Das Gewicht des Wortes Asylverfahren Für die Asylanhörung sind
Dolmetscher*innen unverzichtbar. Dabei übersetzen sie nicht nur Worte, sondern auch zwischen Welten – und geraten nicht selten zwischen alle Fronten. Drei von ihnen erzählen. TEXT DEMIAN CORNU
Die Asylanhörung Die Anhörung zu den Asylgründen ist das Kernstück des Asylverfahrens. Die Asylsuchenden können ihre Fluchtgründe detailliert schildern und Beweismittel abgeben, dies dauert in der Regel zwischen einer und acht Stunden. Die Anhörung gilt als Grundlage für den Asylentscheid.
Surprise 612/25
FOTOS LUCAS ZIEGLER
«Die Dolmetscherin übersetzt meine Fragen und Ihre Antworten Wort für Wort, sie ist neutral und unparteiisch, sie stellt keine eigenen Fragen und hat keinen Einfluss auf den Asylentscheid.» Ein Satz wie dieser fällt zu Beginn jeder Asylanhörung. Er klingt nach Rechtsstaat, nach Präzision, nach Sicherheit – und bleibt doch in vielerlei Hinsicht Fiktion. Als die Dolmetscherin Sara Z. im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM) zu ihrer ersten Asylanhörung in Basel erschien, hatte niemand sie darauf vorbereitet. Hauptberuflich arbeitet sie in einem anderen Feld, sie dolmetscht nur gelegentlich – ein Zusatzjob, der ihr sinnvoll erscheint, sie aber schon bald an Grenzen brachte. Der Raum, in dem die Anhörung stattfand, wirkte steril. Alle Anwesenden schienen ein wenig angespannt – als wüssten sie, dass jedes Wort Gewicht hat. Sara Z., die eigentlich anders heisst (siehe Infobox S. 10), kannte weder den Ablauf noch ihre Rechte und Pflichten, das SEM hatte sie nicht darüber informiert. Die Befragung war inhaltlich komplex, gespickt mit juristischen und verwaltungssprachlichen Begriffen, die ihr in beiden Sprachen fremd waren. Sie hatte Glück: Der SEM-Befrager war auf das Herkunftsland des Asylsuchenden spezialisiert. Er erklärte Sara Z. einzelne sprachliche Formulierungen und stellte sie in einen Zusammenhang. Bei einer anderen befragenden Person wäre sie vermutlich überfordert gewesen, und das hätte Folgen für den Asylentscheid haben können. Erst später 9