Das automatische „Blumat“-Bewässerungssystem hat sich bewährt. Über einen Keramiksensor in der Erde gesteuert, ziehen sich die Pflanzen von selbst das benötigte Wasser bedarfsgerecht aus dem Reservoir. Alternativ kann man sich mit Wassercontainer, Pumpe, Zeitschaltuhr und Tropfschlauch-System auch selbst eine Vorrichtung konstruieren, die in Intervallen Wasser an die Pflanzen abgibt. Bei großen, extrem durstigen Pflanzen kann es bei mehrtägiger Abwesenheit an heißen Sommertagen auch mit solchen Systemen mitunter zu Engpässen kommen. Es gibt auch eine einfache passive Lösung, die bei nicht allzu langer Abwesenheit die Pflanzen vor dem Austrocknen schützt: Man versenkt die Töpfe zur Hälfte in einer Wanne, die mit Hydro-Blähton und Wasser (Pegel unterhalb des Topfbodens) gefüllt ist. So können die Wurzeln durch die Löcher am Topfboden Feuchtigkeit aus der Wanne ziehen, wenn das Wasser im Topf verbraucht ist.

Tarnung Glücklich ist derjenige, dem keiner auf den Balkon gucken kann, der auf Tarnmaßnahmen also verzichten kann. In der Regel ist es aber wichtig, dass die Pflanzen nicht zu hoch wachsen. Beschneidung und/oder Herunterbinden sorgt für ein horizontaleres Wachstumsmodell. Beschneiden sollte man nur in der vegetativen Phase, bis spätestens ca. zwei Wochen vorm Einsetzen der Blüte. Aber es ist ohnehin sinnvoll, die Spitze des Haupttriebs schon früh abzuschneiden, nach drei oder vier Internodien, 0,5-1 cm über dem obersten Nodium. Die beiden Seitentriebansätze, die sich an diesem befinden, wachsen dann nach einer kurzen Übergangszeit zu neuen Top-Shoots heran, und auch die unteren Seitenzweige wachsen nach der Beschneidung


deutlich lebhafter. Bei starkwachsenden Sorten und langer Wachstumszeit kann es Sinn machen, die Seitenzweige ebenfalls zu beschneiden, wie auch die beiden nach der ersten Beschneidung entstandenen oberen Leittriebe. Wer in Sachen Sichtschutz ganz auf Nummer sicher gehen will, kann seine Pflanzen mit dünnem weißem Vliesgewebe tarnen, wie es in jedem Baumarkt zur Abdeckung von Frühbeeten erhältlich ist, auch Tomatenvlies ist sehr gut geeignet. Diese Materialien haben eine Lichtdurchlässigkeit von immerhin 70-80 %, und das reicht immer noch locker aus, vor allem, wenn die Sonne scheint. Man spannt das Vlies z. B. vom Balkongeländer bis zur Rückwand, um einen Teil des Balkons abzuschirmen. Dann allerdings müssen die Pflanzen durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen sehr flach gehalten werden, oder man startet die Kultur erst später im Sommer, damit die Pflanzen kleiner bleiben. Eine andere Möglichkeit ist, ein Tomatenvlies-Gewächshaus aufzustellen. Solche schnell ineinandergesteckten Sets sind auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich. Stichwort Lichtausbeute: Wenn die Seiten- und Rückwände des Balkons nicht weiß gestrichen sind, sollte man sie bis zu einer gewissen Höhe mit weißer Folie abdecken, damit das Licht reflektiert und auf die Pflanzen zurückgeworfen wird. In Sachen Geruchstarnung lässt sich draußen, im Gegensatz zu indoors, gar nichts machen. Blühende, harzige Cannabispflanzen sind durch keine andere Balkonpflanze zu übertünchen, wobei es natürlich besonders stark und weniger stark duftende Cannabis-Sorten gibt. Aber Duftgeranien oder Jasmin z. B. können da in keiner Weise gegen „anstinken“, und auch mehrere zwischen den Pflanzen aufgestellte Raumluft-Erfrischer können die süß-würzige Grasnote nicht verbergen.

Sortenwahl Reine Sativas und Sativa-dominante Sorten wachsen in der Regel viel höher und weiter verzweigt als Indicas, was sie auf dem Balkon natürlich problematischer macht. Aber mit mehrfach angewendeten Erziehungsmaßnahmen wie Beschneiden und Herunterbinden bekommt man sie höhentechnisch auch bei langer Kulturzeit gut in den Griff. Dann aber wachsen sie mächtig in die Breite, und schon so mancher Grower-Balkon war irgendwann kaum noch betretbar... Eine SativaKultur wird daher praktischerweise später gestartet als eine IndicaKultur, Mitte bis Ende Juni reicht aus, um noch ziemlich große Pflanzen entstehen zu lassen. Ein Pluspunkt der Sativas ist die gegenüber Indicas in der Regel geringere Schimmelanfälligkeit der Buds. Seit einigen Jahren geht es aber nicht mehr nur um die Frage, ob Sativa oder Indica: Autoflowering-Sorten mit einem Schuss Cannabis ruderalis haben bei einer Balkonkultur viele Vorteile, bei Lebenszyklen von z. B. 60 Tagen kann man mit ihnen sogar mehrere Kulturen hintereinander durchziehen, da sie unabhängig von der Tageslänge automatisch und sehr früh in Blüte gehen, deshalb auch vergleichsweise klein und unauffällig bleiben. Was zwar wiederum zu bescheideneren Erträgen der einzelnen Pflanzen führt, aber das kann man durch erhöhte Stückzahlen ausgleichen. Weiterer Vorteil der Auto-Sorten: Sie sind während der Blüte auch gegen Störlicht in der Dunkelphase immun, während Nicht-Autos mit Irritationen reagieren können, wenn nachts z. B. Licht aus dem Zimmer vor dem Balkon auf sie scheint.

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Wie, wann und wo hast du angefangen, Cannabissamen zu züchten? 1979/80 habe ich den ersten Growraum angelegt, bei dem mein Vater mein Partner war. Das war damals in Melbourne/Australien und hat die gesamte Doppelgarage unseres Hauses in Anspruch genommen. Meine Leidenschaft fürs Growen wuchs und wuchs und allmählich fing dann auch das Experimentieren mit Landrassen, die ich bei meinen zahlreichen Auslandsreisen gesammelt hatte, an. So entstanden schon bald neue Samen und Sorten. „Mullumbimby Madness“ (Anm. d. Redaktion: Eine legendäre Sorte der 1980er Jahre aus Australien) war eine der ersten Strains, mit denen ich zu tun hatte. Seitdem habe ich diese Samen und spiele auch immer wieder gerne mit ihnen... Wie ist dann Mister Nice Seeds entstanden?

rüchte darüber, wie man Samen feminisiert, aber wenig Transparenz. Gibt es eine „natürliche“ Methode, feminisierte Samen zu züchten, oder benötigt man immer Chemikalien wie Silberthiosulfat? Für die Hersteller feminisierter Samen ist es einfacher und zuverlässiger, Chemikalien wie Silberthiosulfat, Gibberellinsäure oder ähnliche Stoffe zu verwenden. In der Natur treten solche Veränderungen nur unter extremen Bedingungen auf, hier jedoch wird das Merkmal der Zwittrigkeit in eine Pflanze „hineingezüchtet“. Ein Merkmal, das die Züchter seit den Anfängen der Cannabiszucht versucht haben, nicht weiterzugeben. Die meisten, inklusive einiger so genannter Samenbanken, die feminisierte Samen produzieren, scheinen nicht wirklich zu verstehen, dass eine zu 100 % männliche Pflanze keine lebensfähigen Pollen produziert, wenn sie umgepolt wird. Deshalb neigen fe-

1996 stand ich einem Mann namens Howard Marks gegenüber, der mich fragte, ob die Möglichkeit bestehe, dass ein alter Haudegen wie er im Namen von „Mr. Nice“ irgendetwas für und mit Cannabissamen tun könne. Nachdem ich sein Buch gelesen hatte, entschied ich mich, dass das der Mann war, der neben Neville mein Partner sein sollte. Beide sind auf mr.nice.nl aktiv und Teil der Mister Nice Seed Bank. Die Firma war und ist in den Niederlanden registriert, nachdem ich die Greenhouse Seed Company 1998 an Arjan verkauft hatte. In diesem Jahr wurde ich in die Schweiz „abgeworben“, um dort eine Firma für medizinisches Cannabis zu gründen, da Holland mehr oder weniger eine Art Coffeeshop-Erfahrung darstellte. Ist Howard an der Zucht und Entwicklung beteiligt? Nein, nur Neville und ich. Howard vertritt uns sozusagen in der Öffentlichkeit, ist unser Markenzeichen. Natürlich probiert er alles von uns ein paar hundert Mal, man kann sagen, er ist insofern beteiligt, als dass er die Sorten in ausgereiftem Zustand testet. Wie viele Generationen benötigt man durchschnittlich, um einen stabilen, neuen Strain zu züchten? Wenn alles wie geplant verläuft und die paar hundert Hürden, die es zu überwinden gilt, problemlos genommen werden, kann man es in fünf Generationen schaffen. Indoor sind das zwei Jahre. Welche Eigenschaften, abgesehen von der Geduld, zeichnen einen guten Breeder aus?

minisierte Samen häufiger zum Zwittern. Für so etwas stehen wir nicht, und es dient auch nicht der Verbesserung der Eigenschaften eines Strains. Deshalb ist es in meinen Augen keine gute Alternative für die Zukunft der Samenzucht. Auch wir bieten Lösungen für Grower an, die auf begrenztem Raum anbauen müssen und/oder nur blühende Pflanzen haben wollen. Es handelt sich nicht um etwas, wofür man Geschick oder Erfahrung braucht, eher um einen neuen, kommerziellen Trend für Firmen und das schnelle Geld. Es geht hier nie um die Sortenvielfalt. An welchem Projekt / welchem Strain arbeitest du gerade?

Hauptsächlich die richtige Kombination und Auswahl der Sorten, die er ganz alleine treffen muss. Neville und ich arbeiten immer mit Sorten, die wir wirklich bewundern und als etwas Besonderes betrachten. Man kann es mit dem Bau eines Hauses vergleichen. Wenn der Entwurf vielversprechend aussieht, wird es gebaut. Aber es sind immer noch die Wahl und Kombination der Sorten und das Gespür, die einen guten Hobbybreeder von einem echten Könner unterscheiden. Was hältst du von Sorten mit drei, vier oder gar fünf verschiedenen Phänotypen? So eine Sorte ist entweder absichtlich so gezüchtet oder unfertig. Manchmal ist es schwer, beide Elternpflanzen im Original zu bekommen, was die Stabilität der jeweiligen Sorte reduziert, bis sie jemand wieder zurückkreuzt. Das wiederum kann eine größere Anzahl möglicher Phänotypen hervorrufen. Die meisten gekauften Samen, die solche Eigenschaften aufweisen, sind polyhybrid und somit nicht stabil genug selektiert.

Eine kleine Gruppe gleich gesinnter Breeder und ich waren die vergangenen beiden Jahre damit beschäftigt, Sorten mit medizinischen Eigenschaften zu entwickeln. Man nennt uns die „CBD-Crew“ und wir sind im Oktober 2012 in London mit unserem Projekt an die Öffentlichkeit gegangen. Aus diesem besonderen Anlass ist die Mr. Nice Seed Bank zum ersten Mal eine Kooperation mit einer anderen Samenbank (Anm. d. Redaktion: Dutch Passion) sowie verschiedenen anderen Firmen eingegangen. Obwohl oder gerade weil wir wissen, dass es in diesem Geschäft keine oder wenig Regelungen, Standards oder Normen gibt, versuchen wir, eine Art Grundregelwerk zu erarbeiten, das eine Sorte erfüllen muss, um sich „medizinisch“ nennen zu dürfen. Unsere erste Sorte wird „The Remedy“ heißen. Außerdem sind Neville und ich dabei, zusammen mit den Mr. Nice Forum-Mitgliedern einen neuen Haze-Hybriden, den wir „The Holy Grail“ getauft haben, zu entwickeln. Auch das ist durch den weltweiten Support der Growergemeinde im Internet sehr aufregend.

Was hältst du von feminisierten Samen?

„The Remedy“ enthält dann also die gleiche Wirkstoffkombination wie Sativex, ist nur billiger?

Wenn man weiß, dass ich für zahlreiche Hanffachzeitschriften weltweit schreibe, ist es einfach, meine Einstellung gegenüber dem Thema „feminisierte Samen“ zu erfahren: Ich glaube, dass MNS der letzte wirkliche Breeder sein wird. Wir betrachten feminisierte Samen nicht als Züchtung, für uns ist es lediglich ein chemisch herbeigeführtes Ereignis, das etwas hervorbringt, was der „Schaukelstuhl-Grower“ verlangt. Es ist schnelles Geld für so genannte Samenbanken, hat aber nichts mit dem Fortbestand oder der Verbesserung irgendeiner Pflanzenart zu tun. Wenn das der einzige Fortschritt in der Zukunft ist, wird in Zukunft eine Art McDonalds die Samenwelt ernähren.

Ohne vor unserer Presseerklärung zu viel vorwegzunehmen: Es soll für Home- und Medicinal-Grower zugänglich und erschwinglich sein und auch das Potenzial von Sativex haben, wie wir hoffen. Im Unterschied zu Sativex kann es ohne Vorurteile und finanzielle Hürden von denen angebaut, kontrolliert und angewendet werden, die eine Alternative zu Fertigpräparaten der Pharma-Unternehmen suchen. Man könnte sagen, der Patient wird in der Lage sein, eine Pflanze zu wählen oder gar (mit) zu entwickeln, die den speziellen Ansprüchen seines Krankheitsbildes gerecht wird, und zudem in Bio-Qualität gekauft und gezüchtet werden kann.

Das war eindeutig. Als Biologe weißt du auch eine Menge über komplexere Vorgänge der Hanfpflanze. Es gibt eine Menge Ge-

In den meisten EU-Ländern sind nur synthetische oder halbsynthetische Cannabinoide zur medizinischen Behandlung zugelas-

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sen, pflanzliches Cannabis ist also immer noch illegal. Was muss passieren, damit du deinen ersten Samen verkaufen kannst, den ein Patient in Ländern wie Großbritannien, Deutschland oder der Schweiz legal anbauen kann? Wie bei allen Produkten müssen Daten gesammelt werden, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, und Versuchsreihen an Freiwilligen durchgeführt werden. Aber um ehrlich zu sein: In einer botanisch genormtem Welt existieren wir doch momentan gar nicht, praktisch werden wir irgendwo anfangen und die direkte Zusammenarbeit mit denen suchen, die am Programm teilnehmen wollen. In den 1990er Jahren wollte jeder möglichst hohe THC-Werte haben. Worauf achtest du heute, wenn du einen Strain für den/die Genießer/in kreierst? Mittlerweile geht es mir viel mehr um den Geschmack und das Aroma. Wie ich feststellen musste, hat meine eigene Entwicklung der 1990er Jahre, die „White Family“, später sogar eher gegen mich gearbeitet. Ein hoher THC-Gehalt birgt Gefahren, manches Gras ist einfach zu stark für viele Nutzer. Stärker heißt nicht immer besser, verschiedene Geschmäcker und unterschiedliche Aromen hingegen schon. Seit ein paar Jahren ist es selbst für erfahrene Grower schwer, bei der explosionsartigen Entwicklung auf dem Samenmarkt den Überblick zu wahren. Es gibt auch ein paar schwarze Schafe, die dem ambitionierten Breeder oder Grower das Leben schwer machen. Mal angenommen, es wäre überhaupt irgendwie möglich: Sollte es deiner Meinung nach eine Art Regelwerk für Züchter geben, so wie ein Copyright für Strains? Inklusive mehr Transparenz bezüglich des Zuchtvorgangs, natürlich ohne die „wahren“ Geheimnisse preiszugeben? Ich habe versucht, eine Gewerkschaft für Samenhersteller zu gründen, indem ich verschiedene Samenfirmen an eine Art runden Tisch eingeladen habe. Aber es ist eine seltsame Industrie mit noch seltsameren Leuten im Hintergrund. Es steht eine Menge auf dem Spiel, es gab auch für einige echt negative Entwicklungen und Ereignisse. Auch tun alle so, als handle es sich bei der Zucht um irgendein großes Geheimnis (vielleicht, weil sie die Ursprünge nicht mehr kennen), was es in Wirklichkeit gar nicht ist. Bei uns kann man nicht nur die Sorte, sondern auch deren Entwicklung zurückverfolgen. Wir wollen Growern helfen, anstatt sie zu hemmen. Wir wissen, wo unsere Samen herkommen, weil wir dorthin gereist sind, wo sie herkommen. Das unterscheidet uns. Die Gerüchte über genmanipuliertes Gras werden wohl nie aufhören. Kannst du uns als Züchter bestätigen, was wir eigentlich schon zu wissen glauben: Es handelt sich um ein Gerücht, hohe THC-Gehalte sind ausschließlich auf natürliche Selektion zurückzuführen? Es gibt bis heute weder Hinweise auf genmanipuliertes Gras noch sind Bemühungen in dieser Hinsicht für die Zukunft bekannt. Alle Eigenschaften sind auf natürliche Auslese zurückzuführen. Das Einzige, was der Mensch gemacht hat, ist, spezielle Ereignisse in der Natur zu nutzen, Landrassen in einem Indoor-Raum zu kreuzen, die es aufgrund der Entfernung voneinander in der Natur nicht gegeben hätte. Keiner modifiziert die Gene der Hanfpflanze, Hanf ist so schon eine gewinnbringende Pflanze, wieso sollte man das also tun? Hohe oder niedrige THC-Werte können im selben Feld der gleichen Sorte auftreten und hängen von vielen Faktoren wie zum Beispiel Klima, Stress oder Lichtintensität ab. Die einzige chemische Manipulation tritt bei der Herstellung feminisierter Samen auf: Die Chemikalien dienen als Katalysator, sogar die selbstblühenden Sorten sind ein natürliches Phänomen und können, verglichen mit der chemischen Behandlung bei der Feminisierung, einfach gezüchtet werden. Bitte vervollständige die beiden folgenden Sätze. Ich bin stolz, dass... ... die Mister Nice Seed Bank ihrer ursprünglichen Philosophie und Praxis treu bleibt: Der Produktion von hochqualitativen Pflanzen, um der weltweiten Growergemeinde weiterzuhelfen. Und natürlich darauf, dass ich mit Neville, Howard und einer Gemeinschaft von exzellenten und ambitionierten Growern weltweit zusammenarbeiten darf. Ich mag nicht, dass... ... Politik, Liebe oder Religion mit hineingezogen werden, wenn es um die Bewertung einer Pflanze geht, die schon lange da war, bevor es solche Dinge oder gar Menschen gab. Vielen Dank für das Interview, alles Gute und pass auf dich auf. Grüße an die deutschen Grower, see you...

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Diese offiziellen Belege von Biddy Early’s superber Qualität wurden auch auf privater Ebene von vielen Outdoor-Growern weltweit bestätigt, BiddyFans schwören auf ihren Flavour und ihre Potenz – Achtung allerdings, alle katholischen Grower: Dies bedeutet, auf eine Hexe zu schwören, denn Biddy Early wurde nach einer Dame aus einer irischen Volkssage benannt, die wegen Hexerei angeklagt wurde. Botanisch gesehen ist sie aber das Ergebnis einer Kreuzung von Sensi Seedsʼ Early Skunk (Skunk #1 x Early Pearl) mit Magusʼ eigener Warlock (die ebenso von Serious weitergeführt wurde). Warlock ist eine wahre Aromabombe mit einem extrem hohen THC-Gehalt, sie bringt in Biddy Early herausragende Potenz und jede Menge Aroma ein. Das Resultat ist eine Mostly-SativaOutdoorsorte mit gutem Ertrag und solider Schimmelresistenz, die 50-60 Tage bis zur Reife braucht, unter natürlichem Licht ist dies zwischen Anfang und Mitte Oktober der Fall. Unbeschnitten nimmt Biddy Early eine weihnachtsbaumförmige Statur an und kann eine Höhe von 1,8 bis 2 Metern erreichen. Sie verzweigt sich gern und mit ausreichend Licht versorgt, treibt sie sehr kompakte Zweige mit kurzen Internodien aus, was sie auch zu einer hervorragend geeigneten Balkonsorte macht, wenn man sie beschneidet oder herunterbindet. Und man kann die Biddy leicht erziehen, da ihre Zweige sehr elastisch sind, was sie bis zu einem gewissen Grad sturmsicher macht. Sie produziert reiche Harzmengen, ihre Trichome sind ungewöhnlich kurzstielig, die Buds sehen wie dicht mit kleinen feinen Tautropfen besprenkelt aus. Biddy’s Blüten sind intensiv süß und können mitunter eine köstliche Zitrusnote entwickeln, dies ist aber von Fall zu Fall verschieden.

