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Surprise 598 / 25

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Massentierhaltung

Weggesperrt

Bis sie auf unseren Tellern landen, leben die meisten Nutztiere hinter Mauern. Was sagt das ĂŒber uns?

Seite 8

«Ich konnte nicht mehr kÀmpfen und gab auf»

Auf seinen Sozialen StadtrundgĂ€ngen durch Basel erzĂ€hlt Benno Fricker, wie er trotz Ausbildung und Arbeit alles verliert und obdachlos wird. Er gibt Einblick in seine persönlichen Überlebensstrategien unter BĂ€umen und BrĂŒcken.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder ZĂŒrich.

Editorial

Die, die nicht vorkommen

«In unserem Zimmer hatte mein Sohn keinen Platz zum Spielen, gegessen haben wir auf dem Bett.» Diesen Satz sagt die Eritreerin Nadira Edris, die mit ihrem Sohn viele Jahre in einem RĂŒckkehrzentrum gelebt hat, in einem GesprĂ€ch mit einer GeflĂŒchteten aus Georgien, einer Kinderpsychotherapeutin sowie einer Vertreterin des Kantons Bern, ab Seite 14. Wir erfahren darin viel ĂŒber das Leben von Kindern in diesen Zentren, und einiges ĂŒber die sozialpolitische BĂŒrokratie in unserem Land.

Das GesprÀch gibt Einblick in eine den meisten von uns verborgene Welt. Unsichtbarkeiten sind das bestimmende Thema vieler BeitrÀge in unserem Magazin. Auch wenn es nicht immer eindeutig zu belegen ist: Oft ist Unsichtbarkeit politisch oder gesellschaftlich gewollt.

Sichtbarkeit kann etwas auslösen – und die Folgen davon können unbequem sein. Was wĂ€re, wenn wir wĂŒssten, was in

4 Aufgelesen

5 Na? Gut! Weniger CO2

5 Vor Gericht Mehr Gewalt

6 VerkĂ€ufer*innenkolumne Es ist nie zu spĂ€t fĂŒr Neues!

7 Die Sozialzahl Homogamie

8 Massentierhaltung Tiere hinter Mauern

14 Nothilfe Verlorene Kindheiten

den RĂŒckkehrzentren wirklich passiert? Oder was wĂ€re, wenn wir – wie mit der Kamera ab Seite 8 – hinter die Mauern der Tierfabriken und SchlachthĂ€user blicken könnten?

GĂ€be es einen Aufschrei? Es wĂ€re mindestens zu hoffen, dass sich Empathie regt, wir uns in Menschen und Tiere versetzen, die fĂŒr uns bisher unsichtbar waren. Was noch nicht bedeutet, dass sich an den realen VerhĂ€ltnissen auch wirklich etwas verĂ€ndern und sich die Lebensbedingungen der Unsichtbaren verbessern wĂŒrden. DafĂŒr brĂ€uchte es nicht alleine MitgefĂŒhl, sondern konkrete Taten, auf gesellschaftlicher wie politischer Ebene. Aber der Grundstein wĂ€re schon mal gelegt. Denn unsichtbar zu sein, ĂŒberhört und ĂŒbersehen zu werden, heisst am Ende immer auch: Man existiert fĂŒr die anderen schlicht nicht.

KLAUS PETRUS Redaktor

22 Film Schrei nach Sichtbarkeit

24 Theater Schonungslos ehrlich

26 Veranstaltungen

27 Tour de Suisse Pörtner in ZĂŒrich, Seilbahn Rigiblick

28 SurPlus Positive Firmen

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Surprise-Nachruf Marcel Lauper

Auf g elesen

News aus den 100 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 LÀndern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Serbien in Aufruhr

Alles nahm seinen Anfang mit dem Einsturz des Bahnhofsdaches in der serbischen Stadt Novi Sad im vergangenen November. Seither haben sich die Proteste gegen die marode und korrupte Regierung von PrĂ€sident Aleksandar Vučić auf 400 StĂ€dte und Gemeinden ausgeweitet. Zu den Protestsymbolen gehören rote HandabdrĂŒcke mit der Aufschrift «Eure HĂ€nde sind blutig».

Der slowenische Philosoph Slavoj ĆœiĆŸek bezeichnete die Proteste, die von ĂŒber 5000 UniversitĂ€tsprofessor*innen unterstĂŒtzt werden, gar als «die grösste von Student*innen gefĂŒhrte Bewegung in Europa seit 1968».

FrĂŒhe AufklĂ€rung

6000 SchĂŒler*innen nahmen 2024 an rund 300 Workshops zum Thema Integration teil, die in ganz Österreich stattfanden. Im Fokus standen Mobbing, Hass im Netz, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung. Ziel der Workshops war es, SchĂŒler*innen zu sensibilisieren und ihnen praktische LösungsansĂ€tze zu vermitteln.

Kalte Zeiten

In Deutschland fehlt 5,2 Millionen Menschen das Geld zum Heizen. In Europa konnten sich diesen Winter 47 Millionen Menschen keine warme Wohnung leisten, wie eine Auswertung des Recherchenetzwerks Correctiv zeigt.

Weniger Chancen

In Österreich sind sieben von zehn BeschĂ€ftigten im Dienstleistungssektor sowie im Verkauf weiblich. Monatlich verdienen sie im Durchschnitt 2406 Euro brutto, das liegt unter dem durchschnittlichen Einkommen von 2790 Euro brutto. Somit haben diese Frauen auch eine deutlich schlechtere Ausgangslage, spĂ€ter von ihrer Pension leben zu können.

LICEULICE, BELGRAD

Weniger CO 2

Wo gebaut wird, gelangt viel CO2 in die AtmosphĂ€re. Der Bausektor ist gemĂ€ss einer Studie der UNO gar fĂŒr rund 40 Prozent der weltweiten

Treibhausgasemissionen verantwortlich. Jetzt will die Stadt Wien den Klimaschutz in diesem Bereich mit einem Pilotprojekt vorantreiben.

Auf zwei Baustellen werden bis zum Sommer Wasserrohre nur mit elektrisch betriebenen Maschinen erneuert. Der Bagger, die Walze, der Asphaltfertiger sowie fĂŒnf weitere E-Fahrzeuge arbeiten mit Strom. So wird nicht nur weniger CO2 ausgestossen, sondern es entsteht auch weniger LĂ€rm.

Bereits 2019 gab es in Norwegen eine Baustelle mit fast ausschliesslich elektrischen Maschinen. Jene in der österreichischen Hauptstadt wird von der Technischen UniversitĂ€t Wien im Auftrag der Wiener Wirtschaftskammer wissenschaftlich begleitet und soll einen Forschungsbeitrag an CO2-neutrale Baustellen leisten. Im Fokus stehen die baubetriebliche Eignung der elektrischen Maschinen sowie die ArbeitsablĂ€ufe. Die erhofften technischen wie wirtschaftlichen Erkenntnisse sollen in die Planung kĂŒnftiger Bauprojekte einfliessen.

Der zustĂ€ndige Klimastadtrat JĂŒrgen Czernohorsky (SPÖ) sagte gegenĂŒber der Tageszeitung Kurier: «Klimaschutz ist Menschenschutz, daher drehen wir in Wien an allen Schrauben, um die klimaschĂ€dlichen Treibhausgasemissionen zu senken. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt der RĂŒckgang des Treibhausgasausstosses um zwölf Prozent im Jahr 2023» –das sei doppelt so viel wie im landesweiten Durchschnitt. LEA

Vor Gericht

Mehr Gewalt

Dieses Jahr sorgte die polizeiliche Kriminalstatistik fĂŒr besonders viel GesprĂ€chsstoff. Die jeweils Ende MĂ€rz publizierten Zahlen zeigen, wie viele Delikte im Vorjahr bei der Polizei registriert wurden. Insofern gelten die Erhebungen des Bundesamts fĂŒr Statistik als Gradmesser fĂŒr die gesamtgesellschaftliche GemĂŒtslage. Und um die scheint es nicht zum Besten bestellt. So wurden 2024 in der Schweiz 563 633 Straftaten verzeichnet, was einem Anstieg von rund acht Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr entspricht. Das heisst, die KriminalitĂ€t stieg letztes Jahr im Vergleich zum Bevölkerungswachstum ĂŒberproportional stark an. Versinkt das Land also im Verbrechen?

Schaut man sich das Ganze etwas genauer an, offenbart sich die Verfestigung verschiedener Trends. Erneut stieg die Cyber-KriminalitĂ€t steil an: plus 35 Prozent –das entspricht einer Verdoppelung seit 2020 und war zu erwarten. Denn zum einen verbringen ganz einfach mehr Menschen mehr Zeit online und hinterlassen immer mehr persönliche Daten im digitalen Raum. Und wie man so schön sagt: Gelegenheit macht Diebe. Krass zugenommen haben mit einem Plus von 56 Prozent Phishing-Angriffe. Auch das ĂŒberrascht wohl niemanden, jede und jeder hat letztes Jahr wohl gefakte Messages der Polizei, der Post oder von der SBB erhalten. Zum andern ist zu beachten, dass die sprunghafte Zunahme insbesondere auf IdentitĂ€tsmissbrauch zurĂŒckzufĂŒhren ist: ein neuer Gesetzesartikel, der seit dem 1. September 2023 in Kraft ist.

weit 2456 FĂ€lle registriert – ganze 399 mehr als im Vorjahr, das ist eine Zunahme von fast 20 Prozent. AuffĂ€llig ist, dass diese Straftaten immer öfter zuhause verĂŒbt werden. Das traute Heim war 2024 auch der wahrscheinlichste Ort, sein Leben gewaltsam zu verlieren: 26 der 45 polizeilich registrierten vollendeten Tötungsdelikte waren auf hĂ€usliche Gewalt zurĂŒckzufĂŒhren. Eine weitere Konstante bleibt unverĂ€ndert: Schwerer Gewaltstraftaten beschuldigt sind mit einem Anteil von achtzig Prozent vor allem MĂ€nner. Über die HĂ€lfte der Opfer sind jedoch Frauen. Bei den gemeldeten Vergewaltigungen, die 2024 um satte 30 Prozent zunahmen, waren unter den 1086 Beschuldigten gerade mal vier Frauen. Der hauptsĂ€chliche Fokus der öffentlichen Abhandlung der aktuellen Kriminalstatistik war erwartbar: Dass AuslĂ€nder*innen insgesamt 57,7 Prozent der registrierten Straftaten begangen haben. Sogleich kamen wieder die wohlbekannten Forderungen auf den Tisch: Einsperren! Ausschaffen! Grenzen dicht!

Interessant ist aber auch, was in all den Artikeln, Kommentaren und Talk-Sendungen nie zur Sprache kam: Um sage und schreibe 50 Prozent stiegen die Straftaten bezĂŒglich Diskriminierung und Aufruf zu Hass: FĂŒr das Jahr 2024 wurden 595 solcher Straftaten verzeichnet, fast 90 Prozent auf Rasse, Ethnie oder Religion, der Rest auf die sexuelle Orientierung. Und es wĂ€re eigentlich dieser Wert, der uns besonders zu denken geben sollte.

An dieser Stelle berichten wir ĂŒber positive Ereignisse und Entwicklungen.

Nachdenklich stimmt die anhaltende, massive Zunahme bei den schweren Gewaltdelikten. Insgesamt wurden schweiz-

YVONNE KUNZ ist Gerichtsreporterin in ZĂŒrich.

VerkÀufer*innenkolumne

Es ist nie zu spĂ€t fĂŒr Neues!

Es war Ende April im letzten Jahr; mit 68 Jahren habe ich mein erstes Buch mit dem Titel «Am Rande mittendrin, Erlebnisse eines Surprise-VerkĂ€ufers» veröffentlicht. Und es wurde gleich ein Bestseller. Was ich damit sagen will: Es ist nie zu spĂ€t fĂŒr Neues!

Im Surprise, Heft Nr. 575, hat mich Diana Frei, Co-Leiterin der Surprise-Redaktion, in der Folge als «Nachwuchsautor» bezeichnet. In einer anderen Zeitung wurde ich als «immer noch jugendlich wirkend» beschrieben. An einem Senior*innennachmittag, wĂ€hrend einer Lesung aus meinem Buch, habe ich mich keck als «Auch-Senior» vorgestellt. Eine Zwischenruferin aus dem vollbesetzten Saal hat mich korrigiert; ich sei noch kein Senior, vielleicht ein Jung-Senior. Und jemand hat mich verblĂŒfft gefragt: «Was? Du machst Lesungen an Senior*innennachmittagen?»

Aber sicher mach ich das, und zwar oft, und es ist mir immer eine Freude und ein VergnĂŒgen. Und auch daran gibt es

nichts zu rĂŒtteln: Ich bin Senior, und das ganz offiziell beglaubigt. Ich beziehe AHV. Mein Saison-Abo fĂŒr die Badi ist ein Rentner-Abo. Mein GA von der SBB ist ein Senioren-GA.

