NACH EINHUNDERT JAHREN …
… wird das Werk der Malerin Ilna Ewers-Wunderwald (1875–1957) wieder in ihrer Geburtsstadt präsentiert. Neu zu entdecken sind Bilder mit beinahe mikroskopischen Naturbehandlungen sowie eigenwilliger Fantastik – exotischtraumverlorene Zusammenspiele zwischen Feder, Tusche und leuchtender Wasserfarbe, die heutige Kunstschaffende auf vielfältige Weise inspirieren. Anhand von Nachlassmaterialien widmet sich die Ausstellung ebenso der Kabarettdarstellerin, Modedesignerin, Übersetzerin und Weltreisenden: dem faszinierenden Leben der wahrlich emanzipierten Künstlerin Ilna Ewers-Wunderwald.
04
/// After one hundred years, the oeuvre of the painter Ilna Ewers-Wunderwald (1875–1957) is once again presented in her native city. The exhibition shines a new light on her work, which is characterised by almost microscopical depictions of nature and an idiosyncratically fantastical visual vocabulary – exotic, dream-like interplays between pen, ink and luminous watercolour which, in many ways, continue to inspire artists to this day. Using materials from the artist’s estate, the exhibition is also dedicated to the cabaret performer, fashion designer, translator and globetrotter – to the fascinating life of the truly emancipated artist Ilna Ewers-Wunderwald.
[Abbildung 2]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Seeschlange], 1930, Privatbesitz.
[Abbildung 3]
Capri 1903, Heinrich-Heine-Institut.
05
[Abbildung 4]
1875 Karoline Elisabeth Wunderwald wird am 7. Mai in Düsseldorf geboren. Ihr Vater ist Inhaber eines Kunsthandwerksbetriebs, der ältere Bruder Wilhelm (1870–1937) studiert Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Über die Mutter ist nichts, über Wunderwalds Jugend und Ausbildung kaum etwas bekannt. Die talentierte Künstlerin ist Autodidaktin. Wahrscheinlich nimmt sie wie Gabriele Münter (1877–1962) kurzzeitig Unterricht bei Willy Spatz (1861–1931) an der Düsseldorfer Damenmalschule.
1895 Im Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten lernt Wunderwald den Autor Hanns Heinz Ewers (1871–1943) kennen. Die beiden werden ein Paar.
[Abbildung 5]
1901 Heirat mit Hanns Heinz Ewers. Die Künstlerin nennt sich nun Ilna Ewers-Wunderwald. Ewers leitet eine Sektion des Berliner Kabaretts »Überbrettl«. Sie steht als Schauspielerin und Sängerin mit Kollegen wie Arnold Schönberg (1874–1951) auf der Bühne, erhält glänzende Kritiken. Besonders fällt Ewers-Wunderwald mit einer ausdrucksvollen Stimme und selbst kreierten Reformkleidern auf.
1902 Nach Teilnahme an internationalen Gastspielen des »Überbrettls« in Ostpreußen, Polen, Österreich-Ungarn, Galizien, Rumänien, Russland, Serbien, Bosnien, Slowenien, Kroatien, Lettland, der Schweiz und Italien erfolgt ein plötzlicher Abbruch der Kabarett-Aktivitäten. Sie richtet sich mit Ewers für einen zweijährigen Capri-Aufenthalt ein. Die Insel ist um 1900 zu einem Zentrum der Reformbewegung avanciert.
[Abbildung 6]
[Abbildung 7]
1903 Auf Capri gestaltet Ewers-Wunderwald avantgardistische Mode. Sie schließt sich mit ihrem Gatten dem antibürgerlichen Sonnenund Nudistenkult an. Bei Klettertouren entdeckt das Paar eine bislang unbekannte Tropfsteinhöhle.
1904–1905 Rückkehr nach Deutschland. Da die Ehe mit Ewers von Konflikten geprägt ist, lebt sie bei ihrer Schwiegermutter Maria Ewers geb. aus’m Weerth (1839–1926), einer beliebten Märchendichterin, in Düsseldorf, während ihr Gatte hauptsächlich in Berlin wohnt. EwersWunderwald arbeitet als Zeichnerin und Übersetzerin, designt und illustriert Bücher.