„Die Blätter schillern in fast alle Farben des herbstlichen Spektrums von gelb bis purpurfarben, rosa, und dunkelblau, waren ein wirklich spektakulärer Anblick.“ Mr. Power-Planter wurde auf Anhieb zum Biddy-Fan, nachdem Ellis D. diese Sorte vor vielen Jahren gegrowt und ihm einige Blüten gegeben hatte. Er dachte, dass es an der Zeit für einen neuen Anbautest sei, also zog er im letzten Jahr im Hinterhof einige Pflanzen in einem großen, hellen Holzunterstand mit Plexiglasdecke. Er startete spät und säte in der zweiten Juliwoche drei feminisierte Biddy-Samen in Jiffy Pots. Dann wurden die drei Keimlinge in 9-Liter-„Gro Pots“, befüllt mit UGro Coco-Substrat, umgetopft. In welchen sie sehr gut wuchsen und blühten – Mitte Oktober gelangten sie zur Reife, mit vielen gleichgroßen Haupt- und Seiten-Colas, die mit ihren reichlichen Biddy-typischen Harzdrüsen attraktiv glitzerten. Was ebenfalls zur besonderen Schönheit der Pflanzen beitrug, war ihr fantastisches herbstlich buntes Laub, das fast alle Farben des herbstlichen Spektrums abdeckte – von gelb bis purpurfarben, rosa und dunkelblau, während die Buds selbst weitgehend grün blieben – ein wirklich spektakulärer Anblick. Biddy’s enorme Potenz beeindruckte sogar einen hochdosierten Indoorgras-Smoker wie Mr. Power-Planter, das High lieferte sowohl energetisierende Sativa- als auch tief relaxende Indica-Effekte, diese Kombination machte es zu einer komplexen, lang anhaltenden Raucherfahrung. Zwei der Pflanzen hatten jene ansprechende Zitrusnote produziert, die den honigsüßen Grundgeruch und -geschmack ergänzte und von Mr. PowerPlanter sehr genossen wurde. Seine drei Spätstart-Biddys lieferten Erträge von 50-65 Gramm pro Pflanze, was als sehr zufriedenstellend angesehen wurde, in Anbetracht ihres vergleichsweise kurzen vegetativen Zyklus, der relativ niedrigen Endhöhen von weniger als einem Meter und der Tatsache, dass die Pflanzen in dem Unterstand nicht so viel Licht erhielten, wie dies direkt draußen auf freistehender Fläche der Fall gewesen wäre. Für Mr. Power-Planter bestätigte sich, dass Biddy Early in jeder Hinsicht eine der besten Outdoor-Sorten ist, die es gibt, ganz klar eine Top-Sorte aus der Outdoor Champions League. Er empfiehlt sie wärmstens für die 2013-Saison, auch für hartgesottene Smoker, die von Outdoor-Gras mit nur durchschnittlicher Potenz nicht high werden.

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In den letzten vier Jahren hat sich die Politik der USA – was die Menschenrechte angeht – einschneidend verändert. Einer der wenigen Fälle, in denen die Demokratische und die Republikanische Partei im Laufe der letzten vier Jahre zusammengearbeitet haben, war die Verabschiedung des National Defense Authorization Act (NDAA) im Jahr 2012. Mit diesem Gesetz wurde dem USMilitär die Macht gegeben, US-Bürger ohne Anklage, Gerichtsverhandlung oder ein anderes gesetzliches Verfahren unbegrenzt einzusperren; bis heute versucht die Obama-Regierung mit allen juristischen Tricks zu verhindern, dass ein Bundesgericht dieses Gesetz für verfassungswidrig erklärt. Auf Obamas Anordnung wurden ohne gerichtliche Überprüfung bereits drei zu Al-Qaida gehörende US-Bürger ermordet, darunter auch Anwar al-Awlaki und sein 16-jähriger Sohn. Außerdem wird das Gefangenenlager in der Guantánamo Bay weiter benutzt, der Patriot Act bleibt in Kraft und die Befugnisse der Transportation Security Administration (TSA) wurden mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ausgeweitet. Wie sehen Sie die Einstellung der USRegierung zu den Menschenrechten in den letzten vier Jahren, und wie ist die Politik Obamas im Vergleich zu der seines Vorgängers George W. Bush zu bewerten? Obamas Politik ist der Bushs sehr ähnlich, es gibt nur geringe Unterschiede; das ist auch keine große Überraschung. Die Demokraten haben ja Bushs Politik unterstützt. Um sich als Partei (von den Republikanern) abzuheben, haben sie zwar manchmal opponiert, waren aber grundsätzlich mit Bushs Politik einverstanden, und es kann niemanden überraschen, dass sie das auch heute noch sind. In mancher Hinsicht ist Obama sogar weiter als Bush gegangen. Der NDAA, den Sie erwähnt haben, wurde nicht von Obama in den Kongress eingebracht, und als dieses Gesetz verabschiedet wurde, sagte Obama, er billige es nicht und werde es nicht in Kraft setzen. Dann hat er aber auf ein Veto verzichtet und den NDAA trotzdem unterzeichnet. Das Gesetz wurde auch von (demokratischen) Falken wie Joe Lieberman mit durchgeboxt – tatsächlich hat kaum ein "Change" (Wandel) stattgefunden. Das Schlimmste am NDAA ist, dass er eine (illegale) Praxis, die schon bestand, nachträglich legalisierte. Die (bereits vorher angewandten rechtswidrigen) Methoden haben sich dadurch nicht geändert. Die Bestimmung, die in der Öffentlichkeit am meisten Aufmerksamkeit erregte, haben sie schon erwähnt: die unbegrenzte Inhaftierung von US-Bürgern. Aber warum soll es überhaupt erlaubt sein, Bürger anderer Nationalitäten unbegrenzt wegzusperren? Das ist ein grober Verstoß gegen fundamentale Menschenrechte und gegen geltende Gesetze, ein Rückfall hinter die aus dem 13. Jahrhundert stammende Magna Charta – dieser schwere Angriff auf die elementaren Bürgerrechte hat zwar unter Bush begonnen, wurde aber unter Obama fortgesetzt. Er wurde und wird von beiden Parteien unterstützt. Zu den Tötungen (ohne Gerichtsverfahren) ist zu sagen, dass Obama diese weltweit betriebene Mordkampagne stark ausgeweitet hat. Bush hat zwar damit angefangen, aber Obama hat sie verstärkt und lässt auch US-Bürger ermorden. Auch das geschah wieder mit dem Einverständnis beider Parteien, nur bei der Ermordung des ersten US-Amerikaners gab es leise Kritik. Ich frage aber noch einmal: Wer gibt uns das Recht, überhaupt irgendjemanden zu ermorden? Stellen Sie sich zum Beispiel einmal vor, der Iran ließe Mitglieder des Kongresses ermorden, die einen Angriff auf den Iran fordern. Würden wir das gutheißen? Der Iran hätte zwar gut zu rechtfertigende Gründe, wir würden sein Verhalten aber natürlich als eine Kriegshandlung ansehen. Die wirkliche Frage ist doch: Darf in staatlichem Auftrag überhaupt gemordet werden? Die Regierung hat ausdrücklich bestätigt, dass Obama diese Morde persönlich anordnet, wobei die Begründung dafür sehr schwach ist. Wenn zum Beispiel über eine Drohne eine Gruppe von Männern beim Beladen eines Lastwagens beobachtet wird und der Verdacht besteht, dass sie feindliche Kämpfer sein könnten, glaubt man, sie umbringen zu dürfen, weil sie als schuldig betrachtet werden; hinterher könnte sich aber herausstellen, dass sie völlig harmlos waren. Schon die Begründung der USRegierung für diese Morde ist eine derart grobe Verletzung grundlegender Menschenrechte, dass sie völlig indiskutabel ist. Die Erfordernis eines ordentlichen Gerichtsverfahrens besteht, seit die USA eine Verfassung haben, die besagt, dass niemand ohne Gerichtsverfahren seiner Rechte (zum Beispiel seines Rechtes auf Leben) beraubt werden darf; dieser Rechtsgrundsatz wurde – wie

schon gesagt – bereits im 13. Jahrhundert in England formuliert. Deshalb erhebt sich die Frage: Darf überhaupt auf ein ordentliches Gerichtsverfahren verzichtet werden? Obamas De-facto-Justizminister Eric Holder erklärte dazu, das ordentliche Gerichtsverfahren werde in diesen Fällen durch vorher von der Exekutive durchgeführte Beratungen ersetzt. Das ist noch nicht einmal ein schlechter Witz! Die britischen Könige des 13. Jahrhunderts hätten Holder applaudiert: "Wir müssen den Mord nur vorher bereden, dann gilt das schon als ordentliches Gerichtsverfahren." Auch diese Interpretation haben beide Parteien ohne Kontroverse akzeptiert. Die gleiche Frage können wir auch zur (angeblichen) Ermordung Osama bin Ladens stellen. Ich sage bewusst "Ermordung". Wenn schwer bewaffnete Elitesoldaten einen unbewaffneten, sich nicht wehrenden Verdächtigen im Kreis seiner Frauen festnehmen sollen, ihn aber stattdessen erschießen und seinen Leichnam ohne vorherige Obduktion im Meer entsorgen, kann das nur Mord genannt werden. Ich habe bin Laden auch bewusst als "Verdächtigen" bezeichnet. Der Grund dafür ist ein anderer Rechtsgrundsatz, der auch auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und besagt, dass ein Mensch so lange als unschuldig zu gelten hat, bis seine Schuld (gerichtlich) erwiesen ist. Davor steht er nur unter Verdacht. In den USA wurde Osama bin Laden im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September nie formell angeklagt, und ein wichtiger Grund für diese Unterlassung war, dass ihm die Verantwortung dafür nicht nachgewiesen werden konnte. (Auf dem Steckbrief, mit dem das FBI bin Laden gesucht hat, werden ihm diese Anschläge noch nicht einmal vorgeworfen. Acht Monate nach dem 11. September und nach seiner bis zu diesem Zeitpunkt intensivsten Untersuchung erklärte das FBI, es "vermute", dass die Anschläge in Afghanistan geplant und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Deutschland und natürlich in den USA vorbereitet worden seien – ohne bin Laden überhaupt zu erwähnen. Das war acht Monate nach den Anschlägen, und bis heute konnte das FBI den Verdacht gegen bin Laden nicht erhärten. Ich selbst glaube, dass der Verdacht (gegen bin Laden) zu Recht bestand, es gibt aber einen gewaltigen Unterschied zwischen einer berechtigten Annahme und einer nachgewiesenen Schuld. Auch wenn bin Laden schuldig war, hätte er gefangen genommen und vor Gericht gestellt werden müssen. Das schreibt das anglo-amerikanische Recht vor, das sich in acht Jahrhunderten entwickelt hat. Er hätte nicht ermordet werden dürfen, und sein Leichnam hätte auch nicht ohne Autopsie beseitigt werden dürfen, obwohl das allgemein für gut befunden wurde. Ich habe zu den wenigen gehört, die einen kritischen Artikel über dieses (rechtswidrige) Vorgehen geschrieben haben und wurde dafür auch von linken Kommentatoren hart angegriffen; weil bin Laden im Verdacht stand, Verbrechen gegen die USA begangen zu haben, sei er unbestreitbar zu Recht ermordet worden. Diese auch unter Intellektuellen weit verbreitete Einstellung sagt viel über die erschreckende "moralische Verkommenheit" des ganzen intellektuellen Spektrums der USA aus. Dass Obama diese (illegale) Praxis auch noch ausgeweitet hat, sollte deshalb niemanden überraschen. Die (innere) Fäulnis ist aber noch viel weiter fortgeschritten.

„Die wirkliche Frage ist doch: Darf in staatlichem Auftrag überhaupt gemordet werden?“

Es sind gerade etwas mehr als zehn Jahre vergangen, seit die Bush-Administration ihre "Folter-Memos" veröffentlicht hat. Damit wurde versucht, die Folterung von Häftlingen der CIA zu rechtfertigen, die im Rahmen des "Krieges gegen den Terror" (meist in anderen Staaten) gekidnappt (und völkerrechtswidrig in Geheimgefängnisse verschleppt) wurden. Der erschreckende Inhalt dieser Memos hat eine neue internationale Debatte über die Folter ausgelöst. Obwohl Präsident Obama versprochen hatte, alle illegalen Geheimgefängnisse zu schließen, scheint es auch heute noch solche "Black Sites" zu geben. Wie stehen Sie zu diesen CIA-Foltergefängnissen? Hat Obama, der 2008 auch versprochen hat, die CIA zu reformieren, sein Versprechen gehalten? Es hat einige Präsidentenerlasse gegeben, in denen die schlimmsten Folterexzesse verurteilt wurden, das berüchtigte US-Militärgefängnis Bagram in Afghanistan gibt es aber immer noch, und es wird auch heute noch nicht regelmäßig überprüft. Es ist wahrscheinlich das schlimmste Lager in Afghanistan. Auch Guantánamo wird weiterbetrieben, es ist aber eher unwahrscheinlich, dass dort noch schwer gefoltert wird, weil inzwischen zu viele Inspektionen stattfinden. Über die dort tätigen Militäranwälte dringen regelmäßig Informationen nach draußen, deshalb betrachte ich Guantánamo nicht mehr als Folterla-

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ger, aber immer noch als Gefangenenlager für illegal Verschleppte; außer Bagram könnte es noch weitere Lager geben, und auch die Verschleppungen scheinen in einem etwas geringeren Umfang als bisher weiterzugehen. Die CIA verschleppt also Gefangene zum Foltern in andere Länder. Auch das ist seit der Vereinbarung der Magna Charta – die zum Fundament des anglo-amerikanischen Rechts wurde – untersagt. Schon in diesem Dokument wurde ausdrücklich festgehalten, dass niemand übers Meer ins Ausland gebracht und dort bestraft und gefoltert werden darf. Verschleppungen führen aber nicht nur die USA durch. Sie kommen auch in Westeuropa, zum Beispiel in Großbritannien und Schweden, vor. Deshalb sind die Sorgen derer, die befürchten, dass Julian Assange eine Auslieferung an Schweden droht, durchaus berechtigt. Auch Kanada und Irland waren in die Verschleppungen verwickelt; Irland gehört aber zu den wenigen Ländern, in denen es große Massenproteste gegen die über den Shannon Airport durchgeführten CIA-Verschleppungsflüge gab. Aus den meisten anderen betroffenen Staaten kam nur wenig oder überhaupt kein Protest. In letzter Zeit sind keine neuen Entführungsfälle mehr bekannt geworden, es würde mich aber nicht wundern, wenn es sie immer noch gäbe. Außer in den USA kommt es auch im Mittleren Osten immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen, und durch die Aufstände des Arabischen Frühlings hat sich deren Anzahl in vielen Staaten noch erhöht. Während die Diktatoren in Tunesien und Ägypten

ohne Bürgerkriege gestürzt wurden, ist es in Libyen, Syrien und im Jemen zu schweren Kämpfen gekommen. Die USA und die NATO haben (nach der Intervention in Jugoslawien) in Libyen ein weiteres Mal in einen Bürgerkrieg eingegriffen, und nur der Widerstand Russlands und Chinas hat bisher ein ähnlich massives Eingreifen in Syrien verhindert. In beiden Fällen haben die Rebellen die USA und Europa um militärische Hilfe gebeten, ja sogar darum gebettelt; an Verhandlungen mit ihren diktatorischen Gegnern waren sie absolut nicht interessiert, auch wenn die Hilfe von außen auf sich warten ließ. Was halten Sie von militärischen Eingriffen, wie sie in Libyen stattfanden und für Syrien immer wieder gefordert werden? Ist es moralisch gerechtfertigt, Texaner und Soldaten aus Louisiana wegen der Konflikte in Libyen und Syrien in den Kampf zu schicken? Oder anders gefragt, ist der Verzicht auf eine Militärintervention zu verantworten, wenn ganze Städte wie Misrata, Bengasi, Aleppo oder Homs völlig zerstört und mehrere zehntausend Zivilisten deswegen getötet werden könnten? Fangen wir mit Syrien an. Einer Ihrer Thesen kann ich nicht zustimmen, denn ich bezweifle stark, dass die ablehnende Haltung Russlands und Chinas ein Eingreifen der USA oder des gesamten Westen in Syrien bisher verhindert hat. Ich habe sogar den Verdacht, dass die USA, Großbritannien und Frankreich das russische Veto begrüßt