Und trotz meinen inzwischen 69 Jahren stehe ich immer noch in der BahnhofunterfĂŒhrung zu Rapperswil und verkaufe dort meine Surprise-Hefte. Auch im nĂ€chsten Jahr, mit Sibezgi, werde ich noch dort stehen und meine SurpriseHefte verkaufen. So lang die Beine tragen, wird der Surprise-Verkauf Teil meines Lebens sein. Ich habe meine GrĂŒnde. Einer davon: Man muss etwas tun, solange man kann und mag. Man muss raus, unter die Leute. Das ist wichtig! Zumindest fĂŒr mich. Viele Sprichwörter tragen eine Menge Weisheit und Wahrheit in sich. Eines davon besagt: Wer rastet, der rostet.

Aber natĂŒrlich stehe ich nicht mehr so oft in der BahnhofunterfĂŒhrung zu Rapperswil wie einst. Es wird weniger und weniger. Es funktioniert nicht mehr alles

so wie anno dazumal. Die KrÀfte lassen nach, die Erholungsphasen werden lÀnger, und es geht alles nicht mehr so leicht und locker und schnell wie einst. Aber ich geniesse die Langsamkeit des Lebens, denn Rennen muss ich keine mehr gewinnen.

Und doch, ich bin engagiert. In Altem und in Neuem. Was ich damit sagen will: Liebe Seniorinnen und liebe Senioren aus nah und fern. Wir gehören noch lange nicht zum alten Eisen.

URS HABEGGER, 69, verkauft Surprise seit 17 Jahren in der BahnhofunterfĂŒhrung in Rapperswil. Er hat einige Jahrzehnte Übung darin, aus jedem Tag das Beste herauszuholen.

Die Texte fĂŒr diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

Die Sozialzahl

Homogamie

«Gleich und gleich gesellt sich gern», weiss der Volksmund. In Fachkreisen spricht man von Homogamie, wenn Paare zum Beispiel das gleiche Bildungs- oder das gleiche Einkommensniveau aufweisen. Neue Zahlen des Bundesamtes fĂŒr Statistik aus der Erhebung zu Familien und Generationen zeigen, dass bei rund zwei Dritteln aller Paare beide Personen das gleiche Bildungsniveau haben. Die zunehmende Akademisierung kommt auch hier zum Ausdruck: Bei 42 Prozent der Paare haben beide einen TertiĂ€rabschluss gemacht, bei 21 Prozent weisen die Partner*innen einen Bildungsstand auf der Sekundarstufe II aus.

Ein wichtiges Merkmal der Bildungslandschaft ist der starke Anstieg der BildungsabschlĂŒsse auf universitĂ€rer oder Hochschulstufe bei den Frauen. Auch diese Entwicklung findet sich in den eben publizierten Zahlen wieder. War es bei den Ă€lteren Generationen noch hĂ€ufig der Fall, dass der Mann einen höheren Bildungsstand erreichte als die Frau, so hat sich bei den 25- bis 39-JĂ€hrigen das Bild ausgeglichen, ja sogar leicht zugunsten der Frauen verschoben. In dieser Alterskohorte haben nur noch rund 16 Prozent der MĂ€nner einen höheren Bildungsstand als ihre Partner*innen, bei den Frauen betrĂ€gt dieser Anteil knapp 17 Prozent.

Bei den Einkommensvergleichen lassen sich Ă€hnliche VerhĂ€ltnisse beobachten. Auch hier ĂŒberwiegen die Paare, die sich in Ă€hnlichen wirtschaftlichen VerhĂ€ltnissen befinden. Eine Durchmischung der Gesellschaft jenseits von Bildung und Ein-

Paare nach Bildungsstand, 2023

Mann mit höherem Bildungsstand

Frau mit höherem Bildungsstand

Beide mit gleichem Bildungsstand

kommen findet immer seltener statt. Je stĂ€rker aber eine Gesellschaft von Homogamie geprĂ€gt ist, desto stabiler sind soziale Ungleichheiten und desto geringer ist die soziale MobilitĂ€t. Damit wird die Gesellschaft mit ihren Schichten zementiert. Die Gefahr steigt, dass man sich nicht mehr versteht und ein schichtĂŒbergreifender Austausch nicht mehr stattfindet.

Die Zahlen zeigen aber auch, dass in Paarbeziehungen eine Abkehr von den traditionellen Rollenbildern stattfindet. Es wird normal, dass Frauen in Beziehungen einen höheren Bildungsstand erreichen oder ein höheres Einkommen erzielen können.

In einer Hinsicht hat sich aber noch wenig geĂ€ndert. MĂ€nner sind in Paarbeziehungen noch immer deutlich hĂ€ufiger Ă€lter als Frauen. Bei rund 28 Prozent der Paare sind beide gleich alt. Aber bei 22 Prozent ist der Mann zwei bis drei Jahre und bei weiteren 15 Prozent vier bis fĂŒnf Jahre Ă€lter als die Frau. Umgekehrt sind nur bei sechs Prozent der Paare die Frauen zwei bis drei Jahre Ă€lter als der Mann, und bei drei Prozent findet sich ein Altersunterschied von vier bis fĂŒnf Jahren. DarĂŒber, warum das so ist, lĂ€sst sich nur spekulieren.

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule fĂŒr Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Aus den Augen, auf den Teller

Massentierhaltung Der Mensch macht sich Tiere untertan, er besitzt und isst sie.

Seit der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion sieht er die Schweine, HĂŒhner und KĂŒhe, von denen er sich ernĂ€hrt, kaum noch.

TEXT UND FOTOS KLAUS PETRUS

Wann haben Sie zuletzt ein Mastschwein gesehen? Auf diese Frage antwortete vor zwei Jahren im Kanton Luzern mehr als die HĂ€lfte der Befragten mit: noch nie. Dabei leben dort 430 000 Schweine, das sind mehr als der Kanton Einwohner*innen hat. Insgesamt werden in der Schweiz jedes Jahr 83 Millionen «Nutztiere» allein fĂŒr den menschlichen Verzehr gezĂŒchtet, gemĂ€stet und geschlachtet, Fische nicht einberechnet – von ihnen ist nur in Tonnen die Rede. Eine schier unvorstellbare Zahl.

Dass wir die meisten dieser Tiere nicht zu Gesicht bekommen, hat auch mit der industrialisierten Nutztierhaltung zu tun, um die es im Folgenden geht. Der kapitalistischen Verwertungslogik folgend, werden auf einer möglichst kleinen FlĂ€che möglichst viele Tiere gehalten, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Fleisch ansetzen, Milch geben oder Eier legen. Diese Intensivhaltung – auch «Massentierhaltung» genannt – findet abgelegen und versteckt in speziell ausgerĂŒsteten Stallungen, Hallen oder Betonbuchten statt.

Zwar hĂ€lt sich, auch dank der Werbung der BauernverbĂ€nde und Discounter, in der Schweiz nach wie vor das Bild einer Landwirtschaft aus Heidi-Filmen: kleinbĂ€uerliche Betriebe mit KĂŒhen, Schweinen und HĂŒhnern auf saftig grĂŒnen Wiesen. Doch auch hierzulande ist die Massentierhaltung lĂ€ngst RealitĂ€t. Seit Jahrzehnten gibt es immer weniger BĂ€uer*innen, dafĂŒr immer mehr Tiere: 18 000 HĂŒhner in einer einzigen Halle, 10 Schweine auf der Grösse eines Auto-Stellplatzes, zeitlebens ohne Stroh und ohne Auslauf – das ist auch in der Schweiz inzwischen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Norm.

Dabei leben nicht alle Tiere gleichermassen hinter Mauern. Hunde oder Katzen – von letzteren gibt es in der Schweiz 1,85 Millionen – sind mitten unter uns. Dass ein Hund sichtbar ist, ein Schwein dagegen kaum, hat mit den Tieren selbst nicht viel zu tun. Kein Tier kommt als «Mastschwein», «Milchkuh», «Legehenne» oder «Schosshund» zur Welt. Das sind Kategorien, die wir uns zurechtlegen, und zwar je nach dem Zweck, den wir fĂŒr diese Tiere vorgesehen haben. Wie willkĂŒrlich solche Einteilungen sind, zeigt das Kaninchen: Je nachdem ist es fĂŒr uns Kuscheltier, Masttier, Zirkustier oder Versuchstier. Und doch prĂ€gen diese Kategorisierungen nachhaltig unser VerhĂ€ltnis zu den Tieren, auf gesellschaftlicher, politischer und auch gesetzlicher Ebene. Wer beispielsweise sei-

nen Hund ĂŒber lĂ€ngere Zeit angekettet in eine dunkle Box sperrt, muss mit Strafen oder Sanktionen rechnen. Wer dasselbe mit KĂŒhen oder Schweinen tut, macht sich nicht strafbar, im Gegenteil: Ein solcher Umgang mit «Nutztieren» wird von weiten Teilen der stillschweigend akzeptiert, ist durch das Tierschutzgesetz legitimiert und darĂŒber hinaus staatlich subventioniert.

Hunde tragen Namen, Schweine tragen Nummern Gerade bei Nutz- und Haustieren entspricht die Unterscheidung zwischen unsichtbar und sichtbar oft jener zwischen essbar und nicht-essbar. Dass KĂ€lber oder Schweine auf unseren Tellern landen, ist normal. Hingegen kĂ€me es nachgerade einem Bruch des «Kannibalismus-Tabus» gleich, wĂŒrden wir Hunde und Katzen verspeisen, denn fĂŒr viele sind sie engste GefĂ€hrten oder gar Ersatzmenschen. Auch diese Einteilung ist nicht naturgegeben, sondern kulturell oder religiös bedingt. Das zeigt die wiederkehrende Empörung aus dem Westen, wenn in anderen Regionen der Welt Hunde oder Meerschweinchen geschlachtet und gegrillt werden; umgekehrt essen Menschen hierzulande Kinder von Tieren, die andernorts als heilig gelten.

Die «Verwandlung» von Tieren in Nahrungsmittel ist eine gĂ€ngige Praxis, um sie unsichtbar zu machen. Nachdem Rinder oder Schweine geschlachtet wurden, werden sie ausgenommen, zerstĂŒckelt und steril verpackt zu einem StĂŒck Fleisch. Und wir benennen sie um. Aus einem Rind (oder was von ihm ĂŒbrigbleibt) wird ein «Hamburger» und aus einem Huhn ein «Poulet». Auf diese Weise werden sie als Nahrungsmittel und nicht mehr als Tiere wahrgenommen.

Dazu passt, dass wir namentlich Nutztiere als anonyme Masse behandeln, als austauschbare Objekte mit Nummern: ein Mastschwein fĂŒr ein beliebig anderes. Andere Tiere betrachten wir als Subjekte, wir geben ihnen Namen (Lana, der Hund, ist Lana und nicht Rina), feiern ihre Geburtstage und bestatten sie.

Tiere, die wir als Individuen behandeln, sind Teil unserer Gesellschaft und entsprechend sichtbar (auch in ErzĂ€hlungen, MĂ€rchen oder Filmen). Sie verschwinden aus unserer Wahrnehmung, je mehr wir in ihnen bloss Objekte sehen – ausser ihr Zweck besteht darin, uns zu unterhalten, so wie es Zirkustiere tun, oder fĂŒr uns ausgestellt zu werden, etwa im Zoo (siehe Schema

Seite 12). Dass bestimmte Tiere hinter Mauern leben, ist also nicht nur im wörtlichen, sondern auch im ĂŒbertragenen Sinn zu nehmen: Sie werden, natĂŒrlich mit Ausnahmen, zum Verschwinden gebracht, indem sie bestimmten, von uns fabrizierten Kategorien zugeordnet werden, so etwa der Kategorie «Nutztiere». Eine solche Zuordnung wird gesellschaftlich eher akzeptiert, wenn die Tiere als Objekte behandelt werden. Diese Verdinglichung unterliegt natĂŒrlich keinem kognitiven Irrtum: Anders als etwa im 17. Jahrhundert, als auch in der Wissenschaft Tiere noch weitgehend als Maschinen betrachtet wurden, weiss man heute, dass sie empfindungsfĂ€hige Wesen sind. Und doch schreiben wir insbesondere Nutztieren nach wie vor Eigenschaften zu, die ĂŒblicherweise fĂŒr Dinge gelten. In der industriellen Nutztierhaltung werden zum

In der Schweiz dominiert immer noch das Bild einer kleinbĂ€uerlichen Landwirtschaft – die RealitĂ€t sieht anders aus.

Schweine sind empfindungsfĂ€hig, hochgradig sozial und ungemein intelligent – wie Hunde. Und doch werden die einen gestreichelt, die anderen geschlachtet.

Wie wir uns die Tierwelt zu unserem Nutzen einteilen:

sichtbar

Haustiere

Zirkustiere

Zootiere

Objekt Subjekt unsichtbar

Nutztiere

Versuchstiere

Pelztiere

Wildtiere

Beispiel KĂŒhe ausschliesslich als Mittel zu einem bestimmten Zweck betrachtet, nĂ€mlich als Milchlieferantinnen.

