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handelszeitung | Nr. 37 | 16. September 2016

Krieg der Sterne

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Online-Bewertungen Noch nie war die Meinung des Einzelnen so gefragt wie heute. Der Vorteil: Mehr Transparenz. Wo aber bleibt der gesellschaftliche Kitt, wenn es ständig heisst: Like oder Dislike?

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stehen, einen Besuch wert ist und ob wir uns dem Zahnarzt gleich um die Ecke anvertrauen ie Deutsche Bahn möchte, sollen oder nicht. dass ich meine tägliche ZugDoch auch Unternehmen können von einer fahrt von Basel nach Zürich Bewertungskultur profitieren – vorausgesetzt, bewerte. Vor Kurzem hat sie sie beachten ein paar Regeln. Sven Ruoss, Stu­ auf den Rückseiten der Sitz- dienleiter Social Media Management an der Zürlehnen kleine Kleber ange- cher Hochschule für Wirtschaft, empfiehlt, die bracht – Aufschrift: «Beur- Kommentierung wenn immer möglich auf eigeteilen Sie Ihre Fahrt!» ne Kanäle zu lenken. «Für die Unternehmen ist Willkommen in der Rating-Gesellschaft. Ob es besser, wenn die Kunden ­ihren Frust direkt banale Zugfahrt, der Wochenendeinkauf per bei ihnen abladen, anstatt sich auf den sozialen ­Internet, Übernachtung im 5-Sterne-Hotel oder Netzwerken auszutoben.» neue App auf dem Handy: Noch nie war unsere Der Vorteil daran: Den Kommentaren kann Meinung so gefragt wie heute. Die Bewertungs- mit einer eigenen Entgegnung die Spitze genomplattform Tripadvisor, ein Gigant men werden. Oft praktiziert, aber der Ratingindustrie, registriert brandgefährlich: Eigene Kanäle «Heute monatlich 385 Millionen Komzu führen und dabei negative mentare zu mehr als 6,6 Millionen hierarchisiert sich Kommentare abzufangen. Wenn Unterkünften, Restaurants und das auffliegt, dann geht es richtig die Gesellschaft touristischen Attraktionen rund los im Netz. über Reputation.» um den Globus. Die Transparenz ist der Studenten beurteilen ProfessoTrumpf des Internets. Doch das Daniel Vogler ren, Patienten Ärzte, ArbeitnehInternet ist nicht schwarz oder Soziologe mer Arbeitgeber, und selbst beim weiss, sondern voller WidersprüDating kommen Sterne und Punkche. Freiheit verträgt sich mit­ te zum Einsatz. Mehr noch: Seit März gibt es so- unter schlecht mit Sicherheit, das Recht auf freie gar eine Bewertungs-App für Menschen. Das Meinungsäusserung widerspricht manchmal Motto von «Peeple»: Was sie der Welt schon im- der Menschenwürde. Auch bei der Transparenz mer über ihren Nachbar und ihre Nanny sagen gibt es einen Gegenspieler: den ­gesellschaftlichen wollten. Zusammenhalt. «Den Reflex zur Bewertung des Anderen gibt es, seit es Menschen gibt», sagt der Soziologe Das Internet als Verstärker Zurück deshalb zu meiner Zugfahrt mit Daniel Vogler vom Institut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. Der Unter- der Deutschen Bahn. «Ich wüsste nicht, was ich schied zu früher liege darin, dass er heute dazu ­denen sagen sollte», dachte ich zuerst, als ich diene, dem Einzelnen seinen Platz in der den Kleber sah. Doch dann erinnerte ich mich ­Gesellschaft zuzuweisen. Anders gesagt: «In an den fehlenden Abfallkübel, über den ich mich ständischen Gesellschaften wurde der Status geärgert hatte, und griff zum Handy. «Man muss emotional aufgeladen sein, damit eines Individuums von Geburt auf vorgegeben und mit einer göttlichen Ordnung begründet. man sich die Mühe macht, einen Kommentar Heute hierarchisiert sich die Gesellschaft über abzugeben», sagt Sven Ruoss. Zudem: Unzufriedenheit schlägt Zufriedenheit. Untersuchungen Reputation.» Wie aber verändert sich eine Gesellschaft, in zeigen, dass unzufriedene Kunden fast doppelt der es ständig heisst: Like oder Dislike? so häufig von der Kommentarfunktion Gebrauch Die gute Nachricht ist: Die Verfügbarkeit von machen wie zufriedene. Mit dem Eindruck, dass das Netz ein Verstärker Informationen über Produkte und Dienstleistungen nimmt zu. Ein Blick aufs Handy und für negative Äusserungen ist, hat es also durchaus schon wissen wir, ob das Restaurent, vor dem wir etwas auf sich. Was das für Folgen für das gesell-

Wahn der Sterne: Willkommen in der Rating-Gesellschaft!

Seraina Gross

schaftliche Zusammenleben hat, wird in Blogs, vor allem in Deutschland, eifrig diskutiert. Kathrin Passig, Netzexpertin und Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises, sagt: Sie sei sich nicht sicher, ob die grössere Eskalations­ bereitschaft und die tiefere Hemmschwelle wirklich ein Netzphänomen seien. «Ich glaube eher, das Netz macht sichtbar, was Leute vorher genau so gedacht haben.» Das mag stimmen, doch es macht eben schon einen Unterschied, ob der ganze Müll weltweit kursiert oder nicht. Wo bleibt der Anspruch, den eigenen Ge­ fühlshaushalt auch mal aus eigener Kraft zu re­ gulieren? Fast alle Digital Natives wie Sven Ruoss weisen darauf hin, dass extreme Positionen im Netz häufig gekontert würden: «Das bleibt oft nicht unwidersprochen.»

Arbeitnehmer bewerten Auf Kununu gibt es Saures für schlechte Arbeitgeber.

fotos: bloomberg (1)/zvg (2)

Gäste bewerten An Tripadvisor kommt kaum noch ein Hotelier vorbei.

Kunden bewerten Auf Migipedia wird für einmal die Migros zur Kasse gebeten.

Hoffen, dass sich die Aufregung legt Auch sonst gibt es Anzeichen von Widerstand gegen die Auswüchse der Bewertungs-Inflation. Der deutsche TV-Restaurant-Tester Christian Rach nahm sich kürzlich die Internet-Kritiker vor. Das Prinzip der Doppelfolge nach der Sommerpause: Kritiker in der Kritik. Ergebnis: Kulinarische Internet-Haudegen, unfähig, ein Rumpsteak von einem Rinderfilet zu unterscheiden. Gut möglich, dass sich die Aufregung im Netz mit der Zeit selbst regulieren wird. Bis es so weit ist, formuliert Sven Ruoss ein paar Regeln für eine gute Bewertungskultur für Unternehmen: Regeln definieren, wonach Kommentare weder diffamierend, unzüchtig, pornografisch noch rassistisch sein dürfen, und dann alles zulassen, was sich im definierten Rahmen bewegt. PS: Die Bewertung meiner Fahrt mit der Deutschen Bahn habe ich dann doch nicht gemacht. Zu wenig Ärger, zu viel Aufwand. Dafür fand sich auf «das (sic!) Bahnblog» die Vorlage für die ­Message für das nächste Mal, wenn sich die SBB verspäten: «Komme später. Fahre Bahn».

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