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haben, weil es ihnen den Vorwand zum Nichtstun geliefert hat. Sie konnten einfach erklären: "Wie sollen wir eingreifen? Die Russen und Chinesen haben es ja verhindert!" Wenn die USA und die NATO tatsächlich hätten intervenieren wollen, hätten sie sich einfach über das Veto der Russen und Chinesen hinweggesetzt. Das haben sie doch schon öfter getan; sie wollten einfach bisher nicht militärisch eingreifen und wollen das wohl auch jetzt noch nicht. Die strategischen Befehlszentralen ihrer Streitkräfte und Geheimdienste sind noch immer strikt dagegen. Einige sind das aus militärtechnischen Gründen, andere lehnen eine Intervention ab, weil sie nicht genau wissen, welche oppositionellen Kräfte zur Durchsetzung eigener Interessen unterstützt werden sollen. Sie mögen Assad nicht besonders, obwohl er den USA und Israel ganz nützlich war. Wegen der an der Rebellion beteiligten islamistischen Gruppierungen mögen sie aber auch die Opposition nicht besonders und ziehen es deshalb vor, noch am Spielfeldrand zu bleiben. Interessant ist, dass Israel nichts tut. Dabei müsste es noch nicht einmal viel sein. Israel könnte Truppen auf die widerrechtlich annektierten, eigentlich syrischen Golan-Höhen schicken, die nur etwa 40 Meilen (64 km) von Damaskus entfernt sind; Assad wäre dann gezwungen, eigene Truppen an diese Grenze zu verlegen, die er aus den von Rebellen bedrohten Gebieten abziehen müsste. Israel könnte also die Rebellen unterstützen, ohne selbst einen einzigen Schuss abzufeuern und ohne die Grenze überschreiten zu müssen. Davon war aber bisher noch nicht einmal die Rede, und ich denke, das zeigt, dass Israel, die USA und ihre Verbündeten

zur Wahrung ihrer eigenen Interessen das Assad-Regime jetzt noch nicht beseitigen wollen. Dabei spielen humanitäre Gesichtspunkte überhaupt keine Rolle. Was Libyen angeht, müssen wir etwas differenzieren, weil es in Libyen eigentlich zwei Interventionen gegeben hat. Die erste fand mit Billigung des UN-Sicherheitsrates statt und war durch die UN-Resolution 1973 legitimiert. Diese sah nur die Errichtung einer Flugverbotszone, die Durchsetzung einer Waffenruhe und den Beginn von Verhandlungen und sonstige diplomatische Initiativen vor. Das war die Intervention, die damit gerechtfertigt wurde, dass die Zerstörung Bengasis verhindert werden müsse... Nun, wir wissen nicht, ob Bengasi (durch Luftangriffe der libyschen Luftwaffe) zerstört worden wäre, eigentlich sollte ja auch nur ein möglicher Angriff auf Bengasi verhindert werden. Man könnte zwar darüber streiten, wie wahrscheinlich ein solcher Angriff war, ich persönlich finde allerdings, es war legitim, dass versucht wurde, mögliche Gräueltaten zu verhindern. Die (vom UN-Sicherheitsrat autorisierte) Intervention dauerte aber nur etwa fünf Minuten. Gleich nach deren Beginn setzten sich die NATO-Mächte über die UN-Resolution hinweg – zuerst Frankreich und Großbritannien und dann auch die USA – ihre Flugzeuge wurden zur Luftwaffe der Rebellen. Das war in der UN-Resolution nicht vorgesehen. Die ließ nur "alle zum Schutz der Zivilbe-


völkerung notwendigen Schritte" zu – es ist aber ein großer Unterschied zwischen dem Auftrag, die Zivilbevölkerung zu schützen, und der Absicht der NATO, den Rebellen eine eigene Luftwaffe zu verschaffen. Möglicherweise war es wünschenswert, den Aufständischen beizustehen. Weil die UN-Resolution dazu aber nicht ermächtigte, verstieß die den Rebellen gewährte militärische Unterstützung eindeutig gegen den (vom UN-Sicherheitsrat) erteilten Auftrag. Dabei gab es auch andere Optionen. Gaddafi hat (zum Beispiel) eine Waffenruhe angeboten. Ob sein Angebot wirklich ernst gemeint war, kann niemand wissen, weil es sofort zurückgewiesen wurde. Das Verhalten der NATO-Mächte wurde von den meisten anderen Staaten der Welt missbilligt. Es gab kaum Unterstützung dafür. Die Afrikanische Union, der Libyen als afrikanisches Land angehört, lehnte die (eigenmächtige) Erweiterung der Intervention strikt ab, forderte eine sofortige Waffenruhe und bot sogar die Entsendung einer eigenen Friedenstruppe an, die den Konflikt (zwischen Gaddafi und den Rebellen) schlichten sollte. Die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die zufällig zur gleichen Zeit eine Konferenz abhielten, verurteilten die NATO-Intervention und forderten diplomatische Initiativen, Verhandlungen und eine Waffenruhe. Das benachbarte Ägypten hielt sich zurück. Das NATO-Mitglied Deutschland lehnte es ab, sich an der Intervention zu beteiligen. Auch Italien verweigerte sich zunächst, schloss sich aber später den Interventionisten an. Auch die Türkei war erst gegen ein militärisches Eingreifen,

machte aber später ebenfalls mit. Die meisten Staaten verurteilten die Intervention, die hauptsächlich von den traditionell imperialistischen Mächten Frankreich, Großbritannien und den USA forciert wurde. Diese NATO-Intervention verursachte eine humanitäre Katastrophe. Vielleicht wäre es ohnehin dazu gekommen, aber sie entwickelte sich vor allem aus den Angriffen auf Bani Walid und Sirte, die letzten Städte, die zu Gaddafi hielten. Beide Städte sind wichtige Zentren des Warfalla-Stammes, des größten libyschen Stammes. Libyen besteht aus vielen Stammesgesellschaften, und der Warfalla-Stamm gehört zu den bedeutendsten. Die Zerstörung ihrer Zentren hat die Angehörigen dieses Stammes sehr erbittert. Hätte die Verwüstung der beiden Städte nicht durch die von der Afrikanischen Union und den BRICSStaaten vorgeschlagenen diplomatischen Bemühungen und Verhandlungen verhindert werden können? Wir wissen es nicht. Es ist auch erwähnenswert, dass sich die International Crisis Group, eine sehr angesehene nichtstaatliche Organisation, die Lösungsvorschläge für internationale Konflikte und Krisen erarbeitet, gegen eine Intervention ausgesprochen hat. Auch sie setzte sich vehement für Verhandlungen und diplomatische Initiativen ein. Über die Einwände der Afrikanischen Union und anderer Organisationen wurde im Westen allerdings kaum berichtet. Wen interessiert das schon, was die sagen? Wenn ihre Vorschläge überhaupt in den Medien Erwähnung

fanden, wurden sie mit der Begründung niedergemacht, diese Länder hätten eben enge Beziehungen zu Gaddafi unterhalten. Das hatten sie wirklich, aber das Gleiche galt doch bis kurz vor der Intervention auch für Großbritannien und die USA. Die Intervention hat nun mal stattgefunden, und jetzt hoffen alle, dass am Ende noch alles gut wird, auch wenn es nicht so aussieht. In einer der letzten Ausgaben der London Review of Booms ist ein Bericht von Hugh Roberts erschienen, der damals in der International Crisis Group für Nordafrika zuständig und darauf spezialisiert war. Er verurteilt die Intervention und beschreibt ihr Ergebnis als totales Chaos, das wenig Hoffnung auf die Errichtung eines in Ansätzen demokratischen, einheitlichen Staates lässt. Das hört sich nicht besonders gut an, und wie steht es mit den anderen Staaten? Am wichtigsten für die USA und den gesamten Westen sind die ölreichen Diktaturen, und die sind nach wie vor sehr stabil. Auch dort gab es Versuche, sich an den Arabischen Frühling anzuhängen, die wurden aber schnell und rücksichtslos unterdrückt – ohne einen einzigen Einwand des Westens. Obwohl es dabei in den Schiiten-Gebieten im Osten Saudi-Arabiens und in Bahrain zu heftiger Gewaltanwendung kam, erhielten die Diktatoren von westlichen Mächten allenfalls einen Klaps auf die Finger. Der Westen will, dass die Öldiktaturen erhalten bleiben, weil ein Großteil seiner Macht auf deren Öl aufgebaut ist. In Tunesien, das immer noch stark unter französischem Einfluss steht, wurde die Diktatur bis zu ihrem Ende von Frankreich gestützt – auch dann noch, als es schon überall Demonstrationen

gab. Erst in letzter Sekunde musste der Lieblingsdiktator (Frankreichs) dann doch gehen. In Ägypten, das stärker unter dem Einfluss der USA und Großbritanniens steht, war das genauso. Obama unterstützte den Diktator Mubarak bis zur letzten Minute – bis ihn die ägyptische Armee fallen ließ. Erst als Mubarak nicht mehr zu halten war, wurde er zum Rücktritt genötigt, um die Installierung eines ähnlichen Regimes (unter Mursi) möglich zu machen. Das geschah ganz routinemäßig. Es ist das Standardverfahren, das immer zur Anwendung kommt, wenn ein Lieblingsdiktator (des Westens) in Schwierigkeiten gerät. So läuft das immer ab. Der amtierende Diktator wird immer bis zum Schluss unterstützt, unabhängig davon, wie grausam und blutdurstig er ist. Erst wenn sich die Armee oder die reiche Oberschicht von ihm abwenden, darf er sich – manchmal unter Mitnahme der halben Staatskasse – in ein anderes Land absetzen; seine westlichen Unterstützer entdecken plötzlich ihre Liebe zur "Demokratie", versuchen aber, das alte System wiederherzustellen – ziemlich genau das spielt sich gerade in Ägypten ab. Das Magazin Torture erscheint als Print- und Online-Ausgabe und wird von der Asian Human Rights Commission in Hongkong und dem „Danish Institute Against Torture“ in Dänemark herausgegeben. Mehr dazu unter: http://www.humanrights.asia/

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Als Heterosis- oder Bastardeffekt bezeichnet man eine besonders ausgeprägte Leistungsfähigkeit bei Pflanzen, welche die der beiden Elternteile übertrifft. Ich will Euch ein ganz einfaches Beispiel geben, das diesen Effekt verdeutlicht: Wir haben zwei Elternpflanzen, die beide gute Eigenschaften besitzen, einzig der Ertrag liegt bei der männlichen und der weiblichen Pflanze nur im mittleren Durchschnitt. Wir kreuzen beide Elternpflanzen miteinander und erhalten eine Generation, die plötzlich einen sehr hohen Ertrag erzeugt. Genau diese gesteigerte Leistung ist gemeint, wenn wir über den Heterosiseffekt sprechen. Natürlich beschränkt sich der Bastardeffekt nicht auf ein Merkmal oder eine Eigenschaft, genauso gut kann die Harzbildung oder der THC-Gehalt gesteigert oder gar verdoppelt werden. Was genau löst einen solchen Effekt aus, und kann man ihn vielleicht sogar zu eigenen Gunsten beeinflussen? Schaut man sich den heutigen Samenmarkt an, so stellt man fest, dass 90 % aller erhältlichen Sorten F1-Hybriden sind. Doch warum gibt es so viele F1-Generationen? Die Gründe sind verschieden: F1-Hybriden sind in der Regel schnell produziert und können in dieser Form nicht vom Grower oder anderen Züchtern nachgemacht werden. Will man den Strain ein weiteres Mal anpflanzen, muss man sich die Samen erneut im Handel kaufen. Auch der Heterosiseffekt spielt eine sehr große Rolle auf dem heutigen Markt. Der Effekt der starken und vitalen F1-Generation verspricht gute Ergebnisse bei einem minimalen Zeit- und Arbeitsaufwand. Der Heterosiseffekt unterliegt hauptsächlich zwei Faktoren, die seine Stärke bestimmen. Zum einen ist das eine möglichst hohe genetische Stabilität des sorteneigenen Genpools. Ein reinerbiger Genfundus wird einen deutlich stärkeren Heterosiseffekt haben als eine Kreuzung aus zwei mischerbigen Hybriden. Aus diesem ersten Faktor leitet sich auch gleich der zweite ab: Der Bastardeffekt ist umso stärker, je verschiedener der Genpool der beiden Elternpflanzen ist. Das heisst, dass der Effekt am stärksten ist, wenn eine reine Indica-Landrasse mit einer reinen Sativa-Landrasse gekreuzt wird, da die Unterschiede in der Genetik sehr groß sind. Aus einer solchen Kreuzung resultiert ein starker Heterosiseffekt, der bessere und vitalere Pflanzen hervorbringen kann, als beide Eltern für sich alleine waren. In der Regel äußert sich dies in einem sehr vitalen Aussehen, einem guten und kraftvollen Wachstum, einem überdurchschnittlichen Ertrag und einem hervorragenden Harzbesatz. Doch der Heterosiseffekt bietet keine Garantie, dass aus zwei x-beliebigen Sorten eine absolute Top-Genetik entstehen muss. Die Wahl der bestmöglichen Elternpflanzen ist das A und O bei der Zucht von F1-Hybriden. Viele von Euch werden jetzt vielleicht denken, dass sich die Zucht von F1-Hybriden doch gar nicht so schwierig anhört; man könnte doch jetzt nur noch auf die erste Filialgeneration setzen und damit F1-Hybriden produzieren. Doch es gibt da noch ein Problem, vor allem für Züchter, die aus bestehenden F1-Generationen wieder neue Strains züchten wollen. Wir wissen, dass der Heterosiseffekt bei der F1 am stärksten ist und mit jeder weiteren Inzuchtgeneration schwächer wird. Nun selektiert ein Breeder einen F1-Hybrid, der ihm besonders gut erscheint, und kreuzt ihn mit einem männlichen Exemplar einer anderen Sorte. Überraschenderweise ist die daraus entstehende Gruppe von Pflanzen nur durchschnittlich und zeigt nur sehr wenige gute Eigenschaften. Was ist jetzt auf einmal passiert; beide Elternteile besaßen doch sehr gute Eigenschaften? Es ist oft so, dass der starke Heterosiseffekt einer F1-Generation die eigentlichen, vielleicht nur durchschnittlichen Merkmale einer Sorte, überdeckt oder abschwächt. Die Pflanze, die man selektiert hatte, war nur deshalb so leistungsfähig, weil es einen starken Bastardeffekt gab und nicht, weil die Pflanze so gute Gene hatte. Kreuzt man mit derselben Pflanze weiter, werden nur die durchschnittlichen Gene weitervererbt, und nicht die Stärken des Heterosiseffekts. Wie kann man herausfinden, wie gut oder wie hochwertig die realen Eigenschaften einer Pflanze sind? Eine für den Züchter sehr wichtige Generation ist die F2, also die erste durch Inzucht entstandene Tochtergeneration zweier Pflanzen der gleichen Sorte. Wir wissen, dass in dieser Generation vermehrt die rezessiven Merkmale zur Ausprägung kommen, die man in der F1-Linie noch nicht gesehen hat. Diese erste Inzuchtlinie ist also wichtig, um die Genetik kennenzulernen und um sie richtig einschätzen zu können. Man kann die Pflanzen der F1 mit denen der F2 vergleichen und bestimmte Muster erkennen. Produziert eine bestimmte Sorte in beiden Generationen einen sehr starken Harzbesatz, dann kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine reinerbig/dominante Eigenschaft handelt, die auch in einer neuen Kreuzung zur Ausprägung kommen würde. Sind die Unterschiede von F1- zu F2-Generation sehr groß, dann wird auch die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass es sich bei den Merkmalen um mischerbige Gene handelt. Stabile Sorten werden sich in einer F2 deutlich weniger aufspalten als Multi- oder Polyhybriden, die für sich genommen schon aus mehreren Grundsorten bestehen und darum auch viel mehr Phäno- und Genotypen bei der ersten Inzuchtlinie ausbilden. Die Pflanzen aus dieser Generation zeigen sehr häufig Merkmale, die den Grundeltern

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entsprechen. Rezessive Merkmale müssen dabei nicht unbedingt negativ sein; es ist durchaus möglich, dass einige Eigenschaften viel besser sind als dominante Merkmale, die in der F1-Generation zur Ausbildung kamen. Aus diesem Grund ist die F2Generation eine der wichtigsten und aussagekräftigsten Generationen, um wirklich das ganze Potenzial einer Genetik bestimmen zu können. Auch der Heterosiseffekt wird durch Gene beeinflusst. Wir haben anfangs gesagt, dass die gesteigerte Leistung bei sortenreinen Strains höher ausfällt als bei einer Kreuzung zweier unterschiedlicher Hybriden. Es gibt aber noch einen anderen großen Vorteil der F2: Da die Variationen in der F2 zunehmen und sich die Pflanzen teilweise stark aufspalten, kann man Pflanzen selektieren, die nahe an die eigenen Wünsche herankommen. Wir wissen, dass man oft die Grundeltern in den F2-Pflanzen erkennen kann. So kann man z. B. eine Pflanze wählen, die einem bestimmten Elternteil am meisten ähnelt. Kreuzt man diese F2-Pflanze mit dem Elternteil der P1-Generation, so erhält man wieder eine neue Pflanzenpopulation, die sich sehr homogen verhalten kann und die zum großen Teil die Eigenschaften besitzt, welche die Pflanze hatte, die man vorher selektiert hatte. Aus diesem Grund werden bei Inzuchtlinien oder Stabilisierungs-Projekten auch meist mehrere Pflanzen der F2-Generation selektiert, um diese unabhängig voneinander durch Inzucht zu vermehren. Später kann man diese wieder mit den Grundeltern oder einer späteren Inzuchtgeneration kreuzen. So wird man Stück für Stück bestimmte Merkmale fixieren können und damit die Pflanzen homogener machen. Aber seien wir ehrlich. Welcher Breeder macht sich heute noch die Arbeit, über Jahre hinweg an einer Sorte und mit mehreren Generationen zu arbeiten? Solche Projekte können auch im Indoor-Bereich Jahre dauern, und selbst hier kann es Rückschläge geben. Die Cannabiszucht besteht nicht nur aus der Produktion von schnellen F1-Generationen, von denen man jeden Monat drei auf den Markt bringt. Jede seriöse Zucht geht weit über F1-Kreuzungen hinaus, auch wenn man dafür etwas mehr Zeit, Geduld und auch mehr Platz investieren muss – die Ergebnisse werden sich in jedem Fall lohnen. Zum Schluss will ich noch etwas näher auf die Begriffe Phäno- und Genotyp eingehen. Wo liegen die Unterschiede und welche Form der Ausprägung ist für einen Züchter besonders wichtig? Der Genotyp einer Pflanze beschreibt die Informationen aller Merkmale und Eigenschaften, die im gesamten Genfundus festgeschrieben sind. Das Wichtige hierbei ist, dass man ausschließlich die Gene betrachtet. Wenn man nun eine Pflanze anschaut, kann man nicht sagen, wie der Genotyp aussieht oder welche Merkmale er vorgibt. Das optische Bild beschreibt man mit dem Begriff „Phänotyp“. Wir wissen, dass äußere Bedingungen wie Licht, Temperatur, RLF, Düngermenge und vieles andere mehr das Aussehen einer Pflanze verändern können. Ein Beispiel: Wir haben drei Stecklinge von einer Mutterpflanze geschnitten und growen diese drei völlig identischen Pflanzen unter verschiedenen Bedingungen. Ein Steckling wird in ein Hydrosystem gesetzt und nach einer bestimmten Wachstumsphase am Haupttrieb beschnitten. Ein anderer Klon wird in Erde gesetzt und darf unbeschnitten weiterwachsen, aber er bekommt über den Dünger zusätzlich große Mengen Stickstoff. Der letzte unserer drei Stecklinge kommt auch in Erde, wird aber unter sehr hohen Temperaturen und schlechtem Licht gegrowt. Obwohl alle Pflanzen einen identischen Genotyp haben, werden sie am Ende des Grows völlig verschieden aussehen. Der beschnittene Steckling im Hydrosystem wird sehr schnell und auch sehr buschig wachsen, einen guten Ertrag abwerfen und auch sonst gute Eigenschaften zeigen. Der zweite Klon, der viel Stickstoff bekommen hat und auf Erde gewachsen ist, wird sehr groß werden und eher ein Haupttrieb-dominantes Wachstum zeigen. Der Ertrag wird wegen der Menge an Stickstoff eher niedrig sein. Die dritte Pflanze, die unter suboptimalen Bedingungen aufgewachsen ist, wird entsprechend kleinwüchsig sein und wenig Ertrag bringen. Die äußeren Einflüsse sind nicht zu unterschätzen und können eine Pflanze mit einem sehr guten Genpool schlecht aussehen lassen. Ob Topfgröße, Nährstoffe, Lichtdauer oder Medium – alles hat einen Einfluss auf die äußere Pflanzenform, auch wenn diese Faktoren niemals den Genpool manipulieren können. Jetzt werden sich viele von Euch fragen: „Wie kann ich dann überhaupt Pflanzen mit einem guten Genotyp selektieren?“, denn darum geht es ja jedem Züchter. Auch wenn ein Genotyp verschiedene Phänos ausbilden kann, liegen beide trotzdem in einem vom Genotyp vorgegebenen Rahmen. Auch wenn wir selektieren, machen wir das normalerweise in einem Raum oder im Garten unter möglichst optimalen Bedingungen. Somit wachsen alle Pflanzen unter ziemlich identischen Bedingungen auf. Treten jetzt große Unterschiede auf, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich auch die Genotypen deutlich voneinander unterscheiden. Gibt es unter optimalen und gleichen Bedingungen sehr gute Pflanzen, dann ist es also wahrscheinlich, dass diese Pflanzen auch einen sehr guten und für die Zucht verwertbaren Genotypen besitzen.