Der Wert einer «Milchkuh» bemisst sich allein an der Menge Milch, die sie produziert; nimmt diese ab, verliert die Kuh an Wert, sie wird aussortiert und geschlachtet. Das trifft auf Nutztiere allgemein zu. Sie gelten als Produktionsressourcen. Mit möglichst wenig Input (z.B. Futter) sollen sie möglichst viel Output (z.B. Milch, Fleisch, Eier) generieren.

Auch werden Nutztiere, wie andere Dinge oder Maschinen, wenn nötig den Produktionsbedingungen angepasst: Weil sich HĂŒhner auf engem Raum gegenseitig verletzen, was natĂŒrlich deren ProduktivitĂ€t verschlechtert, lötet man ihnen die Schnabelspitze weg; damit KĂŒhe möglichst viel Milch fĂŒr uns Menschen produzieren, werden sie jedes Jahr geschwĂ€ngert und man nimmt ihnen die KĂ€lber weg; oder man kupiert Schweinen die SchwĂ€nze, weil sie in beengten Buchten zu Kannibalismus neigen.

Dass besonders jene Tiere, die unsichtbar sind, wie Objekte behandelt werden, bedeutet nicht zwingend, dass man mit ihnen tun und lassen kann, was man will. In der Schweiz ist der Tierschutz in der Verfassung verankert, ja sogar die WĂŒrde des Tieres wird geschĂŒtzt – kein anderes Land geht rechtlich so weit. Es ist verboten, Tieren «ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schaden» zuzufĂŒgen, und wer mit Tieren umgeht, hat fĂŒr deren Wohlergehen zu sorgen – allerdings nur, und das ist der entscheidende Zusatz, «soweit es der Verwendungszweck zulĂ€sst».

Die WĂŒrde der Tiere ist antastbar Bei Nutztieren besteht dieser Verwendungszweck darin, dass sie Nahrungsmittel fĂŒr den Menschen sind. Weil dies bisher nicht grundlegend hinterfragt wird, sind viele Praktiken im industriellen Umgang mit Nutztieren vom Gesetz her erlaubt –und das, obschon sie nachweislich das Tierwohl beeintrĂ€chtigen. Ein Leben in beengten VerhĂ€ltnissen gehört dazu, ebenso die bereits erwĂ€hnten Verletzungen, das Unterbinden von Beziehungen, aber auch die Tatsache, dass die meisten dieser Tiere nur einen Bruchteil ihrer Lebenserwartung erreichen und geschlachtet werden, noch bevor sie erwachsen sind. So kann ein Rind bis 25 Jahre alt werden; als «Milchkuh» hat es aber bereits nach vier bis sechs Jahren ausgedient, als «Mastrind» wird es nach 20 Monaten geschlachtet, als Kalb schon nach fĂŒnf. Und obschon ein Huhn bis zu acht Jahre alt werden kann, kommt es als «Legehenne» nur auf eineinhalb Jahre und als «Masthuhn» gerade mal auf sechs Wochen. All das fĂ€llt, wie gesagt, nicht etwa unter TierquĂ€lerei, sondern ist mit dem schweizerischen Tierschutzgesetz vereinbar und angeblich auch mit der WĂŒrde des Tieres. Aber wenn das Gesetz vorschreibt, dass das Tierwohl nur verletzt werden darf, wenn es wirklich nötig ist, es keine Alternativen gibt – sollte man dann nicht fra-

gen, ob die Menschen in einem Wohlstandsland wie der Schweiz tatsÀchlich auf tierliche Nahrungsmittel angewiesen sind oder ob wir uns nicht auch anders, pflanzenbasiert, gesund und ausgewogen ernÀhren könnten?

Obschon es etliche Belege dafĂŒr gibt, dass diese Frage bejaht werden kann, haben Tiere bis heute keine Rechte, die es verbieten wĂŒrden, sie fĂŒr menschliche Zwecke auszubeuten und zu töten. So konsumieren 97 Prozent der Schweizer Bevölkerung regelmĂ€ssig tierische Produkte, aus Genuss, Tradition oder Gewohnheit. Das zeigt, dass dieses Thema bisher eher ein soziales ist und weniger ein moralisches im Sinne der Frage: Haben wir ein Recht darauf, Tiere zu essen?

Das Essen von Tieren ist trotz Alternativen gesellschaftlich immer noch weithin anerkannt, es ist normal.

Hinter dieser NormalitĂ€t steht auch das SelbstverstĂ€ndnis des Menschen, ĂŒber den Tieren zu stehen. Obschon die Evolutionsbiologie Gegenteiliges nahelegt, ist die Überzeugung nach wie vor verbreitet, dass wir Menschen etwas besitzen, das die anderen Tiere nicht einmal im Ansatz haben, – wie Intelligenz, Selbstbewusstsein oder Moral – und dieses Etwas uns berechtigt, uns Tiere «untertan zu machen». Und dass wir Tiere als unser Eigentum betrachten; sie gehören nicht sich selber, sie gehören uns. Obschon dies nicht bloss fĂŒr Schweine, KĂŒhe oder HĂŒhner gilt, sondern auch fĂŒr Hunde, Katzen und Meerschweinchen – auch sie sind Besitztum, das erworben, verkauft oder verschenkt werden darf –, sind es erneut die Nutztiere, die weniger zĂ€hlen.

Was nicht verwunderlich ist, wo wir sie ja nie zu Augen bekommen. Ob sich in unserem VerhĂ€ltnis zu ihnen etwas Ă€ndern wĂŒrde, wenn – wie der Ex-Beatle Paul McCartney vorschlĂ€gt – Tierfabriken und SchlachthĂ€user glĂ€serne WĂ€nde hĂ€tten, bleibt eine offene Frage.

Serie «Hinter Mauern»

In unserer neuen Serie blicken wir hinter unterschiedliche Mauern – bauliche, aber auch soziale oder symbolische.

Teil 1: Schutz und Freundschaft, Surprise Nr. 594

Teil 2: Diese Welt der Ausgrenzung, Surprise Nr. 596

«Ich versuche so wenig wie möglich ĂŒber die Zukunft

KETEVAN KOBIASHVILI, 18, ist vor bald acht Jahren mit ihren Eltern aus Georgien in die Schweiz geflĂŒchtet. Sie lebt im Kanton Bern im RĂŒckkehrzentrum Aarwangen. Inzwischen hat sie ein eigenes Zimmer, ihre Eltern und ihr fĂŒnfjĂ€hriger Bruder teilen sich eines. Sie besucht die Fachmittelschule in Langenthal. Ein erstes HĂ€rtefallgesuch fĂŒr die Familie wurde abgelehnt, das zweite ist seit einem Jahr hĂ€ngig.

nachzudenken.»

Verlorene Kindheiten

Nothilfe Menschen mit einem negativen Asylentscheid leben in der Schweiz prekÀr. Besonders Kinder, wie eine Studie zeigt. Eine Jugendliche, eine Mutter, eine Psychotherapeutin und eine Vertreterin des Kantons Bern diskutieren, wie ihre Situation verbessert werden könnte.

Claudia Ransberger kommt als Erste ins Surprise-BĂŒro Bern. Sie, die hier den Kanton Bern vertritt, packt ein MĂ€ppli aus ihrer Tasche, darin Zeitungsartikel zu Kindern in der Nothilfe sowie die im September 2024 erschienene Studie im Auftrag der Eidgenössischen Migrationskommission. Dann treffen Sandra Rumpel und Nadira Edris (Name geĂ€ndert) ein. Die Psychotherapeutin und die 28-JĂ€hrige, die zehn Jahre in der Nothilfe gelebt hat, sind beide aus ZĂŒrich angereist. Ketevan Kobiashvili, die vierte, hĂ€tte an diesem Nachmittag PĂ€dagogik und Persönlichkeitsentwicklung, sie hat sich in der Schule entschuldigt.

Bis Menschen mit einem negativen Asylentscheid die Schweiz verlassen oder ausgeschafft werden, leben sie in der Nothilfe. Schon lĂ€nger ist bekannt, dass die ZustĂ€nde in den sogenannten RĂŒckkehrzentren speziell fĂŒr Kinder und Jugendliche besorgniserregend sind. Die Studie des Marie Meierhofer Institut fĂŒr das Kind, die Ransberger im MĂ€ppli dabeihat, kommt sogar – fĂŒr Fachleute nicht ĂŒberraschend – zum Schluss: Die Situation in der Nothilfe gefĂ€hrdet die Gesundheit und Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, alle sind mindestens einem unzumutbaren Umstand ausgesetzt. WĂŒrden Kinder ausserhalb der Nothilfe so leben, schreiben die Autorinnen, wĂŒrde dies «mit hoher Wahrscheinlichkeit» zu einer Meldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) fĂŒhren (siehe Seite 20). Laut dem begleitenden Rechtsgutachten der UniversitĂ€t Neuenburg ist die Situation weder mit der Bundesverfassung noch mit der UNO-Kinderrechtskonvention vereinbar.

Nur die HĂ€lfte der Kantone ermöglicht gemĂ€ss Studie nach dem obligatorischen neunten Schuljahr den Zugang zu weiterer Ausbildung. Eine Lehre etwa ist nur dann möglich, wenn die Jugendlichen eine Ausnahmebewilligung beantragen können. DafĂŒr haben zum Beispiel die Kantone Freiburg und Waadt Pilotprojekte eingefĂŒhrt.

2020 lebten schweizweit 700 Kinder und Jugendliche von der Nothilfe, 390 – also mehr als die HĂ€lfte – seit ĂŒber einem Jahr, obwohl sie eine vorĂŒbergehende Lösung fĂŒr wenige Monate sein sollte. Bern und ZĂŒrich, wo Ketevan Kobiashvili und Nadira Edris leben, sind zwei der Kantone, in denen die meisten MinderjĂ€hrigen in der Nothilfe sind. Die beiden jungen Frauen setzen sich mit Sandra Rumpel und Claudia Ransberger um den Tisch – eine Jugendliche, eine Mutter, eine Psychotherapeutin und eine Vertreterin des Kantons Bern. Nach dem GesprĂ€ch gibt Ransberger Kobiashvili ihre Visitenkarte, sie schlĂ€gt ein Treffen vor, um ĂŒber ein eigenes HĂ€rtefallgesuch, losgelöst von der Familie, zu sprechen.

Ketevan Kobiashvili, haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es wÀre, einfach ein Schweizer Kind zu sein, ohne Erfahrung mit der Nothilfe?

Ketevan Kobiashvili: Ja, schon öfter. Wenn ich mich um sechs Uhr morgens fĂŒr die Schule bereit mache, begegne ich im Korridor manchmal einer Gruppe Polizist*innen, die gekommen sind, um eine andere Familie zu deportieren. Ich weiss nie, ob morgen ich dran bin. Jeder Tag ist stressig. Und ich kann im RĂŒckkehrzentrum nicht wirklich lernen, manchmal ist es einfach zu laut.

Nadira Edris: Ja, der Stress! In unserem Zimmer hatte mein Sohn keinen Platz zum Spielen, gegessen haben wir auf dem Bett. Mein Sohn hat kaum gegessen, er hat lange nicht gesprochen. Wenn wir vom Spazieren zurĂŒckkamen, legte er sich vor dem Camp auf den Boden und weinte – er wollte nicht zurĂŒck in dieses Camp.

Kobiashvili: WĂ€hrend den drei Wochen Herbstferien war ich auf einmal nicht mehr sicher, ob ich die Fachmittelschule weiterhin besuchen darf. Zum GlĂŒck hat unsere AnwĂ€ltin dann dafĂŒr gesorgt, dass ich wieder zur Schule gehen durfte. Ich habe mir immer vorgestellt, wie die Polizei in die Schule kommt und mich einfach deportiert. Ein paar Freundinnen sagten mir, ich sei so gestresst, das habe zu grosse Effekte auf sie. Ich habe sie als Freundinnen verloren. Ich glaube, als Schweizer Kind wĂ€re es viel einfacher.

Claudia Ransberger: Ich kann verstehen, dass es fĂŒr Sie als junge Frau sehr schwierig ist. Nichtsdestotrotz: Die Politik hat entschieden, und wir mĂŒssen den Auftrag umsetzen. Mir ist wichtig, dass es den Kindern und Jugendlichen gut geht. Wir haben zum Beispiel getrennte UnterkĂŒnfte, Familien leben in anderen Zentren als MĂ€nner. Aber natĂŒrlich bleibt es eine Herausforderung, KĂŒche, Toiletten und Duschen mit anderen Familien zu teilen.

Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind betrĂ€chtlich, Schaffhausen etwa mietet fĂŒr Menschen in der Nothilfe Wohnungen. WĂ€re das auch fĂŒr Bern eine Option? Ransberger: Nein, der Grosse Rat (Anm. das kantonale Parlament) hat entschieden, dass Personen in der Nothilfe in KollektivunterkĂŒnften untergebracht werden. Das wĂ€re eine politische RichtungsĂ€nderung. Nur vulnerable Personen oder Familien dĂŒrfen in AusnahmefĂ€llen in einer Wohnung leben.

