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Geschichten, die das Leben schreibt Rosemarie Duttweiler* (39) hatte eine schlimme Kindheit. Aber leider ging es danach nicht etwa aufwärts, sondern nur noch weiter bergab. Bis sie nach einem Totalabsturz zu uns kam – und langsam wieder Boden unter den Füssen fand. «Seit ich mich erinnern kann, ist das Wort Familie verbunden mit Streit, Gewalt und Hilflosigkeit. Fast täglich musste ich miterleben, wie mein Vater meine Mutter anschrie und schlug. Oft sperrte sie sich die ganze Nacht in ihr Zimmer ein, wenn mein Vater betrunken nach Hause kam. So war sie vor ihm sicher, während meine Schwester und ich ihm schutzlos ausgeliefert waren. Wie eine Mutter habe ich mich damals schützend vor meine Schwester gestellt. Und wie eine Ehefrau musste ich nachts hinhalten, wenn mein Vater ein bisschen «müntschelen» wollte. Mein einziger Lichtblick war das Eiskunstlaufen. Hier konnte ich für mich sein und alle Probleme für kurze Zeit hinter mir lassen. Voller Leidenschaft ging ich dem Sport nach, bis man mich als 16-jährige ins Tessin schickte, wo ich eine Ausbildung als Pflegerin begann. Mit Männern hatte ich kein Glück. Während dieser Zeit lernte ich meinen Partner kennen. Bald hatten wir beide den starken Wunsch nach einem Kind. Ich sicher auch, um mir einen eigenen Lebensinhalt zu geben, denn die Leere meiner Kindheit verfolgte mich weiterhin. Aber leider stand die Partnerschaft unter keinem guten Stern. Kurz nachdem unser Söhnchen auf die Welt kam, brach die Beziehung auseinander. Fortan lebte ich allein mit meinem Sohn. Neben einer 100%-Stelle musste ich für den Haushalt aufkommen und gleichzeitig wollte ich auch eine liebende Mutter sein. Eine gewisse Zeit lang ging alles gut. Aber dann musste ich resigniert feststellen, dass mir meine hohen Ansprüche zum Verhängnis wurden. Zwar schrien mein Körper und meine Seele immer mehr nach einer Pause, aber die wollte und konnte ich mir einfach nicht gönnen. Dabei wurde ich immer müder, immer trauriger, immer einsamer. Dann geschah etwas, was besser nie passiert wäre – ich lernte einen neuen Freund kennen. Einer, der mir erst viel Liebe, aber bald nur noch neue Probleme brachte. Denn Martin konsumierte Heroin. Und ich – in meinem labilen Gemütszustand – konnte nicht lange widerstehen und probierte das Zeug selber aus. Und fand leider Gefallen daran. Denn mit der Droge öffnete sich mir ein neuer Zufluchtsort, um meinen Problemen zu entfliehen. Bald nahm ich die Droge täglich und noch bevor mein Partner wegen Drogenhandels im Gefängnis landete, war ich bereits schwerstabhängig. Am Ende blieben mir nur die Drogen.

Für meine Schwester war ich die Mutter, für meinen Vater die Ehefrau.

So war mein einziger «Freund» von nun an das Heroin. Und es sollte mich nicht mehr loslassen. Aber mit der Sucht kamen auch die Depressionen. Oft lag ich tagelang in meinem Zimmer im Dunkeln. Selbst die hilflosen Versuche meines Sohnes: «Mami, stah uf, es isch doch so en schöne Tag!», fanden bei mir kein Gehör. Schweren Herzens willigte ich irgendwann ein, dass mein Sohn zu seinem Vater zog. Ich wäre so gerne eine gute Mutter gewesen – aber ich scheiterte an allem, vor allem an mir selbst. Dann an einem Frühlingsmorgen kam das wohl Unvermeidliche – der totale Absturz! Passanten fanden mich bewusstlos, vollgepumpt mit Kokain, Heroin und 3 Litern Alkohol, mitten auf der Strasse – und riefen die Ambulanz. Als ich im Spital aus dem Koma erwachte, wurde mir endgültig klar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich entschied mich, bei einem Programm für schwerstabhängige, langjährige Drogenkonsumenten mitzumachen. Heute weiss ich, dass auch ich wertvoll bin. Wichtige Unterstützung fand ich zudem bei der Heilsarmee im Buchseegut in Köniz. Nachdem ich früher erfolglos versucht hatte, erst sauber zu werden, dann die richtigen Freunde und schliesslich einen Job zu finden, schlug ich nun den umgekehrten Weg ein. Und dieser führte mich langsam zurück in ein lebenswertes Leben. Ich konnte wieder arbeiten und über meinen Job in der Gärtnerei der Heilsarmee lernte ich, dass ich wertvoll bin. Und ganz wichtig: Ich hatte einen Rahmen, in dem ich andere Menschen und Freunde kennen lernen konnte.