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2011 markiert das Jahr, in dem „Autoflowering” der neue Trend in der Hanfszene wurde. Davor waren es die feminisierten Strains, die sich größter Beliebtheit bei den GrowerInnen erfreuten. Dazu muss man allerdings sagen, dass fast alle modernen selbstblühenden Sorten, die es heute auf dem Samenmarkt gibt, „AutoFems”, also autofeminisierte Samen sind. Reguläres Saatgut ist auch bei den autoflowering Strains kaum noch erhältlich. Think Different war Dutch Passions erster autofeminisierter Strain der zweiten Generation, welcher Erträge über 200 g Trockengewicht produzierte. Seymour Buds, ein sehr erfahrener Grower, sprengte alle bis dahin bekannten Rekorde, als es ihm gelang, unter LED-Lampen und mit einer Hydrokultur über 350 g trockene Blüten mit Think Different zu produzieren. Sein Growtagebuch, welches er auf YouTube veröffentlichte, wurde von über 20.000 Leuten angeschaut, und danach explodierte die Nachfrage nach diesem Strain förmlich. Autoflowering war in aller Munde und die BreederInnen aller Samenbanken investierten viel Zeit und Geld in die Zuchtarbeit von neuen selbstblühenden Strains und autoflowering Versionen klassischer Sorten. Seit 2012 gibt es unzählige neue AutoFems auf dem Markt und ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Autofeminisierte Cannabispflanzen der zweiten und dritten Generation vereinen für den/die HobbygärtnerIn alle Eigenschaften, die diese/r sich von einem Strain wünscht. Die Pflanzen gehen unabhängig vom Lichtzyklus in die Blüte, werden schneller reif, wachsen kompakt und werden nicht zu hoch oder zu breit, was gerade beim Indoor-Anbau auf begrenztem Raum, in der Homebox und auf dem Balkon von großem Vorteil ist. Die Erträge sind mittlerweile zufriedenstellend: Durchschnittlich 150300 g, und auch in ihrer Wirkung und ihrem Aroma stehen sie den herkömmlichen Strains in nichts nach. Trotz unserer 25-jährigen Erfahrung als professionelle Hanfsaatgutzüchter lernen auch wir bei Dutch Passion immer weiter dazu. Unsere KundInnen und viele GrowerInnen, die unsere Sorten anpflanzen, stehen mit uns in engem Kontakt und berichten uns von ihren Erfahrungen mit unseren Strains. Seit Think Different haben wir zahlreiche neue autofeminisierte Sorten gezüchtet und in den Markt eingeführt. Auto Mazar und Auto Blueberry sind die autoflowering Versionen unserer klassischen Strains. Snow Storm, Polar Light, Star Ryder, Tundra und Taiga vervollständigen unser Angebot an AutoFems und erfreuen sich großer Beliebtheit bei den HobbyzüchterInnen. Die verkürzte Blütezeit bei selbstblühenden Sorten ist sicher einer der Hauptgründe, warum immer mehr HobbygärtnerInnen sich dafür entscheiden, autoflowering Strains anzupflanzen. Autos werden durchschnittlich innerhalb von 10-12 Wochen erntereif und selbst AnfängerInnen berichten von Erträgen um die 150 g pro Pflanze. So ein Ergebnis lässt sich mit Standardsorten innerhalb von so kurzer Zeit nicht erreichen. Natürlich gibt es bei der ganzen Sache auch einen Haken: Indoors wachsen und gedeihen Autos unter einem 20-Stunden-Lichtzyklus und nur vier Stunden Dunkelheit. Das schlägt sich natürlich in der Stromrechnung nieder. Vielen GrowerInnen sind allerdings die längeren Lichtstunden bei einer allgemein verkürzten Blütezeit die Sache wert. In der Wachstumsphase stehen AutoFems oft zusammen mit Mutterpflanzen und Stecklingen in der Growkammer und ein weiterer Vorteil des langen Lichtzyklus ist die zusätzliche Wärmeentwicklung, die sich vor allem in den kalten Wintermonaten im Norden Europas positiv auswirken kann. In warmen Klimazonen wie Südeuropa werden selbstblühende Sorten unter freiem Himmel oder in Gewächshäusern gezogen. Im Mittelmeerraum kann man bis zu dreimal im Jahr aussähen und leckere Hanfblüten ernten, wobei herkömmliche Strains nur eine Ernte erlauben. Für uns bei Dutch Passion besteht deshalb kein Zweifel, dass den AutoFems die Zukunft gehört, und wir werden auch in Zukunft unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, weitere selbstblühende Strains zu entwickeln. Vor allem unsere gemeinsamen Kollaborationen mit anderen BreederInnen und Seedbanks in der letzten Zeit machen uns großen Spaß. Star Ryder ist ein gemeinsames Projekt von Joint Doctor, dem Züchter des Klassikers, und dem original autoflowering Strain Lowryder. Auf www.uk420.com und www.autoflower.net kann man sich u. a. Grows mit Star Ryder anschauen, bei denen es den GrowerInnen gelungen ist, unter 400‑W-NDL-Lampen bis zu 1 g pro Watt zu erreichen. In dieser Saison präsentieren wir unseren neuen selbstblühenden Strain Auto Xtreme, den wir in Zusammenarbeit mit der spanischen Seedbank Dinafem gezüchtet haben. Auto Xtreme ist unsere erste Auto, die in durchschnittlich zwölf Wochen erntereif wird. Sie wächst ca. 1,5 m hoch und produziert durchschnittlich 100-150 g Trockengewicht. Wir sind sehr stolz auf diesen Strain und sehen in ihm einen Meilenstein bei der Entwicklung von immer besseren und ertragreicheren autoflowering Pflanzen, die den herkömmlichen Sorten in nichts nachstehen. Stellt sich die Frage, ob selbstblühende Strains bald den Standard in der Hanfszene darstellen und die herkömmlichen Sorten ablösen werden. Hier bei Dutch Passion denken wir, dass AutoFems sich immer größerer Beliebtheit erfreuen werden und das Angebot an neuen selbstblühenden Sorten weiter wachsen wird. Trotzdem wird es neben den Autos auch immer noch die klassischen Sorten geben. Autos bereichern die Szene um weitere Optionen, wie und wo man Cannabis anpflanzen kann, und das kann ja nur gut sein...

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Surft man heute durch das World Wide Web und schaut sich die hiesigen Growforen an, merkt man sehr schnell, dass das Wort „Landrasse“ alle anderen Sorten etwas in den Hintergrund drängt. Die ganze Aufmerksamkeit der Grower und Hobbyzüchter konzentriert sich auf diese Genetiken. Warum? Ich glaube, die meisten assoziieren mit Landrassen bestimmte positive Eigenschaften wie zum Beispiel eine starke Wirkung, einen überdurchschnittlichen Harzbesatz, ein besonderes Aroma und einen mindestens genauso guten Geschmack. Doch was ist dran an dieser weit verbreiteten Vorstellung? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, was Landrassen überhaupt sind und wie sie sich von den übrigen, handelsüblichen Sorten und Hybriden unterscheiden. Es gibt keine festgelegte Definition, wann man eine bestimmte Genetik oder eine Population von Pflanzen zu den Landrassen zählen kann. Es gibt aber eine grundlegende Bestimmung, die besagt, dass sich eine Pflanzenart über mindestens zehn Generationen völlig unabhängig vom Menschen entwickeln muss, damit man sie als eine eigene Sorte oder Landrasse anerkennt. Sobald der Mensch in irgendeiner Art und Weise eingreift, zum Beispiel eine Generation von Pflanzen selektiert und untereinander kreuzt, kann man genau genommen nicht mehr von einer Landrasse sprechen. Das Gleiche passiert, wenn eine neue, nicht verwandte Sorte in eine Landrasse eingekreuzt wird. In einem solchen Fall spricht man wieder von einem Hybriden und nicht mehr von einer sortenreinen und angepassten Landrasse. Natürlich wissen die Samenbanken und Breeder von der Magie des Wortes „Landrasse“ und den damit assoziierten Merkmalen und Eigenschaften. Es ist natürlich klar, dass man eine über Jahre und Generationen angepasste Sorte erst selektieren muss, damit man neue Samen für den Handel produzieren

kann, und so werden auch durch Züchter selektierte Landrassen als ebensolche bezeichnet. Solange man keine neue Genetik einkreuzt und ausschließlich durch Inzucht Samen produziert, ist die Bezeichnung „Landrasse“ absolut legitim, wenn auch genau genommen falsch. Jeder Grower hat sich sicherlich schon einmal die Frage gestellt, wo man heute noch wilde und ursprüngliche Populationen von Hanfpflanzen antrifft. Es gibt leider keine einfache Antwort auf diese Frage, zumal es auch auf das Land ankommt, in dem man nach solchen Sorten sucht. Das erste Land, an das man in diesem Zusammenhang denkt, ist Marokko. Hier zählt der Anbau von Hanf und die Herstellung von Hasch seit vielen Jahrzehnten zu den wichtigsten und gewinnbringendsten Wirtschaftszweigen. Doch man darf nicht denken, dass bis heute nur ursprüngliche und über Jahrzehnte angepasste Hanfsorten angebaut werden. Skunk und Co. haben hier schon vor vielen Jahren Einzug gehalten. Die ansässigen Bauern kennen und profitieren von der enormen Harzbildung der heutigen Hybriden, denn viel Harz heisst auch viel Hasch, eine bessere Qualität und schlussendlich auch mehr Geld. Es gibt sicher noch einige wenige marokkanische Sorten, die von großen Familienclans angebaut werden, doch meist handelt es sich dabei um Mischungen aus verschiedenen pakistanischen, indischen und afghanischen Sorten. In Jamaika ist die Sache ähnlich, und auch Afrika bildet in diesem Zusammenhang keine große Ausnahme. Wenn man solche Länder besucht, macht es auch nur wenig Sinn, die Samen auf großen Feldern zu sammeln. Das Problem hierbei ist die völlig unkontrollierbare Bestäubung der Pflanzen. Es reicht schon,

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wenn zwei verschiedene Sorten auf einem Feld oder benachbarten Feldern angebaut werden und diese sich gegenseitig befruchten. Dann wird aus der Landrasse wieder ein Hybrid und es braucht wieder etliche Jahre, bis sich dieser neue Strain etabliert und natürlich selektiert hat. Ein weiteres Problem, das gerade in Marokko auftaucht, sind die Unmengen an Zwittern. Ich selbst hatte bis zum heutigen Tag vier unterschiedliche und aus verschiedenen Regionen stammende, per Hand gesammelte Sorten, die ich von Freunden und Bekannten bekommen habe, und bei allen vier Strains bestanden die Pflanzen zu 90 % aus Zwittern; eine richtige Selektion war also unmöglich. Wer wilde und einheimische Sorten sucht, sollte sich lieber an kleine und unscheinbare Populationen am Wegesrand oder im Garten einer Familie halten. Kleine Gruppen von Pflanzen haben zwei entscheidende Vorteile: Eine kleine Population hat einen viel größeren Selektionsdruck als Pflanzen, deren Anzahl in die Tausende geht. Eigenschaften und Merkmale werden schneller fixiert, da sich nur die Pflanzen vermehren können, welche optimal angepasst sind. Bei großen Populationen dauert dieser Vorgang viel länger, da es viel mehr Phänotypen und Genotypen gibt und es im Vergleich zu den kleineren Gruppen auch zu unvorteilhaften Kreuzungen oder Bestäubungen kommen kann. Der zweite Vorteil ist der, dass die Sortenreinheit bei der in der Anzahl an Pflanzen stark eingeschränkten Population in der Regel deutlich höher ist. Man könnte zum Thema „Landrassen“ noch viel mehr schreiben, doch ich will es erstmal dabei belassen, da ich Euch ja noch zwei verschiedene Landrassen vorstellen will. Ich will aber noch einmal auf die vermeintlich positiven und hochkarätigen Merkmale einer Landrasse eingehen. Jeder, der schon mal eine selektierte und im Handel erhält-

liche Landrasse gegrowt hat, weiß, dass diese Sorten zwar gut sind und auch gute Eigenschaften besitzen, aber in der Regel F1-Hybriden wie die „White Widow“ oder „AK-47“ noch etwas besser und vor allem auch in ihrer Wirkung stärker sind. Diese Unterschiede kommen nicht von ungefähr. Es gibt wirklich nur sehr wenige reine Landrassen, die mit der Wirkung, dem Ertrag und dem Harzbesatz eines F1-Hybriden mithalten können. Doch wozu sind Landrassen denn nun gut und warum will sie jeder haben? Für Ertragsgrower werden Landrassen, ob wild oder vom Breeder selektiert, kaum interessant sein, aber jeder, der selber züchtet oder sich für sortenreine Strains interessiert, wird jede wilde Landrasse einem F1-Hybriden vorziehen. Aus solchen wilden Sorten kann man sehr starke, hochkarätige Hybriden züchten, und man kann seinen eigenen Grundstock oder bestimmte Genetiken/Zuchtprojekte auffrischen. Für die Zucht sind solche Strains enorm wichtig und sehr wertvoll. Bei Kreuzungen aus zwei möglichst verschiedenen, nicht verwandten und sortenreinen Genetiken greift ein Effekt, der für solch starke Nachkommen sorgt. Der Heterosiseffekt wird bei diesen Kreuzungen immer stärker sein als bei einer Kreuzung, die aus zwei verwandten Sorten oder aus zwei Hybriden besteht. Dieser Bastardeffekt ist wieder ein Thema für sich und wird im Artikel „ Der Heterosiseffekt“ (s. Seite 38) ausführlich erklärt. Wie versprochen, will ich Euch jetzt zwei wilde Landrassen aus zwei völlig verschiedenen Regionen der Welt vorstellen. Bei der ersten Sorte handelt es sich um eine reine Sativa aus Ghana, die ihren Ursprung in der Region um Kade hat. Der zweite Strain ist eine Indicaähnliche Landrasse aus der Südtürkei. Von der Genetik her zwei völlig verschiedene Strains, die sich aber in manchen Dingen gleichen und


uns helfen, das Bild einer wilden und von der Natur selektierten Landrasse besser zu verstehen.

Sativa Ghana Sativa & South Turkey Indica Von beiden Landrassen standen mir zwanzig per Hand gesammelte Samen zur Verfügung, von denen ich je zehn zum Keimen gebracht habe. Seeds von wilden Landrassen sind meist sehr klein und haben die ungefähre Größe eines Stecknadelkopfes. Dabei gibt es keinen Unterschied, ob es sich um Indica oder Sativa handelt. Die Größe von Samen hängt von vielen Faktoren ab, von denen zwei besonders wichtig sind. Erstens gedeihen wild wachsende Pflanzen sehr oft auf nährstoffarmen Böden. Dazu kommt, dass viele weibliche Exemplare komplett bestäubt werden. Diese Pflanzen müssen nun Tausende von Samen bilden, obwohl sie nur mit sehr wenigen Nährstoffen versorgt werden. Aus diesem Grund sind die Samen von wild gewachsenen Pflanzen oft sehr klein. Beide Landrassen keimten problemlos und auch die ersten zwei Wachstumswochen überstanden die zwanzig Pflanzen ohne größere Schwierigkeiten. Bei jeder Sorte gab es ein bis zwei Exemplare, die etwas hinterherhinkten und auch gleich entsorgt wurden. Die Unterschiede zwischen der Ghana- und der Türkei-Genetik waren von Anfang an sichtbar. Während die Ghana sehr filigrane Blätter und ein schnelles Wachstum vorweisen konnte, gewann die Türkische Indica nur sehr langsam an Höhe dazu. Ihre Blätter waren zudem sehr klein, aber trotzdem fleischig und extrem grob gezackt. In der dritten Woche wurde die Photoperiode umgestellt und damit die Blüte eingeleitet. Die Ghana Sativa machte wenige Tage später einen sehr großen Wachstumssprung und erreichte schon nach 20 Blütetagen die 70-cm-Marke, während die Türkei gerade mal bei 25 cm angekommen war. Doch die türkischen Pflanzen hatten ein sehr buschiges und verzweigtes Äußeres, was wirklich sehr schön anzuschauen war. Man könnte diese Genetik in dieser sehr frühen Phase durchaus mit der Deep Chunk vergleichen, da sich beide Sorten vom Wuchsmodell und der Blattform her nicht unterscheiden. Bei der Blütenbildung und dem Outing der Geschlechter war die Sativa nur unwesentlich langsamer als die türkische Landrasse. Bei beiden Sorten konnte man ab dem 1822. Blütetag männliche und weibliche Exemplare unterscheiden. Bei der türkischen Landrasse veränderten sich nun langsam die Blätter, die dicken und fleischigen Sonnensegel verschwanden. Es entstanden sehr feine, längliche, aber doch noch sehr grob gezackte Blätter, die eine wirklich sehr schöne Indica-betonte Form besaßen. Die Sativa hatte von Beginn an sehr filigrane Blätter, die sich nun noch mehr in die Länge zogen und immer Sativa-dominanter wurden. Man konnte ebenfalls schon sehr früh sehen, dass die Blüten, welche die Ghana produzierte, sehr luftig und locker werden sollten. An allen Trieben wuchsen weibliche Blüten, die später zu einer großen Hauptblüte zusammenwuchsen. Auch der Harzbesatz der Ghana Sativa war überraschend gut, was sich natürlich auch auf das Aroma übertragen sollte. Strains mit einem hohen Harzbesatz riechen in der Regel auch stärker und intensiver. Weniger Harz produzierte dagegen die türkische Landrasse. Hier konnte man nur auf den Blüten sehr kleine Trichome erkennen. Auch hier bestand eine große Ähnlichkeit mit Sorten aus Nordafghanistan, die auf einer bestimmten Fläche zwar sehr viele Harzdrüsen ausbilden, deren Trichomen im Vergleich zu anderen Strains jedoch sehr klein sind. Da sich das Harz bei der türkischen Landrasse nur auf den Blüten und nicht auf den Blättern befand, war auch die Intensität des Aromas bei Weitem nicht so stark wie bei der Sativa oder anderen Indica-betonten Sorten. Der Geruch war auch nicht fruchtig oder haschig, wie man erwarten könnte, sondern er kann am besten als eine Mischung aus krautig und bitter beschrieben werden. Das hört sich im ersten Moment nicht ganz so toll und lecker an, aber es war ein völlig neuer Geruch, den ich zuvor kein einziges Mal in meiner Growkarriere wahrgenommen habe. Auch der Ertrag lag im niedrigen Bereich, was bei wilden Sorten keine Besonderheit ist. Das Gleiche gilt für den Turn, der nicht sehr stark war, aber eine sehr dumpfe und einschläfernde Wirkung hatte. Ich vermute, der Anteil an CBD ist hier deutlich höher als der von THC. Ganz anders die Ghana Sativa: Nach 85 Tagen waren die Blüten ausgereift und verströmten einen typischen krautigen und leicht blumig/fruchtigen Geruch. Die Wirkung war gut – nicht so stark wie die von Hybriden, aber absolut top für eine völlig wilde Sorte, die ausschließlich von der Natur selektiert wurde. Der Turn kam sehr trippig und euphorisierend, ohne dass man ihn als zu stark und aufputschend empfindet. Das Fazit der Sativa aus Ghana fällt durchweg positiv aus. Die türkische Indica hat zwar einige sehr gute Eigenschaften, doch die wichtigen Merkmale wie Aroma oder Harzbesatz liegen eher im guten Durchschnitt, was jetzt keine große Überraschung war. Beide Genetiken wurden nach diesem ersten Testgrow durch Inzucht vermehrt und nochmal selektiert. Es gab auch einige Testkreuzungen, die hochkarätige Hybriden hervorgebracht haben – vor allem die F1-Generationen, welche Sativa-Gene in sich tragen, haben eine erstklassige Qualität. In einer der nächsten Ausgaben werde ich Euch etwas mehr von diesen neuen F1-Hybriden erzählen.

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Oben angekommen habe ich ihn dann gefragt, ob er bei der nächsten Bergfahrt mal mein namenloses, tschechisches Outdoor-Sativa probieren wolle, mit dem ich mir die Skitage im Riesengebirge versüßt hatte. So hatte ich für die nächste Liftfahrt und auch für die nächsten Tage einen Begleiter auf der Piste, denn Sebastian und ich hatten uns viel zu erzählen und eine nicht ganz geringe Menge gutes Gras zu teilen. Nach ein paar gemeinsamen Urlaubstagen habe ich meinen neuen Freund dann gebeten, mir ein Interview zu geben, weil seine Leidenschaft für Sport nicht gerade dem Klischee entspricht, das Hanfliebhabenden anhaftet. Sebastian ist übrigens bei Weitem nicht der einzige Kiffer aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, der regelmäßig und viel Sport treibt und fast allabendlich Cannabis raucht. Aber Sebastian ist mit Sicherheit der extremste, denn er ist erst zufrieden, wenn es richtig weh tut...

