Page 1

Coole Jungs ­Nevin Galmarini mit seinen fünf Monate alten Zwillingssöhnen Eddie (l.) und Louie. «Eddie ist der Ruhige, Louie der Impulsive.»

Der zweite Doppel-Erfolg Gold und Silber bei Olympia – Alpin-Snowboarder NEVIN GALMARINI macht keine halben Sachen. Auch im Privatleben nicht: Die Zwillinge EDDIE und LOUIE halten den Profi­sportler und seine NADJA gehörig auf Trab.

SCHWEIZER ILLUSTRIERTE 35


A

chtung, Achtung! Es gibt da etwas, was Nevin Galmarini, 32, schwer auf die Ner­ ven geht: «Sagt bloss ja nicht Schuls, das hört sich ­grauenhaft an!» Auf die rätoroma­ nische Ortsbezeichnung Scuol – ausgesprochen «Schcuel» – legt der gebürtige Appenzeller Wert. Als 13-Jähriger ist er mit seiner ­Familie des Sports und der Aus­ bildung am Sportgymnasium Ftan wegen von Herisau AR ins Unter­ engadin nach Ardez umgezogen. Seither fühlt er sich trotz ver­ bliebenem Ostschweizer Dialekt als Engadiner. Und so könnte es dereinst auch seinen Söhnen Ed­ die und Louie gehen: Mit ihrem Papa Nevin und Mama Nadja von Büren, 37, wohnen sie zwar in Flumenthal bei Solothurn. «Aber es ist durchaus eine Wunschvor­ stellung, dass wir irgendwann ins

36 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE

Goldfahrt von Pyeongchang. «Zuerst der ruhige Vielschläfer Eddie, eine Minute später der impulsive und nimmermüde Louie», wie Nadja ihre zwei Knöpfe charakte­ risiert. Die Reise nach Südkorea hat sie auch wegen der Schwan­ gerschaft nicht auf sich genom­ men. Doch ihren Nevin ­beflügelt der erwartete Familienzuwachs aus der Ferne. «Weil wir schon seit Oktober 2017 von der Schwan­ gerschaft wussten, wars zwar kein spezieller Boost im Rennen. u

Am Ziel! Am 24. Februar 2018

kurvt Nevin Galmarini in Pyeong­chang (Südkorea) Olympiagold im SnowboardParallelrennen entgegen.

Foto Gregory Bull / Keystone

TEXT ISO NIEDERMANN FOTOS FABIENNE BÜHLER

Zweieiig Nadja hält Engadin ziehen und unsere Jungs Eddie empor, hier aufwachsen», sagt der Olym­ Nevin bringt piasieger von 2018 im Snowboard Louie zum Lachen. alpin, der des Rätoromanischen Verwechslungs­ recht gut mächtig ist. Dass Scuol gefahr besteht Galmarinis Hauptsponsor ist, bei den Twins drückt denn auch weniger eine nur für AussenGeschäftsbeziehung aus als viel­ stehende. mehr eine Herzensverbindung. Eddie und Louie verändern Galmarinis Leben im Doppel. Am vergangenen 12. Juli kommen die zweieiigen Zwillinge zur Welt, knapp fünf Monate nach Nevins

Zmorge Nadja und Nevin geniessen mit Louie (l.) und Eddie eine Auszeit im Hotel Belvédère in Scuol. «Im Unterengadin fühlen wir uns zu Hause.»


Test Eine Kabine der Gondelbahn von Scuol ins Skigebiet Motta Naluns ist Olympiasieger Galmarini gewidmet. Mit Nadja prüft er deren KinderwagenTauglichkeit.

u Aber es hilft schon, wenn man

mehr Risiken eingehen kann, weil man im Hinterkopf hat, dass ein Scheitern nicht das Ende der Welt wäre.» Es ist der vielleicht emotio­ nalste Moment, als der ProfiSnowboarder dreieinhalb Jahre nach Olympiasilber in Sotschi im November 2017 beim Training in Davos vom Besonderen seiner kommenden Vaterschaft erfährt. «Ich sass mit Kollegen in Davos auf dem Sessellift, als Nadja mich aufs Handy anrief und mir mitteilte, dass es Zwillinge sind. Zuerst tat ich ganz cool, um mich vor den Kollegen nicht zu verra­ ten. Aber dann bin ich allein in den Tiefschnee rausgefahren, und dort ist die Freude aus mir rausgebrochen.» Mit etwas Verzö­gerung, genau wie nach dem Sieg im Olympiarennen, als er erst beim Telefonat mit Nadja sei­ nen Emotionen freien Lauf lässt. Nun also sind die Galmarinis eine Familie. Und den Sprung «von null auf gleich zwei Kinder» haben sie erfolgreich bewältigt. «Man kommt am Anfang schon mal an den Anschlag, wenn beide gleichzeitig etwas von einem wol­ len, aber wir ergänzen uns per­ 38 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE

fekt», lobt Galmarini die häus­ liche Rollenaufteilung. Was auch Nadja bestätigt: «Nevin ist ein tol­ ler Papi. Er hat unendlich Geduld, und er beteiligt sich an allen El­ tern-Aufgaben, wickelt die Jungs, bringt sie zu Bett, kleidet sie an, steht nachts auf.» Das Schöppelen schaffe er sogar parallel, präzi­ siert der Jungpapa lachend, nur beim Wickeln müsse er «eher sequenziell» vorgehen. Schön der Reihe nach erledigt der Olympiaheld auch seine kom­ plexe Aufgabenliste nebst den Vaterfreuden. Bei seinem Fern­ ­ studium der Betriebswirtschaft ar­ beitet er derzeit an der Bachelor­ arbeit. Im März soll das Diplom vorliegen. «Ich kann mir auch vorstellen, gleich das Masterstudi­ um anzuhängen.» Und natürlich

«Bitte sagt Scuol und nicht Schuls, das tönt einfach grauenhaft» NEVIN GALMARINI

sind da die sportlichen Ziele, die der Profi-Snowboarder verfolgt. Nach Olympia- und Gesamtwelt­ cup-Sieg im vergangenen Winter soll in einem Monat WM-Gold in Park City (USA) folgen – WMBronze hat er schon. Und den Heim-Weltcup in Scuol (nicht Schuls!) vom 9. März nennt er als zweites Saison-Highlight. «Ich habe mit der Geburt von Eddie und Louie zwar Gelassen­ heit gewonnen, aber nichts von meinem Ehrgeiz eingebüsst», sagt Galmarini, «und ich sehe eigent­ lich keinen Grund, weshalb ich nach dieser Saison nicht weiter­ fahren sollte, auch wenn mir nun die Abreise an Wettkämpfe im

Ausland oder in Trainingscamps schon deutlich schwerer fällt.» Das Familienleben der Galma­ rinis wird durch die aktuellen ­Lebensumstände erleichtert. Von Zürich nach Flumenthal umgezo­ gen sind sie nicht zuletzt, weil Nadja dort aufgewachsen ist und ihre Eltern noch immer im Dorf wohnen, in unmittelbarer Nach­ barschaft. «Ich kann jederzeit auf ihre Unterstützung zählen, wenn Nevin unterwegs ist und ich Hil­ fe benötige», preist Nadja die Vor­ züge der räumlichen Nähe. Auch Nevins gehörlose Mutter Helen, die in Ardez GR lebt, geniesst die neuen Oma-Freuden. Sie ist mit den Zwillingen erstmals Gross­

Heimat Nevin mit den drei mami geworden. Die Erinnerung Liebsten (Louie ist noch lebendig, wie Nevin 2014 r.) beim Schlitnach der Silberfahrt von Sotschi teln auf Motta Naluns und seine Mutter am TV in Gebärden­ mit Nadja beim sprache grüsst. Gut möglich, dass Spaziergang Eddie und Louie dereinst in baby­ durch den lonischer Sprachenvielfalt auf­ alten Dorfkern wachsen: Mamas Solothurner von Scuol. Dialekt, Papas Herisauer Idiom, Rumantsch – und eben auch Ge­ bärdensprache. Schon die Namen der zwei Buben deuten Weltoffenheit an. «Eddie ist von Nadjas Grossvater Eduard abgeleitet, Louie von mei­ nem Opa Luigi», erklärt Galma­ rini. Es ist die am leichtesten erkennbare Verbindung zu den Vorfahren der Zwillingsbuben.

Mehrlingsgeburten gab es näm­ lich bisher weder in Nadjas noch in Nevins Familie. Olympiasieger ­allerdings auch nicht. Da muss Galmarini aufpassen, dass seine Söhne dann nicht die Ersten sind, die Schuls statt Scuol sagen. 


Millions discover their favorite reads on issuu every month.

Give your content the digital home it deserves. Get it to any device in seconds.