06
BIOGRAFIE
1906–1910 Ausgedehnte Reisen führen das Ehepaar nach Südeuropa, in die Karibik, nach Mittel- und Südamerika, Australien, auf die Philippinen, nach Japan, China und Singapur. Künstlerisch besonders fruchtbar wird eine Indienreise im Jahr 1910. Ewers-Wunderwald illustriert die Werke ihres erfolgsverwöhnten Gatten, übersetzt und gestaltet Bücher französischer Modernisten, liefert Illustrationen für verschiedene Periodika.
1909–1914 Entwicklung reger Ausstellungstätigkeit, ihre Bilder werden in der Berliner Secession (1909, 1910), der Münchener Secession (1912) und der Grossen Berliner Kunstausstellung (1911, 1914) gezeigt. Sie verlässt Ewers und zieht zu dem Komponisten Gustav Krumbiegel nach Leipzig. Die Ehe wird 1912 geschieden. Krumbiegel fällt bereits im ersten Kriegsjahr als Soldat in Flandern.
1915–1929 Wohnt wieder in Düsseldorf. Unter anderem 1916, 1922 und 1923 Teilnahme an Ausstellungen im Düsseldorfer Kunstpalast. Während der zwanziger Jahre gerät ihr Werk zunehmend in Vergessenheit, sie zieht sich ins Private zurück.
1930–1935 Tritt im Alter von 55 Jahren eine Weltreise zu Fuß an. Nachgewiesen ist ein längerer Aufenthalt auf Capri.
1936–1945 Abermals in Düsseldorf; sie ist mit der Bildhauerin Ellie Unkelbach befreundet. Ewers-Wunderwald unterstützt regimeverfolgte Freunde wie den Rechtsanwalt Friedrich Maase (1878–1959), die ihre Opposition in Konzentrationslagern büßen müssen. Angewidert vom nationalsozialistischen System, zieht sie sich mit Unkelbach nach Allensbach an den Bodensee zurück.
1946 Letzte Ausstellung zu Lebzeiten im Radolfzeller Kunstsalon Linder.
1947–1957 Ihre Arbeiten werden teilweise abstrakt und post-surreal. Sie nimmt eine psychedelische Kunst vorweg, fühlt sich aber bis zum Schluss dem Jugendstil verpflichtet. Ilna Ewers-Wunderwald stirbt am 29. Januar 1957 in Allensbach. Das Grab ist nicht mehr erhalten.
[Abbildung 8]
[Abbildung 9]
[Abbildung 12]
[Abbildung 10]
[Abbildung 11]
[Abbildung 13]
[Abbildung 15]
[Abbildung 16]
[Abbildung 17]
[Abbildung 18]
[Abbildung 14]
[Abbildung 19]
[Abbildung 20]
[Abbildung 21]
[Abbildung 22]
[Abbildung 23]
07
ABBILDUNGEN
[Abbildung 4]
ca. 1890, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 5]
Bildpostkarte Kabarett »Überbrettl«, ca. 1902, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 6]
mit Hanns Heinz Ewers, Capri 1903, Heinrich-Heine-Institut.
08
[Abbildung 7]
Capri 1903, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 8]
mit Hanns Heinz Ewers (Mitte), Mexiko 1906, Heinrich-Heine-Institut.
09
[Abbildung 9]
mit Hanns Heinz Ewers, Colombo 1910, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 10]
Carl Langhammer an Ilna Ewers-Wunderwald, Berlin, 16. März 1914 (mit handschriftlichem Zusatz von Hanns Heinz Ewers), Heinrich-Heine-Institut.
10
[Abbildung 11]
Ilna Ewers-Wunderwald: Diana, ca. 1909 (Verbleib unbekannt), Reproduktion: Sammlung Dr. Michael Matzigkeit.
[Abbildung 12]
Bucheinband:
Ilna Ewers-Wunderwald, Georg Müller Verlag, München 1913.
[Abbildung 13]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Selbstporträt mit Gustav Krumbiegel], ca. 1912, Privatbesitz.
11
[Abbildung 14]
Ellie Unkelbach, ohne Datierung, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 15]
ca. 1915, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 16]
ca. 1920, Heinrich-Heine-Institut.