Was ist ein Sport-Kiffer? Du meintest einmal zu mir, du seist ein ʼSport-Kifferʼ. Kannst du das bitte mal genauer erklären? Ich habe seit meinem siebten Lebensjahr viel Sport getrieben, als Kind viele Sportarten ausprobiert und bin ein richtig guter Fußballer geworden. So gut, dass ich in einigen Auswahlen gespielt habe, aber das hatte seinen Preis: Ich hatte bereits mit zwölf Jahren kaum noch Zeit für Privates, es gab nur Schule und Sport. So mit 14 oder 15 entdeckte ich den Reiz des weiblichen Geschlechts sowie des Rausches, was meine Lust auf sportliche Aktivitäten wiederum negativ beeinflusste. Meine bevorzugte Droge war selbstredend der Alkohol. Haschisch war in unserem dörflichen Umfeld der frühen 1980er Jahre komplett verpönt und meine Kumpels und ich wollten ja damals auch noch nix mit den drogensüchtigen Hippies gemein haben, die man im Jugendzentrum der nächstgrößeren Stadt rumlungern sehen konnte. Leider hatte ich, genau wie im Sport, ein leichtes Problem, mein rechtes Maß beim Stemmen von Selbigem einzuschätzen und so kam es häufiger vor, dass ich mich bis zur Besinnungslosigkeit betrank und auf dem Weg ins Delirium alles vollkotzte, was sich mir in den Weg stellte; inklusive meiner ersten zarten Jugendliebe. Ich hatte zu dieser Zeit nur so nebenbei fünf Mal die Woche Training, mit Leistungszentrum, Begabten-Sichtung und allem Pipapo. Kurzum: It was too much für einen 15-Jährigen. Meine Eltern waren ziemlich mit sich selbst beschäftigt und selbst dem Suff nicht ganz abgeneigt und haben so, mit Ausnahme der sportlichen Erfolge, vom Privatleben ihres Sohnemanns fast nix mitbekommen. 'Wir haben früher auch öfter mal einen über den Durst getrunken, geschadet hatʼs nicht', höre ich meinen Vater heute noch sagen, als ich einmal fast besinnungslos zu Hause abgeliefert wurde. Ich war so damit beschäftigt, Schule, WochenendSuff und die zunehmende Zahl der Kneipengänge unter der Woche unter einen Hut zu bringen, dass meine sportlichen Aktivitäten langsam aber sicher weniger wurden. Kurz vor dem Abitur, also so mit 18, habe ich dann angefangen, ab und zu zu kiffen und hatte eine Menge Spaß dabei, allerdings spielte das in meiner Freizeitgestaltung damals noch eine sehr untergeordnete Rolle. Meine Leidenschaft galt dem Suff sowie dem anderen Geschlecht, und zwar genau in dieser Reihenfolge. Kiffen war absolute Nebensache. Als ich dann mit knapp 19 Jahren Abi machte, hatte ich den Sport komplett aufgegeben und durch die ständige Biertrinkerei fast zehn Kilo zugenommen, kurzum: Ich hatte zwar mein Abitur in der Tasche, sah aber scheiße aus und hatte, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, bereits mit 19 Lenzen ein mittelschweres Alkoholproblem. Aber dafür kaum gekifft? Bei uns auf dem Lande gab es ja fast nie was zu Kiffen, aber Saufen war fast normal. Ich bin dann nach dem Abi nach Berlin gezogen, um zu studieren. In Berlin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige 'Kiffer-Szene' kennengelernt. Ich fand das unglaublich, wie offen ich vor fast 25 Jahren schon in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg kiffen und Hasch oder Gras kaufen konnte. Am Anfang habe ich dann erst einmal die totale Party gefeiert, alles ausprobiert und ziemlich schnell festgestellt, dass die Dauer-Party auch nicht das Wahre ist. Während der Anfangszeit meines Studiums habe ich dann LSD, Pilze und (fast) die ganze Palette illegalisierter Drogen ausprobiert, nur von Opiaten habe ich die Finger gelassen, was bei meiner Anfälligkeit für Alkohol sicher eine weise Entscheidung war.

Natürliche Entschleunigung Hat dein Studium darunter gelitten? Klar, anfangs schon, ich war eher selten an der Uni und mittlerweile fast 20 Kilogramm schwerer als mit 17. Aber nach ein paar Semestern habe ich dann wieder die Kurve gekriegt, was, wie ich im Nachhinein zugeben muss, an meiner damaligen Freundin lag. Die hasste Alkohol und Fleisch, liebte aber ihr Ganja. Nachdem wir zusammengezogen waren, habe ich fast gar nicht mehr getrunken und gesund gegessen, das Studium wieder ernst genommen und jeden Abend gekifft. Außerdem habe ich angefangen, zu schwimmen und Rad zu fahren, erst nur aus rein praktischen Gründen: Wir waren latent pleite und das Fahrrad war billiger als öffentliche Verkehrsmittel. Im Schwimmbad gab es nach dem Schwimmen heiße Duschen ohne Zeitlimit, in unserer Ostberliner Wohnung nur einen kleinen Boiler, der nach zweieinhalb Minuten leer war. Nach kurzer Zeit habe ich wie von selbst Gewicht verloren, ohne dass ich mich zusammenreißen musste. Daraufhin habe ich noch mehr Sport gemacht und ein wenig mehr gekifft, als Ausgleich sozusagen, weil ich jetzt immer mehr Aufgaben, aber nicht mehr Zeit hatte. Nach drei Monaten waren es zehn, nach fünf Monaten 20 Kilo. Nach über einem halben Jahr hatte ich mein Idealgewicht wieder und war wieder ziemlich fit. Man kann sagen, ich habe kurz vor knapp die Kurve gekriegt, und ab damals stand eines für mich fest: Ab jetzt gibt es Weed statt Alk und Sport wie in alten Zeiten. Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Seitdem habe ich mein Studium erfolgreich beendet, unzählige, mehrtägige oder gar längere Fahrradtouren gemacht und lege immer noch alle Wege mit dem Rad zurück, gehe ständig schwimmen, laufe seit ein paar Jahren abends ein paar Runden und... kiffe immer noch nach Feierabend. Nebenbei bin ich finanziell unabhängig und habe zwei Kinder sowie einen Job, der mich mit Freude erfüllt. Geht dir die jahrelange Raucherei nicht auf die Lungen beim Sport? Seit ich pur rauche, spüre ich keinerlei Beeinträchtigung mehr. Ich rauche auch nicht beim oder direkt nach dem Sport. Als ich Gras noch mit Tabak gemischt habe, was ich seit ungefähr fünf Jahren nicht mehr mache, habe ich einfach insgesamt mehr geraucht, aber war beim Sport nicht unbedingt unfitter als jetzt... man wird ja auch älter. Aber als ich noch richtige Zigaretten geraucht habe, war ich schon ein wenig kurzatmiger als heute. Es ist ja auch ein Unterschied, ob man den ganzen Tag raucht oder nur abends ein paar Mal auf der Couch an ein oder zwei Tüten zieht. Die Freundin von damals, die mich vom Suff zum Weed gebracht hatte, habe ich übrigens schon lange nicht mehr, aber ich habe seit damals meinen Lebensstil nicht wieder geändert. Ich mag es eben extrem: viel Sport, viel Arbeit, viel Weed und viel gutes Essen und keinen Alk oder andere Drogen. Wir wissen ja jetzt, dass du schwimmst, Rad fährst und ab und zu läufst. Außerdem scheinst du noch Ski zu fahren, und das gar nicht so übel? Ja, auch so ein Relikt meiner Kindheit, ich war jedes Jahr mit den Eltern beim 'Anton in Tirol', mit Jagatee und Aprés-Ski – widerlich. Aber Skifahren an sich ist einfach geil und im Vergleich zum Schwimmen oder Radfahren ist das für mich eher sportliche Erholung, weil lange nicht so anstrengend. Ich bin ja auch eher wegen der Kinder hier, die ich ein paar Tage in der Ski-Schule 'geparkt' habe. Wenn ich so wie jetzt allein fahre, kiffe ich auch gerne mal. Ich fahre nie total stoned Ski, sondern eher medizinisch dosiert. Ein, zwei Züge halt, mehr geht sowieso nicht im Lift. Wenn ich Auto fahre, kiffe ich zum Beispiel gar nicht, weil es allgemeiner Konsens ist, nüchtern zu fahren. Ich möchte da nicht aus der Reihe tanzen, auch wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass mein Reaktionsvermögen nach einem Zug am Joint nicht so eingeschränkt wie mit 0,4 Promille ist. Die Akzeptanz von Alkoholfahrten im Vergleich zu anderen Drogen im Straßenverkehr ist aber ein anderes Thema. Auf der Piste ist Nüchternheit allerdings kein allgemeiner Konsens und meine Art der natürlichen Entschleunigung sehe ich wie eine Lebensversicherung – solange scharenweise angetrunkene Narren, Speedsüchtige oder Hobby-Rennläufer, ungebremst von Behörden oder Kontrollen, ihr Unwesen auf Kosten sportbegeisterter Skiläufer treiben. Nicht zu unterschätzen ist die Aggressivität,

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die, bedingt durch die Geschwindigkeit, ähnlich wie beim Autofahren, viele Hobby-Skikünstler befällt, denen man ein so rüdes Verhalten im Alltag gar nicht zutraut. Dazu noch ein, zwei Bierchen zum Mittag auf der Hüttʼn, und fertig ist der gefährliche Mix aus Geschwindigkeit, aggressivem Fahrverhalten und fehlender Rücksicht. Deshalb passieren auch die meisten Ski-Unfälle in den Nachmittagsstunden. Ich hingegen komme mir, Hanf sei Dank, fast immer zu schnell vor, wenn ich es mal laufen lasse. Lieber ein wenig langsamer, bloß niemanden erschrecken, nicht auffallen (der Kiffer-Reflex), nur nicht zu dicht an die 'anderen' ran. Lieber technisch sauber fahren und auf den 'Flow' achten, ohne zu verkrampfen. Du weißt schon... Unsere LeserInnen interessiert sicher auch, ob du dein Gras kaufst oder selbst anpflanzt? Na hör mal, ich wohne seit Ewigkeiten in Berlin, wo es in jedem Bezirk mindestens einen Growshop gibt. Ich baue für mich selbst an. Ich habe mir schon Ende der 1990er Jahre eine kleine Box und eine kleine Mutterkammer gebastelt, die mich seit Langem unabhängig vom Schwarzmarkt macht. Für die Muttis und Stecklinge nutze ich 40x40 cm bei 75 Watt, meine Blühkammer hat eine 250‑Watt-Leuchte auf einer Fläche von 50x90 cm. Ich baue immer nur eine Sorte an, weil ich nur Platz für eine Mutter habe und nicht gerne mit Fremden Sorten tausche, wegen Krankheiten und Schädlingen. Zurzeit stehen neun Jack Flash in der Blüte, von denen ich mir wieder so um die 200 Gramm Ertrag erhoffe. Ich ernte eigentlich immer gute 20 Gramm pro Pflanze, im Sommer meist ein bisschen weniger. Am Anfang habe ich natürlich alle üblichen Fehler gemacht, habe überwässert, unterdüngt, Schädlinge nicht erkannt oder die Zeitschaltuhr vergessen. Aber mit der Zeit habe ich mich ganz gut 'eingefuchst' und ändere schon lange nichts mehr an meiner Grow-Technik. Neue Sachen wie Energiesparlampen oder Filter ohne Kohle sind mir suspekt. Als Medium nehme ich ein Kokos-Perlite-Gemisch, ich messe pH- sowie Ec‑Wert und bin relativ penibel, aber mein Equipment ist mit Ausnahme von Filter und Lampe schon über zehn Jahre alt. Ich verkaufe nix von dem Weed, habe ich mal was übrig, backe ich einen Kuchen oder auch zwei und mache mit Freunden eine schöne Party. Machst du manchmal Kiffpausen? Ich habe meine Regeln, die heißen: nie vor Feierabend, nie, wenn ich mit den Kindern was mache, das warʼs. Ausnahmen sind: Mein Geburtstag, Urlaub, Weihnachten und Silvester, da darf ich auch mal tagsüber. Und abends eigentlich immer. Was soll ich mir da vormachen? Ich habe fast acht Jahre lang exzessiv gesoffen und Zigaretten geraucht und habe nie eine Therapie gemacht oder Ähnliches. Ich nutze Ganja seit nunmehr fast 20 Jahren als Nikotin-Alkohol-Substitut. Damals habe ich dann eher zufällig einen für mich gangbaren Weg gefunden, mit meinem Hang zur Sucht oder zur Maßlosigkeit zu leben, indem ich angefangen habe, regelmäßig Weed zu rauchen, was meinen Drang nach Suff vollends und den nach Kippen fast komplett beendet hat. Später habe ich mir dann nach dem Alkohol die Zigaretten auch noch ganz abgewöhnt, nachdem es automatisch immer weniger geworden waren. Mein Arzt ist mit meiner Konstitution heute, wo ich 44 bin, hochzufrieden und mir geht es auch sonst blendend. Ich werde halt vom Kiffen nicht mehr richtig breit, so wie die meisten Gelegenheitskonsumenten aus meinem Freundeskreis in meinem Alter oder gar Neueinsteiger. Aber das nehme ich gerne in Kauf. Ob ich bis zum Lebensende kiffen werde, weiß ich selbst noch nicht. Aber wenn nix dazwischenkommt, sieht es zurzeit ganz danach aus. Apropos kiffen. Ich habe nebenbei einen angebaut, wollen wir nicht kurz mal die Location wechseln? Na dann, verabschieden wir uns doch vorher noch von den LeserInnen, bevor wir zum privaten Teil der Unterhaltung übergehen. Ich danke dir für das Gespräch, Sebastian! War mir ein Vergnügen. Grüße an alle Grower und Thcene-Leser. Tschüs! Epilog Nach dem Interview haben wir noch zwei herrliche Tage auf den Pisten des Riesengebirges verbracht, auf denen der gepflegte Abfahrtsjoint heutzutage besonders in Snowboarder-Kreisen genauso dazugehört wie ein Jagatee auf der Skihütt'n. Die Zeiten ändern sich eben. Nächstes Jahr geht es dann im Skiurlaub nach Denver, in Colorados Skigebieten kann man die Sportzigarette dann sogar komplett legal und im Warmen genießen. Vielleicht kommt Sebastian ja mit. (*Name von der Redaktion geändert)

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Wie kam es dazu, dass ihr mit Dinafem eine der ersten Samenbanken in Spanien gegründet habt? Nach meinem Landwirtschaftsstudium fing ich im Jahr 1995 an, mich ernsthaft mit der Hanfzucht auseinanderzusetzen. Ich hatte einiges davon gehört, wie man bei Hanfpflanzen mit Gibberlinsäure 100% feminisierte Samen züchten kann und wollte das selber mal ausprobieren. Es gelang mir, etwas Gibberlinsäure über eine Baumschule zu besorgen und das Experiment durchzuführen – und das ging dann auch erstmal gewaltig in die Hose! Die Pflanzen wuchsen lang, mutierten und starben schließlich ab, ohne jemals Blüten zu bilden. Ich habe aber nicht aufgegeben und blieb an meinem Studium, wie man Hanfpflanzen feminisieren konnte, dran. Hierbei nutzte ich sowohl alle Informationen, die damals zu diesem Thema in den einschlägigen Internetforen kursierten, und zog meine damalige Growerbibel Marihuana Botany von Robert Connell Clarke zu Rate. Über eine deutsche Bücherei gelangte ich auch an den berühmten Artikel des Biologen Dr. Mohan Ram, der vielen als der Vater der Feminisierungsmethode gilt. Nach Jahren der Selektion und des Züchtens präsentierten wir 2004 unseren ersten 100 % weiblichen Strain und Dinafem, eine der ersten Samenbanken außerhalb der Niederlande. Was unterscheidet eure Sorten von denen der anderen Samenbanken? Ohne Zweifel die Qualität! Seit wir angefangen haben, Cannabis professionell zu züchten, haben wir es uns zum Ziel gesetzt, stabile und zuverlässige Sorten zu züchten, die in Ertrag, Aroma, Wirkung und Geschmack einzigartig sein sollten. Wir testen ausführlich, und bevor die Samen in den Verkauf gehen, stellen wir sicher, dass die Keimungsrate bei mindestens 95 % liegt. Auch unsere Verpackung – ein robustes Metalldöschen – sorgt dafür, dass die Samen intakt und perfekt konserviert beim Kunden ankommen. Gibt es Sorten in eurem Sortiment, auf die ihr besonders stolz seid? Unsere beliebtesten Sorten, für die wir viel Anerkennung und Popularität in der Szene erhalten haben, sind u. a.: Critical+, Moby Dick, Ori-

ginal Amnesia, OG Kush und Critical Jack. Auf Critical+ sind wir nach wie vor sehr stolz – diese Sorte ist sozusagen unser Flaggschiff und bereits ein Klassiker in der Szene geworden. Critical+ ist eine echte Allrounderin, die unter verschiedenen Bedingungen sehr gut wächst und gedeiht. Sie ist sehr pflegeleicht anzupflanzen und sowohl für drinnen als auch draußen geeignet. Sie wächst und entwickelt sich schnell, ist resistent gegen Schimmel, hat ein tolles Aroma und eine beeindruckende Wirkung. Immer mehr Patienten wenden Cannabis zur Linderung ihrer Leiden an. Sind spezielle Sorten von euch für die medizinische Anwendung geeignet? Das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen, viele unserer Sorten haben einen medizinischen Wert und können zahlreiche Beschwerden wie z. B. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und chronische Schmerzen lindern, aber ausschließlich medizinale Sorten gibt es meiner Meinung nach nicht. Wir wissen von PatientInnen, die unsere Sorten dafür verwendet haben, ihre Leiden zu lindern und damit großen Erfolg hatten. Nach ihrer Aussage soll z. B. Moby Dick den Nebeneffekten der Chemotherapie bei Krebserkrankungen entgegenwirken und die Appetit- und allgemeine Antriebslosigkeit bekämpfen. Shark Attack ist ein Strain, der weniger bekannt ist, aber ein sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Tetrahydrocannabinol- (THC) und dem Cannabidiol- (CBD) Anteil hat und dadurch sehr gut bei Panikattacken und Angstzuständen helfen kann. CBD wirkt sehr beruhigend auf Körper und Geist – Sorten mit einem hohen CBD-Wert eignen sich oft am besten für die medizinische Anwendung. Ihr habt ausschließlich feminisierte Sorten im Angebot und verzichtet völlig auf natürliche, reguläre Sorten... Für uns ist das eine praktische Frage. Dinafem war die erste Samenbank in Spanien, die ab 2005 100 % weibliches Saatgut angeboten hat. Damals war reguläres Saatgut noch der Normalfall, doch innerhalb weniger Jahre fingen die GrowerInnen an, immer mehr feminisierte Samen zu kaufen. Der Markt hat sich dem angepasst. Die Leute denken sich halt: „Warum soll ich zehn Samen kaufen, von denen ich weiß, dass mindestens fünf männliche Pflanzen hervorbringen wer-

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den, die anschließend entsorgt werden müssen? Wenn ich zum selben Preis zehn 100 % weibliche Samen kaufen kann?“ Die Seedbanks erfüllen die entsprechende Nachfrage. Heute wollen einfach nicht genug KundInnen reguläres Saatgut, als dass man den Aufwand dafür rechtfertigen könnte. In dieser Saison habt ihr gemeinsam mit Dutch Passion eine neue autoflowering Sorte, die Auto Xtreme, herausgebracht. Wie war die Zusammenarbeit und wie ist das Ergebnis gelungen? Die Kooperation hat uns viel Spaß gemacht und wir schließen zukünftige gemeinsame Projekte mit Dutch Passion und anderen BreederInnen nicht aus. Die Auto Xtreme ist genauso, wie wir sie uns vorgestellt haben. Ein selbstblühender Strain mit starken Sativa-Merkmalen, hohem Ertrag und einem typischen Haze-Aroma. Wir haben es uns nicht einfach gemacht, aber zusammen mit den BreederInnen von Dutch Passion und Zugriff auf ihren Genpool haben wir die richtige Kreuzung gefunden und die Auto Xtreme gezüchtet. Selbstblühende autoflowering Sorten, die unabhängig vom Lichtzyklus in die Blüte wechseln und durchschnittlich in acht Wochen erntereif werden, sind seit ein paar Jahren der neueste Trend in der Hanfszene und Dinafem bietet auch einige „Autos“ an... Wir setzen seit 2008 auf autofeminisierte Strains. Unsere erste selbstblühende Sorte war Roadrunner, doch damals hatten „Autos“ – mal abgesehen von der automatischen Blütephase und einer relativ kurzen Reifezeit – kaum Vorteile für die GrowerInnen. Gerade bei der Größe und damit auch beim Ertrag konnten „Autos“ der ersten Gene-