Kobiashvili: Wer gilt denn als vulnerabel?

Ransberger: Etwa ein Kind, das schwerstbehindert zur Welt kommt und in der NĂ€he des Berner Inselspitals sein muss, weil es eine regelmĂ€ssige medizinische Betreuung braucht. Jemand im Rollstuhl, denn die UnterkĂŒnfte sind nicht barrierefrei. Oder schwerkranke Menschen, die Krebs im Endstadium haben. Aber eine Familie mit Kindern ist nicht per se vulnerabel.

Sandra Rumpel: Doch, genau dafĂŒr plĂ€diere ich. Ich weiss nicht, fĂŒr wie lange die Nothilfe ursprĂŒnglich gedacht wurde, aber ich finde: SpĂ€testens nach drei Monaten sollten die Kinder wieder weg sein.

Ransberger: Das ist ein politischer Entscheid.

Rumpel: Nein, ich spreche nur aus fachlicher Sicht.

Kobiashvili: Ich bin auch mit MĂ€nnern aufgewachsen und das war wirklich schwierig, es gab oft Konflikte. Ich finde gut, dass die MĂ€nner jetzt getrennt von den Familien leben. Meine Cousinen leben in Lausanne und sie haben schon nach einem Monat eine Wohnung bekommen – auch sie hatten keine Bewilligung. Warum das in jedem Kanton anders ist, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Ransberger: Das verstehe ich. Aber so ist das System in der Schweiz.

Rumpel: Die Schweiz hat ja auch die UNO-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Inzwischen sehen wir einfach die Langzeitfolgen, die Kinder aus der Nothilfe mitbringen. FĂŒr Erwachsene ist es wĂ€hrend ein, zwei Jahren aushaltbar, unter sehr schwierigen UmstĂ€nden leben zu mĂŒssen. Danach können sie das durch Therapie oder gute UmstĂ€nde ein StĂŒck weit wettmachen.

Wie ist es bei den Kindern und Jugendlichen, welche Langzeitfolgen sehen Sie?

Rumpel: Das Kleinkindalter und das Jugendalter sind kritische Entwicklungsphasen. Kinder in der Nothilfe erleben eine Kumulation von unzumutbaren UmstĂ€nden. Nur schon die regelmĂ€ssigen PolizeieinsĂ€tze und die Angst in den Augen der Eltern, die sie in diesem Moment nicht trösten können – diese Erlebnisse hindern Kinder an einer gesunden Entwicklung. Bei Kleinkindern unter drei Jahren fĂŒhrt das dazu, dass ihr Immunsystem schwĂ€-

cher ausgebaut wird, dass sie eher Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln. Ich spreche also nicht nur von VerhaltensauffÀlligkeiten, selbstschÀdigendem Verhalten, von Entwicklungsstörungen und schweren psychischen Erkrankungen. Deshalb appelliere ich an die Politik. Schon nur wirtschaftlich gedacht: Das ist extrem teuer.

Ransberger: Die politischen Fragen können wir hier nicht klÀren, das ist nicht meine Aufgabe, ich vertrete die Verwaltung.

Rumpel: In ZĂŒrich bekommen wir oft nicht einmal eine Antwort vom Kanton oder der KESB. Wir beschreiben, dass der Zustand eines Kindes sich verschlechtert aufgrund der Situation im Camp. Drei Monate spĂ€ter schreiben wir wieder, und ein Jahr spĂ€ter wieder. Keine Antwort, oder höchstens eine ausweichende. Am Ende sind wir es, die versuchen, die Kinder zu stabilisieren. Und am nĂ€chsten Tag rufen die Eltern weinend an, weil in der Nacht die Freundin des Kindes ausgeschafft wurde. Bei Ausschaffungen schreien die Menschen oft, die Kinder sehen, wie andere Eltern in Handschellen gelegt werden. Es ist schon vorgekommen, dass ein Elternteil sich suizidieren wollte. Stellen wir uns vor, in einer Schule klettert jemand aufs Dach und will Suizid begehen. Da wird ein Care-Team aufgeboten, die Schulleitung wird hinterfragt: Wie konnte das passieren? Die SchĂŒler*innen und Eltern werden aufgefangen. Keinem Schweizer Kind wĂŒrden wir eine solche Situation jeden Tag zumuten. Die Schweiz hat einen Zwei-Klassen-Kinderschutz.

Ransberger: Personen, die in einem RĂŒckkehrzentrum untergebracht sind, haben einen rechtskrĂ€ftigen Wegweisungsentscheid. Sie haben ein Asylverfahren durchlaufen, sind weggewiesen und aufgefordert worden, die Schweiz zu verlassen. Die Polizei packt die Familie nicht am nĂ€chsten Tag ein. Da gibt es im Vorfeld GesprĂ€che. In einem RĂŒckkehrzentrum muss man damit rechnen, dass die Polizei kommt und eine polizeiliche RĂŒckfĂŒhrung durchfĂŒhrt. Die Eltern wissen das.

Rumpel: Nadira, haben Sie darĂŒber nachgedacht, nach Eritrea zurĂŒckzukehren?

Edris: Einmal im Jahr wurde ich zu einem GesprĂ€ch eingeladen, um ĂŒber meine RĂŒckkehr zu sprechen. Ich wĂ€re nie

«In einem RĂŒckkehrzentrum

CLAUDIA RANSBERGER leitet beim Migrationsdienst des Kantons Bern den Bereich Nothilfe und RĂŒckkehr, der zur Sicherheitsdirektion von Regierungsrat Philippe MĂŒller (FDP) gehört.

muss man

dass die Polizei kommt.

Die Eltern wissen das.» damit rechnen,

«Alle meine Freundinnen und arbeiten jetzt.

Warum ich nicht?» haben eine Lehre gemacht

NADIRA EDRIS, 28, ist vor zehn Jahren alleine aus Eritrea in die Schweiz geflĂŒchtet. Seit einem Jahr lebt sie mit ihrem fĂŒnfjĂ€hrigen Sohn in einer Wohnung im Kanton ZĂŒrich, sie ist alleinerziehend. Zuvor lebte sie im RĂŒckkehrzentrum Hinteregg. Im Oktober wurde ihr HĂ€rtefallgesuch bewilligt, seither hat sie eine Aufenthaltsbewilligung. Sie möchte anonym bleiben, Nadira Edris ist ein Pseudonym.

zurĂŒckgegangen. Ich wĂ€re dort ziemlich sicher ins GefĂ€ngnis gekommen oder in den MilitĂ€rdienst eingezogen worden. Es war sehr schlimm in Eritrea.

Ketevan Kobiashvili, Sie waren zehn Jahre alt, als Sie erfuhren, dass Ihre Eltern nicht in der Schweiz bleiben dĂŒrften?

Kobiashvili: Meine Eltern haben mir einfach gesagt: Wir können nicht zurĂŒck nach Georgien, wir mĂŒssen hierbleiben. Und inzwischen hĂ€tte ich dort nichts mehr. Ich bin hier aufgewachsen, mache eine Ausbildung, habe Freundinnen hier. Rumpel: Man darf Kinder nicht fĂŒr die Entscheidung ihrer Eltern bestrafen. Aber genau das passiert hierzulande – und nicht zum ersten Mal, denken wir an die Kinder von Saisonniers, die nicht in die Schweiz kommen durften. Oder an die Kindswegnahmen bei den Jenischen. Auch wenn wir – politisch gewollt – Druck auf die Eltern ausĂŒben, mĂŒssen wir die Kinder im Blick behalten. Ein Kind muss nicht verhĂ€tschelt werden, auf Schweizerdeutsch gesagt. Aber es braucht immer wieder Möglichkeiten zur Regulation. Mit Ruhe, mit PrivatsphĂ€re. Ein Umfeld, das ihm Sicherheit gibt und es zu trösten vermag. Es kann nicht sein, dass pubertierende MĂ€dchen die Toilette und die Dusche mit zig anderen Leuten teilen, wo MĂ€nner vielleicht noch reinschauen können. Im ehemaligen RĂŒckkehrzentrum Adliswil mussten die Kinder eine Zeit lang ausserhalb des GebĂ€udes aufs WC. Auch FamilienvĂ€ter können ĂŒbergriffig werden.

Edris: Wenn zum Beispiel die KĂŒche nicht aufgerĂ€umt war, habe ich versucht, mich zu wehren.

Kobiashvili: Oder wenn die Duschen und Toiletten schmutzig sind. Das Einzige, was mir hilft: so wenig wie möglich im Zentrum sein. Nach der Schule gehe ich zum Lernen in die Bibliothek oder mit Freundinnen spazieren.

Ransberger: Hier finde ich die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen wichtig. Sie unterstĂŒtzen bei Kindergeburtstagen, an Weihnachten oder Ostern. Damit die Kinder ein Osternest bekommen und ein StĂŒck NormalitĂ€t haben.

Rumpel: Dass in KollektivunterkĂŒnften Aggressionen entstehen, ist logisch. Wer Stress hat, ist strenger. Stellen Sie sich vor, Sie rennen mit Ihren Kindern auf den Zug. Und die beeilen sich nicht. In dieser alltĂ€glichen Stresssituation werden Sie auch schĂ€rfer mit ihnen reden. Geschweige denn Sie fĂŒhlen sich permanent bedroht.

Ransberger: Ob es Konflikte in der KĂŒche gibt oder mit der Waschmaschine, kommt auch auf die Betreuung an. Das kann man steuern: Macht man wöchentlich eine Bewohner*innensitzung? Macht man einen Waschplan? Ist zu den Stosszeiten, wenn gekocht wird, genĂŒgend Personal da?

Rumpel: Ja, das ist wichtig. Und Freizeitangebote. So können die Kinder immer wieder Stress abbauen. Aber das ist eine zu mathematische Sicht auf die kindliche Entwicklung: Ich gebe etwas Gutes und dann ertrĂ€gt es etwas Schlechtes – und dann kann ich das wieder ausgleichen mit einer guten FreizeitbeschĂ€ftigung. Gerade wenn Belastungen chronisch werden und mit Gewalt, Trennung und Bedrohung einhergehen, funktioniert dieser Effekt nicht.

Ransberger: Was wÀre die Lösung?

Rumpel: PrivatsphĂ€re wĂ€re wichtig. Wenn fĂŒnf Kinder und zwei Erwachsene ein Zimmer teilen, können sie sich nicht

zurĂŒckziehen. Weiter brauchen Kinder KontinuitĂ€t. Die vielen Transfers von einer Unterkunft zur nĂ€chsten gehen nicht. Als dritten Punkt sehe ich kleinere UnterkĂŒnfte – oder noch besser kleine Wohnungen. So gĂ€be es weniger Stress und man ginge verstĂ€ndnisvoller miteinander um.

Ransberger: Eine Unterkunft zu finden, ist schwierig. Alle finden es gut, aber niemand will eine Unterkunft in der eigenen Gemeinde oder Nachbarschaft. Dann mĂŒssen die Objekte eine gewisse Infrastruktur bieten: genĂŒgend sanitĂ€re Anlagen, grosse KĂŒchen etc.

Rumpel: Es ist nun mal so: Je grösser die Unterkunft, desto mehr PolizeieinsĂ€tze. Und desto mehr Menschen sehen, wie andere ausgeschafft werden. Wenn die Polizei einen Mann abholen und in Administrativhaft nehmen will, er aber das jĂŒngste Kind bei sich hat, weil die Mutter die Ă€lteren in die Schule bringt, sollten die Polizist*innen das Kleinkind nicht einfach einer Freundin der Familie ĂŒbergeben und den Vater mitnehmen. Auch wenn die Mutter nach kurzer Zeit wieder da ist und auch wenn der Vater nach drei Tagen aus der Administrativhaft zurĂŒckkehrt, weiss dieses Kleinkind von nun an: Hier kann jederzeit jemand kommen und meinen Papi oder mein Mami mitnehmen. Auch die Kinder, die diese Szene nur beobachten. Das ist fĂŒr Kleinkinder beĂ€ngstigend. Die Polizei sollte Kleinkinder nicht von ihren Eltern trennen, ausser die Eltern selbst stellen die Bedrohung dar.

Ketevan Kobiashvili, wenn Sie einen kleinen Wunsch frei hĂ€tten, um Ihre Situation zumindest ein StĂŒck weit zu verbessern, wie wĂŒrde der lauten?

Kobiashvili: Es ist ein bisschen unrealistisch, aber ich wĂŒnschte mir ein normales Leben. Ich weiss nicht, ob es etwas Kleines gibt, das mir helfen wĂŒrde.

Ransberger: Was wĂ€re fĂŒr Sie ein normales Leben?

Kobiashvili: Wenn meine Eltern arbeiten könnten, wie sie wollen. Wenn ich mich auf meine Ausbildung konzentrieren könnte und nicht dauergestresst wÀre.