12
[Abbildung 17]
1919, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 18]
Bildpostkarte, 1930, Heinrich-Heine-Institut.
13
[Abbildung 19]
mit dem Tänzer Ernst Heimrath, 1936, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 20]
ca. 1940, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 21]
ca. 1946, Heinrich-Heine-Institut.
14
[Abbildung 22]
»Südkurier«, Juni 1946.
[Abbildung 23]
ca. 1954, Heinrich-Heine-Institut.
15
[Abbildung 4]
1875 Karoline Elisabeth Wunderwald is born on 7 May in Düsseldorf. Her father runs an Arts and Crafts workshop, her older brother Wilhelm (1870–1937) studies Art at the Düsseldorf Academy of Art. Very little is known about her mother and almost nothing is known about Wunderwald’s childhood and education. The talented artist is self-taught. It is probable that, like Gabriele Münter (1877–1962), she studies for a short time with Willy Spatz (1861–1931) at the Ladies Art School in Düsseldorf.
1895 Wunderwald meets the writer Hanns Heinz Ewers (1871–1943) at the Malkasten, the home of Düsseldorf’s Artists‘ Society. They become lovers.
[Abbildung 5]
1901 Wunderwald marries Hanns Heinz Ewers and is now known as Ilna Ewers-Wunderwald. Ewers directs “Überbrettl”, a section of the Berlin Cabaret. As an actor and singer, Ewers-Wunderwald shares the stage with personalities such as Arnold Schönberg (1874–1951) and is lauded by the critics. She is particularly noted for her expressive voice and self-designed Reform clothing.
1902 After “Überbrettl’s” international guest appearances in East Prussia, Poland, Austria-Hungary, Galicia, Romania, Russia, Serbia, Bosnia, Slovenia, Croatia, Latvia, Switzerland and Italy, their Cabaret acts are suddenly cancelled. She arranges to spend two years with Ewers in Capri which, around 1900, has become one of the centres of the Reform movement.
[Abbildung 6]
[Abbildung 7]
1903 On Capri, Ewers-Wunderwald designs avant-garde fashion. She and her husband join the anti-bourgeois Sun and Nudist cult. Whilst on climbing tours the couple discover an as yet unknown limestone cave.
1904–1905 Return to Germany. Such is the conflict within the marriage to Ewers that she lives with her mother-in-law Maria Ewers née aus’m Weerth (1839–1926), a much-loved poetic storyteller, whilst her husband lives primarily in Berlin. Ewers-Wunderwald sketches and translates, designs and illustrates books.
16
BIOGRAPHY
1906–1910 The couple travel extensively in southern Europe, the Caribbean, Central and South America, Australia, the Philippines, Japan, China and Singapore. A journey to India in 1910 proves to be particularly productive. Ewers-Wunderwald illustrates the work of her husband –accustomed to being spoilt by success – and translates and designs books about the French Modernists as well as accepting commissions for illustrations for a variety of periodicals.
1909–1914 She becomes a frequent exhibitor, exhibiting at the Berlin Secession (1909, 1910), the Munich Secession (1912) and the Great Berlin Art Exhibition (1911, 1914). She leaves Ewers and moves to live with the composer Gustav Krumbiegel in Leipzig. They divorce in 1912. Krumbiegel is one of the first to fall as a soldier in Flanders in the first year of the Great War.
1915–1929 She returns to live in Düsseldorf. She exhibits at the Düsseldorf Kunstpalast i.a. in 1916, 1922 und 1923. During the 1920s, her work fades increasingly into obscurity and she withdraws from public life.
1930–1935 At the age of 55, she sets off on a round-the-world trip on foot. We know that she spends a considerable length of time on Capri.
1936–1945 Once again back in Düsseldorf; friendship with the sculptor Ellie Unkelbach. Ewers-Wunderwald supports friends persecuted by the regime, for example the lawyer Friedrich Maase (1878–1959), who are sent to concentration camps where they are forced to atone for their opposition. Repelled by National Socialism, she moves with Unkelbach to Allensbach on Lake Constance.