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ration mit feminisierten Strains nicht mithalten. Heutzutage ist es uns gelungen, selbstblühende Sorten zu züchten, die mit wenigen Ausnahmen ihren großen Schwestern in nichts nachstehen. Critical+ Auto z. B. ist die selbstblühende Version unserer klassischen Critical+ und hat dasselbe Aussehen, die gleiche potente Wirkung, das typische Skunk-Aroma und kann in einer Hydrokultur bis zu 250 g trockene Blüten an Ertrag bringen. Moby Dick Auto bewahrt ebenso die positiven Eigenschaften des Originals, wie z. B. hauptsächlich Sativa-Merkmale, und entwickelt trotzdem kompakte und große Blütenstände. Wie viele BreederInnen sind an euren Zuchtprojekten beteiligt? Einige. Genaue Zahlen möchte ich aber nicht preisgeben... Kannst du uns etwas Genaues zu euren Zuchtmethoden sagen? Na klar. Alles fängt mit einer Auswahl von Pflanzen an, die wir ausschließlich aus regulärem Saatgut ziehen und woraus wir anschließend die besten selektieren. Jedes Zuchtprojekt beginnt mit durchschnittlich 100 Pflanzen, von denen ein Drittel in der ersten Phase aussortiert wird. Alle Pflanzen, die Mangelerscheinungen oder Mutationen aufweisen, werden aussortiert und kommen auf den Kompost. In der zweiten Phase werden alle Pflanzen aus der Zucht entfernt, die ein zu langsames Wachstum aufweisen oder von dem gewünschten Phänotyp abweichen. Bei ungefähr 500 Pflanzen suchen wir gezielt nach Anzeichen von Zwitterigkeit und vernichten alle Exemplare, deren Geschlecht zu diesem Zeitpunkt nicht klar zu erkennen ist und verhindern so, dass sich dieses Erbmaterial ungewollt vermehrt. Dieser Prozess wird über mindestens fünf Generationen


wiederholt, bevor wir eine Sorte als stabil betrachten und für den Markt freigeben. Kannst du uns etwas über die Cannabiskultur in Spanien sagen? In den letzten Jahren hat sich hier eine starke Szene entwickelt, von der man immer wieder in ganz Europa hört. Spanien ist einfach anders... wie man hier so schön zu sagen pflegt! Der Konsum von Gras und Haschisch wird in Spanien weitgehend akzeptiert und in manchen Gegenden des Landes gehört der Joint schon fast so sehr zur Kultur wie Wein, Schinken, Tanz und Gesang. Hier bei uns im Baskenland im Norden Spaniens haben wir eine langjährig etablierte Cannabiskultur und Legalisierungsszene. In der Stadt San Sebastian gibt es einige der wenigen legalen Cannabis Social Clubs mit über 300 Mitgliedern. Die Lobbyarbeit von Vereinen wie „GanJazz“ hat entscheidend dazu beigetragen, dass Marihuana in großen Teilen des Landes immer mehr akzeptiert wird und sich langsam aber sicher die Sachen zum Besseren verändern. Trotzdem ist Cannabis auch hier immer m ist Cannabis auch hier immer noch offiziell illegal, auch wenn die Leute laut „Legalize it!“ fordern. Denkst du, Gras wird einmal legal in Spanien zu kaufen sein? Ich bin grundsätzlich Optimist und wenn Cannabis in ein paar Jahren immer noch illegal ist, dann wird es sicherlich weitestgehend toleriert werden. Dafür werden unsere AktivistInnen und Vereine im Lande schon sorgen. Davon bin ich überzeugt.

Die Finanzkrise hat ja auch Spanien und die Bevölkerung hier ganz schön schwer erwischt. Denkst du, auch deshalb bauen hier immer mehr Leute ihr Gras selber an? Klar, die schwere finanzielle Lage hier trägt sicher dazu bei, aber ich denke auch, dass viele einfach Freude daran haben, ihre eigenen Pflanzen auf dem Balkon, der Terrasse oder im Garten zu ziehen. Man darf nie vergessen, dass gärtnern auch eine Menge Spaß macht und einen therapeutischen Aspekt besitzt. Außerdem gibt es so hier im Lande bald keinen Schwarzmarkt mehr, und das haben die Leute inzwischen begriffen. Wieso sollten sie ihr mühsam Verdientes für schlechtes Gras oder gestrecktes Haschisch ausgeben, wenn sie mit etwas Erde, Wasser und ein paar Samen ihren eigenen Bedarf decken können? Was hältst du von der internationalen Drogenpolitik? Die ist gescheitert, und das ist ja auch kein großes Geheimnis mehr. Selbst die Mainstream-Medien berichten ja schon davon sowie von alternativen Ansätzen verschiedener Länder. In den letzten Monaten haben zwei Staaten in den USA (Washington und Colorado) Cannabis legalisiert. Das wäre vor ein paar Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. In Südamerika wird in Uruguay, Argentinien und Brasilien demnächst über eine Legalisierung abgestimmt. Das zeigt doch ganz deutlich, dass es nur noch eine Frage weniger Jahre ist, bis sich die Situation ändert. Die Zukunft ist auf jeden Fall grün!

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Silver Bubble ist in Amsterdam bereits seit zehn Jahren bekannt und beliebt, und OG Kush #18 erwies sich schnell als große Erfolgsstory, nachdem sie für eine Reihe herausragender Hybride und von Reserva Privada auch als eigene Sorte auf den Markt gebracht worden war. Ihr Abkömmling Silver Kush wird als „starke Sativa-dominante Hybride (70/30 Sativa/Indica)“ beschrieben, die ein erhebendes High liefert und dank des OG #18-Anteils mit einer geballten Ladung medizinischer Potenz gesegnet ist. Hohe Erträge von 450-550 g/m2 können erwartet werden, bei einer Blütezeit von nur neun Wochen. Silver Kush war auf Anhieb ein heißer Kandidat für Mr. Power-Planters Growraum, und er säte eine komplette Packung mit sechs feminisierten Samen in einzelne Jiffy Pots. Sie keimten alle schnell und vital. Zusammen mit anderen Pflanzen unter eine 600-W-MetallhalogenDampflampe gestellt, streckten sich die Sämlinge zunächst naturgemäß etwas, entwickelten aber schon bald den ersten echten Blättersatz mit dreifingrigen Blättern. Dann wurde das Wachstum merklich kompakter und brachte weitere dunkelgrüne Blätter hervor – trotz des 70%-igen Sativa-Anteils setzte sich die OG #18 hier phänotypisch durch. Mr. Power-Planter beließ die Pflanzen für vier Wochen im vegetativen Stadium (nach einigen Tagen hatte er sie in 6,5‑LiterTöpfe, befüllt mit Plagron Standard Mix-Erde, umgetopft). Innerhalb dieser Zeit produzierten die sechs Pflanzen jede Menge Seitenzweige

und erreichten Höhen von 63-80 cm. Sie sahen sehr einheitlich aus, wobei ihr Wachstumsmodell an Pappeln erinnerte. Dann leitete Mr. Power-Planter durch Umschalten des Lichtzyklus von 18/6 auf 12/12 Stunden die Blüte ein (dabei ersetzte er die MH- durch eine 600‑W-HPS-Lampe), und die Silver Kush-Pflanzen reagierten darauf innerhalb von 7-9 Tagen, indem sie die ersten weiblichen Vorblüten austrieben. Während der ersten vier Blütewochen gab es einen beträchtlichen Streckungseffekt, der für eine Ausweitung der Internodien sorgte. Die Blütenproduktion war voll in Schwung gekommen, an den Haupt- und Seitentrieben hatten sich sehr vielversprechende, dicht wachsende weiße Blütencluster gebildet. Was besonders ins Auge fiel war die Tatsache, dass die Harzproduktion schon sehr früh und äußerst lebhaft eingesetzt hatte: Bereits nach einem Blütemonat glitzerten die jungen Buds stark. Mr. Power-Planter hatte allen Grund zur Annahme, dass Silver Kush sich in der Liga der „Superharzer“ wiederfinden würde. In den folgenden Blütewochen bestätigte sich, dass die Silver KushBuds zum größten Teil ein hohes Blüten/Blätter-Verhältnis aufwiesen, der Silver Bubble-Einfluss auf die Blütenstruktur kam also voll zum Tragen. Die Blütencluster wurden dicht und fest und wie vermutet extrem harzig, ein wunderbarer Anblick. Aber auch Mr. Power-Planters Nase wurde von den sechs Pflanzen verwöhnt, denn sie verströmten einen wunderbar tiefgründigen, intensiven Kush-Duft. Nach 7,5 Blütewochen hatten sich fast 50 % der Blütennarben orange verfärbt und es zeichnete sich ab, dass sie in den kommenden ein bis zwei Wochen auf die Zielgerade einbiegen würden. Die Blütenkelche schwollen immer weiter an und wurden noch harziger und klebriger, eingedeckt von dichten weißen Harzbelägen, was auch auf weite Teile

der Blütenblätter zutraf, und jener Kush-Geruch war mittlerweile überwältigend. Am Ende hatten die sechs Silver Kush-Pflanzen Höhen von 95-116 cm erreicht, sie fielen also durchgängig sehr homogen aus. Und mit Blütezeiten von 59-64 Tagen galt dies auch für die Blütedauer. Nachdem Mr. Power-Planter sie geerntet und getrocknet hatte, hatten sich die Silver Kush-Buds in steinharte silbrige Nuggets verwandelt, von denen ein intensiver süßlich-würziger Kush-Duft ausging. Mit den großen Einmachgläsern voller schwerer Silver Kush-Nuggets in seinen Händen fühlt sich Mr. Power-Planter, als wenn er eine Silbermine geplündert hätte. Beim Wiegen der Ernte stellte sich heraus, dass vier der sechs Top-Colas stolze 25-31 Gramm wogen und der Ertrag pro Pflanze bei 76,7 Gramm lag, ein ganz hervorragendes Ergebnis, das einem Gesamtertrag von 460 g/m2 entspricht. Der Geschmack der Buds war superb, mit viel schmackhafter KushWürze, die aber von einer Haze-Note weiter verfeinert wurde, eingebracht von Silver Bubble. Nach dem Inhalieren verweilte dieser köstliche Flavour noch für lange Zeit auf dem Gaumen. Silver Kushs extrem potentes High hielt für Körper und Seele nachhaltige Effekte bereit. Erst stellte sich ein mächtiger cerebraler Sativa-Turn ein, der stark kickte, nach etwa einer Stunde aber in ein ruhigeres Feeling überging und den Indica-Aspekt von Silver Kush zum Ausdruck

brachte, was nochmal ca. eine Stunde andauerte. Insgesamt eine überwältigende Raucherfahrung für Mr. Power-Planter, der extrapotente Sorten benötigt, um die Wirkung so richtig geniessen zu können. Silver Kush erfüllte alle seine Erwartungen, diese Sorte hat sich seiner Meinung nach eindrucksvoll in die vielfältige Kush-Sortenpalette von DNA Genetics eingereiht.

KULTIVIERUNGSDATEN Genetik: Silver Kush (Silver Bubble x OG Kush #18 = 70 % Sativa, 30 % Indica) Vegetative Phase: hier: 4 Wochen Blütephase: 59-64 Tage, allgemein 63 Tage Medium: Plagron Standard Mix, 6,5- l-Töpfe pH: 6,0-7,0 EC: 1,2-1,8 mS Licht: Vegetative Phase: 600-W-GIB-MH Blütephase: 600-W-GIB-HPS Temperatur: tagsüber: 21-29°C nachts: 16-21°C Luftfeuchtigkeit: 40-60 % Bewässerung: von Hand Düngung: Hesi Blüh Complex, ab der 4. Blütewoche auch Hesi Phosphor+ Zusätze: Hesi SuperVit, Agrom Medical Boost Höhe: 95-116 cm Ertrag: durchschnittlich 76,7 g pro Pflanze

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Wer sich mit den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von modernen Drohnen beschäftigt, wird an der immer hitziger geführten Kontroverse über Pro und Kontra der ferngesteuerten Fluggeräte (die auch schon mal versehentlich unschuldige Zivilisten töten) nicht vorbeikommen. Die von Analysten-Teams gelenkten Spionage- und Killer-Roboter gelten meist als humane Alternative zu einer militärischen Intervention – im Gegensatz zu Soldaten würden Drohnen die im Kampf oft unvermeidlichen Kollateralschäden deutlich reduzieren. Schwierig wird es nur, wenn man den Maschinen die Entscheidung überlässt – denn mittlerweile werden auch immer mehr autonome Systeme entwickelt, die gar keiner menschlichen Führung mehr bedürfen und völlig autark agieren können. Doch noch werden die meisten Drohnen von Menschen ferngesteuert – dabei ergab sich überraschend eine Allianz zwischen dem Militär und der Computerspielindustrie. Schließlich wurden von den Spieleherstellern bereits seit vielen Jahren Millionenbeträge in eine stetig verbesserte Benutzeroberfläche für die Steuerung von (rein virtuellen) Fluggeräten investiert – diese lassen sich natürlich auch nutzen, um echte Flugmaschinen zu steuern. Außerdem weiß so bereits eine ganze Generation von Jugendlichen ganz intuitiv, wie man mit einem Controller (der auch eine Fernbedienung sein könnte) umgeht – im neuesten "Call of Duty" Videospiel verfügt der Spieler über einen bewaffneten taktischen Quadcopter, den es in ähnlicher Form auch schon in der Realität gibt. Überhaupt gibt es in der Realität schon eine ganze Reihe erschreckend ausgefeilter Drohnen für alle möglichen Einsätze – das hat

einen New Yorker Modeschöpfer inspiriert, eine neue Art funktioneller Kleidung zu entwickeln: "Stealth Wear". Zuvor war Adam Harvey vor allem im Bereich Fotografie tätig gewesen, mit seinem neuesten Projekt beschreitet er nun völlig neue Wege. Seiner Ansicht nach verlören Kameras in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Verabschiedung des Patriot-Act zunehmend ihren Wert als "Mittel der künstlerischen Gestaltung" und verkämen immer mehr zu "willfährigen Werkzeugen der Überwachungsgesellschaften". So begründete Harvey bereits im vergangenen Jahr auf der Internetseite „Rhizome“ sein Vorhaben. Schon damals experimentierte Harvey mit verschiedenen Möglichkeiten, Computern die automatische Gesichtserkennung (mit deren Hilfe bestimmte Personen auch aus Menschenmengen heraus identifiziert werden können) zu erschweren – zum Beispiel über ein selbst gemachtes, spezielles Make-Up. Da die Erkennung individueller Gesichtsmerkmale unter Einbeziehung biometrischer Daten und ausgeklügelter Überwachungskameras immer weiter entwickelt wird, wandte sich Harvey danach einem viel „angesagteren“ Überwachungsgerät zu, dem noch viel schwerer zu entkommen ist: der Drohne. Die USA verfügen derzeit über ein noch recht begrenztes Arsenal von Drohnen, die sie zu Überwachungsmissionen entlang der Grenze zu Mexiko und in den Kriegsgebieten im Ausland einsetzen. Bis zum Jahr 2020 rechnet die amerikanische Bundesluftfahrtbehörde FAA allerdings mit einer Aufstockung auf bis zu 30.000 Drohnen. Derzeit sind verschiedene Strafverfolgungsbehörden im ganzen Land bemüht,

Überwachungsdrohnen in ihre Hände zu bekommen, von denen einige über eine so hohe Auflösung verfügen, dass sie „die Aufschrift auf einem Milchkarton noch aus einer Höhe von 18 Kilometern“ erkennen können, berichtete die Verbraucher- und Datenschutzorganisation „Electronic Frontier Foundation“ (EFF). Und da es nicht ausreichen wird, etwas Rouge oder Wimperntusche aufzutragen, um einem hochmodernen Spionageroboter, der sich in einigen Kilometern Höhe über der Erde bewegt, zu entkommen, entwickelte Harvey eine ganze Kleidungskollektion, die dazu beitragen kann, dass sich Menschen dem allwissenden Auge des Großen Bruders beruhigt entziehen können. Am 17. Januar stellte Harvey seine „Stealth Wear“-Kollektion in einem Londoner Studio der Öffentlichkeit vor. „Aufbauend auf vorangegangenen Arbeiten wie ‚CV Dazzle’ (einer Art Tarnung vor Gesichtserkennung durch Schminken mit künstlichen Mustern) versucht nun ‚Privacy Mode’, die Ästhetik des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre ebenso wie das Potenzial der Modegestaltung zur Gegenwehr gegen autoritäre Überwachung auszuschöpfen und zu erweitern“, heißt es in der Pressemitteilung. In Zusammenarbeit mit der New Yorker Modedesignerin Johanna Bloomfield versuche Harvey, „einigen der dringendsten und ausgeklügeltsten Formen heutiger Überwachung“ entgegenzuwirken. Dabei hofft Harvey auch, mit seiner Kollektion die öffentliche Diskussion pro oder kontra Drohnen-Überwachung anzuheizen. Er präsentierte in London u. a. ein Anti-Drohnen-Sweatshirt mit Kapuze und einem passenden Halstuch, ein T-Shirt, das seinen Träger vor Röntgenstrahlen schützt, und eine Schutz- und Abschirmvorrichtung, die in der Hosentasche Platz hat und verhindert, dass Handys Signale empfangen oder senden können. Für das Kapu-

zenshirt und den Schal benutzen Harvey und Bloomfield Materialien, die das Erfassen durch Wärmebildkameras unterlaufen. Im Gespräch mit der britischen IT-Zeitschrift The Register erklärte Harvey schon vor drei Jahren: „Die Anzahl der Sensoren und Aufzeichnungsgeräte, die in der Öffentlichkeit eingesetzt werden, nimmt zu. Es könnte durchaus sein, dass man einen Punkt erreicht, an dem die Gesellschaft darüber nachdenken muss, ob nicht die Grenze des Erträglichen erreicht ist." Doch so weit scheint es noch lange nicht zu sein, und so investieren vor allem die USA Milliarden in die Weiterentwicklung von Drohnen. Aber auch in Frankreich und Großbritannien bastelt man bereits an eigenen neuen Modellen – weltweit feilen alle großen Rüstungskonzerne an der besten Überwachungstechnik, denn das Geschäft mit Drohnen boomt. In Deutschland verfügen Bundeswehr und Bundespolizei nach Informationen von Spiegel-Online insgesamt über mindestens 331 Drohnen verschiedenster Größen. Darunter sind auch wenigstens 37 schwere Hightech-Spione mit einem Gewicht von über 150 Kilogramm und einer Reichweite von bis zu hundert Kilometern. Etwa 70 deutsche Drohnen werden derzeit im Rahmen des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr verwendet – dies ging aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor. Und auch in Zukunft soll die deutsche Drohnenflotte immer weiter ausgebaut werden.