Rumpel: Sie mĂŒssten die Sicherheit haben, dass nicht jeden Tag etwas Schlimmes passiert. Anhaltende Angst ist fĂŒr das Nervensystem belastend. Diese Kinder haben ihr Leben lang einen erhöhten Cortisolspiegel, sie können Stress schlecht regulieren. Wir erkennen am Nervensystem des Kindes seinen Asylstatus. Wenn sie spĂ€ter, als Erwachsene, «nur» den Zug verpassen, reagieren sie gereizter als jemand ohne diese schlimmen Erfahrungen, so als wĂ€re gerade wieder etwas sehr Schlimmes passiert. Darum wĂ€re es fĂŒr die Kinder so wichtig, eine Zukunftsperspektive zu haben, zu wissen: Ich kann diese Ausbildung fertig machen. Das bringt Ruhe in den Körper und die Psyche.

Nadira Edris, Sie durften zehn Jahre lang keine Ausbildung machen.

Edris: Ja, ich hatte keine Chance. Deutsch habe ich mir selber beigebracht. Ich musste den ganzen Tag im Camp bleiben. Dabei möchte ich selbstĂ€ndig sein, eine Lehre machen, am liebsten in der Pflege. Aber manchmal habe ich Angst davor, eine Lehre anzufangen. Wie soll ich auf einmal lernen können? Mir fehlt das Selbstvertrauen dafĂŒr.

Rumpel: Bei vielen Jugendlichen mit einer Àhnlichen Geschichte beobachten wir, dass die Integration lÀnger dauert.

Nicht, weil sie nicht motiviert sind, sondern weil sie an sich zweifeln. Wenn Jugendliche eine BeschĂ€ftigung haben und eine Zukunft sehen, brauchen sie vielleicht auch eine Therapie, aber die wirkt dann. Wenn sie keine Zukunft sehen, arbeiten wir nur daran, dass sie nicht aus Sinnlosigkeit von einer BrĂŒcke springen. Und solange der Mensch nicht in Sicherheit lebt, sondern in der stĂ€ndigen Angst, ausgeschafft zu werden, können wir keine Traumatherapie machen. Sonst wird das Gehirn völlig konfus.

Mit 18 macht man sich viele Gedanken ĂŒber die Zukunft. Wo will ich im Leben hin, was will ich alles machen. Ketevan Kobiashvili, wie ist das bei Ihnen?

Kobiashvili: Gedanken ĂŒber die Zukunft habe ich mir nie machen können, mein Leben war nie stabil. Ich weiss nicht, was morgen passieren wird. Ich versuche so wenig wie möglich ĂŒber die Zukunft nachzudenken. FĂŒr die nahe Zukunft hoffe ich einfach, dass ich meine Ausbildung fertig machen kann. Und dass ich hierbleiben darf.

Rumpel: Wenn wir Hoffnung haben, bleiben wir neugierig, mögen lernen, blicken in die Zukunft. Kinder mit diesen chronischen VerlÀufen können die Hoffnung oft nicht mehr aufrechterhalten. Vor allem im Jugendalter. Kleinkinder sind von Natur aus neugierig. Beim Spielen entdecken und lernen sie viel. Ein Beispiel: Ein Kind, vielleicht eineinhalb, spielt bei uns mit Klötzli. Auf einmal ertönt die Sirene eines Polizeiautos. Das Kind zuckt zusammen und rennt zum Fenster, die nÀchste Stunde kann es sich nicht mehr konzentrieren. Wenn das laufend passiert, lernt dieses Kind weniger. Der Stress absorbiert seine LernfÀhigkeit.

Kobiashvili: Ich war ein verschlossenes Kind, das im Asylzentrum kaum mit anderen spielen wollte. In einem fremden Land sein, die Sprache nicht können, keine Freundin haben – es dauerte lange, bis ich mich integrieren konnte.

Ransberger: Leben noch andere Jugendliche im Zentrum in Aarwangen?

Kobiashvili: Nein, im Moment nicht. Als andere Jugendliche da lebten, hatten wir ein wenig Kontakt. Dann wurden sie entweder deportiert oder bekamen eine Aufenthaltsbewilligung. Niemand ist so lange dort wie ich.

Ransberger: Und Ihre Freundinnen aus der Schule, war mal eine zu Besuch?

Kobiashvili: Einmal. Aber wir haben nicht wirklich Platz. Lange habe ich mich auch geschÀmt, dass ich dort wohne. Ich wollte nicht, dass das andere wissen.

Edris: Alle meine Freundinnen haben eine Lehre gemacht und arbeiten jetzt. Warum ich nicht? Zehn Jahre sass ich nur herum, zehn Jahre sind einfach verloren.

Kobiashvili: Ich gehe seit acht Jahren in Therapie, denn ich habe in Georgien traumatische Dinge erlebt. Doch wie kann mir die Therapie ĂŒberhaupt helfen, dass es mir psychisch besser geht, wenn sich bis heute nichts verĂ€ndert hat? Wenn ich bis heute jeden Tag Traumata erlebe? Es fĂŒhlt sich an wie Zeitverschwendung.

HintergrĂŒnde im Podcast: Radiojournalist Simon Berginz spricht mit Redaktorin Lea Stuber ĂŒber Kinder in Nothilfe. surprise.ngo/talk

Besserung in Sicht?

Politik Nach einer Studie ĂŒber die Situation von Kindern in der Nothilfe wurden in mehreren Kantonen Vorstösse eingereicht.

Im Auftrag der Eidgenössischen Migrationskommission hat das Marie Meierhofer Institut die LebensumstĂ€nde von Kindern und Jugendlichen in der Nothilfe systematisch untersucht. Die Autorinnen sehen dringenden Handlungsbedarf bezĂŒglich der psychischen und physischen Gesundheit, der Unterbringung, Beschulung und sozialen Teilhabe. Als Reaktion auf die Studie hat das Solinetz ZĂŒrich, das sich fĂŒr die Rechte geflĂŒchteter Menschen einsetzt, zusammen mit vierzehn weiteren Organisationen (darunter Family-Help) im Oktober einen offenen Brief an den ZĂŒrcher Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) geschrieben. Darin fordern sie den Kanton ZĂŒrich auf, die Handlungsempfehlungen der Studie umzusetzen, zum Beispiel familiengerechte UnterkĂŒnfte mit RĂŒckzugs- und Lernmöglichkeiten oder einen besseren Zugang zur Volksschule und Berufsbildung. Eine Antwort haben sie nicht erhalten.

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children arbeitet in mehreren Kantonen in UnterkĂŒnften, in denen Kinder in der Nothilfe leben. Ihre Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen der Studie. Weder wĂŒrden derzeit die Kinderrechte eingehalten noch sei das Kindeswohl sichergestellt, schreibt Save the Children in ihrer Stellungnahme. Nina Hössli, die Leiterin der Schweizer Programme, sagt: «Politik, Behörden, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft mĂŒssen jetzt handeln. Und langfristig mĂŒssen wir Wege finden, damit Kinder in der Schweiz nicht mehr so aufwachsen mĂŒssen.»

Im Kanton Bern verlangen Politiker*innen in drei Motionen fĂŒr Kinder in der Nothilfe eine Verbesserung der Wohnsituation, altersgerechte Tagesstrukturen und eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Zudem soll der Regierungsrat prĂŒfen, ob die Kinderrechte im Asyl- und Nothilfesystem generell eingehalten werden.

Bereits in Kraft sind zwei Neuerungen im Kanton Luzern, wie die Dienststelle Asyl- und FlĂŒchtlingswesen schreibt: Kinder im Vorschulalter haben neu Zugang zu Spielgruppen. Und Jugendliche bekommen nach der obligatorischen Volksschule Zugang zu vorbereitenden Angeboten fĂŒr die berufliche Grundbildung, zu IntegrationsbrĂŒckenangeboten sowie zur Berufslehre. Vorstösse fĂŒr bessere Bedingungen fĂŒr Kinder in der Nothilfe sind auch in den Kantonen Basel-Landschaft, ZĂŒrich, Schwyz, Thurgau, Waadt und Wallis eingereicht worden. LEA

«Die Schweiz hat einen ZweiKinderschutz.»

SANDRA RUMPEL ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und GeschĂ€ftsleiterin des Vereins Family-Help. Das 30köpfige Team von Ärzt*innen und Therapeut*innen behandelte im Kanton ZĂŒrich im vergangenen Jahr 225 Kinder und Jugendliche aus dem Asylbereich, etwa 15 Prozent beziehen Nothilfe.

Klassen-

Schrei nach Sichtbarkeit

Kino Der Dokumentarfilm «Immortals» begleitet zwei Aktivist*innen wÀhrend und nach der Oktoberrevolution im Irak. Wie viel Empathie ist möglich, wenn wir diese Bilder sehen?

Maja Tschumi, 2019 und 2020 protestierte eine junge Generation in Baghdad gegen die politische Elite, gegen Korruption und den Einfluss der USA. Das Regime schlug die Proteste brutal nieder. Sie dokumentieren die Geschehnisse in Ihrem Film. Ich fand ihn sehr eindrĂŒcklich, war gleichzeitig aber auch skeptisch, aus welcher Position Sie sich als Schweizer Filmemacherin diesem Thema widmen wĂŒrden. Was war Ihr Zugang dazu?

Maja Tschumi: Ich habe mir diese Frage von Anfang an gestellt: Wer hat das Recht oder die Pflicht, eine Geschichte zu erzÀhlen?

Mein Interesse am Thema hat sich ĂŒber Jahre hinweg entwickelt. Ich wurde 2003 durch den Irakkrieg politisiert. SpĂ€ter habe ich im Rahmen eines Workshops in Berlin einen Aktivisten aus Baghdad kennengelernt – das war 2019, als die Proteste ihren Höhepunkt erreicht hatten. Ich war schockiert, wie wenig man hierzulande ĂŒber die Situation im Irak weiss. WĂ€hrend meiner Recherchen wurde mir schnell klar, dass alles, was man ĂŒber die Proteste auf Social Media findet, ein Schrei nach Sichtbarkeit ist. Meine Motivation rĂŒhrte aber auch daher, dass der Irak im Westen zu einer Chiffre fĂŒr Terrorismus und politischen Islamismus wurde und die von der Jugend angefĂŒhrten Proteste ein ganz anderes Gesicht hatten.

Inwiefern?

Politische Diskussionen, die zuvor in den Hinterzimmern des Regimes stattfanden, wurden nun öffentlich gefĂŒhrt. Die Demonstrant*innen forderten Freiheit und ihre seit 2003 versprochenen bĂŒrgerlichen Rechte. Auf PlĂ€tzen wurden ZeltstĂ€dte errichtet, die bedeutendste auf dem Tahrir-Platz in Baghdad. Sie waren eine neue Vision des Iraks: gewaltfreie Formen des Protests, Geschlechtergleichheit, Meinungsfreiheit, Kunst sowie die Ablehnung von Korruption und Islamismus.

Wir folgen im Film zwei Protagonist*innen: Mohammed al-Khalili und Milo. Wie haben Sie sie kennengelernt?

Als ich 2021 zum ersten Mal nach Baghdad gereist bin, habe ich zusammen mit dem irakischen Aktivisten, den ich in Berlin kennengelernt hatte, rund vierzig Aktivist*innen getroffen und mit ihnen ĂŒber eine mögliche Kollaboration gesprochen. Unter ihnen war auch der Filmemacher Mohammed al-Khalili, der mir seine Aufnahmen der Proteste gegeben hat mit den Worten: «Ich will, dass die Welt sieht, was im Irak passiert.» Das war wie ein Auftrag, den ich gebraucht habe, um den Film zu machen. Das ist die RealitĂ€t. Wir wĂŒnschen uns im Westen oft, dass die Leute vor Ort ihre Geschichten selbst erzĂ€hlen – die strukturellen Ungerechtigkeiten stehen dem aber oft im Weg.

Welche Aspekte sind Ihnen bei diesem (Mit-)ErzĂ€hlen wichtig? Mir ist beim ErzĂ€hlen von Geschichten anderer wichtig, dass sie die Kontrolle ĂŒber ihr eigenes Narrativ behalten. Deshalb sind sie Co-Autor*innen des Films. Mohammed al-Khalili hat eigenes gefilmtes Material zum Film beigesteuert und Milo hat viele Ideen eingebracht, was man filmen könnte, weil gerade ihre Geschichte schwieriger dokumentarisch einzufangen war. Aber es gab kein Script.

Die eigene Position und das MachtgefÀlle zu reflektieren, das damit einhergeht, ist zentral in einer solchen Arbeit. Interessant ist aber, dass sich diese Frage in gewissen Kontexten neu stellen muss. Zum Beispiel, weil die dringliche Notwendigkeit zu berichten besteht.

Es war sehr wichtig, dass ich meine Position und die damit verbundene Verantwortung reflektiere, einschliesslich geopolitischer Beziehungen und Orientalismus. Ich fĂŒhlte auch eine Verantwor-

Die Position hinter der Kamera mitreflektieren –herausfordernd, aber notwendig.

ZVG

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tung. Der Westen hat im Irak die Kriege nach 2003 mitverursacht. Wenn man es so anschaut, sehe ich sogar ein Problem darin, sich als Nicht-Iraker*in aus der Verantwortung zu ziehen.