1946 The last exhibition during her lifetime in Kunstsalon Linder in Radolfzell.
1947–1957 Her work becomes in part abstract and post-surrealist. She anticipates the psychedelic in art, but feels committed to art nouveau to the end. Ilna Ewers-Wunderwald dies on 29 January 1957 in Allensbach. Her grave no longer exists.
[Abbildung 8]
[Abbildung 9]
[Abbildung 12]
[Abbildung 10]
[Abbildung 11]
[Abbildung 13]
[Abbildung 15]
[Abbildung 16]
[Abbildung 17]
[Abbildung 18]
[Abbildung 14]
[Abbildung 19]
[Abbildung 20]
[Abbildung 21]
[Abbildung 22]
[Abbildung 23]
17
»ICH DARF MICH
NICHT ZU SEHR MIT
GEDANKEN AN DAS
MEER BEFASSEN –
ES KOMMT DANN EINE
UNRUHE UND SEHNSUCHT
ÜBER MICH, DER ICH
SELBST KÖRPERLICH UNTERLIEGE. «
UNTERWASSER-WELTEN
Ewers-Wunderwald zeichnet nachweislich über fünfzig Jahre vielfältige Unterwasser-Welten aus Seeschlangen, Kraken, Fischen, Quallen, Krabben, Krebsen, Muscheln und Korallen. Die Bilder kontrastieren ein traumverlorenes Sujet mit fein ziselierter Naturbehandlung, assoziieren rauschhafte Innenwelten. In der Zeit nationalsozialistischen Expansionswillens und der Judenverfolgung zeichnet Ewers-Wunderwald einen Kraken; dieser hat einen Fisch erbeutet und gräbt die Saugnäpfe seiner Tentakel in den Gefangenen.
Underwater worlds /// “I must not get too deeply engrossed with thoughts about the ocean – when I do, a sense of disquietude and yearning comes over me that I succumb to even physically.”
Over more than fifty years, Ewers-Wunderwald creates a wealth of drawings of underwater worlds with sea snakes, octopuses, fish, jellyfish, shrimps, crabs, mussels and corals. The pictures contrast a dream-like subject matter with finely chiselled renderings of nature, suggestive of exhilarating inner worlds. At a time of National-Socialist expansionism and persecution of Jews, Ewers-Wunderwald draws an octopus; having captured a fish, it digs the suckers of its arms into its captive.
[Abbildung 24]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Polyp], 1937, Privatbesitz (ehemals Kunsthandel Horst Wehrens, Düsseldorf).
18
19
[Abbildung 25]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Schleiereule], 1945, Privatbesitz.
TIERMOTIVE
Bis ins hohe Alter beschäftigt sich Ewers-Wunderwald mit Anatomie und Lebensraum von Tieren, zeichnet wie besessen vor allem Vögel. Sie ist von der Unschuld und Integrität nicht-menschlicher Kreaturen überzeugt, spürt der Reinheit in den Wesen nach, die sie, wie Rainer Maria Rilke (1875–1926), als »das Offene« präsentiert. Dessen Verse aus der 8. Elegie »das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich und vor sich Gott« könnten eine Verbeugung vor ihren Bildern sein. Tatsächlich hat etwa der berühmte Maler Max Liebermann (1847–1935) bewundernd davorgestanden. Auch die Kritik lobt die höchste Vollendung ihrer Darstellung, die genaue Kenntnis der seltensten Tierformen sowie die grafische Präzision haarfeiner Linienführung. Besonders das allegorische Interesse an magischen Begegnungen mit Tieren wird zu einem Markenzeichen der Künstlerin.
Animal motifs /// Well into an advanced age Ewers-Wunderwald investigates the anatomy and habitats of animals, drawing predominantly birds almost obsessively. She is convinced of the innocence and integrity of non-human creatures, exploring the purity within the beings, portraying it, like Rainer Maria Rilke (1875–1926) did, as “the open”. Rilke’s verses from his Eighth Elegy, “the beast is free and has its death always behind it and God before it”, could be read as a tribute to her pictures. The famous painter Max Liebermann (1847–1935), for instance, did indeed express his admiration upon viewing them. Furthermore, art critics praise the utmost accomplishment of the artist’s depictions, her detailed knowledge of even the rarest types of animals, as well as the graphic precision and delicacy of line. Especially her allegorical interest in magic encounters with animals becomes a trademark of her work.