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So will sich die Bundeswehr der Bundesregierung zufolge 16 Hubschrauber-Drohnen vom Typ "SAATEG VTOL" anschaffen. Ebenfalls bekannt ist, dass auch fünf Aufklärungsdrohnen des Typs "Euro Hawk" gekauft werden sollen – jenem aus Karbon gefertigten Riesenvogel, der bis zu 25.000 km zurücklegen und aus einer Höhe von bis zu 20 km Signale am Boden orten, Radio- und Fernsehsendungen mitschneiden, Funksprüche und Telefonate abhören oder SMS mitlesen kann. Kein Wunder, dass alle Regierungen und Armeen ganz scharf auf diese technologischen Überwachungswunder sind – das 21. Jahrhundert scheint das Jahrhundert der "leisen Flieger" zu werden. Damit hier kein "falscher" Eindruck entsteht, berichtete die Bundesregierung bereits mehrfach von der "Vielfältigkeit der Verwendungsmöglichkeiten" unbemannter Drohnen – diese würden von Hilfs- und Rettungseinsätzen für Verunglückte, von einer effektiven Waldbrandüberwachung über die Erhebung von Messdaten verschiedenster Art bis hin zu Wildtierzählungen und Erntevorhersagen reichen. Aber auch im "Bevölkerungsschutz" könnten die im Fachjargon "Unmanned Aerial Systems" (UAS) genannten Flieger einen wichtigen Beitrag leisten. Wäre die Drohnentechnik bereits weiter entwickelt, hätte man nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima keine Menschen zur Versiegelung der Bruchstellen in das extrem verseuchte Gelände schicken müssen – tatsächlich gibt es durchaus eine ganze Reihe sinnvoller Einsatzmöglichkeiten. Unter Datenschützern, Bürgerrechtlern und Juristen sind Drohnen dennoch äußerst umstritten, weil sie eben meist doch nicht nur für humane oder harmlose Zwecke eingesetzt werden. Immerhin dürfen

Drohnen, die mehr als 25 Kilogramm wiegen, in Deutschland bislang nur in klar definierten Luft-Korridoren fliegen – daher sind die schweren, militärisch genutzten Flieger meist nur über Truppenübungsplätzen zu sehen. Dafür werden immer mehr Mini-Modelle mit begrenzter Reichweite und Flugdauer längst auch hierzulande in "sensiblen Zusammenhängen" eingesetzt. Die Polizei verschiedener Bundesländer nutzten sie zum Beispiel auch, um die Proteste gegen die CastorTransporte in Niedersachsen zu überwachen. Auch Fußballspiele in Sachsen wurden schon mal von unbemannten Fliegern unter die Lupe genommen. Diese Fälle sorgten vereinzelt schon für Empörung unter Bürgerrechtlern, die durch diese Art der "heimlichen Spionage" ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sahen. Die Antwort der Bundesregierung zeigte, dass die Behörden ihre Flieger keineswegs nur nutzen, um Land zu vermessen oder brave Bürger vor Waldbränden zu schützen. So setzt die Bundespolizei ihre Drohnen zum Beispiel auch im Grenzschutz ein, um Einschleusungen von illegalen Einwanderern aufzuklären. Und immer mehr Drohnen-Einsätze sollen "zur Erkennung von Rauschgiftanbau" geflogen werden – was in Deutschland eigentlich nur bedeuten kann, dass man die Jagd nach Cannabis-Plantagen weiter forcieren will. Denn welches "Rauschgift" wird denn sonst noch hierzulande "angebaut"? Opium? Koka-Sträucher? Wohl kaum. So soll selbst Cannabis als Begründung für die Aufstockung der deutschen Drohnenflotte herhalten – doch das Schlimmste ist wohl, dass die Bundesregierung die Weiterentwicklung von Drohnen offenbar als einen überaus vielversprechenden Zukunftsmarkt sieht. Die Bundestagsabgeordneten der Partei "Die Linke" Andrej Hunko und Ulla Jelpke befürchteten in einem Spiegel-Interview, dass

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Deutschland auf dem Weg sei, "zum europäischen Vorreiter der Spionage aus der Luft" zu werden. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete und Experte für Innenpolitik Konstantin von Notz zeigte sich in einem Interview beunruhigt: "Drohnen haben das gefährliche Potenzial, heimlich aus der Luft die Privatsphäre der Bürger final aufzuheben. Wir müssen ihren Einsatz zur Überwachung von Menschen verhindern." Sprecher der SPD und der CDU/CSU halten derartige Ansichten für übertrieben und sehen darin viel eher ein "großes Potenzial" – dass in Diskussionen häufig das Wort "Überwachungsstaat" in der Luft liege, sei unangebracht: Man solle doch vor Zukunftstechnologien nicht grundsätzlich die Augen verschließen... Und so ist die politische Unterstützung längst auf dem Weg: Parallel zur Aufstockung der Drohnenflotte will die Koalition den zivilen Luftraum für die unbemannten Flieger öffnen. Unter Federführung von Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist das deutsche Luftverkehrsgesetz überarbeitet worden. Künftig ist der Einsatz von bis zu 150 Kilogramm schweren Drohnen grundsätzlich möglich. "Angesichts der weitreichenden technischen Entwicklung und der erheblichen Fortschritte in diesem Bereich erscheint es in naher Zukunft nicht mehr ausgeschlossen, dass bemannte und unbemannte Luftfahrtgeräte gleichberechtigt am Luftverkehr teilnehmen", heißt es in dem Entwurf, welcher unlängst vom Deutschen Bundestag abgesegnet wurde. Viele Abgeordnete, die dem Gesetz kritisch gegenüberstehen, stört vor allem ein Satz in dem Gesetzestext: Unbemannte Flieger, so heißt es, kämen neben ihren ursprünglichen militärischen Einsatzbereichen derzeit "insbesondere bei der polizeilichen Gefahrenabwehr" in Betracht. Dient das Gesetz also vor allem dazu, die heimliche Überwa-

chung aus der Luft weiter zu erleichtern? Immer mehr Menschen glauben das, und das neue Regelwerk mag die Tür dafür tatsächlich einen Spalt weit geöffnet haben. Welche Drohnenmodelle nun ganz konkret für die zivile Luftfahrt zugelassen werden und in welchen Zusammenhängen sie letztendlich eingesetzt werden dürfen – diese Fragen sind bislang noch gar nicht konkret gestellt worden. Sie müssten geklärt und in Verordnungen geregelt werden, und auch die Polizeigesetze der Bundesländer bräuchten eine entsprechende Überarbeitung. Und das kann (glücklicherweise) noch eine ganze Weile dauern. Denn (so heißt es ebenfalls im neuen Luftverkehrsgesetz): "Es wird nicht verkannt, dass noch viele Aspekte des Betriebs von Unmanned Aerial Systems weiterer Klärung bedürfen." Ohne wissenschaftlich abgesicherte Parameter sei bislang "ein sicherer und verlässlicher Betrieb von UAS nicht vertretbar". Die Autoren des verabschiedeten Gesetzentwurfes wissen dabei ganz genau, wovon sie hier sprechen – schließlich verzeichnete die Bundesregierung bislang immerhin 17 Abstürze von sauteuren Überwachungsfluggeräten. Trotzdem ist die Bedrohung unserer Privatsphäre durch Drohnen schon heute durchaus ernst zu nehmen – denn wenn es nach Militär und Politik geht, werden wir in absehbarer Zeit überall auf unserem Planeten noch viel genauer beobachtet werden. Je nach Gesetzlage können uns dann auch ein paar Cannabispflanzen im Garten oder ungewöhnliche Verhaltensmuster in den Fokus der immer selbständiger agierenden Überwachungsroboter rücken. Zumindest, wenn wir dann nicht schon längst alle „Stealth Wear“ tragen.


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Nachdem wir gegen zwei Uhr morgens in Dubai gelandet waren, übernahmen wir unseren Mietwagen, den wir vorsorglich mit Navigationssystem gebucht hatten, und machten uns auf den Weg zu unserem ersten Hotel. Dumm nur, dass unser Navigationsgerät weder Hotel noch die gesuchte Straße kannte und wir so erstmal über eine Stunde durch das nächtliche Dubai irrten, bevor wir dank einheimischer Hilfe doch noch ankamen. Am nächsten Morgen bestätigte sich unser erster nächtlicher Eindruck der arabischen Mega-City, die hier mitten in die Wüste gebaut wurde: Das Motto "größer, höher, luxuriöser" scheint hier Staatsdoktrin zu sein. Unzählige, fantasievoll konstruierte Wolkenkratzer ließen erahnen, wo die Reise hingehen soll – denn Dubai ist noch längst nicht fertig. Von der winzigen Altstadt abgesehen, scheint die ganze Stadt eine einzige gigantische Baustelle zu sein. Vor allem rund um das höchste Gebäude der Erde wird nach wie vor fleißig gebaut – tatsächlich ist Dubai die Stadt, in der weltweit die meisten Baukräne stehen. Doch nicht nur Gebäude, auch Straßen werden hier immer wieder neu oder umgebaut, und so zeigte sich unser Navi (mit Karten von 2010) erstaunlich oft orientierungslos. Nichtsdestotrotz war es eine große Hilfe, ganz ohne wäre man hier sicherlich verloren. Eine ebenso große Hilfe war die Klimaanlage unseres Wagens, von der wir ursprünglich glaubten, sie gar nicht zu benötigen – schließlich hatte uns Wikipedia erklärt, im Dezember und Januar läge die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur so um die 24 Grad. Keine Ahnung, ob das schon die Folgen der Erderwärmung sind, aber wir erlebten gefühlte 30 Grad und kamen außerhalb des Autos immer sehr schnell ins Schwitzen. Das Sightseeing in Dubai war relativ schnell erledigt: Auf die Aussichtsplattform des mit knapp 830 Metern derzeit höchsten Gebäudes der Welt (Burj Khalifa) und einmal mit der Metro durch die Wolkenkratzer-Schluchten fahren ist so ziemlich das Tollste, was man hier unternehmen kann, wenn man nicht zum Shopping gekommen ist. Doch genau das scheint die meisten Touristen hierher zu treiben: steuerfreies Luxus-Shopping. Aufgrund der (dem Öl zu verdankenden) gesunden Staatsfinanzen verzichten die Emirate auf so etwas wie eine Mehrwertsteuer und so sind praktisch alle Waren schon mal 19 % günstiger als in Deutschland. Doch Vorsicht: Pro Person darf man lediglich Waren im Gesamtwert von 480,- Euro zollfrei einführen – doch das scheint hier kaum jemanden zu stören und es wird eingekauft, was das Zeug hält. So sind die eigentlichen Sehenswürdigkeiten für viele hier die riesigen Einkaufszentren, allen voran die "Dubai Mall" und die "Mall of the Emirates". Hier gibt es dann auch gleich mal eine Abfahrt-Ski-Piste, Eislaufbahnen und riesige Aquarien neben integrierten Vergnügungsparks für die Kunden – ebenso wie Multiplex-Kinos

oder riesige "Food Courts". Man kann problemlos einen ganzen Tag in der Mall verbringen, ohne sich zu langweilen oder immer wieder dieselben Wege nehmen zu müssen. Natürlich vorausgesetzt, man verfügt über das nötige Kleingeld. Auch dem ehemaligen Wahrzeichen von Dubai, dem Burj Al Arab – einem Hotelgebäude in Form eines sich blähenden Segels – kann man sich nur durch eine Mall in Form einer arabischen Altstadt (The Wharf) nähern. Doch direkt zum Hotel oder auch nur bis zu dem davor liegenden Strand gelangt man nicht – es sei denn, man ist Hotelgast in diesem angeblich teuersten Hotel der Welt. Die Strände in Dubai sind ganz grundsätzlich in privater Hand und meist Teil von "Gated Communitys", als Normalbürger oder Tourist ist man damit ausgeschlossen – was aber nicht heißt, dass man hier etwas verpasst. Denn Traumstrände findet man hier eh nicht, alles ist künstlich angelegt, und meist befindet sich eh ein Pool direkt am Wasser, der dann natürlich auch geheizt ist und daher bevorzugt wird. Tatsächlich grenzt der Lifestyle in den Emiraten an sinnlose Verschwendung: Schon in der ersten Nacht in unserem modernen Stadthotel suchten wir vergeblich den Lichtschalter für das Badezimmer. Als wir am Tag darauf an der Rezeption nachfragten, erfuhren wir, dass das schon seine Richtigkeit habe: Es gäbe keinen Schalter, das Licht im Bad sei einfach immer an. Tag und Nacht – ganz egal, ob ein Gast da ist oder nicht. Nach dieser Erfahrung wunderte es uns dann auch nicht mehr, als wir ein Sportstadion sahen, welches mitten am Tag und bei schönstem Sonnenschein noch von etlichen großen FlutlichtLampen angestrahlt wurde. Und das waren nur zwei von vielen Energieverschwendungsbeispielen, die uns Europäern einfach nur absurd erscheinen. Nach ein paar Tagen in Dubai fuhren wir nordöstlich am Persischen Golf entlang nach Ras Al-Khaimah, wo wir das erste Mal enttäuscht wurden. Die "prächtige Altstadt" entpuppte sich als ein großes HiltonResort und der angeblich so schöne Strand als kleine Bucht zwischen Industrieanlagen. Das Einzige, was man hier unternehmen konnte, war, in eine der vielen Malls zu gehen, die (natürlich) auch hier Kinos mit 3D-Filmangeboten beherbergten. Die Fahrt entlang des Golfs bis Al Qir nahe der Grenze zum Oman war auch ein Griff ins Klo: Eine Zementfabrik neben der nächsten, dazwischen ein paar Ölraffinerien und Steinbrüche – von schönen Stränden oder Wüsten war weit und breit nichts zu sehen. Und trotzdem hingen überall (wirklich überall im ganzen Land) unzählige Nationalflaggen an den Straßen oder Häusern, manchmal waren sie auch in Übergröße auf Hügel oder kleine Berge gemalt – keine Ahnung, worauf die Einwohner hier so stolz

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sind, dass hier soooo viele Fahnen flattern, selbst in den abgelegensten Gebieten. Es scheint fast, als hätten die Emirate von einem ausländischen Fahnenhersteller einen so verlockenden Mengenrabatt erhalten, dass sie einfach nicht widerstehen konnten. Auch auf der nächsten Etappe, der Fahrt nach Fujairah am Golf von Oman, wehten am Straßenrand unzählige V.A.E.-Flaggen. Und auch hier konnten wir uns nur wundern, wie konsequent die komplette Küstenlandschaft "verindustrialisiert" worden war. Den "schönsten" Strand am Golf von Oman fanden wir in der kleinen Stadt Khor Fakkan, hier trauten wir uns dann sogar mal kurz ins Wasser, obwohl die Aussicht auf riesige Schiffsverladekräne auch nicht gerade berauschend war. Apropos berauschend: Cannabis ist in den V.A.E. strengstens verboten, man kann hier sogar schon ins Gefängnis kommen, wenn lediglich THC-Reste im Körper festgestellt werden. Es herrscht eine strikte

Null-Toleranz-Politik gegenüber allen illegalen Drogen – dabei werden Cannabis, Kokain und Heroin in einen Topf geschmissen. Ganz unabhängig von der sichergestellten Menge erhält man hier – wenn die Drogen "nur" für den Eigenbedarf gedacht waren – pauschal vier Jahre Gefängnis und kann nur hoffen, dass einen der allmächtige Scheich des jeweiligen Emirates zum nächsten religiösen Festtag begnadigt. Das musste auch der bekannte britische Drum-'n'-Bass-DJ Grooverider erleben, der 2007 für einen Gig in Dubais bekanntestem Nachtclub eingeflogen kam und prompt bei der Einreise durchsucht wurde, da die Behörden hier insbesondere allein reisende Farbige verdächtigen, Drogen dabeizuhaben. Tatsächlich hatte der RadioEins-DJ (nach eigenen Angaben) vergessen, dass er noch ca. 2 Gramm Haschisch in der Tasche hatte – er wurde daraufhin einer Leibesvisitation unterzogen, musste eine Urinprobe abgeben und (für ihn) unverständliche arabisch-sprachige Dokumente unterzeichnen.

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Die nächsten drei Monate verbrachte der Brite dann im "Airport Detention Centre" von Dubai, bis er vor Gericht gestellt und zu den üblichen vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Nach insgesamt zehn Monaten hinter Gittern wurde er schließlich von Scheich Mohammed bin Rashid im Rahmen der 2008er Ramadan-Amnestie begnadigt und durfte das Land wieder verlassen. Was zu dieser Geschichte so gar nicht zu passen scheint, ist die Tatsache, dass zur musikalischen Untermalung der großen Neujahrsfeier 2012/2013 in Dubai auch Snoop Dogg auftrat – was zuvor in allen möglichen Medien intensiv beworben wurde. Im Fernsehsender "Dubai One" wurde er als "legendärer Künstler" bezeichnet und im nationalen Musikfernsehen durfte er in einem seiner Clips "Roll one, smoke one!" fordern. Sollte Snoop Dogg seinen Gig in Dubai tatsächlich völlig nüchtern durchgezogen haben? Oder hatte er eine Ausnahmegenehmigung, die Bestandteil seines Vertrages war? Darüber lässt sich nur spekulieren, er wurde jedenfalls nicht verhaftet, sondern von

Tausenden bejubelt. In der Nachberichterstattung des Landes wurde dann auch lediglich darauf hingewiesen, dass Snoop von einem arabischen Designer für den Auftritt eingekleidet wurde und daher (fast) wie ein Einheimischer aussah. Allerdings ist das Internet hier auch nur beschränkt nutzbar – cannabisrelevante Websites wie die des Berliner Hanf Museums oder unsere Website www.thcene.com sind hier geblockt und damit gar nicht einsehbar. Im Wissen um die strengen Gesetze hatten wir keinerlei THC-haltige Produkte mitgebracht, sondern ein paar Flaschen Wodka. Obwohl den Einheimischen der Konsum von Alkohol ebenfalls streng verboten ist, dürfen nicht-gläubige Touristen bis zu vier Liter Spirituosen pro Person einführen und diese auch in der Abgeschiedenheit ihrer Hotelzimmer konsumieren. Dem Gesetz nach darf man danach allerdings nicht mehr das Hotel verlassen – Trunkenheit in der Öffentlichkeit wird


hier strengstens bestraft. Zumindest, wenn man dabei erwischt (bzw. von einem übereifrigen Einheimischen angezeigt) wird. Angeblich ebenso hart sollen hier auch Geschwindigkeitsübertretungen geahndet werden – und trotzdem schien das hier niemanden zu kümmern. Es war erstaunlich zu sehen, wie konsequent hier so ziemlich jeder arabische Autofahrer die bestehenden Tempo-Limits konsequent ignorierte. Dabei sah man tatsächlich viele Radarkästen, die aber auf den Großteil der Verkehrsteilnehmer/innen keinerlei abschreckende Wirkung hatten. Hier wurde (mit Lichthupe, Hupe und extrem nahem Auffahren) gedrängelt, was das Zeug hält – auch wenn man bereits etwas über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit (zwischen 100 und 140 km/h) fuhr. Gegen dieses Fahrverhalten sind deutsche Autobahnen (wo man ja tatsächlich noch schneller fahren darf) ein ausgesprochener Hort des Friedens und der extrem höflichen, gegenseitigen Rücksichtnahme. Wie wir später erfuhren, resultiert dieses Verhalten aus der Tatsache, dass für zu hohe Geschwindigkeiten ausschließlich Geldstrafen verhängt werden – der Führerschein ist für Raser hier nie in Gefahr. Und Geld haben die einheimischen Araber in der Regel mehr als genug. Für uns lag der einzige Vorteil des Autofahrens in den Emiraten in den lächerlichen Sprit-Preisen – gerade als Mitteleuropäer vermag es schon zu verwundern, wenn man für ca. 15 Euro sein Auto komplett volltanken kann. Der Literpreis liegt hier bei unter 30 Cent – kein Wunder, dass so viele große, Benzin-schluckende Allrad-getriebene Autos herumbrausen. Da wir von der Stadt Fujairah eh nicht viel erwartet hatten, wurden wir hier auch nicht enttäuscht. Die nicht allzu große Stadt hat eine zentrale Hauptstraße, an der sich eine Reihe ganz hübscher Wolkenkratzer aneinanderreihen, während das Hinterland ein paar größere Moscheen und ein historisches Fort zu bieten hat. Für einen Tag völlig okay, danach ging es weiter gen Süden, nach Al Ain, der zweitgrößten Stadt des Emirats Abu Dhabi. Hier machten wir nicht erneut den Fehler, uns ein innerstädtisches Hotel zu suchen, und checkten etwas südlich der Stadt auf etwa 1.800 Metern Höhe in ein Hotel ein, welches fast auf dem Gipfel des Jebel-Hafeet-Gebirges liegt. Von hier aus hatten wir einen weitreichenden Blick über die Stadt und die sie umgebende Wüste; der (Rundum-)Aussichtspunkt "Top of Jubel Hafeet" war nur noch wenige Fahrminuten entfernt. Und auch wenn das manchmal wie eine Mondlandschaft wirkende Gebirge durchaus seinen Reiz hatte, lässt es sich nicht mit mediterranen Gebirgen vergleichen – zu einfarbig und karg liegt es in einer auch nicht besonders reizvollen Wüstenlandschaft, daran konnte auch der in unmittelbarer Nähe mit großem Wasseraufwand angelegte Mubazzara Park nichts ändern. Nach dem Abstecher in das einzige nennenswerte Gebirge des Landes ging es dann wieder durch verbaute Wüstenlandschaften zurück an den Persischen Golf, wo wir in Mirfa in ein vermeintliches Strandhotel eincheckten: Tatsächlich hatten uns die Werbefotos einen langen Sandstrand vor dem Hotel suggeriert, der sich bei näherer Betrachtung jedoch als nicht existent entpuppte. Was die Fotos dagegen verschwiegen, war die Tatsache, dass sich auch hier in unmittelbarer Nähe einige Kraftwerke und sonstige Industriebauten befinden, die es einem doch irgendwie erschweren, in echte Urlaubsstimmung zu verfallen. Lediglich die Pool-Landschaften der Hotels sind hier immer recht gepflegt und einladend – wem das reicht, dem seien die Vereinigten Arabischen Emirate auch für einen Badeaufenthalt empfohlen. Aber die eigentliche Attraktion des Landes ist die größte Sandwüste der Welt – die Rub al-Chali liegt im Süden des Landes und dehnt sich auch nach Saudi Arabien, den Oman und Jemen aus. In den V.A.E. liegt die Liwa-Oase, in der es inzwischen auch einige Hotels zwischen zahlreichen Palmen-Hainen und Hochspannungsleitungen gibt. Das Preisniveau ist hier deutlich höher als im Rest des Landes, man ist sich der Besonderheit der Region also durchaus bewusst. Denn neben Wüste (ohne Ende) gibt es hier auch eine der höchsten Sanddünen der Welt zu sehen: Die Moreeb-Düne ist etwa 120 Meter hoch und 1.600 Meter lang. Der Weg zu dieser Düne ist allerdings viel sehenswerter als die Düne selbst, zu deren Füßen die Araber einen riesigen Parkplatz bauen ließen. Hier finden auch häufig Auto-, Motorrad- oder Kamel-Rennen statt – von der Ursprünglichkeit der Landschaft ist leider nicht mehr viel übrig geblieben. Und doch kann man sie noch entdecken, wenn man weniger ausgetretene Pfade geht und das eine oder andere Verbotsschild "übersieht". Dazu muss man nur von der Liwa-Oase aus weiter Richtung Süden bis zur Grenze nach Saudi-Arabien fahren, wo eine schnurgerade Straße am Grenzzaun entlangführt und nach jedem Hügel neue atemberaubende Ansichten von wahrlich unverfälschten Wüstenlandschaften bietet. Es kann dann zwar passieren, dass man von Uniformierten aufgegriffen und in die nächste Basis gebracht wird, doch wenn man dann glaubhaft vermitteln kann, dass man nur touristisch interessiert und verse-