Sie plĂ€dieren also dafĂŒr, die Oktoberrevolution im Irak als Teil einer globalen und auch westlichen Geschichte anzuerkennen?

Genau. Eine der zentralen Forderungen der irakischen Oktoberrevolution war der Sturz des Post-2003-Systems. Der Irak ist nach dem Krieg gegen den IS ein dunkler Fleck auf unserer politischen Landkarte geworden. Ich finde es wichtig, dass wir nicht vergessen, was dort passiert. Ich bin der Meinung, dass der Standpunkt, ich könne eine Geschichte nur als Irakerin erzÀhlen, voraussetzt, dass man an abgeschottete IdentitÀten glaubt. Mein Weg war aber Kollaboration.

Die Aufnahmen der Proteste vom Protagonisten Mohammed al-Khalili machen deutlich: Dokumentation ist fĂŒr die Menschen ein Akt der SelbstermĂ€chtigung und eine Möglichkeit, ein Unrecht aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen, auch der eigenen.

Diese Form der Dokumentation hat wĂ€hrend des Arabischen FrĂŒhlings und des syrischen BĂŒrgerkriegs begonnen. Das Equipment wurde erschwinglicher und Dokumentation demokratisiert. Im Irak haben insbesondere junge MĂ€nner – weil sie viel freier sind als Frauen – die Proteste dokumentiert. Sie wissen, dass das sonst niemand macht, weil die Regierung die Proteste unterdrĂŒcken wollte.

Milo, die zweite Protagonistin, erzÀhlt, dass sie sich als Mann kleiden, ihr Aussehen mÀnnlich codieren musste, um an den Protesten teilzunehmen. Als ihr Vater davon erfuhr, sperrte er sie ein Jahr lang ein und verbrannte ihre Kleider und ihren Pass. Ihre LebensrealitÀt steht in starkem Kontrast zu jener von Mohammed al-Khalili, der sich viel freier bewegen und sogar filmen kann.

Frauen haben im Irak ganz andere Biografien als MÀnner. Ich habe eine weibliche Protagonistin gesucht, die aufgrund der Proteste eine Àhnliche existenzielle Reise wie Mohammed durchmacht. Das war sehr schwierig, weil die meisten Frauen von An-

fang an nicht dabei sein wollten oder sich spĂ€ter zurĂŒckgezogen haben. Milo und ihre Freundin Avin waren dabei, weil sie wussten, dass sie das Land verlassen wĂŒrden.

Sichtbarkeit bringt auch eine Gefahr fĂŒr die Protagonist*innen mit sich. Wie sind Sie wĂ€hrend der Dreharbeiten damit umgegangen? Sie selber konnten das Land im Gegensatz zu den lokalen Protagonist*innen ja wieder verlassen.

Die Iraker*innen sind die Expert*innen ihrer eigenen Geschichten, auch in Sicherheitsfragen habe ich viel von ihnen gelernt. Von Anfang an war ich in tĂ€glichem Austausch mit Milo und Khalili. Und unser irakischer Co-Produzent wurde mein Sparringpartner. Er half mir, die einzuhaltenden Sicherheitsschranken zu verstehen. In seiner Form ist der Film fĂŒr alle Beteiligten sicher.

EnthÀlt der Film deswegen ErzÀhlmomente, die die RealitÀt nicht direkt abbilden?

Was Milo betrifft, mussten wir einige Szenen aus SicherheitsgrĂŒnden nachstellen. Wir entschieden uns gegen heimliche Filmaufnahmen und hatten eine Drehgenehmigung, um die Sicherheit aller zu gewĂ€hrleisten. Trotzdem waren spontane Aufnahmen schwierig. Gleichzeitig wollte ich einen Film machen, der immersiv ist, einem Spielfilm nahekommt, weil ein Spielfilm wie ein Roman sein kann, der sich auf das Innenleben von jemandem konzentriert und darauf, wie dieses durch politische UmstĂ€nde verĂ€ndert wird.

Die Philosophin Susan Sontag stellte die Überlegung, dass Bilder aus Kriegs- oder Konfliktgebieten Empathie erzeugen, grundsĂ€tzlich infrage. Wie beurteilen Sie diese Haltung?

Ich habe viel zu Susan Sontag gelesen, weil sie auch darĂŒber schreibt, wie man Gewalt darstellt, was ja auch im Film vorkommt. Meine GrundprĂ€misse ist, dass Empathie möglich ist. Das ist die GrundprĂ€misse von meinem ganzen Schaffen. Ich glaube, dass zum Beispiel der Konflikt zwischen Milo und ihrem Vater etwas Universelles an sich hat, an das ich anschliessen kann, auch wenn er nicht deckungsgleich ist mit meiner LebensrealitĂ€t. Oder wie Milo sich mĂ€nnliche Strategien aneignet, um in der Gesellschaft sichtbarer zu sein. Ich wollte, dass wir einen Zugang zu ihrer LebensrealitĂ€t bekommen. Und das geschieht fĂŒr mich ĂŒber Empathie.

MAJA TSCHUMI wurde 1983 in Basel geboren. Sie hat Philosophie und Literatur an der UniversitĂ€t ZĂŒrich studiert und Regie an der Kunsthochschule fĂŒr Medien in Köln. Heute arbeitet sie als freischaffende Autorin und Regisseurin in Berlin und ZĂŒrich. FĂŒr «Immortals» hat Tschumi im Rahmen der Solothurner Filmtage den «Prix de Soleure» erhalten.

«Immortals», Regie: Maja Tschumi, Dokumentarfilm, CH/IRQ 2024, 94 Min. LÀuft ab 24. April im Kino.

Schonungslos ehrlich

Theater In «Monopoly» erzÀhlen sieben von Armut betroffene Frauen und MÀnner aus ihrem Leben. Das braucht Mut.

TEXT ADELINA GASHI

Wie viel Geld befindet sich in diesem Moment auf Ihrem Konto? WofĂŒr haben sie zuletzt unnötig Geld ausgegeben? WĂŒrden Sie sich wohl dabei fĂŒhlen, diese Fragen einer fremden Person zu beantworten? Über Geld redet man nicht. Eine stillschweigende Vereinbarung unter Schweizer*innen, an der bis heute kaum gerĂŒttelt wurde. Nun trauen sich die Regisseur*innen Rebekka Bangerter und Jonas Egloff in ihrem TheaterstĂŒck «Monopoly» genau das: sehr direkt die Geldfrage zu stellen. Die Schweiz gehört zu den reichsten LĂ€ndern der Welt. Laut dem Global Wealth Report 2024 liegt sie aktuell sogar auf Platz eins der Liste der vermögendsten Staaten. «Es ist so einfach, in diesem Land wegzuschauen, weil es ja so vielen gut geht», sagt Regisseurin Rebekka Bangerter. «Ich habe schon oft gehört: â€čIn der Schweiz gibt es doch keine Armut.â€ș» Die RealitĂ€t ist jedoch eine andere. Laut Statistik des Bundes leben in der Schweiz ca. 708 000 Menschen unter dem Existenzminimum, mĂŒssen also mit weniger als 1061 Franken pro Person und Monat durchkommen. Das sind 8,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Alles ist wahr, nichts ist Fiktion Wie sieht der Alltag dieser Menschen aus? Welche Fragen beschÀftigen sie? Und wie ist ihr VerhÀltnis zu Geld? Rebekka Bangerter und Jonas Egloff laden das Publikum dazu ein, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Die beiden fordern es von den Zuschauer*innen so gar regelrecht ein. «Das ist das Schöne an Theater», sagt

Bangerter. «Es bedeutet Commitment.» Was sie damit meint, wird an der ersten Probe mit Testpublikum deutlich. Es ist ein Montagabend Anfang April in der Aarauer Tuchlaube. Das siebenköpfige Ensemble wird sich gleich zum ersten Mal vor Publikum beweisen mĂŒssen. Nervös brĂŒten die einen noch ĂŒber ihren Texten, andere wollen nochmals die Regieanweisungen durchgehen.

In «Monopoly» stehen keine professionellen Schauspieler*innen auf der BĂŒhne, alle sind Laien, die wissen, was Geldsorgen bedeuten. Es sind Gesichter und Geschichten, die die anonymen Zahlen aus den Statistiken zur Armutsbetroffenheit mit Leben fĂŒllen. «Sie erhalten eineinhalb Stunden Zeit, ihre LebensrealitĂ€t zu teilen», so Regisseurin Bangerter. Nichts davon ist Fiktion, es sind Wahrheiten, basierend auf den persönlichen Erlebnissen der Darsteller*innen. «Wir wollten ein Puzzle aus verschiedenen Erfahrungen schaffen», erklĂ€rt Rebekka Bangerter.

Da ist zum Beispiel Nadja Chahdi. Die VierundzwanzigjÀhrige ist alleinerziehende Mutter einer vierjÀhrigen Tochter und ausgebildete Kleinkinderzieherin. Das Geld reicht kaum. «Ein Kitaplatz in der Schweiz ist wahnsinnig teuer, gleichzeitig wird Care Arbeit nicht geschÀtzt und schlecht entlöhnt», sagt Chahdi.

Über dieses MissverhĂ€ltnis und ihr Leben am Existenzminimum spricht die junge Frau mittlerweile offen und bereitwillig. Auf Social Media folgen ihr viele. «Das ist AufklĂ€rungsarbeit, die immer noch

«In der Schweiz wirst du, je nach finanzieller Situation, in eine Schublade gesteckt», sagt Nadja Chahdi, Influencerin und Darstellerin im StĂŒck «Monopoly».

dringend nötig ist», sagt Chahdi. Darum habe sie sich auch dazu entschieden, bei «Monopoly» mitzuwirken. «In der Schweiz wirst du, je nach finanzieller Situation, in eine Schublade gesteckt. Und gerade Armutsbetroffene sind Stigmata ausgesetzt.» «Monopoly» ist ein Versuch, diesen Stigmatisierungen und dem grossen Schweigen etwas entgegenzusetzen. DafĂŒr wird auch das Publikum in die Pflicht genommen. Das StĂŒck will BerĂŒhrungsĂ€ngste abbauen, klar machen: Armut geht alle etwas an. «Uns gibt es», sagt sodann auch Nadja Chahdi, mit eindringlichem Blick an die Menge gewandt. Die Schauspieler*innen durchbrechen die vierte Wand und suchen immer wieder den Dialog mit den Besucher*innen. Sie schaffen Betroffenheit und machen die Geldfrage so zur gemeinsamen Sache. Das ist keine inszenierte Armutsschau, sondern ein stĂ€ndiges Aushandeln mit dem Publikum. Das interaktive Element bricht mit der Schwere und Ernsthaftigkeit der Thematik und sorgt immer wieder fĂŒr Lacher. Das schmĂ€lert die Dringlichkeit des StĂŒcks jedoch in keiner Weise. Die Schauspieler*innen beweisen Mut im ErzĂ€hlen und wirken durch ihre schonungslose Ehrlichkeit immer wieder entwaffnend. Etwa, als sie ihre jeweiligen Budgets preisgeben. Claudia Rohner erhĂ€lt jeden Monat 1500 Franken von der IV. Sie lebt mit ihrer Freundin in einer kleinen Wohnung. Andere Freundschaften hat sie nicht mehr. «Das Leben mit wenig Geld kann ziemlich einsam sein», erzĂ€hlt sie, wĂ€hrend das Publikum gebannt zuhört. Und fĂŒgt an: «Das zu sagen, das braucht viel Überwindung.»