20
21
[Abbildung 26]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Exotische Pflanze], 1955, Privatbesitz (ehemals Kunsthandel Horst Wehrens, Düsseldorf).
PFLANZENMOTIVE
Natur-, Pflanzen- und Blumenmotive begleiten EwersWunderwald in allen Lebenslagen. Sie zeigen einen verschlungenen Kosmos bis in mikroskopische Bereiche, sind vitale Metaphysik. Doch selten sind sie naturalistische Abbildung. Pflanzen geraten ihr als Spiegelung der Seele, die Blumensprache wird in die Bereiche der Möglichkeit gerückt. Einer Dschungelpflanze platzen die Früchte, mit roten Fadenfingern scheint sie nach imaginären Liebhabern zu greifen; eine Magnolie gleitet als Frau mit plusternden Röcken auf einem konstruktivistischen Gegenstand; Kaskaden von Blatt- und Blütenfragmenten zerfließen zu psychedelischen Mustern. Die Natur ist bei Ewers-Wunderwald mit den Ereignissen der Innenwelt verwoben.
Plant motifs /// Natural motifs, plant and flower themes accompany Ewers-Wunderwald through all stages of her life. They exhibit an intertwined cosmos reaching into microscopic spheres, are lively metaphysics. Nevertheless, they are rarely naturalistic representations: “Last night I composed another picture. It seems I must have fallen from heaven…”. She renders plants like reflections of her soul, shifts flower idioms towards the concrete. A jungle plant’s fruits burst, its red thread-like fingers appearing to reach for imaginary lovers; a magnolia sliding down a constructivist object like a woman clad in a ruffled skirt; cascades of leaf and blossom fragments melting into psychedelic patterns. In EwersWunderwald’s works, nature is intertwined with events happening in our inner worlds.
22
»GESTERN ABEND HABE ICH NOCH EIN BILD KOMPONIERT.
ES MUSSTE JA WOHL SO SEIN, DASS ICH AUS ALLEN HIMMELN FIEL.«
[Abbildung 27]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel [Buddha], undatiert, Privatbesitz.
INDIEN
Die erfahrene Globetrotterin ist auf ihren Reisen durch die Welt am nachhaltigsten von Indien beeindruckt. Gemeinsam mit ihrem Mann besucht sie im Jahr 1910 ausgiebig den Subkontinent. Damit gehört sie noch vor Hermann Hesse (1877–1962) zu den ersten deutschen Künstlerinnen beziehungsweise Künstlern, die Indien bereisen und die Religion sowie die Magie des Landes in ihre Werke fließen lassen. Bis in die Allensbacher Zeit ist Ewers-Wunderwald von diesem mythischen Zauber fasziniert. Das indische Tagebuch ist ein Gradmesser für den Erregungszustand: »Diese glühende Sonne treibt die verstecktesten Triebe hervor. –Ich habe das an mir selber erfahren. Die Phantasie wird bis zur Ausschweifung in die Höhe getrieben. Die Einbildungskraft wird durch den indischen Wahnsinn gesteigert. Man lächelt über den lieben Herrn Jesus mit seinen blonden Haaren und dem faden Gesicht. In Indien da gehört der Gott Shiwa und sein Lingam hin.«
India /// In the course of her travels the experienced globetrotter is most strongly and lastingly impressed by India. In 1910 she visits the subcontinent extensively with her husband. She is thus, even before Hermann Hesse (1877–1962), among the first German artists who travelled in India and whose works incorporate the religious themes and the magic she encountered. Right into her Allensbach years, Ewers-Wunderwald is fascinated by this mythical charm. Her Indian diary bears testimony to her state of excitement: “This blazing sun brings the most hidden urges to the fore. – I have experienced this myself. The imagination is propelled to great heights without restraint. The power of the imagination is amplified by the Indian madness. People smile about the dear Lord Jesus with his blond hair and bland face. In India, the god Shiva and his lingam is where it’s at.”