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hentlich auf die Straße geraten ist, wird man auch bald wieder freigelassen und auf einer nicht minder interessanten Route durch die Wüste zurückgeschickt. Nach unserem "Wüstenabenteuer" war es dann auch schon an der Zeit, die letzte Station unserer Reise durch die Vereinigten Arabischen Emirate anzusteuern: Abu Dhabi. Die Hauptstadt des Landes ist nur knappe zwei Autostunden von Dubai entfernt und deutlich kompakter als das großräumige, weit angelegte Dubai. Die Wolkenkratzer sind hier nicht so hoch und die Straßen nicht so breit – und die einzige wirkliche Sehenswürdigkeit ist die Sheikh Zayed Mosque, die drittgrößte Moschee der Welt. Hier kann man barfuß oder auf Socken auch den weltweit größten handgeknüpften Teppich betreten, wenn man die (tatsächlich kostenlose) Möglichkeit wahrnimmt, die Moschee zu besuchen. Auch Ungläubige dürfen hier rein, wenn sie sich einem klar definierten Dress-Code entsprechend gekleidet haben – Frauen müssen hier z. B. alle ein Kopftuch tragen. Die Pracht dieser riesigen weißen Moschee erinnert an ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht – angeblich können hier bis zu 40.000 Muslime gleichzeitig ihrem Allah huldigen. Davon ist an einem normalen Besuchertag jedoch nichts zu spüren – dann ist die Moschee voller Touristen, die auf einem abgegrenzten Pfad (wild in alle möglichen Richtungen fotografierend) durch das Gotteshaus schleichen. Ansonsten lassen sich in Abu Dhabi durchaus auch andere hübsche Stadtansichten finden – die Strandpromenade (Corniche West Street) bietet sich zum Spazierengehen an, und ebenfalls als Touristenattraktion wird der "Emirate Palace" betrachtet: ein Luxushotel, welches (ähnlich wie das Burj Al Arab-Hotel in Dubai) fast schon als eines der Wahrzeichen der Stadt gilt – in Ermangelung echter Sehenswürdigkeiten. Und natürlich wird auch in Abu Dhabi geshoppt, was das Zeug hält – auch hier gibt es unzählige Malls, Restaurants und Geschäfte, die ihre Waren häufig sogar etwas günstiger anbieten als vergleichbare Geschäfte im von Touristen viel höher frequentierten Dubai. Auch die Hauptstadt ist noch längst nicht fertig – hier entstehen gerade ganz neue Stadtteile mit immer höheren und fantasievoller konstruierten Wolkenkratzern. Ob Abu Dhabi und Dubai jemals „fertig“ werden, darf bezweifelt werden. Platz gibt es hier noch jede Menge und schon jetzt werden ältere Gebäude abgerissen, um Platz für neue und spektakuläre Hochhäuser zu schaffen. Echte Araber sind uns in den drei Wochen übrigens nie persönlich begegnet – von den Drängelattacken auf sämtlichen Straßen mal abgesehen. Aber diese ungeduldigen Drängeleien sind recht symptomatisch für das Verhalten der "echten" Einheimischen, die eigentlich nur 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Tatsächlich sind die Araber in den V.A.E. deutlich in der Unterzahl – etwa 80 Prozent der Bevölkerung sind Gastarbeiter, die vor allem aus Indien, Pakistan, Korea oder den Philippinen stammen. Diese 80 Prozent sind auch sehr freundlich, zuvorkommend und serviceorientiert, wogegen sich die Herren im Lande manchmal zu sehr als solche aufführen und eher unfreundlich bis überheblich rüberkommen. Aber darüber kann man auch entspannt hinwegsehen… Und wie waren nun unsere drei Wochen so ganz ohne Cannabis? Zum einen waren wir erfreut, dass wir noch nicht tabaksüchtig waren, da uns die komplette Rauchabstinenz in keiner Weise beeinträchtigte oder auch nur nervte. Natürlich hätten wir hier oder da auch ganz gerne mal eine Tüte geraucht, aber es ging auch erstaunlich gut ohne. Allerdings verspürten wir nach den drei nüchternen Wochen auch keine (viel zitierte) "große Klarheit", sondern fanden es eher erstaunlich, dass wir, nachdem wir (klischeeentsprechend) nachts wieder ganz viel träumten, nach jedem Traum irritiert aufwachten. Nach ein paar Minuten waren wir dann zwar auch schon wieder eingeschlafen (und mittendrin im nächsten verrückten Traum), aber unterm Strich führte das dazu, dass wir keine Nacht vernünftig durchschlafen konnten und am Tag häufig recht schlapp bis dauermüde unterwegs waren. Waren das vielleicht doch körperliche Entzugserscheinungen, die wir einfach nicht als solche erkannten? Oder gehören wir vielleicht auch zu der Gruppe der vermeintlichen Hobbykiffer, die gar nicht wissen, dass sie Cannabis nicht nur aus Spaß, sondern auch aus medizinischen Gründen konsumieren? Zurück in Berlin nahmen wir uns vor, unseren auf Null zurückgefahrenen Konsum erst wieder ganz langsam anzukurbeln und bauten unsere erste Tüte mit einer nahezu homöopathisch zu nennenden Menge, die uns dann nichtsdestotrotz ordentlich plättete. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr – das hätten sich übrigens auch die Vereinigten Arabischen Emirate hinter die Ohren schreiben sollen.

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Wie kam es zu der für Schauspielerinnen ja eher ungewöhnlichen musikalischen Zusammenarbeit zwischen euch?

Songs auch einfach nur eingestellt, damit Freunde und Familie sie sich einfach mal ansehen konnten.

Kate: Wir waren schon ein paar Jahre lang gut befreundet, als mich Riki anrief und fragte, ob ich ihr dabei helfen würde, zwei Songs für eine Musical-Version ihres Kurzfilms "Imaginary Larry" zu schreiben. So saßen wir dann irgendwann auf Rikis Couch, schrieben unsere ersten zwei gemeinsamen Songs an einem einzigen Tag und hatten auch noch riesigen Spaß dabei.

Kate: Wir waren damals beide viel beruflich unterwegs, es dauerte etwa fünf Monate, bis wir wieder zurück zu Hause waren und die Zeit fanden, uns mal wieder zu treffen. Als wir uns dann bei YouTube einloggten, merkten wir gleich, dass hier eine Menge passiert war. Unsere Videos waren millionenfach angeschaut worden und hatten jede Menge Kommentare – viele drehten sich kurioserweise um meine Haare. Darüber war eine regelrechte Kontroverse entbrannt.

Riki: Und trotzdem war es unglaublich leicht. So leicht, wie es danach nie wieder war. Am Anfang waren wir in einem regelrechten Hochgefühl und die Songs purzelten einfach so aus uns heraus – später brauchten wir dann auch schon mal Monate für ein paar richtig gute neue Songs. Kate: Nachdem sich unsere ersten zwei gemeinsamen Songs an diesem einen Tag aber fast wie von selbst schrieben und wir darüber hinaus auch großen Spaß bei der Zusammenarbeit hatten, war uns klar, dass wir damit nicht aufhören wollten – also machten wir weiter. Riki: Ich stellte dann einfach mal ein paar Lieder von uns auf meiner YouTube-Seite ein… Kate: …was ich übrigens gar nicht wusste, da ich dachte, die wären eher zur Erheiterung der Familie und einiger Freunde geeignet. Riki: Wir konnten uns damals tatsächlich nicht vorstellen, dass sich das auch andere Leute ansehen werden. Schließlich gibt es inzwischen Milliarden von YouTube-Videos – und die meisten davon werden ja gar nicht oder nur ganz selten angeschaut. Ich hatte unsere

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Riki: Ich kriege ja nie Haar-Kommentare, aber du solltest vielleicht mal darüber nachdenken, warum dein Haar die Leute so aufregt. Vielleicht ist es ja doch ein bisschen zu lang… Kate: Keine Ahnung, was mit meinen Haaren nicht in Ordnung sein soll. Ich habe kein Haar-Problem – das will ich hier ruhig noch mal herausstellen. Wie dem auch sei – als ich kurz darauf bei "Scrubs" eine Gastrolle hatte, erfuhr ich, dass man für die Serie einen unserer Songs verwenden wollte. Allerdings wurde aus "Fuck You!" dabei "Screw You!" – damit es gesendet werden konnte. Nichtsdestotrotz hat uns der Song im Fernsehen dann auch noch weitere Aufmerksamkeit gebracht – obwohl wir damals noch gar nichts regulär veröffentlicht und noch kein einziges Konzert gegeben hatten. Riki: Das war schon verrückt, normalerweise ist es anders herum. Erst im September 2008 traten wir das erste Mal gemeinsam auf. Was hat euch als gut gebuchte Schauspielerinnen an der Musikkarriere gereizt?


Riki: Bei unseren Auftritten als Musikerinnen können wir ganz wir selber sein und müssen nicht auf Anweisungen hören oder um Erlaubnis bitten, wenn wir mal eine eigene Idee einbringen wollen. In unserer Band haben wir allein die Kontrolle. Kate: Und unsere Musik haben wir selbst geschrieben – wir können praktisch alles machen, was wir nur wollen. Da steckt schon ein großes Stück künstlerische Freiheit drin, die ich auch sehr genieße. Trotzdem lieben wir zwei die Schauspielerei sehr und akzeptieren damit auch ihre eher anstrengenden Seiten. Deshalb arbeiten wir auch jeden Tag. Riki: Sagen wir mal: Fast jeden Tag. Oder jeden Tag, den wir können. Aber das macht ja auch Spaß – Arbeit kann tatsächlich Spaß machen. Kate: Vor allem, wenn wir auf Tour sind. Mal abgesehen von dem Teil im Bus oder Flugzeug – aber sobald wir am Veranstaltungsort sind, macht es normalerweise immer großen Spaß. Woher kommen die verrückten Ideen für eure Songs? Kate: Aus unserem Leben – also tatsächlich vor allem aus persönlichen Erfahrungen. Riki: Mir passieren oft Sachen, die ich dann vorschlage und über die ich schreiben will und die wir dann gemeinsam entwickeln. Kate: Oft finde ich dabei ihre Ansätze viel zu krass, aber mit der Zeit gewöhne ich mich daran und finde es schließlich ganz klasse, diese Lieder zu singen. Wie bei unserem Titel „Pregnant Women are Smug“

(Schwangere sind selbstgefällig), den ich erst gar nicht amüsant fand und jetzt liebe, da er mit einer eingängigen Melodie verbunden ist. Riki: Ein paar unserer neueren Songs sind ja auch recht provokant und da wir neue Songs mittlerweile nicht gleich auf YouTube einstellen, sondern erstmal live spielen, bemerken wir dabei schon ganz deutliche Reaktionen – da ist dann auch schon mal ein „Buh!“ mit dabei. Aber meistens wird laut gelacht. Mehr oder weniger verschämt. Euer Song „Weed Card“ ist ja einer eurer erfolgreichsten Songs, aber es gibt auch noch andere Titel, die sich um Cannabis drehen – einen kann man sogar in eine Frage umformulieren: Lässt sich Weihnachten bekifft wirklich ertragen? Kate: Wir selbst waren eigentlich nie zu Weihnachten bekifft, aber wir können uns sehr gut vorstellen, dass sich Weihnachten besser ertragen lässt, wenn man high ist. Wir waren immer nur besoffen und traurig – und das macht immer Spaß. Aber high waren wir nie. Wenn man dann aber doch mal bekifft sein sollte – was kann man dann machen? Riki: Ich glaube, dann legt man sich am besten erstmal ganz vorsichtig auf die Couch und bestellt eine große Pizza. Dann kann man die eigene Gedankenwelt auf das anrollende Futter ausrichten und wenn es dann endlich ankommt, sollte es einem auch schon wieder deutlich besser gehen...

Mehr unter: http://www.garfunkelandoates.com/

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Die Propheten des Untergangs, die nimmermüden Boten der Apokalypse, sie waren bisher nicht wirklich verlässlich, oder? Ob nun der alte Nostradamus, die Zeugen Jehovas, Erich von Däniken oder zuletzt die Interpreten des ominösen Maya-Kalenders: Für viel mehr als bunte Science Fiction haben sie bisher alle nicht getaugt. Verlässlicher erscheint da vielen die Wissenschaft. Im vergangenen Jahr kursierte eine Liste in den Medien, auf der eine Gruppe von Zukunftsforschern die zehn wahrscheinlichsten Weltuntergangs-Szenarien zusammengestellt hatte. Das Bemerkenswerte an dieser Liste ist, dass die vorderen fünf Plätze ausschließlich menschengemacht sind. Demnach sind es künstliche Viren aus dem Labor, außer Kontrolle geratene physikalische Experimente und atomare Katastrophen, welche die größten Bedrohungen für die Menschheit darstellen. Naturgewalten wie Vulkanausbrüche oder Asteroiden-Einschläge landen dagegen erst auf den hinteren Plätzen. Was am Ende wieder einmal nichts anderes bedeutet, als dass der Mensch selbst des Menschen größter Feind ist und die Wissenschaft sich offenbar selbst nicht über den Weg traut. Der Philosoph Nick Bostrom vom Future of Humanity Institute in Oxford, einer der Co-Autoren der genannten Liste, begründet das folgendermaßen: Die Menschheit hat die letzten 100.000 Jahre überlebt, ohne von Naturkatastrophen ausgerottet worden zu sein – die Wahrscheinlichkeit, dass uns dies in nächster Zeit bevorsteht, ist also eher gering. Andererseits arbeitet die Menschheit erst seit relativ kurzer Zeit an technischen Innovationen und Erfindungen, für deren Risiken und Auswirkungen es noch keine Langzeit-Tests gibt, sprich: Ob und wie wir unsere eigenen Experimente überleben werden, kann noch niemand abschätzen. Am wahrscheinlichsten ist es also, dass wir uns selbst ausrotten. Misanthropen aller Länder dürfen nun applaudieren.

Raten also. Nur am eigentlichen Doomsday, dem 21. Dezember, ging es noch einmal hoch her: Es wurden diverse Bedrohungs-Szenarien diskutiert, "Experten" befragt und Weltuntergangs-Touristen präsentiert, die zu den Ruinen der Maya-Pyramiden nach Mexiko gereist waren. In den Neuen Medien dagegen, in Online-Blogs und Sozialen Netzwerken, trieben die Spekulationen über den möglichen Weltuntergang bereits seit Jahren wilde Blüten: Hier kämpften Killerplaneten, die Umkehrung der Pole, Sonnenstürme und Verschwörungstheorien um Aufmerksamkeit. Dabei waren die angeblichen Beweise und Quellen solcher Theorien so vage wie abenteuerlich. „Woher ich weiß, was 2012 passieren wird? Nun, ich kann keine Details nennen, aber ich habe genug recherchiert, um zu wissen, in welcher Gefahr sich die Menschheit befindetˮ, so wurde einer der zahlreichen Untergangspropheten im Internet zitiert. In diesem Ton waren die meisten der düsteren Voraussagen verfasst: Nichts Genaues weiß man nicht, aber es wird ganz sicher böse enden. Als das Jahr 2012 schließlich ohne Apokalypse zu Ende ging, da wurde schnell klar: Nach dem Weltuntergang ist immer auch vor dem Weltuntergang. Die nimmermüden Boten der Apokalypse arbeiten weiter und der nächste Doomsday wartet schon. Wie wäre es zum Beispiel mit dem 13. April 2029? Dann nämlich soll der Asteroid Apophis der Erde gefährlich nahe kommen. Oder auch im Jahre 2039? Rafft uns vielleicht vorher noch der Klimakollaps hinweg oder doch ein im Labor gezüchteter Supervirus? Kann das nicht mal schnell jemand googeln, irgendwo muss es doch verlässliche Informationen geben! Wenn es ein untrügliches Zeichen eines sich ankündigenden Untergangs gibt, dann das einer allgemein zunehmenden Dekadenz – so lehren es uns die Geschichtsbücher. Die Dekadenz unserer Zeit heißt unter anderem: Informationsverbreitung um jeden Preis, je schneller, desto besser.

Was aber wären wissenschaftliche Prognosen oder die Orakel der Endzeit-Propheten ohne ihre mediale Verbreitung? Was ich nicht weiß, macht mich nicht nur nicht heiß, es macht mir vor allem auch keine Angst. Nachrichtenmedien leben davon, uns Angst zu verkaufen. Und wovor sollten wir uns mehr fürchten als vor dem Ende der Welt? Trotzdem blieb im letzten Jahr der Weltuntergang als Thema in den Mainstream-Medien eher eine Randerscheinung aus der Abteilung "Special Interest". Die Titelseiten und Hauptsendezeiten blieben dem Kerngeschäft der Medien vorbehalten: den schnelllebigen Horrormeldungen aus Wirtschaft und Politik, dem täglichen Untergang auf

Am Ende lässt sich nur feststellen, dass wir das Ende eben noch nicht kennen. Unsere Welt kann auf vielfältige Weise untergehen: Politisch, religiös, mental oder atomar, sie wird sich vielleicht selbst abschaffen oder durch kosmische Einwirkung pulverisiert werden. Womöglich wird es aber auch ein sehr stilles, kaum merkliches Ende werden, das in Wirklichkeit eher einen Übergang in ein neues Zeitalter darstellt. Ein Ende, das ganz ohne Katastrophenmeldungen auskommen wird und über das kein Nachrichtenmedium berichten wird. Vielleicht erleben wir auch einfach nur das Ende aller Nachrichten… Und das wäre doch schon mal ein guter Anfang.

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Thcene Nr. 02/2013