«Monopoly», Sa/So, 10./11. Mai und Di/Mi, 13./14. Mai, jeweils 20 Uhr, Sonntag 17 Uhr, BĂŒhne Aarau, Alte Reithalle. Mit Surprise StadtfĂŒhrerin Lilian Senn. So, 11. Mai, 16 Uhr: Auftritt Surprise Strassenchor. buehne-aarau.ch

Demo 1. Mai, 10 h Helvetiaplatz

Fest 1.5.—3.5.2025 Kasernenareal 1mai.ch

Veranstaltungen

Winterthur

«Strings of Affection», Ausstellung, bis So, 4. Mai, Fr, 16 bis 20 Uhr, Sa / So, 14 bis 17 Uhr, oxyd-KunstrÀume, Untere Vogelsangstr. 4. oxydart.ch

Ein Foulard hĂ€ngt an einem Kleiderhaken, wie zufĂ€llig darĂŒber geworfen. Daneben ein paar goldene SchmuckstĂŒcke, eine ZahnbĂŒrste, ein Waschbecken mit ein paar losen Perlen, ein kleiner Vogel, der wie ein Amulett vor rosafarbenen Wandfliesen schwebt. Eine ganze Reihe von GegenstĂ€nden und Elementen der Inneneinrichtung fĂŒgen sich in dieser installativen Arbeit von Sultan Çoban (*1994, lebt in Amsterdam und ZĂŒrich) zu einer Eingangssituation. Und zwar in ein Haus oder eine Wohnung, wie sie Çoban aus ihrer eigenen Familie kennt. Die KĂŒnstlerin schafft Inszenierungen, um Erinnerungen zu rekonstruieren und vergangene Momente wiederzubeleben. Dabei schöpft sie aus den mĂŒndlichen und visuellen Traditionen ihres kurdischen Erbes, und immer wieder auch aus der Popkultur der Neunziger- und Nullerjahre. «Strings of Affection», FĂ€den der ZĂ€rtlichkeit, heisst diese Gruppenausstellung, die von den emotionalen Verstrickungen innerhalb der Familie handelt. Nebst Çoban gehen Anna Hilti, AlizĂ© Rose May und Juli Sando diesen mal zĂ€rtlichen, mal zĂ€hen familiĂ€ren FĂ€den nach. Ihnen gemeinsam ist das Interesse an autobiografischen Verflechtungen und an transgenerationalen Beziehungen. Daran, wie sich Vergangenes im Jetzt weiterspinnt. DIF

St. Gallen

«Ich Tier Wir – Eine sonderbare Beziehung» und «Jeannette Vogel», Ausstellungen, bis So, 27. Juli; Di bis Fr, 14 bis 18 Uhr, Sa/So 12 bis 17 Uhr; Open Art Museum, Davidstrasse 44. openartmuseum.ch

Der Mensch denkt sich ja gerne, es drehe sich alles um ihn hier auf dieser Welt. Entsprechend werden manche Beziehungen immer kom-

malisch individuell? Jedenfalls bleibt der Mensch gegenĂŒber den Tieren unbedeutend.) Über Jeannette Vogel ist nicht viel mehr bekannt, als dass sie seit ihrem ersten Lebensjahr an Epilepsie litt und ihr gesamtes Leben in der EPI Klinik ZĂŒrich verbrachte. DIF

Thun

«Soldevian Surf Shop», Ausstellung, bis So, 30. Nov., Di bis So, 11 bis 17 Uhr, Thun-Panorama, Schadaupark. thun-panorama.ch

plizierter. Zum Beispiel die von Mensch und Umwelt. Oder die von Mensch und Tier. Letztere wird auch immer widersprĂŒchlicher: ausgebeutete Nutztiere auf der einen, hochgezĂŒchtete und verhĂ€tschelte Haustiere auf der anderen Seite. Herzige Tierchen werden zu Sinnbildern fĂŒr menschliche Empfindungen. (Kennen Sie die KĂ€tzchen, die auf Instagram «APT.» von RosĂ© & Bruno Mars singen? Eben.)

FĂŒr die Wanderausstellung «Ich Tier Wir» haben sich das auf Outsider Art, Art Brut und Naive Kunst spezialisierte Open Art Museum in St. Gallen, das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen und das Naturama Aargau vernetzt. Die Ausstellung im Open Art Museum legt den Fokus auf kĂŒnstlerische Reflexionen der Mensch-Tier-Beziehung. ErgĂ€nzt wird sie um eine Einzelschau zu Jeannette Vogel. In ihrer Tierwelt erhalten die Wesen einen eigenen Ausdruck, sie wirken schĂŒchtern, keck, neugierig, bereit, aus dem Bild zu springen. (Ist das jetzt auch menschlich? Oder ani-

lassen die Besucher*innen ĂŒber die Grenzen, Möglichkeiten und Wechselwirkungen zwischen beiden Welten nachdenken. DIF

Basel

«Suzanne Lacy: By Your Own Hand», Ausstellung, bis So, 7. Sept., Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1. tinguely.ch

Die Videoinstallation «De tu puño y letra (By Your Own Hand)» der US-amerikanischen KĂŒnstlerin Suzanne Lacy ĂŒber geschlechtsspezifische Gewalt ist eine ihrer zentralen Arbeiten. Lacy ist eine Pionierin der feministischen und aktivistischen Performancekunst seit den Siebzigerjahren, und sie hat schon frĂŒh Kunst mit sozialem Engagement verbunden. Ihre Werke entstehen oft in Kollaboration mit lokalen Communitys und rĂŒcken gesellschaftliche MissstĂ€nde in den Fokus, thematisieren hĂ€usliche Gewalt, Altersdiskrimi-

Ein Surfer-Paradies im Thuner Schadaupark! Genauer: Eine detaillierte farbenfrohe Nachbildung eines Surf-Shops aus Karton, der ZĂŒrcher KĂŒnstler Patrick Graf hat sich dafĂŒr von lokalen Flusssurfer*innen inspirieren lassen. Wasserfest sind die Artikel hier zwar nicht, aber die sommerlichen T-Shirts, Badehosen und Bikinis aus Karton dĂŒrfen gerne anprobiert werden. Wer sich nicht auf eigene Faust umsehen möchte, kann sich das Sortiment vom Schauspieler, Drehbuchautor und Kunst-Enthusiasten Beat Schlatter zeigen lassen (2. Mai, 18. Sept. und 19. Okt.). FĂŒr diejenigen, die die digitale Welt lieber mögen als jene aus Karton, hat Graf mit Gamedesignern das 3D-Spiel «Soldevia Space Surfers Club» entwickelt, das ĂŒber einen QR-Code kostenlos abrufbar ist. Graf ist fĂŒr zwei Arten von Bildwelten bekannt: einerseits fĂŒr seine detaillierten Zeichnungen und GemĂ€lde von Fantasiewelten, bevölkert von Figuren aus der Popkultur und von Bildern, denen er in seiner Kindheit begegnet ist –andererseits schafft er gerne physische, begehbare Umgebungen. Der reale und der virtuelle Raum ergĂ€nzen sich nicht bloss, sondern

nierung und Migration. In der Videoinstallation «De tu puño y letra (By Your Own Hand)» treten nacheinander mĂ€nnlich gelesene Personen vor, die in sachlichem Ton AuszĂŒge aus Briefen von Frauen lesen: Zeugnisse brutaler geschlechtsspezifischer und hĂ€uslicher Gewalt, die Beklemmung auslösen, sie berichten von sexuellen Übergriffen bis hin zu Gruppenvergewaltigungen und Femizid. Die Filmaufnahmen entstanden in einer Stierkampfarena in Quito (Ecuador), einem mĂ€nnlich konnotierten Raum, der traditionell von Gewalt und Dominanz geprĂ€gt ist. Es war eine Performance im Rahmen von «Cartas de Mujeres» – einem Projekt in Quito zur BekĂ€mpfung der Gewalt gegen Frauen. 600 mĂ€nnlich gelesene Personen nahmen teil, vorausgegangen waren Workshops mit MĂ€nnern und Jungen zu genderspezifischer Gewalt und dem sozialen Konstrukt von MaskulinitĂ€t. DIF

Pörtner in ZĂŒrich, Seilbahn Rigiblick

Surprise-Standorte: Migros

Einwohner*innen: 448 664

Sozialhilfequote in Prozent: 5,5

Anteil auslÀndische Bevölkerung in Prozent: 33,7

GrĂŒndungsjahr Seilbahn Rigiblick: 1978 – 79, Neubau 2011

Wer die in Aussicht gestellte Aussicht auf den berĂŒhmten Berg geniessen will, muss dazu die Standseilbahn benutzen, die in sechs Minuten fĂ€hrt, bei Andrang frĂŒhere Abfahrt möglich. Andrang herrscht keiner, selbst von der Bergstation aus wird bei diesem trĂŒben Wetter nichts zu sehen sein, und im gleichnamigen Theater findet um diese Zeit keine VorfĂŒhrung statt. Hingegen rollt am Platz bei der Talstation der Verkehr, Autos, Lastwagen, Trams, Busse, Velos, Roller, alles fĂ€hrt vorbei an verschiedenen Coiffeur- und einem Nail-Salon, der FingernĂ€gel und Augenwimpern im professionell amerikanischen Stil anbietet. Wer sich nicht ĂŒber die viel befahrene Strasse traut, kann diese unterqueren und gelangt auf einen schmalen Weg, der auf die Stolze-Wiese fĂŒhrt, wo einmal

im Jahr ein legendĂ€res Gratis-Open-Air steigt. Direkt an der Strasse liegen zwei Traditionslokale, der alte Löwen und die Linde, letzteres ist gleichzeitig das Haus der Zunft Oberstrass, so heisst das Quartier. Beide Lokale verfĂŒgen ĂŒber eine Anzahl AussenplĂ€tze, die Saison ist aber noch nicht gestartet oder bereits wieder unterbrochen. Das gegenĂŒberliegende, moderne Restaurant, das nur pflanzenbasierte Speisen anbietet, verfĂŒgt ĂŒber einen geheimen Garten, etwas versteckt, aber gut ausgeschildert und darum nicht ganz so geheim.

Etwas diskreter, nĂ€mlich mit einem hölzernen Wegweiser ausgeschildert ist die Trainingshalle des Schwingklubs ZĂŒrich, ein GebĂ€ude, dessen Existenz mitten in der Stadt viele ĂŒberrascht.

Der Weg fĂŒhrt an einem Minimalspielplatz vorbei. Auch eine Burger-Boutique findet sich, sie ist Teil eines BoutiqueHotels. Dahinter wirbt eine auf die Hauswand gemalte Werbung fĂŒr einen Kartenverlag, der allerdings nicht hier residiert.

Stufen fĂŒhren hinab zum Kiesplatz neben dem alten Löwen, eine kleine Flutlichtanlage steht bereit, damit das bereits laufende Boule-Spiel bis in die Nacht fortgesetzt werden kann. Das Wirtshaus wird von einem WandgemĂ€lde einer wilden Kutschenfahrt geziert.

Wie es sich fĂŒr die Stadt gehört, wird hier auch gebaut. Ein grosses Mehrfamilienhaus, das eigentlich noch gut in Schuss zu sein scheint, ist abgesperrt und wird saniert oder gar abgerissen. Fast fertig ist ein Neubau aus bronzefarbenem Stahl und Glas mit einem kleinen, runden Turm, ein GebĂ€ude, das ĂŒber modernste Technik verfĂŒgen wird, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen, wie eine Infotafel informiert. Schon lĂ€nger steht die Villa, die ĂŒber der Talstation der Seilbahn thront. Ein blauer Kleber am Neubau ruft zur Wohnungsnotdemo auf.

Bei der Tramstation gibt es eine Telefonkabine, der rote Hörer hĂ€ngt herunter, solange es Telefonzellen gibt, werden sie vandalisiert. Wahrscheinlich öfter als zum Telefonieren benutzt. Wer zu Hause das Geschirr zerschlagen hat, findet hier Ersatz in einem FachgeschĂ€ft, dessen Öffnungszeiten aber nur online zu erfahren sind. Auch fĂŒr sonstige SchĂ€den im Haushalt steht eine Werkstatt bereit, die von Schuhen ĂŒber FahrrĂ€der bis hin zu HaushaltsgerĂ€ten alles repariert.

STEPHAN PÖRTNER

Der ZĂŒrcher

Schriftsteller Stephan Pörtner besucht

Surprise-Verkaufsorte und erzÀhlt, wie es dort so ist.

Tour de Suisse

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfĂ€ltige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstĂŒtzen Sie Menschen in prekĂ€ren Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die EigenstĂ€ndigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fÀllt jenes Unternehmen heraus, das am lÀngsten dabei ist.

Stiftung Litar

GemeinnĂŒtzige Frauen Aarau

BODYALARM – time for a massage

Zehnder Arbeitssicherheit, ZĂŒrich

Evangelisch-Lutherische Kirche Basel

Madlen Blösch, Geld & So, Basel

AnyWeb AG, ZĂŒrich movaplan GmbH, Baden Hagmann-Areal, Liegenschaftsverwaltung Maya Recordings, Oberstammheim

Neurofeedback-tzk.ch, Kirchberg SG

TYDAC AG, Bern

CPLTS GmbH

Beat Vogel, Fundraising-Datenbanken

Holzpunkt AG, Wila

InhouseControl AG, Ettingen

ZibSec Sicherheitsdienst, ZĂŒrich Mach24.ch GmbH, DĂ€ttwil

Martina Brassel – GraïŹk Design, ZĂŒrich

Sublevaris GmbH, Brigitte Sacchi, Birsfelden Praxis Carry Widmer, Wettingen Indian Summer AG, 8804 Au ZH

BĂŒro Dudler, Raum- & Verkehrsplanung, Biel FĂ€h & Stalder GmbH, Muttenz

Scherrer & Partner GmbH, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden?

Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei.

Spendenkonto:

IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel

Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewĂŒnschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine BestĂ€tigung.

Fasse

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA

Wie wichtig ist Ihnen Ihre UnabhÀngigkeit?