* Bei der hier dargestellten Lebensgeschichte haben wir die Namen geändert und die Bilder von einer andern Person verwendet. Dies zum Schutze der Privatsphäre von Rosemarie Duttweiler.

Mittlerweile habe ich auch zu meinem Sohn wieder eine super Beziehung und wir sehen uns regelmässig. Dass er seine Ausbildung abgeschlossen hat und zu einer stabilen Persönlichkeit herangewachsen ist, macht mich besonders stolz. Auch danke ich Gott, dass ich damals stark genug war, um meine kleine Schwester zu schützen – so ist nur ein Leben zerstört worden und nicht zwei. Das alles gibt mir Kraft, zu versuchen, mich in diesem Jahr ganz von den Drogen und Medikamenten zu lösen.»


Buchseegut tut Menschen wie Rosemarie Duttweiler gut. Die Wohn- und Werkstätte Buchseegut der Heilsarmee ist für Dutzende von Menschen zum Lebensmittelpunkt geworden. Hier zuhause zu sein heisst aber mehr, als nur einfach ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Rahmen unser Förderplanung sorgen wir dafür, dass die

betreuten Menschen Stabilität in den Bereichen Gesundheit, Wohnen, Freizeit und Arbeit erlangen. Ganz wichtig für die Menschen ist eine geordnete Tagesstruktur. Darum war das Buchseegut von allem Anfang an auch immer ein Arbeitsort. Zurzeit bieten wir 45 betreu-

te Arbeitsplätze in den Bereichen Gärt­ nerei, Atelier, Hausdienst und Küche an. In unseren Werkstätten integrieren wir die Mitarbeiter in einen produktiven und erfolgreichen Betrieb. Das Ergebnis ihrer Arbeit sind Dienstleistungen und Produkte, die mit den Standards der Privat-

wirtschaft vergleichbar sind. Besonders stolz sind wir auf unsere Gärtnerei mit dem angeschlossenen Blumenhaus. Was wir hier in liebevoller Kleinarbeit hegen und pflegen, findet seine Kundschaft in der ganzen Region.

Suppe, Seife, Seelenheil. Wie und wo die Heilsarmee mit Ihrer Hilfe hilft:

Offene Ohren:

Freie Betten:

Gedeckte Tische:

Alles beginnt mit einer einfühlsamen Person, die sich einem hilfesuchenden Menschen annimmt. Darum führen wir schweizweit 8 Sozialberatungsstellen und 55 HeilsarmeeGemeinden, die Menschen in Not mit offenen Armen und Ohren empfangen.

Wer den Boden unter den Füs­sen verloren hat, hat oftmals auch kein Dach mehr über dem Kopf. In insgesamt 7 Wohn- und 5 Übergangsheimen, 4 Altersund Pflegeheimen und 2 Passantenheimen bieten wir darum jede Nacht über 1 200 Menschen ein Obdach.

Oftmals ist das Problem eines hilfesuchenden Menschen ganz profan. Er oder sie hungert nach Essen oder nach ein bisschen Gesellschaft. Darum laden wir gern zu Tisch. Z.B. beim Mittagstisch für Kinder, bei unseren Weihnachtsfeiern oder den Frauen-Zmorgen.

Stiftung Heilsarmee Schweiz | Laupenstrasse 5 | Postfach 6575 | 3001 Bern | Telefon 031 388 05 35 | Fax 031 382 05 91  spenden@heilsarmee.ch | heilsarmee.ch | Spendenkonto 30-444222-5

Tröstende Worte: Unser Tun ist geprägt durch unsere Beziehung zu Gott. Darum bringen wir die Menschen mit Jesus Christus in Berührung. Nicht zuletzt mit unseren Gottesdiensten, die jeden Sonntag in 55 HeilsarmeeGemeinden stattfinden.


Rosemarie Duttweiler