24
25
ÜBERSETZERIN UND AUTORIN
Ewers-Wunderwald findet ihren Ausgleich und inneren Halt beim Zeichnen, Musizieren, Kreieren von Jugendstil-Mode oder dem Spiel auf der Bühne. Aber sie ist auch intensiv mit dem Wort verbunden und übersetzt für den Georg Müller Verlag aus dem Französischen und schreibt kleinere Texte für Bücher oder Zeitungen. Sie pflegt intensive Kommunikation mit Künstlerinnen und Künstlern, die leider nur noch in Schriftstücken an Hanns Heinz Ewers beziehungsweise Ellie Unkelbach dokumentiert sind. Beispielsweise müssen die »Liebesbriefe« des Dichters Peter Altenberg (1859–1919) an sie als verschollen gelten, die dieser zu seinen »bedeutsamsten Korrespondenzen« zählte.
Translator and Author /// Drawing, making music, creating Art Nouveau fashion or performing on stage keeps Ewers-Wunderwald grounded and balanced. Nevertheless, she also has a strong affinity to words and translates texts from French to German for the publishing house Georg Müller Verlag and writes short texts for various books and magazines. She maintains close communication with artists, surviving documentation of which is unfortunately limited to documents addressed to Hanns Heinz Ewers and to Ellie Unkelbach. The “love letters” written to her by the poet Peter Altenberg (1859–1919), which he deemed to be among his “most important pieces of correspondence”, are among the items that must be considered lost.
[Abbildung 30]
Capri 1903, Heinrich-Heine-Institut.
27
DROGEN
»MAN LEBT WIE IN EINEM SCHWEREN OPIUMRAUSCH.«
Es ist davon auszugehen, dass Wunderwald gemeinsam mit Ewers in verschiedenen Lebenssituationen Drogen konsumiert, die weit über Kaffee- und Alkoholgenuss hinausgehen. Die Ausschweifung der Fantasie, das Somnambule und Schwerelose ihrer Kunst ist ohne diesen Zusammenhang kaum verstehbar. Im Ewers-Familienkreis wird von Claude Farrère (1876–1957) das Werk »Opium« (1911) übersetzt, die Covergestaltung mit narkotischen Mohnblumen übernimmt Wunderwald. Sie selbst übersetzt sechs Bände Théophile Gautier (1811–1872), dessen Drogenerfahrungen starken Einfluss auf Künstler der Moderne üben. Wie ein Bekenntnis
28
hat sich der Aufsatz »Rausch und Kunst« von Ewers in ihrer Handschrift überliefert: »In Rauschzuständen, die die verschiedenen Gifte Alcohol, Morphium, Opium, Nikotin, Cocain, Kawa-Kawa, Mescal, Haschisch usw. hervorrufen, liegt ein ungeheures Gebiet, das für die Kunst noch fast gar nicht oder nur sehr wenig erschlossen ist und das für den Künstler eine unermeßliche Fundgrube bildet.« Die Stimulanzien gelten vor allem der Enthemmung, Verfeinerung der Sinne und Umwertung des im Rausch erscheinenden Unbewussten ins Bewusste. Ihre post-surrealen Werke aus der letzten Lebensphase scheinen mitunter die durch LSD beeinflusste Psychedelic Art der sechziger und siebziger Jahre vorwegzunehmen.
Drugs /// “One lives as if in a heavy opium daze.”
It can be assumed that at various points of their lives, Wunderwald and Ewers consumed drugs, well beyond indulging in coffee or alcohol. Her unbridled imagination, the somnambular and the weightlessness in her art is hardly fathomable outside this context. The work “Opium” (1911) by Claude Farrère (1876–1957) is translated in the Ewers family circle, the cover depicting narcotic poppy flowers designed by Wunderwald. She herself translates six volumes by Théophile Gautier (1811–1872), whose experiences with drugs exert a strong influence on modernist artists. Ewers’ essay “Rausch und Kunst” (“Intoxication and Art”), preserved in her handwriting, reads like a confession: “States of intoxication produced by toxic substances such as alcohol, opium, nicotine, cocaine, kava kava, mescaline, hashish etc. harbour a vast terrain that is largely unchartered and represents an immense treasure trove for artists.” The stimulants are primarily used for their disinhibiting effect, to sharpen the senses and to bring the subconscious to the fore of consciousness. At times, the post-surreal works created in her later years seem to pre-empt the LSD-influenced Psychedelic Art movement of the 1960s and 1970s.