Das Programm Einige unserer VerkĂ€ufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestĂ€rkt sie in ihrer UnabhĂ€ngigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewĂ€hlten VerkĂ€ufer*innen zusĂ€tzliche UnterstĂŒtzung. Sie erhalten ein Abonnement fĂŒr den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei ïŹnanziellen Notlagen aber auch fĂŒr Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere UnterstĂŒtzungsbeitrĂ€ge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Eine von vielen Geschichten Negasi Garahlassie gehört unterdessen schon fast zum Winterthurer Stadtbild. Seit rund 15 Jahren ist Negasi Garahlassie als Surprise-VerkĂ€ufer tĂ€tig. Entweder verkauft der gebĂŒrtige Eritreer seine Magazine auf dem Wochenmarkt oder am Bahnhof Winterthur. Der Arbeitstag des 65-JĂ€hrigen beginnt frĂŒhmorgens und dauert meist so lange, bis der abendliche Pendelverkehr wieder abgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Söhnen ist er auf das Einkommen des Strassenmagazinverkaufs angewiesen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das SurPlus-Programm unterstĂŒtzt ihn dabei: Mit Krankentaggelder, bezahlten Ferientagen und einem Abonnement fĂŒr den Ă¶ïŹ€entlichen Nahverkehr.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

UnterstĂŒtzen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende

Derzeit unterstĂŒtzt Surprise 30 VerkĂ€ufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

Spendenkonto:

UnterstĂŒtzungsmöglichkeiten:

· 1 Jahr: 6000 Franken

· œ Jahr: 3000 Franken

· Œ Jahr: 1500 Franken

· 1 Monat: 500 Franken

· oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.

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#Strassenma g azin

«Entmutigend, deprimierend und belastend»

Surprise verkaufen ist ein harter Job. Ich stehe zurzeit fĂŒr eine Friedensmahnwache fĂŒr eine Stunde jeweils am Freitag an der FraumĂŒnster­Kirche in ZĂŒrich. Schon das ist hart, besonders wenn es kalt ist. Wieviel hĂ€rter muss es dann sein, vier bis acht Stunden tĂ€glich bei jedem Wetter irgendwo zu stehen. Und das –wie ich vermute – fĂŒr einen Ă€usserst bescheidenen Lohn. Hinzu kommt, dass wahrscheinlich die meisten Menschen Surprise nicht wegen der guten Artikel kaufen, sondern um den Verkaufspersonen wenigstens ein bescheidenes Einkommen zu ermöglichen. Es ist also verdeckte Bettelei. Wobei ich nichts gegen Bettelei habe. Allerdings wĂŒnsche ich mir fĂŒr die VerkĂ€ufer von Surprise eine Arbeit, die als Arbeit anerkannt ist und die auch entsprechend honoriert wird. Seit der Erhöhung des Verkaufspreises hat sich die Situation wahrscheinlich noch verschĂ€rft. Ich jedenfalls kaufe nur noch selten die Zeitschrift, sondern gebe den Verkaufspersonen einen Betrag zwischen 5 und 6 Fr. und gelegentlich 8 oder 10 Fr direkt, ohne Surprise. Damit wenigstens sie nicht noch weniger verdienen. Soweit ich das ĂŒberhaupt beurteilen kann, beruhen alle Artikel im Surprise auf Tatsachen, sind aufklĂ€rerisch und beschreiben zum grossen Teil das Leben auf der untersten sozialen Stufe – ehrlich und ungeschminkt. Es ist also guter Journalismus. Die Artikel sind aber auch oft entmutigend, deprimierend und belastend. Ich vermute, dass Surprise sowieso nur von einem sehr kleinen Personenkreis gekauft wird. Schon von den sogenannten Massenmedien wird man stĂ€ndig mit Horrorgeschichten bombardiert. Das ist nicht gerade wohltuend. Wie wĂ€re es darum, wenn Surprise seinem Namen wirklich gerecht wird und bewusst nur noch ĂŒber echte positive Überraschungen berichtet?

Imp ressum

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Esther Banz, Diana Frei (dif), Lea Stuber (lea), Sara Winter Sayilir (win)

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Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Isabel Mosimann, Fatima Moumouni, Stephan Pörtner, Ralph Schlatter, Priska Wenger, Christopher Zimmer

Mitarbeitende dieser Ausgabe

Philipp Bear, Giulia Bernardi, Adelina Gashi, Polina Grozenok, Jonathan Liechti, Urs Habegger

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. FĂŒr unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

Gestaltung und Bildredaktion

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Antwort der Redaktion:

Surprise ist ein Angebot fĂŒr Menschen, die temporĂ€r oder dauerhaft keinen Anschluss im ersten Arbeitsmarkt finden. Sie können bei uns einer VerkaufstĂ€tigkeit nachgehen, die sie weitgehend selbstbestimmt einteilen und gestalten können. Der Verkauf des Magazins ist mit anderen VerkaufstĂ€tigkeiten zu vergleichen (z.B. am Kiosk), nur dass es keine festen Arbeitszeiten gibt. Der Lohn der Verkaufenden ist von Person zu Person unterschiedlich, fĂŒr die einen ist es ein notwendiger Zuverdienst, fĂŒr die anderen das einzige Auskommen. Es ist ein Trugschluss, dass reine Geldzuwendungen ohne Heftverkauf den VerkĂ€ufer*innen mehr nĂŒtzen. Denn weder gibt es auf diese Weise Sozialabgaben noch könnte Surprise ĂŒberleben, wenn das Schule machen wĂŒrde – und ohne das Heft wĂŒrden die VerkĂ€ufer*innen ihre Arbeit verlieren. Das Strassenmagazin ist ein regulĂ€res Presseprodukt mit einer professionellen Redaktion. Mit unserem Journalismus möchten wir den Leser*innen die Ursachen von Armut und Ausgrenzung sowie die Lebenswelten der VerkĂ€ufer*innen nĂ€herbringen. Wir verstehen diese Sensibilisierung als unseren Auftrag. Die beglaubigte Auflage von Surprise liegt bei 18 613 Exemplaren (WEMF 2025). Das Magazin hat keinen Unterhaltungsauftrag – auch wenn wir uns freuen, wenn die Geschichten gern gelesen werden. Dass die Perspektive von Armutsbetroffenen oft keine leichte und unbeschwerte ist, liegt uns auch auf der Seele. Wir dĂŒrfen gerade deswegen nicht aufhören, hinzuschauen.

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Marcel Lauper

*18. November 1974 bis †23. Februar 2025

Zu Surprise kam Marcel Lauper ĂŒber die «SchrĂ€gen Vögel», eine ZĂŒrcher Theatergruppe mit Menschen vom sogenannten Rand der Gesellschaft. Ein toller Schauspieler sei er gewesen, sagen die, die ihn von da kannten. Nicole Stehli, die die «SchrĂ€gen Vögel» heute noch leitet, arbeitete 2014, als die Sozialen StadtrundgĂ€nge im Aufbau waren, fĂŒr eine kurze Zeit bei Surprise – und schlug Marcel als StadtfĂŒhrer vor. Von Beginn an bildete er zusammen mit dem Surprise-VerkĂ€ufer Daniel Stutz ein Team, ihre Tour hiess «Armutsfalle Sucht». Nicht nur die DrogenabhĂ€ngigkeit, auch die Wohnungslosigkeit wurde mit Marcels Biografie Thema der FĂŒhrung. Er lebte im Wohnheim der franziskanischen Gassenarbeit im ZĂŒrcher Kreis 5, und sein Zuhause wurde so zur Station auf der Tour.

Marcel war es ein grosses Anliegen, AufklĂ€rungsarbeit zu leisten. Er erklĂ€rte auf seinen Touren die Schweizer Drogenpolitik mit ihrem Vier-SĂ€ulen-Prinzip, basierend auf PrĂ€vention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Er wĂŒrdigte die Lehren, die die Stadt ZĂŒrich aus der Zeit der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz und dem Letten zog und deren AnsĂ€tze spĂ€ter von LĂ€ndern weltweit ĂŒbernommen wurden. Ein menschenwĂŒrdiger Umgang mit der Drogenproblematik, die Ă€rztlich kontrollierte Heroinabgabe fĂŒr SchwerstabhĂ€ngige. Marcel verstand sich immer als Sprachrohr seiner Generation von DrogenabhĂ€ngigen, und er wollte mit seinen Erfahrungen ganz speziell die jungen Menschen erreichen. Auch bei der franziskanischen Gassenarbeit wirkte er bei PrĂ€ventionsveranstaltungen mit.

Ihn interessierte ganz grundsĂ€tzlich, wie Gesellschaft funktioniert. AnlĂ€sslich der Kunstausstellung Manifesta verfasste er 2016 fĂŒr ein Surprise-Sonderheft einen Text ĂŒber eine Videoinstallation. «Ich weiss sofort, darĂŒber will ich schreiben» notierte er. Es waren Gruppendiskussionen zu unterschiedlichsten gesellschaftlichen Themen zu sehen: «Man spricht ĂŒber SexualitĂ€t frĂŒher und heute, Migration, Integration, kulturelle Unterschiede, Verzeihen und Verzeihen lernen und darĂŒber, wie man Ängste erkennt. Was wissen wir schon voneinander? Wo sind Gemeinsamkeiten, und wie fest sind wir geprĂ€gt vom GegenĂŒber?», schrieb er dazu.

Auf den ersten Blick konnte Marcel schĂŒchtern wirken, zurĂŒckhaltend, bubenhaft mit seinen meist etwas zerzausten Haaren. Aber er traute sich hinzustehen und von seinen Erfahrungen zu erzĂ€hlen. An seinen guten Tagen war er aufgeweckt, interessiert, lebendig, zugewandt. Gleichzeitig traf man ihn immer wieder auch in Momenten an, in denen es ihm offensichtlich nicht gut ging. In Zeiten, in denen er Stimmen hörte, gegen innere DĂ€monen kĂ€mpfte, sich selber und die Welt um sich herum verlor.

Als Surprise-StadtfĂŒhrer war es ihm ein persönliches Anliegen, AufklĂ€rungsarbeit in der Drogenproblematik zu leisten. Besonders die jungen Menschen wollte Marcel Lauper damit erreichen.

Oft ging er tanzen – Techno, elektronische Musik war sein Ventil. Die Technoszene bot Fluchtmöglichkeiten. Eine Welt, in der auch Drogen prĂ€sent sind. Eine Welt, die gleichzeitig befreien und herunterziehen kann. Im Alltag kĂŒmmerte er sich aber auch geradezu leidenschaftlich um das Bienenvolk auf dem Dach des «Haus Zueflucht», der Wohn- und ArbeitsstĂ€tte, wo er lebte. Verkaufte den eigenen Stadthonig des Hauses. Machte viel und gerne Gartenarbeit. Die Bienen, die Pflanzen. Die Natur konnte ihn erden.

Die StadtfĂŒhrungen musste Marcel 2017 aus gesundheitlichen GrĂŒnden aufgeben, das Strassenmagazin verkaufte er weiterhin, meist am Sihlquai, manchmal auf der BahnhofbrĂŒcke, immer mal wieder mit UnterbrĂŒchen, in letzter Zeit eher wieder aktiver als zuvor.

Bei fast allem, was er tat, war spĂŒrbar, dass Marcel seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten wollte. Dass er leben wollte, trotz seiner Probleme. Seine Energie reichte nun doch nicht ganz aus. Marcel Lauper starb am 23. Februar, im Alter von 50 Jahren.

Aufgezeichnet von DIANA FREI

Hörkombinat :Politik – ein Podcast von Elvira Isenring und Dominik Dusek, jeweils im HintergrundgesprĂ€ch mit Journalist:innen von der WOZ, «TsĂŒri.ch», «Das Lamm», «Surprise» und WAV.

Hörkombinat :Politik – Folge 66

Die unsichtbaren Dritten

Zur Migrationsagentur ICMPD

Zu Gast: Lorenz Naegeli und Reto Naegeli (WAV)

79 Millionen Euro Budget, ein Engagement in einem viel und heiss diskutierten Bereich, der Leiter ist ein ehemaliger österreichischer Vizekanzler –und trotzdem kennt kaum jemand die ICMPD. Die Agentur dient als Schaltstelle zur Abwicklung von AuftrĂ€gen im Migrationsbereich. Sie arbeitet mit hoch bedenklichen Körperschaften wie dem libyschen Grenzschutz zusammen, jĂŒngst wurden KorruptionsfĂ€lle aufgedeckt. Es gibt also eine Reihe von GrĂŒnden, die TĂ€tigkeit des «International Center for Migration Policy Development» zu durchleuchten.

Ab 1. September 2024 ĂŒberall, wo es Podcasts gibt.

Ausserdem zu hören auf:

→ Radio Rasa (2. September, 11 Uhr)

→ Radio RaBe (3. September, 12 Uhr)

→ Radio LoRa (5. September, 15 Uhr)

→ Radio Stadtfilter (6. September, 19 Uhr)

SURPRISE WIRKT GEGEN ARMUT UND AUSGRENZUNG

Der Verkauf des Strassenmagazins Surprise ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, einer

Arbeit nachzugehen und den sozialen Anschluss wiederzufinden.

Alle

Ein

Strassenmagazin kostet 8 Franken.

Die HÀlfte davon geht an den*die VerkÀufer*in, die andere HÀlfte an den Verein Surprise.

Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.

VerkÀufer*innen tragen gut sichtbar einen Verkaufspass mit einer persönlichen Verkaufsnummer. Diese ist identisch mit der Nummer auf dem Magazin.

info@surprise.ngo

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