[Abbildung 31]
Bucheinband: Ilna Ewers-Wunderwald, Georg Müller Verlag, München 1911.
[Abbildung 32]
Ilna Ewers-Wunderwald: ohne Titel, 1954, Privatbesitz (ehemals Kunsthandel Horst Wehrens, Düsseldorf).
29
[Abbildung 33]
Fotografie: Aura Hertwig, 1904, Heinrich-Heine-Institut.
[Abbildung 34]
Fotografie: Aura Hertwig, 1906, Heinrich-Heine-Institut.
MERIAN
In den letzten Jahren vor ihrem Tod verweist EwersWunderwald unverkennbar auf die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647–1717). Das ist umso erstaunlicher, weil Merian erst 1967 mit einer Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg in ein breiteres Spektrum öffentlichen Bewusstseins gerät. Die Frauen verbindet über die Jahrhunderte das Beobachten sowie Zeichnen von Pflanzen, Insekten und Schlangen bei beschwerlichen Klimabedingungen in Südamerika, vor allem ein Gleichklang im künstlerischen Ausdruck. Die Merian-Referenz erscheint wie ein Dialog mit einer unabhängigen Künstlerin, die – wie sie selbst – frühzeitig eigene Wege ging.
Merian /// In the final years before her death, Ewers-Wunderwald unmistakably makes references to the artist and natural scientist Maria Sibylla Merian (1647–1717). This is all the more astonishing as it is not until 1967 that Merian is brought into wider public awareness with an exhibition at the Germanisches Nationalmuseum in Nuremberg. What unites the two women across the centuries is their interest in observing and drawing plants, insects and snakes in arduous climatic conditions in South America and, above all, their consonance in terms of artistic expression. Ewers-Wunderwald’s reference to Merian is evocative of a dialogue with an independent artist who, like herself, went her own way early on.
[Abbildung 35]
Maria Sibylla Merian: Metamorphosis insectorum Surinamensium (Verandering der surinaamsche Insecten, de IV. Afbeelding), 1705 [Kupferstich von Pieter Sluyter].
33
[Abbildung 36]
Gösta Gablick: Fliegender Fisch, 2021 2,20 m (h) ×1,80 m (b) × 1,20 m (t)
Stahl, Glas, Blattgold (23,5 Karat).
Foto: Jonas Groß
Kunstschmied / Bildhauer Gösta Gablick: www.goesta-gablick.de
Heute inspiriert Ilna Ewers-Wunderwalds Werk zu atemberaubenden Projekten … /// Ilna Ewers-Wunderwald's oeuvre continues to inspire a wide range of oustanding projects …
34
ILNA EWERS-WUNDERWALD: REBELLIN DES JUGENDSTILS
Kuratoren: Dr. Sven Brömsel und Martin Willems B.A.
Assistenz: Sophia Rohan M. A.
Gestaltung: Tanja Müller M. A.
AV-Medien: Gaby Köster und René Otto
Übersetzung: Ulla Baumeister und Marion Koebner (Biografie)
Aufbau: Marek Sosinski und Mitarbeiter
Ein herzliches Dankeschön gilt den Leihgeberinnen und Leihgebern sowie den Unterstützerinnen und Unterstützern: Ulla Baumeister, Flor Birkner, Rolf Klaus Bongs, Eugenie Bongs-Beer, Dr. Hans Doller, Gösta Gablick, Leonie Gizinski, Paula Götz, David Hofmann, Horst-Janssen-Museum Oldenburg (Sandra-Maria Meyer, Dr. Jutta Moster-Hoos, Antje Tietken), Marion Koebner, Katerina Kolisch, Jörg Langelüttich, Jonas Ploeger, Eve Rotthoff, Dorothea Schachtschneider, Dr. Friedemann Scheck, Christa Scherbaum, Vera Stützel, Jola Vogler, Stefan Wachner und Horst Wehrens.
Eine Veröffentlichung des Heinrich-Heine-Instituts
Düsseldorf, im Februar 2022
Landeshauptstadt Düsseldorf
Heinrich-Heine-Institut
Bilker Straße 12–14, 40213 Düsseldorf
www.duesseldorf.de/heineinstitut